Geschichten voll erlogener Wahrheiten.
Geschichten von nie stattgefundenen Begegnungen. Zumindest kann man das hoffen.
Geschichten voll Begebenheiten, die eigentlich unbemerkt geblieben sein sollten. Vergessen oder verdrängt. Am Besten ignoriert.
Wahrheiten über Mensch und Menschheit?
Oder eine große Lüge?
Mark Gold Zyklus XIII
Mäander Mäander Geschichten voll erlogener Wahrheiten
Johannes ERVIN
Version 2026
Es zeigt mehr oft
Nur von Unbekümmertheit
Wenn man mehr hofft
Als die nächsten hundert Atemzüge weit
Rainhard Fendrich / Kein schöner Land
Der Mann saß ganz hinten im Düster der Schatten des Raumes. Auf einem kleinen Häufchen Schutt, den Rücken gegen die Wand gepresst. Er saß dort hinten schon eine ganze Weile, stumm und starr in
der drückenden Hitze, ohne sich zu bewegen. Man hätte meinen können, er beobachte die Menschen, die herein stürmten und herum liefen, die weg rannten und wieder kamen. Planlos und ziellos,
getrieben von Panik und dem blinden Trieb zu überleben. Aber in Wahrheit sah er nur den Plastikkorb in stumpfem, ausgebleichtem Rot, der dort inzwischen in den prallen Sonne stand. Weil niemand
ihn weiter in den Schatten rückte. Weil niemand mehr an ihn dachte.
Zwölftausend Jahre waren nun wohl vergangen, seit die ersten Menschen begonnen hatten vorsichtig Furchen in den Boden zu kratzen. Weit über zwölftausend Jahre, seit es mehr als Zufall war, dass
sie Tiere an ihre Gegenwart gewöhnten. Wohl vierhundert, fast fünfhundert Generationen des Staunens und Lernens, Generationen voll jugendlicher Neugierde und kühler Überlegung. Der Zusammenhang
zwischen Samen und Pflanze, zwischen Sternen und Regen, zwischen Wasser und Ernte, die Zusammensetzung der Metalle, die Gesetze der Natur und das Wesen der Gemeinschaft. Produktion, Verteilung
und Transport. Angebot und Nachfrage. Bis hin zur Manipulation der Gene und zur Reise durch das All. Ihre Megastädte waren bis hoch in die Wolken gewachsen und ihre Verschmutzung erreichte die
unzugänglichsten Tiefen der Meere wie andere Himmelskörper. Die Entwicklung des Menschen war unbestreitbar, unwiderrufbar und erstaunlich wie ein Wunder. In nur vierhundert Generationen hatte
sich so viel verändert.
All das wusste der Mann dort hinten in dem Raum und war außer Stande den Blick von dem Plastikkorb zu nehmen. Dort in der grellen Sonne stand er für alle gut sichtbar und vollkommen vergessen.
Vollkommen unbeweglich. So unbeweglich wie das Gesicht des Mannes. Das wirkte entspannt, als wäre der Mann selbst in ruhigen Gedanken versponnen weit entfernt von dieser Hölle aus brütender Hitze
und schrillem, metallischem Kreischen. Weit entfernt von dem Geschrei und Geschnatter, von dem Wummen der Explosionen, von dem Gestank und dem Chaos und würde nicht auch ihm der Schweiß und die
stickige Feuchtigkeit die Kleidung an den Körper kleben. Seine Hand lag auf dem schwarzen Gebilde neben ihm. Seine Kamera, ein völlig unpassenden Stück Hochtechnologie inmitten all dieser
Zerstörung, wo man sein Leben mit schartigen Buschmessern gegen halbautomatische Gewehre aus dem letzten Jahrhundert zu verteidigen suchte. Aber er dachte nicht daran, sie zu benutzen, in diesem
Gewimmel aus aufgeregten und zerlumpten Menschen, denen Angst und Panik ins Gesicht gebrannt war, weil es ihr Lebens bestimmte. Während westliche Brüder und Schwestern in Kampfjets über die
Landschaft donnerten, als sei es humanitäre Entwicklungshilfe Feuer zu säen und Tod zu ernten.
Eine Explosion ließ die Mauern erzittern und den Sand aus den Fugen rieseln während das Dach der Hütte bedrohlich schwankte.
Er sah auf den Plastikkorb und hatte das Interesse für alles rings um ihn verloren.
Das dünne Stückchen Stoff darin bewegte sich. Wieder, und wieder, und noch einmal. Und er verstand es nicht. Endlich sah er ein winziges Kind nackt dort liegen. In der prallen, brütenden Sonne.
Riesige, schwarze Augen sahen starr in dieses strahlende Licht, ohne zu blinzeln. Die Arme und Beine nicht dicker als ein einziger seiner Finger. Und es schien ihm unmöglich, dass diese
hervorstechenden Rippen sich noch immer bewegten. Es trotz allem immer noch lebte.
'Too weak to cry' hatte der Sanitäter mit den vor Müdigkeit verquollenen Augen gebrummt, riesige Flecken aus Schweiß und getrocknetem Blut auf seinem vielleicht einmal weißen Hemd, als er den
Korb achtlos abgestellt hatte um wieder zu verschwinden und zu vergessen. Es hatte niemanden gekümmert, denn sie wussten ohnehin nicht mehr, wohin mit diesen Kindern. Auch Ärzte haben Grenzen.
Wenn die Kinder Glück hatten, dann wurden sie mit ihren Eltern von den umher streifenden Kämpfern getötet. Lange bevor sie groß genug waren, um in den Minen zu arbeiten. Um für Kindern in einer
anderen Welt das neueste Smartphone zu schürfen. Niemand fragte mehr danach, welche Seite das tat, weil alle es taten. Immer öfter aber sparten die Kämpfer Munition, denn Munition war teuer und
die Kinder starben ohnehin. Und immer öfter waren diese Kämpfer selbst noch Kinder, kaum größer als ihre Kalaschnikows. Jungen, denen die Angst ebenso in den weit aufgerissenen Augen stand wie
ihren Opfern. Immer Jungen, natürlich, für die Mädchen hatten die Warlords andere Verwendungen.
Beinahe vollkommen bewegungslos lag der Säugling in dem Korb, dürr, ausgezehrt, die winzigen Händen und Füßen erstarrt einem Leben entgegen gestreckt, das ihn nicht haben wollte. Mit riesigen
Augen voller verwirrtem Erstaunen. Sterbend, ohne gelebt zu haben. Und doch atmend. Atmend. Immer wieder atmend.
So viele Tote hatte er gesehen. Erschlagen, erschossen, aufgeschlitzt und erdrückt. Zerrissen, verbrannt, erfroren, verblutet, verdurstet und ertrunken. Zerquetscht, zerfetzt, erstickt,
aufgespießt. Doch dieses Kind, dem Tod weit näher als dem Leben, es berührte etwas. So vieles in seinem Leben würde er nie vergessen. Konnte er nicht vergessen. Dazu gehörte nun auch das Bild
dieses winzigen, ausgehungerten Menschleins – vor Hunger zu schwach um auch nur zu weinen.
Zwölftausend Jahre.
Fünfhundert Generationen.
So viel verändert – und doch keinen Schritt weiter.
Nichts erreicht!
Er fühlte die Müdigkeit wieder, die Verzweiflung, die in der letzten Zeit immer häufiger kam. Er fühlte, wie sie versuchte zur Wut wurde. Zu einer Wut, die brennen würde und zerstören, wenn er
sie nicht im Zaum hielt.
Er hatte Übung darin, sich im Zaum zu halten, sich nicht einzumischen. Inzwischen hatte er Übung darin. Es war nicht seine Aufgabe und er war auch nicht in der Lage den Menschen wirklich etwas
begreiflich zu machen.
Nichts hatte sich geändert seit die erste Furche gezogen worden war. Noch immer ließen sich die Menschen im Innersten blind leiten von ihrer Gier und von ihren Abneigung. Lieber pflegten sie ihre
Unwissenheit als einen Irrtum erkennen zu müssen. Und noch immer kein Anzeichen dafür, dass sie das begriffen oder sich darum bemühten, etwas zu ändern.
Hanuman war es gewesen, der Affengott einer anderen Zeit, der vorgeschlagen hatte, die Menschen von diesen Fesseln zu befreien. Man musste sie nur alle töten, das sei die beste, die einzige
Lösung. Bestenfalls eine Lösung für die Affen und die anderen Tiere, aber keine Lösung auf Dauer, das wusste der Mann. Nur verlagern würde sich das Problem, gelöst war damit gar
nichts.
Er bemerkte, dass seine Hand auf der Kamera eisig kalt war. Dabei lief auch ihm der Schweiß in dicken Tropfen über die Haut, wie allen anderen auch. Obwohl er zumindest im Schatten saß. Aber die
drückende Hitze hier in diesem von Allah vergessenen Dorf irgendwo am Wadi Ar Ruqub war allgegenwärtig. Trotzdem, seine Finger fühlten sich eisig kalt an, wenn er die Faust schloss. Und es fühlte
sich an, als wäre es die erste Bewegung seit Jahren. Die Wummen der Einschläge der Luft-Boden-Waffen kamen wieder näher, aber es kümmerte ihn nicht. Er wiederholte die Bewegung noch einmal
bedächtig. Und er war sich klar, dass er eine Entscheidung treffen musste. Obwohl er nicht die leiseste Ahnung hatte, was er denn hätte entscheiden können. Er war auch nicht hier um irgend etwas
zu entscheiden. Er war nicht mehr als der eine Tropfen im großen Fluss. Weder wusste er, wohin der Fluss floss noch konnte er dessen Weg beeinflussen. Und trotzdem war alles in Bewegung.
Immer.
Es war, als hätte der Gedanke dem Körper einen Stoß gegeben. Er streckte sich durch und packte zuerst sorgfältig die Kamera weg. Dann stand er auf. Nur zwei Schritte waren es für ihn hin zu dem
Korb. Er kniete daneben und sein Schatten fiel auf das winzige Wesen. Blind starrten die riesigen, schwarzen Augen durch ihn hindurch als er vorsichtig hinein fasste.
- - - * * * - - -
Das trockene Knacken hallte lauter, als der Mann erwartet hatte. Er lockerte den Griff und gemächlich glitt der lange, knochige Schädel des Kamels an seinem Arm entlang nach unten. Mit einem
dumpfen Krachen schlug er auf dem Boden auf und wirbelte eine kleine Staubwolke hoch. Noch einmal tätschelte der Mann den struppigen Hals des Tieres obwohl dieses nun nichts mehr fühlte. Tief
atmete er durch und erhob sich. Viel war es nicht, was er da liegen hatte. Der Sattel, ein paar Decken. Wasser und Vorräte. Sein Bogen und die Pfeile. Wenig genug und doch würde er schwer tragen
in den nächsten Stunden. Das Blut aus dem gebrochenen Hinterlauf war inzwischen gestockt und die Wunde mit Sand verklebt. Trotzdem war er sich sicher, dass die Aasfresser in wenigen Minuten hier
sein würden. Der Geruch von frischem Blut trug weit in der Wüste und Nahrung war zu kostbar für Geier, Wüstenfüchse und verwilderte Hunde um die Fährte zu ignorieren. Darum zog er auch das
Messer, durchtrennte die harte Haut und schnitt ein großes Stück Fleisch aus dem Hinterlauf um es sorgfältig zu verwahren. Die Schnitte schienen wahllos und grob. Doch auch wenn er wusste, dass
die Wüstenhunde und die anderen Aasfresser in den nächsten Stunden wohl alle Spuren vernichten würden, er wollte so wenig wie möglich Hinweise auf seine Anwesenheit hinterlassen. Die Männer
hinter ihm waren nicht die klügsten, trotzdem würden sie viel zu schnell die Überreste des Kamels finden. Und sie würden vermuten, dass es seines war. Aber all zu leicht wollte er es ihnen doch
nicht machen.
Das Tier war ein guter Kamerad gewesen, verlässlich und ausdauernd. Und der Mann hatte es so behandelt. Trotzdem zögerte er keinen Augenblick, als er die Ader am Hals anstach und das warme Blut
trank. Metallisch schmeckte es, warum und verursachte leichte Übelkeit. Aber der Mann wusste, dass er nichts verschwenden durfte, was ihm einen Vorteil bringen konnte. Und dem Tier schadete es
nicht mehr.
Bepackt mit seinem Besitz stapfte der Mann aus der kleinen Mulde hinaus auf den kahlen, fahlgelben Gebirgszug zu. Weit höhere hatte er schon gesehen und überquert, bedeckt mit ewigem Eis und
grünen, saftigen Wäldern. Die Berge dort mochten höher sein und schroffer. Hier in der Wüste, abseits der Karawanenwege, war es die Hitze und die Trockenheit, was ihm zu schaffen machen würde.
Trotzdem hegte er keinen Zweifel daran, dass er morgen auf der anderen Seite des Bergkammes eine abgelegene Höhle finden würde. Obwohl er sie mehr geahnt als gesehen hatte vor Tagen, als er
entlang der anderen Seite nach Süden geritten war. Um sich am Ende des kleinen Gebirges nach Westen zu wenden. Hinein in das Meer aus Sand. So sollten zumindest seine Verfolger glauben. Und
eigentlich war es auch seine Absicht gewesen. Dass nun sein Kamel in einen Bau eingebrochen war und sich den Lauf gebrochen hatte, das war allerdings nicht seine Absicht gewesen. Es kam eben
immer anders, als man dachte, grinste er bitter. Die Frage war einzig, was man aus den Gegebenheiten machte.
Irgendwann in der Dämmerung des Morgens erwachte der Mann und lauschte unbeweglich nach dem Geräusch, dass ihn geweckt hatte. Da war das leichte Kratzen wieder. Er öffnete die Augen und sah den
Schatten zwischen den Felsen stehen. Verwundert legte er den Kopf ein wenig schief als er nach dem langen Dolch an seiner Seite tastete. Auch der dreieckige Schädel des Tieres legt sich zur
Seite, als würde er den Menschen nachmachen. Für den Mann war es ein Zeichen, dass der Hund mehr neugierig als hungrig war. Und er war größer und zottiger, als er erwartet hatte. Die Hunde
der Wüste glichen zumeist eher Schakalen, so mager und fahl. Kaum einen Meter groß und langbeinig mit kurzem, harten Fell. Der Kerl dort zwischen den Steinen schien größer zu sein und tatsächlich
schwarz. Auch das Fell wirkte länger und zottig. Wahrscheinlich hatte er zu einer Karawane gehört und war davon gelaufen. Verwirrt dem Duft einer Hündin gefolgt. Oder vertrieben worden, weil er
seinem Instinkt und seinem knurrenden Bauch gefolgt war und sich an einer humpelnden Ziege vergangen hatte.
Eine rasche, unerwartete Handbewegung des Mannes, das Blitzen des Dolches, das Aufglühen der angeblasenen Kohlen und schon war der schwarze Schatten zwischen den Steinen verschwunden. Beinahe
ohne ein Geräusch war der Augenblick vorbei gegangen. Langsam und steif richtete sich der Mann ganz auf und atmete tief durch. Wahrscheinlich würde der Hund seinem Geruch auch weiter folgen, doch
der Mann dachte nicht mehr an ihn. Wenn er schon wach war, dann konnte er das ausnutzen. Im nächsten Augenblick war er bereits vollends damit beschäftigt auch hier alle Spuren seiner Anwesenheit
unkenntlich zu machen.
Noch bevor die Sonne ganz oben am Himmel stand hatte der Mann den unscheinbaren Einschnitt in dem etwas steileren Hang erreicht. Langsam und ohne nennenswerte Spuren zu hinterlassen ging der Mann
auf den Spalt zu und erkannte schnell, dass er recht behalten hatte. Hinter dem schmalen Durchschlupf öffnete sich eine geräumige Höhle zwischen den Gesteinsbrocken. Er legte seine Sachen in eine
Ecke und ging im Schein seiner glühenden Kohlen tiefer hinein. Zu seinem Glück zog sich der Spalt wirklich um einiges tiefer in die Erde. Er tastete die Wände ab bis er tief unten eine harte,
kalte Gesteinsschicht fand. Und darüber eine klamme, sandige. Die Kohlen ließ er zurück und ging zu seinen Sachen um ein unscheinbares Metallrohr zu holen und eine Wasserschale. Das Rohr schlug
er ein wenig schräg in die sandige Schicht, direkt über der härteren und tatsächlich begann nach wenigen Augenblicken Wasser daraus in die Schale zu tropfen. Er lächelte leise vor sich hin. Für
manche Menschen mochte es immer noch wie ein Wunder wirken, auf einen Stein zu schlagen und es kam Wasser daraus hervor. Dabei war es nur eines Sache der Beobachtung und der Erfahrung.
Der Mann richtete es sich in der Höhle ein und fand sogar ein paar Büsche in der Umgebung, die er vorsichtig für Brennmaterial nutzen konnte. Für ein paar Tage würden seine Vorräte reichen.
Wahrscheinlich hatten seine Verfolger das tote Kamel inzwischen gefunden und stritten darüber, ob es denn nun seines gewesen war oder ein anderes. Einen, vielleicht zwei Tage würden sie zwischen
den Felsen auf der anderen Seite des Kammes suchen, dann würden sie weiter in die Wüste reiten, da sie ihn dort vermuteten. Er hatte sie glauben lassen, sein Ziel liege am anderen Endes des
Meeres aus Sand. Sie ahnten nicht, dass es dem Mann egal war, welche Richtung er einschlug. Weil es für ihn kein Ziel gab. Es gab nichts zu erhoffen für ihn. Da war nur mehr der nächste Schritt,
der dem letzten folgte.
Als am nächsten Tag nervöse, helle Schläge auf dem Hügel erklangen, war der Mann überrascht. Seine Verfolger saßen auf Kamelen mit weichen Hufen, das da draußen war der Klang von Horn auf Stein,
offensichtlich ein Pferd, ein nervöses Pferd. Vielleicht ein entlaufenes, oder es trug einen Reiter der zumindest ebenso nervös war und nicht genau zu wissen schien, wohin er sollte. Der Mann
deckte die Kohlen ab, verschwand mit einem Pfeil auf der Sehne seines Bogens tiefer in der Höhle und verschmolz zu einem der dunklen Schatten in der bedrohlichen Düsternis der Unterwelt. Sein
Lager war ein wenig abseits in einem Winkel, so dass man es nicht sofort bemerken würde, wenn einer einen Blick in den Spalt warf. Zudem musste es hier drinnen stockdunkel für jemandem sein, der
aus dem gleißenden Sonnenlicht kam. Hastige Schritte näherten sich, dann hörte der Mann, wie sich jemand in den Spalt schob. Verharrte um sich dann zögerlich weiter zu tasten, um einen Schritt in
die Höhle zu machen. Trotz der Düsternis und des weiten, schwarzen Umhanges erschien die Gestalt dem Mann im Hintergrund der Höhle jung und beweglich. Verständlich furchtsam ob der
Düsternis.
Keiner der gnadenlosen Männer, die ihn jagten.
Noch einen zögernden, kleinen Schritt machte er.
„Weit genug!“, sagte der Mann und durch die Höhle klang seine Stimme gewaltig, dröhnend und furchteinflößend.
Sofort fiel die schlanke Gestalt auf die Knie und presste die Stirn in den Staub.
„Wer – wer immer du bist“, stammelte er aufgeregt, „tu mir kein Leid. Dämonen haben mich gejagt. Darum habe ich Zuflucht in deiner Höhle ...“
„Wer bist du, dass du es wagst!?“
Der Mann kannte den Aberglauben der Wüstenbewohner mit all ihren Göttern und Dämonen und Geistern und Djins gut genug um sich ein leises Grinsen zu erlauben.
„Mein Name ist Abu l-Qasim Muhammad ibn Abdallah ...“
„Muhammad“, unterbracht der Mann im Dunkel und musste das Grinsen in seiner Stimme angesichts des zitternden jungen Mannes unterdrücken. „Muhammad. Ah, ein schöner Name. Der Liebling Gottes. Wenn
das so ist - wer bist du?“
„Ein Kaufmann bin ich, aus der Stadt am Gebirge, aus Mekka komme ich“, stammelte der junge Mann mit überschlagender Stimme. „In die Wüste bin ich heute am Morgen geritten um – um zu beten – um
meine Gedanken - ich - ich meine - „
„Um deinen Gedanken nachzuhängen, große Pläne zu schmieden und davon zu träumen, was für eine herrliche Zukunft dich erwarten könnte.“
Für einen Atemzug war es still und der Mann im Schatten war sich sicher, dass der junge Kerl dort sich jetzt auf die Lippen biss und durchschaut fühlte. Es war so leicht zu erraten.
„Die Dämonen, die mich gejagt haben“, begann er aber schnell wieder, „gehorchen sie Eurem Befehl? Seit Ihr ein ...“
Er brach ab und überlegte. Aber was er dachte, das fürchtete er auszusprechen.
„Mein Name ist Gabriel“, meinte der Mann und trat aus dem Schattenwinkel. Trotz des Halbdunkel in der Höhle ein Schock für den Jungen, denn der Mann war ein Riese gegen ihn, mit breiten Schultern
überrage er die meisten Menschen, nicht nur hier in der Wüste. Und, als wäre das nicht schon erschreckend genug, waren da auch noch die langen, hellen Haare und der helle, rötliche Bart, was die
Menschen dieser Gegend immer wieder völlig aus der Fassung brachte.
„Ihr seit ein Djin!“, schrie der junge Mann auf und wollte davon stürzen. Ohne die zitternden Hände und Knie vom Boden lösen zu können. Angst und Überraschung lähmten seine Muskeln während sein
Geist panisch zu Flucht rief.
Der riesig wirkende Mann im Halbdunkel wog seinen lange, leichten Bogen nachdenklich in der Hand und überlegte nicht, dass es dem Jungen später vielleicht einmal so vorkommen würde, als hätte ein
Zauberspruch oder die Macht eines Gottes ihn gelähmt. Dabei sollte er diese abergläubischen Menschen der Wüste inzwischen besser kennen. Aber wie zumeist machte er sich nicht viele Gedanken über
die Menschen. Darum tat und sagte er auch, was er gerade sagte und tat. Und darum jagten sie ihn jetzt auch.
„Ich bin kein Djin“, widersprach er halbherzig. „Ich bin - hm - der ich bin.“
Er hatte keine Lust auf große Erklärungen. Das war mühsam und brachte zumeist auch nichts. Aber es schien zu reichen, dass der junge Mann ein wenig aus seiner Angst auftauchte. Zumindest
wagte er den Kopf weiter zu heben und genauer zu dem düsteren Riesen im Hintergrund der Höhlung zu schielen. So wild ihn seine Gedanken bestürmten, so wild kaute er auf seinen Lippen. So viele
Fragen und doch wusste er nicht, was er sagen sollte.
Ein ängstliches Wiehern von draußen unterbrach das Schweigen und ohne zu zögern schritt der rotbärtige Riese an dem jungen Mann vorbei, als würde der sich nicht instinktiv vor ihm in den Staub
drücken. Draußen tänzelte ein prächtiges, schwarzes Pferd nervös um den Busch an den es hastig gebunden war und zerrte daran. Nicht lange, und die Zügel würden sich lösen. Dann war das Tier auf
und davon. Beim Anblick des Menschen erstarrte es wie sein Reiter, nur die Ohren gingen hektisch vor und zurück. Riesige, blanke Augen starrten dem unbekannten Menschen entgegen und das Tier
wusste nicht, ob hier Rettung kam oder eine neue Bedrohung. Gleichzeitig schien es aber auch, als würde seine Gegenwart es beruhigen. Doch ohne das Pferd zu beachten ging der Mann etwas zur Seite
und doch geradewegs auf den Felsen zu, neben dem der große, schwarze Hund lauerte. Offensichtlich war der seiner Fährte gefolgt. Etwas weiter hinten hockten noch drei dürre, fahle Gestalten.
Ebenso bereit, sich auf Beute zu stürzen wie unverzüglich die Flucht zu ergreifen. Der zottige Schwarze stand da, ein Koloss unter seinesgleichen, und starrte dem Menschen entgegen. Der Mann nahm
den Pfeil von der Sehne und ging wenige Schritte vor ihm in die Hocke. Starrte zurück und knurrte plötzlich laut und böse, richtet sich zu voller Größe auf, dass sein hellbrauner Umhang wehte,
knurrte wieder und ließ noch ein paar böse klingende Laute vernehmen, breitete die Arme und stapfte plötzlich mit schweren Schritten auf den Hund los. Das war zu viel. Mit gesenkten Kopf und
zwischen die Hinterläufe geklemmter Rute machte der Schwarze kehrt und galoppierte davon. Blitzartig wie Schatten waren auch seine drei Gefolgsleute verschwunden. Noch ein Weilchen blieb
der Mann hoch aufgerichtet stehen ehe er die Arme langsam sinken ließ. Aber die Hunde rannten wohl noch immer. Er wusste, sie würden wieder kommen. Die Frage war nur, wie schnell sie den
Mut dazu finden würden. Dann würden sie aufmerksam auf der Lauer liegen. Dabei war Aufmerksamkeit das Letzte, was der Mann für sich wünschte.
In dem Spalt zwischen den Felsen stand der junge Mann. Unter dem schwarzen Umhang, der traditionellen Abaya der Wüstenbewohner, trug er ein ebenso schwarzes Qamis, allerdings sorgfältig bestickt
und selbst sein bleiches Gesicht war von einem jungen, flaumig schwarzen Bart umwölkt. Und, im Gegensatz zu dem fahl und hell gekleideten, hellhaarigen Mann, wirkte er sauer und frisch. Es würde
wohl der Wahrheit entsprechen, das er einer der wohlhabenden Kaufleute aus der großen Stadt war. Und er war jung, nur darum konnte er so gedankenlos durch die Gegend reiten und seine Reichtümer
zur Schau stellen. Was würde wohl geschehen sein, wenn der Junge auf die Männer gestoßen wäre, die ihn verfolgten? Männer mit schwieligen Händen und noch härteren Augen. Vielleicht nichts.
Vielleicht alles.
„Hol dein Pferd“, befahl der Mann, „und bring es näher an den Eingang. Da sind Steine. Binde die Zügel darum und leg sie darauf.“
Augenblicklich gehorchte der Junge, was dem großen Mann ein Lächeln ab rang. Ohne weiter auf den jungen Mann zu achten zwängte sich Gabriel wieder durch den Spalt, ging zu seinen Kohlen und
fachte sie wieder an. Er saß noch dabei, als der Schwarzbärtige sich wieder durch den Spalt schob und langsam näher kam. Zögernd legten der Neuankömmling den prächtigen Sattel gleich neben dem
Eingang ab und blieb stehen. Einen Wasserbeutel und einen Sack hatte er noch in den Händen. Es war offensichtlich, dass er nicht vor hatte sich der Gefahr einer nochmaligen Begegnung mit dem
schwarzen Dämon gleich noch einmal zu stellen.
„Mein Feuer ist Euer Feuer“, ließ Gabriel vernehmen und machte eine einladende Handbewegung.
„Und meine Vorräte sind Eure Vorräte“, vervollständigte der junge Muhammad die Formel der Wüste. Oft genug war er mit Karawanen unterwegs gewesen um die Umgangsregeln gelernt zu haben, egal wie
jung er war. Die Wüste war eine harte Lehrmeisterin und wer sich nicht an die Regeln hielt, der überlebte in ihr nicht lange. So setzte er sich jetzt auch an das Feuer. Nahe genug um höflich zu
sein und doch weit genug um jederzeit aufspringen und sich verteidigen zu können, trug er doch das Schwert an seinem Gürtel griffbereit. Zufrieden stelle Gabriel es fest. Der junge Mann schien
gute Instinkte und einen wachen Verstand zu haben. Er würde es wohl weit bringen, wenn er die ersten Jahre des Kampfes überlebte. Wahrscheinlich wartete zu Hause bereits eine wohlhabende und um
einiges ältere Witwe auf ihn, um ihm mit ihrer Fürsorge und ihrem Geld weiter zu helfen. Nicht, dass er ihrer Fürsorge oder sie seines männlichen Schutzes bedurft hätten. Er schien klug und
gewandt genug zu sein um seinen Weg zwischen den Ränken der Verkaufsstände zu machen. Und sie konnte wohl Lanzen und Säbel genug kaufen, um sich und ihre Waren zu schützen, doch so ein junger,
frischer Mann an der Seite, das war gut für ihre Geschäfte und sie war der Rückhalt für die seinen. So vertrat er das Haus nach außen und trotzte der Wüste während sie das Haus und die
Geschäfte in Ordnung hielt. Und auch noch für anderes war es gut. Besser als die Sklaven, die sich manche hielten.
„Gebt Ihr mir Euer Wort, dass Ihr kein Djin seit?“, brachte Muhammad endlich mit erstaunlich fester Stimme hervor.
„Ihr habt mein Wort, junger Herr“, entgegnete Gabriel, neigte leicht den Kopf und es gelang ihm allen Spott und alle Belustigung aus seiner Stimme heraus zu halten. „Ich bin nur ein einfaches
Geschöpf unter vielen im Baum des Lebens, wie all die anderen auch.“
Der junge Mann reichte dem älteren den Sack mit seinen Vorräten und dieser nahm ihn an, legte ihn neben das Feuer und fuhr fort sich um die kleinen Flammen zu kümmern.
„Aber die bösen Geister der Wüste ...“, setzte Muhammad noch einmal an.
„Nur weitere Teile des Einen, des Großen, des Ganzen. Wie alles Teil des Einen, des Großen, des Ganzen ist. Kein Blatt fällt, keine Wolke zieht, ohne dem Wissen des Einen. Weil alles was ist, nur
das Eine ist. Ihr und ich, Euer Pferd - und die Hunde in der Wüste.“
„Auch die Hunde?“, fragte er überrascht. „Ich mag Hunde nicht. Aber der Schwarze? Ich dachte, er wäre - ein – ein böser Geist?“
„Er ist nur ein Hund, nicht mehr aber auch nicht weniger. Und selbst wenn er wirklich ein böser Geist wäre, vor allem anderen wäre er auch ein Geschöpf des Einen. Entstanden als Geschöpf des
Einen. Nach dem Willen des Einen.“
„Dann gibt es auch das Böse weil – die Götter es wollen?“
Für einen Augenblick war Stille und nur das leise Knistern der brennenden, dürren Zweige war zu hören. Wie ein Ausrufungszeichen standen die Worte in der Stille. Und es war unverkennbar, dass
dieser Gedanke nicht zum ersten Mal durch den jungen Kopf geisterte. Gabriels Gesicht verzerrte sich allmählich zu einem bitteren Grinsen, aber vielleicht sah es auch nur durch den flackernden
Schein der Flammen so aus.
„Auch die Götter sind nicht ausgeschlossen, warum sollten sie es auch sein. Wenn sie nicht nur eine Erfindung sind, dann sind auch sie Teil des Baumes des Lebens. Teil des Einen.“
Der junge Mann atmete überrascht durch und kniff dann die Lippen zusammen. Für Gabriel war nur zu deutlich, dass er etwas sagen wollte und doch schwer mit sich kämpfte, ob er es auch wirklich
aussprechen sollte.
„Ihr sagtet“, begann er dann langsam, „Ihr seit kein Djin sondern nur ein Geschöpf im Baum des Lebens. Wenn aber auch die Götter selbst nur Geschöpfe im Baum des Lebens sind – dann - dann
-“
Er brach ab, holte Luft und blies sie wieder aus. Ohne zu sagen, was er dachte.
Dafür hob Gabriel den Kopf von den Kohlen, sah den jungen Mann durchdringend an und bei dem Glitzern der Flammen in den hellen Augen gefror dem jungen Mann fast das Blut in den Adern. Und mit
einem Mal lachte der Hellhaarige, lachte, dass die ganze Höhle dröhnte. Aber schnell verebbte das Lachen wieder und der große Mann strich sich die langen Haare aus dem Gesicht. Anerkennend nickte
er und wandte sich denn wieder dem kleinen Feuer zu.
„Wenn selbst die Götter nur Teil des Ganzen sind“, meinte er dann, „so kann auch ein Djin nichts anderes sein. Somit hätte ich Euch nicht angelogen und doch nicht die Wahrheit gesagt. Aber ich
versichere Euch junger Herr“, Gabriel legte seine Rechte auf sein Herz und verneigte sich leicht, „ich bin kein Djin. Ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut. Der Durst und Kälte fühlt wie Ihr.
Älter bin ich wohl, weiter gereist. Mehr gesehen habe ich in meinem Leben. Mehr, als mir lieb ist. Und ich rede darüber, was ich sehe und gesehen habe. Mehr, als manchmal gut ist. Vielleicht bin
ich der eine, der ausspricht, was viele nicht sehen können. Nicht sehen wollen. Vieles bin ich, junger Herr, aber ganz sicher kein Djin. Auch bin ich noch nie einem begegnet. Wer weiß schon, ob
es sie überhaupt gibt. Und wenn, wozu sie gut sein sollten. Aber wer von uns kleinen Geschöpfen kann sich anmaßen zu glauben, er wisse, was der Eine will. Was seine Absicht, was sein Plan
ist.“
Der Mann schüttelte nachdenklich den Kopf und für einen kurzen Augenblick erschien es im flackernden Feuer, als wären die hellen Haare ein Strahlenkranz.
„Auch Ihr wisst es nicht?“, fragte Muhammad leise und Gabriel sah überrascht auf.
„Was auch immer ich bin, so bin ich nur ein Diener des Einen. Vielleicht ein Bote - im besten aller Fälle. Wohl eher sein Narr.“
Er stocherte im Feuer und grinste dann.
„Vielleicht so wie der schwarze Hund“, meinte er und warf einen Blick auf den überraschten jungen Mann. Der runzelte die Stirn und sah ihn mit großen Augen ungläubig an.
„Ganz sicher weiß der Eine ja um Eure Abneigung gegen Hunde“, grinste der Rotbärtige. „Und hat gerade deswegen den großen Schwarzen geschickt um Euch durch die Berge zu treiben. Wie einen jungen
Kamelbullen. Damit wir uns begegnen.“
Die Augen des jungen Mannes mit dem schwarzen Bart wurden noch größer.
„Aber – Ihr habt doch gesagt – sie wären keine bösen Dämonen. Wieso - „
Der Mann am Feuer lachte wieder laut und herzlich. Wieder dröhnte es und wieder erschreckte es den jungen Mann. Gabriel warf Kräuter in das kochende Wasser, tat, als hätte er es nicht bemerkt und
atmete tief durch.
„Um dem Willen des Einen zu folgen muss man kein böser Djin sein. Ganz im Gegenteil. Dem Willen des Einen zu folgen, seinen Pfad zu gehen, das ist das einzige, was ein Geschöpf tun kann. Das
Ehrenvollste, was ein Mann tun kann. Ich werde dir eine Geschichte erzählen“, meinte er gutmütig um sich bequemer hin zu setzen.
Und er erzählt dem jungen Muhammad die Geschichte des ältesten ihrer Götter. Die Geschichte von dem Einen Gott, der ohne Namen und ganz alleine war und entschied in unendlich viele, kleine und
kleinste Teilchen zu zerfallen aus denen nun alles, was war, bestand. So, dass jeder Mensch und jedes Kamel, die Pferde wie die Hunde, die Wüste, die Wolken und die Götter nichts anderes waren,
als Teile des Einen Gottes. Dass nichts entstand und nichts verging, dass kein Blatt fiel, dass kein Sandkorn rieselte, ohne, dass er es wusste.
Der junge Mann ritt fort und kam am nächsten Tag wieder. Er brachte Vorräte und hörte Geschichten. Denn Gabriel war voller Geschichten die sich Zeit seines Lebens auf seinen Reisen angesammelt
hatten. Voller Gleichnisse, voller Lehren eines langen, abwechslungsreichen Lebens, und der junge Mann sog sie auf in sich auf ein Schwamm. Ganz besonders verlangte er von dem Einen Gott zu
hören. Von dem, der alles erschaffen hatte und über allem thronte. Und von den Männern, die schon zuvor in den alten Zeiten und alten Geschichten von ihm gesprochen hatten. Denn die weisen Männer
der Vorzeit kannten ihn gut, die Hirten der Wüsten erzählten sich unzählige, wunderliche Geschichten und gaben ihm viele Namen. Und die unübersehbare Zahl der Götter, welche sich die Menschen
nach ihren Bedürfnissen geschaffen hatten, die war dem jungen Mann immer schon ein Dorn im Auge gewesen. Sie sprachen über die Ehre eines Mannes und der Familie und über den Pfad des Lebens, den
ein Mann zu gehen hatte. Über die unzähligen, kleinen und sinnlosen Streitfälle zwischen halsstarrigen Männern, und wie wichtig da genaue Regeln des Zusammenlebens waren. Sie sprachen über
Frauen, wie wertvoll und wie gefährlich sie nicht waren. Und dem jungen Muhammad war es gar nicht geheuer, dass es Frauen geben sollte, die Schwert und Bogen so gut handhaben konnten wie nur
irgend ein Mann. Da war ihm schon geläufiger, dass sie auch gute Entscheidungen treffen konnten und in geschäftlichen Dingen oft jeden Mann in die Tasche steckten. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Und auch für sie war es ehrenvoll dem Pfad des Lebens zu folgen. Wenn die Männer in ihrer blinden Geilheit und brutalen Gier nach Besitz es zuließen. Und Gabriel erzählte von seiner Heimat, einem
Land in dem weißer, kalter Schnee die Gipfel der Berge zierte. Von den Tälern und Landstrichen in denen dunkle, kühle Wälder und glitzernde Flussläufe lagen. Wasserfälle, deren feiner Nebel in
den Farben der Welt schimmerte und sich prickelnd auf die Haut legte. Wogende Ähren gelben Korns, Bäume voller Früchte. Und pralle, saftige Trauben – Muhammad liebte sie getrocknet und Gabriel
versprach ihm, dass er in seiner Heimat jeden Tag eine Hand voll dieser süßen Köstlichkeiten auf ihn warten würden. Wenn der Pfad es Einen ihn eines Tages dort hin führen würde.
Tag um Tag kam der junge Muhammad in die Höhle des rotbärtigen Gabriel und dieser wusste nur zu gut, dass das keine gute Weise war, um sich zu verstecken. Auch, was die Lust zu fabulieren
anging, die in den Menschen der Wüste schlummerte, so hatte er nicht die leiseste Ahnung, was sie aus den Besuchen des jungen Mannes in der unscheinbaren Höhle am Berg Hira machen würden. Und aus
den Lehren, die der ältere, weitgereiste dem jungen, wissbegierigen Mann mitgeben würde.
Gabriel hatte seine eigenen Sorgen. Bereits am nächsten Tag, kaum war der junge Mann in seinen teuren, schwarzen Gewändern wieder auf seinem prächtigen Pferd verschwunden, da kam ganz anderer
Besuch zu Gabriel.
Zuerst war es nur ein kaum hörbares Kratzen auf Stein, aber er konnte sich schon denken, woher es kam. Also sah der Mann aus dem Spalt und entdeckte nur wenig weiter den zottigen Schwarzen neben
einem der Felsen. Nahe genug um gesehen zu werden und doch weit genug weg um schnell flüchten zu können. Und er schien allein zu sein, zumindest so weit der Mann sehen konnte. Vorsichtig
machte er ein paar ruhige Schritte auf ihn zu bis dieser sich misstrauisch erhob um dem Mann entgegen zu sehen. Gabriel erkannte, dass seine Flanken zitterten und die Rute zwischen den
Hinterbeinen klemmte. Hin und her gerissen war er zwischen seiner Furcht und seiner Neugierde. Wahrscheinlich stammte er wirklich von einer Karawane, denn Menschen schienen ihm so gar nicht fremd
zu sein. Auch wenn sie ihm so gar nicht geheuer waren. Ein kluges Tier.
Der Mann legte ein Stück Fleisch auf einen Stein und ging dann langsam rückwärts zurück zu dem unscheinbaren Spalt zwischen den Felsen. Dort wartete er. Und es dauerte kaum zwei Augenblicke, da
kam der Schwarze zögerlich ein paar Schritte hervor. Ohne den Mann am Felsen aus dem starren Blick zu lassen schnappte er mit einer schnellen Bewegung nach dem Stückchen Fleisch und rannte davon,
so schnell ihn die Pfoten trugen. Am dritten Tag ging Gabriel dazu über, auf halbem Weg stehen zu bleiben und das Stück Fleisch nach rechts oder links zu werfen. Der Schwarze rannte hin, holte
sich das Stück und verschlang es auf der Stelle. Er verschwand nicht mehr in der Deckung, aber er achtete immer darauf, dass einige Schritte Abstand zwischen ihnen blieben. Und, dass er den
Menschen nie aus den Augen verlor, der da zwischen den staubigen Steinen gar nicht mehr so bedrohlich wirkte.
Über Tage hinweg kam der junge Mann und ging wieder. Er brachte Nahrung mit und Brennmaterial für Gabriel. Er brachte sein Wasser und seine unerschöpfliche Gier nach immer neuen Geschichten. Und
der rotbärtige Mann, fern seiner Heimat, freute sich über jedes Gespräch und beantwortete jede Frage so gut er es eben verstand.
Dann kam der Abend, an dem Gabriel das kleine Feuer noch weiter eindämmte, sich auf seinen Decken ausstreckte und ohne Gedanken in die schwarze Finsternis der Höhlung starrte. Darum fühlte er das
Kratzen mehr, als er es hörte. Also schloss er die Augen vor der Finsternis und konzentrierte sich. Da war es wieder, irgendwie bekannt und doch anders, diesmal. Langsam und lautlos kam er auf
die Beine und griff nach dem Bogen und dem langen Dolch neben sich. Obwohl er sich sicher war, dass er kein Geräusch verursacht hatte, als er sich durch den Spalt nach draußen schob, hob der
schwarze Hund ein paar Schritte weiter den Kopf und sah ihn an. Ganz deutlich sah es Gabriel, denn gegen die Finsternis in der Höhle war der mit Sternen übersäte Himmel über der Wüste strahlend
hell. So sah er auch, dass der Schwarze diesmal nicht ihn fixierte. Er sah den Hügel hinauf, schnüffelte. Dann wieder ein rascher Blick zu dem unbeweglichen Schatten in dem Spalt und wieder den
Hügel hinauf.
Fast augenblicklich begriff der Mann und fasste den Bogen und die Pfeile fester. Einige Male atmete er langsam und tief durch um ganz ruhig zu werden. Dann glitt er aus dem Spalt. So lautlos wie
der Schatten des schwarzen Hundes, der ebenfalls im gleichen Augenblick verschwunden war. So lautlos, wie er es in den Wäldern seiner Heimat gelernt hatte.
Ganz langsam, ganz vorsichtig bewegte er sich den Hügel hinauf. Darum war das milchige Band am Himmel auch schon ein ganzes Stück weiter gerückt, als er endlich den Schimmer zwischen den Felsen
bemerkte. Wenig später hatte er das Lager gefunden. Zwei der Männer schliefen im Schutz eines kleinen Überhanges, der dritte saß ihnen gegenüber an einem Feuer und achtete darauf, dass es stetig
brannte aber die Flammen nicht zu groß und zu hell wurden. Ein bitteres Grinsen zuckte um Gabriels Mundwinkel. Sie waren gute Jäger, und sie ehrten ihre Beute, indem sie sich Mühe gaben, sie
nicht zu unterschätzen. Aber für ihn machte es das nicht leichter. Vorsichtig zog er sich wieder zurück und umrundete den Lagerplatz bis er sicher war, hinter dem Mann am Feuer zu sein. Ein
rascher Blick um einen Stein bestätigte dies und es wirkte, als würde der Mann dort sich auf sein Feuer konzentrieren und der Welt da draußen den Rücken zukehren. Aber Gabriel wusste es besser.
Von der letzten Deckung aus waren es immer noch ein paar Schritte hin zu ihm. Mit einem Schuss würde er auch die beiden anderen Männer wecken. Und ganz sicher lauschte der Mann nach hinten in die
Dunkelheit der Felsen. Es waren fünf Schritte. Vielleicht nur vier, wenn er sprang. Trotzdem würde ihn der Wächter spätestens nach dem zweiten Schritt entdecken und die anderen wecken. Dann würde
er drei ausgeruhte Männer gegen sich haben. Gabriel lehnte sich gegen den Felsen und sah hinauf zu den Sternen. Er fühlte sich alt und müde, aber es musste ein Ende haben, hier und jetzt. Auf die
eine oder die andere Weise. Wieder sah er zu dem Mann am Feuer. Der hatte sich kaum bewegt und auch den schwarzen Schatten hinter dem Felsen ein paar Schritte weiter noch nicht bemerkt. Aus
seiner Tasche holte Gabriel ein Stück Trockenfleisch und hielt es etwas höher, damit der Hund es sehen konnte. Kaum merklich hob dieser den Kopf. Nahrung war in der Wüste immer wichtig, egal wie
verwirrend die Situation war. Im nächsten Augenblick flog das Fleisch in hohem Bogen über den Mann am Feuer und landete mit einem leisen Geräusch auf einem Felsen auf der anderen Seite. Ohne auch
nur einen Moment zu zögern stürmte der Hund los, schoss als flache, schwarze Gestalt über die paar freien Schritte und hatte das Fleisch auch schon im Maul. Der Mann am Feuer starrte dem
schwarzen Schatten überrascht nach und hatte seine Lanze fest in der Hand. Er erkannte einen Hund und ließ die angespannten Schultern sinken. Dann bemerkte er, dass es kein gewöhnlicher
Hund war. Und dann schloss sich eine große Hand um seinen Mund und drang ein Dolch in seine Seite um ihm das Leben aus dem Leib zu stoßen.
Langsam, fast zärtlich ließ Gabriel den leblosen Körper zu Boden gleiten. Aber es gab keine Zeit zu zögern. Wenige Atemzüge später hatte auch die beiden anderen Männer das Leben verlassen, ohne,
dass sie ganz aufgewacht waren. Gabriel zerrte den Wächter zu den schlafenden, legte ihn über einen der Männer und drückte beiden Toten ihre Dolche in die Hände. Sollte jemand sie finden, so
mochte er denken, sie hätten sich im Streit gegenseitig getötet. Dann ging er zurück in die Höhle und packte ohne Eile seine Sachen zusammen.
Zwei der Kamele würde er verjagen und das dritte behalten. Die Höhle würde er so verlassen, wie er sie vorgefunden hatte. Nichts würde darauf hin deuten, dass er jemals hier gewesen war. Es war
nun einmal besser, wenn niemand wusste, dass es ihn gab. Mochte der junge Mann am nächsten Tag auch verwundert den Kopf schütteln und an seinen Sinnen zweifeln. Vielleicht hielt er ihn dann
wirklich wieder für einen Djin. Oder für Schlimmeres.
- - - * * * - - -
Völlige Stille schien zu herrschen so dass man meinte, das Rieseln der einzelnen Sandkörner hören zu können. Dann war etwas wie ein leises Stöhnen zu vernehmen und das Aufschlagen eines
Wasserstrahls auf dem Boden. Wieder das erleichterte Ausatmen eines Mannes und das klare und deutliche Plätschern und Prasseln eines Wasserstrahls in der Stille der Wüste.
Der Strahl versiegte und wieder war ein erleichtertes Ausatmen zu hören. Der Mann am Fuß der Düne ordnete seine weiten Kleider und ging die paar Schritte zurück zu seinem Pferd.
Tribus stand ruhig da und sah seinem Reiter entgegen. Was den Mann erstaunte. Denn es war ein gutes Pferd, ein schnelles. Aber auch sehr nervös, leicht zu erschrecken oder zu reizen. Jetzt stand
es ruhig und gelassen da. Das mochte an dem Reiter auf dem zweiten Pferd liegen, der die Zügel von Tribus in der Hand hielt. Der Mann konnte gut mit Tieren umgehen. Wohl besser, als mit Menschen.
Denn seit sie unterwegs waren hatte er noch kein Dutzend Worte gesprochen. Trotzdem, der Zenturio hatte extra nach ihm rufen lassen und ihm auch befohlen, noch zwei andere Legionäre für die Reise
zu suchen.
So nebenbei fiel ihm das wieder ein, als er die Zügel aus den Händen des Mannes am Pferd nahm und wieder aufsaß.
Der Legionär hatte helles, braunes Haar und nur wenig dunklere Augen. Ganz sicher kein römischer Bürger, entschied der Mann für sich. Unangenehme Augen hatte er, mit einem direkten, irgendwie
überraschten Blick. Auch darum entschied der Mann kein Wort des Dankes an den einfachen Legionär zu verschwenden, der doch zumindest das Privileg hatte, neben ihm auf einem Pferd sitzen zu
dürfen. Warum sollte er auch freundlich sein? Mochten ihn manche ruhig für einen aufgeblasenen, junger Spund aus gut situierten Verhältnissen halten. Er hatte eine gute Ausbildung genossen und
hatte sich viele Freunde in einflussreichen Positionen geschaffen. Er war gewitzt mit einer gehörigen Portion charmanter Frechheit, gutaussehend und den Freuden des Lebens zugeneigt. Er hat
Träume und Ideen für seine Zukunft, er hat die feste Gewissheit unter den Menschen etwas Außergewöhnliches zu sein und, was vielleicht das Wichtigste war, er hat genügend Energie und
Durchsetzungskraft um fast alles zu erreichen, was er sich in den Kopf setzt.
Oh, dessen war er sich nur zu sicher. Die Welt stand ihm offen.
Aber fürs Erste wurde ihm jetzt bewusst, dass er auch ein Hinterteil besaß. Und das dieses durch den langen Ritt in der flimmernden Wüste ebenso malträtiert war, wie seine Augen und sein Hals.
Vielleicht auch deswegen begann in ihm leise das Wissen aufmüpfig immer lauter zu bocken, dass er all diese Strapazen auf sich nahm für ein paar abgestumpfte und verstaubte Bürokraten. Alte,
vertrocknete Männer, die mit ihren fetten Ärschen gemütlich im Tempelbezirk saßen und seinen Einsatz weder zu würdigen noch zu verstehen im Stande waren. Die auch gar nicht versuchten die
Tragweite seiner Tat zu begreifen. Und die sicherlich keine Träne weinen würden, wenn der vielversprechende junge Mann zwischen den ockerfarbigen Steinen der Wüste verrecken würde. Vielleicht
käme ihnen das auch gar nicht so ungelegen. Möglicherweise war es auch gar kein Zufall, dass gerade er zur Stelle gewesen war und sie auch nicht zufällig ihn mit dieser undankbaren Aufgabe
betraut hatten. Es war gar nicht so einfach von der Hand zu weisen, dass es den Bürokraten ganz gelegen kommen würde, wenn er ohne viel Aufsehen in der Wüste blieb. Zu beliebt war er in der
letzten Zeit geworden. Bei den Soldaten, die unter seinem Befehl standen, bei der Bevölkerung und selbst einflussreiche Männer der römischen Besatzung zählten zu seinen Freunden. Ja selbst der
Oberste Richter und Verwalter war schon auf ihn aufmerksam geworden und hatte geruht ihn wohlgefällig zu bemerken. Aber die Bürokraten im großen Tempel schätzten es gar nicht, wenn ein Mann zu
beliebt wurde. Sie herrschten durch Angst, das war das Handwerk, das sie verstanden. Alles andere machte sie misstrauisch. Was also lag näher, als ihn in die Wüste zu schicken. Und das noch dazu
mit einem Auftrag bei dem er sich eigentlich nur blamieren konnte.
Rebellen sollte er fangen!
Nicht das erste Mal zog er mit diesem Auftrag los und bisher hatte es ihm immer zur Ehre gereicht. Immer war das ein Abenteuer gewesen, dass seinen Ehrgeiz anstachelte, denn manche der Aufrührer
waren ernst zu nehmende Feinde gewesen. Bisher. Aber diesmal? Diese neuen Rebellen kämpften nicht, nicht einmal Gegenwehr leisteten sie, wenn man sie gefangen nahm. Und das nicht aus Überraschung
oder Dummheit, nein! Sie dachten einfach nicht daran. Das war nicht die Jagd auf gefährliche Banditen, das war wie das Einsammeln von Hühnern im Stall! Für diesen Auftrag konnte man Veteranen
schicken oder ein paar Söldner. Aber für ihn, für ihn war das kein Auftrag! Ganz im Gegenteil war es sehr einfach ihn dafür zur Verantwortung zu ziehen, wenn er es nicht schaffen sollte sie alle
zu finden. Denn sie versteckten sich noch nicht mal. Vor das Volk traten sie hin, dort wo es am Dichtesten war, und hielten ihre aufrührerischen Reden. Fesselten ihre Zuhörer mit ihren dummen
Ideen von Gewaltlosigkeit und Frieden. Es konnte eigentlich keine Schwierigkeit geben sie zu fangen. Und doch war dem jungen Mann bewusst, dass sie schon viel zu viele Sympathisanten im Volk
hatten. Es klang auch zu schön, was sie da ausmalten. Zu schön um wahr zu sein! Und es gab auch genug Menschen in seinem Volk, die sich niemals auf die Seite der Aufrührer stellen würden, denen
es aber nur recht war, wenn jemand der ungeliebten Obrigkeit auf die Zehen trat.
Seit Tagen ritt er jetzt durch diese öde, brennende Steinwüste, ritt von einer staubigen Oase zur nächsten und frage sich immer wieder, weswegen die Bürokraten solche Angst vor ein paar
versprengten Anhängern eines Verrückten hatten.
Nun gut, diese Verblendeten traten öffentlich auf und sagten den Leuten, sie müssten keine Angst haben, da Jahwe sie vor allem beschützen würde. Da die Macht der Bürokraten sich aber auf die
Angst der Menschen baute, war das natürlich etwas, dem man entgegen treten musste. Aber er kannte seine Leute gut genug um zu wissen, dass sie die schönen Geschichten zwar gerne hörten, aber die
Angst saß viel zu tief verwurzelt in ihren Herzen. Wenn es darauf ankam würden sie sich der Obrigkeit schon beugen, da gab es keinen Zweifel aber Mittel. Diese Aufrührer hatten die gleiche
Wirkung für die Obrigkeit wie ein Floh im Mantel aus Kamelhaar. Es juckte an den empfindlichen Stellen, man kratzte sich und man vergaß. Es gab viele davon und man hatte gelernt damit zu
leben.
Wobei, allerdings, eines gab es da schon bei dieser Geschichte, das verstand er noch immer nicht. Der Anführer der Gruppe hatte sich ganz widerstandslos bei einer Routineüberprüfung festnehmen
lassen als man ihn, wie alle anderen bekannten Unruhestifter, vor dem einen, dem großen Festtag inhaftierte. Nichts Besonderes, denn die Bürokraten wünschten keine Störung der Festlichkeiten. Und
so wie ein Dutzend andere hatte man ihn zum Verhör an die Dienststelle des Obersten Richters weitergeleitet. Niemand hatte sich besonders viel dabei gedacht, denn auch das hatte sozusagen
Tradition. Ein paar Tage würde man sie festgehalten, die Personalien würden aufgenommen werden und sie würden verhört werden, jeder auf seine Art. Wer bezahlen konnte, der konnte die Prügel
vermeiden, und wer kein Geld und keine Freunde hatten, mit dem trieben die gelangweilten Tempeldiener ihren Spaß. Nach diesen paar Tagen würde man sie wieder laufen lassen, das große Fest war
dann vorbei, ohne dass sie groß Unruhe hatten stiften können und die meisten der jungen Hitzköpfe ordneten sich durch ein solches Erlebnis mit einem Mal ganz bieder ins normale Leben ein. Ab und
zu ging einer ins Ausland, das Reich der römischen Besatzer war groß genug und Verwandte aus ihrem Volk lebten in vielen Teilen der Welt. Nur ganz wenige Sturköpfe gab es, die versuchten ihre
Ansichten einer neuen Ordnung mit dem Schwert durchzusetzen. Das waren dann seine Kunden, die wurden schnell wieder gefasst und, so fern sie die Gefangennahme überlebten, dann einer etwas anderen
Art der Befragung zugeführt. Auch das war schon Routine. Seit er denken konnte wurde das von den Bürokraten so gehandhabt und es war bisher immer erfolgreich gewesen.
Nur dieses eine Mal, diesmal war etwas ganz anders gelaufen.
Ausgerechnet diesen verrückten selbsternannten Propheten oder Prediger oder was immer er auch war musste sich der Oberste Richter herauspicken. Und lässt ihn ganz einfach hinrichten! Warum? Warum
gerade ihn? Gerade den Mann, der von Revolution sprach und pünktlich seine Steuern bezahlte. Der sich mit Abschaum umgab, den nicht mal das einfache Volk bei Tag auf den Straßen duldet, und
trotzdem meinte, etwas Besseres zu sein. Der Gewalt verbot! Einem Volk der Hirten und Händler Gewalt verbieten. Das war etwa so, als würde man den Römern das Essen verbieten.
Dieser Mann war schlichtweg verrückt gewesen. Und seine Anhänger zu jagen war schlimm und bereitete kein Vergnügen. Sie liefen nicht davon, nicht einmal Gegenwehr leisteten sie, wenn man sie
gefangen setzte. Ja, das war wirklich nicht die spannende, aufregende Jagd, das glich tatsächlich mehr dem Einsammeln geblendeter Hühner!
Was um alles in der Welt sollten diese Dummköpfe wohl für eine Gefahr für das Reich der Hebräer darstellen? Oder vielleicht gar für das römische Reich? Hielt es ja nicht mal der römische Präfekt
für notwendig, sich großartig mit ihnen abzugeben. Viel wahrscheinlicher schien es ihm, dass der Oberste Richter wieder mal Ärger mit dem Präfekten gehabt hatte. Und der wiederum mit denen in der
Hauptstadt. Und da hatten sie sich wohl gedacht, dass sich so ein Todesurteil an einem vermeintlichen Aufrührer ganz gut machen würde, wenn man die eigene Karriere im Blick hatte. Wie man
so hörte, dann hatte der Präfekt das Leben in diesem Land ohnehin satt bis oben hin und wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder in die Hauptstadt zurück versetzt zu werden, aus der er
gekommen war. Dieses Leben und diese Menschen statt zu haben war auch wirklich nicht schwer. Dem jungen Mann wiederum war die Hauptstadt ziemlich egal. Er war in diesem Land geboren und
aufgewachsen. Er hatte nie etwas anderes gesehen, als die Starrköpfigkeit und gerissene Gier seiner Leute. Da war er schon lieber der Größte unter den Kleinen als ein Kleiner unter Großen.
Bisher. Aber die Hauptstadt, man erzählte sich ja so einiges, also die Hauptstadt, einmal sehen, einmal wollte er das schon. Ach, so viele wundersame Geschichten gab es. Nicht nur über die
Hauptstadt. Das Reich der Römer war schier unendlich und an jedem seiner Enden warteten neue Wunder auf den, er es wagte sich aufzumachen. Er musste sich nur umwenden und die drei Legionäre
hinter sich betrachten. Der aus Sicilia und der aus Iberia waren beide dunkel, laut und glichen den Menschen seines Volkes, waren jedoch völlig verschieden. Der dritte, der sein Pferd gehalten
hatte, der hatte helle Augen und helle Haare und sprach so gut wie nie. Trotzdem gehorchten seine Kameraden auf einen Wink. Völlig selbstverständlich hatte er sich die drei Soldaten hinter ihm
eingereiht. Allem voraus der Tross der Tempeldiener. Saulus war das nur recht, diese Leute hätte er nicht gerne im Rücken gehabt. Ah, misstraute er seinen eigen Leuten wirklich mehr als den
Besatzern!? Aber war es ein Wunder? Ein Wunder, wenn er von Reisen und den Geheimnissen fremder Orte träumte? Hinaus aus der Enge und dem Schmutz dieser Provinz. Weg von seinem kleingläubigen
Volk, von diesen Menschen, die außer der Gier nach Besitz nur Neid auf das kleine Glück des Nachbarn kannten und die er tief in seinem Herzen verachtete, weil sie nicht gewillt waren ihr
Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Die lieber duldsam und beständig jammernd darauf warteten, dass der von den Vorvätern wohl hunderte Male prophezeite Erretter endlich kommen würde und sie,
ganz ohne Mühe, zu Macht und Reichtum führte. Und wenn dann mal wieder einer aufstand und den Menschen einredete, sie sollten ihm folgen, denn er sei dazu ausersehen sie zu befreien, dann liefen
sie ihm in Scharen blind hinterher. Um ihm beim ersten Widerstand sofort wieder in den Rücken zu fallen.
Und auch das war wieder so eigenartig an diesem letzten Verrückten, erkannte der junge Mann mit einem Mal. Normalerweise erwarteten diese selbsternannten Befreier von den Menschen nur, dass diese
mit Geld oder ähnlichem ihre Unterstützung zeigten. Oder von den Wütenden, dass sie für ihn kämpften um Schätze zu sammeln. Der aber, den sie hatten hinrichten lassen, der hatte weder das eine
noch das andere verlangt. Ganz im Gegenteil! Er verbot Gewalt, er ächtete den Kampf. Und von den Reichen erwartete er, dass sie ihren Reichtum hergaben. Und nicht nur einen Teil davon. Alles!
Gut, das war auch nicht neu. Aber nicht ihm sollten sie es geben, wie es der wohl nächstliegende Gedanke gewesen wäre. Den Armen direkt sollten sie es geben! Er wollte es nicht einmal verteilen,
so als hätte er Angst, der Reichtum würde schon durch die bloße Berührung ihn oder seine Leute verderben. Eigentlich ein kluger Kerl. Denn tatsächlich hatte es vor ihm schon einige gegeben, die
versprochen hatten, den Armen helfen zu wollten und diese Umverteilung selbst in die Hand nahmen. Wenn da nur nicht diese bösen, bösen Spesen gewesen wären, die schnell und unaufhaltsam größer
wurden und ebenso schnell in ihre eigenen, bodenlosen Taschen flossen.
Der junge Mann leistete sich ein bitteres Grinsen unter dem Tuch, das fast sein ganzes Gesicht vor der sengenden Sonne schützte und blinzelte mit brennenden Augen hinaus in die gleißende Helle
der Hügel.
Es war so einfach den Eigennutz dieser Blender zu durchschauen, denn ganz gleich was auch immer sie versprechen mochten, ihre Taten sprachen für sich. Und die sprachen zumeist eine ganz andere
Sprache!
Und auch hier war dieser anders gewesen.
Er lebte in Armut, sammelte keine Reichtümer, hielt keine Armee aus, baute sich keine Festung, ja nicht einmal ein Haus oder einen Tempel. Was unweigerlich zu Enttäuschung unter jenen führen
musste, die sich als seine Anhänger Reichtum und Macht erhofft hatten.
Dieser war einen anderen Weg gegangen, soviel stand fest. Aber welchen? Und vor allem - warum?
Nein, diese Männer waren keine Feinde, die man verstehen musste. So viel stand fest. Es war nicht notwendig, ihre Gedankengänge nachzuvollziehen, um sie fangen zu können, ermahnte er sich selbst.
Aber der junge Mann fasste es allmählich wie eine intellektuelle Herausforderung auf. So abstrus und so fern der Wirklichkeit des Lebens die Reden dieses Führers auch gewesen waren, er hatte ganz
sicher einen Zweck damit verfolgt. Ein Ziel vor Augen gehabt. Aber Saulus wollte es sich nicht zeigen. Und das ärgerte ihn. Forderte ihn heraus. Ihn, der doch sonst jeden und alles durchschauen
konnte.
Tief in seine Gedanken versunken sah der junge Mann hinaus in die flimmernden Hitze der Weite und wiegte sich im müden Schritt seines Pferdes.
Schnell war die Nacht über die kleine Karawane hereingebrochen. Im Schutz eines Hügels hatten die Soldaten ein zaghaftes Feuer entzünden, hatten gegessen und getrunken und waren bald darauf
erschöpft eingeschlafen. Nur der junge Mann konnte nicht schlafen. Wie schon in den letzten beiden Nächten zuvor gelang es ihm nicht erholsame Ruhe zu finden. Zu viele Gedanken bestürmten ihn.
Ein wenig oberhalb des Feuers saß er dösend in einer Felsmulde und beneidete seine Männer um ihren wohltuenden Schlaf.
Die Tempeldiener lagen zusammen gedrängt und abseits davon die römischen Legionäre. Er bedurfte ihrer nicht, aber es war bei dieser Strafexpedition gut die Macht der römischen Besatzer im Rücken
zu wissen. Und es tat gut, dass er, ein junger Mann aus angesehenem, jüdischen Haus, den Befehl über römische Soldaten hatte. Ja, das fühlte sich gut an. Auch wenn es nur drei waren.
Es waren nur zwei. Nur zwei Männer lagen dort. Von dem dritten Legionär war nichts zu sehen.
Weit weg konnte der nicht sein, in diesem menschenleeren, dürren Land. Und es war mehr seine eigene innere Unruhe, die ihn schon seit Tagen trieb, dass er aufstand und hinüber zu den Pferden
ging. Tatsächlich saß der Mann dort, ein wenig gegen einen Stein gelehnt, dass er Tiere und Lager sehen konnte und hatte sich seine Decke um die Schultern gelegt. Sein Gesicht lag im Schatten,
der junge Anführer konnte daher nicht sagen, ob er schlief oder ihn ansah. Darum ging er zu seinem Pferd, das neugierig den Kopf hob und die Nüstern freudig an seiner Schulter rieb. Er strich
über den starken Hals, kraulte es hinter dem Ohr und wandte sich dann wieder ab.
„Es ist alles ruhig da draußen“, sagte der Mann und Saulus erstarrte, weil dieser Legionär nicht das Kauderwelsch der Truppen und nicht das gebildete Latein der römischen Bürger sprach. Er hatte
es in Hebräisch gesagt, im Idiom der Händler Jerusalems. Diese Sprache aus dem Mund eines Fremden zu hören war erschreckend.
„Ihr erwartet Gefahr?“, fragte er automatisch um sein Erschrecken zu verbergen.
„Keineswegs“, entgegnete der Legionär und zog die Decke enger. „Aber die Pferde waren ein wenig unruhig. Auch bin ich lieber bei den Tieren als bei den Menschen.“ Er lachte stumm in sich hinein.
„Wenngleich Männer mit Waffen immer eine gewissen Gefahr darstellen.“
„Ihr misstraut unseren eigenen Leuten?“, rutschte dem jungen Mann heraus und er bereute es sogleich. Aber der Legionär antwortete nicht. Was unhöflich war, schließlich war der junge Mann
eigentlich der Hauptmann dieses kleinen Zuges. Trotzdem war er dankbar für das Schweigen, denn es war eine dumme Frage gewesen. Er wollte es auf sich beruhen lassen, wandte sich ab, wieder hin
zum Feuer, und konnte sich doch nicht entschließen zu gehen.
„Euch gefällt dieser Auftrag nicht“, sagte der Legionär leise. Es war keine Frage, keine Feststellung. Die Worte schwebten einfach so in dem Raum zwischen ihnen. Leise Geräusche waren da mit
einem Mal zwischen den Felsen. Ein Rascheln von dürrem Gras vielleicht. Vielleicht das Schleifen kleiner Pfoten. Der junge Mann wusste keine Antwort. Wollte keine geben. Er konnte so tun, als
hätte er es nicht gehört. Also wandte er sich wieder seinem Pferd zu und legte ihm die Hand auf den langen Rücken der Schnauze. Mehr um sich selbst als um das Tier zu beruhigen.
Stand es einem einfachen Legionär zu, so etwas zu sagen? Warum sollte er überhaupt darauf antworten?
„Ist es so offensichtlich?“, fragte er nach einer Weile verhalten.
Wieder lachte der Legionär in seiner Art, die man mehr fühlte als hörte.
„Keineswegs“, gestand er dann ein. „Ich sehe nur die Unruhe bei Euch, wie ich Unruhe bei den Tieren sehe. Und dann suche ich den Grund der Unruhe, um die Tiere zu beruhigen.“
„Und die Menschen.“
Der Legionär schüttelte ein wenig den Kopf und sah dann hinüber zu dem Feuer und den schlafenden Männern.
„Es steht mir nicht zu, Menschen zu führen. Aber es ist offensichtlich, dass Ihr nicht seit wie diese Männer“, meinte er dann. „Sie freuen sich auf den Kampf. Weil sie sich im Recht meinen, ohne
sich Gedanken darüber zu machen, ob dem wirklich so ist oder was dieses Recht denn sein soll. Und weil sie noch nie den Grauen einer wirklichen Schlacht erlebt haben. Ihr wisst, dass es keinen
Kampf geben wird.“
Saulus holte tief Luft und biss sich dann auf die Lippen. Es tat so gut zu reden. Aber wie kam dieser Mann dazu mit ihm zu reden, wie mit einem Gleichgestellten? Gut, er schien älter zu sein, am
Ende seiner Dienstzeit, aber er war eines dieser barbarischen Tiere, die sein Land überfallen hatten! Hatte sein Volks abgeschlachtet und versklavt. Hatte Leid und Tränen, Ordnung und Gesetz
gebracht. Frieden und regelmäßiges Trinkwasser. Freie Bahn für den Handel und verbindliche Regelungen. Trotzdem!
„Euer Name war ...“, versuchte sich der jungen Mann zu erinnern. Weniger aus Höflichkeit, als um das Thema zu wechseln.
„Silvarus Secundus“, sagte der Legionär und neigte leicht den Kopf. „Zweite Kohorte, erstes Mantipel - Legione VI Ferrata. Die eiserne Faust des Kaisers.“
In seiner Stimme schwang ein Unterton, den Saulus nicht einordnen konnte. Und der ihn verwirrte. Darum kramte er lieber in seinem brüchigen Latein.
„Wald?“, fragte er und der Legionär lachte wieder lautlos.
„Geboren wurde ich weit im Norden. Jenseits der Berge, die einst das römische Reich begrenzten. Bis die Gier einiger Verräter zu groß wurde und sie den römischen Legionen die Täler öffneten.
Jenseits des großen Flusses, den die Griechen kennen und der den Römern immer noch Respekt einjagt. Der Centurio, der in unser Dorf am Wald kam, der forderte Tribute. Jungen, welche die römische
Uniform tragen würden und als Garanten dienen sollten, um die Unterwerfung der Besiegten zu bekräftigen. Als wenn mein Volk auf das Leben eines Einzelnen jemals etwas gegeben hätte. Sie nahmen
den ersten Sohn unseres Führers, weil er sich am heftigsten gewehrt hat. Und sie nahmen einen vorlauten Bengel, der den Mund nicht halten konnte. Die Beiden aus dem Dorf am Wald – Silvarus Primus
und Secundus. Der Centurio hat sehr gelacht.“
„Wisst ihr, was aus eurem Freund geworden ist?“
„Er war nicht mein Freund und er wurde es nicht. Er ist ein hitzköpfiger Narr, der nichts lieber tut, als anderen die Schädel einzuschlagen. Also machte er seinen Weg im römischen Heer. Zuletzt
hörte ich, er sei Centurio. Wahrscheinlich schon mehr.“
„Das klingt nicht, als würdet Ihr ihn beneiden.“
„Gewalt mag ein Weg sein, aber sie ist kein Ziel. Ich sehe meine Feinde lieber als Aufgabe, an der ich lernen und wachsen kann. Man beginnt dann sogar seine Feinde zu lieben.“
Der junge Mann erstarrte und das Pferd neben ihm begann unruhig von einem Huf auf den anderen zu steigen. Er schluckte schwer und überlegte. Aber da lachte der Legionär wieder.
„Nein“, beruhigte er, „keine Angst, ich bin keiner dieser Anhänger des Mannes aus Nazareth. Wenngleich vieles von dem, was er sagte, gar nicht so dumm war.“
„Ihr kennt seine Reden?“
„Unfreiwillig“, gestand der Legionär ein, kratzte sich an der Schulter und zog die Decke wieder enger. Der junge Mann hingegen war viel zu gefangen um die Kälte der Nacht zu fühlen.
„Da ich es mir zur Aufgabe gemacht habe die Sprache des Landes, in dem ich zu leben habe, zu lernen, wurde ich öfter abgestellt um mir die Reden der möglichen Aufwiegler anzuhören und zu
berichten.“
„Und“, hackte der junge Mann neugierig, „glaubt Ihr, er war tatsächlich ein gefährlicher Aufwiegler? Eine Gefahr für den König? Den Tempel? Für das große römische Imperium?“
Die Worte sprudelten aus dem jungen Mann um vieles zynischer, als er es meinte und fühlte. Das alles kam ihm so sinnlos vor, dass er allmählich an dieser ganzen Mission zu zweifeln begann.
Schweigend saß der große Legionär da, ein dunkler Haufen neben einem dunklen Stein, sah hinüber zu dem Feuer und den Männern und schwieg.
Der junge Führer des kleinen Zuges wartete. Wartete bis er sich sicher war, dass der große Mann dort eingeschlafen war und wandte sich ab. Zurück zu dem wärmenden Feuer.
„Ja“, sagte da der Mann aus dem fremden Norden. „Ja, ich sehe eine Gefahr. Eine, die vielleicht größer ist, als wir alle erahnen.“
Überrascht vergaß der Jüngere die Kälte wieder, die unter seine Kleider kroch und hatte nur noch Augen für den Älteren.
„Wie sollte dieser Verrückte eine Gefahr sein? Und - er ist tot!“
„Ja, der Mann ist tot, und das ist schlecht. Denn die Ideen leben. Einen Mann kann man jagen und töten. Ideen und Geschichten kann man nicht jagen. Und schon gar nicht töten!“
Der junge Mann biss sich auf die Lippen und sah hinüber zu seinen Leuten.
„Seht Euch eure Leute an“, setzte der Legionär leise fort. „Es sind einfache Männer mit einfachen Gemütern. Sie führten Befehle aus, ohne sich über deren Richtigkeit oder gar Tragweite den Kopf
zu zerbrechen. Das ist eine einfache und gute Art zu leben. Diese Art zu leben hat soviel Beruhigendes. Sie kennen nur ihre Waffen und die kurzzeitigen Vergnügungen, wenn der Sold bezahlt wird.
Niemals werden sie etwas anderes sein, als das, was sie heute sind. Niemals über die Masse hinaus wachsen wie ein Baum über die Büsche. Aber danach streben sie auch nicht. Doch tief in ihren
Herzen wünschten sie sich, anderes zu sein und darum sind sie leicht zu verwirren. Sie sind nicht zufrieden. Denn wären sie zufrieden, dann wären sie in dieser Zufriedenheit durch nichts zu
erschüttern.“
Zufriedenheit!
Ein Gedanke streifte den jungen Mann bei diesem Wort. Eine Ahnung, eigentlich nur ein Gefühl. Er rieb seine Augen, die noch immer brannten von dem klirrend grellen Licht der Wüstensonne und von
einer dumpfen Müdigkeit, die tiefer saß als der Schmerz des tagelangen Reitens.
Zufriedenheit war etwas, dass er nicht kannte. Das auch bei den Menschen seines Volkes nur selten anzutreffen war. Nein, sie strebten immer nach mehr. Bei den einen waren es Gold und Reichtümer,
bei den anderen die Felder, die größere Herden und die Weingärten des Nachbarn. Verwundert stellte er fest, dass ihm selbst an diesen Reichtümern nicht viel lag. Aber auch er war nicht zufrieden,
auch er wollte mehr. Mehr Macht, mehr Einfluss, mehr Gewicht. Wollte Männer, die ohne mit der Wimper zu zucken jeden Befehl von ihm ausführten und die ebenso bereit waren zu sterben wie zu töten.
Er wollte tun, wozu immer er Lust hatten, und niemandem Rechenschaft schuldig sein.
Er sah zu dem Legionär dort am Felsen und bemerkte, dass dieser ihn erwartungsvoll ansah.
Ein eisiger Schreck durchzuckte ihn, als er mit einem Schlag begriff, was diesen Mann aus Nazareth so gefährlich gemacht hatte. Warum der Oberste Richter ihn hinrichten lassen musste. Warum die
Bürokraten alles daran setzen mussten seine Lehre zu vernichten. Wenn sie die Gefahr denn überhaupt erkannt hatten.
Der Mann war nicht verrückt, er hatte den Menschen die Zufriedenheit gelehrt. Zufriedenheit, vielleicht Duldsamkeit, aber keinesfalls blinde Unterwürfigkeit. Er hatte gelehrt, dass ihr Gott den
Menschen dorthin gestellt hatte, wo er sich zu bewähren hatte. Also musste der Mensch mit seinem Platz in der Welt zufrieden sein und hatte sich zu bewähren. Aber er hatte auch gelehrt, dass sie
nur Gott selbst Rechtfertigung schuldig waren!
Diese Menschen benötigten keinen Richter mehr der strafte, denn ihr Gott würde am Ende ihres Lebens über sie richten, und dieser Gott sah jeden Fehltritt. Sie benötigten keine Priester, keine
Bürokraten mehr, die gegen Gebühr vermittelten und ihnen sagten, was zu tun sei, denn er selbst hatte ihnen Gebote gegeben, die einfach genug waren, so dass jeder selbst erkennen konnte, was
richtig und was falsch war. Und seine Jünger zogen nun durch die Lande und lehrten den Menschen diese einfache Religion, die keine Priester mehr kannte, keine Gelehrten und keinen Zwang.
Nun erkannte auch der junge Mann deutlich das Ausmaß der Gefahr, die von dieser neuen Bewegung für das System ausging. Dieser Mann hatte keinen Reichtum, keine kurzfristige militärische Macht
angestrebt, er hatte etwas ins Leben gerufen, das ihn überdauern konnte. Ein Lebenswerk, das, wenn es nicht im Keim erstickt wurde, überall dort Fuß fassen musste, wo es einfache Menschen gab,
die ihr Haupt unter einer Obrigkeit zu beugen hatten. Selbst das große Imperium würde wanken ohne dass ein einziges Schwert gezogen werden musste – es genügte wenn die Völker, die einfachen
Menschen ihre Mitarbeit versagten. Und wie immer man sie versuchen würde zu zwingen, sie würden nicht wanken. Vielleicht würden sie über Zwang sogar lachen. Waren sie doch fest davon überzeugt,
dass ihr Gott nach ihrem Tode ihnen alle Schmerzen vergelten würde. Ja, dass sie ihm näher kamen, je mehr sie auf sich nahmen.
Lange starrte der junge Mann in den nächtlichen Himmel und es schien ihm so, als würde die Unzahl der Sterne verächtlich über ihn spotten.
Das Lager hatten sie abgebrochen, kaum, dass die erste Dämmerung über den Himmel gehuscht war. Jede Minute mussten sie ausnutzen um den sengenden Strahlen der Sonne zu entgehen, denn nur zu
schnell verwandelte sich das Land in einen glühenden Backofen. Gegen Mittag würden sie dann endlich die Stadt erreichen. Aber sie kamen aus Südwesten, zogen also der Sonne entgegen.
Drei Nächte hatte der junge Mann Saulus nun hinter sich in denen er so gut wie nicht geschlafen hatte. Seine verschwollenen Augen tränten, sein Körper schmerzte und sein Kopf dröhnte. Niemand
hatte jemals behauptet, dass ein Ritt durch diese Steinwüste angenehm war. Doch in seinem Kopf drehte sich zu allem Überfluss ein Mühlstein aus Gedanken der daran war, alles aus dem Gleichgewicht
zu bringen, alles zu zerquetschen, was ihm in den Weg kam.
Da war dieser Aufrührer, der mit seiner Revolution der einfachen Menschen die perfekte Waffe gegen jede Obrigkeit gefunden hatte. Da war diese Lehre selbst, die so einfach, so klar und gerade
dadurch so gefährlich war. Immer und immer wieder drehten sich seine Gedanken um diesen Mann, dem er nur ein einziges Mal begegnet war. Ein einfacher Mann, wie tausend andere irgendwo im Dreck
geboren. Er aber hatte den Kopf erhoben, hatte den Weg gesehen und er war ihn gegangen. Ihn selbst hatte dieser Weg zum Henker geführt. Aber viele gab es, die diesen Weg weiter gingen. Nicht für
ihn, wie sie blind behaupteten, sie gingen für sich selbst und für die Unzahl der Schweigenden in der Dunkelheit. All diese blinden Hühner würde er finden. Und er würde sie vernichten. Daran
zweifelte er nicht. Wenn die ersten Köpfe abgeschlagen waren, dann würden die anderen aufhören zu predigen. Wenn sie aufhörten zu predigen, dann würden die Menschen beginnen zu vergessen, und die
Menschen vergaßen schnell. Vielleicht würden ihre Kinder noch Geschichten von diesem einen Verrückten unter vielen hören, ihre Enkel mit Sicherheit nicht mehr. Seine Aufgabe war es, diesen Spuk
zu beenden und er zweifelt nicht daran, dass er seine Aufgabe erfüllen würde. An sich war es eine leichte Aufgabe. Sie hatten keinen Führer mehr, hatten keine Priester und keine Gelehrten. Sie
hatten keine Struktur die sie stützte, nichts außer der Lehre, dass sie zusammen hielt. Sie waren so angreifbar und deshalb würden sie vernichtet werden.
Dann würde er zurück kehren, diesmal leise und ohne Aufsehen. Die Bürokraten würden ihm nicht einmal danken. Und der Oberste Richter würde es übersehen, denn er konnte die wahre Gefahr, die von
diesen Menschen ausging, nicht offen anerkennen. Wenn er sie denn überhaupt erkannt hatte. Er würde zurück kehren in diesen stinkenden Sumpf aus Intrigen, Begünstigungen und Heuchelei und er
würde weiterhin ein manchmal unbeachtetes, manchmal beneidetes kleines Rädchen im Geschehen bleiben.
Ein scharfes, ein blutiges Schwert in einem Haufen von Unrat.
Vielleicht war es das nervöse Pferd, das eine unbedachte Bewegung zur Seite machte. Vielleicht forderte die Sonne und der Schlafmangel ihren Tribut. Vielleicht weigerte sich auch einfach sein
Gehirn den Mühlstein der Gedanken weiter zu ertragen. Jedenfalls glitt der junge Mann aus dem Sattel und schlug dumpf auf dem Boden auf.
Schnell stoppte die kleine Karawane und die Männer beeilten sich ihrem Befehlshaber zu helfen. Sie alle kannten die Wüste, und sie wussten um ihre Tücken. Doch der junge Mann erholte sich rasch.
Er gab den Wasserbeutel zurück nachdem er vorsichtig ein paar Schlucke genommen hatte und sah in das stoppelbärtige, mitleidlose Gesicht des Anführers der Tempeldiener.
„Ich war ein Narr. So ein Narr!“, erklärte er ihm. „Вlind war ich! Mit Blindheit geschlagen!“
Keiner der Tempeldiener verstand, aber sie erlebten nicht zum ersten Mal, dass die Wüste einen Menschen verändern konnte. Sie hatte die Macht den Geist zu verwirren und sie konnte Klarheit
schaffen. Nicht von ungefähr hatten die Väter behauptet, Gott wohne in der Wüste. Der junge Mann schien nicht verwirrt. Viel eher wirkte er, als habe er große Klarheit in der Verwirrung gefunden,
als sehe er seinen Weg wieder vor sich.
„Könnt Ihr reiten, junger Herr?“
Wieder lachte der junge Mann auf und der Anführer war sich mit einem Mal nicht mehr so sicher, ob es nicht doch Wirrheit war, was sich in diesem Kopf festgesetzt hatte.
„Ich kann reiten, mein Freund!“, jubelte Saulus und lachte laut. „Ich kann, und du wirst staunen, was für Dinge ich sonst noch kann!“
Mit weichen Knien zog er sich in seinen Sattel und die kleine Karawane setzte ihren Weg fort. Keiner der drei Legionäre war abgestiegen. Das war eine Sache, welche diese Leute unter sich selbst
ausmachen mussten. Sie kümmerten sich um ihre eigenen Angelegenheiten. Die beiden dunklen Männer hatten sich gelangweilt, der Legionär aus dem fernen Norden hatte den Helm abgenommen und
seine langen, hellen, verschwitzten Haare ausgeschüttelt, dass sie in dem grellen Schein der Sonne leuchteten wie eine Wolke aus Licht.
Gegen Mittag würden sie die Stadt erreichen.
Und es würde ihnen leicht sein, die Jünger des Aufrührers zu finden.
Doch der junge Diener des Tempels dachte nicht mehr daran sie zu vernichten.
Blind war er gewesen, dass er nicht erkannt hatte, dass sich ihm hier einen Weg bot, Ziele zu erreichen, die er selbst noch kaum benennen konnte. Da gab es diese Lehre, die nichts verlangte aber
unendliche Macht bot. Aber sie hatte keinen Führer, keine Struktur.
Das konnte man ändern.
Den Ältesten würde er auswählen zum Führer. Nun, vielleicht nicht den Ältesten sondern einen angesehenen Mann, der leichter zu führen war. Es würde sich zeigen. Um die Struktur würde er sich
schon zu kümmern wissen. Er sah es genau vor sich. Nicht in dem von Neid zerfressenen Jerusalem - mitten in der großen Hauptstadt des Imperiums würde der Haupttempel stehen und selbst der Kaiser
würde um eine Audienz ersuchen müssen. In jedem Dorf, an jeder Kreuzung würde ein Tempel des Verrückten von Nazareth stehen und die Menschen würde es als Gnade empfinden dafür Entbehrungen auf
sich nehmen zu dürfen. Ja selbst in die unerforschten Gebiete jenseits des Imperiums konnte er seine Prediger senden. SEINE Prediger. Denn er würde sie verwalten.
Wenn sie ihn anerkannten.
Doch warum sollten sie das nicht? Hatte er nicht in die Wüste seine Erleuchtung gefunden?
Einen Mann gesehen, dessen Haupt wie von reinem Licht umstrahlt war? War er nicht mit Blindheit geschlagen gewesen und hatte dann seinen Weg gefunden?
- - - * * * - - -
Der Junge mochte vielleicht neun Jahre alt sein, und er war den Tränen nahe. Zwei Schwerter hatte er. Und eigentlich waren die Dinger aus Schaustoff viel zu groß, viel zu unhandlich für ihn, aber
mit der Kraft der Verzweiflung brachte er sie immer wieder hoch um damit nach dem Mann ihm gegenüber zu schlagen. Der lachte nur. Lachte ihn aus, was wirklich schmerzte und parierte jeden seiner
Schläge mit einer Leichtigkeit, die an Missachtung grenzte. Die purer Spott war.
Die Beiden standen auf einer Wiese, etwas abseits der Wege an denen die Händler und Handwerker ihre Stände aufgebaut hatten und auf denen die Besucher des Marktes zwischen den mehr oder weniger
fantasievoll gewandeten Darstellern und ihresgleichen in Jeans, Turnschuhen und Kinderwagen schlenderten. Es war ein schöner Tag, nicht zu warm und nicht zu grell unter den alten Bäumen des
Schlosses und der bunte Mittelaltermarkt war gut besucht.
Für all diese Dinge hatte der kleine Junge keinen Blick. Er biss die Zähne fest aufeinander und sammelte all seine Kraft um mit seinen beiden Schwertern noch einmal nach dem Mann vor ihm zu
schlagen. Und wieder wehrte der lachende Mann den Versuch mit einer Bewegung seines Schwertes aus dem Handgelenk ab, wie man eine Fliege verscheucht. Der Mann hatte seinen Spaß, der Junge fühlte
seine Augen brennen und feucht werden. Es musste, es musste doch möglich sein! Sein Seufzen glich mehr einem Schluchzen, was der Mann ihm gegenüber in seinem überheblichen Spaß nicht
bemerkte, und er hob noch einmal die schweren Dinger in seinen Händen. Er versuchte sie zu heben, aber etwas lag auf ihnen. Ein Stab, ein langer Stock lag mit einem Mal darauf und der Junge
starrte ihn an. Langsam wanderte sein von Tränen verschwommene Blick den Stock weiter und er entdeckte den Mann, der den Stock hielt.
Zuerst sah er die Augen. Helle, braune Augen die zu lächeln schienen. Dann ein Gesicht, dass zeigte, dass dieser Mann um einiges älter war als er oder auch sein Gegner. Eine gerade braune Hose,
ein weites, grobes Hemd, ein brauner, einfacher Umhang. Der Junge blinzelte und überlegte. Einfach …
„Was hast du da in deinen Händen?“, fragte der fremde Mann und unterbrach die Gedanken des Jungen. Der starrte ihn stumm an und das Lächeln in dem zerfurchten Gesicht wurde tiefer während sich
eine Augenbraue hob.
„Äh“, machte der Junge. „Ein – Schwert?“
Jetzt lachte der Mann und nahm den Stock weg ohne sich um den Erwachsenen mit dem Schwert ihnen gegenüber zu kümmern, der verwundert einen Schritt näher gekommen war.
„Ein Schwert?“, fragte der Mann freundlich und stützte sich auf seinen Stock während der Junge ihn verständnislos anstarrte. „Nein, ich glaube nicht“, meinte er dann.
Der Junge runzelte die glatte Stirn und verstand nicht.
„Ich sehe zwei Schwerter“, lächelte der Mann mit dem Stab. „Zwei Schwerter in zwei Händen. Aber du benutzt sie, als hättest du nur eines. Er ist größer und stärker, aber du hast zwei Schwerter.
Also benutze sie auch.“
Er lachte und der Junge starrte ihn völlig gebannt an.
„Rechts!“, sagte der Mann und ganz automatisch hob der Junge die rechte Hand mit dem Schwert und schlug nach seinem Gegner.
„Links!“
Wieder ein Schlag, mit der linken Hand.
„Denk an eine Windmühle mein junger Freund“, grinste der Mann im Umhang. Und: „Rechts!“
Wieder: „Links! Rechts! Links! Rechts! Links!“
Tatsächlich, mit kreisenden Bewegungen schlug der junge Krieger nach seinem Gegner, immer schneller kamen die Schläge und tatsächlich hatte der Erwachsene ihm gegenüber bald durchaus Mühe die auf
ihn nieder prasselnden Angriffe abzuwehren. Irgendwann stoppte der Junge völlig außer Atem und sah sich grinsend um. Aber von dem Mann mit dem Stab und dem braunen Umhang war nichts zu
sehen.
Wie bei jedem guten Mittelaltermarkt hatten sie auch eine Schenke aufgebaut. Eine Holzhütte mit modernster Gastrotechnik und Krügen aus Ton. Auf den langen Bänken davor rasteten die Besucher, die
Aussteller und die Darsteller und es bildete sich schnell ein buntes Gemisch aus den Gestalten mehreren Jahrhunderten. Wobei der Fantasie der Menschen nur ihr Geldbeutel eine Grenze setzte. Da
gab es römische Legionäre in vollständigem Gewand neben Landstreichern, die so zerlumpt waren, dass sie direkt aus dem dreißigjährigen Krieg oder der Altkleidertonne zu stammen schienen.
Landsknechte mit Pluderhosen neben Burgfräulein in mehr oder weniger züchtigen Kleidern. Elfen, Hexen, Ogar, Zwerge und jede Menge Krieger. Ein Ritter stach besonders heraus, denn seine
aufwendige Rüstung war von Helm bis Stiefel in schwarz, sein Umhang war schwarz und mit Federn und Fell besetzt. Zwei Schwerter trug er, die nicht aus Schaumstoff waren und in seinem Gehabe
bildete er ganz selbstverständlich den Mittelpunkt seiner Gruppe. Und die war ansehnlich. Zwei groß gewachsene Elben mit spitzen Ohren und langen Bögen gehörten ebenso dazu wie ein massiger,
rotbärtiger Zwerg mit einer mächtigen Axt. Weit weniger trug seine Begleitung. Eine große, blonde Frau mit ein paar Bahnen Leder, die ihre langen Beine frei gaben und einem Mieder, ebenfalls aus
Leder, dass den Inhalt kaum zu fassen im Stand war. Darüber trug sie einen leichten Umhang um sich und das Schwert an ihrer Seite nicht all zu offensichtlich zur Schau zu stellen, und zu ihrer
Gruppe gehörten auch einige Kinder. Kleine, die gerade mal laufen konnten und auch ein paar ältere.
Der Junge mit den zwei Schwertern saß an dem Tisch, nuckelte lustlos an seine Flasche Fruchtsaft und versuchte den Sprüchen der Erwachsenen zu folgen und sie zu verstehen. Was ihm dank der
ausgelassenen Stimmung nicht einfach gemacht wurde. Er träumte mehr vor sich hin, was ihm mit all den wilden Gestalten rund herum viel leichter war. Doch mit einem Mal sprang er auf und drängte
sich durch die Menschen nach vorne an die Ausschank. Das dort war eindeutig der Mann mit dem Stab und dem Umhang, er war sich sicher. Neben ihm bleib der Junge stehen und wusste nicht, was er
sagen sollte. Der Mann bezahlte eben, nahm seinen Krug und wandte sich um. Sah den Mann an, der dem Jungen gefolgt war und ihm nun die Hand auf die Schulter legte. Und wieder war da das leichte,
freundliche Lächeln in dem Gesicht des Mannes mit dem Stab.
„Danke!“, platzte der Jungen heraus und strahlte ihn an. „Danke!“
Er griff nach dem Umhang, ließ ihn aber wieder los, weil er nicht wusste was er sagen sollte.
„Ich dachte, es wäre Eure Absicht, dass der Junge etwas lernen sollte“, grinste der Mann mit dem Stab den Erwachsenen an, der an seinen Lippen kaute und offensichtlich gar nicht so glücklich
war.
„Er hat mir dann schon ein wenig Mühe gemacht“, gestand er ein und konnte seinen Missmut nicht ganz verbergen. „Nicht wirklich, aber naja, halt doch, ein wenig“, bemühte er sich
einzuschränken.
Und tatsächlich nickte der Mann mit dem Stab ernsthaft.
„Er ist auch kein wirklicher Gegner für Euch“, meinte er und machte einen Schluck aus seinem Krug. „Darum dachte ich, Ihr wolltet ihn ausbilden.“
Wieder kniff der Mann die Lippen zusammen und wusste nicht, was er sagen sollte während der Junge zwischen den beiden Großen hin und her sah und nicht verstand, warum das Gespräch so kühl
war.
Die laute Stimme des schwarzen Ritters unterbrach sie und der forderte, dass man den Mann mit dem Stab zu ihrer Gruppe hinüber bringen sollte. Die Drei folgten der Einladung und tatsächlich stand
der schwarze Ritter auf und breitete die Arme. Lachte, dass der Federbusch an seinem Helm heftig wippte.
„Ihr seit das, habt meinem Neffen gezeigt, wie er seinem Vater an kann“, lachte er . „Ah, ich liebe es! Eine tolle Idee!“
„Es war nicht meine Absicht, jemanden in Bedrängnis zu bringen“, antwortete der Mann kühl und sah sich die Menschen der Gruppe langsam an. „Ich dachte, der Junge sollte etwas lernen. Das wäre die
Absicht dieser Übung.“
Das Lachen den Ritters verstummte verwirrt und er ließ die theatralisch gehobenen Arme langsam sinken. Dafür schlich sich ein spöttische Lächeln über das Gesicht der blonden Frau.
„Vielleicht wäre es wirklich besser, meine lieben Brüder würden sich gegenseitig verprügeln als andere dazu aufzustacheln.“ Sie lachte auf und zeigte zwei Reihen perfekt gebleichter, strahlender
Zähne um den Kopf schief zu legen. „Aber“, meinte sie, „wer seit Ihr? Hier. Jetzt.“
Der Mann im groben Umhang sah sie einen Augenblick an, dann wieder in die Runde und meinte langsam: „Oh, zwischen hier und da draußen, da ist gar nicht so viel Unterschied. Ich bin ein Wanderer.
Immer unterwegs und immer auf der Suche. Friedlich und immer unbewaffnet.“
Tatsächlich hing an seinem Gürtel nur ein Beutel aber einer der beiden Elben machte ein missmutiges Geräusch.
„Unbewaffnet? Dann würdet ihr in den Wäldern nicht lange überleben. Ich bin mir sicher, dass Ihr Euren Stab ganz gut zu handhaben wisst. Wohl auch für allerlei Magie.“
Der Mann besah sich die beiden Elben genauer und glaubte zu erkennen, dass der, der gesprochen hatte ein Mann war, der andere eine Frau. Vielleicht auch nicht, hier war so etwas nicht
wichtig.
„Keine Magie“, meinte er nach einer längeren Pause dann ernsthaft. „Es sei denn, die Kraft der Geschichten ist für Euch Magie. Denn das tue ich, ich erzähle die Geschichten alter Heldentaten und
junger Krieger. Ich singe die alten Lieder und berichte, was mein Publikum hören will.“
„Dann, Herr Wanderer“, meinte der Vater des Jungen spöttisch, „erweist uns doch die Ehre und erzählt uns eine Geschichte.“
Der schwarze Ritter setzte sich und nickte ernsthaft.
„Ja“, bestätigte er. „Erzählt uns eine Geschichte.“
„Eine Geschichte aus Mittelerde“, bestimmte der bisher stumme Elbe und der gar nicht so kleine Zwerg nickte kräftig und brummte seine Zustimmung.
„Und eine Geschichte über Euch selbst, Geschichtenerzähler, wenn ich bitten darf“, setzte die Frau hinzu und betrachtete ihn scharf.
Auch der Mann und der Junge setzten sich wieder. Der Mann mit geringschätzigem Blick, der Junge mit großen Augen.
Der Mann mit dem Stab stelle den Krug vor sich ab und sah ihn eine ganze Weile lang schweigend an. Einen Platz hatten sie ihm gelassen, auf den setzte er sich jetzt und atmete schwer durch. Griff
seinen Stab fester.
„Eine Geschichte euch zu unterhalten. Eine Geschichte aus Mittelerde. Und über mich soll die Geschichte auch noch erzählen. Das ist nicht so einfach.“
Er kratzte sich am Kinn und trank einen Schluck. Der Vater des Jungen wollte schon etwas Schnippisches einwerfen und der Frau zuvor kommen, als der Mann mit dem Stab tief durchatmete und zu
sprechen begann: „Geschichten über mich sind nicht besonders unterhaltsam. Eher sogar langweilig, deshalb werde ich euch von meinem Volk erzählen.“
Er nahm noch einen Schluck und nickte.
„Nun, das Volk von dem ich berichten will, gehört zum Volk der Menschen, zumindest könnte man das auf den ersten Blick annehmen. Wenn man so will, dann leben wir heute nach Tolkien tatsächlich im
Dritten Zeitalter, dem Zeitalter der Menschen. Dem Zeitalter im dem der Mensch das Maß aller Dinge ist. Seine Bedürfnisse, seine Fähigkeiten, seine Unfähigkeit, seine Beschränktheit, sein
Forscherdrang, seine Ignoranz, seine Anpassungsfähigkeit und seine Intoleranz anderem gegenüber. Dieses Zeitalter begann von etwa 3.000 Jahren als die ersten Stämme sich zusammen schlossen,
Handelswege anlegten und erstmals mehrere Völker unter einem Namen auftraten, den Celtoi. Sie, die wir heute Kelten nennen, waren die ersten, die die Herrschaft der Menschen in diesen Landen
errichteten.
Das Zweite Zeitalter, das Zeitalter davor? Nun, bunter war das Bild damals. Vielfältig wenngleich nicht unbedingt friedlich, wie ihr wisst. Aber eigentlich mieden die Menschen jener Zeit die
Berge. Sie mieden auch die großen Wälder und Sümpfe. In den Bergen lebten die Zwerge, in den großen Wäldern und Sümpfen das Volk der Elben. Naturverbunden und kundig in vielerlei Künsten waren
die Völker. Aber auch sie lebten bereits in größeren Siedlungen, hatten Wege und trieben Handel. Diese Zeit kennen wir heute als die Zeit der Magier und Drachen. Die Zeit der großen Helden und
der kleinlichen Kriege. Wer über diese Zeiten mehr erfahren will, der möge bei Tolkien und anderen nachlesen.
Denn das Volk, das man heute manchmal auch das Alte Volk nennt, stammt aus dem Ersten Zeitalter, der dunklen Zeit davor. Dieses Volk trug keinen Namen, doch weil es am Ende seiner Zeit wie die
Ents in und um den großen Nordwald lebte, dem Coil noutentant, so nannte die, die später kamen, sie die Waldwesen oder Coilan. Ein altes Volk war es, dessen Ursprünge sich im Dunkel der Zeit
verlor. Ein Volk, nicht von den Menschen zu unterscheiden, doch damals ohne Herrscher und ohne Drang zu herrschen. Denn tief eingewoben waren sie in das Bewusstsein des Lebens. Geschwister von
Baum und Tier waren sie. Freund mit Stein und Wasser. Götter kannten sie, doch über allem stand der Odem des Lebens.
In jener Zeit, als noch nicht jeder Berg seinen goldbehangenen Zwergenkönig hatte, als das Volk der Elfen noch jung und neugierig war und als die Menschen noch behutsam ihre ersten Ackerfurchen
zogen, da waren die Coilan voll der magischen Kraft des Lebens. Das, was die Menschen heute Magie nennen, war ihnen fremd, denn es gab keinen Grund etwas beherrschen zu wollen. Sie WAREN das, was
sie hätten beherrschen können. Doch weil sie dem Lebens so verbunden waren, darum hassten sie den Tod aus tiefstem Herzen. Und sie waren nicht nur alt, sie waren auch Menschen, also trugen sie
neben den großen Kenntnissen der alten Zeit auch die drei Merkmale der Menschen in sich – stolz waren sie, eitel – und dumm! Sie hassten den Tod so sehr, dass sie begannen sich aus aller Kraft
der Magie zu widmen um ihm entgegen zu treten. Darum gelang es ihnen mit all ihren Kenntnissen und indem das ganze Volk, jeder einzelne, seine magische Kraft einbrachte, das große Ziel zu
erreichen. In einer einzigen, hellen Nacht versammelte sich ein ganzes Volk. Jeder Mann, jede Frau, jedes Kind verschmolz seine Kraft und seine Magie. So überwanden sie den Tod. So schufen sie
sich in jener Nacht die Unsterblichkeit. Sie schufen sich den grausamsten Fluch aller Zeiten.
Mit all ihrer Kraft überwand die Gemeinschaft den Tod. Doch in ihrer blinden Eitelkeit dachten sie nicht darüber hinaus. Denn der Schmerz ihrer Wunden blieb ihnen erhalten. So wie Krankheit und
die Erschöpfung des Körpers und des Geistes. Und auch wenn der Tod sich von ihnen abgewandt hatte, so konnten sie doch sterben – um mit dem nächsten Sonnenaufgang von dem verschmähten Tod wieder
in ein neues Leben ausgespuckt zu werden. Doch was war das für ein Leben! Ein Coilan, gefangen in einer Höhle, blieb auch gefangen. Denn er konnte den Bruder Stein nur bitten sich zu öffnen, er
konnte es ihm nicht befehlen. Ein Coilan, den ein Drache verschlungen hatte wurde verdaut, wie jeder andere. Verletzungen am Körper mochten verheilten oder in einem neuen Leben nicht mehr
vorhanden sein, aber die Verstümmelungen der Seele blieben erhalten, ebenso die Krankheiten. So dauerte es nicht lange bis das Alte Volk erkannte, welchen Fluch sie auf sich geladen hatten. Nun,
es gab einen Ausweg, denn es gibt nun einmal keinen Zauber ohne Auflösung. So hieß es, dass der Tod noch immer möglich war - wenn er dem Coilan von einem gebracht wurde, der reinen Herzens war
und es für eine gute Sache tat. Aber Helden mit reinem Herzen, die trotzdem töten, sind selten. Manche der Geschichten aus der alten Zeit behaupteten, dass dies der eigentliche Grund war, warum
viele Coilan sich der Dunklen Seite zuwandten – um den Tod durch die Hand eines Helden zu finden. Ich kannte sie und kannte die Monster in ihren Herzen und ich bin mir da nicht so sicher. Denn
sehr bald war die Gier nach Macht und Besitz stark in ihnen. Andere bezahlten ihre Befreiung vom Tod mit einem unbezähmbaren Hass auf alles Lebendige, auf alle, denen es vergönnt war die Ruhe des
Todes zu finden. Aber Gier und Hass sind für keinen guten Ratgeber, darum verschwanden die Coilan trotz allem allmählich in den Zeitaltern. Sie verschwanden so gründlich und spurlos, dass es
heute nicht einmal mehr Geschichten über sie gibt. Das hat auch einen guten Grund, weil sie nämlich noch nicht vollkommen verschwunden sind. Die wenigen, die erkannten, dass Gier und Hass kein
Weg sind, der an ein Ziel führt, diese gingen den dritten Weg. Der Kampf mit der Unwissenheit nahmen sie auf, ihrer eigenen und die der Menschen. Der Magie haben sie abgeschworen obwohl die Kraft
manchmal noch stark in ihnen ist. Noch immer sind sie Geschwister von Baum und Tier. Noch immer sind sie befreundet mit Stein und Wasser. Sie wandern noch immer durch die Welt, sie lernen und
manchmal da lehren sie. Manche indem sie Fragen stellen. Scheinbar dumme und unnütze Fragen. Manche erzählen Geschichten. Scheinbar verrückte Geschichten. Geschichten für Kinder und für
Erwachsene. Geschichten voller Lügen, die wie Wahrheiten klingen und voller Wahrheiten, die nichts als Lügen zu sein scheinen.“
Der Mann griff nach seinem Krug und nahm genüsslich einen langen Schluck. Während die Menschen rund um ihn verwirrt und gebannt schwiegen.
„Fassen wir zusammen – eine Geschichte über mich und mein Volk wolltet ihr. Und ich behaupte nun so an die fünftausend Jahre alt zu sein und aus einem mystischen Volk zu stammen von dem ihr noch
niemals etwas gehört habt. Ich erzähle eine Geschichte, was angeblich sogar mein Beruf ist, in der es kaum Fakten aber zuhauf unbewiesene Behauptungen gibt. Und selbst das, was ich an Fakten
anbiete, ist nicht überprüfbar. Archäologisch nicht, weil es über ein Volk wie das von mir beschriebene weder Aufzeichnungen noch Funde gibt. Doch verweise ich auf ein Gebiet, in dem es auch kaum
anderen Funde aus den Zeiten nach der Jungsteinzeit gibt, was allein schon ein Rätsel ist. Anthropologisch nicht, weil ich mit meinem Körperbau kein ‚lebender Ötzi‘ sein kann. Doch wissen wir,
dass der Körper nach sieben Jahren so ziemlich alle Zellen erneuert hat. Unsterblichkeit wäre biologisch gesehen also zu erreichen, wenn man die Regenerationsfähigkeit der Zellen unbegrenzt
aktivieren könnte, was aber auch bedeuten könnte, dass der unsterbliche Körper auch alle anderen Veränderungen durchlaufen können müsste. Als Menschen, die mit beiden Beinen fest im Leben stehen,
wisst ihr, dass Unsterblichkeit in einem wissenschaftlichen Weltbild nicht möglich ist, darum könnt ihr die vorher angeführten Überlegungen unbeachtet beiseite schieben. Die Deutschen hatten, als
sie mich 1942 in Südfrankreich aufgriffen eine sehr einfache Art meine Angaben zu überprüfen – sie haben mich erschossen. An sich war es für eine gute Sache, nämlich die wissenschaftliche
Erkenntnis, allerdings hat es dann doch nicht so richtig funktioniert, weil sie nicht verstanden haben. Und irgendetwas sagt mir, dass ihr diese einfache Form der empirischen Überprüfung nicht
anwenden werden.
Eine Geschichte aus Mittelerde? Ich habe somit die große Schlacht am Fuß der Weißen Berge gesehen. Als die Elfen versuchten die Zwerge aus ihren Höhlen zu vertreiben um an ihr Gold zu kommen. Als
der Grundstein zum Misstrauen zwischen diesen beiden Völkern gelegt wurde. Man sagt, dass der Balrok von Kazzadoom alles tötet, Zwerg, Elb, Mensch oder Ork, was die Hallen zu durchqueren
versucht. Nur einen Mann ließ er ungehindert passieren, sagt man, den nannte er Bruder. Man erzählt von Menschen, die den mächtigsten Zauber abschütteln können, die aber selbst keine Magie
anwenden, denn Magie bedeute etwas zu beherrschen und das wollten oder können sie nicht. Man erzählt sich noch heute die Geschichte, als die dunkle Armee der Orks das Blautannental überrannte und
alles niedermetzelte. Eine Geschichte voller todesmutiger Männer und Frauen. Voll Leid, Kampf und Tränen. Oft habe ich sie schon erzählt. Da saß ein Mann auf dem Marktplatz und schnitzte an
seinem Wanderstab, als würde nicht die Welt um ihn im Blut ertrinken. Nun, er wird wohl ein paar der Orks getötet haben. Die, die ihn störten, aber er hat keinen Finger gerührt um den Menschen zu
helfen. Es ist nicht ganz die Wahrheit, dass es keine Geschichten mehr gibt. Immer wieder tauchen sie auf in den Geschichten. Aber sie lehren nicht und sie helfen nicht. Warum half der Mann am
Marktplatz nicht? Nun, ein Ork liebt sein Leben ebenso wie ein Mensch. Und was haben die Menschen getan bevor die Orks in das Blautannental kamen? Sie haben den Fluss und den See vergiftet, dass
nichts mehr darin leben konnte. Die uralten Wälder haben sie gerodet und alles Leben darin getötet. Den Berge haben sie mächtige Wunden gerissen und Zwerge hielten sie als Sklaven, behandelten
selbst ihre Schweine besser. Und alles nur um an das blau leuchtende Gold der Bergelfen zu gelangen. Nennt mir nur einen Grund, nur einen einzigen, warum er den Menschen hätte helfen sollen! Weil
er ein Mensch war wie sie? Ich spucke auf die Menschen! Sie sind feige, habgierig und dumm. Zwerge sind tollkühn, habgierig und dumm. Elben sind übervoll von Stolz, eingebildet und nicht weniger
habgierig als alle anderen. Und die Orks sind alles zusammen. Was hätte es auch geholfen ein paar Dutzend Orks abzuschlachten. Da waren Hunderte von ihnen. Noch einmal – der Schmerz und die
Trauer eines Orks sind nicht weniger wert als die anderer Wesen. Wir alle sind Kinder eines Odems. Jedes Leben trägt in sich die gleiche Göttlichkeit. Woher sollte er das Recht haben ein Leben zu
nehmen um ein anderes zu bewahren? Wie sollte er so eine Entscheidung treffen können? Einmal beschrieb einen aus dem Volk jemand mit den Worten ‚Ein großer Krieger, ein mächtiger Magier – von
sich selbst in Ketten gelegt und mit Bann gebunden. Er hättet den Menschen zumindest helfen sollen. Sie führen.‘ – Oh, sie habe es versucht. An welche Götter auch immer Ihr glauben mögt, sie
sollen meine Zeugen sein, sie habe es versucht. Aber Dankbarkeit und Einsicht sind nicht Menschenart. Erschlagen wurden sie dafür. Oder zumindest verjagt.
Die Menschen fürchten uns, die Zwerge hassen uns, die Elfen gehen uns aus dem Weg, weil wir das Geheimnis ihrer Herkunft kennen. Die Orks sehen in allem was nicht Ork ist, einen Feind. Und die
Magier, die als Einzige von den alten Geschichten wissen, die fürchten und verachten uns zugleich. Darum geben wir uns nicht zu erkennen, sondern wandern von Ort zu Ort. Mischen uns nirgends ein
und versuchen in nichts hineingezogen zu werden. Ganz wenige wissen von unserer Existenz und kaum einer davon erkennt uns.
Doch eines habe ich in all den Jahrhunderten der Wanderschaft gelernt – nichts geschieht ohne Grund. Darum muss das Leben auch einen Grund für unsere Existenz kennen.
So suche ich nach anderen wie mir obwohl ich mit ziemlicher Sicherheit weiß, dass es wohl keine mehr gibt. Und ich suche nach der Antwort auf eine Geschichte – Man sagt weit im Süden lebte ein
weiser Mann, der hatte viele Feinde, aber sie konnten ihn nicht töten, denn jeder der es versuchte, begann zuvor ihn zu lieben. Darum warteten seine Feinde bis er auf seiner Wanderschaft durch
einen Hohlweg kam und jagten einen Horde rasend wilder Büffel hinunter. Am anderen Ende kamen die Büffel wieder. Lammfromm und der wildeste unter ihnen ließ den weisen Mann auf sich reiten.
Mit der Macht dieses Mann wäre die Magie der Coilan vollendet, aber was ist es, dieses Geheimnis?
Oder ist das alles nur eine große Lüge?“