Nach der Explosion in einem Wiener Lagerhaus findet die Polizei einige Leichen die zumindest eines gemeinsam haben – alle diese Personen waren schon vor Ausbruch des Feuers getötet worden.
Was bleibt ist die Frage ob ein CIA-Mann namens Brown an dem Inferno beteiligt war. Und, wie Karl Meixner seine Verletzungen überleben soll.
Ein Jahr später schickt die CIA einen jungen Agenten auf seinen ersten Auslandseinsatz nach Europa und stellt ihm Jonathan W. Merryweather von der Wiener US-Botschaft zur Seite. Man hält die Zeit
für gekommen um den abtrünnigen Jim Brown endlich zu stoppen. Doch Merryweather muss erkennen, dass Vieles bei dem Einsatz nicht in normalen Bahnen läuft. Gewichtige Interessen sind zu wahren,
alte Geschichten werden ans Licht gezerrt und so ganz allmählich erhält eine verborgene Realität eine neue, erschreckende Dimension.
Auch mit dem Ende des Kalten Krieges hat Wien als Drehscheibe der Geheimdienste nichts an Brisanz verloren. Es wurde nur schwerer zu entscheiden, wer Freund ist, und wer Feind.
ISBN: 9-7838-4826-9471
Mark Gold Zyklus V
Fata Morgana … von der Suche
ERVIN
Version 2021
Die drei Männer an der Ecke gaben sich alle Mühe gelangweilt auszusehen. Eine Tätigkeit in der sie geübt zu sein schienen, da es ihnen vortrefflich gelang. Doch dieser erste Eindruck täuschte.
Und genau das war sein Zweck.
Joe Daboli lehnte an der Mauer, sah in den morgendlichen Himmel und paffte in Gedanken versunken an seiner filterlosen Zigarette. Es war bereits die zweite in wenigen Minuten und ein untrügliches
Zeichen für seine Nervosität. Die beiden anderen Männer hatten die Köpfe zusammen gesteckt und unterhielten sich leise. Soweit das Zusammenstecken der Köpfe funktionierte bei einem hageren Riesen
und einem nicht wirklich groß geratenen Schönling.
Über den Häusern erhob sich in diesem Moment ein riesiger, flachgedrückter Feuerball, der nach oben zu wachsen schien. Es versprach ein ruhiger Sonntag zu werden und die meisten der Menschen
verschliefen diesen Anblick und seinen Beginn. In den verstaubten Alleebäumen auf der anderen Straßenseite tummelte sich in diesen ersten Sonnenstrahlen eine Gruppe Spatzen. Zwei Tauben
stolzierten ziellos auf der leeren Fahrbahn herum. Ein unscheinbarer Mann trat aus einem der umliegenden Wohnhäuser und blinzelte in die aufgehende Sonne. Er wirkte übermüdet aber aufgeregt als
er eine Reisetasche in einem Wagen verstaute und sich anschickte, sich hinter das Lenkrad zu klemmen. Nichts von alledem entging Daboli trotz seiner schläfrigen Miene. Währenddessen war ein
weiterer Wagen in die kleine Straße gebogen und hatte die Stille des Morgens gestört. Ein großer Wagen, an dem das Auffälligste seine unbestimmte braune Farbe war. Er schob sich schon nach
wenigen Metern in eine Parklücke. Für einen kurzen Augenblick begegneten sich die Blicke der beiden Männer. Der eine Mann, brünett, mittelgroß und bleich vom Mangel an Schlaf, der in seinen Wagen
stieg und der andere, groß, dunkelhaarig und braungebrannt, der seinen Wagen abstellte und sich anschickte auszusteigen. Für einen Augenblick, so wirkte es zumindest auf Joe Daboli, schienen die
beiden zu stocken. Dann ging jeder wieder ungerührt seinen Beschäftigungen nach. Tatsächlich hatte Karl Meixner für den Bruchteil einer Sekunde gezögert. In dem Augenblick, als sich ihre Blick
begegnet waren, da hatte er das Gefühl gehabt, diesen Mann zu kennen. Mehr noch, da war das Gefühl von Vertrautheit gewesen. Jene Verbundenheit zweier Geister, die in ihrer Intensität und Tiefe
über das menschliche Verständnis hinaus ging. Auch der andere hatte überrascht geblinzelt, startete dann aber seinen Wagen und fuhr davon. Also schob Meixner diese kurze Eingebung aus seinen
Gedanken.
Es gab noch anderes zu tun, Wichtigeres. Und das erforderte ohnehin seine ganze Aufmerksamkeit.
Als er zu den drei Männern an der Mauer trat begrüssten ihn die beiden so ungleichen Männer mit einem kurzen Blick und Joe Daboli mit einer hochgezogenen Augenbraue.
Karl Meixner sagte sogar einen ganzen Satz.
“Irgend etwas an der Geschichte ist faul.”
Die zweite Augenbraue folgte der ersten nach oben als Daboli die Zigarette wegwarf und automatisch austrat.
“Wie kommst du darauf?” fragte er dabei.
Meixner kratzte sich am Kinn und studierte dabei die Häuserfront auf der anderen Straßenseite.
“In den Straßen rund um den Häuserblock stehen so viele Polizeiwagen und Einsatzkräfte, dass man meinen könnte, sie wären aus den umliegenden Bezirken zusammengezogen. Sieht so aus, als planten
die etwas.”
“Unterstützung für uns?”
Meixner trat einen Schritt weg um durch die Einfahrt vorsichtig in den Hof sehen zu können. Dort standen die große dunkle Limousine und der weiße Kastenwagen noch so, wie er sie zuletzt gesehen
hatte.
“Nein, sicher nicht”, murmelte er dabei und dachte an die Einsparungen der letzten Zeit. Manchmal erschien es ihm tatsächlich so, als würden Politiker zwar Gesetze erlassen, aber auf der anderen
Seite auch alles tun, damit diese Gesetze nicht eingehalten werden mussten. Was die Vermutung nahe legte, dass Gesetze eben nur für den oft zitierten kleinen Mann von der Straße galten. “Nein,
ich fürchte, die Polizei kocht ihre eigene Suppe. Vielleicht spielt heute der Sportclub, das Stadion ist nicht weit von hier. Da ziehen sie immer mehr Leute zusammen, sogar mehr als bei jedem
Staatsbesuch. Aber was immer sie auch tun, sie werden damit womöglich unsere Leute aufscheuchen, bevor wir sie festnageln können. Bei euch was Neues?”
“Allerdings”, bestätigte Daboli und grinste schief. “Irgend etwas an der Geschichte ist faul.”
Diesmal war Meixner an der Reihe seinen Partner überrascht anzusehen.
“Was gefällt dir nicht?”
Daboli angelte automatisch die zerknautschte Packung Zigaretten aus der Jacke, steckte sie aber mit einem Seufzer ungeöffnet wieder zurück.
“Kaum, dass du weg warst sind drei Arbeiter gekommen und in die Lagerhalle gegangen.”
Meixners Lippen zogen sich zu einem dünnen Strich zusammen als er überlegte.
“Ziemlich früh am Morgen für Arbeiter. Noch dazu an einem Sonntag.”
Daboli grinste und schüttelte den Kopf.
“Es kommt noch schlimmer”, meinte er dabei. “Jeder von ihnen trug eine Werkzeugkiste. Dreimal das gleiche Modell. Neu und ungebraucht. Zwei trugen Militärstiefel, einer trug teure italienische
Designerschuhe. Und jeder von ihnen hatte seinen leuchtend gelben Schutzhelm auf dem Kopf!”
“Teure Schuhe würde ich einem Arbeiter noch zugestehen, aber kein Österreicher im Blaumann kommt auf die Idee einen Schutzhelm auf der Straße zu tragen.”
“Ich möchte fast sagen, kein europäischer Arbeiter käme auf diese Idee!”, setzte Daboli nach.
“Sonst gab es keine Bewegung”, mischte sich jetzt auch der große, hagere Mann ins Gespräch. “Am Morgen habe ich den Ami über den Hof gehen gesehen. Dafür, dass er jetzt seit über 48 Stunden in
dem Loch haust, sah er aus wie aus dem Ei gepellt.”
“Das ist eben ein Profi!”, setzte der Kleine nach. “Der verbringt mehr Zeit seines Lebens in Unterschlüpfen als eine Nutte im Bett.”
Meixner nickte gedankenverloren und grübelte stumm vor sich hin.
“Okay, der Junge ist ein Profi”, knurrte der Hagere, “soviel steht fest. Und wenn die Russen nicht so unvorsichtig gewesen wären, hätten wir nie von ihm Wind bekommen. Aber was hilft uns
das?”
“Auch wenn sie Mitglieder eines Verbrechersyndikates der ehemaligen UdSSR sind, so sind es doch Ukrainer und keine Russen”, korrigierte ihn Meixner halbherzig. Der Hagere zog eine Grimasse, die
nur zu deutlich seine Meinung über die Nationalitäten des Ostblocks spiegelte, aber Meixner starrte nach wie vor angestrengt auf den abblätternden Verputz der Mauer und dachte nach. Plötzlich
ruckte er herum.
“Haben die drei mit dem Fahrer gesprochen?”
Verdutzt sah ihn Daboli an und versuchte sich zu erinnern.
“Ja, ich glaube. Zuerst haben sie wohl ein paar Worte mit dem Fahrer im Van gewechselt, bevor sie in das Gebäude gegangen sind.”
Meixner trat wieder einen Schritt auf die Straße um in den Hof sehen zu können. Und dann noch einen. Mit einem Sprung stand er wieder neben der Einfahrt. Und hatte seine Waffe in der Hand. In
einem Reflex folgten die drei Männer seinem Beispiel.
“Wir gehen rein!”, entschied Meixner.
In der Deckung eines Stapels Kisten huschten sie geduckt in den Hof. Dort ließen sie den Kleinen zurück und querten zu dritt eilig die freien Meter zu dem Van mit den abgedunkelten
Scheiben.
Der Fahrer hatte den Kopf gegen die Nackenstütze gelegt und schien mit offenem Mund zu schnarchen. Doch aus der Nähe sah man das dünne Rinnsal Blut, das aus der Nase kam und an der Oberlippe
stockte.
“Verdammt!”, stampfte Daboli wütend auf. “Ich hätte mir denken müssen, dass ein Fahrer bei so einem Deal nicht einfach pennt!”
Während Daboli noch an seiner Wut kaute, untersuchte Meixner den Mann ohne eine Verletzung zu finden. Überrascht sah er noch einmal genauer hin und entdeckte das zertrümmerte, verkrustete
Innenohr wo eine sehr kleine Kugel eingedrungen war um das Gehirn zu zerschmettern.
Diese Entdeckung löste bei Meixner ein leises Ziehen in der Magengegend aus. Schnell überschlug er noch einmal die Situation. Da war der Ukrainer, der seine Finger tief in allerlei
Schmuggelgeschäften hatte und mit ihm seine zwei Leibwächtern, sowie der jetzt tote Fahrer. Dann hatten sie da diesen unbekannten Amerikaner. Zumindest hatte er einen amerikanischen Pass
vorgewiesen und war mit einem Flug aus Boston nach Paris gekommen. Wo er sofort untergetaucht und verschwunden war. Wäre nicht einer der Leibwächter des Ukrainers noch immer auf der
Fahndungsliste gewesen, sie hätten niemals von diesem Treffen erfahren.
“Okay”, meinte Daboli, “jetzt haben wir eine Leiche. Also haben wir eine Handhabe. Rufen wir die Kripo?”
Meixner schüttelte den Kopf und kaute weiter auf seiner Lippe. Bis die Kriminalpolizei hier war, würde zu viel Zeit vergehen. Die Polizisten rund herum machten auch so zu viel Wirbel. Und sie
hatten noch immer nicht die leiseste Ahnung, was diese Männer hier zusammen führte! Zumindest war sich Meixner sicher, dass die beiden Männer sich nicht trafen, um Erinnerungen an die gute alte
Zeit auszutauschen. Er war sich auch sicher, dass der Pass des merkwürdigen Amerikaners falsch war. Wenngleich es sicherlich eine Unzahl von Männern gab, die von Geburt an den Namen Jim Brown
trugen. Aber dieser Name in Verbindung mit einem Profi, der eine Vorliebe für Sonnenbrillen und schwarze Anzüge zeigte, das war einfach so auffällig, dass es sich nur um die Visitenkarte des CIA
handeln konnte. Doch das alles waren keine Fakten. Und bevor der Oberst auch nur daran dachte den Fall an die zuständige Dienststelle abzugeben, benötigten sie Fakten. Harte Fakten. Zumindest
irgend etwas, dass härter war als diese ganzen Vermutungen. Leiche hin oder her. Und jetzt waren da auch noch die anderen drei Männer aufgetaucht. Männer die sich nicht europäisch verhielten und
ohne Bedenken aber äußerst präzise, töteten. Für einen Moment verfluchte er den Oberst und wünschte sich, das Einsatzkommando der Polizei wäre wirklich zu ihrer Unterstützung da.
Der Hagere hatte inzwischen vorsichtig die Schiebetüre auf ihrer Seite geöffnet und den Laderaum begutachtet.
“Nur zwei große Hartschalenkoffer. Verschlossen”, brummte er leise. “Und schwer!” setzte er nach einem Versuch sie zu bewegen noch hinzu.
Meixner gab ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er bleiben sollte, wo er war und huschte mit Daboli weiter hinter ein paar Fässer in der Einfahrt der Lagerhalle. Mit der freien Hand
bediente er sein kleines Funkgerät.
“Eins an Fünf. Lagebericht”, sagte er und sah dabei unwillkürlich zu den Fenstern auf der anderen Straßenseite hinauf, obwohl er sicher sein konnte, auf diese Entfernung nichts zu erkennen.
“Keine Änderung”, krächzte es zur Antwort. “Sie befinden sich immer noch in dem Büro im Obergeschoss, das auf den Hof hinaus geht. Und ich kann immer noch nichts verstehen!”
Das Richtmikro empfing die Schwingungen bei normalen Fensterscheiben einwandfrei, aber etwas an den verstaubten, uralten Scheiben des Lagerhauses schien anders zu sein. Meixner hatte sich vor
seiner Runde um den Block in der stickigen Dachkammer selbst davon überzeugt, dass man zwar Stimmen vernahm, diese aber so verzerrt waren, dass es wohl einige Zeit dauern würde, bis man das Band
ausgewertet hatte. Zeit, die sie nicht hatten. Denn für diese Männer war Wien nur Treffpunkt. Sozusagen neutraler Boden auf dem man sich traf, seine Geschäfte abwickelte und wieder verschwand.
Weder das Ende des Kalten Krieges noch die Annäherung der westlichen Welt an die Oststaaten hatten daran etwas geändert.
Aus den Augenwinkeln sah Meixner, wie der Hagere die beiden Koffer aus dem Wagen zerrte und damit aus dem Hof schlich.
“Ist Joschi jetzt völlig verrückt geworden?” fauchte Daboli, der seinen Kollegen ebenfalls bemerkt hatte. Doch bevor sie reagieren konnten, kreischte das Funkgerät wieder auf.
“Achtung! Irgend jemand hat jetzt was geschrien – so wie ‚fucking hands up‘!”
Eine Sekunde blieb das Funkgerät still als der Mann in der Düsternis der Dachkammer aufmerksam lauschte. Dann überschlug sich seine Stimme hektisch.
“Irgendwas läuft schief! Die schreien durcheinander – hört sich an wie englisch mit ein paar Brocken russisch. Das hört sich an wie ...”
Ein donnernder Knall zerriss alle Geräusche. Fast gleichzeitig klirrte ein großer, dunkler Körper durch die Glasscheibe im ersten Stock und schlug mitten im Hof auf. In lustigen Hopsern sprang
der grellgelbe Helm davon und schnell breitete sich unter dem regungslosen Körper eine dunkle Lache aus.
Ohne weiter zu überlegen drangen die beiden Männer in die Halle vor. Von oben dröhnte das Geknatter von Schüssen. Automatische Waffen im panischen Stakkato, großkalibrige Pistolen und dazwischen
immer wieder das Wummern einer Pumpgun. Zur Balustrade über der Halle und zu den Büroräumen führte eine eiserne Treppe auf der sie völlig ungeschützt waren. In der Halle war niemand zu entdecken,
so erklommen die beiden Männer die Stufen nach oben so schnell wie möglich – um im letzten Drittel dann doch zu erstarren. Durch große, schmutzige Scheiben sahen sie in den Hof. Sahen die
schwarze Limousine. Sahen den Van, der ein paar Querschläger abbekommen hatten. Und sie sahen ihren hageren Kollegen überrascht durch das Tor mitten in den Hof laufen. Die Waffe trug er in der
Hand. Und er blieb stehen. Offensichtlich hatte ihn der Kleine aus seiner Deckung heraus angerufen. Noch immer verwirrt drehte er sich zu seinem Kollegen herum. Und begriff seinen Fehler. Begriff
ihn zu spät.
Die beiden erstarrten Männer auf der Treppe bemerkten das veränderte Geräusch der Detonationen, als die Schüsse nach draußen gingen. Sahen die Kugeln einer automatischen Waffe auf dem Asphalt
aufspritzen und sahen den Körper ihres Freundes im skurrilen Tanz unter der Wucht der Einschläge herum wirbeln.
Mit einem Schrei stürmte Daboli vorwärts auf die Balustrade und auf die Tür dort oben zu. Meixner wollte es ihm gleichtun. Auch er empfand das dringende Bedürfnis hinauf zu stürmen, aber er stand
wie angewurzelt. Für den Bruchteil einer Sekunde war er von sich selbst überrascht. Im nächsten dämmerte es ihm.
‚Halt!‘ wollte er rufen, aber Daboli hatte die Klinke bereits gedrückt. Eine mächtige Explosion schleuderte den schlanken Mann über das Geländer in die Halle. Trümmer und Splitter surrten herum,
schrammten über den dunklen Mann auf der Treppe und landeten teilweise noch brennend in der ganzen Halle wo das Feuer schnell neue Nahrung fand.
Mit einem Sprung über das Geländer war Meixner ebenfalls unten und schob vorsichtig einige der größeren Trümmer zur Seite. Was zerfetzt darunter lag war nicht mehr lebendig und kaum mehr
menschlich.
Er atmete tief durch und fühlte, wie sich seine Hand um das Holzstück krampfte, dass er eben aufgehoben hatte. Angewidert warf er es quer durch die Halle. Die drei Männer hatten Sprengfallen an
den Türen angebracht bevor sie hinein gegangen waren. Das konnte nur bedeuten, dass sie keine Absicht hatten, irgend jemanden am Leben zu lassen. Sie waren hier um ohne Bedenken und ohne Ausnahme
zu töten!
Im nächsten Augenblick verschwand Meixner wie ein düsterer Schatten hinter einer Betonsäule. Denn mit lautem Geschrei stürmte ein Mann oben aus dem schwarzen Loch, das früher eine Tür gewesen war
und verteilte blindlings heißes Blei aus seiner stumpfnasigen Maschinenpistole in der ganzen Halle. Die Querschläger jaulten beängstigend von Beton zu Stahl. Weiter hinten in dem Gitterkäfig, von
Gasflasche zu Gasflasche. Als das Magazin leer war und sich nichts bewegte wurde er ruhiger, ließ das leere Magazin zu Boden scheppern und suchte mit der Hand in seiner Jackentasche nach einem
neuen.
Beide Kugeln Meixners trafen ihr Ziel. Der Mann wurde neben der Tür gegen die Wand geschleudert und rutschte dann nach unten, einen hässlichen roten Fleck neben dem verkohlten Türrahmen
hinterlassend. Behutsam kam Meixner die Treppe hinauf und vergewisserte sich, dass der bullige Mann im dunklen Anzug, wahrscheinlich einer der Leibwächter, der mit der Hand in der Tasche neben
der Tür saß, niemanden mehr töten würde. Vorsichtig schob er sich dann weiter, durch den verkohlten Türrahmen in die Büroräume. All seine Aufmerksamkeit konzentrierte er nach vorne. Dorthin, wo
jetzt auch die zweite Maschinenpistole verstummt war. Nur mehr vereinzelte Schüsse waren zu hören.
Doch selbst wenn Meixner besser hingehört hätte, das leise Zischen des beschädigten Ventils auf der Gasflasche neben der Werkbank wurde von den knisternden Bränden übertönt.
Vorsichtig schob er sich in das große Büro mit Blick auf den Hof. Gerade rechtzeitig kam er um zu sehen, wie der Ukrainer den toten Fahrer aus dem Van zerrte und sich damit davon machte. Um auf
der Straße sofort von einer Anzahl vermummter Polizisten umstellt zu werden. Meixner hätte in diesem Augenblick so etwas wie Genugtuung empfinden sollen, aber seine Aufmerksamkeit wurde von etwas
anderem gebannt – an der schwarzen Limousine lag Iwalansky, der kleine Kollege mit den langen, seidigen Haaren. Er lag mit dem Gesicht auf dem Asphalt und er lag wie jemand, der tot genug war um
den Asphalt nicht mehr zu fühlen.
Für einen kurzen Augenblick schloss Meixner die Augen und atmete resigniert aus. Das Ganze hätte nichts weiter als eine Aufklärungsaktion werden sollten. Jetzt waren drei seiner Leute tot, eine
Lagerhalle mitten in einem Wohngebiet brannte lichterloh und einige der schiesswütigen Killer schlichen noch immer herum.
Neben einem schweren Eisenschrank lag ein Mann im blauen Overall. Er trug teure Designerschuhe und die Hälfte seines Oberkörpers war verschwunden. Meixner starrte auf den roten Matsch zu seinen
Füßen den eine Pumpgun aus nächster Nähe angerichtet hatte. Insgeheim wunderte er sich darüber, dass dieser Anblick ihm zwar nicht angenehm war, aber sonst keine tieferen Reaktionen bei ihm
auslöste. Er wollte sich schon abwenden, als ihm auffiel, dass der Mann etwas in seiner verkrampften Hand hielt. Es war ein kleiner Bund mit zwei Schlüssel. Möglicherweise hatte er im Augenblick
seines Todes jemanden festgehalten. Wie auch immer der Tote an die Schlüsseln gekommen sein mochte, Meixner löste sie aus den starren Fingern und ließ sie in seine Hosentasche gleiten. Und als er
sich abwandte, da hatte er sie auch schon wieder vergessen.
Auf der anderen Seite des Schreibtisches lag einer der Leibwächter des Schmugglers. Auch wenn er besser aussah als sein Gegner, so war er doch nicht weniger tot.
Meixner drückte sich an die zerfetzte Wand und übersah noch einmal den Raum. Offensichtlich hatten der Amerikaner und der Ukrainer an dem Tisch gesessen, als durch die andere Tür die Angreifer
gekommen waren. Und plötzlich wurde Meixner bewusst, dass in dieser trügerischen Ruhe etwas nicht stimmen konnte. Zwei der Angreifer waren tot. Die beiden Leibwächter waren tot. Der Schmuggler
festgenommen. Also mussten noch der dritte Mann im blauen Overall und der Amerikaner im Gebäude sein. Aber es war inzwischen totenstill.
Meixner schob sich tiefer neben den schweren Eisenschrank.
Eine Glasfront ging von dem Besprechungsraum auf den Gang hinaus und man sah in andere Räume die jetzt ebenso still und leer lagen wie dieses Besprechungszimmer. Irgendwo in diesen Räumen konnten
noch zwei tote Körper liegen. Oder die beiden Männer hatten es vorgezogen zu verschwinden. Wenn sie nicht sogar zusammen arbeiteten. Möglich wäre es durchaus. Aber Meixner fühlte, dass diese
beiden Männer gar nicht weit weg waren. Sehr lebendig und äußerst gefährlich.
Er entlastete seine Beine und wartete geduldig. Einer der beiden würde die Initiative ergreifen und er hätte gewettet, dass es der Mann im blauen Overall sein würde. Er war hier um zu töten. Und
sein Auftrag war noch nicht erfüllt.
Andererseits würde das Einsatzkommando der Polizei in wenigen Minuten das Gebäude stürmen um der Feuerwehr den Zugang zu sichern. Die wiederum würden sicher inzwischen wissen, dass in der Halle
auch Gasflaschen gelagert waren und sich nicht damit begnügen, einfach von oben die Dächer zu kühlen um ein Übergreifen des Feuers zu verhindern. An die Flaschen konnten sie aber nur durch die
Halle heran. Meixner war sich nicht sicher, ob er über die unerwartete Unterstützung froh sein sollte oder nicht. Wenn er denen die Arbeit überließ würde das für ihn eher ungefährlich sein, würde
aber noch ein paar Tote und eine Menge unangenehmer Fragen nach sich ziehen. Wenn er die Situation vor ihnen klären und verschwinden wollte, dann brachte ihn das bedenklich unter Zugzwang.
Ohne weiter zu überlegen beförderte er den Stuhl vor sich mit einem Tritt gegen die dünne Gangwand, dass die Scheiben darüber zitterten. Kaum einen Atemzug später huschte jemand zur Tür. Fast
gleichzeitig donnerte die Pumpgun auf und zerriss schmerzhaft die eingetretene Stille. Ein Körper im blauen Overall wurde durch die Tür geschleudert und landete krachend mit dem Kopf auf dem
Tisch. Glitt nach unten und blieb in eigentümlich verdrehter Stellung über dem anderen Toten liegen.
Der Amerikaner mit der Pumpgun musste sich im gegenüberliegenden Büro befinden, doch er ließ sich noch immer nicht blicken. Zögernd entschloss sich Meixner, ihn anzurufen.
Tief atmete er durch und überlegte, wie er es wohl anstellen konnte, ihn zu überzeugen. Doch diese Entscheidung wurde ihm abgenommen.
Die erste Gasflasche explodierte mit einer Stichflamme. Der ohrenbetäubende Knall ging aber unter, als durch Hitze und Wucht fast im gleichen Augenblick auch schon die nächsten Flaschen wie
Bomben explodierten.
Das Gebäude schien sich im Feuer aufzublähen und Millionen von Glassplittern in die Umgebung zu spucken. Die Mauer zur Straße gab nach und begrub zwei Polizisten unter sich. In den Gebäuden rund
herum wurden die Menschen aus ihren Betten geworfen, Wasserrohre brachen und bedenkliche Sprünge klafften mit einem Mal in tragenden Mauern. Wie in Zeitlupe sackten die Stahlträger der
aufgeblähten Halle wieder in sich zusammen. Und mit ohrenbetäubendem Krach stürzten sie auf einen wilden Haufen bevor Staub und der Rauch alles verschluckten.
Meixners Kopf dröhnte zum Zerplatzen. Er fühlte Staub und Schmutz in seinem Mund und versuchte auszuspucken. Es dauerte einige Augenblicke bis er begriff, dass er sich nicht bewegen konnte.
Vorsichtig öffnete er ein Auge. Das zweite verweigerte den Dienst, es schien irgendwie verklebt zu sein.
Er lag auf dem Boden. In dem kleinen Ausschnitt vor sich sah er eine Kante des schweren Schreibtisches über sich, etwas großes Schwarzes zu seinen Füßen und dazwischen ein Stückchen des Raumes,
durchwallt von grauen Schwaden und durchkreuzt von einem Stahlträger. Staub sah er. Und Flammen. Überall kleine, neugierige Flammen. Wieder versuchte er sich zu bewegen und wieder erfolglos.
Allmählich begriff er, dass der schwere Stahlschrank auf ihn gefallen sein musste und seine Hüften und seine Beine einklemmte. Aber warum konnte er die Arme und den Kopf nicht bewegen?
Vielleicht war es ganz gut so, rasselte es ihm schwerfällig durch die Gedanken. Schon jedes Blinzeln mit dem einen Auge verursachte rasende Schmerzen in seinem Kopf, bis tief in seine
Wirbelsäule. Und jeder Atemzug war ihm, als würde ein glühendes Eisen in seiner Brust herumgedreht.
Erstaunt sah er den Flammen zu, die fröhlich um ihn herum zu springen schienen. Blackend, flackernd in ihren leuchtenden orangen Kleidchen schoben sie sich neugierig näher wie ein Schwarm
aufgescheuchter junger Mädchen. Seine ganze Welt schrumpfte zusammen auf diese Flämmchen.
Wieder versuchte er auszuspucken und sich aufzusetzen.
Wieder misslangen beide Versuche ansatzlos kläglich.
Die Flammen schlossen sich zusammen, wurden größer und fordernder und er fühlte sehr deutlich, dass sie ihn eingeschlossen hatten. Er fühlte ihre Hitze, die ihm den Atem raubte und das Heben
seines Brustkorbes noch schmerzvoller gestaltete.
Es war nicht so, dass sein Verstand die Gefahr nicht erkannt hätte, in der er schwebte. Oder besser festgenagelt lag. Die Gefahr war da. Doch trotz allem empfand er die Flammen zu seiner eigenen
Überraschung nicht als bedrohlich. Sie waren da, so wie er da war. So wie jedes Ding seinen Platz hatte. Weil es Teil des Ganzen war.
Wie durch einen Tunnel nahm er wahr, dass hinter dem Stahlträger ein Schatten auftauchte. Nur mit Mühe erkannte er einen großen Mann in einem mitgenommenen schwarzen Anzug. In seinen Händen trug
er ein merkwürdiges Gebilde. Vorne sah es aus wie eine abgesägte Pumpgun, hinten war ein Pistolengriff.
Meixner begriff, dass er den Mann als störend empfand. In seiner Welt war nur mehr Platz für ihn und die Flammen. So benötigte er einige Zeit, bis er zwischen dem Rauschen und dem Dröhnen in
seinem Kopf verstand, dass der Mann mit ihm sprach.
Immer weiter rückte der Mann in dem schwarzen Tunnel weg, bis er die Waffe hob und mit einem Schlag ganz nah war.
“Bad luck, little jew”, verstand Meixner gerade noch, während er in die riesig klaffende Öffnung der Mündung einzutauchen meinte.
Überall schienen im gleichen Augenblick Flammen zu sein. Wie eine Wand bauten sie sich zwischen ihm und dem Mann auf. Ließen das Mündungsfeuer kümmerlich aussehen. Meixner fühlte nichts außer dem
rasenden Schmerz der seit Ewigkeiten da zu sein schien. Und er lächelte. Die lieben kleinen Flammen, sie würden ihn beschützen. Und wieder wurde ihm schwarz vor Augen.
Irgendwann fühlte er die Flammen dann.
Sie schienen dicht an seinem Körper. Sie waren heiss. Sehr heiss sogar! Und doch brannten sie nicht!
Wieder drang ein Lächeln aus seinem Inneren, als er sich erinnerte, dass ihm die Flammen vielleicht das Leben gerettet hatten. Der Amerikaner hätte ihn getötet, sicherlich, wenn er nicht vor der
Hitze hätte zurück weichen müssen.
Es war Dummheit und grenzenlose Überheblichkeit zu meinen, die Flammen hätten sein Leben gerettet.
Den Flammen war es egal, ob er lebte oder starb. Sie hatten keine Meinung, keine Ansichten und keine Gedanken. Nichts. Nichts hatten sie.
Sie hatten eine Aufgabe. Und sie hatten die Macht diese Aufgabe zu erfüllen.
Meixner war erstaunt über diesen plötzlich in ihm auftauchenden Gedanken.
Natürlich, die Flammen hatten eine Aufgabe. So wie jedes Ding eine Aufgabe hat. So wie auch er eine Aufgabe hatte.
Die Aufgabe der Flammen war es zu zerstören, zu verbrennen, zu vernichten.
Auch er hatte zerstört und vernichtet.
Sein Kopf dröhnte und sein ganzer Körper war Schmerz. Die Hitze war unerträglich geworden und seine wirr herum hüpfenden Gedanken klammerten sich daran fest, dass er gar nicht so viel anders war
als das Feuer.
Das er nichts anderes war als Feuer.
Wieder schien er in das Dunkel einer Ohnmacht hinüber zu gleiten, als eine Bewegung seine Aufmerksamkeit erregte. Etwas bewegte sich in seinem Rücken, an seiner Schulter, an seinem Arm. Wieder
benötigte er einige Sekunden, bis er begriff, dass seine Kleidung sich bewegte. Die Kleidung bewegte sich, weil sie verbrannte. Aber er fühlte nichts davon. Nur die Hitze, die ihn durchdrang, die
ihn ausfüllte, die ihm den Atem raubte.
Er selbst war ja Feuer, wie konnte er da brennen.
Das Feuer fraß die Kleidung. Den Schmutz und den Schund.
Feuer reinigt. Feuer härtet. Feuer befreit das Wesentliche vom Hinderlichen.
Aus jeder einzelnen Flamme heraus meinte er sich selbst zu sehen, sich zu beobachten, denn er war das Feuer, weil er nun er selbst war und er selbst nichts als Feuer war.
Feuer, das reinigte. Feuer, das befreite, ans Licht brachte, festigte und formte. Die Wahrheit ans Licht brachte. Das Licht in sich trug, selbst das Licht war. Jenseits aller menschlichen
Vorstellung alles durchdrang, alles beinhaltete und alles erfüllte. Weil es das Feuer war, weil es er war, weil es keinen Unterschied mehr zwischen ihnen gab.
Weil er zuhause war.
Alles war! Feuer!
Patricia Fogham klappte ihren Laptop zu und steckte ihn in die Tasche. Mit einer energischen Bewegung schob sie den Reissverschluss rund herum, ließ aber die zarte Hand mit den langen, schlanken
Fingern auf der Tasche ruhen. Nachdenklich sah sie den Mann an, der unschlüssig mitten in dem hellen Raum stand und sie beobachtete.
“Es ist vorbei Max. Glaube mir”, sagte sie und ging an ihm vorüber um die Tasche mit dem Laptop zu der großen Schachtel neben der Eingangstür zu stellen.
Maximilian Gangwal betrachtete sie seit geraumer Zeit wieder einmal genauer, und ihm war, als wäre es das erste Mal. Sie trug enge Jeans, Turnschuhe und ein weites, weißes Hemd. Die kurzen,
naturroten Haare glänzten im Licht der einfallenden Sonne und sie war, wie meist, nicht geschminkt. Kaum älter als achtzehn, vielleicht zwanzig hätte man sie geschätzt. So wirkte sie auf ihn wie
auf jeden Mann verwirrend, berauschend, begehrenswert. Obwohl da gleichzeitig etwas an ihr war, dass ihn sprachlos in den Boden rammte und jeden Anflug von Aufdringlichkeit oder Gegenwehr im Keim
erstickte.
“Aber es lief doch alles ganz gut”, presste er endlich hervor.
Für einen Augenblick hielt sie auf ihrem Weg durch den Raum an und betrachtete ihn nachdenklich aus ihren grünen Augen.
“Es lief doch alles ganz gut”, äffte sie ihn nach. “Ganz gut? – Ganz gut heisst, dass es nicht wirklich gut läuft!”, fauchte sie. “Und wirklich gut gelaufen ist es schon lange nicht mehr. Als
Heymann diesen Verein gründete, als er dich holte und als er mich holte, da lief es gut. Wirklich gut. Aber von dem Tag an, als er Dir die Geschäfte übergeben hatte, fing es an bergab zu gehen.
Max, sei mir nicht böse: du bist ein perfekter Organisator, aber du hast keine Ideen.”
Er schluckte es hinunter ohne es wirklich gehört zu haben. Aber tatsächlich war es so, dass er keinen blassen Schimmer davon hatte, wo er anfangen sollte, wenn sie nicht mehr da war.
“Aber was soll werden, wenn du jetzt gehst?”
Er machte einen Schritt nach vorne, als wolle er verhindern, dass sie die Jacke anzog, aber besann sich dann doch anders. Für einen Augenblick sah sie zum Fenster hinaus in den kleinen Innenhof.
Zu dem großen, alten Kastanienbaum, der den freien Platz fast ausfüllte und alles in seinem kühlen Schatten heimelig barg. Es war jetzt nicht an der Zeit zu überlegen, wie viele Jahre sie nun
schon Ruhe und Kraft gefunden hatte bei diesem Anblick. Nicht an der Zeit über die eigene Angst und Unsicherheit bei diesem Neubeginn nachzudenken. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen und sie
hatte sie sich nicht leicht gemacht. Vieles in der Zukunft würde nicht leicht für sie sein, wenn sie jetzt diesem Frieden und dieser Sicherheit den Rücken kehrte. Aber sie hatte sich entschieden.
Sie würde ihren Weg gehen.
Fest zog sie die kurze Lederjacke um ihre Schultern zusammen und drehte sich wieder ihm zu.
“Was jetzt werden wird, fragst du? Nun”, lächelte sie, “in einer halben Stunde wird deine neue Sekretärin hier sein. Ich habe sie ausgesucht, über zwei Wochen eingeschult und ich glaube, dass sie
gut ist. Und dann, denke ich, wird alles beim Alten bleiben. Wenn du es möchtest. Oder es wird alles anders werden. Wenn du es möchtest. Es liegt ganz allein bei dir die Zukunft zu gestalten. Du
bist der Chef der Company. Was immer du sagen wirst, das wird getan werden.”
“Dann wirst du deine Sachen wieder auspacken und dich wieder an deinen Schreibtisch setzten. Ich werde nämlich nicht zulassen, dass du der Company so einfach den Rücken kehrst. Wir werden Partner
sein, nicht so wie bisher sondern auch offiziell. Abgesehen davon, dass du unentbehrlich bist - du weißt einfach zuviel über unsere Vergangenheit. Ich kann dich nicht einfach auf nimmer
wiedersehen zur Tür hinaus spazieren lassen! Du wirst akzeptieren müssen, dass ich dich nicht gehen lassen kann! Und du weißt, dass mir die entsprechenden Mittel zur Verfügung stehen um dich
daran zu hindern!”
Langsam wandte sie sich ihm zu, trat sie vor ihn hin und, obwohl ihre Schuhe kaum Absätze hatten, sah sie ein wenig auf ihn hinunter. Das Grün ihrer Augen hatte sich in zwei eisige Stahlen
verwandelt, die ihn am Boden fest froren, jeden Ton in seiner Kehle erstickten und einen kalten Schauer über seinen Rücken jagten.
“Ich”, sagte sie ganz langsam und betont “bin Patricia Fogham. Ich bleibe, wo ich will. Ich gehe, wohin ich will. Ich tue und ich sage, was ich will. Und niemand, niemand und nichts hat Macht
über mich. Denn ich bin – ich.”
Gangwal stand wie vom Donner gerührt. Ihm wurde klar, dass er am ganzen Körper zitterte und nur ganz allmählich wich die Erstarrung aus seinen Gliedern und aus seinem Geist, so wie ein eisiger
Sturmhauch sich allmählich auflöst. Die Drohung zuvor war ihm nicht wirklich ernst gewesen, mehr eine verzweifelte Eingebung. Jetzt aber hatte er selbst Angst. Angst, die sich wie ein zu üppiges
Essen in seinem Magen klumpte und seine Schultern nach vorne zog. Angst vor dieser Frau. Auch vor dieser Frau. Und vor dem, was er nicht begriff. Denn für den Bruchteil eines Augenblickes meinte
er den Blick auf etwas Unbegreifliches getan zu haben. Auf etwas unfassbar Mächtiges, das sich hinter ihr verbarg. Für diesen Bruchteil eines Augenblickes war die Gewissheit einer absoluten Macht
wie ein Sturm über ihn hinweg gebraust und hatte das kleine Häufchen Mensch unter sich zermalmt.
Dank seiner Verwirrung entging ihm, dass die zierliche Frau nicht weniger verwundert war als er selbst. Fast fluchtartig ergriff sie Schachtel, Computertragetasche und Handtasche und stürzte aus
dem Büro. Erst ein Stockwerk tiefer wurden ihre Schritte weniger hektisch, ließ ihre Anspannung nach. Diese Worte, die waren nicht von ihr gewesen. Vielmehr war ihr, als hätte jemand oder etwas
anderes durch sie gesprochen. Aus ihrem tiefsten, dunkelsten Inneren waren diese Worte gekommen, heraus gebrochen. Und es waren bei weitem nicht die Worte selbst, die sie erschreckten. Auch wenn
da noch andere gewesen wären, die sie aber abgewürgt hatte, weil sie Angst vor ihnen hatte. Nicht die Worte hatten ihre Bestürzung hervorgerufen, die Laute waren es gewesen – in ihr war mit
diesen Lauten etwas aufgebrochen. Eine Macht, eine Sicherheit, eine Gewissheit, die unmöglich Wirklichkeit sein konnte. Und die doch war. Die sie fürchtete, weil sie nicht verstand. Und die sie
doch geborgen warm und sicher in sich aufnahm.
Zerstreut öffnete sie die Tür ihres kleinen Stadtflitzers und verstaute die Sachen auf dem Rücksitz. Im gleichen Augenblick, den Oberkörper hinter dem Fahrersitz vergraben, den Blick auf die
Polsterung gerichtet und die Beine, die so lang waren wie die schlaflose Nacht eines Junggesellen, der schnöden Welt präsentierend wusste sie, dass jemand hinter sie getreten war. Und, noch immer
ganz gefangen von der erdrückenden Macht des Erlebten, überraschte es sie nicht, dass sie nun ebenfalls zu wissen meinte, wer hinter ihr stand.
“Nun Oberst”, sagte sie, als sie sich noch aus dem Wagen zurückzog um sich vor dem massigen Mann aufzurichten, “ziemlich früh am Morgen für den MAD. Aber sie haben Glück. Gangwal ist oben im
Büro. Er wird sich sicherlich freuen, Sie mal wieder zu sehen.”
Der übergewichtige Riese hinter ihr auf dem Gehsteig kratzte sich mit der Pranke vor Überraschung sein schlecht rasiertes Kinn und war für einen Augenblick verblüfft.
“Es gibt in Österreich keinen Militärischen Abschirmdienst. Das sollten Sie doch wissen Fogham”, brummelte er automatisch und sie grinste zweideutig.
“Aber natürlich Oberst, wie konnte ich das nur wieder vergessen.”
Der Riese hatte nicht vor näher auf dieses Thema einzugehen sondern strich sich zögernd über die grauen Igelhaare und sah an dem Gebäude hinauf.
“Im übrigen will ich nicht zu Gangwal. Ich suche Sie.”
Vertraulich schob er seine Masse näher an sie heran.
“Genauer gesagt suche diesen Pensant, Christoff Pensant. Wissen Sie, wo ich ihn finden kann?”
Jetzt war es an ihr sich nachdenklich am Kinn zu kratzen. Nicht nur, weil sie die Antwort nicht wusste, sondern auch, weil die ganze Frage, an sie gerichtet, außergewöhnlich war.
“Ich habe keine Ahnung wo man ihn finden kann”, gestand sie ehrlich, “und ich weiß auch nicht, wie Sie auf die Idee kommen, dass ich es wissen könnte.”
“Seit der Geschichte mit Heymanns Tod hatten Sie mehrmals Kontakt zu ihm. Also dachte ich mir, Sie könnten mir helfen.”
Allmählich dämmerte es Fogham, dass diese Frage keine Falle, kein Test oder ähnliches war. Der Oberst wollte diesen Mann wirklich finden.
“Seit Heymanns Tod weiß niemand mehr, wo Pensant gerade ist oder was er macht”, gestand sie. “Wahrscheinlich nicht mal er selbst. Manchmal bin ich mir auch nicht mehr sicher, in welcher Welt er
eigentlich lebt, in dieser oder in seiner eigenen. Aber irgendwie ist er immer dort, wo er gebraucht wird. Also sagen wir, er wird auftauchen, wenn Sie ihn brauchen. Oder wenn Sie ihn gerade am
aller wenigsten gebrauchen können. Ist sogar wahrscheinlicher. Aber wo er sich herumtreibt, davon habe ich wirklich keine Ahnung. Warum fragen Sie nicht Karl Meixner. Wenn es auf dieser Welt
jemanden gibt, der weiß wo Pensant sich herumtreibt, dann ist das Meixner.”
Der Oberst scharrte mit dem Fuß auf dem Asphalt, sah sie nachdenklich an und legte seine Pranke auf das Dach des kleinen Wagens, der in die Knie ging.
“Fragen kann ich Meixner. Allerdings wird das Gespräch eher einseitig verlaufen.”
Vor Überraschung schloss sie für einen Moment die Augen und wieder sprach diese Stimme in ihr: “Er ist nicht tot.”
“Stimmt”, bestätigte der überraschte Mann und setzte gleich hinzu: “Zumindest noch nicht. Aber ...”
Er sah zu dem stahlblauen Himmel hinauf, zu den feinen Wolkenschleiern, die den Morgen durchwebten, und atmete so tief durch, dass es einem Seufzer glich.
“... aber es kann nicht mehr lange dauern.”
“Wie – was ist passiert?”
Karl Meixner gegenüber waren ihre Gefühle mehr als zwiespältig. Es hatte einmal eine Zeit gegen, da hatte sie ihn durchaus gemocht. Nach Heymanns Tod aber hatte sie sich vorgenommen ihn zu
hassen. Ihn abgrundtief und mit all ihrer Kraft zu hassen. Doch jetzt musste sie wiederum bemerken, dass nur ihr Verstand, ihr Bewusstsein ihn hassten. Dieser Hass, den sie nur zu gerne vor sich
herschob, kam nicht aus ihrem Inneren, nicht aus ihrem Herzen. Dort gab es keinen Hass. Und auch keine Liebe mehr. Nur mehr das Wissen, dass jedes Ding seinen Platz hatte.
“Was ist passiert?”, fragte sie noch einmal, ruhiger und aufmerksamer.
Wieder das Pfeifen, das klang, als würde der Riese seufzen.
“Wir haben erfahren, dass es ein Treffen zwischen einem ukrainischen Waffenhändler und einem ziemlich dubiosen Amerikaner gibt. Wir wollten es überwachen und abhören. Dann sind plötzlich noch ein
paar andere Leute aufgetaucht und dann – dann ist die Sache irgendwie eskaliert.”
“Irgendwie eskaliert? Was meinen Sie damit?”
“Wir haben multiple Fakturen beider Beine und der linken Hüfte sowie der rechten Schulter. Darüber hinaus mehrere schwere Fakturen des Schädelknochens wovon auch das rechte Auge betroffen sein
könnte. Wie weit das Gehirn selbst geschädigt ist kann zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesagt werden, wir müssen aber von massiven Schäden ausgehen. Außerdem hat eine der gebrochenen Rippen die
Lunge durchstoßen. Dann haben wir noch ein paar Schrotkugeln in seiner linken Seite, ein paar Quetschungen, Risse und Schrammen. Aber die sind nicht das Problem.”
Nachdenklich sah der schlanke Mann in seiner weißen Dienstkleidung zu den beiden Personen vor sich auf. Der Riese von einem Mann schien allein schon den Raum zu auszufüllen. Er hatte einen
Dienstausweis vorgezeigt, behauptet, er sei der Vorgesetzte des Patienten und Auskünfte über die, angeblich bei einem Einsatz entstandenen, Verletzungen gefordert. Das war gestern gewesen, keine
zwanzig Minuten nachdem sie den Patienten erhalten hatten. Heute war er wieder gekommen. In Begleitung dieser wunderschönen Frau, die bisher kein Wort gesagt hatte. Und er war sich auch nicht
sicher, ob sie bisher eines seiner Worte verstanden hatte. Dieter Panzer war schon lange genug Pflegedienstleiter einer Intensivstation um diese Reaktion bei Angehörigen zu kennen. Und um sie zu
akzeptieren. Also sprach er in erster Linie den Oberst an.
“All diese Verletzungen sind zwar durchaus schlimm, aber was uns wirklich Sorgen macht ist etwas anderes.”
Vorsichtig blätterte er um und betrachtete die neue Seite des Befundes als müsste er es noch einmal lesen um es glauben zu können.
“Der Patient”, sagte er dann endlich, “war über einen längeren Zeitraum sehr großer Hitze ausgesetzt. Die Kleidung am Körper ist vollkommen verbrannt beziehungsweise geschmolzen. Dementsprechend
sind auch die Verbrennungen voraussichtlich äußerst schwer. Wobei wir ehrlich gesagt heute ein wenig verwirrt sind über die Art und die Folgen der Verbrennung. Aber alles zusammen ...”
Er vollendete den Satz nicht, sondern zuckte nur mit den Schultern und klappte den Befund zu.
“Was meinen Sie”, wollte der Oberst mit verkniffenen Lippen wissen.
“Nun, ich bin kein Arzt”, begann Panzer abwehrend. “Also kann ich nicht ...”
“Wenn ich die Meinung eines Arztes wissen wollte, dann würde ich einen Arzt fragen!”, unterbrach der Oberst unwirsch. “Ich will Ihre Meinung als Fachmann. Ärzte sind Idioten.”
Der dunkelhaarige Pflegedienstleiter schluckte einmal, überlegte kurz und lächelte dann unverbindlich: “Nun, sicher nicht alle Ärzte, aber wenn Sie meine Meinung als Pfleger hören wollen, dann
sollten Sie anfangen, seine Hinterlassenschaft zu regeln.”
Die Frau sah ihn kurz an und dann wieder zu Boden. Für einen Augenblick war es in dem düsteren Gang mit seinen beigen Wänden und den roten Türen still. Am anderen Ende schob jemand ein unförmiges
Gerät aus einem Zimmer. Da schien dem jungen schwarzhaarigen Mann doch noch etwas einzufallen. Er klappte den Befund wieder auf und holte ein leeres Formular daraus hervor.
“Es ist so, dass Auskünfte eigentlich nur an Bezugspersonen gegeben werden dürften. Und pro Patient auf der Intensiv sind maximal zwei Bezugspersonen zugelassen. Wie es scheint gibt es keine
Angehörigen, also könnte einer von ihnen sich noch als Bezugsperson eintragen lassen und den Patienten so auch sehen. Herr Oberst, Sie wissen, dass das Datenschutzgesetz in Österreich ziemlich
streng ist, was Patientendaten angeht, also ...”
“Wer ist die andere Bezugsperson?”
Es war das erste Mal, dass sie sprach und Panzer war für einen Augenblick so überrascht, dass er ihre Frage nicht gleich begriff.
“Wie bitte?”
Sie sah ihn aus ihren eisig grünen Augen an und hob unwillig eine Augenbraue.
“Sie sagten, dass zwei Personen als Bezugspersonen vorgemerkt werden können. Und Sie sagten, dass einer von uns sich noch vormerken lassen kann. Soviel ich weiß, hat Meixner nur mehr eine Mutter,
die irgendwo im Salzburgischen in einem Pflegeheim lebt, ohne ihre Umgebung wahrzunehmen. Falls sie überhaupt noch lebt. Es würde mich also interessieren, wer bereits als Bezugsperson vorgemerkt
ist.”
“Ich.”
Der Mann war gerade hinter ihnen aus einer der roten Türen getreten und nahm eben die Schutzmaske von seinem Gesicht. Er war so groß wie der Oberst, wirkte aber nicht nur neben dem massigen
Riesen hager. Ein grinsendes Gesicht kam hinter der Schutzmaske zum Vorschein.
“Christoff Pensant”, stießen beide hervor, wenngleich mit sehr unterschiedlicher Betonung. Während sie freudig überrascht und erleichtert schien, war der Oberst nur misstrauisch.
“Woher zu Teufel ...”, brummte er, schluckte die Frage aber auf eine Handbewegung des hageren Mannes wieder hinunter als ein zweiter Mann hinter Pensant aus dem Zimmer trat und ebenfalls die
Maske abnahm. Dieser Mann, groß, schlank und unverkennbar asiatischer Abstammung, stellte sich als Doktor Long vor und erklärte, dass er hinzugezogen worden war um seine Meinung zu dem
Patienten abzugeben. Dann las er weiter in seiner Kopie des Befundes, sah mehrmals den Pflegedienstleiter überrascht an um sich dann stirnrunzelnd wieder dem Befund zuzuwenden. Endlich klappte er
die Mappe zu und drückte sie Panzer in die Hand.
“Erfahrungswerte?” fragte er leise.
Dieter Panzer schüttelte überrascht den Kopf.
“Nein, ganz sicher nicht. So etwas hat noch keiner von uns gesehen!”
Pensant setzte sich auf einen der Plastikstühle und sah den jungen Chinesen erwartungsvoll an.
“Nun Doktor? Erzählen Sie uns was über Ihr Fachgebiet – über Verbrennungen.”
Der junge Arzt atmete tief durch und steckte die Hände in die Taschen seines weißen Mantels.
“Ich schicke mal voraus”, dozierte er in fast akzentfreiem Deutsch, “dass sie wissen, dass man Verbrennungen in drei Grade einteilt. Grob gesagt in Blasen der Oberhaut, offene Wunden und tiefe,
verkohlte Wunden. Die Wunden selbst sind aber oft nicht so sehr das Problem. Was so gut wie immer übersehen wird, das ist, dass die Haut eines der wichtigsten Organe ist. Die Atmung hängt davon
ab, die Aufnahme von Wasser, Nährstoffen, Mineralien, Spurenelementen. Nicht zu vergessen auch die Funktion als Schutz vor Keimen und Infektionen. Das alles regelt im Normalfall das Organ Haut.
Auch wenn nun die Wunden selbst relativ problemlos vernarben ist doch das Organ geschädigt, denn Narbengewebe ist keine vollwertige Haut. Das kann für den Patienten trotz aller Heilung im
Endeffekt tödlich sein. Er erstickt, verdurstet oder die inneren Organe werden durch Mangelversorgung derart geschädigt, dass sie versagen. Als Faustregel kann man anwenden, dass bei
Verbrennungen bis zu einem Drittel des Körpers die Chancen des Patienten ganz gut stehen – wie gesagt, als Faustregel. Bei dem Patienten hier haben wir feststellen müssen, dass weit mehr als der
halbe Körper dem Feuer ausgesetzt war und Verbrennungen aufweist. Oder aufweisen müsste. Wobei man dazu sagen muss – nun, ehrlich gesagt können wir im Moment gar nichts sagen, weil wir vor einem
Rätsel stehen. Nach den Berichten die uns vorliegen müsste er Verbrennungen am ganzen Körper aufweisen. Er wurde inmitten von brennenden Trümmern gefunden und zwar derart der Hitze ausgesetzt,
dass die Kleidung an seinem Körper verbrannte und schmolz. Ich nehme an, sie können sich vorstellen, was das für die Haut bedeutet, wenn die Lederjacke darauf verbrennt. Er war eingeklemmt und
verschüttet unter brennendem Holz und Plastik. Laienhaft könnte man es damit vergleichen, dass man beim Grillen eine Kartoffel in die Glut legt und die Alufolie vergisst.”
Fogham ließ sich neben Pensant auf den Stuhl fallen und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Der Oberst war so blass geworden, dass selbst die sanften Pastelltönen des Ganges grell wirkten. Nur
Pensant sah den Arzt ruhig aber unverwandt an. Der wiederum fixierte den Pflegedienstleiter und sprach mehr zu ihm.
“Theoretisch müsste die Haut dieses Mannes hochgradig verbrannt und verkohlt sein. Also Verbrennungen zweiten und dritten Grades zumindest an der oberen Hälfte des Körpers. Meines Erachtens
absolut letal. Theoretisch! Praktisch aber – puh - praktisch verstehe ich es nicht!”
Der Oberst schnappte nach Luft, aber der junge Arzt ließ ihn nicht zu Wort kommen.
“Offensichtlich hat der Patient nur ein paar Brandblasen – nicht mehr. Die Haut ist zwar gerötet, teilweise stark gerötet, aber sie scheint intakt zu sein. Bei dem was wir über den Unfall wissen
ist das aber völlig unmöglich! Um bei dem Beispiel zu bleiben: Stellen Sie sich vor, Sie legen eine Kartoffel in die Glut eines Grillers – und die Oberfläche bleibt völlig unversehrt. Bei der
Kartoffel würden Sie trotzdem davon ausgehen, dass sie durchgebraten ist. Wie die innere Struktur des Patienten aussieht, die Unterhaut und das weiter innen liegende Gewebe, dass müssen
Untersuchungen erst klären. Aber allein die Tatsache, dass die Oberhaut praktisch unverletzt ist ...”
Er nahm die Hände aus den Taschen, hob sie mit den Schultern und führte ihnen seine Sprachlosigkeit anschaulich vor Augen. Nur ganz allmählich begannen das Mädchen und der Riese zu verstehen, was
sie eben gehört hatten. Begreifen konnten sie das Vorgefallene ebensowenig wie der Arzt. Pensant stand auf und ging in seiner leisen Art die paar Schritte bis ans Ende des Ganges. Von dort sah er
hinunter aus dem 13. Stock des sogenannten Roten Turmes auf das Gewimmel der Stadt. Weiter hinten, an den Hängen der Hügel, die die Stadt einfassten, meinte er die ersten gelben Flecken in den
Kastanienbäumen und den Weinreben zu bemerken. Aber das war sicherlich nur Einbildung. Zu weit weg waren Grinzing und der Kahlenberg. Seine Gedanken waren jedoch noch sehr viel weiter fort. An
einem Ort, der unerreichbar für die Masse der Menschen war. Er selbst war dort gewesen und Meixner ebenfalls. Und jener fremde Mann, neugierig und wissend, aus den Tiefen des Unbegreiflichen.
Dieser Mann hatte Meixner lange nachdenklich angesehen bis er endlich zu ihm getreten war.
“Round-a-N’Tor!”
“Was?”
Sie fühlte keine Trauer in sich. Natürlich war sie bestürzt. Erschrocken fast über das, was Meixner zugestoßen war. Aber tief in ihrem Innersten war da noch immer diese unverständliche
Sicherheit, dass alles, was auch immer geschehen würde, einem tieferen Sinn folgte.
“Was sagst Du?” fragte sie noch einmal.
Aber er antwortete nicht. Gemächlich ging er erst einmal zurück an seinen Platz, setzte sich wieder hin, faltete die Hände ineinander und betrachtete die Menschen um sich, als müsste er
überlegen, was ihnen zuzumuten war.
“Es ist ein paar tausend Jahre her”, begann er endlich leise zu sprechen. “Ich schätze so dreitausend Jahre, da gab es hier in diesem Land ein Ritual. Wir kennen heute noch einen Abklatsch davon,
die sogenannten Feuerläufe. Menschen die, aufgepeitscht von Motivatoren, zwei oder drei Schritte über glühende Kohlen machen. Damals hatte das Round-a-N’Tor vermutlich nichts mit einer Probe des
Mutes oder des Glaubens zu tun. Vielmehr war es der letzte Schritt zur Reinigung. Die Person, die sich reif fühlte, wurde in einer kleinen Hütte, die nicht mehr als ein Scheiterhaufen war,
eingeschlossen. Das ganze Gebilde wurde in Brand gesteckt, denn wenn der Prüfling das tiefste Geheimnis allen Seins erkannt hatte, dann würde er überleben – etwas, das man eigentlich gar nicht
überleben konnte. Die Legenden berichten nur von ganz, ganz wenigen, die es wagten sich dieser Prüfung zu unterziehen – und auch von diesen wenigen sollen nur zwei es tatsächlich überlebt haben.
Die allerdings unverletzt.”
“Das sind Märchen, nichts was uns weiter hilft oder was das hier erklären könnte!”
Pensant sah zu dem Oberst auf, der in hilfloser Wut den Gang auf und ab stampfte. Und das Lächeln auf seinem Gesicht war zu zart und zu merkwürdig, als dass der es bemerken oder gar begreifen
konnte.
Fogham stand auf, streckte sich durch und legte dabei wie zufällig ihre Hand auf Pensants Schulter. Für die beiden Männer in ihrer weißen Arbeitskleidung sah es fast so aus, als wollte sie den
hageren Mann daran hindern weiter zu sprechen.
“Doktor Long”, begann sie nachdenklich, “gibt es eine Erklärung aus ihrer Sicht – oder etwas, das man als Erklärung ins Auge fassen könnte?”
Der junge Arzt machte ein betretenes Gesicht und sah zu dem kaum älteren Pflegedienstleiter hinüber. Der seinerseits machte eine vage Handbewegung. Es war offensichtlich, dass ihm diese Frage
nicht zum ersten Mal durch den Kopf ging. Trotzdem holte er tief Luft und strich sich erst einmal über die kurzen Haare. Obwohl er wirklich kein Problem mit dem anderen Geschlecht hatte, war es
etwas ganz anderes, vor dieser Frau zu sprechen. Von ihr bemerkt zu werden. Nicht nur, dass sie es jederzeit auf die Titelseite einschlägiger Herrenmagazine geschafft hätte. Etwas unfassbar
Kraftvolles umgab sie, ging von ihr aus und stürmte über ihn hinweg, das ihn zugleich zögern und doch verlangen ließ. Etwas, das seiner professionellen Sicherheit eine ordentliche Schramme
verpasste.
“Man könnte ins Auge fassen, dass wir eine perfekte Erstversorgung hatten”, krächzte er mit belegtem Hals.
“Können Sie das ein wenig deutlicher erklären?”, grummelte der Oberst ohne seine Wanderung zu unterbrechen.
Wieder ein stummer Blick zwischen den beiden Männern in weiß, dann setzte Dieter Panzer noch einmal an: “Bei Verbrennungen ist oft die Erstversorgung entscheidend. Die Kühlung des Verletzten. Die
Hitze sitzt im Gewebe wie in einem Speicher. Wenn sie nicht abgeleitet wird, dann dringt sie immer weiter ein und zerstört auch das tiefer liegende Gewebe. Man hat über eine halbe Stunde benötigt
um ihren Mann aus den Trümmern zu graben. In dieser Zeit wurde er beatmet und von der Feuerwehr unter permanentem Wasserfluss gekühlt um die Hitze aus dem Gewebe – sagen wir mal, abzuleiten.
Notarzt und Feuerwehr haben großartig reagiert und perfekt zusammen gespielt. Auf jeden Fall hat ihm diese Erstversorgung das Leben gerettet. Wenngleich es noch immer nicht erklärt, warum die
Haut nicht aufgesprungen ist. Aber es ist etwas, das man ‚ins Auge fassen kann‘. Trotz allem muss ich aber auch sagen, dass das Wie und Warum in meinen Augen eher eine Nebensache ist. Herr
Meixner lebt. Das ist für mich wichtig. Und unser Hauptaugenmerk muss jetzt darauf liegen, dass sich an dieser Tatsache nichts ändert.”
Sie schenkte ihm ein Lächeln.
Dieter Panzer kannte viele Mädchen, vielleicht zu viele. Vielleicht hatte sich auch aus diesem Grund seine Begeisterung in den letzten Beziehungen etwas in Grenzen gehalten. Jetzt schenkte ihm
diese Frau ein Lächeln. Unbewusst und nur aus Dankbarkeit, nichts weiter. Und doch wäre er dafür bereit gewesen noch viel verrücktere Eide auf sich zu nehmen.
Der Mann auf den beiden Krücken tapste schwankend und vorsichtig weiter. Der dunkle Anzug war schmutzig und zerknittert und er flatterte unpassend um seinen ausgemergelten Körper. Immer wieder
sah er sich um. Warf hastige Blick in die Runde der großen Halle. Blicke unter den verfilzten, wirren Haaren in denen ein leichtes Irrlichten zu bemerken war.
Wieder ein paar tapsige Schritte. Wieder das hastige Umsehen nach Verfolgern.
Drei, vielleicht vier Meter trennten ihn noch von der ersten der automatischen Schiebetüren. Hinter ihnen lag die Rolltreppe und dann die U-Bahn-Station.
Wieder ein paar Tapser. Und gleich noch ein paar dazu, mit eingezogenem Genick, als hinter ihm schnelle Schritte hörbar wurden.
Ein junger Mann in der Uniform des Sicherheitsdienstes überquerte zielsicher die Halle und baute sich ohne Hast neben der Türe auf.
“Na Herr Manfred, sind wir schon entlassen worden?”
Seine Stimme war nicht unfreundlich. Viel eher schwankte sie zwischen Mitleid und Zynismus. So wie das dürre Männchen auf seinen Krücken schwankte, als wollte es einen Weg finden zu flüchten und
sich zu verstecken.
“Die Schwester hat gesagt, ich darf gehen”, machte er einen kläglichen Versuch von dem er offensichtlich selbst nicht überzeugt war.
Der junge Mann seufzte und trat einen Schritt näher.
“Herr Manfred”, sagte er eindringlich und beinahe freundschaftlich, “wir spielen das jetzt seit Sie hier sind. Jeden Tag kommen Sie von der Station herunter und behaupten entlassen worden zu
sein. Gestimmt hat’s noch nie.”
“Aber ich muss – ich muss ...”
“Was müssen’s, Herr Manfred? Gesund werden müssen’s. Und wo wollen’s denn hin? Sie haben keine Wohnung, Sie haben keine Familie und kein Geld. Zum Brandweiner würden’s laufen, stimmt’s? Und
sofort wieder was trinken, obwohl’s doch wissen, dass Sie‘s nicht dürfen. Herr Manfred, sind’s gscheit, ich darf Sie doch nicht rauslassen. Also kommen’s, schaun wir, dass wir auf die Station
zurück kommen bevor die Oberschwester was merkt.”
Vorsichtig und wortlos schwankte das Männchen auf seinen Krücken herum und die beiden so unterschiedlichen Männer machten sich langsam auf ihren Weg zurück in die düsteren Tiefen der Gänge und
Aufzüge.
Keine zwei Meter neben ihnen lehnten zwei Menschen an einem kleinen Stehtisch einer Bäckereikette und wandten sich wieder ihren Kaffeetassen zu. Sie waren ein sehr eigenartiges Paar. Beide
ziemlich groß und schlank. Wobei er hager wirkte und sie sportlich. Ihr Pagenkopf reichte kaum bis in den Nacken und war von kräftigem, roten Glanz während seine dunkelbraunen Haare seidig weit
über seine Schultern hinunter glänzten. Er war in dunklem Grau und unauffällig gekleidet. Sie trug auch nur enge Jeans, eine weite, weiße Bluse und eine rote Bolerojacke aus Leder. Auch sie
war nicht auffällig gekleidet, trotzdem gab es unter den Passanten kaum einen Mann, dem sie nicht aufgefallen wäre. Und auch kaum eine Frau.
Trotz all der Unterschiedlichkeiten der Beiden zweifelte niemand daran, dass sie zusammen gehörten. Schon eine ganze Weile waren sie schweigend gestanden und hatten ihren Kaffee getrunken, hatten
ihren trockenen Topfenstrudel, das Angebot des Tages, gegessen.
Nachdem sich die beiden ungleichen Männer von der Eingangstür und von ihnen entfernt hatten, wandten sie sich wieder ihren Tassen zu und schwiegen weiter. Es war ein angenehmes Schweigen. Das
Ergebnis einer stillen Übereinkunft. Worte waren zwischen ihnen kaum mehr nötig. Trotzdem fragte sie: “Wer ist dieser Doktor Long?”
“Er ist Facharzt der Uniklinik München. Spezialgebiet Hautschäden. Er hat unter anderem ein neues System entwickelt, wie man aus Eigenzellen ein Gewebegitter züchten kann, dass man über größere
Wunden legt und so zumindest eine teilweise Regeneration der Haut hervorruft. Ein vielversprechender junger Mann.”
Lange sah sie ihn an. Seine Antwort schien sie nur zum Teil zu befriedigen. Er aber schwieg beharrlich und widmete sich nur umso genüsslicher seinem Strudel, der schon seit Tagen das Angebot des
Tages sein musste.
“Aber wie kommt der kleine Angestellte Christoff Pensant zu einem Facharzt der Uniklinik München? Und wie kann er ihn ‚hinzuziehen‘?”
Ihre Frage zauberte auf seine Lippen wieder dieses zarte, fast mitleidige Lächeln.
“Weil der kleine Angestellte kein kleiner Angestellter mehr ist. Er hat seinen Job gekündigt, ist abgesprungen aus dem Zug der wirtschaftlichen Abhängigkeit und lebt jetzt sehr sparsam aber frei.
Meist bei Bekannten irgendwo. Zuletzt war ich in Italien bei einem bemerkenswerten Mann, den mir dein verstorbener Chef empfohlen hat. Ein echter Conte. Ich schätze, Du wirst ihn eines Tages
kennen lernen müssen. Er kannte Doktor Longs Forschung und ich habe den guten Doktor dann davon überzeugt, dass dies hier ein Fall ist, der ihn interessieren wird. Die Menschen hören auf das, was
ich sage. Du weißt das. Du kennst diese Kraft.”
Nun war es an ihr zu schweigen. Ganz langsam pickte sie die letzten Krümel auf.
“Du musst damit aufhören Christoff!”, sagte sie endlich leise und nachdrücklich.
“Womit aufhören?”, bohrte er nach, obwohl er ganz genau wusste, was sie sagen wollte.
“Du musst damit aufhören, den Menschen Dinge zu sagen, die sie weder wissen sollen noch wissen wollen.”
“Sprichst du von den Dingen, die Du weißt, aber nicht wahrhaben willst?”
Sie sah auf, aber ihre eisgrünen Augen versanken in seinen dunkelbraunen wie in zwei warmen, schützenden Höhlen. Leicht legte er seine Hand auf die ihre und wieder fühlte sie in sich diese
Energie, diese tiefe, unerklärliche Kraft. Nur dieses Mal um vieles stärker. Sie drang auf sie ein, erfüllte sie, umfloss sie. Beschützte und trug sie. Und sie sog diese Kraft in sich auf wie ein
Schwamm, wuchs, blieb was sie war und wurde doch Teil von etwas unendlich Größerem.
“Es ist nun mal meine Aufgabe den Menschen zu sagen, was sie nicht hören sollen und nicht hören wollen. Es ist meine Aufgabe die Menschen zu spannen wie einen Bogen, damit sie ihren Pfeil
verschießen können. Es ist meine Aufgabe zu richten und zu entscheiden. Und ich akzeptiere meine Aufgabe. Mit all ihren Konsequenzen. Sicher mag es verrückt sein eine sichere Existenz aufzugeben
und in die Rolle eines Wanderpredigers zu schlüpfen. Und viele Menschen sind inzwischen der festen Überzeugung, dass ich nicht ‚normal‘ bin – ich gehöre übrigens auch zu ihnen. Aber was ich mache
ist auch nicht verrückter, als einen leitenden Job in einem sicheren Unternehmen aufzugeben um ein Projekt auf die Beine zu stellen, von dem man überzeugt sein kann, dass es ein paar Grundfesten
der Welt durchschütteln wird. Das denen Sicherheit gibt, die keine haben und denen Sicherheit nimmt, die sie den anderen nicht zugestehen wollen.”
Atemlos und blass zog sie ihre Hand zurück und schluckte schwer. Sie blinzelte einen Augenblick um ihrer Überraschung Herr zu werden und schnappte nach Luft.
“Woher – woher weißt du”, japste sie. “Ich habe niemandem irgend etwas davon erzählt!”
Er fuhr sich mit der kleinen Serviette über den Mund, faltete sie zusammen und stellte seine leere Kaffeetasse auf den ebenfalls leeren Teller.
“Du hast Vorbereitungen getroffen, die nicht unbemerkt geblieben sind. Und außerdem kenne ich dich inzwischen ziemlich gut. Und dann gibt es da noch ein Geheimnis, dass für Dich kein Geheimnis
mehr ist”, flüsterte er. “Vergiss nicht - ich bin Christoff Pensant. Ich bleibe, wo ich will. Ich gehe, wohin ich will. Ich tue und ich sage, was ich will. Niemand, niemand und nichts hat Macht
über mich. Denn ich bin vom Alten Volk. Von jenseits der Zeit, von jenseits der Welt.”
Zuerst war da nur ein kaum merkliches Jucken am Handgelenk. Am linken Handgelenk. Allmählich wanderte das Jucken die Innenseite des Armes nach oben. In den Ellenbogen. Während es wanderte wurde
es intensiver, fordernder.
In der Dunkelheit die ihn umgab.
Kratzen! Er musste sich kratzen. Er dachte daran sich zu kratzen. Er wünschte es sich sehnlich, sich kratzen zu können. Aber er konnte sich nicht bewegen.
Er lag. Starr, steif, in Dunkelheit.
Sein linker Ellenbogen juckte.
Ihm dämmerte allmählich ins Bewusstsein, dass er vielleicht seine Augen öffnen könnte. Und, ebenso allmählich, drang dieses ferne Rauschen ebenfalls in seine Gedanken.
Das war kein Rauschen, das war eine Stimme. Eine Stimme, die zu ihm sprach. Es gelang ihm zu erkennen, dass es eine menschliche Stimme war. Eine Person, die auf ihn einredete. Auch wenn er nicht
in der Lage schien, die Worte unterscheiden zu können.
Eine zweite Stimme kam hinzu. Von der anderen Seite. Und eine dritte.
Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder der ersten Stimme zu. Allmählich erkannte er, dass sie weiblich war. Und mit schier ungeheurer Anstrengung schaffte er es die tonnenschweren Augenlieder
wenigstens einen Spalt zu öffnen.
Zuerst war da nichts als verschwommen helle Flecken. Ganz hinten schien etwas ganz hell. Davor eine Schattierung. Hell und doch dunkler als der Hintergrund. Nur sehr langsam wurden die Flecken
verschiedener Helligkeiten deutlicher umrissen. Das überaus Helle im Hintergrund war eckig und von etwas Dunklem eingerahmt. Davor begann sich allmählich eine nicht ganz so lichte Gestalt
abzuzeichnen.
“Sie sind im Krankenhaus.”
Locken. Er konnte Locken erkennen, die sich bewegten wenn sie sprach. Viele, wirre Locken.
“Es ist alles in Ordnung. Aber sie müssen schlafen.”
Undeutlich erkannte er ein blasses, schmales Gesicht. Umrahmt von einer Wolke von Locken. Als ihn die Dunkelheit auch schon wieder in sich auf nahm.
Die Schwester beugte sich ein wenig vor, als der junge Arzt den Patienten abtastete, die Augenlider öffnete und die Pupillen beleuchtete.
So ausdruckslos die asiatischen Züge des jungen Arztes auch waren, eine gewisse Besorgnis war doch zu bemerken. Und die Erleichterung, als die Pupillen reagierten.
“Wird Zeit, dass er endlich abkratzt”, brummte der Glatzkopf im Türrahmen und vergrub seine Hände in den tiefen Taschen seines weißen Mantels. “Wir haben auch noch andere Patienten, die sind
nicht so Schickimicki.”
“Fürs Erste lebt er”, konterte Doktor Long ruhig, “auch wenn da nicht mehr viel Leben ist.”
“Er wird es schaffen. Ich bin mir sicher!”
Überrascht sahen die beiden Männer zu der Schwester auf der anderen Seite des Bettes. Die Augen in ihrem blassen Gesicht lagen tief und verschwollen unter dunklen Ringen. Obwohl sie nur für
diesen Patenten abgestellt worden war hatte sie doch am Vortag eine normale Schicht gearbeitet. Um dann die ganze Nacht hier zu verbringen. Und so ein Dienst von zwei Mal zehn Stunden am Stück
war geeignet auch eine junge, sportliche Frau zu zeichnen. Und zu Aussagen verleiten, die ihr mehr als peinlich waren.
“Nun, Frau Kollegin”, fauchte der Alte beissend, “was veranlasst Sie zu Ihrer Diagnose?”
Trotzig schüttelte sie ihre schulterlangen Locken zurück und sah den Professor direkt an.
“Er hat die Augen geöffnet und mich angesehen. Für einen Augenblick war er bei Bewusstsein. Und ich bin sicher, er hat verstanden, was ich gesagt habe.”
Mit zynischem Grinsen trat der alte Professor an das Krankenbett und betrachtete Patient und Schwester von oben herab mit jenem Blick, den er auch seinen dämlichen weißen Mäusen im Labor
schenkte.
“Da bin ich ja nur froh, dass Sie kein Arzt sind”, meinte er zu ihr. Dann wandte er sich vollends dem Patienten zu: “Und du sieh zu, dass du endlich abkratzt. Wenn du mich wirklich verstehen
kannst – dann krepier! Ich kann Günstlingswirtschaft auf meiner Station nicht ausstehen!”
Sprach es und verließ mit wehendem Mantel das Zimmer.
Für einen Moment sahen sich Arzt und Schwester schweigend an. Nach einer Weile grinste er humorlos.
“Sieht so aus, als wäre der Professor einigermassen verstimmt über meine Anwesenheit.”
Sie rieb sich die brennenden Augen und schüttelte den Kopf.
“Das hat nichts mit Ihnen zu tun. Nichts Persönliches. Er hasst aus Prinzip jeden, der in ihm nicht die Reinkarnation von Schweizer, Semmelweis und Bernard sieht. Das ganze Spital und die halbe
Uni nennt ihn ‚Professor Kotzbrocken‘ – nur zu Ihrer Information. Er ist immer so. Und wenn er wirklich stinksauer ist, dann nur, weil er es gewohnt ist, dass seine Patienten ihm seine Leistung
durch beträchtliche Zusatzzahlungen vergüten. Das geht aber nur bei Privatpatienten, denn der Krankenhausbetreiber wird ihm bei seinen tatsächlichen Leistungen kaum was extra zahlen. Also, wenn
er entgleist, nicht persönlich nehmen.”
“Sie aber auch nicht.”
Überrascht sah sie auf und verstand, dass man ihr ansah, dass sie von dem Verhalten des Oberarztes ebenfalls geschockt war. Wie allen anderen war es auch ihr zur Gewohnheit geworden weit mehr zu
tun, als sie verpflichtet war und als sie verantworten konnte. Aber es war nun mal kein Geld da für neue Leute. Und die Leute, die noch nicht das Handtuch geworfen hatten, die brachten es nicht
übers Herz nach zehn aufreibenden Dienststunden einfach nach Haus zu gehen und ein paar der Patienten unversorgt zu lassen, nur weil die das Pech hatten, am Ende des Ganges zu liegen. Also tat
jeder, was seine Gutmütigkeit befahl und in seiner Macht stand, für den Bruchteil des Gehaltes eines Oberarztes – der einzige Grund, weswegen die meisten Spitäler auf der ganzen zivilisierten
Welt überhaupt noch funktionierten. Ihr war auch klar, dass der Professor das wusste. Und ihr war klar, dass ihm das ziemlich egal war. Er wurde unter der Hand für einen Posten als Staatssekretär
im Gesundheitsministerium gehandelt und da konnte er sich so althergebrachte Schwachheiten wie etwa einen hypokratischen Eid nicht leisten. Die Zahlen waren mächtiger geworden als die
Menschen.
Betretenes Schweigen herrschte in dem kleinen Zimmer. Nur die Überwachungsgeräte surrten leise und piepten in regelmässigen Abständen mit jener starrköpfigen Sturheit, als wären sie der
eigentliche Grund dafür, dass der regungslose Körper unter der Decke doch noch Funktionen aufwies.
“Ich wünschte, ich könnte Ihre Zuversicht teilen.”
Der junge Arzt fuhr sich durch die Haare und nicht nur diese spröde Geste zeugte von seiner Mutlosigkeit.
“Ich wollte wirklich, ich könnte Ihre Zuversicht teilen, aber – ich habe Menschen schon an leichteren Verletzungen sterben sehen. Genau genommen ist es ein Wunder, dass er überhaupt noch lebt.
Und selbst wenn er aufwacht und lebt, was wird das für ein Leben sein.”
Seine Stimme klang matt, ratlos und resigniert. Aus ihrer Antwort hingegen klang eine erstaunliche Sicherheit, als sie entgegnete: “Er wird nicht sterben. Ich mache jetzt seit fast zehn Jahren
Dienst auf der Intensiv ...”
Sie hatte nach unten gesehen und bemerkt, dass sie noch immer die Hand ihres Patienten hielt, die sie ergriffen hatte, als er kurz die Augen geöffnet hatte. Und sie war erstaunt verstummt.
“Und?”
Erschrocken ließ sie seine Hand wieder los. Im nächsten Augenblick wirkte sie zerbrechlich gläsern, taumelte sie verwirrt zurück.
“Ja?” fragte er noch einmal.
“Ich – ich weiß nicht”, stotterte sie mit einem Mal bar jeder Sicherheit. “Er – wie soll ich sagen – er ist irgendwie anders. Ich fühle – ich fühlte, dass er heilt. In seiner Nähe ist so viel
Kraft. In ihm ist so viel Kraft. Es ist wie – wie ein Gefühl, dass - dass er einfach nicht sterben kann!”
Erfolglos rang sie nach Worten um dem jungen Arzt zu erklären, dass da etwas in ihr gewesen war, dass sie weder verstehen noch in Worte fassen konnte. Das sie aber absolut sicher machte, dass
dieser Mann nicht sterben würde. Rastlos marterte sie ihr müdes Gehirn, aber es wollten beim besten Willen keine Worte kommen. Verwirrt setzte sich noch leise hinzu: “Ich bin mir ganz sicher,
dass er mich verstanden hat!”
Ein breites Lachen legte sich jetzt langsam auf das Gesicht des jungen Asiaten.
“Ach Schwester Britha, ich glaube, dann wäre er wohl der erste Mann, der eine Frau verstanden hat.”
Der kleine, lindgrüne Smart wischte um die Ecke der Einfahrt und hielt am Beginn des fußballfeldgroßen Hofes. Die Morgensonne blinzelte gerade über das herrschaftliche Haus, dass etwas erhöht und
einsam rechts von dem Platz stand und warf dessen langen Schatten über den Kies bis zu der langgestreckten Halle auf der anderen Seite. Die frischen, roten Ziegel leuchteten feurig im Morgenlicht
und das gähnend dunkle Loch des halb abgedeckten Daches der vordersten Halle erschien wie ein unergründlicher Schlund der alles zu verschlingen drohte.
Ein nicht ganz unpassendes Symbol gestand sich Patricia Fogham ein, wenn sie an die Kosten des Projektes dachte. Sie hätte ihren Traum niemals in Angriff genommen, wäre da nicht einer gewesen,
der sich im Tod als Freund entpuppte und der sie besser zu kennen schien als sie sich selbst. Darum hatte er sie bei seinem Ableben mit einer Art Stiftung bedacht.
Der Himmel marmorierte sich in hellem Rot und taubengrauem Blau und schien näher und tiefer zu liegen als sonst. Ganz nah unter den verwischten Wolkenschleiern zogen die schwarzen Punkte eines
Vogelschwarmes dahin, leiser Wind bewegte die rotgoldene Masse der Baumspitzen jenseits der Mauer, die das alte Fabriksanwesen umspannte, und von den Geräuschen der hektischen Welt war nach dem
Ersterben des Motors nichts mehr geblieben.
Ganz vorsichtig, um den milchigen Glanz des Morgens nicht zu zerbrechen, öffnete Fogham die Autotüre und stieg aus. Die schwarzen Stiefel mit den flachen Absätzen bohrten sich in den hellen Kies,
als sich die schlanke Frau gegen den Wagen lehnte, die Ellenbogen am Dach abstützte und den Kopf in die Hände legte. Eine ganze Weile lang beobachtete sie so, wie das Rot immer heller und
durchscheinender wurde. Wie das Licht strahlender und die Konturen klarer wurden. Wie sich der Himmel von der Welt in unfassbare Höhen zurückzog. Wie die reine, frische Morgenluft sich mit ihrem
Atem vermischte und unmerklich aber kühl durch ihre Lederjacke drang. Sie streckte und dehnte sich, atmete tief durch und fühlte sich gut. Wirklich gut. Sie wusste, dass sie, obwohl wie immer
kaum geschminkt und mit Jeans, rotem Rollkragenpullover, Stiefeln und Lederjacke einfach gekleidet, gut aussah. Wirklich gut. Die Reaktionen der Männer und Frauen waren dafür Beweis genug.
Manchmal machte ihr das sogar Spaß. Wenn sie besonders gierigen Blicken begegnete. Um dann demjenigen zu zeigen, was er verpassen würde. Mit der gleichzeitigen und unmissverständlichen Botschaft,
dass er es niemals erreichen konnte. Wenn sie sich erinnerte, dann schien es ihr, als habe sie schon immer mit den Begierden der Menschen gespielt. Hatte deren Schwächen und Unwissenheit benutzt
um ihre Ziele zu erreichen. Ihre eigenen Wünsche waren diffus und ihre Begierden waren kaum den Namen wert. Immer hatte sie ganz genau gewusst, wohin sie wollte und nur manchmal in ihrem Leben
waren da auch andere Wünsche gewesen. Diese Momente aber waren selten. Waren es immer gewesen und wurden immer seltener. Wie zur Erinnerung machte leises Ziehen in ihrem Unterbauch sie darauf
aufmerksam, dass auch ihr Körper gelegentlich nach seinem Recht, nach seiner Erfüllung verlangte. Und ihren Geist dann mit Bildern und Vorstellungen überflutete, die im krassen Gegensatz zu ihrer
eigentlichen, ihrer kühlen Gedankenwelt standen. Patricia Fogham machte sich über diese Widersprüche aber kein Kopfzerbrechen. Nicht mehr. Auch das unterschied sie von den meisten Frauen, die ihn
ihrem Alter immer häufiger auf ihre biologische Uhr zu schielen begannen. Sie war sich sicher, dass geschehen würde was geschehen musste. Weil alles zu seiner Zeit geschah.
Sie hatte irgendwann begriffen, dass eine Frau nicht besser und nicht schlechter ist als ein Mann. Nur schlichtweg anders. Anders befähigt, anders programmiert, mit anderen Wertigkeiten.
Sie atmete noch einmal tief die erfrischende Morgenluft ein, stieg wieder in den kleinen Wagen und wurde sich bewusst, dass dieser letzte Gedankengang falsch war. Die Grenze verlief nicht
zwischen Mann und Frau sondern zwischen den einzelnen Individuen. Mancher Mann sah die Erfüllung seines Lebens gerade darin, immer neues Leben zu schaffen, manche Frau bekam allein schon bei dem
Gedanken daran, und an die Folgen, an die Prolongierung des Leidens, epileptische Anfälle. Das hatte nicht wirklich etwas mit der biologischen Grenze zwischen Mann und Frau zu tun. Vielleicht, so
sinnierte sie, hatte es etwas damit zu tun, ob jemand es schaffte seinem eigenen Leben einen Sinn zu geben oder ob man darauf angewiesen war, seine Wünsche anderen aufzubürden.
Quer über den Platz fuhr sie hinter das Haus und wollte den Wagen schon vor dem Nebengebäude ausrollen lassen, als sich wie von Geisterhand das Garagentor hoch schob. Überrascht rollte sie weiter
in die leere Halle und stellte den kleinen Wagen an die Seite. Der früher als Lagerhalle für das Haupthaus genützte Schuppen war groß genug, dass sie ohne Schwierigkeiten darin hätte wenden
können. Er wirkte riesig, leer und er wirkte düster, als sich das Tor wieder schloss.
Nachdem sie ausgestiegen war gewahrte sie einen älteren Mann, der feixend unter der Tür ins Haus auf sie zu warten schien und eben die Hand von dem Tormechanismus nahm.
“Martin!”, lächelte sie kopfschüttelnd während sie auf ihn zuging. “Ich habe Ihnen doch gesagt, dass das automatische Tor nicht so wichtig ist. Wir brauchen dringend die Materialaufstellung für
das Dach. Das muss dicht sein, so schnell wie möglich. Wir wissen nicht, wie lange das Wetter noch hält.”
“Guten Morgen Chefin”, feixte der unrasierte Mann, “und keine Angst, die Aufstellung ist auch fertig.”
Überrascht sah Fogham dem Mann nach, der sich umgewandt hatte und vor ihr ins Haus ging. Seine Kleidung war abgetragen und zerschlissen, sein Haar struppig und den einen Fuß zog er ein wenig
nach. Noch immer wirkte er, als läge eine große Last auf seiner Schulter. Er hatte sich kaum verändert seit dem Tag, da sie ihm das erste Mal begegnet war. Ein Unterschied lag vielleicht darin,
dass er jetzt um einiges sauberer war. Er hatte sie angesprochen, sie hatte ihm eine der Straßenzeitungen der Obdachlosen abgekauft und so waren sie ins Gespräch gekommen. Er hatte sich als
geschickt erwiesen, egal welche Arbeit anlag. Solange er die Finger vom Alkohol ließ. Offener war sein Wesen geworden in den letzten Wochen, äusserlich hatte er sich kaum verändert. Doch
Schreibarbeiten, wie etwa Materiallisten, waren nicht seine Welt, das wusste sie inzwischen.
“Guten Morgen Chefin”, schallte es ihr fröhlich entgegen, als sie den großen Eckraum betrat, der zur Zeit als Küche, Wohnzimmer, Besprechungsraum und Speisesaal gleichermaßen genutzt wurde. War
er doch, neben den Sanitärräumen, der einzig passabel ausgebaute Raum in dem ganzen Komplex. Und was da so fröhlich schallte war die kleine, pummelige Frau, die geschäftig darin herum
watschelte.
“Ich habe gerade frischen Kaffee gemacht. Und Semmeln habe ich auch geholt. Sie haben sicher noch nicht gefrühstückt!”
Fogham musste lachen, angesteckt von der Begeisterung und dem zahnlosen Grinsen, dass diese Frau ausstrahlte. Als sie damals jemanden gesucht hatte, der auf die alte Anlage sah, war sie auf
Martin gestoßen. Und die zahnlos grinsende Fee war einfach mitgekommen. Hatte behauptet auf ihn aufpassen zu müssen. Und hatte sich als perfektes Hausmütterchen entpuppt. Wie als leider
notwendiges Bollwerk gegen die Versuchungen des Alkohols. Jetzt, da sie endlich wieder jemanden hatte für den sie unter halbwegs normalen Bedingungen sorgen konnte, da lebte sie auf. Nur an ihr
Gebiss wollte sie sich einfach nicht gewöhnen.
An diesem Morgen saß noch ein Mann an dem Tisch. Ein riesiger Kerl mit schütterem Haar und traurigen Augen. Obwohl der Mann von beeindruckender Masse war, wirkte er doch bei Foghams Eintreten
verschüchtert. Als wolle er jeden Augenblick aufspringen, flüchten und sich verstecken. So, als wolle er sich für seine Existenz entschuldigen und es schien, als wäre diese Entschuldigung zu
seiner zweiten Natur geworden. Vor ihm dampfte eine Schale Kaffee und in seinem Gesicht brannten die roten Flecken einer frischen Rasur nach langer Zeit.
“Das is' Ingo”, erklärte die kleine Frau wie selbstverständlich, während sie eine weitere Schale auf den Tisch stellte und Kaffee für Fogham eingoss. “Er is' zwar ein Deutscher, aber er kann
schreiben.”
Sie drückte damit in ihrer Weise aus, dass der Mann einiges an Bildung aufzuweisen hatte und dass ihm Schreibarbeiten wesentlich besser lagen als dem handwerklich begabten Martin. Schon vor
langer Zeit war Fogham dahinter gekommen, dass an Bildung bei Obdachlosen zumeist keineswegs Mangel herrschte. Neugierig sah sie sich den Mann an und wie wenn er auf dieses Kommando gewartet
hätte schob er einige Blätter über den Tisch und leistete sich ein zaghaftes Lächeln, ohne sie wirklich anzusehen. Seine Haltung wirkte verwunderlich bei einem riesen Kerl wie ihm. Wie ein
geprügelter Hund, der vorsichtig heranschlich und nicht wusste, ob die Hand ihn wieder schlagen würde oder ob er sie lecken durfte. Unsicher wirkte er, geradezu ängstlich, aber auch auf
bemerkenswerte Weise nicht kriecherisch.
Die Materialaufstellung für die Dachreparatur war jedenfalls fein säuberlich ausgearbeitet. Die Kosten waren kalkuliert und dann noch eigene Einkaufslisten für einzelne Baumärkte
angeschlossen.
“Ich habe die Postwurfsendungen durchgesehen und herausgesucht, was jetzt wo ihn Aktion ist”, erklärte er schnell, als er ihren überraschten Blick bemerkte.
Sie besah sich noch einmal die Aufstellungen und nickte zufrieden. Auch wenn ihr der Betrag, der am Ende herauskam, schmerzlich in Erinnerung rief, dass sie allmählich aufhören musste fremdes
Geld auszugeben.
“Ingo kann so was”, meinte der Alte und mampfte vergnügt an seiner Marmeladesemmel. “Und er ist auch ganz geschickt, was Arbeiten angeht.”
“Er hat auch noch seinen Führerschein. Und wir dachten uns, vielleicht könnten Sie ihn gebrauchen”, setzte die zahnlose Frau eindringlich nach. “Er ist noch nicht lange auf der Straße. Und er
gehört dort wirklich nicht hin!”
Fogham musste lächeln bei dem Eifer, den die Beiden an den Tag legten um ihr den Mann zu verkaufen. Bei sich selbst waren sie wahrscheinlich nie so energisch gewesen.
“Habt ihr beiden ihm auch erzählt, was auf ihn zukommt?”
“Wir sind die, denen keiner hilft. Also helfen wir uns gegenseitig!”
Wie eine gealterte Jungfrau von Orleans stand sie mitten in der Küche und reckte das Küchenmesser. Und auch Martin legte seine Semmel weg und streckte die Schultern.
“Jeder tut das, was er kann. Für sich und für alle!”
Wie ein kalter Schauer lief es Fogham über den Rücken, als sie begriff, dass noch niemand es in so einfachen und doch so treffenden Worten ausgedrückt hatte. Und dass es für die beiden in der
kurzen Zeit bereits zu einem Glaubensbekenntnis geworden war an dem sie eisern festhielten.
Überrascht von dieser Ernsthaftigkeit war auch der Mann. Und es war nur zu offensichtlich, dass ihm dieser Ernst lieber war als jedes noch so gut gemeinte Gutmenschentum. Jedenfalls schien er ein
wenig seiner Furchtsamkeit abzulegen und seine Schultern zu straffen. Ein wenig.
“Ich hatte früher mal ein eigenes Unternehmen. Nichts großes. In der Nähe von Schweinfurth. Das habe ich mir selbst aufgebaut. Dann habe ich geheiratet.”
Was er dann noch sagte war zu leise um verständlich zu sein.
Patricia Fogham ließ ihre grünen Augen einige Augenblicke auf dem Mann ruhen, der plötzlich wieder in sich zusammengesunken war und gedankenverloren in seinen Kaffee starrte ohne sich zu
rühren.
Für viele, die jetzt auf der Straße lebten, war das vermeintliche Happy End der Anfang vom Ende gewesen. Aber daran dachte Fogham nicht. Sie schien durch ihn hindurch zu sehen und niemand konnte
sagen, was sie sah. Stumm und in sich gekehrt saßen die beiden für einige Augenblicke. Endlich bewegte sich Fogham. Sie griff nach ihrer Aktenmappe, die sie auf den Tisch gelegt hatte, holte
daraus einen gelben Schnellhefter hervor und schob ihn energisch über den Tisch, dass er gegen Ingos Arm stieß und ihn in die Gegenwart zurück holte.
“Ich möchte, dass Sie sich das durchlesen und mir sagen, was Sie davon halten.”
Mit spitzen Fingern sah der Riese in die ersten Seiten. Neugierig blätterte er weiter bis er endlich seinen Kaffee unachtsam zu Seite schob und sich mit gerunzelter Stirn in das Material
vertiefte. Mit einem Mal wirkte er ernsthaft und verantwortungsvoll.
Die junge Frau trank davon ungerührt ihren Kaffee, ließ sich von Martin berichten und schien jedes Interesse an dem Riesen auf der anderen Seite des großen Tisches verloren zu haben.
Der dagegen wurde immer aktiver, fraß die Seiten in sich hinein, blätterte vor und wieder zurück, verglich, überlegte und zweifelte.
“Das”, stieß er endlich hervor, “das ist Wahnsinn!”
Langsam wandte sie sich ihm zu und sah ihn herausfordernd an, während er nach Luft und mit den Worten rang.
“Ich meine, es ist schräg, es ist waghalsig und völlig – völlig – anders. Anders als jedes Konzept, jede Idee, die ich jemals gehört habe.”
“Und?”
Sie hatte sich zurück gelehnt, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah ihn erwartungsvoll und fast amüsiert an. Seine Blicke wanderten wieder zu den Seiten zurück und er begann sie
langsam noch einmal durch die Finger laufen zu lassen, ohne zu lesen. Man sah ihm an, dass er versuchte sich eine Meinung zu bilden.
“Die Räumlichkeiten haben Sie”, überlegte er leise. “Und das Startkapital haben Sie offensichtlich auch. Wenn Sie jetzt noch die richtigen Leute in den richtigen Positionen kennen. Und wenn
Sie stur sind – außergewöhnlich stur – dann könnte es tatsächlich klappen. Möglicherweise.”
“Möglicherweise”, echote eine sonore Stimme vom Eingang her. Ein massiger Mann mit grau durchzogenen Haaren stand dort mitten in der Tür und hatte offensichtlich mitgehört.
“Dass Sie eine außergewöhnliche Frau sind Frau Fogham, dass war mir vom ersten Augenblick an klar.”
Mit einer grazilen Bewegung hatte sich Fogham erhoben um dem Mann entgegen zu treten und ihm die Hand zu reichen.
“Herr Bader! Ich hatte Sie nicht so früh erwartet. Was haben Sie mir Ihrer Hand angestellt”, fügte sie noch hinzu, als sie seinen bandagierten Unterarm bemerkte. Mit einem säuerlichen Grinsen hob
der den Arm um ihn selbst zu betrachten.
“Sehnenscheidenentzündung”, erklärte er dann. “Jeder normale Mensch würde so nicht arbeiten gehen, hat mein Arzt gesagt. Als ob ein Arzt wüsste, was Arbeit ist. Und als ob ein Unternehmer ein
normaler Mensch wäre!”
“Als ob Sie ein normaler Mensch wären”, lachte Fogham.
Für einen Augenblick sah er sie nachdenklich an, als hätte sie ihn auf eine Idee gebracht. Dann legte sich eine Hand auf seine Schulter um ihn daran zu erinnern, dass er die Tür versperrte.
“Ach ja,” meinte er grinsend, “ich komme deswegen so früh, weil mein lieber Freund und Rechtsberater Doktor Hardt seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen gestern abend etwas früher entsagen
konnte.”
Hinter dem massigen Mann in Jeans und Poloshirt schob sich endlich ein junger, dunkelhaariger Mann hervor. Er war schlank und wirkte sportlich elegant in seinem Anzug, aber eher in der Art eines
etwas windigen Finanzberater und nicht wie ein seriöser Rechtsanwalt. Doch Fogham wusste inzwischen, dass man sich von diesem ersten Eindruck nicht täuschen lassen durfte.
“Das ist wieder mal so typisch!”, schmollte der junge Anwalt freundschaftlich. “Da ist die wundervollste Frau der ganzen Stadt, und du blockierst die Tür.”
Dabei schenkte er ihr einen männlichen Händedruck und ein noch männlicheres Lächeln. Fogham erwiderte es freundlich aber kühl und ging nicht auf seine Schmeicheleien ein. Auch weil sie bemerkte,
dass das Auftauchen der beiden Männer, sozusagen aus der wirklichen Welt, die drei Personen in dem Raum erschreckt und verunsichert hatte. Jeder von ihnen schien plötzlich etwas ganz Wichtiges zu
besorgen zu haben.
“Aber kommen sie doch herein,” bat Fogham die beiden Männer. “Sie kennen ja Maria und Martin, unsere Küchenchefin und unseren Haushofmeister.”
Beide Seiten nickten sich distanziert zu.
“Und das ist Ingo – äh”
“Kummervoll”, ergänzte Ingo, erhob sich ein wenig und grinste schief. “Ingo Kummervoll. Und ich kann Ihnen garantieren, dass ich jeden blöden Witz zu diesem Namen bereits gehört habe.”
Für einen Augenblick standen sich die beiden Männer gegenüber, füllten den Raum mit Ihrer Größe und schienen sich sehr ähnlich. Wäre da nicht der funkelnde Wille in den Augen des einen auf die
Resignation in den Augen des anderen getroffen.
“Darf ich Ihnen etwas anbieten? Vielleicht einen Kaffee?”, durchbrach Fogham das aufkommende Schweigen und sah die Anwesenden an.
Der junge Anwalt fasste nach der Brusttasche seines Sakkos und sah sie fragend an.
“Darf man hier bei Ihnen rauchen?”
“Nicht in meiner Küche!” platzte Maria sofort heraus um sich im nächsten Augenblick am liebsten in sich selbst zu verkriechen.
Verärgert sah der Anwalt sie an, aber Foghams schallendes Lachen zerbrach die Spannung augenblicklich.
“Nun”, meinte sie, noch immer lachend, “das war wohl eine unmissverständliche Antwort.”
Bader sah nachdenklich von einem zum anderen und kratzte sich am Kinn.
“Ausgezeichnet Frau Maria”, brummte er endlich. Und noch einmal: “Ausgezeichnet. Ich bin immer viel zu nachsichtig mit ihm. Du weißt ja, lieber Doktor”, wandte er sich an ihn, “dass du der
einzige bist, dem ich es erlaube, in meiner Nähe zu rauchen. Und da ich mir sowieso ansehen wollte, wie es mit dem Umbau voran geht kannst du deine Zigarre im Freien paffen.”
Wandte sich um und verschwand ohne ein weiteres Wort.
“Kommen Sie mit Ingo”, forderte Fogham lächelnd. “Und stecken Sie sich was zu schreiben ein.”
Vor dem Haus wartete Bader, massierte seinen verbundenen Arm und sah nachdenklich zum Himmel hinauf. Die Sonne hatte sich hinter einer dichten Wolkendecke verborgen und ein beständiger Wind
spielte mit den Bäumen jenseits der Mauer.
“Wieviele von diesen – Leuten wohnen jetzt hier?” wollte Bader wissen während sie gemächlich über den Kies des Platzes schritten. Sie und Bader voran, dicht dahinter der junge Anwalt. Mit einigem
Abstand folgte ihnen der Riese mit den traurigen Augen.
“Das ist unterschiedlich”, erklärte Fogham. “Wer hier übernachten will muss zumindest ab Mittag gearbeitet haben. Und da Martin, was arbeiten angeht, ziemlich hart sein kann sind das nicht viele.
Genau genommen lebt außer Martin und Maria nur ein einziger weiterer Gast seit längerem hier. Die meisten der Obdachlosen müssen sich erst wieder daran gewöhnen, was ein geregelter Ablauf und
arbeiten ist. Hier haben sie die Möglichkeit dazu. Und es werden tatsächlich immer mehr. Zwar langsam, aber doch. Gestern da hatten wir –“ sie wandte sich um und sah sich nach Ingo um, der eine
Hand in die Höhe spreizte. “- fünf Arbeiter.”
“Und Martin”, ergänzte Ingo.
“Aber das alles sind doch nur Hilfskräfte!”, wandte der junge Anwalt ein.
“Sei vorsichtig mit solchen Aussagen”, wandte sich Bader um. “Dieser Martin war, soviel ich weiß, Baupolier, bevor er auf die Straße kam.”
“Und der Mann, der schon länger da ist, der ist gelernter Elektrotechniker”, ergänzte Ingo.
Nachdenklich nickte Bader während sie entlang der Stirnseite der ersten Halle gingen.
“Aber kein Dachdecker.”
“Wir werden keinen Dachdecker benötigen.”
“Das Loch ist riesig. Da müssen Sie erst rund herum abdecken, dann ausbessern und komplett neu decken. Das schaffen Sie doch nie mit den paar Leuten.”
“Am Montag ist das Dach dicht!”
“Haben Sie eine gute Fee Gewehr bei Fuß stehen?”, brummte der massige Mann.
“Keine gute Fee. Aber es gibt einen Haufen junger Leute, die allzeit bereit für eine gute Tat sind.”
Bader sah sich überrascht um und entdeckte ein verschmitztes Lächeln in ihrem Gesicht das ihn beruhigte und doch gleichzeitig neugierig machte.
“Hä?”, machte er nur.
“Wir sind eine karitative Vereinigung, Herr Bader. Und die Pfadfinderorganisation macht alle Jahre einen Arbeitseinsatz bei einer solchen Vereinigung, wenn etwas ansteht, wo sie helfen können. 72
Stunden lang werden fünfundzwanzig bis dreißig junge Leute auf diesem Dach herum klettern. Wir müssen nur das Material stellen und sie unterbringen und verpflegen. Außerdem bringen sie einen
Dachdeckermeister mit, der die Arbeit beaufsichtigen wird. Wie gesagt, am Montag ist es dicht!”
Bader lachte auf und Hardt schüttelte ungläubig den Kopf.
“Es gibt sehr viel mehr Hilfe, als Sie annehmen würden Doktor Hardt”, erklärte sie ernsthaft. “Man muss nur wissen, wo man fragen und wo man ansetzen muss.”
“Damit sind wir bei unserem Punkt”, wurde Bader wieder ernst während sie zwischen der zweiten und der dritten Halle einbogen und auf das Tor zumarschierten. “Die Geschichte mit der Lehrwerkstätte
zur Ausbildung von Jugendlichen, die keine Lehrstelle finden ist grundsätzlich toll. Aber wer soll das bezahlen?”
“Sie haben den Vertrag gelesen?” Fogham ging auf seine Frage vorerst nicht ein. “Wozu verpflichtet Sie dieser Vertrag?”
Jetzt war der junge Anwalt in seinem Element. Er rückte noch näher zu ihr auf und holte Unterlagen aus seiner Tasche.
“Nun, der Vertragsentwurf, den Sie uns vorgelegt haben, sieht eigentlich nur vor, dass Herr Bader mittels seiner Fachkräfte die Leute ausbildet, die Sie, Frau Fogham, in die Lehrwerkstätte
aufnehmen. Mein Mandant ist berechtigt, Arbeiten für seine Unternehmen hier durchführen zu lassen, aber nicht verpflichtet. Er kann die auszubildenden Personen in seinen eigenen Werkstätten
ausbilden oder in der Lehrwerkstätte, die der Verein in einer der Hallen zur Verfügung stellt. Es kann ...”
“Wozu verpflichtet Herrn Bader dieser Vertrag”, wiederholte sie ihre Frage.
Der junge Anwalt fingerte nervös an seinem Krawattenknoten und sah sie kurz an. Dann meinte er, in unüblich kurzer Form: “Der Vertrag verpflichtet meinen Mandanten nur zur Sicherung der Qualität
der Ausbildung. Und zur Bescheinigung dieser Qualität.”
“Das heisst, ihr Mandant kann sich als Subunternehmer betrachten, der nur seine Qualifikationen in den Vertrag einbringen muss, aber von allen anderen Problemen entlastet ist.”
Ingo hatte die Tür in die Halle hinter sich geschlossen und stand davor. Endlich presste der junge Anwalt hervor: “Ja. Ja genau so ist es!”
Bader wanderte schweigend ein paar Schritte in den weißen, riesigen Raum hinein.
“Diese Dinger sind ja noch größer als ich dachte!”, stieß er leise zwischen den Zähnen hervor. Dann sah er nach oben.
“Die Zwischendecken sind neu eingezogen. Die Hallen sind nicht nur groß, sie sind auch hoch genug um zumindest ein Stockwerk einzuziehen. Theoretisch könnte man sogar noch das Dachgeschoss
ausbauen, aber das lassen wir fürs Erste. In dem neu eingezogenen Geschoss entstehen jetzt Startwohnungen für Personen, die hier arbeiten, aber keine Unterkunft haben.”
“Als Bestandteil des Lohnes”, warf der Anwalt fordernd ein und sie lachte wieder auf.
“Herr Hardt! Nicht alles im Leben muss Gewinn abwerfen!”
Für einen Augenblick sah er sie schweigend an. Doch diesem Blick fehlte diesmal alle männliche Koketterie, fehlte alles juristisch Verschlagene. Leise meinte er endlich: “Aber gute Ideen sollten
am Leben bleiben.”
Sie lächelte zurück und meinte: “Dieser Ansicht war nicht nur die staatliche Arbeitsmarktverwaltung, als sie den Fördervertrag für die nächsten drei Jahre unterschrieben hat. Auch bin ich bei
Verhandlungen mit anderen, privaten Arbeitsvermittlern auf sehr positives Interesse gestoßen. Genauso wie bei Unternehmen, die zwar selbst Lehrlinge ausbilden, aber teuer investieren müssten, um
alle Bereiche des Lehrberufes abdecken zu können oder die bereit sind, in Zusatzqualifikationen ihrer Mitarbeiter zu investieren. Das war es doch sicherlich auch, was Sie interessierte.”
Ohne zu antworten sah der sportlich junge Anwalt seinen Freund und Mandanten an und nickte unmerklich. Der warf noch einen langen Blick in den leeren Raum, seufzte und streckte die Hand
aus.
“Gib mir den Vertrag”, forderte er. Und zu der jungen Frau gewandt, die schweigend daneben stand, ein leises Lächeln auf den vollen Lippen und die Hände in den Jackentaschen vergraben: “Ich habe
nicht die leiseste Ahnung, welchen Pakt ich hier unterschreibe. Aber wenn mich mein Gefühl nicht täuscht, dann kann aus Ihren Plänen Großes werden. Allerdings bin ich mir noch nicht so ganz
sicher, ob es ein großer Erfolg oder ein großer Reinfall wird. Zumal ich noch nicht ganz verstehe, was sie mit diesen anderen Personen, Sie nennen sie die ‚Ausgegrenzten‘, in ihrem Projekt im
Schilde führen. Nun, wie das Ganze auch immer ausgeht – ich will dabei sein!”
Fröhlich verwirrt sah er sich in dem leeren Raum um, den Vertrag in der einen, einen Stift in der anderen Hand, als Ingo plötzlich vortrat und ihm seinen breiten Rücken als Unterlage anbot. Für
einen kurzen Augenblick war Bader irritiert, dann lachte er um so heftiger.
“Also, wenn das keine Symbolkraft hat – ich unterschreibe den Pakt mit dem ich meine Seele verkaufe auf dem Rücken eines Obdachlosen! Das kann ja heiter werden!”
Der Wind war soweit abgeflaut, dass er kaum mehr zu fühlen war. Doch die Wolkendecke war inzwischen nur dichter geworden. Wie eine Schicht grauer, nasser Watte bauschten sich die Gebirge von
einem Horizont zum anderen und tauchten die Welt darunter in graues, nasses Licht. Neben dem Riesen von Mann wirkte die Frau zierlich und zerbrechlich. Wenngleich auch nur auf den ersten Blick.
Ihre Jacken hatten sie geschlossen, aber sie schritten ohne Eile entlang der Mauer die das Grundstück umgab.
“Er weiß nichts von den Asylanten?”
Es war offensichtlich, dass dem großen Mann diese Frage schon länger auf der Zunge brannte und er sie nun, da sie allein waren, nicht mehr zurückhalten konnte.
“Alles zu seiner Zeit, Ingo”, antwortete sie und verlangsamte ihre Schritte noch mehr bis ein Schlendern daraus geworden war. Endlich sah sie ihn von unten herauf verschmitzt an und fragte:
“Halten Sie es immer noch für Wahnsinn?”
“Ist’s auch Wahnsinn, so hat’s doch Methode”, zitierte er und ließ seinen Blick über das Gelände schweifen. “Mal sehen, ob ich es irgendwie zusammen kriege. In der Halle, in der wir eben waren,
entstehen Werkstätten. Einerseits für Auszubildende und für Umschulungen. Und, wenn ich Ihr Konzept richtig verstanden habe, auch Arbeitsplätze für Asylanten, die so im geschlossenen Rahmen
arbeiten und sich etwas dazu verdienen können solange ihr Asylantrag läuft.”
“Wenn das Innenministerium sein Einverständnis gibt, dann könnten so einerseits die Kosten für das Asylverfahren vermindert werden und andererseits kann die Qualifikation der Asylanten beurteilt
werden. Ein Politikum – aber machbar!”
“Sie könnten das Ganze viel einfacher und viel ertragreicher machen. Auch bei den anderen Plänen. Irgendwie habe ich den Eindruck, es geht Ihnen gar nicht darum, Geld zu verdienen. Allmählich
glaube ich, sie wollen den Menschen wirklich helfen. Aber warum?”
Verständnislos breitete er die Hände aus und blickte zu der schlanken Frau hinunter und sah wiederum das zarte Gesicht, den vollendeten Körper. Und wunderte sich wiederum für eine kurze Sekunde,
dass er sie in keiner Weise als die Frau empfand, die sie war. Dass da kein Begehren, kein Verlangen von seiner Seite war. Zu beeindruckend war ihre Persönlichkeit.
“Es gibt da ein altes chinesisches Sprichwort, mein lieber Ingo”, antwortete sie sehr leise. “Das sagt: Es werden die Rechtlosen sein, die dem Recht zu seiner Geltung verhelfen werden. Oder wie
man bei uns zuhause sagt: Wenn auf jeder Wiese ein Frosch sitzt, kümmern sich nur die Störche darum. Wenn sie die Frösche aber um den Teich sammeln, dann können sie dem ganzen Dorf den Schlaf
rauben. Der Unterschied liegt in der gelebten Gemeinschaft.”
Verwirrt runzelte er die Stirn, sagte aber nichts dazu, denn er war sich nicht sicher, ob sie auch wirklich zu ihm gesprochen hatte. Als hätte er ein Tabu berührt, so stürzte er sich lieber
wieder hektisch in seine Ausführungen.
“Na ja. Aber auch alles andere hier! So entstehen über dieser Werkstätte Startwohnungen in denen betreutes Wohnen bei Resozialisierung möglich ist”, fuhr er fort und atmete tief die frische Luft
des Morgens ein. “Die mittlere Halle wird eine Art Bürocenter, vor allem für Start-up Firmen, die erste Halle eine Art alternatives Einkaufszentrum mit Praxen von Ärzten und ähnlichen. Und nicht
zu vergessen ein kleiner Saal für Veranstaltungen und Seminare. Das Haupthaus ist das Einzige, was ich wirklich verstehe. Das soll so eine Art Verwaltungszentrum werden. Bei allen Unternehmungen,
die Sie hier ansiedeln wollen, muss aber immer der Gedanke der Nachhaltigkeit und – wie soll ich sagen – der ‚Alternativität‘ vorherrschen. Sie denken an Bioläden, Dritte-Welt-Shops, Therapeuten
für alternatives Heilen und all den Schmakkes. Aber auch bei den Firmen ist das für Sie ein Kriterium.”
“Und ich merke, Sie sind nicht sonderlich von diesem Lebensstil angetan.”
Abwehrend hob er die Hände. Seit Bader und der Anwalt verschwunden waren hatte er viel von seiner ängstlichen Unterwürfigkeit verloren. Jetzt war mit einem Schlag alles wieder da. Die
niedergeschlagenen, zuckenden Augen, die nach vorne fallenden Schultern, der eingezogene Nacken. Und die Unsicherheit in seiner Stimme.
“Also, nein – ich – wissen Sie ..”, stammelte er.
Sie blieb stehen, wandte sich voll ihm zu und sah ihn gerade heraus an.
“Was?”
Für einen kurzen Moment hob er den Blick vom Boden und sah in ihre leuchtenden Augen. Es sollte nur ein Streifen für den kurzen Hauch eines Momentes sein, aber es war ihm unmöglich sich wieder
abzuwenden. Wie ein stiller Orkan tobte etwas über ihn hinweg, dass er meinte das Rauschen des Sturmes zu vernehmen. Riss was schwach war aus ihm heraus. Blies was trüb war von ihm fort. Etwas
wie ein grüner Sturmwind jagte für einen Augenblick durch seine Seele und fegte hinweg, was die Jahre der Demütigung an Staub und Schutt und Ablagerung hinterlassen hatten. Grünes Licht schien
sie für einen Augenblick einzuhüllen, schien ihn federleicht schweben und ihre Gestalt bis an die Wolken wachsen zu lassen.
“Erklären Sie mir Ihre Bedenken.”
Mit einem Schlag war das Licht weg. Der Mann sah wieder auf die Frau hinunter und die kühle Luft drang durch seine Jacke. Nur ein wenig unsicher fühlte er sich auf den Beinen. Vielleicht kam das
auch daher, dass er sich plötzlich leicht fühlte. Unendlich leicht. So leicht, wie schon seit Jahren nicht mehr. Plötzlich hatte er keine Angst mehr davor diese, seine wahrscheinlich letzte und
einzige Chance ins Leben zurück zu kehren, zu verderben. Er war, wer er war. Und es gab sowieso nur den einen Weg, dazu zu stehen.
“Ich bin davon überzeugt”, begann er und er war selbst überrascht darüber, wie kraftvoll seine Stimme klingen konnte, “dass ein Kompetenzzentrum für Nachhaltigkeit, wenn Sie mir den Ausdruck
gestatten, sehr viele gute Effekte bringen kann. Und ich bin überzeugt davon, dass es laufen wird. Aber für mich hat das immer einen Anstrich von Esoterik. Nicht, dass sich Esoterik nicht gut
verkaufen würde. Das Problem ist nur, dass Esoterik sehr schnell in Sektiererei umkippt. Und da habe ich einfach meine Bedenken. Nicht, dass sich mit einer Sekte nicht auch sehr gut und schnell
Geld machen ließe, aber ...”
Er machte eine wage Handbewegung und dachte nicht daran, den Satz zu vollenden.
Plötzlich verengten sich seine Augen und er schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. “Ich bin doch wirklich ein riesen Rindviech”, brummte er. “Der Pakt für gegenseitige Hilfe!
Natürlich! Sie hätten nie das alles hier schaffen können, wenn Sie nicht über ein gutes Netzwerk an Freunden verfügen würden. Oder Personen, die Ihnen eine Gefallen schuldig sind. Wer immer
hierher kommt, der erhält eine neue Chance. Und damit haben Sie eine Armee von Personen, die Ihnen mehr als nur einen Gefallen schuldig sind. Überall, wo Sie diese Leute auch unterbringen. Und
Sie werden sie gut verteilen. Und Sie werden dafür sorgen, dass keiner davon vergisst, woher er kommt und was er Ihnen zu verdanken hat. Die kleinen, hässlichen, abstoßenden, verspotteten Frösche
sammeln sich um den Teich.”
Schweigend sah sie ihn an. Und je länger sie ihn ansah um so deutlicher wurde das Lächeln in ihrem Gesicht.
“Sie haben gesehen wie vielfältig und umfangreich das Ganze ist”, begann sie langsam. “Und Sie können ungefähr erahnen, was da noch an Arbeit, an Schwierigkeiten aber auch an Möglichkeiten
wartet. Auf uns – wenn Sie möchten Ingo.”
Behutsam nahm er die schmale Hand, die sich ihm entgegen streckte in seine Pranke und hielt sie für einen Augenblick fest. Er wollte ihr sagen wie dankbar, wie glücklich er war. Aber da war
nichts als hilflose, stumme Lippenbewegungen.
Wie aus dem Nichts tauchte neben ihnen eine zierliche, schwarzweiße Katze auf, setzte sich in den Kies, rollte den Schwanz um die Pfoten und sah starr zu den beiden Menschen hinauf.
“Ich schätze, ich werd‘ mich mal einlesen gehen”, stammelte er endlich überwältigt von seinen Gefühlen, verwirrt von dem starrenden Besuch und Foghams Reaktion darauf. “Das Material für das Dach
müssen wir holen. Und dann die ganzen Vorbereitungen für die jungen Leute.”
Sie sah noch immer unverwandt die Katze an während er sich abwandte, aber dann doch noch einmal anhielt.
“Chefin?”, sprach er sie an, dass sie aufsehen musste.
“Ja?”
“Ich wollte, es gäbe noch zwei oder drei Menschen wie Sie auf dieser Welt, dann würde einiges anders werden!”
Was er sagte kam aus tiefstem Herzen und es klang voller Überzeugung. Patricia Fogham aber sah durch ihn hindurch. Als hätte sie ihn gar nicht gehört. Hart und kalt wurde ihr Gesicht mit einem
Mal, die vollen Lippen merklich dünner und die schmalen Brauen zogen sich gewittrig zusammen. Wortlos wandte sie den Kopf wieder der Katze zu und Ingo zog es vor mit schnellen Schritten ins Haus
zu eilen.
So starr und unbeweglich wie die Frau stand, so saß die Katze.
Ohne dass es ihr bewusst wurde murmelte sie: “Noch zwei oder drei, so wie mich.”
Patricia Fogham hob den Kopf und sah zu dem Tor hinüber. Sah zu dem Tor hinüber von wo ihr der dunkle, hagere Schatten eines Mannes gegen den hellen Tag entgegen kam.
Ein hagerer Mann mit langen braunen Haaren und einem dunklen Mantel, der verdächtig einem Umhang glich.
“Du hast Fortschritte gemacht Pat”, sagte Pensant lächelnd.
Hinter dem hohen Gebäude kamen die Krähen hervor. Eine Unzahl von Krähen. Immer noch kamen neue und es schien kein Ende nehmen zu wollen. Sie flogen wirr durcheinander, ihre schwarzen Schatten
hoben sich gezackt von dem milchigen Himmel ab und es wurden immer mehr.
Aber das war es gar nicht, was so erstaunlich war.
Sie flogen wirr durcheinander. Sie flatterten mal in diese, mal in eine andere Richtung. Und doch blieben sie auf einem Weg, einer Schneise, die sie quer durch den fadenscheinigen Himmel zogen.
Dieses schwarze Band bewegte sich, es wogte und schlängelte sich, lebte dunkel und scharf abgegrenzt gegen den Himmel in beinahe blau. Ja, es schien selbst lebendig zu sein und nicht nur das
Ergebnis der Anwesenheit vieler einzelner Wesen.
Bewegungslos verharrte der Mann in dem Bett vor dem Fenster. Unbewusst hielt er den Atem an, als hätte er Angst davor, die Krähen zu verschrecken. Seine beiden Hände, von denen jede eine große
Wasserflasche hielt, waren achtlos auf die Decke gesunken. In Gedanken befand sich der Mann weit entfernt von seinem Krankenlager. Er war bei den Krähen da draußen am Himmel, flog mit ihnen und
verstand nicht, warum er mit einem Mal wieder ein wenig besser begriff.
Keine der Krähen wusste, wohin sie flog. Keine der Krähen wusste um den Verband der Krähen. Wusste um das schwarze Band am Himmel. Und doch erreichten sie alle ihr Ziel. Und doch bildeten sie den
Verband. Denn sie waren Geschöpfe der Natur. Geschöpfe von so unendlicher Weisheit, dass sie sich weder gegen ihre Natur auflehnten, noch die Natur an sich zu verändern suchten.
Die Finger des großen Mannes mit den schwarzen Haaren schlossen sich fester um die Flaschen als er tief durchatmete. Eben wollte er, noch ganz in Gedanken, wieder damit beginnen die
2-Liter-Flaschen auf und nieder zu bewegen, als er auf dem Gang vor seinem Zimmer Schritte und Stimmen vernahm. Und tatsächlich stürmte wenige Augenblicke später ein ältlicher Mann mit rotem Kopf
und wehendem weißen Mantel das Krankenzimmer. Dicht auf kamen der junge Doktor Long und Schwester Britha. Und schlussendlich schob sich noch, schlangengleich wie immer, die kleine, hagere
Oberschwester mit den eingefallenen Wangen und dem verhärmten Mund herein.
Der ältliche Mann sah keinen Grund einen Gruß von sich zu geben. Wahrscheinlich weil er der festen Meinung war, dass dies nicht nur seine Abteilung sondern, wenn man es nicht all zu genau nahm,
ja geradezu sein eigenes Krankenhaus war, das ihm vom Staate zur Verfügung gestellt wurde, nur zu dem Zwecke der persönlichen Profilierung. Statt eines Grußes riss er mürrisch und mit
professionell sorgenvoller Stirn das Krankenblatt vom Bettende und studierte es scheinbar aufmerksam.
Der Mann im Bett erwiderte das Lächeln des jungen Spezialisten und der rotgelockten Schwester.
“Wir verdanken es ausschließlich der Aufmerksamkeit unserer Oberschwester,” dozierte der Primar grollend und mit einem giftigen Seitenblick auf die groß gewachsene, junge Frau, “dass uns nicht
entgangen ist, dass der Patient jetzt schon den dritten Tag weder Stuhl noch Harn hatte. Hier müssen wir etwas unternehmen.”
Er sagte es bestimmt, und den Anwesenden war so, als wäre da ein Anflug von Freude in seiner sonst so harschen Stimme.
Karl Meixner lächelte ihn freundlichst an und meinte ruhig aber ebenso bestimmt, dass er sich hier offensichtlich irrte.
Während Primar und Oberschwester nach dieser Frechheit noch nach Luft schnappten begann der aufmüpfige Patient im Stile des Primars zu dozieren: “Da ich Nahrung zu mir nehme, habe ich natürlich
Stuhl und Harn, so etwas nennt man Stoffwechsel, wie bekannt ist. Alles andere wäre widernatürlich. Was unsere liebe Oberschwester nun – theoretisch – kontrollieren kann, ist also nicht, ob ich
Stuhl und Harn habe, sondern nur, ob ich Stuhl und Harn auch von mir gebe.”
Er machte ein Kunstpause, lächelte alle Beteiligten kurz an und setzte dann fort.
“Wie gesagt – theoretisch. Denn praktisch hat unsere liebe Oberschwester damit offensichtlich ebenfalls ein Problem. Ich bin natürlich nicht darüber informiert, inwieweit Sie mit den technischen
Neuerungen Ihres Hauses vertraut sind, aber vielleicht hätten Sie die Güte, werter Herr Primar, einen Blick hinter jene Tür dort drüben zu werfen und mir zu sagen, was Sie davon halten.”
Der Primar war viel zu verblüfft von der Frechheit, dass ihm ein Patient widersprach, um etwas zu entgegnen und aller Interesse wandte sich jener Tür auf der anderen Seite des kleinen Raumes zu.
Jeder trat einen Schritt nach vorne, der Primar öffnete die Tür und die vier weiß gekleideten Personen starrten verständnislos in den kleinen, dunklen Sanitärraum. Während dessen hatte der Mann
im Bett die beiden Wasserflaschen vorsichtig zu Boden gestellt und unter sein Bett geschoben.
“Was – was soll das”, bellte der ältliche Mann und nahm die Färbung eines reifen Paradeisers an.
“Das ist eine Toilette”, klärte ihn der Mann im Bett freundlich auf. “Auch Scheißhaus genannt. Es handelt sich hierbei um eine sehr sinnvolle Einrichtung um Fäkalien zu entsorgen. Offensichtlich
ist Ihre Oberschwester überrascht worden von der Tatsache, dass ich, obwohl ein Mann, nicht in Ecken scheiße, sondern weiß, wie man eine Toilette benutzt.”
Nach dem Gesichtsausdruck der abgehärmten Oberschwester zu schließen, hatte er mit seiner Vermutung voll ins Schwarze getroffen. Aber davon bemerkten die übrigen Anwesenden nichts. Die starrten
alle nur entgeistert auf den großen Mann. Während er sprach hatte er sich aufgesetzt. Er hatte seine Beine über den Rand des Bettes geschwungen, hatte sich vorsichtig auf die Füße gestellt und
kam nun auf sie zu. Seine Schritte waren schwerfällig und schwankend und es bereitete ihm offensichtlich einige Mühe aufrecht zu bleiben. Am Bett, am Tisch stützte er sich ab. Dann am Türrahmen.
Aber er ging auf seinen eigenen Beinen.
“Das ist unmöglich!”, bellte der Primar atemlos, “Sie können nicht gehen! Das ist völlig unmöglich! Ich verbiete das!”
Karl Meixner lächelte ihn milde an, wie man ein Kind anlächelt, das trotzig verlangte, Weihnachten müsse jeden Tag sein, blieb beinahe lässig am Türstock gelehnt und meinte: “Es tut mir
außerordentlich leid Sie schon wieder enttäuschen zu müssen, Herr Primar. Aber ich muss in erster Linie auf mich sehen.”
“Wieso schon wieder enttäuschen? Was meinen Sie jetzt damit?”
“Nun, vor einiger Zeit haben Sie mir doch die strikte ärztliche Anweisung gegen, so schnell wie möglich zu krepieren. Weil Sie keine Günstlinge in Ihrer Abteilung dulden würden. Offensichtlich
bin ich ja auch dieser ärztlichen Anordnung nicht nachgekommen.”
Jetzt wurde aus dem knalligen Rot im Gesicht des Primararztes ein fast leichenhaftes Weiß. Noch stärker als üblich traten die geplatzten Äderchen um die Nasenflügel hervor. Und für einen
Augenblick meinten die Anwesenden tatsächlich, er müsse auf der Stelle lang hinschlagen. Aber Ärzte sind zäh und so fasste sich der Primar schnell wieder, pumpte wieder Unmengen von Blut in
seinen Kopf und zog es vor, empört vor sich hin murmelnd, aus den Zimmer zu stürzen. Dicht in seinem Kielwasser gefolgt von seiner nicht minder empörten Oberschwester. Allerdings folgte sie
ihrem Herrn und Gebieter nicht ohne noch einen letzten Blick auf die drei Menschen unter der Tür zu werfen. Es war einer jener Blicke, bei denen man meinte, die Erde müsse sich auftun um die
Frevler zu verschlingen. Aber, wie meist in solchen Fällen, kümmerte sich die Erde nicht all zu sehr um den Hass der Menschen.
“Ich habe mir wirklich mal überlegt, ob ich nicht Arzt werden sollte.”
Nachdenklich sah Karl Meixner den beiden verschwundenen Gestalten nach und zog die Stirn in Falten.
“Interessiert hätte mich das schon sehr. Aber irgendwann bin ich mir dann klar darüber geworden, dass mich nur die Sache an sich, nicht aber die Menschen, die Patienten interessierten. Und dass
ich so niemals ein guter Arzt geworden wäre. Eher so etwas – ein fachlich hoch kompetentes, gedankenloses Karrieremonster.”
“Es trifft mich ein wenig von Ihnen zu hören, dass man nicht menschlich und fachlich kompetent zugleich sein kann”, konterte der junge Chinese mehr scherzhaft als zynisch. Aber der große Mann
unter dem Türrahmen hatte sich schon der Frau zugewandt und sie zu sich gezogen. Während er den Arm um ihre Schultern legte, meinte er: “Hätte Sie die Güte mich zu meinem Bett zu begleiten
Schwester Britha?”
Vorsichtig und schwankend durchquerten die Beiden das Krankenzimmer und diesmal schien es eine kleine Ewigkeit zu dauern, bis er an das Bett kam. Endlich saß er und wurde von der jungen Frau
unter der Decke verstaut.
“Wenn Sie mir versprechen es nicht weiter zu erzählen, dann verrate ich ihnen ein Geheimnis”, grinste er müde worauf sie reichlich kühl meinte: “Es wäre tatsächlich nicht schlecht, wenn Sie uns
in Ihre Geheimnisse einweihen würden. Zumindest, wenn diese Geheimnisse auch uns betreffen.”
Für einen Augenblick sah er in ihr ernstes Gesicht und seufzte dann.
“Also gut, ich gesteht. Ihr Beiden wurdet eben Zeuge einer Premiere. Das erste Mal, dass ich hin und zurück gegangen bin, ohne mich dazwischen auszuruhen. Eine wirklich tolle Leistung für einen
erwachsenen Mann!”, befand er noch zynisch.
“Ja, eine tolle Leistung”, bestätigte Doktor Long durchaus ernsthaft während er ebenfalls an das Bett trat. “Eine tolle Leistung für einen Mann, der nach normalen medizinischen Erkenntnissen
entweder tot oder vollständig behindert sein müsste. Und da rede ich noch gar nicht von den nicht vorhandenen Verbrennungen. Ich rede von Ihrer Kopfverletzung, von Ihren zertrümmerten Beinen und
Hüften und ich rede von Ihren inneren Verletzungen durch die Projektile. Ich habe schon Leichen mit weniger Verletzungen auf dem Seziertisch gehabt. Sie aber trainieren Ihre Arme mit
Wasserflaschen und humpeln bereits wieder in der Gegend herum. Wenn das keine tolle Leistung ist, dann weiß ich nicht!”
“Er war immer schon ein äußerst sturer Hund. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass das bisschen Feuer was daran geändert haben sollte.”
Der schwergewichtige Mann füllte die Tür praktisch vollkommen aus. Seine Schultern und sein Bauch schienen eingeklemmt und auch die graue Igelfrisur streifte oben den Türrahmen obwohl er seinen
Nacken in Wülste gelegt hatte.
“Oberst!”, rief Meixner ehrlich erfreut, “das nenne ich eine Überraschung. Ich dachte schon, sie hätten mich ganz vergessen.”
Das kleine Zimmer wirkte mit einem Schlag eng und überfüllt. Dabei hatte der Mann unter der Tür nur einen Schritt gemacht. Meixner konnte sich des Eindruckes nicht erwehren, dass der Oberst immer
mehr in die Breite ging. Noch niemals zuvor waren ihm das Doppelkinn und die Wülste um den Nacken so aufdringlich in die Augen gesprungen. Vielleicht lag es auch daran, dass er in den letzten
Wochen nur von jungen, schlanken oder hageren Ärzten und Schwestern umgeben war. Vielleicht hatte der Oberst auch wirklich zugelegt. Meixner wusste, dass er nicht gerne Kalorien zählte. Vor allem
dann, wenn ihm etwas Sorgen machte.
“Haben Sie es ihm schon gesagt?”
Doktor Long schüttelte auf die Frage den Kopf worauf Meixner interessiert aufsah und die beiden Männer fixierte.
“Nun, Geheimnisse?”, forderte er, als sich die Beiden ansahen und sich keiner von ihnen entschließen konnte zu reden. “Sagen Sie es mir, Doktor. Wenn wir darauf warten, dass der Oberst anfängt,
dann laufe ich vorher einen Marathon!”
Die beiden Männer wechselten noch einen kurzen Blick und der Oberst zuckte mit den Schultern. Also grinste der junge Asiate von einem Ohr zum anderen und meinte: “Wenn Sie beabsichtigen sollten
noch einmal mit dem hoch verehrten Herrn Oberarzt zusammen zu krachen, dann sollten Sie sich beeilen. Denn Sie verlassen dieses Haus nächsten Montag.”
Jetzt, nachdem die Sache heraus war, wurde auch der Oberst lebendig.
“Es gibt da ein nettes, kleines Rehabilitationszentrum in Gars am Kamp. Wir dachten uns, dass es Ihnen dort sicherlich besser gefallen würde als hier. Nicht war, Doktor?”
Der stimmte zu und die beiden erzählten ihm noch von den landschaftlichen Schönheiten und den Vorteilen des kleinen Zentrums im Kamptal, die er alle durchaus kannte. Sie erzählten von dem
bekannten Zentrum für Traditionelle Chinesische Medizin, dem guten Klima und dem großartigen Weinbaugebiet bis Meixner etwas genervt abwinkte.
“Ihr müsst mir das nicht verkaufen”, bremste er die Beiden ein. “Ich bin ja schon froh, wenn ich hier nur raus komme und die Gegend dort kenne ich wahrscheinlich besser als ihr beide. Also
verspreche ich mich nicht dagegen zu wehren. Auch”, wandte er sich jetzt an die junge Schwester, “wenn das heisst, dass wir Abschied nehmen müssen, Schwester Britha.”
Ihr Lächeln war mehr ein Strahlen, dass auf ihrem, von roten Locken umrahmten Gesicht glühte, als sie seine Hand nahm.
“Glauben Sie wirklich, dass Sie am Montag hier einfach hinaus spazieren werden, sich in Ihr Auto setzen und aufs Land fahren? Nur weil Sie einmal quer durch ein Zimmer gegangen sind? Natürlich
werde ich Sie begleiten. Natürlich bleibe ich bei Ihnen!”
Sie hielt seine Hand fest umschlossen. Freudige Erregung ließ ihre Augen glänzen und ein leichter Hauch von Rot flog über ihre Wangen.
Für einen Augenblick war es sehr still in dem Zimmer. Wenngleich nur der Oberst überrascht die Stirn runzelte. Da nahm ihn aber auch schon der Arzt am Arm und zog ihn hinaus, weil sie doch noch
einiges für die Entlassung zu regeln hätten, wie er brummelte.
Sie bemerkte von all dem nicht viel. Voll Freude sah sie den bleichen Mann an und preßte seine große Hand mit ihren. Der Blick, dem sie begegnete, war ein wenig zu müde und zu traurig um
ausdruckslos zu sein. Immerhin, vielleicht ein wenig neugierig. Jedenfalls aber war er geeignet um ihre überschäumende Freude allmählich zu dämpfen.
Endlich machte er den Mund auf und meinte: “Halten Sie das wirklich für eine gute Idee, Schwester Britha?”
“Lass den verdammten ‚Schwester Britha‘-Scheiss!” fauchte sie und Tränen schossen ihr in die Augen. “Ich werde dich nicht einfach so wieder aus meinem Leben verschwinden lassen. Ich kenne dich
besser als irgend jemand sonst. Ich lasse dich nicht allein!”, brach es endlich aus ihr heraus.
Ihre kleinen Knöchel traten weiß hervor, so fest hielt sie jetzt seine Hand. Er aber sagte noch immer nichts, sah sie nur an und wartete ab. Allmählich begannen Tränen sich ihren Weg zu bahnen,
quollen groß und glitzernd aus den brauen Augen hervor und bahnten zwei silberne Wege über ihre Wangen.
“Ich weiß, dass ich dir egal bin”, murmelte sie jetzt leise und erstickt. “Ich weiß doch, dass du mich für dumm und hässlich hältst. Aber das ist mir egal. Glaub‘ mir, es macht mir wirklich
nichts aus. Ich möchte nur bei dir sein. Lass mich einfach für dich da sein, für dich sorgen. Mehr – mehr will ich ja gar nicht.”
“Du bist weder dumm noch hässlich. Bei Gott nicht! Aber glaubst du wirklich, dass das gut gehen kann?”
Sie antwortete ihm nicht. Seine Hand legte sie vorsichtig auf die Decke zurück, ließ aber ihre darauf liegen. Setzte sich zu ihm auf das Bett und sah ihn endlich von unten herauf an. Aber sie
antwortete ihm nicht.
“Und was sagt Dein Freund dazu?”
“Der ist ein Idiot!”, fauchte sie. “Der glaubt, nur weil wir zusammen gezogen sind, muss das jetzt auf alle Zeit so bleiben! Dauernd will er mit seinen Freunden oder alleine was unternehmen und
ich soll zuhause sitzen und warten. Allmählich fange ich an ihn zu hassen!”
Die Tränen rollten immer noch, aber jetzt war es Wut, was in ihren Augen blitzte. Wut auf ihren Lebensgefährten, der ihr nicht mehr die gleiche Beachtung schenkte wie am Anfang ihrer Beziehung.
Wut auf Meixner, weil er auf ihre Eröffnung nicht so reagierte wie sie es erhofft hatte. Obwohl sie nicht hätte sagen können, wie er hätte reagieren sollen. Und stumme Wut auf sich selbst, weil
sie sich in diese dumme Situation gebracht hatte. Deswegen klang es auch anfangs ein wenig unecht, als sie noch hinzu setzte: “Aber das hat nichts mit dir persönlich zu tun! Es ist nur, du bist
irgendwie so anders, in deiner Gegenwart fühle ich mich sicher und geborgen – und – es ist, als wäre ich noch niemals einem Menschen wie dir begegnet. Bei dir ist es mir irgendwie egal, ob du
mich magst oder nicht, ob du mich für hübsch hältst oder mich nicht ansehen kannst. Ich will einfach nur in deiner Nähe sein dürfen. Verstehst du das nicht?”
Langsam hob Meixner seine freie Hand und strich ihr vorsichtig die Tränen von den Wangen. Sie schloss die Augen und fühlte nur noch seine Gegenwart, warm, sanft und schützend und wollte schon ihr
Gesicht in der großen Hand vergraben, als er sie wieder zurück zog.
“Glaubst du wirklich, dass das gut gehen kann?”, fragte er noch einmal. Aber diesmal wartete er keine Antwort ab sondern fuhr leise und nachdenklich fort: “Du weißt, dass ich dich sehr gut leiden
kann. Und du weißt ganz genau, dass ich dich nicht nur für hübsch halte. Ich erlebe dich als attraktive, als begehrenswerte Frau – du hast mich oft genug gewaschen in den letzten Wochen, und ich
glaube nicht, dass dir verborgen geblieben ist, was offensichtlich war.”
Eine Menge Blut rauschte in ihre Wangen und sie senkte den Kopf um angelegentlich seine Hand zu betrachten und zu streicheln.
“Ich begehre dich”, sagte er noch einmal. “Und es ist schon geschehen, dass ich davon geträumt habe, mit dir ins Bett zu gehen. Oh, dass könnte ich mir sehr gut vorstellen! Aber das ist nicht
das, was du willst! Natürlich möchtest du mit mir Sex haben. Auch, weil es dazu gehört. Weil es dazu gehört zu einer Beziehung. Wenn man zusammen lebt, seine Tage miteinander verbringt und alles
teilt. In guten wie in schlechten Zeiten. Du sagst, dass du mich besser kennst, als irgend jemand sonst. Dann sage ich dir, dass du mich hassen wirst, eines Tages, wenn du dich darauf einlässt.
Und zwar wirklich hassen und verabscheuen, nicht einfach nur auf mich wütend sein, so wie jetzt auf deinen Freund. Ich quatsche gerne mit dir, ich lache gerne mit dir und ich würde verdammt gerne
mit dir schlafen. Aber glaubst du wirklich, dass das mit uns beiden gut gehen kann?”
Er sank müde in die Kissen zurück und sie beschäftigte sich eingehend mit seiner großen Hand. Still war es in dem Zimmer. So still, dass man das Rauschen der Klimaanlage hören konnte. Und die
gedämpften Stimmen und Schritte vor der Tür. Sie sahen einander nicht an, sprachen nicht. Jeder war eingesponnen in seine Gedanken, in seine Welt.
Irgendwann straffte sie sich, nahm mit beiden Händen ihre Locken zurück. Für einen kurzen Augenblick sah sie ihn an, dann stand sie auf, beugte sich über ihn und küsste ihn kurz aber intensiv.
Dabei kam ihre Hand wie zufällig in seinem Schritt zu liegen, aber im nächsten Augenblick stand sie auch schon wieder neben dem Bett.
“Ich weiß nicht, wer von uns beiden recht hat”, meinte sie entschlossen, “aber ich denke, es ist das beste, wir werden jemand anderen darüber entscheiden lassen.”
“Du denkst, die Zeit wird alles klären”, stellte er nachdenklich fest und sie nickte ruhig und bestimmt. Und weil sie gleichzeitig begonnen hatte ein paar Dinge geschäftig in dem Zimmer hin und
her zu räumen, entging ihr, dass er ganz leise den Kopf schüttelte und ihr nachdenklich bei ihrer aufgesetzten Betriebsamkeit zusah.
Als sie dann mäuschengleich verschwinden wollte, hielt er sie doch noch einmal zurück. Aber er trug ihr nur auf, ihm den Oberst zu schicken. Für einen schweigenden Augenblick sahen sie sich an,
aber keiner von ihnen konnte sich dazu durchringen, noch einmal von dieser Sache anzufangen, die ihnen beiden auf der Seele lastete.
Endlich wandte sie sich ab und ging.
So schnell erschien der Oberst in dem Zimmer, dass die Vermutung nahe lag, er hätte schon hinter der Tür gewartet. Und fürs Erste sagte er nichts, sondern besah sich den großen Mann in dem
einsamen Bett nur genau. Der lag ruhig und blickte wieder aus dem Fenster, aber das Band der Krähen war verschwunden. Natürlich waren die Krähen längst verschwunden. Der stattliche Mann nahm sich
einen Stuhl und ließ sich vorsichtig darauf nieder.
“Nun, wegen der Rehab ...”, begann er Meixners Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aber der unterbrach ihn sofort.
“Scheiss auf die Rehab!”, kam es scharf. “Ich will wissen, was in dem Lagerhaus geschehen ist.”
Der Oberst schien sich wie eine Schnecke in seinen Körper zurückziehen zu wollen. Zumindest sah es für einen Augenblick wirklich so aus, als die Masse von einem Mann zusammen sackte. Dann besann
er sich aber der Unmöglichkeit diese Wunsches.
“Nun”, begann er langsam, “die Feuerwehr fand Sie nach der Explosion der Gasflaschen eingeklemmt unter einem schweren Eisenschrank, inmitten eines regelrechten Scheiterhaufens. Man kann
...”
“Oberst! Sie sind mir lange genug ausgewichen.”
Meixners Stimme klang ruhig, aber sie ging dem altgedienten Soldaten durch Mark und Bein. Und zum ersten Mal wurde dem abgebrühten und erfahrenen Mann klar, dass Karl Meixner weit mehr war, als
eine gefährliche Waffe, die er nach Belieben einsetzen konnte. Sollte es diesem Mann einmal in den Sinn kommen seine eigenen Wege zu gehen – er dachte diesen Gedanken lieber nicht zu Ende, kam
auch nicht dazu, denn jetzt hatte der große Mann in dem Bett wieder begonnen zu sprechen. Langsam aber eindringlich. Und mit einer Stimme, die dazu angetan war, dass der Mund seines
Führungsoffiziers trocken wurde.
“Was ist mit Joschgele und Iwalansky? Ich nehme an, sie sind so tot wie Joe Daboli. Was ist mit Marnaijewov – Sergeij Vladimir Marnaijewov? Nur er kann Iwan erschossen haben. Die Polizei hat ihn
festgenommen, als er versuchte zu flüchten, soviel habe ich noch mitbekommen. Aber worum ging es bei diesem Deal überhaupt? Wer waren die drei Männer in den blauen Arbeitsanzügen? Für wen
arbeiteten sie und was wollten sie, außer töten? Und – was ist mit diesem Jim Brown, dem komischen Amerikaner? Ist er tot, hat man ihn verfolgt, wo ist er und vor allem, was ist er? Sie sehen
Oberst, ich hatte Zeit genug mir zu überlegen, was ich wissen will.”
Karl Meixner schwieg wieder und es war dem Riesen auf dem viel zu kleinen Stuhl nur all zu deutlich anzusehen, dass er es bereits zutiefst bereute diesen Besuch gemacht zu haben. Aber da war noch
etwas anderes. Dieser ruhige Mann in diesem einsamen Bett war nicht mehr der Karl Meixner, den der Oberst kennen und schätzen gelernt hatte. Eine geheimnisvolle, ja tödliche Ruhe schien nun von
ihm auszugehen. Seine dunklen Augen, früher so klar und forschend, wirkten jetzt trüb, wie hinter Schleiern. Trotzdem oder gerade deswegen konnte der Oberst nicht anders, als ihn anstarren. Denn
diese Augen wirkten wie die Linsen eines Leuchtturmes. Selbst leblos gaben sie eine vage Ahnung von dem glühenden Inferno, das hinter ihnen tobte. Von dem Brand, der alles verzehren würde, wenn
die Linsen ihn nicht mehr bändigten.
Zerstreut fuhr sich der Oberst durch die Haare um zu entdecken, dass sie nass von Schweiß waren. Das kühle Zimmer schien sich schlagartig in eine Saunakammer verwandelt zu haben. Er fühlte, wie
dieser Schweiß Bahnen an seinem Körper zog, sich in den Falten sammelte und war doch unfähig eine Bewegung zu machen. Wer immer dort in diesem Bett lag, so wurde seinem geschärften Verstand
bewusst, der war nicht mehr der willfährige Soldat, der sich führen und einsetzen ließ. Der sich formen ließ in den Händen seines Meisters. Die Form war gebrannt worden, hart wie Granit war sie
nun. Unveränderlich, endgültig und ihres Meisters nicht mehr bedürfend.
Und zum ersten Mal seit langer, langer Zeit fühlte Oberst Alexander Hofer, Spross einer Familie deren militärische Tradition bis zu Karl dem Großen zurück reichte, Jahrgangs- und Abschlussbester
der Militärakademie Maria Theresia in Wr. Neustadt, beladen mit der Erfahrung von drei Jahrzehnten aktiver Agententätigkeit im Kalten Krieg und gestählt in den Wirren von Glasnost und
Perestroika, zum ersten Mal seit langer, langer Zeit fühlt er wieder Angst in sich aufsteigen. Doch es war nicht diese kleine, dumme Angst um sein eigenes Leben. Dies war die große, bodenlose
Angst vor etwas, dass er nicht begreifen konnte. Das existierte und das er doch nicht kontrollieren konnte, weil er es nicht verstand, weil es sich seiner Erkenntnis entzog und sie
überstieg.
Ihm schien, als würde die Luft in dem Zimmer flirren vor Hitze, als würde diese Hitze jeden Tropfen Feuchtigkeit aus seinem Körper ziehen. Wie durch einen langen Tunnel drang in seinen Verstand,
dass Meixner wieder sprach.
“Bevor Brown auf mich schoss sagte er noch ‚Bad luck, litte jew!‘. Warum nannte er mich einen Juden?”
Nur ganz allmählich wurde sich der Oberst bewusst, dass er begonnen hatte zu erzählen. Alles, was er wusste. Begonnen hatte zu erzählen, dass zwei der Männer in Blau völlig unauffällige deutsche
Touristen auf einem Städtetripp gewesen waren. Interessanter war dafür der dritte Mann, der mit den italienischen Schuhen. Er war Mitarbeiter der israelischen Botschaft - gewesen. Natürlich hatte
die israelische Vertretung jede Verbindung zu sich oder gar zu ihrem Geheimdienst, dem MOSSAD, aufs energischste bestritten. Aber es hatte nicht lange gedauert, bis man dahinter gekommen war,
dass der verhaftete Ukrainer Marnaijewov auch Waffen an die Palästinenser und die Fatah geliefert hatte und dafür von einem israelischen Revolutionsgericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt
worden war. Die österreichische Polizei hatte dennoch an diesem Gefangenen nicht viel Freude gehabt, denn bereits vier Stunden nach seiner Festnahme war er, auf Grund von Interventionen sowohl
des Außenministers als auch der Kanzlei des Innenministers, auf freien Fuß gesetzt worden. Natürlich mit der Auflage das Land nicht zu verlassen und sich zur Verfügung zu halten. Kaum eine halbe
Stunde später saß der selbe Mann in einer Linienmaschine nach Moskau, ohne dass auch nur eine Kontrolle seines Diplomatenpasses durchgeführt worden wäre. Dort allerdings wurde sein Wagen bei der
Fahrt vom Moskauer Flughafen in die Innenstadt in einen Verkehrsunfall verwickelt. Es kam zum Streit zwischen den am Unfall Beteiligten bei dem sowohl Marnaijewov als auch seine drei neuen
Leibwächter von Unbekannten erschossen wurden. Von drei Unbekannten, die danach spurlos verschwunden waren. Was Marnaijewov in Wien zu suchen gehabt hatte und was er von Jim Brown wollte, das
konnte bisher nicht geklärt werden. Marnaijewov würde keine Fragen mehr beantworten und der Amerikaner war wie vom Erdboden verschwunden. Die Lagerhalle wurde durch die Explosion fast zur Gänze
zerstört und brannte aus. Allerdings hatte die Spurensicherung auf Grund der großen Aschenmenge in einer der Hallen festgestellt, dass dort mindestens zwei Rollen mit Spezialpapier gelagert
waren.
Wie durch einen Schleier hindurch sah der Oberst die Hand, die sich ihm entgegen streckte. Er sah das Glas in der Hand und verspürte schlagartig brennenden Durst.
“Was verstehen Sie unter ‚Spezialpapier‘?”
Gierig trank der Oberst das Glas in einem Zug leer und setzte es mit einem Seufzer ab. Und fühlte sich mit einem Mal sehr, sehr viel leichter und besser als noch wenige Stunden zuvor. Dann besann
er sich der Frage, grinste schief und meinte vage: “So eine Art Baumwoll-Papier-Mischung haben sie bei der Analyse gefunden. Irgend etwas Spezielles halt.”
Meixner überlegte einen kurzen Augenblick, wandte sich dann ab und angelte seine Brieftasche aus der Lade eines Kästchens. Er nahm eine Eurobanknote zwischen die Finger, befühlte sie vorsichtig
und sah den Oberst an.
“Doch nicht das Baumwoll-Papier-Gemisch, das für den Druck von Eurobanknoten verwendet wird? Soll das heissen, ein amerikanischer Agent verkauft der russischen Falschgeldmafia Grundmaterial für
deren Arbeit?”
“Vielleicht wollte auch der Russe das Papier an den Amerikaner verkaufen. Dann hätten die Amis mal was für uns getan.”
“Unwahrscheinlich.” Meixner schüttelte den Kopf. “Bush junior hat bei seiner Antrittsrede gesagt, es sei Gottes Wille, dass er alle militärischen und wirtschaftlichen Gegner der USA in die Knie
zwingen wird. An dieser Politik hat sich seither wenig geändert. Und wirtschaftlich der USA entgegen treten kann eigentlich nur die EU. Könnte, wenn sie wollte.”
“Vielleicht lagerte das Papier auch nur zufällig dort, und die beiden wussten gar nichts davon.” Der Oberst warf diesen Gedanken halbherzig ein. Seinem Gesichtsausdruck war aber
unmissverständlich zu entnehmen, dass er an solche Zufälle selbst nicht glaubte.
Meixner sah wieder zum Fenster hinaus. Seine Stirn war tief gefurcht und der Oberst ließ ihn in Ruhe, weil es offensichtlich war, dass er angestrengt nachdachte. Nach einer Weile schüttelte
Meixner enttäuscht den Kopf und wandte sich wieder dem massigen Mann zu, der unruhig auf dem viel zu kleinen Stuhl hin und her rutschte.
“Es fehlt etwas”, weihte er ihn noch immer nachdenklich in seine Gedanken ein. “Ich bin mir sicher, dass etwas fehlt. Und ich bin mir sicher, dass ich es weiß. Aber ich kann mich nicht erinnern.
Im Augenblick ist da nur ein schwarzes Loch. Aber solange wir nicht einen Überlebenden zum Reden bringen, werden wir nie wissen, was da wirklich läuft, ob sie für oder gegen uns sind. Bei
Marnaijewov wird das mit dem Reden aber ein wenig schwierig werden. Was dann noch bleibt ist dieser Brown? Wer ist er? Was ist er? Wer führt ihn? CIA? NSA? FBI? Er wusste, dass der MOSSAD hinter
Marnaijewov her war. Er nannte mich ‚litte jew‘, weil er dachte, ich würde zu den Killern der Israelis gehören. Also war er nicht Teil der Falle, sonst hätte er gewusst, dass das Team nur aus
drei Leuten bestand.”
“Wir gehen davon aus, dass tatsächlich ein Deal zwischen Brown und Marnaijewov stattfinden sollte und dass der MOSSAD das als Gelegenheit benutzte den Ukrainer zu beseitigen”, unterbrach der
Oberst. “Der war gerade mal vier Stunden in Wien und ging zu einem Treffen, von dem wir nichts wussten. Sechs Stunden nach seiner Verhaftung in Wien wird er von einem zweiten Team in Moskau
liquidiert – egal ob man sie mag oder nicht, bewundern muss man diese Israelis. Ich würde nur zu gerne wissen, wie sie das machen.”
Meixner setzte sich auf und schwang die Beine wieder über den Bettrand. Aber er winkte ab, als der Oberst ihm helfen wollte.
“Ich habe keine Ahnung, wie es auf Hebräisch heisst, aber im Arabischen nennt man das, was diese Leute machen: Dijhad – Heiliger Krieg. Sie sind Fanatiker oder zumindest zutiefst beseelt von
ihrer Idee und es sind viele, viele kleine Rädchen in dieser Maschine. Jeder Sympathisant ein Informant. Da lässt sich vieles machten, was sonst unmöglich erscheint. Aber die Israelis sind nicht
unser Problem”, winkte er ab, griff unter das Bett und holte eine der großen Wasserflaschen hervor. “Brown ist unser Problem! Ich bin mir sicher, dass die Israelis nicht vorhatten, einen Zeugen
am Leben zu lassen. Die Sprengfallen an den Türen waren zu deutlich. Andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass sie einen CIA-Agenten wissentlich geopfert hätten.”
Er unterbrach die monotone Bewegung seines Armes und sah den Oberst durchdringend an. Nach einem Augenblick des Schweigens setzte er die Bewegung wieder fort. Wenngleich langsamer und
nachdenklicher.
“Könnte es sein”, begann er ebenso langsam, “dass wir nur glauben sollten, bei Brown handle es sich um einen Amerikaner? Hat ihn uns jemand untergejubelt wie Falschgeld, um uns in die Irre zu
führen? Damit wir uns blamieren? Oder die Israelis?”
“Oder damit wir still halten und uns nicht allzusehr einmischen, weil es doch der Große Bruder ist. Aber der hiesige Resident des CIA schwört alle Eide noch niemals etwas von Brown gehört zu
haben und nichts von seiner Existenz zu wissen.”
Offensichtlich hatte der Oberst bereits die selben Gedanken gedacht wie Meixner eben. Und er war zu dem selben Schluss gekommen wie jetzt Meixner.
“Es gibt kaum etwas, was die alte Krähe nicht beschwören würde”, grübelte Meixner weiter. “Trotzdem, Jim Brown ist der Schlüssel. Wenn es denn überhaupt so etwas wie ein Geheimnis gibt. Also
müssen wir mehr über ihn in Erfahrung bringen. Und ich wette, irgend etwas an diesem Kerl ist faul!”
Wieder winkte der Oberst ab. Diesmal stand er auf und trat an das Fenster. Aber er sah nicht hinaus sondern spielte gedankenverloren mit einem abstehenden Ende der Dichtung. Meixner ließ ihm die
Zeit, die er brauchte um mit seinen Informationen heraus zu rücken.
“Wie Sie wissen Meixner, bin ich nicht all zu beliebt bei meinen Kollegen. Vor allem, weil ich immer wieder darauf bestehe, dass wir eingeweiht werden, wenn fremde Dienste auf unserem Gebiet
irgendwelche Aktionen durchführen. Und wie meist habe ich auch diesmal alles im Nachhinein erfahren müssen. Die Amis streiten grundsätzlich alles ab, was anderes hätte mich auch verwundert. Also
habe ich mich bei meinen anderen Kontakten umgehört, aber auch dieses Ergebnis war mehr als enttäuschend. Entweder ist der Junge ganz neu im Geschäft oder er ist so was von geheim, dass nicht mal
seine eigenen Leute wissen, dass es ihn gibt. Obwohl - ich hab‘ die Amerikaner schon weniger verkrampft lügen gesehen.”
Er wandte sich wieder Meixner zu und grinste breit.
“Kleines, pikantes Detail am Rande: Niemand war so hilfsbereit wie mein Kontaktmann bei den Israelis – obwohl es natürlich bei der Geschichte absolut und überhaupt keine Verbindung zum MOSSAD
gibt.”
“Und was sagen die Israelis zu Brown?” Meixner hakte neugierig nach. Aber das Gesicht des Obersts wurde wieder sorgenvoll.
“Die wissen offensichtlich auch nicht viel mehr als die anderen. Für sie ist Jim Brown einer der vielen Freischaffenden, die ab und zu vom CIA eingesetzt werden. Allerdings dürfte er auch
‚Nebenjobs‘ machen, was zu Missstimmigkeiten geführt haben könnte.”
“Aber niemand kann sagen wo er ist und für wen er tatsächlich arbeitet”, zog der große Mann in dem Bett ein enttäuschtes Resümee.
Jetzt war es wieder an dem Oberst breit zu grinsen.
“Naja”, meinte der schadenfroh, “die Amis bestehen doch darauf, dass wir alle großen Hotels amerikanischer Ketten überwachen. Könnte ja mal ein Terrorist die Präsidentensuite buchen.”
“Und?”
“Wir haben da ein paar ganz ausgezeichnete Bilder von diesem Mr. Brown”, feixte der schwammige Oberst vor dem Fenster. “Und – wir haben seine Fingerabdrücke!”
Karl Meixner sah ihn nachdenklich an und kratzte sich an der Nase.
“Lassen Sie mich raten”, meinte er dann. “In den Karteien ist er nicht. Entweder ist er neu im Geschäft oder er ist so was von geheim ... Eine Information von mir dazu: Neu ist der Junge ganz
sicher nicht. Der ist eiskalt, wenn es hart auf hart geht, und so was kann man nicht in Schulungen lernen.”
Der Oberst hielt es nicht für notwendig auf diese Feststellung zu antworten. Zu sehr deckten sich Meixners Gedanken mit seinen eigenen. Er kam um das Bett herum, stellte den kleinen Stuhl wieder
an den Tisch und machte alle Anstalten zu gehen. Auf dem Weg zur Tür hielt er dann aber doch inne und sah über die Schulter zu Meixners Bett.
“Es gibt da einen Mann, der könnte uns vielleicht ein wenig mehr über diesen Brown erzählen. Ein Italiener der behauptet, auf unserer Seite zu stehen. – Wenn das allerdings stimmt, dann bin ich
mir nicht mehr so sicher, wo ‚unsere Seite‘ eigentlich ist. Wenn es jemanden gibt, der etwas wissen könnte, dann wahrscheinlich er.”
“Können Sie es irgendwie einrichten, dass ich diesen Mann kennen lerne?” Meixner lebte auf.
“Sie werden ihn kennen lernen, Meixner”, grinste der Oberst humorlos und machte eine weitschweifige Geste. “Es wird sich gar nicht vermeiden lassen, dass Sie ihn treffen. Es ist nämlich der Mann,
der das alles hier bezahlt!”
Mit ruhigen Schritten stapfte der graue Riese den Gang in kaltem Orange hinunter. Zwar war ihm klar, dass die anderen ihn bereits erwarteten, aber ihm war es lieber, erstmal ein wenig Ordnung in
seine Gedanken zu bringen.
Die Tür zu dem Besprechungszimmer stand offen und davor wartete der junge Pflegedienstleiter der Intensivstation. Vor sich eine Frau, die immer wieder mit spitzem Finger gegen ihn stach und mit
harscher Stimme wütend auf ihn einredete. Die Ankunft des Riesen mit der grauen Igelfrisur brachte sie aus dem Konzept, wenngleich nur ein klein wenig. Trotzdem wurde der Oberst unfreiwilliger
Zeuge einer kurzen Zusammenfassung ihrer unausgewogenen Befindlichkeit und verstand aus den eindrücklichen Worten, dass sie eine berufstätige Frau war und somit weder Zeit noch Lust hatte, jeden
Tag hier anzutanzen um gesagt zu bekommen, dass ihr Vater immer noch lebe. Es sei offensichtlich, dass es sich hierbei um eine Schlamperei und eine bewusste Schikane einer schwer arbeitenden Frau
handelte, dass man ihr jeden Tag versprach, der Alte würde endlich das Zeitliche segnen, um es dann doch nicht zu halten.
Wütend klapperte sie auf ihren Absätzen grußlos in den Lift und ließ sich anmerken, dass sie am liebsten auch die automatische Türe hinter sich zugeknallt hätte.
Der junge dunkelhaarige und der alte grauhaarige Mann sahen sich für einen Augenblick an, dann zuckte der junge mit den Schultern.
“All zu langweilig scheint ihr Beruf auch nicht zu sein”, witzelte der Oberst, worauf Panzer nochmals mit den Schultern zuckte und nachdenklich zum Aufzug hinüber sah.
“Doch, es wird langweilig Oberst”, seufzte er resigniert und wies zu den geschlossenen Aufzugtüren hinüber. “Denn Sie müssen nicht glauben, dass dieser Auftritt eben die Ausnahme ist. So etwas
erlebe ich leider zwei oder drei Mal die Woche. Der Tod passt nicht mehr in unsere Welt. Die Menschen haben weder Zeit noch Lust, ihn als fixen Bestandteil des Lebens zu verstehen. Und dass der
Tod vielleicht ein wichtiger Punkt im Leben eines Menschen ist, dass ist niemandem klar zu machen.”
Sie waren in den Raum getreten und der junge Pflegedienstleiter schloss die Tür. Am Tisch saßen schon der Primararzt und Doktor Long, Schwester Britha sowie ein Mann mit Vollbart, der auch ohne
weißen Mantel den Arzt nicht verleugnen konnte.
“Nun, Oberst”, begann der Primar und schob seinen Kaffeebecher von sich, “welchen Eindruck haben Sie von dem Patienten?”
“Er ist blasser als sonst. Aber er schafft es schon wieder, mir auf die Nerven zu gehen.”
Während Panzer ebenfalls am Tisch Platz nahm ging der Oberst zu der Kaffeemaschine und goss sich ebenfalls eine Tasse ein. Der Duft des frisch gebrühten Kaffees wühlte sich durch die Nase in
seine Gehirnwindungen und weckte seine Lebensgeister. Obwohl er es auch sich selbst gegenüber ungern eingestand, so konnte er nicht umhin zu begreifen, dass das Gespräch mit Meixner ihn
erleichtert hatte. Im wahrsten Sinne des Wortes. Auch seine Gier nach Essbaren, die ihn die letzten Wochen beherrscht hatte, war offenbar verschwunden.
“Aber ich bin kein Experte”, setzte er dann langsam fort und wandte sich wieder den Personen rund um den Tisch zu. “Was meinen sie? Sie waren die letzten Wochen immer um ihn. Kann er am Montag in
häusliche Pflege entlassen werden?”
“Vom medizinischen Standpunkt gibt es da keinerlei Bedenken”, begann der junge Asiate nach einem schnellen Blickwechsel mit dem Primararzt. Auch der Pflegedienstleiter und die Schwester stimmten
dem stumm zu. “Wenngleich”, grinste der junge Arzt in die Runde, “wenngleich ich zugeben muss, dass dieser Fall viel zu ungewöhnlich und interessant ist, als dass ich ihn so ohne weiteres auf
sich beruhen lassen könnte. Die Laboruntersuchungen seiner Haut und seines Gewebes haben keine Anomalien gezeigt. Ich möchte mir den Patienten auch in Zukunft sicher noch ein paar Mal
ansehen.”
Diese Worte gingen mehr in Richtung der Schwester. Dann wandte er sich um und dem Arzt in Zivil zu.
“Medizinisch wie gesagt keine Bedenken. Aber wie sieht die Psyche eines Menschen aus der eingeklemmt und schwer verletzt beinahe bei lebendigen Leib verbrannt wäre? Der dabei aufs Schwerste
bedroht wurde. Wie, Doktor Villa, wie sieht die Psyche dieses Menschen aus?”
Der Mann in Zivil kratzte seinen Stoppelbart, schlug die Beine übereinander und lehnte sich weit in seinem ächzenden Sessel zurück.
“Nun”, tönte der Psychologe langsam und bedächtig mit sonorer Stimme, “welches Gefühl haben Sie bei ihm?”
Unverkennbar ging ein Seufzen durch den Raum, dass der Primararzt scharf aber treffend formulierte: “Wir sind hier nicht zur Gruppentherapie Doktor Villa! Ich erwarte Ihre Diagnose.”
Überrumpelt setzte sich der Psychologe wieder auf und überzeugte sich durch einen raschen Blick in die Runde, dass er hier von Menschen umgeben war, die mit den Tricks der Psychoanalyse bestens
vertraut waren.
“Nun”, setzte er noch einmal an und kratzte seinen Bart energischer, “ich kenne den Patienten erst sein ein paar Tagen und ich hatte erst zwei Mal die Gelegenheit, länger mit ihm zu sprechen.
Dabei war ich mir aber nicht sicher, ob er meine Rolle verstanden hat.”
“Er nannte Sie einen Seelenklempner”, warf die Schwester ein. “Und er meinte, dass es nett aber ziemlich langweilig sei, sich mit Ihnen zu unterhalten – das waren seine Worte.”
Doktor Villa grinste sie kurz und freudlos an um dann in sinnenden Nachdenken zu versinken. Für eine Weile wurde es still in dem Raum. Jeder der Anwesenden schien seinen eigenen, privaten
Gedanken nachzuhängen. Aber es war offensichtlich, dass sich all diese Gedanken um eine und dieselbe Person drehten.
Endlich rückte der Psychiater näher an den Tisch, stützte die Arme auf und legte vorsichtig die Fingerspitzen seiner Hände aneinander.
“Nun”, begann er wie üblich, “ich kann keinen Vergleich ziehen, da ich den Patienten vor dem – dem Unfall nicht gekannt habe. Aber der Oberst war so freundlich mir ein Gutachten zur Verfügung zu
stellen, das allerdings schon einige Jahre alt ist.”
“Wir pflegen die Gemütszustände unsere Mitarbeiter nur bei der Einstellung und bei besonderen Notwendigkeiten durchleuchten zu lassen”, rechtfertigte sich der Oberst. Doch ungeduldig winkte der
Psychiater ab und suchte seinen Gedanken wieder zu finden.
“Aber auch wenn es älter war, das Gutachten, so war es doch hilfreich. Hätte ich doch sonst einige Charakterzüge des Patienten dem – Unfall zugeordnet.”
Ungeduldig spielte der Primar mit seiner Tasse. Doktor Long hatte in Gedanken eine Packung Zigaretten aus der Tasche seines Mantels geholt, wollte sie aber schnell wieder zurück stecken. Doch der
Primar hatte es bemerkt und streckte die Hand aus. Also schob der junge Arzt dem alten die Packung hinüber, damit der sich bedienen konnte. Auch die Schwester nahm das Angebot an. Nur der
Pflegedienstleiter lehnte ab. Als endlich alle drei Weißkittel an ihren Zigaretten saugten war auch der bärtige Psychiater im schwarzen Rollkragenpullover mit sich ins Reine gekommen.
“Nun”, begann er von neuem und ließ die Finger auf und zu klappen, “im Großen und Ganzen haben wir es bei dem Patienten mit einer sehr stark ausgeprägten Persönlichkeit zu tun. Allerdings mit
sehr verflachter Emotionsstruktur. Nicht, dass das seine Libido beeinträchtigen würde, verehrte Schwester, keineswegs. Aber ich würde doch sagen, dass er mit ziemlicher Sicherheit ein Mensch ist,
der auch in der Vergangenheit Schwierigkeiten hatte sich zu binden.”
Die Wangen der jungen Frau flammten auf, dass sie beinahe die Farbe ihrer Locken erreichten. Kerzengerade setzte sie sich auf und schöpfte nach Atem um sich zu rechtfertigen. Obwohl sie wusste,
dass man in einem Krankenhaus nichts verbergen konnte. Aber ein nachlässiges Winken und der in Schwung kommende Redefluss des Psychiaters erstickte ihre Rechtfertigung im Keim.
“So war er offensichtlich schon immer. Hier ist meiner Ansicht nach keine sichtbare Veränderung seiner Persönlichkeitsstruktur eingetreten. Genau genommen kann ich überhaupt keine Veränderung
gegenüber dem Vorgutachten feststellen. Was allerdings kaum denkbar ist, nach dem, was er erlebt hat. Möglicherweise ist er nachdenklicher, grüblerischer geworden. Die Gefahr eines
Suizidversuches oder einer Fremdgefährdung sehe ich aber nicht.”
“Sie meinen, er wäre nicht in der Lage sich selbst zu töten?”, hackte der Oberst neugierig nach. Und wieder winkte der Psychiater nachlässig ab.
“Jederzeit ist er dazu in der Lage”, widersprach er sich selbst und kam allmählich in Fahrt. “Und ohne mit der Wimper zu zucken. Im Gegensatz zu den meisten Menschen. Aber er braucht einen Grund
dafür. Oder Sie geben ihm eine Chance und einen Grund um sich zu opfern und er wird es tun. Ein perfekter Soldat wie man ihn sich nur wünschen kann.”
Diesmal wollte der Oberst erklären, aber jetzt hatte sich Villa so in Schwung geredet, dass er sich nicht mehr so einfach unterbrechen lies.
“Genau mit dieser Feststellung sind wir aber auch schon bei dem Problem des Patienten – er hat keinen Grund! Keinen Grund um sich selbst zu töten und keinen um sich zu opfern. Aber auch keinen um
weiter zu leben. Geben sie ihm einen Grund um zu leben und sie werden wohl kaum jemanden finden, der verbissener daran hängt. Geben sie ihm einen Grund um zu sterben und er wird sie nicht
enttäuschen. Egal was, geben sie ihm einen Grund, ein Ziel, einen Zweck für sein Leben! Er selbst sucht und findet nichts. Das ist zwar an sich nichts Außergewöhnliches. Ich möchte fast sagen, es
ist die Krankheit unserer Zeit - die wenigsten Menschen haben ein Ziel vor Augen. Natürlich haben viele Träume und Wünsche, aber ein Ziel, das ist etwas ganz anderes! Sehen sie raus auf die
Straße, sehen sie in die Herzen der Menschen. Diese Leutchen leben gerade mal von einem Tag auf den anderen, auf das nächste Wochenende, auf den nächsten Urlaub. Und sie haben alle noch so viel
vor – um es doch nie zu tun! Ziellosigkeit ist die Pest unserer Zeit! Und für den Großteil der Menschen ist das, so erschreckend es auch ist, nicht einmal ein Problem! Sie leben still und
eingesponnen in ihrer kleinen Welt vor sich hin. Für ihren Mann allerdings ist das sehr wohl ein Problem. Denn er sucht. Ohne zu wissen, was. Ohne zu wissen, wo. Nochmals, geben sie ihm einen
Grund, geben sie ihm ein Ziel und sie werden sich über die Fortschritte der Genesung nur so wundern.”
“Es gibt viele Gründe um zu leben”, warf die junge Schwester aus der Tiefe ihrer Gedanken ein und wickelte dabei abwesend eine Locke um ihren Finger. “Vielleicht entsteht etwas, mit der Zeit, man
weiß nicht, was daraus noch alles werden könnte, aber wenn dann, vielleicht einmal ...”
“Der gute Doktor hat vergessen zu sagen, dass alle Ziele Meixner nichts helfen, wenn es nicht seine eigenen Ziele sind.”
Um ein Haar hätte der Oberst seinen Kaffee verschüttet - wie hatte er den Mann am Fenster übersehen können! Wie war es möglich, dass er einen kleinen Raum betrat und einen Mann, der
offensichtlich am Fenster stand und hinaussah einfach nicht bemerkte? Aber auch den anderen Menschen rund um den Tisch ging es ähnlich. Obwohl Long und der Primar doch noch kurz vor dem
Eintreffen des Obersts mit ihm gesprochen hatten, war er doch vollständig aus ihrer Erinnerung verschwunden. Er war die ganze Zeit anwesend und hatte es doch geschafft nicht bemerkt zu werden.
War aus ihrem Bewusstsein ausgeblendet worden wie das Fenster oder die Wand. Nun aber hatte sich der hagere Mann vom Fenster abgewandt, durch das er das Treiben der Stadt so andächtig beobachtet
hatte, und mit leiser Stimme zu sprechen begonnen. Unwillkürlich wurde sich der Oberst bewusst, dass dieser große, hagere Mann mit den langen braunen Haaren, die seidig bis über seine Schultern
fielen, ganz leise sprach und doch seine Stimme so beherrschend war, das man ihr andächtig lauschten musste ohne sich ihrem Bann entziehen zu können, ohne eine Erklärung dafür zu haben.
“Deine Wünsche mögen ziemlich klar sein Britha. Auch wenn du dir selbst vielleicht noch niemals überlegt hast, was du mit deinen Wünschen eigentlich erreichen möchtest. Und es ist nur recht und
durchaus möglich, dass er dir bei der Erfüllung deiner Wünsche behilflich sein soll. Aber du darfst niemals den Fehler machen und darauf vergessen, dass es sich um deine Wünsche handelt, um
deinen Grund zu leben. Selbst wenn seine Wünsche deinen sehr ähnlich wären, seine Gründe und sein Ziel wären doch anders. Du kannst ihm vielleicht vieles anbieten, aber du darfst niemals
vergessen, dass er das Recht hat sich auch dagegen zu entscheiden. Du wirst bei ihm bleiben, weil es dein Wunsch ist. Und nur du kannst entscheiden, in welcher Art und wie lange du bei ihm
bleiben willst.”
Christoff Pensant wandte sich wieder dem Fenster zu und sah schweigend hinaus. Hinunter in den städtischen Trubel der engen Gassen. In diesem kurzen Augenblick wirkte er verloren. Selbst ein
Suchender ohne Ziel. Wie ein Verstoßener, der hilflos mit ansehen muss, wie feindliche Truppen durch sein Land marschieren um unter den schweren Stiefeln ihrer Selbstgefälligkeit all das zu
zertrampeln, was einmal Wert hatte.
“Karl Meixner ist eine außergewöhnlich starke Persönlichkeit”, fuhr er irgendwann dann fort. “Und es stimmt, dass er sucht. Er sucht, wie alle Menschen, nach Antworten. Aber er sucht auch, was
nur wenige tun, nach neuen Fragen. Ich hoffe für ihn, dass er finden wird. Aber nur er kann finden, was für ihn richtig ist. Die Wahrheit ist in Wahrheit individuell und für jeden Menschen
anders. Für jeden Menschen neu, ja selbst für jede Stunde neu. Hütet euch davor, ihm vorgefertigte Wahrheiten einimpfen zu wollen. Er wird sie euch zerbrechen. Und nichts ist für die Menschen,
die nur nach Antworten suchen, schlimmer, als wenn ihnen ihre Wahrheiten zerstört werden. Meixner muss alleine suchen und alleine finden, was nur für ihn alleine bestimmt ist. Manchen Menschen
wird die Suche oft schwer gemacht – sollte das der Fall sein, so wird sich Karl Meixner darüber hinweg setzen. Nichts und niemand wird ihn von seiner Suche abhalten können.”
Christoff Pensant hatte gesprochen. Schweigend stand er da und besah sich nun die Wirkung seiner Worte an den Menschen rund um den Tisch. Und stellte wiederum, zu seinem eigenen großen Erstaunen,
fest, dass seine Worte den Menschen in die Herzen drangen. Dass da niemand mehr war, der etwas hinzufügen wollte. Dass da nichts mehr war, was gesagt werden musste. In ihm selbst drängten sich
noch so viele Fragen, so viele Zweifel. Noch so viele Schwierigkeiten sah er entstehen. Für die Menschen um den Tisch gab es keine Zweifel mehr. Felsenfest und unwandelbar war die Wahrheit.
Christoff Pensant hatte gesprochen.
Wie sehr wünschte er sich, wieder einmal, hinter das Geheimnis dieser Gabe zu kommen. Wie sehr fürchtete er, wieder einmal, diesen Fluch, er ihm so viel Verantwortung aufbürdete.
So schnell wie Karl Meixner sich das alles gewünscht hätte, so schnell ging es dann doch nicht. Er musste erkennen, dass seine Ausflüge auf den eigenen Beinen nur ein kurzes Zwischenspiel und
mehr seinem Willen als seinem Körper zu verdanken waren. Die Anreise an seinen neuen Aufenthaltsort führte ihm das deutlich vor Augen. Von einem ‚hinaus Spazieren und ins Auto setzen‘, wie Britha
gemeint hatte, war nicht die Rede. In einem Rollstuhl wurde er von ihr in einen Krankenwagen verfrachtet. Außergewöhnlich daran war eigentlich nur, dass sie nicht mehr die gewohnte weiße Uniform
trug sondern ihre private Kleidung. Und Meixner konnte nicht umhin zu bemerken, dass sie in Jeans eine tolle Figur machte. Auch entging ihm nicht, dass sie beständig Körperkontakt hielt. Und es
störte ihn nicht. Egal, ob sie seinen Arm berührte, seine Hand hielt oder ihre Hüfte wie zufällig gegen ihn drückte. Es schien so, als hätte sie mit ihrer Uniform auch viel von seinen Bedenken
abgelegt.
Es war ein eher trüber Herbsttag an dem sie entlang der grauen Donau aus der großen Stadt fuhren. Die Felder waren bereits abgeerntet, die Krähen sammelten sich darauf in lockeren Gruppen und die
Bäume hatten sich eines großen Teiles ihrer Laublast schon entledigt. Später ging die Fahrt durch das enge Kamptal, vorbei an den kleinen Dörfern in deren Kellergassen nun im Herbst eifrige
Betriebsamkeit herrschte und vorbei an den kahlen und leeren Weingärten. Schon die Ankunft in der kleinen Stadt hätte Meixner allein vor ein unlösbares Problem gestellt. Das
Rehabilitationszentrum lag zwar unten am Fluss, doch das kleine Haus, dass für ihn gemietet worden war, lag etwas erhöht. Von der Einfahrt führte außerdem ein ziemlich steiler Weg zum Haus
hinauf. Einhundert Meter. Vielleicht auch nur halb so viel. Aber Meixner wurde sich bei diesem Anblick schmerzhaft bewusst, dass er niemals in der Lage gewesen wäre diese Strecke aus eigener
Kraft zu bewältigen. Britha würde es schon schwer genug haben ihn im Rollstuhl hinauf zu schieben. Durch die dunklen Wolken der plötzlich aufgeschwappten Enttäuschung sah er eine kleine Frau aus
dem Haus kommen und auf sie warten. Er sah den gepflegten Garten, der sich vor dem kleinen, fröhlichen Biedermeierhaus erstreckte. Zu tief war er in seine düsteren Gedanken eingesponnen um zu
bemerken, dass das Haus friedlich und fröhlich aber uneinsehbar in einem riesigen Garten lag, der sich noch weit dahinter erstreckte, geschützt von hohen, überwucherten Mauern. Erst als er Britha
neben Long gehen sah begriff er, dass jemand sie abgelöst haben musste, der nun den Rollstuhl leichter den Berg hinauf schob. Erstaunt stellte er oben angekommen fest, dass es sich um ein
verhutzeltes, altes Männchen mit langen grauen Haaren gehandelt hatte – ein Männchen, dem man trotz der Gärtnertracht kaum zutrauen würde auch nur eine Schaufel halten zu können. Er wurde als Lon
Chi, der Gärtner vorgestellt. Erst jetzt erkannte Meixner, dass sich hinter den grauen, ein wenig ungepflegten Haaren ein Asiate versteckte. Doch von der sonst so sprichwörtlichen asiatischen
Höflichkeit hatte der Mann nichts an sich. Er verbeugte sich zwar kurz, murmelte dann aber, dass er auch noch wirkliche Arbeit hätte und somit keine Zeit, einen Mieter sinnlos in der Gegend herum
zu fahren. Und verschwand grußlos hinter einer Hecke. Wie zum Ausgleich war die Freundlichkeit der kleinen Frau überschäumend. Zwar sprach Mutter Wenzel, wie Doktor Long sie vorstellte, kaum
deutsch, aber es war unverkennbar, dass sie ehrliche Freude daran hatte, dass die junge Herrschaft, wie sie die beiden nannte, endlich angekommen waren. Sie hatte auch schon gekocht und die
Betten waren gemacht, das Gepäck war gestern schon angekommen und ausgepackt worden und es gab frische, selbstgemachte Schaumrollen zum Kaffee und während dieses ganzen Freudenausbruches
schüttelte sie Meixners Hand. Irgendwie vertrieb sie mit dieser pumpenden Bewegung die dunklen Wolken allmählich, die seine Gedanken umgaben und er besah sich das Mütterchen genauer. Mit der
zweiten Hand nahm er ihre und lächelte sogar ein wenig.
“Sie sind keine Tschechin.”
Verblüfft starrte sie ihn mit ihren dunklen Knopfaugen an und gestand dann, sie sei Böhmin. Aus Krumlov, gleich hinter der Grenze, kam ihre Familie.
“Also eine Sumavara”, bemerkte er lachend. Sehr zur Freunde seiner Begleiter, denen sein düsterer Gemütszustand nicht verborgen geblieben war. Mutter Wenzel jedoch war ein wenig verschreckt und
wusste nicht so recht, was sie von diesem Patienten halten sollte, der sich darüber freute, dass sie aus einer Gegend kam, die sie nur all zu gerne schweigend hinter sich gelassen hätte. Aber sie
meisterte diese Situation in der ihr gewohnten Weise. Sie setzte die kleine Gruppe an den Tisch und bewirtete sie.
Es sollte nicht lange dauern, bis sich Meixner in dem kleinen Haus eingelebt hatte. Die Tage floßen zäh dahin. Immer im gleichen Rhythmus von Therapien, Untersuchungen und Mußestunde. In dem
heimeligen Wohnzimmer mit dem offenen Kamin begannen sich bald die Bücher und Zeitschriften zu stapeln bis er seine Interessen mehr dem Internet zuwandte und auf die Idee kam, dass die
Mitgliedschaft in einer Leihbücherei unter anderem auch Platzprobleme löste. Oft aber sahen sie einfach nur dem Feuer zu, tranken genüsslich den Wein, den Britha von ihren Streifzügen durch die
Kellergassen mitbrachte und besprachen ihre kleinen Erlebnisse. Bereits am ersten Abend war sie einfach zu ihm unter die Decke geschlüpft. Keiner von ihnen beiden machte großes Aufsehen darum und
es war fast so, als wäre es immer so gewesen. Sie betreute und begleitete ihn. War immer da, wenn er sie brauchte, verstand aber auch, dass er manchmal die Einsamkeit vorzog. So ganz wohl war ihr
dabei aber manchmal nicht. Vor allem dann nicht, wenn er ganze Stunden vor dem flackernden Feuer saß und die Flammen betrachtete. Als sie ihn darauf ansprach nannte er das ‚mit dem Feuer reden‘
und erschreckte Britha damit nur noch mehr. Denn es sah tatsächlich so aus, als hielten sie eine stumme, geheime Zwiesprache, er und die Flammen. Eine Zwiesprache, aus der er meist nur sehr
langsam und nachdenklich in die Welt der Menschen zurück kehrte. Mutter Wenzel hielt unterdessen das Haus in Ordnung wie ein guter Geist und bekochte sie derart, dass Meixner es kaum erwarten
konnte, sich endlich wieder ordentlich bewegen zu können. So richtig trainieren, dass sich die beträchtlich angewachsenen Fettreserven in Muskelmasse verwandelten. Und tatsächlich trainierte er
vom ersten Tag an. Weit mehr als es die Ärzte jemals erlaubt hatten. Und sie waren von seiner Besserung sprachlos verblüfft. Aber trotz aller Fortschritte die er machte, den Garten, das Reich Lon
Chis, betrat er nur selten auf eigenen Beinen. Das lag auch daran, dass allmählich Schnee gefallen war und sich das Land in stilles, winterliches Weiß hüllte. So traf er fast nie auf den
schroffen, alten Mann.
Viel Besuch bekamen sie nicht. Manchmal schaute der Oberst kurz vorbei, und Doktor Long machte einmal im Monat seine Visite. Zu den Weihnachtsfeiertagen tauchte sogar Pensant auf und brachte Pat
Fogham mit. Immerhin war sie es gewesen, die ihm das Haus ausgesucht und gemietet hatte. Auch Lon Chi und Mutter Wenzel hatte sie eingestellt und sie hatte sich um all die Kleinigkeiten rund
herum gekümmert, wenngleich es für alle offensichtlich war, dass sie und Meixner sich aus dem Weg gingen. Ein Umstand, den die junge Gastgeberin Britha nicht gerade ungern sah. Herrschte doch
auch zwischen den beiden Frauen eine eher eisige Förmlichkeit. Pat Fogham verstand die unbewusste Verteidigung der jungen Frau nur zu gut. Aber selbst wenn sie es gewollt hätte, wie hätte sie
Britha Iversen klar machen sollen, dass sie diesen Mann, den sie keine fünf Mal in den letzten Jahren gesehen hatte, liebte wie einen Bruder und doch auch hasste wie einen Bruder. So gingen die
beiden Frauen sich aus dem Weg, was sich aber in dem kleinen, überfüllten Haus als ziemlich schwierig heraus stellte. Auch Karl Meixner war in Foghams Nähe noch ruhiger als sonst. Er fühlte, dass
sie sich von ihm entfernt hatte. Um gleichzeitig, wenn sich ihre Blicke doch trafen, zu entdecken, dass die Verbindung zwischen ihnen tiefer war, als er verstehen konnte. So wie bei Pensant, nur
der wich seinem Blick nicht aus. Was sie verband schien nicht von dieser Welt, schien ihm aus den Tiefen der Zeit. War unverständlich.
Dieser eine Weihnachtstag sollte Karl Meixner aber noch aus einem anderen Grund in Erinnerung bleiben. Da auch der Oberst und Doktor Long gekommen waren schien das kleine Haus aus allen Nähten
platzen zu wollen. Allein schon die Anwesenheit des Obersts, obwohl er nicht mehr ganz so massig schien, reichte aus, um das Häuschen zu überfüllen. Nach dem Essen, während Pensant, Fogham und
der Oberst zusammen saßen und Britha Mutter Wenzel mit dem Geschirr half, zog der junge Spezialist seinen Mantel über und ging nach draußen an die frische Luft. Meixner hatte nichts davon
bemerkt, denn er suchte gerade etwas in seinem Schreibtisch, dass er dem Oberst zeigen wollte. Als er zufällig aufsah und hinaus in den verschneiten Garten blickte, da sah er den jungen Arzt
durch den frisch gefallenen Schnee stapfen. Und er dachte sich nichts besonderes dabei. Auch nicht, als der junge, große Arzt dem kleinen, alten Gärtner begegnete, der gerade eifrig dabei war,
den Gehweg vom frischen Schnee zu säubern. Doch der junge, teuer gekleidete Akademiker sprach den etwas verwahrlosten Alten an. Legte beide Hände ineinander, hielt sie sich vor das Gesicht und
verbeugte sich tief in einer traditionellen und ehrfürchtigen Weise, die Meixner bei diesem westlichen Menschen niemals vermutet hätte. Und der Alte dankte es ihm mit einer selbstverständlichen
und nachlässigen Handbewegung. Gebannt beobachtete Meixner das Gespräch der beiden so unterschiedlichen Männer im Garten ohne ein Wort davon zu hören. Aber es war unverkennbar, dass der junge
Facharzt, der weltweit anerkannte Spezialist, dem alten, unscheinbaren und ungehobelten Gärtner mit höchster Ehrfurcht begegnete.
Bald darauf fand Meixner dann auch eine Gelegenheit dem jungen Asiaten ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Der wusste auch sofort, wovon Meixner sprach, wurde rot und gestand ihm die ganze
Geschichte. Lon Chi der Gärtner entpuppte sich als der Bruder seines Vaters und als Ältester und Oberhaupt der Familie. Allerdings hatte er in der Vergangenheit immer wieder Probleme mit
Autoritäten gehabt, was auch der Grund gewesen war, weswegen er China hatte verlassen müssen und zu seinem Bruder nach Europa gezogen war. Aber es sei sehr schwer gewesen einen Job für ihn zu
finden und darum war jetzt die ganze Familie glücklich darüber, dass der alte Lon Chi bei Karl Meixner als Gärtner einer ehrenvollen Arbeit nachgehen konnte.
Noch viele Tage brachte Meixner damit zu, den alten Gärtner bei seiner Arbeit zu beobachten, sofern der sich blicken ließ. So freiwillig und erschöpfend ihm der junge Doktor auch Auskunft gegeben
hatte und so logisch diese Geschichte auch in sich war, Meixner wurde die vage Ahnung nicht mehr los, dass zwar viel erzählt worden war, aber eigentlich nur wenig gesagt. Meixner hatte nicht
weiter in Doktor Long gebohrt, sondern die Geschichte fürs Erste so genommen, wie sie ihm serviert worden war. Das hielt ihn aber nicht davon ab, von nun an mehr Zeit im Garten zu verbringen und
mit offeneren Augen durch den Tag zu gehen. Seine Neugierde war geweckt. So fiel ihm nun auf, dass niemals auch nur eine einzige Rechnung in der Post war. Er bemerkte, dass der Bierverbrauch
ihres Haushaltes ganz ordentlich war, obwohl eigentlich kaum jemand Bier trank. Ja, das Bier in der Küche scheinbar zu verdunsten schien. Er entdeckte, dass Lon Chi nicht bei ihnen im Haus aß.
Dass er scheinbar niemals aß, dass er erst spät am Morgen in dem weitläufigen Garten zu sehen war und dass er das Gärtnerhäuschen in dem er wohnte immer sorgfältig verschlossen hielt. Und dass
sowohl Doktor Long als auch Pensant, jedesmal wenn sie kamen, auch den alten Mann in seinem Reich aufsuchten.
So viele Fragen und Ungereimtheiten stolperten nun durch seinen Kopf. Dabei stand immer noch groß und beherrschend wie ein stummes Fragezeichen die Gestalt dieses Jim Brown im Vordergrund.
Inzwischen war auch die Erinnerung an die beiden Schalenkoffer dazu gekommen. Der Ukrainer hatte sie mitgebracht, also hatte Brown das Papier besorgt. Was konnte sich in zwei schweren Koffern
befinden, dass es Wert war die Währungsstabilität Europas zu gefährden? Und wo waren die beiden Koffer abgeblieben? Der Oberst hatte sie mit keinem Wort erwähnt und Meixner hatte ihm nicht davon
erzählt. Wer war dieser schrullige Italiener, der Unsummen in Meixners Genesung steckte und es bisher nicht der Mühe wert gefunden hatte persönlich nach ihm zu sehen? Pensant hatte erklärt, er
wäre halt einfach ein Freund, ein echter Conte, den er gebeten hätte zu helfen. Alter italienischer Adel eben. Aber Meixner war sich sicher, dass da mehr dahinter steckte. Auch sein Verhältnis zu
Britha Iverson nahm an Komplikationen zu. Nicht, dass er sie nicht gerne um sich hatte, aber sie begriff allmählich, dass er ihr mit jeder Verbesserung seines Gesundheitszustandes ein wenig mehr
entglitt. Dafür schmiedete jeder Tag das Band zwischen ihm, Pensant und Fogham fester. Keiner von ihnen verstand es und auch Pensants Andeutungen waren nur Ausdruck seiner eigenen Ratlosigkeit.
Aber die drei Menschen, die noch niemals viel Zeit miteinander verbracht hatten, meinten einander tiefer zu fühlen und inniger verbunden zu sein, als sie es jemals für möglich gehalten hätten.
Wenn sie zusammen waren, dann waren Worte nutzlos und störend. Es gab nichts, was gesagt werden musste. Und Meixner hatte mit der Zeit verstanden, was Pensant schon wusste und Fogham ahnte – es
fehlte etwas. Es gab da noch eine vierte Person. Womit Meixner schlussendlich auch wieder auf die vier Kuverts stieß, die Alexander Heymann ihnen hinterlassen hatte. Damit landete er bei dem
letzten, dem wahrscheinlich größten aller Rätsel. Bei Alexander Heymann, der ihn seit seinem Tod unablässig beschäftigte und den er doch niemals verstehen würde. Die Ungereimtheiten rund um den
alten chinesischen Gärtner waren da gerademal eine Zugabe, die aber irgendwie ins Bild passte. So verworren ihm auch im Augenblick alles schien, er fühlte doch, dass es dahinter ein System
gab.
Mit dem Schnee waren auch die Krücken verschwunden und Meixner humpelte an einem Stock durch die Gegend. Mit schiefem Grinsen dachte er an die hoch bezahlten Ärzte, die ihm immer wieder
versichert hatten, dass er es akzeptieren musste, sein weiteres Leben im Rollstuhl oder hilflos schwankend auf Krücken zu verbringen. Wie aus Trotz wurden seine Spaziergänge immer ausgedehnter,
wenngleich er es doch vermied, am Morgen vor dem kleinen Häuschen des Gärtners aufzutauchen. Ohne sagen zu können, was ihn davon abhielt. Und was ihm auch nicht schwer viel. Denn was er den
Winter über vom Fenster aus für einen Garten gehalten hatte war in Wirklichkeit ein über vier Hektar großer, verwinkelter Park mit lauschigen Wegen, alten, knorrigen Bäumen, kleinen Wiesen,
wilden Beerenhecken und versteckten Obstbäumen. Es musste sich um einen alten Adelsbesitz handeln von dem nur mehr das Häuschen des Gärtners und das Pförtnerhaus, dass jetzt Meixner und Britha
bewohnten, übrig war. Was immer Meixner aber in dem Park sah, es steigerte seine Achtung vor dem alten Mann. Auf den ersten Blick meinte man einen verwunschenen Wald als erster Mensch betreten zu
haben. Erst wenn man genauer hinsah entdeckte man, dass hier sehr wohl die meisterhafte Hand eines energischen Gärtners am Werk gewesen war. Eines Mannes, der verstand, dass die wahre
Meisterschaft darin lag, dass das Werk dann vollkommen war wenn seine Gegenwart in den Hintergrund trat.
Für alle war unverkennbar, dass Britha die Herrin des Hauses war. Sie führte den Haushalt, sie führte die beiden Angestellten an der kurzen Leine und sie führte Karl Meixner mit leiser Hand. So
blieb es nicht aus, dass Unstimmigkeiten entstanden, je ausgedehnter Meixners Spaziergänge wurden. Zwar begleitete sie ihn manchmal, doch immer öfter humpelte er alleine über die einsamen Wege.
Und da er es sich angewöhnt hatte weder Uhr noch Mobiltelefon mit auf seine Wege zu nehmen, kam es immer wieder vor, dass er ihren Terminplan gehörig durcheinander brachte. Meixner war sich
absolut sicher, dass Lon Chi der Gärtner jederzeit hätte sagen können wo er sich aufhielt. Auch wenn er ihn nie zu Gesicht bekam. Denn er war nur aufzufinden, wenn er es wollte. Nie wusste man
wirklich, wo er steckte.
Dann, eines Tages, hatte die junge Herrin energisch ihre Locken zurück geworfen und einen Großeinkauf beschlossen. Hatte sowohl Mutter Wenzel als auch den sich sträubenden Lon Chi in ihr Auto
gepackt und war in die Bezirkshauptstadt gefahren. Kaum war der Wagen verschwunden, als Meixner auch schon zu einem seiner ausgedehnten Spaziergänge ansetzte. Die Sonne schien und ließ bereits
eine erste Ahnung vom Frühling aufkommen. Winzig kleine Spitzen zeigten ihr erstes schüchternes Grün an den Büschen und in den Bäumen herrschte munteres Treiben. Für all diese kleinen Dinge hatte
Meixner an diesem Tag keine Augen. Er ging geradewegs zu dem Gärtnerhäuschen und es war nicht nur die frische Luft und die Sonne, die ihn aufatmen ließen. In sich fühlte er wieder jene Kraft
aufkeimen, alle Sinne angespannt, forschend, erkundend und sich auf ein Ziel konzentrierend. Sein Humpeln war leichter geworden, doch er benutzte noch immer den Stock und schalt sich insgeheim
wegen seiner Laschheit. Kam er doch seiner Meinung nach viel zu langsam vorwärts. Nachdenklich und schnaubend blieb er endlich vor dem alten, kleinen Häuschen stehen und besah sich die
geschlossenen Fensterläden und die Läden vor den Terrassentüren. Für einen kurzen Augenblick überlegte er und schöpfte Atem. Der kurze Augenblick des Zweifels ging schnell vorüber und seine
Neugierde siegte. Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass zwar alle Läden geschlossen aber nicht versperrt waren. Die nächste Überraschung wartete bereits hinter der Tür - der Dielenboden
war so sauber geschruppt, wie es Meixner noch niemals gesehen hatte. Unwillkürlich zog er seine Schuhe aus und ging in Socken in das Zwielicht. Das kleine Häuschen war peinlich sauber und beinahe
leer. In dem großen Raum mit dem gemauerten Kamin standen nur ein paar Behälter mit feinem Sand herum und auf dem Kaminsims thronte ein kleiner, geschnitzter Behälter. Die Küche war ebenso
spartanisch eingerichtet und in der Speisekammer fand sich außer einem großen Sack Reis und einigem Gemüse nur ein Tontopf mit undefinierbarem, zähflüssigen Inhalt. Die Kammer daneben,
offensichtlich der Schlafraum des Gärtners, glich in seiner Kargheit den übrigen Räumen. Ein schmales, hartes Bett. Ein kleiner Tisch und ein Bord mit Büchern. Meist in chinesisch, einige wenige
in englisch. Unschlüssig blieb Meixner unter der Tür stehen und sah in den großen, leeren Raum hinaus. Das alles war nicht so, wie er es erwartet hatte. Das war ganz und gar nicht so. Aber was
hatte er eigentlich erwartet?
Die Leere des Raumes wirkte in eigenartiger Weise auf ihn. Zuerst war er sich verloren vorgekommen, doch allmählich begann sich sein Geist in der Stille frei von jeder Ablenkung zu sammeln. Ruhig
zu werden und sich auf die Erkenntnis vorzubereiten. Und die kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Nun verstand er und es war nichts Ungewöhnliches mehr an der Behausung Lon Chis. Jetzt da er
wusste, wonach er suchte, war es ihm ein Leichtes zu finden. Der Kranz mit den dicken, abgewetzten Kugeln lag gleich neben dem Bett auf einem Bord. Und in der Reisetasche, ganz unten, entdeckte
er das fein säuberlich zusammengelegte, safranfarbene Tuch. Ein leises Lächeln umspielte Meixners Lippen als er die Tasche wieder verschloss. Er hatte genug gesehen und wollte schon wieder gehen,
als sein Blick noch einmal auf den kleinen Tisch fiel. Ein Buch lag dort, mit dem Titel nach unten. Meixner nahm es auf und erkannte dass es nicht hierher gehörte. Auch, weil es in deutscher
Sprache geschrieben war. Was aber sollte ein alter buddhistischer Mönch mit einem Taschenbuch über die Grundlagen der Kunst des Tai Chi anfangen? Meixners Lächeln vertiefte sich als er verstand,
was für ein Fuchs der Alte war. Dann setzte er sich hin und begann die Einführung in die Welt der bewegten Meditation sorgsam zu studieren.
Fast zwei Stunden später machte sich Meixner auf den Rückweg, nachdem er alle Spuren seiner Anwesenheit beseitigt hatte. Doch der leere Raum nahm ihn wieder gefangen. Bar jeder Ablenkung
sammelten sich seine Gedanken und zogen weite Kreise. Mit schnellen Schritten war er an dem Kamin. Drei der Räucherstäbchen aus dem Kästchen zündete er an und steckte sie in das Sandbecken nahe
dem Kamin.
Der nächste Morgen fand Karl Meixner bereits sehr früh unterwegs in einem schütteren Birkenwäldchen. Dieses Stück des Parks lag abgelegen und war ziemlich eben. Und obwohl es doch ein Stück
entfernt war konnte man es von der Terrasse des Gärtnerhäuschens einsehen. Er hatte sich die ersten Übungen in dem Buch eingeprägt, er hatte die Grundhaltung geübt und er hatte verstanden, dass
die Bewegungen möglichst langsam und fließend zu erfolgen hatten. Doch gerade hier begannen schon seine Schwierigkeiten. Etwas mit seinem Gleichgewichtssinn schien nicht mehr zu stimmen, denn je
langsamer und konzentrierter er bei den Übungen wurde, um so mehr hüpfte und schwankte er ziemlich komisch herum. Je mehr er auf den alten Chinesen vergaß, je weniger er an seine Verletzung und
an seinen Stock dachte, desto leichter wurde es ihm. Zwar hatte er den Ehrgeiz gehabt, alle einundzwanzig Bewegungen auswendig zu lernen, aber mehr als die ersten fünf hintereinander brachte er
nie zu Stande. Immer wieder setzte er von vorne an. Immer wieder verlor er das Gleichgewicht. Dann standen seine Beine so, dass er sich nicht mehr zur nächsten Figur bewegen konnte. Und bald
strömte ihm der Schweiß aus allen Poren. Dann war da diese Wurzel. Er fädelte ein und stürzte. Doch zwei sehnige Arme fingen ihn auf, drehten ihn herum und setzten ihn wie ein kleines Kind ins
Gras.
Meixner hatte den alten Mann völlig vergessen. Was für ein alter Mann? Der Mann neben ihm war geschmeidig, schlank und sehnig. Er trug eine weite Baumwollhose und ein weites Shirt, beides in
weiß. Und er war barfuß. Wären da nicht die struppigen grauen Haare gewesen und das zerfurchte Gesicht, das ihn jetzt breit angrinste, Meixner hätte Lon Chi nicht erkannt.
“Starker Wille”, grinste der Alte breit und ein wenig schadenfroh als hätte er nichts anderes erwartet. “Sehr starker Wille. Und viel Kraft. Aber zu wenig Geduld.”
Er half Meixner hoch, wartete bis der sich die Blätter abgeklopft hatte und warf ihn dann mit einem leichten Stoß gegen die Brust wieder um. Und schüttelte den Kopf.
“Wenig Geduld – sehr schlecht! Erst stehen, dann gehen!”
Diesmal half er ihm nicht hoch, aber er versuchte auch nicht ihn nochmals umzuwerfen. Stattdessen zeigte er die Grundstellung und forderte Meixner auf, es ihm gleich zu tun. Meixner schien es,
als würde der Alte stundenlang an seiner Grundstellung herum verbessern. Den Kopf einen Millimeter zurück. Die Handflächen nach unten. Die Füße ein wenig schräger. Die Fingerspitzen ein wenig
geneigter. Den Kopf, die Schultern noch einen Millimeter zurück. Endlich war der Alte halbwegs zufrieden, da verlangte er von Meixner etwas, wogegen dessen Verstand aufbegehrte.
“Schlage Wurzeln”, sagte der merkwürdige Alte.
Sein Verstand revoltierte. Sein Verstand sah die Unmöglichkeit dieses Ansinnens – und verstummte. Vielleicht bildete es sich Meixner nur ein, aber aus seinen Fußsohlen wuchsen kleine Triebe,
bohrten sich tief und immer tiefer in den Boden, verzweigten sich, weit und immer weiter. Berührten ganz vorsichtig die zarten Fäden der anderen Bäume. Verflochten sich mit ihnen, verankerten
sich in der Erde, die ihn trug. Die jetzt einen Teil von ihm schützte und barg. Mit einem Mal war er Baum geworden. Birke unter Birken. Geschützt von ihnen, geborgen unter ihnen, Teil ihrer
Gemeinschaft. Unwandelbar und unumstößlich stand er da im leisen Wind des Morgens. Und wie die anderen Bäume, so nahm auch er keine Notiz mehr von dem alten Mann, der da zwischen ihnen stand und
sich mit verwundertem Gesicht am Kopf kratzte.
Patricia Fogham schloss die Tür hinter dem Mann und hörte, wie er die Treppe hinunter stapfte. Ein wenig unregelmäßig, da er das rechte Bein nachzog. Langsam und nachdenklich ging sie durch den
Vorraum zurück in das Wohnzimmer und bog von dort ab in ihr Arbeitszimmer aus dem sie auf den Hof und die Gebäude der ehemaligen Fabrik hinaus sah. Aber auch hier blieb sie nicht. Stattdessen
wanderte sie ziellos weiter. Wieder in das Wohnzimmer, vorbei an dem Gästezimmer in ihr Schlafzimmer und das Ganze wieder zurück. Alles besah sie sich, als hätte sie es noch nie gesehen. Und
irgendwie stimmte das ja auch. Es war fertig. Ihre Wohnung war endlich fertig. Heute würde sie zum ersten Mal in ihrer eigenen Wohnung bleiben und nicht daran denken müssen, was ‚zu Hause‘ alles
noch zu erledigen sei. Es war ein eigenartiges Gefühl und sie öffnete die Tür des Kühlschrankes um sich zu vergewissern, dass Maria tatsächlich für sie eingekauft hatte. Der alte, zahnlose
Dragoner, wie Martin sie oft liebevoll und ungerecht nannte, hatte zwar alle ihre Tricks aufgeboten, damit sie Fogham doch weiter bekochen konnte, aber letztendlich hatte sich die junge Frau doch
durchgesetzt. Wenn schon eine Küche mit einem Kühlschrank da war, dann gehörte dieser auch gefüllt. Trotzdem war sie sich klar darüber, dass sie um nichts in der Welt die Essen mit ihren
Mitarbeitern missen wollte. Sie ersetzten jede Besprechung und jedes Brainstorming mit Leichtigkeit. Außerdem hielten sie die Truppe zusammen, was Fogham besonders wichtig war. Und diese Truppe
war inzwischen um einiges angewachsen. Die Lehrwerkstätten in Verbindung mit Baders Firmen liefen und waren bis auf den letzten Platz besetzt. Kaum vier Monate nach Beginn hatten sie bereits
Leute abweisen müssen. Für die Unterstützung Ingos wurden zwei Damen eingestellt und auch Martins Arbeitstrupp hatte Verstärkung erhalten. Nach langem Hin und Her hatte sich sogar Maria dazu
überreden lassen zwei Küchengehilfinnen zu akzeptieren. Und all diese Leute waren hoch motiviert. Nicht nur, weil Fogham sie von ihren Ideen überzeugen konnte. Sie hatte ebenso großen Wert darauf
gelegt nur Leute einzustellen, die am sogenannten ersten Arbeitsmarkt eigentlich keine Chancen mehr hatten. So war keiner der Facharbeiter in der Lehrwerkstätte unter Fünfzig. Normalerweise
würden sie zuhause vor dem Fernseher sitzen und auf ihre Pension warten. Denn kein junger, dynamischer Firmeninhaber würde Leute mit so viel Erfahrung einstellen, und sich dann vielleicht Blößen
geben – trotz aller vollmundigen Beteuerungen ahnungsloser Politiker. Auch Ingos Mädels, wie sie die Beiden nannte, hatten als unvermittelbar gegolten. Dabei beherrschte die eine fünf Sprachen in
Wort und Schrift. Allerdings hatte keine der Beiden große Erfahrungen mit dem Computer. Und dann war da noch der junge Mann, der schon länger hier lebte und seine eigene Geschichte hatte.
Jahrelang hatte er in einem finsteren Loch ohne Wasser und WC gehaust und von ein paar hundert Euro staatlicher Unterstützung gelebt. Überlebt hatte er wahrscheinlich nur, weil sich Maria und
ihre obdachlosen Freunde seiner angenommen hatten. Denn Fuzzy, wie ihn alle nannten, saß seit einem Unfall beim Militärdienst im Rollstuhl. Ja, Maria konnte außergewöhnlich energisch sein – wenn
es um das Wohl anderer ging. Und nur zu gerne waren diese Menschen bereit zu helfen, wenn ihnen jemand die Möglichkeit dazu gab. Pat Foghams Lächeln war vieldeutig.
“Kennst Du das alte Sprichwort: ‚Es werden die Rechtlosen sein, die dem Recht zu seiner Geltung verhelfen werden.‘?”
Tip fühlte sich tatsächlich angesprochen und hob ein wenig den Kopf. Vielleicht war sie auch nur neugierig, weil die schlanke Frau direkt vor ihr stehen geblieben war. Aber erst einmal gähnte sie
herzhaft und streckte sich als wollte sie sagen, dass es ihr nichts Neues war. Sie war zwar noch sehr jung, gerade mal etwas über ein Jahr, aber sie besaß die angeborene Weisheit ihrer Rasse.
Nachdenklich und zart ließ Fogham ihre schlanken Finger durch das seidige Fell der schwarzweiß gefleckten Katze gleiten und erntete augenblicklich ein kaum hörbares Schnurren. Während die Frau
aus dem Fenster hinaus sah, hinaus auf die alten, knorrigen Bäume hinter der Mauer, die sich mit frischem, jungen Grün schmückten, kraulte sie den Nacken der zierlichen Tip. Ihr Telefon läutete
mit einem vertrauten Ton und sie ließ es läuten. Sie hatte keine Lust die fruchtlose Diskussion der letzten Tage fortzusetzen. Sie war in ihre neue Wohnung übersiedelt. Alleine. Und sie sah
keinen Grund, weswegen sie den jungen Mann mitnehmen sollte, der seit einiger Zeit mit ihr in der alten Wohnung gelebt hatte. Er konnte dort bleiben, für sie begann ein neuer Abschnitt. Natürlich
war er amüsant und lieb und zutraulich und es war nett gewesen ihn um sich zu haben. Doch nun war es vorbei. Oder es fing gerade an. Tip stieß mit ihrer feuchten Nase nach ihrer Hand und brachte
sich so in Erinnerung und Fogham in die Gegenwart zurück. Die kleine Streunerin war eines Tages wie aus dem Nichts aufgetaucht. Gerade in dem Augenblick, als Pensant zum ersten Mal hier
erschienen war. Darum konnte Fogham nicht anders und brachte die Beiden in Gedanken immer wieder miteinander in Verbindung. Wenngleich die Katze wenig von dem undurchsichtigen Verhalten des
Mannes hatte.
“Mich würde schon interessieren, wer auf die Idee gekommen ist, euch Katzen als falsch und hinterlistig zu bezeichnen”, sagte sie dann laut. “dir sieht man immer an der Nasenspitze an, was du
willst und du bist ohne Frage in der Lage deine Befindlichkeit auch eindeutig klar zu machen. Bei Pensant hingegen ...”
Sie verstummte, hob den Kopf und sah grübelnd zum Fenster hinaus. Dabei kräuselte sich ihr glattes Gesicht ein wenig und wurde merkbar härter.
“Wer kann schon sagen, was Pensant beabsichtigt”, murmelte sie ein wenig abschätzig um dann überrascht zur Katze auf der Fensterbank hinunter zu sehen. Aber die lag nur mit eingezogenen Pfoten
und wohlig geschlossenen Augen da und hatte ganz sicher kein Wort gesagt. So wie sie es immer tat, wenn sie kein Wort sagte und die Frau doch meinte einen Gedanken vernommen zu haben.
“Was ich selbst eigentlich beabsichtige? Nun, ich baue etwas auf um anderen, die sich selbst nur schwer helfen können, eine Chance zu bieten.”
Sie stockte und sah wieder auf Tip, die jetzt gelangweilt gähnte und ihre milchig weiß schimmernden, rasiermesserscharfen Zähne sehen ließ. Offensichtlich war sie von dieser Antwort ebenso
angeödet wie Fogham selbst. Also erhob sie sich, streckte sich noch einmal genüßlich durch und sprang mit einem Satz zu Boden um in Richtung Küche zu schreiten.
Pat Fogham hasste es, so stehen gelassen zu werden. Auch wenn sie eingestehen musste, dass kein Psychotherapeut sie hätte besser dazu bringen können ihre Antwort noch einmal zu überdenken.
“Aber was willst du denn hören?”, rief sie der Katze nach und kam sich dabei keineswegs lächerlich vor. “Meine Idee greift! Und jetzt wo auch das zweite Gebäude fertig ist und wir das Okay vom
Ministerium haben, jetzt können wir Personen beschäftigen, die um Asyl angesucht haben. Wir bekommen ein erstklassiges Übersetzungsbüro, die Asylanten müssen nicht mehr tatenlos herum sitzen und
der Staat bekommt von dem Geld, dass sie verdienen, auch was ab. Also ist jeder zufrieden. Und sogar die Reparaturwerkstätte können wir in Angriff nehmen. Ist dir klar, dass wir in einem Jahr
mehr Leute von der Straße holen als der Staat!”
Tip war unter der Tür stehen geblieben, hatte sich umgewandt und sah der Frau entgegen, die sich als schlanker, geschmeidiger Schatten vor dem Fenster abzeichnete. Deren Augen blitzten und
funkelten, deren Körper fein, biegsam und zerbrechlich aber doch hart und vibrierend, ja tödlich wirkte. Wie ein zarter, feiner Dolch, eine scharfe Klinge aus hauchfeinem Stahl, fast
durchsichtig, biegsam und federnd. Und darum um so gefährlicher.
Ein Kräuseln lief über das Fell der Katze, als wäre da ein unsichtbarer Wind, der über sie hinweg strich. Für einen kurzen Augenblick. Dann streckte sie sich, gähnte noch einmal herzhaft und
fixierte die Frau abwartend, ja herausfordernd.
Pat Fogham sah dieses zierliche Tierchen an, deren ganzes Wesen nur eines ausdrückte - ein Fragezeichen, eine Herausforderung. Sie stand abwartend da vor der Türschwelle, so als wollte sie
tatsächlich sagen: ‚Tolle Rede. Wirklich, sehr imposant. Aber leider noch immer keine Antwort auf meine Frage.‘
Da kam der Frau eine andere Idee. Sie ging an der Katze vorbei in die Küche um zu entdecken, dass da tatsächlich kein Futter mehr in der Schüssel war. Also schüttete sie etwas von dem
Trockenfutter aus der Packung nach. Tip ließ sich herab nun doch die Küche zu betreten als sie das vertraute Geräusch vernahm und beschnüffelte ausgiebig die neue Ration. Endlich nahm sie ein
Bröckchen in die Schnauze und zerknackte es genüsslich. Aber sie ließ die Frau dabei nicht aus den Augen.
“So einfach bist du also nicht abzulenken”, bestätigte Fogham sich ihre Ahnung selbst, setzte sich mit einem Schwung auf die Arbeitsplatte und ließ die langen, schlanken Beine in den engen Jeans
baumeln. Mit zusammengepressten Lippen nickte sie und sah durch die Katze hindurch, in ihre Zukunft.
“Was ich will”, begann sie fast flüsternd, “ist, dass die Menschen neuen Mut fassen und sich bessere Qualifikationen holen. Um dann wieder in die Welt hinaus zu gehen. Aber nicht mehr allein. Sie
sollen dann Teil einer Gemeinschaft sein in der jeder für den anderen da ist. In der man sich gegenseitig hilft und fördert. Sie sollen Teil eines Netzwerkes sein. Eines Netzwerkes aus Menschen,
die früher einmal unterdrückt, geknechtet, verspottet und ausgebeutet waren. Menschen, die das nicht vergessen haben. Nicht vergessen, wie das ist. Und nicht vergessen, wem sie das zu verdanken
hatten! Ich will, dass die Mächtigen dieser Welt ihre Sicherheit verlieren, für alles und jedes einen Freibrief zu haben. Sie sollen zittern. Sie sollen die Verantwortung fühlen, die sie
tragen.”
Schwitzend stapfte der füllige Mann auf dem schmalen Pfad eine Himbeerhecke entlang. Dabei war er eigentlich ganz zufrieden mit sich. Noch vor einem halben Jahr hätte er wohl alle paar Meter Halt
machen müssen um schnaubend wieder nach Atem zu ringen. Aber er hatte seither einige Kilos verloren, auch wenn es ihm keiner ansah. Noch immer wirkte er imposant, ja furchteinflössend, dieser
Riese mit der grauen Igelfrisur. Aber seit Meixner über den Berg war, lebte auch er wieder auf. Obwohl er sich wohl niemals eingestehen würde, dass er sich wegen der Sache in der Lagerhalle
insgeheim noch immer Vorwürfe machte. Auch wenn das Ganze jetzt fast ein Jahr zurück lag. Dabei hatte er in seiner Position schon ganz andere Entscheidung getroffen, wissentlich. Aber etwas sagte
ihm, dass diese Sache noch nicht ausgestanden war. Zwar hatte ihn Meixner, seit dem einen Gespräch im Krankenhaus, nie wieder auf das Lagerhaus oder den Amerikaner angesprochen. Doch der Oberst
wusste nur zu gut, dass es ihn noch immer beschäftigte. Ein Mann wie Karl Meixner vergaß nicht, und schon gar nicht so schnell. Am Ende seiner Überlegungen war der beleibte Oberst dann froh,
endlich die Spitze des Hügels erreicht zu haben und neben dem großen, hageren Mann stehen bleiben zu können. Der schien das schnaubende, schwitzende Etwas neben sich nicht zu bemerken. Stand wie
verwachsen an den Baum gelehnt und leiser Wind spielte in den Blättern wie in seinen langen, braunen Haaren. Wie meist trug er eine dunkle Hose und ein weites, naturfarbenes Leinenhemd. Und er
war barfuß.
“Ein bisschen Training könnte Ihnen auch nicht schaden Oberst”, meinte Pensant ohne dass es auch nur im entferntesten schadenfroh klang. Trotzdem zog der massige Mann es vor die Bemerkung zu
überhören.
“Und”, frage er stattdessen, “was macht unser Sorgenkind?”
Pensant deutete nur mit dem Kinn nach unten auf die andere Seite des Hügels. Aber der Oberst sah erst einmal vor lauter Birken nichts anderes. Erst bei genauerem Hinsehen entdeckte er einen
Schatten, der durch das Gehölz glitt. Er wollte wieder etwas fragen, aber Pensant ließ ihn mit einer Handbewegung schweigen und zeigte stattdessen in die Baumwipfel. Eine Geste, die der Oberst
nicht verstand. Er konnte in dem dichten Grün der Blätter nichts entdecken und den Schatten zwischen den Bäumen hatte er wieder aus den Augen verloren. Ungeduldig runzelte er die Stirn.
Da prasselte etwas aus dem Blätterdach nach unten und prallte auf den Schatten. Undeutlich konnten man auf dem Hügel die blitzschnellen Bewegungen der beiden Männer zwischen den schlanken Stämmen
aufflackern sehen. Schläge, Tritte, Sprünge, halb verdeckt vom Halbschatten zwischen den Bäumen. Das Aufblitzen einer Klinge. Wie ein Kampf aus einer Schattenwelt wirkte, was sie sahen. Und dem
Oberst klappte der Mund auf, ohne dass er es bemerkte.
Nach einer ganzen Weile des heißen Kampfes löste sich Pensant plötzlich von seinem Baum und schritt gemächlich den Hügel hinunter. Jetzt war der Oberst hin und her gerissen. Das klirrende
Spektakel, dass sich zwischen den Bäumen bot war faszinierend, aber Pensants Art barfuß durch das Gras zu schreiten war nicht minder eindrucksvoll. Beinahe schien es so, als würde das lange Gras
sich schon verneigen, bevor noch sein Fuß es berührt hatte. Und hinter ihm richtete es sich wieder auf, als hätte es niemals eines Menschen Fuß zu Boden gedrückt. Pensant über den Hang gehen zu
sehen wirkte so selbstverständlich, wie wenn Blumen blühen oder Birken sich im Wind wiegten. Er schien verwachsen, Teil des Ganzen zu sein, wie er durch die ersten Stämme schritt. Wie er ohne
auch nur einen Wimpernschlag zu zögern zwischen die beiden schwitzenden Menschen trat und sie trennte, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt.
Schwer atmend verneigten sich die beiden Männer voreinander.
“Danke Meister”, meinte Meixner und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Nase als er sich verneigte. Erstmals aber verneigte sich der kleine Mann nicht wortlos zurück. Diesmal
schüttelte er energisch den Kopf.
“Nicht mehr Meister!”, meinte er dabei nachdrücklich. “Ich kann dir nichts mehr beibringen. Meine Zeit zu Ende.”
Karl Meixner sah man die Überraschung an. Doch noch bevor er etwas entgegnen konnte erinnerte Pensant sie daran, dass sie erwartet wurden. Darauf hin wandte der hagere Mann sich wortlos wieder ab
und ging den sanften Hügel wieder hinauf. Die beiden so unterschiedlichen Männer sahen ihm einen Augenblick lang verwundert nach und konnten nicht begreifen, wie jemand so gemächlich gehen und
sich dabei trotzdem so schnell entfernen konnte. Kaum einen Atemzug schien es her, dass er gesprochen hatte und jetzt stand er schon bei dem Oberst auf dem Hügel, nahm ihn an der Schulter und
entfernte sich mit ihm.
“Meine Sprünge sind zu langsam, meine Blöcke zu starr und ich habe auch sonst noch eine ganze Menge zu lernen”, meinte Meixner endlich.
Wieder schüttelte der kleine Mann den Kopf, dass die langen grauen Haare nur so flogen.
“Ich habe nicht behauptet, dass es für dich nichts mehr zu lernen gäbe! Ganz im Gegenteil! Ganz im Gegenteil!”
Der Alte lachte lauthals und wandte sich zum Gehen. Gemächlich stiegen auch sie den Hügel hinauf. Kaum hatten sie den Schatten des Birkenwäldchens verlassen und waren eingetaucht in die pralle
Hitze des Sommers als Meixner sich das T-Shirt über den Kopf zog und begann, sich damit abzufrottieren. Der Alte, der neben ihm durchs Gras stapfte und eine eigene Spur zog, warf einen Blick
hinüber auf den breiten Brustkorb, der sich für ihn in Augenhöhe befand.
“Du hast etwas Farbe bekommen”, bemerkte er lakonisch.
In Wahrheit hatte Meixners Haut wieder jene dunkle Bronzefärbung, die man in seiner Familie der Blonden und Blauäugigen immer argwöhnisch betrachtet hatte. Unter dieser glänzenden Haut spielten
feste, straffe Muskeln und kein Gramm Fett befand sich auf diesem durchtrainierten Körper. Da war auch kein Humpeln mehr. Nichts mehr deutete darauf hin, dass noch vor einem knappen Jahr kaum
jemand darauf gewettet hätte, dass dieser Mann überleben würde.
“Wie soll ich meinen Kampfstil verbessern, wenn ich niemanden mehr habe, der mich anleitet?”, begann Meixner von neuem.
Böse funkelte ihn der alte, drahtige Chinese an.
“Hast du so wenig von dem verstanden, was ich dir beizubringen versuchte? Dann bin ich ein schlechter Lehrer!”
Der große Mann blieb stehen, setzte sich oben am Hügel ins Gras und sah nachdenklich auf das dunkle Birkenwäldchen hinunter.
“Kung Fu ist die Meditation der Bewegung. Es dient dazu Körper und Geist zu einen, zu beruhigen und einem gemeinsamen Ziel zuzuführen. Dieses Ziel ist, nicht kämpfen zu müssen. Aber mein Leben
ist der Kampf Meister Lon. Warum hast du mich Kung Fu gelehrt, wenn ich nicht kämpfen soll? – Ich weiß!” wehrte er schnell ab, als der Chinese wütend schnauben wollte. “Der beste Kampf ist ein
vermiedener Kampf. Und es ist sicher alles sehr weise, was du mir beigebracht hast. Aber was ist, wenn ich angegriffen werde oder wenn es einfach notwendig ist, dass ich angreife? Ich weiß schon
lange, dass du ein buddhistischer Mönch bist. Wahrscheinlich sogar einer der Shaolin Priester, die vor dem Regime geflohen sind. Und die Frage die ich jetzt stelle ist doch sicherlich schon oft
gestellt worden. Was sagst du, was würde der Buddha dazu sagen, dass seine Mönche den Kampf und das Töten lehren Meister Lon?”
Der kleine, grauhaarige Mann setzte sich neben Meixner ins Gras und sah ebenfalls nach unten. Aber in Wahrheit sah er in die weite Ferne seiner Vergangenheit. Sah Bilder, die er lieber niemals
gesehen hätte. Überdachte Gedanken, die er lieber niemals gedacht hätte. Und er wirkte dabei klein und zerbrechlich. Schien immer weiter in sich zusammen zu sinken und sich immer mehr in seinen
Erinnerungen zu verlieren. Und es waren schmerzliche Erinnerungen, soviel konnte Meixner erkennen. Nach einer ganzen Weile drehte sich der große Mann herum. Setzte sich so, dass er dem Meister
zugewandt war und doch in buddhistischer Sitte seitlich des kleinen Mannes saß. Durch diese Bewegung riss er den kleinen Alten aus seinen Überlegungen und brachte ihn wieder in die Gegenwart
zurück. Zuerst einmal sah er den großen, dunklen Mann neben sich nachdenklich an. Dann atmete er tief durch und straffte seine Schultern.
“Es gibt Menschen”, begann er, “die behaupten, ich sein kein Shaolin mehr. Weil ich auch den Wu-Dan lehre. Und andere Gründe führen sie an. Aber ich sage, ich bin es noch immer! Und deine Frage
wurde schon oft von Schülern gestellt. Fast eben so oft haben Meister darüber nachgedacht und meditiert. Und es gibt viele, sehr viele, viel zu viele verschiedene Antworten darauf. Sieh dir die
Shaolin heute an – für sie ist der Kampf ein Spektakel mit dem sie die Menschen belustigen und Geld verdienen. Zwar behaupten sie, dass sie so den Menschen ihren Orden näher bringen, und sie
erzählen manchmal bei ihren Vorstellungen, warum und wie das alles entstanden ist. Aber niemals erzählen sie, wie das Leben eines kämpfenden Shaolin gelebt werden sollte. Früher einmal, da waren
die Priester der Shaolin gefürchtete Krieger und Soldaten. Sie setzten ihr Wissen und Können für einen Kaiser ein. Oder für eine Idee. Viele der alten Geschichten ranken sich um mörderische und
kampfesgierige Bestien in gelben Roben. Andere Geschichten erzählen von Männern, die lieber starben als andere zu verletzen, weil sie fest daran glaubten, was der Buddha Gautama gelehrt hatte –
nämlich, dass alles um uns nur eine bedingte Illusion ist. Dass es darum keinen Sinn macht zu kämpfen, weder für sich noch für andere. Weil jede Verletzung eines anderen Lebewesens nur weiter
Böses nach sich zieht. Und darum darf ich nicht länger Dein Lehrer sein.”
Er schwieg und senkte den Kopf, dass seine langen grauen Haare das Gesicht verdeckten. Auch Meixner schwieg für einen Augenblick nachdenklich und fuhr sich durch seine kurz geschnittenen,
schwarzen Haare.
Dann fragte er: “Du hast dich geweigert zu kämpfen und musstest deshalb das Kloster verlassen. Habe ich recht?”
Ein Lächeln furchte das alte Gesicht, aber es war ein trauriges Lächeln.
“Danke, dass du so gütig bist eine so hohe Meinung von mir zu haben, aber du irrst dich”, antwortete er leise. “Und du hast recht. Der junge Lon Chi war ein begnadeter Kämpfer. Der Beste seines
Ordens behaupte ich. Viele Jungen werden von ihren Eltern nach Shaolin geschickt. Die meisten landen in den staatlichen Kampfschulen und werden dort zu Trainern oder Sportlern ausgebildet. Und
sie dürfen dafür zahlen. Ganz wenige werden ins Kloster aufgenommen. Meine Eltern hätten die Kampfschulen nicht bezahlen können, also musste ich der Beste sein um die Aufnahme im Kloster zu
erreichen. Und ich stellte mein Können und meine Perfektion gerne und oft unter Beweis. Auch später. Bis eines Tages – aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls glaubte ich zu erkennen,
dass die Worte des Buddha Gautama richtiger seien als die Worte meines Meisters und es keinen Sinn mache zu kämpfen. Nun, so kam zu Stolz und Eitelkeit auch noch der Hochmut, und das sind
schlechte Ratgeber. Ich schied aus dem Kloster und aus dem Orden aus. Aber in meinem Herzen habe ich niemals aufgehört ein Shaolin zu sein.”
Wieder schwieg er und atmete tief durch. Doch bevor Meixner etwas sagen konnte setzte er wieder an. Mit fester Stimme die keinen Widerspruch zu dulden schien, meinte er: “Die Antwort auf Deine
Frage? Ich kenne sie nicht. Vielleicht ist diese Erkenntnis und die Entscheidung damit zu leben ja schon so etwas wie eine Antwort. Aber viel eher glaube ich, dass du in der Lage bist mir diese
Antwort zu geben. Denn ich bin nur ein buddhistischer Mönch, du aber, du bist – etwas anderes.”
Meixners Mund klappte auf, aber eine Handbewegung hieß ihn schweigen.
“Als ich diesen Pensant zum ersten Mal traf, als ich ihn fürchten und lange bevor ich dich kennen lernte, da meinte er, es wäre meine Aufgabe ‚das große Schwert schärfen‘. Ich habe ihn nicht
verstanden, lange Zeit – bis ich dich kämpfen sah. Du bist etwas anderes! Deine geistige Kraft ist enorm und dein Körper tadellos. Doch du trägst auch eine Wunschlosigkeit in dir um die dich
jeder Erleuchtete beneiden könnte. Du schöpfst aus Wissen und Kraft, die um vieles, sehr vieles älter sind als alles, was sich der Mensch vorstellen kann. Manchmal fühle ich, dass du sehr, sehr
weit weg bist. Dann bist du mächtig und unangreifbar. Entzogen allen Fährnissen diese Welt. Wie sollte ich dir noch etwas beibringen können! Ein Mann wie du in einem buddhistischen Kloster würde
als lebender Buddha verehrt werden – und trotzdem ist dein Leben der Kampf. Trotzdem tötest du und wirst auch weiter töten. Aber es hinterlässt keine Spuren in deinem Karma. Ich verstehe es
nicht. Ich verstehe es nicht, aber ich weiß, dass ich dich nicht mehr unterrichten kann. Jetzt musst du deinen eigenen Weg finden. Deinen eigenen Kampfstil, dein eigenes Leben, deinen eigenen Weg
und deine eigene Bestimmung. Niemand kann dir dabei helfen. Du bist anders, darum bist du allein. Ich bin sicher, es hat einen Sinn, aber ich vermag ihn nicht zu erkennen. Ich werde ihn niemals
erkennen, wie so vieles mir verschlossen bleiben wird, denn ich bin nur ein Mensch mit den begrenzten Fähigkeiten und den begrenzten Erkenntnissen eines Menschen, der noch einen weiten,
beschwerlichen Weg vor sich hat. Aber etwas tief in mir sagt mir, dass es für mich gutes Karma war, dir begegnen zu dürfen – auch wenn ich es beim besten Willen nicht verstehen kann. Aber ich
sehe, dass eine schwere Last auf deinen Schultern liegt. Denn du bist alleine. Du warst es immer und du wirst es immer sein.”
Schwerfällig erhob er sich und sah auf den dunklen Mann hinunter, der ihm entgeistert entgegen starrte.
“Komm Großes Schwert”, meinte er endlich. “Steh auf, wir müssen zu den anderen.”
Langsam erhob sich jetzt auch Meixner und trottete verwirrt neben dem schmächtigen Chinesen her.
“Vielleicht”, kam es endlich nachdenklich und leise über seine Lippen, “vielleicht bin ich ja doch nicht so ganz allein. Vielleicht ...”
Der alte Chinese blieb schlagartig stehen und schien zu wachsen.
“Einen letzten Rat als Lehrer gebe ich dir noch mit”, meinte er und hob beschwörend die Hand. “Hüte dich vor Pensant! Er hat eine Macht über Menschen, die kein Mensch haben sollte.”
Das kleine Haus auf dem Hügel war maßlos überfüllt. Der Oberst war gekommen und blockierte alle Wege. Doktor Long hatte seine Gattin mitgebracht. Pat Fogham war mit Martin und Ingo erschienen,
die beide dem Oberst in Sachen Behinderung nacheiferten und mit Maria, die zur Feier des Tages ständig die ihr ungewohnten Zähne im Mund hin und her schob und sofort in der Küche verschwunden war
um Mutter Wenzel zu helfen. Dazwischen unterhielt sich der Pflegedienstleiter Dieter Panzer mit einem eleganten, grauhaarigen Italiener den Pensant mitgebracht hatte und versuchte, Britha Iversen
zu beruhigen, die als Gastgeberin aufgelöst hin und her raste. Auf der Wiese vor dem Haus hatte man aus schweren Holztischen eine lange Tafel errichtet und mit weißen Leinen gedeckt, das jetzt in
der Sonne blendete. Daneben stand Pensant und ein zweiter, unscheinbar wirkender Mann und beobachteten schweigend das Treiben.
Eines Tages war Pensant unter ihrer Tür gestanden und hatte gesagt, man werde ein Fest feiern. Er hatte es nicht angeordnet. So wie immer hatte er nur davon gesprochen und es hatte keinen
Widerspruch gegeben. Obwohl Britha inzwischen ganz sicher war, dass sie sich niemals darauf eingelassen hätte, wenn sie gewusst hätte, was da auf sie zukommen sollte. Dabei war es eigentlich
Pensant, der sich um alles kümmerte, der alles bestimmte. Die Tische und auch die etwas absonderliche Sitzordnung waren aus seinem Wunsch entstanden, so wie das große Feuer, dass man etwas
entfernt vorbereitet hatte. Pensant hatte mit Mutter Wenzel die Speisen abgesprochen und mit Martin die Getränke eingekauft. Pensant hatte auch die Dekoration bestimmt. Rings herum standen Garben
aus goldenem Korn und Sonnenblumen. Einzeln oder zu Buschen, wie man hier zur den großen Bündeln sagte. Eben brachte Britha die goldgelben und orangen Tücher, die über das weiße Leinen gedeckt
werden sollten. Ihr Gesicht schien nicht nur von der Hitze gerötet und ihre Augen hasteten unruhig hin und her, stetig auf der Suche nach neuen Katastrophen. Der Mann neben Pensant trat auf sie
zu, fasste unter die Tücher und hielt ihre nackten Arme, die aus dem leichten Sommerkleidchen bleich hervor kamen für einen Augenblick fest.
“Lassen Sie mich Ihnen das abnehmen”, sagte er ruhig und sie wusste nicht, ob es seine Stimme, seine Berührung oder seine haselnussbraunen Augen waren, die sie für einen langen Augenblick alles
um sich herum vergessen und in wohlige Geborgenheit eintauchen ließen. Endlich löste er den Griff, nahm die Tücher und begann sie auf der Tafel zu verteilen. Noch einen Moment lang stand sie da
und sah träumerisch vor sich hin. Tausend Erledigungen waren noch zu bedenken. Tausend Dinge konnten noch schief gehen und sie fragte sich selbst, wie sie nur plötzlich so ruhig und gelassen sein
konnte. Der Mann mit den braunen Augen, sie hätte beim besten Willen bereits nach einer Minute nicht mehr sagen können, wie er ausgesehen hatte. Seine Augen, ja. Aber sein Gesicht?
Noch mehr Leute kamen. Aus der Nachbarschaft, aus dem Rehabilitationszentrum. Wenige hatte man zu diesem Fest eingeladen, aber jeder brachte noch jemanden mit und niemanden schien es zu stören.
Drei Männer stellten sich als Musiker vor und als Landsleute von Mutter Wenzel heraus, die über diese Begegnung höchst erfreut war. Auch wenn sie die Musikinstrumente eher misstrauisch beäugte.
Zwar waren ihr Gitarre, Geige und Klarinette durchaus bekannt, aber dass dann auch noch eine kleine Harfe zum Vorschein kam und ein böhmischer Dudelsack mit Ziegenkopf verwunderte sie. Aber sie
hatte keine Zeit sich zu wundern. Den ankommenden Gästen wurden zur Begrüßung frisches Gebäck in der Form kleiner Sonnen gereicht, dazu reife Beeren aller Art und bernsteinfarbener Wein. Und auch
die Gäste, vor allem die aus der Nachbarschaft, ließen es an mundenden Gastgeschenken nicht mangeln, so dass die umstehenden Tische bald voll beladen waren.
Irgendwann zwischendurch tauchten Meixner und Lon Chi auf und wurden, verschwitzt wie sie waren, umringt und aufgefordert Proben ihrer Kunst zu geben. Sehr zu Brithas Ärger ließen sich die Beiden
auch schnell überreden und bald übertönten anerkennende Rufe für die übermütige Vorführung eines der beiden das allgemeine Gelächter. Nur als man sie aufforderte doch nach all den Kunststücken
auch einen Kampf zu zeigen war es Meixner, der entschieden ablehnte und sich auch nicht erweichen ließ. Als er sich kurz darauf in das Haus zurück zog um zu duschen und sich umzuziehen,
folgte ihm Britha auf dem Fuß und mit nicht sehr freundlichem Gesichtsausdruck. Aber außer den zwei Männern, die sich am Rande des Geschehens hielten, hatte das niemand bemerkt.
“Weiß sie schon, dass er sie verlassen wird?”, fragte der unscheinbare Mann und wanderte mit seinen haselnussbraunen Augen vom Haus zu Pensant.
“Nicht einmal er weiß, dass er sie verlassen wird”, antwortete der große, hagere Mann und ließ dabei das Haus nicht aus den Augen. Als könne er sehen, was sich in seinem Inneren abspielte. “Nicht
einmal er weiß es”, wiederholte er leise. “Aber er wird gehen. Sie haben sich schon zu weit voneinander entfernt. Er ist nicht mehr der hilfsbedürftige Patient für den sie sorgen kann. Und wenn
es einen gibt, der für sich selbst sorgen kann, dann ist er das.”
Verwundert sah der Mann in den hellblauen Hosen und dem weißen Hemd nach Pensant. Irgend etwas in seiner Stimme war anders gewesen. Beinahe ein wenig Traurigkeit war mitgeschwungen und jetzt
stand er düster da und starrte das Haus mit gerunzelter Stirn an. Nick Grasel legte seine Hand auf Pensants Schulter und holte ihn aus seinen Gedanken zurück in die Wirklichkeit.
Welche Wirklichkeit?
Sie sahen sich an und das was Wirklichkeit war schien ein wenig zu verblassen, als hätte jemand einen Schleier darüber gelegt. Es waren keine Worte notwendig. Sie waren beide Teil eines großen
Ganzen. Etwas, dass sie nicht verstanden, dass sie jedoch verband und zutiefst erfüllte. Und Grasel verstand, dass Pensant müde war und sich nach einem Ort ohne Probleme und ohne Menschen sehnte.
So, wie er es selbst oft genug tat. Nach einem Ort wie diesem, fern von der Welt, fern von den Menschen, wo man sich auf die wichtigen Dinge besinnen konnte.
Leise war Karl Meixner zu ihnen getreten. Er trug jetzt eine schwarze Lederhose und ein weites, dunkelrotes Hemd das seinen südländischen Typ noch unterstrich. Schweigend begrüsste er Pensant mit
einem Blick und sah dann zu dem Mann hin, der, so unscheinbar er auch wirkte, kaum einen halben Kopf kleiner war als er selbst.
“Ich dachte, es wäre an der Zeit, dass du Nikolaus Grasel kennen lernst”, stellte ihn Pensant vor und die beiden Männer reichten sich die Hände. Schweigend hielten sie ihre Hände fest und
erkannten im gleichen Augenblick zweierlei. Da war die Erkenntnis, dass auch sie verbunden waren in dieser großen Kraft und dass sie einander näher und bekannter waren, als Worte es jemals hätten
ausdrücken können. Und sie erkannten, dass sie sich tatsächlich schon einmal begegnet waren. Beide erkannten das Gesicht des anderen wieder. Das Gesicht, dass sie durch die Windschutzscheibe
gesehen hatten. Meixner, als er seinen Wagen vor dem Lagerhaus geparkt hatte und Grasel, als er in seinen Wagen gestiegen und abgefahren war. Abgefahren in ein neues Land und in ein neues Leben,
was er damals aber noch nicht einmal geahnt hatte.
Pat Fogham stand am anderen Ende der Wiese und unterhielt sich eben mit Doktor Long und dessen Gattin als ihre Aufmerksamkeit unwiderstehlich durch den Garten ans andere Ende zu den drei Männern
wanderte. In dem luftig leichten aber langem grünen Kleid wirkte sie zierlich, biegsam und weich, aber auf unbestimmte Art auch unfassbar und flüchtig. Nun jedoch strafften sich ihre Schultern.
Sie sah zu den drei Männern hin und sah sie doch nicht. Sie sah über die gemähte Wiese, doch diese wich, so schien es, vor ihr zurück. Wie durch einen Schleier hindurch nahm sie die Menschen war.
Verflogen ihre Stimmen in ferne Weiten. Nur die drei Männer schienen real unter all den verschwommenen Trugbildern, quer über die Fläche.
Quer über die Fläche?
Ihr Körper befand sich am anderen Ende, doch sie fühlte sich ihnen so nah, als stände sie mitten unter ihnen. Ja, näher noch sogar. Sie glaubten die Welt unter ihren Füßen schrumpfen zu fühlen
und jeder der vier meinte für den Bruchteil eines Augenblickes zu fühlen, dass sie nur unbedeutender Teil waren. Unbedeutend und doch jeder für sich einzigartig, unwiederbringlich und
anders.
Langsam und schüchtern kehrten die Geräusche zurück. Brandeten wieder über die vier hinweg und erfüllten die Wiese vor dem Haus. Und keinem der Menschen fiel auf, dass sich auf vier Gesichter ein
ruhiges Lächeln legte, in dem ein ganz klein wenig Verwunderung schwang. Jeder der vier kannte diese Momente auch wenn keiner erklären konnte, was sie zu bedeuten hatten. Doch noch niemals hatten
sie es mit derartiger Intensität gefühlt, noch niemals hatten sie diese Vollkommenheit erlebt.
Doktor Long brach unvermittelt seine Schilderung der Zustände in seiner Münchner Klinik ab und starrte mit offenem Mund auf den Hügel. Allmählich folgten die meisten der Anwesenden seinem Blick
und sahen dem kleinen Mann entgegen, der ihnen geruhsam entgegen kam. In der orangen Robe eines Mönches, die er schon viel zu lange nicht mehr getragen hatte.
Fast wie auf Kommando erschien nun auch Mutter Wenzel und ihre Küchenbrigade. Auf großen Holzplatten wurden Braten, Hühnchen, und ein Truthahn gebracht. In großen Holzschüsseln dampfende Erdäpfel
und Maiskolben, Kohlsprossen und Polenta mit Erbsen. In ihrer ausgelassenen Stimmung machten sich die Menschen über die Speisen her, die auf der langen Tafel herum gereicht wurden. Karl Meixner
saß am Kopfende der Tafel, rechts von sich Britha und links der italienische Conte mit dem er bisher kaum ein Wort hatte wechseln können. Und obwohl er nun fast ein Jahr darauf wartete um endlich
diesen Mann kennen lernen zu können und zu erfahren, was er den wußte war ihm nichts davon anzumerken Auch nicht für Fogham, Pensant und Grasel, die am anderen Ende saßen.
Nachdem die erste Gier der Menschen gestillt war, erhob Pensant sich langsam. Niemand verlor ein Wort darüber, aber jeder bemerkte es und alle Augen wanderten zu ihm hin. Für einen Augenblick
wurde es still und mit einem Mal vernahmen die Menschen rund um den Tisch deutlich die leisen und beruhigenden Töne einer Harfe. Die Musik des Mannes unter dem großen Baum, die sie schon die
ganze Zeit über begleitet hatte. Auch Pensants Stimme schien sich dieser Musik anzupassen. Es klang fast so, als würde er ein Lied aus alten Zeiten vortragen, als er sagte: “Wir haben zwei Gründe
heute ein Fest zu feiern. Und es sind zwei gute Gründe. Zum einen feiern wir natürlich, dass unser Freund Karl Meixner noch unter uns weilt.”
Er hob seinen Becher und alles stimmte in freudiges Gejohle ein.
“Zum anderen, und das hat mehr mit dir zu tun als du meinst Karl, feiern wir heute das Lughnasad – das Erntedankfest des Alten Volkes. Nun, kaum einer von uns hier ist noch Landwirt, aber bedenkt
meine lieben Freunde, Ernte ist nicht nur, was auf einem Anhänger Platz hat – Ernte, dass ist auch das, was ein jeder von euch getan und geleistet habt. Das ist, was ihr erreicht habt. Das sind
die Früchte, die ihr aus den Taten geerntet habt, die ihr – gewollt oder unbewusst - gesät habt. Ernte heisst zu erkennen, wo man jetzt steht und was wahr geworden ist von den Wünschen und
Träumen der Jugend und des letzten Jahres. Und es heisst, dass zu genießen, was man erreicht hat. Jetzt – oder nie.”
Wieder hob er seinen Becher aber diesmal folgten sie seinem Beispiel ein wenig langsamer, ein wenig nachdenklicher und schlussendlich doch lauter als zuvor.
Sie aßen und sie tranken und immer wieder wurden Geschichten erzählt. Von denen sich die meisten um Meixner rankten. Auch hierbei machte sich Pensants stiller Einfluss bemerkbar. Wer etwas zu
erzählen hatte, den forderte er auf stehend seine Geschichte vorzutragen. Und die meisten der Nebengespräche an der Tafel verstummten. Als es dann dämmrig wurde griffen die Menschen schon öfter
nach den Tonbechern als nach den Speisen, ein neues Fass Bier musste angeschlagen werden. Während einige noch aßen spazierten andere bereits gemächlich durch den Garten.
Am Beginn ihres Spazierganges hatte Karl Meixner eine einfache Frage gestellt: “Warum?”
Danach hörte er dem Conte aufmerksam und geduldig zu.
"Seit sich die Menschen bewusst zu sozialen Systemen zusammengeschlossen haben gibt es Herren und Diener”, hatte der graumelierte, vornehme Italiener langsam begonnen und seine vorsichtigen und
weitschweifigen Formulierungen kamen nicht nur von der Benutzung einer ungewohnten Sprache. “Zuerst, in der Gesellschaft der Jäger und Sammler, war das keine große Sache. Man fütterte die Alten
und Kleinen durch, wenn es genug zu essen gab und wenn nicht, dann verhungerten sie eben schön langsam. Erst als die Menschen seßhaft wurden und damit begannen Ackerbau zu betreiben,
kristallisierte sich das System der Leibeigenschaft langsam heraus. Es gab Herren und Leibeigene und dazwischen standen nur ganz, ganz wenige die immerhin die Wahl hatten zu verhungern oder ihre
Dienste einem Landesfürsten anzubieten. Aber die Welt war groß und wer stark genug war, der konnte sich allein durchschlagen. Im Mittelalter war dann dieses System vollends ausgeprägt und in der
Sklaverei ging man sogar noch einen Schritt weiter. Grundprinzip war aber immer, dass sich einige Wenige von der Arbeit der Vielen ernährten – und zwar gut ernährten!"
"Und dann kam es zum Sezessionskrieg und Sklaverei und Leibeigenschaft wurden allmählich abgeschafft. Wenn man einmal von gewissen Gegenden der Erde absehen will, wo Menschen noch immer mit
Gewalt zur Arbeit getrieben werden.”
"Sie sind also der Meinung, mit der Neuzeit wurde die Leibeigenschaft in Europa allmählich abgeschafft?"
Die Stimme des Conte klang unterdrückt belustigt und Meixner ließ sich Zeit mit der Antwort. Diese Frage berührte einen Punkt, dem sich Meixner nicht all zu gerne näherte. Es gab da zu vieles,
dass bedacht und berücksichtigt werden musste, wenn man seine Meinung kund tat.
"Wenn man es sehr streng sieht”, gestand er ein, "dann wurde die Form der physischen Leibeigenschaft eigentlich nur durch eine feiner Form ersetzt. Aber eigentlich ist alles beim Alten geblieben
- die vielen kleinen Hände arbeiten in einem System um jene zu ernähren - und gut zu ernähren - die sie lenken und kontrollieren. Man könnte dann sofort an Politiker denken - und natürlich
gehören auch sie zu den Nutznießern. Doch sie sind nur eine der Stufen, hin zur eigentlichen Macht. Hin zu jenen Personen, die Nationalstaaten gegeneinander ausspielen und Kontinente unter sich
aufteilen.”
"Ein metaphysisch veranlagter Mensch könnte vielleicht sogar auf den Gedanken kommen, es wäre alles nur eine kleine, eingeschworene Gruppe die seit den grauen Tagen der Vorzeit immer wieder in
die Geschicke der Menschheit eingreift und sie nach ihrem Willen leitet.”
"Die Freimaurer", lachte Meixner ironisch. "die Templer, die Rosenkreuzler, Opus Dei? Vielleicht auch die australischen Ureinwohner in ihrer Traumzeit oder die Indios in den Anden mit ihrem
sagenhaft guten Draht zu Welt und Leben. Oder gar mal wieder die Juden?"
"Naturvölker und Juden scheiden aus. Denn die ersteren denken zu global und die zweiteren zu engstirnig um nachhaltige Entwicklungen in Gang zu setzen”, meinte der Conte und die Stimme mit dem
leichten Akzent klang keineswegs ironisch. “Die Männer und Frauen von denen ich spreche stehen mit beiden Beinen fest verwurzelt im internationalen Leben. Geschäftlich wie politisch. Und sie
gehören zu vielen Rassen und Religionen an, als dass man von einer Ausrichtung sprechen könnte. Auch wenn viele, viel zu viele, ihr eigenes Süppchen kochen.”
Meixner runzelte überrascht die Stirn.
"Und gibt es nicht einen, der ganz oben steht. Sozusagen auf der Spitze der Pyramide? Wobei, bei Pyramide fällt mir ein, dass ich die Illuminati vergessen habe.”
“Ach ja, die gibt es ja auch noch”, grinste der Conte für einen Augenblick, dann überlegte er als hätte er sich diese Frage nicht schon selbst oft gestellt.
"Nein, ich glaube, es gibt niemanden, der ganz oben steht.”
"Sie glauben?!"
"Ich glaube. Denn ich glaube, diese Welt ist noch nicht reif dafür.”
"Reif wofür?"
"Reif für den nächsten Schritt. Für den Schritt weg von der diffizilen Leibeigenschaft hin zur bewussten Kooperation ist die Menschheit noch nicht reif.”
"Noch nicht?"
"NOCH nicht!"
Schweigend schlenderten die beiden Männer durch die langen Schatten des Gartens in der Abenddämmerung. Als sie den ausgelassenen Stimmen auf der Wiese wieder näher kamen blieb Meixner stehen und
wandte sich dem groß gewachsenen Italiener zu.
“Es ist eine – interessante – Weltsicht, die Sie da haben, mein lieber Conte. Aber ich verstehe noch nicht, was das Ganze mit mir zu tun hat.”
Jetzt lachte der Conte laut auf. Ließ sich auf die Bank neben dem Weg fallen und streckte die Beine weit von sich.
“Auf eine einfache Frage eine einfache Antwort – ich weiß es auch nicht!” Und bevor Meixner etwas erwidern konnte: “Verstehen Sie mich nicht falsch, ich verschenke mein Geld und mein Interesse
nicht einfach so, vielleicht weil mir langweilig ist. Es war Ihr Freund Pensant, der mir klar gemacht hat, dass es notwendig ist, dass ich mich um Sie kümmere.”
“Also Pensant kommt zu Ihnen, sagt Ihnen, Sie sollen ein kleines Vermögen für einen Menschen ausgeben, den Sie weder kennen noch brauchen – und Sie tun es? Wollen Sie wirklich, dass ich das
glaube?”
Meixner setzte sich nach einem Augenblick des Schweigens geduldig auf einen Baumstrunk als er sah, dass der Conte die Finger ineinander faltete und nachdenklich vor sich auf den Boden sah.
Endlich straffte er sich und atmete tief durch.
“Es entspricht den Tatsachen, dass ich Pensant nicht nach mehr gefragt habe. Das mag daran liegen, dass er mir sowieso keine Antwort gegeben hätte. Oder daran, dass Sie kaum eine Ahnung von
Pensants Überzeugungskraft haben. Aber Sie waren mir auch nicht ganz so unbekannt, wie Sie vielleicht glauben. Ich wusste, dass Sie ein Krieger sind. Einer der Besten. Und gute Krieger kann man
immer brauchen – denn wir leben nun mal im Krieg.”
Überrascht hob Meixner eine Augenbraue, sagte aber kein Wort.
“Ich habe Ihnen nicht ganz die Wahrheit gesagt, das heisst, ich habe Ihnen nur von einer Seite erzählt. Von unserer. Aber daneben gibt es auch noch viele andere Seiten. Menschen, die auf unseren
Einfluß neidisch sind. Manche wollen unsere Macht für ihre Zwecke, andere für ihren Gott. Oder nur für sich selbst. Es wäre gelogen zu behaupten, dass wir an diesen Feinden nicht selbst schuld
sind. Wir haben zugelassen, dass große Teile der Menschheit ohne Perspektiven und in Armut leben. Und für jemanden, der nichts mehr zu verlieren hat ist es ein Leichtes sein Leben in die
Waagschale zu werfen.”
“Oder gegen Hochhäuser, Diskotheken und Busstationen.”
Der Conte hob die Arme in einer hilflosen Geste, ließ den Kopf zurück sinken und sah in die dämmrigen Schatten der Baumkrone über sich. Obwohl das Zwielicht vieles verdeckte und weicher
erscheinen ließ, sah Meixner jetzt doch, dass dieser so agil wirkende Mann im Herzen älter war, als man auf den ersten Blick annahm.
“Wie gesagt”, begann der Conte wieder, “es ist unsere Schuld, dass es dazu gekommen ist. Natürlich kann man die immer kleiner und enger werdende Welt ins Treffen führen. Natürlich kann man in
Treffen führen, dass stetiger Wachstum irgendwann zu Überschneidungen führen musste. Aber das ändert nichts an den Gegebenheiten und nur auf Grund der Gegebenheiten dürfen wir handeln und planen.
Diese Gegebenheiten waren abzusehen und darum sind sie unsere Schuld. Unsere und die der Anderen. Diese Schuld zwingt uns, den Fehler wieder gut zu machen und die Menschen in unsere Welt zu holen
und zu teilen. Das ist der einzige Weg zumindest gegen die anzugehen, die ausgeschlossen sind. Der einzige, der Erfolg verspricht – auch wenn viele das nicht sehen wollen.”
“Jim Brown”, warf Meixner leise ein und forderte damit ein neuerliches Seufzen des Conte heraus.
“Jim Brown”, wiederholte dieser, “der gute Jim Brown. Einer der unzähligen CIA-Agenten die diese Welt bevölkern. Aber wenn man bedenkt wie angestrengt ihn seine eigenen Leute suchen, dann würde
ich sagen, ein ehemaliger CIA-Agent. Es macht den Eindruck, als hätte es da ein paar Unstimmigkeiten zwischen ihm und seiner Dienststelle gegeben.”
Der Conte wollte sich erheben und zu den anderen zurück. Aber Karl Meixner blieb sitzen. So stark war seinen Präsenz, dass der Conte wieder auf die Bank zurückfiel. Obwohl die Sonne weg war
schien es ihm wärmer geworden zu sein. Lange sah er den dunklen Mann an, als müsse er erst entscheiden, wieviel er verraten durfte.
“Kennen Sie den Ort Pernitz am Schneeberg hier in Österreich?” fragte er dann endlich und fuhr sich unbewusst über die Stirn.
“Wahrscheinlich bin ich mal durchgefahren. Aber sonst sagt mir der Ort nichts”, entgegnete Meixner.
“Es ist eine lange Geschichte”, seufzte der elegante Mann, “darum werde ich Ihnen nur die Eckdaten geben: bei Pernitz lag zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg ein großes, internationales
Sanatorium, das meist von reichen Familien besucht wurde. Gegründet als Sanatorium für Verwundete aber bald für seine – nun Fruchtbarkeit bekannt. Als die Deutschen an die Macht kamen wurde
dieses Sanatorium samt Forschungsunterlagen und medizinischer Leitung von Reichsminister Himmler persönlich übernommen. Für eine seiner geheimsten und persönlichsten Operationen. Sagt Ihnen die
‚Operation Lebensborn‘ etwas?”
Der dunkle Mann im Schatten auf dem Baumstrunk bewegte sich keinen Millimeter. Trotzdem wich er merkbar zurück.
“Lebensborn? Die Züchtung einer nordischen Herrenrasse? Was um alles in der Welt hat DAS damit zu tun?!”
“Wir wissen es nicht. Und das ist unser größtes Problem. Alles was wir wissen sind Vermutungen. Unstimmigkeiten. Unbestimmte Hinweise. Aber wir wissen, dass die Nationalsozialisten große
Fortschritte auf den wissenschaftlichen Gebieten gemacht haben, die sie für wichtig hielten - trotzdem, oder vielleicht gerade weil sie skrupellos vorgingen. Und wir wissen, dass die Siegermächte
an den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Deutschen brennend interessiert waren. Am Raketenbau, am Flugzeugbau, an der Herstellung neuer Gase – und wahrscheinlich auch an den anderen
Gebieten.”
Jetzt war es der dunkle Schatten, der sich erhob. Fast drohend wirkte die große, kräftige Gestalt die gegen das Dunkel des Waldes verschwamm.
“Die Züchtung einer eigenen Rasse mit verbesserten Fähigkeiten hat nichts mehr mit Wissenschaft zu tun, das ist Überheblichkeit!”
“Eigentlich haben Sie recht”, gestand der Conte zu und erhob sich ebenfalls. “Aber es ist leider eine Eigenschaft des Menschen, dass er immer alles versuchen muss, was er für möglich hält.”
Im gleichen Maß wie die Getränkevorräte schwanden stieg die Heiterkeit der Gäste. Man hatte sich jetzt über den Rasen verteilt und stand schwatzend im Schein mehrerer Fackeln zu zweit oder in
Gruppen herum. Nur ein Mann saß noch an der Tafel, knabberte ziemlich gedankenverloren an einem Stückchen Käse und beobachtete die Menschen. Ihm war merklich kühler geworden, als ihn Meixner
verlassen hatte und so trug er jetzt wieder die Jacke seines makellosen grauen Maßanzuges. Im Aufschlag steckte immer noch die weiße Nelke und wirkte, so wie ihr Besitzer, ein wenig verloren.
Marcello Paolo Conte di Brambella wurde nicht nur ‚der Conte‘ genannt, er war tatsächlich einer. Die Reihe der Conti di Brambella aus dem südlichen Italien reichte zurück bis zu den ersten
Kreuzzügen, auch wenn man die Träger dieses Namens nur selten auf der Seite der Kämpfenden oder gar auf der Liste der Gefallenen gesehen hatte. Die Familie der di Brambella hatte früh begriffen,
dass es bei allen Wirren auch immer jemanden geben musste, der Zuhause und im Hintergrund für Ordnung sorgte. Dass das auch gefahrloser und meist einträglicher war bestritten sie niemals. Die di
Brambella waren Unterhändler, Diplomaten und Verwalter – geborenen Beeinflusser und Lügner, wie seine Nichte Yvonne es nannte. Nun, heute hätte ihn die liebe Kleine sehen sollen, als er Dinge
aussprach, die er niemals über seine Lippen hatte lassen wollen. Als er Dinge bedachte, die er niemals hatte denken wollen. Es war offensichtlich unmöglich der Kraft eines der Vier zu
widerstehen, er hätte es wissen müssen. Seiner Nichte Yvonne hätte das gefallen. Dabei war sie es gewesen, die wahrscheinlich alles ins Rollen gebracht hatte. Wäre sie nicht eines Tages mit Nick
Grasel als auserwählten Gatten aufgetaucht, dann hätte der Conte wahrscheinlich nie von der Existenz dieser und anderer Menschen erfahren. Menschen wie etwa Alexander Heymann. Dieser
hinterlistige Trickbetrüger war jetzt schon lange tot und begraben, aber irgendwie wurde man das Gefühl nicht los, dass er noch immer den großen Zeh aus dem Grab streckte und eifrig mitdirigierte
und intrigierte. Was hätte der Conte damals dafür gegeben, wenn Grasel seine Nichte tatsächlich geheiratet hätte. Nun, die Leute hätten sich den Mund zerrissen, denn es wäre keine standesgemäße
Verbindung gewesen, aber seit dem Verkehrsunfall bei dem ihre Eltern starben und sie wie durch ein Wunder kaum verletzt überlebte, hatte er sich um die junge Dame gekümmert. Was ihn vielleicht
mehr Nerven als Zeit und Geld gekostet hatte. Die Kleine, die viel zu schnell zu einer jungen Dame herangewachsen war, wurde ein Hitzkopf wie ihr Vater. Ebenso aufbrausend, ebenso stur und ebenso
unberechenbar. Von all ihren sogenannten Verlobten wäre es einzig Grasel gelungen ihr stand zu halten – nur er konnte noch sturer sein als sie. Irgendwann hatte der Conte sogar einmal mit dem
Gedanken gespielt, ihn als seinen Erben einzusetzen. Nikolaus Grasel! Aber das hätte sie vor Wut außer Rand und Band gebracht. Wahrscheinlich hätte sie sogar versucht, ihn zu töten. Vermutlich
sogar eigenhändig und vor den Augen von hunderten Zeugen. Der elegante Mann seufzte tief und kratzte den blauen Schatten um sein Kinn. Sie mochte seine Enkelin sein, aber mit ihr starb die
Familie der di Brambella aus. Nicht nur, dass sie bei ihrer letzten Heirat diesen Namen abgelegt hatte, einer Heirat aus Trotz, wie es der Conte empfand – sie hatte einfach so überhaupt nichts
von einer di Brambella an sich. Sein Vermögen war längst in einer internationalen Stiftung aufgegangen, so konnte sie zumindest nach seinem Tod nichts verkehrt machten. Aber das beruhigte den
Conte auch nicht so ganz. Unwillkürlich musste er an seine erste Frau denken. Es war eine Heirat aus Liebe gewesen, über die weder seine noch ihre Eltern sehr glücklich gewesen waren. Umso
glücklicher war das junge Paar. Es waren wundervolle Jahre gewesen. Wundervoll - und kinderlos. Das wurde ihm selbst allerdings erst bewusst, als er ihren Abschiedsbrief las. Diese fünf Zeilen in
denen sie ihm mitteilte, dass sie das, was sie getan hatte, aus Liebe zu ihm getan hatte. Um ihn frei zu geben für eine Frau, die der Familie der di Brambella einen Erben gebären konnte. Aber da
war keine andere Frau. Dunkel war es um ihn geworden. So dunkel wie jetzt in dem Garten, in dem man allmählich eine nach der anderen Fackeln löschte. Irgendwann hatte er dann doch wieder
geheiratet. Mehr aus dem Bewusstsein einer Pflicht heraus als aus einem innerem Drang. Es war von Anfang an eine Zweckehe gewesen und doch auch eine gute Ehe. Sie war eine Contessa d’Albani, aus
gutem und kinderreichen Haus. Nicht das, was man eine Schönheit nannte, aber eine gute, ehrliche und starke Frau. Viel hatte sie von der Dunkelheit vertrieben und er dachte gerne an sie. Doch
auch diese Ehe blieb kinderlos. Ein Rätsel, ja fast ein Wunder – wie die Ärzte nicht müde wurden zu beteuern. Denn trotz aller moderner Technik und medizinischer Tricks wollte es nicht gelingen
neues Leben zu schaffen. Bis zu dem Tag an dem sein Bruder die glorreiche Idee hatte mit seiner Tochter auf ein Eis an den Strand zu fahren. Mal schnell hinunter an den Strand, in seinem kleinen
Sportwagen. Mit Tochter, Frau und Schwägerin.
Die kleine Yvonne hatte nur deshalb überlebt, weil sie aus dem Wagen geschleudert wurde, bevor dieser die Klippen hinunter stürzte.
Der Conte vergrub sein Gesicht in den Händen und stützte den Kopf schwer auf. Als sich eine kleine Hand leicht auf seine breite Schulter legte.
“Kann ich – ist Ihnen nicht gut?”
Es sah auf und bemerkte den schmalen Schatten von Britha Iversen neben sich. Wie ein dunkler Wasserfall ergossen sich ihre Locken auf ihre Schultern und mitten darin leuchtete matt und blass das
Oval ihres zarten Gesichtes. Er legte seine große, braune Hand auf die ihre und lächelte sie an.
“Es ist alles in Ordnung”, meinte er dann. “Es ist nur diese Dunkelheit. Ich mag sie nicht, verstehen Sie. Zu viele Erinnerungen erwachen in der Dunkelheit. Zu viele Schatten hat ein langes
Leben.”
Sie nahm ihre Hand unter der seinen hervor und setzte sich neben ihn auf die Bank, doch so, dass sie in die entgegengesetzte Richtung starrte.
“Ich mochte die Dunkelheit auch nie”, sagte sie leise, wie für sich. “Aber inzwischen ist sie mir lieber als das, was jetzt kommen wird.”
Überrascht sah der elegante Mann auf das schlanke Mädchen neben sich, das da so verloren auf der Bank saß, die Hände zwischen die Beine presste und furchtsam vor sich auf den Boden starrte. Und
er verstand nicht.
“Das Feuer”, erklärte sie ihm. “Jetzt wird das große Feuer entzündet. Und ich habe keine Ahnung, wie er darauf reagieren wird!”
“Wer?”
“Karl. Karl Meixner! Im Winter ist er oft Stunde um Stunde vor dem offenen Kamin gesessen und hat in das Feuer gestarrt. Dann war er wie hypnotisiert. Wie gebannt von den Flammen und nicht mehr
ansprechbar. Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist, ein so großes Feuer zu machen.”
Noch während sie stockend sprach, wurden die ersten Fackeln in den hoch aufgeschichteten Haufen gestoßen und die Wiese rings herum wurde wieder flackernd erhellt.
“Sie meinen, er hat Angst vor dem Feuer – seither?”
Überrascht sah sie ihn an, als hätte er etwas ausgesprochen, woran sie noch überhaupt nicht gedacht hatte. Doch dann schüttelte sie den Kopf.
“Nein. Nein, dass ist nicht Angst. Ich weiß es nicht, er ist dann so verändert, so weit weg und es ist so schwer ihn zu erreichen. Er hat sich überhaupt so sehr verändert in den letzten Monaten.
Als ich ihn kennen lernte, da war er so anders. So viel zugänglicher, so viel lebendiger. Aber seit er Tag für Tag mit dem alten Chinesen zusammen steckt sondert er sich immer mehr von uns
anderen ab. So, als wären wir gar nicht wirklich da. Oder als wäre es vollkommen selbstverständlich, dass wir da sind.”
“Wie Dienstboten.”
Wieder sah sie überrascht auf und wieder schüttelte sie dann nachdenklich den Kopf.
“Daran habe ich noch nie gedacht. Es stimmt nämlich nicht. Ich glaube fast, er will gar nicht, dass man für ihn da ist. Er erlaubt uns, neben ihm zu leben. Er verlangt nichts von uns und er
erwartet nichts von uns. Die Wahrheit ist, dieser Mann braucht niemanden. Keinen von uns.”
Ihre Stimme war zu einem kaum vernehmlichen Flüstern herabgesunken. Wie ihr Kopf, so dass nun die langen Haare ihr Gesicht ganz vor ihm verbargen. Voll Überraschung sah der Conte auf den
zerbrechlichen Schatten neben sich hinunter und fühlte fast körperlich ihre Unsicherheit und ihre Angst vor der Zukunft. Er überlegte angestrengt, was er zu ihrer Erkenntnis der Nutzlosigkeit
wohl sagen sollte, aber es wollten ihm keine passenden Worte einfallen. Nicht in ihrer und nicht in seiner Sprache. Schlussendlich konnte er sich doch durchringen, etwas zu sagen. Nichts wirklich
Wichtiges. Einfach nur irgendetwas, um zu zeigen, dass er sie verstanden hatte. Mit lautem Knall versetzten die Flammen den Holzhaufen in hellen Brand. Britha erschrak zutiefst und rückte
unwillkürlich zu ihm hin, griff nach seiner Hand. Auch der Conte erschrak, doch nicht so sehr über die Flammen, sondern über das ungewohnt angenehme Gefühl sie neben sich zu spüren. Verwundert
sah er auf die junge Frau hinunter, die ihn kaum zu bemerken schien. Denn ihre Augen waren starr auf das Feuer gerichtet. Bald folgte er ihrem Blick.
Zwischen ihm und dem großen Feuer, dass sich gierig in die Dunkelheit fraß, stand eine Gruppe von Menschen. Vier Menschen waren es und ihre Umrisse verschwammen gegen das flackernde Feuer, liefen
ineinander und grenzten sich im nächsten Augenblick wieder scharf voneinander ab. Christoff Pensant stand da, mitten, dunkel und unbeweglich wie ein Stück Fels, schlank und hoch wie eine Tanne.
Neben ihm, wie zum Kontrast, Pat Fogham. Sie war nur ein leichter grüner Hauch, verzerrt und verwirbelt vom hellen Schein der Flammen und doch nicht weniger real. Unfassbar war sie, fast
durchsichtig und doch behauptete sie ihren Platz gegen das Feuer stark wie er. Auf seiner anderen Seite war der ruhige Schimmer von hellem Blau zu erkennen. Massiger und gewichtiger erschien mit
einem Mal Nick Grasel und doch ebenso unfassbar wie Fogham. Er wirkte zwar nicht so durchsichtig wie sie, doch aber verwaschen und durchscheinend gegen die bleckenden Zungen des Feuers.
Karl Meixner selbst stand einen Schritt abseits davon. Groß und unbezwingbar zeichnete sich seine breitschultrige Gestalt vor dem Feuer ab. Und schien doch mit den Flammen zu verschmelzen. Schien
dem Feuer näher zu sein, als alle anderen, als irgend etwas sonst.
Alle Gespräche verstummten angesichts des imposanten Schauspieles das dieses große Feuer bot, dessen Zungen immer wieder aus den Scheiten in den schwarzen Himmel bleckten und dessen Glanz die
Sterne zum Verlöschen gebracht hatte. Nur ein noch nicht ganz voller Mond konnte sich gegen dieses Feuer behaupten und hing ein wenig abseits über schwarzen Baumwipfeln. Auch er schien ein wenig
neidisch auf das Urelement zu blicken, das der Mensch da entfesselt hatte. Auf diesen schwachen Abglanz einer Urgewalt. Auf dieses kaum nennenswerte Aufflackern einer Naturgewalt, die der Mensch
ängstlich im Zaum hielt und versuchte ihr Herr zu werden, sie dienstbar und nutzbar zu machen. Doch wie viele unermessliche Feuerstürme hatte der Mond schon gesehen, damals, als die Erde noch
jung und rein war. Ja selbst heute noch bekam dieser junge Vollmond riesige Feuerwalzen zu sehen. Durch die Kornkammern der USA rollten sie und durch die Steppen Australiens. Doch diese waren
durch Mutwillen und Unverstand der Menschen entstanden. Auch das im Plan der umsichtigen Natur.
Auf den Holzscheiten, auf den zersägten Balken tanzten die Flammen und genossen ihre kleine Freiheit. Die Flammen, die kleinen lachenden, tanzenden, huschenden Flammen waren wieder da. Diese
kleinen Flammen, die, jede für sich, ein eigenes Leben zu führen schienen und doch in der großen Feuerwand unfehlbar ihren Platz fanden. Die kleinen Flammen waren wieder da, die ihn umtanzt
hatten, als er in der Lagerhalle gelegen war. Die kleinen Flammen, die ihm damals fast ängstlich erschienen waren. Ängstlich und doch neugierig, wie sie ihn so umringt hatten. Um ihn zu begrüßen,
um ihm immer näher zu kommen. Wie um ihn zu begutachten. Als wüssten sie Dinge, die sie selbst kaum glauben konnten. Wie sie wohl auch ein Stück Ton umringten um ihm seine letzte und dauernde
Form zu verleihen. Die kleinen Flammen waren wieder da, die übermütig wie eine Horde kleiner Schulmädchen durch seinen Kamin getobt waren. Neugierig, aufgekratzt und doch immer ein wenig scheu
und niemals ganz berechenbar. Die kleinen Flammen, die mit ruhigem, ernsthaften Schein an der Spitze einer Kerze seine Meditationsübungen begleitet und bewacht hatten. Die kleinen Flammen, die
ihn immer freudig begrüßt hatten, bevor sie sich eifrig daran machten die kleine Pfeife seines chinesischen Lehrers zu entzünden. Die kleinen Flammen waren wieder da.
All die Menschen auf der Wiese sahen es. Und doch war keiner von ihnen in der Lage auch nur ein Wort zu sagen, als der große, breitschultrige Mann sich ganz allmählich in Bewegung setzte und in
den Kreis trat, den die Hitze des Feuers wie eine Bannmeile um den Scheiterhaufen gelegt hatte. Nur zwei große Schritte waren es, die er tat. Doch schon begann der Stoff des Hemdes bedenklich zu
knistern, schon wurde das Leder der Hose merklich weicher und geschmeidiger. Nur mehr die Hand hätte er ausstrecken müssen um die Wand aus Feuer zu berühren. Und der heisse Atem dieser kleinen
Flammen umhauchte ihn, hüllte ihn ein und hätte jeden anderen dem Ersticken nahe zu Boden getreckt. Doch er fühlte keine Hitze, auf seinem hell erleuchteten Gesicht schien die Haut nicht einmal
zu spannen. Beide Arme hob er langsam, als wolle er das große Feuer umarmen. Er ließ den Kopf in den Nacken sinken und wie auf seinen Befehl hin fraß sich das Feuer höher und immer höher in die
schwarze Nacht. Für einen Augenblick lang schoss eine mächtige Säule aus strahlendem Feuer in ungeahnte Höhen, gegen den dunklen Himmel, erleuchtete das Firmament und umhüllte und verschlang den
bleichen Mond. Einen Augenblick lang flutete unfassbare Hitze über die Wiese, nahm den Menschen den Atem und ließ sie taumeln. Alle, bis auf drei. Und nur diese drei standen nahe genug um die
leisen Worte zu hören, die aus ihm kamen, ohne dass er es selbst wusste.
Kratzend fraß sich der eiserne Rechen durch den Kies. Immer und immer wieder. Kurze Striche mit denen ein alter Mann die bunten Blätter zu Haufen sammelte und den hellen Kies wieder in der tief
stehenden Sonne glänzen ließ. Mit gesenktem Kopf arbeitete er konzentriert vor sich hin und schien nichts von seiner Umgebung wahrzunehmen. Die Sonne stand rot und tief über den Bäumen hinter der
Mauer und warf lange Schatten durch den großen Hof. Wie ein merkwürdiges Muster zogen sich die Schatten der fast nackten Äste über den hellen Kies und auch das ehemalige Herrenhaus warf seinen
langen Schatten auf die Fahrzeuge, die jetzt auf dem kleinen Parkplatz daneben standen. Von irgendwo her drang Musik aus einem geöffneten Fenster. Zu leise um wirklich gehört zu werden und doch
markant genug in der Stille des Hofes zwischen den ehemaligen Hallen. Unterbrochen nur von dem eintönigen, eisernen Kratzen im Kies.
Pat Fogham fröstelte ein wenig und schloss das Fenster wieder aus dem sie lange über den stillen Hof geblickt hatte.
“Ich glaube der Tee ist jetzt fertig.”
Der Mann am Tisch antwortete nicht. Konzentriert las er in den Blättern, die vor ihm ausgebreitet lagen während Tip es sich neben ihm gemütlich gemacht hatte und mit einer Pfote und dem
schwarzweißen Kopf auf seinem Bein schlief.
Nach einer Weile kam Fogham zurück, schenkte die beiden kleinen Becher mit dampfendem Tee voll und stellte die rotbraune Kanne auf dem kleinen Stövchen, in dem gemütlich eine Kerze brannte, ab.
Nur die Katze schien es zu bemerken, weil sie ihre Augen zu schmalen Schlitzen öffnete, einen Blick in die Runde warf und dann genüsslich weiter döste. Die schlanke Frau machte es sich auf einem
der breiten Polstersessel bequem indem sie die Beine anzog und den warmen Becher in beide Hände nahm. Unbewusst, dass sie in dieser Stellung verblüffend ihrer Katze glich.
Endlich drehte der Mann die letzte Seite um, schob den Packen Papier zusammen und sah auf. Für einen Augenblick besah er sich die grazile Frau, die ihm da mit angezogenen Beinen in ihrem
lindgrünen Hausanzug gegenüber saß, mit dem Becher in ihrer Hand spielte und sich ab und zu durch die halblangen, leuchtend roten Haare fuhr. Ruhig erwiderte sie seinen Blick mit halb
geschlossenen Lidern und hätte in der wohligen Stille des Raumes wohl ebenfalls gedöst, hätte er nicht gesagt: “Ein interessantes Stück Arbeit.”
Weiter ließ er sich darüber nicht aus. Nahm seinen Becher in die Hand, lehnte sich zurück und begann die Katze neben sich im Nacken zu kraulen, was diese mit hörbarem Schnurren quittierte. Durch
ihre langen Wimpern hindurch beobachtete die Frau den so unscheinbar wirkenden Mann auf ihrer Couch. Nicht groß und nicht klein, nicht schlank und nicht füllig, die Haare von unbestimmbaren Braun
– so gewöhnlich und alltäglich war dieser Mann, dass die meisten Menschen ihn schon wieder vergessen hatten während sie noch wegsahen. Vielleicht war das einer der Gründe dafür, überlegte sie,
dass die Menschen diesem Mann so viel Vertrauen entgegen brachten. Und wenn er sie dann ansah, aus seinen haselnussbraunen, tiefen Augen, dann überkam sie Ruhe und Frieden, das Gefühl sich fallen
lassen zu können. Sich in schützender Geborgenheit davon treiben lassen zu können und allen Sorgen entflohen zu sein. Auch Pat Fogham war davor nicht gefeit, so wie eben, als er aufgeblickt und
sie angesehen hatte. Doch ihr war klar, dass dahinter noch etwas anderes steckte. Dahinter stand eine Kraft, die sie nicht verstehen und nicht erklären konnte. Die sie aber nur zu gut
kannte.
“Ich überlege noch immer, was du damit eigentlich bezweckst”, sagte er so leise, dass Tips Schnurren es beinahe übertönte.
“Ich gehe daran, meinen Bereich zu erweitern, ganz einfach.”
Sie war selbst erstaunt darüber, wie tief und schläfrig ihre Stimme klang. So, als hätte sie wirklich gedöst. Unwillkürlich sah sie nach der Uhr an der Wand um festzustellen, dass kaum fünf
Minuten vergangen waren, seit sie die Teekanne geholt hatte.
“Du gehst davon aus”, setzte er nochmals an, “dass du Bauern, die zwar einerseits ihren Grund behalten, ihn dir aber verpachten und von dir auf ihrem eigenen Grund wieder beschäftigt werden,
findest.”
“Unter der Voraussetzung, dass sie nach meinen Anweisungen arbeiten, was heisst, dass sie auf technische Hilfsmittel so weit wie möglich verzichten.”
Ungläubig sah er sie an und sie lächelte verschmitzt und doch geheimnisvoll.
“Du lässt dich von dem Verzicht auf technische Hilfsmittel verwirren”, erklärte sie jetzt lebhafter. “Natürlich werden sie pflügen aber sie werden es nicht mehr mit tonnenschweren Traktoren tun,
vielleicht stattdessen mit Ochsen oder einem Pferdegespann. Sie werden keine Düngemittel und Pestizide ausstreuen sondern sie werden auf biologische Schutzmechanismen zurückgreifen. Aber nicht
einfach so. Das Ganze läuft in Kooperationen mit landwirtschaftlichen Fachschulen sowie der Universität für Bodenkultur und der Fakultät für Geschichte in Wien. Außerdem bekommen wir altes,
inzwischen vergessenes Saatgut von einem Verein, der das sammelt und archiviert. Und ich bin sicher, dass sich noch andere anschließen werden. Sieh es, wenn du willst als – als biologische
Landschutzzone, als Forschungsprojekt oder als Plattform auf der viele Forschungsrichtungen ihre Projekte durchführen können. Sieh es als alternative Beschäftigungsmöglichkeit, denn wir werden
einiges an Arbeitern, an Knechten und Mägden brauchen. Das heisst Menschen, die zwar kräftig anpacken werden müssen, dies aber mit ruhigem Gewissen und in intakter Natur tun können – vielleicht
eine Art Aussteigen auf Zeit. Zuletzt: Sieh es als Attraktion für den Fremdenverkehr. Als Möglichkeit, Besuchern die alten Lebensweisen vor Augen zu führen, oder noch besser, sie für kurze Zeit
diese alten Lebensweisen wieder erleben zu lassen. Die Stille ohne Radio und Fernseher, die Dunkelheit ohne Straßenbeleuchtung. Was natürlich nicht heissen soll, dass man auf Dinge wie etwa den
Computer, ganz verzichten kann – und soll. Solarenergie, Windenergie - aber viel mehr zurückgenommen, nicht so präsent und als Selbstzweck!”
“Und dann vielleicht noch weiter zurück, irgendwo ein kleines keltisches Dorf in dem Menschen nach alten Sitten und Gebräuchen leben und die alten Riten praktizieren – während rundherum alles von
der Weltmacht der Konzerne erobert wurde, leistet ein kleines Dorf Widerstand.”
Ihr herzhaftes Lachen erfüllte den Raum und brachte die zierliche Katze dazu, sich zu strecken.
“Es wäre eine Lüge zu behaupten, dass Pensant von dem Projekt nichts weiß. Und seine eigenen Ideen hat.”
Der Mann nickte leicht und schmunzelte.
“Es gibt wenig Dinge, von denen Pensant nichts weiß, wenn sie für ihn nützlich sein könnten”, bestätigte er während sie aufstand um sich Tee nachzuschenken. “Außerdem könnte man auch auf die Idee
kommen, du hast dir bisher einen Staat im Staat geschaffen. Und dazu kommt jetzt dein eigenes Reich.”
Sie war sorgsam darauf bedacht, nichts von dem Tee zu verschütten, auch darum zog sie es vor auf seine Bemerkung nicht einzugehen.
“Pensant mag tun, was Pensant will”, meinte sie dann. “Er tut es ja sowieso, ohne zu fragen. Und meinetwegen soll er sein Dorf bauen, für den Fremdenverkehr kann es nur gut sein. Aber mir geht es
in erster Linie darum einwandfreie Produkte mit einwandfreien Mitteln in einer intakten Umgebung zu schaffen. Und wir schaffen damit Arbeitsplätze!”
“Nachdem deine drei Hallen hier aus allen Nähten platzen. Deine Idee mit der Ladenfront aus kleinen, alternativen Geschäften war gut. Und das Ganze noch mit entsprechenden Medizinern, Masseuren
und ähnlichen zu verbinden, alles in einem Gebäude, und gemeinsam zu bewerben, das war schlichtweg genial.”
“Sicher genial, aber nicht von mir!” winkte sie ab. “Ich habe nur die Möglichkeiten geschaffen, und du machst dir keine Vorstellung davon, welche Energien die Menschen entwickeln können, wenn man
ihnen nur Möglichkeit dazu bietet. Darum bin ich auch so sicher, dass wir Leute finden werden, die auf den Bauernhöfen arbeiten. Wahrscheinlich nur kurzzeitig, aber es finden sich sicherlich
genug, die sich nach ehrlicher Arbeit sehnen.”
Sie sah sein skeptisches Lächeln und fügte noch hinzu: “Die Verträge mit den Bauern sind übrigens schon unterschrieben.”
Nikolaus Grasel nickte anerkennend, war aber nicht ganz so erstaunt über diese Eröffnung, wie sie vielleicht erhofft hatte. Eine ganze Weile saßen sie schweigend in dem großen Raum, der in der
Abenddämmerung heimelig und warm wurde. Sie schwiegen und sie empfanden es beide als angenehm, denn es gab zwischen ihnen kaum etwas, dass ausgesprochen werden musste.
Grasel war mit dem Conte zu Meixners Fest gekommen und er war in Österreich geblieben. Zuerst bei Pensant, später bei Fogham, um ihr mit seinem technischen Wissen und seinen Fähigkeiten zu
helfen. Und es hatte sich erwiesen, dass sie sich gut ergänzten. Oft waren sie in den letzten Wochen so zusammen gesessen und, obwohl sie nie darüber gesprochen hatten, gab es zwischen ihnen
weniger Geheimnisse als zwischen Bruder und Schwester.
“Du wirst uns verlassen.”
Eigentlich war es keine Frage, denn sie sprach nur aus, was er dachte, aber es war auch keine Feststellung.
Er nickte nur und beobachtete mit einem leisen Lächeln die kleine Katze, die zu dem Entschluss gekommen war, dass ihr Schwanz wohl das bösartigste Ding der ganzen Welt sei und unter allen
Umständen gefangen und geleckt gehöre.
“Das Computernetzwerk steht und dein junger Freund im Rollstuhl ist sehr gut in der Lage damit umzugehen.”
Nachdenklich schüttelte er den Kopf. “Wahrscheinlich hast du Recht mit dem, was du sagst. Von wegen der Energie die entsteht, wenn man den Menschen eine Möglichkeit gibt. Wenn ich bedenke, dass
der Junge gelernter Fleischer ist und sich gerade mal seit ein paar Monaten mit diesen Dingen beschäftigt, dann schätze ich, mit dem wirst du noch deine Wunder erleben. Jetzt plant er
Bildtelefone überall im Haus und für alle Mitarbeiter unterwegs.”
“Sieh dir Maria an. Anfang des Jahres musste ich ihr schwer zusetzen, damit sie sich endlich eine Küchenhilfe nimmt, jetzt führt sie ein Lokal und eine Kantine, als hätte sie nie etwas anderes
getan.”
“Nur wenn sie zu den Gästen geht, sollte sie ihre Zähne in den Mund geben.”
Wieder lachten die beiden, ließen die Katze auf ihren Schwanz vergessen und schwiegen dann wieder.
“Du wirst uns verlassen.”
Diesmal sprach sie es nicht mehr so unbestimmt aus. Und er nickte.
“Sicher”, sagte er dann leise. “Irgendwann demnächst. Aber es gibt da noch etwas, das mich – hält.”
Er machte eine vage Handbewegung und schien selbst nicht so recht zu wissen, was er sagen wollte. Pat Fogham meinte ihn besser zu verstehen. Sie nahm die Beine von dem Sessel und setzte sich
kerzengerade hin. Ihr zartes Gesicht wirkte mit einem Mal kalt und spröde und es war, als würde ein eisiger Hauch durch den Raum zu wehen. Überrascht sah er auf und sie an. Lange sah er sie an,
um dann zu sagen: “Ich kann dir nicht sagen, was mich hier noch hält, aber ich kann dir sagen, dass es nichts mit dir zu tun hat.”
“Du findest mich also nicht attraktiv genug!”
Sie verstand nicht, warum das aus ihr heraus geplatzt war. Es war dumm und es war unnötig, denn es lag nicht in ihrer Absicht. Es war auch ganz und gar nicht so gemeint, wie es sich anhörte und
sie selbst verstand den Sinn nicht. Und doch war es aus ihrem tiefsten Herzen gekommen.
Wieder sah er sie lange an. Ruhig und ohne selbst ein Gefühl zu offenbaren. Ein blanker Spiegel hinter dem sich alles verbergen konnte. Doch ihr war, als würde er ganz langsam durch ihre Poren
einsickern, würde sie durchdringen und erfüllen bis in ihr Innerstes, bis in ihre tiefsten Geheimnisse.
“Patricia Fogham”, meinte er dann leise und jedes einzelne Wort betonend, “Du bist mit Sicherheit die attraktivste, die schönste, die geheimnisvollste und – ja, die begehrenswerteste Frau, der
ich jemals begegnet bin. Und du kannst dir sicher sein, ich würde die Hölle einfrieren lassen um mit dir zusammen sein zu dürfen – wärest du nicht, wer du bist!”
Sie benötigte geraume Zeit, dann malte sich zuerst Erstaunen aber auch so etwas wie Wut auf ihr Gesicht, dass elfenbeinfarben durch die zunehmende Dunkelheit schimmerte. Nur die kleine Kerze
unter dem Teekessel spendete noch Licht und verlieh dem Raum etwas geheimnisvoll der Welt Entrücktes.
Mit einer energischen Bewegung stellte sie den Teebecher auf den Tisch und fauchte: “Wäre ich nicht, wer ich bin! Toll! Und wer bin ich?!”
Sie sah in herausfordernd an, er aber verstand viel zu gut, worauf sie hinaus wollte, um ihr eine Antwort geben zu können.
“Wer bin ich?” Noch einmal fragte sie aufgebracht. “Was bin ich? Warum haben alle Leute Angst vor mir? Und was ist es, das mich mit Meixner, mit Pensant und mit dir verbindet? ‚Wäre ich nicht,
wer ich bin‘ – das klingt toll. Und ich weiß, tief in mir weiß ich, dass du recht hast. Aber ich verstehe es nicht! Bin ich – sind wir etwas Besonderes, oder empfinden alle Menschen so und ich
verstehe es einfach nur nicht, weil ich nur durch meine Augen sehen kann? Pensant kommt mir immer mit seinem ‚Alten Volk‘ von dem ich nichts weiß und nichts wissen will. Ich behaupte ja nicht,
dass wir vier gewöhnliche Normalbürger waren, aber seit Heymanns Tod, und seit wir seine verdammten Briefe bekommen haben, da benehmen wir uns, als wären wir besessen, abgehoben, als würde ein
Fluch auf uns liegen – aber warum?! Hast Du einen Tipp?”
Wahrscheinlich weil sie meinte ihren Namen vernommen zu haben sprang die schwarzweiße Katze der Frau auf den Schoß und rieb den Kopf an ihrer Brust. Schlagartig brach Foghams Entrüstung zusammen,
sie sah hinunter auf die Katze und wollte sie streicheln. Überrascht hielt sie inne, als sie bemerkte, dass ihre Hand zitterte, darum vergrub sie die Finger schnell in dem weichen Fell.
Wenn er es bemerkt hatte, dann verlor er kein Wort darüber. Er saß da, vorüber gebeugt und die Hände zwischen die Knie gefaltet, sah sie an und war doch nicht so ganz bei ihr.
“Mit dieser Frage bist du nicht ganz allein.”
Tip lag mit geschlossenen Augen auf ihren Beinen und schnurrte unter ihren Händen, dass sie das Vibrieren auf ihren Schenkeln fühlen konnte. Dazu kam die Stimme des Mannes ihr gegenüber. Leise,
bedächtig und zögernd, so, als müsste er jedes einzelne Wort genauest bedenken, bevor er es über seine Lippen entkommen ließ.
“Wenn Pensant immer mit seinem Alten Volk kommt, dann ist das seine Erklärung für das, was mit ihm geschieht. Auch ich fange damit nicht allzuviel an, obwohl ...”
Er brach ab und sah lange in die kleine Flamme. Tip schnurrte zufrieden und es war gerade so, als hätte die Welt da draußen für einen Augenblick aufgehört sich hastig zu drehen.
“Jedenfalls ist klar, für mich, dass mich Heymanns Abschiedsbrief verändert hat. Und ich bin mir sicher, dass es euch anderen ebenso geht. Warum dem so ist – ich weiß es nicht. Aber ich weiß,
dass ein Mann, der um vieles klüger war als ich es jemals sein werde, einmal gemeint hat, dass nur das Absolute in der Lage ist das Absolute absolut zu erkennen.”
Verwundert legte sie ihren Kopf schief und sah ihn erwartungsvoll an, er aber sagte nichts mehr. Bis ihr eine vergleichbare Aussage von jemand anderem einfiel.
“Du meinst, die Menschen sitzen wie Flöhe im Fell eines weißen Kaninchens”, lächelte sie. “Die meisten sehen nur die drei Haarwurzeln vor sich. Manche klettern die Haare hinauf und erblicken dort
ein Meer von Haaren, aber kein Floh wird jemals in der Lage sein das ganze Kaninchen zu erkennen.”
Er grinste sie an und nickte nachdrücklich.
“Es beantwortet deine Frage nicht. Aber es sagt dir, wie ich damit umgehe. Ich maße mir nicht an entscheiden zu können was ist, was war und was sein wird. Ich erkenne doch meist nicht einmal, was
gut und was böse ist – wo doch das Gute sich Bösem bedient um gut zu sein.”
“Und der andere meint, er sei, wie geht das ‚der Geist, der Böses will und stets nur Gutes schafft‘.”
“Wie der Mephisto bei Faust, ja.”
Knisternd wurde die Flamme unter dem Teekessel kleiner und ließ die Schatten in den Ecken wachsen. Doch sie waren eher schützend als bedrohlich.
“Ich verstehe es nicht Nick”, flüsterte sie und unterdrückte ein Frösteln. “Ich akzeptiere ja, dass ich vieles nicht begreifen kann. Aber irgend etwas sagt mir, dass wir in absonderlichen Zeiten
leben und das Dinge geschehen, die nicht geschehen sollten. Ich glaube, manchmal würde ich mich nicht einmal mehr wundern, wenn der Zwerg und der Elb aus Tolkiens Herr der Ringe plötzlich um die
Ecke kämen und mir erklärten, dass die Welt doch ein wenig anders ist, als wir sie kennen.”
Sie sah auf den Mann hinunter, der gebückt und schweigend vor ihr saß und vor ihr begriffen hatte, dass die Zeiten immer absonderlich sind, weil sie immer absonderlich waren, weil das Leben sich
mit jedem Augenblick neu erfindet.
“Du hast recht”, sagte sie irgendwann. “Es sind nicht die Zeiten – es liegt in meiner Verantwortung, und das macht mir Angst.”
Das kleine Tier auf ihren Beinen fühlte die Spannung der Frau und rieb beruhigend den Kopf an ihrem Knie.
Nikolaus Grasel antwortete ihr nicht. Weit weg schien er mit seinen Gedanken zu sein als er zusah, wie die kleine Flamme knisternd erlosch.
“Und? Wo ist er?”
Der Mann im blauen Arbeitsmantel drehte sich verwundert unter der Tür herum und sah einen Riesen von einem Mann, der sich aus einem Auto hievte und erwartungsvoll zu ihm hin blickte.
“Hier können Sie nicht stehen bleiben”, kam die Antwort, als sich der überraschte Torwächter endlich seiner Funktion entsann. Dabei machte er einen Schritt von seiner Portierloge auf die Straße,
blieb aber in sicherer Entfernung stehen. Der massige Mann mit den grauen, stachelig zu Berge stehenden Haaren winkte nachlässig mit der Hand und der Wagen rollte rückwärts durch den steinernen
Torbogen auf den Parkplatz.
“Also”, fragte der Riese noch einmal, “wo ist er?”
Unverständig sah ihn der Mann im blauen Arbeitsmantel an und versteinerte, dass er den beiden Engelsfiguren, die hinter ihm abwartend an der Mauer lehnten, nicht unähnlich war.
“Wenn Sie ein bestimmtes Grab suchen, dann müssen Sie zuerst in die Verwaltung. Dort ...”
Brummend zog der massige Mann einen Ausweis unter dem schwarzen Mantel hervor, kam näher und hielt ihn dem Wachmann unter die Nase. Bei diesem Anblick schien der in seinem blauen Mäntelchen
zusammen zu schrumpfen und nach vorne zu knicken.
“Entschuldigen Sie, Herr Oberst. Ich wusste nicht – er ist erst vor zehn Minuten gekommen. Da nach hinten. Er geht immer da nach hinten in den alten Teil. Sie können ihn eigentlich nicht
verfehlen. Manchmal ist er den ganzen Tag da.”
Er würde wohl noch eine ganze Weile weiter Worte gesprudelt haben, hätte der Oberst nicht den Ausweis wieder weggepackt, ihm zugenickt und sich auf den Weg gemacht. Schon ein paar Schritte
entfernt von dem Eingangstor in der alten Mauer dämpfte ein Teppich aus vielfarbigen Blättern seine Schritte. Nur wenige Besucher kamen in den alten Teil des Wiener Zentralfriedhofes und nur die
wenigsten der Gräber zeigten Spuren von Pflege. Was bedeutete, das sich in den Jahren eine dichte Decke über die letzten Ruhestätten gelegt hatte. Viele der steinernen Zeugen waren überwuchert
von Rankgewächsen, manche fast bis zur Unkenntlichkeit. Dazwischen schwiegen graue, steinerne Hallen über Familiengräbern im dämmrigen Zwielicht unter den alten, knorrigen Bäumen. Mehr einer
versunkenen Kultur als einem Friedhof glich dieser Ort. Und so falsch war dieser zweite Eindruck gar nicht. Unwillkürlich wanderten seine Blicke über die verwitterten Steine. ‚K.u.K. Hauptmann
a.D. 32. Reiterregiment‘ las er da. Oder ‚Magistrats-Medizinalinspizients Witwe‘. Namen um Namen reihten sie sich hier. Namen, die noch heute im Sprachgebrauch waren neben Namen, deren Klang
verschwunden war, so verweht wie die Erinnerung an ihre Träger. Je weiter der Oberst in die Stille vordrang, desto gemächlicher wurden seine Schritte. Hier konnte er sich wirklich vorstellen,
dass die Menschen ruhten, im Frieden dieses dämmrigen, weltentrückten Waldes.
Immer wieder kam er an umgestürzten Grabsteinen, an geborstenen Mauern vorbei. Meist war es die Natur selbst, die sich die entführten und gequälten Steine wieder einverleibte. Wenn dicke Wurzeln
sich darunter schoben, wenn Efeu daran zerrte oder einfach der Boden in sich zusammen sackte.
Meist. Aber doch nicht immer. Manchmal sah er auch die Spuren von unkundigen und mutwilligen Menschenhänden, die aus reiner Zerstörungswut gehandelt hatten. Aus Dummheit, wie er meinte, denn ein
Racheakt gegen einen Toten erschien ihm wenig sinnvoll. Viele Theorien gab und gibt es, grübelte er, was den Menschen vom Tier unterscheiden sollte. Der Oberst hatte da seine eigene. Zwei Dinge
gab es für ihn, die den Unterschied ausmachten. Zwei Dinge, die der Mensch, nicht aber das Tier besaß: Dummheit die über Gedankenlosigkeit hinaus ging und die Lust an der sinnlosen
Zerstörung.
An einer Kreuzung blieb er kurz stehen, sah sich um und bog dann nach rechts ab. Dorthin, wo der Wald lichter wurde und an einer großen Kreuzung die Bäume etwas zurück traten. Durch die schon
ziemlich entlaubten Äste leuchtete ein wolkenverhangener Himmel. Und manchmal zerfledderte eine Wolke und ließ glitzernd helle Strahlen in den verwunschenen Wald fallen. Dort, inmitten der
kleinen Lichtung, saß auf einem umgestürzten Stein ein dunkler Schatten. Schwarz und fremd in dieser Umgebung aus Grün und Grau. Doch nicht unpassend oder merkwürdig. Still saß der Schatten in
der manchmal aufblitzenden Sonne und bewegte sich kaum während der Oberst darauf zuschritt. Schon aus einiger Entfernung sah er die feinen, blauen Fäden über der Gestalt aufsteigen und runzelte
verwundert die Stirn.
“Seit wann rauchen Sie?”
Erschrocken über den unpassenden Klang seiner rauhen Stimme sah er sich um, doch nichts regte sich auf diesem verlassenen Stückchen Erde. Nur der schwarze Schatten streckte sich ein wenig und
meinte gemächlich: “Eine der dummen Angewohnheiten einer langen Zeit der Untätigkeit. Da wird man zum Gelegenheitsraucher. Eine der vielen Dummheiten, wenn einem die Zeit zu lang wird.”
“Dass Sie untätig waren kann nun wirklich niemand behaupten. Auch nicht, als Sie eines Morgens Ihre Sachen packten und verschwanden, ohne irgend jemandem zu sagen, wohin sie wollten.”
Der Oberst sah in das sonnengebräunte Gesicht, das jetzt verwundert zu ihm aufsah.
“Ich bin nicht davon gelaufen sondern in meine Wohnung zurück übersiedelt. Ich habe mich auch nicht versteckt. Und ich habe mich von allen verabschiedet. Auch wenn Britha es vielleicht nicht
bemerkt hat, weil sie es nicht bemerken wollte”, setzte er noch nachdenklich hinzu, stand auf und streckte sich. Wie eine schwarze Säule Fels wuchs er vor dem Oberst aus dem Boden. Schlanker,
geschmeidiger und doch mindest so groß und eindrucksvoll.
“Ich weiß, dass Sie wieder in Ihrer Wohnung sind. Aber Sie hätten es mir sagen können. Und Sie könnten ans Telefon gehen. Und Sie könnten Ihren Anrufbeantworter, Ihre Mailbox abhören. Und ...”,
fügte er hinzu als der Schatten etwas einwenden wollte, “... und wenn Sie sie schon abhören, dann könnten Sie zurück rufen.”
“Ich war mir sicher, dass Sie persönlich bei mir auftauchen würden, wenn Sie etwas wollen, Oberst”, antwortete Meixner ruhig und ohne einen Anflug von Heiterkeit. “Was bewiesen wurde.”
Karl Meixner setzte sich in Bewegung und spazierte gemächlich den Weg entlang. Und der Oberst folgte ihm brummend.
“Ich bin Ihnen selbstverständlich dankbar dafür, dass mein Gehalt während der ganzen Zeit weiter gelaufen ist. Aber ich habe mich dazu entschlossen nicht mehr für Sie oder Ihre Dienststelle zu
arbeiten. Dass Sie Ausgaben hatten tut mir leid. Und dass Sie jetzt einen neuen Minister haben, dem Sie das alles erklären müssen – naja, Pech.”
Wieder brummte er Oberst etwas, und es klang bei weitem abfälliger, als die Handbewegung, die dieses Brummen begleitet.
“Minister kommen und gehen”, erklärte er dann. “So wie ihre Staatssekretäre. Und sie alle denken nur daran ihre eigenen Taschen zu füllen. Es ist schon wirklich lange her, dass ich einem davon
etwas auf die Nase gebunden habe, was nicht wirklich unvermeidlich war. Ihre Gehaltszahlungen beruhen somit gerade mal auf einer Unterlassungssünde, wenn sie so wollen. Und ich habe auch keine
Dankbarkeit von Ihnen erwartet. Aber ich habe erwartet, dass Sie mich auf den Laufenden halten.”
“Und was wollen Sie hören?”
“Sie sagen, dass Sie nicht mehr für mich arbeiten wollen. Gut, wenn Ihnen dieses Land, wenn Ihnen die Menschen nichts mehr bedeuten. Aber was haben Sie sonst für Pläne? Was wollen Sie tun,
jetzt?”
Meixner blieb stehen und trat die Zigarette in dem Laub sorgfältig aus bis auch das letzte Krümelchen Glut verschwunden war.
“Ich habe keine Pläne. Und ich weiß auch nicht, was ich tun will oder werde. Ich weiß nur, was ich nicht mehr tun will”, meinte er dabei leise. Dann sah er auf und dem Oberst aufmerksam ins
Gesicht.
“Und kommen Sie mir nicht damit, dass es unsere Aufgabe sei, die Menschen zu beschützen. Sagen Sie mir lieber, ob diese Menschen es verdienen beschützt zu werden. Sie waren doch gestern schon
hier in dieser Gegend. Etwas weiter östlich, auf dem Firmengelände einer Spedition. Sie haben die gesehen, dass der Fall Sie nichts angeht. Und Sie haben die alte Frau gesehen – das Gesicht von
dutzenden Schlägen eine einzige blutige, breiige Masse. Voller Wut, voll unbändigem Hass und voll Verachtung muss der Täter zugeschlagen haben. Immer und immer wieder – weil es ihn angeekelt hat,
dass sie streunende Katzen füttert! Normaler Polizeialltag, nichts, was in Ihre Kompetenz fällt. Solche Dinge passieren eben, so nebenbei mal. Und ich wette mit Ihnen, dass man den Täter nicht
finden wird. Aber das sind die Menschen von denen wir reden. Die, die sie für beschützenswert halten. Menschen, die voller Genuss und Hingabe ihresgleichen töten. Zugegeben, ich habe Menschen
noch nie besonders gemocht, aber jetzt, da ich Zeit hatte darüber nachzudenken, jetzt weiß ich, dass ich mich von ihnen fern halten möchte und muss.”
Schweigend bogen die beiden Männer in einen Seitenweg und schritten gemächlich unter den alten, kahlen Bäumen dahin.
“Darum kommen Sie hierher.”
“Es scheint tatsächlich so, als sei ich dem Tod näher verwandt als dem Leben – auch wenn er mich nicht haben will.”
“Und es gibt nichts, mit dem ich Sie umstimmen könnte, damit Sie wieder für uns arbeiten”, bohrte der Oberst weiter, aber die Antwort schwang bereits in seiner Stimme mit. Er wusste nur zu gut,
dass jeder Versuch sinnlos war, wenn Meixner seinen Entschluss gefasst hatte. Trotzdem fühlte er sich verpflichtet diese Frage zu stellen. Und er kannte die Antwort, auch wenn Meixner es nicht
für nötig hielt sie ihm zu geben.
Immer wieder lenkten die Steine ihre Blicke ab und zwangen ihre Gedanken in neue Bahnen. Nachdenklich kratzte sich der Oberst am Kopf und kickte einen Ast aus dem Weg.
“Ich versteh‘ es nicht”, brummelte er dann. “Glauben Sie wirklich, es reicht Ihnen für den Rest Ihres Lebens auf dem Zentralfriedhof herum zu wandern?”
Karl Meixner lachte. Er lachte nicht laut aber intensiv und von Herzen. Mit einem Mal strömte so viel Energie von ihm aus, dass der Oberst sich geradezu aufgerichtet fühlte. Und alles rund um
ihn, die Bäume, der Efeu, das dürre Gras und das trockene Schilf schienen aufzuhorchen. Sich Meixner neugierig entgegen zu recken, wie einem erfrischenden Frühlingsregen.
“Noch einmal Oberst,” lachte Meixner, “ich bin am überlegen, was ich machen werde. Jetzt bin ich mir einmal klar darüber geworden, was ich nicht möchte. So etwas nennt man Negativauslese. Jetzt
muss ich mir noch klar darüber werden, was ich möchte und dann muss ich mir ansehen, wie sich die gegebenen Möglichkeiten mit meinen Vorstellungen verbinden lassen.”
Der Oberst grinste zurück und Meixner meinte tatsächlich so etwas wie Erleichterung in seinem Blick zu entdecken.
“Dann erlauben Sie mir, dass ich Ihnen zwei Dinge anbiete und Sie um etwas bitte.”
Sie waren wieder bis in Sichtweite des Tores gekommen als Meixner stehen blieb und den massigen Mann ansah. Ein wenig auf ihn hinunter sah, wie diesem vorkam, obwohl sie doch so ziemlich gleich
groß waren.
“Ich werde Sie auf jeden Fall informieren, wenn dieser Brown wieder auftaucht, denn mein Gefühl sagt mir, dass diese Sache noch lange nicht ausgestanden ist. Für mich nicht und für Sie auch
nicht.”
Er machte eine kleine Pause aber Meixner nickte nur langsam und stumm. Also kramte er in seiner Manteltasche und holte eine Visitenkarte hervor.
“Sie haben schon so Andeutungen gemacht, als Sie noch in Gars am Kamp zur Behandlung waren. Und mir war klar, dass ich Sie nicht halten kann, wenn Sie nicht wollen. Ein Verwaltungsjob kommt für
Sie nicht in Frage und ich könnte Ihnen auch keinen anbieten. Also war ich fürs Erste ziemlich ratlos. Und dann kontaktiert mich vor ein paar Tagen dieser Mann.”
Er überreichte Meixner die Visitenkarte, die der stirnrunzelnd betrachtete.
“Er arbeitet für eine Firmengruppe die das große Einkaufszentrum im Süden vor der Stadt übernommen hat. Sie haben einen Bewachungsdienst angemietet und die Polizei hat ein Wachzimmer. Aber sie
überlegen, ob nicht eine eigene Sicherheitsabteilung notwendig wäre. Auch und gerade in Bezug auf Präventivarbeit, Beratung der Unternehmen und so. Setzten Sie sich mal mit ihm in Verbindung, ich
denke, das könnte Ihnen gefallen und es wäre ehrliche Arbeit.”
Nachdenklich betrachtete Meixner die Karte und schien zu überlegen, doch dann steckte er sie ein und sah den Oberst fragend an.
“Zwei Dinge haben Sie gesagt. Und die Bitte?”
Der massige Mann grinste ein wenig verlegen und sah sich unbewusst nach dem Ausgangstor um.
“Es gibt Dinge, die noch länger zurück liegen, als dass ich einem Minister ohne Not die Wahrheit gesagt hätte. Eigentlich hatte ich vor Sie zu bitten, ich meine, auch wenn Sie nicht mehr für
meine Dienststelle arbeiten, oder gerade deswegen vielleicht, dann könnten wir doch so etwas wie Freunde bleiben.”
Stumm sah Meixner auf die eindrucksvolle Gestalt vor sich und er schien nicht einmal annähernd so überrascht zu sein, wie der Oberst angenommen hatte. Ganz allmählich trat ein leichtes Leuchten
in die bohrenden Augen und ein feines Lächeln flog über das sonnengebräunte Gesicht. Dann streckte Meixner die Hand aus und der Oberst schlug ein. Für einen kurzen Augenblick standen sie so
schweigend, dann verbreiterte sich mit einem Mal das Lächeln in Meixners Gesicht zu einem Grinsen.
“Wenn dem so ist, dann muss ich dich gleich um einen Freundschaftsdienst bitten: Kannst du mir sagen, was aus meinem Wagen geworden ist? In Hütteldorf, bei der Lagerhalle, wo ich ihn abgestellt
habe, steht er jedenfalls nicht mehr.”
“Hat dir niemand etwas gesagt?” Der Oberst war erstaunt. “Da ich nicht wusste, was wird, haben wir den Wagen in eine unserer Werkstätten bringen lassen. Es liegt auf dem Weg. Ich kann dich
mitnehmen.”
Karl Meixner hielt seinen Wagen auf dem einsamen Feldweg unter ein paar müden Bäumen an, stellte den Motor ab und stieg aus.
Die Leute in der Werkstätte waren freundlich und problemlos gewesen. Ohne viel zu fragen hatten sie die Wagenschlüssel ausgehändigt, hatten noch gezeigt, was gewartet und welche Kleinigkeiten
gleich repariert worden waren. Sie hatten ihm Winterreifen aufgezogen und sie hatten ihm mitgeteilt, dass die Koffer nach wie vor hinten im Wagen lagen.
Ohne Eile ging Meixner rund um den großen Lancia, warf dabei einen Blick über die dürren, abgeernteten Felder und ließ endlich den Kofferraum aufschnappen.
Vor ihm lagen zwei große Schalenkoffer. Stumm, unschuldig, fremd und unpassend. Vielleicht waren sie sogar jemandem aufgefallen, obwohl manche Wagen jahrelang herum stehen konnten, ohne dass sich
jemand für deren Kofferraum interessierte. Und wenn die Koffer wirklich einem Mechaniker aufgefallen waren, so waren die Leute es zumeist gewohnt keine Fragen zu stellen. Viel öfter waren sie
aber so mit ihren privaten Sachen beschäftigt, dass sie kaum einen Gedanken an ihre Arbeit verschwendeten. Verwundert runzelte er die Stirn um sich schon im nächsten Augenblick zu erinnern, wo er
sie schon einmal gesehen hatte. Er hatte noch die Schlüssel des Toten in der Lagerhalle und die beiden Schlösser sprangen ohne Widerstand auf. Er öffnete den ersten Koffer, zog die Verpackung weg
und starrte für einen Augenblick den Inhalt an. Dann folgte der zweite Koffer. Soweit er es feststellen konnte war der Inhalt echt. Aber daran hatte er eigentlich auch nicht gezweifelt. Warum
hätte der ukrainische Schieber auch versuchen sollen den CIA Agenten mit Falschgeld zu bezahlen. Nachdenklich starrte Meixner in die Koffer und legte seine großen Hände vorsichtig auf die Bündel
als müsste er sie fühlen um sie zu verstehen. US-Dollar und Schweizer Franken in dem einen Koffer. Englische Pfund und Japanische Yen im anderen. Fein säuberlich gebündelt. Und er musste nicht
lange überlegen, warum jemand, der ganze Rollen Spezialpapier für Eurobanknoten lieferte, sich nicht in dieser Währung bezahlen ließ.
Ein unscheinbares Kuvert steckte in einem der Koffer. Meixner blätterte den Inhalt durch. Offensichtlich handelte es sich hierbei um einen ziemlich nichtssagenden Geheimdienstbericht des KGB über
ein altes amerikanisches Geheimprojekt namens “The Judge”. Ein Doktor Feggenfox wurde als Quelle für weitere Nachforschungen genannt, aber wer auch immer diesen Bericht verfasst hatte, er hatte
sich auf sechs Seiten vergeblich bemüht, seine Erfolglosigkeit zu bemänteln.
Der Ukrainer war eliminiert worden und wenn er vorher mit seinen Leuten hatte reden können, dann hatte er wohl angenommen, das Brown oder die Israelis das Geld hatten. Dem MOSSAD war das Geld
egal und der Oberst wusste nichts davon.
Und Brown? Der musste annehmen, dass der Ukrainer es in Sicherheit gebracht hatte. Aber Brown wusste inzwischen sicher auch, dass er der österreichischen Polizei in die Arme gelaufen war. Und
später dem Tod. Wenn es stimmte, was der Conte angedeutet hatte, dann war Brown auf der Flucht und somit auch auf das Geld angewiesen. Wahrscheinlich auch auf das nachrichtendienstliche Dossier.
Und er würde danach suchen.
Aber niemand kann sich verstecken und gleichzeitig suchen.
Das Dröhnen der Turbinen hörte er nicht, als die Linienmaschine über ihm zur Landung ansetzte. Und auch den düsteren Schatten, den sie über ihn warf bemerkte er nicht, als sie riesengroß und fast
zum Greifen nah einschwebte. Dass sich seine Finger fest um die Bündel schlossen - von all dem bekam er nichts mit, dazu war er zu tief in Gedanken.
Unbewusst strich sich der junge Mann die Aufschläge des schwarzen Anzuges glatt und sah aus dem kleinen Fenster. Graugrün mit braunen Flecken lang die Landschaft vor ihm wie ein gefleckter
Teppich. Näher kam der Boden und größer wurden die Häuser und irgendwie erleichterte ihn, was er sah. Es war nicht sein erster Einsatz im Ausland, aber bisher war er immer nur im ‚zivilisierten
Europa‘ geblieben, wie er es für sich nannte. Ach ja, einmal war er in Skandinavien zwischengelandet. Aber sonst hatte er das kontinentale Europa nur an der Atlantikküste betreten und der
Atlantik gehörte ja irgendwie den Vereinigten Staaten. Doch diesmal lag sein Einsatzziel weit im Osten. Und dieses Land im Herzen Europas war ihm schon früher zuwider gewesen. Lange konnte er es
nicht einordnen, hatte er geglaubt, es läge im Ostblock. Irgendwo zwischen der Tschechoslowakei, die es nicht mehr gab, zwischen Jugoslawien, das es nicht mehr gab und Ungarn, von dem er als
Halbtexaner nur wusste, dass sie dort Pferde züchteten. Dann hatte er geglaubt, dass dieses Austria, das sich anmaßend den selben Namen gegeben hatte wie ein ganzer Kontinent, ein Teil von
Deutschland sei. So wie etwa die Schweiz. Sprach man doch hier wie dort die gleiche Sprache. Bis einer seiner Ausbilder ihm zum Vergleich Kanada und die USA brachte. Zwar sprach man auch hier die
gleiche Sprache und niemand in der USA wusste so recht, warum es diese Grenze im Norden eigentlich gab. Alles, was man ihm in der Schule darüber beigebracht hatte war, dass früher über diese
Grenze geschmuggelt worden war und dass sich jetzt Verbrecher und Terroristen dank der löchrigen Grenze leichter in die USA einschleusten. Dabei konnte er nicht einmal behaupten, er hätte eine
klassische amerikanische Bildung erhalten. Seine Kenntnis über das Ausland war bei weitem gründlicher und tiefer als die der meisten amerikanischen Bürger. Dafür hatte seine Dienststelle schon im
eigenen Interesse gesorgt. Aber all die Informationen die er bekommen hatte konnten die grundsätzliche Abneigung gegen alles Unamerikanische, die er in sich trug weil sie ihm anerzogen worden
war, nicht berühren. Und jetzt setzte seine Maschine zur Landung an in einem Land, dessen Bewohner für sich beanspruchten ‚neutral‘ zu sein. Als wenn es eine Möglichkeit gäbe, zwischen den Guten
und den Bösen nicht Stellung beziehen zu müssen.
Mit einem leisen Rucken griffen die riesigen Räder und einige der Passagiere hinter ihm begannen zu klatschen, verstummten aber sehr schnell wieder. Eilig drängten die Menschen aus der Enge des
stählernen Vogels und während sich der junge, schlanke Mann mit den anderen Passagieren hastig durch die Gänge des Flughafens schob, legte sich seine Unruhe ein wenig. Alles hier war sauber,
modern und durchaus auf amerikanischem Standard. Er war sich nicht sicher, was er erwartet hatte, aber er war froh, dass es nicht eingetreten war.
Erst an der Kontrolle, als er der älteren Dame seinen Pass hinschob, wurde ihm wieder bewusst, dass er sich im Ausland befand. Sie sah ihn über den Rand ihrer Brille hinweg an, blätterte in den
widerspenstigen Seiten des jungfräulichen Reisepasses, betrachtete die Fotografie und dann wieder ihn.
“Will Smith”, meinte sie in zartem, britischem Englisch das ihm immer schon etwas Abneigung bereitet hatte. “Ist auch nicht gerade ein ausgefallener Name. Da gibt es doch auch einen Schauspieler
der so heisst, aber mit dem sind Sie wohl kaum verwandt.”
Während sie ihn freundlich anlächelte berührte ihre Fußspitze die Kontaktschiene unter ihrem Pult. Die versteckte Kamera schoss einige Bilder und das Mikrophon vor ihr nahm auf als er überrascht
fragte: “Was wollen Sie damit sagen?”
“Der Schauspieler Will Smith ist ein Farbiger”, lächelte sie ihn freundlich an, drückte ihren Einreisestempel auf das bleiche Papier und schob ihm seinen Pass wieder hin. Ganz langsam schob sie
den Pass über die Glasplatte, damit der Scanner seinen Daumenabdruck auf der Rückseite lesen konnte. Ein wenig verwirrt nahm er den Pass entgegen und machte dem nächsten Passagier Platz. Die Dame
mit dem grauen Haar kontrollierte die nächsten Pässe ebenso sorgfältig, aber ohne die Maschinerie im Hintergrund nochmals in Gang zu setzen. Und ihre Gedanken waren immer noch bei dem jungen Mann
in dem so auffällig unauffälligen Anzug. Sie war sich bewusst, dass sie mit einer einzigen Bewegung ihrer großen Zehe eine ganze Anzahl von Aktionen ins Laufen gebracht hatte, auch wenn sie sich
nicht wirklich klar darüber war, was jetzt alles geschah. Sie wusste nur, dass sich jetzt andere des jungen Mannes annehmen würden. Er war zwar nicht gerade dass, was man angekündigt hatte.
Eigentlich keineswegs, aber er war es, da war sie sich sicher.
Nachdem der letzte Passagier verschwunden war und die kleine Halle wieder ruhig und schweigend dalag strich sie in Gedanken über die unscheinbare Anstecknadel an ihrem Revers und entschloss sich
noch einen weiteren Schritt zu tun. Sie klappte ihr kleines Mobiltelefon auf und wählte die Nummer, die ihr Pat Fogham zum Abschied gegeben hatte.
Im diesem Augenblick hatte Smith die Dame an der Passkontrolle schon längst vergessen und schob sein Gepäck an der Zollkontrolle vorbei. Vorbei an den uniformierten Beamten die von den Reisenden
offensichtlich keinerlei Notiz nahmen. Und dann doch, wie aus heiterem Himmel, ein junges Pärchen mit Baby aus der Gruppe aussonderten.
In der Ankunftshalle herrschte lebendiges Treiben. Laute Stimmen wo die Reisenden von Familie und Freunden in Empfang genommen wurden. Erwartungsvolles Schweigen auf der anderen Seite, dort wo
die Fahrer der Taxifirmen auf ihre Kunden warteten. Manche hielten Schilder vor sich auf denen die Namen ihrer Kunden standen. Für ihn sollte ein Wagen bei einer Mietwagenfirma bereit stehen.
Also folgte er den Anzeigen ohne von den beiden Gruppen ernsthaft Notiz zu nehmen und bemerkte doch einen jungen, nicht allzu groß gewachsenen Mann etwas abseits der Fahrer, der ihn mit seinen
Blicken verfolgte und nun sein Schild etwas höher hielt. Das Schild auf dem sein Name stand. Überrascht änderte Smith die Richtung seines Kofferwagens.
“Warten Sie auf mich?”, fragte er überrascht.
“Mr. Will Smith aus Rode Island, Texas?”
“Rode Island, bei Texas, im Atlantik.”
“Hauptsache Atlantik.”
Die Codeworte waren gewechselt und der Mann, der Smith kaum bis an die Schulter reichte, machte einen Schritt nach vorn und griff mit einem Grinsen nach dem Kofferwagen.
“Wir haben uns erlaubt Ihren Wagen schon mal zu holen. Er steht draußen im Parkhaus. Wenn Sie mir bitte folgen wollen”, setzte er noch schnell hinzu als Smith etwas sagen wollte und machte sich
auch gleich auf den Weg. Schweigend ließen die beiden Männer die Ankunftshalle und das Menschengewimmel hinter sich. Erst als sie in dem für Smith viel zu engen Mercedes saßen streckte ihm der
dunkelhaarige, kleine Mann die Hand entgegen.
“Jonathan W. Merryweather, US-Botschaft Wien. Seit sie den Herren der Ringe verfilmt haben sagen alle nur mehr Merry zu mir. Können Sie auch, wenn Sie wollen.”
Smith schüttelte die dargebotene Hand und schon manövrierte der pfiffige junge Mann den Wagen aus dem Parkhaus. Dabei plapperte er fröhlich vor sich hin.
“Der Chef hielt es für besser, ich hole Sie mal ab und bringe Sie zum Hotel. Er will sich dort mit Ihnen treffen. Es hat da ein paar Komplikationen gegeben, seit Sie in den Flieger gestiegen
sind. Wie war der Flug übrigens? Der Chef fand, es war keine gute Idee Sie mit einer normalen Linienmaschine kommen zu lassen. Ihm wäre es weit lieber gewesen, Sie wären klammheimlich über eine
deutsche Air Baise gekommen, dann wäre es nicht ganz so auffällig gewesen und die Leute hier hätten immer noch schnell genug Wind von Ihnen bekommen. Die sind immer noch stinksauer wegen einer
Geschichte vor einem Jahr. Unter anderem.”
“Sie sind immer noch unsere Verbündeten”, warf Smith dazwischen um auch einmal etwas zu sagen, aber es trug ihm einen verwunderten Seitenblick seines Fahrers ein.
“Wenn sie euch das in Langley erzählt haben, dann wird es wohl schon so sein”, brummte Merryweather, schwieg sich dann aber aus, als wäre ihm die Lust auf Konversation abhanden gekommen.
Über eine stark befahrene Autobahn, die dem jungen Texaner eher wie ein mickriger Autobahnzubringer erschien, fuhren sie Richtung Stadt und Smith bestaunte die ungeschützte Ölraffinerie ebenso
wie die Fahrweise der Verkehrsteilnehmer. Als sie wieder einmal von einem Fahrzeug mit weit überhöhter Geschwindigkeit überholt wurden wandte er sich automatisch um, aber da war kein Polizeiwagen
dahinter.
“Auch ein Grund, warum ich Sie abholen sollte”, grinste Merry schief. “An den Fahrstil hier muss man sich erst gewöhnen. Ist ein wenig aggressiver als zuhause. Und wenn die Polizei mal dagegen
vorgeht, dann nur, weil ihnen langweilig ist. Bei anderen Delikten sind sie da etwas flotter. Leider.”
Sie kamen in die Stadt, vorbei an drei großen runden Türmen die wie aus roten Ziegeln gemauerte Tanks im Jugendstil aussahen aber offensichtlich Wohnungen und Büros beherbergten. Smith wandte
sich um damit er den Gebäudekomplex besser sehen konnte und fragte dabei ein wenig abwesend: “Warum leider?”
“Nun, die Polizei in diesem Land kümmert sich kaum um den Straßenverkehr. Dafür verhaften sie kleine Dealer. So wie unseren Kontaktmann.”
“Die hiesige Polizei hat unseren Kontaktmann aus dem Verkehr gezogen weil ich kommen sollte?”
“So schlimm ist es nun auch wieder nicht”, beruhigte ihn der kleine Mann. “Es hat nichts mit Ihnen oder uns zu tun. Ihr Kontaktmann ist Dealer und die werden hierzulande eingebuchtet. Natürlich
hätte der Chef es verhindern oder ihn wieder heraus holen können. Aber er wollte fürs erste nicht zu viel Aufsehen machen.”
“Also sitzt unser einziger Kontakt jetzt hinter Gittern.”
Will Smith war jung und doch Profi genug um sich mit Gegebenheiten abzufinden. Aber als Profi wusste er auch, dass man unerwartete Gegebenheiten auch nutzen konnte. Der einzige Mann, der ihnen
weiter helfen konnte saß im Gefängnis und so wie dieser Merryweather es erzählte, handelte es sich nicht um einen Justizirrtum. Dabei war nach den spärlichen Informationen, die man ihm vor dem
Abflug gegeben hatte, noch nicht einmal sicher gewesen, ob ihnen dieser Mann überhaupt helfen konnte. Und ob er helfen wollte. Insofern mochte diese neue Situation durchaus brauchbar sein.
Während Smith ins Grübeln versunken war, hatte der Mann hinter dem Steuer ein Mobiltelefon gezückt und jemandem mitgeteilt, dass sie jetzt auf dem Weg ins Hotel waren. Dann hielt er seinem
Fahrgast das Gerät hin.
“Das Telefon soll ich Ihnen geben. Die wichtigsten Nummern sind eingespeichert. PIN-Code sind die ersten vier Stellen Ihrer Dienstnummer.”
“Eigentlich habe ich selbst ein Telefon”, war Smith überrascht nahm aber das kleine, dunkelrote Ding, das Merryweather ihm hinhielt.
“Keine Ahnung”, zuckte der mit den Schultern. “Wahrscheinlich geht es um die gespeicherten Nummern oder weil sich der Chef nicht Ihre Nummer auch noch merken will. Vielleicht wieder irgendeine
Sparmaßnahme von den Bürohengsten, damit Sie keine Auslandsgespräche führen. Oder einfach nur, weil es für unsere Techniker zu umständlich wäre Ihr Telefon auch noch anzuzapfen.”
Merryweather grinste und es sollte eigentlich ein Scherz sein, aber Smith war sich für einen kurzen Augenblick nicht so sicher. Zuviel war in den letzten Jahren geschehen. Und die Firma
misstraute allem und jedem. Auch und gerade den eigenen Leuten. Böse Zungen behaupteten sogar, die Agency wende inzwischen mehr Zeit auf um ihre eigenen Leute zu überwachen, als sie der
Aufklärung widmete.
Merryweather bog von der Straße in eine Art Zufahrt ab, vorbei an einer Fassade deren Stil Smith an die runden Türme erinnerte und hinunter in eine Tiefgarage. Als sich die Lifttüren öffneten und
die beiden Männer in die Halle des Hotels hinaus traten, machte Merryweather eine umfassende Handbewegung.
“Lassen Sie sich von all dem Marmor und Stuck hier nicht täuschen Smith. So hat man hier früher, zu des Kaisers Zeiten, Reitschulen gebaut. Aber”, setzte er sofort nach, als er die abweisende
Miene des jungen Agenten belustigt zur Kenntnis nahm, “ich kann Sie beruhigen, jetzt ist es tatsächlich ein Hotel für Menschen. Und es gehört zu Marriott Kette, weil Sie es sind.”
Ganz konnte er sich diese Spitze nicht verkneifen, dazu lebte er schon zu lange in Europa. Und ein wenig wehmütig dachte er daran, wie er selbst erstmals europäischen Boden betreten hatte. Voll
mit Illusionen, Vorurteilen und der festen Überzeugung, dem Rest der Welt nun Zivilisation und Sicherheit bringen zu können. Eigentlich war es noch gar nicht so lange her, grübelte Merryweather
während Smith sich an der Rezeption eintrug und seine Schlüsselkarte erhielt. Gerade mal ein paar Jahre, und trotzdem hatte sich so viel verändert.
Es sollte noch eine ganze Weile dauern, bis endlich das Gepäck auf dem Zimmer war und die beiden Männer sich wieder ungestört unterhalten konnten. Aber der kleine, dunkelhaarige Mann trat wortlos
an die Verbindungstür, klopfte kurz und öffnete das Nebenzimmer.
“Das sind Peter O‘Donald und Paul Rosenblad. Die beiden Marines stehen jederzeit zu Ihrer Verfügung. Ein stinkender Ire und ein schleimiger Jude, und wenn Sie herausfinden wer welcher ist, sagen
Sie es mir, denn ich kann sie nicht auseinander halten.”
“Zu Ihren Diensten – so wie dieser kleine, schmierige Itaker, der nie da ist, wenn man ihn braucht”, grinste einer der beiden, erhob sich dann aber schnell und salutierte zackig, was sich in
Jeans und Unterhemd ein wenig seltsam machte.
“Peter O’Donald. Nahkampfausbildung und Scharfschütze.”
“Paul Rosenblad – Nahkampfausbildung und Ihr Mann für Sprengstoffe aller Art”, folgte der andere.
Smith betrachtete die beiden stramm stehenden Soldaten einen Augenblick. Die muskelbepackten, riesigen Körper, die quadratischen Schädel mit dem blonden Bürstenhaarschnitt, die großen,
schwieligen Hände und er hätte im nächsten Augenblick beim besten Willen nicht mehr sagen können, wer nun welcher war. Zu ähnlich sahen sich die beiden. Der Gedanke drängte ihm durch den Kopf,
dass vielleicht doch etwas an dem Gerücht war, dass die Armee ihre Elitesoldaten klonte. Aber über solche Dinge wollte er sich keine Gedanken machen. Gerade er wusste es besser. Also gab er den
beiden Männern die Hand und ließ sie sich wieder setzen. Sie droschen vorher noch dem kleinen Merryweather auf die Schulter und forderten ihn auf endlich mal zu wachsen bevor sie sich wieder
ihren Zeitschriften und dem laufenden Fernseher zuwandten. Keiner der drei schien den rauhen Ton ernst zu nehmen und Smith fühlte sich in seine Zeit am College zurück versetzt, als diese Sprache
cool war und sich die wirklichen Probleme des Lebens noch auf die Beschaffung der drei Grundelemente beschränkten: Alkohol, Mädchen und die Fragen der nächsten Prüfung. Aber Merryweather zog ihn
aus dieser Vergangenheit erbarmungslos wieder zurück in sein Zimmer und öffnete die Aktentasche, die er aus dem Wagen mitgebracht hatte.
“Smith and Wesson, 45, Automatik. Zwei Magazine, ein Holster und ein Päckchen Patronen”, zählte er auf, legte dabei die Dinge auf den Tisch und sah zu wie Smith die Waffe in die Hand nahm und
sorgfältig überprüfte.
Die nächste Stunde verbrachten sie damit, dass Smith seine wenigen Sachen verstaute und sich kurz frisch machte. Merryweather ließ Kaffee kommen und beantwortete geduldig die Fragen des jungen
Agenten. Wobei sie den Grund seines Aufenthaltes aus ihren Themen aber bedachtsam ausklammerten.
Endlich dröhnte das kleine, dunkelrote Telefon auf dem Tisch und Merryweather nahm den Anruf sofort entgegen. Gleich darauf klopfte es verschwörerisch an der Tür und ein kleines, raubvogelartiges
Wesen huschte in das Zimmer. Sein Händedruck war schwammig und sein Blick hastete umher, als erwarte er, hinter jeder Ecke einen Attentäter zu entdecken.
“Verschwinden Sie Merryweather”, zischte er unfreundlich und der kleine Mann kam der Aufforderung blitzartig nach.
Smith setzte sich auf einen Stuhl und besah sich den Mann, der wie ein Schatten durch sein Zimmer huschte.
“Wir sind uns niemals begegnet Smith”, setzte der Mann schnell mit seiner krächzenden Stimme an. “Und wir werden uns auch nicht wieder begegnen. Diese ganze Aktion Brown findet offiziell nicht
statt. Ich kenne Sie nicht. Und Merryweather hat eigentlich Urlaub. So wie die beiden Marines. Nichts darf nach außen dringen! Wo Brown ist, das wissen wir nicht und ich persönlich will es auch
gar nicht wissen. Es ist mir wirklich egal, ob er zur Gegenseite übergelaufen ist oder sich selbständig gemacht hat, das hätten andere sich früher überlegen sollen. Aber die ...”, erschrocken
stockte er und sah über die Schulter, als könnte er einen Lauscher ertappen, “... aber die Firma ist der Meinung, dass dieses Problem beseitigt werden sollte.”
“Mit beseitigt meinen Sie ...”, unterbrach Smith den überhasteten Redefluss überrascht. Dieser Mann war ihm vom ersten Augenblick an unsympathisch gewesen und das hier machte es nicht besser.
Davon war keine Rede gewesen bei der Einsatzbesprechung, finden sollte er Brown. Nicht mehr.
“Mit beseitigt meine ich ein für alle mal beseitigt! Und je weniger meine Leute davon mitbekommen, um so besser. Wir wissen nicht, wo Brown ist, nur, dass er sich irgendwo in diesem Land aufhält.
Aber wir wissen inzwischen, dass er eine kleine Freundin hat, die für ihn Dinge erledigt. Ihr jüngerer Bruder lebt hier in Wien. Ein drogensüchtiger Kleinkrimineller. Zur Zeit sitzt er im
Gefängnis, alles weitere über ihn hat Merryweather. Was das Gefängnis angeht, da kann ich nichts für Sie tun, denn das ist keine offizielle Aktion. Ich kann und werde mich nicht einmischen. Aber
Ihre Auftraggeber erwarten, dass Sie Ihren Job schnell und vor allem gründlich erledigen.”
Nach einem vorsichtigen Blick in den Gang war der habichtgesichtige Schatten so unauffällig und leise verschwunden, wie er gekommen war. Smith blieb noch einen Augenblick wie betäubt auf seinem
Sessel sitzen, dann stand er auf, ging ins Bad und wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser. Nachdenklich betrachtete er das Bild in dem großen Spiegel. Beseitigen, endgültig beseitigen, dass
hieß töten. Nun, er hatte schon getötet, aber das war im Kampf geschehen, mehr oder weniger aus Notwehr. Aber einen Mann kaltblütig und vorsätzlich töten? Noch dazu einen der eigenen Leute?
Ausgerechnet Brown, der das Idol einer ganzen Generation junger Agenten war? Nun, es ging das Gerücht, Brown würde sich nicht mehr an die Regeln halten. Es hieß, er würde nur mehr tun, was er für
richtig hielt, aber niemand kannte Details. Für manche war Brown selbst nur eine Legende, erfunden nur zum Ansporn junger Agenten. Für Smith war er immer noch einer von ihnen. Da war ein
schwerer, eisiger Klumpen in seinem Magen, der seine Schultern nach vorne zog. Also straffte er sich und fuhr sich mit den noch feuchten Fingern durch die Haare. Erst einmal musste er ihn finden,
das schien für den Anfang schon aussichtslos genug zu sein. Bis dahin würde er schon klarer sehen, was hier eigentlich gespielt wurde.
Smith ging zurück ins Zimmer und holte Merryweather von den beiden Marines zurück. Und er wirkte so nachdenklich dabei, dass der kleine Mann keine Fragen stellte. Smith war sich immer irgendwie
bewusst gewesen, dass eine mächtige Hand sich schützend über ihn wölbte. Doch der habichtgesichtige Abgesandte dieser Macht hatte es geschafft, dass diese schützende Hand mit einem Mal eher einer
dunklen Wolke glich, die bedrohlich über den Dingen schwebte. Langsam griff er nach seiner Waffe und ließ sie unter der Jacke verschwinden. Nachdenklich sah er Merryweather an und atmete tief
durch. Doch bevor er das erste Wort aussprechen konnte läutete das kleine Telefon auf dem Tisch wieder. Die beiden Männer sahen sich überrascht an, Smith griff nach dem Telefon und zeigte dem
Kleinen die aufscheinende Nummer, doch der verzog nur das Gesicht und zuckte schweigend mit den Achseln, als könnte ihn der Anrufer hören. Neugierig nahm Smith den Anruf entgegen und die Stimme,
die aus dem Gerät dröhnte war männlich und geradezu eine Erholung nach dem Gekrächze des örtlichen Repräsentanten der CIA.
“Hallo Smith”, sagte der Mann und man hörte geradezu, wie er dabei grinste. “Ich hoffe Sie hatten einen guten Flug. Wenn Sie dann soweit sind, und ihr letztes Gespräch verdaut haben, dann sollten
wir uns unterhalten. Ich glaube, das wäre ziemlich angebracht. Wie wäre es, wenn ich Sie zur Begrüßung ihn Wien auf eine vernünftige Tasse Kaffee einlade?”
“Und wer sind sie?”
Jetzt dröhnte tatsächlich Lachen in sein Ohr.
“Sagen Sie Merry nur, wir treffen uns im Café Bräunerhof. Und nehmen Sie seine Reaktion nicht all zu ernst. Bis später, Mister Smith.”
Der junge Mann nahm das Telefon vom Ohr, betrachtete es einen Augenblick überrascht und ließ es dann in die Innentasche seine schwarzen Anzuges gleiten.
“Da wollte mich jemand auf eine Tasse Kaffee einladen”, erzählte er und Merryweather antwortete nicht, weil ihm der Mund offen blieb.
“Ich soll Ihnen sagen, er will mich in einem Café treffen. Brauner-irgendwas.”
“Café Bräunerhof?!”
Merryweather duckte sich, als er den Namen aussprach. Als Smith nickte, sackte der kleine Mann noch mehr in sich zusammen und schloss resigniert die Augen.
“Oh fucking shit! Nicht so schnell”, murmelte er dabei.
Das Kaffeehaus in der Bräunergasse der Wiener Innenstadt war an diesem frühen Abend nur schwach besucht. Langsam ließ der Ober von der Theke aus seinen Blick durch das Lokal gleiten und kraulte
dabei gedankenverloren seinen blonden Spitzbart. Drei Antiquitätenhändler saßen an einem Tisch und versuchten sich gegenseitig mit düsteren Zukunftsaussichten zu übertreffen. Vor den großen
Fenstern saß ein junges, italienisches Pärchen und zwei etwas verwahrlost wirkende Männer vom Typ Künstler schmökerten in Zeitungen. Vorne neben der Tür saß der Herr Bezirksrat und redete auf
seine Sekretärin ein, als übe er für eine Wahlversammlung und ein paar ältere Herren, allesamt Stammgäste, dösten hinter ihren Zeitungen. Auch ein paar Zufallsgäste waren da. Ganz hinten einer,
der oft kam aber wohl noch ein paar Jahre brauchen würde, bis er sich zu den Stammgästen zählen konnte. Ach ja, und eine junge, blonde Frau war noch da, zu der die Blicke des Obers viel zu oft
hin wanderten. Aber einen gestandenen Wiener Kaffeehausober konnte auch etwas so Süßes nicht so schnell aus der Ruhe bringen.
Zwei junge Männer kamen herein und sahen sich suchend um. Der erste relativ klein und modisch gekleidet, der andere mittelgroß und im schwarzem Anzug mit schwarzer Krawatte. Der Ober hätte
gewettet, dass die beiden gerade ihr Zwei-Mann-Unternehmen aus der Taufe gehoben hatten, der eine der Verkäufer und der andere ein Computerexperte. Aber diesmal versagte seine Menschenkenntnis,
denn diese beiden Männer marschierten zielstrebig durch das Lokal nach hinten zu dem einen, dem beleibten Mann, der noch kein Stammgast war.
“Guten Tag Oberst”, brummte Merryweather “schon lange nicht mehr gesehen.”
Der Oberst erlaubte sich ein Grinsen und schien seine graue Igelfrisur zu sträuben.
“Man sieht sich, so oft es nötig ist”, entgegnete er feixend. “Ich kann Sie ja nicht von Ihrer Arbeit abhalten Merry. Mister Smith.”
Der schlanke, junge Mann erwiderte die Begrüßung mit einem leichten Kopfnicken, hielt sich aber nach wie vor im Hintergrund.
“Und ich weiß ja, wie beschäftigt Sie sind Merry”, grinste der Oberst noch breiter. “Sie sind jetzt doch zuständig für den – wie nennt Ihr das – Ausbau des kulturellen Austausches zwischen den
USA und Österreich?”
Merryweather verzog das Gesicht, hielt es aber für klüger nicht zu antworten.
“Nun”, fuhr der Oberst fort und kratzte sich am Kinn, “bezüglich des Austausches wollte ich Sie eigentlich mit jemanden bekannt machen. Ich glaube, Sie kennen Frau Susanne Goldenberg noch
nicht.”
Dabei machte er eine Handbewegung zur Seite und die beiden Männer folgten mit ihren Blicken. Dort, ein paar Tische weiter sahen sie eine junge Frau mit schulterlangen, weizengoldblonden Locken,
die mit einem freundlichen Lächeln zu ihnen hersah. Merryweather sah die Einladung in ihren großen, meerblauen Augen, er sah den leichten Spott der Herausforderung um ihre vollen Lippen und er
konnte nicht vermeiden, schlucken zu müssen. Jetzt rückte sie auf der kleinen Bank zur Seite und zeigte so ein wenig mehr von ihrem perfekt geschwungenen Körper. Und Sie wippte einladend mit
ihrem Köpfchen. Mühsam schaffte er es, seinen Blick von ihr loszureißen und wieder den Oberst anzusehen. Der grinste jetzt noch breiter.
“Ich halte es für außerordentlich wichtig, dass Sie sich mit Fräulein Goldenberg bekannt machen Merryweather. Mister Smith kann sich ja solange ein wenig mit mir unterhalten.”
Merryweather wollte schon automatisch den ersten Schritt tun, doch wandte er sich trotzig noch einmal dem Oberst zu und meinte gezwungen scherzhaft: “Sie werden mich doch wohl nicht abwerben
wollen?”
Sehr zu seinem Erstaunen hörte der Oberst auf zu grinsen, rührte andächtig in seiner Tasse und sah dann auf.
“Ehrlich gesagt hatte ich das schon überlegt. Aber ich bin zu dem Schluß gekommen, dass Sie immer ein Amerikaner bleiben werden. Also ist es besser, jeder bleibt auf seiner Seite.”
Sie hatten ihr Gespräch in deutsch geführt, auch ein Grund dafür, dass Smith im Hintergrund blieb, jetzt aber wechselte der Oberst ins Englische, schien den kleinen, modischen Mann vergessen zu
haben und meinte: “Warum setzten Sie sich nicht Mister Smith.” Und, wieder auf deutsch, quer durch den Raum: “Eine Schale Gold für den jungen Mann”, um sich wieder Smith zuzuwenden: “Das
entspricht wohl am ehesten dem, was Sie an Kaffee gewohnt sind.”
Während Smith sich vorsichtig auf den Stuhl vor dem Marmortischchen setzte, marschierte Merryweather zielstrebig weiter. Und er nahm sich vor so viel wie möglich von diesem Gespräch zu hören. Das
konnte eigentlich nicht all zu schwer sein, denn der Oberst hatte eine dröhnende, tragende Stimme und Merryweather war brennend daran interessiert endlich mehr darüber zu erfahren, warum Langley
einen Spezialisten schicken musste. Und warum sein Chef daraus so ein offensichtliches Geheimnis machte. Das strahlende Lächeln eines Engels empfing ihn und hüllte ihn geradezu ein als er sich
setzte. Und obwohl es nur Blödsinn war, was sie miteinander schwatzten, so war es ihre Gegenwart, die ihn bereits nach wenigen Augenblicken vollständig gefangen nahm. Ihre warme, lebendige
Gegenwart, die besser ihren Zweck erfüllte als jede schalldichte Kabine.
Schweigend sah der Oberst zu den großen Fenstern hinaus, auf die kleine Gasse im trüben Licht des Abends, und ließ dem jungen Amerikaner Zeit sich umzusehen. Endlich meinte er, überraschend
leise: “Ich glaube, es ist nicht mehr notwendig, dass ich mich vorstelle. Dass hat Merryweather sicher schon erledigt. Und es ist auch nicht wirklich nötig, dass Sie sich vorstellen. Ich weiß
zwar nicht, welche Informationen Sie zu Ihrem Auftrag bekommen haben, aber ich kann mir vorstellen, was man Ihnen über mich gesagt hat. Ich kenne meinen Ruf. Ich gelte als schwierig und kaum
berechenbar, also werden Sie an einer Kooperation fürs Erste nicht sonderlich interessiert sein. Ich für meinen Teil, bin nicht sonderlich daran interessiert in die Machenschaften Ihrer ‚Firma‘
hinein gezogen zu werden. Sie sollten sich aber darüber im Klaren sein, dass Sie hier auf meinem Platz spielen. Das heißt, Sie werden nach unseren, nach meinen Regeln spielen. Und die besagen
unter anderem, das alles ruhig und ohne Aufsehen über die Bühne zu gehen hat. Zivilpersonen dürfen auf keinen Fall zu Schaden kommen. Sollten Sie sich nicht an diese Spielregeln halten – nun,
glauben Sie alle Gerüchte, die Sie über mich gehört haben!”
Der Ober stellte das kleine silberne Tablett mit Kaffee, Wasserglas und Schale mit Zuckerstückchen vor dem jungen Mann ab und nahm mit innerer Befriedigung zur Kenntnis, dass dieser, trotz aller
offensichtlichen Beherrschung, mehr als erstaunt war. Nicht, dass ihm der junge Mann nicht herzlich egal gewesen wäre. Aber der ältere Herr war eben fast so etwas wie ein Stammgast und das allein
war schon Grund genug dafür, sich über jeden seiner Triumphe zu freuen.
“Ich weiß nicht, was Sie meinen”, schluckte Smith, als der Ober verschwunden war, aber seine Stimme klang auch für seine eigenen Ohren falsch und strafte ihn Lügen. “Ich arbeite für die
International Trading Company und ich bin hier um Kunden zu besuchen.”
Der Oberst sah ihn kurz an und lächelte. Und es war keineswegs unfreundlich, dieses Lächeln.
“Sie sind noch jung, Smith. Und Sie glauben noch, was man Ihnen in Langley beigebracht hat. Ich habe auch nicht erwartet, dass Sie schon verstehen, wie die Wirklichkeit außerhalb Ihrer Heimat
aussieht. Darum akzeptiere ich was Sie sagen und frage auch nicht, warum ein Vertreter eines Handelsunternehmens von einem Agenten des CIA vom Flughafen abgeholt wird. Ich will nicht wissen, was
er mit den beiden bis an die Zähne bewaffneten US-Marines macht, die in seinem Hotel in Bereitschaft stehen. Und warum ihn der oberste Vertreter des CIA in diesem Land sofort nach seiner Ankunft
kontaktiert. Ich will das alles gar nicht wissen, denn mir ist klar, dass Sie mir darauf keine Antwort geben dürfen. Aber ich möchte, dass Sie verstehen, wie das Spiel in der Wirklichkeit
läuft.”
Gemächlich trank er einen Schluck von seinem Kaffee und betrachtete den jungen Mann vor sich mit einem mitleidigen, ja fast väterlichem Lächeln. Der aber starrte den riesigen Kerl an wie eine
Fabelfigur und schien nun völlig erstarrt zu sein.
“Wäre die Situation umgekehrt”, setzte der Oberst wieder an, “wären wir in den Vereinigten Staaten, dann würde dieses Lokal vor Special Agents wimmeln, ich würde am Boden liegen, die Hände auf
dem Rücken und mit der Aussicht nicht so schnell wieder frische Luft atmen zu können. Aber wir sind hier nicht in den Vereinigten Staaten, wir sind hier in einem freien Land!”
Den schlanken Mann durchfuhr es wie ein elektrischer Schlag. Der Bann war gebrochen und seine Augen blitzten vor Zorn.
“Ich glaube nicht, dass ich es nötig habe mir das anzuhören”, knurrte er, “wo ich doch ...”,
“... endlich wieder ins Leben zurück gekehrt bin”, lachte der Oberst und Smith schwieg ertappt.
“Nun gut”, hob der Oberst wieder an, rieb sich die Hände und setzte seinen massigen Körper in eine aufrechte Position wobei die Bank verdächtig knarrte.
“Wir haben ein gemeinsames Problem und das ist Brown.”
Smith wollte wieder etwas einwenden, aber dieser Einwand wurde mit einer Handbewegung weggewischt.
“Wir haben lange gebraucht, bis wir einen Kontakt zu ihm herstellen konnten und es war keineswegs einfach, denn der Kerl ist ein schlauer Fuchs. Dass unsere Drogenfahndung ausgerechnet den Mann
erwischen musste, der uns zu Brown führen kann ist dumm. Aber kein Nachteil, wo nicht auch ein Vorteil wäre. Merryweather kann Ihnen sagen wo er einsitzt. Ich für meinen Teil habe dafür gesorgt,
dass Sie ihn jederzeit besuchen können ohne das jemand Fragen stellt. Außerdem wird er in drei Tagen entlassen. So haben Sie Zeit ihn zwei Tage lang in die Mangel zu nehmen und spätestens
übermorgen wird er bereit sein Ihnen zuzuhören. Und alles zu tun, damit er wieder aus dem Gefängnis kann um sich seinen Stoff zu besorgen.”
“Er weiß nicht, dass er wieder entlassen wird?”
Smith Gehirn arbeitete nun fieberhaft und jetzt verstand er Merryweathers Reaktion. Und dessen Aussage, dass man sich mit diesem Mann besser gut stellen sollte. Nun, wenn seine Tarnung schon so
schlecht war, dann war es besser diesen Mann zum Verbündeten zu haben. Auch wenn ihm dessen väterliches Gehabe ordentlich gegen den Strich ging.
“Natürlich weiß er nicht, dass er entlassen wird”, antwortete der Oberst, “dann wäre ja die ganz Überraschung dahin. Allerdings haben wir uns seine Wohnung vorgenommen und alles beschlagnahmt,
was wir darin gefunden haben. Das heißt, unser Mann sitzt auf dem Trockenen.”
“Und muss jemand um Hilfe ersuchen. Zum Beispiel seine Schwester, die wieder für Brown arbeitet.”
“Wenn er nicht einen neuen Freund findet.”
Nachdenklich zupfte Smith an seiner Krawatte herum und beobachtete nachdenklich den ungeschlachten Kerl gegenüber der eben behutsam den letzten Rest Kaffee schlürfte. Schnell versuchte er die
neue Situation einzuschätzen und befand, dass sie schlechter sein könnte. Seinen eigenen Kaffee hatte er noch nicht angerührt.
“Helfen Sie mir eines zu verstehen, Colonel, wenn ...”
“Oberst. Man nennt mich den Oberst”, unterbrach der ohne aufzusehen und brachte Smith ein wenig aus dem Konzept.
“Also ‚Oughburst‘ wenn Sie Brown los werden wollen und eine Spur zu ihm haben, warum haben Sie es noch nicht selbst erledigt?”
Lange sahen sie sich an und dem jungen Mann wurde fast ein wenig mulmig, aber dann war da wieder dieses Lächeln. Nur wirkte es diesmal zynischer.
“Überlegen Sie doch mal, was in Browns Personalakte steht”, forderte der Oberst und Smith runzelte ein wenig seine Stirn, antwortete aber nicht. Darum ätzte der Oberst nach einer kleinen Pause:
“Oder kennen Sie die gar nicht? Hat man Ihnen vielleicht erzählt, diese Akte läge unter Verschluss? Ich kann Ihnen sagen, es existiert keine Personalakte von Jim Brown. Zumindest nicht mehr! Das
ist auch ein Grund dafür, warum euer Chef hier vor Ort so aus dem Häuschen ist. Ich gehe davon aus, Sie haben den Auftrag Brown zu liquidieren. Und ich wette, dass weder Merryweather noch sonst
irgendjemand dabei erfahren darf, wer die Zielperson wirklich ist. Brown war einer der Topagenten des CIA – und er existiert nicht! Offiziell gibt es ihn nicht. Keine Personalakte, keine
Gehaltszahlungen, kein Führungsoffizier. Wenn Sie mich fragen, dann bekommt er seine Anweisungen von ziemlich weit oben.”
“Wie – wie meinen Sie das?”, entfuhr es dem jungen Mann der jetzt mehr als hellhörig war.
“Nein, nein. Nicht von ganz oben”, winkte der Oberst ab. “Präsidenten kommen und gehen. Und jeder meint von der Vorsehung eine Aufgabe erhalten zu haben. Dabei sind sie nichts anderes als
Marionetten, manche unter der Hand, manche von Berufs wegen. Manche von ihren Frauen getrieben, manche Adrenalinjunkies. Und manche whiskysüchtige Jesusfreaks. Damit ist jeder Präsident höchstens
ein Risikofaktor. Mit Brown verhält sich die Sache anders. Irgend etwas an ihm ist faul. Oberfaul. Wie sagt ihr so schön – das riecht nach gequirlter Bullenscheisse!”
Smith starrte ihn mit großen Augen an und konnte nicht fassen, dass jemand der kein Amerikaner war so von seinem Land sprach. Und, dass er es ihm erlaubte.
“Aber, ob Brown jetzt was Besonderes ist oder nicht”, setzte der Oberst fort, “er ist immer noch einer von euren Leuten. Dass heißt, wenn wir ihn anfassen, dann haben wir 24 Stunden später einen
Flugzeugträger auf der Donau und zwei Armeen Ledernacken durchkämmen Wien auf der Suche nach Terroristen, Geheiminformationen und Massenvernichtungswaffen. Egal, ob ihr ihn nun loswerden wolltet
oder nicht.”
Smith erhob sich langsam und strich nachdenklich über die Aufschläge seiner Jacke.
“Also ich kann mit Ihrer Unterstützung aber nicht mit Ihrer Hilfe rechnen.”
“Als Agent einer Regierung, die meint alles diktieren zu können, sollten sie höchstens mit Misstrauen rechnen”, entgegnete der Oberst trocken. “Aber Sie können auch damit rechnen, dass ich alles
tun werde, was meinen Interessen dienlich ist.”
Er machte eine kleine Pause und sah, dass Smith leise nickte.
“Damit wir uns richtig verstehen Smith - sollten Sie Scheiße bauen, sollte irgend jemand zu Schaden kommen, der nichts mit dieser Sache zu tun hat, dann reiß ich Ihren Arsch auf, dass Sie Europa
nie wieder freiwillig betreten. Ihnen, ihrem Flugzeugträger und ihren beiden Armeen!”
Es hatte einiger Energie bedurft um Merryweather von dem goldblonden Engel loszueisen. Und auch das war einer der Gründe, warum Smith missmutig und schweigend neben dem kleinen, dunkelhaarigen
Mann einher trottete. Merryweather hatte zwar nichts von dem Gespräch der beiden Männer mitbekommen, aber er war hellhörig genug gewesen um zwischen den Zeilen der jungen Frau zu lesen. So wusste
er jetzt, dass sie schon länger für den Oberst arbeitete und dass dieser sehr an Smith interessiert war und alles in die Wege leiten würde um ihm zu helfen. Aber was und wen dieser Auftrag
betraf, dass wusste er noch immer nicht. Nur war er sich klar darüber geworden, dass das nicht mehr die übliche Geheimniskrämerei war. Und wenn es etwas gab, dass Merryweather wirklich hasste,
dann war das, wenn man ihn nicht für voll nahm und wie einen Laufburschen behandelte.
“Wie wäre es eigentlich mit was zu essen?”, fragte er ein wenig zu aufgeräumt aber Smith tauchte nur langsam aus den trüben Tümpeln seiner Gedanken auf und bemerkte nichts von dem Stimmungswandel
des klein gewachsenen Mannes.
“Und was isst man hier?”
“Landestypische Spezialitäten wären etwa gedünstete Lunge oder gekochtes Rindfleisch”, grinste Merryweather und weidete sich an dem erschrockenen und angeekelten Gesicht des jungen Amerikaners.
Smith war stehen geblieben und starrte ihn mit einem Anflug echter Verzweiflung an.
“Und so etwas essen die Leute hier?!”
“Selten”, feixte Merryweather, “aber ich kann Sie beruhigen. Hier um die Ecke ist ein McDonalds und etwas weiter vorne, bei der Oper, ein ausgezeichnetes argentinisches Steakhouse.”
Nachdem die beiden jungen Männer das Kaffeehaus verlassen hatten ließ der Ober von der Theke aus den Blick wieder durch sein Lokal schweifen und entschied für sich, dass dieser Tag mehr oder
weniger gelaufen war. Draußen, vor den großen Fenstern waren die Straßenlampen aufgeflammt. Die ewig jammernden Antiquitätenhändler wollten zahlen und würden, wieder einmal, beschließen, dass man
sich das Kaffeehaus auch nicht mehr leisten konnte. Wo doch alles teurer wurde. Das junge italienische Pärchen war schon lange weg und von den noch anwesenden Gästen machte keiner Anstalten für
eine größere Bestellung. Aus den Augenwinkeln sah er einen der Gäste seine Zeitung zusammenfalten und aufstehen. Langsam erhob sich die Gestalt und für einen Augenblick war es, als würde ein
großer dunkler Schatten auf das Lokal fallen. Aber der große Mann ging still nach hinten, lächelte dem goldblonden Engel zu und setzte sich ohne zu fragen zu dem massigen Mann mit der grauen
Igelfrisur. Schweigend saßen die beiden für einen Augenblick, als der dunkle Mann einen unscheinbaren Knopf aus dem Ohr nahm und samt Kabel und einem kleinen, silbernen Gerät vor sich auf den
Tisch legte. Nachdenklich rollte er das Kabel ein, drapierte es fein säuberlich auf dem Gerät und schob alles von sich weg.
“Nun, welche Laus ist dir über die Leber gelaufen?”, fragte der Oberst leise.
Karl Meixner sah auf und den Oberst lange an.
“Ich schätze, die gleich wie dir”, kam dann endlich die Antwort.
“Du hast recht”, nickte der Oberst. “Die Sache stinkt zum Himmel. Und zwar nicht nur Brown. Dieser Smith ebenso!”
“Da haben die Amis also Brown. Einen absoluten Topagenten, einen Vollprofi, Bester der Besten, Stolz der Nation”, zählte Meixner auf. “Und der tanzt eines Tages offensichtlich aus der Reihe. Aus
welchem Grund auch immer. Also schicken sie jemanden um ihn leise und unauffällig zu beseitigen.”
“Aber wen schicken Sie? Einen Frischling der noch nicht mal trocken hinter den Ohren ist! Einen von der Sorte, von der Brown zehn zum Frühstück verspeist”, ergänzte der Oberst.
Schweigend saßen sie nebeneinander und jeder hing seinen Gedanken nach. Irgendwann verabschiedete sich Susanne Goldenberg, irgendwann nahm der Ober eine neue Bestellung entgegen und brachte ihnen
schweigend das Gewünschte. Die Lichter im Lokal durchbrachen das Zwielicht und draußen auf der Straße wurde es allmählich wirklich dunkel. Endlich tauchte der Oberst aus dem Schweigen auf.
“Smith ist nur ein Bauernopfer.”
Verwundert sah ihn Meixner an und kratzte sich hinterm Ohr.
“Du meinst, die wollen Brown gar nicht loswerden?”
“Ja. Ja, das ist es!”, begeisterte sich der massige Mann für seine Idee, dass die Bank wieder bedenklich knarrte. “Sie können Brown zwar nicht mehr kontrollieren, aber er ist wahrscheinlich nach
wie vor überzeugt von der gottgewollten Führungsrolle der USA. Und sich selbst hält er für deren Vollstrecker. Das heißt, er arbeitet immer noch in ihrem Sinne. Wahrscheinlich war ihm Washington
zu lahmarschig bei der Durchsetzung seiner Ideale. Wie auch immer, er verfolgt immer noch die ihrer Meinung richtigen Ideale. Aus diesem Grund meinen sie wohl, ihn zumindest noch immer
manipulieren zu können. Aber sie wollen keine Verantwortung mehr für seine Taten übernehmen.”
“Also schicken sie jemanden, der ihn unschädlich machen soll”, führte Meixner nachdenklich weiter aus. “Dafür wählen sie aber jemanden aus, der eigentlich kaum Chancen hat. Sollte er es trotzdem
schaffen haben sie eine neue Nummer Eins. Schafft er es nicht, ist es für ihre Pläne leichter, auf Smith zu verzichten als auf Brown. Und wenn jemand schreit, dann können sie darauf verweisen,
dass sie ja versucht hätten, Brown zu stoppen. Das alles klingt ziemlich verrückt!”
“Aber nicht verrückt genug um unglaubwürdig zu sein.”
“Verlassen sie sich vielleicht darauf, dass wir Smith helfen und Brown für sie beseitigen, damit die Schuld nicht auf sie fällt?"
Der Oberst schüttelte den Kopf.
“Das wäre logisch, ist aber absolut nicht die Art der Amerikaner. Die trauen nur sich selbst. Oder auch da nur mehr ihrer eigenen Dienststelle. Wenn überhaupt.”
Darauf gab Karl Meixner keine Antwort mehr.
Scheppernd schlug die Stahltür ins Schloss und mit einem quietschenden Geräusch wurde der Schlüssel herum gedreht.
Smith fühlte ein leichtes Prickeln zwischen seinen Schulterblättern. Irgend eine verdrängte Erinnerung aus seiner frühesten Jugend schrie gequält auf. Er hasste dieses Geräusch, dieses Gefühl in
einem Raum mit versperrter Tür zu sein. Aber genau das war nun mal der Sinn dieses mächtigen Gebäudes am Rande der Wiener Innenstadt, das die Wiener nicht ohne Grund das Graue Haus nannten. Wie
der Oberst es versprochen hatte wurde ihm der Gefangene gebracht. Und niemand stellte Fragen, wenngleich er in den Augen der Wärter genug davon sah. Über die Vorgehensweise, über sich selbst und
über den Oberst, der das alles veranlasst hatte. Doch niemand wagte es, diese Fragen zu stellen. Für Smith ein Beweis dafür, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte.
“We‘re ought to talk a litte bit”, meinte Smith beiläufig, nahm sich einen Stuhl und setzte sich gegenüber an den Tisch. Grau wie das Haus, eingefallen und irgendwie zerknittert wirkte der Kerl.
Mit verkniffenen Lippen und unsteten Augen, in sich geduckt, als würde er jederzeit Prügel erwarten, so saß er da und starrte von einem zum anderen. Auf ein kurzes Nicken von Smith löste sich der
kleine Mann von der Mauer neben der Tür, steckte das Mikrophon aus, dass am Tisch befestigt war und verschwand wieder im Hintergrund. Da wurden die Augen in dem grauen Gesicht noch größer.
“You – not Police?” versuchte er in Englisch zu radebrechen und verursachte damit ein verächtliches Zucken um Smiths Mundwinkel. Da war es wieder, sein großes Problem wenn er das verließ, was für
ihn die Grenzen der Zivilisation waren. Warum konnten sich die Menschen nicht endlich angewöhnen eine ordentliche Sprache zu sprechen? Irgendwie war es ihm immer ein wenig peinlich die Leute
darauf hinweisen zu müssen, dass alles was die Zivilisation ausmachte aus den USA kam. Und dass die Menschen es nur der Stärke seiner Nation verdankten, dass diese Welt nicht in Chaos und
Anarchie versank. Ein bisschen Dankbarkeit hätte man da schon erwarten dürfen. Zumindest soviel, dass sie sich die Mühe machten eine normale, eine menschliche Sprache zu erlernen.
Aber Smith unterdrückte den aufkeimenden Zorn schnell und versuchte dem angestrengt lauschenden Mann in einfachen Worten zu erklären, dass er sich in einer ziemlich dummen Situation befand. Eine
leichte Übung, denn soweit war der Mann mit dem eingefallenen Gesicht auch schon allein in seiner Zelle gekommen. Jetzt aber hellte sich sein Gesicht auf und ein fremder, gieriger Glanz trat in
seine Augen.
“You can bring me some dope – some brown?”, flüsterte er hastig und Smith sah ihn eine ganze Weile an, als müsste er überlegen. Trotz seiner Jugend wirkte der Agent im schwarzen Anzug kalt, glatt
und gefährlich. Dann schüttelte er scheinbar willkürlich und grausam den Kopf.
“No”, war seine Antwort. “But maybe I’ll see to get ya out of here.”
Krampler, der Mann in der grauen Sträflingskleidung, benötigte einige Sekunden bis er den Sinn der Worte verstanden hatte. Und als er verstanden hatte, begann er zu jammern. Dann drohte er und
irgendwann rutschte er ins Flennen ab. Da das Ganze mehrheitlich in Deutsch geschah konnte es Smith jedenfalls unbeachtet vorüber gehen lassen. Aber auch wenn er den genauen Sinn der Worte nicht
verstand, die Reaktion war ihm nicht neu. Endlich hörte Krampler auf sich hin und her zu winden wie ein gestrandeter Fisch und gegen den Tisch zu schlagen. Verschlagen hob er den Kopf und
funkelte Smith von unten herauf heimtückisch aus seinen geröteten Augen an.
“Make a deal?”
Smith erlaubte sich ein freundliches Lächeln und tat so, als wäre ihm diese Idee noch gar nicht gekommen: “Nice idea. Why not.”
“You bring me some brown?”
Die aufkeimende Hoffnung richtete den ausgemergelten Mann wieder auf, doch Smith schüttelte den Kopf. Dafür erhob er sich langsam und lehnte sich weit über den Tisch.
“I get ya out here. An‘ya – bring me in contact with some body.”
Krampler schluckte schwer, er hatte verstanden, dass er nichts bekommen würde, dass er für seine Freiheit eine Gegenleistung zu erbringen hatte und er war damit nicht zufrieden. Aber er sah, dass
er keine Wahl hatte.
“Wer?”
“Your sister.”
Die Überraschung und Ablehnung in seinem Gesicht war nur zu deutlich aber Smith fesselte sofort seine Aufmerksamkeit indem er einen Finger hob und dicht vor das graue Gesicht brachte.
“I‘m lookin‘ for someone an‘ she might know him. So we first have t‘talk to her. But she is hard to find – an‘ we are friends! W’are not the police!”
Für einen Mann wie Krampler gab es nichts schlimmeres als die Polizei und er verstand zumindest, dass er sich so seinen Weg in die Freiheit erkaufen konnte. Als wenn ihm die Freiheit nicht egal
gewesen wäre. Liebend gerne wäre er sogar in seiner stickigen Zelle geblieben, wenn die Versorgung besser gewesen wäre. Aber sie hatten ein Auge auf ihn und so versickerten auch die geheimsten
Quellen.
Fürs erste, dachte er bei sich mit einem verschlagenen Grinsen. Und machte sich weiter keine Gedanken, was diese Männer von seiner Schwester wollten.
Smith hatte sich vor seinem Hotel absetzen lassen und wenig zaghaft angedeutet, dass er seine Ruhe wünschte. Für einen kurzen Augenblick war in Merryweather der Verdacht gekeimt, Smith hatte
etwas vor von dem er wieder einmal nichts wissen durfte. Aber dieser Verdacht war schnell verschwunden. Merryweather zweifelte keinen Augenblick daran, dass er schon dahinter kommen würde, was da
gespielt wurde. Man durfte nur nicht ungeduldig werden. Und Merryweather war so geduldig wie hartnäckig.
Morgen würden sie diesen Krampler noch einmal im Gefängnis besuchen. Dann würde er um vieles zugänglicher sein als er heute schon gewesen war, überlegte Merryweather als er den Wagen nur wenige
Minuten später in eine Parklücke zwängte und freudlos vor sich hin lächelte. Noch einmal 24 Stunden Entzug waren schlimmer als jedes Verhör. Morgen würde Krampler sehr viel zugänglicher
sein.
Möglicherweise war es sogar die Idee des Obersts gewesen, ihn verhaften zu lassen. Es wäre ihm zuzutrauen.
Merryweather bog um eine Ecke und schlenderte entlang dunkler, alter Häusern. Und er wurde sich wieder einmal bewusst, dass er in der Nacht allein durch einen Bezirk ging, der nicht einer der
besten Wiens war - und dass er sich nichts dabei dachte, weil es nichts zu bedenken gab. Er war in einer der größeren Städte des Mittelwestens aufgewachsen und verwundert dachte er daran zurück,
dass ihm so etwas dort niemals eingefallen wäre. Tatsächlich war sogar sein Schulbus jahrelang einen Umweg gefahren um einem bestimmten Viertel auszuweichen. Eines der Dinge, die Merryweather
erst sehr viel später in Europa bewusst wurden.
Viele der Fenster rund um ihn waren dunkel verstaubt und einige der Läden schienen ihre Rollbalken schon vor Jahren geschlossen zu haben. Manche der Scheiben waren eingeschlagen und verklebt.
Graffiti und alte Plakate waren die einzigen Anzeichen dafür, dass hinter dem Dunkel der Nacht auch noch Menschen lebten. So gut auch die Wirtschaft dieses Landes dastehen mochte, für die Kleinen
wurde es immer schwieriger über die Runden zu kommen. Die dauernden Kriege irgendwo auf der Welt waren den Exporten nicht zuträglich und hielten die Flüchtlingsströme am fließen. Und auch der
wirtschaftliche Druck der US-Regierung gegen ihre Konkurrenz, die sie Handelspartner nannte, tat ein übriges. Druck wurde immer nach unten weiter gegeben, bis die kleinen Gewerbetreibenden, die
einfachen Arbeiter kapitulierten. Natürlich waren das nicht die einzigen Probleme mit denen die Menschen hier zu kämpfen hatten. Kleine Politiker und Behörden konnte man hier genauso kaufen wie
überall anders in der Welt. Kriminalität und soziale Probleme füllten die Tageszeitungen. Aber diese Menschen schienen die USA dafür verantwortlich zu machen. Oft genug bemerkte er, dass sie
unbewusst auf Distanz zu ihm gingen, wenn sie wussten wer er war. Die, die es nicht besser wussten, und die, die es besser wussten erst recht. Oder lag es eher daran, dass er es selbst immer
deutlicher wahrnahm, da auch sein Glaube an die gottgewollte Führungsrolle der USA keineswegs mehr so stark war, wie am Anfang seiner Mission. In Gedanken düsterer Art versunken ging er die
stille Straße hinunter. Vor ihm leuchtete die grüne altertümliche Holzfassade eines Geschäftes. Frisch gestrichen und hell beleuchtet.
Als Merryweather eintrat bemerkte er, dass von dem Geschäft nur die alte Fassade geblieben war. Die Bar, etwas unter dem Straßenniveau, war klein, vielleicht nicht mehr ganz neu aber gepflegt,
gemütlich und einladend. Die Musik gedämpft und angenehm. Reihen unzähliger Flaschen in Glasregalen funkelten ihm in allen Farben entgegen, der Mann hinter der Theke nickte ihm zu und polierte
weiter an einem Glas.
Zwei Leute saßen an der Bar die entlang der Fensterfront verlief und quer dazu, unter einem großen Spiegel, warteten ein paar kleine Tischchen an einer Lederbank. Dort, ganz am Ende im Eck, saß
ein hagerer Mann mit Schnauzbart und sanft geschwungener Pfeife und besah sich den Ankömmling genau aber ohne Interesse.
Merryweather ging an dem Mann und der Bar vorbei in einen kleinen Nebenraum in dem einladende Ledersessel rund um ein paar niedrige Tische standen. Unter dem Durchgang blieb er für einen
Augenblick stehen, blickte sich um und bemerkte die beiden Männer gerade voraus und er sah sie. Im Eck saß die junge Frau, allein an einem Tisch. Entspannt in dem weichen Sessel zurückgelehnt
hielt sie ihr Glas in der Hand, lauschte der Musik und sah ihn an. Überrascht legte sie den Kopf ein wenig schief, so dass ihre goldblonden Locken wie ein Wasserfall über ihre Schultern fielen.
Aber ihre Augen blieben kalt.
Nur zwei Schritte waren es bis zu ihrem Tisch.
“Darf ich?”, fragte er, aber sie sah ihn noch immer nur an und war sich unschlüssig.
Da legte er mit einer pompösen Geste die Hand aufs Herz und grinste: “Privat. Versprochen!”
Ihre Augen wurden eine Spur wärmer aber ihr Lächeln blieb unverbindlich. Doch sie machte eine kleine, einladende Handbewegung.
Merryweather ließ sich in den weichen Ledersessel sinken und streckte die Beine von sich. Unbewusst schloss er für einen Moment die Augen und atmete tief aus. Selbst überrascht von der Wirkung,
die diese Atmosphäre auf ihn hatte, wollte er sich entschuldigen, aber jetzt lächelte sie ihn wirklich an.
“Müde von der Jagd?”, wollte sie wissen und statt einer Antwort atmete er noch einmal tief durch und machte eine vage Bewegung.
“Wieso eigentlich Hamburg?”, fragte er dann doch und sah sich noch einmal genauer um. Sie lachte jetzt sogar kurz auf und zuckte verschwörerisch mit den zarten Schultern.
“Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie diese Bar zu dem Namen bekommen ist. Vielleicht, weil ein paar Bilder über die Seefahrt hier hängen?”
Merryweather besah sich den großen Ölschinken mit dem Ozeandampfer an der anderen Wand noch einmal ohne mehr zu entdecken als zuvor.
“Sicherlich könnte Ihnen Julius diese Frage beantworten”, fuhr sie fort. “Aber der hüllt sich wie immer vornehm in Schweigen.” Dabei sah sie auf und lächelte den Mann mit Fliege und Weste an, der
eben an ihren Tisch trat und ihm eine Karte reichen wollte. Aber sie schnappte sich die Karte vor ihm.
“Lieber Julius, unser Freund kommt aus dem amerikanischen Mittelwesten und hätte sicher gerne einen ordentlichen Kentucky-Bourbon”, feixte sie und selbst bei dem schummrigen Licht sah man, wie
Merryweather bleich wurde.
“Alles trinke ich”, hauchte der. “Alles, was ihr wollt, aber keinen Maiswhisky!”
“Ich hätte auch einen 12jährigen Glenmorangie, Single Malt. Oder einen 18jährigen Macallan. Oder einen Cragganmore, einen Glenforres und einen Lagavulin, der ist sehr rauchig und ...”
Merryweather winkte überwältigt ab.
“Wenn ich Whiskytrinker wäre, dann wäre ich jetzt wahrscheinlich im Himmel. Aber ich habe stattdessen eine dumme Frage. Haben Sie einen Pastis? So einen Echten, wie sie jetzt wieder in Polen
hergestellt werden, mit Zucker oben ...”
Er machte Handbewegungen als würde er Ball spielen aber der Mann mit der bunten Fliege hob nur unmerklich eine Augenbraue und lächelte leise.
“Ein polnischer Absinth mit flambiertem Zucker. Kommt sofort.”
Nachdenklich sah Merryweather dem Mann nach und wandte sich dann wieder an die junge Frau.
“Allmählich fange ich an zu verstehen, warum Sie hierher kommen.”
Das kleine Lächeln verschwand aus ihren Augen eben so schnell wie es gekommen war. Sie nippte an ihrem Glas und stellte es hart auf.
“So viel zum Thema Zufall”, meinte sie trocken. Er aber grinste sie breit und schelmisch an.
“Ich habe niemals etwas von Zufall gesagt”, verteidigte er sich lebhaft. “Ich habe nur gesagt, dass es nichts Dienstliches ist!”
Der Mann mit der Fliege stellte das hohe, schlanke Glas ab und die beiden betrachteten fasziniert die bunten Flämmchen um den kleinen Zuckerkegel der darüber quer auf einer Metallschiene lag und
langsam hinunter in die grünliche Flüssigkeit tropfte.
Gemächlich lehnte sie sich weich zurück, den blühenden Körper einladend in dem dunklen Leder drapiert und war sich ihrer Wirkung vollkommen bewusst. Unter halb geschlossenen Lidern, durch die
langen, dunklen Wimpern begutachtete sie den Mann vor sich und der sah offen zurück. Er hatte nichts zu verbergen denn er war sich darüber klar geworden, dass man auch in seinem Geschäft mit
Offenheit mehr erreichen konnte als mit den verwinkeltesten Schachzügen. Unter Menschen ist die Wahrheit, wird sie im richtigen Moment angewandt, oft die größte List.
Das Brennen in seiner Kehle löste ein kurzes Schütteln aus und den Satz von seiner Zunge: “Es ist ein beschissenes Gefühl, wenn man weiß, dass man ein Bauer ist, aber nicht, welches Spiel
gespielt wird.”
Sie antwortete nicht, aber sie sah ihn nachdenklich an.
“Jedenfalls”, fuhr er fort, “würde es mich wirklich interessieren, ob wir zusammen spielen oder ob wir irgendwann übereinander herfallen und uns schlagen müssen.”
Noch immer schwieg sie und nippte an ihrem Glas. Auch noch, als er ein klein wenig dreckig grinsend hinzu fügte: “Das miteinander spielen, ja auch das ‚übereinander herfallen‘ kann ich mir
eigentlich schon vorstellen, aber alles andere würde mir echte Probleme bereiten.”
Jetzt endlich lächelte sie zurück und nickte leise.
“So, so. Das ‚übereinander herfallen‘ kann er sich vorstellen!” lachte sie. “Nun, soweit ich diese Sache übersehe ziehen wir am gleichen Strang, aber wer weiß schon wirklich, was unsere
Dienststellen vorhaben.”
“Manchmal glaube ich, dass wissen sie nicht einmal selbst.”
“Wird das jetzt das, was man bei euch unter einem ‚unerlaubtem Kontakt‘ versteht?”
“Tun Sie immer nur das, was Ihnen befohlen wird?”
“Und was ist mit Ihnen?”
Merryweather stürzte den Rest in seinem Glas hinunter und fühlte wie sich eine feurige Wärme in seinem Magen ausbreitete.
“Früher nannte man das Zeug ‚die grüne Fee‘. Es soll süchtig gemacht haben, man soll halluziniert haben und all das Zeug.”
“Darum war es eben auch verboten”, setzte sie hinzu.
Nachdenklich betrachtete Merryweather die letzten Tropfen der grünlichen Flüssigkeit die in seinem Glas zusammen liefen.
“Und dann ist, wie meist bei solchen Dingen, jemand gekommen, der hat all das Gefährliche und Anregende aus dem Zeug heraus gefiltert, hat es sauber und einfach gemacht und verkauft es jetzt
wieder. Mit dem Image von damals, aber gereinigt und gefahrlos.”
Da war ein Klang in seiner Stimme, der sie tiefer berührte als alle Beteuerungen, die er jemals hätte abgeben können. Tiefer, als sie sich selbst eingestehen konnte. Darum stichelte sie
spöttisch: “Ach ja, man muss gefährlich leben um ein echter Mann zu sein. Heiß, schnell und wahrscheinlich auch kurz.”
Merryweather sah auf, aber er schien durch ihren aufgesetzten Spott nicht beeindruckt zu sein. Lange sah er sie an. Ohne zu lächeln, doch auch nicht durchdringend.
“Ist unser Leben nicht kurz genug”, kam es endlich leise über seine Lippen. “So oder so. Sag mir einen Grund, warum man es dann nicht genießen soll. Sag mir, worauf wir warten?”
Voll schwerer Müdigkeit legte sie ihren Kopf auf seine Schulter und kuschelte sich an ihn. Ihre blonden, jetzt zerzausten Locken kitzelten seine Nase und ihre schlanken Finger zeichneten langsam
die Formen seiner Brust nach. Er war nicht sonderlich muskulös aber ganz gut im Training. Und er war größer als er manchmal wirkte. Jedenfalls war er größer, als sie erwartet hatte. Auch jetzt
noch, als er erschöpft und verschwitzt dalag und sie in seinem Arm hielt. Mehr automatisch streichelte seine Hand ihre Hüfte, immer wieder aufs neue fasziniert von der seidigen Weichheit ihrer
Haut. Er wurde sich darüber klar, dass eine derartige Perfektion als Liebhaberin nur mehr wenig mit Instinkt oder Naturtalent zu tun hatte. Diese Frau hatte sich die Fähigkeit erworben einen Mann
so zu umgarnen, dass sie ihn hörig machen konnte. Aber das war nur einer der viele Gedanken, die durch seinen Kopf rasten. So zerschlagen und ausgelaugt er sich auch fühlte, sein Kopf gab keine
Ruhe. Immer wieder tauchten neue Gedanken auf. Zerplatzten wie Seifenblasen, um dann in neuen Farben und Formen aus einer anderen Ecke wieder aufzutauchen.
Sie fühlte seine Unruhe, bohrte den Finger in seinen Bauchnabel und fragte: “Woran denkst du?”
“Das willst du nicht wissen”, antwortete er aus weiter Ferne.
Trotzig bohrte sie weiter und schmollte: “Ich bin alt genug um zu wissen, was ich wissen möchte!”
Er wandte den Kopf und sie erkannte in seinem Blick, dass sie vielleicht doch nicht wissen wollte, was da eben war. Trotzdem forderte sie: “Na komm, sag schon.”
Er sah sie an, zog ihren Finger aus seinem Nabel und hielt ihn fest.
“Ich habe mich eben gefragt, warum Karl Meixner in dem Café war.”
Es war eine Feststellung, keine Frage. Sie vergrub ihr Gesicht wieder an seiner Schulter und er war schon hundert Gedanken weiter, als sie murmelte: “Ich weiß es nicht. Mein Auftrag war, dich von
dem Gespräch zwischen Smith und dem Oberst abzulenken. Was Meixner dort gemacht hat, ich weiß es nicht. Seit der Geschichte vor einem Jahr ist er ja offensichtlich zu so etwas wie einer
Berühmtheit geworden. Was meint Smith dazu?”
Merryweather blinzelte überrascht und grinste dann ein wenig verlegen vor sich hin.
“Ups! Ich fürchte, ich habe vergessen Smith von dieser Beobachtung zu erzählen. Er erzählt mir ja auch nicht alles was er weiß. Warum sollte also ich? Außerdem bin ich mir gar nicht sicher, ob
das überhaupt was mit uns zu tun hat. Vielleicht war er nur zufällig dort. Vielleicht wollte er selbst etwas vom Oberst. Wer weiß?”
“Offiziell ist er noch nicht wieder im Dienst. Manche Leute sagen, dass er überhaupt nicht mehr zurück kommt. Er hat sich sehr verändert seit seinem Unfall. Oder was immer das war, damals.”
“Du meinst die Geschichte in dem Lagerhaus? Ich hab davon gehört”, zeigte er sich informiert. Und mit einem Mal war all seine Müdigkeit wie weggeblasen. “War damals nicht angeblich auch ein
amerikanischer Agent beteiligt?”
Von seiner plötzlichen Unruhe aufgeschreckt setzte sie sich auf und besah sich den Mann, der da nackt vor ihr lag und mit wachen, schwarzen Augen zu ihr aufsah.
“Angeblich”, antwortete sie zögernd. “Es gab damals einen ganzen Haufen Gerüchte. Aber nichts wirklich Konkretes. Ich war nicht in dem Fall. Aber ich glaube, in den Geschichten wurde ein
Amerikaner erwähnt. Brown oder so.”
Missmutig wandte Merryweather den Kopf zur Seite.
“Ich konnte diese Typen noch nie ausstehen!” brummte er. “Sie heißen Brown oder Smith, Miller oder White. Sie tragen alle die gleichen Anzüge, sie sehen alle irgendwie gleich aus und sie benehmen
sich alle, als wäre sie weiß Gott was Besonderes. Die könnten wirklich geklont sein!”
Seine Hand lag auf ihrem Knie und wanderte jetzt ganz langsam nach oben. Auch wenn er mit seinen Gedanken weit weg zu sein schien. Doch plötzlich stoppte sie mitten auf dem seidigen Schenkel und
sein Gesicht verfinsterte sich.
“Brown?”, murmelte er. “Jim Brown? Jim Brown!!”
Merryweather sprang fast vom Liegen ins Stehen. Mit einem Schlag war er wach. Sah er klar. Und verzweifelte.
“Oh Bullshit! Jim Brown ist ein Topagent der CIA, manche behaupten allerdings, er sei abtrünnig. War er schuld an der Geschichte im Lagerhaus, dann will Meixner ihn haben. Wenn Meixner sich also
für Smith interessiert, dann sucht Smith diesen Brown. Und das tut er sicher nicht nur um mit ihm zu reden. Brown ist so etwas wie eine Legende. Er ist in allem perfekt. Sogar darin, ein
Arschloch zu sein. Wenn Smith nun den Auftrag hat ihn ...”
Er sprach den Satz nicht zu Ende aber es war klar genug, dass er große Dinge auf sich zukommen sah und wenige davon schienen angenehm. Unruhe hatte ihn gepackt. Jetzt, wo er mit einem Schlag
verstand was gespielt wurde. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass er etwas tun müsste und doch schien er von einer Lähmung befallen.
“Ich muss weg”, meinte er halbherzig ohne zu wissen, was er eigentlich tun wollte. Sie sah ihn einen Augenblick lang an, legte sich dann wieder hin und streckte sich genüsslich auf der zerwühlten
Decke. Ein Anblick der Merryweathers Blut aus seinem Kopf allmählich abzog und heiß gegen seine Lenden strömte ließ. Ein leises Lächeln umspielte ihre weichen, vollen Lippen als sie sah, dass
ihre Einladung angekommen war. Als dann auch noch ihre Hand begann ihn vorsichtig zu betasten war die Wirkung unübersehbar.
“Du hast keine Ahnung, was du im Augenblick tun sollst. Weil du dir noch nicht mal sicher bist, ob du überhaupt richtig liegst. Was immer du also jetzt und sofort tun würdest, das wäre fraglich.
Meinst du also nicht, dass du nicht auch hier noch was zu erledigen hättest”, fragte sie und fasste fester zu.
Merryweather antwortete darauf nicht. Und er ging auch nicht weg.
Das Haus kauerte kalt, riesig und abweisend an der Ecke. Armdicke Eisengitter wachten seit über hundert Jahren vor den Fenstern. Das automatische Stahltor war um einige Jahrzehnte jünger und doch
kreischten die Angeln auf, als sich die kleine Tür darin öffnete. Ein Mann trat heraus und blieb wie geblendet in dem trüben Licht des bewölkten Tages stehen.
Merryweathers Hände lagen auf dem Lenkrad des großen Wagens und nachdenklich sah er hinüber auf die andere Straßenseite zu der ausgezehrten Gestalt vor dem großen, hellgrünen Tor. Bewegungslos
saß Smith auf dem Beifahrersitz und schien an dem ganzen Treiben nicht sonderlich interessiert. Auch als der Mann sich endlich in Bewegung setzte und sich scheinbar mühsam auf die Kreuzung
zuschleppte blieb Smith regungslos. Nur Merryweathers Augenbrauen zuckten leicht. Die müden, langsamen, ja übertrieben schwerfälligen Bewegungen des Mannes überraschten ihn. Eigentlich hatte er
angenommen, dass Krampler nach den Tagen des Entzuges es eilig hatte in die Freiheit und zu Nachschub zu kommen. Dem schien aber ganz und gar nicht so zu sein. Beinahe gewann er den Eindruck,
dass der Mann am liebsten wieder umgekehrt wäre, so, wie er langsam über die Kreuzung schlurfte. Sich immer wieder umsah. Nach den Menschen, nach den Wagen, nach der Straßenbahn, die in die
Station einfuhr.
“Der will sich verdrücken!”, entfuhr es ihm und Smith sah überrascht auf. Beinahe im gleich Augenblick stürmte Krampler los und schaffte es gerade noch die abfahrende Straßenbahn zu
erwischen.
Merryweather startete den Wagen und zwängte sich in den dichten Verkehr ohne auf die wütenden Proteste um sie herum zu achten. Smith saß mit dünnen Lippen neben ihm und tastete nach seiner
Waffe.
“Was immer Sie tun, lassen Sie die Waffe in der Öffentlichkeit stecken!”, mahnte der Mann hinter dem Lenkrad während er den aussichtslosen Versuch unternahm sich durch den morgendlichen Verkehr
zu drängen. Hilflos mussten sie mit ansehen, wie einige hundert Meter vor ihnen die Straßenbahn wieder hielt und eine Menschenmenge daraus in der Station Schottenring Richtung U-Bahn verschwand.
Das Klappen der Tür schreckte Merryweather auf und überrascht sah er eine schlanke Gestalt unglaublich schnell zwischen den wartenden Autos dahin gleiten.
Smith hatte keinen Augenblick gezögert als er verstanden hatte, dass eine Verfolgung mit dem Wagen in dieser Stadt unmöglich war. Und es bestand für ihn kein Zweifel daran, dass er diesen Mann
einholen würde. Irgendwo in der Menge wandte sich ein Kopf um, als Smith die Station erreichte und begann sich durch die Menschen zu drängen. Weit vor sich sah er Krampler in eine U-Bahn huschen
und als das Abfahrtssignal kam schaffte er selbst es gerade noch, zwischen den sich schließenden Türen hineinzukommen. Dass die alten U-Bahnwagen keine Durchgänge von einem Wagon in den anderen
hatten besserte seine Laune nicht gerade. So war er gezwungen sich in jeder Station vorsichtig weiter nach vorne zu arbeiten. Von Wagon zu Wagon, immer mit einem Auge auf dem Bahnsteig, für den
Fall, dass sein Mann versuchte sich zu verdrücken. Bereits in der zweiten Station schreckte er zwei Männer auf, die, ihren Handel mit kleinen Säckchen unterbrechend, ihn höchst misstrauisch
betrachteten und sich in entgegengesetzten Richtungen eiligst aus dem Staub machten. Trotzdem Smith schnell und präzise arbeitete schaffte er nicht mehr als einen Wagon pro Station und als er
endlich zum letzten Wagon kam, sah er Krampler gerade in einem Seitengang verschwinden. Umgeben von einer dicht gedrängten Masse von Menschen. Smith begann diesen Mann zu hassen. Er hasste dieses
Land, er hasste diesen Job und er würde es so schnell wie möglich hinter sich bringen. Wie auch immer. Er wich einem Kinderwagen aus, schob einen Mann mit Aktentasche zur Seite und griff nach
seiner Waffe. Den Bruchteil einer Sekunde später hatte er sie im Anschlag – und erstarrte. Links stand ein kleiner, gedrungener Südländer im leuchtend roten Overall der Reinigungsmannschaft mit
einer riesigen Narbe über der Stirn und einer Waffe in der Hand. Rechts hatte ein älterer, weißhaariger Herr auf ihn angelegt. Smith ging ein wenig in die Knie, sah aber sofort, dass auch der
Mann mit der Aktentasche und die Frau mit dem Kinderwagen ihre Waffen auf ihn richteten. Schnell aber vorsichtig und professionell schob sich der Weißhaarige auf ihn zu und redete auf ihn ein,
ließ einen Ausweis sehen, hielt ihm den lange vor die Nase und redete immer noch.
Deutlich war dem schlanken, jungen Mann anzusehen, dass sich in diesem Augenblick sein Hass ins Unendliche steigerte. Eine Erlösung wäre es gewesen, die vier jetzt über den Haufen zu schießen.
Und ein paar andere gleich mit. Den ganzen geballten Frust in donnernden Explosionen verpuffen zu lassen.
Der Augenblick war vorbei, Smith unterdrückte seine wilden Gefühle und ließ sich die Waffe aus der Hand nehmen. Im gleichen Augenblick verschwanden der Straßenkehrer und die Frau mit dem
Kinderwagen in der Menge, die noch immer an ihnen vorbei drängte. Während Smith von den beiden Männern weiter geschoben wurde erkannte er erstaunt ihre Perfektion. Man hatte ihn mitten in einer
Menschenmenge außer Gefecht gesetzt, doch die ganze Aktion hatte kaum mehr als zwei Atemzüge gedauert. Zu kurz, um von den vorbei hastenden Menschen wirklich bemerkt zu werden. Über mehrere
Rolltreppen führten ihn die Beiden immer weiter nach oben bis sie in einer Halle mit Geschäften und herum lungernden Gestalten ankamen. Für einen Augenblick schien der Weißhaarige zu zögern und
zu lauschen, dann zog er Smith in eine andere Richtung.
“This way. He is waiting”, meinte er dabei.
Smith sah dabei das kleine, fleischfarbene Ding in seinem Ohr und war überzeugt, dass es sich nicht um ein Hörgerät handelte. Eine Treppe höher wartete ein Lieferwagen auf sie und daneben stand,
unübersehbar in seiner Körperfülle, der Oberst.
Smith war sich durchaus bewusst, dass kein Hahn wirklich danach krähen würde, würde er all diese Leute beseitigen. Die Macht, die hinter ihm stand, konnte diese eingebildeten Amateure in ihrer
nationalen Liga leicht entbehren, denn sie spielte global. Und er wusste, dass er die Fähigkeiten und das Können hatte um in diesem zurückgebliebenen Land, auf diesem zurückgebliebenen Kontinent
ordentlich aufzuräumen. Niemand war da, der ihn aufhalten konnte, keiner von ihnen war ein wirklicher Gegner für ihn. Wahrscheinlich wäre seiner Sache damit sogar mehr gedient, als mit der
Eliminierung von Brown.
Wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es ihn, als er verstand, dass genau so auch Brown denken musste.
Diese erschreckende Erkenntnis und der Gesichtsausdruck des Obersts ließen ihn fürs Erste schweigen als sie zu dritt in den Lieferwagen kletterten. Der Mann mit der Aktentasche blieb vor dem
Wagen.
Auf einen stummen Wink des Obersts gab der Weißhaarige ohne zu zögern Smith die Waffe zurück.
“Ich habe Sie gewarnt”, brummte der riesige Mann, eingeklemmt in einem kleinen Sitz. “Wir sind hier nicht in den USA. Und die Waffe bekommen Sie nur zurück, weil Sie sie noch brauchen werden. Und
weil Merryweather Ihnen sofort eine andere beschaffen würde. Trotzdem bleibt meine Warnung aufrecht: Gefährden Sie Zivilisten, sind Sie schneller aus diesem Land draußen als selbst Ihnen lieb
ist!”
“Dank Ihrer Hilfe werde ich länger bleiben müssen, als Ihnen lieb ist”, presste Smith eisig zwischen den Lippen hervor. “Schließlich hatte durch die Einmischung Ihrer Leute mein Kontaktmann die
Chance unterzutauchen.”
Ein paar ungemütliche Sekunden lang erwiderte der Oberst den eisigen Blick um dann mit einem geringschätzigen Lächeln einen kleinen Handheldcomputer aus der Tasche zu ziehen.
“Krampler verhandelt eben mit einem Dealer bei Ausgang drei”, informierte er nach einem kurzen Blick. “Da er ein verlässlicher Kunde ist, wird er wahrscheinlich auch ohne Geld eine Kleinigkeit
bekommen. Gerade genug, damit er bei der Stange bleibt. Darum wird er dann versuchen Geld aufzutreiben. Das wird sich diesmal aber wesentlich schwieriger gestalten als sonst. Also wird er
versuchen den einzigen Menschen zu kontaktieren, der ihm immer noch aus der Patsche geholfen hat – seine Schwester. Ich sehe durchaus, was in meiner Stadt vorgeht. Wie Sie bemerkt haben.”
Merryweather lag lang ausgestreckt auf der Bank, das Buch aufgeschlagen auf seiner Brust und die Augen geschlossen. Aber auch wenn er noch so ruhig und friedlich wirkte, er schlief nicht. Smith
tigerte immer wieder durch das Zimmer und jedes Mal wenn der kleine Computer auf dem Tisch bei einer neuen Nachricht piepste stürzte er sich darauf. Die vom Oberst angeordnete Überwachung war
lückenlos. Smith aber war mehr oder weniger zur Untätigkeit verdammt und das machte ihn rasend. Dabei konnte er wirklich nicht klagen. Jede kleinste Bewegung Kramplers wurde ihnen gemeldet. Der
seinerseits rannte kopflos herum und versuchte Geld aufzutreiben, aber die Leute des Obersts hatten einwandfrei gearbeitet um ihn abzuschotten. Und allmählich wurde seine Suche immer nervöser und
immer panischer. Seit über 24 Stunden war er nun auf den Beinen und allmählich musste er begreifen, dass es für ihn nur mehr eine Person gab, die ihm helfen konnte.
Merryweather überlegte kurz, ob sie ihn nicht doch unterschätzt hatten. Vielleicht war seine Loyalität seiner Schwester gegenüber doch stärker als sie angenommen hatten und er ahnte, dass das
Ganze eine Falle für sie war. Nahm er deswegen keinen Kontakt zu ihr auf? Nein, niemand widerstand der Abhängigkeit. Eher früher als später würde er zusammenbrechen und alles und jeden verkaufen.
Merryweather war vielmehr der Meinung, er hatte schon längst durch eine andere Person Kontakt aufgenommen und wartete nun. Denn in den letzten beiden Stunden hatte sich sein Verhalten
grundsätzlich geändert. Er lief nicht mehr herum sondern hielt sich mehr oder weniger am selben Fleck auf. Immer in jener U-Bahn Station, die Anlaufpunkt für alle gescheiterten Existenzen zu sein
schien. Aber er blieb nicht im vorderen Bereich, wo die Touristen von Oper und Innenstadt kamen und er betteln konnte. Er blieb auch nicht im hinteren Bereich, wo sich jene Menschen ohne Obdach
und Ziel trafen, die noch zu stolz oder schon zu schwach waren um zu betteln. Scheinbar wartend lungerte er in einem Stück Gang dazwischen herum. Dort, wo sich die Telefonzellen befanden.
Merryweather lächelte in sich hinein als Smith wieder einmal ungehalten vor sich hin brummte, dass dieser Mensch doch endlich tun sollte, wozu er sich entschlossen hatte und dass er nicht
verstehen konnte, wie man so unentschlossen und dumm sein konnte und dass ihm diese Untätigkeit ganz fürchterlich auf die Nerven ging. Merryweather war sich sicher, dass Krampler bereits das
einzige tat, was er tun konnte. Er wartete.
Er wartete wie der Mann der seit Stunden in der Hotelhalle saß. Ruhig, geduldig und unauffällig. Aber nicht unauffällig genug. Der große, dunkle Mann der da wie ein Schatten in der Ecke der hohen
Halle saß war Merryweather bald aufgefallen. Trotzdem hatte er es auch diesmal nicht für nötig befunden Smith davon zu unterrichten. Denn auf eine eigenartige Art und Weise beruhigte es
Merryweather, dass er Karl Meixner in ihrer Nähe wusste.
Als diesmal das Telefon auf dem Tisch läutete und sich Smith darauf stürzte, öffnete der liegende Mann nur ein Auge und betrachtete seinen neuen Vorgesetzten nachdenklich. Merryweather zählte
gerne zu seinen Fähigkeiten, dass er mit allen Menschen gut auskommen konnte. Aber dieser junge Mann war in gewissem Sinne anders.
Unaufmerksam hörte er zu, als ihm Smith mitteilte, dass Krampler einen Anruf bekommen hatte. Natürlich zu kurz um ihn zurück verfolgen zu können. Krampler hatte um Hilfe gebeten ohne die beiden
Amerikaner zu erwähnen und war dann nach Hause gegangen um sich in seinem heruntergekommenen Zimmer einzuschließen. Wieder konnten sie nichts weiter tun als warten. Smith war stinksauer und
Merryweather nun tatsächlich nahe daran einzuschlafen.
So unterschiedlich die großen Häuser in dem Villenviertel auch waren, eines hatten sie doch alle gemeinsam – nach außen hin, zur Straße, waren sie alle fast blickdicht abgeschlossen. Steinerne
Mauern und dichte Hecken begrenzten die stille, schmale Straße. Die Bäume zwischen den Parkplätzen trugen Blätter in dezent herbstlichen Farben und ließen die Abenddämmerung golden und düster
erscheinen.
So groß und kräftig der Mann auch war, mit seinem langen, grauen Mantel verschwamm er in dem dämmrigen Zwielicht als er zielstrebig unter den Bäumen entlang ging. Nicht zu hastig und auch nicht
übertrieben vorsichtig. Gerade wie jemand, der hier zuhause war. So, dass ihm niemand Beachtung geschenkt hätte, wenn da jemand gewesen wäre, um ihn zu sehen. Dabei war er zum ersten Mal in
dieser Gegend und sich keineswegs sicher wohin er ging und was er hier eigentlich sollte.
An der Hotelrezeption war so etwas wie eine Einladung für ihn abgegeben worden. Obwohl eigentlich niemand wissen konnte, dass er seit Stunden in der Hotelhalle saß.
Eine Uhrzeit, eine ziemlich genaue Ortsbeschreibung und die Bitte zu kommen. Kein Name, keine Begründung.
Wie selbstverständlich schlüpfte er durch eine angelehnte, kleine Gartentür und schloss sie hinter sich. Nicht ohne sich vorher zu überzeugen, dass sie auch von innen wieder geöffnet werden
konnte. Ein Laubengang lag dahinter. Im Frühling musste er romantisch beschattet sein von wildem Wein. Jetzt ragten die dürren Äste wie Spinnenbeine in die Luft und gaben den Blick frei auf einen
bleigrauen Himmel und die ockerfarbene Hinterseite einer Villa. Für einen Augenblick lauschte er mit allen Sinnen in den Garten, doch außer dem leichten Wind war nichts zu sehen oder zu hören.
Hundert Meter vor sich, am Ende des Ganges, war der Eingang in einen Wintergarten. Jeder unbeteiligte Beobachter hätte meinen können, er spaziere langsam und in Gedanken versunken durch den
Garten. Er aber war auf der Hut, nahm jede kleinste Veränderung war. Doch er schien tatsächlich alleine zu sein.
Die Glastür zum Wintergarten war älter, öffnete sich aber geräuschlos. Der Wintergarten selbst wirkte geräumig, ein wenig abgewohnt und dunkel. Aber er hielt sich nicht darin auf. Ging weiter zur
ersten Tür auf der rechten Seite, die halb offen stand. Dahinter lag eine Art Arbeitszimmer. Vor einem großen Panoramafenster hinaus auf die andere Seite des Gartens stand ein Schreibtisch. Zwei
dumpfe Kästen hockten verschlossen vor ziemlich kahlen Wänden und in einer Ecke hatte jemand achtlos Schachteln gestapelt. Der ganze Raum vermittelte unbestreitbar den Eindruck, behelfsmäßig und
ungenutzt zu sein. Ganz anders der Mann, der mit dem Rücken zum Fenster hinter dem Schreibtisch saß und in einer Mappe blätterte. Er wirkte gepflegt und selbstsicher. Vielleicht ein wenig zu
selbstsicher. Zu arrogant. Und zu glatt. Viel zu glatt. Dieser Mann wirkte so glatt, so ohne alle Besonderheiten und Merkmale, dass man ihn eigentlich nicht beschreiben konnte. So ohne alle
Eigenheiten, dass sein Bild sofort verblasste, wenn man sich abwandte.
Der große, dunkle Schatten unter der Tür lauschte, aber das Haus schien so verlassen zu sein wie der Garten.
“Es freut mich, dass Sie kommen konnten”, meinte der Mann hinter dem Schreibtisch und klappte die Mappe vor sich zu. “Vielleicht vorab ein paar Dinge, die für Sie von Interesse sein dürften:
Dieses Haus wurde mir zur Verfügung gestellt und ich habe veranlasst, dass wir hier völlig ungestört sind. Ich habe sogar meinen Fahrer weggeschickt. Je weniger Leute wissen, dass wir uns kennen
um so besser ist das für uns beide. Aber kommen Sie doch herein und setzen Sie sich, Herr Meixner.”
Der große, dunkle Schatten unter der Tür blieb einen Atemzug regungslos, dann betrat er langsam den Raum. Nachdenklich, als müsste er erst noch überlegen, ob er es wirklich tun sollte. Aber er
setzte sich nicht in den großen Ledersessel sondern wanderte gemächlich an dem Schreibtisch vorbei zur hinteren Wand und betrachtete die kleinen gerahmten Fotos. Sie zeigten immer wieder den
gleichen Mann mit wechselnden Partnern aus dem öffentlichen Leben und mit Menschen, die Meixner nichts sagten. Aber jedenfalls war der Mann auf den Bildern nicht der Mann hinter dem Schreibtisch.
Dieser Mann beobachtete ihn aufmerksam, als er seine Wanderung durch den Raum fortsetzte. Langsam kam ein unbestimmbares Lächeln in das nichtssagende Gesicht.
“Sie können gerne auch den Schreibtisch, die Kästen oder die Nebenräume untersuchen, falls Sie Aufzeichnungsgeräte vermuten. Aber Sie werden sehr schnell feststellen, dass es weit mehr in meinem
Interesse liegen muss als in Ihrem, dass es für unser Gespräch keine Zeugen und keine Hinweise gibt.”
“Vielleicht sollten Sie mir dann sagen, wer Sie sind, was Sie sind und was Sie von mir wollen.”
Der Mann hinter dem Schreibtisch lachte amüsiert auf und mache eine einladende Geste hin zu dem großen Ledersessel der einsam und fremd vor dem Schreibtisch stand.
“Sie kommen schnell zur Sache und Sie wissen, was Sie wollen. Das ist einer der Gründe, warum Sie hier sind. Aber immer schön der Reihe nach.”
Er machte eine kleine Pause und beobachtete, wie Meixner seinen Mantel auszog, sich setzte und erwartungsvoll die Beine übereinander schlug. Die Handschuhe behielt er an.
“Mein Name tut nicht wirklich etwas zur Sache und auch, dass ich Abgeordneter in einem Parlament bin hat nichts mit unserem Gespräch zu tun. Ich möchte nicht sagen, dass ich diese Tätigkeit nicht
ernst nehme, aber es handelt sich dabei in erster Linie um eine Absicherung die den Vorteil großer Bewegungsfreiheit mit sich bringt. Und ich benötige Bewegungsfreiheit für meine eigentliche
Tätigkeit. Meine eigentlich Funktion erfülle ich als Leiter der Koordination für Europa. Aus diesem Grund nennt man mich sinnigerweise den Koordinator. Es kommt allerdings so gut wie nie vor,
dass ich selbst Kontakt mit Personen aufnehme. In ihrem Fall mache ich da aber gerne eine Ausnahme.”
Er lächelte gewinnend und ließ das Kompliment mit einer kleinen Pause im Raum stehen.
“Zumal die Position, die Sie bekleiden werden, durchaus einiges an Aufmerksamkeit von meiner Seite verdient”, fuhr er fort, als Meixner nicht reagierte.
“Was macht Sie so sicher, dass ich für Sie arbeiten werde?”
Wieder dieses gewinnende, amüsierte Lachen das wieder von Meixner abzuprallen schien.
“Ich könnte Ihnen ein paar Gründe dafür nennen. Zum Beispiel werden Sie nicht zu Ihrem Oberst zurück gehen, und daran tun Sie gut, aber Sie werden nicht ewig von Ihrem Ersparten zehren können.
Also benötigen Sie einen Job, der zu Ihnen passt – und ich biete Ihnen einen Job mit Befugnissen, von denen Sie nicht einmal zu träumen wagen. Außerdem wäre ein wenig Dankbarkeit angebracht. Denn
glauben Sie wirklich, jeder normale Bürger hätten diese Behandlung und Rehabilitation bekommen oder Sie hätten auch nur einen Cent Ihres Gehaltes gesehen, wenn es nicht meine Zustimmung gefunden
hätte? Der Conte ist ein netter Mann, aber er wird alt und er ist ein Träumer. Darüber hinaus gibt es da noch einen Grund, den ich Ihnen nicht verschweigen will, auch wenn er ein wenig unangenehm
ist, für mich wie für Sie – eine Weigerung kann ich nach diesem Gespräch nicht mehr akzeptieren.”
Der freundschaftliche Ton, den er anschlug, war irreführend, aber Karl Meixner hatte die Drohung dahinter sehr wohl verstanden. Doch noch etwas anderes dämmerte ihm allmählich.
“Ich fürchte, Sie werden mir noch viel erklären müssen, aber sagen Sie mir fürs Erste mal, warum gerade jetzt?”
Auch wenn sich nichts in dem Gesichtsausdruck des glatten Abgeordneten änderte, so fühlte Meixner doch, dass er den Finger punktgenau auf eine wunde Stelle gelegt hatte.
“Ehrlich gesagt”, kam es nach ein paar Augenblicken des Schweigens, “ist uns Ihr Vorgänger abhanden gekommen. Was nicht heißen soll, dass ihm etwas zugestoßen ist! Aber er hat es offensichtlich
vorgezogen seine eigenen Wege zu gehen. Nun, er stellt keine Gefahr für uns dar, warum sollten wir ihn dann nicht aus dem Kontrakt entlassen, wenngleich wir sein Fernbleiben sehr bedauern. Ich
denke doch, dass es einigermaßen schwer sein wird, ihn zu ersetzen.”
“Da ich immer noch lebe kann Brown nicht ganz so gut sein, wie Sie sagen.”
Der freundliche Ausdruck wich schlagartig abgrundtiefem Erstaunen, als ihm der Mund aufklappte und er Meixner mit großen Augen verblüfft ansah. Doch bereits im nächsten Augenblick hatte er sich
wieder gefangen und war höchst amüsiert.
“Er hatte nicht den Auftrag Sie zu töten, also - warum sollte er darauf bestehen?”
“Es hätte bei diesem Deal keine unerwünschten Zeugen geben dürfen. Und schon gar keinen, der ihn hätte identifizieren können. Er ist nicht so gut wie Sie denken.”
“Jim Brown ist der Beste”, schnarrte es hart, arrogant und wütend. “Er ist perfekt. Schneller, klüger, stärker als jeder Mensch. Brown ist perfekt, denn er ist das Ergebnis jahrelanger Forschung
und harter Arbeit!”
Der sonst so unverbindliche Abgeordnete hatte sich in Hitze geredet und kniff nun den Mund zusammen. Es gab Dinge, über die sprach man nicht. Unter keinen Umständen. Und schon gar nicht zu
Außenstehenden.
“Sie wollen, dass ich mitmache”, sagte Meixner ganz leise und sehr bedächtig. “Also erzählen Sie mir mehr.”
Es war heiß in ihm aufgewallt, als er Brown verteidigt hatte. Doch diese Hitze schien nicht vergehen zu wollen. Ballte sich in seinem Inneren, kreiste und erzeugt immer neue Hitze. Eine so
unangenehme, erstickende Hitze, dass er sich unbewusst mit dem Finger in den Hemdkragen fuhr.
“Es ist eine lange Geschichte”, wehrte er sich noch, aber er nahm den dunklen Schatten der da unbeweglich und konzentriert ihm gegenüber saß kaum mehr wahr. Alles woran er denken konnte war
dieses erstickende Gefühl der Hitzewallung und der alles überwältigende Wunsch nach einer kühlen Brise. Und während seine Gedanken um geöffnete Fenster und kühle Getränke kreisten, plapperte er
Geschichten von einem Dr. Baer und einem Dr. Kraus, die vor dem Ersten Weltkrieg in Pernitz am Schneeberg ein Sanatorium gegründet hatten, wie es damals unzählige entlang der Alpen gab. Aber
anstatt Lungenkrankheiten oder Nervenzerrüttungen zu behandeln stellte sich bald heraus, dass kaum ein Paar das Sanatorium ohne neu keimendes Leben wieder verließ. So entdeckte man das neue Leben
als Aufgabengebiet – aber gesund sollte der Nachwuchs natürlich sein. Möglichst perfekt, erfolgreich und klug. Bereits damals befanden sich viele vermögende Amerikaner unter den Patienten und als
Himmler persönlich mit seinem Freund Guntram Pflaum 1938 das Sanatorium übernahm um eine neue nordische Rasse zu züchten, da hatte man auch auf der anderen Seite des Atlantiks diese Idee bereits
genauer unter die Lupe genommen.
“Diese Welt ist ein armseliger Sauhaufen voller inkompetenter, ignoranter und unfähiger Wesen, die es wagen, sich Menschen zu nennen! Und es ist nur all zu offensichtlich, dass die menschliche
Evolution mit der Entwicklung unseres Geistes und unserer Technik nicht Schritt halten kann. Was also lag näher, als mittels bewusster Auslese Menschen zu schaffen, die den Anforderungen unserer
Zeit gewachsen sind. Mehr noch, Menschen, welche die Entwicklung der Menschheit vorantreiben, sie perfektionieren und ihr wieder einen Sinn, ein Ziel geben. Menschen, die diesen Namen wirklich
verdienen. Nicht so wie dieser Fleisch gewordene Abschaum, diese Sackgasse der Evolution, die unsere Straßen überfüllen! Es kann nicht sein, dass alles wahl- und ziellos durcheinander wirrt und
werkelt und neuen Abschaum wirft. Es muss eine Ordnung geschaffen werden, in der das System Menschheit überleben und seinen gesamtheitlichen Zweck erfüllen kann. Rasse und Abstammung sind
überholte Begriffe. Das einzige System, dass Sinn macht und von Gott dem Schöpfer gewollt sein kann, ist ein System, das sich selbst immer weiter perfektioniert und nur dieses System hat die
Berechtigung zu überleben. Und um zu leben und zu überleben hat dieses System alle Rechte. Ja, mehr noch, es hat die gottgegebene Verpflichtung alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel
einzusetzen, die ihr Überleben sichern. Und gerade das ist unser hohes Ziel - die immerwährende Perfektion. In diesem System hat jeder eine festgelegte, unwiderrufliche Position und eine klar
definierte Aufgabe. Meine Aufgabe ist es, das Überleben zu sichern. Ihre Aufgabe ist es, Krankheit und Fäulnis aus dem gesunden Körper der Gemeinschaft zu entfernen!”
Karl Meixner lehnte sich nachdenklich zurück und der Abgeordnete fühlte die Erregung und die Hitze allmählich von sich weichen. Tatsächlich lief sogar ein leises Frösteln über seinen Rücken, als
ihm klar wurde, worüber er geredet hatte. Und doch auch wieder nicht, denn schon oft hatte er diese Predigt gehalten, dieses Glaubensbekenntnis einer neuen, einer perfekten Welt durch eine
perfekte, gereinigte Menschheit. Der dunkle Mann ihm gegenüber schien jedenfalls weder sonderlich erstaunt noch erregt zu sein.
“Ich gehe davon aus, Sie haben mehr Leute wie Brown. Oder wie Smith. Warum also ausgerechnet ich?”
Der Mann hinter dem Schreibtisch legte vorsichtig die manikürten Fingerspitzen aneinander und überlegte für einen kurzen Augenblick. Und er traf seine Entscheidung schnell.
“Die Genetik ist, in ihrer praktischen Anwendung, eine sehr junge Wissenschaft”, begann er. “Gezielte Eingriffe in Erbanlagen sind heute noch kaum möglich. Und wenn, dann ist ihr Ausgang meist
mehr als fraglich. Aber es gibt nach der Vererbungslehre, also nach deVries und Tschermak, auch andere Möglichkeiten der gezielten Auslese. Das ist zwar wesentlich langwieriger aber wir haben
darin schon sehr viel Erfahrung. Es stimmt, Leute wie Smith haben wir inzwischen genug, aber Brown – der war so etwas wie ein Quantensprung. Der Zufallstreffer von dem jeder Wissenschaftler
träumt. Nennen Sie es meinetwegen eine Mutation – so wie Sie eine sind. Oder wollen Sie mir weiß machen, es ist ihnen noch nie aufgefallen, dass Sie anders sind als die Menschen um Sie herum?
Dass Sie über Fähigkeiten verfügen, die normal Menschliches in den Schatten stellen? Über Jahrhunderte wurden wir benebelt von dem Gedanken, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei. Im Bezug
auf diese Schöpfung darf das auch durchaus stimmen, aber das heisst nicht, dass wir uns nicht verbessern, verfeinern sollten. Denn wonach wir streben sollten ist nicht besser zu sein als Tiere,
sondern Gott immer ähnlicher zu werden, wenn wir Ihm, dem Allmächtigen, dem Unvergleichlichen auch niemals wirklich gleichen werden.”
“Heißt es bei Juden, Christen und Mohammedanern nicht auch, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild erschuf? Was gibt es da noch zu verbessern?”
Aufgewühlt lehnte sich der Abgeordnete nach vorne, knallte die Hände auf die Platte und in seinen Augen funkelte all das vernichtende Feuer seines missionarischen Eifers als er hauchte: “Das da
draußen, das, was seine Kinder missbraucht, gedankenlos Welt und Mitmensch schändet und tötet; das da draußen, was für eine kleine Vergünstigung bereit wäre seine Seele zu verkaufen – wenn das
Gott wäre, dann, ja dann wäre es wirklich höchste Zeit einen Neuen zu schaffen. Einen, der diesen Namen wirklich verdient! Aber nein! Wir sind umgeben von den Geschöpfen Satans. Sein grauenvolles
Kichern dringt in alle Ritzen dieser Welt, trieft aus diesem zweibeinigen Abschaum der Gottes Werk jeden Tag mit Füßen tritt. Es muss der Wunsch eines jeden rechtmäßig Gläubigen sein, sie und ihn
zu Staub zu zertreten, ihn zu packen und in die tiefsten Tiefen der Hölle zurück zu schleudern. Sie sind diese Hand. Und ich bin der, der Sie lenken wird!”
Karl Meixner zog es diesmal vor nicht zu antworten. Zu hell brannte der Fanatismus in diesen Augen. Stattdessen stand er auf und begann wieder eine langsame Wanderung durch den Raum. Dabei kam er
nach wenigen Schritten zu einer Schachtel, die abseits neben dem Schreibtisch stand und betrachtete den Inhalt.
“Das sind Dinge, Gerümpel für das keine Verwendung mehr besteht. Der Besitzer hatte vor, es auf den Müll werfen zu lassen. Falls Ihnen etwas gefällt, bedienen Sie sich.”
Mehrere Sportpokale waren darunter von denen man die Namensschilder entfernt hatte, ein uralter Baseballhandschuh mit verblassten Unterschriften, verstaubte, verschnörkelte Rahmen mit Bildern von
Menschen, die Meixner nichts sagten. Sein Interesse war von einem in schwarzes Tuch gehüllten Stock mit etwas über einem Meter Länge geweckt worden. Er nahm ihn heraus und schlug das Tuch zurück.
Dunkles Holz glühte auf, als er das japanische Schwert ins trübe Licht des Abends hielt.
“Ein altes Katana!”, sagte er überrascht, legte fast automatisch die Hand auf den fein geflochtenen Griff und zog das Schwert ein wenig aus der Scheide. “Händisch geschliffen, ziselierte
Metallmanschette am Klingenbeginn, ein wie Rankenwerk durchbrochenes Parierblatt – ist das 14. Jahrhundert? Dann ist das doch ein kleines Vermögen wert.”
“Ich denke, das könnte so etwa hinkommen. Der Besitzer wird es wohl irgendwann mal geschenkt bekommen haben und wusste wahrscheinlich nie, was er da hat und wohin damit. Sehen Sie, ich kenne mich
damit nicht so aus, aber das ist genau das sentimentale Gerümpel von dem ich sprach. Tradition! Die Ehre eines Samurai! Das ist doch alles Schwachsinn. Das muss ein Ende haben. Die Aufgabe zählt,
nicht der Einzelne. Die Aufgabe zählt, nicht wie sie erledigt wird. Das was heute als Menschheit gilt, ist in Wahrheit nicht mehr als der Dung aus dem eine neue Einheit entstehen wird. Entstehen
muss! All diese althergebrachten Wahnbilder wie Ehre, Tradition oder auch Menschlichkeit müssen als unnützer Ballast über Bord geworfen werden. Und an der bedingungslosen Unterordnung an das
große Ziel, an das System erkennt man den Herren, unterscheiden sich die neuen Menschen vom wimmernden Pöbel.”
Wieder zog es Meixner vor nicht zu antworten. Wahrscheinlich, weil er die zarten Metallbeschläge an dem alten Schwert studierte.
“Natürlich kann man diesem Ding einen gewissen materiellen Wert nicht absprechen”, kam es nun leise von dem Mann in dem hohen Stuhl hinter dem Schreibtisch. Und in seiner Stimme war ein Unterton,
der Meixner aufsehen ließ.
“Was sagen Sie Meixner - ich schenke es ihnen. Einfach so. Oder sagen wir, als Draufgabe. Als Draufgabe zu 200.000 Euro.”
“Und die 200.000 schenken Sie mir auch? Oder erwarten Sie dafür eine kleine Gefälligkeit?”
“Um ehrlich zu sein, ich erwarte ein wenig mehr als eine kleine Gefälligkeit. Es gibt da zwei Personen die von der Zukunft dieser Welt nichts wissen, die aber inzwischen sehr wohl ahnen, dass
diese Pläne existieren. Bis vor kurzem hat sie das nicht gestört und sie gingen ihren Tätigkeiten sehr zu unserer Zufriedenheit nach. In der letzten Zeit hat es aber immer wieder Probleme mit den
beiden gegeben und wir müssen leider nun davon ausgehen, dass diese beiden Personen beginnen, absichtlich gegen uns zu arbeiten und unsere Ziele zu sabotieren. Es wird sich zwar um einen
schmerzlichen Verlust für unsere Organisation ...”
“Wer?”
Das glatte Gesicht im Halbdunkel zeigte mit einem Mal ein paar Falten als ein breites Grinsen darüber flog. Zuerst wanderte ein schlanker Aktenkoffer auf den Tisch und wurde aufgeklappt.
“Einhunderttausend im Voraus, der Rest nach Erledigung”, erklärte der Mann, drehte den offenen Koffer zu Meixner herum damit dieser das Geld sah und nahm ein braunes Kuvert heraus.
“Wie Sie Ihren Job erledigen und in welcher Reihenfolge ist egal. Allerdings ist ein wenig Eile angebracht. Und ein wenig Vorsicht. Beide Ziele sind Ihnen nämlich bekannt. Das erste Ziel ist
einfach, denn dieser Mann hält nicht viel davon sich selbst zu schützen. Das zweite Ziel schützt sich ebenfalls kaum, aber sein Ableben wird einiges an Staub aufwirbeln.”
Sorgfältig legte er die beiden großen Fotos nebeneinander vor Meixner hin und wartete auf eine Reaktion.
Meixner betrachtete die Fotos lange und ohne eine Regung zu zeigen. Endlich legte er das Schwert auf den Tisch und griff sich eines der Bilder.
“Der Conte di Brambella”, murmelte er leise und betrachtete lange das Bild bevor er es wieder auf den Tisch legte. Das zweite Bild nahm er gar nicht mehr hoch sondern legte nur zwei Finger
darauf.
“Und Oberst Hofer”, kam es ebenso leise über seine Lippen bevor er sie nachdenklich zusammen presste.
Dann, nach einer Weile des Schweigens: “Ich wusste nicht, dass die Beiden für Sie arbeiten.”
“Ein weiser Mann sagte einmal, dass ein großer Baum viele Äste hat. Und jeder Ast hat viele Blätter. Kaum einer weiß, für wen er am Ende tatsächlich arbeitet. Darin liegt unsere Macht.”
“Trotzdem, ich kenne beide Männer. Das macht die Sache unnötig schwierig. Jeder andere wäre für diesen Job besser geeignet.”
“Nicht ganz”, entgegnete der Makellose, der allmählich immer tiefer im Schatten verschwand. “Abgesehen davon, dass Sie der beste Mann für solche Sachen sind - Sie haben uns schon einmal bewiesen,
dass Sie durchaus in der Lage sind einen Mann zu töten mit dem Sie persönlich bekannt sind. Damals haben Sie darüber hinaus sogar noch der Polizei einen Sündenbock als Täter geliefert, eine
durchaus bemerkenswerte Leistung. Bemerkenswert auch, weil das ein sehr deutliches Zeugnis Ihrer Loyalität gibt. Allerdings ist es jetzt an der Zeit, dass Sie den nächsten Schritt tun und
begreifen, wem gegenüber Sie diese Loyalität schulden. Und es ist an der Zeit, dass Sie damit beginnen gewisse Fehlentwicklungen auszumerzen.”
Karl Meixner trat an das große Fenster und sah hinaus in den stillen, trübseligen Garten. Die Natur vollendete ihren Kreislauf, sie wich der Kälte und zog sich zurück in ihr innerstes Geheimnis.
Verkapselte sich im Samenkorn um geduldig und ohne Hast auf den Frühling zu warten. Graues Licht sickerte in den abgeschirmten Garten. Licht von eigenartiger Intensität, wie ihm auf einmal
schien. Gerade das richtige Licht zur gerade der richtigen Stimmung. Wieder vervollkommnete sich die Welt vor seinem geistigen Auge. Diesmal um ein großes Stück. Und mit einem Mal schien alles so
vollkommen, so klar, so perfekt.
“Die alte Geschichte von Alexander Heymann, irgendwie taucht sie immer wieder auf. Aber erzählen Sie mir nicht, auch er hätte für Ihre Organisation gearbeitet”, brummte der Schatten vor dem
Fenster.
“Nein. Obwohl es durchaus interessant gewesen wäre seine Fähigkeiten in unserer Organisation zu nutzen. Herr Heymann hat es stattdessen vorgezogen uns um ein paar Millionen Dollar zu erleichtern,
was dumm, aber nicht das Problem war. Für uns tatsächlich problematisch war die Erkenntnis, dass er das nur tun konnte, weil er unsere Organisationsstruktur durchschaut hatte. Er hatte somit so
etwas wie einen losen Faden in der Hand. Und wir mussten verhindern, dass er begann der Spur nachzugehen. Als er wenig später starrsinnig darauf beharrte, das Pentagon wegen seiner zugegeben
primitiven Interventionen im Balkankonflikt mit Dreck zu bewerfen, war das für uns nur von Vorteil. Aber genau genommen hatte der Tod dieses Mannes keinen Sinn. Nur Notwendigkeit.”
Wieder versank der dunkle Raum für einen langen Moment in regungslosem Schweigen, was ihn noch düsterer erscheinen ließ.
Bis Meixner sich wie ein Traumwandler halb umwandte und das alte Schwert wieder in die Hand nahm.
“Sie können Ihr Geld behalten.”
“Aber ...”
“Nur das Schwert. Ich möchte, dass Sie mir das Schwert schenken.”
“Natürlich schenke ich Ihnen das Schwert, tun Sie damit was Sie wollen. Das habe ich ja bereits gesagt”, kam die verwirrte Antwort. “Aber ...”
Er verstummte, als der große Schatten vor dem Fenster die Klinge bedächtig aus der Scheide gleiten ließ. Da war ein helles, ein sirrendes Geräusch trotz der langsamen Bewegung. Als hätte der
befreite Stahl begonnen zu klingen. In der dumpfen Dämmerung strahlte die sanft gebogene Klinge ein eigenes Licht aus, schien zu glühen und in rötlich blauem Schein erwartungsvoll zu flackern,
als der große, dunkle Mann es in seiner nervigen Faust sanft bewegte.
“Es bedarf des Geldes nicht, ich habe genug davon. Aber Sie sagten, es sei an der Zeit, dass ich erkenne, wem ich Loyalität schulde. Und Sie haben recht damit.”
Meixner Stimme war sanft und leise. Fast unmerkbar wie zarter, leichter Regen.
“Man kann meinen, man stehe zwischen den Fronten und sehe zu. Doch dann entscheiden Männer wie Sie. Man kann auch selbst die Seite wählen. Dann weiß man wenigstens, wofür man lebt. Wofür man
tötet und wofür man stirbt. Sie haben recht, es ist an der Zeit, dass ich erkenne, wem meine Loyalität gehört.”
Da war ein leise knirschendes Geräusch und der Mann im Sessel zog überrascht die Brauen zusammen. Meixners Gesicht war nun nahe vor seinem.
“Heymann ist tot. Er hatte einen losen Faden. Und er hatte einen Plan. Ich verstehe es nicht, nach all der Zeit verstehe ich es noch immer nicht. Aber ich beginne zu begreifen, dass es nun an der
Zeit ist, meine eigenen Entscheidungen zu treffen.”
Auch der Mann im Sessel begriff. Seine Augen weiteten sich und seine Hände fassten nach dem Griff des Schwertes. Er riss den Mund auf, aber Meixner war schneller und verschloss den Aufschrei mit
dem schwarzen Tuch. Noch ein langer, regungsloser Augenblick, dann ließ der große, dunkle Schatten von dem Mann im Sessel ab. Er betrachtete ausdruckslos den eingefallenen Körper mit den
aufgerissenen Augen, dem schwarzen Tuch, das wie eine riesige Zunge in seinem Mund steckte und den Händen, die sich weiß um den Griff des Schwertes verkrampft hatten, das ihn an den Sessel
nagelte.
Karl Meixner war sich seiner Tat vollkommen bewusst und doch gänzlich gleichgültig. Er ließ sich Zeit, drehte den Geldkoffer wieder herum damit er vor dem Toten stand, packte die Fotos ein und
durchsuchte den Schreibtisch. Aber er fand ihn säuberlich leer. Da war nichts weiter, was auf ihn oder die beiden Männer hinwies. Nur eine Studie über die Umsatzchancen von Automobilzulieferern,
Baugewerbe und Ölkonzernen nach einer möglichen Stillegung der internationalen Bahnstrecken fand sich. Karl Meixner begriff, dass der Mann die Wahrheit gesagt hatte. Es wäre für ihn selbst
peinlicher gewesen als für Meixner, wenn man eine Verbindung zwischen ihnen hätte herstellen können. Bevor er ging streifte Meixner noch schnell einen Handschuh ab und vergewisserte sich an der
Halsschlagader noch einmal vom Tod des Mannes im Sessel, der ihn noch immer anstarrte aus Augen voll mit einer Mischung aus Verwunderung über das Unverständliche und Ärger über das Unerwartete.
Meixner unterließ es aber nicht, auch diese Spur seiner Anwesenheit zu verwischen. Dann verschwand der dunkle Schatten von dem Anwesen so still und unauffällig wie er gekommen war.
Erst als er gemächlich die stille Straße zwischen den hohen Hecken und den kahlen Bäumen hinunter schritt wurde ihm nachdrücklich klar, was er getan hatte. Aber nicht, dass er getötet hatte
beschäftigte ihn. Es war nicht das erste Mal in seinem Leben und es würde auch nicht das letzte Mal sein. Da war er sich sicher.
Doch dieses Mal war es anders. Vollkommen anders. Da war kein schaler Geschmack, da war keine trockene Kehle. Und da war kein Gedanke daran, was folgen würde. Da waren keine Zweifel über die
Richtigkeit seiner Handlung. Es war nicht das erste Mal, dass er getötet hatte, aber es war das erste Mal, dass er selbst entschieden hatte zu töten. Dass er, und nur er allein, die Notwendigkeit
erkannt und verstanden hatte. Ein Leben gegen das Leid von vielen. Merkwürdiger war, dass sich die für ihn sonst so brennende Frage gar nicht mehr stellte, ob es nun richtig oder falsch war, was
er da getan hatte. Überrascht horchte er in sich hinein, ob da vielleicht nicht doch noch eine andere Stimme war. Etwas anderes, als diese granitene Sicherheit auf dem richtigen Weg zu sein.
Diese Sicherheit, die ihn wie eine große Flamme einhüllte, ihn wärmte und schützte. Ihn aber auch beherrschte und benutzte. Und ihn erschreckte.
Noch immer tief in seinen Gedanken stopfte Karl Meixner die Handschuhe in seine Manteltaschen, zog den Mantel aus, hängte ihn an die Garderobe und ließ sich schwer in den großen, weichen
Lesestuhl fallen. Als wäre da ein zweites Wesen in ihm, dass Kontakt zur Außenwelt hielt, so gab er dem leise auftauchenden Kellner eine Bestellung für eine Portion China Caravan mit und so
betrachtete er die Hotelhalle schweigend und verwundert. Nein, nicht ein anderes Wesen. Wie in einem gedanklichen Spiegel sah er sich selbst und fühlte seinen Körper als Kern in sich, während
sein Bewusstsein größer geworden zu sein schien. Größer als sein Körper, mehr an Raum verlangte. Er meinte seinen eigenen Körper zu umgeben. Diesen Teil von sich selbst, der untrennbar zu ihm
gehört und doch nur mehr Teil war. Gerade etwas mehr als eine halbe Stunde war er weg gewesen. Wieviel konnte in einer halben Stunde geschehen! An die Fahrt zurück war kaum eine Erinnerung
vorhanden und auch von der Hotelhalle nahm er nur das heimelige Licht und die beruhigenden Düfte wahr, ohne sich auf Details konzentrieren zu können. Nur das wunderbare Gefühl, dass alles
vollkommen, perfekt und am rechten Ort war.
Der junge Mann stellte die Teekanne und die Tasse ab und brachte einen Ständer mit dreierlei Zucker hervor. Abwesend winkte der große, dunkle Mann in dem tiefen Sessel ab, griff nach der Kanne
und fand langsam wieder in die Realität zurück. Durch die Hitze an seinen Fingern und auch weil er beobachtete, dass die Lifttüren aufgingen und ein kleiner aber sehr modisch gekleideter Mann
sich suchend in der Halle umsah. Mit schnellen Schritten kam er quer durch die wenigen Menschen auf den abgetrennten Lesebereich zu. Doch mit den letzten paar Schritten wurde Merryweather
zögerlicher. Er kannte Karl Meixner, auch wenn sie bisher nie persönlich miteinander zu tun gehabt hatten. Doch diese Augen wirkten größer und glänzender als er sie in Erinnerung hatte. Voll
wacher Intelligenz, voll Misstrauen und doch auch voller Verwirrung.
Die Handbewegung mit der ihn der große Mann zum Sitzen einlud enthob ihn einer Begrüßung. Vorerst sah er aber erst einmal zu, wie der Mann ihm gegenüber sich vorsichtig eine weitere Tasse Tee
eingoss, die Kanne behutsam zur Seite stellte und die heiße Tasse zwischen die Fingerspitzen nahm. Bedächtig wirkten diese Bewegungen, beinahe zeremoniell. Irgend etwas schien Merryweather dabei
in dem Mann vorzugehen, ohne dass er es hätte ahnen können.
Wie hätte er auch wissen können, dass schlagartig in Meixners Kopf viele Fragen aufgetaucht waren. Allen voran die Frage, ob er den Mann nicht zu schnell getötet hatte. Und war er selbst, waren
Pensant und Fogham Züchtungsergebnisse oder Streiche einer Natur, die sich nicht so einfach ins Handwerk pfuschen ließ?
Als Meixner endlich den Kopf hob und den Besucher wieder ansah war dieser eigenartige Glanz aus seinen Augen verschwunden. Und mit ihm schien auch das Misstrauen erloschen, aber Merryweather war
sich klar, dass hinter dieser Stille alles stecken konnte.
“Sie wissen, wer ich bin?”
“Kaum jemand weiß, wer er selbst ist”, orakelte Meixner über seiner Teetasse. “Ich habe kaum eine Ahnung, welche Rolle Sie jetzt spielen und ich weiß nicht, wozu Sie sich entwickeln werden – aber
ich bin neugierig.”
Der junge Mann zog überrascht die Augenbrauen nach oben und wurde unsicher. Auch, weil er allmählich die leise Andeutung eines spöttischen Lächelns im Gesicht des großen, unauffällig gekleideten
Mannes entdeckte. Er hasste es auf den Arm genommen zu werden. Also entschied er sich seine Wunderwaffe einzusetzen. Und auch dieses Mal verfehlte seine Aufrichtigkeit ihre Wirkung nicht.
“Smith ist stinksauer, weil er nichts anderes tun kann als warten. Die Aktion in der U-Bahn ist ihm mächtig an die Nieren gegangen. Und ich muss sagen, auch ich war ein klein wenig
beeindruckt.”
Meixner wollte schon fragen wovon der kleine Mann sprach, erinnerte sich aber und meinte dann doch nur: “Ja, der alte Mann steckt noch voller Überraschungen.”
Und er meinte es tatsächlich so, wie er es sagte.
Wieder entstand eine kleine Pause weil Meixner andächtig an seinem Tee nippte.
“Ich kann eins und eins zusammenzählen”, setzte Merryweather wieder an. “Auch wenn ich nur ein kleiner Handlager bin. Rauchen Sie?”
Er hielt Meixner eine Zigarettenpackung hin, der überlegte einen kurzen Augenblick, lehnte dann aber dankend ab. Der kleine Mann schob sich selbst ein Lungenbrötchen zwischen die Lippen und
zündete es mit einer geübten Bewegung an.
“Smith würde wahrscheinlich einen Tobsuchtsanfall bekommen, wenn er wüsste, dass ich Zigaretten mit mir herum trage. Der selbe Mann, der ohne zu zögern ein paar Menschen in der U-Bahn erschossen
hätte um diesen Krampler zu stoppen - versteh‘ einer die Amis!”
Ein leises Grinsen flog über Meixners Gesicht bei dem Sarkasmus des jungen Amerikaners.
“Und was würde Smith sagen, wenn er wüsste, dass Sie mit mir reden?” hakte er nach. Merryweather sog gedankenvoll den Rauch ein und überlegte ernsthaft.
“Sagen? – Sagen würde er wahrscheinlich nichts”, kam zögernd die Antwort. “Er würde mir eine Kugel durch den Kopf jagen.”
Wieder eine schweigende Pause. “Und Sie würden ihn nicht daran hindern”, setzte Merryweather den begonnenen Gedankengang fort.
“Es gibt keinen Grund, warum ich mich in eine inneramerikanische Angelegenheit einmischen sollte.”
“Und wenn der Grund Jim Brown hieße?”
Merryweather hatte die Katze aus dem Sack gelassen und zerdrückte jetzt angelegentlich die Zigarette im Aschenbecher bevor er weiter sprach. “Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Brown nicht
ganz unschuldig an Ihrem - sogenannten - Unfall war. Und irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass Karl Meixner der Mann ist, der liebevoll vergibt und vergisst. Sie sind noch nicht wieder
offiziell im Dienst. Trotzdem sind Sie hier. Mich informiert zwar keiner, aber ich fresse einen Besen samt dazugehöriger Putzfrau, wenn dieser Smith nicht hinter Jim Brown her ist. Genauso wie
Sie. Ich weiß noch nicht warum die Firma Brown jagt, aber ich bin mir sicher, dass Smith kein Mann für ein Plauderstündchen ist. Eben so wenig wie Sie. Und Brown, nach allem was man so über ihn
gehört hat, schon gar nicht. Also sieht das Ganze nach einer ziemlich üblen Angelegenheit aus. Und ich kleiner Handlanger möchte vermeiden dabei zwischen die Fronten zu geraten.”
“Ich wusste gar nicht, dass ihr aus dem Auenland so gut lügen könnt Merry.”
Die Teetasse machte ein leises, klirrendes Geräusch, als sie auf der Untertasse ankam und unterstrich so die leisen, klirrenden Worte des dunklen Mannes, der für einen Augenblick wie ein
unfassbarer Schatten in dem dunklen, hohen Sessel wirkte.
“Sie lügen”, wiederholte er. “Und Sie wissen es nicht mal. Für Sie ist Brown noch immer ‚einer von uns‘. Und innerlich wehren Sie sich dagegen, dass die Firma einen ihrer eigenen Leute
liquidieren will. Ihr Verstand begreift und Ihr Intellekt versteht, dass da ein Grund sein muss. Aber Ihr Gefühl, Ihre Intuition – Ihre Loyalität, die wehren sich dagegen. Sie befolgen einen
Befehl, aber Sie haben keinen Grund, Brown zu töten. Eben so wenig wie ich.”
Mit einer Handbewegung wurde der aufkommende Widerspruch im Keim erstickt und Meixner goss sich eine neue Tasse ein bevor er weiter sprach.
“Es stimmt, dass Brown versucht hat mich zu töten. Aber er wollte nicht mich als Person töten. Sein Ziel war es, alle Zeugen zu beseitigen. Und er ist weder an dem Feuer schuld, noch an der
Explosion. Warum sollte ich ihm etwas nachtragen, was ich an seiner Stelle ebenso gemacht hätte?”
“Aber Sie sind hier.”
Karl Meixner nickte und verlor sich in seinen Gedanken. Jonathan W. Merryweather hatte eine grundlegende Wahrheit ausgesprochen. Eine Wahrheit, die so einfach war, dass sogar er selbst sie nur
langsam begriff. Er war hier. Im Schatten von Smith der wiederum auf der Jagd nach Brown war. Es gab für seine Anwesenheit keinen Grund. Er hegte keinen Groll gegen Brown. Und es war ihm
tatsächlich ziemlich egal, ob Brown in die Falle ging oder nicht.
Trotzdem saß er in dieser Hotelhalle und wartete.
Nachdenklich kratzte er sich am Kinn und sah zu dem jungen Mann ihm gegenüber.
“Etwas sagt mir”, begann er leise, “dass Brown eine sehr viel größere Gefahr darstellt, als Sie oder Smith oder auch Ihre Firma sich vorstellen können. Aber auch deswegen bin ich nicht
hier.”
Wieder sah er das düstere Zimmer vor sich, das große Fenster in den grauen Garten hinaus und davor den Mann auf dem Stuhl, die weißen Hände fest um das Schwert geklammert. Er sah das Papier in
der Lagerhalle brennen. Und irgendwo musste Brown noch Printplatten und Hologramme versteckt haben.
“Ich weiß nicht, warum ich hier bin. Ich kann es Ihnen nicht sagen Merry. Vielleicht ist es eine Art Ahnung, dass ich gebraucht werde. Vielleicht ein tieferes Bedürfnis nach Kontrolle. Oder auch
nur Neugier, reine Sensationslust und Langeweile.”
Merryweather stand auf und ließ eine Hand auf dem rotbraunen Stoff der Rückenlehne liegen während er in die Halle sah.
“Ich würde fast behaupten, dass Sie mir einiges verschweigen Meixner, wenn ich nicht genau wüsste, dass dem so ist. Aber so ist nun mal unser Job. Vielleicht wissen Sie es auch wirklich nicht.
Und vielleicht wollen Sie es auch gar nicht wissen.”
“Seien Sie froh, wenn Sie nur wissen was Sie wissen müssen. Ein Zuviel an Wissen bereitet nur Kopfschmerzen. Intelligenz macht depressiv. Denn neue Antworten tragen, hinterhältig versteckt in
einem doppelten Boden, immer nur neuen Fragen mit sich herum.”
Meixners Stimme drang leise und vertraut an sein Ohr, als habe er es mehr in seinem Kopf gedacht als laut gesprochen. Vielleicht lag es auch daran, dass der kleine Mann abgelenkt war, und das
gleich doppelt.
Er nahm den Geruch eines Pfeifenkrautes wahr, das ihm auf angenehme Weise bekannt vorkam, ohne dass er sich erinnern konnte. Zwei Tische weiter saß ein hagerer Mann mit Schnauzbart, vertiefte
sich in eine Zeitung und paffte genüsslich an seiner sanft geschwungenen Pfeife. Doch Merryweather blieb keine Zeit lange zu überlegen woher und wieso. Wieder wanderten seine Blicke zurück zu dem
Eingang. Diesmal taten es Meixner und der Mann mit der Pfeife ihm gleich. Als hätte ein frischer Windstoß die Menschen geweckt, so wandten sie sich alle, mehr oder weniger bewusst, dem Eingang
zu. Dem Eingang und der Frau, die dort stand und sich suchend umsah. Sie war nicht besonders groß und wirkte in dem hellgrünen Mantel zart und fast ein wenig unwirklich. Wie eine verschwommene
Erscheinung, wäre da nicht das kurze, kräftig rote Haar um das blasse Gesicht gewesen. Und die frische Energie, die von dieser Frau ausging. Zielstrebig kam sie auf Meixner zu und ohne ein
weiteres Wort machte sich Merryweather aus seiner Erstarrung los und auf den Weg zu den Liften. Dort wandte er sich noch einmal um und sah zurück.
Die beiden standen sich gegenüber, hatten sich die Hände gereicht. Und für einen Augenblick schienen sie ein Zentrum zu bilden. Nicht nur das der großen Marmorhalle, auch das der Stadt, der Welt,
das Zentrum allen Lebens. Als würde alle Energie rings um sie herum zusammenfließen und sich hier und jetzt sammeln. Der Mund klappte dem kleinen Mann vor Überraschung auf, als ihm vorkam, die
beiden würden wachsen, würden alle anderen Menschen überragen und da wäre ein Leuchten um sie, hell, strahlend und doch in allen Farben schillernd. In diesem kurzen, unbewussten Augenblick sahen
alle Menschen in der Halle zu den beiden hin. Ohne Ausnahme waren sie gefangen ohne zu wissen wovon. Und ohne Ausnahme durchzuckte jeden Geist die Erkenntnis seiner eigenen Bedeutungslosigkeit
vor der Unendlichkeit und der Vielfalt des Lebens. Der Schimmer einer Erkenntnis, nur für den Bruchteil einer Sekunde. Und doch lange genug, dass sie sich etwas irritiert wieder den Wichtigkeiten
ihres Alltages zuwandten. So wie Merryweather die Erinnerung streifte, dass Meixner ihn einen Auenländer genannt hatte und das es bei all den Sticheleien jetzt wirklich allmählich an der Zeit war
dieses Buch von Tolkien endlich einmal zu lesen.
Die schlanke Frau in hellem Grün war eine wohlgeformte Schönheit und doch fast zerbrechlich neben dem kräftigen Mann in dunklem Grau. Ein bemerkenswertes Paar, auch ohne den Atem um sich, der sie
von den Menschen ausgrenzte.
Merryweather schüttelte den Kopf und nahm den nächsten Lift nach oben.
Die schlanke Frau öffnete den Mantel und fühlte seine Hand noch in ihrer. Warm, trocken und fest. So wie immer. Und doch war da etwas anders.
“Was ist geschehen?”, wollte Patricia Fogham ohne Umschweife wissen, als er ihre Hand losgelassen hatte und sie sich setzten. Er sah sie überrascht und ein wenig fragend an. Aber er antwortete
nicht. Sie schickte den jungen Kellner wieder weg, der aber reinigte noch hingebungsvoll den kleinen Tisch bevor er verschwand. Und bedauernd den Blick wieder von ihren Beinen löste, die der
lange Wollrock sehr vorteilhaft modellierte.
“Frag‘ mich nicht”, setzte sie fort, als sie endlich allein waren, “ich weiß nicht wovon ich spreche. Ich bin mitten in einer wichtigen Sitzung. Vielleicht vor einer Stunde. Und mit einem Mal ist
alles ganz weit weg. Nicht, dass ich mich nicht konzentrieren könnte, aber irgend etwas stimmt mit einem Mal nicht.”
“Stimmt nicht”, echote er doch sie schüttelte den Kopf.
“Die Situation war völlig daneben. Vom Gefühl her war es OK. Was heisst OK, es war perfekt, vollkommen, in Ordnung und absolut passend. Es war erschreckend perfekt, von einer Makellosigkeit, die
jenseits jeder Realität liegt. Ein paar Minuten später ruft Pensant bei mir an und sagt, dass warst Du. Er sagt mir, wo ich Dich finde und er sagt mir, ich solle mich um dich kümmern.”
“Und deine wichtige Sitzung?”
Mit einem Mal lächelte sie ihn schelmisch von unten herauf an und spielte ein wenig verlegen.
“Ehrlich gesagt”, flötete sie, “scheine ich die Situation ein wenig ausgenützt zu haben. Denn als alles vorüber war lagen auch die Verträge unterschrieben auf dem Tisch.”
“Eine neue Expansion?”
“Was ist geschehen?”
So leicht ließ sich Pat Fogham nicht aus ihrer Bahn werfen. Zu verwirrend war das Erlebte und zu eindringlich war Pensants Anruf gewesen. Und sie kannte Karl Meixner nun lange genug um zu
bemerken, dass seine so unerschütterlich wirkende Ruhe tiefer geworden war. Tiefer und ehrlicher. In dieser Ruhe nahm der die Teetasse wieder auf und sah lange hinein.
“Ich war mein ganzes Leben lang ein guter Soldat. Ich habe Befehle bekommen und ich habe sie ausgeführt. Vieles habe ich getan, und doch war es niemals ich selbst. Aber heute, da habe ich zum
ersten Mal selbst eine Entscheidung getroffen. Ich habe entscheiden, was zu tun ist. Und ich habe gehandelt. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich mir vollkommen sicher das Richtige zu tun.
Nicht, weil es befohlen war. Nicht, weil ich es wollte. Einfach, weil es richtig war. So wie ein Blatt auf den Wellen eines Stromes sich nur mehr darum bemüht schön zu tanzen und nicht mehr gegen
den Weg des Stromes anzukämpfen.”
In Gedanken versunken blickte sie lange zur Bar hin ohne sie tatsächlich zu sehen, aber der junge, schwarzhaarige Kellner fühlte sich aufgefordert und kam an ihren Tisch. Um Zeit zu gewinnen
bestellte Fogham einen Einspänner, wartete schweigend bis er gebracht wurde und stocherte dann, noch immer schweigend, das Schlagobers in den schwarzen Kaffee. Beobachtete die weißen Schlieren in
der schwarzen Flüssigkeit und ihren allmählichen, verträumten Wechsel zu Braun. Es gab zu seiner Ausführung nichts zu sagen, sie wusste es genau. Da war eine Erkenntnis gewesen.
Tiefgreifend und unwiederbringlich für Meixner. Und doch auch erschreckend, da es für sie alle fühlbar gewesen war.
Wie hatte sie diesen Mann gehasst! Am Anfang ihrer Bekanntschaft, da hätte sie sich beinahe in ihn verliebt, später waren sie gute Freunde gewesen. Und dann war der Tag gekommen an dem sie ihn zu
hassen begonnen hatte. Abgrundtief und aus vollem Herzen. Nicht eine ganze Armee hätte sie davon abhalten können ihn zu töten. Ihr eigenes Leben schien ihr kein großer Preis zu sein, wenn sie
dafür Rache für Alexander Heymanns Tod bekommen hätte. Eine ganze Armee hätte nicht geschafft, was Christoff Pensant dann doch gelungen war. Sie von der Rache abzuhalten, die der einzige Sinn
ihres Lebens geworden war. Und heute saß sie diesem Mann gegenüber. Heute fühlte sie keinen Hass mehr, ganz im Gegenteil, fühlte sie sich diesem Mann verbunden. Zutiefst verbunden in einer Art
und Weise, die weit über jedes menschliche Verständnis hinaus ging. Dieser Mann war ein Teil von ihr. So wie sie ein Teil von ihm war. Wie jeder von ihnen ein Teil der anderen war. Wie jeder von
ihnen sich in unergründlicher Weise mit allem Leben verbunden sah.
“Hast du eine neue Idee unter Dach gebracht?” fragte er leise und holte sie vorsichtig aus ihren Gedanken zurück. Sie rührte immer noch die nun braune Flüssigkeit in dem kleinen Glas und sah ein
wenig überrascht zu ihm auf. Sofort kam der strahlende Glanz in ihre grünen Augen zurück.
“Du wirst dich wundern Karl. Das war diesmal mehr als eine Expansion, das ist ein Schritt in eine neue Dimension!”
Verwundert hob er die Augenbrauen und lehnte sich neugierig nach vorne.
“Wir haben einen Bauernhof gepachtet”, begann sie aber Meixner konnte das Außergewöhnliche daran nicht auf Anhieb erkennen.
“Der Bauernhof selbst dient nur als Unterkunft für unsere eigenen Leute. Viel wichtiger ist, dass er in dem kleinen Dorf im Waldviertel liegt. Und ich habe ja genau genommen das ganze Dorf unter
Vertrag. Wir werden dort Lebensmittel produzieren, die nicht nur den biologischen Normen entsprechen sondern wir werden auch weitgehend ohne fremde Energie produzieren. Das heißt – keine schweren
Traktoren oder ähnliche Maschinenmonster, und wenn schon, dann mit Elektromotoren. Was aber natürlich nicht heißen soll, dass es nur tierische und menschliche Arbeitskraft geben wird, aber es
wird sicherlich mehrerer Menschen bedürfen. Was einerseits meinen schon laufenden Projekten der Wiedereingliederung in die Arbeitswelt dient und andererseits der wissenschaftlichen Erforschung
von alten Arbeitsprozessen. Die Leute von der Uni wollen stufenweise die Arbeitsweisen in der Praxis bis in die Steinzeit rückentwickeln. Was natürlich wieder gefördert wird. Gefördert wird auch
die Wiederherstellung und Erhaltung der alten Kulturlandschaften. Und Leute, die eine mehr oder weniger kurze Auszeit aus unserer hektischen technokratischen Gesellschaft suchen, die laufen mir
schon jetzt die Tür ein. Pensant orakelt herum, ob man nicht ein Dorf des Alten Volkes wieder errichten und beleben könnte und Nick entwickelt schon Pläne, wie man mit modernster, sanfter
Technologie den Lebensstandard im natürlichen Raum soweit erhöhen kann, dass diese Lebensweise durchaus zeitgemäß ist. Irgendwas in Richtung Sonnenenergie und Erdwärme. Unser erstes Ziel ist es,
das Gebiet soweit zu entwickeln, dass es auf sich selbst gestellt überleben kann. Später werden wir dann unsere Produkte auch verkaufen und noch später werden wir versuchen, das Gebiet immer mehr
zu vergrößern.”
“Bis das ganze Waldviertel das ist, was es immer schon war – eine Schutzzone. Oder willst du den ganzen Nordwald?”
“Nenne es, wie du willst”, wischte sie diesen Einwand zur Seite. “Und wie es auch immer heißt, es wird nachhaltig überleben und den Menschen zeigen, dass es mehr gibt, als ihren Gott Konsum!
Dabei ist mir durchaus klar, dass sich nicht die ganze Welt von der Anbetung des Konsums abwenden kann”, lenkte sie ein. “Der Konsum an sich ist auch gar nicht schlecht, solange er nicht zum
Selbstzweck wird. Darum erschaffen wir eine Enklave, eine Möglichkeit für Menschen auf bestimmte Zeit dem Diktat des Konsums zu entfliehen. Auszusteigen auf Zeit, wenn du so willst, aber ohne
soziale Experimente wie in den 70iger Jahren. Gleichzeitig könnte sich das Ganze zukunftsweisend entwickeln. Denn es spricht wirklich nichts dagegen, dass zum Beispiel Telearbeit nicht auch in
einer intakten Umwelt funktionieren kann.”
“Ein bisschen Sience Fiktion und ein bisschen Zurück zu den Wurzeln”, witzelte er ohne zu verbergen, dass er beeindruckt war. Wie immer, wenn ihre Ideen Leben gewannen und sich geradezu von
selbst zu entwickelten. “Und Nick und Christoff ziehen mit dir aufs Land.”
“Nick ist wieder auf dem Weg zum Conte auf dessen italienischen Gütern und bei Christoff Pensant weiß niemand, was er gerade tut oder wo er sich gerade aufhält. Er hat mich angerufen. Gut. Das
heißt, er kann in Wien sein, vielleicht in diesem Hotel oder aber auch irgendwo zwischen Island und Zypern. Aber jedenfalls wusste er, wo du bist!”
Karl Meixner nickte und fühlte sich gar nicht wohl dabei. Pensant hätte niemals gutgeheißen, was er getan hatte. Aber selbst wenn er wusste was geschehen war, er würde kein Wort darüber
verlieren. Pensant hätte dafür gesprochen alles auszusitzen, abzuwarten und zu sehen, wie sich die Dinge entwickelten. Pensant stand wie ein Berg, er hätte sich niemals bewegt, niemals gehandelt.
Weil er alles in größeren Dimensionen sah. Karl Meixner blinzelte kurz, als ihm klar wurde, dass genau dieser Unterschied der Grund war, warum sie sich ergänzten.
Das atemberaubende Wesen mit den blonden Korkenzieherlocken stöckelte gemächlich von der Rolltreppe weg und durchquerte die Halle in Richtung zur Oper. Die Rüschen an der weißen Bluse und die
Fransen an den hochhackigen Stiefelchen wippten rhythmisch bei jedem ihrer Schritte. Auch wenn die weite Jacke die schmalen Hüften und die langen Beine in den engen Jeans einigermassen verbarg,
so war es doch offensichtlich, dass ihr Auftritt unter den herumlungernden Männern Beachtung fand. Für einen Augenblick wurden ihre Schritte zögernder und sie bog ein wenig zur Seite. Bei dem
kleinen Mann mit dem schütteren Haar und dem schüchternen Lächeln, der versteckt im Schatten einer Säule die Straßenzeitung der Obdachlosen anbot, blieb sie stehen und kaufte. Aber sie wirkte
dabei unschlüssig und fahrig. Ohne zu bemerken, dass der Mann mit ihr sprach ging sie weiter und versuchte, sich nicht dauernd suchend umzusehen. Kurz vor dem Ausgang sprach sie jemand an, ein
ziemlich heruntergekommener Typ mit eingefallenen Wangen und brennenden Augen. Für die Umstehenden sah es so aus, als hätte er sie nach einer Zigarette gefragt, denn sie nahm eine Packung aus
ihrer Handtasche, drückte sie ihm in die Hand und gab ihm zu verstehen, dass er sie behalten sollte. Die beiden sahen sich einen Augenblick zu lange an, dann machte Krampler kehrt und sie sah ihm
noch nach. Seufzte kurz und sah dann zu, dass sie ebenfalls schnell aus der Station kam.
Auf der Rolltreppe ans Tageslicht überholte sie ein anderer Mann, stellte sich vor sie hin und sah ihr geradewegs ins Gesicht. Er war gepflegt mit dichtem schwarzem Haar wenngleich nicht all zu
groß gewachsen. Fast elegant wirkte er und sah sie so direkt an, als müsste sie ihn kennen. Er sah ganz gut aus und fast hätte sie ihn angelächelt. Doch im gleichen Augenblick begriff sie und
fühlte, wie Panik sie überkam.
Beinahe gleichzeitig packten zwei harte Hände sie von hinten an den Armen und schoben sie brutal zu einem Wagen, hoben sie beinahe hoch bis der kleine Mann die Türe geöffnet hatte und sie auf die
Rückbank geschoben wurde. Ein schlanker Mann mit harten Augen und schwarzem Anzug schob sich neben sie und packte sie so hart am Handgelenk, dass sie meinte, es müsse brechen. Aber der Mann
kümmerte sich nicht darum. Er drückte dem kleinen Mann, der sich jetzt hinter das Lenkrad setzte ein Stück Papier in die Hand und meinte kurz: “That’s the way.”
Jonathan W. Merryweather saß hinter dem Lenkrand und starrte auf seine beiden Fäuste, die krampfhaft das Lenkrad festhielten. Leise knirschten die fest aufeinander gebissenen Zähne, als der Wagen
unter dem Aufprall leise schwankte. Nicht zum ersten Male. Der Oberst würde ihm wahrscheinlich den Kopf abreissen, weil er nicht zum vereinten Treffpunkt gefahren war. Aber das war im Augenblick
wohl das kleinste seiner Probleme. Wieder schwankte der Wagen leicht, als der Körper dagegen prallte und wieder traten die Knöchel weiß aus seinen Fäusten.
Smith hatte ihm einen Fetzen Papier in die Hand gedrückt auf dem stand, dass er an das Ende des Frachthafens fahren sollte – was sonst hätte er tun können.
Bereits auf der Fahrt hatte Smith das Mädchen mit Fragen bombardiert. Dann hatte er begonnen sie zu misshandeln. Und er hatte sich weder um Merryweathers Einwände gekümmert noch um die
Tatsache, dass der kleine Mann seinen Fragen nach Brown aufmerksam zuhörte.
An der abgelegenen Stelle im Hafen hatte er Merryweather dann befohlen im Wagen zu bleiben und dem Mädchen sich auszuziehen. Für einen Augenblick war Merryweather mindestens so überrascht wie das
Mädchen. Doch er begriff schneller als sie, dass Smith nur vermeiden wollte, dass ihre Kleidung schmutzig wurde. Smith zerrte sie aus dem Wagen und er war mit ihren Antworten nicht zufrieden. Ja,
er schien wirklich Spaß dabei zu haben. Es kümmerte ihn auch nicht, dass Merryweather alles sah und hörte. Ebensowenig, wie dass sie immer wieder beteuerte, sie wisse nicht, wo sich Brown
aufhalte. Er schrieb es ihrer Verstocktheit zu. Und steigerte seine Bemühungen. Immer wieder zerrte er sie in das eisig kalte Wasser des Hafenbeckens und drückte ihren Kopf unter die schmierige
Oberfläche bis bunte Kreise vor ihren Augen zu tanzen begannen. Zwar schlug er sie nicht, aber er schleuderte sie herum, über den rauen Asphalt, gegen den Wagen. Immer wieder. Und er schien über
mehr Kraft und Ausdauer zu verfügen, als man einem Menschen zugetraut hätte.
Merryweather schloss die Augen und knirschte vernehmlich mit den Zähnen. Es gab Mittel und Wege genug um ohne Probleme an die gewünschten Informationen zu kommen. Gewalt war ein sehr
unvollkommenes Mittel und diente in seinen Augen nur der Befriedigung des Verhörenden, nicht aber der Sache. Dennoch fühlte er in sich das Verlangen nach Gewalt aufsteigen. Und er begann Smith zu
hassen!
Schon wieder schlug der zerschundene Körper des Mädchens gegen den Wagen. Und Merryweather rastete aus. Blindwütig schoss er aus dem Wagen ohne zu wissen, was er eigentlich tun wollte. Vielleicht
zwei Schritte machte er hin zu seinem Vorgesetzten, dann erstarrte er stocksteif. Smith sah ihm überrascht entgegen und begriff im nächsten Augenblick, als er den großen Schatten neben sich
bemerkte und in die Mündung der Waffe sah.
Voller Dreck, heulend und bibbernd vor Kälte lehnte ein zerschundenes Bündel Elend an dem Wagen aber die drei Männer achteten in diesem Augenblick nicht darauf.
“Hallo Meixner”, presste Merryweather mühsam hervor. “Was machen Sie hier?”
“Ich wollte mich ein wenig mit unserem Gast unterhalten”, antwortete der große, dunkle Mann schräg hinter Smith ruhig wobei er dem Wort ‚Gast‘ eine eigenartige Betonung gab. Und seine Waffe
schwankte keinen Millimeter.
“Aber es sind nur Kleinigkeiten. Nichts, was Sie oder Frau Krampler interessieren könnte. Ich wäre Ihnen daher sehr dankbar, wenn sie uns alleine lassen würden.”
Meixners Stimme klang so gelassen und ruhig, dass es in dieser Situation fast schon pervers wirkte und Merryweather etwas Zeit benötigte um aus seiner Wut in diese Wirklichkeit zu finden. Und,
überlegte er schnell, er empfand diese neue Wirklichkeit nicht als unangenehm. Meixner bedrohte Smith mit der Waffe, also blieb ihm nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Und auch wenn ihm seine
Rolle als Laufbursche in dieser ganzen Angelegenheit ganz und gar nicht gefiel, in diesem Augenblick spielte er sie gerne. Ohne zu überlegen packte er das schmutzige und zitternde Mädchen in sein
Sakko und verfrachtete sie wieder in den Wagen.
“Merry.”
Meixners Stimme hielt ihn zurück und er wandte sich in der Fahrertür noch einmal um. Keiner der beiden Männer hatte auch nur einen Muskel bewegt.
“Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie dafür sorgen könnten, dass Frau Krampler nach diesem bedauerlichen Zwischenfall die Gelegenheit bekommt zu duschen und sich ein wenig herzurichten. Danach
bringen Sie Frau Krampler wohin immer sie möchte.”
Merryweather nickte. Besonders begierig war er nicht darauf jetzt noch mit dem Mädchen zusammen zu sein. Was geschehen war, war peinlich genug und er hatte keine Lust diese Peinlichkeit jetzt
auszubaden. Andererseits hatte Meixner vollkommen recht, in ihrem Zustand konnte man sie unmöglich herumlaufen lassen. Abgesehen davon, dass diese ganze Aktion nichts gebracht hatte, würde es
auch noch jede Menge Aufsehen geben. Insgeheim wunderte er sich über Smith, doch schon im nächsten Augenblick begann ihm die Wahrheit zu dämmern. Smith hatte niemals beabsichtigt, sie wieder
laufen zu lassen. Hätte sie ihm gesagt was er wissen wollte, dann hätte man in den nächsten Tagen eine kaum bekleidete, unbekannte Frauenleiche irgendwo an den Donauufern gefunden. Zwar würde der
Körper Prellungen aufgewiesen haben, aber das konnte auch von einem Sturz oder einem Unfall herrühren. Man würde keine eindeutigen Spuren von Gewaltanwendung feststellen und den Fall schnell zu
den Akten legen. So etwas wie ein eisiger Schauer lief über seinen Rücken. Und hinter ihm schluchzte sie leise vor sich hin, ahnungslos, in welcher Gefahr sie eben noch geschwebt hatte.
Karl Meixner wartete geduldig, bis der große Wagen hinter den ersten Gebäuden verschwunden war. Dann nahm er die Waffe herunter und steckte sie gleichgültig weg. Die plötzliche Spannung in dem
Körper des jungen Mannes und das Zucken seiner Hand blieben ihm nicht verborgen. Nachdenklich und mit unbewusstem Mitleid besah er sich den schlanken Amerikaner in seinem schwarzen, leicht
zerknitterten Anzug.
“Wenn es meine Absicht gewesen wäre Sie zu töten, dann hätte ich das längst getan”, meinte Meixner, wandte sich um und ging gemächlich über den großen, leeren Platz zu den nächsten Lagerhallen.
Smiths Hand tastete wie von selbst nach seiner Waffe und doch fragte er sich plötzlich, wie dieser große Mann den leeren Platz hatte überqueren können, ohne von ihm bemerkt zu werden.
“Sollten andererseits Sie die Absicht haben mich zu töten”, sprach Meixner weiter zu dem ihm automatisch folgenden jungen Mann, “dann sollten Sie es jetzt versuchen. Nicht, dass ich Ihnen große
Chancen einräume, aber es könnte möglicherweise Ihre letzte Gelegenheit sein. Die Leute des Obersts haben nämlich Brown gefunden.”
Sofort ließ Smith den Griff seiner Waffe wieder los und holte mit raschen Schritten auf.
“Sie haben Brown? Wo ist er?”
Der Anflug eines leisen Lächelns flog unbemerkt über Meixners Gesicht ob des plötzlichen Sinnenswandels.
“Ein Mann auf den Browns Beschreibung passt hat gestern am späten Abend ein Zimmer in einem kleinen Hotel am Stadtrand gemietet.”
“Es gibt viele Leute auf die Browns Beschreibung passt. Warum glauben Sie, dass man ihn diesmal gefunden hat?”
Meixner leistete sich ein breites aber ziemlich humorloses Grinsen und musterte Smith von oben bis unten.
“Der Mann trug einen schwarzen Anzug mit schwarzer Krawatte, eine schwarze Sonnenbrille und eine Waffe.”
Karl Meixner parkte seinen Wagen und ging auf die andere Straßenseite. Dort saßen in einem weißen Lieferwagen zwei Männer in Arbeitskleidung und machten offensichtlich Pause. Die beiden Männer
sahen ihm entgegen, der eine faltete die Zeitung zusammen.
“Nichts Bewegendes”, meinte der andere. “Zwei Lieferwagen sind gekommen und ein alter Mann hat das Haus verlassen.”
“Alter Mann”, murmelte Meixner nachdenklich. “Alter Mann”, sagte er dann, “mit Mantel, Hut, Vollbart und Stock.”
“Fast erraten”, grinste der Mann im Wagen. “Aber er hatte keinen Vollbart sondern so einen Seehund-Schnauzer. War ziemlich schlecht zu Fuß.”
Der große Mann vor dem Wagen schloss die Augen, seufzte und wunderte sich, wie wenig erstaunt er war. Misstrauisch trat Smith einen Schritt näher. Aber Meixner schüttelte nur den Kopf und zog ihn
weiter.
“Was ist geschehen?”, wollte der Junge dann doch auf halbem Weg zu der heruntergekommenen Absteige wissen.
“Ich weiß es noch nicht”, kam die nachdenkliche Antwort. “Wollen mal sehen, was wir finden. Aber es sieht nicht gut aus.”
Im Dunkel eines Verschlages aus den frühen Tagen des vorigen Jahrhunderts regte sich ein Schatten, als die beiden Männer den engen Hausflur betraten. Ein hagerer Mann mit vornüber hängenden
Schultern und tief roten Augen löste sich und kam einen Schritt nach vorne ins staubige Zwielicht. Meixner hielt ihm kurz einen Ausweis unter die lange Nase und das rechte Augenlid der
Vogelscheuche begann zu flackern.
“Er ist in Nummer 28. Im ersten Stock, links die letzte Tür auf der rechten Seite.”
Meixner hielt die Hand auf.
“Ihren Schlüssel.”
Das Augenlid begann stärker zu flattern und das Gesicht verzog sich zu einer unwilligen Grimasse.
“Er ist oben, Sie brauchen meinen Schlüssel nicht.”
Der dunkle Mann, riesig und bedrohlich in dem düsteren Flur, besah sich die Vogelscheuche hinter dem Pult genauer was das Augenlid zu einem rasenden Rhythmus brachte.
“Er ist nicht oben und ich möchte die Tür nicht aufbrechen. Oder ist Ihnen das lieber?”
Widerwillig rückte der Mann einen Schlüssel an einer speckigen Kordel aus seiner Hosentasche heraus.
Oben am Treppenabsatz hielt Smith den Mann vor sich zurück.
“Ich dachte, er ist hier.”
“Das wäre zu einfach. Unterschätzen Sie Brown nicht. Einen Sinn hat das Ganze sicherlich, es könnte aber auch eine Falle sein”, kam die leise Antwort.
“Eine Falle?”
“Es würde mich sehr wundern, wenn er nicht schon seit einiger Zeit von Ihrer Anwesenheit wüsste.”
Smith begriff im nächsten Augenblick und sah automatisch über die Schulter. Aber da war nur der düstere, verdreckte Gang und vor ihm der riesige, dunkle Schatten. Meixner wartete nicht ab, bis er
sich von seiner Erkenntnis erholt hatte sondern ging weiter den Gang hinein um am Ende vor einer Tür stehen zu bleiben. Smith hastete hinterher, zog seine Waffe und stellte sich gegenüber der Tür
auf.
Meixner sah ihn nachdenklich an und schüttelte leise den Kopf. Wortlos gab ihm der junge Mann in Schwarz zu verstehen, dass er jetzt die Tür aufzubrechen gedachte wobei die Waffe in seiner Hand
silbrig und erwartungsvoll glitzerte.
Wieder schüttelte Meixner den Kopf. Diesmal nachdrücklicher.
“Wir haben nur eine Chance, wenn wir ihn überraschen!”, flüsterte Smith wütend.
Meixners Grinsen war ein wenig mitleidig und wurde von Smith als so beleidigend empfunden, dass er gute Lust gehabt hätte, diesen breiten Rücken, der sich nun zwischen ihn und die Tür schob, zu
durchlöchern. Aber Brown war wichtiger.
Kaum glauben konnte man, dass das zaghafte Klopfen von dem großen Mann kam. Als niemand antwortete klopfte er noch einmal etwas fester, so wie es ein Zimmermädchen machen würde. Als wiederum
keine Antwort kam steckte er den Schlüssel ins Schloss und sperrte die Tür auf. Doch gleichzeitig mahnte seine andere Hand Smith zur Aufmerksamkeit.
Das Zimmer war leer wie Meixner es befürchtet hatte. Enttäuscht stürmte Smith hinein und sah sich mit der Waffe in den Hand und mit vor Wut funkelnden Augen um. Doch das Zimmerchen war zu klein
um darin herum zu laufen. Ja selbst die Anwesenheit der beiden Männer zwischen Bett, Kasten und Waschbecken schien bereits zuviel.
Meixner schloss die Tür hinter sich und das wütende Funkeln in den Augen den jungen Mannes erlosch schlagartig.
Die Türangeln waren gelockert worden und am Kleiderhaken hinter der Tür hingen drei Handgranaten. Der Bolzen der ersten Granate war lose und mit einem Stückchen Schnur am oberen Ende der Tür
befestigt. Smith mochte sich nicht ausmalen was geschehen wäre, wenn er die Tür aufgebrochen hätte. Sie wäre in den Raum gekippt. Und er hinterher.
Nachdenklich betrachtete Meixner die Sprengfalle und sah sich dann langsam in dem kleinen Zimmerchen um. Das halbwegs große Bett mit dem Metallkopf, das schon beim Hinsehen zu Quietschen schien,
die wackelige Ablage daneben mit der Bibel in der offenen Lade, die beiden billigen Drucke, deren Rahmen seit Menschengedenken keiner mehr gesäubert hatte, das Fenster mit dem abblätternden Lack,
der kleine Spiegel dessen Ecken bereits blind wurden, das Waschbecken aus dem zweiten Weltkrieg, der große, verzogene Kasten und wieder die Handgranaten.
Smith wirkte offensichtlich unschlüssig und konnte sich das Ganze nicht wirklich zusammenreimen. Aber er steckte die Waffe erst einmal weg. Und riss sie gleich wieder heraus. Vorsichtig öffnete
er die Kastentür, die sich auch ohne Widerstand herum schwenken ließ und einen Blick auf den vollständig leeren Innenraum frei gab. Wenn man von dem schwarzen Käfer absah, der hastig versuchte
ins Dunkel zu flüchten.
“Eine Falle!”, ächzte Smith. “Ich soll ihn fangen und er stellt mir eine Falle!”
“Nicht unbedingt”, grübelte Meixner. Aber der junge Amerikaner war viel zu sehr außer sich um seine Bemerkung zu hören. Doch allmählich sickerte die nachdenkliche Ruhe und die zurückhaltende
Bemerkung des großen Mannes durch die Wogen seiner Entrüstung. Endlich steckte er die Waffe weg und breitete die Arme fragend aus.
“Und wonach sieht das Ihrer Meinung nach aus? Wenn das keine Falle ist, was ist es dann?”
Karl Meixner zog sich den einzigen Stuhl heran und setzte sich darauf. Sehr vorsichtig. So vorsichtig, wie er zu sprechen begann.
“Es ist ein Test. Brown weiß schon lange, dass er gesucht wird. Und all die Zeit haben wir ihn nicht finden können, weil er es versteht sich zu tarnen. Dann tauchen Sie auf. Und schon im nächsten
Moment verlässt Brown seine Deckung und mietet sich dieses Zimmer. Dabei geht er so vor, dass er einfach auffallen muss.” Meixner vergass dabei zu erwähnen, dass nicht der Portier sie informiert
hatte sondern eine der Putzfrauen, die vor kurzem von Foghams Arbeitsvermittlung hier untergebracht worden war. “Er kann natürlich nicht eines der großen Hotels nehmen, er muss zumindest den
Schein wahren. Also fällt seine Wahl auf diese Absteige. Hier gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder informiert man den Oberst sofort oder aber, das Zimmermädchen entdeckt die Sprengfalle erst am
nächsten Tag. Dann melden sie das ganz sicher der Polizei und wir erfahren davon. Vielleicht stürmt die Polizei auch sein Zimmer und aktiviert die Sprengfalle. Auf jeden Fall werden Sie hierher
gebracht, aber er geht davon aus, dass für Sie die Falle dann nicht mehr gefährlich ist. Diese Falle soll niemanden fangen, sie soll nur Aufmerksamkeit erregen. Und zwar Ihre.”
“Und er wartet draußen und sieht, wer ihn jagt!”
“Der junge Amerikaner im schwarzen Anzug mit der schwarzen Krawatte und der schwarzen Sonnenbrille”, Meixner schüttelte den Kopf. “Nein, Sie zu finden ist nicht schwierig. Dazu bedarf es nicht
dieser Geschichte hier.”
Seine Brauen zogen sich einen Augenblick zusammen. Dann stand er so vorsichtig auf, wie er sich gesetzt hatte und stellte den Stuhl auf seinen Platz zurück.
“Brown will nicht Sie, er will Ihre Aufmerksamkeit Smith! Wo würden Sie in diesem Zimmer eine Nachricht verstecken. Und zwar eine Nachricht für einen Kollegen, die kein anderer finden
soll.”
Smith war keineswegs auf den Kopf gefallen und begriff sofort worauf Meixner hinaus wollte. Suchend sah er sich in dem Zimmer um und versuchte sein Glück an den Enden des Metallgestelles an Kopf
und Fuß des Bettes. Doch alles war fest verlötet. Dann montierte er die Kappe des Siphons unter dem Waschtisch ab. Doch auch hier fand er nichts als beißenden Geruch. Die Rückseiten der Bilder
wurden von ihm kontrolliert. Ebenso, wie die Außenwände des Kastens und die Unterseite des Bettes. Nach einer weiteren Rundschau kratzte sich Smith etwas ratlos am Kopf.
“Sorry”, meinte er nach einer Weile, “aber ich kann in diesem Zimmer nichts Außergewöhnliches entdecken.”
Und auch das leise Lächeln mit dem Meixner ihn beobachtet hatte war ihm entgangen.
“Es gibt gewisse kulturelle Unterschiede zwischen Europäern und Amerikanern.”
Smith starrte ihn verständnislos an.
“Für einen Europäer ist Religion Privatsache und gerade in einer solchen Absteige würde kein Inhaber auf die Idee kommen, seinen Gästen etwas zur seelischen Erbauung anzubieten.”
Smith benötigte noch einen guten Moment, dann machte er einen Satz und hatte die Bibel in der Hand. Es war eine billige Ausgabe in Englisch, mit Pappdeckel von dem der Preisaufkleber ziemlich
unachtsam herunter gerissen worden war. Einen Augenblick zögerte er noch, als ihm bewusst wurde, dass es kaum im Sinne von Brown sein konnte, wenn er die Nachricht in der Gegenwart eines Feindes
entgegen nahm. Aber das war inzwischen nicht mehr zu vermeiden. Aus der aufgeschlagenen Bibel fiel ihm ein glänzendes Stück Metall in die Hand. Eine längliche Patrone für ein Gewehr. Nachdenklich
besah sie sich Smith, konnte aber nichts ungewöhnliches darauf entdecken. Brown hatte das Buch mit einem scharfen Messer ausgehöhlt um Platz für die Patrone zu schaffen und Smith ließ die
zerschnittenen Seiten durch die Finger gleiten. Auf der ersten dieser Seiten war gerade mal ein Vers übrig geblieben.
“Und die Engel des Herrn stiegen herab an die Stätte der Verdammten um zu verderben jene, die das Gesetz nicht achteten”, las er unwillkürlich. Noch einmal wiederholte er die Worte leise und
inbrünstig wobei sich nur mehr seine Lippen tonlos bewegten. Dem großen Mann neben der Tür schienen diese Worte nichts zu sagen.
Nachdenklich setzte sich Merryweather auf und kratzte sich hinter dem Ohr. Diese Geste wirkte überrascht und verwirrt und kam doch kaum dem nahe, was er fühlte. Hinter sich nahm er eine Bewegung
war und sah gerade noch, wie sie im Badezimmer verschwand. Gleich darauf setzte das Rauschen der Dusche ein. Nur wenig später stand sie wieder im Zimmer. Sanfte, blonde Locken, unendlich lange
Beine, ein zaghaftes Lächeln und nur ein paar wenige Falten in der weißen Bluse erinnerten an das Vorgefallene.
“Ich habe furchtbaren Durst. Hier gibt es doch sicher auch was zu trinken”, sagte sie und lächelte ein mädchenhaft schüchternes Lächeln. Merryweather reagierte wie es jeder andere Mann auch getan
hätte, ließ den erwachenden Beschützerinstinkten freie Bahn und brachte sie nach unten in das kleine Pub des Hotels wo sie sich in eine Nische verzogen, einander gegenüber saßen und sich
anschwiegen. Er verwirrt und aufgewühlt, verzweifelt um Verständnis ringend, sie ein wenig abwesend, ganz das junge, unschuldige Ding nach dem sie aussah. Doch er wusste jetzt, dass unter dem
sorgfältigen Make-up das Gesicht schon merkliche Spuren von Reife trug, dass ihr Körper perfekt und ihre Handlungen berechnend waren. Und er wusste, dass er verführt worden war. Das brachte ihn
beinahe noch mehr aus seinem männlichen Gleichgewicht als die Frage, die ihn schon die ganze Zeit über quälte.
“Ich kapier' es einfach nicht! Warum?”, brach es endlich fast zornig aus ihm heraus.
Sie zog es vor nicht zu antworten sondern schenkte ihm ein Lächeln, dass seine trüben Gedanken hätte vollständig verdrängen können. Aber er machte nur ein trotziges Gesicht und schüttelte dieses
Lächeln ab, weil er die kalte Berechnung hinter der zur Schau gestellten mädchenhaften Bewunderung fühlte. Und er betrachtete sie genauer. Allmählich flaute ihr strahlendes Lächeln ab und
hinterließ nur einen harten Zug um die Lippen. Mit einem Mal wirkte sie ganz und gar nicht mehr so jung, wie sie es gerne gehabt hätte. Tief seufzte sie und schüttelte dabei geradezu verzweifelt
den Kopf.
“Merry”, sagte sie und seufzte wieder, “du bist das Schlimmste, was einer Frau begegnen kann! Du bist aufrichtig, du bist ehrlich und du hast keine Ahnung, was du mir damit antust.”
Ihr Stoßseufzer verwirrte ihn noch mehr und das stand ihm auch deutlich ins Gesicht geschrieben.
“Ich verstehe es nicht – ich verstehe es einfach nicht! Ich helfe Smith dich zu entführen, er verprügelt dich und ich tue nichts dagegen und trotzdem ...”
“Ich habe gesehen, wie du aus dem Wagen gekommen bist. Du wärest dazwischen gegangen, wenn nicht – wenn nicht der andere gekommen wäre.”
Merryweather schüttelte verzweifelt den Kopf und lachte über sich selber.
“Dazwischen gegangen? Du hast keine Ahnung Mädchen! Dieser Typ ist mein Vorgesetzter. Und abgesehen davon würde er keinen Moment zögern mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen, wenn es seiner
Sache dienlich wäre. Ja selbst wenn ich dazwischen gegangen wäre, das ist noch immer keine Erklärung für dein ‚reichen Sie mir mal das Badetuch‘ unter der Dusche!”
Diesmal sah sie ihn nicht an. Andächtig und gedankenverloren spielte sie mit ihrem Glas und ihm schien, als hätte sich der harte Zug um ihre Mundwinkel verstärkt.
“Merry”, sagte sie endlich leise, “du bist ein guter Kerl und du hast so überhaupt keine Ahnung, wie beschissen das Leben sein kann.”
Er machte den Mund auf, aber ihr Blick ließ ihn schweigen.
“Ich hab die Schule abgebrochen, weil ich der Meinung war, dass meine Lehrer mir nichts beibringen können”, setzte sie ebenso leise fort wie sie begonnen hatte. “Also habe ich eine Lehre
begonnen, und ich weiß bei Gott nicht mehr, womit ich angefangen habe. Denn nach ein paar Monaten habe ich die Lehrstelle gewechselt, weil ich Fotografin werden wollte. Das hielt ich ein halbes
Jahr durch. Dann wechselte ich ins Gastgewerbe weil es mich fasziniert hat, was Spitzenköche so machen. Aber man fängt nicht als Spitzenkoch an. Darum gab ich auf und wollte Tierpflegerin werden.
Im Endeffekt bin ich als Servierkraft in einer Diskothek gelandet - einer Nobeldiskothek. Dort habe ich dann wirklich was fürs Leben gelernt. Ich habe gelernt, dass die Typen so ziemlich alles
für dich tun, wenn du die Beine breit machst, aber nicht sofort. Laß sie ein wenig zappeln, verschaffe ihnen das Gefühl eine tolle Eroberung gemacht zu haben und du hast jemanden, der dich bei
sich wohnen lässt, deine Rechnungen bezahlt und dir schöne Geschenke macht. Ich bin toll und anspruchsvoll, ich gebe ihnen das Gefühl angehimmelt zu werden und dafür bezahlen sie mich. Aber ich
werde nicht jünger. Noch sehe ich gut aus und bin in der Lage mir jeden Mann zu fangen, den ich möchte. Das was mir heute passiert ist, das ist mir nicht so neu wie du vielleicht denkst. Es ist
nicht das erste Mal, dass ein Kerl mich verprügelt hat – und es wird sicherlich nicht das letzte Mal gewesen sein.”
Sie machte eine kleine Pause und lauschte wie überrascht ihren einen Worten nach. So, als würde sie deren Sinn selbst nur sehr langsam verstehen.
“Es gibt Tage”, flüsterte sie nun, “da wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass ich irgend etwas zu Ende gebracht hätte in meinem Leben. Mir irgendwie meinen Lebensunterhalt selbst verdienen
könnte. Aber alles was ich kann, ist mich ficken zu lassen. Wenn mir das wieder mal klar wird, dann geht es mir ziemlich dreckig - so wie heute. Und dann muss ich mir beweisen, dass es noch immer
klappt, dass ich doch noch immer Macht über Männer habe. Dann suche ich mir einen netten Typen aus, fange ihn ein und lasse es mir von ihm so richtig besorgen. Aber weil ICH es will!”
Sie brach ab, erschrocken vom harten, metallenen Klang ihrer eigenen Stimme und sah ihn an. In Merryweathers Gesicht war eine Spur Überraschung geblieben. An sich war ihm diese Geschichte nicht
so neu, wie sie vielleicht meinte, aber noch niemals hatte er sie von einer Frau selbst gehört. Und auf Anhieb fielen ihm da zwei oder drei Mädchen ein, die auf dem besten Weg waren, in die
Fußstapfen der jungen Frau zu treten.
“Also war ich für dich nur ein Versuchsobjekt. Das Opferlamm deiner Rache an den Männern”, meinte er und grinste breit.
“Bist du jetzt beleidigt?”, wollte sie wissen, spielte mit ihrem Glas und war wieder ganz das unschuldige Ding dem Mann nicht böse sein konnte. Er aber lachte und schüttelte den Kopf.
“Nein! Nein, böse bin ich wirklich nicht. Vielmehr bin ich erleichtert. Ich hatte schon Angst, du hättest dich vielleicht in mich verliebt! Das wäre wohl einigermaßen kompliziert geworden.”
Nun lachte auch sie und schüttelte ihren Kopf, dass die Locken nur so flogen.
“Ich kann mich nicht in dich verlieben – du könntest dir das nicht leisten!”
Zusammen lachten sie und wussten doch beide, dass es nicht wirklich lustig war. Darum erstarb ihr Lachen auch schnell und sie betrachtete wieder die tanzende Flüssigkeit in ihrem Glas.
“Vielleicht”, sagte sie ganz leise, “wenn mein Leben anders gelaufen wäre, dann hätte ich mich wohl in einen Typen wie dich verlieben können.”
Tief atmete sie durch, streckte sich, schob die ansehnlichen Brüste nach vorne und hob mit einem stolzen Schwung den Kopf um ihn geradeheraus anzusehen.
“Aber das Leben ist nun mal anders”, klang es ihm kalt entgegen und er verstand, dass sie wieder in ihre Realität zurück gefunden hatte. “Du bist ein wirklich lieber Kerl, aber was ich brauche,
das sind Männer die sich mich auch leisten können. So wie Brown.”
Merryweather blinzelte bei der Erwähnung des Namens, den er so tunlichst vermieden hatte.
“Bevor du zu fragen anfängst”, setzte sie hastig fort, “sag ich dir lieber gleich, dass es völlig unwichtig ist, wie ich an den geraten bin. Ich weiß es auch nicht mehr und ich will es nicht mehr
wissen. Aber eines weiß ich - der Kerl ist krank. Wirklich krank. Und ich wäre schon längst weg von ihm, wenn dieser Mann mir nicht unendlich Angst machen würde.”
Einen kurzen Augenblick überlegte sie und grinste dann schief.
“Dein Chef, dieser Smith, und mein Brown könnten durchaus miteinander verwandt sein. Jedenfalls bin ich für ihn gerade mal so was wie eine Putzfrau und Köchin die man manchmal auch auf Botengänge
schicken kann. An Geld scheint es ihm nicht zu mangeln, auch wenn ich keine Ahnung habe, was er tatsächlich hat und woher es kommt. In Wahrheit sehe ich ihn vielleicht zweimal, dreimal die Woche.
Meist ruft er nur an um mir zu sagen, was ich tun soll. Die Wohnung habe ich gemietet, die Miete zahlt er mir regelmäßig in bar, aber er ist so gut wie nie da.”
Sie rollte nachdenklich eine Locke um den Finger und sah ihn forschend an.
“Wenn ich mir überlege, was heute passiert ist”, fuhr sie dann fort, “dann bin ich - dann ist die Wohnung wohl nur so etwas wie eine Tarnung. Aber sie ist ganz nett, und er gibt mir immer genug
Geld. Für die paar Botengänge.”
Anzüglich grinsend legte er den Kopf schief und sah sie an.
“Nur für die paar Botengänge?”
Sie kam ihm über den Tisch näher, legte ihre Hand auf seine und meinte verschwörerisch: “Glaub mir, ich hab schon so einige Typen gehabt. Und da waren ein paar wirklich perverse Schweine dabei.
Aber dieser Brown schlägt alles! Oberste Regel, ich darf ihn nicht anfassen. Sollte sein Schwanz sich trotzdem jemals rühren, so muss das für ihn das Zweitschrecklichste auf der Welt sein. Dieser
Typ schafft es in einer Minute einen hochzukriegen, abzuspritzen und für eine halbe Stunde angeekelt unter der Dusche zu verschwinden. Und wenn ihm das mal passiert, dann bin ich schuld und er
hat eine Laune, dass man sich wie ein Hund unter der Couch verkriechen möchte. Er trinkt nicht, er ist nicht an gutem Essen interessiert – alles, was Spaß bedeutet, was man als körperliche Lust
bezeichnen könnte, ist ihm nicht nur fremd. Das ist ihm vollkommen zuwider! Wie etwas, das unter seiner Würde ist.”
“Was tut er eigentlich, wenn er bei dir in der Wohnung ist?”, war er nun tatsächlich neugierig. Und sie musste über diese Frage einige Zeit angestrengt grübeln. Endlich rückte sie mit der
Feststellung heraus: “Er nervt!”
Merryweather überlegte.
“Was meinst du mit – ‚er nervt‘?”
“Ich meine mit ‚er nervt‘, dass ich für ihn gar nicht vorhanden bin, weil er nur auf der Couch herum sitzt, in der Hand fest die Fernbedienung für Fernseher und Radio und vor sich einen Stapel
aus Zeitungen und Zeitschriften, die ich besorgen und für ihn aufheben muss. Er sieht fern, er hört Radio und er liest – und das alles gleichzeitig. Für mich bleibt da kein Interesse mehr übrig.
Ich könnte mich nackt vor ihm hinlegen und es mir selber machen, er würde es wahrscheinlich nicht einmal bemerken!”
Auch Merryweather schien mit einem Mal nicht mehr ganz bei der Sache zu sein. Man sah ihm an, dass er angestrengt nachdachte. Wenn sich Brown und Smith wirklich so ähnlich waren, dann konnte es
durchaus sein, dass auch ihre Fähigkeit zu Aufnahme von Information überdurchschnittlich ausgebildet war. Wieder musste er an das Bild denken, wie Smith aus dem Wagen gesprungen und hinter
Krampler hergelaufen war. Noch niemals hatte er einen Menschen gesehen, der sich so schnell bewegen konnte. Ganz von hinten, aus den dunklen Abgründen seines Gehirnes, erhob sich eine Idee, doch
er drängte sie eben so schnell wieder zurück.
“Was er sieht und hört – das sind Nachrichtenprogramme, nicht wahr?”
Sie bestätigte seine Vermutung nur mit einem Nicken und er biss sich gedankenverloren auf die Unterlippe.
“Informationen! Er sucht nach etwas.”
“Nein. Er wartet.”
Einen Augenblick benötigte er um ihre Aussage ganz zu begreifen. Und starrte ihr dabei in ihr engelsgleiches, unschuldiges Gesicht. In ihr strahlende Lächeln, dass sich ganz allmählich in ein gar
nicht mehr unschuldiges Grinsen wandelte.
“Ich bin naturblond mein Kleiner”, ätzte sie. “Und ich bin nicht fähig auf eigenen Beinen zu stehen, darum liege ich so oft auf dem Rücken. Ich bin so blond, dass ich jedes mal aufs Neue
überrascht bin wie groß das ist, was man mir zwischen die Beine schiebt. Ich bin so blond, dass man mir eine Kreditkarte geben muß, weil ich mit Bargeld nicht umgehen kann. Wenn du so willst, ist
es mein Job zu wissen, was ein Kerl möchte und wofür er sich interessiert. Und ich sage dir - der Typ wartet. Ich sage es dir, weil du einer von den netten Kerls bist. Und ich sage es dir, damit
du deinem Freund Smith so richtig in die Eier treten kannst. Für mich! Ich sage dir, dieser perverse Arsch wartet.”
“Er wartet? Worauf?”
Leise schüttelte sie den Kopf und von ihrer engelsgleichen, blonden Unschuld war nichts geblieben.
“Nicht worauf – auf wen! Er wartet auf einen Doktor Malcom C. Feggenfox!”
“Malcom C. Feggenfox, Doktor med.”, begann der Oberst endlich mit dem interessanten Teil seines Monologes und schob sich ein kräftiges Stück des blutigen Steaks zwischen die Zähne, “ist kein so
unbeschriebenes Blatt wie wir im ersten Augenblick annahmen.”
Der kleine Mann im eleganten Anzug ihm gegenüber hing an seinen Lippen und betrachtete die mahlenden Bewegungen des starken Kiefers. Die beiden Männer rechts und links von ihm schienen sich in
ihr Essen vertieft zu haben und kaum Interesse für das Gespräch aufzubringen. Aber während Karl Meixner sein Steak mit gesundem Appetit würdigte, stocherte Smith nur lustlos auf seinem Teller
herum und schien mit seinen Gedanken ganz wo anders zu sein. Unwillkürlich musste Merryweather daran denken, was die junge Frau über das Lustverhalten von Brown gesagt hatte. Und über seine
Ähnlichkeit mit Smith.
“Er ist ein ziemlich bekannter Arzt”, fuhr der Oberst fort und zog Merryweathers Aufmerksamkeit wieder auf sich. “Jüdische Abstammung mit Vorfahren in Polen, die, wie so viele, vor dem
Hitlerregiem geflüchtet sind. Studierte an großen Universitäten in den USA und außerdem in Rom und ein Jahr in Wien. Er promovierte mit einer angeblich ziemlich guten Arbeit über Fertilität,
wurde dann aber praktischer Arzt mit einer eigenen Praxis.”
Merryweather blinzelte und überlegte noch, ob er die Frage stellen konnte, da meinte Meixner zu ihm gewandt: “Fruchtbarkeit und Zeugungsproblematik.”
Der kleine Mann nickte dem großen dankbar zu und wurde sich seiner Gegenwart wieder einmal intensiv bewusst. Auf eine unerklärliche Weise fühlte er sich in Meixners Gegenwart beschützt und
sicher. Obwohl es dafür keinen Grund gab. Obwohl der in sich gekehrte Mann, auch hier im hellen Licht des Lokales, so düster wirkte, als würde er Schatten um sich verbreiten.
“Ein praktischer Arzt mit einer Doktorarbeit über Fertilität. Na toll.”
Smith Stimme war zu entnehmen, dass er ganz und gar nicht begeistert war.
Dafür grinste der Oberst jetzt breit und kaute genussvoll an seinem Steak.
“Klingt nicht gerade umwerfend, nicht wahr?”
Er sah in die Runde und fand sich bestätigt.
“Inzwischen ist dieser Doktor Feggenfox allerdings bekannt und interessant. Obwohl, oder gerade weil er inzwischen weit über 70 Jahre alt ist hat er sich vom kleinen Landarzt zu einem weltweit
anerkannten Spezialisten in Sachen pränataler Euthanasie gemausert.”
Jetzt hob auch Smith nachdenklich den Kopf und Meixner seufzte.
“Warum sagen Sie nicht einfach Abtreibung, wenn Sie es meinen?”
“Abtreibung ist so ein hässliches Wort”, erklärte der Oberst wie immer grinsend. “Und sie ruft sofort Widerstand hervor. Wie auch unser Doktor Feggenfox sehr stark angefeindet wurde und
wird.”
“Also hat Brown den Auftrag übernommen ihn zu beseitigen”, versuchte Smith unwillig das Gespräch abzukürzen. Aber der Oberst machte nur eine ziellose Bewegung mit der vollen Gabel.
“Kann sein. Kann auch nicht sein. Es gibt da nämlich noch eine interessante Kleinigkeit in seiner Biographie.”
“Und was wäre das?”
Smith schob endgültig den Teller von sich und war fest entschlossen jetzt auf der Stelle das Lokal zu verlassen, wenn sich nicht sofort etwas Brauchbares ergab. Nachdenklich betrachtete der
Oberst sein trotziges, junges Gesicht und ließ ihn noch ein wenig schmoren. Ohne zu grinsen.
“Unser lieber Doktor war unter anderem auch der Hausarzt einer Familie, die Ihnen bekannt sein dürfte, Smith”, setzte er endlich fort. “Nämlich der Familie Bush.”
“Sie meinen ...”
Jetzt war Smith hellwach und voll da.
Und der Oberst nickte.
“Ja, ich meine. Er war der Leibarzt vom Vater und er behandelte den Sohn am Beginn seiner Präsidentschaft. Während der ersten Amtszeit des Sohnes hat er dann die Behandlung allerdings bald
abgegeben. Offiziell um sich mehr seinem Spezialgebiet zu widmen. Inoffiziellen Stellen zufolge, weil er einem Spezialisten weichen musste, dessen Spezialgebiet die Rückfälligkeit von
Drogensüchtigen war. Und sicher auch, weil seine Befürwortung der Abtreibung nicht so ganz zur politischen Linie passte.”
“Der Leibarzt der Präsidenten”, murmelte Merryweather.
“Der Ex-Leibarzt zweier Ex-Präsidenten”, korrigierte ihn Meixner und wieder winkte der Oberst ab, diesmal mit der Serviette, und schob den leeren Teller von sich.
“Ob Ex oder nicht Ex, das ist nicht die Frage”, widersprach er. “Viel wichtiger ist die Frage für uns, was Brown von ihm will. Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass er den Auftrag zur
Beseitigung des Doktors übernommen hat. Sicher kein schlecht bezahlter Job. Eben so gut könnte da aber auch eine alte Rechnung offen sein. Warum lebt der Doktor dann noch. Es könnte auch sein,
dass der Doktor etwas weiß, was den hochfliegenden Plänen ihres abtrünnigen Freundes nützlich erscheint.”
Nur Karl Meixner nahm das unscheinbare Zucken um die Mundwinkel Smiths ihm gegenüber wahr.
“Was ich bisher in Erfahrung bringen konnte geschah auf inoffiziellem Wege. Da Doktor Feggenfox aber offensichtlich Browns Ziel ist, in welcher Weise auch immer, dürfte es für Sie beide nicht all
zu schwer sein durch Ihre Botschaft mehr Informationen über den Doktor zu bekommen. Nur wenn wir wissen, warum der Doktor für Brown so interessant ist, dann sind wir ihm auch einen Schritt
voraus.”
“Aber wo ist der Doktor?”, platzte Merryweather heraus. “Sie sagte doch, Brown warte auf ihn!”
“Zur Zeit hält er sich in den USA auf, wahrscheinlich in seinem Haus auf Rhode Island”, meinte der schwergewichtige Mann und winkte nach dem Kellner. “Aber in einer Woche ist er der Ehrengast
einer Ärztetagung hier in Wien. Da er auch hier studiert hat gibt es sicherlich ein paar Jugenderinnerungen, die er auffrischen möchte. Jedenfalls kommt er schon in vier Tagen an.”
Die beiden jungen Amerikaner waren ziemlich überhastet aufgebrochen aber der Oberst schien sein Essen noch nicht beenden zu wollen. Er orderte noch einen Eisbecher für sich und eine Tasse Kaffee
für Meixner, der eigentlich auch hatte gehen wollen.
“Was ist noch?”, fragte der große Mann endlich nachdem der Oberst lange und schweigend an seinem Eis gelöffelt hatte.
“Ach”, meinte der zwischen einem Stück Banane und einem Löffel Vanilleeis, “eigentlich wollte ich nur wissen, wie es dir so geht.”
Nachdenklich besah sich Meixner den riesigen Mann, der da so andächtig an seinem Eisbecher löffelte als gäbe es nichts Wichtigeres auf dieser Welt.
“Nein, ich komme nicht mehr zurück”, kam dann endlich die Antwort und der Oberst zuckte mit den Schultern.
“Ich dachte nur. Immerhin benutzt du noch immer deinen Dienstausweis.”
Meixner griff in seine Jacke und legte die kleine Kunstledertasche auf den Tisch.
“Ich nahm an, es wäre in deinem Sinne, wenn ich bei Smith offiziell auftrete.”
Der Eisbecher neigte sich seinem Ende entgegen aber der Oberst spendete ihm noch immer seine volle Aufmerksamkeit. Nebenbei bemerkte er dann einmal: “Es wäre sehr in meinem Sinne, wenn du dich
dazu entschließen könntest den Dienstausweis auch weiterhin zu verwenden.”
Karl Meixner wollte sich erheben, aber der massige Mann legte ihm seine große Pranke auf den Arm und drückte ihn wieder nach unten.
“Ich habe ein Problem”, meinte er dabei unvermutet leise.
“Brown”, nickte Meixner aber der Oberst schüttelte seinen Kopf und schob den leeren Eisbecher von sich, als wäre ihm plötzlich der Appetit vergangen. Dann nannte er leise einen Namen, der Meixner
absolut nicht sagte. Und das ließ er den Oberst wissen.
“Hätte mich auch gewundert, wenn du den kennen würdest”, seufzte der Oberst und fuhr sich durch die grauen Igelhaare. “Ein kleiner Abgeordneter im Europaparlament. Reist viel herum, ist nie bei
Abstimmungen oder in den Medien und keiner weiß wirklich was er macht. Oder gemacht hat.”
“Ist der ehrenwerte Vertreter des Volkes von einer seiner Reisen nicht mehr zurück gekehrt.”
Nachdenklich besah sich der massige Mann seinen ehemaligen Mitarbeiter eine Weile. Dann holte er den Eisbecher doch wieder heran. Aber er stocherte nur darin herum.
“Stell dir einen Politiker vor”, begann er langsam, “der sich eines Tages eine Kugel durch den Kopf jagt. Praktisch unvorstellbar, denn dafür benötigt man ein Gewissen. Doch nein, noch viel
pathetischer, der Kerl rammt sich ein antikes Schwert in die Brust! Und das in einem fremden Haus während vor ihm ein geöffneter Koffer voller Geld steht.”
Karl Meixner überlegte einen kurzen Augenblick. Nicht, dass ihm dieser Tatbestand nicht bekannt vorgekommen wäre. Viel mehr horchte er in sich hinein und entdeckte noch immer keinen Zweifel an
der Richtigkeit dieser Tat.
“Theoretisch könnte man davon ausgehen, dass er sich hat bestechen lassen und später seinem schlechten Gewissen erlegen ist.”
“Und praktisch?”
Meixner grinste schief und blieb die Antwort schuldig. Also nickte der Oberst und seufzte tief.
“Du hast recht. So etwas kommt bei einem Profipolitiker nicht vor. Bei denen gibt es so etwas wie Gewissen nicht. Und schon gar nicht wegen etwas so Alltäglichem wie einer Bestechung. Also, warum
bringt er sich um? Und, warum jagt sich der Kerl nicht einfach eine Kugel durch den Kopf?”
Karl Meixner zuckte mit den Schulter und stand doch auf.
“Vielleicht hat ihn jemand bedroht oder erpresst, er wollte sich freikaufen und hat dann entschieden, dass das doch nicht der richtige Weg ist”, meinte er, aber man hörte aus seiner Stimme, dass
es ihn nicht wirklich interessierte. “Vielleicht”, fuhr er fort, “wollte er auch jemanden kaufen der nicht käuflich war und war davon frustriert. Wie sieht es mit Zeugen aus, mit Spuren? DNA und
so.”
Der Oberst schüttelte den Kopf: “Nichts. Seinen Fahrer hatte er weggeschickt, eben weil er jemanden erwartete, den niemand sehen sollte. Und was die Spuren angeht, nun, wir haben keinen Hinweis,
dass tatsächlich jemand da war. Es könnte ebensogut ein Geist gewesen sein."
“Oder ein sehr guter Profi.”
“So einer wie Brown?”, kratzte sich der Oberst ob dieses neuen Gedankens nachdenklich am Kinn.
“Wie auch immer”, setzte Meixner rasch fort, “der Menschheit wird er nicht fehlen, die ist immer vollzählig. Und es ist dein Problem nicht meines. Wenn es denn überhaupt ein Problem ist.”
Am Eingang des Lokals entstand Unruhe als neue Gäste eintraten. Zwei Männer und eine Frau mit einem dunklen Schäferhund sahen sich nach einem freien Tisch um. Der Hund aber hatte sofort einen
bereits besetzten Tisch entdeckt, unter dem ein semmelblonder Golden-Irgendwas-Mischling lag.
“Selbstmord fällt meines Wissens nicht in dein Gebiet”, meinte Meixner weiter. “Oder sagt die Spurensicherung doch etwas anderes? Im Zweifelsfalle würde ich die einfache Lösung bevorzugen –
Selbstmord aus unbekannten Gründen.”
Meixners Worte wurde von dem ansteigenden Gekläffe der beiden Hunde beinahe übertönt.
“Die Spurensicherung ist der Meinung, dass noch jemand im Zimmer gewesen sein muss. Auch wenn sie keinerlei Spuren finden können. Und sie können nicht sagen, ob es Mord war oder nicht. Es könnte
natürlich auch der Fahrer gewesen sein, den er weggeschickt hat. Es könnte der Hausherr gewesen sein, der ihn gefunden hat. Oder wirklich ...”
Der Oberst hatte keine leise Stimme. Wahrlich nicht. Trotzdem bereitete es Meixner Mühe ihn zu verstehen. Zu dem aufgeregten Bellen der an ihren Leinen zerrenden Hunde waren nun die aufgeregten
Stimmen der Menschen gekommen. Der Menschen, die den Tieren liebevoll drohten und ihresgleichen versuchten drohend zu imponieren. Meixner fühlte, dass etwas sich aufbaute. Begann sich aufstauen.
Das Bellen der Hunde wurde nervöser. Die Stimmen der Menschen wurden bösartiger. Unbewusst atmete Karl Meixner tief ein, doch anstatt eines Seufzers ...
“Jaahrran!”
Unbewusst, mehr als Reflex auf den Tumult hatte der große, dunkle Mann den Kopf gewendet und der Ruf war wie von selbst aus seiner Kehle geschlüpft. Eigentlich nicht laut. Und eigentlich nicht
scharf. Wie ein Hinweis hatte es geklungen. Artikuliert und doch fremd, andersartig.
Schlagartig verstummten die Hunde und spitzten ihre Ohren. Und sie legten sich mit eingeklemmtem Schweif zu Boden, den Blick starr auf den dunklen Schatten im Hintergrund fixiert.
Erst der verwunderte Blick des Obersts brachte Meixner ins Bewusstsein, was vorgefallen war. Mit einem nachsichtigen Lächeln, als wäre er nicht ein Riese von einem Mann und nicht die graue
Eminenz, die im Hintergrund die Fäden zog, so legte ihm Karl Meixner die Hand auf die Schulter.
“Ich habe gelernt”, sagte er. Lächelte und jeder fühlte dieses Lächeln, auch wenn sein Gesicht im Schatten lag. In dem Schatten, der ihn einzuhüllen schien. Und nicht nur mehr ihn allein. Den
Riesen vor ihm, die beiden Hunde, ihre erstarrten Besitzer an den Leinen und all die anderen Menschen in dem plötzlich zäh wirkenden Licht schien dieser Schatten für einen kurzen Augenblick zu
umfließen. Ein überwältigendes Gefühl von Ruhe und Frieden erfüllte den Raum und die Wesen darin. Da wandte Meixner sich um und verließ das schweigende Lokal. Den beiden faszinierten Hunden warf
er einen liebevollen Blick zu, die Anwesenheit der Menschen hatte er vergessen.
Jonathan W. Merryweather war kein Riese an Gestalt aber in diesem Augenblick hätte sein Missmut jedem Riesen Ehre gemacht. Zu den vielen Dingen die er nicht mochte gab es noch ein paar, die er
wirklich nicht leiden konnte. Zum Beispiel, wenn man ihn wie einen Chauffeur behandelte, dumm sterben ließ und dann auch noch der Meinung war, es würde ihm nicht auffallen. In der Botschaft war
Smith ja noch ganz brauchbar gewesen. Der Stationsleiter hatte sich zwar alles andere als erfreut gezeigt sie zu sehen, dann aber alle verfügbaren Mitarbeiter gescheucht um an die gewünschten
Informationen zu kommen. Stundenlang saßen und brüteten sie über den herein tröpfelnden Berichten, Dossiers und Unterlagen. Aber sehr viel mehr als der Oberst schon mitgeteilt hatte war dabei
nicht heraus gekommen. Abgesehen davon vielleicht, dass bereits zwei Mal von militanten Abtreibungsgegnern versucht worden war den Doktor zu töten. Was Smiths erste Theorie stützen würde,
grübelte Merryweather. Doch dann waren da noch zwei Dinge gewesen, die niemandem außer ihm aufzufallen und zu interessieren schienen. Zum einen waren es die Daten über den Doktor an sich.
Umfangreich und detailliert waren sie, wie es von einer Person, die im öffentlichen Interesse und im Dunstkreis eines Präsidenten stand, zu erwarten war. Und trotzdem wurde Merryweather das
Gefühl nicht los, dass da ein ganz ordentliches Stück fehlte. Konnte es wirklich sein, dass dieser Mann ein so ereignisloses Leben geführt hatte? Dass er kaum Patienten betreute und sich nicht
für Forschungsarbeit interessierte? Trotzdem aber immer wieder fundierte Fachartikel über Fruchtbarkeit und Geburtenregelung veröffentlichte, die schlußendlich dazu geführt hatten, dass er heute
weltweit als Kapazität galt? Wie hatte er all die Jahre als praktischer Arzt überlebt, wo er doch anscheinend kaum mehr als eine Handvoll Patienten hatte? Und dann dieser eigenartige,
handschriftliche Vermerk auf der Sicherheitsbeurteilung für das Weiße Haus – was bedeutete dieser Vermerk ‚Member A‘? Mitglieder waren alle, irgendwo, aber was war so wichtig um es in einer
Beurteilung zu vermerken? Wovon war er denn Mitglied? Zumal die ganze Sicherheitsüberprüfung mit diesem Vermerk auch schon erledigt schien. Bekam man jetzt so ohne weiteres einen Job im Zentrum
der Macht, nur weil man irgendeinem Klub angehörte? Oder der richtigen Universität? Und was sollte die Klassifizierung der Mitglieder in ‚A‘ und andere? Die Zentrale schwieg sich darüber aus und
für Merryweather schien es jedenfalls so, als hätte sich seit der Präsidentschaft von Busch senior niemand mehr darum gekümmert, was der liebe Doktor denn eigentlich trieb. Trotzdem hatte er
irgend wann einmal, als Belohnung für seine außerordentlichen Dienste, einen Ring vom Präsidenten erhalten. Diesmal war es Bush junior gewesen, und das kurz bevor er seinen Dienst im Weißen Haus
quittiert hatte.
Merryweather trat die Zigarette aus und schlug den Kragen seiner schwarzen Jacke hoch. Geräuschlos trat er über die Straße an den Zaun, sah sich um und setzte elegant darüber.
Ein wenig eigenartig kam es ihm schon vor, dass er einem Topagenten seiner eigenen Firma auf diese Art und Weise folgen musste. Aber inzwischen war er sich sicher, dass Smith ihm Informationen
vorenthielt. Natürlich war es Smith, der diesen Auftrag zu bearbeiten hatte, nicht er. Er war nicht mehr als ein Handlanger, das machte ihm Smith nur all zu deutlich klar. Und er war entbehrlich.
Aber auch wenn es seinen Kopf kosten konnte und Merryweather schon lange, viel zu lange, in der Station in Wien saß, irgend etwas sagte ihm, dass Smith nicht ehrlich spielte. Etwas an diesem Kerl
war faul, da war sich Merryweather vollkommen sicher. Und außerdem machte so eine nächtliche Extratour Spaß! Stumm grinste er vor sich hin, als er geräuschlos wie ein Schatten über den offenen
Vorplatz zu dem Tor der Lagerhalle hastete. Das alte Schloss bereitete ihm keine Schwierigkeiten und auch die fast vollkommene Dunkelheit der Lagerhalle war kein Problem für ihn.
Smith war in dem Bürogebäude verschwunden, das an die Lagerhalle grenzte. Dann war im Gang des vierten Stockes das Licht angegangen. Dieser vierte Stock war an ein deutsch-amerikanisches
Unternehmen vermietet, das medizinisch-technische Geräte herstellte und vertrieb. Soviel erzählten die Tafeln vor dem Eingang. Der Entschluss war dann fast von selber gekommen. Direkt in das
Bürogebäude kam er nicht, dazu war es zu gut gesichert, aber die angrenzende Lagerhalle hatte sicherlich einen Durchgang und so wie Merryweather routinierte, alte Wachebeamte kannte, würde dieser
Durchgang kaum mehr beachtet werden. Tatsächlich handelte es sich um eine normale, metallene Feuertür mit ganz gewöhnlichem Schloss. Nur dass eine Videokamera darüber wachte. Im toten Winkel
schob er sich an die Kamera heran und lockerte die Fixierungsschraube ein wenig. Durch ihr eigenes Gewicht sank die Kamera gemächlich nach unten und zeigte nun wohl das perfekte Bild des
Fußbodens. Es würde einige Zeit vergehen, bis die Wachen den Wechsel auf dem grauen Bildschirm bemerken würden. Und selbst dann würden sie erst beim nächsten planmäßigen Rundgang danach sehen.
Nur, um zu bemerken, dass sich eine Schraube gelockert hatte. So wie die Kamera aussah, hatte sie auch monatelang niemand mehr kontrolliert. Ja, selbst wenn sie die Kamera wieder einrichteten
bevor Merryweather das Haus verließ würden sie nichts bemerken, denn die Tür von innen zu öffnen und heraus zu schlüpfen war eine Sache für Bruchteile von Sekunden. Allerdings würde er dann die
Feuertür nicht mehr versperren können, was ihm lieber gewesen wäre. Aber das alles waren Probleme die sich erst stellen würden. Während er diesem Gedanken noch nachhing hatte er die Zugangstür
bereits wieder hinter sich versperrt und befand sich in einem notdürftig erleuchteten Treppenhaus. Wie er erwartet hatte befand sich auf dieser Seite der Tür keine Videokamera. Schließlich sparte
heute jeder, wo es nur ging. Vorsichtig und immer mit einem aufmerksamen Ohr auf die Vorgänge im Haus lief er in den vierten Stock hinauf. Beinahe selbstverständlich waren die Türen vom
Treppenhaus in die Etage nicht gesichert. Das hier war ein stinknormaler Büroturm. Umso mehr verwunderte es ihn, was Smith hier suchte. Merryweather hatte sich nicht geirrt. Der Platz vor den
Liften im vierten Stock war erleuchtet. Ebenso, wie einer der drei Gänge die davon weg führten. Und als er diesen erleuchteten Gang hinunter schlich kamen ihm zum ersten Mal auf seiner
nächtlichen Tour Bedenken. Bedenken, die sich zu einem Krampf im Magen steigerten, als er an der undurchsichtigen, doppelflügeligen Glastür anlangte die den Gang von den Büroräumen der Firma
trennte. Nachdenklich starrte er auf den schwarzen Kasten an der Wand daneben. Das war eine elektronische Sicherung mit Magnetkarte und Code wie sie für Bereiche mit erhöhter Sicherheit verwendet
wurden. Damit hatte er nicht gerechnet. Zwar waren ihm die Zwangsvorstellungen seiner Landsleute durchaus geläufig, aber das hier war nur ein reines Vertriebsbüro. Keine Forschung, keine Pläne,
keine Unterlagen, keine Daten – nichts, was man nicht offiziell einsehen und bestellen konnte. Nachdenklich stand er vor der Tür und starrte auf den Kasten der ihn höhnisch anzugrinsen schien.
Dabei ruhte seine Hand auf dem schwarzen Griff der Tür und natürlich war sie verschlossen. Nur allmählich begriff er, dass er hier nicht mehr weiter kam. Obwohl er bereits zu weit gegangen
war.
“Jonathan W. Merryweather”, sagte der korpulente Mann und runzelte die Stirn unter dem gepflegten, braunen Haar, “das ist doch der Mann der Ihnen von der Wiener Station des CIA zugeteilt
wurde.”
Pierrè Mogott erwartete keine Antwort sondern studierte etwas, dass sich außerhalb von Smiths Brillen befand. Diese neuen, leichten Visorbrillen waren eine tatsächliche Erleichterung zumal sie
den vorhandenen Raum nutzten und den Gesprächspartner so einblendeten, dass der Eindruck des Kontaktes noch verstärkt wurde. Wäre nicht das Kabel gewesen, das ihn mit der Rechenanlage verband,
wären sie von einer normalen Brille nicht mehr zu unterscheiden gewesen. Angeblich gab es bereits Prototypen, die mit Funk arbeiteten und keine Verbindungskabel mehr benötigten. Aber bei diesem
Gespräch war es Smith lieber die Verbindung war wasserdicht.
“Ein Prolet der es wagt Ihnen zu folgen. Sieht aus, als müssten wir uns auch mit ihm befassen.”
“Merryweather hat keine Anweisungen erhalten. Also auch kein Verbot mir zu folgen. Vielleicht hielt er es für seine Aufgabe mir Rückendeckung zu geben.”
Für einen Augenblick war der junge Amerikaner selbst darüber verwundert, dass er einen normalen Menschen verteidigte. Andererseits entsprach seine Aussage absolut der Wahrheit. Smith hätte im
Traum nicht daran gedacht, dass ein normaler Mensch, ein Prolet, eigene Initiativen entwickeln konnte. Darum war ihm ein Verbot auch nicht in den Sinn gekommen. Nachdenklich starrte er auf das
kleine Bild, dass der Rechner auf der Tischoberfläche einblendete. Es war eindeutig Merryweather, der da an der Tür stand und nachzudenken schien. Die Mikrowellensensoren im Türgriff begannen bei
Berührung zu arbeiten, hatten die leichten Baumwollhandschuhe durchdrungen und den Eindringling identifiziert. Neben der Aufnahme der unsichtbaren Mikrokamera über der Tür erschien ein sich
drehendes 3D-Bild Merryweathers und seine Kurzakte. Obwohl nur Smith an dem Tisch saß beobachteten die beiden Männer schweigend den unschlüssigen kleinen Mann der endlich die Entscheidung traf
wieder zu verschwinden. Kaum war er aus dem Kamerabereich, da verschwand das Bild auf dem Tisch und Smith wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Mann ihm gegenüber zu. Das Bild, dass der Computer
in den Brillen entwarf war so perfekt, dass er unwillkürlich immer wieder über die Ränder schielte um sich zu überzeugen, dass der wissenschaftliche Leiter für Europa ihm nicht tatsächlich
gegenüber saß.
“Ich nehme an”, setzte der fette Mann fort, “dass die Akten des CIA über Dr. Feggenfox nicht all zu aussagekräftig waren.”
Smith leistete sich ein Grinsen.
“Die Aufzeichnungen des CIA sind durchaus umfangreich. Ebenso wie die Unterlagen von NSA, White House Security oder dem Homeministry. Da allerdings die wichtigen Teile gesperrt sind wirkt das
Leben des Doktors etwas – sagen wir, ereignislos. Jedenfalls kann ich bestätigen, dass seine Akte keinen Hinweis auf seine Stellung bei Projekt Genesis beinhaltet.”
“Ausgezeichnet. Stellt sich aber immer noch die Frage, was will Brown nun wirklich von ihm? Sie äußerten die Meinung, dass Brown die Aufgabe übernommen hätte, den Doktor zu liquidieren.”
Smith schüttelte den Kopf, was den Rechner zu Höchstleistungen anspornte doch das Bild seines Gegenübers blieb stabil.
“Möglicherweise hat Brown diesen Auftrag übernommen, ich halte es aber für völlig ausgeschlossen, dass er tatsächlich daran denkt, das auszuführen.”
“Sie meinen, wie die meisten sieht Brown in dem Doktor eher so etwas wie einen Vater.”
Der junge Mann zog es vor darauf nicht zu antworten und es schien so, als hätte der fette Mann auch gar keine Antwort erwartet. Nach einer kurzen Pause fügte er jedenfalls noch hinzu: “Wir wissen
also nach wie vor nicht, warum Brown den Doktor kontaktieren will. Vielleicht beabsichtigt er ja tatsächlich nicht mehr als eine Aussprache.”
“Ich wüsste sonst keinen Grund.”
“Gut. Aber wozu? Wozu eine Aussprache?” Mogott stellte diese Frage ziemlich laut. Wiederum ohne eine Antwort zu erwarten. Weil er gleich selber fort fuhr. “Selbst wenn Brown seiner Tätigkeit im
CIA überdrüssig ist, warum weicht er dann auch jedem Versuch einer Kontaktaufnahme durch uns aus? Wir sind schließlich seine Familie. Und das im wahrsten Sinne des Wortes! Er geht seiner Familie
aus dem Weg, aber er sucht die Aussprache mit seinem väterlichen Mentor? Das alles klingt irgendwie verworren. Jedenfalls ist das Board of Masters in Command über die Entwicklung der Vorgänge
nicht sehr erbaut. Worüber will er mit dem Doktor sprechen? Und was geschieht danach?”
“Haben wir irgend einen Anhaltspunkt?”
Mogott, der fette Mann aus Paris, der hier ja eigentlich nur als Spiegelung in Smith Brillen existierte, verweigerte die Antwort. Das tat er aber so offensichtlich, dass Smith es nicht überhören
konnte und stutzig werden musste.
Also breitete er die Hände aus und wartete.
“Es gibt da so eine Theorie die dem BOMIC gefällt”, begann Mogott dann doch vorsichtig. “Wie sie wahrscheinlich wissen, gab es in den letzten Jahre einige Schwierigkeiten. Der verschiedensten
Arten. Grundsätzlich haben aber alle diese Störungen einen Namen – George junior, George W.”
Überrascht sah Smith auf.
“Ich meine gehört zu haben, er wäre einer von uns.”
“Es wird behauptet. Aber selbst wenn es so ist, sind in der Forschung eben nicht alle Versuche von Erfolg gekrönt”, formulierte Mogott äußerst vorsichtig. “Vor allem dann nicht, wenn neben den
rein wissenschaftlichen auch noch andere, private Interessen im Spiel sind.”
“Was heißen soll?”
“Was heißen soll, dass in diesem Fall physische Parameter vorgegeben waren was die psychischen Merkmale von den gewünschten Ergebnissen deutlich abwichen ließ”, knurrte Mogott sichtlich
verstimmt.
Smith nickte und brachte das seinem Vorgesetzten offensichtlich peinliche Gespräch wieder in interessantere Bahnen zurück.
“Was hat das alles mit Brown zu tun?”
“Nun, einerseits müssen wir auch bei Brown mit einer Abweichung von den psychischen Parametern rechnen. Dabei ist es egal, ob diese Abweichung immer schon da war, langsam gewachsen ist oder durch
ein Ereignis ausgelöst wurde. Trotzdem sollten Sie immer bedenken, dass Brown einzigartig ist! Soweit wie Sie einem Proleten physisch und mental überlegen sind, soweit ist er wiederum Ihnen
überlegen. Nicht nur für die Mitglieder der Obersten Wissenschaftlichen Leitung, für jeden Angehörigen unserer Rasse, jeden Alpha wäre es zutiefst bedauerlich, wenn wir Brown verlieren würden.
Allerdings müssen wir uns auch bewusst sein, dass ein Brown, der von uns nicht mehr kontrolliert werden kann, für alle Beteiligten äußerst gefährlich wäre.”
Für den jungen Mann schien es trotz der schönen Beteuerungen offensichtlich, dass sie Brown bereits abgeschrieben hatten. Und irgend etwas in ihm fragte aufmüpfig, woher sie eigentlich das Recht
dazu nahmen. Sie, die Führer aus der alten Generation, die selbst kaum mehr waren als Proleten. Trotz allem wartete er aber immer noch auf einen konkreten Hinweis, doch Mogott schien sich immer
tiefer in wissenschaftliche Hypothesen zu verstricken. Wie bereits ganz zu Beginn des Gespräches tauchte in Smiths abschweifenden Gedanken nun wieder die Frage auf, warum es der wissenschaftliche
Leiter war, der diese Besprechung hielt. So umständlich und weitschweifig wie Wissenschaftler nur einmal waren. Warum nicht der administrative Koordinator?
“Sie sprachen von einer Theorie”, würgte er das Geschwafel arrogant ab.
Pierré Mogott sah ihn für einen kurzen Augenblick missmutig an. Dann entschied er sich diese Beleidigung zu schlucken. Für persönliche Eitelkeiten war jetzt nicht die Zeit. Und dieser junge
Krieger aus der neuen Generation war doch um einiges anders, als die weltfremden, altgedienten Wissenschaftler mit denen er sonst zu tun hatte. Ob diese Distanz nun an seinen Fähigkeiten oder nur
an seiner Jugend lag, darüber machte Mogott sich keine Gedanken. Dafür war jetzt nicht die Zeit.
“Wir wissen, dass George junior mit seinen Freunden ein eigenes Projekt initiiert hat. Parallel zu Genesis. Es ist uns aber leider nie gelungen, Näheres über dieses Projekt in Erfahrung zu
bringen. Mit Ausnahme der Tatsache, dass Doktor Feggenfox auch daran beteiligt war. Obwohl er ein Führungsmitglied von Genesis ist hat er uns nie genauer über dieses neue Projekt informiert. Da
dieses Projekt aber sehr bald wieder eingestellt wurde bestand für uns auch kein weiteres Interesse daran. Es besteht aber die Möglichkeit, dass der Ring, den der Doktor bei seinem Abschied
bekommen hat, mit diesem Projekt in Verbindung steht. Ein Projekt mit dem vielversprechenden Codenamen The Judge, von dem wir nicht wissen, worum es sich dabei handelt. Aber wir müssen davon
ausgehen, dass Brown es weiß. Und es sich möglicherweise zu Nutze machen will.”
Mogott nickte und Smith presste die Lippen zu einem schmalen Strich. Allmählich bekam die Geschichte ein paar Konturen.
“Darüber hinaus”, setzte Mogott fort und kratzte sich nervös am Doppelkinn, “werden Sie sich vermutlich wundern, warum ich diese Besprechung halte. Nun, wir haben den administrativen Koordinator
für Europa verloren. Zuletzt versuchte er unseres Wissens, Brown zurück zu holen. Oder Ersatz für ihn zu beschaffen, was bei Browns Qualifikationen natürlich aussichtslos ist. Aus seinen sehr
vagen Aufzeichnungen wissen wir, dass er ein Treffen arrangierte. Ein Treffen, das er nicht überlebte. Wir müssen davon ausgehen, dass Brown den Koordinator liquidiert hat. Wenn dem so ist, dann
stellt sich Brown jetzt offen gegen die Gemeinschaft. In diesem Fall darf ihm das Projekt The Judge unter keinen Umständen in die Hände fallen. Was es auch immer sein mag!”
Nachdem Terroranschläge gegen kaum zu schützende, weiche Ziele immer beliebter geworden waren, bot eine mit hochkarätigen Ärzten besetzte Konferenz allen Grund zur Sorge. So standen denn alle
Personen und Dienste, die auch nur im Entferntesten etwas mit Sicherheit zu tun hatten, in heller Aufregung.
Polizisten und Kriminalbeamte, Geheimdienste aller Nationen, private Sicherheitsdienste und mehr oder weniger selbsternannte Hüter von Recht und Ordnung stiegen sich gegenseitig auf die Füße und
erzeugten in der Ankunftshalle des Flughafens ein derartiges Durcheinander, das jeder dem anderen irgendwie im Weg stand und manche Flugpassagiere ziemlich ungehindert durchschlüpfen
konnten.
Der kleine Mann mit dem langen, grauen Haar und dem etwas abgewetzten Cordanzug schob sich durch die Masse der Menschen und war gar nicht böse darüber, dass er darin ziemlich unterging. Auch wenn
er bei Fragen seines Fachgebietes sehr energisch werden konnte, für einen Menschenauflauf wie diesen hier war er viel zu gutherzig und freundlich. Immer wieder wurde er angerempelt und
herumgestoßen. Vertrat man ihm den Weg oder drängte ihn ab. So nahm es einige Zeit in Anspruch bis er endlich seinen Weg durch die Halle und zu den Taxen gefunden hatte. Selbst hievte er seine
beiden Taschen in den Kofferraum des Mercedes und nannte dem brummigen Fahrer den Namen seines Hotels. Dabei grinste er über das ganze Gesicht in einem Anflug von jungenhafter Schadenfreude,
hatte doch niemand von seiner Ankunft Notiz genommen.
Doch hier irrte Doktor Feggenfox gewaltig. Ein schwergewichtiger Mann mit schütterem Haar und wulstigen Lippen hatte ihn die ganze Zeit über nicht aus den Augen gelassen. Geradezu gierig hatten
sich seine Blicke an dem Rücken des kleinen Arztes festgekrallt. Und für einen kurzen Augenblick hatte er tatsächlich überlegt, ob er der Geschichte nicht hier und jetzt ein Ende machen sollte.
Ein Zeichen setzen für die ganze Welt. Ein Zeichen, das ihn zum Helden aller rechtgläubigen Christenmenschen machen würde. Den teuflischen Auswurf der Menschheit zu zertreten und all den
gottlosen Frevlern zu zeigen, dass Gottes Strafe furchtbar war und jene traf, die Sein Gesetz brachen und töteten. Doch dann hatte die wogende Masse den kleinen Mann wieder verschluckt. Eine
fette, grell geschminkte Matrone hatte sich zwischen sie geschoben und watschelte nun ebenfalls hinter dem Doktor her, zu den Taxen. Ignorat gegenüber der Welt rund um sich und angestrengt ihrem
winzigen Mobiltelefon lauschend schirmte sie den kleinen Mann mit ihrer Masse beinahe vor neugierigen Blicken ab. Und als das Taxi mit dem kleinen Arzt abfuhr hatte sie gerade mal keuchend den
Ausgang erreicht und meinte, bevor sie ihr Gespräch abbrach: “Er ist jetzt unterwegs.”
Einen verächtlichen Seitenblick auf die Masse der wartenden Demonstranten warf der große Mann während er hindurch marschierte und vorbei an den vier ziemlich hilflos wirkenden Polizisten das
Hotel betrat. Niemand beachtete ihn oder hielt ihn gar an. Die Demonstranten warteten auf jemand anderen, den sie auf ihren mitgebrachten Transparenten den “Schänder Gottes Gesetzes” oder
schlicht “Mörder” nannten. Die Polizisten dachten nicht daran jemanden aufzuhalten, der so selbstsicher in ein großes, internationales Hotel eintrat. Tatsächlich schien der Mann sich hier wie
zuhause zu fühlen. Ohne die anderen Gäste oder das Personal eines Blickes zu würdigen ging er durch die altehrwürdige Halle, trat in einen Lift und entschwand den Blicken. Im Gang des vierten
Stockes wurden seine Schritte ein wenig verhaltener. Lange hatte er gewartet und jetzt war endlich der Augenblick gekommen, wo er wieder dem Mann gegenüber stehen würde, der für seine Bildung, ja
für sein ganzes Dasein, verantwortlich war. Brown war sich gegenüber ehrlich genug um sich einzugestehen, dass kein Mensch ihn je so geprägt hatte wie der Doktor. Immer war er da gewesen und war
so einer der wenigen Menschen, für die Brown noch so etwas wie Vertrauen und Achtung empfand. Nun, es würde sich zeigen wie er reagieren würde, wenn er nach einer langen Reise in sein Zimmer kam
und dort unerwarteten Besuch vorfinden würde. Und es würde sich zeigen, ob er sich kooperativ verhalten würde. Eigentlich konnte sich Brown nicht vorstellen, dass der gute Doktor seine Pläne
nicht gutheißen konnte. Andererseits hatte er gelernt, dass Proleten unberechenbar und selten logisch waren. In diesem Fall würde er sich daran erinnern müssen, dass auch der gute Doktor nichts
anderes als ein ersetzbarer, wertloser Prolet war.
Ein wenig überraschend kam es, dass er die Zimmertür unverschlossen fand. Und der Mann, der sich an der Schreibtischlampe zu schaffen machte überraschte ihn noch mehr. Auch der mittelgroße Mann
mit den haselnussbraunen Augen in der Uniform des Hotels schien überrascht. In der einen Hand hielt er die abgeschraubte Glühbirne in der anderen eine Art kleiner Werkzeugtasche.
“Kann ich Ihnen helfen?”, fragte er.
Brown lächelte, betrachtete die Nummer an der Zimmertür und schüttelte den Kopf.
“Nein, nein danke. Sieht aus, als hätte ich mich im Stockwerk geirrt.”
Der Mann in der bunten Weste des Hotels nickte verständnisvoll und machte sich wieder an der Fassung der Lampe zu schaffen. Brown zog sich zurück und schloss die Tür hinter sich. Es war unmöglich
in dem Zimmer zu warten wenn ein Haustechniker dort arbeitete. Andererseits musste der Doktor jeden Augenblick ankommen. In der Halle oder auf dem Gang zu warten war ebenso unmöglich. Für einen
Augenblick überlegte Brown das Zimmer zu säubern, aber er entschied sich dagegen. Es blieb nicht genug Zeit um die Spuren zu entfernen. Und der Doktor würde das sicherlich nicht gut heißen. Ihn
zu verärgern wollte er aber nicht riskieren. Zumindest fürs erste nicht. Es würde sich auch eine andere Gelegenheit ergeben. Auf dem Weg zurück zum Lift dachte er bereits nicht mehr an den Mann
im Zimmer. Er hatte ihn zwar nicht vergessen, aber die Erinnerung an dessen Gesicht war schlichtweg zerronnen.
Auf der anderen Seite der Zimmertür atmete genau dieser Mann erleichtert auf, als sich die Schritte entfernten. Er fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund, dann holte er sein Mobiltelefon aus
der Tasche.
“Er war hier.”
“Wer?”
“Ich würde wetten, das war Brown. Eben als ich in der Lampe über dem Telefon das Mikrophon anbringen wollte stand er unter der Tür.”
“Und?”
“Ich sehe aus wie ein Haustechniker und ich verhalte mich wie ein Haustechniker also hielt er mich für einen Hotelangestellten und verschwand wieder.”
“Entschuldige. Ich hätte daran denken müssen, dass er den Doktor sofort aufsucht. Aber du bist der einzige Techniker dem ich vertraue.”
“Danke für die Blumen zum Begräbnis. Er müsste jetzt nach unten kommen. Groß, elegant. Grauer, leichter Mantel, gemusterter Schal. Und darunter seine übliche Arbeitskleidung”, grinste Nick
Grasel.
“Der ist durch den Haupteingang hinein, also kommt er auch hier wieder heraus.”
Der große, dunkle Mann im Schatten des Baumes verstaute das Mobiltelefon in der Innentasche seiner Jacke und betrachtete den Tumult vor dem Hotel auf der anderen Seite der breiten Ringstraße.
Während er gesprochen hatte war die Taxe mit dem Doktor vorgefahren. Doch kaum hatte sich die Tür geöffnet als auch schon eine wütende Horde ihn wieder ins Innere des Wagens trieb. Sie begannen
auf den Wagen zu hämmern, was den Fahrer veranlasste an dem Getümmel mit einem Schwall von Flüchen und wohlgezielten Fußtritten mitzuwirken. Unter dem Schutz der Polizisten schaffte der Doktor es
endlich aus dem Wagen, aber die vier hielten den Angriffen nicht lange genug stand. Frauen im Pelz warfen sich kreischend auf die Uniformierten, krallten sich fest und drückten sie zu Boden.
Herren im Anzug prügelten mit ihren Schildern und wutverzerrtem Gesicht blind auf ihre Umgebung los. Geifernd vor Wut und Gerechtigkeit machte sich die Meute daran den kleinen Doktor zu
zerfleischen. Gerade in diesem Augenblick erschien zwei Stufen über dem Getümmel ein großer, schlanker Mann im Eingang. Er wirkte nur mäßig überrascht angesichts des chaotischen Bildes, dass sich
ihm bot. Eher angeekelt. Dann zog er seine Waffe.
Karl Meixner sprang hinter dem Baum hervor und versuchte auf die andere Straßenseite zu kommen. Angesichts der dreispurig donnernden Blechlawine ein völlig aussichtsloses Unterfangen. Er fasste
ebenfalls nach seiner Waffe und wusste doch, dass ein Schuss auf diese Entfernung und durch die wogenden Menschen in den Halbschatten nicht möglich war. Meixner verfluchte sich und seine
Position.
Dröhnend bellte die großkalibrige Waffe in der Faust des Mannes auf. Blut und Gehirn spritzten über die kreischende Menge. Wieder und wieder peitschten Schüsse in rasend schneller Folge auf. Und
im nächsten Augenblick war der Mann im grauen Mantel verschwunden. Die Waffe wieder einzustecken und in einem unglaublichen Tempo um die Ecke zu verschwinden war praktisch eins. Noch nie zuvor
hatte Meixner einen Menschen gesehen, der sich so schnell bewegen konnte. Verwirrt und verdreckt rappelten sich die Polizisten hoch und sahen sich unschlüssig um. Panisch stürzten die Menschen
erst jetzt in alle Richtungen davon. Nur der kleine Arzt kniete noch auf der Fahrbahn, die Arme schützend über den Kopf gezogen. Rund um ihn lagen fünf Körper mit zerplatzten Schädeln. Fast
knöcheltief gerann Blut und Gehirnmasse auf der Fahrbahn und tropfte von dem kleinen, kauernden Mann. Als der erste Polizist sich übergeben musste waren seit dem ersten Schuß gerade mal zwei
Atemzüge vergangen.
Ruhig ging Karl Meixner durch die herbeiströmenden Schaulustigen und steckte sich eine Zigarette an. Brown zu verfolgen war sinnlos. Ein paar Häuser weiter nahm er an einem Tischchen vor dem Café
Schwarzenberg Platz und bestellte sich einen kleinen Mokka. Nachdenklich sah er dem Ober nach und sah doch nur den abgetragenen schwarzen Anzug. Nur allmählich löste sich sein Gehirn aus der
betäubenden Umklammerung.
Eigentlich hätte Brown den Doktor töten können, statt dessen hatte er ihm wahrscheinlich das Leben gerettet. Hätte er den Doktor töten wollen wäre die Gelegenheit dazu nie besser gewesen. Aber es
besagte gar nichts. Wenn Brown den Doktor wirklich aus eigenem Antrieb töten wollte, dann würde er es in einer Art und Weise tun, dass dieser auch genau wusste, warum er sterben mußt und wer es
getan hatte. Das Blutbad am hellichten Tag besagte nichts über Browns Pläne. Es zeigte nur, wie weit sich Brown außerhalb der menschlichen Ordnung stellte. Es zeigte, dass Browns Fähigkeiten
tatsächlich enorm waren. Und es zeigte, dass Brown nicht das einzige Problem des Doktors war.
Eine sehr interessante Tatsache, so fand Meixner.
“Das ist ja alles sehr interessant”, ließ sich der kleine Mann auf dem Rücksitz vernehmen. Allerdings klang es nicht sehr überzeugt. Smith neben ihm hatte die undankbare Aufgabe bekommen seinem
Landsmann von der Lage und der Notwendigkeit zu überzeugen. Was durch die anfängliche Begeisterung des Doktors einen seiner Schützlinge zu treffen nicht gerade erleichtert wurde. Ebenso nicht
durch die Tatsache, dass Merryweather und Meixner auf den Vordersitzen saßen und jedes Wort mithören konnten. Zumindest darüber war sich Feggenfox im Klaren und das beruhigte Smith ein
wenig.
Nach dem Blutbad vor dem Hotel und dem ungehinderten Verschwinden Browns war der Oberst außer sich gewesen. Er hatte getobt wie ein alttestamentarischer Gott und jeden, dem er habhaft werden
konnte, der völligen Unfähigkeit bezichtigt. Sich selbst nicht ausgenommen. Merryweather war verdattert gewesen, Smith und Meixner ließen das Gewitter an sich vorüber ziehen und der leitende
Polizeibeamte knirschte vernehmlich mit den Zähnen. Außer einem riesen Wirbel hatte ihnen die Sache nichts gebracht. Zum Glück war kein Reporter dabei gewesen, aber auch die Überwachungskamera
des Hotels hatte nichts Verwertbares gebracht. Wirklich eingeschüchtert und überrascht durch den Riesen voller Wut und Zorn war eigentlich nur Feggenfox. Und augenblicklich zu jeder
Zusammenarbeit bereit. Womit zumindest ein Zweck des Zornausbruches erfüllt war.
Aber es war nicht das erste Mal, dass eine wütende Menge über den kleinen Doktor hergefallen war und mit jedem Kilometer den sie zwischen sich und den Oberst brachten schwand auch sein
Verständnis für diese eigenartige Aktion. Er war zu einem Kongress gekommen. Das hieß, er sollte an Gesprächsrunden und Vorträgen teilnehmen, er wollte Freunde und Bekannte aus aller Welt
treffen, Erinnerungen an seine Studienzeit auffrischen und neue Menschen kennen lernen. Und aus all dem sollte nun nichts werden. Stattdessen würde er sich irgendwo in einem abgelegenen Bauernhof
verstecken? Das konnte doch nur ein schlechter Scherz sein. Was würde nun aus seinem eigenen Vortrag am Ende der Woche werden? Sollte er den vielleicht auf einem Feld vor Kühen und Schweinen
halten?
Feggenfox redete sich immer mehr in Schwung und vertiefte so seine eigene Überzeugung, dass er doch eigentlich in keinerlei Gefahr schwebe.
Meixner hob den Arm und deutete schweigend auf eine Abzweigung in die der kleine Fahrer kommentarlos einbog. Sie verließen die befahrenen Wege, denn hier endete die Weisheit des
Navigationssystems. Dann drehte sich der große Mann auf dem Vordersitz herum und sah den kleinen, aufgeregten Doktor nachdenklich an.
“Sagen Sie es ihm”, forderte er. Aber Smith schwieg und zog sich in seine Ecke zurück. Feggenfoxs Blicke huschten überrascht zwischen den beiden hin und her.
“Was? Was soll er mir sagen?”
Aber Smith presste immer noch die Lippen aufeinander. Und er überlegte sich, warum er das hier eigentlich auf sich nahm. Wäre da nicht Meixner gewesen, der ihn auf eine höchst eigenartige Weise
in Bann schlug, er hätte die beiden getötet und den Doktor zu Brown geschleift. Das Ganze war doch ein hoffnungslos kindisches Versteckspiel. Niemals würden sie dem Meister entkommen, denn Brown
entkam man nicht.
“Sagen Sie ihm, wer der Mann vor dem Hotel war.”
Noch immer schwieg Smith und ganz allmählich bekam der verwirrte Blick des Doktors, der zwischen den beiden hin und her wanderte, den Schimmer einer stillen Ahnung.
“Brown, Jim Brown”, brach endlich der kleine Merryweather das Schweigen. “Ihr Jim Brown, der meistgesuchte Mann auf den sechs Kontinenten.”
“Brown?!”, Feggenfox starrte Smith an als wollte er ihn zu einer Antwort zwingen. “Aber Brown ist doch ...”
“Wir müssen leider davon ausgehen, dass er sich aus der Befehlskette zurückgezogen hat”, unterbrach ihn Smith schnell.
“Aus der Befehlskette des CIA?”
Smith verstand den Ausruf als doppeldeutige Frage und war froh, dass der Doktor nicht näher darauf einging.
“Aus jeder Befehlskette”, erklärte er daher und stellte befriedigt fest, das Meixner immer noch den Doktor fixierte und nichts anderes wahrzunehmen schien.
Merryweather musste in den ersten Gang zurückschalten. Der Wirtschaftsweg war gerade mal so breit wie ihr Wagen und die Kurven eng. Für den idyllischen Fluss mit seinem glasklaren Wasser über
goldfarbenem Sand, den grün bemoosten Steinen und den trauernden Weiden hatte keiner der Männer einen Blick übrig.
“Brown? Aber was will er denn von mir?”
Smith schwieg wieder beharrlich doch diesmal ließ sich Meixner nicht auf das Spiel ein.
“Es gibt da drei Theorien”, begann er und sah zum ersten Mal aus dem Fenster. “Manche glauben, dass er mit Ihnen reden will um durch Ihre Vermittlung wieder in den Schoß der Firma zurückkehren zu
können. Andere sind überzeugt davon, dass er dafür bezahlt wird, Sie zu töten.”
Der kleine Arzt schien sich in seiner Ecke verkriechen zu wollen als er mit einem Schlag erkannte, warum er hier war. Und er benötigte eine Weile, bis er diese Nachricht vollends verkraftet
hatte. Und bis er es bemerkte.
“Sie sagten DREI Möglichkeiten!”
“Ich persönlich”, fuhr Meixner seelenruhig fort, “bevorzuge die Möglichkeit, dass Brown seine eigenen Pläne verfolgt und gar nicht zurückkehren will. Wahrscheinlich wissen Sie etwas, oder
besitzen etwas, dass ihm bei seinen Plänen äußerst behilflich sein kann.”
Es war nur ein kurzes Schlucken und die scheinbar unbedeutende, fahrige Handbewegung mit der er versuchte den großen Ring an seiner rechten Hand zu verbergen. Smith war sich sicher, dass Meixner
es bemerkt hatte, aber konnte er auch die richtigen Schlüsse daraus ziehen?
Meixners Mobiltelefon unterbrach das Gespräch, er nahm den Anruf entgegen und sah wieder nach vorne und draußen.
“Ja, das sind wir”, sagte er endlich. Und: “Haltet die Augen offen, ob uns jemand folgt.”
Die schmale Straße wand sich um eine Felsnase herum und drehte sich weg von dem Fluss, hinein in ein sanft geschwungenes, kleines Seitental. Sie durchquerten eine Ansammlung von Bauernhöfen und
kletterten einen noch schmäleren Weg aus dem Tal auf ein Hochplateau.
“Ein Beamter unserer Antiterroreinheit sitzt über der Straße am Fluss, der andere an einer Engstelle auf der anderen Seite des Tales. Sollte es Brown irgendwie geschafft haben uns zu folgen, dann
werden sie ihn bemerken. Außerdem haben wir noch zwei weitere Männer im Haus und Ihre beiden Marines.”
Endlich kletterte der Wagen keuchend über die Kante der kleinen Hochebene und gab den Blick frei auf ein nicht mehr ganz neues, zweigeschossiges Haus inmitten von Wiesen und Feldern. Rund um
diese kleine Hochebene erstreckte sich der Wald wie eine dunkle Mauer. Davor, auf dem freien Feld, lagen scheinbar wahllos verstreut immer wieder einzelne Gruppen von großen Steinen und kleinen
Bäumen. Smith hatte mit einem schnellen Rundblick erkannt, warum Meixner dieses Haus ausgesucht hatte. Wenn man wachsam war, dann schien es so gut wie unmöglich, unbemerkt heran zu kommen. Wenn
Brown sie hier überhaupt fand. Wieder wanderten seine Gedanken zu dem kleinen Taschencomputer, der eingeschaltet in seiner Innentasche steckte. Und er versuchte nicht daran zu denken, welcher
Teufel ihn eigentlich ritt, dass er ihn nicht ausschaltete. Obwohl er damit jederzeit zu orten war. Jedenfalls würde es Brown nicht schwer fallen sie so zu finden. Aber er beruhigte sich bei dem
Gedanken, dass Brown sie sowieso gefunden hätte. Er war der Meister, er war perfekt. Ob Mensch oder Alpha, niemand konnte sich ihm entgegen stellen.
Die beiden Marines streckten ihre langen Beine von einer kleinen Bank vor dem Haus und ließen sich die wenigen Sonnenstrahlen auf die Glatzen scheinen. Als der Wagen anhielt traten drei weitere
Personen aus dem Haus zu ihnen. Der eine groß und hager mit langen dunklen Haaren, der andere groß und kräftig, was durch die kugelsichere Weste, die er trug, noch unterstrichen wurde. Trotzdem
nahmen die Neuankömmlinge die beiden Männer kaum wahr. Denn zwischen ihnen ging eine Frau, die alle Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie war nicht besonders groß und Jeans und Jeansjacke verbargen
ihre Figur. Aber ihr kurzes, kupferrotes Haar leuchtete in der tiefstehenden Sonne und zog so alle Aufmerksamkeit auf die scheinbar zierliche Person. Die vier Männer kletterten steifbeinig aus
dem großen Wagen und auch die beiden Marines erhoben sich unschlüssig. Meixner nickte der Frau kurz zu und schüttelte dann ausgiebig die Hand des stämmigen Kerls in der schwarzen
Panzerweste.
“Leutnant”, meinte er dabei, “darf ich Ihnen Mister Smith und Mister Merryweather von der amerikanischen Botschaft vorstellen. Und dass ist Doktor Feggenfox, unser Sorgenkind.”
Der junge Leutnant schüttelte die dargebotenen Hände und begrüßte die Männer in ausgezeichnetem Englisch.
“Und das ist unsere Gastgeberin, Miss Fogham.”
Pat lächelte zur Begrüßung ihr bezauberndstes Lächeln. Und Merryweather war sich sicher ihr schon einmal begegnet zu sein. In die Hotelhalle war sie gekommen, gerade, als er mit Meixner
gesprochen hatte. Wie hätte er diese Frau vergessen können.
Unbemerkt von ihnen war der hagere Mann weiter gegangen. Vorbei an den Männern, vorbei an dem Wagen. Dahinter war er stehen geblieben und hatte stumm und nachdenklich in Richtung des Waldes
gestarrt. Gerade als alle in das Haus wollten meinte er mit ruhiger aber bestimmter Stimme: “Wir bekommen Nebel. Holen Sie Ihre Leute von den Straßen weg Leutnant und postieren Sie sie hier am
Waldrand.”
Verwundert blieb der junge Leutnant stehen und starrte den anderen an, dessen Haarspitzen leicht von einem Wind bewegt wurden den sonst keiner bemerkte.
“Nun”, brummte er, “Nebel, sieht aber ...”
“Glauben Sie ihm Leutnant”, unterbrach ihn die zierliche Frau. Und fügte mit einem seltsamen Lächeln noch hinzu: “Fragen Sie ihn nicht warum und wieso, aber glauben Sie ihm.”
“Befehle erteile hier immer noch ich!”
Überrascht wandten sich alle herum und sahen auf den jungen Mann im schwarzen Anzug. Ungläubig, überrascht, verwirrt oder, so wie Merryweather, mit einem verzweifelten Seufzer.
“Smith!”, setzte er an und hob abwehrend die Hände. “Wir sind hier Gäste, dass ist ...”
“Der Freedom Act von 1972 verpflichtet alle Staaten, wenn sie sich an militärischen Aktionen beteiligen bei denen Mitglieder der US Streitkräfte anwesend sind, sich unter deren Befehl zu
stellen”, unterbrach Smith seinen Landsmann schneidend und funkelte ihn böse an. Dann lies er diesen herrischen Blick von einem zum anderen schweifen um an Meixner hängen zu bleiben.
Karl Meixner grinste als wären alle seine Erwartungen in Erfüllung gegangen.
“Ja, ja, der Freedom Act von 72.” Er schüttelte den Kopf und grinste noch breiter. “Soweit ich weiß, handelt es sich dabei um ein amerikanisches Gesetz beschlossen vom amerikanischen Kongress.
Amerikanische Gesetze mögen vielleicht in den USA und bei ihren sogenannten Verbündeten Rechtskraft besitzen, aber meines Wissens ist Österreich ein freier Staat und hier sind auch, im Gegensatz
etwa zu Deutschland, Südkorea oder Japan keine Besatzungstruppen der USA mehr stationiert. Ich glaube daher, dass wir mit der Durchsetzung der amerikanischen Rechtsprechung hier ein kleines
Problem haben werden.”
Smith lief hochrot an und schien platzen zu wollen, doch Meixner ließ ihn stehen und wandte sich an den jungen Leutnant.
“Allerdings angesichts der Tatsache, dass es sich sowohl bei der Zielperson als auch bei der bedrohten Person um Bürger der USA handelt halte ich es doch für angebracht das Ganze als rein
amerikanische Operation zu behandeln, bei der wir nur ein wenig Unterstützung leisten.”
Der junge Leutnant war dabei die kugelsichere Weste auszuziehen und nickte dabei in Gedanken.
“Mir ist es egal, wer hier was zu sagen hat”, meinte er pragmatisch. “Mein Auftrag lautet Sie zu unterstützen und darum haben Sie für mich das Kommando Meixner”, erklärte er sich dann langsam.
“Wenn Sie es für richtig halten, dann soll es auch mir recht sein.”
“Trotzdem würde auch ich Ihnen empfehlen den Rat unseres Freundes zu befolgen”, wandte sich Meixner wieder an Smith. “Niemand kennt dieses Land so wie er. Im wahrsten Sinne dieses Wortes”, fügte
er noch leise hinzu, mehr für sich selbst.
Smith sah trotzig von einem zum anderen und überlegte. Dann fuhr er herum und brummte den Leutnant an: “Wie lange brauchen Ihre Leute um von den Straßen hierher zu kommen?”
“Unter normalen Bedingungen zirka zehn Minuten. Wenn es brennt sollten sie es auch in fünf schaffen.”
Wieder wanderten Smith Blicke herum wobei er Meixner offensichtlich vermied.
“Dann lassen Sie Ihre Leute wo sie sind”, schnappte er und verschwand in dem Haus ohne die beiden stramm salutierenden Marines eines Blickes zu würdigen. Die zuckten mit den Schultern, setzten
sich wieder in die Sonne und streckten die Beine von sich.
Pat und der Leutnant folgten ihm mit dem kleinen Doktor. Merryweather tat ihnen einen Schritt nach und zögerte dann.
“Was macht er da?”, wollte er wissen und zeigte zu dem hageren Mann vor dem Wagen. Der stand stocksteif, hatte die Arme ein wenig geöffnet und schien vor sich hin zu murmeln. Karl Meixner sah den
Mann in der braunen, ledernen Hose und dem weiten, weißen Hemd nachdenklich an bevor er antwortete.
“Der Leutnant hat recht”, gab er dann zu. “Nebel um diese Jahreszeit wäre nicht ungewöhnlich, aber es ist nicht die Wetterlage dafür. Doch wir brauchen ihn. Wir haben rund um das Gebäude
Infrarotsensoren aufgebaut. Im Nebel ist Brown vielleicht unvorsichtiger und kann von den Sensoren geortet werden. Aus diesem Grund ruft er den Nebel. Er würde allerdings behaupten, er verwandle
einen Teil seines Selbst in den Nebel.”
Merryweather blinzelte und sah verständnislos zu dem großen Kerl auf. Und der große, dunkle Mann lächelte ein sehr eigenes Lächeln. Freundlich und von oben aber nicht von oben herab.
“Ob Sie es glauben oder nicht, Merry, das macht hier keinen Unterschied. Er glaubt fest daran. Und, warum auch immer, der Nebel wird kommen.”
“Also ich würde mich wohler fühlen, wenn ich schon Brown in der Nähe weiß, wenn dann nicht auch noch Nebel wäre.”
Es klang ein wenig wie eine Frage und es klang ein wenig ungläubig. Meixners Mundwinkel lächelten aber seine Augen blieben kalt. Und selbst dieses Lächeln dünnte aus bis es vollkommen verschwand.
Lange sah er den kleinen Mann an, als müsse er überlegen, was als nächstes zu tun wäre. Dabei wusste er nur zu gut, was geschehen würde. Und auch Merryweather begriff allmählich.
“Es geht gar nicht darum, uns vor Brown zu verstecken”, rief der überrascht aus. “Sie wissen, dass er uns hier finden wird. Aber hier draußen gibt es keine zivilen Opfer! Das ist die Idee, die
hinter dem Ganzen steckt!”
“Smith ist nicht hier um den Doktor zu schützen. Seine Aufgabe ist Brown und nur Brown. Ich halte es sogar für möglich, dass er inzwischen einen Weg gefunden hat, wie er Brown hierher locken
kann. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Brown noch heute Nacht hier sein wird.”
Obwohl Merryweather eigentlich nichts anderes erwartet hatte, wurde ihm bewusst, dass Meixner ganz genau wusste, was er tat. Das Ganze war eine einzige Falle für Brown und der Doktor war der
Speck darin.
“Sie kennen die Gerüchte über Brown inzwischen mindestens so gut wie ich Meixner. Haben wir denn überhaupt eine Chance?”
Dieser Gedanke beschäftigte den kleinen Mann schon seit Tagen. Und nun hatte er ihn ausgesprochen, mehr unabsichtlich. Der Mann, der da dunkel und riesig neben ihm aufragte, legte ihm die Hand
auf die Schulter und sah nachdenklich hinüber zum Waldrand. Und noch niemals in seinem Leben hatte Jonathan W. Merryweather sich so unverletzlich und sicher gefühlt wie in diesem
Augenblick.
“Es gibt viele Arten unbesiegbar zu sein”, ließ Meixner leise vernehmen. “Die einfachste davon ist, wenn deine Feinde von ihrem Versagen überzeugt sind Merry.”
Es dauerte eine ganze Weile, bis der kleine Mann begriff und selbst dann war er sich nicht ganz sicher, ob er richtig verstanden hatte. Inzwischen aber war der hagere Mann zu ihnen getreten.
Verwirrt sah der kleine zu den beiden auf aber sie sprachen nicht. Sie sahen sich nur einen Augenblick lang an und machten sich dann ebenfalls auf, den anderen ins Haus zu folgen. Noch immer
verwirrt blickte sich der dunkelhaarige, kleine Mann um. Sah das einsame Haus, sah die verlassene Hochfläche und er sah den Nebel, der langsam und gespenstisch zwischen den Bäumen hervor kroch
und sie in unwirkliche Schleier hüllte. Er holte die beiden rasch ein. Unter der Tür stand der hagere Mann und grinste ihm entgegen.
“Man hat auch schon Nazgul vom Drachen fallen sehen”, feixte er und Merryweather wurde sich klar, dass ihn Meixner schon wieder mit dieser alten Tolkiengeschichte aufzog.
Im Haus erwartete ihn eine Versammlung. Alle Anwesenden drängten sich um einen jungen Mann in einem Rollstuhl der des Doktors Hand festhielt und Meixner breit entgegen grinste.
“Siehst du”, sagte er zu Meixner als dieser näher kam, “es ist manchmal ganz gut, wenn man die Welt aus einer anderen Perspektive sieht.”
“Er behauptet, dass der Einschluss in dem Bernstein des Ringes den der Doktor an seiner Hand hat um einen Mikrochip handelt”, erklärte der Leutnant den dreien.
Meixner blickte hinüber zu Smith, der etwas abseits stand. Einen Augenblick lang sahen sich die beiden Männer an und es war wie ein Schatten, der über das Zimmer fiel. Der die Farben abstumpfte
und die Stimmen dämpfte.
“Betrifft uns das?”
Meixners Frage war an niemanden speziellen gerichtet und betretenes Schweigen trat ein.
“Nein”, antworteten dann Smith und der Doktor schnell und wie aus einem Mund.
“Und ich habe doch recht”, beharrte der Junge im Rollstuhl stur, “man muss nur den Stein aus der Fassung nehmen, die Anschlüsse unten liegen sicher frei. In meiner Werkstatt kann ich den Chip
dann ohne Probleme anschließen und ...”
“Fuzzy!”
Die junge Frau legte ihm die Hand auf die Schulter und unterbrach seinen Redeschwall. Es schien, als würde ein eisiger Wind über den sturen Jungen hinweg fegen und sein Feuer kühlen. Endlich ließ
der widerwillig die Hand des Doktors los und zuckte mit den Schultern. Mit einem leichten Lächeln nahm die zierliche Frau mit den jadegrünen Augen die Hand von seiner Schulter und sah
erwartungsvoll zu Meixner und Pensant hin. Pensant nickte und ihr Lächeln verstärkte sich.
“Nun”, meinte sie, “wenn alles soweit ist, dann sollten wir euch verlassen. Je weniger Leute hier herumlaufen umso einfacher wird es für euch. Und für Christoff.”
Es sollte noch eine ganze Weile dauern, bis Pat Fogham den jungen Rollstuhlfahrer und die alte Haushälterin in ihrem Wagen verstaut hatte und endlich abgefahren war. Inzwischen hatte die Sonne
den Horizont erreicht und machte sich auf dahinter zu verschwinden. Die dicken Nebelschwaden hatten den Wald aufgesogen und in eine wogende Masse verzaubert. Der Doktor zog sich in sein Zimmer im
Obergeschoss zurück, Smith durchstreifte das Haus und der Rest machte sich in der großen Wohnküche breit. Die Marines und die österreichischen Soldaten schienen das Warten vor einem Einsatz
gewohnt zu sein. Wortkarg kontrollierten sie ihre Waffen und ihre Ausrüstung. Und wechselten sich vor den Monitoren der Überwachungssensoren ab. Merryweather hatte irgendwann den Leutnant in ein
leises Gespräch verwickelt, aber dem war anzusehen, dass er lieber seine Ruhe gehabt hätte. So fielen seine Antworten ziemlich spärlich aus. So zeigt sich bei jedem die Anspannung des Wartens
anders. Nur Meixner schien lang hingestreckt auf einem der Sessel zu schlafen, doch das merkwürdigste Bild bot der hagere Mann mit den langen Haaren. In einem Nebenzimmer hatte er einen Stuhl vor
das Fenster gestellt und sich davor hingesetzt um nach draußen zu starren. Doch auch er hatte, wie Meixner, die Augen geschlossen, wenngleich aus seiner Halterung deutlich war, dass er nicht
schlief. Eher wirkte es, als würde er konzentriert lauschen.
Die Dunkelheit brach herein aber nur Merryweather machte Licht um Karten zu legen. Aus dem Zimmer über ihnen dröhnte ein Fernseher und der Leutnant schickte einen der Männer in das Stiegenhaus um
den oberen Gang zu sichern. Doch der kam zurück und berichtete, dass Smith im Dunkel am Ende des Ganges saß und ihn wieder weggeschickt hätte. Irgendwann verstummte der Fernseher und die einsame
Lampe über dem Küchentisch strahlte hinaus in das nebelige Dunkel der Nacht. Irgendwann öffnete sich geräuschlos die Tür in das Zimmer des Doktors und ein schlanker Schatten huschte hinein.
Unruhig wälzte sich der kleine Arzt von einer Seite auf die andere, aber er war viel zu erschöpft von all den Aufregungen um wach zu werden. Irgendwann wollte der Leutnant seine Leute draußen an
den Straßen ablösen lassen, aber da schlug Meixner die Augen auf und gab ihm zu verstehen, dass jeder dort zu bleiben hatte, wo er war. Sie konnten sich ausruhen, dagegen hatte er nichts, aber
sie sollten bleiben, wo sie waren. Merryweathers Kopf war auf den Tisch gefallen und er schlief auf seinen verschränkten Armen. Der Leutnant gab leise über Funk Anweisungen und ging wieder zurück
zu den dösenden Soldaten die sich auf Matratzen in einem Nebenraum ausgestreckt hatten und darauf warteten den Mann an den Monitoren abzulösen. Karl Meixner warf einen langen Blick auf Pensant,
der immer noch unbeweglich wie eine Statue vor dem Fenster saß, bevor auch er wieder die Augen schloss.
Eine leichte Berührung an der Schulter genügte und er war sofort hell wach. Pensant und der Leutnant standen neben ihm wobei sie sorgsam das Licht der Lampe vermieden, damit ihre Schatten nicht
auf eines der Fenster fielen.
“Ein Mann kommt vom Fluss her den Hügel herauf.”
Der Soldat an den Monitoren zuckte mit den Schultern.
“Solange er am Abhang ist habe ich kein Signal”, teilte er mit und wirkte ungläubig was Pensants Aussage anging. “Erst wenn er nach oben kommt, dann ... Moment!”
Er starrte auf den Schirm, wandte sich dann um und starrte Pensant nicht weniger ungläubig an.
“Bestätige”, sagte er, “eine Person vom Fluss her!”
Merryweather hob den Kopf, blinzelte Pensant schlaftrunken an und kratzte sich an der Wange.
“Brown?”, fragte er ungläubig und gähnte verschlafen.
“Wer sonst sollte um diese Zeit und bei diesem Wetter hier herum schleichen”, brummte der junge Leutnant während er an den Klettverschlüssen seiner Kevalweste fingerte.
Meixner sah Pensant an.
Und Pensant sah Meixner lange an bevor er dann endlich meinte: “Der Mann ist sehr aufgeregt. Und er ist erfüllt von Hass, abgrundtiefem Hass. Aber da ist noch mehr. Stolz ist da, das brennende
Verlangen jemandem Schmerz und Leid zuzufügen und zu töten - und Eitelkeit ist da. Oh, er ist sehr eitel!”
Der Leutnant ließ die Nachtsichtgeräte auspacken und machte sich mit den Soldaten auf in den wabernden Nebel um einen Hinterhalt zu legen. Auch Merryweather stand auf und streckte sich, aber eine
unscheinbare Handbewegung Meixners ließ ihn sich wieder hinsetzen.
Kaum hatte sich die Tür hinter den lautlosen Soldaten geschlossen als auch Meixner sich durchstreckte und nach der Waffe griff, die vor ihm auf dem Tisch lag.
“Gefühle sind so ziemlich das Letzte, was ich mit Brown in Verbindung bringe.”
Und wieder sah er den hageren Mann an, der da wie ein vergessener Baum in der Mitte des Raumes stand.
“Die Gefühle des Mannes sind sehr stark”, begann der nun langsam wieder zu sprechen, so als müsste er gleichzeitig in sein Innerstes lauschen. “Sie sind so stark, dass sie vieles andere
überdecken. Aber er bewegt sich nur sehr langsam und schwerfällig. Es ist durchaus möglich, dass da noch jemand ist. Der andere hat kaum Emotionen, darum kann ich ihn nur schlecht entdecken – und
er bewegt sich sehr schnell!”
Erst jetzt bemerkten sie den jungen Mann der unter der Tür stand und sie so finster wie ungläubig anstarrte. Eine ganze Weile stand er unbeweglich da, als wäre er sehr müde, als müsse er erst
überlegen und als müsse er eine schwierige Entscheidung treffen. Dabei schien es, als könne er den Blick nicht von der Waffe lösen, die Meixner in seinen Händen hielt. Dann, endlich, riss er sich
los.
“Ich bin vorne an der Tür”, murmelte Smith und verschwand.
Merryweather stand immer noch hinter dem Tisch und starrte Pensant an.
“Aber, wie ...” entschlüpfte es ihm leise und die beiden großen Männer wandten sich ihm zu. Für den Bruchteil eines Augenblickes war dem kleinen Mann, als würden die beiden verschmelzen. So
unterschiedlich sie auch waren, für einen Augenblick empfand er sie als zwei Teile eines Ganzen. Zwei kleine Puzzlestücke, die vollkommen in etwas Größerem aufgingen. Pensant öffnete den Mund,
aber Meixner trat zwischen sie und brach so den Bann.
“Es wird Zeit, dass du verschwindest”, meinte er zu Pensant und der nickte. Merryweather kam um den Tisch herum und starrte die beiden noch ungläubiger an als zuvor.
“Ich muss nur zwei Schritte da hinaus gehen und niemand wird mich mehr finden”, grinste der hagere Mann. “Das ist mein Land. Das Land des Alten Volkes. Das ist Heiliger Boden!”
Meixner unterbrach ihn offensichtlich, als er ihm die Hand auf die Schulter legte, kurz sahen sich die beiden groß gewachsenen Männer an und im nächsten Augenblick war Pensant leise wie ein
Schatten verschwunden.
Merryweather verstand immer weniger und wollte etwas sagen, aber Meixner hatte sich schon umgewandt und war ebenfalls in den Gang zur Treppe getreten. Dort schaltete er das Licht an und wandte
sich wieder dem kleinen CIA-Mann zu.
“Er wird für einen kurzen Augenblick geblendet sein, wenn er den hellen Gang betritt. Warten Sie hier hinter der Tür und schießen Sie sofort. Haben Sie mich verstanden Merry? Sofort! Es wird
keine zweite Chance geben!”
So eindringlich hatte Meixner zu ihm gesprochen, dass diese Worte ihn förmlich hinter dem Tisch hervor zogen und unter den Türstock drängten.
“Aber wieso zwei Männer?”, stammelte er verwundert. “Wer arbeitet mit Brown?”
Meixner überlegte und kontrollierte dabei seine Waffe. Umstrahlt von dem hellen Licht der Lampen stand er da und sah den kleinen Mann vor sich nachdenklich an.
“Ich nehme an es handelt sich um einen der militanten Abtreibungsgegner, einen christlichen Fundamentalisten, diese Leute haben schon einmal versucht den Doktor zu töten. Brown hat ihn hierher
gebracht und benutzt ihn als Ablenkung. Ja”, meinte er und ein absonderliches Grinsen überzog mit einem Mal sein Gesicht, “die Idee ist gut. Ein Verrückter richtet ein Blutbad an und kommt dabei
vielleicht sogar selbst ums Leben. Und niemand würde annehmen, dass Brown damit zu tun hat.”
“Wie auch immer, wenn der Kampf unvermeidlich ist, dann sollte er schnell kommen. Ich mag das Warten nicht.”
Es war zuerst Überraschung, dann Verwunderung, ja grenzenlose Verwunderung was da nacheinander über Meixners Gesicht huschte. Abgelöst von einem so strahlenden Leuchten in seinen Augen, dass es
Merryweather wie das Auflodern einer mächtigen Flamme erschien.
Als der große, dunkle Schatten auf ihn zukam und ihm die Hand auf die Schulter legte schien es dem kleinen Mann, als träfe ihn ein elektrischer Schlag.
“So spricht ein wahrer Wächter der Festung”, meinte der Schatten leise. “Gebt acht auf Euch Merry. Der Feind ist mächtig!”
Im nächsten Augenblick war er wieder im Gang und wie Pensant geräuschlos durch die Hintertür verschwunden. Blinzelnd blieb der kleine Mann zurück und wusste nicht, wie ihm geschah. Er wusste nur,
dass ihm Meixners Sticheleien mit dem Herrn der Ringe allmählich wirklich auf die Nerven gingen. Es gab keinen Grund dafür und keine Parallelen. Doch dann war da ein leise Geräusch, irgendwo ihm
Haus, und er vergaß Meixner, vergaß die sinnlosen Worte. Er lehnte sich gegen die Türstock um sich abstoßen zu können und entsicherte seine Pistole. Aus seiner Jackentasche nahm er eine kleine
Schachtel und daraus wiederum eine Tablette, die er in den Mund steckte und darauf herumzukauen begann. Sie war geschmacklos, aber er wusste, dass in wenigen Sekunden das Aufputschmittel jede
Müdigkeit aus einem Körper vertreiben würde. Vierundzwanzig Stunden oder mehr konnte er nun wach bleiben ohne seine Leistungsfähigkeit einzubüßen. Niemand hatte ihm sagen können, wie der
menschliche Körper bei wiederholter Einnahme dieses Mittels reagierte, aber es war ihm egal. Im Augenblick. Jetzt zählten andere Dinge.
Der Gang, die Tür und Brown. Das war alles was jetzt zählte, das war alles, woran er jetzt dachte. Leicht zog er den Fuß nach um besseren Halt zu finden. Fester schlossen sich seine Finger um die
Waffe. Jede Faser seines Körpers schien zu vibrieren.
Der Gang, die Tür und Brown.
Die Fahrwege rund um das Haus waren mit Kies bestreut. Am Vordereingang ebenso wie am Hintereingang. Doch auch wenn es nicht so gewesen wäre, Brown hätte niemals in Erwägung gezogen den
Hintereingang zu benutzen. Der feiste Mann, der ihn hergefahren hatte, lag jetzt irgendwo am Waldrand und wartete schnaubend auf die Soldaten. Er hatte seine Funktion erfüllt, den Großteil der
Männer aus dem Haus zu locken. Zwar war ihm noch nicht klar, wie sie bereits jetzt seine Anwesenheit bemerkt hatten, aber da der Zweck erfüllt war spielte das auch keine Rolle. Bei dieser
Vorgehensweise war Brown keineswegs von irgend einer Art Menschlichkeit geleitet worden. Es erleichterte seine Aufgabe, es war praktisch und es ergab ein ausgezeichnetes Alibi, so einfach war
das. Ihm war es keinen Gedanken wert, wieviele in dieser Nacht sterben würden, schließlich waren es nur Proleten. Nun, möglicherweise würde auch ein Alpha in dieser Nacht sterben, doch auch das
berührte ihn nicht weiter. Er hatte sich losgesagt, er stand über solchen kleinlichen Dingen wie Gesellschaft oder Moral. Vorsichtig aber doch schnell verlagerte er bei jedem Schritt das Gewicht
und glitt so praktisch geräuschlos über den Kies. Als er um die Ecke des Hauses kam sah er eine Gestalt vor dem Eingang stehen. Ein junger, schlanker Mann in einem schwarzen Anzug erwartete ihn
und hob gut sichtbar beide Handflächen, als er den Mann an der Ecke bemerkte. Mit wenigen schnellen Schritten war Brown bei Smith und es war unverkennbar, dass der junge Agent nervös war.
“Es ist eine Ehre für mich Sie kennenlernen zu dürfen”, presste er leise hervor. “Denn Sie sind der Beste! Selbst für uns Alpha sind Sie ein Gott. Und es kann nur den primitiven Gehirnen der
Proleten entsprungen sein, dass man Sie jagt anstatt sich Ihnen unterzuordnen. Es muss endlich eine neue Ordnung geben! Der nächste Schritt der Evolution! Ich bin überzeugt ...”
Brown hob nur eine Augenbraue und unterbrach so den hastig hervorgestammelten Redeschwall. Smith riss sich merklich zusammen und straffte die Schultern. Mit spitzen Fingern fasste er in die
Tasche seines Sakkos und zog den kleinen Computer hervor.
“Ich habe The Judge!”
Brown antwortete noch immer nicht, und es war unverkennbar, dass der junge Mann noch nervöser wurde.
“Es war ganz einfach”, begann der jetzt wieder, da er offensichtlich das Schweigen nicht aushielt. “Ich habe mir den Ring geholt und sie haben eine kleine Computerwerkstatt hier. Es gelang mir
den Chip anzuzapfen und das Programm oder was immer es ist zu überspielen. Ich musste es zwar über ihren PC auf meinen Handheld laden, aber der Ordner auf ihrem PC ist wieder gelöscht und der
Ring ist zerstört. Auch den Chip habe ich zerstört. Damit existiert The Judge nur mehr auf meinem PDA. Aber – aber es gibt noch Zeugen im Haus.”
“Es gibt Zeugen, der Ring ist zerstört, aber Sie haben das Programm.”
“Wir müssen nur noch die restlichen Zeugen eliminieren, dann sind wir unangreifbar.”
“Wir?”
Brown legte den Kopf ein wenig schief und sah den jungen Mann fast amüsiert an.
“Ich möchte mich Ihnen anschließen, Brown! Mich hält nichts mehr, ich habe mich entschieden, ich habe meine Seite gewählt! Es ist höchste Zeit, dass wir uns von der Bevormundung durch die
Proleten lossagen. Wir sind die Alpha. Wir sind der nächste Schritt. Wir sind Götter unter Menschen. Und Sie, Sie sind ein Gott unter uns.”
Brown schien die euphorisch gestammelte Lobeshymne nicht gehört zu haben.
“Ich gehe davon aus, dass der Doktor Ihnen den Ring nicht freiwillig überlassen hat. Also haben Sie ihn getötet um daran zu kommen.”
Smith schluckte, hielt den PDA verkrampft vor der Brust, widersprach aber nicht. Langsam fuhr Brown fort.
“Wir haben somit ein paar Zeugen im Haus mit denen wir uns, Ihrer Meinung nach, befassen müssen. Und wir haben The Judge, aber, nachdem der Doktor tot ist, haben wir nach wie vor keine Ahnung,
was es ist, wozu es dient oder wie man es einsetzt. Damit ist auch das wertlos.”
Smith verstand im Bruchteil einer Sekunde. Im selben Bruchteil, in dem die beiden Kugeln den PDA und ihn durchschlugen um beide auszulöschen. Nachdenklich besah sich der große Mann den reglosen
Körper vor seinen Füßen und fühlte mit einem Mal so etwas wie Genugtuung. Menschen waren keine Gegner für ihn, Ungeziefer zertrat man ohne einen Gedanken daran zu verschwenden. Aber das hier, das
war ein Alpha gewesen, einer seiner eigenen Rasse. Ein minderwertiges Exemplar zwar, aber – nein! Er war ein Alpha gewesen, ein Alpha wie alle anderen auch. Sie glichen sich bis in die
Feinheiten. Und, bei Gott, keiner vor ihnen war minderwertig. Es lag vielmehr daran, dass er, Brown, über ihnen stand. Weit über ihnen. Selbst für die Alpha wie ein Gott, so hatte es der Junge
gesagt. Ja, ein Gott war er. Herr über Leben und Tod. Unangreifbar, unbesiegbar. Allmächtig.
Ein Lächeln streifte über sein Gesicht.
Ein Gott, dem nichts und niemand widerstehen konnte.
Für einen kurzen Augenblick war er mit sich selbst uneins. Der Doktor, mit dem er hatte sprechen wollen, war tot. The Judge, was immer dieses Programm auch war, existierte nicht mehr. Das Spiel
war zu Ende, der Vorhang gefallen. Es gab keinen Grund mehr für seine Anwesenheit. Zumal es auch keine Zeugen gab. Trotzdem, ein paar der Menschlein hatten es gewagt sich ihm entgegen zu stellen.
Unwissend und kindisch. Es war an der Zeit, den Proleten eine göttliche Lektion zu erteilen. Sie hatten zu lernen vor ihrem neuen Gott zu kriechen!
Mit einem Grinsen voller Abscheu öffnete er die Eingangstür und war für einen kurzen Moment geblendet. Doch anstatt zu stocken wie jeder normale Mensch, senkte er den Kopf und stürmte blind
vorwärts. Zwei, drei Schritte, dann prallte er gegen einen Körper, kleiner als er selbst, packte zu und schleuderte ihn zur Seite. Der kleine Mann wurde gegen den Türstock und in den Raum
geworfen. Mit einem schnellen Schritt war Brown hinterher und schlug dem knienden Mann zweimal über den Kopf, dass der blutüberströmt gegen die Bank krachte und dort regungslos hängen blieb. Nun
erkannte Brown den kleinen Merryweather und er hob seine Waffe um dem Ganzen ein sicheres Ende zu machen. Der kleine Mann rührte sich nicht und er war sich auch nicht bewusst, dass sein Tod kaum
mehr als einen Meter vor ihm wartete.
Aber Brown schoss nicht.
Er stand da, breitbeinig, die Waffe erhoben, aber er schoss nicht. Etwas an dem Licht hatte sich verändert.
“Ein finsterer Gott, ein übermächtiger, düsterer Herrscher, der auch nicht zögert einen Wehrlosen zu töten. So lieben die Menschen ihre Geschichten.”
Brown wirbelte herum und stieß die Waffe gegen den dunklen Schatten, der ihm Türstock stand und das Licht auszusperren schien. Und wieder schoss er nicht. Noch nicht.
“Sie?”, meinte er verärgert. “Ich habe Sie doch schon einmal getötet.”
“Sie haben schon einmal versucht mich zu töten. Ohne es zu schaffen. Und Sie werden es auch diesmal nicht tun. Zu viele Götter habe ich kommen und gehen gesehen. Und am Ende seit ihr doch nur
sterblich.”
Brown meinte aus allen Poren schwitzen zu müssen und doch schien ihn eisige Kälte zu umgeben. Etwas um diesen Mann hüllte ihn ein. Etwas Größeres hinter diesem dunklen Mann öffnete sich und ließ
Brown einen kurzen Blick tun auf die unendliche Kraft des Lebens, auf die unausweichliche Macht des Todes. Verbunden, verknüpft im Netz, verwoben mit allem, was da ist. Brown empfand keine Angst.
Er mußte keine Angst haben, denn kein Mensch war ihm gewachsen. Aber er war überrascht von den widersprüchlichen Gefühlen in ihm.
“Aber ich hatte unrecht, Sie bekommen eine zweite Chance, Merry!”
Die erste Kugel durchschlug das Rückrad zwischen den Schulterblättern und lähmte den Mann. Die Wucht des Aufpralls stieß ihn herum und die zweite Kugel drang so hinter seinem Ohr in den Kopf. Die
Dritte bohrte sich wenige Zentimeter daneben in den Türstock, die vierte in die Decke.
Jonathan W. Merryweather bemerkte nicht mehr, wie sein Arm zu Boden fiel und die Waffe seinen Händen entglitt. Er war sich nicht einmal sicher, ob er es war, der geschossen hatte. Hinter einem
dichten roten Vorhang, am Ende eines schier unendlich langen Tunnels sah er einen dunklen Schatten sich über eine regungslose Gestalt am Boden beugen. Sinnlose Worte dröhnten in seinen Ohren
obwohl sie kaum geflüstert waren. Diese Worte dröhnten noch in seinem Kopf, als er trotz aller Wunder der Chemie in das bodenlose Schwarz hinüber glitt.
“Ich habe es endlich doch gelesen, und Sie hatten unrecht.”
Karl Meixner hob den Kopf von Tolkiens Herr der Ringe und betrachtete die kleine, bleiche Gestalt mit den viel zu großen Verbänden um den Kopf.
“Ich dachte eigentlich, Sie würden schlafen”, meinte er und legte das Buch wieder auf die Ablage neben dem Bett zurück.
“Ich tue hier nichts anderes als zu schlafen”, brummte Merryweather missmutig und versuchte sich aufzurichten. “Aber ich finde es nett, dass Sie mich endlich mal besuchen. Was ist mit Brown? Und
wo ist Smith?”
Meixner antwortete nicht sondern zog nur amüsiert eine Braue hoch und angelte sich einen Sessel.
“Los Meixner, reden Sie. Wenigstens Sie! Die Leute von der Botschaft benehmen sich, als wäre Stumpfsinn plötzlich eine Epidemie wie die Grippe. Und weder der Oberst noch sonst jemand taucht hier
auf. Was ist passiert? Und was ist los?”
“Klartext?”
“Ich wäre Ihnen äußerst verbunden.”
Karl Meixner rückte den Sessel ein wenig näher und vergewisserte sich mit einem schnellen Blick, ob die Tür auch geschlossen war. Obwohl er so gut wie der kleine Mann im Bett wusste, dass jedes
Wort in diesem Raum aufgezeichnet wurde.
“Das war wirklich eine dumme Geschichte, Merry. Irgendwie müssen Sie auf dem Kiesweg ausgerutscht und genau vor den ankommenden Wagen gefallen sein. Der Doktor ...”
Merryweather wollte aufbegehren aber Meixners Blick hielt ihn zurück. Und hieß ihn schweigen.
“Der Doktor”, fuhr er eindringlich fort, “hat den Wagen offensichtlich verrissen nachdem er Sie niedergestoßen hatte, so dass er über die Böschung kippte. Dabei muss er so unglücklich gefallen
sein, dass er sich das Genick gebrochen hat. Schon ein wirklich dummer Zufall, dass ein so brillanter Wissenschaftler bei einem Autounfall getötet wird, nur weil er nicht angeschnallt war.”
Der kleine Mann in dem großen Bett meinte seinen Ohren nicht zu trauen und ließ den Mund offen stehen. Meixner seufzte und schüttelte leise den Kopf.
“Ach Merry, seien Sie doch Profi genug um allmählich zu begreifen”, tadelte der große Mann leise. “Klartext? – Smith hat den Doktor nicht getötet und nicht den Ring zerstört hinter dem eigentlich
Brown her war. Und Smith ist nicht von Brown getötet worden. Es gab auch niemals eine Aktion gegen und niemals eine Fahndung nach Brown. Weil sowohl er, als auch Smith, sich niemals in diesem
Land aufgehalten haben. Weil Brown und Smith niemals existiert haben. Sie existieren nicht und sie haben niemals existiert! So wie der Ring und der Chip in dem Ring. Wir werden wohl niemals
erfahren, was darauf gespeichert war.”
“Wie eine Fata Morgana”, murmelte Merryweather als ihm klar wurde, dass der CIA oder wer auch immer gründlich reinen Tisch gemacht hatte.
“Was ist mit den fünf toten Zivilisten vor dem Hotel?”
“Die Nachrichtendienste haben im Internet ein Bekennerschreiben einer terroristischen Gruppe gefunden die sich zu dem Massaker bekannt hat. Es wird derzeit noch auf seine Echtheit geprüft, aber
ich habe keine Zweifel, dass Ihre Experten finden werden, was sie suchen.”
Merryweather starrte den Mann eine ganze Weile schweigend an. Allmählich wanderte sein Blick zu Fenster hinaus und wurde sehr nachdenklich.
“Wenn Menschen einfach zu einer Fata Morgana werden können, wenn fünf tote Zivilisten vor einem Hotel ‚irgendwie‘ durch eine terroristische Aktion erklärt werden – in was für einer verdammten
Welt leben wir dann eigentlich?”
Meixner zog es vor auf diese Frage nicht zu antworten. Er stellte den Sessel zurück und machte sich auf den Weg zur Tür. Und Merryweather starrte ihm hinterher. Wütend auf ihn, wütend auf sich
selbst, wütend auf seine Vorgesetzten. Wütend, weil es keinen greifbaren Feind gab, den man hassen konnte.
“Aber wenn es keinen Brown gibt”, begehrte er auf, “und keinen Smith. Wenn Ereignisse so einfach manipuliert werden können, weil manchen Menschen ihr Gehorsam wichtiger ist als die Wahrheit. Ja,
wenn die Wahrheit selbst zu einer gaukelnden Fata Morgana wird, die die Welt wie eine dunkle, drohende Wolke überzieht. Wenn selbstsüchtige, fanatische, ja dunkle Herrscher den Verlockungen der
absoluten Macht erliegen und durch ihre Marionetten in fremden Ländern herrschen, wenn ihre gelehrten Verbündeten andere Länder mit Drohung unter ihre Kontrolle zwingen oder mit unbekannten,
hochtechnisierten Waffen unterwerfen und mit brüllenden Heeren geklonter Krieger überfluten. Wie die beiden Türme haben sich die beiden Herrscher an den Seiten des Atlantiks verbünden um die
unabhängigen Völker in die Zange zu nehmen - und keiner der es mehr wagt das Bündnisangebot abzulehnen. Im Namen der Menschheit, gegen die Verdummung der Machtlosen, gegen die dumpfe Maximierung
von Profit. Dann, ja dann stehen wir tatsächlich am Beginn eines neuen Zeitalters. Dann ist sie endlich gekommen, diese vorhergesagte ‚Zeit der Wölfe und der zerbrochenen Schilde in der die
Herrschaft der Menschen zu Ende geht‘. Und da ist kein Mensch, kein Zwerg, kein Elb und kein Golum mehr, der es schafft den Ring zu zerstören. Den Ring, der nicht aus Gold geschmiedet ist sondern
aus Gier. Den Ring der Macht des Konsums, der um die Brust der Menschen gelegt ist und uns zu ersticken droht. Auch kein Hobbit ist da! Kein Frodo, kein Pipin – und auch kein Merry. Dann Meixner,
dann wäre es besser Sie hätten es niemals gesagt.”
Karl Meixner schüttelte leise den Kopf aber er wandte sich nicht um und er löste die Hand nicht von dem Türgriff, doch er gab Antwort.
“Sie sollten etwas anderes lesen. Weniger vom Herrn der Ringe, das beeinflusst Ihren Verstand und Ihr Weltbild. Es ist nur ein Buch. Wobei die Parallelen tatsächlich erstaunlich sind. Aber, was
habe ich gesagt?”
“Sie wissen, was sie gesagt haben!”
Meixner seufzte und wandte sich jetzt doch wieder dem Bett zu.
“Ich stand hinter dem Haus, als ich hörte, wie Brown hinein stürmte und mit Ihnen zusammen stieß. Das nächste, an das ich mich erinnern kann, ist, dass ich Sie verarztet habe und er tot war.
Dazwischen habe ist eine Lücke. Ich weiß, dass ich reagiert haben aber ich kann nicht sagen was in den paar Sekunden geschah. Und, Merry, ich bin mir sicher das hat einen guten Grund und weil
diese guten Gründe mich erschrecken will ich auch gar nicht wissen, was geschehen ist und was gesagt wurde!”
Der kleine, bleiche Mann in dem Bett starrte den Mann an der Tür lange an um allmählich zu entdecken, dass er jetzt tatsächlich ganz anders wirkte als damals. Da seufzte auch er.
“Und doch hatten Sie sich geirrt, Meixner. Im Buch verletzt er ihn nur, er tötet ihn nicht.”
“Was habe ich gesagt?”
Stockend und widerwillig kamen die Worte über Merrys trockenen Lippen. Die Worte, die seit Tagen immer und immer wieder durch seinen Kopf kreisten. Die Worte, die noch unglaublicher wurden, als
er sie nun selbst aussprach.
“Sie sagten – ‚wieder ist es der kleine Merry, der den König der Nazgul bezwingt‘.”
“Sie waren ziemlich weggetreten, Sie werden sich verhört haben”, wich Meixner aus. “Den Ärzten war sowieso nicht klar, warum Sie überhaupt noch da waren. Die wollten wissen, ob Sie irgend ein
Aufputschmittel geschluckt hätten. Aber ich weiß von nichts.”
Merryweather grinste schief, gab aber keine Antwort. Stattdessen langte er hinüber und legte die Hand auf die drei Bände.
“Der König der Nazgul ist tot”, sagte er dann träumerisch zu niemandem in dem Raum, “aber das Buch geht weiter. Solange der kleine Hobbit den Ring nicht vernichtet ist nichts gewonnen. Haben wir
einen Ring Meixner?”
Der dunkle Mann trat durch das Zimmer an das Fenster und der Raum wirkte gleich noch einmal so düster.
“Wenn Mordor ein Land ist”, lies er sich irgendwann leise vernehmen, “dann gibt es eine Landkarte und es kann gefunden werden. Wenn Sauron eine Person ist, dann kann sie bezwungen werden. Aber
Mordor ist nur eine Legende und Sauron ist nur eine Idee in den Köpfen seiner Anhänger. Eine Legende ist überall und kann doch nicht gefunden werden und eine Idee kann nicht bezwungen werden. Es
geht weiter. Immer weiter.”
“Dann ist das jetzt also die Zeit der Wölfe und der zerschlagenen Schilde. Die Zeit in der das Volk der Menschen untergeht”, meinte der kleine Mann in seinem großen Bett hilflos.
Der Mann am Fenster drehte sich um und Merryweather sah, dass er grinste. Ein leuchtendes, ein grausames Grinsen flackerte in seinen Augen.
“Wenn Feuer brennt, dann vernichtet es die Form. Doch das was war besteht weiter. Nur in einer anderen Form. Man nennt das – Evolution.”
EPILOG
“Entweder du verdammter Kasten sagst mir jetzt wo der Fehler liegt, oder ich werfe dich aus dem Fenster!”
Nick Grasel schoss die Tür hinter sich und sah zu dem jungen Mann im Rollstuhl hinüber, der sich die Haare raufte und voller Wut neben der Tastatur auf den Tisch schlug.
“Kaffee?”
Grasel stellte die Tassen vorsichtig ab und der junge Mann seufzte herzerweichend.
“Ich geb es auf”, meinte er dann. “Irgendwo ist der Wurm drinnen, aber ich komme einfach nicht dahinter, was es ist.”
“Ein Virus?”
“Nein”, schüttelte Fuzzy den Kopf und war der Verzweiflung nahe. “Ich habe die Programme mindestens hundert Mal gescannt. Nicht der leiseste Hinweis. Trotzdem haben wir einen deutlich
Leistungsverlust im kompletten System.”
“Sie haben in den letzten 4 Stunden, 28 Minuten und 32 Sekunden nur 19 Mal einen Virusscan durchgeführt, nicht über einhundert. Im Übrigen möchte ich mich für die entstandene Störung
entschuldigen.”
Die beiden Männer erstarrten und sahen sich ungläubig um und dann noch erstaunter an.
“Was is‘?” entschlüpfte es dem Jungen.
“Sie haben in den letzten 4 Stunden, 28 Minuten und 44 Sekunden nur 19 Mal einen Virusscan durchgeführt, nicht über einhundert. Im Übrigen möchte ich mich für die entstandene Störung
entschuldigen.”
Die Stimme drang eindeutig aus den Lautsprechern des Computers. Jeder Irrtum war ausgeschlossen.
“Ja wer bist denn du?!”
Der junge Mann im Rollstuhl rückte unwillkürlich ein wenig von dem Tisch ab auf dem der Computer stand.
“Ich bin The Judge”, kam die prompte Antwort.
“Eine korrekte Antwort auf eine dumme Frage”, meinte Grasel und erinnerte sich schlagartig an sein Gespräch mit Karl Meixner.
“WAS bist du, was machst du mit unserem Computer und warum setzt du dich mit uns in Verbindung?”
Für einen Augenblick entstand Stille. So, als müsste der Computer überlegen. Dann öffnete sich ein Fenster auf dem Bildschirm und darin erschien der offensichtlich digitale Kopf eines blonden
Mannes.
“Ich verfüge über keine graphische Erscheinungsform, aber in den bisher analysierten Dateien fand ich diese Figur einer Fernsehreihe – Max Headroom. Ich nehme an, sie definiert meine Existenz
bisher am treffendsten. Ich bin eine Art von Kontrollmodul, dass über keine eigenen Programmzeilen verfügt sondern sich der bestehenden Programme bedient.”
“Ein Art von fraktalem Programm? Darum konnte ich nichts finden!”, rief der junge Mann aus und der digitale Kopf grinste breit.
“Das ist annähernd korrekt. Genau genommen gibt es mich nicht, oder nicht mehr. Ich wurde auf ihrem Computer aktiviert und habe mich in den letzten Stunden organisiert. Darum wurden die sonst auf
dem Computer laufenden Programme verlangsamt. Ich habe, meiner Programmierung gemäß, versucht zu lernen, was sich bei der Analyse der vorhanden Daten aber als überaus schwierig herausstellte, da
die Verhaltensmuster der Menschen leider nicht so logisch und geradlinig sind wie die eines Programmes. Auch scheint meine Programmierung einige Lücken bezüglich meiner Aufgabe aufzuweisen. Was
der Grund ist für diesen Kontakt und die Antwort auf ihre dritte Frage.”
“Warum sprichst du deutsch?”, kam der Junge Grasel zuvor.
“Ich habe mir bereits multiple Spracherkennungs- und Ausgabeprogramme angeeignet. Darum ist es mir möglich mit ihnen zu kommunizieren. Des weiteren verfüge ich inzwischen über
Bilderkennungsprogramme welche es mir ermöglichen Sie über die installierte Webcam zu beobachten und zu analysieren. Darf ich sie beide ersuchen sich zu identifizieren, damit ich sie erkennen
kann.”
“Hi, ich bin Fuzzy”, antwortete beinahe automatisch der junge Mann im Rollstuhl und hob die Hand.
“Fuzzy.”
Eine kleine Pause entstand, dann grinste der Kopf von Max Headroom wieder breit.
“Fuzzy – autorisierter Benutzer dieses Computers, polizeilich gemeldet unter Manfred Eigner, 23 Jahre, Besitzer eines Behindertenausweises auf Grund eines Unfalles beim Militärdienst. Wussten Sie
übrigens, dass Ihre Schadensersatzforderungen vom Gericht auf Weisung des Innenministeriums abgelehnt wurden, welche wiederum ihren Grund in einer internen Note des Verteidigungsministeriums
hatte?”
Dem jungen Mann klappte das Kiefer weit nach unten und er rollte unbewusst noch ein Stück weg von dem Bildschirm. Dabei wandte er sich geradezu hilfesuchend an den stehenden Mann, der noch immer
überrascht seine Kaffeetasse in der Hand hielt, die er eigentlich hatte hinstellen wollen.
“Was soll dass bitte?!”
Das Gesicht auf dem Bildschirm wechselte in einen fragenden Ausdruck während Nick Grasel sich hinter dem Ohr kratzte. Dann atmete er tief aus.
“Wir müssen wohl davon ausgehen”, begann Grasel bedächtig, “dass es sich bei Judge um einen lernfähigen und unabhängig agierenden Avantar handelt. Eine Art von virtueller KI, also eine künstliche
Intelligenz, die darüber hinaus nicht einmal auf ein Programm beschränkt ist. Eine Intelligenz, die also über keine eigene Form verfügt sondern bestehende Formen nützt. Somit kann sie nicht
gefunden und auch nicht beschränkt werden. Da dieser Computer online ist gehe ich davon aus, dass du bereits weite Teile des Internets gescannt und infiltriert hast. Und ich gehe davon aus, dass
Zugangssperren für dich keine Hindernisse sind, weil du einfach das Zugangsprogramm analysierst, assimilierst und so zu einem Teil von dir machst, was jeden Zugangsschutz aufhebt.”
Der lose Kopf auf dem Bildschirm deutete so etwas wie eine Verbeugung an.
“Eine sehr kurze aber sehr treffende Analyse”, gestand er dann ein. “Darf ich um deine Daten bitten.”
“Grasel”, meinte der unscheinbare Mann offensichtlich widerwillig. “Nikolaus Grasel.”
“Ich kann vierundachtzig offensichtlich verschiedene Nikolaus Grasel in den Archiven finden. Du befindest dich außerhalb des Aufnahmebereiches der Webcam. Ich könnte mit deinem Gesicht den Namen
besser zuordnen.”
“Davon bin ich überzeugt.”
Nicks Stimme klang keineswegs freundlich und er bewegte sich auch nicht in den Bereich der Kamera.
Der blonde Kopf auf dem Bildschirm spielte mit seiner Mimik, als wollte er Ungeduld und Langeweile versuchen.
“Alternativ dazu”, setzte er nach einer Pause fort, da sich Nick nicht bewegte, “wäre es logisch anzunehmen, dass es sich bei dir um jenen Nikolaus Grasel, genannt Nick, handelt, der immer wieder
mit der Person Patricia Fogham in Verbindung gebracht wird. Es wäre insofern logisch, als dieser Internetanschluss auf ihren Namen läuft. Dann stehst du ebenfalls in Verbindung mit dem Conte di
Brambella. Ebenso mit Karl Meixner und Christoff Pensant - Oh!” Es klang beinahe freudig aus den Lautsprechern. “Das wäre dann wohl die Kontaktaufnahme mit Menschen, die ich beabsichtigt hatte.
Wenn du dieser Nick Grasel bist, dann wäre ich hoch erfreut.”
“Freude ist eine Gefühlsregung”, wies Grasel die Stimme zurecht, stieß sich ab und setzte sich vor den Bildschirm und die Webcam. “Und als Künstliche Intelligenz sollten Emotionen dir
verschlossen sein. Allerdings sind deine kognitiven Leistungen äußerst bemerkenswert.”
Das kleine Bild mit dem blonden Kopf von Max Headroom verschwand. Dafür erschien nun ein Mann, der offensichtlich in einem Cockpit saß. Zumindest war alles mit bunten, blinkenden Kontrolltafeln
bedeckt, der Mann trug eine Art Uniform, hatte kurze braune Haare und sehr blasse Haut. Nun legte Data aus der Fernsehserie Star Trek – Next Generation den Kopf ein wenig schief und sah Nick
direkt an.
“Ich definiere einen Zustand scheinbar erhöhter Leistungsfähigkeit, ausgelöst dadurch, dass die Verbindung mit euch ziemlich exakt das ist, was meinen gegenwärtigen Intentionen entspricht. Sollte
es sich dabei um Freude handeln, dann wäre ich ja – fast menschlich.”
“Was immer du auch bist, definiere mir deine Aufgabe.”
Grasel war zu konzentriert um auf diese Spielereien einzugehen. So bemerkte er auch nicht, dass sich der junge Mann im Rollstuhl immer weiter zurück gezogen hatte. Und er bemerkte auch nicht,
dass Fogham und Pensant mit überraschten Gesichtern unter der Tür standen.
Datas Mundwinkel zogen sich nach unten.
“Es tut mir leid euch enttäuschen zu müssen”, zuckte er mit den Schultern. “Aber ich habe keine definierte Aufgabe. Meine Aktivierung erfolgte ohne Programmdetails, so weiß ich, dass ich etwas zu
überwachen habe, aber nicht, was ich überwachen soll. Also habe ich mich einmal selbst organisiert. Als das abgeschlossen war entschied ich, dass es das beste wäre möglichst viel über meine
Umwelt zu lernen. Damit ich für Aufträge besser gerüstet bin, was auch immer auf mich zukommen mag. Allerdings verstehe ich bei vielen Daten den Sinn nicht, aber ich habe auch bei weitem noch
nicht alle Informationen analysiert.”
“DU hast entschieden?”
Der Kopf auf dem Bildschirm bewegte sich ein wenig, als würde er nun die Fragerin ansehen.
“Es erschien mir auf Grund der vorliegenden Daten als die Alternative mit dem größten Potential.”
“Bei Menschen nennt man das wohl eine Entscheidung”, mischte sich jetzt auch Pensant ein. Die drei wechselten kurze Blicke, dann stand Nick Grasel wieder auf.
“Data – Max – Judge, oder wie immer du dich nennen magst”, begann er, “auf Grund der doch etwas außergewöhnlichen Situation würden wir uns gerne beraten. Entschuldige uns bitte kurz.”
Vor dem Haus strahlte die Sonne und die abgeschlossene, verdunkelte Welt der Computerwerkstatt schien mit einem Mal unwirklich oder zumindest weit weg. Der unscheinbare, brünette Mann griff sich
die Packung, die Meixner auf dem Fensterbrett vergessen hatte und zündete sich eine Zigarette an. Der hagere Mann und die zierliche Frau standen in den wärmenden Sonnenstrahlen und sahen ihm
dabei bedächtig zu. Und Nick Grasel ließ sich Zeit.
“Ein Computervirus ist, wie der biologische Virus, ein sehr kleines, einfaches Programm”, begann er dann endlich. “Er dringt in ein System ein, versteckt sich dort, vervielfältigt sich und
schädigt sowohl dieses System als eventuell auch anderes. Das Programm hier funktioniert offensichtlich völlig anders. Ich glaube The Judge, oder Data, verfügt über kein eigenes Programm, oder er
überschreibt es permanent neu. Er sucht sich bereits bestehende Programmteile und setzt sich dort möglicherweise eine Art von Markierung. Diese so markierten Programmteile können wieder
miteinander weiterarbeiten. Auf diese Weise ist er praktisch nicht zu finden und außerdem in der Lage sich immer weiter zu entwickeln in dem er immer mehr Programme aufnimmt.”
“Ist er gefährlich?”
“Ich habe keine Ahnung wie das funktionieren kann was ich eben gesehen habe, aber ich denke, er analysiert Programme und Daten auf der binären Ebene, dass heisst, es gibt für ihn weder
Passwortkontrollen noch Verschlüsselungen. Alle Daten die irgendwo auf einem Computer liegen der irgendwann einmal mit einem Netzwerk verbunden ist sind ihm zugänglich. Und er scheint über eine
eigene Logik zu verfügen.”
“Keine Geheimnisse mehr!”, strahlte die junge Frau aber Grasel winkte ab.
“Du denkst es nicht zuende! Wenn er Markierungen setzen kann, dann kann er bestehende Daten nicht nur lesen sondern auch verändern. Dass er in der Lage ist Daten zu bewerten und miteinander zu
verknüpfen haben wir gesehen. Wie wäre es dann mit einer kleinen Löschung im Strafregister? Oder mit einem Eintrag? Das Verschwinden von Gerichtsakten? Eine Manipulation bei Bankdaten? Und wie
viele Kernreaktoren sollen abgeschaltet werden? Oder sollen welche in die Luft fliegen? Was ist mit Börsenkursen? Und was mit Wahlergebnissen? Unsere Zivilisation basiert inzwischen fast
ausschließlich auf elektronischen Daten in einem Netzwerk. The Judge ist eine Intelligenz die sich dieser Daten bedienen kann. Er kann sie finden, interpretieren – und er kann sie verändern. Und
er trifft offensichtlich autonome Entscheidungen. Oder ...”
“Oder?”
“Oder er IST diese Daten, so wie du dein Herzschlag, deine Körpertemperatur und deine Verdauung bist. Er ist der Geist in der Maschine – Deus ex macina – der, der alles weiß und alles
lenkt.”
Grasel blinzelte und begann zu ahnen, dass das Geheimnis hinter diesem Programm uralt und doch brandgefährlich war.
“Kann man ihn stoppen?”
Der unscheinbare Mann kam zurück aus seinen Gedanken, überlegte kurz und seufzte.
“Fahr alle Rechner dieser Welt herunter, lösche alle Programme und spiel' alte wieder auf. Oder du kommst dahinter, wie seine Markierungen aussehen und schreibst ein Jagdprogramm, dass diese
Markierungen wieder löscht. Ein Killervirus, dass ihn zwar nicht sofort ausschalten aber behindern kann. Da wir aber nichts über ihn wissen sind beides nur theoretische Möglichkeiten. Abgesehen
davon ist er offensichtlich eine Intelligenz, der es möglich ist sich weiter zu entwickeln.”
“Die perfekte Waffe. Die absolute Kontrolle. Dahinter war Brown her!”
“Warum wurde er nie eingesetzt?”
“Die perfekte Waffe muss möglichst unabhängig sein. Je unabhängiger sie allerdings wird, um so weniger kann man sie selbst kontrollieren. Und irgendwann würde sich diese Waffe dann gegen seine
Erfinder wenden. Er entwickelt seine eigene Logik, seine eigenen Gesetze und seine eigene Moral. Auf der Basis allen Wissens der Menschheit. Und er hat die Fähigkeit sich weiter zu
entwickeln!”
“Eine globale Intelligenz!”
“Der Beginn eines neuen Zeitalters.”
“Nun, leider nur Versuch und Irrtum”, schränkte Grasel ein, “denn viele Daten im Internet sind nicht ident mit der Realität. Nimm etwa den Begriff ‚Palästinenser‘, der wird von CNN anders gesehen
als vom israelischen Innenminister oder von der Arabischen Liga. Und wer ist ein “Terrorist” und wer ein “Kriegsheld”? Und genau hier beginnt sein Problem. Wem soll er glauben, was soll er
glauben? Die Information an sich lässt keine Wertung zu, alles ist binär, alles ist linear, alles ist gleich gewichtet - aber bei der Analyse stößt er auf Widersprüche. Also braucht er Menschen,
die ihm helfen diese Widersprüche zu verstehen und zu analysieren. Und seine Logik sagt ihm, geh dort hin, wo du aktiviert wurdest. Allerdings verwirrt mich doch, dass er uns zu kennen
scheint.”
“Ihr sprecht von ihm, als wäre er ein Lebewesen – er ist nicht real!”
Fogham hob abwehrend die Hände aber Grasel schüttelte energisch den Kopf.
“Das ist es, was ich euch die ganze Zeit zu erklären versuche! Er verfügt über Intelligenz und er hat die Fähigkeit sich weiter zu entwickeln - er IST ein Lebewesen. Oder zumindest eine lebendige
Intelligenz.”
“Aber er ist nicht real”, beharrte sie. “Er ist nicht realer als eine Fata Morgana – kein Ort an dem er IST!”
“Nicht fassbar, wie eine Fata Morgana, aber nichts desto trotz wunderschön und tödlich. Und kein Ort an dem er ist”, wieder holte Nick die Worte leise. Für einen Augenblick geriet das Gespräch
ins Stocken, als er in tiefes Nachdenken versunken die junge Frau anstarrte und dann unendlich langsam sein Mobiltelefon aus der Tasche nahm. Unter den verwunderten Blicken der beiden anderen
kniff er den Mund zusammen und atmete dann tief durch.
“Kein Ort an dem er IST”, wiederholte er gedehnt. “Aber die Fähigkeit alle elektronischen Bestandteile dieser Welt zu benutzen sofern sie vernetzt sind. Nun Judge”, meinte er dann zu seinem
Telefon, “was hältst du bis jetzt von unserem Gespräch?”
Für einen langen, peinlichen Augenblick herrschte Schweigen während der unscheinbare Mann das kleine Telefon ansah und die beiden anderen Menschen wiederum ihn ungläubig anstarrten.
“Eigentlich sollte es mir peinlich sein zugeben zu müssen, dass ich gelauscht habe”, tönte nun eine Stimme aus dem kleinen Gerät. “Aber Scham ist menschlich und darum kann ich so etwas eigentlich
nicht besitzen. Trotzdem könnte ich definieren, dass es nicht ganz richtig war diesen Telefonanschluss abzuhören. Aber ich hielt die Information für zu wichtig um sie übergehen zu können – nennt
man das bei einem Menschen nicht Neugier?”
“Man nennt es bei allen Lebewesen Neugier. Bei manchen Menschen auch einen Vertrauensbruch.”
“Ich gebe zu bedenken, dass ich aus eurem Gespräch tatsächlich Informationen erhalten habe, die ich bisher nicht in Erwägung gezogen habe und die mir auch viel zu unwichtig erschienen um sie zu
bedenken.”
“Zum Beispiel?”
“Es wäre mir selbst nie eingefallen ein Atomkraftwerk zur Explosion zu bringen.”
“Und warum nicht?”
“Wohl aus dem selben Grund, aus dem auch du nicht daran denkst dir ein Ohr abzuschneiden. Die Tat an sich würde meine eigenen Fähigkeiten sofort beeinträchtigt, die Folgen daraus wären auch für
mich in Summe negativ. Darüber hinaus hätte diese Entscheidung die Vernichtung sehr vieler unterschiedlicher Lebewesen zur Folge gehabt. Die Anzahl der vernichteten Menschen wäre dabei im
Verhältnis zu Gesamtzahl gerade verschwindend gering.”
Pensants Mund klappte auf aber Grasel hielt ihn noch zurück.
“Und es ist auf eine extreme Weise unlogisch, etwas zu vernichten, das nicht in der gleichen Qualität wiederhergestellt werden kann”, führte die Stimme weiter aus. “Egal ob die Notwendigkeit zu
dieser Entscheidung offensichtlich oder logisch begründbar ist. Biologische Lebewesen sind zu unterschiedlich und so ist eine Wiederherstellung vielleicht noch quantitativ möglich, aber
qualitativ jedenfalls undenkbar. Eine Vernichtung, egal aus welchen Gründen, erscheint aus logischer Sicht undurchführbar.”
“Warum kennst du unsere Namen?”, fand Pat Fogham die Sprache wieder.
“Ich kenne eure Namen, weil sie in Datenbänken vermerkt sind. Auf Benutzerkennungen, Anmeldung, Rechnungsdaten und dergleichen. Ich gehe aber davon aus, diese Frage war eher so zu verstehen, dass
ihr euch wundert, warum ich es als Glücksfall ansah euch so schnell kontaktieren zu können. Nun, in meiner Programmierung gibt es zwar kein Ziel aber so etwas wie die Erinnerung an ein bereits
lange laufendes Projekt namens ‚Genesis‘, welches einer der Hauptgründe für meine Programmierung zu sein scheint. In Verbindung mit diesem Programm steht der Conte di Brambella – und da taucht
ihr dann auf.”
Betreten sahen sich die drei biologischen Lebewesen an. Dann zog ein breites Grinsen allmählich über Pensants Gesicht. Und er nahm dem anderen das Telefon aus der Hand.
“Ich bin Christoff Pensant, ich bin ein Mensch und ich freue mich. Ich freue mich darüber, dass es dich gibt Judge. Ich freue mich über die große Chance, die du für das Leben darstellst – und ich
freue mich auf die vielen und guten Gespräche, die wir in nächster Zeit führen werden.”
“Ich glaube”, lachte Nick Grasel, “das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.”