1980iger - Wahllos, so wie die Puzzlestücke aus einer Schachtel, fallen die Geschichten Golds durcheinander. Um dann, scheinbar wie von selbst an ihren Platz gerückt, ein Bild zu ergeben.
Doch das Bild, das sich so treuherzig anbietet, ist trügerisch, unsteet und nicht wirklich zu fassen. So wie der ganze Mann, der in einem leeren Bus eine Nacht lang über die Autobahnen donnert und sich an ein Leben erinnert, dass auf den ersten Blick außergewöhnlich wirkt und doch im Grunde nur ein ganz langweiliges Allerweltsleben ist.

Mark Gold, selbst Filmtechniker, läßt den Leser wissen, dass sich keine seiner Geschichten so zugetragen hat, wie er sie hier erzählt - und doch ist die Hörigkeit der "größten Sendeanstalt dieses Landes" gegenüber Politiker ebenso Thema einer seiner Geschichten, wie der Ortstafelstreit Kärntens. Von faszinierenden Persönlichkeiten bis hin zu fast primitiven Beziehungsproblemen spannt sich der Bogen seiner tröpfelnden Geschichten. Wobei auch einem laienhaften Psychologen schnell auffallen dürfte, dass dieser Mensch ein wirkliches Problem mit anderen Menschen, mit Beziehungen und seinen Gefühlen hat. Oder er hat einfach nur ein Problem mit sich und seiner Identität. Denn wieder ist Golds Held ein wenig verrückt, etwas ausserhalb der Norm. Auch oder gerade, weil er nicht abstumpfen will.
ISBN: 9-7838-3348-7347 (Version 2007)



...   LESEPROBE


Mark GOLD Zyklus  II

   Ballawatsch           … von der Suche nach dem Weg

 

ERVIN

Version 2021 

 

 

 

“Der Kilimanjaro ist ein schneebedeckter Berg. Beinahe fünftausend und neunhundert Meter hoch. Man sagt, er sei der höchste Berg Afrikas. Die westliche Spitze nennen die Massai 'Ngàja Ngài', das Haus Gottes. Unweit dieser Spitze liegt das Gerippe eines erfrorenen Leoparden.
Niemand kann sagen, was das Tier in dieser Höhe gesucht hatte.”

Ernest Hemingway

PROLOG:
Wenn ich hier so sitze – am Rand des Meeres, auf dieser kleinen Klippe, die unter der Wucht jeder Welle vibriert. Still und staunend. Das große Kriegsschiff, schemenhaft im Grau des Morgennebels, lautlos wie eine bedrohliche Wolkenwand an der Hafeneinfahrt vorbei gleitet, alles überragend, um dann ganz allmählich wieder aus der Welt zu verschwinden. Wenn die kühle Brise vom Meer herein die Gischt in schleimigen Silber zwischen die Felsen presst und sie manchmal auch bis zu mir herüber prasseln lässt, dann wünsche ich mir wohl nichts sehnlicher, als zeichnen zu können. Mit einem einzigen Strich, mit ein paar Schraffierungen das festhalten zu können, was meine Augen berührt, was meine Seele erreicht.
Doch was ist mit dem brackigen Geruch aus der Bucht in der die kleinen, bunten Boote friedlich dümpeln? Dem salzigen Geschmack auf meinen Lippen? Der Kälte meiner Finger? Dem Rauschen, wenn sich die Wellen kurz vor den Klippen schäumend wie widerwillig brechen um dann bedrohlich zischend wieder zurück gesogen zu werden?
Habe ich es nicht vielleicht doch besser als jeder Maler? Nein, das wäre sicherlich die falsche Formulierung. Jeder Maler ist ebenso beschränkt, wie ich es bin. Denn immer kann unser Bestreben eben nur ein Streben bleiben. Niemals werden wir das endgültige und vollständige Abbild der Wirklichkeit erschaffen können. Auf ewig bleiben wir Gefangene. Verheddert in unseren Worten, Strichen, Tönen und Bildern. Hilflos. Es ist die ewige Beschränkung durch die unabänderliche Enge des menschlichen Geistes. Der nur sieht, was er sehen will und was er kennt. Der nur versteht, was sich nahtlos in sein Weltbild fügt. So mühselig errichtet wie aufrecht erhalten. Auch liegt die Schwierigkeit einfach dort, dass so etwas wie eine endgültige, eine einzige Wirklichkeit eigentlich gar nicht existiert. 
Ja, es gibt wohl keinen größeren Fehler den ein Mensch machen kann, als den zu glauben, es gäbe etwas, das Bestand habe. Und ich spreche hier aus Erfahrung.

Wenn ich hier so sitze, am Rand des Meeres, dann fühle ich die Urgewalt unter mir. Spüre ich, wie sie in diesen Felsen eindringt und ihn aushöhlt. Ruhig, gleichmäßig, gemächlich und seit undenklichen Zeiten. Wenn ich im Wüten dieser Urkraft eine Gelassenheit entdecke, die beinahe schon Ironie und Verhöhnung des Menschen wäre, wenn sie ihn zur Kenntnis nehmen würde, dann fällt mir ein Mann ein, von dem ich erzählen möchte. Er ist einer, den manche hassten und manche mochten. Manchen war er gleichgültig und die Masse der Menschen hat ihn höchst wahrscheinlich nicht einmal bemerkt. Er bemühte sich auch nicht sonderlich, um auf sich aufmerksam zu machen und eigentlich war es ihm sogar ganz lieb, wenn er im Hintergrund, im Schatten stand. Vielleicht machte er gerade deswegen einen Beruf daraus. Er glaubte nicht an Bestimmung und an Schicksal, er dachte kaum an Karriere und er war weit davon entfernt nach einem festen Punkt zu suchen, mit dem er die Welt aus den Angeln heben könnte. Hätte man ihn gefragte, er hätte sich selbst wohl als ziellosen Stoiker bezeichnet. Ein Stoiker? - Nun, dass wäre er gerne gewesen. Und ziellos? - Oft erscheint es einem im Rückblick, als wäre man geradewegs auf sein Ziel losmarschiert.

Im Nachhinein ist man immer klüger.
Zuerst, da hatte es ganz unmerklich begonnen. So zaghaft und vorsichtig, dass die beiden Männer nichts davon bemerken konnten. Aber des war geschehen - nur eben auf die so eigene, schweigende Art. So wie die entscheidenden Dinge immer sehr unscheinbar beginnen.
Dann wurden die Anzeichen immer deutlicher, und schnell konnte man auch schon die ersten grauen Schleier dort über dem Horizont entdecken. Aber die beiden Männer sahen es immer noch nicht. Sie waren viel zu beschäftigt. Viel zu sehr vertieft darin, ihre Aufgabe zu erfüllen. Auch es war bereits gleichgültig. An ein Entrinnen war nicht mehr zu denken.
Der Himmel hatte begonnen seine Farbe zu verändern. Hatte sich in ein Orange und später in blutiges Rot getaucht. Und immer düsterer, immer drohender ballten sich die Wolken dort am Horizont.
Noch immer schienen es die Beiden nicht zu bemerken. Und doch war es unmöglich, dass sie so emotionslos und stur dasitzen konnten. Sie mussten es bemerken, sie fuhren ja geradewegs darauf zu. Sicherlich sahen sie es und erkannten, welch unabwendbare Tatsache da mit riesigen Schritten auf sie zueilte. Und doch reagierten sie nicht darauf. Mit keiner Bewegung reagierten sie darauf. Nicht einmal ein einziges Wort verloren sie darüber. Nur stumm und als würde sie das alles nicht betreffen, saßen sie da.
Aber sie erkannten nur zu genau, was da auf sie zukam. Irgendwie hatten sie es erwartet. Hatten sie gewusst, dass es unausweichlich sein würde. Irgendwann musste dieser Augenblick kommen, an dem es kein Vielleicht und kein Zurück mehr gab. Und wann immer es auch geschehen wäre, es wäre zu früh. Doch nun war es geschehen. Nicht irgendwann, nicht irgendwo. Jetzt und hier war es geschehen. Vor ihren Augen. Aber sie wussten, dass es nie ein Entrinnen gegeben hatte.
Dann war es soweit, dann stand dieser riesige Feuerball über dem Horizont. Anfangs war er fast rund, im nächsten Augenblick schien er sich nach oben zu dehnen und gegen Ende wurde er immer breiter. Eine unvorstellbare Fläche war erfüllt von einem eigenartig roten Licht. Über Täler, Flüsse und Städte fegte es hinweg. Bäume und Berge erhielten nie geahnte Farben. Die Tiere wie die Menschen reckten neugierig ihre Köpfe nach oben. Und die Strahlen dieses riesigen, dieses größten Feuerballes aller Zeiten erreichten jedes Lebewesen, jede Pflanze und jeden Stein auf dieser Seite des Erdballs. Sie fauchten hinweg über Seen und Straßen, fraßen sich durch Glasscheiben und überquerten Grenzen. All die Verträge und Abkommen der Menschen, alle Treffen und alle Verhandlungen waren sinnlos geworden. Der Feuerball dachte nicht den Bruchteil einer Sekunde daran, sich an die Verträge der Menschen zu halten. Für ihn gab es keine Grenzen und keine Abkommen und keine Pakte. Für ihn gab es nur eine einzige, eine ganze Erde. Eine Erde, die ihm gehörte. 
Nur ihm allein.
Schweigend fuhren die beiden Männer dahin. Leichter Wind war aufgekommen und der leere Autobus donnerte über die Autobahn. Sie sprachen nicht über das, was sie gesehen hatten. Sie kannten es genau und sie wussten, was davon zu halten war.
Dann wurde es mit einem Mal so dunkel, dass man kaum noch die Straße sehen konnte. Der Mann hinter dem Lenkrad schaltete das Licht ein und beobachtete, wie sich die bleichen Kegel der entgegenkommenden Fahrzeuge auf der anderen Seite der Autobahn durch die beginnende Nacht tasteten.
"Am nächsten Parkplatz übernehme wieder ich", sagte Nick und stellte die Rückenlehne des Beifahrersitzes etwas steiler.
Nick war der Größere der beiden Männer. Und der Jüngere. Und Tonio war genauso unmerklich älter wie kleiner. Ansonsten gab es kaum nennenswerte Unterschiede zwischen ihnen - wenn man sie nicht näher kannte. Aber wen kannte man schon so genau, dass man dessen grundlegenden Unterschied zur restlichen Menschheit aufzeigen kann. Meist nicht einmal sich selbst.
Tonio nickte nur und hielt Ausschau nach dem nächsten Parkplatz. Fast genau drei Stunden war es jetzt her, dass er ohne Pause hinter dem Lenkrad eingeklemmt saß. Sie machten so gut wie keine Pausen. Eben deshalb hatten man ihnen diesen Job gegeben.
Endlich kam die Ausfahrt auf den Parkplatz und plötzlich fluchte Tonio lautstark vor sich hin, weil ein Mercedes Cabrio sie noch überholt hatte um dann ruckartig vor ihnen abzubremsen und ebenfalls auf den Parkplatz einzuschwenken. Erst ziemlich am Ende des Parkplatzes kam der Autobus endlich zum Stillstand und Tonio zwängte sich steifbeinig aus dem Fahrersitz heraus. Das Cabrio mit dem Münchner Kennzeichen stand viel zu weit hinten um dem krummbeinigen Schmerbauch mit schütterer Haarpracht, der sich daraus hervor quälte, die Meinung zu sagen. Nick legte bereits den Gang ein und ließ die Kupplung langsam kommen während Tonio noch immer die Sitzreihen entlang humpelte. Von vorne nach hinten, von hinten nach vorne und wieder retour um seinen gestauten Blutkreislauf wieder in Bewegung zu bringen. Als Nick endlich eine Lücke in der Blechschlange fand in die er sich wieder zwängen konnte, holte sich Tonio eine Coladose aus dem Kühlfach, setzte sich in die erste Reihe und legte die Beine auf die breite Armstütze des Beifahrersitzes.
"Wenn wir das nächste Mal tanken, dann dürfen wir nicht vergessen auch die Box wieder aufzufüllen. Es sind nur mehr zwei Cola auf Eis.”
Nick sah nach der Benzinuhr.
"Wann kommen die nächsten Tankstellen?"
"Die nächste in etwa 20 Kilometer, die übernächste in 65 bis 70", erklärte Tonio nach kurzer Überlegung und fuhr sich mit der Hand unbedacht durch die schwarzen, leicht strähnigen Haare. Angeekelt betrachtete er seine Hand und wischte sie dann am Nachbarsitz ab.
"Allmählich freue ich mich wirklich schon auf ein Bad.”
Nick grinste stumm vor sich hin.
"Sei bloß froh, dass deine Haare brünett sind und nicht schwarz", fuhr Tonio fort. "Meine werden viel rascher fett. Und ich fühle mich schon, als hätte ich Untermieter auf dem Dach.”
Er trank noch einen Schluck und beobachtete, wie nun auch Nick begann sich unbewusst am Kopf zu kratzen. Dann zuckte er kurz mit den Schultern und warf die leere Dose zielsicher in den Abfalleimer.
"Ich leg mich kurz aufs Ohr", meinte er und stand schwerfällig auf, "und dann träume ich von einer blonden Puppe die mir den Rücken wäscht - in einer großen, großen Badewanne!"
"Sonst nichts?", fragte Nick und Tonio sah ihn für einen Augenblick verständnislos an.
"Ich meine - nur den Rücken lässt Du Dir waschen?" 
Ohne weiter darauf einzugehen lachte Tonio während er nach hinten wanderte. Nick hörte,  wie er sich eine Bank zurecht zog und sah hinaus auf das dunkle Asphaltband, dass unter seinen Reifen verschwand.
"He Nick!", rief Tonio von hinten. "Ich glaube, ich lade mir zwei Mädels ein und gebe eine Badewannen-Party. Du darfst natürlich kommen - wenn Du auch zwei mitbringst. Dann spielen wir Silvester und lassen die Korken knallen! Na, was hältst Du von meiner Idee?"
Nick gab keine Antwort. Er sah hinaus in das kalte, schwarze Nichts. Anscheinend erwartete Tonio auch keine Antwort auf seine Frage. Er wälzte sich noch ein paarmal herum aber schnell wurde es ruhiger dort hinten im Bauch des Autobusses und bald schon meinte Nick durch das Dröhnen des Motors die gleichmäßigen Atemzüge seines Begleiters zu hören.
Er grinste. Vier Mädchen, Tonio und er. In einer großen, großen Badewanne. 
Nun, Nick konnte sich das sehr gut vorstellen. Er konnte sich immer alles sehr gut vorstellen. Er zweifelte nur aus Erfahrung an der Durchführung solcher Ideen. Und außerdem störte ihn der Vergleich mit Silvester. Wenn er an Silvester dachte, dann schlich sich immer wieder die Erinnerung an einen ganz bestimmten Jahreswechsel in seine Gedanken.







"Eine Scheibe Leberkäse bitte.”
"Einmal Leberkäs'. Kommt sofort.”
Nick legte den Kragen seiner dicken Militärjacke um und sah dem Mann zu, der da geschäftig zwischen seinen Kochern, Dosen und Körben hantierte.
"Süßen oder Scharfen?"
"Scharfen Senf bitte - und ein Stück Brot.”
Mit flinken Bewegungen zerschnipselte der junge Mann mit den vernarbten Wangen die Scheibe in kleine Würfel, drückte aus einem Spender das aufquellende Braun des Senfs auf den Pappteller, legte eine Scheibe Brot darüber und schob das Ganze auf die andere Seite der Glasscheibe. Inklusive einer Serviette und einer kleinen Plastikgabel.
"Vierundzwanzig, der Herr.”
Nick reichte einen fünfzig Schilling Schein durch das kleine Loch im Fenster, nahm den Zwanziger entgegen und gab ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er sich den Rest behalten durfte.
"Besten Dank der Herr!", meinte der Mann in der schmierigen Schürze diensteifrig. "Und noch ein schönes Prosit Neujahr!"
In Nicks Gesicht veränderten sich eigentlich nur die Augen, aber der Schmierige war schon beim nächsten Kunden. 
Alle Leute schienen ihn daran erinnern zu wollen, dass an diesem Tag der Jahreswechsel gefeiert wurde. War es denn nicht schon genug, dass seine Gedanken immer wieder um diesen Punkt kreisten? Um diesen und um einen anderen.
Er zog die Flasche Johnnie Walker aus der Tasche und nahm einen tiefen Schluck. Worauf der Leberkäse noch lascher schmeckte als zuvor.
Einen überraschten Blick warf das Narbengesicht in der Würstelbude auf den großen Mann, als er die Flasche mit dem Whisky neben dem Pappteller sah. Aber als ihm bewusst wurde, dass Nick es bemerkt hatte, begann er eifrigst seine Kocher zu putzen.
In dem McDonald‘s auf der anderen Seite des Wiener Schwarzenbergplatzes, ging es hoch her. Zumindest soweit Nick es von seiner Seite aus beobachten konnte. Dafür, dass der 31. Dezember und es erst elf Uhr abends war, herrschte nur mehr wenig Verkehr auf den Straßen.
Endlich hatte er den letzten Bissen hinunter gewürgt. Der Pappteller, samt benutzter Serviette und einem kleinen Rest Senf, wanderte auf den überquellenden Abfalleimer. Mit der einen Hand grüßte er noch in die Bude, mit der anderen steckte er die Flasche wieder zurück in die Jackentasche.
Hilfesuchend betrachtete er den nächtlichen Platz auf dem doch sonst immer so viel Leben herrschte. Jetzt aber lag die weite Fläche da wie ausgestorben.
Eigentlich, schoss es ihm durch den Kopf, eigentlich sollte er ja allmählich wieder zurück gehen. Er war schon einen ganze Weile von Zuhause weg, aber er war sich keineswegs sicher, ob er wirklich vermisst wurde. Und jetzt schon klein beizugeben hatte er nicht die geringste Lust.
Fröstelnd zog er die Schultern hoch, denn immer wenn er anfing nachzudenken, dann schien die kalte Nachtluft erst recht durch die dicke Jacke zu dringen.
Er stellte den Kragen wieder hoch und schlenderte weiter ziellos über die Ringstraße und hinein in den Bereich der Inneren Stadt.
Aus den unzähligen Lokalen dort drang Fröhlichkeit nach draußen. Verschwommen nur, verzerrt durch Kälte und Rauch. Und meist mehr oder weniger aufgesetzt und pflichtbewusst. Das kam ganz auf die Lokale an und auf die Menge des Alkohols, den die Gäste bereits konsumierten hatten. Denn es war Silvester und zum Jahreswechselt hatte man gefälligst fröhlich und ausgelassen zu sein. Und Ausgelassenheit war es zumindest doch überall.
Die berühmte Kärntner Straße war vollgestopft mit Leuten die lauthals grölend versuchten, ihre Getränke nicht zu verschütten, wahllos mit Knallkörpern in die Menge warfen und alle zum großen Platz vor dem Stephansdom drängten, um nur ja nicht zu versäumen, wenn die 'Bummerin' das Neue Jahr begrüßte. Sie würden die altehrwürdige Glocke nicht hören, denn die Knallkörper und Tröten würden sie wie alle Jahre übertönen, aber sie waren dabei gewesen. Die Schaufenster quollen über vor Licht und Glanz und die Menschen davor taumelten, trunken von Alkohol und Glück und pflichtbewusster Ausgelassenheit, von einem bunten Lichtfleck in den nächsten. Nick beeilte sich wieder in eine der kleinen, dunklen Seitengassen zu kommen und betrachtete nachdenklich den kärglichen Rest, der sich noch in seiner Flasche gehalten hatte. Da erhob sich etwas weiter hinten ein Schatten aus dem Hauseingang und kam steifbeinig auf ihn zu.
"Serwas Bruada. Host no an Schluck füa mi?"
Nick reichte ihm die Flasche an den Schatten und dieser setzte sich wieder auf die Stufe, in den dunklen Hauseingang.
"Setz di zuwa zu mia. Do is windstüh und net so koit.”
Der Schatten setzte die Flasche an die Lippen und nahm einen kräftigen Schluck. Nachdenklich betrachtete ihn Nick dabei.
"Fix Teifl!", fluchte er. "Is dea guat!"
Er schüttelte sich und nahm noch einen Schluck. Viel hatte er nicht mehr in der Flasche gelassen.
"Übrigens, i has Alfred. Deafst Fredl zu mia sogn. Nua frog mi net wegn mein Famüliennaumen.”
"Warum nicht?", wollte Nick erstaunt wissen. Um noch erstaunter wieder zu verstummen. Seine eigene Stimme klang fremd in seinen Ohren. Eher wie eine eingerostete Eisenbahnweiche. Knarrte wie eine Türe, die zum ersten Mal seit langen Jahren wieder jemand öffnete.
"Jedn Tog defst des, nua heit net.” Er beugte seinen Kopf verschwörerisch zu Nick und hauchte ihm seinen ganzen erstickenden Atem ins Gesicht als er raunte: "I has nemlih - Sylvester. Oba mit Übsilon, so wia - wia -"
Ihm fiel kein passender Vergleich ein und er ließ die beschwörend gehobene Hand wieder sinken. Dafür machte er wieder einen Schluck aus Nicks Flasche. Dieser fiel allerdings kleiner aus als der letzte - damit noch ein wenig in der Flasche blieb.
"Und wia hast Du?", wollte er jetzt wissen, nachdem er sich mit dem Handrücken über den Mund gefahren war.
"Wozu willst Du das wissen?", fuhr ihn Nick an. So scharf hätte es nun auch nicht klingen sollen.
"Okay, okay!", meinte der Mann und hob abwehrend die Hände. Er sprach es aus wie 'oge'. "Ma wiad jo do no frogn diafn. Oba Du g'foist ma trotzdem. A waunst vü zguade Sochn aunhost um von denan do draußn wos z’krign.”
Er unterstrich seine Worte mit einer abfälligen Handbewegung in Richtung zur noblen Kärntner Straße. Dafür begann er jetzt fahrig in einem seiner unzähligen Plastiksäcke zu kramen, die um ihn herum am Boden aufgereiht standen, und hielt auch schon einen großen grünen Gegenstand unter Nicks Nase. Es war eine Zweiliterflasche und dem Geruch nach war der Inhalt eindeutig stärker als Nicks Johnnie Walker.
"Kost den amol. Des nenn i a Neijoarsgschenk!"
Nick nahm die entkorkte Flasche in beide Hände und setzte sie vorsichtig an die Lippen. Er bekam einen kleinen Teil des hausgebrannten Obstschnapses in die falsche Kehle und musste husten.
"Fix Teifl!", sagte er, als er endlich wieder zu Atem kam. "Is dea guat!"
Der Mann lächelte ein breites Grinsen, zeigte sein zahnloses Maul und nahm ihm die Flasche aus der Hand um selbst einen ungleich größeren Schluck zu machen. Im Dunkel des Haustores war es unmöglich zu erkennen, wie er aussah, ganz zu schweigen davon zu schätzen, wie alt er wohl sein mochte. Aber er hatte eine sympathische Stimme und durfte wohl auch sonst kein unfreundlicher Mitmensch sein.
Schweigend saßen sie eine Zeitlang da und lauschten den Geräuschen, die um die Ecke aus der breiten, wimmelnden Nobelstraße zu ihnen drangen.
"I woit, es warat scho vurbei”, sagte der Mann leise.
"Ich auch”, stimmte ihm Nick zu. Und spürte, wie der sich umwandte um ihn anzusehen. Dabei konnte er unmöglich mehr von Nick sehen, als Nick von ihm.
"Wos host'n Du geng Sivösta?"
"Ah nichts”, erwiderte Nick einsilbig ohne ganz aus seinen Gedanken aufzutauchen.
"Nau kum. Trink east amol und daun erzöh.”
Er drückte Nick die Flasche in die Hand und der trank. Ganz automatisch. Und der selbst gebrannte Schnaps aus irgendwelchen unbestimmbaren Obstsorten ätzte wie von selbst die Gedanken aus seinem Kopf.
"Wir haben für heute Nacht eine schöne, angenehme Party organisiert”, begann er. Und als Alfred nichts darauf sagte, redete er weiter. "Für zwei meiner Freunde mit ihren Mädchen und einem weiteren Mädchen, das ich gut kenne und - sehr mag.”
Die Pause die entstand nutzte er zu einem kräftigen Schluck.
"Und?"
"Und?", Nick überlegte. "Eigentlich war alles in Ordnung. Sie sind alle gekommen und haben gute Laune mitgebracht. Und nicht nur das. Meine Kleine hat noch etwas mehr mitgebracht - nämlich ihren neuen Freund.”
"Nau servas!", meinte Alfred mitfühlend und drückte ihm wieder die Flasche in die Hand. Beinahe hätte Nick sie fallen lassen - wäre doch ewig schade drum!
"Ich habe ihnen gesagt, dass ich nur noch schnell etwas holen muss. Das war vor etwas mehr als zwei Stunden.”
"Gehst z‘ruck?"
"Was soll ich dort? Zusehen? Mich für sie freuen?"
Alfred überlegte einen Augenblick lang, dann meinte er: "Kum, trink no an Schluck.”
Ein Mann kam aus der belebten Straße und erleichterte sich gegen die Ecke eines Schaufensters. Als er sich abwandte entdeckte er die beiden Männer in dem Hauseingang. Oder zumindest ihre Schatten, denn er strengte sichtlich seine Augen an, um etwas erkennen zu können. Dann wandte er sich um und lief schnell aus der dunklen Gasse wieder hinaus.
"Mia wern ehm do net darschreckt hom?", fragte Alfred und verbiss sich ein Lachen zwischen seinen wenigen Zähnen. Aber Nick fürchtete etwas anderes, denn das Stimmengewirr hinter der Ecke schien lauter zu werden. Und soweit ihn seine leicht verfrorenen Ohren und sein vom harten Brand gelähmter Kopf nicht täuschten, dann sprach man dort englisch und leider klang es nicht besonders britisch. Er wollte schon aufstehen und Alfred mit sich ziehen, aber er kam nicht einmal selbst auf die Beine, es blieb bei dem Vorhaben. Sie waren zu schnell.
Einer Horde grölender und schwankender Barbaren gleich, so stürmten die Männer und Frauen um die Ecke auf sie zu.
"Please!" - "A picture.” - "Nice Joke!" – “Ha, ol‘ fellow!” – “Fuckin‘ cold, wa?” - „Nice Joke!“ - „Urop, we are!“ - "A picture - we pay!"
Jemand wedelte Alfred mit ein paar Dollarnoten vor der Nase herum. Der war vor Schreck aufgesprungen und wusste nicht was eigentlich los war, wie ihm geschah, wohin. Die Flasche hielt er fest an seine Brust gepresst, wie eine Mutter ihr Kind vor einem hungrigen Wolfsrudel schützt. Und selbst Nicks benebeltes Gehirn fand diesen Vergleich durchaus angebracht.
Blitzlichter flammten auf. Erhellten die matschige Gasse schlagartig taghell.
Stockdunkle Nacht.
Nick versuchte Alfred zu beruhigen, aber der erkannte ihn nicht mehr. Er war blind von der ungewohnten Helligkeit.
Für ein Erinnerungsfoto aus charming, old Europe - eine grell geschminkte, fette Frau drückte ihm einen klatschenden Kuss auf die Wange. Doch er, so blind verwirrt, stieß sie erschrocken weg, dass sie der Länge nach hinfiel und der Matsch nur so spritzte. Sofort sprangen zwei große Kerle auf ihn zu und rammten den vermeintlichen Gewalttäter zu Boden. In ihrer Heimat waren sie wohl begeisterte Footballspieler.
Klirrend zersprang die Flasche auf dem Pflaster und sofort stieg der scharfe Geruch von Alkohol in die von Stimmen zerrissene Dunkelheit. Irgendwie war Nick nach außen gedrängt worden und musste von dort mitansehen, wie die starken Arme der amerikanischen Footballspieler mit den starken Armen österreichischer Ordnungshüter wechselten.
Unter vielen 'we beg your pardon' und 'so they are' wurden die Touristen beruhigt und wieder auf den rechten Pfad der Nobelstraße zurück geleitet. Natürlich nicht, ohne von den Polizisten vorher die Dollarscheine zurück zu bekommen, die sie dem abgerissenen, frierenden Mann zuvor in die Taschen gestopft hatten.
Und dann waren sie mit einem Schlag wieder allein. Alfred, Nick und die beiden Polizisten.
Noch bevor Nick etwas sagen konnte, wurde er gegen eine Wand gedrückt und musste eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen. Dabei bemerkte er unweigerlich, dass sein lieber Freund und Helfer wohl nicht nur gründlich sondern auch schon einigermaßen genervt war. Die Hände gegen die raue Hausmauer gepresst achtete er nicht auf die brummigen Beleidigungen der beiden Uniformierten. Und das war auch ganz gut so. Stirnrunzelnd blätterten sie Nicks Ausweise durch und ihre Gesichter wurden erst so richtig lang, als ihnen zu guter Letzt auch noch der Presseausweis unter die Augen kam.
Zögernd reichte der Größere die Tasche zurück und wollte etwas sagen, aber dabei sah er Nick in die Augen und blieb dort hängen. Für einen ganzen langen Augenblick konnte er sich nicht losreißen von diesem eigenartigen Blick, der ihn bis in sein Innerstes zu durchdringen schien, dann begann er vorsichtig zu formulieren: "Entschuldigen Sie bitte vielmals, aber wir konnten doch ...”
Nick steckte seine Ausweise wieder ein, ging ohne auf die Entschuldigung zu reagieren an ihm vorbei und klopfte Alfred noch einmal aufmunternd auf die Schulter. Wahrscheinlich sah der ihm noch erstaunt nach, als er weiterging. Weg von der Kärntner Straße.
Alfred würde den Rest der feierlichen Nacht wohl in einem warmen Raum verbringen, dafür ohne Schnaps. Nick hoffte nur, dass er noch irgendwo eine neue Flasche Whisky bekommen würde. Nach Hause aber wollte er nach wie vor nicht.







Der graue Austin zwängte sich knapp vor dem großen Bus wieder in die Spur und verringerte die Geschwindigkeit. Nick musste die Bremsen ganz durchtreten, wenn er ihn nicht rammen wollte. Irgendwo hinter ihm im Dunkel des Busses gab es einen dumpfen Aufschlag.
"Das war das Wetter und jetzt noch etwas Werbung", krächzte es aus dem Radio.
"Villano!!", schimpfte Tonio halbherzig und versuchte sich wieder unter dem Sitz hervor zu winden. Endlich kam er nach vorne, murmelte noch immer Verwünschungen vor sich hin und warf sich auf den Beifahrersitz.
"Irgendwas Besonderes los?"
Nick schüttelte den Kopf.
"Ich musste nur wählen, ob ich lieber Dich aufwecke oder den kleinen Austin da vorne um einen Meter kürzer mache.”
Tonio suchte nervös in seinen Taschen und brabbelte noch weiter verschlafen vor sich hin.
"Scheiße. Wärst Du doch einfach über ihn drüber gefahren. Alles besser als so aufgeweckt zu werden!"
Er ließ seine Hände endlich sinken und sah Nick treuherzig an.
"Hast Du was zu rauchen?"
"Vorne an der Scheibe.”
Tonio stand auf und wirklich fand er an der Ablage bei der Windschutzscheibe eine Packung Zigaretten. Vorsichtig steckte er sich eine der Camel zwischen die Lippen und warf die Packung wieder zurück.
"Feuer?"
Nick hielt ihm sein Feuerzeug hin, ohne seinen konzentrierten Blick von der Straße zu nehmen.
"Danke, hab' ich selber", presste Tonio zwischen den zusammengekniffenen Lippen hervor während er schon die Flamme durch die Zigarette sog. Ein leichtes Lächeln verzerrte Nicks Gesicht ein wenig.
"Jeder gute Schnorrer hat die wichtigen Dinge selbst”, stichelte er, Tonio lachte durch die Nase und boxte ihn leicht gegen die Schulter. 
Außerhalb des Wagens schien nichts mehr zu existieren. Völlig dunkel war es draußen und seit Langem hatte sie weder ein anderer Wagen überholt, noch war ihnen einer entgegen gekommen. Vielleicht gab es gar keine mehr. Vielleicht waren sie überhaupt schon ganz alleine auf dieser Welt.
Der graue Austin fiel Nick ein, aber auch der war schon von der Dunkelheit verschlungen worden. Das Radio dröhnte wohl zum dritten Mal die Hitparade rauf und runter und der Mann mit dem merkbaren italienischen Akzent neben ihm rauchte still und in Gedanken versunken.
"Was machst Du Ende nächster Woche?", fragte er Nick mit einem Mal unvermutet. Der zuckte mit den Achseln.
"Keine Ahnung. Wenn ich nicht einen Drehtermin habe und unterwegs bin, dann hänge ich sicherlich in irgendeiner Bar herum, kippe einen Pernod nach dem anderen ...”
"Morte! Pernod! Wie kannst Du dieses Zeug überhaupt anrühren?", unterbrach ihn Tonio und schüttelte sich.
"... und schaue mir Mädels an, die ich dann doch nicht anquatsche", fuhr Nick ungeachtet des Einwurfes fort.
"Warum eigentlich nicht?"
Nick lachte säuerlich.
"Ehrlich gesagt, ist mir irgendwie um die Zeit und den Aufwand leid. Vom Geld, das Du ausgibst, wenn Du ein Mädchen anmachen willst spreche ich da noch gar nicht. Aber - ja, ich glaube, ich bin wirklich zu faul dazu geworden.”
"Zu faul um sich ein Mädchen anzulachen?", rief Tonio erstaunt aus. "Ja bist Du denn noch zu retten!?"
"Und außerdem", gab Nick zu bedenken, "gibt es noch etwas anderes, eine beinahe unbedeutende Kleinigkeit, die mich davon abhält.”
"Eine Freundin hast Du nicht, das wüsste ich", drohte ihm Tonio mit erhobenem Finger. "Und deine Angst vor Aids hält sich auch in Grenzen, dazu weißt Du zu viel darüber. Also?"
"Auch keine schlechten Ideen", gab Nick zu, "aber ich habe noch eine bessere Variante auf Lager - ich leide nämlich an angeborener Schüchternheit.”
Er machte ein hilfloses Gesicht und hob beide Hände entschuldigend in die Höhe. Der schwere Wagen donnerte ungelenkt über die Autobahn dahin. Stur geradeaus. Unfähig aus den ihm vorgezeichneten Spuren auszubrechen wie sein Lenker.
Ohne Passagiere wirkte der Bus innen leer und dieser leere Bus nahm Tonios Lachen auf, warf es herum, brach es, wiederholte es bis es dröhnend den ganzen Raum ausfüllte.
"Schüchtern?! Du?? Ausgerechnet Du und schüchtern!!"
Wären ihm nicht vor Lachen die Tränen in die Augen gestiegen, er hätte Nicks kurzen Blick bemerkt und dieser Blick war keineswegs sehr angetan von seinem Heiterkeitsausbruch. Zwar lag auch kein Zorn darin, aber Tonio hätte sein Gelächter eingestellt - hätte er diesen Blick gesehen.
"Schlimmer als ein Schüchterner ist nur mehr der dran, der schüchtern ist und niemand glaubt es ihm.”
Nick zuckte mit den Achseln und ließ seinen Gefährten weiter lachen. Und der benötigte einige Zeit, bis er sich wieder halbwegs gefangen hatte. Leise gluckste er noch immer vor sich hin und es war ja auch wirklich zu lächerlich. Er hatte Nick in den Jahren, in denen sie immer wieder zusammen arbeiteten, kennengelernt als einen Mann, der sagte was er sich dachte und der, wenn es ihm nötig erschien und ihm der Kragen platzte, jedem, ganz gleich wer es auch war, näher und manchmal auch zu nahe trat. Und ausgerechnet dieser Mann sollte schüchtern sein?
"Also nächstes Wochenende musst Du keine Mädchen anquatschen!", versprach ihm Tonio als er wieder einigermaßen Herr seiner Stimme war. "Ich feiere nämlich meinen Geburtstag und da werden genug Mädchen da sein. Die werden Dich anmachen, amico! Das verspreche ich Dir!"
"Geburtstag? Wie alt wirst Du jetzt eigentlich?"
Diese Frage ernüchterte den schwarzhaarigen Mann, der da in dem Beifahrersitz lümmelte, sichtlich.
"Dreißig", sagte er, "aber zum wievielten Mal sag' ich nicht!"
"Warum nicht?"
"Naja", wusste er scheinbar selbst nicht so recht, "immerhin bin ich ja kein Twen mehr. Also, ich meine - ach, was weiß ich!"
"Genau!", stimmte ihm Nick zu, der immer nur gerade nach vorne sah. 
"Was weißt denn Du schon! - Wie alt bist Du eigentlich?", wollte der Italiener jetzt neugierig von Nick wissen und dämpfte den schon glimmenden Filter der Zigarette im Ascher aus.
"Ich hab' keine Ahnung", antwortete ihm Nick ehrlich uninteressiert. "Manchmal fühle ich mich wie fünfzehn, manchmal wie hundertzehn. Also wahrscheinlich irgendwo dazwischen.”
"Na hör' mal!", rief Tonio erstaunt aus. "Feierst Du denn deine Geburtstage nicht?"
"Keinen Geburtstag, keinen Namenstag, keine Ostern, keinen Ersten Mai und keine Weihnachten", grinste Nick.
"Auch keine Weihnachten!?"
Nick wusste, dass der gebürtige Italiener neben ihm einer der wenigen wirklichen Christen in ihrem Beruf war. Schwer genug wurde es ihm ja gemacht, denn auf Religion und religiöse Pflichten nahm ihr Beruf herzlich wenig Rücksicht. Und meistens wirkten die Einblicke, die sie gewannen, einfach nur ernüchternd. Tonio aber hatte sich seine gläubige Naivität bis zu einem gewissen Grad bewahren können und gerade darum musste ihn das wirklich hart treffen. Härter jedenfalls, als seine desinteressierte Stimme zugeben wollte.
"Keine Weihnachten", bestätigte Nick noch einmal.
Tonio holte sich noch eine Zigarette aus der Packung, zündete sie umständlich an und schwieg. Sah, so wie Nick, in das unendliche Nichts aus Dunkelheit hinaus. Sah die Straße, die in diesem Nichts scheinbar unerklärlich auftauchte und von ihm wieder verschlungen wurde.
Und er schwieg. Nick konnte nicht sagen, woran sein Partner dachte.
Er selbst dachte an Weihnachten und auch er schwieg.







Es war still in dem Zimmer. Die hohen, weißen Decken spiegelte das kalte Licht und der Boden glänzte in mattem, dumpfen Schwarz. Nur gleich hinter der Tür hatte sich jemand zu weit ins Zimmer gewagt und einen staubig weißen Schuhabdruck hinterlassen. In ein paar Tagen würde wohl der ganze Boden wieder von diesem weißen Staub bedeckt sein.
Metallene Kästen standen stramm aufgerichtet an den Wänden. Immer zwei zwischen einem eisernen, in mattem Rot gestrichenen Bettgestell. Jeweils zwei Betten übereinander mit sorgfältig gemachten Decken. Zwölf Betten im ganzen Raum. Immer drei mal zwei an jeder der gegenüber liegenden Wände.
Sogar der große Tisch in der Mitte des Raumes war an diesem Tag sauber und die Hocker standen ordentlich darum herum. Und neben dem scharfen Dunst der Putzmittel lag noch etwas anderes in der Luft, undefinierbar für jeden der es nicht kannte, aber so schnell ließ sich der leise Geruch von Waffenöl nicht vertreiben.
Die drei großen Fenster starrten Dunkel von der Stirnwand her. Kein Licht war durch sie zu sehen.
Zumindest nicht von seinem Bett aus. Wieder sah er nach oben und betrachtete die Decke mit ihren Sprüngen und Rissen in der weißen Farbe.
Nur eine der beiden Kugellampen brannte und festigte so noch den Eindruck eines ungeliebten Wartesaales in einem vergessenen Bahnhof am anderen Ende von Nirgendwo. Die andere Lampe war schon vor Tagen erloschen. Niemand hatte es der Mühe wert gefunden die Glühbirne zu ersetzen. Möglicherweise, weil er niemandem den Befehl dazu gegeben hatte. Wohl aber eher, weil er es nicht selbst getan hatte.
Unten, vor dem Wachposten, fuhr ein Wagen vorbei. Wurde langsamer, so als wollte er stehen bleiben. Aber das tat er dann doch nicht.
Es schien Nick, als würde er jedes Zeitgefühl verlieren, wenn er weiter so dalag. Umgeben von dieser beinahe perfekten Stille. Nicht einmal die Uhr an seinem Handgelenk zerteilte die Zeit, diese formlos werdende Masse, mit ihrem Ticken. Natürlich hätte er sie ansehen können und er hätte dem Glimmen der Ziffern eine Antwort entnehmen können. Aber selbst diese Bewegung war ihm zu viel Anstrengung, zumal es ihm auch völlig egal war. Er wusste, welcher Tag auf dem Kalender eingetragen war und das genügte ihm vollauf. Er wusste, dass an diesem Tag die katholischen Christen den Heiligen Abend feierten. Und nicht nur sie. Auch Millionen andere Menschen feierten etwas, das sie sich zurecht gezimmert hatten und oft nur mehr sehr wenig von dem christlichen Fest in sich trug. Er wusste aber auch, dass er keine Lust auf Feierlichkeiten verspürte. Egal welcher Art.
Aber etwas musste geschehen. Also holte er tief Luft, setzte sich auf und sprang von seinem Bett hinunter. Weich und geräuschlos landete er auf seinen Strümpfen. Niemand, der sich mit einem Boden so abgerackert hatte, wagte es, danach Schuhe anzuziehen.
Er öffnete seinen Blechkasten und holte den Plastiksack heraus, der neben dem Gewehr stand. Daraus entnahm er eine Flasche Wodka und während er diese aufschraubte, betrachtete er die lachenden Gesichter. Mit Klebeband waren die Fotos auf der Innenseite der Schranktüre befestigt. Alles Mädchen, die er in der letzten Zeit kennengelernt hatte. Aber ihm war nicht nach Lachen zumute. Ein kräftiger Schluck, gleich aus der Flasche, und das Brennen in seiner Kehle trieb ihm die Tränen in die Augen. Und die kreisenden Gedanken aus dem Kopf. Aber das war nur am Anfang so. Wenn man sich daran gewöhnt hatte, nach ein paar Schlucken, dann lief alles ohne Störung. Ohne Brennen und ohne Tränen. Und ohne die verwirrenden Gedanken zu stören oder gar zu verjagen. Und für den Fall, dass diese eine Flasche nicht ausreichen sollte, hatte er noch eine zweite in dem Plastikbeutel. Denn er hatte vor, sich an diesem Abend wirklich, vollkommen und gründlich zu betrinken. Also nahm er noch einen Schluck aus der Flasche und stellte sie oben auf. Dann zog er erst einmal das verschwitztes Hemd seiner Uniform aus und warf es in den Kasten. Zwischen den schlammigen Marschstiefeln kam es zu liegen.
Oh, die sollte er ja auch noch putzen!
Er aber nahm stattdessen das Gewehr aus dem Kasten und wog es in seiner Hand. Spitze die Lippen. Eigentlich eine ganz gewöhnliche Waffe, aber seine. Nicht sein Eigentum, nur geliehen auf Zeit. Werkzeug zur Ausübung eines Berufes. Ein totes Stück Metall und Plastik. Völlig unschuldig und frei von allen Vorurteilen. Trotz all dieser Überlegung, manchmal hatte er das Gefühl, als könnte sie ihn verstehen, wenn er mit ihr sprach. Wofür seine Kameraden ihn für verrückt erklärt hatten. Aber zumindest traf sie so gut wie immer ins Schwarze und er war sich nicht sicher, ob das wirklich nur an ihm lag. Wie immer, wenn er sie so in seinen Händen hielt, dann nötigte sie ihm ein Lächeln ab, von dem seine Kameraden wieder sagten, es sei zärtlich. Nun, bei dieser 'Lady' war er sich auch ganz sicher, dass er sich auf sie verlassen konnte.
Ohne dass er sich dessen bewusst war, lag irgendwo in einem verschütteten Winkel seines Gehirnes das Wissen, dass Schwerter zwar Waffen aber auch Persönlichkeiten waren, die, standen sie im Einklang mit dem der sie führte, durchaus ein Eigenleben entwickeln konnten. Und etwas anderes, noch tiefer in seinem Wesen und in der Zeit verschüttet, war es, dass dieses unbekannte, wohlige Gefühl erzeugte, dieses Gefühl der Freundschaft, wenn er sie berührte. Wie sollten seine Kameraden auch verstehen, dass er sich mit den Dingen, mit den Tieren und den Pflanzen oftmals besser auskam als mit den Menschen. Wo es ihm doch selbst nicht bewusst war.
Sorgfältig stellte er das Sturmgewehr wieder in die Ecke zurück, nahm die Flasche herunter und ging auf den Gang hinaus. Es war kalt und ihn fror. Auch der Waschraum war nicht wärmer und warmes Wasser hatte er um diese Tageszeit auch gar nicht erwartet. Also unterdrückte er ein Zittern, wusch sich kalt und trank zwischendurch einen guten Schluck von dem Wodka um nicht gänzlich einzufrieren. Und wirklich, allmählich spürte er den Wodka in seinem Magen und in seinen Adern. Es fehlte ja auch schon ein schönes Stück in der Flasche. Gemächlich ging er zurück in das Zimmer und der Gang unter seinen Sohlen fühlte sich nicht mehr so kalt an wie zuvor. In seinem Quartier stellte er die Flasche wieder auf den Kasten und kletterte in sein Bett. Endlich lag er oben und halbwegs bequem. Aber natürlich hatte er vergessen das Licht auszumachen. Jetzt sollte es ruhig noch ein wenig brennen. Irgend jemand würde schon kommen und es abdrehen. Und wenn niemand kam? Dann musste er sowieso später noch einmal aufstehen um sich die zweite Flasche zu holen. Vielleicht dachte er dann an das Licht.
Normalerweise surrte und summte es in dem Gebäude. Zu jeder Tageszeit. Normalerweise auch jetzt. Gerade jetzt. Nur an diesem Tag nicht. Es war still, unwirklich still und diese Stille war beinahe so vollkommen, dass er allmählich anfing zu bezweifeln, dass da außerhalb dieses Raumes noch irgend etwas existierte. War vielleicht alles nur ein Trugbild, eine Erinnerung an einen Alptraum? Ganz allmählich war er bereit zu akzeptieren, dass diese Welt nur noch aus diesem einen kleinen Zimmer bestand und dass er, kaum dass er versuchte die Tür zu öffnen und es zu verlassen - in ein Nichts stürzen würde.
Und doch war da etwas gewesen.
Weit, unendlich weit außerhalb dieser kleinen, abgeschlossenen Welt war etwas gewesen. Nur ein einziges Geräusch. Aber er wusste, dass jemand das Licht auf den Gängen eingeschaltet hatte. Und mit einem Mal war diese ganze, große Welt da draußen wieder da. Unsichtbar hinter dieser Tür und dem Schleier aus Alkohol. Schwere, harte Stiefel stapften aus dem Erdgeschoss die Stufen herauf. Verweilten einen kurzen Augenblick im ersten Stock und begannen dann wieder die Treppe in Angriff zu nehmen. Bei ihm, im zweiten Stock, verklangen die Schritte wieder, ruhten sich aus. Dann wieder das rhythmische Hämmern der harten Sohlen auf dem leeren Gang. Immer näher zu dem Zimmer. Zu seiner Tür. Davor hielten sie und augenblicklich breitete sich wieder Stille aus.
Energisch wurde die Tür auf gestoßen und ein massiger Körper schob sich halb in den Raum. Der Mann war nicht groß aber doch sehr kräftig gebaut und die kleine, randlose Brille auf seiner Nase passte nicht in sein Gesicht.
Verwundert, ja fast schon erschrocken starrte er Nick an und die gelbe Armbinde wies den Vizeleutnant als diensthabendes Wachorgan aus.
"Guten Abend”, sagte Nick von seinem Bett aus ohne auch nur einen Finger zu rühren.
"‘n Abend", erwiderte er und Nick wusste schon, was er als Nächstes sagen würde. "Was mach'n Sie noch hier?"
Nick zeigte keinerlei Anstalten das Grinsen zu unterdrücken. Aber er bequemte sich wenigstens dazu, sich etwas aufzusetzen.
"Ich besaufe mich", lautete seine einfache aber ehrliche Antwort.
"Aber warum sind Sie überhaupt noch hier?", fragte der Vizeleutnant dann noch einmal und schielte zu der Wodkaflasche auf dem Kasten. Nicks Eindruck vertiefte sich immer mehr. Es sah wirklich so aus, als wäre er der Nüchternere von ihnen beiden.
"Ich habe bis vor -" jetzt sah er auf seine Uhr "- bis vor zwei Stunden unsere lieben Herrn Offiziere in der Messe bedienen dürfen, damit es ihnen nur ja an nichts fehle und jetzt erhole ich mich davon.”
Er nahm einen Schluck aus der Flasche und hielt sie dann dem Unteroffizier hin.
"Aber warum sind Sie dann nicht gleich nach Hause gefahren?", wollte der erstaunt wissen und nahm - ganz in Gedanken - die Flasche an die Lippen und ließ einen kräftigen Schluck durch seine Kehle rinnen. Nick kam nun doch von seinem Bett herunter, setzte sich auf den Tisch und stellte einen Fuß auf einen der Hocker.
"Ob ich jetzt alleine zu Hause herumsitze oder hier, das bleibt sich doch eigentlich egal, oder nicht? Und abgesehen davon erspare ich mir knappe hundertfünfzig Kilometer Fahrt, morgen früh ein Frühstück zu machen und wieder her zu kommen.”
Jetzt war es Nick, der einen Schluck nahm und sich nun doch an den Tisch setzte und die Ellenbogen aufstützte. Der Vizeleutnant bequemte sich ihm gegenüber und die Flasche stellten sie zwischen sich in die Mitte.
"Haben Sie denn keine Verwandten?"
Ein Schluck.
"Doch, aber die möchte ich - ich meine, diese Zeit ist so eigenartig, man sollte sie nur irgendwo verbringen wo man sich wirklich wohl fühlt - oder allein.”
Ein Schluck von Nick. Natürlich verstand ihn der Unteroffizier nicht. Aber allmählich begannen die scharfen Linien zu verschwimmen. Das Bild auf seiner Netzhaut verlor bereits an Schärfe. Wo war mit einem Mal die zweite Flasche hergekommen?
"Aber jetzt frage ich Sie, warum Sie ausgerechnet am heutigen Abend Dienst machen. Doch hoffentlich nicht freiwillig?", grinste Nick und genehmigte sich noch einen Schluck.
"Doch. Freiwillig. Was sollte ich denn sonst machen?"
"Jetzt hat dieser Mensch so eine hübsche Freundin und fragt, was er denn sonst machen soll! Was ist denn los? Habt ihr euch gestritten? Soll in den besten Familien vorkommen.”
Nick führte die Flasche wieder an den Mund. Und er bemerkte, dass der Pegel zusehends sank. Dafür wurde alles andere viel leichter, klarer, gewichtslos wie von selbst.
"Sie ist einundzwanzig. Sie ist einundzwanzig - und ich bin dreiundvierzig. Seit zwei Jahren leben wir jetzt zusammen und sie ist alles - sie ist das Liebste, was ich habe!"
Er starrte die zerfurchte Tischplatte an, starrte auf seine nicht weniger zerfurchten Hände.
"Und gestern hat sie ihre Sachen gepackt und ist - ist zu einem Bekannten gezogen.”
Ein großer Schluck von ihm. Dann betrachtete er lange und nachdenklich die Flasche zwischen seinen Händen. Drehte sie hin und her, fühlte ihre raue, geschliffene, ihre kalte Oberfläche. Und er sieht sie noch einmal. Sieht sie noch einmal, wie sie ihre Sachen packt. Sieht, wie sie den Schlüssel - ihren Schlüssel - ans Brett hängt. Sieht, wie sie die Wohnung verlässt, sich noch einmal umdreht und dann geht. Endgültig. Für immer.
Wieder nahm er einen langen Schluck aus der Flasche und Nick dachte daran, wie wenig er doch die Trauer dieses Mannes verstehen konnte und wie eigentümlich gut er dessen Einsamkeit trotzdem kannte.

Das erste, was sich bemerkbar machte, war sein Rücken. Und der schmerzte fürchterlich. Nick verfluchte sich stumm und schwor sich, nie wieder an einem Tisch zu schlafen, wenn im selben Raum noch ein Bett stand. Aber sein Kopf war so eigenartig klar wie schon lange nicht mehr. So, als hätte eine Säure jedes Körnchen Schmutz, jeden unnützen Gedanken heraus gewaschen. Er war so klar, dass selbst das diffuse Licht, das der Morgen durch die Fenster streute, in seinen Augen schmerzte.
Er schlief noch immer, ihm gegenüber, der Vizeleutnant. Und zwischen ihnen standen nicht nur die zwei leeren Flaschen die Nick in seiner Tasche gehabt hatte. Da stand auch noch die Neue, die sie unter größten Schwierigkeiten mitten in der Nacht aus der Messe organisiert hatten. Zumindest konnte Nick sich dunkel daran erinnern, dass es ihnen nicht mehr ganz so leicht gefallen war. Und auch diese Flasche war beinahe leer!
Irgendwie fühlte er sich, als hätte etwas Schweres, Kantiges auf ihm übernachtet und andererseits doch ungewohnt aktiv. Nur das Brennen in seiner Kehle, der Durst war zermürbend. Aber einstweilen gab es nur Wasser und das würde er ganz sicher nicht trinken. Selbst ein einziges Glas Wasser würde jetzt schon genügen um ihm den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Dazu musste die Flüssigkeit nur den vorhandenen Restalkohol aktivieren. Und dazu hatte er augenblicklich keine Lust. Also ignorierte er seinen Durst so gut es ging und begann bedächtig, sich auf seinen Dienstantritt vorzubereiten.







"Weißt Du, dass Du auf mich manchmal einen verdammt alten Eindruck machst?"
Nick hatte angenommen, Tonio wäre eingeschlafen. Wie er da so zusammengesunken in dem Sitz gelegen war. Mit geschlossenen Augen. Aber seine Stimme klang ruhig und voll. Nicht wie die eines Menschen, der eben erst aufgewacht war.
"Ich meine, dass Du manchmal Aktionen lieferst, da könnte man durchaus glauben, Du seist erst fünfzehn. Und manchmal wieder möchte ich schwören, dass Dir wirklich auf die Hundert nicht mehr viel fehlen.”
Nick lachte lautlos vor sich hin.
"Gib mir eine Dose, bevor Du noch alle selber leerst”, meinte er dann ohne auf Tonios Feststellung einzugehen.
Der holte eine Coladose aus der Kühlbox, öffnete sie und reichte sie Nick hinüber. Dabei schaute er auf das Armaturenbrett.
"Wie weit haben wir noch bis zur nächsten Tankstelle?", wollte er wissen.
"Acht oder neun Kilometer. Vielleicht auch weniger. Besorgst Du ein paar neue Dosen während ich den Bus tanke?"
Der schwarzhaarige Italiener nickte und grub in der Kühlbox. Nach längerem Wühlen tauchte er endlich wieder auf.
"Was hältst Du davon”, meinte er, "wenn ich uns auch gleich was zu essen mitbringe. Ich hab' schon wieder Mächtigen von Kohldampf und irgendwie dürften wir Ratten an Bord haben. Irgend jemand muss doch das alles gefressen haben, was wir gekauft haben.”
"Ratten an Bord sind ein gutes Zeichen", lachte Nick. "Und wenn wir wirklich welche haben, dann bist Du die Größte.”
Entrüstet verwehrte sich Tonio gegen eine solche Anschuldigung und doch waren seine Verwünschungen nicht ganz so ernst vorgebracht wie er es gerne gehabt hätte. Denn er wusste nur zu gut, dass Nick recht hatte. Er hatte den Großteil ihrer Vorräte verschlungen. Und der Sack mit Knabbergebäck, den er verdrückt hatte während er gefahren war, das war der Letzte gewesen. Er wusste es ganz genau. Und auch Nick wusste es ganz genau. Aber zugeben wollte Tonio es doch nicht. Und überhaupt war diese Anschuldigung doch wirklich zu unverschämt.
Ihre keineswegs bösartigen Stänkereien legten sich bald wieder und sie fuhren schweigend dahin. Aber Tonio hatte nicht vergessen wovon er angefangen hatte, auch wenn es Nick gelungen war, dieses Thema glänzend zu umgehen.
"Du feierst keinen Geburtstag, keine Weihnachten. Was feierst Du dann eigentlich?", wollte er wissen.
Es schien, als hätte Nick diese Frage nicht gehört. Doch Tonio kannte ihn nun schon lange genug um zu wissen, dass er ihm nur Zeit lassen musste. Irgend etwas würde er schon darauf sagen. Und sei es nur, dass er Tonio zurecht wies, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern. 
Und Nick ließ sich Zeit.
"Sollte ich wirklich mal heiraten, dann gebe ich ein Fest. Und dann suche ich mir zwei meiner schlechtesten Freunde aus.”
"Warum die Schlechtesten?"
"Das werden dann die Beiden sein, die mich vor den Altar schleifen müssen. Denn ich möchte nicht so nüchtern sein, dass ich diesen Schritt noch selbst gehen kann.”
"Deine Braut wird sich sicher mächtig freuen, nehme ich doch an.”
"Die kann sich schon glücklich genug schätzen, mich überhaupt zu bekommen!"
Er grinste breit nach vorne.
„Siehst du“, meinte Tonio, „das meinte ich mit fünfzehn. Es ist Blödsinn, was du sagst. Und die weißt das!“
Nick schwieg wieder. Eine ganze Weile.
"Ein zweites Fest gebe ich dann auch noch. Und zwar am Tag vor meiner Verbrennung.”
Tonio meinte sich verhört zu haben.
"Wie - was - wie bitte?"
"Ja. Ich habe mich entschlossen, dass mein Körper nach meinem Tod öffentlich verbrannt werden soll. Auf einem möglichst großen Scheiterhaufen. Umweltverschmutzung hin, Waldsterben her. Es ist einfach der schnellere Weg und ich habe noch einen ganzen Haufen Dinge zu erledigen. Zeit zum Herumtrödeln lasst ihr Menschen einem ja wirklich nicht.”
"Aha", meinte Tonio wenig überzeugt aber völlig verwirrt. "Und das Fest?"
"Tja”, schnalzte Nick, "wenn Du eine lange Reise machst, gibst Du doch auch eine Abschiedsparty für deine Freunde. Und der Tod ist auch nichts anderes als eine lange Reise, die doch nur wieder dorthin führt, wo sie angefangen hat. Wie sagt doch unser großer Poet Andrè Heller so schön: 'Und am Ende aller Reisen ist doch die Erde rund.'"
Inzwischen war sich Tonio zumindest darüber im Klaren, dass Nick keinen seiner obskuren Scherze mit ihm trieb, sondern dass es ihm ziemlich ernst war mit dem, was er gesagt hatte.
"Na gut. Aber eines würde mich wirklich interessieren. Aber schon sehr wirklich!"
Tonio nahm sich noch eine Zigarette aus der Packung und dachte daran, dass er an der Tankstelle auch diese Glimmstengel einkaufen musste. Dann meinte er: "Du feierst keine Geburtstage, Du feierst keine Weihnachten. Du scherst Dich um Konventionen und Moral wirklich einen Dreck. Du hast vor irgendwelchen Wichtigtuern genau so wenig Respekt wie vor Dir selber. Und mit dem Tod scheinst Du ja bestens befreundet zu sein. Ecco - schön und gut! Aber! Woran glaubst Du eigentlich?"
"An den Menschen.”
Die Antwort kam so schnell und so unerwartet, dass Tonio für einen langen Augenblick erst einmal wie erstarrt sitzen blieb. Endlich löste sich die Spannung und er fiel in sich zusammen und in den Sitz.
"Ja und sonst? Ich meine, Du musst doch an sonst noch etwas glauben. Nur an den Menschen? An welchen Menschen? An welche Menschen? Das ...”
"Nicht an welche Menschen. Es gibt keine besseren und keine schlechteren Menschen. Keine Über- und Untermenschen. Das ist auch gar nicht möglich. Denn jeder Mensch ist - als Individuum, als lebendiges Wesen - eine ganz eigene Sache für sich, die mit nichts anderem zu vergleichen ist. Nicht einmal mit einem anderen Menschen. Viele mögen sich ähneln, aber gleichen tun sich keine zwei.”
Nick lachte wieder stumm auf die Straße hinaus und führte dann weiter aus: "Außerdem bist Du zum Beispiel ein typischer Mensch, wenn für Dich der Begriff 'Mensch' etwas Losgelöstes, etwas Isoliertes ist. Das ist er aber keineswegs. Dieser Mensch, den ich meine, ist nur ein Rädchen in einer gigantischen Maschinerie. Einer Maschinerie, die aber so kompliziert ist, dass er sie nicht einmal wahrnimmt. Nicht wahrnehmen kann, weil er ganz tief drinnen steckt. So tief, dass er nicht einmal glauben kann, dass sie existiert. Aber wenn ich sage 'Mensch', dann meine ich das System 'Mensch', dann meine ich das Ganze und nicht einen kleinen Teil des Ganzen. Dann meine ich das Gleiche, als würde ich sagen 'Natur' oder 'Kosmos' oder 'Geist' oder 'Grashalm' oder 'Sonne' oder vielleicht ‚Tonio‘. Es greift alles immer irgendwie ineinander über. Und nur weil die Menschen nicht fähig sind das zu verstehen, heißt das noch lange nicht, dass es das nicht gibt.”
Nick sah kurz zu dem verstummten Tonio hinüber und erkannte sofort dessen leuchtenden Blick. Und auch er lächelte kurz.
"Jetzt denkst Du an das, was Du 'Gott' nennst. Und damit hast Du auch teilweise recht. Aber eben nur teilweise, weil dein 'Gott' auch nur ein Teil von dem ist, was ich jetzt meine - eben nur ein Teil. Weil all die hunderttausend Dinge, all die hunderttausend Menschen, die Du siehst, nur ein einziger sind.”







Sie hatten die lang gestreckte Insel aufgeteilt in kleine Zentren. Damit nur ja jeder an seinem Platz bliebe und sich keiner wohin verirrte, wo er nichts zu suchen hatte. Denn was sollte auch ein Ringelspielbesitzer aus dem Prater am Spielefest für Kinder, südamerikanische bei ungarischer Folklore oder ein Kabarettist auf einer Rockbühne.
Zwischen diesen Inseln aus grellem Licht, schrillem Lärm und vorprogrammierter, alkoholdurchtränkter Fröhlichkeit ging man auf schnurgeraden Reißbrett-Wegen, vorbei an schnurgeraden Reißbrett-Büschen an einem schnurgeraden Reißbrett-Ufer.
Natürlich war die ganze Insel künstlich. Niemals hätte sich die Natur einer so langweiligen Geradlinigkeit schuldig gemacht. Nicht einmal das Licht flog so gerade, wie die Stadtplaner diese Insel gebaut hatten. Damals, als sie dem Fluss das letzte Leben nahmen um ihn zu einem stinkigen, breiigen, regulierten Abwasserkanal zu machen und die Stadt vor seinen Launen schützten. Aber sie hatten doch auch Gutes, diese geraden Wege. Es war sehr dunkel zwischen dieser Lichtinseln des Festes und wenn man immer geradeaus ging, dann lief man nicht Gefahr vom rechten Wege abzukommen.
Nick ging stromabwärts. Langsam, ganz langsam. Er hatte eigentlich nicht vor irgendwo hin zu kommen. Er wollte einfach nur gehen. Dabei sah er hinauf zu den wenigen Sternen, die sich gegen die Lichter der Stadt behaupten konnten, sah zu den hellen Augen der Wohnsilos auf der anderen Seite des Kanals. Zu den Lichtern des riesigen Tempels der Bürokratie der UN an dieser Seite, der allein völlig ausgereicht hätte um die ganze Erde zu regieren und der doch nur den Bruchteil jener Organisation beherbergte, die an dieser Aufgabe leidlich aber konsequent scheiterte.
Und auf dem Wasser tummelten sich all diese unzähligen Lichter noch einmal.
Natürlich sah er auch zum Mond. Der war ja nicht zu übersehen. Wie ein riesiger, orangeroter Ballon hing er über der ganzen Szenerie. Spiegelte sich in dem Wasser und tauche alles in sein fahles Licht.
Er sah sie zum ersten Mal, als sie ihn überholte. Sie war nur weniges schneller als er und sie hatte dunkles, volles Haar. So lang war dieses Haar und so glatt, dass er zuerst meinte, sie trage ein Kopftuch. Aus ihrem gebräunten Gesichtchen blitzten ihn zwei große, dunkle Augen an als sie sich umdrehte um ihn anzusehen. Keine drei Schritte vor ihm war sie, als sie plötzlich stehen blieb, sich umwandte und ihm entgegen sah. Und auch er blieb stehen. Sah die leicht flatternden Spitzen ihrer Haare, das leichte Kleidchen und ihre nackten Füße auf dem Beton. Eine ganze Weile standen sie so da und sahen sich an, aber keiner von ihnen sagte ein Wort. Jeder wartete auf den anderen. Dann drehte sie sich mit einer ruckartigen Bewegung wieder weg und ging weiter.
Sie war schon im Dunkel der städtischen Nacht verschwunden bevor Nick seinen ersten Schritt tat. Er ging nicht schneller als zuvor. Es gab keinen Grund dazu. Trotz allem aber verweilten seine Augen nicht mehr so lange wie vorher an einem Punkt. Seine Schritte wurden bewusster und ein leises Popp-Popp seiner Stiefel löste jetzt das beinahe unhörbare Schleifen ab. Seine Hände baumelten nicht mehr ohne Ziel und kraftlos an seinen Seiten hinunter, sondern er steckte sie in seine Taschen. Er ging nicht schneller als zuvor. Es gab keinen Grund dazu. Aber sie hatte ihn verwirrt. Ihn wieder zurück geholt.
Mitten auf dem Weg, dort wo er am Dunkelsten war, blieb er stehen und sah noch einmal hinunter ans Ufer. Er hatte sich nicht getäuscht. Sie saß da unten auf der Steinmauer und ließ ihre Beine über dem Wasser baumeln. Ein fast spöttisches Grinsen verzog unbewusst Nicks Gesicht. Sie saß genau so, dass sich ihre Silhouette vor dem Mond abzeichnete, der sich auf dem Wasser spiegelte.
Eine wirklich kitschige Szenerie. Eher passend für einen jener von Taschentuchproduzenten beworbenen Frauenfilme in denen sich das menschliche Paar, ungeachtet aller natürlichen Schönheit und schönster Natürlichkeit, ungezwungen dem ihnen eigenen Sadomasochismus aus Konventionen und unausgesprochenen Missverständnissen hingibt. Dazu hatte Nick allerdings keine Lust. Er wartete nur darauf, dass die unvermeidliche Herde Antilopen oder Gnus am Horizont gegen die rote Sonne vorbeizog. Aber sie zogen nicht. Schließlich gab es auf der Wiener Donauinsel schon lange keine freilebenden Antilopen mehr. Und da war auch keine rote Sonne sondern nur ein Mond, der allmählich immer bleicher wurde.
Sie saß noch immer. Ließ ihre nackten Füße über dem Wasser baumeln und ihre Haare im leichten Wind flattern.
Und sie sah zu ihm hinauf.
Eine Herde sturer Wasserbüffel drängte hinter ihm vorbei, betrunken und grölend. Und sie veranlassten ihn, einen Schritt in ihre Richtung zu machen. Ihre schlanke Gestalt straffte sich ein wenig und sie wandte ganz langsam ihr Gesicht wieder dem anderen Ufer zu.
Automatisch machte Nick gleich noch einen Schritt den sanften Abhang hinunter, und noch einen. Dicht hinter ihr blieb er stehen. So, dass er sich auf sie hätte stützen können wie auf einen der Pfosten, den die Fischer zum Festmachen ihrer Bote benutzen. Aber er tat es nicht. Er blieb nur ganz dicht hinter ihr stehen und sah ebenfalls zum anderen Ufer, zu den Lichtern der Stadt hinüber.
Sie lehnte sich zurück und gegen seine Beine. Eines der ihren zog sie hoch und umschlang ihr Knie. Ihr anderer Arm lief an seinem Bein hinunter und stützte sie ab.
Eine Zeitlang regte er sich nicht, dann legte er eine Hand an ihre Schulter und spürte in seiner Handfläche ihre seidigen Haare, fühlte die Wärme ihres Körpers an seinen Beinen.
Wieder blieben sie lange so. Es schien beinahe so, als hätten sie beide Angst davor sich zu bewegen. Und sie beobachteten, wie der orange Ball am Himmel immer höher und höher kletterte, immer kleiner und kleiner wurde und immer blasser.
Endlich schob er beide Hände hinter ihre Schultern, stützte sie ab um einen Schritt zurück treten zu können. Er setzte sich neben sie auf die Steinmauer. Legte sich neben sie. So, dass sein Kopf auf ihrem Schoß zu liegen kam.
Sie sah auf sein Gesicht hinunter und lächelte. Zaghaft. Eine Strähne ihres langen Haares fiel auf seine Brust und sie begann langsam und vorsichtig ihm über die Haare zu streichen. Er lächelte zurück und seine Hand fand ihren warmen, zarten Arm und ihre kleine Schulter.
So als würde sie einschlafen, ganz langsam einschlafen, sank ihr zerbrechliches Gesicht immer tiefer. Bis ihre Lippen seinen Mund berührten. Es lag keine Hast in diesem Kuss und auch kein Verlangen. Dafür aber sehr viel Verletzlichkeit, der Wunsch nach Geborgenheit und noch ein wenig mehr an Wärme.
Lange lagen sie so da und lange gingen sie Hand in Hand das Ufer entlang. Sie sprachen kein einziges Wort. Und ein klein wenig wunderte sich Nick darüber, dass er nicht das leiseste Verlangen verspürte, etwas anderes zu tun. Bald gingen sie wie selbstverständlich wieder zurück, weil beide es vermieden ins Licht zu kommen und setzten sich an der gleichen Stelle wieder ins Gras, an der sie sich getroffen hatten. Er legte sich der Länge nach ins trockene Grün und sie kroch in seinen Arm, schmiegte sich ganz dicht an ihn. Und irgendwann dann schaffte sie es mit einer einzigen, kaum wahrnehmbaren Berührung ihn all das tun lassen zu wollen, was ihm noch kurz zuvor so unmöglich erschienen war. Und sie taten es. Verzehrten sich nacheinander wie zwei Verdurstende, fielen übereinander her wie zwei wilde Tier, die sich unrettbar ineinander verbissen, ineinander verkrallt hatten.
Danach lagen sie still und eng aneinander gepresst und er fühlte ihre Wärme und die letzte Wärme des Bodens. Der rötlich bleiche Ball über ihnen war längst weit fort gewandert und von den Lichtern der Stadt brannten nur mehr wenige. Auch die Insel war still geworden. Die meisten Buden hatten geschlossen und der  Großteil der Menschen war verschwunden.
Nick bemerkte, wie ihr Atem immer leichter kam und sie immer schwerer wurde. Und er fühlte, wie auch er langsam, ganz langsam in den Schlaf hinein glitt.

Sie lag nicht mehr bei ihm. Dann bemerkte er die Kälte, die Nässe des morgendlichen Taus und erst dann hörte er, was ihn automatisch geweckt hatte. Unsicher blieben die Schritte vor ihm stehen und er fühlte, wie sich das Gewicht verlagerte und ein Bein schwungvoll ausholte. Doch der Tritt ging ins Leere. Noch bevor der Polizist sein Gleichgewicht auch nur halbwegs wiederfinden konnte stand Nick bereits auf den Beinen und sah ihn gleichgültig an.
"Mach, dass Du nach Hause kommst, Du verdammter Hund!" lallte der Uniformierte und versuchte noch immer seinen gestörten Gleichgewichtssinn zu korrigieren. "Sonst werf' ich Dich in den Bach, damit Du wenigstens einmal in deinem verschissenen Leben nüchtern wirst!"
Nick hielt es für ziemlich sinnlos darauf zu antworten. Dafür schenkte er ihm ein kurzes Grinsen, drehte sich um und ging weg. Die Erfahrung lehrt, dass Uniformierte vielleicht nicht immer im Recht sind, aber immer das Recht auf ihrer Seite haben.
Dicker Tau lag auf dem Gras. Er bückte sich, sammelte ein paar der Tropfen auf seiner Hand und führte sie an seine Lippen. Dann wandte er seinen Kopf suchend herum um die Sonne zu finden und zu begrüßen, aber die war von diesem Teil der Erde noch nicht eingeholt worden.
Das Gras und der Tau unter seinen Füßen waren empfindlich kalt und seine Stiefel standen bei dem Busch, wo er sie abgestellt hatte. Fein säuberlich nebeneinander. Nick nahm sie auf und hängte sie sich über die Schulter.
Lange konnte sie noch nicht weg sein, denn der kleine Zettel in seinen Schuhen war noch nicht feucht vom Tau.
"DANKE" stand darauf. Fein und ordentlich mit Blockbuchstaben auf das zerknitterte Papier gemalt. Ein leichtes Lächeln ließ seine Mundwinkel nach oben wandern. Dann knüllte er das kleine Stückchen Papier in der Hand zusammen und behielt es dort auch während er weiterging.
Bis er an einen Papierkorb kam. 







Das schwarze, unendliche Band fraß der Bus unter sich weg. So, als würden sie auf dem Scheitel einer Trommel fahren. Auf einem Möbiusband. Immer rund herum. Ohne Ende. Für alle Zeiten.
"Ich kauf' Dir dann eine Schachtel Zigaretten.”
Nick schreckte hoch, als Tonio das lange Schweigen brach und gleichzeitig die fast leere Packung auf die Ablage zurückwarf.
"Okay", sagte er nur und versuchte, sich in der Gegenwart wieder zurecht zu finden.
"Vorhin hast Du ausgesehen, als würdest Du an etwas Schönes denken. Aber davon scheint nicht viel übrig geblieben zu sein", versuchte Tonio wieder ein Gespräch zu beginnen. Aber Nick schwieg beharrlich. Er sah an den Anzeigen am Armaturenbrett, dass es allmählich wirklich Zeit wurde, dass sie an eine Tankstelle kamen. Aber er konnte beim besten Willen nicht mehr sagen, wie weit es noch war.
Allmählich machte sich die Müdigkeit doch bemerkbar. Er musste ziemlich weit weg gewesen sein mit seinen Gedanken. Und er war froh, dass sein Begleiter nichts davon bemerkt hatte. Nick dachte an das, was alles hätte geschehen können. Und er dachte auch noch an etwas anderes.
"Hast Du eigentlich Kondome bei Dir?" fragte er und Tonio benötigte erst einmal eine geraume Weile, bis er diese unerwartete Frage verdaut hatte.
"Also ja - natürlich - schon", stotterte er und fing sich langsam wieder. Natürlich erwartete er jetzt irgendeine bösartige Bemerkung und wollte deshalb lauernd wissen, wie Nick gerade jetzt auf diese Idee kam. Aber der zuckte nur mit den Schultern.
"Wenn Du in der Toilette welche findest, dann, auf der Autobahnstation, nimm mir bitte welche mit. Man kann nie wissen. Wobei – ich werde dort sowieso auch vorbei sehen. Sicher ist sicher.”
"Verdammt, warum gerade jetzt!?"
Nick grinste, als wäre er verlegen und warf einen kurzen Seitenblick auf seinen schwarzhaarigen Begleiter.
"Ich habe wirklich an etwas sehr Schönes gedacht und jetzt denke ich daran, dass es so etwas nie wieder geben wird. Und schon gar nicht, wenn ich nicht solche Dinger bei mir habe - obwohl ich diese Dinger hasse."
"Och, sag das nicht", winkte Tonio ab. "Da gibt es jetzt schon ganz Dünne, das soll sich dann schon fast wieder so anfühlen wie ohne.”
Nick lachte stumm in sich hinein.
"Ich mag diese Dinger - nachher - nicht. Währenddessen ist es mir ziemlich egal, da bin ich mit was anderem beschäftigt. Abgesehen mal davon, dass ich ihnen nicht besonders vertraue.”
Verzweifelt hob Tonio die Arme gegen den Himmel.
"Dio Mio! Dann gibt es für Dich aber wirklich nur noch einen Ausweg!"
Er begann wieder zu lachen und boxte Nick gegen die Schulter.
"Such' Dir endlich ein ordentliches Mädel, heirate sie oder auch nicht, aber blieb’ bei ihr. Morte! Dazu musste Du nur deinen inneren Schweinehund überwinden. Such' Dir so ein Mädchen - obwohl es für Dich besser wäre, sie wäre eine erwachsene Frau - und dann nichts wie rann! Los, sei kein Frosch!"
“Sei kein Frosch”, dachte Nick und ein leises Lächeln kräuselte seine Lippen. Tonio hatte nichts davon gesehen, er war schon wieder auf dem Weg nach rückwärts um noch eine Runde zu schlafen.
Sei kein Frosch, dachte Nick - und lächelte.







Es regnete. Es regnete noch immer. Die ganze Nacht hindurch hatte es geregnet und den ganzen letzten Tag. Und die Nacht davor auch noch. Und keine Anzeichen sprachen dafür, dass es irgendwann in nächster Zeit einmal aufhören würde zu regnen.
Es regnete nicht stark, es war kein Wolkenbruch. Es war nicht jene Endzeitstimmung einer neuen Sintflut mit überlaufenden Kanälen und Wagen, deren Motoren in zu tiefen Wasserlachen absoffen. Es war nur einfach dumpf und grau und nass.
Er kam durch diesen Regen. Tauchte auf einmal auf. An der anderen Straßenseite. Sah sich um. Seine Lederjacke war durchnässt und die Haare klebten ihm am Kopf. Aber solche Kleinigkeiten schienen ihn nicht zu stören. Er kam über die Straße und ging ohne zu zögern direkt auf den Eingang zu.
Die beiden Türen schoben sich automatisch vor ihm auf und mit einem Mal stand er in der trockenen, warmen Bäckerei.
Die beiden Mädchen hinter dem langen Pult huschten gerade geschäftig hin und her um die Wünsche ihrer Kunden zu erfüllen. Und sie erwiderten freundlich seinen Gruß. Er ging an dem duftenden Pult entlang. Vorbei an den Mehlspeisen. An den Torten und dem Gebäck. Vorbei an der Kaffeemaschine bis ganz nach hinten an das letzte der kleinen Tischchen. An dieses setzte er sich, zog umständlich die völlig durchweichte Lederjacke aus und wartete.
Die Brünette war vor der anderen fertig und kam auf ihn zu. Sie war groß und durchaus schlank, so wie die Blonde. Und sie war, wenn man sie auch nicht wirklich hübsch nennen konnte, so doch von einem angenehmen Äußeren, dass niedlich und interessant wirkte.
"Bitte schön?" fragte sie und sah ihn erwartungsvoll an.
"Einen kleinen Mokka und ein Croissant. Bitte.”

Dabei sollte es bleiben. Nach diesem Regentag kam er immer wieder. Zwar kam er unregelmäßig irgendwann zwischen sechs Uhr früh und drei Uhr nachmittags, aber er kam jeden Tag. Manchmal, wenn er zum zweiten Mal an einem Tag kam, oder wenn er einfach länger blieb und las, bestellte er mehr oder etwas anderes.
Nach einigen Tagen fragte sie ihn nur mehr: "Wie immer?"
Und er sagte: "Wie immer.”
Manchmal, da redeten sie auch miteinander, aber er sprach meist nicht sehr viel und an manchen Tagen überhaupt nichts. Es waren des öfteren die Mädchen, die erzählten, und er ließ sie reden. Manchmal die Blonde, öfter die Brünette. Manchmal auch die grauhaarige, pummelige Frau, die aushalf.
An manchen Tagen saß er zwei Stunden oder noch länger in der kleinen Bäckerei. Aß und trank. Ordnete seinen Terminkalender oder las. Aber Nick sprach eben nur sehr selten. 
Und eines tat er noch, und das hatte er bereits am ersten Tag getan.
Oben auf dem blanken Pult, dort wo die Kasse stand, tronte sich ein kleiner, durchsichtiger Plastikbehälter. Immer randvoll gefüllt mit kleinen Fröschen aus Marzipan. Und jedes Mal wenn er bezahlte - nahm er sich so einen kleinen Frosch mit auf den Weg. Mit auf einen Weg, von dem weder die Blonde noch die Brünette wusste, wohin er führte.

Es war Sommer geworden und die Tage der schweren Wolken und der lange anhaltenden, ja scheinbar endlosen Regentage waren gewichen den heißen und schwülen Tagen. Den Tagen an denen man nicht atmen konnte in den grauen, staubigen Schluchten der Stadt und die Hitze wie eine fette Ratte zwischen den Häuserwänden lag. Träge, faul und alles unter sich erdrückend. Tage, an denen sich die Luft, die man atmete, wie flüssiges Blei in die Lungen und wie ein Schleier über das Gehirn legte. Tage, an denen alles versuchte der Stadt zu entfliehen und sich um ein Stückchen Wasser zu scharen. Dort, durch die Unmenge von dicht aneinander geschichteten, dampfenden Körpern, würde die Schwüle dann noch unerträglicher sein.
Immer noch kam er täglich um seinen kleinen Mokka und um sein Croissant und noch immer sprach er nicht viel. Die Stimmung aber hatte sich gewandelt. Man kannte sich nun lange genug und ein Blick, ein Lächeln genügte als Vermittler um Einverständnis zu schaffen.
Am Anfang waren die Mädchen hinter dem Verkaufspult stehen geblieben. Bald standen sie schon daneben und im Sommer saßen sie bei ihm am Tisch, wenn sie mit ihm redeten und nichts los war. Bis auf ein Mal. Ein Mal war alles ganz anders. Ein Mal saß die Brünette auf ihm. Sie hatte aufstehen wollen, hatte das Gleichgewicht verloren und war auf ihm gelandet. Niemand außer ihnen beiden war in diesem Augenblick in der kleinen Bäckerei und sie wollte schnell wieder aufspringen und blieb doch wo sie war. Sah ihn an und nagte an ihrer Lippe. Deutlich spürte er, dass sie unter dem weißen Arbeitsmantel nicht viel mehr trug als einen winzigen Slip. Das sagte er ihr auch.
Sie lachte verlegen, wurde rot und meinte, in ihrem Bad, am Abend, da könne er sie im Bikini sehen. Dann sehe er dann mehr. Auch er lachte und schüttelte den Kopf. Doch seine Hand lag noch immer, wie versehentlich, auf ihrem Oberschenkel. Genau dort, wo ihn der Arbeitsmantel augenblicklich nicht mehr verdeckte.
Als ihre Kollegin dann kam stand sie schon wieder hinter dem Pult und erklärte ihr sofort und ausführlich, in welches Bad sie heute Abend, nach Dienstschluss, baden gehen würde.
Endlich hatte er seinen Kaffee ausgetrunken und kam nach vorne um zu bezahlen. Während sie sein Wechselgeld zusammen suchte, da sagte sie ganz leise, so leise, dass selbst er es kaum verstand: “Sei kein Frosch!"
Er griff sich den Einen aus Marzipan, streifte sein Wechselgeld ein und ging. Und das wage Lächeln in seinem Gesicht versuchte sie vergeblich zu deuten.

Es war schon später Nachmittag, schon sehr später Nachmittag und sie zog ihre Decke noch ein Stück weiter nach vorne. Allmählich wurden die Schatten immer länger und es gab nicht mehr viele Plätze in der Sonne. Aber es waren auch nur mehr sehr wenige Menschen in dem kleinen Freibad. So, als hätte sie am Morgen schon eine Ahnung gehabt, hatte sie ihren kleinsten Zweiteiler an diesem Tag in die Badetasche gepackt und der enthüllte einen dünnen Körper, den Kleidung und Arbeitsmantel ansonsten ungerechtfertigt schamhaft verbargen. An die Blicke der Männer hatte sie sich gewöhnt. Die waren ihr zumeist egal. Aber die neidvollen Blicke der Frauen bereiteten ihr wohlige Genugtuung. Nicht, dass sie jemals an einer Frau interessiert gewesen wäre. Davon war sie so weit entfernt, dass sie noch nicht einmal einen Gedanken daran verschwendet hatte. Und wenn ihre Freunde und Liebhaber auch noch so oft gemeint hatten, ein paar Kilo mehr würden ihr keineswegs schaden, die giftgrünen Blickes des Neides auf ihrem flachen Bauch, auf den kleinen, mädchenhaften Brüsten, auf den straffen Po zu fühlen, das bereitete ihr beinahe soviel Vergnügen wie an diesen Stellen von zärtlichen Händen gestreichelt zu werden. Zu fühlen, wie seine schlanken Hände ganz leicht über ihrem Bauch kreisten. Kreise zogen. Immer größere Kreise. Entlang der Rippenbögen strichen und dabei die Ansätze ihrer Brüste berührten, ihre Hüften streiften. Zu fühlen wie dieses Kreisen langsamer und großflächiger wurde. Leichter und gleichzeitig brennender auf der zitternden Haut.
Mit einem Ruck setzte sie sich auf und verscheuchte die viel zu angenehmen Gedanken. Das ging gar nicht so einfach, denn wie versunken war sie in dieser Vorstellung und es bereitete ihr fast ein wenig Mühe, daraus wieder auf zu tauchen. Verwundert schüttelte sie den Kopf um ihn klar zu bekommen und sah sich um, entdeckte aber vor ihr nur die gleichen, nichtssagenden Menschen wie in den Stunden zuvor. Gelangweilt hockte sie nun wieder am Rasen in der Sonne und lackierte zum dritten Mal ihre Zehennägel, wobei sie aber trotzdem niemals den Eingang aus den Augen verlor.
Er würde nicht kommen. Sie wusste es doch ganz genau! Und wenn? Wenn er wirklich kommen sollte, was sollte sie dann machen? Sollte sie ihn zu sich winken, vielleicht rufen? Oder warten, dass er sie sah und zu ihr käme? 
Wiederholtes metallisches Klimpern von irgendwoher zog ihre Aufmerksamkeit immer wieder und unwiderstehlich auf sich.
Aber wahrscheinlich würde er gar nicht kommen. Wahrscheinlich dachte er nicht – ja nicht einmal im Traum daran zu kommen. Und außerdem - sie - und - also - ein - ein wenig - 
Dieses monotone, kalte Klappern hinter ihr ging ihr auf die Nerven und machte sie allmählich wahnsinnig! Sie fuhr herum und sah Nick mit einer Münze zwischen den Fingern. Er drehte sie ein wenig und wie ein Kreisel tanzte sie über die Platte des kleinen Tischchens aus wackeligem Plastik um scheppernd darauf liegen zu bleiben.
Er sah sie an und sagte nichts. Und mit einem Mal war da wieder dieses kleine, zarte Lächeln in seinen Augen, das seinem Gesicht soviel Wärme geben konnte. Wärme, die sie einzuhüllen schien.
Ohne einen Gedanken stand sie auf und ging zu seinem Tisch.
"Also”, meinte Nick statt eines Grußes, "dann lass Dich mal ansehen. Dreh' Dich um.”
Sie drehte sich um ihre eigene Achse und ließ sich ansehen.
"Langsamer.”
Sie drehte sich noch einmal, und noch einmal und jedes Mal langsamer und sie fühlte seine Blicke auf ihrer Haut brennen. Ohne sich besonders bewusst zu sein schloss sie ihre Augen als sie diese absonderliche, prickelnde Wärme in sich aufsteigen fühlte. Und unter seinen Blicken drehte sie sich und drehte sich und drehte sich.
"Gut", sagte er dann. Und nach einer Pause: "Möchtest Du noch hier bleiben oder gehen wir?"
"Wohin?" fragte sie erstaunt.
Nick grinste. Leicht, entwaffnend, wärmend. Und öffnete die Hände.
"Jetzt würde mich auch interessieren, wie Du lebst.”

Ihre Wohnung war klein. Nur ein langer, schmaler Schlauch aus Küche und Vorraum und dahinter ein Zimmer mit zwei Fenstern. Hinaus in einen kleinen Hof der gerade so groß war, dass die Zweige des dunklen Baumes nicht an den Hausmauern streiften. Er war mickrig, dieser Baum, aber er war grün. Zwar war es ein staubiges, verbrauchtes Grün, angegriffen von der sommerlichen Hitze und dem Todesatem der Stadt, aber es war unleugbar grün. Draußen, vor diesen kleinen Fenstern in den dicken Mauern, begann es allmählich dunkel zu werden. Sie drehte das Licht an und wollte hektisch irgendwelche Sachen wegzuräumen, obwohl die Wohnung auf ihn einen durchaus ordentlichen Eindruck machte. Er setzte sich auf eine Kante des kleinen Küchentisches und sah ihr einen Augenblick zu. Bis sie ihn auch von dort verjagen wollte und es ihm dann doch zu bunt wurde. Er bat sie damit aufzuhören und deutete dann in eine Ecke auf die Duschkabine.
"Ich gehe nicht gerne in Freibäder. Ich hasse diesen Gestank von Chlor. Könntest Du mir den Gefallen tun und Dich duschen und Dir die Haare waschen?"
Eigentlich sprach er es aus wie eine Bitte, aber er wartete keine Antwort ab, sondern stand gleich auf, ging in den großen Raum und schloss die Tür hinter sich.

Sie stand vor der verschlossenen Tür und hörte dahinter leise Musik. Nichts anderes hatte sie gefunden als das Badetuch und darin hatte sie sich eingewickelt. Alles andere stank nach Chlor, auch wenn sie erst heute - zum ersten Mal - diesen Geruch bewusst wahrnahm.
Sie stand vor der Tür, duftend, frisch, mit nassen, verwuschelten Haaren, eingehüllt in ein flauschiges Badetuch und eine Wolke Deodorant aus dem Drogeriemarkt.
Sie stand vor der Tür und lauschte, aber sie hörte nur die Musik.
Sie stand vor der Tür und sie wusste, dass er wartete. Und gab sich einen Ruck ohne weiter zu überlegen.
Der Raum war dunkel. Draußen war es schon sehr düster, die Vorhänge hatte er zugezogen und das Licht war nicht mehr eingeschalten.
"Du kannst Licht ruhig machen wenn Du willst - oder auch nicht.”
Seine Stimme kam aus der Ecke in der sie undeutlich die Umrisse ihres Bettes erkennen konnte. Ohne ihren Blick von dem Schattenriss zu nehmen fand ihre Hand tastend den Lichtschalter und auch das Licht in der kleinen Küche ging aus. Vor dem Bett blieb sie stehen und spürte das Badetuch auf ihrer Haut und seine Hände. Und dann nur noch seine Hände. Auf ihrer Haut, auf ihrem flachen Bauch. Fühlte die leichte Berührung seiner streichelnden Hände die über ihren Bauch kreisten. Kreisten, in immer größeren Bewegungen.

Ab und zu besuchte er sie. Nach wie vor trafen sie sich in der kleinen Bäckerei. Tag für Tag. Aber entweder ahnte ihre Kollegin wirklich nichts oder sie tat nur so. Und Nick verspürte offensichtlich keinen Wunsch das zu ändern.
Er besuchte sie sehr unregelmäßig. Einmal belog sie ihn und sagte, sie hätte Besuch, er könne nicht kommen, aber er zeigte keineswegs die gewünschte Reaktion. So ließ sie alles so weiter laufen wie vorher. Es waren wundervolle Wochen und sie ließ sich darin treiben, tauchte vollkommen ein in seine Gegenwart. Doch ihre Unsicherheit wurde mit der Zeit und mit all ihren Fragen immer größer. Trotzdem schaffte sie es einfach nicht ein Gespräch in die richtige Richtung hin zu bekommen. Er ging nie weiter darauf ein, und dann berührte er sie und in kürzester Zeit hatte sie alles, was sie hatte sagen wollen, vergessen.
Wenn er kam blieb er immer bis zum Morgen und darüber hinaus. Bald schon blieb er länger als sie und sie hatte seine Wohnung noch nicht mal gesehen. Zwar äußerte sie immer wieder den Wunsch, aber es kam nie dazu. Allmählich wurde ihr klar, dass sie so gut wie nichts von ihm wusste. Wenn er nicht bei ihr war hatte sie keine Ahnung, wo er sich aufhielt. Und wenn er sie besuchte blieb er immer, bis sie schon zur Arbeit gehen musste. Natürlich hatte er ein wenig von seiner Arbeit erzählt und dass er nie vorher sagen konnte, was und wann und wo. Sie hatte auch seine Adresse und seine Telefonnummer. An der Tür stand zwar sein Name, aber wann immer sie auch anrief, antwortete nur der Anrufbeantworter. Und doch gab es keine Probleme zwischen ihnen. Manchmal unternahmen sie etwas, fuhren ins Grüne, gingen ins Kino, bummelten durch die Stadt und die Nächte. Auf seine eigenartige Weise schaffte er es sie zu erfüllen und sie eintauchen zu lassen in ein Meer aus warmem Licht. Trotz der leichten Ungewissheit gab es in diesem Sommer keinen Tag, an dem Sie nicht glücklich gewesen wäre. Keinen Tag, an dem sie nicht zufrieden gewesen wäre.
Bis zu dem Tag, an dem es regnete.

Es war der Tag, an dem es den lieben langen Tag geregnet hatte und den Tag danach sollte es auch noch regnen. Die Nacht dazwischen und die Nacht danach sowieso. Und keine Anzeichen sollten darauf hinweisen, dass es jemals wieder aufhören würde zu regnen.
Es regnete still und leise und bedrückend vor sich hin. Und an diesem Tag kam er zum ersten Mal seit langer Zeit nicht in die kleine Bäckerei. Er kam auch am nächsten Tag nicht und auch nicht am übernächsten. Als er eine Woche nicht gekommen war, meinte sie, weinen zu müssen. Nach zwei Wochen meinte sie, verrückt zu werden. Nach einem Monat wusste sie, dass er nicht mehr kommen würde.



 



"Die Ausfahrt!"
Nick riß den Wagen herum und trat hart auf die Bremse. Trotzdem donnerte der Bus noch viel zu schnell auf die Tankstelle zu.
"Scheiße!", brummte er. "Was hältst Du davon, wenn wir hier auch gleich eine Kaffeepause einlegen?"
Tonio brummte nur unverständlich vor sich hin und versuchte dabei die leere Sporttasche unter den vorderen Sitzen los zu bekommen. Er hatte vor viel einzukaufen.
Die Insel aus grünlichem Neonlicht lag verlassen in dem Meer aus schwarzer, undurchdringlicher Finsternis. Nick brachte den Bus neben der Zapfsäule zum Stehen und öffnete die Tür.
"Bestell für mich auch schon mal einen Schwarzen, ich komme gleich nach", rief er hinter dem davon stapfendem Tonio her.
Ein junger, schwarzhaariger Mann in einem verschmierten Overall kam aus dem hellen Glaskasten und taumelte verschlafen auf Nick zu.
"Pieno, per favor", sagte Nick und schloss den Deckel des Einfüllstutzens auf. Der Junge angelte nach dem metallenen Griff und zog mürrisch den Schlauch wie eine tote Riesenschlange hinter sich her.
"Ben'", brummelte er tonlos ohne den unauffälligen Kunden anzusehen.

Nick schlürfte seinen Kaffee aus und kaute dieses unbestimmbare Ding aus Pappe und Sirup, das sie hier als Sandwich verkauften. Sie saßen stumm da und wann immer Nick von dem heißen Gebräu aufsah, blieb sein Blick irgendwo in dem leeren, aus Plastik und Stahl lieblos zusammen gebastelten Raum hängen. Das Mädchen hinter dem Pult wirkte so schmierig wie das ganze Lokal und musterte ihre einzigen Gäste unverhohlen. Tonio hatte felsenfest behauptet, sie verdiene sich ihr Geld auch noch auf andere Weise, hier auf der Station. Wenn Nick sie so ansah konnte er das kaum glauben. Sie war klein, fett, mit strähnigen Harren und schiefen Zähnen und zu allem Überfluss war sie tatsächlich noch dreckiger als der Junge draußen in seinem verschmierten Overall. Wie musste wohl jemand drauf sein um sie sexy und geil zu finden? Eine Frage, über die sich Nick nicht klar war. Und bei all den Überlegungen blieben auch seine Augen immer öfter an ihr hängen. Wenngleich ihn nur interessierte, wie viel sie sich wohl zu verlangen getraute. Sie schien es zu bemerken, öffnete noch einen Knopf ihres schmierigen Arbeitsmantels und ließ so schon mehr als nur die Ansätze zu zwei großen, leichenblassen Brustsäcken sehen. Dann lümmelte sie sich weit auf das Pult und grinste ihn an.
Nick warf die Serviette hin und klopfte Tonio auf die Schulter. Nun war ihm endgültig die Lust vergangen noch länger zu bleiben.
"Avanti!", sagte er. "Gehen wir.”
Tonio fuhr erschrocken herum und sah ihn mit großen, erstaunten Augen an. Und da verstand Nick, warum der junge Mann draußen so mürrisch gewesen und warum Tonio so lange so stumm geblieben war.
Drüben bei dem Jungen von der Tankstelle lief ein Fernseher gleich neben der Kasse und Tonio sah geradewegs hin. Text konnte er durch die beiden dicken Scheiben natürlich keinen verstehen, aber um das zu verstehen brauchte man auch keinen.
Eine gut vierzigjährige Frau stolzierte eben auf viel zu hohen Stöckelschuhen um einen kleinen Springbrunnen herum. Und bei jeder dieser Runden verlor sie eines ihrer wenigen Kleidungsstücke. Als sie endlich ganz nackt war, hauchte sie dem kleinen Faun oben auf dem Brunnen noch einen Kuss dorthin, woraus er Wasser sprudeln ließ während sie ihr Hinterteil demonstrativ nach hinten streckte und verschwand winkend. Sofort kam von der anderen Seite ein Moderator ins Bild und redete schnell und stumm durch die Scheibe auf sie ein. Er stellte dann eine andere Frau vor die nur an Mittelmäßigkeit und Übergewicht die erste übertraf und verschwand. Ein kurzer Werbespot für einen Supermarkt, ein etwas längerer für Elektrogeräte und wieder ein kurzer für Orientteppiche und dann war wieder die Frau im Bild, wie sie sich auf ein Eisbärfell warf und begann sich wollüstig zu winden.
"Nun komm schon, wir müssen weiter!"
Nick stieß Tonio nochmals unsanfter an und ging nach draußen. Die kleine, fette Küchenhilfe kam schon fast über das Pult gekrochen und versuchte ihn doch noch für sich zu gewinnen indem sie mehr zeigte als bedeckte. Aber er sah es nicht.
Als er den Wagen aufsperrte, holte Tonio ihn ein. Er hatte immer noch diese großen, ungläubigen Kuhaugen.
"Hausfrauen!", stöhnte er. "Das sind ganz stink normale Hausfrauen und die bezahlen noch was dafür, dass sie sich ausziehen dürfen! Und alles nur damit sich die Leute Werbung ansehen! Dio Mio! Ekelerregend!"
Nick drehte sich auf den Stufen in den Bus um und sah zu Tonio hinunter, der noch immer seiner Empörung Luft machte.
"Du meinst wohl, Du würdest solche Sendungen gerne selbst machen. Und dann, wenn die Kamera ausgeschaltet ist und sie so richtig schön geil sind, das alte Rein-Raus-Spiel mit ihnen treiben.”
Tonio prallte zurück.
"Aber die sind doch - doch ...”
"... auch nicht anders gebaut, als alle anderen Weiber die Du schon gehabt hast", ergänzte Nick kalt, wandte sich um und stieg weiter in den Bus hinein. Schockiert schweigend folgte ihm der Italiener.
Nick ließ sich der Länge nach auf die erste Bankreihe fallen und warf den Schlüsselbund in Tonios Hände.
"Fährst Du bis an die Grenze, dann fahre ich drüber und weiter. Okay?"
Tonio konnte sich nur zu einem mürrischen Nicken entschließen und zwängte sich wieder einmal hinter das Lenkrad. Aber dann warf er den Schlüsselbund wütend auf die Ablage und stand noch einmal auf. Stieg wortlos wieder aus und trottete zurück zur Station um die wohl gefüllte Tasche mit seinen Einkäufen doch noch zu holen.

"Geile Weiber hin, geile Weiber her. Eines steht jedenfalls fest: Wenn wir einen Fernseher mit so einem Programm an Bord hätten, dann wäre das Fahren in der Nacht leichter zu ertragen!"
Nick deutete nach draußen.
"Sieh mal da rechts. Was ist das?"
Dort unten vor der Autobahn schälten sich zwei steile Felswände aus der Nacht und bekamen Konturen. Gaben ein schmales, glitzerndes Tal frei in das sie hinein zu fahren schienen.
"Bolzano", sagte Tonio und dachte noch immer an den Fernseher.
Ein Meer aus unzähligen kleinen Lichtlein schwamm zwischen den hohen, erdrückenden Formen der Nacht, brandete ein wenig nach oben, aber blieb liegen wie ein kleiner, ruhiger See.
"Wenn wir so einen Fernseher hätten”, erwiderte Nick plötzlich unvermutet, "dann müsste entweder ich andauernd fahren oder Du würdest bereits den ersten Wagen rammen oder uns in den Graben befördern.”
Es waren unverständliche Dinge, die Tonio da nach einem bösen Blick in seine Bartstoppel brummelte, aber Nick konnte sich schon denken, worum es dabei ging.
Und er grinste.
"Aber natürlich hat so etwas auch seine guten Seiten", gab er dann doch zu. "Wenn man wo herum sitzt und wartet - so wie die Jungens an der Tankstelle - dann pulvert Dich so einen Sendung oder so eine Zeitschrift doch bei weitem mehr auf als der beste Kaffee!"
Tonio nahm den Blick kurz von der Straße und sah schief nach hinten.
"Militärerfahrung, he?" fragte er grinsend.
Nick antwortete nicht sofort. Er lachte nur und machte es sich der Länge nach auf der Bank bequem. So bequem wie man es sich eben auf so einem Doppelsitz in einem Bus machen konnte.
"Sagen wir mal: eines jener Dinge, die ich beim Militär mitbekommen habe.”
"Mitbekommen ist gut!", rief Tonio und lachte dröhnend. "Ich weiß mit ziemlicher Sicherheit, dass ich in meiner Militärzeit nichts gelernt habe. Und dass ich froh war, als ich dort endlich rauskam. Nichts bringt mich dorthin mehr zurück – und wenn die Russen endlich Tito weg machen und vor Triest stehen!"
Nick sah nach draußen in die stockdunkle Nacht und trauerte dem kleinen Lichtersee nach. Er wollte eigentlich etwas dazu sagen, ließ es dann aber doch bleiben. Hinter seiner Heimatstadt patrouillierten russische Soldaten und erschossen alles, was sich von Norden der Grenze näherte. Die Tschechen hatten ein wenig Widerstand geleistet und dafür einen hohen Blutzoll gezahlt. Die Ungarn hatten sich mit den Russen arrangiert und Tito in Jugoslawien spielten ihnen den alten Partisanen vor. Wenn es Tito mal nicht mehr gab, würden sich die Dinge schnell ändern. Vielleicht hatte Österreich ja Glück und wurde von den Russen als Marktplatz vor ihren Grenzen offen gehalten, wie sie es mit der Schweiz machten. Andererseits war es nur mehr eine Frage der Zeit, bis russische Panzer auch durch die Straßen von Wien und Rom rollen würden. Und die Rollkommandos unliebsame Menschen morgens aus den Betten schleiften. Würde Tonio auch dann nicht zur Waffe greifen? Eine Frage, die keiner von ihnen beantworten konnte, bevor es nicht so weit war. Wenn nicht zuvor irgendjemand den berühmten roten Knopf drückte. Wenn – wenn - darüber nach zu denken war sinnlos, man konnte auch mit einem Blinden nicht über Farben streiten. So tolerierte Nick Tonios Meinung.

 





"Entschuldigt mich bitte einen Augenblick. Ich bin sofort wieder hier.”
Nick erhob sich, aber er war sich nicht sicher, ob ihn jemand gehört hatte. Ob überhaupt jemand etwas mit bekommen hatte. Er grinste abfällig. Seine lieben Freunde würden es schon irgendwann bemerken, wenn er nicht mehr am Tisch saß. Und wenn sie es nicht bemerkten, dann war das auch nicht schlimm.
Langsam durchquerte er den überfüllten, spärlich dekorierten Raum.
Wie lange hatte er hier gearbeitet? Acht Monate? Sechs? Nein, nicht einmal sechs Monate waren es gewesen, aber sie hatten genügt um ihn an diesen Raum zu gewöhnen. Wieder ertappte er sich dabei, dass er überlegte, was er, zum Teufel, eigentlich hier machte! Über ein Jahr war es jetzt her, seitdem Nick offiziell seinen Militärdienst quittiert hatte. Und trotzdem hatte er sich dazu breitschlagen lassen mehr als hundert Kilometer Fahrt auf sich zu nehmen, nur um bei diesem Garnisonsball dabei sein zu können. Nur um ein paar altbekannte Gesichter wiederzusehen. Um sich an dem Anblick der grenzenlosen Verwunderung zu weiden, wenn sie die Hände zusammen schlugen vor Erstaunen darüber, was er wohl hier machte.
Er musste verrückt sein!
Der große Speisesaal um die Ecke war wie jedes Jahr vollgerammelt mit Galauniformen, Anzügen und Abendkleidern - bunt gemischt. Die zwölfköpfige Kapelle spielte einen flotten Foxtrott, alles lachte und trank. Tanzte, trank, unterhielt sich ausgezeichnet und trank.
Nick blieb unter der Tür stehen und sah hinein.
Offensichtlich war er der einzige, auf den diese Umgebung bedrückend wirkte. Auch wenn die nüchterne Kahlheit des Saales verschwunden war unter abendlicher, orientalischer Pracht, notenbehangenem Himmel, Minaretten und Bildern anmutiger Tänzerinnen in ihren leichten, duftigen Arbeitsschleiern, Nick sah unweigerlich dahinter den kahlen, kalten Raum. Die mürrischen, verschwitzten Gesichter, die gleichgültigen Gestalten des Tages.
Wahrscheinlich hatte Mende wieder diese fabelhaften Bilder gemalt, schoss es ihm durch den Kopf und er lehnte sich gegen den metallenen Türpfosten um gleichgültig den Saal zu  mustern.
Ganz konnte es Nick nicht verstehen, und würde es wohl auch niemals verstehen, was seinen Zimmergenossen Mende bewogen hatte in der regulären Armee zu bleiben - einen Mann mit seinen Talenten und seiner Begabung hätten man überall gut gebrauchen können. Heute war er sicherlich bereits Korporal. Das bedeutete zwei Sterne - die Berechtigungen zum Telefonieren und Kaffee kochen. Vielleicht war er aber geblieben, eben weil er ein künstlerischer Mensch war. Der reguläre Dienst war nicht sonderlich aufreibend und man verdiente doch genug um davon leben zu können. Wichtig aber war - und gerade darin lag ja die Grundidee dieser wie jeder Armee  - dass man sein Gehirn nicht gebrauchen musste, ja nicht gebrauchen durfte. Das hatte man immer und überall frei für andere Gedanken.
Ein riesiger, unförmiger Mensch kam wie eine menschliche Dampfwalze direkt auf Nick zu wobei er die Tanzenden wie eine Bugwelle vor sich her schob. An der Galauniform erkannte man neben den Rotweinflecken auch die Abzeichen eines Offizierstellvertreters. Das gerötete Gesicht kam ihm ja bekannt vor, aber Nick konnte sich beim besten Willen bereits jetzt nicht mehr an den Namen erinnern.
"Mein Gott, was machst Du denn hier!"
Er drosch Nick auf die Schulter, dass der meinte, ein Pferd habe ihn getreten.
"Mein lieber Herr Offizierstellvertreter, es soll vorkommen, dass die feinsinnige innere Schwingung unserer vielgeliebten Streitkräfte Macht über Zeit und Raum gewinnt.”
Nick lachte ihn an und wusste ganz genau, dass er ihm jeden Schwachsinn erzählen konnte, der andere hörte ihm sowieso nicht zu. Nur, dass der Name sich irgendwo verheddert hatte, das störte Nick, er wollte einfach nicht zum Vorschein kommen. Aber das war auch nicht wichtig. Hatte er doch schon vor langer Zeit festgestellt, dass die Menschen ihn in solchen Situationen zwar bemerkten und auch akzeptierten, dass er mit ihnen sprach, aber es ging an ihnen vorbei wie das Plätschern eines Baches oder Plätschern kleiner Wellen. Ja, es schien sie geradezu zu beruhigen, ganz gleich was er auch sagte. Er konnte es eigentlich sogar fühlen, es war wie eine Stimmung, die sich in ihm breit machte und gleichzeitig wie ein Vorhang all die anderen Menschen ausschloss. Nick sollte auch diesmal recht behalten, der rotweinbefleckte Bär war längst mit Augen und Ohren anderswo.
"Bist Du alleine hier? Nein, sicher nicht! Und wie ich Dich kenne, ist sie wahrscheinlich richtig hübsch. Also pass nur ja ordentlich auf sie auf. Denn heut' gehe ich nämlich voll rann!"
Noch einmal drosch er Nick auf die Schulter, dass der ein wenig in die Knie ging, dann übertönte er mit einem kurzen Lachen die Kapelle und machte sich wieder auf den Weg. Sturmrichtung Bar.
Nick lächelte ihm nach, und es sah ein ganz klein wenig nachdenklich aus, dieses Lächeln. Dann holte er tief Luft, aber der üble Geschmack aus seinem Magen wollte einfach nicht weichen. Die laute Musik vibrierte in seinem Kopf, das Licht, so diffus es eigentlich war, stach wie mit tausend Nadeln in seinen Augen und die ausgelassene Fröhlichkeit der Massen verursachte ihm mit einem Mal Übelkeit.
Er schloss die Augen, lehnte sich wieder zurück und versuchte sich durch ruhiges, konzentriertes Atmen zu beruhigen. Aber auch das nützte nichts mehr. In ihm schien etwas immer größer zu werden, schien mickrige diese Hülle sprengen zu wollen und er hatte das beinahe unheimliche Bedürfnis laut zu schreien. Stattdessen trat er einen Schritt zur Seite, zog den Vorhang weg und stellte sich dahinter. Die Fensterfront reichte von der Decke bis beinahe an den Boden und die schwarze, undurchdringliche Nacht vor den Fenstern legte sich weich und samtig auf seine Augen. Seine Stirn ließ er gegen das kühle Glas sinken und bemerkte erst jetzt, wie heiß sie war. Langsam, ganz langsam wurde er wieder ruhiger und allmählich fühlte er, wie der Regen draußen gegen die Scheibe prasselte. Vorsichtig schälten sich die Formen der Umgebung aus dem so vollkommen scheinenden Schwarz.
Da waren die Konturen des Hügelzuges, weit draußen in der Ebene und die Silhouette der kleinen Burg etwas weiter links dort oben. Da waren die Lichter des kleinen Dorfes am Fuße der Hügel, die unsicher durch die Nacht blinkten. Weiter draußen rauschte der große Strom vorbei. Nick war sich dessen bewusst. Nicht nur weil er es wusste, er konnte ihn fühlen, verborgen in der Dunkelheit vor den Augen der Menschen. Stark und unbändig und doch gleichgültig gelassen. Da waren die riesigen, kantigen Flecken der Gebäude rund herum, da waren die unfassbaren, bewegten Schatten der Bäume, die den großen Platz begrenzten. Er konnte ihn nicht sehen, diesen Platz. Dazu war es einfach zu dunkel, da draußen vor dem Fenster. Aber er sah ihn trotzdem. In seinen Gedanken sah er ihn. Als würde er einen Schleier nach dem anderen abwerfen, so schälte sich der Platz aus dem klammernden Dunkel der Nacht. Unendlich langsam aber doch unaufhaltsam nahm er Formen an.
Schatten jagten über den nassen Asphalt. Der Regen hatte Pfützen geschaffen und die Tropfen warfen kleine Fontänen hoch. Oder sie zerplatzten auf dem harten Boden.
Ein leises Lächeln huschte über sein Gesicht, als er nach draußen sah. Wie viele solcher Nächte hatte er hier erlebt. Er wusste es nicht - wollte es auch gar nicht wissen. Denn diese Nächte waren immer ...
Er stutzte in seinen Gedanken und strengte seine Augen an. Das besser zu sehen, was da draußen im Dunkel der Nacht, im Dunkel seiner Erinnerung beinahe verschwand.
Fünf Schatten waren es, die da plötzlich mitten auf dem Platz standen. Nein, sechs - sieben - acht waren es jetzt. Stumm, bewegungslos standen sie da. So, als würde nicht die ganze Welt um sie herum im Regen ertrinken. Nein, nur sieben waren es, die stramm und stumm im Regen standen. Der Achte ging vor ihnen immer wieder auf und ab. Die Hände auf dem Rücken verschränkt und den Kopf erhoben sprach er auf die Männer ein, aber Nick konnte ihn nicht verstehen. Nicht ein Wort drang durch die Scheibe zu ihm.
Schaudernd erkannte er, dass alle acht nichts weiter trugen als ihre Trainingsanzüge und wohl schon längst bis auf die Haut von diesem eisigen Regen durchnässt sein mussten. Ihm war plötzlich, als stünde er selbst mit ihnen da draußen im Regen. Als spürte auch er die eisige Kälte auf seiner Haut, als prasselte der Regen auch in sein Gesicht und auf seinen Kopf.
"...und solltet ihr euch dazu entschließen noch mal so eine Scheiße zu bauen, dann wird mir kaum etwas anderes übrig bleiben, als daraus die Konsequenzen zu ziehen! Also, wenn ihr mich los sein wollt ...”
Die Stimme dröhnte in seinen Ohren. Sie war wütend, aber sie klang doch ruhig, gemäßigt. Vor allem klang sie enttäuscht. 
Nick sah, wie er die Männer abtreten ließ und sie eilig in ihre Unterkunft zurückliefen. Sie verschwanden im Dunkel einer Ecke, einer nach dem anderen und nur der Mann blieb einsam stehen. Er stand noch immer dort. Im Regen. So, als wollte er sich selbst noch einmal bestrafen. Für seine eigene Unzulänglichkeit. Doch für ihn war der Regen keine Strafe. Es war, als würde der Regen ihm Kraft geben, Tropfen für Tropfen.
Endlich wandte er sich ab und ging langsam auf die Unterkunft zu. Noch immer die Hände verschränkt, noch immer den Kopf erhoben.
Er hatte es nicht eilig.
Und da erkannte Nick sich selbst.







Tonio ließ die riesigen Scheibenwischer einmal über die Scheibe surren und schaltete sie dann wieder ab.
"Das hätte uns noch gefehlt, wenn es jetzt auch noch anfängt zu regnen.”
Tonio schüttelte den Kopf.
"Nein”, sagte er. "Hier nieselt es oft. Wahrscheinlich die Wolken, die sich an den Bergen stauen. Was weiß ich. Aber wir fahren jetzt durch die Berge und ich glaube kaum, dass es dort regnen wird.”
Nick lachte und stand auf.
"IN den Bergen wohl kaum. Es sei denn, Du schaffst es irgendwie die Sprinkleranlage im Tunnel einzuschalten.”
Er holte sich die vorletzte Camel aus der Packung und zündete sie an.
"Oh Scheiße! Die Zigaretten hab' ich natürlich vergessen!", stöhnte Tonio auf und schlug mit der flachen Hand auf das Lenkrad. Nick klopfte ihm beruhigend auf die Schulter.
"Mach' Dir nichts daraus. In der Innentasche meiner Jacke neben Dir ist noch eine ganze Packung. Eiserne Reserve. Allerdings weiß ich nicht ob Du die rauchen wirst!"
"Was für welchige?", wollte Tonio mißtrauisch wissen.
"Nazionale", grinste Nick und Tonio verzog leidend sein Gesicht zu einer fürchterlichen, angeekelten Grimasse.
"Ach Du mein lieber Gott, mir bleibt anscheinend wirklich nichts erspart! Wie kommst Du überhaupt an die?"
"Erstens finde ich den Geschmack keineswegs so schlecht wie Du immer meinst und zweitens war ich öfters in Tarios Bar ...”
"In der Spelunke an der Ecke in die keiner von uns gehen wollte?"
"... während Ihr eure Cocktails geschlürft und auf ganz wichtig gemacht habt - und dort bekommt man so etwas.”
"Oh Mann, Du gibst Dich mit Gesindel ab!"
"Nun, Gesindel ist ein eher weiter zu steckender Begriff", meinte Nick und sah hinaus in das undurchdringliche Schwarz über dem Asphaltband. "Mir persönlich sind die meisten einfachen Fischer und Fabrikarbeiter ...”
"... und Zuhälter, Messerstecher, Autoknacker ...”
"... immer noch lieber als die meisten dieser Yuppies, Künstler, Ärzte und anderen Drogendealer, die ich treffe.”
"Warum lässt Du Dich dann eigentlich nicht in der Partei einschreiben?", wollte Tonio aufgebracht wissen. "Du würdest einen verdammt guten Kommunisten abgeben!"
"Ist Dir noch niemals aufgefallen, dass die besten Kommunisten im Westen leben?", lachte Nick und dämpfte die Zigarette in der Hälfte aus. "Und außerdem”, meinte er dann noch leichthin, "bin ich ein verdammt großer Sturschädel und wenn sie schon mal beschließen, dass ich in ein Arbeitslager oder in ein Sanatorium muss, dann sollte es zumindest im freien Westen sein. Hinein kommen werde ich so oder so. Hüben wie drüben.”
Lachend klopfte er Tonio noch einmal auf die Schulter.

"Naja, was soll's. Auf jeden Fall gehe ich jetzt nach hinten und haue mich noch ein wenig aufs Ohr. Sollte irgendwas Weltbewegendes geschehen, Du weißt ja, wo Du mich findest. Letzte Bank, erster Stock, dritte Tür links – Salzamt.”
Tonio nickte nur und manövrierte den Bus an einem Wohnwagen vorbei. Im Rückspiegel sah er, wie Nick nach hinten wanderte.
"Träum was Schönes!", rief er ihm nach. "Von 'ner kleinen Blonden in 'ner großen Badewanne.”
Nick lachte nur, streckte den Mittelfinger aus der geballten Faust nach oben und wankte dann weiter. Immer bemüht die Schwingungen des dahin rasenden Busses auszugleichen.
Auf die letzte, die durchgehende Bank warf er sich hin und verschränkte die Hände hinter seinem Nacken. Ihm kam vor, der Bus schlingerte und dröhnte hinten weniger als vorne.
Zwischen den unkenntlichen Wolkenfetzen, unendlich hoch über den Bergen blinkte ein Stern auf. Leuchtete kurz, flackerte, um dann wieder von dem formlosen Schwarz verschlungen zu werden.
Nick kannte eine kleine Blonde. Aber die saß jetzt nicht in irgendeiner großen Badewanne sondern weit drüben über dem großen Teich. Dort, wo es Cola und Hamburger in Massen gab, weil die Menschen sie kauften. Wo Kinder ihre Eltern erschossen, weil ihnen langweilig war. Und wo Präsidenten nicht nur hinter der Hand Marionetten waren sondern gleich gelernte Schauspieler. Was vielleicht einen Rückschluss zuließ auf die Mächtigen im Hintergrund und die Wichtigkeit, die sie ihrer Marionette angedeihen ließen.
Wie ein kleiner Wirbelwind war sie damals in sein Leben gebrochen um gleich darauf wieder zu verschwinden. Nur ab und zu kam eine Karte und selbst die waren in den letzten Monaten immer spärlicher geworden. Nick überlegte oft, ob er sie nicht besuchen sollte. Aber das hätte für ihn bedeutet, der Zivilisation den Rücken zu kehren und seinen Fuß in ein Land zu setzen, das für ihn auf der Ebene eines revolverschwingenden Hinterwäldlers stehen geblieben war.
Wobei, aus den Tiefen des Waldes kam er selbst wohl viel eher.
Die Lichter eines anderen Wagen huschten über den Himmel. durch den Bus. Streiften die Gepäcknetze, brachen sich in den Scheiben. Beruhigend und einschläfernd gleichmäßig dröhnte der Bus vor sich hin. Vorne, im Radio, war die Hitparade wohl von Musik zum Träumen abgelöst worden.
Nick lag da, die Hände im Nacken verknotet und sah hinaus in das Nichts. Wartete darauf, dass der einsame Stern sich wieder seinen Weg durch die Massen der Wolken brach. Darauf, dass er, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, wieder leuchtete.
Aus den Lautsprechern drang das leise Geklimper eines Klaviers und Nick dachte nach über Augenblicke und über Sterne.
Und dabei fiel ihm ein, dass er noch etwas kleines Blondes kannte. Gekannt hatte. Trillionen von Jahren mussten vergangen sein - oder waren es doch erst ein paar? Es fiel ihm immer schwerer seine Erinnerungen zurück zu datieren. Immer öfter geschah es, dass ihm Dinge in den Sinn kamen, die vorher geschehen waren. Und immer öfter ertappte er sich dabei, dass er diese Ereignisse mit solchen jüngster Zeit vermischte.
Zumindest war aber auch damals ein leises, zartes Klavier dabei gewesen.







Es war wirklich erstaunlich, wie schnell die Zeit verging. 
Durch den Gedanken auf die Idee gebracht, sah Nick verstohlen nach seiner Uhr.
"Es ist halb fünf", sagte sie und ließ ihren Blick lange durch den Raum wandern.
"Immerhin eine ganz gute Zwischenzeit", hörte sich Nick antworten um zumindest etwas zu sagen und beobachtete wie ihre großen lichtbraunen Augen eine Spur enger wurden. Sie studierte den alten Mann am anderen Ende des beinahe leeren Saales, der schon seit geraumer Zeit in einem Heft schrieb. Das einzige, was sie daran als etwas störend empfand, war, dass er immer wieder zu ihnen herüber sah, um dann um so eifriger in seinem Heftchen weiter zu schreiben. Vielleicht würde ihn Nick später fragen, was er denn da so schrieb. Vielleicht, wenn er Lust dazu hatte.
"Was meinst Du mit Zwischenzeit? Zwischenzeit wofür?"
Sie sah ihn an und ihre Augen in dem schmalen, zerbrechlichen Gesichtchen waren so groß und so klar, dass er meinte darin ertrinken zu müssen.
Nick lachte auf und wollte etwas sagen, aber plötzlich blickte er sie streng an.
"Achtung! Halt still!", befahl er.
Sie wusste nicht wie ihr geschah, aber sie hielt still. Er legte seine Hand auf ihre Wange und angelte mit dem Daumen eine Wimper aus ihrem Augenwinkel. Sie war schwarz, kohlrabenschwarz. Was so gut zu den blonden Wasserlocken passte, die ihr handbreit über die Schultern fielen.
"Danke.”
Sie lächelte und schmiegte für einen kurzen Augenblick ihre Wange in seine Handfläche.
"Jetzt darfst Du Dir etwas wünschen", lachte er und hielt ihr den Daumen mit der Wimper entgegen. Sie schloss die Augen, überlegte einen Augenblick und blies sie dann weg.
"Willst Du wissen, was ich mir gewünscht habe?", fragte sie.
Ermahnend hob er den Finger, diesmal den Zeigefinger, und meinte: "Still Mädel! Natürlich möchte ich es wissen, aber es geht nicht in Erfüllung, wenn man darüber spricht!"
Wieder legte sich dieser zarte Hauch von Lächeln auf ihre vollen Lippen, der von so tief innen zu kommen schien.
"Was würde ich nur machen, wenn ich Dich nicht hätte?", wollte sie wissen und senkte ihre Hand über seine. So, dass er sie kaum und doch nur allzu deutlich fühlen konnte.
"Dann würdest Du Dir jemanden anderen finden, der für Dich da ist”, sagte er übertrieben cool und gab sich Mühe möglichst rau auszusehen.
Dies zu beurteilen fiel Nick nicht schwer. Denn dank eines alten verstaubten Spiegels sah er sich die ganze Zeit über selbst ins Gesicht - wenn ihn nicht gerade ihre Augen gefangen nahmen.
Schmollend versuchte sie ein Stückchen ans andere Ende des Tisches zu rücken. Ein Versuch, der bei den eng aneinander stehenden Bänken eher unmerkliche Erfolge brachte.
"Was ist jetzt mit deiner Zwischenzeit?", ließ sie nicht locker, wohl auch um das Thema zu wechseln.
"Ich habe gemeint, dass es eine gute Zeit für mich ist, denn ich sitze jetzt schon seit über zwei Stunden an diesem Tisch und habe erst einen kleinen Braunen getrunken. Und den noch nicht mal ganz. Und dann frage ich mich auch noch unschuldig, warum mich unser lieber Ober Franz so eigenartig ansieht.”
"Der Kellner heißt Franz?"
"Was weiß ich, ich kenne ihn ja nicht. Aber wie soll der Ober eines Wiener Kaffeehauses denn sonst heißen, vielleicht Igor? Und außerdem", fügte er belehrend hinzu, "gibt es in einem Kaffeehaus keine Kellner. Da gibt es nur Ober und zwar den HERRN Ober!"
Sie lachten und der gar nicht so alte Mann blickte wieder von seinem Heftchen auf und sah zu ihnen herüber. Und sie saß wieder ganz dicht bei ihm.
Nick nahm die kleine Tasse in die Hand und wieder einen Schluck daraus. Er war schon kalt, der Kaffee. Wirklich schon ganz schön kalt.
Die Glastür ging auf und zwei ältere Herrschaften, wahrscheinlich ein Ehepaar, traten ein. Ja, sie mussten ein Ehepaar sein, ein altes Ehepaar. Denn wer sonst schaffte es schon gleichzeitig beieinander zu sein und sich doch mit solcher Inbrunst zu ignorieren. Sie schüttelten ihre Mäntel aus und stellten ihren Regenschirm zu den übrigen. Mitten in die große Lache, die sich inzwischen rund um den Schirmständer ausgebreitet hatte. Und dann verschwanden sie. Wurden aufgesogen von der summenden Ruhe in dem großen, hohen Raum.
"Ich könnte stundenlang hier sitzen bleiben”, meinte sie. "Es ist so ruhig, so richtig friedlich hier, dass man sich geradezu geborgen fühlt. Es ist - wenn man hier sitzt ist es so, als gebe es keine Außenwelt, als gebe es keine Probleme und keinen Krieg. Und wenn man lange genug in einem Kaffeehaus sitzt und diese Ruhe genießt und dann nach einer Zeitung greift und liest, was alles 'da draußen' los sein soll, dann ist es gerade so, als würde man einen Roman lesen. Etwas Erfundenes, etwas das nicht Wirklichkeit sein kann. Ich würde mir wünschen, ich könnte mein ganzes Leben hier sitzen bleiben dürfen.”
Nachdenklich war Nick dem Monolog gefolgt, den sie ihm hielt, und der doch gleichzeitig etwas abwesend klang. Er sah sie immer noch an und meinte dann ganz leise: "Auch ich könnte hier - so - stundenlang sitzen bleiben. Ein kurzes Leben lang. Hier - so - neben Dir.”
Sie sah ihn an und lächelte dann wieder. Aber irgendwie schien er sie überrascht zu haben.
"Wenn Du so weitermachst, schaffst Du es sogar noch, dass ich rot werde!"
Dabei sah sie verschämt unter den Tisch. Zumindest tat sie so, als wäre sie leicht verlegen aber ein wenig Unsicherheit war geblieben.
"Na, dann bin ich wenigstens zu etwas nütze”, erklärte er und wandte sich wieder um, weil jemand das Kaffeehaus betreten hatte.
Der große, junge Mann sah sich um, lachte ihnen zu und kam quer durch den Saal.
"Aber Hallo! Was macht denn ihr beiden Hübschen hier?", fragte er, als wäre er erstaunt sie hier zu finden.
"Und wir hatten gedacht, wenigstens hier wären wir vor Dir sicher”, meinte Nick und schüttelte seine Hand. "Darf ich Dir meinen Platz anbieten?", fragte er dann noch und stand endgültig auf.
Der junge Mann umarmte die junge Frau und gab ihr einen sehr ausgedehnten, herzhaften Kuss, was den Mann mit dem Heft veranlasste die Augenbrauen verblüfft zu heben. Während Nick noch schnell den letzten Rest seines kalten Kaffees schlürfte nahm der Junge endgültig Nicks Platz ein.
"Aber Du willst doch nicht schon gehen, oder?", ließ sie sich treuherzig vernehmen.
"Ich bin sowieso schon viel zu spät dran”, erklärte ihr Nick. Und zu ihm sagte er: "Aber ich konnte sie doch schließlich nicht alleine warten lassen!"
Die Beiden lachten und hielten sich an den Händen während Nick in die Manteltaschen steckte, was ihm gehörte.
"So, ja eigentlich war’s das”, überlegte er noch etwas unentschlossen, aber gab sich schnell einen Ruck. "Macht's gut!"
Er hörte noch ihr 'Servus', dann war er schon draußen vor der Tür.
Es regnete nur mehr ganz leicht und die Lichter der Autos glänzten hell auf dem nassen Asphalt. Nachdenklich sah er sich um und überlegte, wohin er jetzt gehen konnte. Da war nichts, was auf ihn wartete. Fröstelnd zog er die Schultern hoch, denn irgendwie drang die feuchte Kälte heute schneller als üblich durch seinen Mantel.







Nick drehte sich auf die Seite und schloss die Augen. Unaufhaltsam und gleichmäßig rumpelte der Bus durch die blinde Nacht.
Es hatte keinen Sinn über Dinge nachzudenken, die längst Vergangenheit waren.
Und eigenartigerweise erinnerte man sich immer nur an Dinge die Spuren hinterließen, wenn sie geschahen. Niemals aber an die Zeiten dazwischen, an die Zeit, in der man gewartet hatte. Gewartet darauf, dass etwas geschah. Er versuchte sich an diese Zeiträume zu erinnern, aber alles was auftauchte waren verschwommene Bilder von leeren Kaffeehäusern und vollen Aschenbechern. Von überfüllten, verrauchten Bars und leeren Gläsern. So lange sie auch immer zogen, scheinbar so unendlich lange für den, der sie zu überstehen hatte, diese Zeiträume des Wartens zwischen den kurzen Blitzlichtern der Erlebnisse, sie waren so leer und unnütz, dass nicht einmal eine Erinnerung von ihnen blieb. Nur so konnte es geschehen, dass es den meisten Menschen möglich war im Rückblick zu behaupten, sie hätten eigentlich ein erfülltes Leben gelebt in dem immer etwas los war. Die Zeit war in all ihrer Unbeugsamkeit doch auch ein gnädiger Begleiter.
Unruhig wälzte er sich herum und vergrub sein Gesicht unter seinem Arm. Er wusste, dass er kaum würde schlafen können. Noch niemals war er in einem fahrenden Wagen eingeschlafen. Vielleicht einnicken, später, wenn er wirklich todmüde war, aber nicht schlafen. In einem Zug war die Sache vielleicht noch eine andere, aber in einem Wagen oder einem Flugzeug ...
Nick öffnete seine Augen wieder und hoffte, dass der einsame Stern ihm entgegen blinken würde, aber dort oben war nichts anderes als schwarze, ewige Unendlichkeit. So schloss er seine Augen wieder und bedeckte sie mit seinem Unterarm.
Er versuchte daran zu denken, dass er am Morgen Zuhause sein würde. Was immer dieses eigenartige Ding auch sein mochte, das die Menschen ihr Zuhause nannten. Weil er sich nirgends zu Hause fühlte. Und er versuchte daran zu denken, was er in den nächsten Tagen alles machen würde. Machen musste. Zu erledigen hatte. Aber seine Gedanken brachen immer wieder aus, ließen sich nicht festnageln. Schwirrten herum wie ein Bienenschwarm und verloren sich in dem schwarzen Nichts der Nacht ohne eine Spur hinterlassen zu haben.
Nick öffnete die Augen noch einmal und drehte den Kopf ein wenig. Er sah entlang der leeren Bankreihe nach vorne. Das grünliche Neonlicht tauchte alles in einen eigenen, verzauberten Schimmer. Und ihm war so, als wäre da plötzlich keine Straße mehr, als würden sie durch den leeren, schwarzen Raum fliegen. Weit, weit weg zu Planeten die noch niemals ein Mensch zuvor gesehen hatte. Ja, von deren Existenz sie nicht einmal ahnten. Aber die Menschen würden ihm folgen und sie würden das mit den Paradiesen tun, was sie immer schon mit Paradiesen getan hatten. Sie würden sie zerstören. Und er wäre schuld daran, denn er hätte sie ihnen gezeigt.
Es blieb ihm nichts anderes, als abzuwarten. Einfach hier zu liegen und zu warten, dass etwas geschehen würde.
'Tue nichts und alles ist getan.'
Er kam nicht dahinter, woher dieser Spruch stammte, er wusste nur, dass es richtig war. Es war unnötig große Dinge zu tun. Was geschehen würde, das würde auch geschehen und nichts und niemand konnte es verhindern oder beschleunigen. Natürlich konnte man beeinflussen was geschehen würde indem man die richtigen Grundlagen schuf. Aber dann genügte es abzuwarten und alles würde erledigt sein. So wie ein Angler einen Köder legte, grübelte er hinter verschlossenen Augen. Und wenn er auf eine Forelle wartete, dann würde er einen Forellenköder nehmen und an einem Forellenwasser warten. Vielleicht zogen Karpfen vorbei, Barsche oder auch Hechte. Sie alle würde er nicht bekommen, den er wartete auf seine Forelle. Nur vorbereitet musste man sein. Im Leben allerdings, ohne zu wissen worauf. Und ständig ein Auge auf den Lauf der Dinge musste man haben. Um nicht zu versäumen wenn ES geschah, was immer ES auch sein mochte. Dies schien wenig zu sein und war doch so unendlich viel.
Und alles ist getan.
Nick lächelte in sich hinein. Gerade soviel, dass seine Mundwinkel ein wenig zuckten.
Der einsame Stern war wieder da und blinzelte verschwörerisch zu ihm hinunter. 
Warten war alles was er tun konnte. Und Zeit um zu warten hatte er mehr als genug. Vielleicht sogar genug um das zu lernen, was die Menschen Geduld nannten.
Tue nichts und alles ist getan - wenn Du immer tust, was Du tun musst.







Die Tür hinter ihm schwang wieder zu und versperrte der Musik den Weg nach draußen. Nick stand für einen Augenblick still und sah auf die Straße hinunter.
Hinter ihm, da lag das helle Lokal, da stand die rauchgeschwängerte Luft, da saßen seine Freunde und Kollegen und redeten von Prominenten, in deren schwachen Glanz sie sich sonnten. Und die er meist weder kannte noch kennen wollte. Da wurde sein Glas von den harten Händen des Mädchens hinter der Theke gepackt und in den Spüler gesteckt. Da kratzte ein Arm über eine schwarze Scheibe und erfüllte den Raum mit Musik. Da stand der Wirt an der Theke und benötigte beide Hände um sich festzuklammern, damit er nicht umfiel. Hände, die früher so virtuos die Trompete gehalten hatten. Hinter ihm, da lag Leben!
Oder das, was man allgemein dafür hielt.
Vor ihm lag der schmale Gehweg und am anderen Ende das eiserne Geländer. Zwei Meter tiefer führte die kleine Straße vorbei. Leer und tot wirkte die Welt auf dieser Seite der Türe, zerrissen von den kalten Lichtflecken der Laternen in der engen Gasse. Nur manchmal meinte man einen kleinen Schatten im Dunkel unter den geparkten Wagen huschen zu sehen.
Nick stand für einen Augenblick ganz still und sah auf die Straße hinunter. Dann riss er sich los und klemmte die beiden Metalldosen fester unter seinen Arm. Sie würde er noch abliefern, dann konnte er nach Hause fahren und sich in sein Bett fallen lassen. Vielleicht war er sogar noch fähig etwas zu lesen - vielleicht. Aber eigentlich war er nur mehr hundemüde.
Dem Steg folgte er nach links zu der Treppe, die auf die Straße hinunter führte. Zuerst erkannte er dort nur eine unförmige Masse, doch je näher er kam desto deutlicher wurde es, dass dort unten, am Fuß der Treppe, jemand saß. Die weite Jacke verlieh der Person Unförmigkeit. Lange, dunkle Haare fielen auf diese Jacke und ließen die Grenzen verschwimmen.
Nick kam die Treppe herunter. Laut genug um sie nicht zu erschrecken. Aber sie wandte sich nicht um. Sah nicht nach ihm. Sie blieb ganz still sitzen, drückte sich zur Seite in die Ecke und machte sich so klein wie nur irgend möglich. Und Nick sah nicht hin. Er hätte auch nichts gesehen, denn sie hielt den Kopf gesenkt und die Haare fielen in ihr Gesicht.
Trotzdem war er sich sicher, dass sie weinte.
Die Bewegung aber riss ihn weiter nach vorne, verhinderte ein Stehenbleiben, ja selbst ein Stocken seiner Schritte. Und dann, mit jedem Schritt den er ging, weiter ging, weg von ihr ging, wurde es ihm immer unmöglicher sich doch noch einmal umzudrehen. Eigentlich fühlte er in sich das Bedürfnis stehen zu bleiben, sich umzudrehen, das ängstliche Wesen zu fragen. Aber seine Beine schienen von einem eigenen, strengeren Leben erfasst. Schienen sich strikt dagegen zu weigern. Trugen ihn weg, fort und mit jedem Schritt den sie machten wurde auch sein Wille schwächer. Einzig nur mehr aufrecht erhalten von dem Blick, der sich an seinem Rücken fest brannte. Er war sich sicher, dass sie nicht aufgesehen hatte, dass sie ihm nicht nachsah und doch klebte etwas zwischen seinen Schultern, zog ihn zurück um aber spurlos zu verlöschen, als er um die Ecke in die nächste Gasse bog.
Eigentlich hatte Nick sie schon vergessen, als er mit dem großen Lieferwagen wieder um die Ecke kam. Zu viel anderes schwirrte in seinem Kopf herum. Die Kegel der Scheinwerfer huschten über die stumpfgrauen Lackierungen der parkenden Wagen, tasteten sich über den abgeblätterten Verputz der Häuser um endlich die Treppe zu finden und das zusammengekauerte Mädchen an ihrem Fuße.
Mit einem Schlag war alles wieder da, was er so schnell weggewischt hatte, als er um die Ecke gebogen war. Er meinte sogar wieder ihren Blick in seinem Rücken zu fühlen, aber in seinem Rücken, da war nur der kalte Kunststoffsitz. Also war alles nur Einbildung und überhaupt nichts als Dummheit. Es war ein langer Tag gewesen und er war rechtschaffen müde. Hundemüde. Und außerdem waren da noch die beiden scheibenförmigen Blechdosen abzuliefern und das alles ging ihn überhaupt nichts an. Abgesehen davon konnte sie schließlich sitzen wo sie wollte. Schließlich lebte man in einem freien Land. Wahrscheinlich wollte sie allein sein. Nichts war ihr wohl unangenehmer, als wenn sie jetzt jemand ansprechen würde. Und, wirklich, es ging ihn nichts an. Absolut nichts.
Bei diesem Gedanken rollte er gerade an ihr vorbei und brachte den Kastenwagen in der nächsten  Hauseinfahrt zum Stehen.
Ohne noch einen weiteren Gedanken stieg er aus und ging zu ihr auf die andere Straßenseite hinüber. Sie saß noch immer zusammengesunken in die Ecke gedrückt und verbarg ihr Gesicht in den Händen unter dem herabfallenden, dunklen Haar. Vorsichtig setzte sich Nick auf die gleiche Stufe und sah stumm geradeaus. Überrascht stellte er fest, dass er sich dabei keineswegs besonders dumm vorkam. Ganz im Gegenteil.
Die Lichterflecken der Laternen zerrissen die Gasse zornig in kahle Fetzen, ihr leises Schluchzen neben ihm schien leiser zu werden und er sah noch immer geradeaus. Mit einem Mal wurde ihm klar, dass in dieser verwinkelten Finsternis etwas ganz Besonderes lag. Etwas, dass scheinbar schon seit ewigen Zeiten da war, um ihn war, nur war es ihm bisher kaum aufgefallen. Er empfand diese Ahnung der Ruhe und der Beständigkeit aus den Tiefen der undurchdringlichen Schatten herauf, dieses Gefühl einer unerschütterlichen Ewigkeit zwischen den Dächern, die im Widerschein der Laternen dunkel glühten, dieses Vibrieren einer Kraft die bis hinauf zu den Sternen reichte, während diese, kaum sichtbar zwischen all der Lichterpracht, stumm, kalt und ignorant glitzerten.
"Komm”, sagte er leise. "erzähl' mir was passiert ist.” Und er war erstaunt darüber, wie ruhig und sicher seine Stimme klang. Aber sie reagierte nicht. Saß nur still, klein und übersehbar da und verbarg ihr Gesicht hinter ihren Händen.
Nick zog seine Jacke enger und sah geradeaus in das fleckige Dunkel ohne etwas wahrzunehmen. Er saß nur da und sah einfach hin. Die Schatten verwischten sich ineinander und woben ein vielfältiges Muster wie eine schützende Decke. Weiter oben, in der großen Querstraße, da donnerte ein Wagen vorbei. Erhellte für einen kurzen Augenblick mit seinen Scheinwerfern einen kleinen Teil der engen Gasse und war schon wieder vorbei. Langsam verlor sich das Röhren des aufgepeitschten Motors in der Ferne. So, als würde er in eine tiefe, undurchdringlich schwarze Schlucht des Vergessens stürzen.
Allmählich wurde es wieder ruhiger in der engen Gasse. Die kleinen Geräusche kamen wieder aus ihren Schlupfwinkeln unter den Schatten hervor und begannen die Schlucht zwischen den Häusern auszufüllen. Ein Fernsehgerät schepperte, irgendwo oben hinter einem nur halb geschlossenen Fenster. Die dumpfe Musik aus dem Lokal. Das Knacksen des abkühlenden Motors. Das leise Gurgeln aus dem Kanal. Nicks Stimme auf der Treppe.
"Na komm”, meinte er noch einmal und wandte ihr den Kopf ein wenig zu. Sie legte ihre Hände auf ihre Knie, straffte ihren Rücken und atmete tief durch. Aber sie sah ihn noch immer nicht an.
"Ich bin weggerannt”, sagte sie mit so leiser und erstickter Stimme, dass Nick sich etwas nach vorne beugen musste um sie verstehen zu können.
"Warum?"
Sie schien ihm alt genug zu sein um kommen und gehen zu können, wann immer sie wollte. Doch statt einer Antwort wandte sie ihm ihr Gesicht zu.
Nick verstand. Vorsichtig nahm er ihr Kinn zwischen zwei Finger und drehte ihren Kopf noch ein wenig weiter, hob ihn noch ein wenig mehr ins Licht um besser sehen zu können. Auf der linken Seite, unter dem Jochbein breitete sich ein dunkler Fleck, der bereits begann von grün zu blau zu wechseln, das Kiefer war geschwollen und als er den Rand der Platzwunde über dem rechten Auge vorsichtig untersuchte, zuckte sie zwar ein wenig zusammen, hielt aber gleich wieder still. Auch verstand er jetzt, weswegen sie so vorsichtig sprach. Ihre aufgeschlagenen und verschwollenen Lippen hatten irgendwann zu bluten aufgehört und waren verschorft und brüchig.
Nick ließ sie los und versuchte ein wages Lächeln.
"Du wirst ein paar Tage keinen Lidschatten brauchen, aber sonst ist es nicht allzu schlimm. - Vom medizinischen Standpunkt aus und mal vollkommen ungeachtet der Frage, ob so etwas überhaupt notwendig ist.”
Genauso starr wie sie weggesehen hatte, genauso sah sie ihn jetzt an. So, als würde sie auf etwas warten und doch gleichzeitig hoffen, dass er die Frage nicht aussprechen würde. Ihn aber interessierte es nicht. Nick dachte viel praktischer. Erstmal holte er seine zerknitterten Zigaretten aus der Jackentasche und hielt ihr die Packung hin.
Zögernd nahm sie eine und führte sie mit spitzen Fingern vorsichtig an ihren verschwollenen Mund. Nick ließ das Benzinfeuerzeug aufspringen und grell erleuchtete die hohe Flamme die Stufe auf der sie saßen. Erst jetzt, in der unverschämten Helligkeit des Feuerzeuges erkannte er, dass sie kaum älter als zwanzig sein konnte. Und leidlich hübsch. Normalerweise, wenn die Schwellungen zurückgegangen waren, sie geschminkt und nicht so hilflos verheult war. Und er erkannte, wer immer es auch getan hatte, er hatte ganz ordentlich zugelangt und beträchtliche Übung.
"Freunde?"
Er hielt seine Zigarette in die Flamme und sah sie darüber hinweg fragend an.
"Mein Freund. Ich wohne bei ihm. In letzter Zeit haben wir schon oft gestritten und heute ist er wie immer besoffen nach Hause gekommen und ...”
Mit einem Schwung klappte Nick das Feuerzeug wieder zu und winkte ab.
"Ich habe eigentlich gemeint, ob Du Freunde hast zu denen Du gehen kannst.”
Sie sah ihn mit großen Augen an und schüttelte dann langsam den Kopf.
“Eine Freundin - vielleicht. Aber die kommt erst morgen. Mit dem Zug. Und ich hab keinen Schlüssel zu ihrer Wohnung.”
Nick sog an seiner Zigarette und sah nachdenklich nach oben. Zu den fernen, arroganten Sternen. Zu den paar, die sich neugierig in dem schmalen Spalt zwischen den Häusern drängten. 
"Geld für ein Hotelzimmer ist wohl auch keines da? Oder?", wollte  er wissen und sie hob seufzend die Hände.
"Ich hab nichts mitgenommen, als ich weg bin. Und außerdem - soll ich vielleicht so wie ich aussehe in ein Hotel gehen?!"
"Warum denn nicht?" Er zuckte mit den Schultern. "Das ist auf jeden Fall, glaube ich, immer noch das kleinere Problem. Dass größere ist, dass ich selber nur mehr einen knappen Fünfziger besitze. Und damit bekommen wir beileibe kein Bett für Dich.“
„Komm, überleg' noch einmal“, setzte er nach einer kleinen Pause wieder an. „Gibt es wirklich niemanden zu dem Du gehen kannst? Ich meine, Du wirst doch nicht die ganze Nacht hier sitzen bleiben wollen?"
"Nein, will ich nicht”, gestand sie erschrocken ein und rückte noch ein wenig weiter in die Ecke, lehnte sich gegen die Mauer und sah ihn fragend an.
"Hast Du eine bessere Idee?"
Langsam ließ Nick die Zigarette zwischen seinen Fingern hin und her rollen und betrachtete sie dabei angelegentlich. Es hatte eigentlich so überhaupt nicht den Anschein, als würde er nachdenken. Es sah viel eher aus, als wäre ihm die ganze Sache egal. Aber sie hätte sich getäuscht, wenn sie das von ihm angekommen hätte. Wieder zuckte Nick mit den Schultern.
"Zurückgehen ist wohl nicht drinnen?"
Auf dieses Ansinnen gab sie ihm zwar keine Antwort, aber ihr Blick war ihm auch Antwort genug. Er lehnte sich zurück und sah wieder nach oben.
“Eigentlich solltest Du Dir die Wunden ansehen lassen. In einer Ambulanz gibt es aber das gleiche Problem wie in einem Frauenhaus.”
„Die stellen nur lauter dämliche Fragen“, knurrte sie. „Geben dir Adressen, sagen dir, wie blöd du nicht bist und werfen dich wieder raus. Oder sie holen die Schantis! Die Typen kugeln sich dann vor Lachen und erklären, du wärst sicher selber schuld. Dann machen sie ein Protokoll, melden es weiter, mein Freund bekommt Schwierigkeiten und ich wieder Schläge. Nein! Kein Spital!“
So jung sie war, trug sich doch schon einen reichen Schatz an Erfahrung mit sich herum, offensichtlich.
Seine Zigarette flog in hohem Bogen als glühender Punkt auf die Fahrbahn hinaus und rollte dort noch ein wenig im Kreis bevor sie liegen blieb.
"So auf die Schnelle fällt mir dazu nur noch eines ein”, meinte er und kratzte sich am Kopf. "Ich selbst schlafe momentan in der Wohnung eines Freundes, weil der unterwegs ist und ich keine eigene habe. Die Wohnung ist zwar verdammt klein, aber für eine Nacht müsste sich das schon irgendwie machen lassen.”
Ihr Gesicht bekam einen ziemlichen erschrockenen und leicht angeekelten Ausdruck. Und sie senkte ihren Kopf wieder bis der Schwall aus dunklen Haaren alles verdeckte.
Nick schien über diese Reaktion keineswegs verwundert. Er beobachtete sie und grinste zynisch.
"In dieser verkommenen Welt kann man doch wirklich nichts mehr sagen ohne gleich missverstanden zu werden”, lachte er freudlos. "Ich habe zwar gesagt, dass die Wohnung klein ist, aber sie ist immer noch groß genug für zwei Schlafgelegenheiten - in zwei verschiedenen Räumen.”
Langsam hob sich ihr Kopf wieder und sie sah direkt in seine lachenden Augen. Und in diesem Lachen war etwas, dass sie mit riss wie ein reißender Strom.
Nick stand auf und klopfte sich die Jeans ab.
"Ob Du jetzt hier oder dort vor der Wohnung auf der Straße sitzt, ist schon ziemlich egal. Außerdem muss ich vorher noch ein paar Sachen abgeben und ansehen kostet nichts. Und selbst wenn Du nicht willst, dann ist immerhin ein wenig Zeit vergangen und es dauert nicht mehr so lange bis deine Freundin ankommt.”
Sie sah zu ihm hinauf und überlegte einen langen Augenblick. Dann versuchte sie ein Lächeln soweit es ihre Lippen erlaubten und stand auf.
"Wer weiß, wozu es gut ist”, meinte sie und folgte ihm zum Wagen.
In den Straßen herrschte wenig Verkehr und Nick steuerte den Kastenwagen sicher durch die Stadt. Das Dröhnen des Motors verhinderte von vorne herein jedes Gespräch. Nur einmal meinte er mit einem Seitenblick: "Übrigens, ich heiße Nick.”
"Und ich Lisa”, sagte sie und überlegte, ob sie ihm wohl die Hand geben sollte, aber er enthob sie dieser Entscheidung. Denn er hielt das Lenkrad mit beiden Händen und sah wieder stumm geradeaus auf die Straße. So, als hätte er schon wieder vergessen, dass da jemand neben ihm saß. Ihr fiel auf, dass er ihr überhaupt nicht nahe gekommen war. Weder hatte er seinen Arm um ihre Schultern gelegt um sie zu trösten noch hatte er versucht ihren Arm oder ihre Hand zu berühren. In seiner Ruhe und Selbstverständlichkeit verwunderte er sie immer mehr. Und große Augen bekam sie, als sie das riesige, leuchtende Zeichen der Fernsehanstalt erkannte. Mit einem Gruß fuhr er ohne anzuhalten durch den sofort geöffneten Schranken und schien sich überhaupt sehr gut auszukennen. Vor einem der Eingänge hielt er an aber ließ den Motor laufen. Die beiden Blechdosen holte er sich wortlos von der Rückbank und ein paar Blatt Papier aus der Ablage. Dann war er auch schon aus dem Wagen und durch den hell erleuchteten Eingang verschwunden. Wenige Augenblicke später war er wieder da. Ohne Dosen und ohne Papier. Er schwang sich wieder in den Sitz, fuhr an und hinaus unter dem Schranken.
"Was machst Du eigentlich so?", wollte sie wissen und es hätte eigentlich ganz beiläufig klingen sollen. Aber er lachte auf.
"Nein, nein”, winkte er ab, "was immer Du jetzt denkst - vergiss es wieder. Ich bin nur ein ganz kleines Rädchen in dem großen Getriebe. Ich bin so was von klein, dass die mittelgroßen Rädchen nicht mal in ihren kühnsten Träumen eine Ahnung davon haben, dass es mich überhaupt gibt. Und das ist schon verdammt klein!"
"Ich wollte wissen was Du machst, nicht was Du bist!", wies sie ihn zurecht. Ein wenig verärgert darüber, dass er sie so rasch durchschaut hatte.
"Techniker”, antwortete er. "Ganz Kleines vom Techniker. Würde ich sonst jetzt noch arbeiten?"
Sie lachten beide und dann erzeugte das Kopfsteinpflaster entlang dem dunklen Schatten von Schloß Schönbrunn genug Geräuschpegel um jedes weitere Gespräch bereits im Keim zu ersticken. Aber zehn Minuten und etliche Straßen später bremste Nick ab und manövrierte den großen Ford in eine kleine Parklücke.
"Sieh es Dir einmal an. Dankend ablehnen kannst Du immer noch”, meinte er, als er ausstieg und den Wagen versperrte. Dann ging er voraus auf einen Hauseingang zu ohne sich weiter um sie zu kümmern. Zögernd folgte sie ihm und es war ihr tatsächlich lieber so. Seine klare, nüchterne, ja schon etwas kalte Art war ihr lieber, als wenn er sie zu liebenswürdig bemuttert hätte. Einerseits. Andererseits wurde sie sich bewusst, dass sie seine Nichtachtung schon beinahe ein wenig beleidigte und in ihrer Ehre als Frau traf. Verwundert über sich selbst schüttelte sie leicht den Kopf und nannte sich still ein dummes Huhn.
Im heruntergekommenen Hausflur folgte sie ihm die gewundene, ausgetretene Treppe hinauf und dachte die ganze Zeit an das verschlossene Haustor hinter sich. Er hatte aufgesperrt und hinter ihnen wieder abgeschlossen. Natürlich hatte er das! Und trotzdem nannte sie sich selbst jetzt verrückt! Sicherlich würde er auch die Wohnungstüre hinter ihr versperren und dann konnte er sie nach Herzenslust vergewaltigen. Sooft und wie er nur wollte. Und sie konnte nichts dagegen tun. Nicht einmal anzeigen konnte sie ihn. Schließlich war sie ja freiwillig mitgegangen, würden sie sagen. Jeder würde sie auslachen. Sicherlich würde er sie vergewaltigen. Vielleicht würde er sie sogar töten, aber ganz sicher vergewaltigen. Er würde ihr weh tun, da war sie sicher - und trotzdem tapste sie wie hypnotisiert hinter ihm her. Ihr war kalt und das Blut in ihrem verschwollenen Gesicht pochte schmerzhaft gegen Haut und Knochen. Sie wickelte sich enger in ihre Jacke, aber die Kälte blieb. Und der Schmerz blieb. Und eigentlich war sowieso schon alles egal.
Er sperrte eine abgegriffene braune Tür aus Holz und klopfte dabei mit dem Knöchel gegen das Namensschild.
"Ist ein Freund von mir. Er hat die Wohnung nur, weil er ab und zu in Wien ist und sich eigentlich kein Hotel leisten will. Und ich will es ihm nicht ausreden. Immerhin kann ich hier wohnen bis ich selbst was gefunden habe.”
Sie starrte zwar das Türschild an, aber sie war außerstande den Namen darauf zu entziffern. Mit einem Mal war all die Müdigkeit wieder da, lähmte ihre Glieder und machte sie unfähig die tanzenden Buchstaben vor ihren Augen zusammen zu setzen. Sie wollte sich nur mehr hinlegen und die Augen schließen. Sollte er doch mit ihr machen, was er wollte. Es war sowieso schon alles einerlei. Hauptsache, sie konnte sich endlich irgendwo ausstrecken und die Augen zufallen lassen. Aber er blockierte die Tür drehte sich nochmal zu ihr.
„Toilette ist die nächste Tür, der Schlüssel ist hier an der Wand.“
Wie bei ihren Eltern zu Hause, eine Toilette für mehrere Wohnungen, keine neue Erfahrung für sie. Diese Wohnung selbst war nicht klein, sie war winzig. Nach zwei Schritten wusste sie es. Zwei Räume in denen man gerade noch aneinander vorbei gehen konnte und ein dritter etwas größerer in dem ein Tisch und ein Bett standen. Ein Bett das nicht einmal ein Bett war. Es bestand nur aus zwei übereinander gelegten Matratzen. Auf dem Tisch türmte sich alles mögliche aus Papier und Bierflaschen. Gleich neben der Eingangstür war da noch ein Waschbecken, ein Kühlschrank und ein Herd. Und im größeren Raum jede Menge Bücher auf dem Boden, denn Regale waren nicht vorhanden.
"Und wo, bitte, soll ich hier schlafen?", rief sie überrascht.
"Du im Bett”, entgegnete er unbekümmert und versuchte die Decke etwas glatt zu streichen, "und ich habe hier hinten noch eine Matratze, die kann ich mir in den Nebenraum legen. Die Türen kann man zwar nicht versperren, aber ich kann Dich beruhigen: Hier gibt es wirklich nichts zu stehlen!"
Sie fuhr herum und wollte ihn böse anfahren, aber im selben Augenblick erkannte sie, dass er nicht das gesagt hatte, was er ihr hatte mitteilen wollen. Er hatte ihr sagen wollen, dass sie keine Angst zu haben brauchte und doch hatte er es nicht so direkt formulieren wollen. Hatte den Umweg über diese so offensichtlich sinnlose Bemerkung genommen. Sie wollte ihm eigentlich antworten, dass sie verstanden hatte, was er ihr mitzuteilen versuchte. Und dass sie niemals auch nur angenommen hätte, er  könnte – würde die Absicht haben - vielleicht -
Es bleib bei dem Gedanken aber Nick schien sie auch nicht mehr zu beachten. Er hatte sich daran gemacht die Sachen in dem kleinen Nebenraum in einem Eck zu türmen und auf der frei gewordenen Fläche die einzelne Matratze aufzulegen. Sie stand noch immer unschlüssig unter dem leeren Türstock dessen Lack schon begann abzublättern, die Arme in der dicken Jacke eng um den Körper geschlungen und sah ihm zu. Nick faltete ein Leintuch auseinander, hielt es mit weit ausgestreckten Armen und wollte es über die Matratze werfen. Aber er tat es nicht. Er sah auf und sah sie an. Für einen langen kleinen Augenblick lang sah er ihr in die Augen. Blieb er starr und sah sie nur stumm an. Dann warf er mit einer ruckartigen Bewegung das Leintuch über die wartende Matratze. Konzentrierte sich auf die Falten, die er durch Nachspannen zu entfernen suchte. Ohne seinen Kopf zu heben meinte er dabei leise: "Ich bin ziemlich müde. Ich meine, ich werde heute wohl kaum mehr einen besonders geistreichen Gesprächspartner abgeben.”
Als er wieder aufsah, war die Tür leer.
In dem kleinen Zimmer drehte sie sich unschlüssig hin und her, sah aus dem Fenster, betrachtete die Bücher und immer öfter sah sie zu dem Bett hin. Dann endlich gab sie sich einen Ruck, streifte die Jacke und Schuhe ab und schlüpfte aus ihrer Hose. Noch ein kurzer Augenblick des Überlegens, dann zog sie auch noch ihre Bluse über den Kopf, ließ alles neben dem Bett zu Boden fallen und kroch schnell unter die Decke.
Kalt war es dort und fröstelnd zog sie die Beine an. Unruhig drehte sie sich hin und her und entschloss sich dann doch auch ihren BH abzulegen. Sie öffnete den Verschluss, schlüpfte heraus - und erstarrte in der Bewegung.
"Kann ich hereinkommen?"
Es klang dumpf. Von draußen, vor der Tür und sie überlegte fieberhaft. Aber eigentlich war es schon egal, was immer sie jetzt auch tat. Eines stand fest - sie saß in der Falle.
"Ich bin schon im Bett!", rief sie und zog die Decke noch fester um sich.
"Dann bleib’ auch dort”, klang es wieder dumpf von draußen. Und nach einer kleinen Weile: "Okay?"
Behutsam knarrend öffnete sich die Tür und er streckte seinen Kopf herein.
"Hier hast Du einen Pyjama von mir, es ist schon ziemlich kalt. Und den Wecker habe ich oben auf gelegt. Ich kann morgen lange schlafen und werde auch genau das tun, aber vielleicht musst oder willst Du schon zeitig irgendwo sein.”
Er machte eine kleine Pause und betrachtete nachdenklich den zierlichen, hellen Fleck ihres Gesichtes im dunklen Meer des Bettbezuges. Nur die Straßenlaterne vor dem Fenster warf ein wenig von ihrem kümmerlichen, kalten Licht in den Raum.
"Morgen ist auch noch ein Tag”, meinte er und lächelte leicht. Dann sagte er noch: "Versuch zu schlafen”, und schloss die Tür hinter sich.
Sie sah die verschlossene Tür an, unter der er eben noch gestanden hatte und sie sah noch lange dorthin, während sie zu begreifen versuchte, warum Menschen so verschieden waren.
Als ihr dann endlich die Augen zufielen schlief Nick schon längst.







Der Bus rumpelte vorne an etwas auf und dann noch einmal mit den Hinterrädern darüber. Nick schwang sich hoch und kam gemächlich nach vorne.
"Was war das? Hast Du einen Tramper überfahren?"
Tonio lachte auf und leistete sich einen kurzen Seitenblick.
"Die sind nicht so stabil”, meinte er und zog eine Grimasse als würde er zerquetscht. "Könnte wohl eher ein Motorradfahrer gewesen sein.”
"Wäre schade um das Bike - was war's wirklich?"
Tonio zuckte mit den Schultern und deutete nach vorne.
"Scheint, sie haben die Fahrbahnschäden wieder mal ausgebessert. Das heißt, wo vorher ein Loch von fünf Zentimeter Tiefe war ist jetzt ein Hügel von zehn Zentimeter Höhe. Damit es auch ja gleich auffällt, wo sie die Fahrbahn ausgebessert haben.”
Nick lachte, setzte sich und ließ dabei ein Bein über die Armlehne des Beifahrersitzes hängen.
"Wie weit haben wir noch bis zur Grenze?"
Tonio sah auf den Kilometerzähler und beobachtete, wie sich die Walze weiter fraß. Dann gähnte er erstmal lang und ungeniert und grinste bösartig.
"Ich hab' keine Ahnung, wie weit wir noch von der Grenze weg sind”, gestand er und weidete sich an Nicks ungläubigen Blick. "Aber bis zur italienischen Grenzstation sind es nur noch zehn Kilometer. Wenn Du aber unbedingt wissen willst, wo die Grenze tatsächlich verläuft, dann kann ich Dir beim besten Willen nicht helfen.”
Nick ließ den Kopf zurückfallen und breitete seine Hände mit einer untrüglichen Geste der Resignation aus.
"Und ich Idiot falle Dir darauf auch noch herein!"
"Jawohl, Idiot”, wiederholte Tonio militärisch getreu und grinste breit. Um sofort, mit Nicks Faust, auch seine Hand abwehrend zu heben.
"Es wird gebeten den Fahrer nicht zu schlagen - sagst Du immer in solchen Fällen!"
Sie lachten und Nick nahm das Bein von der Armlehne herunter um beide Füße vor sich auf der Ablage zu deponieren.
"Wer macht eigentlich die Zollabfertigung? Du oder ich?"
"WILLST Du sie machen?", gab Tonio die Frage hinterhältig zurück und Nick lachte auf, nahm die Füße wieder herunter und begann nach seinen Zigaretten zu suchen.
"Och, weißt Du”, meinte er so nebenbei, "eigentlich dränge ich mich nicht so sonderlich um diesen Job. Hast Du nicht Lust?"
Endlich hatte er die Packung Nazionale aus seiner Jacke gefunden, drehte sie jetzt unschlüssig zwischen seinen Fingern hin und her und betrachtete sie nachdenklich. Zerrissen war sie, zerknittert - und bereits halb aufgeraucht.
"Und außerdem”, rief er aufgebracht, "qualmst Du hemmungslos meine Tschik und dazu noch in einem Tempo, dass die Packung wahrscheinlich nicht einmal mehr bis zur Grenze reicht!"
Er zündete sich selbst eine an und warf die Packung wieder nach vorne auf die Ablage.
"Also, was ist?" fragte er, blies den Rauch aus und legte seine Füße wieder vorne auf. "Verstehen Sie die Beweislast, Angeklagter? Bekennen Sie sich schuldig? Anerkennen Sie die Strafe? Angeklagter, Sie haben das Wort.”
Tonio zuckte nur noch mit den Schultern, machte einen so zutiefst zerknirschten Eindruck, das ihm Nick den sowieso nicht abkauften konnte und gab sich geschlagen. Dabei schaltete er erst einmal um einen Gang zurück. Es war nicht mehr weit bis zur Grenzstation.
"Ach Scheiße”, meinte er dann doch. "Was soll’s. Dann mach ich halt den Job.”
Grinsend stand Nick auf und klopfte ihm auf die Schulter.
"Ich wusste doch, dass Du ein netter Junge bist. Außerdem habe ich läuten hören, dass sie irgendwas vorhaben mit einer Grenzerleichterung, wenn einmal die Europäische Union kommen sollte. Dann wird alles viel einfacher. Sagen die Politiker.”
"Ach komm - sagen die Politiker - halt dein Maul und verschwinde”, brummte der Italiener zur Antwort und hielt den Bus endgültig an.
Die Mautstelle leuchtete grünlich im Dunkel der Nacht wie ein alter, heidnischer Opferplatz. Wobei die Bögen über die Straße den Übergang in eine andere, eine bessere Welt symbolisierten. Je einen für PKW, für PKW mit Anhänger, für LKW und für Busse. Aber dieser heidnische Opferplatz, der zu Ehren der Götter der Straße und des Reisens errichtet worden war, stand einsam und ein wenig verlassen in der Finsternis. Nur ein Wagen hatte eben sein Opfer entrichtet um sich den Gott wohlgesonnen zu machen und schickte sich nun an, weiter zu reisen. Vor ihnen stand dann nur noch ein mit Palmen bepinselter Bus aus Rom der gleichzeitig als Plakatwand für seinen Besitzer zu dienen schien und das schönste Reisen der Welt versprach.
Während dessen Fahrer sich aus dem Wagen beugte um mit dem Priester der Straße über die Opfergabe zu verhandeln tobte im Inneren des Busses ein wahrer Wirbelsturm. Besser gesagt, es tobten viele kleine Wirbelstürme. Und Nick fragte sich, was wohl ein Bus mit so vielen Kindern, irgendwo zwischen acht und zehn, um diese Tageszeit noch auf der Straße zu suchen hatte. Doch Tonio bewies wieder einmal, dass er sich viel weniger Gedanken machte und an wesentlich naheliegendere Dinge dachte.
"Also, mit der Masse Gören zu fahren muss wohl das Schlimmste sein, was Dir in diesem Job unterkommen kann. Ich wusste doch, warum ich nie Berufskraftfahrer werden wollte!"
"Nur Nitroglyzerin ist schlimmer”, stimmte ihm Nick zu und beide beobachteten wie die lieben Kleinen die Schalensitze zerlegten um mehr Munition für eine Art Polsterschlacht zu haben. Da die Teile Kanten aus Plastik und Metall hatten und sie damit auf einander eindroschen, würde das wohl allerlei Blessuren geben.
"Also ich fahr' lieber Nitro als fünfzig von diesen Rabauken!", rief Tonio erschrocken und fuchtelte mit den Händen in der Luft herum. Nick klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und bedeutete ihm hinter dem abfahrenden Reisebus aufzurücken.
"Zu Kindern kannst Du sagen, dass sie ruhig sein sollen. Und schlafen müssen sie auch - manchmal - von Zeit zu Zeit. Nitro schläft nie und weißt Du, was geschieht, wenn Du Nitroglyzerin bittest nicht zu explodieren?"
"Weißt Du was geschieht, wenn Du Kinder bittest ruhig zu sein? Also mit Spregstoff hast Du anscheinend schon mehr zu tun gehabt als mit Kindern, sonst würdest Du wissen, was geschieht, wenn Du Kinder bittest ruhig zu sein. - Und wo um alles in der Welt hast Du unser Ticket hin getan?", rief der Mann hinter dem Lenkrad aus und Nick holte den Computerabschnitt aus der Tasche hinter der Sonnenblende, hielt ihn Tonio unter die Nase und fing wieder an nach hinten zu wandern nachdem der kleine Italiener den Abschnitt gegrapscht hatte.
"Dio!" Tonio schlug mit der flachen Hand auf das Lenkrad, wandte sich dann um und rief nach hinten: "Nick, hast Du vielleicht noch siebenhundert Lire einstecken?"
Nick hatte. Er reichte ihm die Münzen nach vorne und setzte sich dann doch in die Reihe hinter dem Fahrersitz.
Tonio fuhr wieder an und allmählich blieb das Licht der Mautstelle hinter ihnen zurück. Der Bus kroch jetzt langsam eine Steigung hinauf und nach einer Kehre sah Nick den hellen Fleck der Station unter sich liegen. Zart und zerbrechlich in der mächtigen, alles umfassenden, alles verschlingenden Dunkelheit.
Er dachte an die Station und er dachte an die Kinder in dem Bus vor ihnen. Tonio mochte recht haben, wenn er meinte, Nick wisse nicht besonders viel über Kinder. Tonio hatte sicherlich recht. Aber Nick dachte in diesem Augenblick daran, dass diese Station ja doch auch nichts anderes war, als ein kleines, aufmüpfiges Kind, das versuchte, sich in dieser Dunkelheit zu behaupten. Dass dieser kleine Lichtfleck seine ganze Berechtigung, seine Ausstrahlung, seine Kraft nur durch die bedrohliche Finsternis ringsum erhielt.







Das Gewirr der Menschen war unübersehbar. Es schien so, als hätte sich die ganze Stadt eingefunden um jetzt und hier und sofort einzukaufen. Heiß war es, das beste Geschäft machten die Eisverkäufer und in den Auslagen der Einkaufsstraße türmten sich die Statussymbole ohne die der normale Mensch nicht mehr leben konnte. Wenn man der Werbung Glauben schenken wollte. Aber diese normalen Menschen hasteten davor auf und ab und würdigten sie keines Blickes. Die einzigen, die sich ab und zu interessiert nach etwas umsahen, das waren die Bauarbeiter, die irgendwann einmal die gesamte Fahrbahn aufgerissen hatten um sich in tiefen Löchern einzugraben. Und wenn sie dann so in ihren Gruben standen und schwitzten, und manchmal nach oben sahen, dann konnte es schon sein, dass da etwas war, das ihre Aufmerksamkeit beträchtlich ablenkte.
Es war heiß an diesem Tag, das beste Geschäft machten die Eisverkäufer und die Mädchen trugen auf ihrer eigenen, zarten, weichen, braunen Haut nur mehr sehr wenig Textil. Und selbst dieses Wenige war meist so drapiert, dass manchem - beinahe - die Schaufel aus der Hand fiel.
Nick ging es da keineswegs besser. Zwar stand er nicht in der brütenden, staubigen Hitze der Baustelle sondern saß im Schatten der Markise an einem kleinen Kaffeehaustischchen und schlürfte schon ziemlich lange an seinem Mokka herum. Aber abgelenkt war auch er. Schuld daran war, so gestand er sich ohne weiteres ein, nur die unfassbare Masse von Miniröcken, Minikleidchen und T-Shirts, die dank ihrer Armlöcher und Ausschnitte eigentlich nur mehr rein dekorativen Charakter hatten. Jedes Rote-Laternen-Viertel musste ob dem Aufgebot so einer Masse an zartem Fleisch und durchaus auch an Schönheit vor Neid erblassen. Und die Hitze trieb nicht nur den Rocksaum immer höher hinauf, auch das Blut der Menschen brachte sie in Wallung. Nick bildete sich nicht ein, da eine Ausnahme zu sein. Auch ihn und gerade ihn ließ diese Show nicht kalt. Sonst wäre er wohl schon längst aufgestanden und irgendwo herum gewandert. So aber blieb er sitzen und schaute und schaute und konnte sich einfach nicht satt sehen. Er kam sich vor wie ein Tourist der zum ersten Mal auf der obersten Plattform des Eifelturms steht. Wie ein Kind, das Riesenrad fährt. Wie ein Bankräuber vor einer offenen Tresortüre. Wie die Lady vor Tiffeny's.
Irgendwann hatte er dabei an seinem Tischchen aber aufgehört, diese Frauen und Mädchen unterscheiden zu wollen. Auf den Gedanken, heraus zu finden, welche von ihnen ihm am Besten gefiel und wohin sie gingen kam er erst gar nicht. Zu abwegig war ihm der Gedanke, dass diese Menschen etwas mit ihm zu tun hätten. Er saß einfach nur da und freute sich an all dieser Schönheit und daran, dass es ihm vergönnt war, sich daran erfreuen zu dürfen. Und wer konnte es ihm verübeln? Keiner, der fähig war, die Schönheit der Akropolis unter strahlend blauen Himmel zu sehen, wer den Red-Wood-Forest verstand, wer sich am Geschmack der kristallklaren Wellen eines karibischen Strandes erfreuen konnte. Wer jemals inmitten einer blühenden Wiese gelegen hatte, mit geschlossenen Augen oder dem Spiel des Windes und der Wolken folgend, der konnte ihm das sicherlich nicht verübeln. Schönheit musste man anerkennen wo und wann man sie erkannte. Und dass man ihr, allein schon durch seine Aufmerksamkeit Anerkennung zollte, das war wohl nur recht und billig. Denn obgleich schon die Natur Schönheit schenken konnte, so lag es doch immer am Menschen diese optische Schönheit verkommen zu lassen oder sie mit Mühe zu pflegen und zur Blüte zu bringen. Und Nick erschien es wohl ebenso schwierig ein Kampfflugzeug zu fliegen wie ein ordentliches Make-up aufzulegen. Schönheit war eben in gewissem Sinne doch auch eine Leistung. Ob es dabei die Mona Lisa im Louvre war oder die Liesl aus Penzing, das war wirklich einerlei. Nur machte es der Mona Lisa sicherlich weniger aus. Denn sie zu küssen hatte schon lange niemand mehr versucht. Und hinterher gepfiffen wurde ihr auch nur äußerst selten. Höchstens leise und anerkennend von einem Kunststudenten, der sie zum ersten Male leiblich sah. Niemals aber rüde, selbstherrlich und mit einer dämlichen Bemerkung garniert. Vielleicht gab es doch diesen kleinen Unterschied zwischen den Menschen die Schönheit anerkannten und den Typen, die sie nur erkannten.
Und manchmal, da konnte auch Schönheit geradezu unerträglich werden. Vor allem dann, wenn man einfach nicht und nicht abstumpfen wollte.
So wie der junge Mann, der nur wenige Schritte von Nick entfernt am Boden saß und versuchte, mit einer Kelle und etwas Beton eine neu verlegte Leitung zu verputzen. Immer wieder streiften die wohlgeformten, nackten Beine dicht an seinem Kopf vorbei und Nick beobachtete interessiert wie dieser junge Mann immer mehr verlor, was ihm an Ruhe und Gelassenheit noch geblieben war.
Er mochte so um die Mitte Zwanzig sein, was aber gar nichts besagen musste. Nick brachten so viele Aussichten kaum aus der Ruhe und er empfand beinahe so etwas wie ein leises Bedauern, dass dem so war. Dem jungen Mann hingegen fiel es sichtlich immer schwerer die Kelle konzentriert zu handhaben und den Beton mit sicherem Schwung dorthin zu platzieren, wo er hingehörte. Immer wieder musste er das angeworfene Häufchen wieder abkratzen, weil es einfach nicht dort gelandet war, wo es eigentlich hätte landen sollen. Bis es ihm endlich zu bunt wurde.
Mit einer energischen Bewegung steckte er die Kelle in den halbvollen Kübel, packte ihn und stellte ihn auf seine andere Seite. Dann drehte er sich selbst weiter herum und wandte der Straße demonstrativ den Rücken zu. Ihm konnte das alles hier gestohlen bleiben. Er hatte zu arbeiten. Jetzt und hier! Und nichts und niemand konnte ihn davon abhalten - meinte er.
Eigentlich hatte Nick zahlen wollen, aber ein unerklärliches Gefühl ließ ihn dann doch noch einen Pernod bestellen, als der Ober wieder einmal den Fehler beging hastig vorbei zu schlendern.
Nick goß sich Wasser aus dem kleinen Krug in das Glas und beobachtete, wie die honigfarbige Flüssigkeit milchig weiß und grünlich wurde. Über das Glas hinweg sah er den jungen Mann, der dort am Boden saß und sich gedankenverloren über die schweißnasse Stirn fuhr. Die Sonne knallte direkt von oben auf diese Steinwüste genannt Straße, auf diese riesige Baustelle und schien wirklich allen Ernstes bemüht, sie in eine mediterrane Wüstenlandschaft verwandeln zu wollen. Unter der Markise war es schattig, aber die Luft stand still und mitten über der Baustelle flimmerte es vor Hitze und Staub. Und wieder wischte sich der junge Mann den Schweiß von der Stirn und hinterließ graue Streifen. Nick öffnete noch einen Knopf seines Hemdes, lehnte sich zurück und nahm das kühle Glas in seine Hand. Leise klirrten die Eiswürfel als er die Flüssigkeit kreisen ließ damit sie sich besser vermischte. Er hatte seinen Pastis bewusst ohne Eis bestellt, aber einem Wiener Kaffeehausober widersprach man nicht. Grundsätzlich nicht und keinesfalls bei diesen Temperaturen.
Und er fragte sich, wann der junge Mann es wohl bemerken würde.
Ein Schrittchen hinter ihm war ein kleines Mädchen stehen geblieben. Vier, fünf, höchstens sechs Jahre alt konnte sie sein, so wie sie dastand in ihrem leichten Sommerkleidchen, die Hände gewichtig hinter dem Rücken verschränkt und dem jungen Mann ernst und erstaunt über die nackte, verdreckte Schulter sehend.
"Du Onkel, was machst Du da?", ließ sie nach einer Weile vernehmen, aber er war so in seine Arbeit vertieft und keineswegs darauf gefasst, dass ihn jemand ansprechen konnte, dass er ihre Frage glatt überhörte.
Sie holte eine Hand hinter ihrem Rücken hervor, streckte einen Finger aus ihrer kleinen Faust heraus und stieß dem jungen Mann damit vorsichtig an die Schulter.
"Du, Onkel?"
Erschrocken fuhr der Junge herum und starrte sie so erstaunt an, dass sie ängstlich einen Schritt zurück machte.
"Meinst Du – mich?", fragte er überrascht und sie presste die Lippen aufeinander und nickte so eifrig, dass ihre lichtbraunen Locken flogen.
Verlegen sah er sie an und versuchte ein klägliches Lächeln in sein Gesicht zu bringen.
"Naja”, meinte er, "und was willst Du von mir?"
Vorsichtig kam sie wieder einen Schritt näher und sah hinunter in die Grube, auf die Leitung.
"Was machst Du da?", fragte sie ihn mit großen Augen.
"Ich verputze eine Leitung”, sagte er und wollte möglichst kurz angebunden sein. Wichtig, ernst – erwachsen eben. Und sich wieder seiner Arbeit zuwenden. Und doch blieb er erstaunt sitzen und sah das kleine Mädchen an. Und er lächelte.
"Und was ist das?"
"Das ist Beton”, erklärte er ihr mit einem Kopfnicken. "Daraus baut man Häuser. Das wird ganz, ganz hart wenn die Sonne darauf scheint.”
Nachdenklich sah sie in den Kübel und nickte ernst. Ihre kleine, zarte Hand streckte sie ein wenig, aber dann zögerte sie doch.
"Kann man das anfassen?"
Er lachte und zog eine lustige Grimasse.
"Es beißt nicht und tut nicht weh, aber man wird schmutzig davon und Du hast doch so ein schönes Kleidchen an. Lieber nicht. Schau mich an. Ich bin ganz schmutzig, aber das ist meine Arbeit.”
Er legte die Kelle weg und machte ein ernstes Gesicht.
"Paß auf!", sagte er und hob den Zeigefinger belehrend. Dann langte er in den Kübel und holte mit spitzen Fingern einen kleinen Klumpen heraus. Den zerrieb er zwischen den Fingern langsam vor ihren Augen und meinte dazu ganz verschwörerisch: "Das ist Sand, Zement und Wasser. Jetzt ist es noch ganz feucht und gatschig. Und so kann ich es in das Loch hier hinein schmieren. Wenn das Loch dann zu ist, dann mache ich es glatt und morgen scheint die Sonne darauf, das Wasser verdunstet, es wird trocken und der Sand und der Zement werden so hart, dass man ganze Häuser damit bauen kann.”
Immer noch rieben seine Finger in der graugatschigen, körnigen Masse und ihre großen, blanken Augen hingen gebannt an diesen Fingern. Ganz langsam kam ihre kleine Hand wieder zum Vorschein und ohne ihren Blick auch nur eine Sekunde zu lösen hob sich diese Hand seinen Fingern immer näher, schob sich immer weiter nach vorne bis die winzigen, rosa Fingerchen die harten, aufgesprungenen Finger des Mannes berührten um ganz vorsichtig, ja ängstlich, die Zaubermasse zu fühlen, mit der man sogar ganze Häuser bauen konnte.
"Richtige, große, hohe Häuser, so wie das, in dem wir wohnen?"
Er lachte und nickte.
"Irina!"
Der Ruf schnitt herrisch und klirrend die Auslagen entlang wie eine Klinge aus blankem Eis und ließ dem kleinen Mädchen schlagartig das Blut in den Adern gefrieren. Hastig wandte sie sich um, nahm das Kinn hoch und krampfhaft die Schultern zurück.
Eine schlanke Gestalt in strahlendem Weiß bahnte sich energisch den Weg zu dem Mädchen und riß die kleine Hand an sich. Augenblicklich waren die Finger gereinigt und das Taschentuch flog in einem weitem Bogen davon um auf den Gehweg zu landen.
"Du weißt doch, dass Du Dich nicht mit dem Gesindel hier abgeben sollst. Sieh Dich nur an, wie Du wieder aussiehst!", schalt sie und wollte die Kleine hinter sich her schleifen. Aber der junge Mann lächelte die beiden freundlich von unten herauf an und fragte höflich: "Ihre Tochter, gnädige Frau?"
Zutiefst überrascht darüber, dass er sie so einfach ansprach stammelte sie ein verwischtes 'Ja' worauf er in höflichstem Ton meinte: "Ein sehr aufgewecktes und intelligentes Mädchen. Ich hoffe doch, sie wird niemals wie ihre Mutter.”
Damit drehte er ihr den Rücken zu und begann fröhlich pfeifend weiter zu arbeiten, dass es nur so spritzte!
Nick hatte sich vor Lachen verschluckt und war nahe daran zu ersticken als er plötzlich bemerkte, dass er nicht mehr allein war.
"Entschuldigen Sie, ist dieser Platz noch frei?"
Sie wusste sehr gut, dass dieser Platz frei war. Wenn man so aussah wie sie, dann war immer ein Platz frei. Es sei denn, der betreffende Herr erwartete gerade seine verkrachte Ehefrau. Aber der Platz an Nicks Tischchen war frei und er beobachtete fasziniert, wie sie sich mit anmutigen Gazellenbewegungen setzte. Voll selbstverständlicher Eleganz und doch langsam genug um sich zu präsentieren. Und da gab es genug zu sehen. Lange, blonde Wasserlocken auf glatter, gebräunter Haut und dazu ein Etwas von einem schwarzen, eng anliegenden Kleidchen, dass zwar oben am Hals anfing aber gerade noch lang genug war, um nicht öffentliches Ärgernis zu erregen. Das eigentlich nur mehr fragmentarisch vorhandene Zwischenstück zwischen Schulter und Hüfte, die endlosen Beine in kleinen, goldenen Sandalen und ihr strahlendes Lächeln mit dem sie Nick bedachte bescherten ihm einige bedenkliche Sekunden.
"Sie sind mir doch nicht böse, dass ich mich so einfach zu Ihnen setze?", wollte sie wissen, schlug die makellosen Beine übereinander, legte das Köpfchen einen Gedanken schief, beugte sich eine Spur zu ihm hin, ließ die zierliche Hand nah bei seiner sinken und fing seinen Blick ein, um ihn in ihren stahlblauen Lichtern ertrinken zu lassen.
Nick lächelte ebenfalls und erinnerte sich im gleichen Augenblick daran, dass er sie kannte. Es war nur ein verschwommenes Bild und er hätte nicht einmal sagen können, ob es bei einem Vorsprechen, einer Misswahl, einer Modenschau oder bei Aufnahmen zu irgend einer der tausenden Werbeclips gewesen war. Wahrscheinlich ging es ihr genau so. Sein Gesicht kannte sie, verband es mit irgend einem dieser Ereignisse, wusste aber nicht mehr, dass er keiner der Wichtigen war.
"Keineswegs”, wehrte er ab, erwiderte ihr erweichendes Lächeln und rief nach dem Ober. "Denn”, erklärte er ihr verschwörerisch und blickte treuherzig in diese abgrundtiefen Augen, "ich wollte sowieso gerade gehen.”







Nick sah hinaus auf die Kolonne, die langsam am geparkten Bus vorbei zog und wunderte sich ein wenig, wo denn plötzlich all die vielen Wagen hergekommen waren. Nur sehr langsam waren sie vorwärts gekommen. Scheinbar immer nur ruckweise. Das lag wohl auch daran, dass diesmal die österreichischen Zöllner Dienst nach Vorschrift machten. Dagegen half auch Tonios Wortschwall und all seine von Herzen kommenden Beteuerungen nichts. Dabei war es bei den Italienern noch verhältnismäßig einfach gewesen. Vielleicht gerade deswegen, weil sie sich auf ihre österreichischen Kollegen verließen. In Zeiten, in denen Rentnerinnen Heroin in ihren Krücken über die Grenzen schmuggelten und Zigaretten gleich in ganzen Lastwagen verschoben wurden war man eben vom ungehinderten Reiseverkehr noch weit entfernt. So witterte die österreichische Zollwache in einem leeren Autobus, der spät nachts die Grenze passieren wollte, naturgemäß ein ideales Versteck für illegale Einwanderer, Suchtgifte, Zigaretten, gefährdete Tiere, Waffen, Sprengstoffe oder was auch immer des Schmuggelns wert war. Also hatten die Beamten sie raus gewunken und neben der Kolonne geparkt. Während Tonio mit einem der Beamten die leeren Stauräume untersuchte und zwei weitere mit fahrbaren Spiegeln unter die Karosserie zu sehen versuchten, lümmelte Nick in der ersten Sitzreihe und sah dem Beamten zu, der seinen Hund sorgfältig jede Sitzreihe, ja jeden einzelnen Sitz beschnuppern ließ.
Nick wusste, dass sie nichts finden würden. Sie hatten ja nicht einmal mehr eine ganze Packung Zigaretten. Von allem anderen ganz zu schweigen. Also saß er da und beobachtete den nicht mehr ganz jungen Beamten, der aufmerksam auf jede Reaktion seines Tieres achtete und auch alle möglichen bemerkte, jedoch keine, auf die er wartete. In der vorletzten Sitzreihe drängte der deutsche Schäfer winselnd wieder aus der Reihe heraus und der Uniformierte sah fragend zu Nick hin.
"Da hat vor einer Woche unser Regieassistent gekotzt nachdem er seinen Liebeskummer ertränkt hatte. Ich habe es zwar ausgewaschen, aber so ein Hund hat doch eine bessere Nase.” Er grinste leicht. Der Beamte grinste schal zurück und zog seinen Hund an der Leine in die hinterste Sitzreihe.
Endlich kam er wieder nach vorne und blieb vor Nick stehen.
"Sieht so aus, als wäret ihr sauber.”
Nick hob entschuldigend die Hände.
"Das hätte ich Ihnen auch schon vorher sagen können, tut mir leid. Die Frage ist allerdings, ob ihr uns geglaubt hättet.”
"Wir tun nur unsere Pflicht!", verteidigte sich der Mann sofort energisch.
"Allerdings. Und ich kenne bei weitem sinnlosere Formen der Pflichterfüllung”, bestätigte ihm Nick und bemerkte, dass sich der schön gezeichnete und auch nicht mehr ganz junge Hund gegen sein Bein lehnte und zu ihm aufsah. Vorsichtig legte ihm Nick die Hand in den Nacken und begann ihn zu kraulen. Und der Zollbeamte wusste vor Verwirrung nicht, ob er zuerst seinen Hund ansehen sollte oder Nick. So schweifte sein Blick ziellos hin und her. Verwirrt, überrascht und, so schien es zumindest Nick, ein wenig verunsichert.
"Also”, brachte er dann umständlich heraus, "so was hat sie noch nie gemacht! Normalerweise darf nur ich sie anfassen. Gerade noch meine Kinder. Aber meiner Frau ist sie noch nie so zugegangen. Wie - wie machen Sie das?"
Nick lachte lautlos auf um den Hund nicht zu erschrecken der seinen großen Kopf auf Nicks Knie gelegt hatte und sich den Liebkosungen mit geschlossenen Augen hingab.
"Tja”, meinte er, "Hunde haben wie alle Tiere eine völlig andere Wahrnehmung der Welt, darum wissen sie Dinge, die Menschen nie verstehen werden.”
Man sah dem Beamten an, dass er diese vieldeutige Antwort nicht verstand und dass sie ihm auch deswegen nicht besonders gefiel. Deshalb zog er kurz an der Leine und der gut abgerichtete Hund stand sofort wieder wach und aufmerksam an seiner Seite. Wie sollte er auch wissen, dass das kurze Blinzeln in Nicks Augen ebenfalls ein Ausdruck des Erstaunens war. Weil er ebenfalls nicht wusste, was er mit seinen Worten gemeint hatte. Weil er sie ebenfalls nicht begriff. Und doch sicher war, dass er soeben eine große Wahrheit gefunden hatte.
"Gut”, schnarrte der Uniformierte. “Von mir aus können Sie weiterfahren. Mal sehen was meine Kollegen sagen.” Hoch offiziell verließ er mit dem Hund an der kurzen Leine den Bus. Draußen hörte ihn Nick noch eine ganze Weile mit seinen Kollegen beratschlagen. Als er endlich soweit war, ebenfalls auszusteigen um sich die Beine ein wenig zu vertreten, da kam ihm auch schon Tonio auf den Stufen entgegen und zwängte sich wortlos hinter das Lenkrad. Zischend schloss die Hydraulik die Tür und der Motor sprang an. Vorsichtig und wortlos manövrierte der dunkelhaarige Italiener den großen Bus wieder hinaus aus der engen, überdachten Stelle, in die man sie gelotst hatte. Und als er dann endlich wieder auf der Straße war und einen Gang hinauf schalten konnte, kam das erste Wort über seine Lippen.
"Morte!"
Nick stemmte die Beine gegen die Haltestange vor sich und sah seinen Fahrer erwartungsvoll an.
"Morte!", sagte der noch einmal und mit Nachdruck. "Sobald sich diese Ärsche eine Uniform anziehen halten sie sich für unfehlbare Götter. Was mich wirklich interessieren würde - wird man so, wenn man eine Uniform trägt oder ist das Grundbedingung um eine Uniform zu bekommen?"
"Es gibt ab und zu auch ein paar ganz nette Typen darunter”, versuchte Nick zu beschwichtigen.
"Ach!", rief Tonio aufgebracht. "Kennst Du vielleicht einen? Kannst Du Dich an einen, einen einzigen in deinem Leben erinnern? - Na?"
"Nun - äh - nein”, gab Nick langsam und überrascht zu um dann breit zu grinsen. "Erinnern kann ich mich an keinen. Aber angeblich soll es irgendwo einen geben. Irgend jemand hat mir einmal erzählt, er hätte mal von einem gehört, dessen Schwester hätte eine Bekannte, deren Freund wäre einem freundlichen, menschlichen und aufgeschlossenen Uniformträger begegnet.”
"Irgend jemand hat mir auch mal erzählt es gäbe - gäbe diese Dings - diese Dings - na, Du weißt schon”, schimpfte Tonio.
"Diese - WAS - Dings?"
"Na diese Pferde, diese weißen Pferde mit einem Horn hier oben drauf!"
Er schlug mit der flachen Hand klatschend gegen seine Stirn.
"Du meinst Einhörner?", wollte Nick wissen und Tonio wandte sich kurz um.
"Genau! Einhörner! Die gibt’s genau so oft wie intelligente Bullen!"
"Na komm, mach langsam! Erwiesenermaßen hat Intelligenz nichts mit Menschlichkeit zu tun, das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Dafür gibt es berühmte Beispiele. Denk zum Beispiel an Göbbels, der ...”
"Hör auf!", brüllte Tonio so laut er nur konnte. Und setzte dann etwas beruhigter hinzu: "Ich hab' jetzt wirklich nicht den Nerv um mir einen deiner wissenschaftlich-psychologischen oder was-weiß-ich Vorträge anzuhören. Okay?"
Nick sagte auch tatsächlich kein Wort mehr sondern lehnte sich grinsend zurück und sah durch die Frontscheibe hinaus auf den immer noch bewölkten Himmel. Und weil Tonio ebenfalls schwieg, überlegte er zum wiederholten Male, dass man von der Natur eigentlich etwas mehr Ehrfurcht vor der Krone der Schöpfung, vor dem Menschen, erwarten sollte. Denn da geht der Mensch nun daran und gibt sich so viel Mühe um zwei für den Menschen offensichtlich völlig unterschiedliche Länder voneinander abzugrenzen und jedes für sich zu deklarieren. Und diese Natur, ungehorsam bis zur Starrsinnigkeit gegen den, demgegenüber sie laut der Doktrin diverser Religionen Untertan zu sein hat, interessierte das alles überhaupt nicht. Die ist doch glatt im Stande und lässt es auf der einen Seite der Grenze genauso aussehen wie auf der anderen. Ja, sogar das selbe Wetter herrschte und die selben Wolken verdeckten die selben Sterne. Also, wenn der Mensch tatsächlich als Krone der Schöpfung geschaffen worden war, und wenn alle Welt ihm Untertan zu sein hatte, dann verstand Nick nicht, warum diese Welt von dem Menschen so überhaupt keine Notiz nahm. War die Schöpfung vielleicht gar ganz anderer Meinung als die Mythen der Menschen?
Nick lachte still vor sich hin.
Natürlich gab es eine Erklärung dafür. Allerdings eine Erklärung die von einem Menschen eine sehr flexible Phantasie verlangte. Eine Erklärung, die eben so gar nicht in das Weltbild passen wollte, das sich die Menschen - mit Müh' und Not und vielen weißen Flecken - zusammen gebastelt hatten. Tiere hatten da eine völlig andere Wahrnehmung, darum wussten sie auch Dinge, die Menschen nie verstehen würden.
Nick sank immer tiefer in den Sitz und sah hinaus zu den wenigen Sternen die zwischen den Wolkenmassen blitzten. Der Motor dröhnte wieder gemütlich und gleichmäßig vor sich hin, die Reifen fraßen die gelben Markierungen auf der Straße und die beiden Männer saßen stumm in dem grünlichen Dämmerlicht der Nachtbeleuchtung. Alles was draußen, außerhalb des Wagens war rückte immer weiter weg. Wurde unwichtig, schemenhaft in der Ferne. So schemenhaft, dass sich schon bald wieder die Frage aufdrängen würde, ob all das da draußen überhaupt Wirklichkeit war.
"Irgendwann - irgendwann können sie mich alle kreuzweise”, träumte Tonio leise vor sich hin. "Dann habe ich genug Geld beisammen um in den Süden ziehen zu können. Ein kleines Haus werde ich mir kaufen, irgendwo an einem Strand. Und auf der Veranda werde ich sitzen. Einen riesigen Bauch werde ich haben, Havannas rauchen und Schnaps saufen. Und eine kleine Amica wird da sein, die mich furchtbar viel lieb hat - oder auch nur mein Geld, aber das ist mir scheißegal.”
"Mir würde an sich schon ein eine Dusche reichen – im Moment. Könnte meinetwegen auch ein Hallenbad sein. Vielleicht nicht zu klein”, träumte Nick mit Tonio. "Und eine Bar sollte drinnen stehen und von mir aus auch ein paar Palmen.”
"Aber auf jeden Fall ein paar hübsche Mädchen”, stimmte ihm Tonio zu. "Erinnerst Du Dich noch an Salzburg, das große Hotel mit der riesigen Schwimmhalle in der wir gearbeitet haben. Zwei oder drei Tage waren wir dort. Du weißt doch, das war das Hotel mit ...”
"Ich weiß welches Du meinst”, unterbrach ihn Nick. Seine Stimme hatte den träumerischen Unterton verloren. Tonio bemerkte, dass er sich hinüber drehte und aus dem Seitenfenster sah. Also blieb er ruhig und konzentrierte sich wieder mehr darauf, den Bus in der Spur zu halten.
Und der Bus donnerte gemütlich und gleichmäßig durch die Nacht ins schwarze Nichts.







"Also ich hätte lieber den Blauen.”
Tonio flegelte in dem Korbsessel, zupfte an seiner geliehenen Badehose herum und sah zu, wie das Glas mit der blauen Flüssigkeit vor ihn hingestellt wurde.
"Und was ist das da? Der mit den Ananasstückchen am Spieß?" fragte Nick und plätscherte dabei mit den Zehen im Pool.
"Das ist unser Sportcocktail. Alkoholfrei aber sehr vitaminreich und gesund.”
Der Ober stand steif vor ihnen wie ein englischer Butler und wirkte seltsam unpassend in seiner roten Smokingjacke mit der schwarzen Masche als er Nick den Drink auf die Glasplatte des kleinen Tischchens stellte.
"Okay! Schnitt! Gestorben!", brüllte der Regisseur vom anderen Ende des großen Pools, winkte seinen Statisten im Hintergrund gnädig zu und machte sich sofort daran, mit dem Kameramann die nächste Einstellung zu besprechen. Nick und Tonio prosteten einander zu und grinsten.
"Also so lasse ich mir arbeiten schon mal gefallen”, meinte Tonio und ließ seinen Blick durch die Halle schweifen.
Das große Hallenbad war auf drei Seiten verglast und man sah jetzt das nächtliche Dorf verlassen in der Winternacht schimmern. Und man sah den kalten Wind, der die nackten Bäume draußen schüttelte. Bäume, die im kalten, blauen Licht großer Lampen strahlten. Drinnen aber, ob am Becken oder beim Wirlpool, ob bei den Liegen unter den Palmen oder bei der Bar mit den Korbstühlen am Beckenrand - überall war es angenehm warm. Dafür sorgten allein schon die großen Scheinwerfer, die sie reihum aufgebaut hatten.
"Na ihr beiden Stars, habt ihr auch genug zu trinken?" fragte sie und ging neben dem kleinen Tischchen in die Hocke.
Nick besah sich ihre blonden Locken, die jetzt nass und strähnig in alle Richtungen standen.
"Die Umgebungstemperatur gefällt mir hier wesentlich besser als irgendwo anders. Allerdings muss ich sagen, dass es keineswegs vergleichbar ist mit den erhebenden Augenblicken wenn ich beim Frühstück sitze und Du mir den Kaffee bringst. Allein schon dein Anblick am Morgen lässt mich schnell jeden Groll des Erwachens vergessen. Hebt hinweg jeden Trübsal des Alltags und füllt mein Herz mit dem strahlenden Glanz deines Lächelns. Allerdings”, schränkte er dann seinen lyrischen Ausbruch ein und ließ seine Augen offensichtlich an ihrem blassen Körper in dem knappen Badeanzug hinunter gleiten, "allerdings, wie muss mir dann jetzt zumute sein, liebste Romana. Kannst Du das ermessen?"
Sie lachte, stand auf und fuhr ihm durch die Haare.
"Ermessen”, meinte sie, "kann ich gar nichts, weil ich an Dir keinerlei 'messbare' Veränderungen entdecke - zu meinem tiefsten Bedauern, du Dödel.”
Damit war sie auch schon wieder verschwunden. Und Tonio seufzte schwer.
"Also weißt Du”, meinte er sorgsam, "ich will gar nicht zu viel darüber nachdenken. Denn sonst würde man womöglich an mir merkbare, soll heißen messbare, Veränderungen feststellen und das wäre mir möglicherweise doch ein wenig peinlich.”
Nick kaute an seinen Ananasstücken und grinste ihn an.
"Vor allem, wo wir doch hier sind um zu arbeiten, oder?"
"Ich glaube schon - leider”, seufzte Tonio und sah der großen Produktionsassistentin nach, die eben fröhlich winkend an ihnen vorbei lief. Und dabei jede Menge Wasser von den reichlich vorhandenen Rundungen ihres Körpers schüttelte. Nick stand auf und wies mit dem Kopf ans andere Ende des Beckens wobei er meinte: "Ich seh' mal hinüber. Vielleicht hat unser großer Künstler für heute schon genug. Dann könnten wir anfangen abzubauen.”
Mit einem tieftraurigen Ausdruck in seinem Gesicht löste Tonio seine Augen von den schwimmenden Mädchen, die sie für die Aufnahmen des Bades aus der ganzen Hotelanlage entliehen hatten und schlug die Hände zusammen.
"Habe ich Dir eigentlich schon einmal gesagt, dass Du eine geradezu impertinente Art hast, mich aus den schönsten Phantasien zu reißen?"
Lächelnd beugte sich Nick zu seinem Kollegen hinunter und meinte leise und ernst: "Du denkst doch nicht etwa im Ernst daran, dass vielleicht eines der Mädchen - also weißt Du, ich bin überrascht. Etwas mehr an Lebenserfahrung hätte ich Dir in Deinem Alter schon zugetraut.”
Ein wenig nachdenklich sah Tonio hinüber, dorthin wo sich ein paar der jungen Frauen um die Bar für die Nahaufnahmen des Produktes versammelt hatten. Dann schüttelte er den Kopf.
"Ja, ich weiß schon. Wir sind eben nur Fußvolk. Das Geld und die Mädchen, das ist nicht für uns. Das gibt es nur für die Leute, die im Nachspann genannt werden. Ja, vielleicht wenn wir ein paar Tage, eine Woche hier bleiben würden. Oder auch zwei Wochen, dann vielleicht. Aber morgen fahren wir ab. In aller Herrgottsfrühe.“
„Jaja, dieses Leben isteines der härtesten.”, bestätigte ihm Nick grinsend, klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und ging dann am Beckenrand entlang hinüber. Dorthin, wo die restliche Mannschaft des Teams stand und heftig diskutierte.
Etwa auf der Hälfte des Weges stolperte er, offensichtlich kaum unabsichtlich, über ein weiteres der Mädchen. Die platinblonde Friseurin des Hotels lag ausgestreckt und mit geschlossenen Augen in einem der Liegestühle und hatte es doch tatsächlich fertig gebracht zu schwimmen, ohne dass ihre Haare nass geworden waren. Wie sie es gemacht hatte blieb Nick allerdings unergründlich. Jedenfalls stolperte er, glitt auf den feuchten Fliesen langsam aus und fiel beinahe auf sie. Beinahe, hätte er sich nicht rechtzeitig an den Armlehnen des Stuhles abgefangen. Trotzdem ließ es sich nicht vermeiden, dass er dabei ihren zarten, schlanken Körper ein klein wenig berührte.
Sie hob die Lider, blieb ganz starr liegen und sah ihn mit ihren großen, hellen Augen an.
"Wozu habe ich Dir heute eigentlich die Haare geschnitten?", wollte sie wissen. "Und außerdem, habe ich Dir nicht gesagt, dass ich Dich umbringe, wenn Du all meine Mühe mit deiner Frisur zunichte machst und ins Wasser gehst!"
"Ich stelle mir das aber gar nicht so schrecklich vor unter deinen Händen zu sterben”, lächelte Nick und ließ sich vorsichtig noch etwas tiefer sinken. Sofort setzte sie sich hin, zog die Beine zu sich und sah ihn erschrocken an. Als Nicks Beine die ihren nicht mehr berührten wurde auch sein Lächeln ein klein wenig kälter und er richtete sich auf.
"Aber ich glaube, darüber sollten wir ein anderes Mal reden”, sagte er und stieß mit einem Finger leicht gegen die zartweiße Schulter wo sich ein kleines, bläulich schimmerndes Äderchen abzeichnete. Dann ging er weiter ohne sich nach ihr umzusehen.
Beim Rest des Teams holte er sich die Information, dass für diesen Tag Feierabend sei, alle könnten jetzt schwimmen gehen oder was auch immer sie wollten - Nick und Tonio natürlich  erst, nachdem sie alles an technischem Gerät aus dem Schwimmbad entfernt und verstaut hatten. Tonio unterhielt sich gerade angestrengt mit einer der blonden Kellnerinnen und so begann Nick einmal damit die großen Lampen abzudrehen, damit sie auskühlen konnten. Er kannte Tonio gut genug um zu wissen, dass der sofort aufspringen würde um ihm zu helfen. Ganz egal, wie gut sie aussah oder was sie ihm auch immer in Aussicht stellen mochte. Die Arbeit ging vor, darin waren sie sich viel zu ähnlich. Und er hatte diesen Gedanken noch nicht einmal richtig zu Ende gedacht, als Tonio auch schon unterwegs war.
Es machte keinen besonderen Spaß, nass vom Schwimmen auf den feuchten Fliesen zu stehen und zu wissen, dass in allen Leitungen knisternder Tod lauerte. Aber Nick machte sich darüber auch nicht all zu viele Gedanken. Er wusste, dass, wenn er alles ordentlich machen würde, keinerlei Gefahr bestand. Das Wasser empfand er dabei nicht als Bedrohung, nicht einmal als eine Besonderheit. Es war wie ein Teil seiner selbst. Und seine Gelassenheit verblüffte und ärgerte den hektischen Tonio wieder einmal.
"Also ich gebe zu, dass ich Schiss habe”, maulte der, "aber Dir scheint das ja wieder mal nicht das Geringste auszumachen!"
Nick grinste und antwortete ohne sich von seiner Arbeit ablenken zu lassen.
"Ich fühle mich hier sicherer als in einem Linienflugzug oder auf der Autobahn”, erklärte er und fügte dann noch hinzu: "Hier kann ich kontrollieren, ob ich Fehler mache. Und hier bin ich es, der die Fehler machen, aber sie auch vermeiden kann. In einer Linienmaschine bin ich hilflos auf den Piloten angewiesen und kann überhaupt nichts machen. Und ...”
"... und der einzige Mensch, dem Du überhaupt vertraust, bist Du selber”, unterbrach ihn der Italiener und nickte. "Und vermutlich hast Du damit sogar recht.”
"Ich kann Dich beruhigen”, grinste Nick, "ich traue nicht mal mir selbst.”
Die Handgriffe waren unzählige Male geübt und perfektioniert, so dass sie ihre Arbeit bald erledigt hatten. Wie immer waren sie aber natürlich die Letzten, die am Treffpunkt des Teams auftauchten. Tonio kam an die Bar geschlendert. Nick tauchte in das Becken und kam mit ein paar kräftigen Schlägen auf die Bar zu geschwommen. Romana, die am nächsten zum Becken saß, kreischte laut auf, als er aus dem Becken sich wie ein Hund schüttelte, aber sie machte ihm bereitwillig Platz. So kam er zwischen ihr und einer zierlichen, dunkelhaarigen namens Gudrun zu sitzen. Die Stimmung war gut, der Sekt floss reichlich und selbst die arriviertesten und erwachsensten Herren aus Produktion und Regie konnten nicht umhin, sich von dieser Stimmung anstecken zu lassen. Angesichts der jungen Mädchen in ihren knappen Badeanzügen, die das Management ohne große Mühe extra für diese Aufnahmen zusammen getrommelt hatte und die dementsprechend aufgeregt waren, fiel sogar ein gewisses Bemühen dieser Herren um Stimmung auf. Es war auch eine willkommene Abwechslung. Normalerweise endete einer ihrer Drehtage damit, dass man irgendwo zu Abend aß und sich dabei gegenseitig mit Überlegungen nervte, was man wohl hätte besser machen können und was am nächsten Tag besser gemacht werden musste. Manchmal trank man noch irgendwo ein Glas und war dann einfach zu geschafft um noch irgend etwas auf die Beine zu stellen. Zumal sie meist fremd war in den Städten, niemand und nichts kannten und eigentlich, wenn sie ganz ehrlich waren, nur mehr den kaum unterdrückbaren Wunsch hatte, in ein Bett zu fallen und endlich die Augen zu schließen. Ja, es war nicht erst einmal vorgekommen, dass jemand in der Badewanne eingeschlafen war, bevor er noch an ein Abendessen denken konnte. Nur manchmal waren dann eben alle Voraussetzungen für eine Geselligkeit vorhanden und irgendwann zwischendurch meinte Hans, der langhaarige Tonmeister, dass dies hier wohl mehr einer Playboyparty am Strand von Hawaii gleiche als einem Drehort. Worauf ihm alle kräftigst zustimmten. Am Lautesten die Mädchen.
"Hattest Du eigentlich auch schon mal den Wunsch beim Film Karriere zu machen?", wollte Nick scherzhaft und provozierend von dem Mädchen neben sich auf der Liege wissen, das kaum zur ganzen Unterhaltung beitrug, kaum trank und sich als dunkle Schönheit, abgehoben über den Dingen, gefiel. Nachdem er nun schon eine ganze Weile mit Romana an seiner anderen Seite geflirtet hatte, erachtete er es doch auch für notwendig, sich dieser Herausforderung etwas zu stellen.
"Warum?", wollte sie trocken wissen und rekelte sich ein wenig auf ihrer Liege. Nick besah sich das Bild aufmerksam und mit einem wohlgefälligen Lächeln und konnte nicht umhin zu bemerken, dass sie einen niedlichen und durchaus bemerkenswerten Körper hatte. Dazu die zart gebräunte Haut, die dunklen Haare, die fast schwarzen, katzenhaften Augen - hätte sie ihm erzählt, sie sei Französin, er hätte es wohl geglaubt.
"Nun”, erklärte er ihr gönnerhaft, "wenn ich Dich so ansehe, wie Du da so liegst, dann könntest Du genauso in deiner Villa in Miami am Pool liegen. Oder am Strand von San Tropez. Du würdest auch dort genügend Aufmerksamkeit erregen.”
"Ach so”, entgegnete sie kühl, glitt ein wenig hin und her und widmete sich wieder die anderen Gespräche rund um sie herum. Nick wollte sich ebenfalls wieder mehr seiner anderen, impulsiveren Seite zuwenden, als eben diese plötzlich aufsprang und um ihn herum zur liegenden Gutrun patschte. Dort entwickelte sich ein hektisches, allerdings geflüstertes Gespräch zwischen den beiden bei dem eindeutig die impulsivere Romana die Oberhand behielt. Und Nick so gut wie nichts verstand. Auch, weil er es mehr belustigt als interessiert beobachtete. Bis endlich die kleine, anscheinend doch temperamentvolle Gutrun endgültig aufsprang und wütend schwimmen ging. Um sich danach von dem nun sehr um sie bemühten Produktionsassistenten abtrocknen zu lassen. Nick erinnerte sich dabei mit einem säuerlichen Grinsen, dass der immerhin der kleine Bruder des Produzenten war.
Die Gespräche rund um den Tisch wurden immer aufgeregter und die Stimmen wurden mit der Zeit immer unverständlicher. Nick hatte aufgehört die Flaschen zu zählen, die geöffnet wurden. Und er hatte aufgehört sich an den Gesprächen zu beteiligen oder mit den Mädchen zu flirten. Er nippte nur ab und zu von seinem Vitamincocktail und gab sich damit zufrieden ins Wasser zu sehen, die diskutierenden Parteien anzuhören und die Versuche einer wachsenden Absonderung von Zweiergruppen gemischten Geschlechts zu beobachten. Bis es ihm dann all zu sehr auf die Nerven ging. Er verschwendete noch kurz einen Gedanken daran, ob es ihm nun zu laut oder zu langweilig wurde, aber er fand keine Lösung für diese Frage. So schluckte er schnell den kümmerlichen Rest Fruchtsaft hinunter und suchte seine Sachen zusammen. Tonio teilte er noch mit, dass er ging und bat ihn um Information, falls doch noch irgend ein außergewöhnliches Ereignis eintreten sollte. Aber das war für ihn in diesem Augenblick nur eine rein rhetorische Bemerkung. So verschwand er unbemerkt aus dem Schwimmbad.
Das Hotel schien leer und den Aufzug in seine Etage hatte er, ebenso wie die ganze Halle, für sich alleine. Es war kurz vor Zehn und die wenigen Gäste der Vorsaison hatten bereits gegessen und waren in ihren Zimmern verschwunden. Er entschied, dass es wohl kaum etwas Bedrückenderes gab, als ein Wintersporthotel, das im Herbst auf den ersten Schnee wartete. Und wohl auch nichts Kostspieligeres. Fröstelnd zog Nick den Bademantel enger um seiner Schultern und wurde sich klar darüber, dass für die wenigen Gäste das gesamte Hotel geheizt werden musste. Das allein verschlang wohl bei weitem mehr als diese Gäste brachten.
Ungeachtet all dieser Überlegungen drehte er erst einmal den Heizkörper in seinem Zimmer ganz auf und stellte sich dann noch unter eine heiße Dusche. Während er sich in Ruhe rasierte rauschte aus dem Zimmerradio der Konserveneintopf der Musikindustrie. Man konnte also nicht sagen, wo ein Song aufhörte und der nächste anfing. Das hatten die Menschen davon, dass Musik nach Marktlage von den Mitarbeitern der Marketingabteilungen gemacht wurde. Er selbst hätte zwar lieber Musik gehört, aber für Klassik fehlte ihm im Augenblick wirklich der Nerv und im Regionalprogramm lief wieder einmal politische Wahlwerbung. Also gab er sich notgedrungen den gleichförmigen, wenngleich rhythmischen Geräuschen hin um Gedanken zu überdecken, die er schon lange nicht mehr denken wollte. Als dazwischen das Telefon läutete, überlegte er kurz und klappte dann doch das altmodische Rasiermesser zusammen.

Das Lokal war nur mäßig besetzt und die Gäste so unterschiedlich, wie sie es nur in einem Bergdorf sein konnten, dass auf die Wintersportsaison wartete. Hinten an der Bar lehnten die älteren Geschäftsleute herum, der Feuerwehrhauptmann und sogar der Bürgermeister kam kurz auf einen Sprung und ein Bier vorbei. Dort hinten floss das orange Licht zäh aus den Lampen über der Theke. Floss über die aufgeschwemmten Körper, über die zerfurchten und ausdruckslosen Gesichter der gierigen Männer. Ein einziges Mädchen stand bei ihnen hinten an der Theke. Eigentlich schon etwas zu sehr gereift, um noch Mädchen genannt zu werden. Blond gelockt, gut gekleidet und übertrieben kokett. Die Femme Fatale des Dorfes. Und die Männer streunten um sie herum wie ein Rudel hungriger Rüden. Zumindest soweit ihnen das der bereits konsumierte Alkohol noch erlaubte. Sie jedenfalls schien sich wohl zu fühlen, reckte und bog sich behaglich. Immer auf Abstand bedacht, aber das Rudel doch fest im Griff.
Auf der anderen Seite des Lokales lag die Tanzfläche in hektisch zuckendem Licht. In einem Licht, das sich am glatten Boden widerspiegelte. Rund darum herum, in Trauben an die Abgrenzung der Tanzfläche gelehnt, verharrte die Jugend. Die Jungköche und Serviererinnen, die Verkäuferinnen. Zimmermädchen und Küchenjungen. Niemand tanzte. Niemand wagte zu tanzen. Niemand wagte es, sich als erster in diesen Würfel aus Licht zu begeben. Dieses Licht das lebendig wirkte. Dieser Würfel der sich ständig zu bewegen schien, seine Form veränderte, immer wechselte, immer anders, niemals gleich war.
"Gehen wir tanzen?"
Es nicht ernst gemeint, vielmehr eine Provokation. Weder die Musik gefiel Nick besonders gut noch die Umgebung. Aber die platinblonde Friseuse in ihrem hautengen Hosenanzug sich in dieser Orgie aus Licht bewegen zu sehen, das reizte ihn doch.
Sie saßen an dem einen großen Tisch zwischen Theke und Tanzfläche. Eigentlich hatte er anfangs gezögert, aber als dann aber beinahe das gesamte Team vor seiner Türe gestanden hatte, da war er  leichten Herzen zu überreden gewesen.
Doch schnell bereute er diese Entscheidung. Die hitzigen, fachlichen Diskussionen brandeten wieder auf, der Alkoholspiegel seiner Kollegen war uneinholbar und stieg beständig weiter und zu allem Überfluss waren nur zwei der Mädchen mitgekommen. Die blonde Friseurin, die ihn seit ihrem Zusammentreffen im Hallenbad offensichtlich mied und Christina, die etwas ältere, aber ausnehmend hübsche Empfangsdame. Die konnte allerdings, da sie zu spät gekommen war, mit der schon reichlich betrunkenen Meute nicht mehr besonders viel anfangen. Und dass Nick noch immer Fruchtsaft trank schien ihr mindestens ebenso suspekt.
Anscheinend noch suspekter war er nun der Friseurin.
"Aber es tanzt ja gar niemand!”, stellte sie entgeistert fest und vergaß völlig, dass sie ihn nicht beachten wollte.
"Na und? Sind wir eben die Ersten.”
"Ich mag heute nicht!"
Schon hatte sie sich wieder weg gedreht, hin zu der erregenden Diskussion zwischen Tonmeister und Regisseur, ob man bei dieser Serie wirklich alles mit Musik so zukleistern müsse. Für Nick stand fest, dass er in dieser Richtung zwar durchaus eine Meinung, aber keinerlei Kompetenzen hatte. Ja, dass seine Meinung noch nicht einmal jemand hören wollte. Also wozu sollte er sich aufregen.
Er hatte schon gewusst, weswegen er anfangs nicht hatte mit gehen wollen. Er war zu müde, er musste am Morgen zu früh aus den Federn und eigentlich bot ihm diese Gesellschaft keineswegs die Zerstreuung, die er sich gewünscht hätte. Nicht, dass er hätte sagen können, was es denn war, was ihm lieber gewesen wäre. Der einzige Grund, weswegen er noch immer hier saß in diesem schimmernden Zwielicht, eingezwängt zwischen der Friseurin und dem zweiten Kameraassistenten war der, dass er gut eine halbe Stunde würde laufen müssen um zurück in ihr Hotel zu kommen. Und dazu konnte er sich auch irgendwie nicht überwinden. Noch nicht. Natürlich konnte er den Bus nehmen, aber dann würden die anderen laufen müssen und den Ärger wollte er sich nicht einmal ausmalen. Aber immerhin grinste er bei diesem Gedanken leise in sich hinein. Dabei war ja anfangs auch gar nicht die Rede davon gewesen, hierher zu fahren.
Angefangen hatte alles damit, dass sich die Gruppe ins Nachtleben des Wintersportortes stürzen wollte, und das bestand zur Zeit eben nur aus der einen Diskothek. Aber die beiden Kellnerinnen, Romana und Gutrun teilten die Gruppe indem sie zu einer Flasche Bacardi einluden, die es in ihrem Zimmer zu köpfen galt. Alex, den jungen Produktionsassistenten, Hans, den Tonmeister, Tonio und Nick. Kaum waren sie in dem Zimmer, als Alex auch schon nicht mehr ansprechbar und Gutrun kaum noch unter ihm zu finden war. Die vier anderen standen überrascht daneben und beschlossen erst mal auf den Rum zu verzichten. Sie sahen einfach zu, dass sie wieder aus dem Zimmer kamen. Das zweite Mädchen hatte sich offensichtlich ernüchtert zu einer Freundin verzogen und so hatten sie eben beschlossen, mit den anderen hierher zu fahren. Nick war sich noch immer nicht klar darüber, weswegen er dieser Idee überhaupt zugestimmt hatte. Er wusste selbst nicht, woher seine miese Laune kam. Aber er konnte es sich denken. Allein schon aus diesem Grund war er froh, dass sie am nächsten Tag abfuhren. Tonio hatte im Bad noch gemeint, sie sollten doch noch ein paar Tage hierbleiben, dann, vielleicht ... Für Nicks Geschmack waren sie schon viel zu lange hier. Er kannte dieses Gefühl, dass sich in ihm vorbereitete und er hatte keine Lust es zuzulassen. Es war wirklich Zeit, dass er erwachsen wurde.
Mit einem großen Schluck trank er sein Glas leer und stand auf. Er verabschiedete sich, wünschte allseits eine gute Nacht und machte sich unter allgemeiner Verwunderung auf den Weg. Zurück ins Hotel.
Schon hinter dem Eingang erwartete ihn eine andere Welt. Die Wärme, das Licht und die Musik ergossen sich als kompakte Masse aus dem viereckigen Loch in die kalte, klare Nacht. Um, abgehackt durch das Schließen der Tür, zäh auseinander zu fließen. Um sich aufzulösen und immer zarter und durchsichtiger zu werden, ja endgültig zu verschwinden. Nick stellte den Kragen seiner dicken Jacke hoch und machte den ersten Schritt hinein in diese einsame, in diese schweigende Nacht, in das kleine Tal zwischen den drohenden Schatten der Berge. Leise knirsche der Kies unter seinen Stiefeln, als läge bereits eisig weißer Schnee. Viel schien auch nicht mehr zu fehlen. Wie eine zarte, zerfranste Wolke malte sich das Rückgrat der Sterne quer über einen Himmel der tiefschwarz glänzte. So schwarz, dass er alles Licht einfach zu verschlingen schien. Mit jedem Schritt, mit jedem Atemzug fühlte er, wie er etwas zurück ließ, leichter wurde. Er besah sich die weiße Wolke seines Atems und sie schien all den Schmutz, all das Gerümpel zu transportieren, dass sich aus ihm löste. Er beeilte sich nicht, schien die Kälte nicht zu fühlen. Da war eine Hecke, die ihn aufnahm und brüderlich schützte. Da waren Bäume, die sich ihm freundschaftlich zuwandten. Da waren die Schatten der Berge, die alles Drohende abgestreift hatten. Nick schien es, als würden sie mehr und mehr Teil seiner selbst. Als wäre er Teil der Berge, wandere dazwischen und sähe sich selbst dabei zu. War Teil von ihnen und doch etwas gänzlich anderes. Beweglicher, neugieriger, wie die unzähligen kleinen Bäche an ihren Flanken. Nick empfand diese seltenen Stimmungen wohltuend aber auch auf seltsame Weise beunruhigend. Ihm war, als würde er in diesen fast mystischen Augenblicken in eine andere Welt eindringen, die hinter dem lag, was Menschen sonst wahrnehmen konnten. Und er empfand sie keineswegs als fremd. Eine Woge aus den Bergen hatte ihn aufgenommen und so trieb er dahin. Eingebettet, anders, eigen und doch Teil der Welt.

In der großen Halle des Hotels brannten nur zwei Stehlampen und erhellten den Raum notdürftig und geheimnisvoll. Weiter hinten strahlte noch die indirekte Beleuchtung der verspiegelten Bar. Aber auf den rotsamtenen Hockern saß schon lange niemand mehr. Selbst die spärliche Bewegung des Nachtportiers mit der er die Hand hob erschienen gespenstisch. So, als wäre er selbst schon zum Einrichtungsgegenstand geworden und längst kein menschliches Wesen mehr.
Mit einem satten Geräusch schloss sich die Tür des Aufzugs hinter Nick und er fühlte wie es aufwärts ging. Aber eigentlich war es ihm egal, wohin es ging. Jetzt, da er wieder die Behausung der Menschen betreten hatte fühlte er in sich eine namenlose, unbeständige und doch übermächtige Leere. Eine Leere, die versuchte ihn in sich hinein zu ziehen, alles aufzulösen, alles vergessen zu machen. Er fühlte den Wunsch in sich, nur noch dumpf und unerreichbar für die Welt vor sich hin vegetieren zu dürfen. Weder agieren noch reagieren zu müssen. Vielleicht war er auch einfach nur hundemüde.
Der Aufzug hielt mit einem Ruck und gab ihm den Weg frei in einen endlosen Korridor an dem irgendwo sein Zimmer liegen sollte. Während er einen Schritt vor den anderen setzte grübelte er darüber, dass genau das sein ganzes Leben war. Er würde immer in einem Korridor gehen. Rechts und links eine Zimmertür nach der anderen. Manche der Türen konnten verschlossen sein, manche vielleicht offen. Und in den Zimmern mochten die schönsten Frauen, die größten Abenteuer warten - nur auf ihn allein. Oder auch Monster und Bestien - nur auf ihn allein. Aber er würde es nie erfahren. Denn er ging immer nur diesen Korridor seines Lebens entlang und stoppte nie, versuchte niemals, ob eine der Türen vielleicht offen war. Ja, er war sich ziemlich sicher, dass sein ganzes Leben so ablaufen würde. Nichts anderes blieb ihm zu tun, als zu versuchen das Ende des Korridors zu erreichen.
Etwas in ihm ließ ihn dann doch bei einer der gleichförmigen Türen stoppen. Sein Verstand behauptete, dass dies sein Zimmer war, aber etwas hinderte ihn zu öffnen. Irgend etwas an dieser Tür war anders als bei allen anderen, an denen er eben vorüber gekommen war. Er benötigte einige Zeit um aus seinen Überlegungen aufzutauchen und den kleinen Zettel etwas oberhalb der Klinke zu entdecken. Vorsichtig nahm er ihn heraus und faltete ihn auseinander.
'Bacardi wartet' stand darauf. Sonst nichts.
Kein Name, keine Uhrzeit, kein Ort. Nick aber lächelte leicht, knüllte den Zettel zusammen und machte sich auf den Weg durch den langen Korridor zurück zum Aufzug.j Nur an den Ecken der Gänge brannte Licht. Und je tiefer er in das Herz des Gebäudekomplexes eindrang, um so kälter und schäbiger wurden die Gänge. Und um so enger. Er hoffte, dass ihm niemand begegnen würde. Denn er hätte nicht gewusst, wie er sein Herumirren hätte rechtfertigen sollen. Aber alle seine Sinne waren wieder geschärft und so tastete er sich durch die verwinkelten Korridore, durch Treppenhäuser und Feuertüren hin zu weiteren niedrigen Gängen, Treppen und Feuertüren. Alleine schon die Herausforderung wieder zu einem Raum zu finden, zu dem er nur einmal hingeführt worden war, holte ihn aus seiner Lethargie in die Wirklichkeit zurück. Und die Überlegung, welches der beiden Mädchen wohl den Zettel geschrieben haben könnte.
Nur ein einziges Mal zögerte er an einer Kreuzung zweier Gänge, dann sah er endlich am Ende eines niedrigen Flurs das gesuchte Zimmer liegen.
Es waren nur mehr ein paar wenige Schritte bis dorthin, aber seine Bewegungen wurden unwillkürlich immer langsamer. Immer aufdringlicher wurde die Frage plötzlich, was er denn eigentlich hier zu suchen hatte. Und immer zögernder setzte er einen Fuß vor den anderen. Bis dann endgültig die Stille in den Flur zurückkehrte. Einen Schritt, nur noch einen einzigen Schritt müsste er machen um vor der Tür zu stehen. Es war nur mehr ein einziger, kleiner Schritt, aber Nick tat ihn nicht. Er sah die Tür an, die abgeschabte Lackierung des Türstockes und fühlte den zusammengeknüllten Zettel in seiner Jackentasche.
Es war ein wenig traurig dieses Lächeln, das sich auf seine Lippen legte, als er den Zettel aus der Tasche holte und glattstrich. Und dann machte er den kleinen Schritt doch noch, aber nur um das weiße Blatt Papier genauso wie bei seiner Tür etwas oberhalb der Klinke in den Spalt zu stecken. Einen Augenblick lang starrte er es an, dann wandte er sich mit einer heftigen Bewegung ab und ging den Weg zurück, den er gekommen war.
Nick trug seine warmen, schweren Stiefel. Manche seiner Bekannten empfanden es oft als geradezu impertinent, dass er, wie sie es nannten, kommen und gehen konnten ohne bemerkt zu werden. Meistens gelang ihm das auch bei seinen normalen Stiefeln die keine Kreppsohlen hatten. Es war einfach in den Jahren zu einem seiner Merkmale geworden, dass ihn Menschen, die sich nicht offensichtlich mit ihm befassten oft übersahen. Manchmal schien es ihm, als hätte er die Fähigkeit des Grinsekaters aus Alices Wunderland. Als wäre er unsichtbar. Manchmal hatte es auch nur den Anschein, als hätte er die Fähigkeit des Chamäleons, mit seiner Umwelt so zu verschmelzen, dass er sich in ihr auflöste. Und manchmal ging ihm diese Fähigkeit selbst ganz gehörig auf die Nerven.
Das leise Knarren der Tür veranlasste ihn stehen zu bleiben und sich noch einmal umzusehen.
In einem weichen, fließenden Nachthemd stand sie unter der Tür und sah ihn an. Ihre schwarzen Haare wirkten ein wenig verdrückt, das weiße Nachthemd hüllte sie vom Kinn bis zu den Waden ein und ihre großen, dunklen Augen sahen ihn ohne Umschweife an. Langsam kam Nick auf sie zu. Wie von diesen Augen mit einem unsichtbaren Band herangezogen.
"Hallo Nick”, sagte Gutrun leise.
"Servus Du. Es ist schon ziemlich spät.” antwortete er ebenso leise und hob den Zettel vom Boden auf. "Ist der vielleicht von euch?"
Sie nahm ihm das zerknüllte Stück Papier aus der Hand, kam dann heraus und lehnte die Tür hinter sich an.
"Der ist von mir”, sagte sie noch leiser. "Aber Romana schläft schon und Bacardi ist auch keiner mehr da.”
„Natürlich“, nickte er. "Und Alex?"
Statt einer Antwort lächelte sie schief und schüttelte den Kopf. Nick konnte dieses schiefe Lächeln nur erwidern.
"Außerdem”, setzte er dann noch hinzu, "ist es schon zwei Uhr. Ich glaube, wir vergessen es besser. Okay?"
Sie sah ihn lange an und sagte kein Wort darauf. Dann kniff sie die Lippen zusammen und ihr Kopf sank ein wenig nach unten als sie flüsterte: "Weißt Du, eigentlich hätte ich schon ganz gerne noch was getrunken. Wir haben im Schwimmbad vorhin nicht mehr aufgeräumt. Das wollten wir uns für morgen aufheben.”
Nick fühlte sich mit einem Schlag so munter wie schon lange nicht mehr. "Hättest Du denn noch Lust auf einen letzten Drink am Pool?"
Sie lächelte ihn so verschmitzt von unten herauf an, dass Nick keine andere Antwort mehr benötigte. Ihren Bademantel holte sie noch schnell aus dem Zimmer, schloss vorsichtig die Tür und huschte an ihm vorbei.
Flink ging es wieder durch das gesamte Haus und Nick wunderte sich, wie er überhaupt hierher gefunden hatte. Sie war ihm immer einen kleinen Schritt voraus und es war ein etwas eigenartiger Anblick dieses kleine Gespenst im Bademantel durch die Gänge huschen zu sehen.
Da die Raumbeleuchtung erloschen war schimmerte das Schwimmbad im diffusen, blauen Licht der Unterwasserscheinwerfer. Die kleinen Wellen zeichneten verworrene Muster an die Decke und die Wände, die so lebendiger schienen als die im eisigen Frost erstarrte Landschaft hinter den großen Panoramafenstern. Diese lag im kalten Mondlicht unwirklich bleich da, schweigend, tot und wie gezeichnet.
Lautlos kamen die beiden ungleichen Gestalten durch diesen Raum aus bewegtem Licht an die Bar und sahen sich um.
"Verdursten werden wir hier wohl nicht”, stellte Nick leise fest. Sie sah zum Fenster hinaus in die kalte, leblose Landschaft und es schien, als hätte sie ihn nicht gehört. Und dann meinte sie doch, ebenso leise wie er: "Sogar schwimmen können wir noch gehen.”
Nick lehnte an der Bar, angelte nach einem halbwegs sauberem Glas und lachte auf.
"Wenn es Dir nichts ausmacht, dass ich keine Badehose dabei habe!"
Langsam wandte sie sich um und sah ihm ernst ins lachende Gesicht.
"Mich würde es nicht stören”, stellte sie ruhig fest und ganz langsam, damit er sie ja richtig verstand. Und sie sah dabei, dass auch sein Gesicht immer ernster wurde. Ein wenig verwundert und dann zärtlich. Vorsichtig stellte er das Glas wieder hin, trat an den Beckenrand und sah einen Augenblick stumm in diese schimmernde, blaue Masse. Ohne sich noch einmal nach ihr umzusehen zog er sich bedächtig aus und sprang dann kopfüber ins Wasser. In der Mitte des Beckens tauchte er wieder auf, schüttelte sich und sah zu ihr hin.
Genauso bedächtig wie er legte sie den Bademantel ab, öffnete das weite Nachthemd und ließ es einfach fallen. Natürlich und ganz ohne Umschweife stieg sie vollkommen nackt aus dem weißen Kreis und kam um das Becken herum zu der großen Treppe. Wie gebannt folgten Nicks Augen den leichten, unbewussten Bewegungen ihres grazilen Körpers und nur so etwas wie ein leichtes Frösteln lag auf ihrer zartbraunen Haut, ließ die Warzen ihrer kleinen, festen Brüste hart werden. Auf der Treppe blieb sie stehen und das Wasser umspielte ihre Beine gerade ein wenig unterhalb der Knie, warf Reflexe auf ihre Schenkel, auf ihren flachen Bauch. Ihre dunklen Augen verbargen sich halb unter den Lidern, unter den langen Wimpern, als sie beobachtete, wie Nick durch das immer seichter werdende Wasser auf sie zukam. Endlich stand er vor ihr und mit einer Bewegung die er kaum fühlte, strich sie ihm die nassen Haare zurück und setzte sich auf die Stufe, dass die letzten Wellen des warmen Wassers ihren Körper gerade noch umspielten.
Nick war noch immer so gefangen von dem Anblick dieses jungen, wunderschönen Mädchens, dass er es kaum bemerkte als sie seine Hand ergriff und ihn zu sich hinunter zog.
"Werden wir uns wiedersehen?", fragte sie, als sich ihre Lippen voneinander lösten. Nicks Fingerspitzen streichelten leicht die Stelle zwischen ihren Brüsten.
"Ich werde mich immer an Dich erinnern”, flüsterte er, mit den Fingerspitzen ihre Schultern und ihren Hals erforschend.
Für einen Moment sah sie überrascht auf, dann lachte sie auf, streichelte seine Wange und, während sie ihn wieder zu sich zog, flüsterte sie ihm leise ins Ohr: "Sei nicht so verdammt ehrlich, sonst verlieb’ ich mich wirklich noch in Dich.”







Allmählich blieben die Wolkenfetzen an den Bergen hängen und immer mehr Sterne brachen durch die größer werdenden Lücken. Der Himmel war nicht länger nur mehr eine schwarze, alles verschlingende Masse. Ein tiefdunkles Samtblau spannte sich nun über ihnen. Und wie drohend erhobene Stützen des Himmelsgewölbes ragten die schwarzen Schatten der Berge in dieses Schwarzblau. Gerade um eine Spur heller war dieses Blau, so dass sich die Silhouetten der Berge undeutlich gegen den Himmel abzeichnen konnten. Doch die Sterne schienen nicht nur am Himmel zu leuchten. Ab und zu sah es aus, als läge auf einem der Berghänge einer von ihnen und ruhe sich aus. Kaum noch drei oder vier waren es jetzt. Früh am Abend, da sah es manchmal so aus, als wären die Berge übersät mit Sternen. Und bei manchen wusste man wirklich nicht mehr, ob sie noch am Grad des Berges lagen oder schon unendlich weit entfernt darüber standen.
Diese Sterne an den Berghängen waren die Lichter der vereinzelten Höfe. Aufblitzende Scheinwerfer eines Wagens. Laternen am Parkplatz eines großen Hotels. Oder das Stubenfenster eines einfachen Bergbauernhofs hinter dem noch Licht brannte. Und jeder dieser Sterne war eine eigene kleine Welt für sich.
Unten an der Talsohle und ein wenig die Hänge hinauf begannen die Lichter immer mehr zu werden. Zuerst nur vereinzelt und schüchtern. Dann wurden sie wagemutiger, rotteten sich zu Gruppen zusammen um sich dann schnell und ungehindert im ganzen Tal auszubreiten.
"Innsbruck”, sagte Tonio und kratzte sich wieder am Hinterkopf um dann vorsichtig zu Nick nach hinten zu sehen.
"Na, was ist. Möchtest Du nicht mal wieder einen Tag hier verbringen?" 
Ohne vorerst eine Antwort zu geben, sah Nick den rundlichen Italiener fragend an und entschloss sich dann doch nach vorne zu kommen.
"Was meinst Du damit?", wollte er wissen als er in den Beifahrersitz fiel.
"Naja”, meinte Tonio und zuckte mit den Schultern, "es hat Dir hier doch schon mal ganz gut gefallen.”
Noch immer verwundert schüttelte Nick den Kopf und dachte angestrengt nach.
"Na, komm schon”, lachte Tonio. "Du weißt doch sicher noch! Die kleine Pension von dem Architekten in Imst in der alle Zimmer dreieckig waren. Und dann noch das nette Mädchen am Empfang. Du bist damals einen Tag länger geblieben, weil ...”
"... weil ich nicht besonders scharf darauf war nach zwölf Stunden Arbeit mit einem uralten, überladenen VW-Bus von Innsbruck nach Wien zu fahren. Über Nebenstraßen und mit einer Höchstgeschwindigkeit von 90 Stundenkilometern. Und noch dazu im Winter bei vereisten Straßen.” Er grinste Tonio breit an. "Deshalb bin ich erst am nächsten Tag gefahren und nicht aus irgendwelchen anderen Gründen.”
"Aber da war doch dieses Mädchen, diese - na?"
"Ja”, entgegnete ihm Nick nur. “Aber die Pension liegt in Igls und nicht in Imst, sieht von außen schon sehr dreieckig und futuristisch aus, ist aber größtenteils hinter Bäumen versteckt und liegt abseits. Sie ist eine der Nettesten in der ich jemals geschlafen habe.”
"Hast Du denn geschlafen?", fragte Tonio süffisant aber Nick ließ sich durch solche Sticheleien nicht aus der Ruhe bringen.
"Ich habe geschlafen”, entgegnete er. "Tief und fest und in meinem Bett - und allein. Wenn Du es unbedingt wissen willst!"
Tonio hob hilfesuchend beide Hände gegen den Himmel, ließ sie aber schnell wieder auf das Lenkrad sinken.
"Weißt Du, was das absolut Verrückteste an Dir ist?"
"Nein”, gestand Nick und beugte sich erwartungsvoll zu seinem Kollegen. “Was ist ‚das Verrückteste‘?”
"Das Verrückteste an Dir ist, dass ich es Dir sogar glaube. Frag' mich nicht wieso, aber ich glaube es Dir. Auch wenn man Dich dafür windelweich prügeln müsste!"
Nick sah langsam wieder nach vorne, in die dunkle Nacht hinaus, und mit einem Mal waren all die Fältchen um seine Augen, war all der schelmische Glanz aus diesen Augen verschwunden.
"Dazu gehören meistens zwei”, sagte er kaum hörbar und Tonio war sich nicht sicher, was er damit meinte. Aber Nick wehrte nur ab.
Die Lichter ballten sich immer dichter zu Haufen zusammen. Manche Ketten zerschnitten in geraden Linien das Tal. Kreuzten sich um wieder auseinander zu streben.
Der Bus donnerte auf der in den Berghang geschmiegten Autobahn dahin und wurde nun wieder häufiger von anderen Fahrzeugen überholt.
"Hier herrscht ja schon wieder einigermaßen Verkehr”, brummte Tonio und versuchte den Bus trotz Höchstgeschwindigkeit und holpriger Straße in seiner Spur zu halten.
"Sobald wir Innsbruck hinter uns haben lässt es wieder nach”, beruhigte ihn Nick.
"Und bei der nächsten Raststelle bleiben wir stehen und kaufen Zigaretten!", verkündete der Italiener lauthals. "Oder ich dreh' noch durch, per Dio!"
Nick rollte auf dem Beifahrersitz herum und lachte laut.
"Und da soll mir noch mal einer erzählen, Nikotin wäre kein Suchtgift!"
"Wenn ich nicht wüsste, dass Du ab und zu selber rauchst würde ich Dich jetzt einen blöden, ignoranten, einen – einen - typischen Amerikaner schimpfen!"
Nick hörte auf zu lachen und streckte erst einmal seine Beine auf der Ablage aus.
"Wenn man es genau nimmt, dann ist Nikotin aber tatsächlich ebenso ein Suchtgift - oder keines, wenn man denn so will - wie Kokain, Morphium, Opium und Alkohol. Man kann alles in einem vernünftigen Maße genießen und mit Glück keinerlei Schaden davontragen. Wenn man mal von Heroin oder Crack absieht. Bei Kokain bin ich mir auch nicht so sicher. Da glaube ich eher, es hat kaum Wirkung - was so gefährlich ist, denn es hat bei weitem nicht die Wirkungen, die man ihm zuschreibt, wie zum Beispiel erhöhte Konzentrationsfähigkeit, schnellere Reaktion oder was es sonst noch für Wunder vollbringen soll - das ist alles nur Einbildung. Und gerade die Fehleinschätzung macht dieses Zeug ja so gefährlich. Und natürlich darf man den Alkohol nicht vergessen, den gefährlichsten unter den Suchtgiften, denn es genügt ja schon ein ...”
"Irgendwie", unterbrach ihn Tonio bestimmt, "irgendwie glaube ich, dass es mich eigentlich gar nicht interessiert, was Du mir da so alles erzählen willst!"
Allmählich begannen die Lichter zu ihrer Linken, unten im Tal, wieder spärlicher zu werden. Die Autobahn neigte sich aus ihrer Höhe über der Stadt dem Talboden zu und verließ den Berghang um anmutig nach unten zu sinken.
Nick sah stumm aus dem Bus, rutschte ein wenig tiefer in den Sitz und versuchte die Augen zu schließen. Aber ein unterdrückter Fluch des Fahrers ließ ihn sofort wieder hellwach werden. Er wollte wissen was los war, aber er konnte sich die Frage ersparen. Schnell überholte sie ein großer weißer Mercedes und die beiden Blaulichter auf seinem Dach zerhackten die Gegend mit wilden Blitzen.
Tonio stand schon auf der Bremse und wollte rechts ran fahren als sie bemerkten, dass der Polizeiwagen von ihnen überhaupt keine Notiz nahm, sondern sehr schnell immer kleiner wurde und dann überhaupt in der Dunkelheit verschwand.
"Wie schnell?", fragte Nick und Tonio gestand: "Hundertfünfundvierzig.”
"Die scheinen größeres Wild zu jagen”, bemerkte Nick. Aber er dachte nicht weiter darüber nach sondern rutschte wieder in den Sitz und schloss die Augen.







Nick schob die großen Metallkoffer auf der Ladefläche hin und her bis sie endlich richtig lagen. Dabei fluchte er leise aber kräftig vor sich hin. Es gab Tage, an denen man besser gar nicht aufstand, sondern nur die Decke über den Kopf zog. Und dann gab es die Tage, an denen man sich nicht einmal die Decke über den Kopf ziehen sollte, sondern am Besten gleich unter dem Bett verstecken. Und Nick war sich ziemlich sicher, dass er gerade heute so einen Tag erwischt hatte. Man konnte es drehen und wenden wie man wollte. Entweder war er viel zu früh aufgestanden oder viel zu spät ins Bett gekommen. Von welcher Seite man es auch betrachtete, genug geschlafen hatte er auf jeden Fall nicht. Und das besserte seine Laune genau so wenig wie der Gedanke daran, dass er sich die letzte Nacht völlig sinnlos in irgendwelchen trostlosen Lokalen um die Ohren geschlagen hatte. Eigentlich war nur sie daran schuld! Und doch war Nick ehrlich genug um sich selbst einzugestehen, dass 'sie' keinerlei Schuld traf. Er hätte ja jederzeit aufstehen und nach Hause gehen können. Sie hätte ihn nicht daran gehindert! Er aber war es, der nicht hatte gehen wollen. Weil er sie gewinnen wollte. Weil er der Meinung gewesen war, sie unbedingt für sich gewinnen zu müssen. Ohne zugeben zu können, dass allein der Versuch völlig sinnlos war.
"Arsch”, brummte er halblaut und stapelte den letzten Lampenkoffer auf die Ladefläche.
Er hätte von Anfang an wissen müssen, dass es unmöglich war, sie zu gewinnen. Er hätte es von Anfang an wissen müssen, und hatte es genau genommen auch gewusst, dass es besser wäre einen großen Bogen um diese Frau zu machen. Es hätte ihm viele Sorgen erspart. Aber nein, unbedingt an ihr musste er hängen bleiben.
Wütend versetzte er der herausrutschenden Kiste einen Schlag, dass sie wieder zurück glitt.
"Oh Mann, bist Du heute aber wieder gut aufgelegt."
Peter, der kleine Tonmeister, funkelte ihn über seine Brillengläser hinweg an und stellte das Tonbandgerät zu seinen Sachen in den Bus.
"So”, verkündete er dann. "Ich habe alles. Von mir aus können wir fahren.”
Nick knallte mit aller Wucht die Heckklappe des verbeulten Transits zu, auch, damit das verbogene Schloss ordentlich einschnappte. Während er sich dann auf den Fahrersitz schwang und den Schlüssel ins Zündschloss steckte, meinte er, dass dies vielleicht doch kein so schlechter Tag werden würde.
"Also”, fragte er aufgeräumt, "wohin geht denn heute unsere Expedition in die Dschungel der Subkulturen?"
"In die Wohnsiedlungsanlage 'Am Schöpfwerk'”, erklärte ihm der Redakteur und zog seinen dicken Kalender zu Rate. Daraus las er Nick dann vor, wie der Junge hieß, in welchem Block er wohnte, wer er war. Aber das alles interessierte Nick schon nicht mehr. Während er startete und in den Fließverkehr einbog überlegte er vielmehr krampfhaft, in welcher Himmelsrichtung dieses 'Am Schöpfwerk' wohl liegen mochte.

Die Siedlung mit den hohen, gesichtslosen Bauten selbst war leicht zu finden gewesen, aber wie man hinein kam blieb zuerst einmal ein großes Geheimnis. Von außen glich der soziale Wohnbau mit seinen glatten Fassaden und düsteren Durchgängen mehr einer uneinnehmbaren mittelalterlichen Festung als einer freundlichen Gemeinschaft von Menschen. Jede der Zufahrten in den hoffentlich menschenwürdigeren Innenhof war, zusätzlich zu dem abweisenden Fronten, noch durch einen schweren Schranken versperrt.
"My home is my castle”, spottete Nick als er zum zweiten Mal die Hauptzufahrt hinauf fuhr und versuchte, durch anhaltendes Hupen Aufmerksamkeit zu erregen. Aber außer dass hinter einigen Fenstern die Vorhänge sich unruhig bewegten geschah nichts. Auch in dem Wachzimmer gleich neben dem Schranken regte sich niemand.
Nick zog die Handbremse an und stellte den Motor ab. Fragend wandte er sich um. Für einen Augenblick sahen sich alle schweigend an während der Redakteur vorgab konzentriert in seinem dicken Notizbuch zu lesen. Bis endlich der Tonmeister klein beigab, die Tür öffnete und meinte: "Okay, ich sehe mal nach ob jemand Zuhause ist.”
Kaum war er unter dem unscheinbaren Schild mit der Aufschrift 'Polizei' verschwunden, als sich im Dunkel der Durchfahrt ein paar Schatten lösten und langsam auf sie zu geschlendert kamen. Es waren sechs oder sieben junge Burschen irgendwo zwischen zwölf und siebzehn Jahren. Während sie sich möglichst lässig um den Schranken gruppierten stieß Nick den Redakteur neben sich an und wies nach vorne.
"Ist vielleicht zufällig einer von den Jungs da draußen der, den wir suchen?"
Aufgeschreckt aus seinen Notizen sah der Redakteur sich um und sprang dann aus dem Wagen. Nur wenige Augenblicke später hob sich dank eines Nachschlüssels der Schranken und Nick fuhr darunter durch. Genau in dem Augenblick als Peter mit einem Polizisten unter der Tür erschien und ihnen den Weg öffnen wollte. Der kleine Tonmeister redete offensichtlich wie ein Wasserfall, aber der grauhaarige Polizist zuckte nur gleichgültig mit den Schultern, nahm Klemmbrett und Mütze in die andere Hand und verschwand wieder in dem Wachzimmer.

"Was in aller Welt sind Subkulturen nun wirklich? Ich meine, was ist eigentlich die genaue Definition dieses Fremdwortes, dieses Sammelbegriffes?", wollte Nick wissen und stellte den Joghurtbecher neben sich auf die Parkbank.
"Eine Subkultur ist eine Art Seitentrieb der Gesellschaft. Eine eigene Kultur im Kleinen, die sich bewusst, oder bewusst nicht, an der großen, offiziellen Kultur orientiert, aber trotzdem von ihr mehr oder weniger abhängig ist und trotzdem beständig beeinflusst wird. Dabei aber immer versucht eigenständig zu bleiben.”
"Dann würde mich nur noch eines interessieren”, meinte Nick und brach sich ein Stück Schokolade aus der Tafel auf seinen Knien. "Wie definierst Du dann eigentlich den Begriff 'Kultur'?"
Der junge Redakteur sah Nick einen Augenblick an, als hätte der ihm einen unsittlichen Antrag gemacht, aber Hermann, der Kameramann, rettete ihn vor einer Antwort. Er kam gerade vorbei, nahm Nick die Schokolade von den Knien und meinte dann kauend: "Er fragt immer so viel Blödsinn, wenn ihm langweilig ist. Du solltest nicht auf ihn hören.”
Dabei grinsten er und Nick sich an und Nick machte sich daran, ihm die Tafel Schokolade wieder zu entwinden. Verwundert blinzelte der Redakteur von einem zum anderen und man merkte ihm an, dass er krampfhaft überlegte, welche Antwort sie von ihm erwarteten, aber er kam nicht dazu. Auf der anderen Seite des kleinen Kinderspielplatzes stand der Kameraassistent bei der Kamera und rief ihnen zu, dass die neue Filmspule eingelegt sei. Worauf die beiden zu ihm hin eilten und den jungen Redakteur verdattert sitzen ließen.
"Warum nennt er diese vermaledeite Reportage nicht wirklich einfach 'Jugendbanden', 'Streetgangs' oder was weiß ich? Warum müssen sie immer so hochtrabende Titel erfinden, die doch kein Mensch versteht? Zumindest nicht das Publikum für das sie diese Beiträge eigentlich machen.”
Hermann beugte sich über seine Kamera und fingerte am Blendenring herum. Dabei raunte er: "Die Sendungen haben so hochtrabende Titel damit wenigstens die Zuseher glauben, die Redakteure wüssten wovon sie reden - okay?"
Die drei grinsten sich an, der Tonmeister trat zu ihnen und grinste ebenfalls, obwohl er nicht gehört hatte, worum es ging. Aber er besaß genug Erfahrung mit diesen ständig wechselnden Teams um es sich denken zu können.
Und weiter begleiteten sie die jugendlichen Blüten der subkulturellen Alternativgesellschaftform durch die Winkel der trostlosen Siedlungsbauten. Ließen sich zeigen, wo man sich gemeinhin traf, was man so machte und wie man wohnte. Über alles gaben die jungen Möchtegernrowdies bereitwillig Auskunft, stellten sich in Pose wie der Redakteur es sich vorstellte und waren freundlich und hilfsbereit. Nur als sie dann einmal beisammen standen und Kameramann und Tonmeister endlich wissen wollte, wo man denn hier so richtig 'auf Horrorshow machen konnte'. So richtig mit 'Brutalinski' und das 'alte Rein-Raus-Spiel mit einer Locke die eine andere Verabredung hat', da standen sie ziemlich ratlos in der Gegend herum und gestanden kleinlaut, dass sie eigentlich keine Ahnung hatten, wovon diese schrägen Filmleute denn sprachen. Und die fragten nicht weiter nach. Bei der bunten Durchmischung der Burschen wäre es auch sinnlos gewesen nach so weltmännischen Tätigkeiten wie ‚Türken klatschen‘, ‚Skinglatzen patschen‘ oder ‚Nigger spucken‘ zu fragen.
Als später der Redakteur Nick verwundert fragte, woher sie denn diese Ausdrücke hätte, da meinte Nick abwehrend: "Ach, von einem alten Freund. Einem Amerikaner. Kennst Du sicher. Stan heißt er. Stan Kubrick.”
Die Ausdrücke stammten natürlich von Anthony Burgess, dem Autor von 'Clockwork Orange' und nicht vom Regisseur des gleichnamigen Filmes, aber Nick war sich sicher, dass dem jungen Filmemacher dieser Name noch weniger sagen würde.
"Seinen wir lieber froh, dass sie das alles nicht drauf haben”, meinte Hermann, aber Nick grinste nur schief.
"Dann wart' noch ein paar Wochen bis irgend so ein Arschloch unseren Beitrag sieht, das Geschäft wittert und ihnen das erste Dope verschafft, damit sie damit das große Geld machen”, entgegnete er.

Über neun Stunden waren vergangen, seit sie den Schranken passiert hatten. Allmählich begann es dunkel zu werden, die Jungen hatten sich längst in alle Winde zerstreut und waren nicht mehr aufzufinden. Und auch die Männer in dem weißen Transit waren rechtschaffen müde und wollten eigentlich nur mehr nach Hause. Die zynischen Spötteleien, die ansonsten ihre Arbeit würzten und erträglicher machten, waren seltener geworden. Die Männer selbst immer wortkarger.
Als Nick vor dem Schranken hielt und den Motor abstellte stieg der Redakteur erst gar nicht ein, sondern meinte nur, dass er den Polizisten bitten würde, den Schranken zu öffnen.
Gemütlich lehnte sich Nick zwischen Sitz und Tür zurück, streckte seine langen Beine aus und zündete sich eine Zigarette an. Die erste, die er sich an diesem Tag gönnte. Als die Glut bereits knapp daran war, den Filter und Nicks Finger zu verbrennen, dachte er sich nichts dabei, drückte die Kippe in den bereits übervollen Aschenbecher des Wagens und streckte sich durch. Ein wenig später begann Nick dann aber doch nachdenklich zu werden. Und noch etwas später begann Nick unruhig auf seinem Sitz hin und her zu rutschen. Die Schatten der Bäume wurden nun rasch länger und ab und zu blitzte schon hinter einem der Fenster Licht auf. Nur in dem Wachzimmer blieb es dunkel und doch war sich Nick sicher, dass der Redakteur durch die Tür dort verschwunden war. Und als dann Nick mit einer geknurrten Verwünschung endlich die Tür öffnete um auszusteigen, kam ihr vermisster Unterhändler wieder ans Tageslicht. Aber aus seinem Gesichtsausdruck und der Tatsache, dass er allein kam las Nick nichts Gutes.
"Was ist los?", fragte er und öffnete die Tür ganz.
Nachdenklich lehnte sich der junge Mann durch das offene Fenster und sah erst einmal alle der Reihe nach an. Dann meinte er bedächtig: "Sieht so aus, als hätten wir ein Problem. Er meint nämlich, es gehe über seine Kompetenzen, wenn er uns hinaus lässt. Er sagt, sie dürfen nur Leute hinaus lassen, die auch von ihnen hinein gelassen wurden. Und wir stehen nicht auf seiner Einfahrtsliste.”
Während Hermann und Walter den jungen Mann ansahen wie ein unerwartetes Fabeltier stürzte Peter aus dem Wagen und begann mit hochrotem Kopf und laut schimpfend auf das Gebäude zuzustapfen. Aber da Nick wusste, dass ihnen das höchstens eine Anzeige wegen Missachtung und Beleidigung einer Amtsperson einbringen konnte, machte er sich selbst auf den Weg. Und stoppte unterwegs den cholerischen Tonmeister. Natürlich hätten sie auch die Jungs noch mal suchen können, aber einen Versuch war es allemal wert. Und er hatte seine eigene Art und Weise mit Menschen umzugehen.
Mürrisch sah der noch sehr junge Mann hinter dem Schreibtisch auf, als Nick eintrat. Ärgerlich unterbrach er seine Arbeit und genauso fragte er: "Was wollen s'?"
"Nach Hause”, antwortete Nick freundlich und schloss die Tür hinter sich.
"Was?!"
"Wir möchten nach Hause. Wir haben einen anstrengenden Tag hinter uns, wir sind ehrliche Bürger und rechtschaffen müde. Und jetzt möchten wir, bitte, nach Hause.”
Er blieb vor dem Schreibtisch stehen und sah auf den zart wirkenden Beamten hinunter.
"Und wieso kommen Sie deswegen zu mir?"
"Zwischen uns und unserem Zuhause liegt ein Schranken. Ein verschlossener Schranken. Und wir wären Ihnen äußerst verbunden, wenn Sie uns diesen Schranken öffnen könnten.”
Wütend warf der Junge den Kugelschreiber hin und lehnte sich gewichtig zurück. Diese Haltung hatte er sicherlich in amerikanischen Polizeifilmen gesehen.
"Es tut mir leid. Aber ich habe meine Vorschriften. Und die besagen, dass ich ausdrücklich nur befugt bin ...”
"... nur die Leute hinaus zu lassen, die Sie auch hinein gelassen haben.”
"Genau”, stimmte der Junge zu, erfreut darüber, dass er nun endlich doch verstanden wurde. "Und Sie ...”
"... wir stehen nicht auf deiner Liste.”, ergänzte Nick wieder ruhig, aber der Junge sprang wütend auf.
"Wer hat Ihnen erlaubt mich zu duzen!", rief er.
"Ich duze wen ich will”, erklärte Nick gemächlich lächelnd und setzte sich auf die Kante des Schreibtisches. Nichts Bedrohliches lag in dieser Bewegung. Trotzdem meinte der junge Polizist, die Luft in dem Raum würde plötzlich so dicht zu werden, dass sie jede seiner Bewegung zu verhindern schien. "Im übrigen würde mich interessieren, inwieweit deine Vorschriften dir mitteilen, was mit uns jetzt weiter geschehen soll. Dürfen wir im Wagen übernachten oder wird uns das als Landstreicherei ausgelegt? Musst du uns dann alle festnehmen? Du hast doch auch dafür sicherlich - 'Vorschriften'!"
Bis zum letzten Wort lächelte Nick, das aber spuckte er verächtlich aus.
Erschrocken schaffte es der Junge endlich einen Atemzug zu tun. Die Luft um ihn schien ihm immer dichter, sich in eine zähflüssige, pulsierende Masse zu verwandeln. Der Junge schnappte nach Luft und hatte das unbestimmte Gefühl zu ertrinken. Etwas wie eine mächtige Strömung hatte ihn erfasst, drückte ihn nach unten und zerrte an ihm. Eine Strömung, die von dem lächelnden Mann da vor ihm auszugehen schien. Und Nick lächelte immer noch, aber hinter diesem Lächeln, hinter seinen Augen hatte sich ein kaltes Leuchten, eine Mischung aus kaum verhohlener Drohung und so etwas wie grausiger Vorfreude eingeschlichen. Etwas ging von diesen Augen aus, ging von dieser Stimme aus, das den Jungen unfähig machte auch nur an eine Bewegung zu denken. Ihm die Luft abdrückte, jeden klaren Gedanken verhinderte uns ihn immer mehr zu diesen Augen hin zog. Der große, lächelnde Mann schien ihm für einen Sekundenbruchteil noch zu wachsen und wie in blaues, eisiges Licht getaucht. Er lehnte sich nach vorne über den Schreibtisch. Lauernd, langsam und geschmeidig. Sein lächelnder, eisiger Blick schwemmte dem Jungen jede Kraft einfach weg. Spülte ihm jeden eigenen Willen aus den Knochen. So weich und geschmeidig klang dagegen seine Stimme. Wie das Plätschern einen friedlichen Bächleins. Wie das einschläfernde Schnurren einer Katze. Einer großen, einer riesengroßen Katze.
"Wenn Du weiter gedenkst uns gegen unseren Willen festzuhalten, dann wäre das schon als Vergehen gegen die persönliche Freiheit zu werten. Als widerrechtliches Anhalten von Privatpersonen. Als offensichtlicher Tatbestand der Nötigung. Und ich bin sicher, die Rechtsabteilung unserer Fernsehanstalt kennt die Paragraphen für Nötigung und für Vergehen gegen die Pressefreiheit. Und wenn ich jetzt gleich da hinausgehe und mit meinem Wagen den Schranken durchbreche, dann kann man das wohl nur als Akt der Notwehr ansehen. Solltest Du aber trotzdem darauf spekulieren, dass, wie in diesem schönen Land so üblich, das Wort eines Polizisten mehr gilt, als das von Privatpersonen, so kann ich Dich beruhigen. Wir sind zu fünft. Und wir werden vor Gericht ganz sicherlich alle das Gleiche aussagen. Etwas, das sich wiederum kaum sehr günstig auf deine Karriere auswirken würde, ganz gleich wie dieser Prozess ausgeht. Aber”, plätscherte er dahin, "wir wollen doch alle keinen Ärger, nicht wahr? Also werde ich jetzt gemütlich hinaus gehen, mir eine Zigarette anzünden, in den Wagen steigen, ihn starten und hinausfahren. Und du wirst mit mir mitgehen und den Schranken öffnen.”
Nick erhob sich, löste seinen Blick aus den Augen des Jungen und spazierte gemächlich zur Tür hinaus.
Als sie unter dem geöffneten Schranken hindurch fuhren grüßte Nick den jungen Polizisten noch einmal freundlich. Der hielt ihnen den Schranken auf und starrte dem weißen Bus noch lange mit großen, verwirrten Augen nach. Lange, bis er endlich die Überraschung abschüttelte und zögernd den Schranken wieder schloss. Mit der absoluten Sicherheit, dass er von diesem Erlebnis niemandem in seinem Leben jemals erzählen würde. Zumal er auch nicht hätte sagen können, was da eben geschehen war.
"Sag' mal Nick ...”, begann der Redakteur aber Nick winkte sofort lachend ab.
"Es ist damit so, wie mit allen Dingen im Leben. Nur das erste Mal ist schwer. Aber je öfter Du über die Grenze gehst, um so leichter wird es.”
Nick verstummte und presste die Kiefer zusammen. Viel zu leicht war es. So leicht war es ihm noch niemals zuvor gefallen. Und es hatte ihm gefallen, viel zu sehr gefallen, diese eigenartige Macht auszuleben. Was war es? Was war das für ein Gefühl, für eine Fähigkeit, die ihn selbst mehr erschreckte und die er so gut es ging in sich verbarg.







Nick fühlte die leichte Berührung an seiner Schulter und öffnete die Augen. Gerade rechtzeitig um den weißen Mercedes wieder zu sehen. Er stand am Straßenrand, die Blaulichter hackten sich immer noch wild in die Nacht und hinter ihm parkte ein weißblauer Renault Alpine mit eingeschalteter Warnblinkanlage.
"Ich glaube”, ließ sich Tonio vernehmen, "der war noch ein wenig schneller als wir.”
Der Mann am Beifahrersitz nickte nur und sah hinaus auf die beiden vorbei huschenden Wagen. Einer der Beamten lehnte am Fenster des Sportwagens und dank seiner Einsicht von oben sah selbst Nick selbst im Vorbeibrausen, dass die blonde Dame am Steuer des Renault unverkennbar einen Minirock trug.
"Ich glaube, sie kommt billig davon”, meinte er.
"Wer - sie?"
"Die kleine Blonde.”
Tonio bekam einen längeren verbalen Tobsuchtsanfall und stieß dann einer herzzerfleddernden Seufzer aus.
"Zufälligerweise muss ich fahren und es ist mir deshalb irgendwie nicht möglich nach irgendwelchen Weibern Ausschau zu halten. Also - was war los?"
Nick lachte und nahm die Beine von der Ablage.
"Ich kann das immer noch verbinden.”
"Deshalb fahre auch lieber ich”, konterte Tonio schnell.
"Es begann alles damit”, erzählte Nick im Ton des guten Märchenonkels, "dass der Fahrer des Sportwagens eine Fahrerin war. Und obendrein eine hübsche, so weit ich das sehen konnte. Zu allem Überfluss natürlich auch noch blond gelockt. Und sie trug wunderschöne, schwarze Netzstrümpfe.”
"Netzstrümpfe?" fragte Tonio verwundert.
"Ja, Netzstrümpfe”, bestätigte Nick. "Man konnte sie ganz deutlich sehen - bei dem hoch geschobenen Rock!"
Lächelnd hob er beide Hände gegen Himmel und nahm entschuldigend die Schultern mit.
"Fragst Du Dich noch immer, weswegen ich der Meinung bin, sie wird billig davonkommen?"
"Es sei denn”, überlegte Tonio, "den beiden Bullen fällt ein, bei diesem Angebot nicht gerade verwunderlich, dass sie sich ihre Nachsicht bezahlen lassen. Wenn möglich mit Dienstleistungen.”
Verwundert sah Nick den Fahrer einen Augenblick lang an. Dann schüttelte er sehr vorsichtig den Kopf.
"Mein lieber Freund. Du solltest weniger Porno-Drehs machen. Das hier ist österreichisches Staatsgebiet. Nicht irgendein verlassener Highway zwischen Frisco und Boston!"
"Na und?" fragte Tonio und sah angriffslustig für einen kurzen Moment zu Nick hinüber der überlegend dasaß und seine Stiefelspitzen betrachtete.
"Andererseits”, meinte Nick bald darauf sehr leise, "andererseits könnte Dir dieser Gedanken durch den Kopf geschossen sein, eben weil dies kein amerikanischer Highway ist, sondern gerade weil es Österreich ist.”
Tonio wiegte bedenklich den Kopf und drehte das Radio noch eine Spur leiser.
"Naja, so wollte ich das nun auch wieder nicht verstanden haben. Ich glaube doch, dass es weniger österreichische Bullen gibt, die daran denken ein Mädchen zu vergewaltigen, als amerikanische, die es tatsächlich auch tun. Obwohl man da ja nicht wirklich von einer Vergewaltigung sprechen kann. Eher von einem Geschäft, was gewerblichem. Aber schließlich bin ich Italiener und Du bist Österreicher. Du musst dein Land kennen. Jedenfalls besser als ich ...”
"... und wahrscheinlich besser als so manche Österreicher.”, fügte Nick noch tonlos hinzu.
"Wieso?", wollte Tonio wissen.
"Du weißt, was ich meine. Weil es ein Unterschied macht, ob Du in den Nachrichten hörst, dass ein Flugzeug abgestürzt ist oder ob Du am Rollfeld stehst und es aufschlagen siehst!"
"Du meinst, bei unserem Beruf hast Du vieles von dem selbst gesehen, was Otto Normalverbraucher nur auf dem Bildschirm zu sehen bekommt? Du solltest weniger für den Aktuellen Dienst machen, ehrlich. Das verdirbt den Charakter, glaub‘ einem alten Mann.”
Nick gab keine Antwort. Er saß noch immer da und starrte auf die Spitzen seine Stiefel hinunter. Tonio sah kurz zu ihm hinüber und runzelte die Stirn, als er Nicks Gesichtsausdruck sah. Nichts von dem ewigen Lachen, von dem ewigen, unbekümmerten Schelm, den er so gerne vor sich hertrug, war geblieben. Nichts von dem Mann, der über alles hinwegsehen konnte, abgesehen von seinen eigenen Fehlern. Nichts von dem Mann der über alles und jeden lachen, herzlich lachen konnte. Nur Traurigkeit, Müdigkeit - und ein ohnmächtiger Ekel.
"Es geht nicht um das, was sie den Leuten auf den Bildschirmen zeigen, als wäre das nicht schon schlimm genug. Es geht vielmehr um das, was sie ihnen nicht zeigen”, knurrte er vor sich hin.







(Montag) - Bei dem lauten Dröhnen des hochtourigen Wagens war es schier unmöglich, sich zu unterhalten. Nick schaltete seinen Walkman wieder ab und sah konzentriert auf die Autobahn hinaus. Vielleicht konnte er doch eine der Eisplatten erraten, bevor noch die Reifen darüber schlitterten. Ein leichtes Grinsen huschte über sein Gesicht, als er daran dachte, wie er an diesem Morgen so nichtsahnend aufgestanden war, in aller Ruhe gefrühstückt hatte und sich dann auf den Weg machen wollte um einzukaufen. Er hatte schon die Wohnungstüre hinter sich geschlossen, als das Telefon anfing zu läuten. Anfangs hatte er kurz überlegt, ob er überhaupt noch Zuhause sei. Wenn nicht, dann hatte der Anrufer eben Pech gehabt. Aber in seinen Bewusstsein hatte sich der von Aufträgen abhängige Freiberufler durchgesetzt und er ging zurück und nahm den Hörer ab. Das war kurz nach zehn Uhr gewesen. Jetzt war es kurz nach drei Uhr nachmittags und er befand sich irgendwo auf der Autobahn, auf dem Weg nach Kärnten. Dazwischen lag pure Hektik. Er hatte erst einmal herausfinden müssen, welche Geräte überhaupt gebraucht wurden, hatte sie in den verschiedenen Firmen zusammensuchen müsse und überprüfen, ob sie auch einsatzbereit waren. Er hatte sie verladen müssen, Geld im Produktionsbüro organisieren - und seine eigenen Sachen zu packen hätte er beinahe vergessen. Jetzt ging es also nach Süden. Aber nicht um 'Urlaub bei Freunden' zu machen, wie das Werbeprospekt versprach, sondern weil die alte Minderheitendiskussion wieder aufgeflammt war und es dabei wieder mal um Kärnten und die Kärntner Slowenen ging. Zumindest hatte man ihm das so erklärt.
"Weiß eigentlich irgend jemand, was das werden soll? Das, was wir da unten machen sollen?", rief er in das Dröhnen des Wagens hinein.
Hans, der große blonde Tonmeister neben ihm reagierte überhaupt nicht. Bei der Lautstärke seines Walkman konnte Nick noch ohne große Anstrengung mithören. Joachim, der Kameraassistent zuckte nur mit den Schultern. Nur Peter, der kleine, drahtige Kameramann mit dem Bürstenhaarschnitt, beugte sich nach vorne und versuchte Nick zu erklären, worum es eigentlich ging. Doch es lag nicht nur am Dröhnen des hoch drehenden Motors, dass Nick von dem allen nur sehr wenig verstand.
"Irgendwie verstehe ich das alles nicht”, gestand er. "Ich meine, Österreich ist ein demokratischer Staat und wir haben laut Verfassung unsere Minderheiten zu schützen. Gut und schön. Aber wir leben doch bitte auch in einer Demokratie und der Grundgedanke einer Demokratie ist doch immer noch, dass sich eine Minderheit einer Mehrheit unterzuordnen hat. Was soll das Ganze also? Was wollen sie denn eigentlich?"
"Die Frage ist nicht, was die Slowenen wollen, sondern was die deutschsprechenden Kärntner wollen.”
"Wieso?"
"Die Slowenen wollen deutschsprachige Schulen in denen - nach Bedarf - auch zweisprachiger Unterricht praktiziert wird, also deutsch und slowenisch unterrichtet wird. Die Deutschkärntner wollen slowenische und deutsche Schulen. Um eine reine deutsche Sprache zu erhalten. Um das kulturelle deutsche Erbe nicht mit anderem zu vermischen.”
Nick grinste schief und winkte kurz ab.
"So, jetzt mach' aber mal einen Punkt. Das klingt mir doch alles schon sehr 'deutsch'. Und würden wir 1935 leben, würde ich es Dir sogar glauben. Aber wir leben nicht mehr zur Zeit des Ständestaates oder des Dritten Reichs. Die Zeiten haben sich geändert. Und irgendwie muss ich Dir sagen, dass ich glaube, dass da mehr dahinter stecken muss.”
Nick überholte den Tankzug, der langsam eine Steigung hinauf keuchte und legte eine kurze Pause ein. Dann meinte er: "Du weißt, wie wenig ich von diesem Gesülze um  Freie Völker und Nationalitäten halte, aber jetzt muss ich doch die aufmüpfige und unkorrekte Frage stellen, sind wir nun ein Volk oder sind wir nicht ein Volk?"
"... ein Reich, ein Führer”, brummte Hans und schaltete seinen Walkman wieder ein. Peter lehnte sich zurück, heiser vom Anschreien gegen den Motorenlärm und Nick konzentrierte sich wiederum mehr darauf, den Wagen auf der Straße zu halten.

(Dienstag) - Das kleine Dorf lag eingekesselt zwischen den hohen Bergen und das winzige Restchen Himmel darüber schimmerte blau wie frisch polierter Stahl. Nick rieb sich die Hände in den dicken Wollhandschuhen und sah dem weißen Dampf zu, der jedes Mal aufstieg wenn er ausatmete.
"Eigentlich liebe ich den Winter”, meinte er und sah Joachim zu, der mit klammen Fingern versuchte, die Kamera auf dem Stativ zu befestigen.
"Und was liebst Du am Winter so?"
"Eigentlich nichts Spezielles. Nur den Winter an sich. Und da wäre es mir am Allerliebsten, wenn ich ihn auf Hawaii oder Neuseeland verbringen könnte. Denn ich liebe vielleicht den Winter, aber ich hasse die Kälte.”
"Und davon gibt es hier mehr als genug”, stimmte ihm der große Assistent zu, hob das Stativ mit der Kamera und legte es sich über die Schulter.
"Von mir aus kannst Du absperren. Ich habe alles, was ich brauche.”
Nick verschloss den Wagen und stapfte hinter ihm her durch den Schnee auf das Schulgebäude zu.
Im Pausenraum trafen sie dann auf die anderen Insassen des Transits und auf die beiden Fernsehredakteure, die mit ihrem eigenen Wagen durch den Schnee pflügten.
"Warum sind wir eigentlich hier in dieser Schule?" fragte eben der Kameramann und besah sich dabei zweifelnd die hohen, kaum ausgeleuchteten Räume, als die beiden dick vermummten Gestalten unter der Türe erschienen.
"Weil dies”, antwortete ihm der jüngere der beiden Redakteure, "laut Bericht des Unterrichtsministeriums eine der bestgeführten Schulen dieses Landes ist. Eine andere, die ebenso gut bewertet wird, werden wir am Freitag besuchen. Der gravierende Unterschied zwischen diesen beiden Schulen besteht darin, dass an dieser laut einem Schulversuch ein gemischtsprachiger Unterricht technisch einfach nicht durchführbar ist. Während es in der anderen ohne die geringsten Probleme klappt.”
"Gibt es vielleicht auch sonst noch einen kleinen Unterschied?" wollte Joachim wissen und stellte die Kamera ab. Alle sahen ihn für einen Augenblick an, dann meinte der andere, der ältere Redakteur mit einem schiefen Grinsen: "Ja, eigentlich schon. Der Direktor dieser Schule ist deutschstämmig, der andere gehört zur slowenischen Minderheit.”
Joachim zuckte mit den Schultern und begann sich gemächlich aus der Jacke zu schälen. Die beiden Redakteure verschwanden in der Direktion und der Rest des Teams begann ziellos durch die Gänge zu wandern - und zu warten.
Nick hatte schon von Kindheit an eine Abneigung gegen die kalten, kahlen, hohen, leeren Gänge von Schulen, Ämter und Krankenhäusern entwickelt. Während in Krankenhäusern Hygiene und Sparzwang vorrangig waren, so war es in allen Ämtern der Welt offensichtlich zwingend notwendig, dass der Bittsteller sich unwohl zu fühlen hatte, denn schließlich war er es ja, der dem Amt zu Laste fiel und nicht das Amt geschaffen worden, um dem Bürger zu dienen. Aber seiner Meinung nach sollte doch gerade in einer Schule das Gegenteil gelten. Nick interessierten jedoch die graphischen Statistiken, die die Wände pflasterten, wohl genauso herzlich wenig wie die Schüler. Nur hin und wieder war diese verstaubte Information aufgelockert durch eine bunte Grafik oder, und da staunten sie alle miteinander, von bunten Wahlplakaten. Was es wohl bringen konnte in einer Grundschule Wahlplakate anzubringen war für Nick nicht ganz nachvollziehbar, aber er nahm sich vor, bei gegebener Gelegenheit darüber nachdenken. Wusste er doch, dass niemand etwas ohne Hintergedanken tat. Also musste es dafür eine wenigstens einigermaßen logische Erklärung geben. Erst viel später sollte ihm bewusst werden, dass die Menschen nun einmal einfache Lösungen der Wahrheit vorzogen und nichts lieber taten, als diese griffigen Schlagwörter oft und immer zu wiederholen. Als könnten sie mit jeder Wiederholung ihre einfache Wahrheit ein wenig mehr mit der komplexen Wirklichkeit vereinen. Und je tiefer diese einfachen Wahrheiten im kindlichen Gemüt verankert waren, um so fester erwiesen die Menschen sich.
Schnell fanden sich aber alle wieder in dem Pausenraum ein. Alle mit Ausnahme der Redakteure, die immer noch in der Direktion verhandelten. Hans verschwand wieder einmal nach draußen in die Kälte um eine Zigarette zu rauchen und die anderen lümmelten auf den für sie viel zu niedrigen Bänken herum und warteten bei ihren Geräten.
Das eine Bild über ihren Köpfen war Nick bereits aufgefallen als er diesen Raum betreten hatte. Jetzt hatte er genügend Zeit um es ausgiebig zu betrachten. Es hing gerade gegenüber dem Eingang auf einer schmalen Säule zwischen der Treppe und einem großen Fenster. Und es hing gerade so hoch, dass ein groß gewachsener Zehnjähriger wie auch ein Erwachsener dazu aufsehen musste. Dieses Bild war eigentlich nichts weiter als ein großes Plakat einer vergangenen Wahl. Nur ein Gedenkstück aus jenen alten Zeiten, die für manche so fern und unwirklich waren, dass hier hing zur Mahnung und zur Erziehung der heranwachsenden Generation.
'Wählt für ein freies, deutsches Kärnten' stand in großen geschwungenen Lettern oben auf dem Plakat. Und darunter stand, vor einem wunderschönen, kitschigen Kärntner Bergpanorama, ein Adonis von einem Mann. Blond, natürlich. Ein Bär von einem Kerl, dessen mächtige Schultern beinahe das helle, offene Hemd zu sprengen schienen aus dem eine gerade, kräftige Brust hervor leuchtete. Die braungebrannten Arme, die aus den hochgekrempelten Ärmeln heraus ragten und mit denen er beherzt nach der Sonne griff, waren stark und unüberwindlich wie Eichenäste. Unter den Füßen des blauäugigen Riesen stoben Scharen von Ungeziefer davon. Kleine, gebückte Gestalten von Männern und Frauen mit dichtem, schwarzen Haar, verschlagenen Gesichtern, riesigen Hakennasen und wild wuchernden Schnurrbärten. Aber der blonde Riese schien das ängstliche, verschlagene Gewimmel unter seinen Füßen nicht zu bemerken. Er streckte seine Hand nach oben aus, wo seine natürlichen Rechte hingen, unveräußerlich. Nun, er würde seine Stimme und wohl auch sein Leben geben für ein freies, für ein deutsche Kärnten.
"Wenn ich nicht wüsste, dass das Kärntner Landeswappen anders aussieht, dann könnte man beinahe annehmen, man stehe davor.”
"Wie kommst Du darauf?", fragte Nick den neben ihn getretenen Kameramann, der nun ebenfalls seinen Blick zu dem naiven Meisterwerk erhoben hatte.
"Allein schon durch die Art und Weise, wie man es dort hin gehängt hat. So hängt man nur Präsidenten, den Papst oder ein Wappen auf.”
"Kurz gesagt, etwas, dass einem als besonders wertvoll und wichtig erscheint”, ergänzte Joachim und Nick meinte sich inzwischen dunkel zu erinnern, dass Joachim aus diesem Land stammte. Die beiden drehten sich nach ihm um und sahen ihn fragend an, aber er sagte nichts weiter, wandte sich wieder ab und ging weg. Allmählich wanderten ihre Blick wieder nach oben.
"Neunzehnhundertfünfunddreißig”, murmelte Nick und Peter fragte: "Was?"
Aber Nick gab keine Antwort mehr. Er schien angestrengt nachzudenken.

Die kleine Kirche lag hoch über dem Dorf auf einem unauffälligen aber steilen Hügel mitten im Tal. Unter der Brüstung des Kirchplatzes drängten sich die Häuser eng zusammen, als wollten auch sie sich so vor der Kälte schützen. Und über all dieser weißen, überwältigenden Pracht spannte sich ein makellos blauer Himmel und tauchte eine strahlende Sonne alles in ihr gleißendes Licht. Einzig unberührt von diesem überwältigenden Anblick blieb die Quecksilbersäule irgendwo in unergründlichen Tiefen.
Nick stand am Rande der steinernen Balustrade und sah hinunter in das Tal. So, wie viele Generationen von Menschen es vor ihm getan haben mochten. In ein blühendes - in ein reifes - in ein verschneites Tal. Sonntag für Sonntag, wenn sie zur Kirche gingen. Sommer wie Winter. Jahr für Jahr. Generation für Generation. In ihr Tal. In ihr Land. Auf ihren Boden.
Er kroch noch tiefer in seine Daunenjacke hinein und stampfte ein paar Mal kräftig mit den Beinen auf, um sein Blut nicht vollkommen einfrieren zu lassen. Peter, Joachim und der jüngere Redakteur waren irgendwo rund um die Kirche unterwegs um ein paar idyllische Bilder einzufangen, während Hans, der Tonmeister, der ältere Redakteur und Nick sich neben dem Bus in der Sonne die Beine vertraten. Das war immer noch angenehmer, als ruhig im eisig kalten Wagen zu sitzen und zu warten. Nicht einmal den Motor konnte Nick starten, er war schon froh, wenn er es noch bis zur nächsten Tankstelle schaffte. An Benzinverbrauch zum Heizen war da nicht zu denken.
"Scheiß Job”, brummte Nick und zog sich die Wollmütze noch weiter über die Ohren. Hans riskierte nur ein verstecktes Grinsen aus seiner Jacke und meinte stoisch: "Berufsrisiko eben.” Es schien, als hätte die Kälte sein angeborenes Phlegma nur noch vertieft.
"Wie viel Grad haben wir eigentlich?", wollte Paul zähneklappernd wissen.
"Unten an dem Haus im Schatten hatte es 23 des Minuses”, brummte Hans hinter seinem Schal und sein Atem gefror sofort als weißer Hauch auf der Außenseite der Wolle.
"Dann haben wir hier in der Sonne um die 20”, bemerkte Nick und begann mit schwer stampfenden Schritten und wild kreisenden Armen rund um den Wagen zu wandern.
"Hilft das?", fragte Paul misstrauisch und Nick unterbrach seine Bewegungen. "Ich hab' mal mit einem sowjetischen Kameramann gearbeitet, der hat mir erzählt, in Sibirien machen sie es so, und ich hatte den Eindruck, er wusste wovon er sprach.”
"Flüchtling?"
"Russisches Fernsehen”, antwortete Nick "NEUES russisches Fernsehen!" und nahm seine Runden wieder auf und so, als müsste er auch seine Stimmbänder warmhalten, schimpfte er vor sich hin.
"Wieso müssen wir auch Qualität produzieren!", rief er. "Hätte es nicht genügt das Ganze mit einer Videokamera, mit einer Elektronik aufzunehmen? Mit so einer kannst Du bei diesen Temperaturen gerade noch Schlitten fahren und die Videobänder kannst Du zum Unterkeilen der Reifen verwenden aber zu sonst auch nichts mehr. Aber nein, wir müssen ja auf Film und seine Vorteile und seine Qualität schwören. Eine Arri funktioniert auch noch bei minus 30 Grad. Und um das zu beweisen frieren wir uns jetzt hier den Arsch ab!"
"Vialeichd mechtns einikumma und si lei a bissale ofwahma?" 
Der alte Mann stand wie aus dem Boden gewachsen neben dem Bus, lächelte mit all seinen Furchen im Gesicht und deutete mit einer einladenden Geste zu dem Bauernhof der etwas abseits der Kirche lag. Nur einen kurzen Augenblick sahen sich die drei Männer an, dann dankten sie lauthals und setzten sich rasch in Bewegung.
Es sollte schon eine geraume Weile dauern, bis sie sich aus ihren Sachen geschält hatten und dann ruhig und gemütlich um den riesigen, alten Holztisch saßen. Jeder vor sich eine große Tasse voll mit dampfendem Tee und einem gehörigen Schuss 'Lebanswosa' wie der alte kärntner Bauer seinen Obstschnaps, sein Lebenswasser nannte. Die Hände hatten sie fest um die Tassen gelegt, ihre Blicke wanderten immer wieder zu dem alten, schmucklosen Kachelofen hin, der vor Wärme bullerte und sie fühlten wie die heiße Flüssigkeit ihre Mägen allmählich in kleine Öfen verwandelte, die nun auch den restlichen Körper aufzutauen begannen. Man hätte meinen können, sie kämen direkt aus dem Nördlichen Eismeer. Aber der Kälte ist es egal, wo man erfriert, ob in Grönland oder in Kärnten.
Der Mann und die Frau mochten so um die Siebzig sein und die Augen in ihren abgearbeiteten, vom Wetter gegerbten Gesichter zeigten ihre Freude sichtlich, dass sie die drei Männer aus der Kälte errettet hatten. Mit der Zeit tauten auch die Zungen wieder auf und nach den anfänglichen Stockungen und den notwendigen Lobpreisungen des Getränkes kam ein Gespräch zustande. Zuerst war es nur Hans, der es führte. Über das Wetter, über den Schnee, über die Sonne und über die Fremden, die in die Orte am Berg kamen um unverbrauchte Energien auszuleben und ihr Geld hier zu lassen. Wenn man ihm glauben durfte, dann war er ja selbst einmal in so einem kleinen Dorf aufgewachsen. Allerdings lebte er schon viel zu lange in der großen Stadt um noch irgendwelche Anzeichen davon verspüren zu lassen. Als dann die Rede auf die Fernsehanstalt und ihre Fehler kam stieg auch der Redakteur immer häufiger ein. Und als sich dann heraus stellte, dass man nicht nur das Wetter und die schöne Landschaft filmen wollte, da kam es zu einem ersten leisen Stocken. Nick, der nur dasaß und stumm den heißen Tee schlürfte, meinte einen überraschten Seitenblick zwischen dem Mann und der Frau bemerkt zu haben. Das freundliche Lächeln war zu einem großen Teil aus ihren gefurchten Gesichtern verschwunden als sie sich vorsichtig erkundigten, was diese Männer nun wirklich hierher trieb und wem sie auf der Spur waren. Und so, als wäre ein Damm gebrochen, begann der Redakteur zu erzählen von Slowenen und Deutschkärntnern. Von Schulen, Lehrern und Direktoren, von Schulversuch und Minderheitengesetz, von lauten Landespolitikern und leisen Chefredakteuren, von Öffentlichkeit, Berichterstattung und von journalistischer Sorgfaltspflicht.
Was er in seinem Redeschwall nicht bemerkte, war, dass die beiden alten Leutchen immer stiller wurden. Immer mehr in sich hinein krochen und ihre hellen Augen das freundliche Lächeln vollkommen verloren hatten. Es war zögerlicher Scheu gewichen. Mehr noch. Fasziniert vergaß Nick die an die Lippen geführte Tasse. Vergaß vollkommen zu trinken. Ließ die Hände langsam sinken bis die Tasse hart auf dem rauen Holz aufsetzte. Ungläubig schloss er den bereits geöffneten Mund wieder und konnte seinen überraschten Blick nicht von diesen beiden knorrigen Menschen lösen. In ihren Augen lag tatsächlich Angst. Jahrzehnte voller Angst. Nackte, blanke Angst!
Der Redakteur redete immer noch, aber Nick hörte nicht mehr hin, verstand diese Stimme nur mehr als weit entferntes Rauschen. Er versuchte zu ergründen, was diese Menschen plötzlich so verändert hatte. Was konnte es sein, das freundliche, selbstsichere Menschen mit einem Schlag in angsterfüllte Kreaturen verwandelte? Nick schob die Tasse zwischen seinen Händen hin und her und immer wieder musste er, wie von einem unheimlichen Zwang besessen, aufsehen. In diese großen, verwunderten Augen sehen, in denen die Angst leuchtete. Aber er verstand nicht. Er verstand einfach nicht was da vor seinen Augen geschehen war. Zwar bildete sich ganz hinten in seinen Gedanken ein Bodensatz, eine Ahnung, ihr aber wollte er kein Recht zugestehen. Das war unmöglich! Nein, mehr noch, das war einfach lächerlich! Das konnte es nicht geben! Das durfte es nicht geben!
Unerwartet öffnete sich die niedrige Tür und drei große, breitschultrige Gestalten schoben sich durch die enge Öffnung. Ohne Zweifel war der ältere der Drei der Sohn des alten Mannes und ebenso unverkennbar waren die beiden jüngeren Gestalten dahinter wiederum seine Söhne. Wer Augen im Kopf hatte, der konnte das nicht übersehen.
Die Überraschung aber auch die Freude in den gebräunten Gesichtern der drei Männer über den unerwarteten Besuch war nicht zu verkennen. Doch ohne lange Vorreden schilderte der alte  Mann  seinem  Sohn unumwunden,  was diese Männer in ihr Tal geführt hatte. Und wieder sah Nick die Freude verlöschen und die Angst dahinter aufkeimen. Doch diesmal war es nicht die Angst in den Augen eines alten Mannes der Diktatur und Vertreibung, der einen, vielleicht sogar zwei Kriege miterlebt hatte. Jetzt waren es die Augen eines Vierzigjährigen. Jetzt waren es die Augen von Zwanzigjährigen, die von dieser bodenlosen Dunkelheit der Angst sprachen.
"Ich glaube, wir sollten jetzt allmählich wieder gehen.”
Nick stand auf und gab dem Tonmeister neben sich zu verstehen, er solle aus der Bank rücken. Der sah ihn erstaunt an, begriff aber sehr schnell.
"Natürlich können Sie bleiben solange Sie wollen”, protestierte der Vater schwach und sowohl Großvater wie Söhne nickten. "Nur müssen Sie verstehen, das ist ein kleines Dorf. Wir müssen hier leben und das funktioniert ganz gut. Aber wir müssen auch unsere Ernten verkaufen, unser Vieh. Wir brauchen ab und zu etwas vom Gemeindeamt und von Finanzamt. Und wenn jetzt jemand erfährt, dass sie hier bei uns waren ...” Er sprach nicht aus, was Nick und der Tonmeister längst verstanden hatten. Und diese beiden drängten den verdutzten Redakteur aus der Bank. Während er seine Jacke überstreifte konnte Nick sich eine Frage doch nicht verkneifen.
“Die Feuerversicherungen für eure Scheunen sind wohl sehr teuer hier”, meint er. Einer der Jungen feixte und winkte ab.
“Ach, es geht. Aber wir haben halt lange suchen müssen, bis wir eine Versicherung gefunden haben, die uns überhaupt genommen hat. Weil wir doch immer so unvorsichtig mit dem Feuer sind, wir Slowenen.”

Nick stand an der steinernen Balustrade vor der Kirche und kroch noch tiefer in seine dicke Daunenjacke. Vor ihm lag das kleine Tal in glitzerndem Weiß eingefroren. Und die strahlende Sonne thronte in einem kristallklaren Himmel.
Aber Nick sah von alledem nichts mehr. Diese Augen, diese großen, angsterfüllten Augen der alten Leute gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Und der Bodensatz hinten in seinem Gehirn, diese Ahnung wurde immer übermächtiger und bedrohlicher. Aber er weigerte sich nach wie vor standhaft, diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Unbeeindruckt von all dieser Naturschönheit blieb die Temperatur dank dem leise aufkommenden Wind unerträglich. Nick stand da, dachte an nichts und fror nur ein klein wenig. Doch es war nicht der Schnaps in seinem Magen, es waren diese Augen, die in ihm brannten. Diese, und all die anderen die er schon gesehen hatte. In ihm brannte das Gefühl einer ohnmächtigen Wut, die wie eine Woge aus Tiefen über ihn gekommen war, von denen er nichts ahnte.

(Mittwoch) - Die fünf Frauen waren als offizielle Vertreter eine großen Bürgerbewegung gekommen und saßen rund um die eine Ecke des Tisches wobei sie immer aufgebrachter die Fragen beantworteten, die der ältere Redakteur ihnen stellte. Der Raum war so angefüllt mit Zigarettenrauch, dass sich unter der Decke bereits eine dicht wallende Wolke gebildet hatte. Für Nick wurde diese Wolke immer mehr zu einem Alptraum. Denn die Lampen, die er aufgestellt hatten, die schienen schwächer zu werden in dem Nebel, das Licht selbst schien sich beständig zu verändern und das wiederum trieb den Kameramann zur Weißglut. Völlig zurecht. Und doch war das technische Problem, für Beleuchter und Kameramann, das kleinere. Denn in dem grauen Wallen, in dem wabernden Licht begannen die Wandfresken des alten Wirtshauses lebendig zu werden. Dieses Extrazimmer war als Gedenkstätte für einen Offizier des Zweiten Weltkrieges errichtet worden. Ausgestattet mit den Erinnerungsstücken und Fresken seiner größten Heldentaten. Und durch diese wallenden Nebelschleier sah es aus, als würden die Soldaten noch immer hinter dem Offizier her über eine halb gesprengte Brücke laufen. Um noch mehr slowenische Partisanen zu töten und sich endgültig das EK I zu verdienen. Dort drüben sah es aus, als würden die an die Wand gestellten und gefesselten Partisanen immer mehr und das deutsche Erschießungskommando unter Leitung des heldenhaften Offiziers immer kleiner. Und dort ganz oben, bei der größten Heldentat dieses Offiziers, der Auslöschung eines ganzen Dorfes voller Partisanen, schien es, als würden sich die Leiber der Männer, Frauen und Tiere noch immer im Staub der deutschen Heimat wälzen und sie mit ihrem Blut besudeln. Zumindest auf die bildliche Darstellung der damals getöteten Kinder und Greise hatte der Künstler huldvoll verzichtet, wenngleich sie in deutscher Gründlichkeit und Wahrheitsliebe akribisch belegt waren. Wie die Damen bemüht waren hinzuweisen. Denn zu all diesen Schreckensvisionen des menschlichen Rachedurstes der Vergangenheit dröhnte als Begleitmusik das Gekreische der fünf Furien.
Dass die Fragen des Redakteur immer unverblümter die Form der Verarschung annahmen, das schienen sie nicht zu bemerken. Sie sagten, was sie zu sagen hatten. Und selbst wenn der Redakteur es hätte verhindern wollen, es wäre ihm nicht gelungen. Aber er wollte gar nichts verhindern. Dazu war er viel zu fasziniert von ihrem Fanatismus. Und doch entdeckte Nick auch hier zwischen dem Glühen von Hass und Wut den Glanz der panischen Angst in ihren Augen. Von Abspaltung des Landes von Österreich war da die Rede. Von absichtlicher und geplanter Verdummung der deutschen Kinder um einen eigenen slowenischen Staat zu gründen. Damit man dann die rechtschaffenen Deutschkärntner als Sklaven halten konnte oder auf den Balkan verkaufen. Von Vergewaltigung deutscher Frauen und Einbrüchen in deutsche Haushalte durch tierisch-triebhafte Slowenen, die dreckiger und dümmer waren als die Füchse, die früher die Hühner stahlen. Von einer unerlernbaren, ja tatsächlich unmenschlichen Sprache. Davon, dass sie stanken, diese Slowenen. Davon, dass jetzt ein Slowene, dank dieser perversen Judenregierung in Wien, zwar offiziell sogar Beamter werden durfte, aber es natürlich nie werden würde. Da war die Landesregierung schon vor! Das hatte man ihrer Bewegung fest versprochen. Und dann diese Zumutung aus der von Kommunisten, Negern, Juden und Schwulen bevölkerten Bundeshauptstadt! Eine abgrundtiefe Beleidigung des deutschen Volkes! Dass ehrliche und aufrechte Beamte, dass deutsche Beamte in manchen Gegenden slowenisch sprechen können sollten! Als wenn es nicht schon schlimm genug wäre, dass diese Tiere überhaupt auf ein Amt gehen durften und Forderungen stellen. Und was anderes taten sie ja nicht, die arbeiteten doch nicht, kein einziger von denen hatte auch nur einen Tag gearbeitet. Nicht einer! Aber Forderungen stellen, das könnten sie.
"Minderheitengesetz? Hier sind die Deutschen die Minderheit und werden von den Slowenen vergewaltigt und unterdrückt! Schlimmer noch, als die Sudetendeutschen es von den Tschechen je wurden. Nur damals durften sie auf Hilfe aus der Deutschen Heimat hoffen, aber wir, wir müssen uns selbst helfen! Weil heute, da gibt es keinen mehr, der den Mut und den Anstand und die Ehre im Leib hat, diese bigotten Schweine in den Staub zu treten. Wo sie hin gehören. Weil sie einfach nicht anerkennen wollen, dass deutsches Blut von Gott ausersehen und gesegnet ist.”
"Niemand hilft uns in diesem Staat um den Staat selbst zu schützen - weil doch dieser Staat nichts anderes ist, als eine Verhöhnung des großen Deutschen Volkes! Wie der größte österreichische Politiker der Nachkriegszeit schon gesagt hat, dieser Staat ist eine Missgeburt und gehört ausradiert! Das weiß doch jeder ordentliche deutsche Bürger, aber niemand, niemand hilft uns!"
"Sie sind Kommunisten diese Schweine in Wien!"
"Die bekommen ihre Befehle doch sowieso aus Moskau oder Peking oder von den Juden in Amerika! Die wissen nicht einmal, das es uns gibt!"
"Die sind der letzte Rest der Verschwörung gegen die große Deutsche Rasse. Aber sie werden es niemals schaffen, denn die göttliche Vorsehung hat den Deutschen geschaffen als Herren - und hier sind wir die Herren!"
Gerade in diesem Augenblick kam die Wirtin zur Tür herein und brachte die bestellten Zigaretten und den Wein auf die man sich gierig stürzte. Auch Nick stürzte. In einem Schwung aus dem Gedenkzimmer, durch den Wirtsraum hinaus in die klirrende Kälte. Er taumelte noch ein paar Schritte weiter bis er endlich stehen blieb und tief durchatmete. Bevor er noch so richtig klar im Kopf wurde, langte er in den Schnee und rieb sich das Gesicht damit ein. Die eisige Kälte drang wie mit spitzen Nadeln durch seine Haut. Selbst seine panisch herumschwirrenden Gedanken schienen zu stocken und einzufrieren. Langsam und bedächtig säuberte er sein Gesicht, seine Hände wieder vom Schnee und sah dann lange hinauf zu den majestätischen, zu den ewig schweigenden Bergen. Und er fragte sich, wie viel Anstrengung es diesen steinernen Zeugen wohl kosten mochte zu schweigen und nicht all diese menschliche Dummheit, die sie sahen, endlich hinaus zu schreien oder sie unter sich zu begraben. Die eisige Luft drang in seinen Körper und es schien ihm, als ginge mit jedem Ausatmen ein wenig des Rauches, des Schmutzes dieses Raumes aus seiner Brust mit hinaus. Jedes Ausatmen in eine weiße Wolke befreite ihn von Schmutz, von Enge, von Menschlichkeit. So wie das Meer Woge um Woge an den Klippen formt.
Diese hasserfüllten Weiber sollten also die offiziellen Vertreter der Heimatbewegung sein?
Er glaubte es nicht. Er wollte noch immer nicht glauben, was sich da so offensichtlich, so vollkommen unverschleiert und öffentlich vor seinen Augen abspielte. Das alles konnte doch nur ein ziemlich schlechter Scherz sein! Er wollte nicht glauben, was er da mit seinen eigenen Ohren hörte. Zwar hatte Nick im Allgemeinen keine sehr hohe Meinung von den Wesen, die diesen Planeten allmählich leer fraßen, aber sie konnten doch nicht so dumm sein und bereits vergessen haben, was vor gerade mal fünfzig Jahren geschehen war! Das war unvorstellbar. Es musste eine ganz einfache, eine ganz andere Erklärung dafür geben. Es musste einfach!
Auch wenn Nick sie nicht sah.
In einen dicken Mantel gehüllt kam Thomas, der zweite Redakteur, durch den Schnee auf ihn zu gestapft. Zwischen der Fellmütze und dem dicken Schal lachte er Nick zu.
"Ich hab's!", rief er triumphierend. „Willst du sehen?“ 
Er zog zwei Zeitungen aus seiner Aktentasche. Nick betrachtete die Erste mit einem nachdenklichen Stirnrunzeln.
'Der Stürmer' las er 'April neunzehnhunderzweiundvierzig'.
Die Schlagzeile sprach von einem Sieg der deutschen Herrenrasse. Die Graphik darunter zeigte schöne, gut gebaute Herrenmenschen in schier endloser Reihe beim aufstrebenden Marsch aus Europas Landkarte. Auf die zweite Zeitung warf er nur mehr einen kurzen Blick und sah dann den jungen Redakteur fragend an.
"Und was sollen wir mit diesen Beiden?"
Statt einer Antwort grinste ihn Thomas nur breit und schadenfroh an. Dann deutete er auf die Blätter.
"Sie Dir die Zweite noch mal an, dann weißt Du was das soll.”
Nick hob widerwillig die Zeitungen und besah sich auch die zweite etwas genauer. Und schlagartig erkannte er seinen Fehler. Obwohl die Unterschiede dieser beiden Zeitungen beachtlich waren, so war es doch schwer sie zu finden. Denn es war das gleiche Layout. Es waren beinahe die gleichen Schriftarten für Titel, Schlagzeile und Text verwendet worden. Und doch war es jetzt nicht mehr 'Der Stürmer'. Jetzt war es der 'Ruf der Heimat'. Es war nicht mehr '1942', es war '1986'. Das waren gravierende Unterschiede und doch musste man diese Unterschiede bewusst suchen. Denn im Aussehen, im Text und offensichtlich auch in ihrer Aussage glichen sich diese beiden Blätter wie die zwei sprichwörtlichen Eier.
Als wären seine Hände plötzlich kraftlos geworden, so ließ Nick die Zeitungen sinken und sah den dick vermummten Mann ihm gegenüber mit großen Augen an. Es schien, als wolle der etwas sagen, aber Nicks Blick durch ihn hindurch machte ihn stumm. Löschte jeden Gedanken an eine witzige Bemerkung. Er nahm die Zeitungen wieder an sich, die ihm Nick langsam entgegen streckte und verwahrte sie in seiner Tasche. Wie ein Schlafwandler ging Nick ganz langsam an ihm vorbei und meinte tonlos: "Wenn mich jemand suchen sollte, ich bin im Wagen.”
Thomas sah dem nur mit einem Pullover bekleideten Mann nach, der die klirrende Kälte nicht zu spüren schien. Dann wandte er sich ab und sah zu, dass er in die düstere Wärme des Gasthauses kam.

(Donnerstag) - Das Lokal war bis auf den letzten Platz voll, drückend heiß, wie zum Ausgleich gegen die Kälte vor den geschlossenen Fenstern, und dichte Rauchschwaden hingen zäh und klebrig unter der Decke. Rund um die kleinen Tische saßen die Leute zusammengepfercht und redeten sich die Kehlen heiser, tranken gierig und in großen Mengen und es hatte tatsächlich den Anschein, als hätten sie für alle Probleme dieser Welt eine Lösung bereit.
Klagenfurt, Kärntens Landeshauptstadt, lag nur wenige Kilometer vom vorangegangenen Tag und all den Fragen, die er aufgeworfen hatte, entfernt. Und doch schien dies eine andere Welt zu sein. Generationen vom letzten Tag entfernt. Man lebte in einer Großstadt, arbeitete und traf sich in Lokalen wie diesem. Dort saß man dann zusammen, trank und rauchte und unterhielt sich über alle möglichen und unmöglichen Dinge. Über irgend einen Gott und die sogenannte Welt.
Nick war froh, dass sie hier geblieben waren und doch konnte er nicht genau sagen, weswegen er eigentlich froh sein sollte. Kaum einen halben Tag waren sie jetzt weg aus diesen kleinen Dörfern und schon schien ihm alles was er gehört, was er gesehen und erlebt hatte wie ein dumpfer Alptraum. Hier, hier in diesem engen Lokal lag die Wirklichkeit. Hier war alles anders. Hier ging es wieder um die wirklich wichtigen Probleme wie internationale Konflikte und Abrüstung, über Treibhauseffekt und über Hunger in der dritten Welt. Über Atomkraftwerke und ob man noch etwas trinken oder besser doch nach Hause gehen sollte. Eigentlich hätte sich Nick wohl fühlen müssen. Eigentlich hätten sie sich alle wohl fühlen müssen und doch lag etwas über ihrem Tisch, das alle Unterhaltungen dämpfte. So, als wäre da ein Geheimnis zwischen ihnen, über das sie nicht sprechen durften.
Mit einem Mal schwoll die Lautstärke der Gespräche noch weiter an, verstummte aber gleich vollkommen, denn irgend jemand hatte das Radio lauter gedreht. So, dass es durch den Raum dröhnte.
"… gaben bei einer Pressekonferenz Kärntens Landeshauptmann Leopold Wagner und FPÖ-Bundesparteichef Hans-Jörg Haider heute bekannt ...”
Nick kannte den Text. Sie hatten diese Nachrichten schon vor Stunden gehört. Aber in dem lauten, belebten Lokal wurde es mit einem Schlag totenstill.
Wie erstarrt saßen die Menschen da, grau in den grauen Rauchschwaden. Manche starrten vor sich hin oder in ihre Gläser. Manche wandten langsam den Kopf zum Radio. Aber niemand sprach. All diese Menschen hörten zu. Hörten schweigend zu, wie ihnen gesagt wurde, dass es in Kärnten eigentlich gar keine Probleme gab. Dass in den Schulen und unter der Bevölkerung die Stimmung bestens und ohne die geringste Konflikte sei. Das alle Wünsche beider Seiten erfüllt worden wären und die Kinder sich nun endlich wieder dem Erlernen der deutschen Sprache zuwenden konnten. Dass man für das Minderheitenproblem in kurzer Zeit eine Endlösung finden würde und dass diese selbsternannten Slowenen gar keine richtigen Slowenen seien und somit eigentlich auch nicht unter das Gesetz der Minderheitenregelung fielen.
Einige der Leute hatten sich langsam erhoben. Unbewusst. Standen stumm da und starrten das Radiogerät an, als wäre es ein lebendiges Wesen. Verwunderung spiegelte sich in ihren Gesichtern. Unglauben, und Angst.
Dann kam der Parteischef zu Wort und schmetterte seinen Vergleich mit dem Freistaat Bayern durch das Äther um daran zu erinnern, dass das Land Kärnten sich jederzeit vom Staat lossagen und als freies, deutsches Land bestehen konnte.
Weitere Nachrichten kamen, aber das Gerät wurde abgeschaltet und die Stille in dem bewölkten Lokal wurde mit einem Mal noch bedrückender.
"Das können sie doch nicht bringen”, murmelte der Mann in Nicks Rücken vor sich hin. Und noch einmal halblaut: "Das können sie doch nicht ernsthaft glauben!"
"Tun sie auch nicht. Aber sie können es behaupten”, sagte Nick tonlos ohne sich nach ihm umzusehen. Der Mann schrak zusammen und sah Nick einen kurzen Augenblick  misstrauisch von der Seite an. Dann blickte er sich erschrocken um während allseits die Gespräche wieder leise in Fahrt kamen und hatte es auf einmal furchtbar eilig zu erklären: "Ich bin kein Slowene! Wirklich nicht! Ich bin hier in Klagenfurt geboren und ich lebe hier. Ich habe mit dem Ganzen in keiner Weise zu tun! Aber trotzdem, jeder der Augen im Kopf hat sieht doch, also, dass stimmt doch nicht. Ich meine, man muss es doch sehen! Oder?"
"Man sieht es auch”, stimmte ihm Nick leise zu. "Aber manchmal halten es die Menschen für klüger etwas nicht zu sehen. Man senkt den Blick, man sieht auf die andere Straßenseite und nach ein paar Schritten ist man vorbei. Dann denkt man nicht darüber nach. Und man fragt nicht nach. Man glaubt, was einem gesagt wird, was einem die Zeitungen, das Radio, der Fernseher bringen. Und welchen Grund hätten die Menschen auch, den Medien zu misstrauen?"
Jetzt starrte Nick schon der ganze Nebentisch an. Die Männer an seinem eigenen Tisch allerdings schienen von diesem Gespräch nicht das Geringste zu bemerken.
"Aber ist das nicht Zensur?!", rief der Mann neben Nick verwundert aus, doch Nick schüttelte müde den Kopf.
"Es gibt keine Zensur in Österreich”, erklärte er bestimmt. "Und doch hat ein kluger Mann einmal gesagt, die Macht der Medien läge nicht in dem was sie bringen, sondern in dem, was sie verschweigen.”

(Freitag) - Der weiße Transit quälte sich mit durchdrehenden Reifen den letzten Rest der steilen Straße hinauf und atmete genauso hörbar auf wie die vier Insassen, als er endlich die Steigung überwunden hatte.
"Bin ich froh, dass das Ding ein Sperrdifferenzial hat”, meinte Hans und steuerte den Wagen vorsichtig durch die Schneeverwehungen auf das geduckte Schulgebäude zu. “Aber den Leuten von der Straßenwacht gehört gehörig der Marsch geblasen. Das ist doch keine geräumte Straße!”
Nick saß am Beifahrersitz und hielt das große Stativ mit dem Schwenkkopf zwischen seinen Beinen. Es war nicht sonderlich schwer, aber auf die Dauer unangenehm zu halten und Nick war froh, wenn er es wieder auf den Boden stellen konnte denn das Rütteln des Wagens war der Hydraulik gar nicht zuträglich. Auch darum gab er keine Antwort.
Der Parkplatz vor der Schule war leer und schien ebenso verlassen wie die ganze, eisige Landschaft. Nick stieß mit einem Seufzer der Erleichterung die Wagentür auf und wollte das Stativ in den Schnee stellen. Aber er kam nicht dazu.
"Do brochds goaned auslodn.”
Verblüfft sah Nick hinauf und hinauf zu dem Riesen von einem Mann der sich wie aus dem Nichts vor der offenen Wagentür aufgebaut hatte.
"Wie bitte?", wollte er verblüfft wissen und der Riese bemühte sich etwas mehr in Hochdeutsch zu verfallen.
"Hier brouchds ihr erst gar nicht ausladn”, wiederholte er langsam und der zweite Mann hinter ihm war zwar nicht ganz so groß, aber doch um nichts weniger eindrucksvoll. Mit einem raschen Blick überzeugte sich Nick, dass auch auf der anderen Wagenseite plötzlich ein Mann aufgetaucht war. Vorsichtig hob Nick das Stativ ein wenig aber sofort legte sich Peters Hand von hinten auf seine Schulter.
"Nick - bitte!"
Nick lächelte kurz nach hinten und dann, bei weitem weniger freundlich, nach draußen.
"Dürfen wenigstens wir aussteigen oder müssen wir auch in der Kälte sitzen bleiben?"
Schnell sahen sich die drei Männer an und überlegten kurz und wortlos. Dann meinte der Riese vor Nicks Tür bedächtig: "Natürlich könnt’s ihr aussteign. Aber filmen dürfts ihr erst, wenn der Herr Bürgermeister da ist. Wenn er es eich überhaups erlaubn tut!"

Auch diese Schule konnte innen den Zweckbau nicht ganz verleugnen, aber sie war freundlich und hell, mit Holz ausgelegt und hübsch dekoriert. Überhaupt vermittelte sie mehr den Eindruck eines Wohnhauses oder zumindest eines heimeligen Hotels. Peter betrachtete die Bänder mit den Simmsprüchen mit denen immer wieder etwas zwischen Vitrinen und Kinderzeichnungen, zwischen Bastelarbeiten und großen Luftaufnahmen der näheren Umgebung aufgelockert wurde.
Und es fand sich nicht ein einziges Wahlplakat in all dieser bunten Vielzahl.
"Wenn die hier auch nur die Hälfte dieser Leitsprüche im Unterricht beherzigen”, meinte Peter und zupfte Nick aufgeregt am Ärmel, "dann pfeife ich auf jede alternative Schulform und schicke meine Kinder nur noch hierher. Das wäre ja zu schön, um wahr zu sein!"
Er begann sich aufgeregt um sich selbst zu drehen und alles bewundernd zu bestaunen. Und Nick beobachtete die Veränderung an dem sonst so stillen Kameramann ebenfalls erstaunt.
"Ich hab' keine Ahnung mehr in wie vielen Schulen ich schon war, aber hier gewinne ich den Glauben daran wieder, dass die Schule Kinder doch zu Menschen erziehen kann und nicht nur zu wandelnden Wissensspeichern.”
"Na ja, schließlich ist das hier ja auch eine Musterschule. Deswegen sind wir ja hier”, bremste Nick seinen Enthusiasmus. "Aber um deine Kinder hierher schicken zu können müsstest Du erst Mal selbst hierher übersiedeln”, gab Nick zu bedenken. "Und da sehe ich schon so einige Probleme.”
"Einmal ganz abgesehen”, mischte sich eine tiefe, sonore Stimme ein, "von den Problemen, die Ihre Kinder später erwarten würden, wenn sie hier zur Schule gingen. Aber trotzdem freut es mich außerordentlich, dass Ihnen meine Schule gefällt.”
Der Mann, der die Treppe herunter kam, war wohl kaum über Vierzig. Zumindest sah er nicht danach aus. Unter den schütteren, grauen Haaren lachten zwei Augen aus einem gesunden, gebräunten Gesicht und verrieten soviel über den Charakter dieses Menschen wie sie wohl auch verheimlichten.
Während er dem Team die Schule zeigte, ging er näher auf diese Probleme ein. Auf Probleme, die einzig und allein darin begründet waren, dass in seiner Schule etwas klaglos funktionierte, was in anderen Schulen als undurchführbar abgelehnt wurde - der zweisprachige Unterricht.
"Schüler dieser Volksschule werden in ganz Kärnten kaum mehr von einer anderen Schule übernommen. Und wenn, dann nur nach umfangreichen Aufnahmetests, die sich weit im rechtlichen Graubereich bewegen. Obwohl wir bessere Absolventen aufweisen können, als die meisten anderen. Zumindest nach den Maßstäben des Ministeriums. Aber einige Eltern haben mir auch erzählt, dass gewisse Personen sie immer wieder, natürlich zu den peinlichsten und unpassendsten Gelegenheiten, fragen, warum sie ihre Kinder denn noch immer nicht in eine 'richtige' Schule schicken. Übrigens werden das auch manche Kinder immer noch gefragt und durchaus nicht von Gleichaltrigen. Können Sie sich vorstellen, was es für ein siebenjähriges Kind bedeutet, wenn ein Erwachsener es beschimpft, weil es in die 'falsche' Schule geht?"
In seinem Büro wies er auf einen Stapel von fünf großen Obstkisten, alle randvoll mit Papier.
"Das nennen wir unsere Fanpost. In jedem dieser Briefe wird uns zumindest einmal gedroht die Schule in die Luft zu sprengen, uns alle an die Wand zu stellen oder uns zu vergasen. Wegen Verrates an einer großen deutschen Idee. Ich frage sie, wie groß kann eine Idee denn schon sein, wenn sie zu solchen Mitteln greifen muss. Zuhause habe ich übrigens beinahe noch einmal soviel. Wie viel meine Lehrerkollegen davon haben, weiß ich nicht und die anonymen Anrufe mitten in der Nacht haben wir auch nicht gezählt. Zumindest sprechen wir nicht mehr darüber.”
"Und was sagt die Polizei dazu?"
Der Direktor stoppte, wandte sich um und sah den Kameramann stumm und ein wenig traurig lächelnd an.
„Den stellvertretenden Postenkommandaten haben sie bereits unten am Parkplatz kennen gelernt.“
"Okay”, resignierte der kleine Kameramann. "Es war ja eigentlich nur eine rein rhetorische Frage. Wäre aber wohl eher ein Fall für eine Bundespolizeibehörde und nicht für die Polizisten vor Ort.”
Von allen weiteren Unterhaltungen enthob sie die Ankunft des Bürgermeisters mit den beiden Redakteuren der sofort herzlichst bedauerte, dass es leider vollkommen unmöglich sei ein Filmteam in diesem Haus arbeiten zu lassen. Auf die etwas indignierte Frage weswegen es eigentlich nicht gehe, habe man doch alle notwendigen Bewilligungen eingeholt, meinte er offensichtlich bereits wiederholt und nicht mehr ganz so laut: "Nun, es würde den Unterricht stören. Und außerdem, Filmteams machen doch immer soviel kaputt, das weiß man doch.”
Der nicht mehr ganz so junge, massige Mann kaute an der Unterlippe wie ein ertappter Schüler und jeder der Anwesenden hatte verstanden. Man zog sich also ins Konferenzzimmer zurück um zu beraten was man wohl tun könne, so dass allen Seiten gedient sei. Der Direktor und der Bürgermeister gingen voran. Ihnen folgte das Team und einige der Lehrer. Zuerst machte man Kaffee und dann begann man zu reden. Es war zehn Uhr vierundvierzig.
Wenig später quälte sich ein Polizeiwagen den Hügel hinauf und hielt neben dem weißen Bus. Während Nick am Fenster stand und zusah stieg ein uniformierter Polizist aus dem Wagen, begrüßte den Riesen, der unberührt neben ihrem Transit ausgeharrt hatte, mit einem Handschlag und ließ sich den Wagen der Filmleute zeigen. Offensichtlich suchten sie etwas, denn sie umrundeten das Gefährt langsam und studierten es sorgsam. Aber Nick wusste, dass sie nichts finden würden. Ausnahmsweise war der Wagen mal in Ordnung. Darum standen sie auch ratlos davor bis einer etwas sagte und alle vier zur Schule hinauf sahen und zu Nick, der gut sichtbar am Fenster stand und ihnen zu sah.
Der Uniformierte zuckte mit den Schultern, gab seinen Leuten die Hand und stieg in seinen Wagen um zu verschwinden.
Etwa um dreizehn Uhr dreißig war der Kameramann so weit, dass er den Bürgermeister lauthals einen rückgratlosen Feigling nannte und der den Kopf nur noch weiter zwischen die Schultern zog. Aber dann, mit einem Schlag, straffte er sich und sah den Kameramann geradeheraus an.
"Ja”, sagte er mit fester Stimme. "Ich bin vielleicht ein Feigling. Aber bedenken Sie eines: Sie kommen hier her, filmen drauflos, wirbeln Staub auf und zeigen die sogenannte Wahrheit. Und dann? Dann fahren Sie wieder nach Hause, wo Sie in Ruhe und Frieden leben können und Sie niemand dafür verurteilt, was Sie getan haben. Aber ich bin hier Zuhause. Ich habe Familie hier. Kinder, die hier aufwachsen. Wir sind alle hier geboren, aufgewachsen und wir sind alle gerne hier. Ich bin lieber ein Feigling in ihren Augen, als ein Ausgestoßener dort, wo ich lebe. Ja, ich bin ein Feigling und ja, ich habe Angst, aber - bei Gott - ich lebe. Und ich kann am Morgen aufstehen und muss mir kein Sorgen machen, dass mir oder jemandem aus meiner Familie etwas passiert!"
Bestürztes Schweigen breitete sich in dem kleinen, verrauchten Raum aus. Und dem Bürgermeister selbst schien dieser Ausbruch wohl am peinlichsten zu sein. Nick stand noch immer am Fenster und beteiligte sich nicht mehr an dieser sinnlosen Diskussion. Es sah so aus, als wäre er mit seinen Gedanken sehr weit fort. Und manchmal war er das auch. Tief in ihm war da ein Gefühl, als habe er das alles schon einmal erlebt. Oder immer und immer wieder. Meistens aber dachte er nur bis an die andere Seite des Fensters. Er fragte sich schon seit einiger Zeit, wohin die drei Männer im Schnee verschwunden waren. Und er dachte an seinen Walkman unten im Wagen. Der hatte ein eingebautes Mikrophon und nur zu gerne hätte er ihn hier gehabt. Um wenigstens eine einzige Stunde von dem, was hier gesprochen wurde, aufzunehmen. Denn niemand würde ihm all das glauben, wenn er es später einmal erzählen sollte. Falls er es jemals erzählen würde. Aber der Walkmann lag nun mal im Wagen, in der Kälte, und ihn herauf zu holen wäre zu auffällig gewesen. Dabei wäre es ihm auch gar nicht darum gegangen dem ehrlich verzweifelten Bürgermeister noch mehr zu schaden, als ihre bloße Anwesenheit schon zur Genüge tat. Dieses schwitzende Etwas tat ihm eigentlich nur leid und er konnte ihn sogar besser verstehen, als er sich selbst eingestehen wollte. Aber er wünschte sich etwas in der Hand zu haben. Für später, für sich selbst, denn sonst würde er an all das nur mehr zurückdenken wie an einen zermürbenden Alptraum. Aber er konnte sich nicht dazu durchringen. Er war in einer dunkelgrauen Wolke aus Ohnmacht gefangen. Eine Ohnmacht, die immer und immer wieder über ihm zusammen schlug. Ein Strudel aus verschwommenen Bildern, aus unbekannten Gerüchen, aus verwirrenden Gefühlen. Eine unbegreifliche Hand, die aus den vergangenen, verschütteten Tiefen seines eigenen Selbst nach ihm griff und ihn fest umklammert hielt. Unfähig, einen Gedanken zu fassen.
Dann, endlich, als der vom Bürgermeister so sehnlichst erwartete Bezirksschulinspektor eintraf, trat an den festgefahrenen Fronten Bewegung ein. Und Nick begann zu begreifen. Denn allein die Art und Weise mit der der Fahrer den Schlag des Wagens aufriss machte Nick schon klar, wer hier das Sagen hatte. So, wie der Bürgermeister dem Inspektor hofierte und die Herablassung mit der dieser ihn geflissentlich übersah, so, wie man eine zufällig überlebende Kakerlake im Rinnsal gnädig und angeekelt übersieht, das alles sprach schon für sich allein. Die gehässige Art und Weise mit der er später Lehrer abkanzelte und sich zu Schüler herab ließ, brachte Nick aber ganz allmählich zur Weißglut. Dieser Herr Inspektor entpuppte sich als einer von jener Sorte Mensch, die Bildung, ja Intelligenz selbst, nur den Privilegierten zugestehen, die als wichtigsten Lehrbehelf den Rohrstab ansehen und Schüler allein schon ihrer Familienverhältnisse wegen bloßzustellen pflegen.
Aber sie durften drehen! Wenngleich der gestrenge Herr Inspektor peinlich darauf achtete, dass möglichst nichts Positives auf Film gebannt wurde und auch nicht davor zurückschreckte dem Kameramann und den Redakteuren zu sagen, wie diese ihre Arbeit zu machten hatten. Ganz offensichtlich war er der Meinung, dass jemand, der sich für so einen Bericht hergab wohl mit ziemlicher Unwissenheit und grenzenloser Dummheit geschlagen sein musste. Der Rest der Mannschaft hatte zumindest das Glück seiner Beachtung unwürdig zu sein. Und natürlich konnte er nicht überall sein. So kamen die Obstkisten mit den Drohbriefen und einiges andere auch auf Film.
Nun gab es aber nichts das Nicks Zorn mehr anstacheln konnte, als wenn jemand, der sich völlig seiner Macht und Stärke bewusst war, mutwillig an Schwächeren vergriff. Wenn ein Erwachsener ein Kind beschimpfte, dann war das wohl schlimm genug. Wenn ein Lehrer die Geduld verlor, war das schon sehr übel. Wie aber musste es auf die Kinder wirken, wenn der großmächtige Herr Schulinspektor, vor dem sogar Lehrer und Direktor zitterten, über sie herzog? Der Herr, vor dem sogar die Allmacht des Bürgermeisters in die Knie ging?
Nick konnte nicht sagen wie heilfroh er war, als sie endlich zum Ende kamen und er schon begann die Geräte, die nicht mehr benötigt wurden, einzupacken und in den Wagen zu verladen. So wie der Tonmeister, der alles schon seit einiger Zeit im Wagen hatte, weil er nicht mehr gebraucht wurde. Die geplanten Interviews kamen dank der Präsenz des Inspektors ja kaum zu Stande.
Es gab da nur noch dieses eine kleine Mädchen, das einfach zu süß aussah mit ihren blonden Zöpfen und ihren Sommersprossen auf der frechen Stupsnase. Nur noch sie sollte durch den Raum gehen und vor der Kamera stehen bleiben. Sie war einfach so zum Herzerweichen, dass sie diese - diese eine letzte Einstellung unbedingt noch haben mussten.
Peter und Joachim richteten die Kamera ein, das nervös zappelnde Mädchen wartete schon davor, Direktor, Lehrer, Redakteure und Inspektor um sie herum und Nick ging zu seinem Haufen, nahm in jede Hand einen der großen Metallkoffer und machte sich wieder auf den Weg nach draußen. Vorbei an dem kleinen Mädchen und vorbei an dem Inspektor der jetzt auf sie zu trat, sich riesig vor ihr aufbaute, die Hände in den Hosentaschen steckte und auf sie hinunter sah.
"Du weißt hoffentlich”, mahnte er streng, "Wenn Du irgendwas dort hinein sagst, dann verliert dein Vater seine Arbeit und Du brauchst gar nicht mehr nach Hause zu kommen!"
Der Aufschlag der beiden schwerer Metallkoffer donnerte durch das ganze Hause. Nick stand da, zwei Schritte hinter ihm und hatte einfach nur beide Hände geöffnet. Langsam, ganz langsam drehte er sich um. 
Da war es wieder, dieses Gefühl. Dieses Gefühl, dass er all diese unendliche Jahre einzudämmen versucht hatte. Anfangs war es ihm schwer gefallen, aber mit der Zeit war es leichter geworden. Allmählich hatte er den Eindruck bekommen, es wäre aus seinem Leben verschwunden. Und jetzt war es wieder da. Stark und mächtig wie niemals zuvor. Noch stärker, noch mächtiger ließ es das Blut in seinen Adern gefrieren und gleichzeitig überkochen. Verzweifelt versuchte sein Verstand ihn davon zu überzeugen, dass es nichts brachte Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen. Aber die Woge riss ihn hoch und mit sich fort.
Wie von Zauberhand gaben die Knie des Mannes nach und es schien, als würde er schrumpfen. Oder als würde Nick wachsen. Als wäre das Licht dämmrig geworden. Als würde sich alles in rasendem Wirbel um die beiden Männer drehen und die ganze übrige Welt in zähem Fluss erstarren. In diesem einen Augenblick meinte der Inspektor durchdrungen, aufgelöst zu werden, jede Identität zu verlieren. Namenlos und unbekannt aus der Welt der Menschen getilgt zu sein. Also würde ein rasend gewordener Strom durch ihn hindurch schäumen und ihn auflösen, zermalmen, zerfetzen in seinem urzeitlichen gleichgültigen Wüten.
Er setzte erschrocken einen Fuß zurück. Nick streckte sich geradezu gemächlich durch und machte eine Bewegung, als wolle er auf ihn zugehen. 
„Respice post te, hominem te esse memento“, war aber alles, was Nick sagte. Sie sahen sich an und nur das Klappern kleiner Füße hörte man von sehr weit her.
Langsam schlossen sich Nicks Augen und ein unkontrollierbares Zittern lief durch den Körper seines aschfahl gewordenen Gegenübers. Da wandte Nick sich ab, nahm die Koffer wieder auf und ging.

Zwei Wochen später flimmerte die Dokumentation über den Bildschirm. Nick hatte sie erwartet. Nick war dabei gewesen, als sie sich das Material nach der Entwicklung angesehen hatten, aber er war nicht bis zum Schnitt der Sendung geblieben. Und niemand von ihnen hatte auch nur ein Wort über die Tage verloren.
Und jetzt saß er vor dem Fernsehschirm. Und er wartete. Und wartete und wartete. Aber es kam nichts. Man sah verschneite Berge, idyllisch gelegene Höfe und Menschen die irgendwelche Banalitäten vor sich hin brabbelten. Wo war die Angst geblieben, wo die Drohbriefe, wo die hysterischen, drohenden Anschuldigungen in drohenden Wolken aus Zigarettenqualm, wo der Vergleich zwischen dem 'Stürmer' und dem 'Ruf der Heimat'?
Nick wurde sich gar nicht richtig bewusst, dass er noch immer mit großen Augen auf den Bildschirm starrte wo längst etwas anderes lief, während er wie in Trance nach dem Telefon griff und die Nummer des Kameramannes wählte.
"Was war das eben?", fragte er nur und der Kameramann bedurfte keiner weiteren Erklärung.
"Bei der Abnahme vom Abteilungsleiter waren auch drei Typen von der Rechtsabteilung dabei”, erklärte der. "Und was Du eben gesehen hast, das ist übrig geblieben. Weil sie meinten, wir würden mit unserem Bericht sonst Politiker verärgern. - Und weil sie meinten, solche Berichte seien sowieso immer tendenziös und entsprächen nie den tatsächlichen Begebenheiten. Und da behaupten die Medien immer, die Anstalt würde nur Propaganda für die Regierung machen, wenn sie vor der Opposition so in die Knie gehen.”
Ohne ein weiteres Wort legte Nick den Hörer wieder auf die Gabel.

Weitere zwei Wochen nachdem diese Dokumentation gelaufen war, wurde in dieser Sendereihe eine Entgegnung verlesen. Alle Bundesparteien hatten sich zusammengefunden um eine Klage gegen die Fernsehanstalt anzustrengen. Weil es eben in Kärnten keine Probleme gab, weil es niemanden gab, den das alles interessierte, weil die Berichterstattung einseitig und somit falsch gewesen war. Weil unnötigerweise Staatsbürger beunruhigt worden waren, wo doch alles in schönster Ordnung sei.
Nick trat ans Fenster und sah lange hinaus. Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er wieder, dass er nicht finden würde, was er suchte.







"Warum legst Du Dich nicht nach hinten und versuchst noch ein wenig zu schlafen?", schlug Tonio vor.
Nick sah auf seine Armbanduhr und schüttelte dann vorsichtig den Kopf. Er fühlte die bleierne Müdigkeit in seinen Gliedern, aber er fühlte auch, dass er nicht würde schlafen können. Außerdem war seine Zeit bald um.
"Ich muss Dich gleich ablösen. Es zahlt sich wirklich nicht mehr aus.”
"Ich kann noch eine ganze Weile fahren. Du musst mich nicht ablösen. Wenn Du willst ...”
"Tonio.”
Nicks Stimme klang ein ganz klein wenig ärgerlich. Zu oft hatten sie schon darüber diskutiert, dass es wesentlich weniger anstrengend für sie beide war, wenn sie in regelmäßigen Abständen wechselten.
"Ich weiß wie groß, wie gut, wie stark und unzerstörbar Du bist”, ätzte Nick. "Du musst es mir nicht andauernd zu beweisen versuchen. Ich bin nach einer Stunde Fahrt auch noch nicht müde genug um mich ablösen zu lassen. Aber ich kann Dich beruhigen, es bleibt sicherlich nicht deine letzte Stunde. Du wirst also in zehn Minuten einen Parkplatz ansteuern und mich wieder hinters Lenkrad lassen.”
"Sonst gibt’s Haue!" setzte er noch hinzu und lachte. Das Lachen klang falsch und sank er wieder tiefer in den Sitz um dumpf nach draußen in diese ewige Finsternis zu starren. Alles war wieder wie zuvor. Tonio döste hinter dem Lenkrad vor sich hin und presste das Gaspedal gegen die Bodenplatte, im Radio kreischte eine gerade angesagte Boygroup, die schwarzen Berghänge neigten sich drohend über das Tal und ab und zu lagen Häuser auf diesen Hängen in denen noch Licht brannte. Es war gerade die Zeit in der die allerletzten Nachtfilme über die Bildschirme flimmerten und Nick saß da, zusammengesunken in seinem Sitz und starrte gedankenverloren hinauf zu den schwarzen Gipfeln, zu den paar einsamen Sternen, die dort oben durch die Wolkendecke blinzelten.
"Irgendwie mag ich es zu arbeiten, während alle anderen Menschen noch schlafen. Es gibt dem was man tut so viel Gewicht. Soviel Sinn. Dabei kann es das wirklich Sinnloseste sein, so wie unser Job, aber es bekommt etwas ganz Eigenartiges, wenn alle anderen Menschen schlafen.”
"Dabei könnte man meinen, mit einem leeren Autobus nachts durch die Landschaft zu gondeln ist immer noch eine der wirklich sinnvollsten Arbeiten, die wir schaffen”, brummte Tonio. “Aber wie viele sinnvolle und wertvolle Tätigkeiten gibt es denn wirklich? Und wer bestimmt eigentlich, was sinnvoll, was wertvoll ist?"
"Auch ein Werbespot hat was durchaus Sinnvolles”, meinte Nick und erntete dafür einen ungläubigen Blick. "Naja”, setzte er hinzu und zuckte mit den Schultern, "in der Zeit in der sie Werbung senden können sie wenigstens keine faschistische, militaristische Propaganda für eine der Parteien machen.”
Tonio schüttelte den Kopf und fasste das große Lenkrad fester.
"Sollte man meinen. Aber jetzt vergiss bitte nicht, dass Werbung und gerade unsere Werbung mit sogenanntem Lebensgefühl arbeitet. Da werden nicht nur Produkte verkauft sondern auch Ansichten, Gefühlswelten und Lebensschemen. Der Mann hat einen guten Beruf zu haben, dieses oder jenes Rasierwasser zu benützen, diese Versicherung abzuschließen, jenes Auto zu fahren, dort sein Haus zu kaufen - wenn er so und so sein will! Na, also, wenn das keine Propaganda ist ...”
"... sogar Propaganda im engeren Sinne und noch dazu wesentlich gefährlicher, da es unterschwellig läuft und man sich als Konsument der Werbung gar nicht bewusst wird, welcher permanenten Beeinflussung man eigentlich ausgesetzt ist. Und da gibt es nach wie vor bloß eines: Sich darüber bewusst zu werden und trotz aller Beeinflussung seinen eigenen Weg zu suchen. Was meistens aber nicht ganz gelingt, weil doch vieles hängen bleibt, auch wenn man es nicht will.”
"Such Du mal schön deinen eigenen Weg. Und eines Tages, wenn Du weiter und weiter deinen 'eigenen Weg' gegangen bist und nicht mehr so richtig in diese Gesellschaft passt, dann werden Sie Dir den Arsch aufreißen und die Gummizelle hinter Dir verriegeln. Und was hast Du dann davon gehabt?"
"Ich brauche mir selbst nicht vorwerfen, ich hätte nicht zumindest versucht, etwas gegen die Dummheit auf dieser Welt zu tun”, antwortete Nick so blitzschnell, dass Tonio überrascht verstummte. "Und”, setzte er noch hinzu, "zumindest eine warme Mahlzeit pro Tag und ein Dach über dem Kopf gibt es außerdem. Du erinnerst Dich doch noch an die Geschichte über die Bedingungen im Strafvollzug, die wir vor einem halben Jahr gemacht haben.”
Tonio erinnerte sich noch zu gut daran, als dass er darüber hätte sprechen wollen.
Nur das Radio rauschte und die beiden Männer sahen schweigend hinaus. Der eine auf die Straße und der andere zu den Bergspitzen. Das Rauschen wurde immer aufdringlicher, der Sender wanderte immer weiter weg bis Tonio endlich das Radio mit einer energischen Handbewegung leiser drehte.
"Eigentlich hast Du recht. Man sollte ab und zu was machen, während die anderen alle schlafen”, meinte er dann doch auch zögernd. "Weil da mit einem Mal selbst das Kleinste und Alltäglichste unter deinen Händen einen ganz besonderen Sinn bekommt. Ja, ich glaube, Du hast recht.”
Nick bewegte sich nicht. Es sah so aus, als wäre er mit offenen Augen eingeschlafen. Tonio begann einen neuen Sender zu suchen und Nick dachte daran, wie wenig doch die kleinen Dinge den Menschen wert waren und wie selbstverständlich sie selbst die alltäglichen Wunder hinnahmen. Das eine Brücke über einem Fluss standhielt. Das Wasser aus einer Leitung floss. Wasser, das man auch trinken konnte. Das man nur einen Schalter umzulegen brauchte und es wurde hell oder warm. Dass man jederzeit, wann immer man wollte, frisches Obst zur Hand hatte. Frischen Fisch - oder frisches Brot.







In der kleinen Straße wurden die Geräusche des Motors tausendfach zurückgeworfen. Das Dröhnen zerriss die nächtliche Stille der steinernen Schlucht. So wie die Scheinwerfer des Wagens das dämmrige Dunkel zwischen den Laternen zerfetzten und die grauen Häuserfronten in kaltes, gelbes Licht tauchten.
Die Auslagen und Fensterscheiben schmetterten es zurück und es schien, als wollten sie in einer Ekstase aus Farben und  Licht explodieren und alles aus sich hinausschleudern.
Doch genau so schnell wie er heran geprescht war, so schnell verschwand der Wagen auch wieder und zog die Wogen aus Lärm und Licht mit sich fort.
Gemächlich und ohne Eile kehrte die Stille wieder zwischen die Häuser zurück. Die Schatten fanden wieder ihre Plätze und alles lag so ruhig und bewegungslos da, wie ein paar Sekunden zuvor. Das laute Leben hatte die kleine Straße wieder verlassen. Die Laternen ergossen wieder ihr kümmerliches Licht über alles, was unter ihnen lag und es gab nichts mehr in dieser Straße, das diese zeitlose Ruhe hätte stören wollen. So wie der Mann, der bewegungslos auf den Stufen in der Passage einer Schuhhandlung saß. Sich mit dem Rücken gegen einen der Pfeiler lehnte und hinauf sah zu den Sternen, die sich kalt und glitzernd in dem kleinen Spalt zwischen den Häusern drängten, ja selbst er dachte nicht daran diese Ruhe zu stören. Er war ein Teil von ihr geworden. Schon so verwoben war er darin, dass selbst der Autofahrer ihn nicht mehr bemerkt hatte, als seine Scheinwerfer über ihn hinweg gehuscht waren.
Schon lange saß er so da. Schon so lange, dass er meinte es wären Tage und Wochen. Es konnten aber auch erst ein paar Minuten sein.
Nick hatte den Kopf zurück gelehnt gegen die Steinsäule und betrachtete die Sterne über sich. Er hätte nicht sagen können wie lange er schon so dagesessen hatte ohne sich zu bewegen. Aber es war auch völlig gleichgültig. Wenn das dunkle Blau des Himmels immer heller werden würde und die Sterne immer blasser, dann würde es an der Zeit sein den Kopf abzuwenden und aufzustehen. Vielleicht war es auch schon früher Zeit dazu. Nick wusste es nicht. Und es kümmerte ihn nicht. Er wusste nur, dass er es schon bemerken würde, wenn der Zeitpunkt gekommen war.
Die schwarzen Schatten der Häuser zogen sich zusammen zu einem kleinen Gebirge das sich verschwommen gegen den kaum lichteren Himmel abzeichnete. Sie wurden zu einem unwichtigen Rahmen der sich weiter und weiter öffnete je tiefer Nick eindrang in die schwarzen Unendlichkeiten.
Sie standen ganz ruhig und unbeweglich da in ihrem kalten, glitzernden Licht. Manche rötlich, andere golden, braun oder weiß. Ein paar unerkennbar verschwommen und einige wie zum Greifen nahe. Manche leuchteten ruhig und stetig wie Scheinwerfer, andere blinkten wie Positionslichter und einige wenige blinzelten wie lebendige Augen. Aber sie alle standen unbeweglich still. Scheinbar unbeweglich still. So wie der Mann scheinbar unbeweglich dasaß und zu ihnen hinauf starrte.
Mit einem Schlag stürzten die Sterne zurück in ihren Raum ausgefüllt mit schwarzem Nichts und die Erde raste mit unvorstellbarer Geschwindigkeit auf ihn zu. So, als wolle sie ihn ein für alle Mal zerschmettern. Und so fiel er aus dem Dunkel des Alls durch die Wolken zwischen die Häuser und schlug doch nur dumpf wieder in seinem eigenen Körper auf.
Nick füllte seine Lunge mit frischer Luft bis es nicht mehr ging und beobachtete wie allmählich die einzelnen Teile seines Körpers wieder ihre Funktionen aufnahmen. Da war wieder die Kälte des Steines an seinem Rücken und in seinem Nacken. Da war auch die Härte des Bodens unter ihm und das Gefühl der nackten Fußsohlen auf dem rauen Steinpflaster.
Er benötigte einige Augenblicke bis sich seine Augen an den dunklen Schacht der Passage gewöhnt hatten. Dann fand er seine Schuhe, knotete die Bänder ineinander und hängte sie sich um den Hals.
Der Zeitpunkt war gekommen.
Schwerfällig erhob er sich und streckte sich erst einmal durch, als wollte er die Sterne fassen, die er eben noch betrachtet hatte. Aber er tat es dann doch nicht. Statt dessen blickte er die tote Straße unschlüssig entlang. Dann sah er an sich hinunter und verspürte wieder dieses dringende Bedürfnis sich zu waschen. Er fühlte sich schmutzig und verschwitzt. Als hätte jemand seinen Körper mit einer dicken Schicht Farbe bestrichen, die nun langsam zu trocknen begann und damit war die Entscheidung gefallen. Er wandte sich nach rechts und begann erst einmal damit, dass er einen Fuß vor den anderen setzte. Das leise klatschende Geräusch der nackten Sohlen klang so abgehackt als müsste er sich jeden einzelnen Schritt erst bewusst überlegen. Aber tatsächlich verschwendete Nick keinen Gedanken daran, dass er ging. Er dachte auch an nichts anderes. Er dachte an nichts, er ging einfach, und er hatte ganz tief in sich die Gewissheit, dass er es nicht eilig hatte. Ganz und gar nicht. Dass er es nie wieder eilig haben würde.
Es gab keine Zeit mehr für ihn und es kümmerte ihn auch nicht wie lange er diese Straße gegangen war. Zwischen den Häusern hindurch über die leere Kreuzung und einen kleinen Hang hinunter. Unter dichten Bäumen eines Parks wurde es dunkler und das leichte Klatschen auf dem Gehsteig wurde durch leises Rascheln verdrängt. Nick blieb stehen, bückte sich und fuhr vorsichtig mit der Hand über den Rasen. Eingehend betrachtete er jetzt die Halme in dem fahlen Licht wie zuvor die Sterne über sich. Und wieder bemerkte er, dass er allmählich auch ihnen näher kam, ohne sich wirklich zu bewegen. Dass er eintauchte zwischen sie als einer von ihnen und doch eigentlich nichts wahrnahm von dem, was er sah. Vorsichtig richtete er sich wieder auf und ging zwei Schritte weiter. Dort begann er sich mit bedächtigen Bewegungen zu entkleiden. Als er endlich vollkommen nackt war, stieg er in das schwarz schimmernde Band des Baches, der früher zu einer Mühle geführt hatte und nun entlang des Parks lief. Nick tauchte unter. Obwohl es sich um keine der schwülen Sommernächte handelte war es angenehm warm. Doch das schwarze Wasser schien eisig kalt zu sein und mit tausend Nadeln durch seine Haut stechen zu wollen. Den warmen Schild der Gleichgültigkeit und Zeitlosigkeit, der sich um seine Gedanken gelegte hatte, hinter dem er sich verkrochen hatte und durch den hindurch er alles erlebte, den konnte jedoch auch die Kälte des Wassers nicht durchdringen. Zwar fühlte er wie seine Haut rau wurde unter der Kälte und ihm der Atem hart aus der Brust gepresst kam, aber es war ihm gleichgültig. Zu gleichgültig um es bewusst wahrzunehmen. Er atmete unter Wasser aus und fühlte die großen, dicken Blasen an seinem Gesicht entlang zur Oberfläche steigen. Er fühlte seine Füße im weichen Schlamm und die Strömung, die gegen seinen Körper drängte. Einen Augenblick ließ er verstreichen, dann tauchte er langsam wieder auf und füllte seine Lungen neu mit der scheinbar warmen Luft. Die Haare strich er aus seinem Gesicht zurück so dass sie dunkel von der Feuchtigkeit eng anlangen. Das Wasser presste er aus seinen Augen und sah hinauf in das undurchdringliche Dunkel unter den Blättern. Nur wenige Schritte von ihm entfernt, links und rechts des kleinen Parks standen die Häuser der Stadt. Aber es störte sie nicht, dass der Mann dort in der Finsternis begann, seinen Körper gemächlich mit dem kalten Wasser abzuwaschen. Auch ihn störte es nicht, dass sie ihm dabei zusahen. Es gab nichts mehr was ihn hätte stören können und nicht einmal die Kälte des Wassers war Grund genug um seine Bewegungen zu beschleunigen.
Tief in ihm ruhten seine Gedanken in einem weichen, leeren, dunklen Raum. Unerreichbar für die Welt da draußen.
Als er in seine Kleider schlüpfte bemerkte er, dass seine Füße bis über die Knöchel nun mit Schlamm verschmiert waren. Doch selbst da änderte sich sein Lächeln nicht. Er hängte sich die Schuhe wieder über die Schulter und trat die wenigen Schritte auf das harte Pflaster der Stadt hinaus.
Als hätte er vergessen seinen Beinen zu sagen, dass sie auch wieder stehen bleiben sollten, so wanderte er durch die Straßen. Seine Bewegungen waren weich und fließend aber er nahm nicht auf, wohin er ging oder woran er vorüber kam. Seine Augen sahen zwar geradeaus, doch er sah nichts von dem was vor ihm lag. Nur sein Körper ließ ihn Hindernisse umrunden, abbiegen und Richtungen einschlagen. Sein Bewusstsein aber lag zusammengerollt irgendwo in seinem Innersten und schlief friedlich, tief und fest.
Es war alles unwichtig geworden. Nichts war mehr schnell und nichts war mehr langsam. Da war nichts mehr, das wichtig gewesen wäre oder interessant. Alles Wissen und alles Streben war sinnlos. Die Wahrheit war endgültig geworden. Alle Gedanken waren gedacht.
Es gab nichts mehr zu tun.

Nick hatte keine Ahnung wie lange er schon so gestanden hatte. Er fühlte die raue Bretterwand durch das dünne Hemd und den Straßenkiesel unter seinen Sohlen. Das hell erleuchtete Fenster auf der anderen Straßenseite schien stumm und warm in die schweigende Nacht. Und dieses Fenster war es gewesen was Nick die ganze Zeit angesehen hatte. Dieses helle Rechteck, das ihm so fremd schien und ihn doch anzog. In ihm begann sich sein Bewusstsein zu rühren und mit einem Mal erkannte er dieses Fenster wieder. Das wage Lächeln das bisher unpassend wie angepinselt in seinem Gesicht gesessen hatte wurde zu einem zärtlichen Grinsen als er sich von der Bretterwand abstieß und sich anschickte über das hölzerne Tor zu klettern. So, wie er es früher als Kind unzählige Male getan hatte.
Der große Raum war hell erleuchtet und obwohl alle Fenster weit offen standen, saß eine drückende Hitze in ihm. Die fünf Männer wandten ihre Köpfe und sie hätten ein Gespenst nicht anders angesehen als Nick, wie er die Türe aus dem Lagerraum hinter sich schloss.
Drei junge Männer standen an der langen Arbeitsbank mit ihren weiß verstaubten, nackten Oberkörpern und schwitzten vor sich hin. Der Vierte, ebenso jung, stand vor einem großen Bottich und beobachtete eine Maschine, die mit ihrem dröhnenden Lärm den ganzen großen Raum erfüllte. Der fünfte Mann stach aus dieser Gruppe heraus. Er war bei weitem älter und massiger gebaut als alle anderen. Vor zwei großen schwarzen Löchern, die schräg übereinander in einer Wand angebracht und mit schweren Eisentoren versehen waren, stand er in einer Grube vor dem Unteren und sah Nick überrascht aber auch erfreut entgegen. Sein Blick wanderte von den feuchten, verfilzten Haaren bis hinunter zu den nackten, schlammigen Füßen und das Grinsen in seinem Gesicht vertiefte sich.
Nick kam durch den großen Raum auf ihn zu, blieb vor ihm stehen und sah einen kurzen Augenblick schweigend zu ihm hinunter in die Grube. Dann meinte er: "Dachte, ich könnte helfen.”
Der Mann lachte und deutete dann mit dem Kopf nach hinten.
"Wir brauchen noch Mehl. Du könntest einen Sack holen.”
Nick umrundete die Grube und trat in den dahinter liegenden Lagerraum. Zu hohen Bergen waren hier die braunen Papiersäcke aufgetürmt. Fein säuberlich nach Güteklassen getrennt lagen sie in dem kalten Neonlicht ordentlich geschlichtet und warteten. Nick zog langsam das Hemd aus der Hose und begann es aufzuknöpfen.
"Was brauchst Du?", rief er.
"Einen mit grünem Aufdruck. Gleich vorne rechts”, antwortete ihm der Mann und sah durch die offene Tür zu wie Nick sein Hemd vollkommen auszog und achtlos in eine Ecke warf. Dann ging er zu dem Stoß, stellte einen Sack auf und ließ ihn sich auf die Schulter gleiten. Nick fühlte das Papier unter seinen Fingern weg gleiten und das Gewicht auf seiner Schulter und war erstaunt darüber, dass es ihm gar nicht mehr leicht fiel den Sack im Gleichgewicht zu halten. Und er fühlte wie das Gewebe der Gleichgültigkeit um seine Gedanken einen leichten Riss bekam.
"In die Truhe damit.”
Nick hielt den Sack während einer der jungen Burschen ihn an der Schmalseite aufschlitzte und sofort begann sich die feine weiße Masse wie eine Flüssigkeit in die Truhe zu ergießen. Die braune Hülle aus Papier in seinen Händen wurde immer schlaffer, immer nachgiebiger gegenüber den Fingern die sie festhielten. Endlich ergoss sich auch der letzte Rest und die Staubwolke wollte sich schon wieder senken als Nick noch den Sack ausschüttelte damit auch nichts verloren ging und doch nur die Wolke um so mehr vergrößerte. In die dünne weiße Mehlschicht, die sein Gesicht bedeckte, gruben sich kleine Täler als er lächelte und sich mit der Hand durch die schlagartig ergrauten aber immer noch feuchten Haare fuhr.
"Okay”, meinte er. "Dann könnten wir ja mal was arbeiten.”

Während der ältere Mann und sein Gehilfe Brett um Brett voller weißer Teigbälle aus dem Gärraum holten und in den Backofen einschoben bemühten sich Nick und die drei anderen Burschen die entstandenen Lücken im Gärraum schnellstens wieder zu füllen. Die große Knetmaschine hatte ihre Arbeit beendet und der fertige Teig lag in einem großen Haufen auf der langen Arbeitsbank. Es war eigentlich eine ganz einfache Arbeit. Jeder der Männer nahm sich einen abgewogenen Brocken von dem Berg. Dann hatte er ihn noch einmal ordentlich durchzukneten, in die Form eines Laibes oder Weckens zu bringen, die vorbereiteten Weidenkörbe mit Mehl auszustauben, den vorgeformten Teig hinein zu passen und den fertigen Korb auf eines der langen Bretter zu stellen, auf dem sie dann in den Gärraum wanderten. Eigentlich eine ganz einfache Arbeit und doch war der Teig zäh und schwer, die vollen Bretter schwierig in Balance zu halten und die bullernde Hitze der beiden Backöfen tat ein übriges.
Bereits nach wenigen Minuten standen den Männern die Schweißtropfen auf der Stirn. Und besonders Nick fühlte sich nach kurzer Zeit so nass, als wäre er eben erst aus dem Bach aufgetaucht.
Seine Finger bohrten sich in den Teig und quetschten ihn dazwischen wieder hinaus. Immer wieder musste er sich die Hände im Mehl abreiben, damit der weiche Teig nicht in Klumpen daran kleben blieb. Und doch ließ es sich nicht vermeiden. Er musste seine Hände gegeneinander reiben um die klebrige Masse abzubekommen. Immer wieder tauchten seine Hände in die Truhe mit Mehl und immer wieder fuhr er sich über die Stirn um wenigstens für einige Zeit zu verhindern, dass ihm der Schweiß in die Augen rann. Trotzdem hingen ihm die verschwitzten Haare wirr ins Gesicht, in die Augen. Und die brannten. Nick musste den Reiz unterdrücken sie sich einfach zu reiben. Bei den mehligen und mit Teig verschmierten Händen hätte das auch wenig genützt. Das einzige, das ihn dabei noch ein wenig tröstete, war der schnelle Blick den er in die Runde warf und erkennen konnte, dass es niemandem anders erging als ihm. Natürlich hätten sie Kappen tragen können, aber die waren nach wenigen Augenblicken auch durchgeschwitzt und zeigten dann kaum mehr Wirkung. Vielleicht fielen einem die Haare dann nicht mehr ins Gesicht, man fühlte sich aber, als hätte man eine Heizdecke auf dem Kopf. Zwei der Jungs waren so klug gewesen und hatten sich einen extremen Kurzhaarschnitt verpassen lassen und Nick beneidete sie.
Von der warmen, zeitlosen Gleichgültigkeit war Nick kaum noch etwas geblieben. Zwar arbeiteten die Männer meist schweigend aber das lag eher daran, dass sie sich ganz auf ihre Arbeit konzentrierten. Es gab für sie nichts das Wichtiger gewesen wäre als den Teig zu formen, zu lagern und zu backen. Oder es kam einfach daher, dass es mitten in der Nacht war, wo anständige Menschen schliefen, und sich so ihr Bedürfnis nach einem Gespräch in Grenzen hielt.
In all dieser geordneten Tätigkeit vergingen die Stunden für Nick genau so schnell und unbemerkt wie vorher in seiner gemächlichen Gleichgültigkeit. Kaum hatte er sich halbwegs erinnert wie man den Teig falten musste um eine Kaisersemmel zu erhalten, als auch schon die Verkäuferinnen unter der Tür standen und nach den ersten fertigen Brotlaiben und Körben mit Gebäck Ausschau hielten. Fragende Blicke trafen ihn, überraschte und freundliche. Aber niemand sprach ihn an.
Nick lehnte an der langen Bank, hatte die Ellenbogen hinter sich aufgestützt und sah ihnen zu wie sie mit einem Korb nach dem anderen verschwanden. Die goldbraunen Semmeln und das Weißbrot knackte leicht wenn es gegeneinander stieß oder einfach nur abkühlte. Der ganze Raum schien angefüllt von dem appetitanregenden Geruch nach frischem, heißen Brot und Nick fühlte ein leises, feuchtes Ziehen in seiner Mundhöhle. Verdächtig lange betrachtete er die in Reih und Glied aufgeschichteten Brotlaibe, die da zum Auskühlen lagen und dabei geheimnisvoll vor sich hin knisterten. Nachdenklich kratzte er sich quer über die Brust und hinterließ dadurch noch tiefere Furchen als der Schweiß schon in die dicke Mehlstaubschicht gefressen hatte.
Er holte sein Hemd aus dem Winkel in das er es vor Stunden geworfen hatte. Aber vor dem Regal mit dem braunen, duftenden Brot blieb er wieder stehen.
"Nimm Dir was Du brauchst”, sagte der Mann in der Grube, der jetzt müde am Rand lehnte und nachdenklich und wartend an seiner Zigarette sog. "Aber es gibt dann auch gleich Kaffee.”
Nick sah zu ihm hinüber und dann wieder zu dem Brot vor sich.
"Nein danke”, antwortete er nur und lächelte als er sich eines der kleineren Weißbrote griff, es in der Mitte auseinander brach und herzhaft hinein biss. Mit vollem Mund kauend winkte er den fünf Männern zu und machte dann, dass er wieder auf die Straße kam.
Es war die Zeit in der es schon beinahe so hell ist wie am Tag und doch die Sonne noch hinter dem Horizont steht. Es würde noch etwas dauern, bis sie den neuen Tag beginnen würde. Und die Stadt schlummerte in diesem Zwielicht aus hell und dunkel friedlich vor sich hin, während ein verwegen aussehender Mann durch ihre Straßen ging. Die Turnschuhe hingen über seiner Schulter, das Hemd hatte er sich achtlos um die Hüften gebunden. Sein ganzer Körper und die Haare waren weiß vom Staub und zerfurcht vom Schweiß und mit vollen Backen kaute er an dem heißen, frischen Brot.
Und Nick wusste, dass es noch viel zu tun gab.







Nick klatschte in die Hände und setzte sich schwungvoll auf.
"Noch fünfhundert Meter bis zum nächsten Parkplatz”, sagte er. "Fahr rann und lass mich jetzt mal wieder.”
Tonio brummte nur etwas Unverständliches vor sich hin aber er nahm einmal vorsorglich den Fuß vom Gaspedal.
Der Parkplatz war gerade noch groß genug, damit er den Bus zum Stehen bringen konnte bevor er wieder auf die Autobahn hinaus ragte. Natürlich war er noch immer viel zu schnell gewesen. Aber Nick verlor kein Wort darüber. Er hatte es oft genug an sich selbst beobachtet. Wenn man stundenlang mit hoher Geschwindigkeit fuhr, dann kam es oft genug vor, dass man plötzlich bei einer Ortsdurchfahrt oder einer Einfahrt zu einem Parkplatz, wie eben jetzt, die niedrigen Geschwindigkeiten nicht mehr richtig einschätzen konnte. Nick wusste nicht woher das kam. Vielleicht handelte es sich dabei auch nur um eine ganz einfache Form von Gewöhnung, überlegte er, während er vergeblich versuchte den ersten Gang hinein zu würgen.
"Sag mal, wie bist Du eigentlich gefahren?", rief er dem verblüfften Tonio zu, der gerade in der ersten Reihe die Füße hoch legen wollte.
"Wieso?"
"Weil die Kupplung durchrutscht. - Bist Du die ganze Zeit mit schleifender Kupplung gefahren?"
"Natürlich nicht!", empörte sich der dunkelhaarige Mann. "Wofür hältst Du mich eigentlich?"
"Willst Du das wirklich wissen?", grinste Nick und brachte schließlich doch den Gang hinein. Tonio fuchtelte wie wild in der Gegend herum um seine halbherzig gespielte Empörung zumindest etwas glaubhafter zu machen, fand endlich eine Zeitung und tat so, als wolle er damit nach Nick schlagen.
"Du wirst doch nicht mit der ganzen Macht der Presse auf mich losgehen”, bemerkte Nick jedoch völlig ungerührt und Tonio warf darauf hin die Zeitung wirklich in seine Richtung - laut lachend.
"Man sagt”, meinte er, nachdem er wieder zu Atem gekommen war, "die Presse kröne Kaiser und köpfe sie auch wieder. Aber ...”
"... aber ich bin kein Kaiser. Also muss ich weder gekrönt noch kann ich geköpft werden.”
"Na Gottseidank! Ich möchte Dich nämlich nicht als meinen Kaiser haben”, wieherte Tonio und wand sich vor Lachen auf seiner behelfsmäßigen Lagerstatt.
"Ich mich auch nicht”, bemerkte Nick zu Tonios Überraschung völlig ernst.
Viel Verkehr herrschte noch immer nicht auf der Autobahn aber sie lag wenigstens nicht mehr so vollkommen verlassen da, wie vor der ersten Grenze. Nick rechnete kurz nach und kam zu dem Schluss, dass die deutsche Grenze nur mehr wenige Kilometer vor ihnen liegen konnte. Vorsichtig drehte er das Radio etwas leiser und meinte: "Sieht so aus, als wäre das jetzt meine Grenze. Oder?"
"Du wolltest doch unbedingt weiterfahren. Oder?", brummte Tonio aus seinem Sitz hervor, aber er konnte auch so die leichte Schadenfreude nicht verbergen, die in seiner Stimme mitschwang. Nick ging nicht weiter darauf ein. Er drehte nur das Radio wieder lauter und musste erkennen, dass außer Rauschen wieder nichts mehr aus dem Gerät kam. Vorsichtig spielte er am Knopf für den Sender herum bis endlich wieder Musik kam. Nick konnte zwar beim besten Willen nicht sagen, was das für ein Sender war, aber zumindest hörte er Musik. Tonio rührte sich nicht mehr. Er hatte sich in der ersten Reihe hinter dem Beifahrersitz zusammengerollt und das Gesicht unter seinen Armen vergraben.
"Träumst Du was Schönes?", fragte Nick und es klang so unvermutet ernsthaft, so völlig bar jeden Spottes, dass Tonio sich erstaunt wieder aufrichtete.
"Eigentlich schon”, gab er verwirrt zu. Und legte vorsorglich doch gleich auch ein wenig Ablehnung in die Stimme. Sofort fügte er auch noch an: "Aber eigentlich geht Dich das auch nichts an!"
"Ich hab' ja nur gefragt weil mir langweilig war”, gestand Nick mit einem leichten Grinsen auf den Lippen. Aber dieses Grinsen fiel keineswegs so fies aus wie er es vorgehabt hatte. Deshalb setzte er auch gleich nach und versuchte dem Ganze eine Wendung ins Spöttische zu geben.
"Von deiner Badewanne und den Mädchen zum Rückenwaschen?"
Tonio sah einige Augenblicke schweigend hinaus in die Dunkelheit, in die sich die Scheinwerfer erbarmungslos hineinfraßen. Dann meinte er nachdenklich: "So in etwa.”
"Oder sollte ich vielleicht besser sagen, von deiner Badewanne und DEM Mädchen zum Rückenwaschen?", ließ Nick nicht locker.
Vorerst würdigte ihn der dunkelhaarige Mann keiner Antwort. Er setzte sich nur auf und angelte nach dem Päckchen Zigaretten, dass vorne auf der Ablage hin und her schlitterte. Nachdem er sich umständlich eine der Zigaretten angezündet und das Päckchen wieder zurück geworfen hatte, blies er langsam den Rauch gegen den Bushimmel und sah Nick von der Seite her an.
"Was meinst Du damit?"
Nick zuckte mit den Schultern.
"Ich meine, dass ich Dich nun schon eine geraume Weile kenne.”
Tonio strich vorsichtig die Asche von der Zigarettenspitze und betrachtete sie dabei aufmerksam. Wie nebenbei bemerkte er: "Willst Du damit etwas besonderes sagen?"
"Nein”, meinte Nick. "Es sei denn, Du willst mir etwas besonderes sagen. Und wenn dem nicht so ist, dann glaube ich, dass es mich eigentlich auch nichts angeht.”
"Stimmt!", bestätigte Tonio und sah durchdringend in das Dunkel hinaus, als wollte er es mit seinen Blicken zerteilen. Für einige kurze Augenblicke waren die einzigen Geräusche in dem großen Wagen das Dröhnen des Motors, die schlagenden Geräusche der Reifen und das leise Quäken eines Saxophons aus dem Radio. Dann öffnete Tonio plötzlich mit einer wütenden Bewegung das kleine Seitenfenster und warf die erst halb gerauchte Zigarette hinaus, die hinter ihnen in einem Funkenregen auf dem Asphalt zerstob.
"Verdammt!"
Nick sah nur kurz zu ihm hinüber sagte aber kein Wort über diesen Ausbruch. Tonio kam schon ganz von selbst auf Touren.
"Ah, guai!", rief er auch schon aus und ließ sich in den Sitz fallen. "Natürlich hast Du recht! Ich hätte es mir eigentlich denken können, dass Du es mitbekommst!"
Er atmete tief durch, saß wieder stumm und sah zum Fenster hinaus. Doch mit einem Schlag fuhr er erschrocken herum.
"Perchè - haben vielleicht die anderen auch etwas bemerkt?"
Nick schüttelte lächelnd den Kopf und meinte beruhigend: "Soviel ich weiß hast Du nur mir tagtäglich vorgerechnet wieviel Du in jedem Hotel an Telefonrechnungen bezahlt hast. Und allein schon deshalb gibt es wohl wenig zu bezweifeln, dass es diesmal wohl ein wenig mehr ist als die übliche - naja – Badewannenpartie.”
Nick sah nicht wie Tonio ihn anlächelte und er sah nicht die Bewegung seiner Hand, als würde er sie ihm gleich auf die Schulter legen wollen. Im letzten Augenblick zuckte der Italiener aber doch zurück und wandte sich wieder nach vorne um auch weiterhin stumm nach draußen zu starren. Aber Nick wusste zu gut, dass diese Ruhe nur von kurzer Dauer sein konnte.
Und so begann der kleine, schwarzhaarige Italiener endlich zu erzählen. Zu erzählen, wie er sie getroffen hatte und wie er endlich bemerkt hatte, dass er sich endgültig in sie verlieben würde. Er erzählte Nick davon, dass er sich trotz seines hohen Alters von über vierzig verdammt noch mal so fühle wie ein sechzehnjähriger Schüler und manchmal nicht wusste, wohin er mit seinen Gefühlen sollte. Wie schwer, ja unmöglich es war, diese Gefühle auszudrücken.
Während sie durch die immer einsamer werdende Nacht rollten, erzählte Tonio von seiner Liebe und davon, dass plötzlich alles wieder neu wurde für ihn. Und er erzählte noch als die Grenze kam und mit ihr die Beamten. Und er redete noch immer als sie die Grenzstation hinter sich ließen und sie wieder, so als wäre es für alle Zeiten, von der Dunkelheit verschlungen wurden. Nick saß aber nur da, lenkte den schweren Wagen stur und sicher wie ein Automat, immer dem auftauchenden Asphaltband hinterher, und hörte zu. Und selbst wenn Tonio einen Augenblick Pause gemacht hätte, er hätte eine Erwiderung gewusst.
Was hätte Nick dazu schon sagen können.







"Möchtest Du duschen?"
Leise knarrte das alte Bett, als er sich zu ihr umdrehte und sie ansah. Er lag da, nackt, verschwitzt, in dem breiten, uralten Bett und er sah sie einfach nur an. Es war aber nichts Fragendes oder Verwundertes in seinen Augen. Lange blieb er so liegen und betrachtete sie, als wollte er sich ihr Gesicht auf ewige Zeiten einprägen. Dieses kleine rundliche Gesicht, dass trotz der tiefen Spuren der Kosmetik und der noch tieferen ihres Gewerbes irgendwo diese unerschütterliche Kindlichkeit bewahrt hatte. Das lange, glatte, geschmeidige, glänzende, gebleichte Haar lag unordentlich um diesen kleinen Kopf herum. Doch als er bemerkte, dass seine Augen tiefer zu wandern begannen drehte er sich wieder zurück auf den Rücken und betrachtete die Sprünge in der Decke des ärmlichen Zimmerchens.
"Gehört das jetzt auch zu deinem Service?", fragte er.
"Nein, eigentlich nicht”, antwortete sie ihm leise, "aber ich dachte ...”
"Du denkst zu viel. Aber wenn Du schon nachdenkst, dann solltest Du daran denken, dass Du Dir dein Geld schon vor zehn Minuten verdient hast und wir noch immer hier liegen.”
"Dann mach dass Du hinaus kommst, Du verdammter Idiot!", fauchte sie wütend, aber er sah sie zuerst noch einmal an, lachte sie noch einmal an und stand erst dann auf.
"Naja, eigentlich", meinte sie sarkastisch, "sieht es nicht so aus, als hätte ich mir mein Geld verdient.”
Er fuhr in seine Jeans und schüttelte dabei ungläubig den Kopf.
"Wenn Du endlich anfangen würdest deiner Kundschaft mehr auf die Brieftasche zu schauen als zwischen die Beine, dann würdest Du nicht noch immer in dieser Bruchbude hausen.”
"Wenn ich anfangen würde meiner Kundschaft mehr auf die Brieftasche zu schauen, dann dürfte ich mit Dir nicht mal mehr reden”, konterte sie schlagfertig.
Entweder war der Raum einfach zu klein für dieses Bett oder dieses Bett zu groß für den Raum. So groß war das Bett, dass sie, so, wie sie jetzt dalag, mitten, auf dem Rücken und die Arme weit zur Seite gestreckt, selbst so weder die Ränder dieses alten Bettes noch seine hohen, geschnitzten Enden  berühren konnte. Und sie war nicht gerade klein. Aber mit den beiden Kästen und der überfüllten Kommode an den Wänden konnte man gerade noch vorsichtig rund um das Monstrum von Bett herum gehen. Die Tapeten des kleinen Zimmerchens stammten aus den frühen 70igern und die Möbel undefinierbar aus einer anderen Epoche. Jedes Stück aus einer anderen Epoche.
Er setzte sich auf die Bettkante und versuchte in seine Stiefel zu schlüpfen. Ohne Eile wanderte ihre Hand hoch und begann vorsichtig die Linien seines Rückens nachzuzeichnen.
"Warum machst Du das eigentlich?", fragte sie ihn leise und fühlte dabei unter ihren Fingern wie er bei ihrer Berührung zusammen zuckte und dann so tat, als bemerke er es nicht.
"Was mache ich?", wollte er wissen und es klang nicht gerade interessiert.
"Ich meine”, sagte sie vorsichtig und kratzte mit ihren langen Fingernägeln sein Rückgrad entlang, "dass, was wir - ich meine, warum Du überhaupt zu mir kommst.”
Jetzt endlich drehte er sich um und sah sie nachdenklich an. Und dabei ließ er jetzt seine Blicke tiefer wandern auf diesem bleichen, festen Körper der sich mit den schweren, sinnlichen Bewegungen einer satten Katze auf die Bettdecke schmiegte. Endlich nahm er ihre Hand weg von dort, wo sie sich dazwischen geschlichen hatte und legte sie zurück auf das Bett. Dabei grinste er sie an. Aber in diesem Grinsen lag viel zu wenig Schadenfreude um sarkastisch zu sein. Und viel zu viel um ernsthaft zu erscheinen.
"Normalerweise", begann er, nahm dabei ihre Hand nochmals zwischen seinen Beinen weg, wo sie sich noch mal einzugraben suchte und legte sie ihr diesmal selbst zwischen die geschmeidigen, festen Schenkel "normalerweise müsste ich das eigentlich Dich fragen. Wie kommt nur ein Mädchen wie Du in dieses Gewerbe. So ein kleines, junges, unschuldiges Mädel wie Du. Mit deinem Aussehen! Mit deiner Intelligenz. -  Ja, dass müsste ich wohl sagen.”
Er griff nach dem Hemd das über dem Fußende des Bettes hing, wickelte es aber nachdenklich um seine Hand.
"Ich bin nicht der Typ, der Dich aus der Gosse retten kann”, meinte er dabei leise. "Ich bin nicht mal der, der es zumindest versuchen würde. Am Gesündesten für einen Menschen ist es immer noch, sich nicht all zu sehr mit mir abzugeben. - Und erzähle mir ja nicht, Du wüsstest nicht, weswegen ich zu Dir komme!" meinte er wieder aufgekratzt lachend, klopfte ihr fast zärtlich auf ihre ausgeprägten Hinterbacken und stand auf. Aber sie bewegte sich noch immer nicht. Machte noch immer keinerlei Anstalten aufzustehen oder gar sich irgend etwas anzuziehen.
"Du kennst so viele Mädchen”, meinte sie, "und ich wette, da sind ein ganzer Haufen verdammt hübscher dabei. Natürlich nicht von allen, dazu sind sie zu dämlich, aber zumindest von ein paar könntest Du auch all das haben, weswegen Du zu mir kommst. Und weglaufen wird Dir auch keine, mit der Du jemals geschlafen hast. Du lässt Dir Zeit, Du gehst ein auf eine Frau und nicht nur ein in sie. So was findet man heute leider kaum mehr - das kann ich Dir aus schmerzlicher Erfahrung sagen! Aber, verdammt noch mal, warum kommst Du eigentlich zu mir?"
Sie bewegte sich nicht. Sie bewegte sich mit keiner Faser ihres trägen Körpers. Ja selbst ihre Hand lag noch immer kraftlos dort, wo er sie hingelegt hatte. So sah sie ihm zu, wie er das Hemd fertig knöpfte und in seine Hose steckte. Und dabei tat, als hätte er nicht gehört, was sie gesagt hatte. Endlich war er fertig und sah zu ihr hinunter. Unten in der kleinen Seitengasse vor ihrem Fenster fuhr ein Polizeiwagen mit Sirene und Blaulicht vorbei. Der zerhackte blaue Schimmer ließ für ein paar kurze Augenblicke ihre weiße Haut wie durchsichtig aufleuchten aber dann war der Wagen schon wieder vorbei und entfernte sich die Straße hinunter. Vorsichtig setzte er sich zu ihr und fuhr mit den Fingerspitzen über ihre Wange. Er strich die zerdrückten Haare aus ihrem Gesicht. Strich sie ihr von den Schultern nach hinten und legte ihr leicht seine Hand auf die Hüfte. Er fühlte die kühle, zarte Haut auf seiner Handfläche und sagte: "Es mag sein, dass Du einiges von Männern verstehst, aber von Frauen, glaube mir, von Frauen verstehst Du überhaupt nichts. Und damit Du es endlich weißt, ich komme zu Dir weil ich Dich mag, weil ich Dich hübsch und erregend finde, weil es mir Spaß macht mit Dir zu schlafen und -"
Er nahm die Hand weg, legte sie unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht zu sich auf.
"- und weil Du keine Fragen stellst!"
Einen langen Augenblick sah sie ihn an aus ihren grünlichbraunen Augen und er erkannte in ihrem Gesicht, dass sie ganz allmählich verstand, was er gesagt hatte. Also ließ er ihren Kopf los und legte seine Hand wieder zwischen sich und ihr auf die Bettdecke zurück.
"Angenommen, ich würde aussteigen und mir einen ordentlichen Job suchen. Würdest Du - würdest Du mich dann immer noch besuchen wollen?"
"Es würde nichts daran ändern, dass ich Dich mag und hübsch finde. Und am Spaß würde es wohl auch kaum etwas ändern”, meinte er lächelnd. Aber sie nickte nur leicht und fügte ernst hinzu: "Wenn ich keine Fragen stelle.”
Sie sah ihn dabei an. Sah ihn lange an. Dann sank ihr Kopf langsam, ganz langsam nach unten bis ihre Lippen seine Hand berührten. Für einen kurzen Augenblick blieb sie so liegen. Zusammen gekrümmt presste sie ihre Lippen, ihre Stirn auf seine Hand.
Mit einem plötzlichen Aufbäumen warf sie sich herum, drehte ihm den Rücken zu und versuchte halbherzig unter die Decke zu kommen.
"Verschwinde!", sagte sie zu laut. "Ich möcht' auch mal eine Runde schlafen.”
Sein Lächeln wurde um eine Spur tiefer als er aufstand und nach seiner Jacke griff. Dabei sah er wie zufällig durch das kleine Fenster auf die dunklen Wagen in der kleinen Seitengasse hinunter. Alles war ruhig und friedlich.
Vorsichtig öffnete er die Tür, als er sie ganz leise sagen hörte: "Weißt Du, dass ich nicht einmal deinen ganzen Namen kenne?"
Er schlüpfte in die Jacke und lächelte sie an.
"Ich heiße Weber, Franz Weber”, sagte Nick und schloss die Türe leise hinter sich.







"Hier ist Bayern 3 mit den Nachrichten.”
Tonio drehte sich unruhig auf die andere Seite hinüber und der Bus rumpelte die unebene Fahrbahn entlang durch die düstere, flache Landschaft die sich perfekt in der Finsternis verbarg.
Nick begann darüber nachzudenken, zum wievielten Male er nun schon diese Nachrichten hörte. Aber er tat es nur um wenigstens an irgend etwas zu denken und darum dachte er diesen Gedanken auch nicht zu Ende. Statt dessen versuchte er jetzt, sich die Bilder zu den einzelnen Nachrichten vorzustellen. Und weiterhin die größten Unebenheiten voraus zu ahnen um ihnen wenigstens einigermaßen ausweichen zu können. Bald nach der Grenze hatte es begonnen vorsichtig zu regnen, immer mehr war es geworden und jetzt schienen die großen Scheibenwischer die Wassermassen beinahe nicht mehr bewältigen zu können. Kaum waren sie an einem Ende angekommen, als schon wieder die Konturen der Landschaft durch den Wasserfilm zu verschwimmen begannen. Immer wieder donnerten die Wasserfontainen gegen die Bodenplatte des Busses wenn Nick stur geradeaus durch eine der Lachen fuhr. Und er fuhr bedächtig nur so schnell, dass ein Aufschwimmen des leeren Wagens kaum möglich war. Die dicken Tropfen, die auf die Windschutzscheibe und das Dach prasselten, erzeugten ein dumpfes Dröhnen wie im Inneren einer Glocke. Das und das schnelle Wisch-Wasch der Scheibenwischer in ihrem ewig gleichen, monotonen Rhythmus ließ auch Tonio immer unruhiger werden.
"Na toll, das ist ja ein elementares Sauwetter”, meinte er, als er es endgültig aufgab, die Augen öffnete und sich aufsetzte.
"Wir sind kurz vorm Chiemsee”, erklärte Nick und deutete mit dem Kopf nach vorne. "Es scheint, als gäbe es hier nur drei Arten von Wetter.”
Tonio gähnte und streckte sich wobei er zustimmend grunzte.
"Entweder hast Du strahlend blauen Himmel, oder dicken Nebel, oder ...”
"... oder eine Neuinszenierung von der guten alten Sintflut.”
"Und was soll daran neu sein?", wollte der schwarzhaarige Mann grinsend wissen. "Wasser fällt von oben nach unten. Oben Wasser, unten Wasser, mittendrin Wasser. Rundherum alles nass und doch nichts zu saufen. Nein danke.”
Er begann vorsichtig auf und ab zu gehen um seinen Kreislauf wieder in Schwung zu bringen.
"Pochino Tonio!", Nick schüttelte besorgt den Kopf. "Ich fürchte mit Dir wird es noch ein schreckliches Ende nehmen.”
"Dieses Ende wird darin bestehen, dass Du mich an einen Baum fährst”, feixte der und warf sich in den Beifahrersitz, dass der in seinen Federn nur so ächzte. "Und dann bin ich ganz, ganz viel tot.”
"Passiert jedem von uns einmal - so oder ähnlich.”
Tonio hatte inzwischen entdeckt, dass sich nur mehr eine Zigarette in der Packung befand. Also hatte er auch diese an sich genommen, die Packung zerknüllt und achtlos nach vorne geworfen.
"Also weißt Du”, meinte er dann qualmend, "wenn man es genau nimmt, dann ist so ein Tod auch eine schöne Sache.”
"Es spricht der Christ.”
Tonio fuchtelte nach Nicks sarkastischer Bemerkung wie wild in der Luft herum.
"Ach Du verdammter Atheist oder Taoist oder Buddhist oder Zigeuner oder Heide oder was immer Du auch sein magst - Du wirst schon sehen, was Du davon hast!", brüllte er in schlecht gespieltem Fanatismus.
Doch Nick drückte ganz plötzlich auf die Hupe und klatschte in die Hände, dass Tonio erschrocken zusammen fuhr und sofort verstummte.
"Ach ja, eure ewigen Drohung mit den Qualen der Hölle”, sagte Nick dann ganz ruhig. "Aber an diese Hölle glaube ich erst, wenn ich den großen, alten Herrn mit dem langen, weißen Bart selbst gesehen habe.”
"Och”, schmollte Tonio übertrieben, "Dich lade ich nie wieder zu mir ein. Damit Du es nur weißt!"
Dann lachten sie beide laut über ihren kindischen Streit und vergaßen für einen kurzen Augenblick das abscheuliche Wetter außerhalb des Busses. Ihre Streitgespräche auf diesem Gebiet arteten niemals aus. Und wenn sie schon geführt wurden, dann immer auf diese eher heitere Art und Weise, denn keiner der Beiden dachte auch nur im Entferntesten daran den anderen zu verletzen. Sie wussten beide, was sie voneinander zu halten hatten, und sie hielten viel voneinander. Soviel sie auch sonst, in anderen Beziehungen, trennen mochte.
"Aber eigentlich habe ich das ja ganz anders gemeint”, sagte Tonio, als sie sich endlich wieder beruhigt hatten ganz ernsthaft.
"Und was hast Du gemeint?"
"Ich habe gemeint, dass ich manchmal ganz froh bin, wenn ich darüber nachdenke, dass dieses Leben auch einmal einen Tod hat. Ewig so weiter leben zu müssen stelle ich mir wirklich phänomenal vor - phänomenal langweilig!"
Er nahm einen tiefen Zug, legte die Füße vor sich auf die Ablage und blies den Rauch gegen den bespannten Himmel.
"Andererseits”, sagte er dann. Brach aber ab und zuckte nur noch mit den Schultern.
"Andererseits”, ergriff jetzt Nick das Wort, "fallen Dir bei diesem Thema augenblicklich so viele Gründe ein, weswegen Du noch ein paar Jährchen anhängen könntest. Und so wird es Dir immer ergehen, ganz gleich wie alt Du bist.”
Der Bus tauchte in die Lache ein, dass die Stoßstange beinahe versank und das hochgeschleuderte Wasser gegen die Seitenwände donnerte.
"Uups, war das schon der Chiemsee?", fragte Nick erschrocken und drosselte das Tempo noch weiter.
"Ich glaube nicht”, bemerkte Tonio. "Ich habe den ein wenig größer in Erinnerung -"
"- aber nicht viel”, sagten sie plötzlich wie aus einem Mund, sahen sich an und lachten.
Endlich beruhigte sich Tonio wieder und dämpfte schnell noch die Zigarette aus bevor sie ihm die Finger verbrannte.
"Aber ganz überzeugt bin ich von dem nicht, was Du gesagt hast, vorhin”, meinte er mit einer abwehrenden Handbewegung.
"Vom Chiemsee?", fragte Nick grinsend und duckte sich ein wenig vor dem angedeuteten Schwinger.
"Natürlich hast Du recht”, gestand er dann aber doch ein. "Vor allem kann man das nicht so verallgemeinern. Ich kenne einen Haufen Leute, die könnten mit fünfunddreißig oder vierzig schon sterben, denn sie finden sowieso nichts mehr, was sie interessieren könnte.”
"Wenn man von der anstehenden Gehaltserhöhung, vom nächsten Urlaub und vom neuen Auto absieht”, ergänzte Tonio und fand mit dieser Bemerkung Nicks vollste Zustimmung.
"Andererseits kenne ich auch Menschen, die schon ein verdammt langes Leben hinter sich haben und immer wieder neue Gründe ausbrüten, um doch noch ein wenig weiter zu leben. Obgleich sie manchmal ganz schön unter Ermüdungserscheinungen leiden.”
Er fuhr mit der Hand nachdenklich am Lenkrad entlang und sah nach draußen.
"Oder sollte man vielleicht Ekel sagen?", fügte er noch ganz leise hinzu. 
Tonio hatte ihn nicht verstanden, deshalb sah er ihn von der Seite an, aber er fragte nicht. Das Trommeln des Regens schien immer stärker zu werden und vor dem Wagen in den beiden Lichtzylindern warfen die auftreffenden Tropfen kleine Fontänen hoch.
"Was sind das eigentlich für Gründe, die solche Leute ausbrüten? Es stirbt doch niemand gerne", wollte Tonio dann doch wissen.
"Niemand stirbt gerne“, stimmte ihm der Mann hinter dem Lenkrad mit zusammen gezogenen Brauen zu. „Aber es macht einen Unterschied, ob dich nichts mehr hält oder ob du noch viel vor hast. Der Wunsch zu lernen, zu verstehen, zum Beispiel. Erkenntnisse zu sammeln. Fähigkeiten zu verbessern.”
"Dann könnten sie gleich mal ihre Fähigkeiten insoweit verbessern, dass sie in der Lage sind länger zu leben”, lachte Tonio.
"Und dann?", fragte Nick der sich auch durch Tonios Gelächter diesmal nicht anstecken ließ. Der fasste sich sehr schnell wieder und zuckte mit den Schultern.
"Sag mal. wie lange lebst Du denn jetzt eigentlich schon, wenn sich Dir solche Fragen stellt?", brummte er dann. Und Nick sah ihn kurz an und lächelte freundlich. Aber es war dieses eigenartige, dieses ganz leicht spöttische Lächeln auf Nicks Lippen, dass selbst Tonio nie zu deuten wusste.
"Auf diesem Planeten?", versuchte Nick einmal die Frage etwas genauer einzugrenzen und gähnte herzhaft. "Naja, das werden wohl ein paar weniger als zehntausend Jährchen sein, so rund über den Daumen. Übrigens, zu meinem zehntausendsten Geburtstag hier auf Mutter Erde lade ich Dich natürlich ein.” Wieder dieser Seitenblick mit diesem Lächeln. "Falls Du es noch erlebst.”
Tonio musste tatsächlich erst einmal kräftig schlucken, so ernsthaft kam die Antwort und wollte dann eigentlich nur noch wissen: "Bist Du eigentlich alleine hier, oder - oder seit ihr mehr?"
"Soviel ich weiß bin ich ziemlich allein. Obwohl ...”
Er unterbrach sich und sah starr nach vorne. Dabei erlosch sogar dieser letzte kleines Rest von einem Lächeln.
"Obwohl?"
Da war eine merkbare Pause bis Nick ihm antwortete.
"Obwohl ich kaum glaube, dass ich noch viel älter werde neben Dir, wenn Du mir auch weiterhin jeden Blödsinn so ohne weiteres abkaufst!"
Dann sah er wieder nach vorne. Aber sein Gesicht blieb auch weiterhin so kalt wie der Regen der von außen versuchte die Scheiben des Busses einzuschlagen.







"So ist der Wiener nun einmal”, meinte Nick und zuckte mit den Schultern. "Wenn es ihm gut geht, dann geht er zum Heurigen, freut sich und lässt sich volllaufen. Und wenn ihm die Scheiße bis zum Hals steht, dann geht er zum Heurigen, schimpft ...”
"... und lässt sich volllaufen.”
Die beiden Männer lehnten rechts und links eines großen, alten Baumes an seiner rissigen Rinde und sahen in den sonnigen Tag hinein. Auf dem sanften, grünen Abhang vor ihnen summten eifrig die Bienen und ein paar Schmetterlinge tanzten von einer Blüte zur nächsten.
Hinter der Wiese begannen wieder die Weinberge und pflanzten sich in riesigen, erstarrten Wellen über die Hügel gegen Süden fort. Und umkreist von diesen grünen Hügeln, in einem weiten offenen Tal, wand sich der breite Strom gemächlich durch das Betongrau des Molochs Stadt.
"Mit ein wenig gutem Willen könnte man sogar annehmen, die Donau sei heute ausnahmsweise einmal blau”, lächelte Nick. "Und wenn man sich dann noch die Stadt wegdenkt, dann wäre es hier ja beinahe schön.”
Der Mann auf der anderen Seite des Baumes sagte zu all den langsam vorgebrachten Betrachtungen kein Wort. Doch obwohl er nur hinunter sah auf die Stadt und obwohl er abwesend wirkte, so beobachtete er Nick doch genau. Und er bemerkte, dass sich Nicks Lächeln langsam verlor.
"Wenn Du Dir die Stadt wegdenkst”, sagte der hagere Mann darum bedächtig, "dann wirst Du Dich an das alte Tal erinnern, Du wirst Dich daran erinnern, dass der Fluss sehr viel verzweigter war. Mit Lagunen und Seen, kleinen Bäachen und dichten Wäldern.”
"Und mit anderen Menschen."
Nick wusste, dass der hagere Mann mit den langen Haaren ihn verstanden hatte, aber er bekam auf seine leise Bemerkung keine Antwort und er hatte auch keine erwartet. Also löste er sich von dem Baum und setzte sich davor ins Gras. Verstohlen sah er zu dem Mann auf, der kaum älter sein mochte als er selbst. Genau erfahren würde er es aber wohl nie. Genau so wenig, wie er wohl jemals erfahren würde, was dieses unsichtbare Band war, dass sie verband. Irgend etwas war zwischen ihnen, eine Art von Gemeinsamkeit, von gemeinsamem Wissen, das über das Erlebte hinaus ging. Eine Verbundenheit, die ihnen beiden aber gleichzeitig verwehrte, darüber zu sprechen. Beide waren sie von Natur aus nicht sehr mitteilsam, aber keinem anderen Menschen gegenüber waren sie so vorsichtig in der Wahl ihrer Worte, ihrer Andeutungen. Denn wenn sie beieinander waren, dann war da etwas in ihnen, dass ihnen gebot Vorsicht zu üben. Und wenn es diese Gemeinsamkeit, die Nick vermutete, wirklich gab, dann war diese Vorsicht durchaus angebracht. Es war eine durchaus lichte Gemeinschaft, aber voll der Ahnung um dunkle Abgründe, die sich dahinter verbargen. Denn bei allen freundschaftlichen Gefühlen, da war doch etwas, das sie trennte. Ein Unterschied, der unüberbrückbar war. Unverständlich für Nick, auch wenn der andere Mann den Grund sehr genau zu kennen schien.
Nick breitete die Arme aus und ließ sich auf den Rücken fallen.
"Ach, wie schön ist es hier. So ruhig, so friedlich. Warum kann es nicht immer so sein?", rief Nick und Alexander antwortete sofort: "Es kann.”
"Ich hör' die Worte, doch, bei Gott, mir fehlt der Glaube”, lachte Nick und beobachtete ein Eichhörnchen, dass hoch über ihm von Ast zu Ast sprang.
"Genau das habe ich gemeint.”
Alexanders Stimme klang ruhig und gesetzt. So wie sich der ganze Mann kaum bewegte, kaum sprach, kaum reagierte, wenn es nicht wirklich notwendig war. So, als wäre er losgelöst von all den Notwendigkeiten der Welt.
"Was ist es, dass Du meinst?"
"Dass Dir der Glaube fehlt. Nur durch den Glauben an etwas - wie zum Beispiel an diese Schönheit hier - aber auch schon durch diesen Glauben allein, kannst Du schaffen woran Du glaubst. Man könnte durchaus sagen, die Energie der Menschen, das zu sehen, woran sie glauben, ist grenzenlos.”
Nick wollte etwas erwidern, aber er verstummte verblüfft noch bevor die erste Silbe über seine Lippen gekommen war. Ihm war ein eigenartiger, absurder Gedanken durch den Kopf geschossen, der plötzlich gar nicht mehr so absurd schien.
"Könnte man dann eigentlich auch sagen”, verlangte er vorsichtig zu wissen, "dass man allein durch den Glauben, etwas nicht mehr zu können, es auf einmal wirklich nicht mehr kann?"
Hätte Nick den stehenden Mann angesehen, dann wäre ihm die plötzliche Veränderung in dessen Gesicht aufgefallen. Eine Veränderung, ohne dass sich auch nur ein Muskel bewegt hätte und trotzdem lag plötzlich etwas Lauerndes in seinen Augen.
"Natürlich”, antwortete er. "Vielleicht hast Du auch gerade in einfachen Worten den Grund für das Scheitern der Mensch gelassen ausgesprochen. Warum auch nicht. Wenn Du eine Fähigkeit besitzt und irgend jemand, jemand den Du sehr respektierst, Dir plötzlich mitteilt, dass Du dieser Fähigkeit verlustig gegangen bist, dann kann es durchaus sein, dass Du es wirklich nicht mehr kannst - weil Du davon überzeugt bist, es nicht mehr zu können.”
Langsam drehte sich Nick halb herum und sah zu dem hageren Mann auf. Sah den lauernden Blick und erwiderte ihn ebenso forschend.
"Meinst Du mit dieser 'Autorität' die Du ansprichst, jemand besonderen?"
Wieder war da dieser Dialog, dieser stumme Austausch zwischen ihnen, bei dem keiner von Beiden wusste, was es war, was da kommunizierte und was gesprochen wurde.
Bedächtig nickte Alexander und atmete tief durch. Der lauernde Blick verschwand aus seinen Augen. Räumte den Platz für einen anderen, einen nachdenklicheren.
"Nein, ich meine niemand bestimmten”, meinte er endlich. "Aber ich bin mir jetzt ziemlich sicher, dass es so jemanden gibt oder gegeben hat.”
"Was meinst Du damit jetzt wieder?", verlangte Nick in schlecht gespielter Überraschung zu wissen.
"Auf diesem Planeten gibt es ein paar Milliarden Menschen – Herdenvieh, seien wir ehrlich. Dumm, gefräßig und gefährlich. Unter ihnen leben vielleicht ein paar tausend Menschen von denen man sagen könnte, sie haben so etwas wie Zivilisation, Menschlichkeit im wahrsten Sinne dieses Wortes. Das hat nichts mit Rasse zu tun oder mit Hautfarbe und schon gar nichts mit Religion. Das ist einfach ein gewisser Evolutionsstand in der Entwicklung dieser einzelnen Wesen. Ein Buschmann kann damit geboren werden, ein Deutscher, ein Inder oder ein Japaner. Völlig unwichtig. Und zwischen all diesen Milliarden gibt es noch eine Handvoll vom alten Volk, dem Volk, in dem ich aufgewachsen bin. Manche halten an den alten Traditionen fest und sind deutlich zu sehen. Andere leben im Schatten. Du aber erkennst uns, Du kannst Dich an das Tal erinnern und Du weißt, wie die Menschen uns fürchteten und hassten, weil sie Dich ebenso fürchten und hassen. Gut, ich habe gelernt damit zu leben. Aber kannst Du das auch? Du passt nicht in ihr Schema hinein. Du passt nirgends hinein. Wer bist Du?"
Nick betrachtete angelegentlich seine Hände und säuberte seine Fingernägel mit einem dürren Strohhalm.
"Vielleicht”, meinte er und grinste schief, "vielleicht bin ich ja nichts weiter als ein Mutant, ein bisschen anders eben, oder einfach nur verrückt. Eine abnorme Kreatur der Evolution, dazu verdammt auszusterben wie unzählige andere Versuche der Natur auf dem Weg zur Perfektion.”
Es schien so, als würde sich der große, dunkeläugige Mann am Stamm mit dieser Antwort zufrieden geben. Zumindest schweifte sein Blick weg und blicklos weit ins Tal hinaus. Dann aber meinte er plötzlich heftig: "Okay. Eine Mutation des Gehirnes, hervorgerufen durch Medikamente während der Schwangerschaft, durch Strahlung, vielleicht durch Hormonanreicherung in der Nahrung - warum nicht. Nicht ganz unmöglich, bei weitem nicht unmöglich. Das würde vieles erklären.”
"Na also.”
"Nur eines nicht.”
Erstaunt hob Nick den Kopf und sah ihn an. In einem einzigen Atemzug schrumpfte die Welt, das gesamte Universum auf diesen kleinen Flecken zusammen. Wurde strahlend hell, unendlich dunkel. Nichts war mehr oben oder unten. Nichts war mehr rund um sie. Nur mehr sie beide waren. Und doch war alles da. Jeder Grashalm, jeder Stern, jeder Mensch, jede Ameise, alles was in ihnen, Teil von ihnen , verbunden mit allen. Verbunden mit ihnen beiden. Nur sie beide existierten. Existierten, doch auch sie nicht getrennt. Vielmehr waren sie beide Teil einer sehr viel größeren Macht, einer Einheit. Teil von etwas, dass allumfassend war.
"Deine Erfahrung”, meinte Alexander Heymann mit trockener, rauer Stimme. "Menschen, wenn sie überhaupt irgendwas tun, glauben. Ich weiß - Du aber glaubst nicht und weißt nicht, Du bist. Und du bist nicht Teil des Ganzen. Du bist das Ganze. Mal ganz abgesehen davon, dass Du immer wieder von Dir auf der einen Seite sprichst und der Menschheit auf der anderen. So, als hätten beide nicht das geringste miteinander zu tun.”
Nick warf den Strohhalm in weitem Bogen weg und setzte sich so, dass er in das Tal hinunter sehen konnte.
"Weißt Du denn noch immer nicht, dass ich ein großer, großer, ein leidenschaftlicher Lügner bin?"
"Lügen folgen immer einen Zweck”, kam prompt die sachliche Erwiderung.
Nick antwortete auf diese Feststellung nicht sofort. Er ließ sich Zeit damit. Soviel Zeit, dass man meinen könnte, er hätte diese Feststellung gar nicht gehört. Er sah den Schmetterlingen nach, betrachtete den grauen, dampfenden Koloss unten im Tal und nahm sich Zeit für die Antwort. Endlich meinte er ganz leise und bedächtig: "Manchmal ist die Wahrheit so unvorstellbar und abwegig, dass man sie nicht aussprechen sollte. Wenn man sie überhaupt ihn ihrem ganzen Ausmaß begreifen kann. Aber die Wahrheit zu verschweigen ist schwer, zu schwer. Deshalb gibt es Menschen, die viel, sehr viel lügen, damit man dann, wenn sie beginnen die Wahrheit zu sagen, nicht all zu sehr darüber erschrickt, weil man sich dann ja noch immer nicht ganz sicher ist, ob es sich nicht doch um eine weitere Lüge handelt.”
"Es gibt viele Wahrheiten.”
"Ja, es gibt viele Wahrheiten. Für jedes denkende Wesen eine. Aber es gibt auch eine einzige, eine ganze Wahrheit. Hinter die aber ein einzelnes Wesen allein niemals kommen kann. Nur die Gesamtheit aller Wesen, von allem was ist, wäre fähig diese Wahrheit zu erkennen.”
"Wahrheit”, meinte Alexander nachdenklich, "ist die Schlussfolgerung aus Erkenntnissen, die in erster Linie auf den Informationen beruht, die man gerade eben zur Verfügung hat.” 
Er dachte sich etwas bei dieser Feststellung. Und er betrachtete Nick aufmerksam. Aber Nick, dieser Nick, der da so entspannt und friedlich im Gras saß, bemerkte sehr wohl, dass sie mit ihrem Gespräch schon viel zu weit abgeglitten waren in diesen sumpfigen Nebel aus versteckten Andeutungen und angsterfüllter Zurückhaltung. Er verstand es ja bei sich selbst. War es doch nicht mehr als richtungsloses Herumirren, als das Tasten eines Verirrten, eines Verwirrten, was er all die Jahre getan hatte. Ahnungslos, ungläubig und ohne Ziel. Aber der andere, dieser große, hagere Mann, der da still an dem Baum lehnte und die rissige Rinde gedankenlos und doch fast zärtlich streichelte, dieser Mann hatte seinen Weg gefunden, das fühlte Nick. Er hatte die Kraft, er musste die ganze, die vollkommene, die einfache Wahrheit gesehen haben und doch gab es da anscheinend etwas, dass ihn hinderte, offen darüber zu sprechen. Und ein anderer Gedanke streifte Nick.
„Wer mit vielen Leuten spricht, der hört auch viele Lügen“, begann er vorsichtig. „Du kennst doch viele Leute, Alexander. Solche und – solche.“
Alexander Hexmann löste sich von dem Baumstamm und trat einen Schritt zurück. Sah den jungen Mann dort im Gras lange an und wirkte mit einem Mal noch hagerer, die Wangen noch eingefallener. Natürlich hatte sie kommen müssen, unweigerlich, irgendwann, die Frage nach den anderen.
Die junge Frau, die mit einem Satz aus dem Weingarten neben ihnen sprang und begann, den leichten Abhang hinauf zu flüchten, schien sehr viel Zeit zu haben. Ständig damit beschäftigt den Rock ihres leichten Sommerkleides nicht all zu hoch fliegen zu lassen und auch den jungen Mann nicht aus den Augen zu verlieren, der sie lachend verfolgte. Endlich bekam er sie um die Hüfte zu fassen und ließ sich fallen. Laut johlend und lachend rollten sie ein paar Meter die Wiese wieder hinunter doch dann hielt er sie fest. Oder sie zog ihn heran. So genau konnte Nick das nicht feststellen. Was er aber ziemlich deutlich sah, war, dass sie nur ein ganz klein wenig Widerstand leistete, als er sie küsste und seine Hand begann unter ihren Rock die langen Beine nach oben zu wandern.
"Max!", rief Nick laut und sah lachend wie der junge Mann herum fuhr.
"Nick?"
"Lasst euch nicht stören. Es macht euch doch nichts aus, wenn wir ein wenig zusehen?"
Aber sie hatte sich schon unter ihm hervor gezwängt und versuchte halbherzig, das Kleid und die Haare wieder in Ordnung zu bringen. Dann rannte sie mit einem Mal schnurstracks auf Nick zu, als wollte sie ihn in den Boden rammen.
"Ich kratz Dir die Augen aus!", rief sie lachend dabei. Aber sie lief geradewegs gegen Nick ausgestreckte Arme, und konnte ihn so beim besten Willen nicht erreichen. Ganz einfach und ohne Anstrengung hielt Nick sich das nicht mal fünfzig Kilogramm schwere Persönchen mit dem rötlichblonden Lockenkopf vom Hals. Endlich gab sie auf und fiel lachend in die Arme des jungen Mannes, der nun ebenfalls heran gekommen war um ihn lange und intensiv zu küssen.
"Wo sind eigentlich die anderen?", wollte er wissen nachdem er ihre Zunge wieder aus seinem Mund verdrängt hatte und dabei versuchte die übermütige Nicole davon abzuhalten ihn in den Hals zu beißen.
"Die sitzen schon alle hinten im Garten. Wir haben nur noch auf euch gewartet.”
"Geh nur mit Nick schon voraus”, lachte Nicole und lehnte sich unter dem stillen Mann an den Baum. Die obersten Knöpfe ihres Kleides waren offen und sie bereicherte so dessen Aussicht um eine weitere Hügellandschaft.
"Ich unterhalte mich noch ein wenig mit Nicks Freund. Ich glaube, da könnte vielleicht sogar ich noch so einiges lernen.”
"Das könnte Dir so passen!", rief Max und zog sie zu sich.
"Hey, es gibt ja jetzt überall anders auch Weiterbildung.”
"Du bist mir schon gebildet genug!", lachte Max, landete klatschend seine Hand auf ihrem Hinterteil und schob sie so weiter in Richtung auf das Lokal zu.
Nick und Alexander sahen den beiden nach, die sich lachend und verspielt stießen und zankten.
Dafür trat jetzt in Nicks Gesicht ein schelmisches Grinsen.
"Hat Dich ihre Bemerkung schockiert?”
Sein Freund sah ihn vollkommen ernst und nachdenklich an.
"Nein, das eigentlich nicht”, antwortete er. "Genau genommen ...”
"Genau genommen?"
"Genau genommen hätte ich wahrscheinlich ihr Angebot angenommen. Natürlich nur um herauszufinden, ob sie recht hat mit ihrer Vermutung. Was ich allerdings bezweifle.”
Lachend klopfte er Nick auf die Schulter und sie gingen zusammen zu den anderen in den Garten des Heurigenlokals hinauf.

"Nick hat uns erzählt, dass Du so etwas wie ein Zauberer bist. Stimmt das?", fragte Nicole schelmisch und drängte sich dicht an Alexander. Der sah zuerst hinunter in ihre blitzenden Augen, dann in die Abgründe die sich in ihrem luftigen Kleidchen darunter auftaten und weiter zu Nick, der ihm gegenüber an dem wackeligen Holztisch saß und wieder einmal verwundert darüber war, welche Wirkung der eigentlich unscheinbare Mann auf Frauen ausübte.
"Man soll nicht alles glauben, was Nick so von sich gibt, wenn der Tag lang ist.”
"Altes Waldviertler Sprichwort”, bestätigte Nick selbst.
"Altes Waldviertler Sprichwort”, wiederholte Alexander mehr für sich.
"Aber Du wirst doch deinen Freund nicht als Lügner dastehen lassen. Außerdem kennen wir alle Nick viel zu gut und viel zu lange”, drängte sie weiter und Monika, die große Frau mit dem platinblonden Pagenkopf weiter unten am Tisch mischte sich jetzt auch ein.
"Ein bisschen was Wahres wird an der Geschichte schon dran sein. Na komm schon, sonst zaubert Nicole Dir noch was vor. – Du weißt schon, den alten Trick von wegen ich mache was Kleines ganz groß, verstecke es und es ist wieder ganz klein. Ich glaube, sie ist ganz gut darin”, fügte sie hinzu und der ganze Tisch lachte lauthals. Der ganze Tisch mit Ausnahme von Alexander. Und auch Nicks Lachen war mehr ein automatischer Reflex und eigentlich nur ein breites, ziemlich humorloses Grinsen.
Obwohl er diesen Mann nun schon lange kannte, hatte er ihn alles in allem doch nur ein paar Tage gesehen. Alexander Heymann war eines Tages auf ihn zugekommen. Und Nick hatte sich bisher nicht des Eindruckes erwehren können, dieser Heymann beobachte ihn, so wie ein Chemiker die Reaktion einer Substanz beobachtet, die er eben erst entdeckt hat und noch nicht so recht weiß, was er damit anfangen soll. Und obwohl alles, was in dieser Zeit geschehen war, in der Person dieses Mannes mit dem ewig gleichen amüsierten Lächeln und doch auch immer irgendwie überraschten Blick zusammen lief, wurde sich Nick plötzlich klar darüber, wie wenig er von ihm eigentlich wusste. Nick hätte es nicht gewagt zu wetten, ob Alexander der auch noch so charmant vorgebrachten Aufforderung nach einem Zauberkunststück nachkommen würde oder es strikt ablehnen. Er wurde sich mit einem Mal darüber klar, dass er niemals verstanden hatte, warum dieser Mann etwas tat und etwas anderes zu tun ablehnte. Nick hatte niemals verstanden, aber er hatte es immer gewusst. Und er vertraute ihm. Eine Art von Vertrauen, die schon an Hochachtung oder gar Ehrfurcht grenzte, weil da etwas in ihm sagte, dass dieser Mann etwas Besonderes war. Und auch, weil er irgendwo fühlte, dass ihm der andere das gleiche Gefühl entgegen brachte.
Dabei wusste er nur zu gut, dass Alexander Heymann keine Zaubertricks auf Lager hatte. Zumindest keinen, wie ihn seine Freunde hier sehen wollten. Nick hatte es auch nicht Zauberei genannt. Er hatte einfach nur von bemerkenswerten Dingen erzählt. Von Dingen, die bei besonderen Gelegenheiten geschehen waren. Immer dann, wenn es notwendig war. Wie Zauberei. Ganz sicher aber nicht an einem Wirtshaustisch zur allgemeinen Belustigung.
Um so erstaunter war Nick, als der nachdenkliche Mann sich plötzlich breitschlagen ließ und um das Kopftuch bat, dass eines der Mädchen locker um den Nacken geknotet hatte. Das faltete er sorgfältig auseinander und drückte es Nicole neben sich in die Hand. Sie sollte ihm assistieren.
"Es ist durchaus möglich, dass ihr ein wenig erschrecken werdet. Aber ihr wolltet es ja nicht anders”, meinte er und lächelte höflich in die erwartungsvollen Gesichter. "Wenn ihr allerdings ganz ruhig auf euren Plätzen sitzen bleibt, euch nach Möglichkeit überhaupt nicht bewegt, dann kann eigentlich gar nichts geschehen.”
Nach diesen Worten zuckte er wie zur Entschuldigung, aber auch gleichgültig mit den Schultern und legte seine linke Hand etwas nach links verdreht auf den Tisch. Die Handfläche preßte er gegen die Tischplatte, die Fingerkuppen zog er aber langsam näher so dass sich seine Knöchel allmählich überdrehten und die Mittelgelenke der Finger steil und spitz nach oben ragten. Die Handfläche der rechten Hand legte er genau auf den Handrücken der linken, diesmal allerdings mehr nach rechts verdreht und zog ebenfalls wieder die Fingerkuppen an. Wie gebannt starrten alle an diesem Tisch auf das seltsam geformte Gebilde das da aus seinen Händen entstanden war. Aber Alexander las in den Gesichtern der Menschen nur Erstaunen und Verständnislosigkeit - und er lächelte wieder. Aber es war ein Lächeln, dass er in sich hinein lächelte. So wie seine Augen allmählich ihren Glanz verloren, als er sich tief in sich zurückzog. Dann bat er Nicole das Tuch vorsichtig über seine Hände zu breiten.
Nick konnte beim besten Willen nicht sagen, was Alexander beabsichtigte. Er ertappte sich aber dabei, dass er, genauso gebannt wie alle anderen, auf diese Hände unter dem Tuch starrte.
Und plötzlich, ganz vorsichtig und zögernd begannen sich die Spitzen unter dem Tuch zu bewegen. Tasteten in der Dunkelheit herum, als müssten sie erst einmal den Boden prüfen auf dem sie laufen sollten. Dann begann sich dieses ganze Gebilde, bestehend aus Alexanders Händen, langsam vorwärts zu bewegen. Um immer wieder anzuhalten und vorsichtig und unentschlossen den Boden zu sondieren.
"Igitt!" rief eines der Mädchen unterdrückt aus und starrte mit geweiteten Augen auf das, was sich da unter dem Tuch bewegte. "Das sieht ja aus wie eine große Spinne!"
Alexander lächelte sie so freundlich an, dass sie sogar einen Teil ihrer Angst wieder vergaß. Aber nur Nick sah, dass seine Augen stumpf und sein Blick in unendlichen Weiten war.
"Spinne”, meinte er dann, "das ist wohl nicht ganz das passende Wort dafür.”
Dabei zog er ganz langsam und übertrieben vorsichtig die rechte Hand unter dem Tuch hervor und gleich darauf auch die linke. Die eigenartig spitzen Verformungen in dem Tuch waren aber noch immer deutlich zu erkennen. So, als lägen seine Hände noch immer darunter. Aber die hatte er ja heraus gezogen und hielt mit ihnen jetzt zwei Ecken des Tuches.
"Etwas präziser ausgedrückt”, sagte er und riss mit einem Ruck das Tuch vom Tisch, "Lycosa tarantula, Wolfspinne oder noch besser bekannt unter dem landläufigen Namen Tarantel.”
Das, was Heymann da mit so vielen Namen bedachte, tapste unsicher und von der plötzlichen Helligkeit geblendet herum. Sie maß wohl fast fünfzehn Zentimeter und war über und über mit einem dichten zarten Pelz besetzt. Und sie steuerte immer zielbewusster auf Nick los.
"Sie ist momentan durch das Licht etwas irritiert”, meinte Alexander, als spräche er von einem kleinen Kind. "Und weil sie verunsichert ist, steigert sich ihre Angriffsfreudigkeit natürlich etwas. Ich würde euch daher ersuchen, wie gesagt, ganz ruhig sitzen zu bleiben und keine hektischen Bewegungen zu machen. Macht nach Möglichkeit überhaupt keine. Sie könnte nämlich sonst erschrecken und angreifen. Übrigens, ihre Sprungweite beträgt bis zu zwei Meter. Also macht weglaufen da auch nicht besonders viel Sinn.”
Mit einem keineswegs sehr freundlichen Lächeln musterte er erst einmal die bleiche Runde aus vor Schreck erstarrten Gesichtern deren Augen immer noch an dem Achtbeiner im flauschigen Pelz fest gebannt hingen, der sich langsam aber jetzt mit unverkennbarer Zielstrebigkeit auf Nick zu bewegte.
"Das dürfte genügen.”
Mit einem eleganten Schwung breitete Alexander das Tuch wieder über das Tier. Ohne weiter auf die erschrockenen Ausrufe zu achten schob er jetzt eine Hand vorsichtig unter das Tuch bis er die Stelle mit den Ausbuchtungen erreichte. Sofort folgte die zweite Hand nach und schob sich ebenfalls darunter.
"Würdest Du bitte das Tuch jetzt wegziehen?", bat er Nick und der hob mit spitzen Fingern die beiden Ecken an, die ihm am nächsten lagen und zog das Tuch so behutsam wie nur möglich über die Arme des anderen herunter. Und endlich kamen die Hände zum Vorschein. Heymann hob sie ab von der Tischplatte, schüttelte sie aus und legte sie vor sich flach auf den Tisch. Von einer Spinne war nicht mehr die geringste Spur zu entdecken.
"Ich glaube, es wird Zeit, dass ich mich verabschiede. Kommst Du mit Nick?"
Alexander stand auf, trank aus, winkte und ging weg ohne noch ein weiteres Wort zum Abschied zu verlieren. Und niemand in der Runde war fähig etwas dazu zu sagen. An dem Gartentor auf dem Weg hinunter zu den Weinbergen und zur Stadt holte Nick ihn ein. Schweigend ging er durch das Tor, dass der große Mann für ihn auf hielt. Und genauso schweigend gingen sie eine ganze Weile bergab bis Nick endlich fragte: "Warum gerade das? Warum hast Du es überhaupt getan?"
Alexander Heymann lacht auf und pflückte ein vergessenes Bündel Weintrauben von einer Rebe. Dabei bemerkte Nick zum ersten Mal, dass der unscheinbare Mann auch fahrig und unkonzentriert wirkten konnte.
"Den Großteil ihrer Zeit, mein lieber Nick”, sagte er mit vollem Mund, "sind die Menschen eigenartige, unbegreifliche Wesen. Erschreckende Wesen, die zumeist nur das sehen, was sie sehen wollen. Deshalb muss man ab und zu etwas tun, dass sie erschreckt und aufrüttelt. Und sie doch gleichzeitig hindert irgendwelche kindischen Fragen zu stellen. Ich habe außerdem nicht wirklich etwas getan, wenn man davon absieht, dass ich deinen Freunden die Möglichkeit geboten habe, das zu sehen, was sie sehen wollten. Möchtest Du sonst noch etwas wissen?"
"Gibt es denn noch eine Frage, die ich Dir stellen sollte?"
"Ich habe mir eigentlich gedacht, Du könntest Dir vorstellen, wie ich es gemacht haben.”
"Inzwischen ansatzweise”, grinste Nick. "Mich beschäftigt etwas anderes.”
"Und das wäre?"
"Gedenkst Du die Weintrauben allein zu essen?"







"Am nächsten Parkplatz kannst Du ran fahren, okay?"
Tonio richtete sich etwas auf und hielt Nick seine Armbanduhr unter die Nase.
"Danke, ich hab’s auch schon bemerkt”, sagte der und verringerte das Tempo etwas.
"Ist das noch immer das selbe Sauwetter oder ist das schon wieder ein anderes?", wollte Tonio missmutig wissen und setzte sich endgültig gerade. Nick blieb ihm die Antwort darauf schuldig und es schien ihn auch nicht sonderlich zu stören. Statt dessen sah er angestrengt in die glitzernde Nacht hinaus um die blauen Ankündigungsschilder mit dem weißen P zu entdecken.
"Ewig das selbe Scheißwetter!"
Nick drückte den Blinker hinein und nahm gleichzeitig den Fuß vom Gaspedal.
"Was ist los?"
"Erstens heißt es ewig das gleiche Wetter und nicht ewig das selbe Wetter und zweitens kommt dort vorne ein Parkplatz.”
"Natürlich kommt dort vorne ein Parkplatz. Irgendwo. Aber noch nicht jetzt”, brummelte der dunkelhaarige Mann verstimmt. "Ich habe kein Schild gesehen.”
"Und nur weil Du kein Schild gesehen hast darf dort vorne auch kein Parkplatz sein. Auch eine Möglichkeit mit der Realität umzugehen”, grinste Nick und warf einen schnellen Seitenblick über die Schulter. Dort saß Tonio und starrte mürrisch und verunsichert nach draußen.
"Und ich sage Dir, dort vorne kommt niemals ...”
Tonio brach ab als Nick in die Einfahrt abbog und den schweren Bus langsam auf der Parkfläche ausrollen ließ.
"Na, wie war das eben von wegen kein Parkplatz?"
"Ach, lass mich doch!" maulte Tonio und stemmte sich schwerfällig aus dem Sitz. Aber er wurde sehr schnell munterer, als sich mit einem zischenden Geräusch der Hydraulik die Einstiegstüre aufschob und ein Schwall kühler Luft über sie herein brach.
"He!" jaulte der Italiener und sah fragend zu Nick auf, der sich seine Lederjacke überzog.
"Ich sehe nur mal nach ob noch alle Lichter funktionieren. Bei dem Wetter werde ich lieber mal ein paar Minuten lang nass als eine ganze Weile in einem Krankenhaus zu verbringen.”
Tonio brummte etwas Unverständliches in seinen Bart das für Nick irgendwie nach 'Lungenentzündung' klang, aber er nickte auch gleichzeitig und versuchte steifbeinig sich zum Fahrersitz nach vor zu drängen.
Nick hatte erwartet, dass der Wind ihm den Regen ins Gesicht peitschen würde, aber da war kein Wind. Die Tropfen fielen senkrecht zu Boden. Doch sie waren so dicht, als kämen sie aus einer Rasensprengmaschine. Obwohl er so schnell er konnte den Wagen entlang hastete fühlte er doch nach wenigen Schritten bereits wie der Stoff seiner Hose begann sich an seine Beine zu kleben. Eigentlich war es vollkommen sinnlos jetzt nach draußen zu laufen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eines der Lichter ausgefallen sein konnte war so verschwindend gering, dass man es eigentlich gar nicht in Betracht ziehen musste. Und trotzdem wollte er nachsehen. Jetzt und hier! Nick grinste stumm vor sich hin und das Wasser rann über sein Gesicht als er daran dachte, dass es ihm viel mehr darum gegangen war, wieder mal etwas frische Luft zu schnappen und sich einmal etwas mehr zu bewegen. Denn auf den letzten Kilometern hatte auch er schon die dumpfe Drohung der Müdigkeit tief in sich bemerkt.
Mit einem so gewaltigen Satz sprang er die drei Stufen in den Bus hinein, dass das Wasser von seiner Jacke bis hin zu Tonio spritzte. Der fluchte kurz aber laut und drückte auf den leuchtenden Knopf neben sich. Sofort schloss sich die Tür und das Prasseln des Regens dröhnte nur mehr dumpf durch das Blech des Daches und das Glas der Scheiben. Während Tonio anfuhr ging Nick weiter nach hinten, klappte eine der Armlehnen herunter und legte seine Jacke so darüber, dass sie in aller Ruhe abtropfen konnte ohne dass sich die Polster des Sitzes vollsogen. Und noch bevor er sich richtig umgedreht hatte, war da schon eine beachtenswerte Lache am Boden.
Vorsichtig, um die Schwankungen auszugleichen die entstanden als Tonio rasant in die Autobahn einbog, tastete sich Nick wieder nach vorne und klappte dort den Beifahrersitz zurück. Mit der zusammengeknüllten Zigarettenpackung in der Hand ließ er sich in den Sitz fallen und sah nachdenklich von der Packung zu Tonio und dann wieder zu dem, was von der Packung übrig geblieben war.
"Was ist das – bitte?", fragte er übertrieben entsetzt.
"Na, was wird das schon sein”, meinte Tonio und zuckte mit den Schultern. "Eine leere Zigarettenpackung wird das sein.”
"Falsch”, verkündete Nick feierlich und hielt das bunte Papier hoch. "Das ist nicht irgendeine Zigarettenpackung. Das ist unsere Zigarettenpackung!"
Tonio warf einen verwunderten Seitenblick zu Nick, wollte etwas sagen, jedoch Nick öffnete den Abfallbehälter, ließ das Knäuel mit spitzen Fingern hinein fallen und erklärte dabei: "Und zwar nicht nur irgendeine unserer Zigarettenpackungen - sondern unsere letzte!"
Das war nun doch eine Mitteilung die auch Tonio zutiefst erschütterte.
"Ich dachte, Du hättest noch eine!”
Nick lehnte sich zurück und streckte seine Beine auf der Ablage vor sich aus.
"Als ich das gesagt habe, da hatte ich auch noch eine. Nämlich diese. Und Du bist Dir hoffentlich auch klar darüber, dass ich aus dieser Packung nur eine einzige Zigarette geraucht habe.”
Tonio zog es vor darauf nicht zu antworten. Zwar wusste er genau, dass Nick ihm deswegen nicht all zu böse war. Aber auf eines ihrer berühmten Streitgespräche wollte er sich lieber doch nicht einlassen. Auch, weil es seine ganze Aufmerksamkeit erforderte den Wagen ruhig zu halten und seine eigene Müdigkeit zu unterdrücken.
Ohne sich viel aus seiner bequemen Lage zu bewegen öffnete Nick die Kühlbox. Aber um hinein sehen zu können hätte er sich aufsetzen müssen. Also langte er nur mit einer Hand hinein und fuhr ziellos darin herum. Offensichtlich ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen. Endlich setzte er sich doch auf und sah verwundert in die kühle, gähnende Leere. Nur eine leere Erdnußschachtel zog er heraus, aber selbst diese warf er schnell wieder zurück.
"Das sind ja schöne Aussichten”, meinte er muffig. "Keine Zigaretten, keine Cola und nichts mehr zum Knabbern. Und was machst Du, wenn ich jetzt ganz still und heimlich verhungere?"
"Keine Ahnung”, grinste Tonio. "Ich weiß nur eines, STILL verhungerst Du mir sicherlich nicht. Das wird ziemlich lautstark und gar nicht heimlich. Nur könntest Du damit bitte warten bis wir über der Grenze sind. Wir haben nämlich für alles mögliche Einfuhrpapiere, nur für eine Leiche glaube ich ist nichts dabei.”
"Wäre wohl auch ein bisschen schwer zu erklären.”
"Das käme noch hinzu”, bemerkte Tonio ernsthaft. "Aber bedenke nur den ganzen Papierkram mit dem sie mich dann zuschütten. Impfschein, Totenschein, Krankengeschichte, Zollbefreiung, Überführungsbestätigung - und bei Dir würden sie wahrscheinlich sogar eine notariell beglaubigte Erklärung verlangen, dass Du auch wirklich tot bist.”
"Dafür bekämst Du dann endlich einen Orden”, grinste Nick breit. Und Tonio streckte sich in Positur und hob das Kinn so hoch es ging.
"Glaubst Du, komme ich in's Fernsehen? Werde ich Ritter der Ehrenlegion? Küsst mich der Präsident?", alberte er.
"Das weiß ich doch nicht. Aber ich bin sicherlich dabei. Das lasse ich mir doch nicht entgehen!"
"Und wie kommst Du? Als schemenhafter Geist? Als Ringeltaube? Als Lichtstrahl in meinem düsteren Leben?"
Nick lachte und stemmte die Sohlen seiner Stiefel wieder gegen die Frontscheibe. Für einen Augenblick sah er hinaus in den Tunnel den die Scheinwerfer aus dem Regen schnitten. Auf die vorbei huschenden Schemen der Bäume. Und das breite Grinsen in seinem Gesicht wurde immer durchsichtiger, immer zärtlicher bis nur noch ein nachdenkliches Lächeln übrig geblieben war.
"Ich würde Dich bitten, dass Du die Zuständigen ersuchst, sie mögen während den Feierlichkeiten keine eventuell auftauchende Katze verscheuchen.”
"Du als Katze. Das ...”
"Kater wäre wohl passender.”
"Also, Du als Kater, dass ist eine Vorstellung, die nicht so ganz aus der Luft gegriffen ist. Oder bist Du da anderer Meinung?"
"Miau”, meinte Nick, rollte sich auf dem Sitz zusammen und schnurrte friedlich. Was Tonio ein lautes Lachen entlockte. Da aber Nick keinerlei Anstalten zeigte mit zu lachen verstummte er schnell wieder und überließ der Straße seine ganze Aufmerksamkeit.
Nick lang mit geschlossenen Augen da und fühlte das leichte Rütteln des Wagens unter sich. Er stellte sich vor, wie schön es sein müsste jetzt eine große Katze zu sein, hier liegen bleiben zu dürfen und Zuhause erwartete ihn schon seine Lieblingsdecke und eine große Schüssel voll frischer Milch. Brrr, fiel ihm ein, Milch konnte er nicht ausstehen. Und es gab da auch noch andere Katzen. Solche, die bei diesem Wetter draußen waren, sich nass und erfroren irgendwo unter einen Ast oder einen Müllcontainer drückten. Und dann gab es noch die dritte Art von Katzen.
Nick schlug die Augen wieder auf und sah vor sich den schmutzigen Teppich auf den Stufen zum Einstieg. Vorsichtig setzte er sich auf und legte bedächtig die Füße wieder auf die Ablage. Gerade so, als wäre er sorgsam bedacht, den Gedanken der sich vorsichtig in sein Bewusstsein geschlichen hatten, sozusagen auf Samtpfoten, nur ja nicht zu verschrecken.
Tonio bemerkte von all dem nichts. Und so konnte Nick hinaus sehen auf das glitzernde Band der Straße, auf das gleichmäßige Wisch-Wasch der Scheibenwischer und sich in aller Ruhe überlegen, wie es sich damals wirklich zugetragen hatte.







Unerreichbar wie unübersehbar standen die Sterne am Himmel. So klar war die Nacht, dass es nicht nur einige wenige waren. Ganz im Gegenteil schien es, als drängten sie sich zu Wolken zusammen. Und hätte es Nick nicht besser gewusst, so hätte dieses Bild majestätisch und überwältigend auf ihn gewirkt. Aber das da draußen war nichts außer Kälte und Gleichgültigkeit.
Er war eigentlich nur aufgestanden weil ihm nichts Klügeres einfiel, als sich durchzustrecken, aber sein Blick war durch das Fenster nach draußen gefallen, auf diesen überraschend klaren Himmel. Und es war immer noch etwas Großartiges, etwas unvergleichlich Schönes, in der Zeit zurück zu blicken auf das helle Licht anderer Sonnen.
So vieles hatte er in den Jahren gehört über Magnetfeldspiralen, solares Plasma und Schockzonen. Über kosmische Höhenstrahlung, Gravitationsschock und Sternpopulation. So vieles, was dazu angetan schien ihm das Sein außerhalb dieser hauchdünnen Schicht, die hier bewohnbar war, verständlicher zu machen. Und das doch nur dazu reichte seine Bewunderung noch weiter zu steigern.
Immer wenn er dort hinauf sah, dann wurde ihm noch stärker bewusst, wie unausgewogen und unreif doch die Organismen der sogenannten intelligenten Wesen waren, verglichen mit einem Sonnensystem, verglichen mit der Ordnung im Kosmos. Ganz besonders diese Menschen.
Nick atmete tief durch und stieß sich von dem Fenster ab. Der Raum hinter ihm lag in dunklem Zwielicht. Die Möbel schälten sich nur umrisshaft aus dieser Dunkelheit heraus und die verbeulte Schreibtischlampe verbreitete gerade genug Helligkeit um die kleine Schreibmaschine mit dem eingespannten Blatt Papier zu beleuchten.
Er ging langsam durch den Raum zur gegenüber liegenden Wand, kam wieder zurück zum Fenster und blieb stehen. Dabei fiel sein Blick auf das weiße, noch immer unbeschmutzte Blatt Papier in der Maschine. Auffordernd starrte es ihn an und er wusste ganz genau, dass der ganze Krampf erst wirklich begann, wenn er davor saß und zurück starrte. Bis zu den ersten Worten. Dann war der Bann gebrochen. Dann konnte er mit dem beginnen, was er für ach so wichtig hielt. Aber war es denn wirklich so wichtig? Normalerweise kostete Nick das einfache Hinsetzen schon mehr Überwindung als alles andere. Jetzt aber war er noch viel zu tief in dieser Vergangenheit der Sterne gefangen, dachte er noch in viel zu großen Zeiträumen. Jetzt war er sich dieser Wichtigkeit keineswegs mehr so sicher. Ganz im Gegenteil hatte sich leise die Überzeugung in ihm festgesetzt, dass das Leben sowieso seinen Weg gehen würde. Ganz gleich, was der Mensch wünschte oder dachte oder tat. Ganz gleich, was er dachte oder tat. Und das war nun wirklich keine geeignete Motivation um sich selbst zu überwinden.
Seufzend löste Nick seinen Blick von dem weißen Blatt, ging in die Küche und machte dort Licht. Er bückte sich, öffnete den Kühlschrank und begann unruhig die Lebensmittel darin hin und her zu schieben, schloss ihn aber dann wieder, ohne etwas entnommen zu haben. Dafür holte er sich jetzt ein Glas aus dem Spülbecken, entkorkte eine angefangene Flasche Rotwein und goss das Glas voll. Die Flasche blieb achtlos auf dem Tisch stehen, nur mit der flachen Hand schlug er nur den Stoppel wieder fest. Das Licht erlosch wieder hinter ihm und er wanderte zum Fenster zurück. Vorsichtig nippte er von dem Glas, stellte es nachdenklich am Fensterbrett ab und verließ zielsicher den Raum.
Leise schlug die Tür hinter ihm ins Schloss, als er bedächtig den einen kleinen Schritt hinunter tat auf den Gehweg um dort stehen zu bleiben. Wieder sah er hinauf in diesen überdimensionale Juwelierladen. Dabei zog er fröstelnd die Schultern hoch und lehnte sich gegen die den rauen Putz der Hauswand. So blieb er eine ganze Weile stehen und sah nach oben. Bis ihm dann wirklich kalt wurde und er wusste, dass er nun hinein gehen wollte in seine warme Wohnung. Aber es schien so, als hätte sein Bewusstsein jede Befehlsgewalt über seinen Körper verloren. Denn eigentlich wollte er längst wieder gehen, aber seine Muskeln nahmen von diesem Willen keine Notiz und er selbst konnte sich nicht dazu aufraffen, diesen Befehl mit Nachdruck zu wiederholen.
Zugleich war da dieses Gefühl, beobachtet zu werden. Als wäre da jemand hinter ihm in der Dunkelheit, der ihr beobachtete und abwartete. Als er etwas Warmes an seinem rechten Bein fühlte kehrten die Lebensgeister tatsächlich in seinen Körper zurück. Und noch bevor er nach unten sah, wusste er schon, was da war. Es gab nicht viele Wesen, die sich so streichelnd und schiebend an etwas schmiegen konnten. Die sich rieben, stupsten und drängten und doch gleichzeitig das Gefühl vermittelten, sie berührten kaum. Eigentlich gab es nur ein einziges Tier, dass alle diese so widersprüchlichen Eigenschaften in sich vereinen konnte. Die Göttin der Widersprüchlichkeit selbst.
Und doch war Nick bei seinem Blick nach unten nahe daran laut aufzulachen. Dieses mitleiderregende Häufchen Elend, das sich da an ihn schmiegte war mit gutem Gewissen kaum eine Katze zu nennen.
"Hallo Du Wollknäuel”, sagte Nick ganz leise und der kleine, dunkle Schatten hob den Kopf und sah zu ihm hinauf als würde er verstehen, dass er gemeint war. Lange starrten ihn die beiden gelben Augen an und für einen Moment schien es Nick, als würde die Katze lächeln.
"Ich möchte wetten, Dir ist kalt und Du hast Hunger.”
Es war ihm, als blitzte etwas in diesen großen Bernsteinaugen auf und das Bündel Dunkelheit, das da zusammen gekauert zwischen seinen Beinen saß, öffnete das Maul ein ganz klein wenig, dass die weißlichen Zähne aufschimmerten.
Vorsichtig stieg Nick über das Kätzchen weg, aber es erschrak nicht wie Nick befürchtet hatte durch die Bewegung des großen Schattens über sich. Nein, es blieb ganz friedlich sitzen und sah ihm nur neugierig mit leicht schief gelegten Kopf nach.
Mit einer Hand hielt Nick die Eingangstüre auf und wandte sich zu dem kleinen schwarzen Schatten um.
"Na, was ist”, meinte er, "Wenn Du rein willst kannst du mit kommen. Aber laufen musst Du selbst.”
Und wirklich schoss das kleine Ding mit eingezogenem Schwanz an ihm vorbei ins Treppenhaus und drückte sich dort ans Geländer unterhalb der ersten Stufe. Erwartungsvoll sahen ihm die beiden blank polierten Augen entgegen, als Nick die Tür leise schloss und ohne die Katze weiter zu beachten die Treppe hinauf stieg. Er glaubte, dass sie ihm, wenn sie ihm schon so weit gefolgt war, auch weiter folgen würde. Vorsichtig und misstrauisch vielleicht, aber sie würde ihm folgen. Zumindest in dieser Hinsicht sollte er recht behalten. Sie folgte ihm, aber von Vorsicht oder gar Misstrauen ließ sich die Kleine nichts anmerken. Neben Nick sprang sie von Stufe zu Stufe. Lief nach vor zu einem Treppenabsatz, drehte dort eine Runde und kam wieder zurück um ihren Kopf an den Stiefeln des Mannes zu reiben.
Nick öffnete die Tür zu seiner Wohnung und die Kleine schien alle Vorsicht in den Wind zu schlagen. Wie ein Pfeil drängte sie sich durch den Spalt als könnte sie nicht einmal abwarten bis die Tür ganz geöffnet wurde. Mit ein paar wenigen Sätzen ging es quer durch die ganze Wohnung und als Nick das Licht in der Küche anknipste saß sie schon da und maunzte den Kühlschrank an. Alle vier Pfoten eng aneinander gepresst und hoch aufgerichtet. Den Schwanz hatte sie um die Pfoten gerollt und versuchte ein möglichst mitleiderregendes Aussehen anzunehmen. Zumindest schien es ihm so. Aber Nick hatte irgendwie auch den Eindruck, als wäre dieses mitleiderregende Aussehen eher das Ergebnis einer großartigen Schauspielerin, als würde in diesen Augen, die jetzt zu schmalen Schlitzen zusammengezogen waren, die schelmische Frage aufblitzen, ob dieser Mensch denn wohl auch intelligent genug war um zu verstehen, was von ihm erwartet wurde. Und Nick lachte und verstand.
Sofort war die Kleine auf den Beinen als Nick den Kühlschrank öffnete und es bedurfte einiger Anstrengung von Seiten des Menschen um zu verhindern, dass sich die kleine Katze in den Kühlschrank hinein verkroch. Und wirklich war es Nick noch niemals zuvor so schwierig erschienen eine Flasche Milch aus dem Kühlschrank zu nehmen. Denn einiges musste dabei beachtet werden. Die Tür durfte nur gerade so weit geöffnet werden wie unumgänglich notwendig war, die glitschige, kalte Flasche musste von oben entnommen werden und das alles auf einem Bein stehend. Denn mit dem anderen Fuß versuchte er die kleine Schwarze davon abzuhalten in den Kühlschrank zu klettern. Und die schien immer dünner und kleiner zu werden. Bis es Nick dann zu dumm wurde und er einfach den Fuß wegzog. Wirklich saß die Kleine mit einem einzigen Satz zwischen einer Packung Fruchtsaft und einem Salatkopf. Nick schloss die Tür, grinste einmal, atmete tief durch und öffnete sie dann wieder. Ein verdutztes Gesicht mit riesengroßen Augen starrte ihn an und dann schob sich das schwarze Knäuel steifbeinig aber zielstrebig wieder heraus. Erst in sicherer Entfernung von diesem kalten, dunklen Monster setzte sie sich in eine Ecke und begann sofort eifrigst ihr Fell zu säubern. Nick holte unterdessen noch ein Stück Wurst aus der Kälte, diesmal völlig ungestört, ja geradezu unbeobachtet.
Die eisig kalte Milch erwärmte er etwas und schnitt gleichzeitig ein Stück Wurst in Würfel. Beides zusammen kam in einen großen, tiefen Teller und der wurde ganz einfach zu Boden gestellt. Besser gesagt, er wurde zu Boden gedrückt. Denn noch bevor Nick den Teller ganz abstellen konnte stand schon die kleine Schwarze mit beiden Vorderpfoten mitten drinnen, dass es nur so spritzte. Nick ließ den Teller endgültig los und ging daneben in die Hocke. Aber er wurde augenblicklich nicht als beachtenswert empfunden. Und so konnte Nick in aller Ruhe sich von dieser kleinen rosa Zunge faszinieren lassen, die mit einem Tempo arbeitete, das jedes moderne Maschinengewehr vor Neid hätte erblassen lassen. Was auch durch den sinkenden Flüssigkeitsspiegel im Teller zu erkennen war. Denn es hatte den offensichtlichen Anschein, als würde die Milch irgendwo auslaufen und die Wurststückchen konnten wirklich nur durch Zauberei so schnell und spurlos verschwinden. Und dann war mit einem Mal der Teller leer und sauber geleckt, die Pfoten und die Barthaare waren geputzt und Nick hockte noch immer stumm fasziniert auf dem Boden und beobachtete mit einem verblüfften Lächeln dieses kleine Etwas von einer Katze das eine Riesenportion in Rekordzeit verschlungen hatte. Aber es schien wirklich, als wäre sie ein Stück gewachsen. Vor allem zwischen den Schultern und den Hinterpfoten. Aber auch der Brustkorb wirkte breiter. Oder lag es ganz einfach nur daran, dass sie nun nicht mehr darauf bedacht war dem Menschen klein und hungrig zu erscheinen. Ungeachtet all dessen erhob sie sich, schüttelte sich durch und stapfte dann feierlich und sichtlich zufrieden aus der Küche hinaus, zurück in das angrenzende Zimmer. Nick erhob sich ebenfalls, stellte den Teller zu dem übrigen Berg an schmutzigen Geschirr ins Spülbecken und folgte seiner Besucherin. Die stand bereits starr vor einem der Polstersessel und hielt Ausschau wo denn Nick nur so lange blieb. Und der konnte sich nur wundern, mit welcher Zielstrebigkeit und Selbstverständlichkeit sich die Kleine in der eigentlich für sie fremden Umgebung bewegte. Und kaum hatte sich Nick hingesetzt, da sprang dieses kleine Etwas auch schon mit einem unerwarteten Satz nach oben und begann es sich auf Nicks Schoß gemütlich einzurichten. Dazu drehte sie sich ein paarmal im Kreis und Nick musste bemerken, dass die kleine Schwarze gar nicht so leicht war, wie sie aussah. Anscheinend wollte sich da bei Nick überhaupt kein Platz finden lassen an dem man zumindest halbwegs bequem liegen konnte und da fiel sie auch schon wie vom Blitz getroffen zur Seite, natürlich in Nicks Magen, und rollte sich zusammen bevor sie genießerisch die Augen schloss.
Vorsichtig legte Nick seine Hand auf den Rücken des kleinen Fellknäuels, die Fingerspitzen auf dem Kopf und begann behutsam zwischen den Ohren zu kraulen. Noch einmal reckte sich die Kleine und schob den dreieckigen Kopf tiefer zwischen die Pfoten. Dann erfüllte ein leises, gleichmäßiges Schnurren den ganzen Raum.
Während Nick die Kleine streichelte und kraulte und dabei diese sanfte Wärme durch seine Kleidung dringen fühlte, bemerkte er, dass all dies zusammen eine eigenartige Wirkung auf ihn ausübte. Die langsamen und einfachen Bewegungen gingen ihm schon so mechanisch von der Hand, dass er sich ihrer nicht einmal mehr ganz bewusst wurde. Die Wärme des kleinen Körpers drang auf ihn ein. Und die Stille in dem Raum tat genauso ihr übriges wie dieses gewaltige und doch kaum merkbare Schnurren, das leise hervor drang und alles rundum in Schwingung versetzte - überall hinkam, alles ausfüllte, nichts vergaß. Nick bemerkte, dass seine Hand immer langsamer wurde. Er war sich nicht mehr sicher, ob dieses Geräusch wirklich von der Kleinen kam. Vielmehr drang es durch die Wände, durch die Decke aus den unendliche Weiten des schwarzen, glitzernden Universums in sein Bewusstsein. Vielleicht war es immer schon da gewesen und er hatte es nur noch nie vernommen. Dieses Brummen, diese Vibration, war nichts anderes als die Essenz des Kosmos. Berührte alles, umfasste alles. Die Melodie der Sterne. Der Atem der Galaxien. Manchmal, da sah er schon fast wie durch einen langen Tunnel. Seine Augen wurden immer kleiner, immer unschärfer und er fühlte sich hart an der Grenze zum Schlaf und war doch nur erfüllt von diesem Schnurren. Von dieser Vibration die alles durchdrang, jede Existenz umfloss und in sich aufnahm, die keine anderen Gedanken mehr aufkommen ließ.

Ein schauerliches Krachen ließ Nick aus seinem Schlaf auffahren. Draußen vor den Fenstern begann es bereits vorsichtig zu dämmern und sein kleiner, pelziger Gast hatte dies anscheinend als Grund genug empfunden aufzustehen und die Behausung des Menschen, der sie so freundlich aufgenommen hatte, näher zu inspizieren. Dabei hatte es ihr besonders die lange Reihe der Tonbandkasetten angetan. Denn irgendwie hatte sie es geschafft auf das schmale Pult zu springen und sich hinter die Reihe zu drängen - und sie hatte es geschafft beinahe alle zu Boden zu werfen. Dieses infernalische Scheppern der beinahe vierzig Kassetten war es gewesen, was Nick aus dem Schlaf gerissen hatte. Was ihn hatte erschrocken auffahren lassen. Ganz im Gegenteil zu der kleinen Schwarzen. Sie schien durch diesen Krach keineswegs verschreckt oder auch nur erstaunt zu sein. Leise maunzend und mit vor Vergnügen zuckender Schwanzspitze tapste sie immer wieder nach diesen Dingern, die da auf dem Kunststoffboden so lustig hin und her rutschten. Beinahe schien es Nick, als würde sie sich eine der Kassetten aussuchen wollen.
"Wenn Du jetzt auch noch weißt, wie man den Recorder bedient, dann darfst Du bei mir bleiben”, lachte Nick. Aber die Kleine drehte sich beim Klang der Stimme nur herum und bedachte ihn mit einem nachdenklichen Blick. Dann setzte sie sich auf ihr Hinterteil, Nick genau gegenüber, alle vier Pfoten zusammen und den Schwanz darum herum gelegt. Nick sah sie an und sie sah Nick an. Und er konnte sich des Eindruckes nicht erwehren, dass sie grinste. Dass sie ihn breit und zufrieden und fast schelmisch angrinste. Eine ganze Weile lang. Dann richtete sie sich wieder auf, schüttelte sich und spazierte gemächlich aber zielsicher zur Ausgangstür. Nick verstand diesen Wink nur zu gut und wirklich verschwand die kleine Schwarze wie ein Blitz in den dunklen Schatten der verschwindenden Nacht, kaum, dass er die Tür geöffnet hatte.

Erst zwei Tage später hatte Nick endlich Zeit gefunden um die zu Boden gefallenen Kassetten wieder zu ordnen. Wahrscheinlich hätte er den kurzen Besuch schon längst vergessen, wenn da nicht dieser Berg wahllos übereinander geworfener Kassetten gewesen wäre. Also setzte er sich auf den Boden und begann den Haufen einmal in verschiedene Stapel zu gliedern. Und schon nach wenigen Minuten war er dem kleinen Kerl eigentlich nicht mehr sonderlich böse wegen der zusätzlichen Arbeit, die er verursacht hatte. Fand er doch Tonbänder wieder, die er, wie er meinte, seit Jahren nicht mehr gehört hatte. Unter anderem eine Aufnahme des Webber Musicals 'Cats' aus dem Theater an der Wien, die er lange heiß geliebt hatte und dann doch irgendwie vergessen. Natürlich konnte er dieser Versuchung nicht widerstehen und legte die Kassette kurz ein. Wie groß aber war sein Erstaunen, als er bemerkte, dass diese eine Kassette nicht - wie alle anderen - am Anfang begann sondern irgendwo in der Mitte. Es war sonst nicht seine Art eine Kassette aus dem Recorder zu nehmen ohne sie zurück gespult zu haben. Und wieweit steigerte sich sein Erstaunen, als die Musik genau dort einsetzte, wo die Geschichte jenes Mister Mistoffelees begann - des kleinen, schwarzen Katers, der sogar zaubern kann.







Vorsichtig öffnete Nick die Augen ein wenig und sah nach vorne. Nichts hatte sich da draußen verändert. Möglicherweise hatte der Regen ein wenig nachgelassen, aber auch dafür wollte er sich nicht verbürgen.
"Wie spät ist es eigentlich?"
"Zehn nach Eins”, antwortete Tonio. "Bist Du wach?"
"Nein”, brummte Nick und schloss zur Bestätigung seine Augen wieder.
Zehn Minuten nach ein Uhr. Und sie hatten noch knappe 400 Kilometer Autobahn vor sich. Wenn es an der letzten Grenze nicht all zu lange dauerte, dann konnten das heißen, dass er schon um sechs Uhr in seinem Bett liegen konnte. Aber Nick war sich bewusst, dass es sich hierbei um eine sehr wagemutige Schätzung handelte. Irgend etwas würde sicherlich dazwischen kommen und so versuchte er sich gleich mit dem Gedanken anzufreunden, dass es zumindest sieben Uhr werden würde. Sollte es noch später werden, dann wollte er zuerst einkaufen gehen, bevor er sich in sein Bett fallen ließ. Er hatte ja nichts, aber auch wirklich nichts Zuhause. Und wenn er schon dabei war, dann musst er auch gleich den Tank seines Wagens füllen. Dort herrschte noch mehr Ebbe als in seinem Kühlschrank. Und die Möglichkeit, dass jemand in seiner Abwesenheit für ihn getankt oder eingekauft hatte hielt er eher für verschwindend gering. Und weil er gerade bei diesem Gedankengang war, fiel ihm auch noch etwas anderes ein.
"Was spricht eigentlich die Tankuhr?", wollte er wissen.
"Dio!"
Tonio schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, dass es nur so klatschte.
"Wir sind schon im Reservebereich! Verdammt, dass hätte ich jetzt doch wirklich übersehen!"
"Der Trip ist ja auch reiner Irrsinn. So etwas macht doch kein halbwegs normaler Mensch.”
"Eben, für so was haben sie uns”, grinste Tonio und Nick stimmte ihm säuerlich lächelnd zu.
"Hast Du eine Ahnung wie weit es noch bis zur nächsten Tankstelle ist? Ich habe irgendwie kein Bedürfnis bei diesem Wetter mit einem Kanister in der Hand durch die Nacht tippeln zu müssen. Aber wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, dann müsste bald eine kommen.”
"Kann nicht mehr sonderlich weit sein”, beruhigte ihn Tonio. "Durchkommen müssten wir aber auf jeden Fall noch.”
Er schaltete zurück um die Steigung zu überwinden und wie zur Bestätigung seiner Worte sahen sie von der Hügelkuppe nur wenige Kilometer entfernt die Lichter einer Tankstelle.
"Sieht fast so aus, als hättest Du eine Nase für solche Sachen. Kannst Du mir vielleicht auch sagen ob der Tankwart blond ist oder brünett? Oder vielleicht gar Gastarbeiter aus alt-Germany-Ost”, stichelte Tonio und Nick antwortete ruhig: "Er hat eine Glatze und ist Bayer!"
Dann nahm er endlich seine Stiefel von der Ablage und setzte sich auf.
Tonio ließ den großen Bus den leichten Hügel hinunter donnern und endlich schwenkten sie in die Tankstelle ein.
Verlassen wie ein einsamer Wachposten irgendwo an einer vergessenen Front standen die Zapfsäulen da und rührten sich nicht. Tonio brachte den Bus knapp neben einer der Säulen zum Stehen und die beiden Männer stiegen steifbeinig hinaus in das kalte, grünliche Licht der Neonröhren.
"Is ja richtig unheimlich hier”, lachte Nick. "Gleich kommt das Monster von der Tankstelle. Pass nur auf!"
Tonio ruckte herum und konnte über diesen Scherz nicht besonders lachen.
"Mit solchen Sachen macht man keine Scherze. Man fordert damit nur heraus, dass es wirklich eintritt.”
Verwundert betrachtete Nick seinen Partner einen Augenblick lang, dann legte sich mit einem Mal ein sarkastisches Lächeln auf sein Gesicht.
"Siehst Du, dass ist mein Vorteil”, meinte er. "Du glaubst an das vollkommen Gute in Person und bist damit auch verpflichtet daran zu glauben, dass es auch etwas vollkommen Böses in Person geben muss. Ich dagegen bin immer noch der festen Überzeugung, dass die größte Bestie auf diesem Planeten der Mensch selbst ist.”
Tonio holte tief Luft um dem großen Mann eine würdige Entgegnung in sein grinsendes Gesicht zu schleudern. Aber er begnügte sich dann doch damit die gesammelte Luft in einem tiefen Seufzer der Resignation wieder von sich zu geben und das Ganze mit einer wegwerfenden Geste zu unterstreichen.
"Sieht so aus, als wäre hier Selbstbedienung”, ließ er sich statt dessen vernehmen.
"Gut.” Nick rieb sich die Hände. "Dann machen wir Arbeitsteilung. Ich tanke den Bus auf und Du siehst inzwischen nach ob Du hier etwas bekommst womit Du unsere Vorratskammer wieder auffüllen kannst. Und wenn Du dabei deinen Drang nach Schokolade ein wenig unterdrücken kannst und mir nebenbei noch etwas Salziges zum Knabbern mitbringst, bin ich Dir sicherlich nicht böse.”
Nick ging um den Bus herum, öffnete die Abdeckung, schraubte den Deckel ab, ging zur Zapfsäule, legte den Tankverschluss darauf, drehte sich um und sah Tonio leicht verwundert an.
"Wolltest Du nicht einstweilen einkaufen gehen, oder täusche ich mich da?", fragte er.
"Ich warte noch bis Du fertig bist. Wir können dann gemeinsam gehen.”
Langsam zog Nick die Hand vom Zapfhahn wieder zurück und stemmte sie sich in die Seite.
"Jo schau zuwie dasst neikimmst, wert di scho net fressn do drinnan!", ließ er lautstark in breitestem Bayrisch vernehmen. Und als Tonio um die Ecke des Busses gebogen war murmelte er noch grinsend: "Jo so ein Rindviech, so ein damisches.”
Dann machte er sich daran den leeren Tank wieder aufzufüllen. Und da rann schon eine ganze Menge den Schlauch hinunter.
Nach einer Weile hörte er wie Tonio im Inneren rumorte und dann kam der auch schon feixend um die Ecke des Busses gebogen.
"Zwei Päckchen Zigaretten, vier Dosen Cola, zwei Sack Knabbergebäck für Dich und eine Tafel Schokolade für mich. In Ordnung?"
Der schlanke Mann nickte nur und behielt konzentriert die Zapfsäule im Auge während er vorsichtig versuchte noch ein paar Tropfen Diesel in den Tank zu pressen. Damit der Betrag rund wurde. Endlich  hatte  er  es  geschafft.  Also hängte er den Zapfhahn wieder ein und kam mit dem Tankdeckel in der Hand zurück. Erst jetzt bemerkte er das feixende Grinsen in Tonios Gesicht. Fragend sah er ihn an, schüttelte dann aber nur verwundert den Kopf und bückte sich um den Tankverschluss fest zu verschrauben.
Als er wieder hoch kam, feixte Tonio noch immer.
"Na komm schon”, meinte Nick. "Was ist los?"
"Geh und bezahl' die Rechnung, dann wirst Du schon sehen, was los ist”, lachte Tonio und ließ einen erstaunten Nick zurück.

Nick faltete den Kassabeleg zusammen und stopfte ihn in seine Brieftasche. Dabei beeilte er sich um wieder ins Freie zu kommen. Denn sehr viel länger konnte er sein Lachen nun nicht mehr zurück halten. Dieser Tankwart hatte doch wirklich die mit Abstand schönste Glatze, die Nick jemals in seinem Leben gesehen hatte. Und sie schien sosehr poliert zu sein, dass sich sogar die Neonröhren oben an der Decke in ihr spiegelten.
Nick stolperte die Stufen in den Bus hinein und lachte dabei so laut, dass man kaum hörte, wie Tonio den Motor wieder anließ. Tränen standen ihm in den Augen und krampfhaft versuchte er sich fest zu halten, als sie aus der Station hinaus auf die Autobahn fuhren. Dort endlich ließ dieser Anfall etwas nach. Er wischte sich mit dem Handrücken die Augen frei und ließ sich neuerlich lachend schwer in den Beifahrersitz fallen.
"Woher hast Du das jetzt wieder gewusst? Sag mal, wie machst Du das?", wollte der kleine Italiener hinter dem Lenkrad immer wieder wissen und kratzte sich dabei inbrünstig am Kopf.
Vorerst antwortete ihm nur das zischende Geräusch einer Dose. Der Verschluss fiel in den Abfalleimer und Nick trank gierig mit geschlossenen Augen. Endlich setzte er ab und hielt dem Fahrer die Dose hin.
"Ah, tut das gut! Ich bin mir schon vorgekommen wie ein Kaktus.”
"Und das sagst Du bei diesem Wetter!", spottete Tonio und setzte dann ebenfalls die Dose an die Lippen.
"Wie ein Kaktus bei mir Zuhause”, verbesserte sich Nick und nahm die leere Dose wieder zurück.
"Aber Du hast doch gar keine Kakteen.”
"Eben deswegen”, entgegnete Nick und erntete dafür einen zerstreuten Blick. Dann aber verstand Tonio endlich und wieder dröhnte der ganze Bus vom Gelächter der beiden Männer. Es war übertrieben, es war schon fast hysterisch, denn sie waren beide überdreht und übermüdet. Und Nick war sich dessen bewusst. Allmählich forderte diese Gewalttour ihren Zoll.
"Aber eigentlich ist es doch wirklich zu blöd”, meinte Tonio als sie sich einigermaßen erholt hatten. "Da macht man einen Scherz, einen wirklich saublöden Witz und ehe man sich versieht, ist die Wahrheit tatsächlich so.”
"Also, ich habe auch schon lange den Eindruck, dass sich Politiker an Kabarettisten orientieren und nicht umgekehrt.”
Tonio schüttelte nur mehr verwundert den Kopf. "Oder”, fügte er hinzu, "hast Du vielleicht so etwas wie das zweite Gesicht?"
Nick grinste ihn schief an und ließ dann die Packung mit dem Knabbergebäck doch wieder zurück fallen.
"Na, ich hoffe doch nicht”, meinte er halblaut.
"Was heißt das, Du hoffst nicht? Ich meine, was soll ...”
"Ich mach' Dir einen Vorschlag”, unterbrach ihn Nick.
"Ja?"
"Weck mich, wenn ich wieder dran bin. Und wehe Du fährst länger als Dir zusteht!"
Nick drehte ihm den Rücken zu und kroch in dem Sitz zusammen. Und Tonio wurde sich wieder einmal klar darüber, dass es Dinge gab, über die man mit Nick einfach nicht reden konnte. Aber Nick hatte dieses Gespräch keineswegs deshalb so abrupt abgebrochen, weil er sich nicht dafür interessierte. Ganz im Gegenteil. Aber er hasste es nun einmal in einem Vakuum zu diskutieren. Vielleicht, so gestand er sich ein, vielleicht hatte er auch ganz einfach nur Angst vor dem, was er hätte erkennen können.







Langsam setzte Nick sich auf und starrte vor sich in die Nacht. Gerade mal vor wenigen Minuten war er schon einmal aufgestanden und hatte das Fenster einen Spalt geöffnet. Jetzt saß er wieder in seinem Bett und starrte in das formlose Dunkel. Irgend etwas war da, das ihn beunruhigte. Wobei, so stimmte das nicht. Es war etwas in dem Zimmer, dessen war er sich sicher, aber es beunruhigte ihn nicht. Und das ließ ihn nicht gleichgültig. Denn normalerweise legte er sich in sein Bett, schloss die Augen und war nach wenigen Augenblicken eingeschlafen. Doch diesmal war es anders. Diesmal war da etwas rings um ihn. Und er hätte beim besten Willen nicht sagen können, was es denn war, das ihn störte. Und das beunruhigte ihn nun doch.
Vorsichtig legte er sich wieder zurück, zog die Decke hoch und schloss die Augen. Sofort schossen seine Gedanken wie wild im Raum umher und versuchten zu fassen, zu erkennen und sahen doch nicht mehr als seine Augen.
Nick schöpfte tief Luft und begann sich zu konzentrieren. Und wirklich, langsam, wie widerwillig, kamen die Gedanken zurück, ordneten sich beruhigt wieder ein in sein Gehirn. Vorsichtig lag Nick da, mit bewusst entspannten Muskeln und einem Netz aus Konzentration über seinem unruhigen Gehirn. Beinahe vollkommene Ruhe herrschte in ihm. Und doch lag hinter dieser Ruhe, versteckt wie ein wildes Tier in einem Gebüsch, die Gewissheit auf der Lauer, dass da doch etwas sein musste, dass ihn beunruhigte.
Vielleicht lag es gerade an dieser Gewissheit, dass er plötzlich wieder aufwachte. Mit geschlossenen Augen und gleichmäßigen, ruhigen Atemzügen lag er da und überlegte. Einerseits musste er doch irgendwann eingeschlafen sein, sonst hätte er jetzt nicht aufwachen können. Auch musste er eingeschlafen sein, ansonsten hätte er bemerkt, dass jemand den Raum betreten hatte und an sein Bett getreten war. Ganz deutlich fühlte er die Gegenwart des Menschen, der da an seinem Bett stand und auf ihn hinunter sah. Nick konnte nicht verhindern, dass sein Atem schneller und tiefer wurde - am Fußende seines Bettes bewegte sich eine zweite Person!
Nick musste sich ein säuerliches Grinsen verbeißen, als er kurz darüber nachdachte, wie groß wohl die Wahrscheinlichkeit war, dass jemand mitten in der Nacht in eine verschlossene Wohnung eindrang und nur Gutes im Schilde führte.
Aber er musste handeln und das schnell, denn jede Sekunde konnten sie entdecken, dass er nicht mehr schlief und ihm den Überraschungsvorteil nehmen. Aber was sollte er unternehmen gegen zwei Männer die noch dazu nicht einmal nebeneinander standen?
Aber wer sagte ihm eigentlich, dass es Männer waren, schoss es ihm wie zum Spott durch den Kopf.
"Ich glaube, Du bist jetzt soweit.”
Wirklich war es eine weibliche Stimme, die leise aber deutlich zu ihm sprach. Und doch konnte Nick nicht verhindern, dass er leicht zusammen zuckte. Irgend etwas war eigenartig an dieser Stimme.
"Wir haben eine Nachricht für Dich.”
Nick war mit einem Schlag mehr als wach. Er hatte erkannt, was diese Stimme so eigenartig machte! Warum sie so einfühlsam, so sanft in sein Gehirn drang - er hatte sie nicht gehört! Da war nichts 'an sein Ohr gedrungen'. Er war sich sicher, dass er vernahm ohne zu hören. Zu eigenartig und zu neu war dieses Gefühl!
Mit einem Ruck setzte er sich auf und öffnete die Augen - und erstarrte beinahe in der Bewegung wieder. Am Fußende des Bettes fühlte er eine Person die ihn ansah. Links neben ihm, ganz dicht, fühlte er die Frau, die zu ihm sprach. So nahe, dass er nur die Hand auszustrecken brauchte, nur ein ganz klein wenig, um sie zu berühren. Und in dem Halbdunkel des Raumes sah er die Umrisse der Möbel, des Fensters, die dunklen Falten der Vorhänge - alles mögliche. Nur diese beiden Wesen sah er nicht. Obwohl er ganz genau fühlte wo sie standen, so blieben diese Plätze doch leer. Leer für seine Augen. Nein, das stimmte auch nicht! Da waren so etwas wie Umrisse. Mehr wie ein blinder Fleck. Als würde ein Schatten fallen, als wäre etwas schlampig heraus retuschiert worden. Aber alles würde sich erklären, wenn ...
"Welche Nachricht?", dachte er und sah dorthin, wo die Frau eigentlich hätte stehen sollten.
"Ich habe die Aufgabe übernommen Dich zu wecken und Dir zu sagen, dass Dich jemand sprechen will.”
Nick wollte fragen. Er wollte wissen. Tausende von Fragen stürzten auf ihn ein und doch konnte er sich auf keine einzige dieser Fragen konzentrieren. Da war etwas in ihrer Stimme gewesen. Eine Kleinigkeit, der Hauch einer Emotion, die er nicht verstand. Nicht verstehen konnte. Nicht wagte zu verstehen.
"Bist Du ...”
"Nein”, unterbrach sie ihn sanft wie bisher und doch einen Gedanken zu schnell. Aber sofort war diese Unschärfe wieder aus ihren Gedanken verschwunden, als sie ihm erklärte: "Ich bin nur ein Gedanke. Ein Gedanke, der sich zusammensetzt aus allen und aus deinen Erinnerungen. Aber im Grunde sind wir alle gleich. Es gibt keine Individualität bei uns. Ein jeder von uns besitzt alle Erinnerungen aller anderen. Wir sind Eins.”
"Ihr seit alle gleich?" fragte er verwundert. "Aber Du hast eine weibliche Stimme. Ist das nicht ...”
"Für Dich”, sagte sie und Nick fühlte so etwas wie ein leises Lächeln in ihren Gedanken.
"Aber”, beharrte er dann, "wenn ihr alle gleich seit, dann müsste man doch meine Frage eigentlich auch mit JA beantworten können.”
Sie ging nicht näher auf seine Feststellung ein, aber ihm kam es so vor, als wäre dieses Gefühl eines leichten Lächelns um eine Spur deutlicher geworden.
Gemächlich stand Nick auf und bemerkte zu seinem Erstaunen, dass die beiden Gestalten ihm gerade mal bis an die Brust reichten. Aber er verlor kein Wort darüber. Diese Situation war so absurd, sie bedurfte seiner ganzen Aufmerksamkeit und Konzentration. Zu vieles war ungewöhnlich, ja geradezu unmöglich. So unmöglich, dass er allmählich anfing zu überlegen, ob es sich nur um einen Traum handelte. Oder aber, er hatte ganz einfach den Verstand verloren. Ja, so musste es sein, wenn man in der Gummizelle saß und sich mit Gestalten unterhielt, die niemand sehen konnte. Das aber musste dann wirklich das Schrecklichste sein, was einem Menschen widerfahren konnte. Wenn man offensichtlich verrückt war und doch der Verstand so scheinbar klar und logisch und einwandfrei zu arbeiten schien.
Er hatte den Eindruck, als wäre es etwas heller geworden seit er auf den Beinen stand. Ja wirklich, da schien eine Lichtquelle hinter ihm zu sein. Also wandte er sich um - und entdeckte, dass sich die Lichtquelle noch immer hinter ihm verbarg. Das konnte eigentlich nur bedeuten - Nick hob seine Hand und sah sie an. Ja, das war seine Hand und sie bewegte sich wie er es wollte, aber sie wirkte irgendwie unscharf und verschwommen. So, als würde ein sanftes Licht aus ihr leuchten. Nick fuhr herum und starrte auf sein Bett. Ein ganz alltägliches Geräusch hatte ihn aufgeschreckt und wirklich drehte sich der Mann in dem Bett gerade auf die Seite und schlief weiter. Mit einem ziemlich überraschten Gesichtsausdruck. Denn dieser Mann war Nick!
"Also immerhin lebe ich noch”, dachte Nick und zeigte auf den Körper im Bett. "Das heißt zumindest mal, dass ich nicht gestorben bin. Trotzdem stehe ich hier und sehe mich gleichzeitig in meinem Bett liegen. Das kann schlussendlich eigentlich nur bedeuten, dass ...”
"Sehr richtig”, lachte eine wohlklingende, eine männliche Stimme ohne dass Nick erkenne konnte, woher sie kam. "Nämlich dass ich deinem Geist kurzfristig die Möglichkeit gegeben habe sich aus seinem materiellen Gefängnis zu befreien.”
"Ich nehme an, dass es demnach auch keine Schwierigkeiten machen dürfte ihn kurzerhand wieder zurück zu stecken?”
"Möchtest Du denn wieder zurück?"
"Du wolltest mit mir reden”, wich Nick aus. “Dazu hast Du mich geholt. Gut, nichts dagegen zu sagen. Aber grundsätzlich ...”
Nick ließ den Satz unvollendet und wieder lachte die Stimme, die direkt in ihm zu stecken schien. Zumindest kam sie von keinem der beiden Schatten. Soweit man das bei dieser irrwitzigen Situation überhaupt irgendwie feststellen konnte.
"Ich wollte mich mit Dir unterhalten und deswegen habe ich Dich wecken lassen. Natürlich könnten wir auch so miteinander reden, aber einerseits möchte ich Dir einiges zeigen, und andererseits ist es wohl auch für Dich angenehmer, wenn Du mich sehen kannst. Zumindest ist diese Art der Unterhaltung gewohnter für Dich. Also, wie heißt es so schön klassisch und in den Geschichten, die du so liebst: Wähle er also den Ort unserer Begegnung.”
Nicks Gedanken rannten panisch durcheinander. Sollte er darauf bestehen, dass er wieder in seinen Körper zurückkam? Wer immer die Fäden in der Hand zu halten schien, es schien ihm tierischen Spaß zu machen. Vielleicht war Nick aber auch wirklich übergeschnappt und wenn er darauf bestand, dass man ihn zurückbrachte, dann konnte das gleichzeitig seine Rückkehr in die normale, in die gewohnte Welt bedeuten. Doch Nick war sich auch immer schon irgendwie bewusst gewesen, dass es da noch wesentlich mehr gab als diese gewohnte, geläufige, geborgene Welt. Dass es Dinge gab, von denen die Menschen nicht einmal zu träumen wagten. Geben musste, denn sonst wäre die übrige Welt ohne Sinn! Nur das hier, das war für ihn etwas ganz Neues. Etwas Ungehöriges. Etwas, von dem er noch nicht einmal gehört hatte, und er hatte schon von den unmöglichsten Dingen gehört. Mit dieser Überlegung war seine Entscheidung aber auch schon gefallen. War er wirklich verrückt geworden, oder wer war ER und was wollte er ausgerechnet von ihm? Da war eine so große, eine so neue Dimension, die sich vor ihm auftat. Eine völlig neue Welt voller Fragen, doch sie schien auch sehr viele Antworten zu versprechen. Und so wie Nick vor dem Einschlafen seine eigene Unruhe gefühlt hatte, so fühlte er jetzt die Gewissheit von Frieden und Zuneigung - und die ihm eigene, unbändige Neugierde. Gedankenschnell huschten viele Bilder durch seinen Kopf bis er eines herausnahm und festhielt. Im gleichen Augenblick verschwand der Raum um ihn herum und er stand inmitten einer sanft gewellten Landschaft. Über ihm spannte sich ein unendliches Gewölbe, übersäht mit unzähligen, glitzernden und funkelnden Sternen. Diffus dehnte sich der Bogen der Milchstraße über ihm. Und rings um ihn, drohend, düster und majestätisch wuchsen riesige schwarze Schatten in diesen Himmel. Begrenzten ihn, unterteilten ihn, als würden sie es sein, die das Himmelsgewölbe stützten.
Nick sah hinunter auf seine nackten Füße, lächelte und trug im gleichen Augenblick schwarze Hosen, ein weites schwarzes Hemd und seine schwarzen Stiefel.
‚Dies also war die Welt, in der der reine Wille alles schaffen konnte!‘, dachte er und bewegte seine nicht vorhandenen Zehen in den nicht vorhandenen Stiefeln.
Diese Welt war eigentlich gar nicht so anders als die, in  der er bis jetzt gelebt hatte. Auch dort konnte der Wille, der feste Glaube an die eigene Kraft, Berge versetzen.
"Berge zu versetzen ist eigentlich eine Kleinigkeit. Wenn der Wille stark genug ist um erst einmal den eigenen Körper zu überwinden. Aber gerade diese kleine Hürde schafft so gut wie keiner."
Nick sah sich gerade noch rechtzeitig um, damit er den Mann hinter einer der Steinsäulen hervortreten sah. Langsam, ja geradezu gemächlich kam er in die Mitte des Kreises. Uralt schien dieser Mann zu sein. Der mächtige Bart und das weiße Haupthaar reichten ihm beinahe bis zur Hüfte. Das weiße, einem Kaftan ähnliche Kleidungsstück wehte um seine nackten Beine und Nick hatte den deutlichen Eindruck, dass dieser auf einen Stab gestützte Mann sehr unglücklich war. Suchend drehte er sich im Kreis, befühlte seinen Bart und sah lange auf seine nackten Füße. Dann, endlich, richtete sich sein Blick auf Nick.
"Das ist es also, was Du Dir unter einem gemütlichen Gespräch vorstellst?"
Er seufzte tief und zuckte mit den Schultern. Und seine Stimme passte irgendwie so gar nicht zu dem müden Alten.
"Junger, schwarzer Ritter trifft alten, weißbärtigen Mann in einer Neumondnacht inmitten von Stonehenge. Klingt irgendwie nach König Artus und Merlin. Klingt irgendwie ziemlich ausgelutscht. Wenn ich mich richtig erinnere, dann ist eines deiner Probleme ja, dass deine Ansichten etwas archaisch sind. Könnte tatsächlich hinkommen.”
Nick zuckte zusammen und verstand kein Wort, aber der scheinbar Äonen alte Mann lachte laut und legte Nick seine Hand auf die Schulter.
"Ich hoffe doch, Du hast keine sonderlichen Einwände, wenn ich die Sache mal selbst in die Hand nehme. Denn einerseits plaudert es sich in einer angenehmen Umgebung leichter und andererseits kann man sich mit den nackten Füßen im nassen Gras ja den Tod holen.”
"Fürchtest Du den Tod denn?", wollte Nick vorsichtig wissen.
“Alles was besteht kann auch vergehen, und alles was lebt fürchtet den Tod. Meist ohne zu wissen, was sie fürchten. Darum fürchten sie ihn ja auch.”
Der andere lachte wieder laut auf und klopfte Nick auf die Schulter. Diesmal aber keineswegs mehr wie ein Greis. Dabei nahm er mit der anderen Hand seinen Bart ab. So, als sei er nur schlecht angeklebt.
"Erstmal lassen wir dieses Ding hier verschwinden. Das stört mich ungemein. Ich hätte mir nicht gedacht, dass Du so linientreu bist.”
Entschuldigend hob Nick die Hände.
"Es ist leider unmöglich vom mentalen Bombardement unberührt zu bleiben. Man hat zwar schon so seine Zweifel, aber nichts genaues weiß man ja nicht. Weiß ER eigentlich, dass Du mit mir Kontakt aufgenommen hast?"
Der Mann sah ihn erstaunt an und zuckte dann uninteressiert mit den Schultern.
"Irgendwie bin ich überrascht, dass ausgerechnet Du an einen Schöpfergott glaubst. Noch dazu an einen männlichen. Aber gehen wir mal davon aus, es gibt ihn tatsächlich, so, wie die Menschen ihn sich erschaffen haben. Dann gibt es aber auch keinen Grund, warum ich ihn hätte informieren sollen. Ich lebe auf diesem Planeten, so wie Du. Und, so wie Du, ohne von hier weg zu können. Und was wir zu bereden haben betrifft nur diesen Planeten. Also wozu ihn informieren. Im übrigen müsste ich inzwischen zu der Überzeugung gelangt sein, dass derjenige, den die Menschen ‚Den Schöpfer‘ nennen, das ganze Universum geschaffen hat und sich daher um vieles kümmern muss. Glaube ich zumindest. Sich um die internen Probleme eines einzelnen Planeten zu kümmern, dass wäre selbst von ihm etwas viel verlangt. Dafür hätte er ja dann mich.”
Allmählich dämmerte Nick, das er sowieso nicht verstehen würde, was hier wirklich gespielt wurde. Obwohl er nicht so schnell beigeben wollte. Er versuchte sein Glück aber noch einmal mit der Feststellung: "Zumindest weiß man ab heute, dass Du ein Mann bist. Wo es doch immer wieder Leute gibt, die das bezweifeln.”
"Und warum sollte irgend jemand das bezweifeln? Natürlich bin ich ein Mann. - Und natürlich bin ich eine Frau. Ich bin ein Vogel, ein Fisch, ein Stein, ein Windstoß, ein brennender Dornbusch, der Donner in den Wolken und das fallende Blatt. Ich bin die Mücke, die über dem Teich schwirrt ebenso wie der Fisch, der nach ihr schnappt. Was immer Du willst. Und das Schöne daran ist, es ist immer meine wahre Gestalt! Ich bin, der ich bin.”
“Die beseelte Natur. Das ist doch eher so etwas wie die Gaja, die ...”
“Das sagt Dir dein Verstand”, unterbrach der Mann, lachte fröhlich und winkte ab. “Deine Prägung sieht mich. Zum Beispiel auch so.”
Der Mann lächelte ihn an und fuhr mit einer Hand an seinem Kaftan hinunter. Nick schrak zurück. Mit einem Schlag stand da nicht mehr jener alte Greis vor ihm, sondern ein braungebrannter, kräftiger Mann um die vierzig. Und er trug die Toga eines römischen Senators.
"Was würdest Du so nebenbei zur Beeinflussung durch mediterranes Klima sagen?", lachte er mit seiner wohlklingenden, sonoren Stimme und Nick musste zugeben, dass diese Stimme bedeutend besser zu seiner neuen Erscheinung passte.
"Tribun ...”
"Geh!"
Noch bevor Nick richtig begriff, was rings um ihn vorging schickte der Senator den Diener wieder weg, der sich Nick genähert hatte. Und ohne ein weiteres Wort war der in den Arkaden des weitläufigen Atriums wieder verschwunden. Voll Staunen trat Nick einen Schritt zurück und betrachtete den weitläufigen römischen Palast mit seinen Säulenhallen und Gängen. Den Garten mit den Springbrunnen und den Dienern die wie Schatten geräuschlos durch die Räume huschten.
"Dieser Palast wäre eines Cäsar würdig!", rief Nick überrascht aus und der Senator lächelte nachsichtig.
"Er wäre es nicht, er ist es. Dies ist der Landsitz des Augustus. So etwa 20 Jahre vor dem Jahre Null der christlichen Zeitrechnung. Ich dachte mir für ein kurzes Gespräch würde es schon genügen.”
"Würde es genügen!", lachte Nick laut auf und schüttelte den Kopf. "Aber was wollte eigentlich der Mann vorhin?"
"Dein Schwert. Es war damals nicht üblich ...”
"... dass sich jemand mit einer Waffe dem Cäsar näherte”, erinnerte sich Nick. "Ich nehme an, sie wussten schon warum. Trotzdem würde jetzt ich auch gerne eine Änderung vorschlagen”, meinte Nick und sah an sich hinunter. Wirklich trug er die Uniform eines römischen Militärtribuns. Und nach dem Staub auf seinem Umhang und seinen Kleidern zu urteilen war er einen weiten Weg geritten.
"Das also bin ich für Dich”, sinnierte Nick. "Ein Mann, der von weit, weit her kommt. Schmutzig von der Reise, müde von der Schlacht, das Schwert in der Hand.”
Er sah auf, aber der Senator antwortete nicht. Er hob nur langsam eine Augenbraue. 
"Hättest Du etwas dagegen, wenn ich mich ein wenig verändere?"
"Du kannst tun was immer Dir gefällt.”
"Alles, was immer mir gefällt?", fragte Nick spöttisch und warf einen vielsagenden Blick zu einem weiter entfernten Teich an dem einige junge Frauen in luftigen Umhängen zwei Schwäne mit kleinen Steinchen ärgerten.
"Ich bin sicher, dass Ihr nichts tun werdet, was meinen Widerwillen erregen könnte, edler Tribun.”
"Ach ja, der Tribun”, erinnerte sich Nick und zuckte mit den Schultern.
"Vielleicht stimmt es ja, dass ich ein Mann des Kampfes bin, und vielleicht stimmt es auch, dass man sich nie ändert. Aber vielleicht kann man einmal auch erwachsen werden und die Mittel des Kampfes ändern.”
Er strich an seiner Uniform hinunter und sofort verwandelte sie sich in eine einfache, himmelblaue Toga mit spärlichen silbernen Applikationen. In die Toga eines Senators, ohne Pomp und ohne Waffe.
"Ich habe angeordnet, dass ein Mahl für meinen Gast bereit gestellt wird. Vorher möchte ich Dir aber mein bescheidenes Zuhause zeigen.”
Nick verneigte sich leicht und ließ dem Cäsar den Vortritt in den Palast des Augustus.
"Bei Stonehenge war ich mir noch nicht so sicher”, begann Nick nach einiger Zeit ihr Gespräch wieder von dem Bauwerk in für ihn interessantere Bahnen zu lenken während sie langsam durch die Räume wanderten. "Das konnte wirklich das materielle Stonehenge gewesen sein in dem sich unsere Energien manifestierten. Also eine rein örtliche Bewegung. Aber das hier kann doch nur mehr eine Illusion sein. Oder haben wir uns vielleicht in der Zeit bewegt?"
"Du wirst eines Tages verstehen, dass Materie nichts anderes ist als Zeit. Und Zeit nur Materie. Möglicherweise. Zu dem hier könnte man natürlich sagen, dass es sich um eine Illusion handelt. Wenngleich diese Illusion auch Vor- und Nachteile hat.”
"Welche?"
Der Senator blieb stehen und zeigte in einen angrenzenden Raum den ein großes Schwimmbecken ausfüllte.
"Wärest Du verschwitzt und würdest in dieses Becken springen, so würde es Dich abkühlen. Das ist die eine Seite.”
"Und die Nachteile?"
Der Cäsar ging zu den beiden Wachen an einer der hohen Türen und zog ihre Kurzschwerter aus den Scheiden. Eines davon warf er Nick zu. Der war so überrascht, dass er es erst einmal fallen ließ und sich bücken musste. Dabei übersah er beinahe den ersten Schlag, den der Mann nach ihm führte. Es war ein ungleicher Kampf, denn dieser Mann schien über ungeahnte Kräfte zu verfügen und war auf jeden Fall mit der Führung dieses Schwerts und dem Art des Kampfes weit besser vertraut als Nick. Dessen Atem ging sehr bald schneller durch die ungewohnte Anstrengung und er hatte alle Mühe selbst die einfachsten Schläge zu parieren. Verteidigung konnte man das kaum nennen, und an Angriff war nicht zu denken.
"Auf der anderen Seite”, stieß der Senator zwischen zwei so mühelosen wie wuchtigen Schlägen huldvoll hervor, "würdest Du auch die Schmerzen fühlen wenn ich Dich verletzte. Würde ich Dich gar töten, würdest Du sterben.”
"Das werden wir erst sehen!", keuchte Nick und führte seinen ersten Angriffsschlag durch, der aber mit einer lässigen und unaufmerksamen Handbewegung weggewischt wurde. Doch im gleichen Augenblick wurde der Senator von einer unsichtbaren Gewalt gepackt und quer durch den ganzen Raum geschleudert. Verdutzt aber lachend rappelte er sich auf.
"Jeder kämpft wie er es gelernt hat”, grinste er. "Zwar bist Du ein ganz normaler Mensch, aber die Erinnerung ist geblieben. Und Du lernst schnell. Aber es ist doch eine materielle Welt an die Du Dich erinnerst. Hier aber gelten andere Gesetze!", rief er aus und im gleichen Augenblick standen zwischen ihm und Nick fünf Gladiatoren die selbst einem modernen Bodybilder jede Menge Respekt eingeflößt hätten. Nick überlegte einen kurzen Augenblick, dann warf er dem einen Wachposten sein Schwert zu, atmete tief durch und ging langsam auf die Gladiatoren zu. Die sahen ihm nur verwundert grinsend entgegen und blähten erwartungsvoll ihre Muskeln auf. Aber Nick ging mit geschlossenen Augen weiter und weiter bis er sie zu berühren schien, doch er berührte sie nicht wirklich. Er ging einfach durch sie hindurch ohne den geringsten Widerstand zu fühlen. Kurz vor dem Senator blieb er stehen und öffnete die Augen wieder. Der grinste ihn an und klatschte vor Freude in die Hände.
"Ein Mann des Kampfes muss nicht unbedingt auch ein Mann des Schwertes sein”, zitierte er Nick.
"Sie könnten mich töten, wenn ich glauben würde, dass sie es tun”, sagte Nick leise. "Also brauchte ich nur stark genug zu glauben, dass sie nichts anderes seien als eine Illusion. So wie alles hier nur eine Ausgeburt meiner Phantasie ist.”
Laut und anhaltend lachte der Senator auf, legte seinen Arm um Nicks Schultern und zog ihn mit sich fort. Sie ließen den Raum so leer zurück wie sie ihn betreten hatten.
"Bisher war ich mir nicht sicher, ob Du derjenige bist, für den ich Dich gehalten habe. Aber ich glaube”, meinte der Senator, "es ist an der Zeit, dass ich Dir sage, weswegen ich mich mit Dir unterhalten möchte.”
Langsam wanderten sie durch die pompösen Räume, der Senator erzählend und Nick andächtig lauschend bis sie auf der anderen Seite des Palastes wieder in einen schön gepflegten Park kamen.
Nick trat über den mit weißem Kies bestreuten Weg und setzte sich auf eine steinerne Bank am Rande des Brunnens.
"Also, wenn Du mir gestattest, würde ich das ganz gerne kurz zusammenfassen um zu sehen, ob ich Dich auch richtig verstanden habe.”
Der braungebrannte Mann öffnete lächelnd die Arme mit einer einladenden Geste.
"Du hast mir jetzt sozusagen Unterricht in Biologie gegeben. Genauer gesagt, Du hast mir erklärt, wie Lebewesen im Großen und Ganzen funktionieren und dass sie eigentlich alle nach dem gleichen Schema gebaut sind. Gut?"
Der Senator deutete eine leichte Verbeugung an.
"So wirklich neu war das ja nicht. Ich habe zwar noch immer keine Ahnung, warum Du mich hierher gebracht hast”, fuhr Nick weiter fort, "aber allmählich bildet sich bei mir so eine Art gedanklicher Bodensatz. Du hast mir nämlich, wortwörtlich, erklärt, alle Lebewesen seien demselben Schema unterworfen. Vom Virus bis zum Sonnensystem. Deine eigenen Worte! Aber genau hier drängt sich mir eine erste konkrete Frage auf. Ist für Dich ein ganzer Planet also ein organisches Lebewesen?"
"Natürlich.”
Der Mann hob einen Kiesel auf und warf ihn in den Brunnen.
"Natürlich”, wiederholte er noch einmal. "Ein Planet ist nur größer und mit vielfältigeren Organen ausgestattet als zum Beispiel ein Mensch. Aber er ist ein lebendiger und funktionierender Organismus. Wer wüsste das besser als ich. Aber ansonsten folgt er genauso wie jedes andere Lebewesen den Regeln des Wachsens und Werdens.”
"Und des Sterbens.”
"Und des Sterbens”, bestätigte der Mann und warf noch einen Kiesel in den Brunnen.
"Wer wüsste das wohl besser als Du”, wiederholte Nick und meinte noch: "Wo Du doch - wie hast Du gesagt? 'Jeder Mann, jede Frau, ein Vogel, ein Fisch, ein Stein und auch ein Windstoß' bist. Alles und alles zugleich. Das, was die einen Gaja nennen, oder Mara.”
"Diese Begriffe sind ein wenig zu kurz gedacht, gehen aber in die richtige Richtung. Egal - vergiß nicht deine Zusammenfassung”, erinnerte der Cäsar ausweichend.
"Also, kurz gesagt, es geht Dir darum, dass es Dir nicht passt, wie die Menschen mit ihrem Planeten umgehen!"
"Falsch!"
Nick sah erstaunt vom Boden auf und vergaß sich einen geeigneten Kiesel zu suchen.
"Falsch? Aber ..."
"Aus zwei Gründen”, unterbrach der Mann und begann langsam vor Nick her zum Palast zurück zu gehen das der ihm folgen musste. "Ersten erhebe ich grundsätzlichen Einspruch gegen die Behauptung, dieser Planet gehöre den Menschen. Es ist nicht ihr Planet. Es war niemals ihr Planet und er wird es auch niemals werden! Ich gehöre niemandem. Oder gehörst Du deiner Leber? Oder deiner Milz? Oder deinen Augen? - Oder vielleicht den unzähligen Bakterien die geschäftig in deinem Darm herum werken?"
Nick grinste schief.
"Wohl kaum. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile”, erinnerte er sich.
"Und zweitens ist das einfach nicht der Grund, weswegen ich mit Dir reden wollte.”
Sie stiegen die Stufen hinauf zur Gartenpforte und standen gleich darauf wieder im Bogengang des großen Innenhofes.
"Warum dann?"
Der Senator überlegte einen Augenblick und betrat dann einen dämmrigen Saal. Aber er blieb gleich neben dem Eingang stehen. Trotz des Dämmerlichtes erstrahlten die Farben der Wandmalereien und des Bodenmosaiks in hellster Leuchtkraft. Jeder auch noch so unscheinbare Winkel dieses Raumes war ein Kunstwerk und nicht ein Möbelstück verunzierte ihn.
"Weißt Du, wie ein Pilz entsteht?" fragte der Mann neben Nick.
"Nun - ich glaube schon.”
"Ich glaube schon! - welche vorsichtige Formulierung. Sieh hin!"
Und Nick sah hin. Es schien, als würden die Fugen des Mosaiks plötzlich lebendig. Und wirklich begannen sich mit einem Mal einzelne zarte, feine Fäden durch den Raum zu ziehen. Immer stärker, immer verflochtener ineinander wurde das Ganze in einer einzigen, scheinbar nicht enden wollenden Bewegung.
"Ein Pilzmyzelium!"
"Ein Lebewesen.”
Ins tausendfache vergrößert wuchs das Myzelium durch den Raum. Sie konnten jede Phase genau verfolgen. Doch dann, mit einem Mal als die Fäden des Zentrums gerade so dick waren wie das Bein eines ausgewachsenen Mannes, da schien diese Bewegung zu stocken und schließlich vollkommen zu verebben.
"Und jetzt?", wollte Nick wissen, aber als Antwort gab der Mann neben ihm nur: "Sieh hin!"
Also sah Nick hin. Und er wartete. Dort, wo ihm vor wenigen Minuten noch leuchtende Farben entgegen gestrahlt hatten schimmerte jetzt weiß und schleimig der Pilz. Es schien, als würde er auf irgend etwas warten, und gerade als Nick sich zu fragen begann, ob es nicht das schon war, dieses Warten, was er sehen sollte, da bemerkte er etwas. In der einen Ecke des Raumes, dort wo das Gewebe am dichtesten und stärksten war erhob sich eine kaum faustgroße Beule. Schnell begann sie größer und immer größer zu werden und in wenigen Sekunden reichte sie beinahe bis unter die Decke. Immer dunkler, bräunlicher wurde die Außenhaut des Gewächses je mehr sie sich spannte. Und dann, mit einem ohrenbetäubenden Knall, zerplatzte der Pilz und schleuderte seine Sporen weit von sich während die braune Außenhaut schlaff und tot in sich zusammen fiel.
Nick hatte sich instinktiv abgewendet, aber auch die Sporen waren nur eine Illusion und so machte er eine Handbewegung und im gleichen Augenblick war der gigantische Pilz verschwunden, lachten wieder die fröhlichen Bilder von den Wänden, die leuchtenden Farben in dem Dämmerlicht.
Nick wandte sich um und entdeckte im Gesicht des Cäsars ein erwartungsvolles Lächeln. Aber er zuckte nur mit den Schultern.
"Ein Pilz. Ein Bovist wahrscheinlich oder eine Art davon”, meinte er. "Aber des Rätsels Lösung hat mich das Ganze keinen Schritt näher gebracht.”
Der Cäsar nickte gedankenverloren und trat wieder in den Bogengang hinaus. Dort wandte er sich um und meinte: "Was hältst Du nach dieser schleimigen Angelegenheit von einem erfrischenden Bad?"
Nick stimmte ihm zu und war doch etwas erstaunt gleich im nächsten Saal das Schwimmbecken zu finden. Seiner Erinnerung nach hatte es sich ganz am Anfang des Palastes befunden - oder der Palast des Augustus verfügte über zwei völlig idente Schwimmbäder.
Der Mann lachte und bedeutete Nick vor ihm einzutreten. Dabei meinte er: "Du hast recht. Mit der Zeit wird man faul. Aber warum hätten wir den ganzen Weg zurück gehen sollen?"
"Alles eine Sache der Prioritäten”, stimmte ihm Nick zu und versuchte nicht daran zu denken, ob dieses Wesen, wer oder was immer es auch war, seine Gedanken lesen konnte. Oder ob es seine Gedanken lesen konnte, weil es nichts anderes war, als eine Ausgeburt eben dieser kranken Gedanken.
Gerade wollte er das Bad betreten, als ein lauter Angstschrei sie herumfahren ließ. Sie sahen sich nur kurz an und rannten dann so schnell sie konnten zur Gartenpforte. Wobei Nick feststellen musste, dass der Minirock der römischen Legionäre keineswegs eine modische Torheit sondern praktische Notwendigkeit war, wenn man vor hatte, ein Weltreich zu erobern.
Auf dem Kiesweg in den Park lag blutüberströmt einer der Diener während zwei andere versuchten, einen sich wie wild gebärdenden weißen Hengst zu zügeln. Immer wieder schlug er aus, stieg er hoch und machte die beiden weiß gekleideten Männer zu zappelnden Marionetten. Nick betrachtete den Hengst verwundert als er ein zweites Wiehern vernahm. Keine zehn Meter weiter rechts hatten zwei andere Diener ihre liebe Not mit einer bereits gesattelten Stute. Auch sie tänzelte nervös herum, scharrte mit den Hufen, schüttelte den Kopf und rollte ihre großen Augen. Nick lachte laut auf und schrie dann so kräftig er konnte um die beiden wild gewordenen Pferde zu übertönen: "Nehmt ihr den Sattel ab und lasst sie los.”
Verwundert sahen die beiden zu Nick hin und rührten sich nicht.
"Na los, wird’s bald!", befahl er noch einmal und schon landete der Sattel im Kies und die Stute galoppierte mit wilden Kapriolen von den sichtlich erleichterten Dienen fort. Immer herum und niemals all zu weit weg. Die beiden bei dem Hengst folgten Nicks Handbewegung nur zu gerne und schon stürmte der hinter der Stute drein. Eine wilde Verfolgungsjagd entbrannte und etwas, das aussah wie ein Kampf auf Leben und Tod. Und eigentlich hätte der Hengst unterliegen müssen, denn er hatte ihr gegenüber ein riesiges Handikap zwischen den Beinen. Aber plötzlich stand sie da wie zu Stein erstarrt mit zurück gelegten Ohren, riesigen, rollenden Augen und hielt seinem Angriff stand.
"Schafft ihn jetzt weg und holt einen Arzt”, befahl der Cäsar den herumstehenden Dienern und wies auf den Mann der noch immer mit zusammen gebissenen Zähnen auf den Stufen lag.
"Wahrscheinlich hat ihn der Hengst mit einem seiner Vorderhufe erwischt”, erklärte er Nick. "Aber”, setzte er dann noch hinzu, "wenn das auf deinen Befehl ein Fohlen wird, dann gehört es Dir.”
Nick verbeugte sich und meinte grinsend: "Danke, zu viel der Güte, aber jetzt hätte ich gegen ein Bad wirklich nichts mehr einzuwenden.”
Er lachte um seine Verwirrung nicht zu zeigen. Das alles ergab keinen Sinn für ihn und doch meinte er zu fühlen, dass hinter all dem ein Sinn, eine Absicht steckte. Aber die Möglichkeit, dass dies alles nur seinem verwirrten Gehirn entsprang und keinerlei Sinn hatte, diese Möglichkeit war ebenfalls nach wie vor präsent. Und schon im Baderaum erwartete Nick die nächste Überraschung. Es schien ihm unmöglich zu sagen wie viel Frauen in dem Raum waren, denn immer schienen welche zu gehen und welche zu kommen. Sie alle trugen nur einen duftigen, schillernden Umhang, der wohl mehr dazu gedacht war als Blickfang zu dienen denn etwas zu verhüllen. Nick sah junge und ältere, alle Körperformen und die unterschiedlichsten Haarfarben und Längen und war doch nicht in der Lage, eine davon näher ins Auge zu fassen. Als würden sie sich immer verändern, schillern, verschwinden und wieder auf tauchen.
Verwundert wandte er sich zu dem schelmisch grinsenden Mann um.
"Ich dachte, Du wärest Dir so sicher, dass ich nichts tue, was Dir missfällt. Wenn das eine Probe sein soll, dann glaube ich kaum, dass ich sie bestehen werde.”
Zwei der Mädchen kam auf sie zu und begannen dem Cäsar die Toga auszuziehen und ihn mit einem Schwamm abzuwaschen. Dann lösten sich auch zwei andere und kamen langsam auf Nick zu. Und jede von ihnen schien noch schöner zu sein als die andere.
"Ich dachte mir, es würde deine kleinen grauen Zellen etwas stimulieren.”
Nick fühlte die kleinen, zarten Hände auf seiner Haut und hauchte mit belegter Stimme: "Was heißt kleine, graue Zellen. Sie stimulieren. Sie stimulieren unheimlich. Das kann ich nicht absprechen. Alles, nur leider nicht meine kleinen grauen Zellen!"
Mit einer brüsken Bewegung machte er sich los, schritt zum Becken und sprang hinein. Bis ans andere Ende schwamm er unter Wasser. Langsam, ganz langsam glitt er unter der Oberfläche dahin und schoss dann wie ein Delphin nach oben.
"Pauh”, prustete er, "ich glaube, ich hab's!"
"Und was hast Du?"
Ohne vorerst zu antworten beobachtete Nick den Mann der jetzt am anderen Ende des Beckens langsam ins Wasser stieg. Dieser braungebrannte Körper ohne ein Gramm zu viel Fett auf den geschmeidigen Muskeln unter der glatten Haut hätte wirklich wunderbar zu einem Cäsaren gepasst. Zumindest zu seiner Marmorstatue. Nur nicht zu diesem Wesen von dem Nick glaubte zu ahnen, was es war.
"Wohin fliehen Eure Gedanken, edler Tribun? Dieser Körper gehört zum Besitzer dieses Hauses wie die Mosaiksteine zum Boden. Natürlich hätte ich auch einen anderen wählen können. Aber es ist nun mal seiner und doch ist es auch gleichzeitig mein eigener. Und sprecht selbst, edler Tribun, ist dies nicht wahrlich eine Gestalt aus Meisterhand?"
Er lachte vergnügt, drehte sich dabei im Kreis und ließ sich schließlich der Länge nach ins Wasser fallen. Nick stieß sich ab und schwamm langsam den Treppen zu. Langsam und bedächtig.
Er war so ganz anders, als man ihn sich allgemein vorstellte. Ja, selbst Nick hatte ihn in seinen kühnsten Träumen nicht so erwartet. So - so ganz anders.
"Vieles, all zu vieles ist anders, als sich die Menschen es vorstellen. Und selbst Du bist erstaunt. Denn Du hast vieles vergessen, was Du einmal wusstest. Was du immer noch weißt. Aber sei froh, dass die Menschen nicht alles wissen, sie würden verzweifeln. Das bringt uns übrigens wieder zurück zu unserem Thema.”
"Stimmt.”
Nick stieg aus dem Becken und lächelte den beiden Mädchen zu, die mit warmen, weichen Tüchern warteten um ihn abzutrocknen.
"Darum auch diese Illusion hier. Um mich nicht all zu sehr von dem abzulenken, was ich lernen soll. Denn dazu bin ich ja hier - um zu lernen.”
Der Mann platschte und legte sich auf den Rücken, ließ sich treiben, und meinte dabei so, als spräche er zu sich selbst: "Die, die nur wenig verstehen, meinen, es genüge zu lernen. Man kann lernen. Man kann sogar alles lernen. Man kann sogar alles wissen. Und trotzdem wäre man noch so unverständig wie am ersten Tag - wenn man nur weiß und nicht versteht.”
Nachdenklich betrachtete Nick den Mann.
"Von Dir?", fragte er und der Mann lag ruhig im Wasser und grinste.
"Ich habe mir erlaubt zu zitieren.”
"Dachte mir doch, dass ich das kenne”, meinte Nick und machte dann plötzlich ein verzweifeltes Gesicht, fuchtelte mit den Händen in der Luft herum und rief: "Niemals wirst Du irgend etwas schaffen. Du sollst nicht versuchen. Nicht versuchen! - Tun, TUN sollst Du es!"
Seine Arme fielen wieder kraftlos herunter und er sagte dann ganz leise noch: "Ist es nicht eigenartig, wie sich die Lehrer alle gleichen. Zumindest die guten Lehrer.”
Nick starrte den Mann für den Bruchteil einer Sekunde an, dann riss er sich los aus dunklen, wirren Erinnerungsfetzen und sah sich wieder um.
"Also ich bin hier um zu erkennen und zu verstehen. Und das alles - das alles hier ist nur für mich allein!", rief er lauthals aus und öffnete die Arme weit. Doch er ließ sie schnell wieder sinken und sah fragend zu dem Mann hin, der ihn gemächlich auf dem Rücken treibend beobachtete.
"Nur für mich?"
Die beiden Mädchen legten die Tücher weg, blickten scheu zu ihm auf und begannen die letzten Tropfen auf seiner Haut mit ihren weichen Lippen einzusammeln.
"Nur für mich?", fragte Nick noch einmal.
"Macht es Dir denn Spaß?", wollte der Mann wissen, richtete sich auf und kam nun ebenfalls langsam auf die Stufen aus dem Becken zu.
"Es verschafft mir Freude”, war Nicks Antwort, aber er sah irritiert an sich hinunter um fest zu stellen, dass das kleine, runzelige Ding zwischen seinen Beinen etwas anderes sagte. Und der Mann ging auch nicht weiter darauf ein, so dass Nick sich nach einer Weile abwandte und zu den Mädchen ging, die seine Toga bereit hielten.
"Aber genau das ist doch der springende Punkt!"
"Was?", fragte der Cäsar und ließ sich ebenfalls seine Toga wieder umlegen.
"Du hast einen einzigen, einen klitzekleinen Fehler gemacht.”
"Welchen?"
"Wären nur die beiden Pferde im Hof gewesen, dann wäre ich vielleicht eher dahinter gekommen. Aber die Mädchen hier haben mich abgelenkt. Denn Du hast vergessen, dass der Mensch die Paarung nur mehr zwecks Spaß an der Lust vollzieht und nicht, wie die Pferde, zum Zwecke der Fortpflanzung. Und genau darauf wolltest Du die ganze Zeit schon hinaus – auf die Fortpflanzung.”
Sie verließen das Bad und spazierten wieder gemächlich rund um den Innenhof.
"Wollte ich das? Mir ist zwar nicht klar, woher Pferde auf einmal wissen sollen, wie es zu einem Fohlen kommt, aber wie kommst Du darauf, dass ich gerade über Fortpflanzung mit Dir sprechen möchte?", fragte der braungebrannte Mann und verschränkte erwartungsvoll die Hände am Rücken während Nick den Zeigefinger in die Luft streckte.
"War genau genommen nicht mal sonderlich schwer. Du hast mir die ganze Zeit erklärt, alle Organismen leben nach dem gleichen Schema. Und doch fällt eines der genannten Lebewesen aus diesem Schema heraus.”
"Das Schema?"
"Entstehung - Wachsen - Leben - Fortpflanzen - Altern – Sterben.”
"Der Fehler?"
"Der Planet! Zwar stimme ich mit Dir überein, dass ein Planet ein mehr oder weniger perfekter, harmonischer Organismus ist - aber, wie um alles in der Welt sollte sich ein Planet fortpflanzen?!"
"Genau, wie sollte er das wohl”, stimmte ihm der Mann zu und blickte verwundert auf den leeren Platz neben sich. Nick war urplötzlich stehen geblieben und presste Lippen und Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.
"Augenblick mal!", murmelte er. "Du verarscht mich. Das ist es, auf was Du hinaus willst, die ganze Zeit über schon. Wenn ein Planet ein Organismus ist, wie pflanzt er sich fort? Wie sollte das funktionieren? Mit der Fortpflanzung eines Planeten meinst Du natürlich nicht, dass er sich irgendwann wie eine Zelle teilt oder in viele kleine Monde zerfällt wie ein Koralle. Du hast irgendwann gesagt, dass es Dich nicht sonderlich berührt, was diese Menschen mit ihrem Planeten machen. OK, mit DEM Planeten, ist ja nicht ihrer. Aber - einerseits. Andererseits ...”
"Andererseits?"
"Der Pilz!"
"Der Pilz?”
"Was hat es mit diesem Pilz auf sich? Es ist genauso ein Hinweis wie alles andere.”
Langsam hob Nick den Kopf und starrte den Mann ihm gegenüber aus großen Augen an.
"Nein”, sagte er ganz leise. "Nein!"
"Wenn der Gedankengang unlogisch ist, ist er auch falsch - zumindest meistens”, schulmeisterte der feixende Cäsar.
"Nein”, stöhnte Nick fassungslos. "Nein, er ist nicht unlogisch. Er ist sogar vollkommen logisch. Er ist nur - absolut unglaublich! Absolut - faszinierend!"
"Vielleicht einfach nur anders?"
"Anders ist ein nicht gerade treffender Ausdruck dafür. Und das Schlimme daran ist, es bedarf dafür keinerlei höherem Verständnis oder Bewusstsein. Es ist – eigentlich – ja – Notwendigkeit. Eigentlich – unumgänglich.“
„Atmen nicht vergessen.“
Nick achtete nicht auf den grinsend vorgebrachten Einwand. Er starrte den Mann an. Eigentlich sah er durch ihn hindurch. Sah das Unvermeidliche.
„Eigentlich ist es primitiv“, meinte er irgendwann. „Eine logische Notwendigkeit, der nur das stumme Erlöschen gegenüber steht. Und so einfach. Mal sehen ob ich es auf die Reihe bekomme.”
Nick schöpfte tief Atem und versuchte sich zu konzentrieren, dann hob er die Hand und die Wand neben ihm wurde tiefschwarz und schien sich unendlich in den Raum hinein zu erstrecken. Allmählich begann sich etwas zu bewegen. Ein vielfarbiger Wirbel bildete sich, ballte sich immer dichter zusammen.
"Ein Sonnensystem entsteht”, erzählte Nick. "Die dritte oder vierte Generation, also nach einigen Noven in denen schwerere Elemente als Wasserstoff und Helium erbrütet wurde. Es ballt sich der Kern zusammen, wird immer größer und irgend wann so schwer, dass unter dem Druck und der Hitze die Kernfusion zündet – eine Sonne. Bald hat sie auch Planeten und einen davon wollen wir uns jetzt mal genauer ansehen. Vielleicht den Dritten.”
Das System raste auf sie zu und eine riesige, feurige Kugel füllte schnell die ganze Wand aus.
"Ein Planet ist geboren. Happy Birthday!", lachte Nick trocken. "Bald schon kühlt er ab und bekommt eine erstarrte Rinde. Zwar nur eine sehr dünne Rinde, vergleichbar mit der Schale eines Eis. Und einer fast genau so dünnen Schicht von Gasen an dieser Oberfläche, eine Atmosphäre. Aber noch schneller bildet sich auf dieser Rinde ein hauchdünner Film von verschwindend kleinen Organismen, die alle aus der Materie des Planeten entstanden sind. So unendlich kleine Dinge wie Elefanten, Wale, Mammutbäume oder Flöhe und Bakterien. Und jedes dieser Wesen hat seinen fest zugeordneten Platz in der biologischen Evolution des Planeten. Und schon nach einer verschwindend geringen Zeitspanne - für einen Planeten - hat er ein unvorstellbares Potential an reiner Energie und Veranlagungen entwickelt. Kohle ist da im Boden, Öl, Eisen und Uran. Vulkane mit thermischer Energie aus dem Inneren und Druckveränderungen an der Oberfläche, die Stürme und Gezeiten hervor rufen. Damit wäre die Phase zwei, die Phase des Wachsens nach der Entstehung beendet. Denn jetzt beginnen sich aus diesen biologischen Veranlagungen einige Wesen heraus zu heben – Wesen, die beginnen ihre Umwelt nicht nur zu erkennen sondern auch die Gesetzmäßigkeiten dahinter zu erforschen und zu begreifen. Natürlich gibt es auch bei den Intelligenzen ein paar ziemlich fehlgeschlagene Versuche, so bedeutungsvoll wie ein verlorener Tag in einem Labor, aber dann setzt sich ein Genstamm irgendwann durch. Weil er energisch ist, weil er anpassungsfähig ist und - und das ist in dieser Phase sehr wichtig - weil er völlig skrupellos seiner Umwelt und seinesgleichen gegenüber ist. Nennen wir ihn 'Mensch'. Dieser Mensch besitzt darüber hinaus noch eine Veranlagung, die für die Pläne des Planeten, für das Ziel der Natur, von entscheidender Wichtigkeit ist. Nämlich Neugierde, den Zwang ewig zu forschen - immer weiter und um jeden Preis! Alles, was machbar ist, das wird gemacht, ungeachtet der Konsequenzen. Hätte er diesen Drang nicht, wäre der Mensch für den Planeten nutzlos, aber er wäre auch nie so weit gekommen. Und dieser Mensch forscht. Immer weiter, unbeirrt, und er verbraucht dabei langsam aber sicher alles, was dieser Planet an Energiereserven bisher aufgebaut hat. Bis, übertrieben gesprochen, eines schönen Tages nur mehr der nackte Planet vorhanden ist und eine Menschenmasse voller Wissen und Tatendrang und Hunger. Man kann sagen, der Mensch habe die Energie in Wissen umgewandelt aber dadurch kaum mehr die Möglichkeit, auf dem Planeten zu überleben. Nun aber werden diese Menschen, vom nackten Willen weiter zu forschen und zu suchen – und zu überleben – geradezu hinaus katapultiert, strömen in das Universum aus. Wie die Sporen aus dem Pilz werden sie hinaus geschleudert, um auf unzählige neue Planeten zu treffen, die nicht die Kraft hatten, selbst Leben oder gar Intelligenz zu bilden. Im Ursprungsplaneten selbst bleibt natürlich etwas bestehen. Wie beim Pilz der Beutel aufplatzt und abstirbt, so lebt doch das Myzelium, der eigentliche Pilz, im Boden weiter. Wenn der Planet seine Samen ausstößt, bleibt er scheinbar leer und ausgebrannt zurück. Verdorben von dem Menschenstamm, den er selbst erschaffen hat. Vielleicht bleibt diese Menschheit hier auch bestehen und macht einen zweiten, dritten, vierten Anlauf. Und wenn sie dabei unter geht ist das auch nicht von Bedeutung -  die Wurzeln des Lebens liegen nach wie vor unter jedem Stein verborgen. Bereit, in den kommenden Äonen eine neue Ökologie zu formen, neue Energiereserven, neue 'Menschen'. Aber die, die hinaus getrieben wurden durch die unwiderstehliche Kraft der Notwendigkeit und durch die ihnen eigene Gier, die werden eine neue Art von Menschen sein, eine Art die verschieden ist von denen, die den Planeten ausgelaugt haben. Diese neue Art der Intelligenzen wird wissen, wie man einen bewohnbaren Planeten bewohnbar lässt und einen scheinbar unbewohnten doch wohnlich macht. Für sich und auch für viele andere Lebewesen, denn nur die Vielfalt der Lebensformen kann das Überleben der einzelnen sichern. Natürlich werden auch hier viele Versuche scheitern. Einige werden auf dem Weg verdorren, andere im Gestrüpp einer neuen Welt verschlungen werden. Manche werden zwar Fuß fassen und doch zu wenig oder kaum genug zum Überleben haben. Einige wenige aber werden es schaffen. Die anpassungsfähige Intelligenz ist der Schlüssel! Einerseits ist sie nichts weiter als eine Veranlagung - wie das Segel des Lindensamens oder die Bewegungen eines Sperma. Andererseits eine logische Notwendigkeit, eine Grundvoraussetzung für das Weiterbestehen des Lebens im Universum. Das ist es!", rief er aus. "Die Menschheit ist der Samenausstoß eines Planeten!"
Er nahm die Arme wieder herunter und sah verzweifelt in das aufmerksame Gesicht des Mannes ihm gegenüber.
"Und wenn ich es jetzt recht betrachte”, fügte er noch hinzu, "dann haben das blinde Streben der Menschen in ihrer Gier und das beständige Vorwärtsdrängen der reifenden Spermien wirklich erschreckend viele Gemeinsamkeiten.”
"Bist Du jetzt enttäuscht?", fragte der Mann, der die ganze Zeit aufmerksam und lächelnd neben ihm gestanden war.
"Eigentlich nicht. Vielleicht ein wenig - desillusioniert. Ja, das ist es wohl.”
Nachsichtig lächelnd legte er den Arm um Nicks Schultern und zog ihn mit sich fort.
"Nur eines würde mich noch interessieren”, fuhr Nick fort. "Das ist jetzt die Geschichte der Menschheit dieses Planeten. Wahrscheinlich die eines jeden Planeten, sofern die Voraussetzungen irgendwie stimmen. Aber wie komme ich dann in Spiel? Was soll ich hier ...”
"Jetzt ist die alte Art der Menschen da”, unterbrach der Senator seinen Gedankengang lächelnd. "Wie Du sehr richtig angenommen hast. Wobei ich sie lieber die ‚Übergangsart‘ nenne, denn die alten Menschen waren etwas anderes. Aber sie alle unterscheiden sich in Wahrheit nur sehr unwesentlich von allen anderen Lebewesen dieses Planeten. Du hast sehr richtig erkannt, dass es nur eine neue Art von 'Menschen' sein kann, die neue Planeten besiedeln. Und auch sie werden gerade mal Säuglinge sein, die ihre ersten zaghaften Schritte machen auf dem Weg. Auf einem Weg, von dem nicht einmal ich sicher weiß, wohin er führen könnte. Aber es gibt eine wirkliche, eine große Aufgabe für alle diese mit Intelligenz begabten Wesen, ganz egal von welchem Planeten sie auch immer kommen mögen. Aber diese Aufgabe ist so groß, dass selbst wir beide sie kaum erahnen können.”
"In Ruhe und Frieden und Liebe zusammenleben, zum Wohle jedes einzelnen, auf allen Planeten des Universums und ohne ein einziges Gesetz.”
Mit einem verwunderten Lächeln ließ ihn der Senator los und betrachtete ihn von der Seite.
"Meine Hochachtung”, meinte er mit einer angedeuteten Verbeugung. "Zwar ist das noch immer nicht das Ziel sondern nur der Weg, aber trotzdem, meine Hochachtung.”
Sie kamen in einen Saal mit zwei Liegebetten, einem Tisch dazwischen und einem kleinen Springbrunnen im Hintergrund.
"Aber ich muss Dir ganz ehrlich sagen”, fuhr der Cäsar fort, "ich habe ein wenig Angst vor diesen Menschen. Sie lernen nicht. Das heißt, natürlich lernen sie. Sehr brav sogar. Aber nur Zahlen, Fakten. Sie lernen und lernen und häufen Wissen an, aber sie verstehen nichts davon! Du weißt doch, was los ist.”
Nick streckte sich auf den Polstern aus und betrachtete nachdenklich die fließenden Applikationen an seiner Toga.
"Ich sehe da das Problem nicht so ganz. Die Menschen müssen nichts verstehen. Entweder sie erkennen die Notwendigkeit und überleben, oder sie verschwinden. Natürlich wäre es dir lieber, sie würden nicht von der Bildfläche verschwinden, wobei das bei ihrem augenblicklichen Verhalten nicht mal so schlimm wäre. Dir liegt natürlich daran, dass sie sich ausbreiten. Wofür sie meines Erachtens allerdings noch einen gehörigen Tritt in den Arsch benötigen. Wäre ich ein Berliner”, meinte er dann langsam, "dann würde ich jetzt sagen: Nachtigall, ick hör Dir tapsen!"
"Wie meinst Du das?"
"Du weißt sehr genau wie ich das meine”, entgegnete Nick fast ungehalten. "Und grundsätzlich habe ich auch nichts dagegen mit Dir zu kooperieren. Obwohl ich nicht die leiseste Ahnung habe, wie ich dir von Nutzen sein kann. Und festhalten möchte, dass ich mindestens eben so viel, wenn nicht noch mehr Angst vor diesen Menschen habe als Du. Du kennst sie seit unzähligen Jahren. Für mich sind sie meist immer noch so fremd und unverständlich, als wäre ich gestern erst unter sie geraten. Ich verstehe sie einfach nicht, meistens. Und außerdem, ich habe vorhin gesagt, ich sei kein Mann des Schwertes, aber ich würde mich sicherlich sehr schnell ändern, sollte irgend jemand auf die Idee verfallen, mich irgendwo hin nageln zu wollen! Darüber musst Du Dir im Klaren sein.”
"Oh bitte!", stöhnte der Mann auf und setzte sich ebenfalls. "Wärm' mir um alles in der Welt nicht diese uralte, unglückliche Geschichte wieder auf. Wenn ich nur daran denke, könnte ich mich heute noch in den Hintern beißen!", rief er aufgebracht.
"Du bist zumindest auch heute noch eifrig im Gespräch.”
"Besten Dank!" rief der Mann zynisch und es sah tatsächlich so aus, als wäre sein Gesicht vor Zorn dunkler geworden. "Auf diese Art von Bekanntheit hätte ich liebend gerne verzichtet. Ist doch alles in die Hose gegangen damals! Glaubst Du denn, sie hätten ein Gramm - auch nur ein Gramm von dem verstanden was damals gesagt wurde? Ah Scheiße, nichts, nichts, überhaupt nichts haben sie verstanden! Immer wieder hat ihnen der Junge gezeigt, dass man die Leute durch Vorbilder beeindrucken muss, dann kommen sie von selbst zu Dir und wollen lernen. Und was machen diese Hornochsen, kaum dass er tot ist? Sie laufen den Leuten nach, drängen sich ihnen auf, sperren sie ein und natürlich will niemand etwas von ihnen wissen. Ja sogar 'mit Feuer und Schwert' wollen sie ihren Glauben verbreiten und verteidigen anstatt mit Achtung und Liebe. Und nicht, dass sie diesen ideologischen Anfall von geistiger Verwirrtheit vielleicht stillschweigend übergehen, nein! Den Bischof, der das von sich gegeben und verbreitet hat, den haben sie auch noch heilig gesprochen! Diese ganze wunderschön inszenierte Show war umsonst! Das heißt - wäre sie doch nur umsonst gewesen. Ich wollte eine Schneeflocke fallen lassen um den Boden zu verschönern und was ist daraus geworden? Eine Lawine. Eine Lawine die Millionen Menschen ins Verderben gestürzt hat und noch stürzen wird!"
"Eingeschlossen mich.”
"Nicht unbedingt.”
Nick hob interessiert den Kopf.
"Oh! Und warum nicht?"
"Du bist anders und hast keinen Respekt. Du würdest sogar mich übers Ohr hauen, wenn Du Dir davon etwas versprechen könntest. Nicht so, wie die Menschen es versuchen, blind und voller Gier sondern ganz bewusst und zielstrebig. Und Du weißt zuviel, als dass Du noch Angst vor diesen Menschen haben könntest. Natürlich fürchtest Du sie, ihre Blindheit, ihr Engstirnigkeit, so wie jedes vernunftbegabte Wesen den blinden Zorn und die dumpfe Gewalt fürchtet. Aber Du hast keine Angst vor ihnen. Dafür weißt Du zu viel.”
"Was weiß ich denn schon. Und außerdem, was ist, wenn ich den Menschen einfach die Wahrheit erzähle?"
"Dazu weißt Du zu wenig. Du weißt ja noch nicht einmal, was du selbst bist. Aber das hier solltest Du ihnen auch erzählen, nur wird Dir niemand glauben - das wäre ja wohl auch etwas zuviel verlangt. Aber ich habe nicht gemeint, was wir hier und heute gesprochen haben, sondern das Wissen, das Du schon hattest, bevor Du hierher gekommen bist. Dass Du selbst so unsicher bestaunst.”
Nick erhob sich langsam wieder von seiner Liege und trat zu dem Bogen von dem aus man in den Park sah.
"Bevor ich hierher kam”, begann er leise, "war ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt so etwas wie Wissen besitze. Jetzt hast Du es mir gesagt und ich muss es Dir glauben. Aber alleine schon die Art und Weise wie Du es sagst, verursacht mir einiges Kopfzerbrechen.”
"Nicht nur Dir, mein Freund! Nicht nur Dir! Jedes Ding hat seine Zeit. Aber wenn Dinge überdauern oder zu einer Zeit auftauchen, für die sie eigentlich nicht gemacht sind, dann ist das bedenklich. Es ist ganz sicher nicht sinnlos. Und nicht grundlos. Alles hat seinen Sinn und seine Notwendigkeit, aber nichts desto trotz ist es bedenklich.”
Ein Diener öffnete die große Flügeltür und unterbrach Nick in seinen Gedanken. Andere folgten ihm, beladen mit Platten, Schalen und Krügen. Nick schien das emsige Treiben zu beobachten mit dem der Tisch sich füllte, aber ihm war nur zu deutlich anzusehen, dass seine Gedanken im Kreis liefen ohne zu einem Ziel zu gelangen. So vieles wollte er fragen, hätte er fragen müssen, und doch gelang es ihm nicht einen der rasenden Gedanken fest zu halten. Mit einem Mal bekam sein Gesicht aber einen zutiefst erstaunten Ausdruck und er kam zu seiner Liege zurück.
"Das ist ein Braten!", stellte er überrascht fest. "Ein Hühnchen! Es erstaunt mich doch etwas, bei Dir so fleischliche Kost zu finden!"
Belustigt ließ sich der braun gebrannte Mann in die Kissen zurück sinken, streckte sich und sah mit einem unterdrückten Lachen zur Decke hinauf. Dann meinte er: "Erstens ist dieses Mahl für Dich gedacht. Und zweitens erkläre mir doch bitte, worin der Unterschied zwischen dem lebendigen Wesen Tier und dem lebendigen Wesen Pflanze jetzt genau besteht. Es gibt da nämlich keinen. Wenn man mal davon absieht, dass die einen herumlaufen und schreien können und die anderen nicht.”
“Angst ist der Unterschied. Todesangst.”
"Und wer hat Dir erzählt, dass eine Pflanze keines Todesangst kennt? Eine Esche oder eine Kartoffel? Die Wesen leben und leben bedeutet sich nähren – und des Einen Nahrung ist der Tod des Anderen. Dieser ganze vegetarische Schwachsinn, den die Menschen verbreiten, wäre wirklich zum Schieflachen, wenn er nicht so ernsthaft ihre Engstirnigkeit und Gedankenlosigkeit dokumentieren würde. Der Unterschied ist nicht die Angst, er beginnt beim Töten ohne Nahrungszweck. Oder bei der Massentierhaltung. Oder bei der Faulheit, sich Alternativen zu suchen. Aber glauben die Menschen denn ernsthaft, eine Pflanze die man verstümmelt oder tötet fühlt weniger Schmerzen als ein Tier? Für alle lebendigen Wesen gibt es nur einen Weg: Entweder man isst - und tötet, oder man tötet nicht - und verhungert. Oder man sucht sich Alternativen zum Töten. Vielleicht werden ihre Gelehrten eines Tages eine Lösung aus diesem, zugegeben mörderischen, Dilemma finden. Vielleicht. Aber bis dahin kann ich nur sagen - lass es Dir schmecken.”
Nick nahm vorerst nur eine Weintraube, pflückte in Gedanken versunken Beere um Beere ab und steckte sie in den Mund.
"Zwei Dinge würden mich noch interessieren”, setzte Nick nach einer Weile wieder an und wog die Traube in der Hand. "Erstens würde es mich doch reizen aus deinem eigenen Mund zu hören, wer oder was Du denn nun genau bist und zweitens möchte ich wissen, warum Du immer von 'den Menschen' sprichst. Dass Du Dich nicht zu ihnen zählen willst ist mir schon klar, aber warum vermeidest Du auch jeden Ausdruck, der mich mit ihnen in Verbindung bringen könnte? Genauer gesagt: Wer bin - ich - - denn  -  -  schon?"
Nick legte den Kopf zurück, schloss die Augen, riss sie wieder auf und schüttelte den Kopf. Aber die Lähmung, die von seinen Gedanken Besitz ergriffen hatte, ließ sich nicht mehr abschütteln. Er fühlte sich plötzlich wie dick in Watte eingepackt. All der herrliche Palast rund herum verschwand und da war nur mehr ein Tunnel an dessen Ende ein braungebrannter Mann in einer weißen Toga war. Und er sah wie ein leichtes, zufriedenes Grinsen über das Gesicht dieses Mannes huschte. Geradezu hinterhältig kam es ihm vor. Schadenfroh.
"Ich Idiot!", presste Nick mühsam hervor. "Wenn ich - esse, - dann - dann ...”
"... dann aktivierst Du deinen Körper wieder und die Symbiose, die ich die ganze Zeit unterbrochen habe wird wieder hergestellt. Du bist ein Mensch. Nur ein Mensch. Obwohl - irgendwie seit ihr anders, aber im Grund immer noch Menschen und berechenbar.”
Der Tunnel und das Bild verschwammen, Nick meinte zu einem Ball zusammen zu schmelzen, irgendwo einen Meter über dem Boden schwebend alles durch einen Nebel zu sehen.
Die zwei Fragen!
"Die zwei Fragen?"
Er war nicht mehr fähig die Worte zu formulieren und doch schien der Senator sie verstanden zu haben.
"Vertraue auf das, was Du weißt, und Du kannst sie Dir selbst beantworten. Jetzt schon oder irgendwann einmal. Vielleicht können dir die anderen helfen. Und vielleicht sehen wir uns auch irgendwann mal wieder, wer weiß.”
Die Stimme war immer leiser, immer dumpfer in Nicks Bewusstsein gedrungen. Und er meinte durch die immer dichter werdenden Nebel am Ende des immer längeren Tunnels zu erkennen, dass eine Gestalt in ihrer weißen Toga den Arm hob - wie zum Abschied.

Nick fühlte den Schweiß auf seinem Körper. Und er fühlte die Bettdecke an seinen Beinen kleben. Der Radio neben ihm plapperte die stündlichen Nachrichten, ohne, dass er auch nur ein Wort davon verstand.
Nick öffnete die Augen.
Diffuses Morgenlicht drang durch den Spalt im Vorhang herein und erhellte den Raum notdürftig. Und Nick fühlte sich, als hätte er den ganzen Weg von Süditalien hierher per pedes zurück gelegt.
Vorsichtig schlug er die Decke zurück und setzte sich langsam auf. Mit einem schiefen Grinsen meinte er: "Jetzt bräuchte man einen Palast mit einem großen Schwimmbecken”, und sah an seinem verschwitzten Körper hinunter. Jeder einzelne Muskel schien zu schmerzen und sein Kopf dröhnte.
Später, als er unter der Dusche stand, überdachte er noch einmal alles, was er über Träume wusste. Dass sie meist nur wenig Bezug zur Realität hatten, dass sie nichts anderes waren als die unbewusste Verarbeitung von Problemen und dass jeder Mensch träumte und zwar jedes Mal wenn er schlief - ob er wollte oder nicht!
Er dachte auch nach darüber, wie sich wohl beginnender Wahnsinn zeigen könnte. Schizophrenie oder dergleichen. Aber irgendwie kam er immer wieder zu dem Schluss, dass es eigentlich gegen seine Gedankengänge keine logischen Einwände gab. Verrückt war er wohl nicht. Alles was ungewöhnlich war, das war nur dieser Traum. Ein Traum, der eigentlich unvorstellbar war. Traumhaft schön und albtraumhaft erschreckend.
Oder einfach nur anders.







Schwerfällig brachte Tonio den Wagen zum Stehen und schaltete den Motor aus. In den matten Scheinwerferkegeln fiel der Regen wie ein dichter Vorhang zu Boden und kleine Tropfen spritzten vom harten Asphalt wieder auf. Nick sah Tonio an und deutete mit dem Kopf nach vorne.
"Was ist?", wollte der schwarzhaarige Mann wissen.
"Möchtest Du nicht noch ein Stück weiter vor fahren? Ich hab nämlich herzlich wenig Lust durch diese Sintflut zu waten.”
Gute fünfzig Meter vor ihnen schimmerten die erleuchteten Fenster der Grenzstation warm und verschwommen.
"Dort vorne ist kein Parkplatz.”
Nick grinste Tonio humorlos an.
"Was glaubst Du, wie mich das aufregt.”
Tonio seufzte ergeben und startete den Motor wieder. Als er direkt vor dem Eingang der Grenzstation hielt, klopfte ihm Nick auf die Schulter und meinte: "Naja, warum denn nicht gleich.”

"Sie wissen, dass vor dem Eingang das Parken verboten ist?", fragte der Zöllner wenige Minuten später und sah kurz von den Fahrzeugpapieren auf.
"Ja, das schon”, meinte Nick und drängte Tonio etwas zur Seite bevor der zu stottern beginnen konnte. "Aber wir haben uns gedacht, Sie wollen vielleicht doch einen Blick in den Wagen werfen. Und wenn Sie dann nicht durch den Regen müssen, geht es doch auch ein wenig schneller. - Ich zumindest kann mich beherrschen, in diesem Regen herum zu laufen.”
"Das war’s wohl eher”, brummte der Zöllner missmutig und langte nach seiner Kappe. "Aber wenn Sie schon mal dastehen, dann können wir uns den Wagen ja gleich mal ansehen.”
Nick wandte sich schnell um, um nicht von den Blicken seines Kollegen getötet zu werden.
Verschlafen schlurfte der Zöllner vor ihnen her und zog draußen die Schultern fröstelnd hoch. Eine Zeitlang sah er nachdenklich in den dunklen Regen hinaus, dann rieb er sich genussvoll sein linkes Auge und sah zum Bus hin.
"Leer?"
"Wie die Staatskasse”, bestätigte ihm Nick.
"Machen Sie mal auf.”
Die Durchsuchung des Wagens ging genau so schnell und gründlich vor sich, wie es der Uhrzeit und den Umständen entsprach. Nachdem er überall einmal ins Dunkel gestarrt hatte, wandte sich der Zöllner um und verschwand ohne ein weiteres Wort wieder in seinem Gebäude. Tonio zuckte mit den Schultern und sah Nick fragend an, aber der lachte nur und verschwand ebenfalls in der Wärme.
Gerade als Tonio den letzten Stauraum versperrt hatte kam Nick wieder nach draußen und winkte ihm mit den Fahrzeugpapieren. Als Tonio einstieg und sich hinter das Lenkrad schob, sortierte Nick gerade in seiner Brieftasche herum.
"Es ist zum verrückt werden”, fluchte er leise vor sich hin. "Lire, D-Mark, schweizer Franken, Schillinge, US-Dollar! Ich möchte bloß wissen wozu ich das alles mit mir herumschleppe! Und ich kann es kaum erwarten, dass diese neue Währung, der Euro kommt, wie immer der auch aussehen mag.”
"Vielleicht sammelt sich es einfach an, weil Du viel unterwegs bist?" fragte Tonio scheinheilig, deutete nach vorne auf die Ablage und meinte: "Weißt Du, was ich vergessen habe?"
"Was?"
"Ich habe ihm meinen Pass nicht gezeigt.”
Nick stopfte die vielfarbigen Scheine ungeordnet wieder in die schmale Hülle und warf sie in seinen Aktenkoffer.
"Ich glaube kaum, dass es ihm aufgefallen ist. Und wenn es ihm jetzt auffallen noch sollte, dann wird er wohl kaum etwas unternehmen.”
"Warum nicht?"
"Weil er viel zu müde ist, weil es draußen kalt und regnerisch ist und weil es ihm eigentlich egal ist. Was glaubst Du hat der für wahnsinnige Freude daran hier zu sitzen?"
"Was glaubst Du habe ich für Freude daran hier zu sitzen?", maulte Tonio und grinste schief.
"Erstens wirst Du dafür bezahlt und zweitens zwingt Dich niemand dazu,” brummte Nick, kam wieder nach vorne, klappte den Beifahrersitz zurück und ließ sich hinein fallen. "Obwohl, ich denke doch, dass der Beamte da drinnen auch bezahlt wird. Aber einerseits kann man ja verstehen, dass es frustrierend sein muss in einer solchen Nacht Dienst zu schieben. Zumal jetzt, seit die Grenzkontrollen mehr oder weniger aufgehoben sind”, meinte er dann langsam. "Andererseits muss ich aber auch sagen, dass er sich seinen Beruf selbst ausgesucht hat und dass er ja auch jederzeit etwas anderes machen kann, wenn er möchte. Es zwingt ihn ja niemand dazu!"
"Naja”, Tonio wiegte den Kopf und schaltete die Scheibenwischer um eine Stufe schneller. "Im Großen und Ganzen magst Du ja recht haben amico. Aber ganz so einfach ist es,  glaube ich, auch wieder nicht. Ich meine - naja, es ist eben nicht so einfach.”
"Du meinst”, gestand Nick ein, "dass man sich zuerst einmal danach richten muss, welche Jobs es gibt, wenn man sich einen Beruf sucht. Beziehungsweise meinst Du, dass es nicht so einfach ist von heute auf morgen alles hin zu werfen, weg zu gehen und woanders neu anzufangen. Schon gar nicht wenn man mit zwanzig geheiratet hat, mit zweiundzwanzig oder noch früher die ersten Kinder kommen, man ein Haus baut und der Bank einen Haufen Geld schuldet.”
"So in etwa könnte man es ausdrücken.”
Nick legte die Stiefel wieder auf die Ablage, lehnte sich zurück und verschränkte die Hände hinter seinem Kopf. Eine ganze Weile fuhren sie schweigend durch den Regen und jeder hing seinen Gedanken nach.
"Kannst Du Dir das eigentlich vorstellen?" wollte Nick dann wissen. "Eines Tages packst Du die notwendigsten Sachen zusammen, setzt Dich in deinen Wagen und fährst in den Süden. Irgendwo an der Küste verkaufst Du das Auto und legst Dir einen uralten, kleinen Kutter zu. Und von diesem Tag an tust Du nichts anderes mehr, als in der Sonne liegen, essen, ziemlich viel trinken, ein bisschen mit den Fischern schwatzen und ab und zu mal einer abenteuerlustigen Touristin zu einem schönen Sommerurlaub zu verhelfen. Und jeder kann Dir ganz gepflegt den Buckel runter rutschen.”
Tonio schüttelte verwundert den Kopf.
"Weißt Du Nick, manchmal habe ich das Gefühl, Du kannst Gedanken lesen. Genau das habe ich mir eben gedacht. Wirklich fast haargenau.”
Nick lachte und streckte sich.
"Das war nicht sonderlich schwer zu erraten. Irgendwie wünschen wir uns das alle. Fast haargenau so.”
Die aufgeworfenen Wasserfahnen der Reifen klatschten gegen die Wände und das eintönige Wisch-Wasch der Scheibenwischer unterstrich nur noch die Monotonie der Nachtfahrt.
"Gibt es da nicht doch Unterscheide?", wollte Tonio wissen. "Zumindest kenne ich ein paar Leute, die viel lieber nach Indien wollen, als in ein kleines Fischerdorf.”
"Oder nach Nepal, nach Südamerika - oder nach Kalifornien. Das stimmt schon, geographische Unterschiede bei den Wünschen gibt es. Aber im Grunde genommen gleichen sich doch alle diese Wünsche. Sie spiegeln das Vollkommene wieder, das, was man sowieso niemals und nirgends erreichen wird.”
Nick nahm die Füße wieder von der Ablage und steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen.
"Wir glauben immer”, murmelte er, während er nach seinem Feuerzeug suchte, "dass dort, wo wir nicht sind, das Leben ist. Dabei ist es dort genau so wenig wie hier. Oder genau so intensiv. Man muss es nur finden.”
Tonio nickte und eignete sich die Zigarette seines Beifahrers an, kaum das sie brannte. Der sah ihn für einen kurzen Augenblick überrascht an und klopfte dann eine zweite aus der frischen Packung.
Tonio blies den Rauch gegen die Windschutzscheibe und sah ihm zu wie er sich weiß vor dem Dunkel der Nacht kräuselte.
"Ich weiß nicht mehr wer es war”, meinte er dann nachdenklich, "aber irgend jemand hat einmal gesagt, dass man vor jedem Übel davonlaufen kann, nur vor dem Schlimmsten nicht - vor sich selbst.”
Nick gab keine Antwort. Er saß nur da, rauchte langsam und bedächtig und starrte nach draußen.
"Arbeiten muss man überall um leben zu können, und wenn man in die Tretmühle muss, dann ist es egal, ob hier oder wo anders. Wenn man es also so sieht”, begann Tonio noch einmal, "dann flieht jeder irgendwie anders und doch ist es immer das Gleiche.”
Nick reagierte immer noch nicht und der Regen draußen in der Nacht schien stärker zu werden.







Es klingelte bereits zum zweiten Mal, als Nick endlich die Schlafzimmertür hinter sich schloss.
"Ich komme ja schon!", rief er und patschte gemächlich in das Badezimmer um seine vollkommene Blöße zumindest mit einem Bademantel zu bedecken. Gerade als er den Mantel zuband klingelte es zum dritten Mal - diesmal lange und ausdauernd. So ausdauernd, dass Nick noch genügend Zeit hatte die Türe zu öffnen, solange die Klingel tobte. Lachend nahm ein junger Mann den Finger gemächlich vom Klingelknopf und auch ein zweites Gesicht grinste Nick an.
"Hab' ich mir doch fast gedacht, dass ihr beiden Halunken das seid”, brummte er. “Was ist, wollt ihr draußen Wurzeln schlagen? Kommt schon rein.”
Die beiden Männer drängten an ihm vorbei ins Wohnzimmer. Während der eine die mitgebrachten Landkarten auf dem Tisch auszubreiten begann, stellte der andere eine Flasche Wein daneben und machte sich daran, an den ihm bekannten Plätzen nach Gläsern zu suchen.
Die beiden Männer hatten etwa Nicks Größe. Der eine war blond mit einem lausbubenhaften Lachen. Der andere im gleichen Alter, aber wesentlich ernster, mit beinahe schwarzen Haaren und Brille. Und während Nick noch überrascht unter der Tür stand, kam der Blonde bereits mit den Gläsern zurück.
"Wir haben Dich doch nicht etwa aufgeweckt?" fragte Erich, der Schwarzhaarige, besorgt. Und Franz meinte, als er die Flasche entkorkte: "Macht auch nichts, der schläft sowieso den ganzen Tag.”
"Ich muss euch leider enttäuschen. Ich war gerade in der Badewanne und bin eben erst fertig geworden.”
Das entsprach zumindest teilweise der Wahrheit.
Franz schenkte die Gläser voll und Erich ließ sich in einen der Polstersessel fallen.
"Ich lass nur schnell das Wasser aus.”
Nick wandte sich wieder um und ging zurück ins Bad. Zuerst tauchte er seine Hände in das bereits kalte Badewasser und fuhr sich mit den feuchten Fingern durch seine wirren Haare. Dann zog er den Stöpsel aus der Wanne und machte sich auf die Suche nach seinen Hosen.

Mit einem ploppenden Geräusch verließ der Stoppel den Hals der zweiten Flasche, die sie aus Nicks Beständen geholt hatten, und der schenkte die Gläser wieder voll.
"Auf Korfu!", riefen sie dann alle drei und hoben ihre Gläser.
"Eigentlich ist alles schon bis ins Kleinste vorbereitet”, wiederholte Erich zum unzähligsten Male. "Wir fahren runter als ganz normale Touristen und sehen uns die Sache mal an.”
"Und wenn es nicht klappt, dann haben wir wenigstens einen schönen Urlaub gemacht”, stimmte Nick zu.
"Nein, nein!"
Franz winkte entschieden ab und lehnte sich zurück.
Nick wollte dazu etwas sagen, aber Franz ließ ihn nicht zu Wort kommen. Er zog die Landkarten, die auf dem Tisch ausgebreitet lagen zu sich und fuhr mit der Hand über das blaue Meer.
"Ich will weg hier - und das dort ist DAS Leben! Ich glaube, ich kann sogar auf der Landkarte das Meer unter meiner Hand spüren. Und dann seht euch an, wie viel Inseln es da gibt! Wenn es auf Korfu mit dem Lokal nicht klappt, dann gibt es ganz sicher irgendwo anders einen alten Ziegenstall, den man ein wenig herrichten kann und als Café verkaufen.”
Nicks Gesicht zeigte nun deutliche Zeichen von Überraschung.
"Also, das hört sich nun schon wieder sehr nach Arbeit an.”
"Aber dafür lebst Du in Griechenland und am Meer”, widersprach Erich, doch Nick brummte unbeirrt: "Also, zum Arbeiten muss ich nicht hinunter fahren, das kann ich hier auch. Das lehne ich einstimmig ab!"
"Na komm schon!"
Erich setzte sich aufrecht hin und stieß in seinem Eifer beinahe sein Glas um.
"Ohne ein bisschen Arbeit wird es nicht gehen. Es sei denn, Du machst noch schnell einen Lottohaupttreffer und stellst uns dann an.”
"Nie!", schrie jetzt Franz gequält auf, grinste und stürzte den Inhalt seines Glases hinunter.
"Bevor ich für den arbeite bleibe ich lieber hier. Für diesen Sklaventreiber! Niemals!!"
Nick wollte nach ihm fassen, aber Franz war schneller auf den Beinen. Und es war ihnen beiden auch nicht so ganz ernst mit ihrem Streit.
"Natürlich”, begann Erich langsam und nachdenklich während er die Gläser wieder nachfüllte, "natürlich gäbe es auch noch ganz andere Möglichkeiten. Man könnte sich zum Beispiel ein Boot kaufen. Oder vielleicht sogar eines selbst bauen. Dann die Adria runter, bei Zypern vorbei und durch den Suezkanal. Und der Pazifik ist groß. Wenn ich an die Seychellen denke oder an Madagaskar. An die Malediven und ...”
"Also ich bin heilfroh, dass wir nicht mit Dir in einem Boot unterwegs sind”, unterbrach ihn Nick hart.
"Was? Aber wieso, ich meine warum, warum ...”
Erich war noch viel zu sehr in seine Träumereien versponnen um wirklich zu erfassen, weswegen Nick ihn die ganze Zeit so hinterhältig angrinste.
"Naja”, Nick schüttelte sorgenvoll den Kopf und sah Erich noch immer schelmisch von unten herauf an. "Wären wir auf einem Boot, dann würde jetzt schon die Streiterei beginnen. Denn ich persönlich würde im Pazifik die Marschallinseln oder Samoa vorziehen. Von mir aus Neuguinea oder Tahiti, alles noch besser als mit Dir im Pazifik erfolglos nach Madagaskar zu suchen.”
"Warum glaubst Du, würden wir Madagaskar erfolglos suchen?", rief Erich jetzt ehrlich verzweifelt aus und rückte seine Brille zurecht.
"Na, Du hast doch selbst gesagt, der Pazifik sei groß.”
"Aber Madagaskar ist auch groß!"
"Das schon, nur ...”
Nick brach ab, starrte Erich an und konnte sich sein Lachen wirklich nicht mehr länger verkneifen. Erich starrte zurück. Fragend, verwirrt und verzweifelt. Er hob die Schultern, holte tief Luft - und mit einem Mal verstand er, sackte in sich zusammen und ließ den Kopf auf die Tischplatte fallen, dass die Gläser bedenklich schwankten.
Franz war die ganze Zeit dagesessen, sein Glas in der Hand und hatte verständnislos von einem zum anderen gesehen. Jetzt, als Erich so offensichtlich resignierte, wandte er sich Hilfe suchend an Nick.
"Hätte vielleicht irgend jemand mal die Güte mir allmählich zu erklären um was es bei euch beiden geht?"
Nick wollte ihm antworten als das aufgestaute Lachen aus ihm heraus brach. Dafür hob jetzt Erich den Kopf ein wenig, legte ihn mit dem Kinn auf die Tischplatte und meinte: "Irgendwie kann ich schon verstehen, dass er nicht mit mir fahren will. Madagaskar liegt im indischen und nicht im pazifischen Ozean!"

"Weißt Du”, meinte Franz schwer und rieb seine roten Augen, "diese ganze Gerede und das Planen ist nicht nur für die Katz‘ sondern sogar für Hund und Katz‘ und Fisch und Vogel. Damit so was wirklich etwas wird, darf man es gar nicht planen. Man muss sich einfach in sein Auto setzen oder in den Zug oder in ein Flugzeug und irgendwo hin gehen und neu anfangen. Ganz neu anfangen, ganz von vorne.”
"Vielleicht würde es auch ganz einfach genügen, nur mehr den ganzen Tag lang blau zu sein”, meinte Erich und trank den letzten Schluck aus seinem Glas, damit Nick den Rest aus der dritten Flasche aufteilen konnte.
"Das Dumme an der Sache ist eben”, meinte Nick während er austeilte, "dass dich doch überall die gleiche Scheiße erwartet. Wo du auch hinkommst. Überall die Hast nach dem lieben Geld. Und das braucht man nun mal um leben zu können. Und für das liebe Geld muss man arbeiten. Und Arbeit - vor allem wenn sie einem keinen Spaß macht - ist auf den Fidschiinseln oder in Griechenland genau so tödlich wie hier. Oder umgekehrt, wenn man genug Geld hätte um nicht arbeiten zu müssen, wäre es hier auch ganz nett. Oder – man hat einen Job, der einem wirklich Spaß macht.”
"Ja - vielleicht”, überlegte Franz weiter, "vielleicht bräuchte man wirklich gar nicht abhauen. Vielleicht würde es ganz einfach genügen einen Job zu finden, der einem Spaß macht.”
Erich erhob sich steifbeinig, hielt sich an der Wand fest und starrte seine beiden Freunde glasig an. Erst nach einer Weile meinte er pathetisch: "Nein! Es scheint so, als sei der Mensch dazu verdammt niemals genug zu bekommen. Wann immer Du etwas erreicht hast, willst Du mehr. Und wenn Du jetzt mit etwas zufrieden bist, dann kann man mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass Du es einmal nicht mehr sein wirst. Wisst ihr, was uns fehlt? Zufriedenheit! Und Ruhe!"
Er schluckte schwer, schüttelte den Kopf frei und atmete schwer durch. Dann meinte er noch leise: "Und ein Bett.”
Auch Franz stand jetzt schwerfällig vom langen Sitzen auf und klopfte Nick auf die Schulter.
"Er hat recht, wir werden eine Fliege machen.”
Erich versuchte krampfhaft vor sich hin zu summen und durch den Raum zu flattern. Sie falteten noch die Karten zusammen und unter der Tür hatte Franz dann die große Erleuchtung.
"Eigentlich," meinte er leicht lallend, "ist das alles nichts anderes als eine große Flucht vor der Wirklichkeit. Erich flüchtet auf sein Traum-Boot, ich flüchte in mein Traum-Cafè und Du Nick, wohin flüchtest Du?"
Aber Nick zuckte nur mit den Schultern und meinte leichthin: "Ach, erstmal in mein Bett.”
Und er drückte ihm die Landkarten in die Hand.
Noch eine Weile stand Nick vor der verschlossenen Tür und lauschte den verklingenden Geräuschen im Treppenhaus. Endlich huschte ein leises Lächeln über sein Gesicht. Er wandte sich ab und ging zurück ins Wohnzimmer um noch schnell die Gläser ins Waschbecken zu stellen, den Aschenbecher zu leeren und ein Fenster zu öffnen. Als er endlich fertig war, löschte er das Licht und tapste im Dunklen zurück um vorsichtig die Tür in sein Schlafzimmer zu öffnen. Dort schob er sich dann ebenso vorsichtig unter die Decke.
"Wuah!", stöhnte sie verschlafen auf. "Bist Du kalt!"
Nick lachte und schmiegte sich an ihren zarten, heißen Rücken.
"Wäre das nicht ein Grund um mich zu wärmen?"
"Naja - vielleicht später”, brummte sie. "Außerdem stinkst Du nach Wein!"
Trotzdem drehte sie sich um und schlang einen Arm um ihn.
"Wer war es denn?", wollte sie dann wissen.
"Zwei Freunde”, war seine Antwort und er küsste sie vorsichtig auf die geschlossenen Augen.
"Kenne ich sie?"
"Kaum”, antwortete er unkonzentriert.
"Na komm schon!", fauchte sie und versuchte an seinem Ohr zu knabbern. "Was hattet ihr denn so Wichtiges zu besprechen?"
Nick setzte sich auf und drückte sie etwas weg. Wie ein verschwommener, weißer Fleck leuchtete ihr Gesicht in der Dunkelheit.
"Du darfst es niemandem verraten, aber wir planen einen Militärputsch auf einer Südseeinsel um sie zu übernehmen und wenn Du brav bist darfst Du mitkommen.”
"Ich halte nichts von Militär und Putschen. Ich finde überhaupt, Du denkst über zu viele Dinge nach”, meinte sie verschlafen aber nachdrücklich und betont.
Nick legte den Kopf nachdenklich schief und fragte: "Und der schreckliche Diktator dort? Jemand muss das Land doch befrieden.”
Die Bewegung ihres Kopfes war eindeutig ein Schütteln.
"Kleiner Dummkopf!”, meinte sie und versuchte verworfen zu klingen während sie ihn wieder zu sich nach unter zog. "Ich werde Dir mal ein Land zeigen, in das Du eindringen, es aufrühren und es befriedigen kannst.”







Das plötzliche Rumpeln und Schlingern des Busses versetzte den beiden Männern einen elektrischen Schlag. Augenblicklich waren sie wieder voll konzentriert und Tonio lenkte den Bus vom Pannenstreifen wieder zurück in die Fahrspur.
"'tschuldige”, meinte er kleinlaut.
Nick winkte gleichgültig ab und platzierte seine Beine wieder vor sich auf der Ablage.
"Ich bin sowieso gleich wieder dran. Was meinst Du, wäre es vielleicht sinnvoll, wenn wir die Intervalle verkürzen?"
Tonio antwortete nicht sofort. Statt dessen steckte er sich einen Zeigefinger ins Ohr und kratzte darin herum. Nach einer Weile meinte er dann: "Das mit den kürzeren Fahrzeiten bringt glaube ich nur wenig. Ich halte viel mehr davon, wenn ich noch die paar Kilometer weiterfahre bis zur Raststätte Mondsee und wir uns einen ordentlichen Kaffee genehmigen.”
Nick klatschte erfreut in die Hände und setzte sich wieder auf.
"Das ist eine deiner besten Ideen, seit wir unten weggefahren sind”, meinte er. "Eine kleine Pause und eine große Schale heißer Kaffee wäre jetzt wirklich nicht das Schlechteste!"
Irgendwann hatten sie das Radio abgedreht, weil doch nicht mehr heraus kam als nervendes Rauschen. Jetzt machte sich Nick daran, wieder einen Sender zu finden. Aber irgendwie waren seine Versuche nicht von Erfolg gekrönt. Denn jedes Mal wenn er meinte, endlich die richtige Einstellung gefunden zu haben kam eine Kurve - und dahinter war der Sender wieder weg.
"Shit”, brummte er vor sich hin und schaltete das Radio wieder ab.
"Naja”, meinte Tonio, "Bayern drei müsstest Du eigentlich klar herein bekommen, so wie Ö3. Aber auch das ist hier nicht so sicher.”
"Ach was.”
Nick lehnte sich wieder in seinen Sitz zurück, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und streckte sich kräftig durch.
"Zumindest eines ist klar”, meinte er dann. "Die Lichter da hinten sind schon von der Raststation.”

Nick hielt die warme Tasse in beiden Händen, die Ellenbogen aufgestützt und blies in die braune, undefinierbare Masse vor seinem Mund. Über den Rand seiner Tasse hinweg sah er Tonio zu, der nachdenklich in seinem Kaffee herum rührte. Nick fand, dass sein Gefährte schlecht aussah. Die schwarzen Haare und der Bart wirkten zerzaust und verfilzt, die Augen lagen tief in den Höhlen, waren verschwollen und gerötet. Langsam stellte er seine Tasse ab, stand auf und ging quer durch den Raum ohne Tonios fragenden Blick zu beantworten. In der Toilette betrachtete er erst einmal lange sein eigenes Gesicht und grinste dann einseitig und verzerrt. Er fand, dass er keineswegs besser aussah als Tonio. Eigentlich ganz im Gegenteil. Er fand, dass seine Wangen grau und eingefallen waren und die Furchen in seinem Gesicht konnten sich ohne weiteres mit denen Tonios messen. Er drehte das kalte Wasser auf und wusch sich erst einmal gründlich dieses alte Gesicht und fuhr sich mit den nassen Händen so lange durch die Haare bis er wieder so etwas wie eine einigermaßen annehmbare Frisur hatte. Erst dann sah er wieder genauer in den Spiegel und entdeckte, dass er eigentlich um keine Spur frischer aussah als zuvor. Oder, dachte er und grinste sich wieder humorlos ins Gesicht, ich sehe aus wie jemand, der seit fast 24 Stunden eine Gewalttour in einem altersschwachen Bus hinter sich bringt. Ja, wenn man es genau betrachtete, dann sah er eigentlich nur so aus, wie jemand in seiner Situation aussehen musste. Er grüßte sein Spiegelbild und ging wieder zurück zu Tonio.
Der fummelte bereits ganz nervös an seiner inzwischen leeren Tasse herum.
"Wo um alles in der Welt warst Du so lange?"
Nick sah ihn sich noch einmal genau an bevor er sich hinsetzte und Tonio konnte in seinem Gesicht nicht erkennen, was er dachte.
"Tja”, meinte Nick als er endlich saß, "ich hab' da unten eine von den Kellnerinnen getroffen.”
"Hast Du sie gekannt?"
"Nein”, grinste Nick, "aber so etwas kann man ändern.”
Tonio machte eine ungläubige Handbewegung und meinte sichtlich gelangweilt: "Und für so was brauchst Du so lange?"
Nick stellte die Tasse wieder ab, hob belehrend den Zeigefinger und meinte: "Erstens mache ich was ich mache ordentlich und nicht husch - wusch ...”
"... husch - glitsch ...”
"... und zweitens hat uns ihre Kollegin überrascht.”
"Und da hast Du mich gar nicht geholt?"
"Wozu denn? Und überhaupt bist Du doch so schrecklich verliebt.”
Tonio wollte ein beleidigtes Gesicht aufsetzen aber das Lachen platzte dann doch aus ihm heraus. Es störte auch niemanden in dem beinahe leeren Lokal. Wohl, weil man es gar nicht hörte bei dem Radau, den er andere Tisch machte. Schon als die Beiden herein gekommen waren, hatte ihnen lautes, dröhnendes Gelächter entgegen geschlagen. Dabei waren sie nur zu sechst. Drei Männer und drei Frauen. Nick war einen Augenblick stehen geblieben und hatte zu ihnen hinüber gesehen. Weder die teuren, wahrscheinlich nach Maß gefertigten Smoking der Herren waren ihm entgangen, noch die raffinierten Abendkleider der Damen. Und auch nicht die beiden Sektflaschen in den Eiskübeln auf dem Tisch. Nick hatte keine Ahnung wie lange sie schon dort saßen, auf jeden Fall aber wusste er, dass in der kurzen Zeit, seit er sie beobachtete, die Sektflaschen zumindest einmal erneuert worden waren.
Nick und Tonio erhoben sich schweigend und gingen hinaus zur Kasse. Dabei ließ es sich nicht vermeiden, dass sie an dem anderen Tisch vorbei mussten. Dort, auf der kleinen freien Fläche vor dem Tisch, tanzte jetzt eine der Frauen für die anderen. Machte das Go-go-girl, aber genau genommen torkelte sie nur schwerfällig, permanent von der Gefahr bedroht auf den hohen Absätzen den ungleichen Kampf mit der Schwerkraft zu verlieren. Dabei vollführte sie Bewegungen, von denen sie wohl meinte, sie seien mondän und aufreizend. Und sie versuchte offenbar mit ihrer brennenden Zigarette Figuren in die Luft zu zeichnen. Als Nick an ihr vorüber kam, taumelte sie gerade wieder mal gegen einen der leerstehenden Tische. Sie sah Nick kurz an, kam zu ihm, legte, geziert wie Lady Chatterly, die schlanken, nackten Arme um seinen Hals. Und lächelte ihn an. Der Dunst aus Alkohol und Rauch, den sie Nick ins Gesicht hauchte, verführte ihn beinahe dazu in die ziemlich freizügig zur Schau gestellte Hügellandschaft zu kotzen. Aber er hielt den Atem an, legte seine Hände auf ihre Taille, drehte sich zweimal mit ihr im Kreis und setzte sie dann auf den Tisch. Sie presste sich an ihn. Es sollte erotisch wirken, aber natürlich nur um vor Schwindel nicht zu fallen. Er machte sich sanft los, tippte mit zwei Fingern grüßend an die Stirn und überließ die Gesellschaft wieder sich selbst. Und er verließ das Lokal unter donnerndem Applaus und Gegröle.
Draußen wartete schon Tonio und sah ihn fragend an.
"Na, was ist jetzt besser - zwei kleine Kellnerinnen oder eine Prinzessin?"
Es hatte aufgehört zu regnen und sie gingen langsam über den nassen Asphalt in dem sich die Lampen spiegelten auf ihren Bus zu. Die Tankstelle und der Autobahnparkplatz lagen still und verlassen da und Nick legte seinen Arm um Tonios Schultern.
"Ich glaube zwei kleine Kellnerinnen, ja selbst eine kleine Kellnerin im Keller ist immer noch besser als so eine Prinzessin am Hals.”
Tonio lachte und rammte Nick seinen Ellenbogen freundschaftlich in die Rippen.
"Und außerdem”, fuhr Nick unbeirrt fort, "ist die da drinnen keine Prinzessin sondern eine Nutte.”
"Wieso?"
“Er zahlt und sie macht die Beine breit. Nennt man diese Mädchen nicht so? Außerdem”, meinte Nick noch langsam, "es gibt Leute die haben Geld und es gibt Leute, die haben Stil. Leute die beides haben, die  kannst Du auf der ganzen Welt an einer Hand abzählen.”
Der Bus stand ziemlich einsam und verloren auf dem großen Parkplatz. Nur jede zweite Laterne brannte, aber der nasse Asphalt glitzerte und erhellte den Platz auf geheimnisvolle Weise. Wie schwebend wartete der Bus auf der spiegelnden Oberfläche. Unten herum, vor allem hinter den Rädern, war er mit Dreck verschmiert. Aber oben herum war es so, als wäre er frisch gewaschen. Irgendwo am anderen Ende des Platzes, hinter ihnen, hörten sie wie sich Türen öffneten und das Lokal die besoffene, übermütige Meute in die Nacht spuckte. Nick nahm dem abgelenkten Tonio die Schlüssel aus der Hand und öffnete die Einstiegstür. Das Zischen der Hydraulik bekam an diesem stillen, schlafenden Ort etwas Einladendes, etwas Vertrautes. Gemächlich stapfte Nick die wenigen Stufen hinauf und setzte sich in den Fahrersitz. Während er sich genüsslich durchstreckte meinte er zu seinem Partner: "Du musst Dich nicht sonderlich beeilen. Ich möchte noch ganz gerne warten, bis unsere Freunde abgefahren sind.”
Wie zur Bestätigung seiner Worte wurde in diesem Augenblick irgendwo im Dunkel ein Motor gestartet und bis zur Schmerzgrenze hochgedreht. In das Quietschen der Reifen mischte sich ein zweiter gepeinigter Motor und ein dritter. Scheinwerfer huschte durch das Innere des Busses und beleuchtete für den Bruchteil einer Sekunde Tonios erstauntes Gesicht.
"Die werden doch so nicht fahren wollen?!"
Ein großer Mercedes raste an ihnen vorbei, schleuderte bei der nassen Ausfahrt vom Parkplatz und schwenkte dann auf die Autobahn ein. Da war auch schon der Zweite da und versuchte sich an ihm vorbei zu drängen. Der dritte Mercedes war zwar genau so schnell unterwegs wie die ersten beiden, doch schien der Fahrer den Wagen nicht so gut unter Kontrolle zu haben. Der Wagen schleuderte nicht nur, er drehte sich einmal im Kreis und schlitterte einige Meter an der Leitschiene entlang. Kreischende Funken erhellten fahl die Nacht. Dann verschwand auch er.
Tonio schüttelte entgeistert den Kopf und schloss die Einstiegstür.
"Drei wunderschöne 300er SEL! Die Frage ist nur, wie werden sie aussehen, wenn es Tag wird.”
"Vielleicht werden es dann drei wunderschöne, blutverschmierte Schrotthaufen sein. Und wenn sie Glück haben dann nur drei und nicht mehr! Aber was soll's.”
Nick zuckte verächtlich mit den Schultern und startete den Wagen.
"Zumindest haben sie die richtige Auffahrt erwischt und wahrscheinlich wird alles gut gehen und die sechs werden morgen nur einen tüchtigen Brummschädel haben. Und alles ist rosa und übermorgen geht's wieder.”
"Du glaubst nicht, dass sie irgendwann mal ein Lektion bekommen?", wollte Tonio wissen.
Nick lächelte kalt und steuerte den Bus langsam vom Parkplatz hinunter.
"Das Leben erteilt keine Lektionen. Es stellt Rechnungen aus. Und alle, die diese Rechnung bekommen haben sind tot. Wer tot ist, der kann eine Lektion nur schwer verwerten. Das Leben gibt nicht viele Chancen. Und vor allem, das Leben ist ungerecht. Nein, stimmt so nicht. Das Leben ist nicht ungerecht, es kümmert sich nicht um das, was wir Gerechtigkeit nennen. Wahrscheinlich jedenfalls werden sie ohne eine Schramme davon kommen, während andere schon ins Gras beißen, wenn sie nur an so was denken.”
Tonio klappte seinen Mund auf um etwas zu sagen, aber er sagte es dann doch nicht. Ja, er vergaß sogar seinen Mund wieder zu schließen. Die Station verschwand allmählich hinter ihnen in der Dunkelheit. So, als hätte es sie nie gegeben. So, als wäre sie nur ein Wunschtraum gewesen.
Tonio klappte den Mund doch wieder zu und streckte sich im Beifahrersitz wohlig aus.
"Ich würde es diesen Lackaffen zumindest vergönnen, dass sie der Polizei in die Hände laufen!"
Nick musste schon wieder grinsen.
"Die sind so vollgedröhnt, dass sie sogar einen Polizeiwagen rammen würden bevor sie ihn bemerken. Außerdem, mein lieber amico, ...” Nick machte eine Pause und Tonio sah ihn erwartungsvoll an.
"... da Du so gut deutsch sprichst, wie heißt eigentlich das österreichische Wort für 'Mafia'?"
Tonio zuckte nur mit den Schultern.
"Freunderlwirtschaft! Stell Dir einmal vor die Polizei von Palermo stößt mitten in der Nacht auf das Söhnchen irgendeines Capos der Mafia, das volltrunken sein Auto durch die Stadt lenkt. Was glaubst Du, werden die Bullen dann machen?"
"Na ja ..”, zögerte Tonio.
"Sie werden genau das Gleiche machen”, erklärte ihm Nick, "was ihre österreichischen Kollegen mit einem dieser drei Früchtchen machen werden. Wenn sie die Söhnchen oder Neffen von irgendeinem Politiker, einem Wirtschaftsboss, einem Bischof oder sonst einem 'Großkopferten' sind, gehen sie mit einer freundlichen Verwarnung aus und dürfen auch noch nach Hause fahren.”
"Und wenn Du es bist ...”
"... wenn ich es bin, schießen sie sofort und jeder Normalbürger wandert erst mal für einige Zeit hinter Gitter, ist seinen Führerschein los und hat außerdem eine lebenslange Vorstrafe im Register. - Und im Gesetzbuch steht, dass alle Menschen gleich sind.”
Tonio lümmelte auf der Ablage und starrte melancholisch in die Dunkelheit der Sträucher, die am Wagen vorbei huschten wie Schatten alter Erinnerungen.
"Eigentlich”, meinte er dann nach einer geraumen Weile, "eigentlich gibt es für diese ganze Ungerechtigkeit nur einen Ausweg.”
"Und der wäre?"
"Man bräuchte doch nur einer von ihnen zu werden. Dann wäre die Ungerechtigkeit  nur mehr halb so schwer zu ertragen. Ja, reich müsste man sein. Reich und mächtig.”
Nicks schallendes Gelächter dröhnte durch den Bus und schien sogar die Nacht mit einer Heiterkeit zu erfüllen, die seinem Partner jedoch einen kalten Schauer über den Rücken jagte.
"Genau das ist es, was ich Dir vorhin zu erklären versucht habe“, meinte er dann. „Es gibt nur ein paar Menschen, die reich sind und die Stil haben. - Doch von denen würdest Du so etwas nie erleben. Aber es gibt sehr viele, die diese wenigen beneiden und manche von ihnen schaffen es auch, reich zu werden. Aber Reichtum und Macht allein genügen nicht. Was dabei heraus kommt, sind dann solche Typen. Sie haben den Reichtum und die Möglichkeiten der Mächtigen, aber sie können weder mit dem einen noch mit dem anderen umgehen, sie habe niemals davon gehört, dass Reichtum und Macht eine Verpflichtung sind und deshalb sind sie es, die beim einfachen Volk verhasst sind. Das ist alles eine Frage der moralischen Bildung. Manche haben sie einfach und die meisten haben sie nicht.”
"Ich könnte mir vorstellen, dass Dir Reichtum und Macht sehr gut stehen würden.”
Nick schüttelte belustigt den Kopf.
"Beides würde mir viel zu schnell zu Kopf steigen. Und ich habe durchaus einen Hang zum Egoismus und zur Verschwendung! Nein, ich glaube, das wäre nichts für mich.”
Allmählich bemerkte er, dass Tonio ihn erstaunt vom Beifahrersitz herauf betrachtete und sah ihn fragend an. Aber der zuckte nur mit den Schultern.
"Das hat eben so eigenartig geklungen, wie Du das so gesagt hast. Ich hatte beinahe den Eindruck, als sprächest Du aus eigener Erfahrung.”
Nick setzte seine feierlichste Miene auf und meinte lauthals: "Ich schwöre Dir hoch und heilig, dass ich niemals in meinem Leben reich war!"







Unübersehbar standen die Sterne am Himmel. Unzählbar, unnahbar und kalt. Ab und zu flackerten sie unruhig auf und glänzten verschwommen wenn eine Wolke, sonst unsichtbar für Nick, vorbei zog. Die dunklen Schatten der Bäume weiter hinten hoben sich schwarz von dem Gefunkel dieses nächtlichen Himmels ab. Rings um ihn war es völlig still. Nur ab und zu raschelte es irgendwo leise im Gras. Aber Nick war mit den Geräuschen der Natur vertraut genug um sich nicht durch die kleinen Tiere ablenken zu lassen. Und doch waren seine Gedanken viel zu aufgewühlt und abgelenkt, als dass sich die Ruhe und Gelassenheit hätte einstellen können, die ihn sonst überkam, wenn er zu einem nächtlichen Sternenhimmel längere Zeit aufsah. Nick hätte auch nicht sagen können woher diese Unruhe kam. Vielleicht war es allein schon das Wissen, dass dieser so ruhige und abgeschiedene Flecken Erde inmitten einer Großstadt lag. Vielleicht war es aber auch dieses andere, dieses ungewohnte Geräusch, dass ihn anstatt zu beruhigen nur erregte. Nick schloss die Augen und horchte in sich hinein. Ja, genau das war es. Auf eine unerklärliche Art und Weise erregte ihn dieses Geräusch. Ein stummes Lachen schüttelte ihn leicht und das Geräusch wurde stärker. Was, fragte er sich, konnte wohl ein krankes Gehirn wie das seine am Plätschern von Wellen erregend finden?
Nick tauchte rückwärts unter und schwamm durch das formlose Dunkel des nächtlichen Swimmingpools zurück an den Rand. Er schwamm unter Wasser, und wie zuvor schon hatte er nicht das Gefühl zu schwimmen. Vielmehr war es so, als würde er in einem schwarzen, leeren Raum schweben. So ähnlich musste sich ein Astronaut nach dem Verlassen der Raumkapsel fühlen. Zumindest so ähnlich. So verlassen, so hilflos, so fremd in einem Raum, in dem er nichts zu suchen hatte. Und der ihm doch so vertraut war. So unendlich vertraut, als wäre er dafür und für nichts anderes geschaffen worden.
Nick tauchte auf, strich sich die Haare aus dem Gesicht und grinste während er suchend am dunklen Beckenrand herum tastete. Endlich fand er etwas Durchsichtiges, Glitzerndes in dessen Innerem Eiswürfel schwammen und leise klirrten, als er es aufhob und der Scotch seinen Hals hinunter brannte.
Die Luft war warm und mild, das Wasser nur wenig kälter. Die Bäume standen da wie riesige Wachposten, der Himmel schillerte und schimmerte in all seiner Pracht. Alles war ruhig und friedlich rings herum und der Whiskey war von annehmbarer Qualität. Er stand hier in einem großen Swimmingpool neben einem noch größeren Haus in einem ansehnlichen Besitz. Und der Whiskey war vielleicht doch ein amerikanischer, aber ein erstklassiger. Doch kein Black Barrel und schon gar kein Black Mills. Alles in allem war dies eine Nacht, wie man sie sich besser nicht wünschen konnte. Und doch war Nick nervös. Und er war sich sicher den Grund dafür zu kennen. Er wusste was kommen würde, noch bevor es geschah.
In zwei Fenstern im ersten Stock flammte Licht auf und Nick stellte sich vor, wie sie ins Badezimmer ging, auf den Gang hinaus und dann die Treppe hinunter ins Erdgeschoß.
Jetzt ging auch das Licht in dem weitläufigen Wohnzimmer an und drang durch die großen Glasscheiben und die offene Schiebetüre hinaus ins Freie. Taghell war die Terrasse mit einem mal und die Wasseroberfläche spiegelte und schimmerte wie flüssiges Metall. Und sie warf einen Teil des Lichtes zurück auf die Hausmauer wo die einzelnen Flecken unruhig auf und ab zu tanzen begannen. Auch die Umrisse des Pools traten hervor. Und das Glas, die Flasche und der Kübel mit den Eiswürfeln. Nick stellte zu seinem Erstaunen fest, dass sich die Flasche schneller dem Ende zuneigte, als er angenommen hatte.
"Nick?"
Sie kam durch den Raum, warf einen flüchtigen Blick nach draußen ohne ihn zu entdecken und wandte sich dann wieder herum. Mitten vor dem kalten Kamin blieb sie stehen, stemmte ihre Fäustchen auf ihre Hüften  unter dem seidigen Etwas von Hemd das sie trug und warf ihre Haare mit einer energischen Kopfbewegung zurück.
"Nick, wo bist Du?"
Aber Nick konnte nicht antworten, denn er hatte gerade ein Glas an den Lippen und den Mund voller Whiskey. Aber er achtete nicht darauf, dass er schon wieder trank. Seine Gedanken waren bei jener Frau dort in dem hell erleuchteten Raum.
Er antwortete nicht, denn er überlegte mit einem Mal, wie er es wohl anstellen würde sie zu beschreiben. Sollte er damit anfangen, dass sie nicht einmal eins siebzig groß war und ihr Körper an manchen Stellen zierlich und an anderen geradezu atemberaubend? Oder sollte er behaupten ihr Temperament sei das eines glühend heißen, ständig gefährlichen Vulkans um ihr damit bei weitem zu wenig Ehre zuteil werden zu lassen? Sollte er ihre Löwenmähne als genauso unbezwingbar hinstellen wie sie selbst, wo sie ihm doch jeden Tag den Gegenbeweis antrat - in Form einer perfekt frisierten Löwenmähne. Er musste lächeln als er daran dachte, dass er einem Freund gegenüber einmal gemeint hatte, es gebe nur einen Menschen mit dem man sie annähernd vergleichen konnte. Und das sei Tina Turner. Auch wenn Yvonne bei diesem Vergleich drei Fehler aufzuweisen hatte. Sie war noch nicht dreißig, hatte eine nicht mal passable Stimme - und sie war eine Weiße. Aber das alles störte Nick nicht besonders.
"Verdammt, wo steckst Du Arschloch!"
Aber sonst, meinte er, glich sie dieser Tina wohl sehr.
"Du weckst die Eichhörnchen auf.”
Sie fuhr herum und starrte blinzelnd nach draußen. Endlich entdeckte sie seinen Schatten am Beckenrand und kam zu ihm.
"Was um alles in der Welt machst Du um diese Zeit im Pool?"
Nick verzichtete darauf zu antworten. Dafür hielt er ihr sein Glas hin und sie nahm einen tiefen Schluck.
"Verdammt”, sagte sie noch einmal, als sie die Flasche daneben entdeckte. "Die war am Abend fast noch voll. Mich wundert, dass Du Idiot noch nicht abgesoffen bist!"
Nick lachte laut, stieß sich vom Beckenrand ab und ließ sich vor ihr auf dem Rücken treiben.
"Wie Du selbst sehen kannst”, meinte er, "bin ich keineswegs so besoffen wie Du mir unterstellst.”
Und es war augenfällig, dass er noch keineswegs jenseits jeder Reaktionsfähigkeit war. Denn die Reaktion seines Körpers war unweigerlich eingetreten, als er an sie gedacht hatte. Sie aber lachte nur und trank den Rest aus dem Glas um mit ihren langen Nägeln die Eiswürfeln daraus zu angeln und sie nach seinem Mast zu werfen.
"Hey!", rief er. "Wenn Du dein Werk schon zerstören willst, dann kennst Du doch sicherlich auch andere Mittel und Wege.”
"Ach nein!", rief sie und lachte los. "Die Wahl der Waffen musst Du schon mir überlassen.”
"So?"
Mit langsamen Bewegungen kam er an den Beckenrand zurück und schwang sich nach draußen. Aber mit einem schnellen Griff nahm er sie um die Hüfte und presste sie eng an sich.
"Wah, Du bist ja ganz nass!", schrie sie auf, aber ihr Protest klang nicht mehr ganz so energisch.
"Ich wollte nur noch mal wissen wie das eben war - von wegen Wahl der Waffen. Übrigens hast Du völlig recht. Ich bin nass. Und kalt und glitschig. Dagegen bist Du warm und weich und süß.”
Er hob sie hoch, küsste sie leicht auf den Mund und während sein Mund ihren Hals entlang nach unten wanderte, stellte sie wieder ab.
"Wann hast Du morgen deinen Termin beim Friseur?"
Sie kannte ihn noch nicht lange genug um sich auch nur halbwegs an seine Gedankensprünge gewöhnt zu haben. Deshalb benötigte sie für die Antwort einige Zeit.
"Um neun Uhr, gleich als erstes, aber warum ...”, stammelte sie verwirrt, doch Nick ließ ihr keine weitere Atempause. Er hob sie wieder zu sich hoch und küsste sie. Diesmal intensiver, länger. So lange, dass sie die Arme um ihn schlang und sich an ihn schmiegte. Und da ließ er sich seitwärts ins Becken fallen.

"Nein! Nein-nein-nein!!"
Yvonne raste durch das Zimmer und schien es in seine Bestandteile zerlegen zu wollen. In ihrem engen Abendkleid sah sie wirklich umwerfend aus. Selbst dann noch, wenn sie schnaubend vor Wut und mit aller Kraft alles was sie finden konnte nach Nick warf. Und der machte nicht einmal mehr Anstalten auszuweichen. Er saß ruhig und interessiert da, hielt den großen Polster wie ein Schild vor sich und fing damit alle Wurfgeschosse ab. Und gerade seine Ruhe war es, was ihre Wut noch aufstachelte.
Er saß da und auf eine ganz seltsame Weise wirkte er unpassend in diesem Raum. Ob es sein Hemd war oder seine Jeans. Oder vielleicht gar seine Stiefel, Nick hätte es nicht sagen können, selbst, wenn es ihn interessiert hätte. Und als sie dann endlich soweit war, als sie an dem Punkt angelangt war, wo sie nichts mehr fand, was sich werfen ließ, nur mehr vor Wut schnaubend mitten im Zimmer stand und hilflos mit dem Fuß aufstampfte, da senkte er sein Polsterschild und meinte: "Okay.”
"Okay? Was okay? Was soll das jetzt wieder heißen?", fauchte sie und hörte endlich auf ihre hohen Absätze in den flauschigen Teppichboden zu hämmern. Nick zuckte mit den Schultern.
"Wenn Dir wirklich soviel daran liegt, dass ich heute bei dieser Party dabei bin, dann meinetwegen. Auch, wenn ich nicht weiß, was ich da soll. Wenn Dir wirklich soviel daran liegt, dass ich mich in einen Anzug werfe, meinetwegen. Aber wenn mich dann eine von deinen göttlichen Freundinnen verführt, kann ich nichts dafür.”
"Macht auch nichts”, meinte sie leichthin auch wenn ihre Wut noch keineswegs verraucht war. "Es werden genug tolle Typen da sein an denen ich mich schadlos halten kann.”
"Meinetwegen.”
Ohne Vorwarnung stürzte sie sich auf ihn und versuchte ihm die Augen auszukratzen oder ihn in den Hals zu beißen oder beides.
"Du Scheusal!", rief sie dabei. "Du verdammtes Arschloch, Du weißt ganz genau, dass ich Dich nicht betrügen kann, aber kannst Du nicht wenigstens ein bisschen eifersüchtig sein?"
Nick versuchte sie von sich zu drücken oder zumindest fest zu halten, ohne dabei zu viel von ihrer Frisur oder ihrem Make-up zu zerstören.
"Natürlich kannst Du mich nicht betrügen, dass ist doch ganz logisch.”
"Bei Dir bin ich mir da nicht so sicher”, brummte sie, aber dann reagierte sie erst auf das, was er gesagt hatte. "Wieso ist das 'logisch'?"
Sie machte es sich jetzt auf seinem Schoß bequem und sah ihn fragend an. 
"Natürlich kannst Du mich nicht betrügen”, erklärte Nick, "denn betrügen kann man nur jemanden mit dem man verheiratet ist oder zusammen lebt. Aber so ...”
Er ließ den Satz unvollendet und hob nur vielsagend die Hände.
"Aber leben wir denn nicht zusammen?", wollte sie wissen und Nick lächelte traurig.
"Ich bin in diesem Haus bestenfalls ein Gast. Ein Gast der irgendwann mal hereingeschneit ist und der genau so schnell wieder verschwinden wird - eines Tages. Und das wahrscheinlich ohne Spuren zu hinterlassen, die darauf hindeuten könnten, dass er jemals hier war.”
Er sah sich um, betrachtete das verwüstete Zimmer, die schiefen Bilder, die Scherben am Boden und dachte an das Gesicht der Haushälterin morgen früh.
"Oder zumindest nur wenige Spuren.”
Yvonne lächelte vielsagend und schmiegte sich an ihn.
"Ach ja, der große, einsame Wanderer. Und der ...”
"... bittet Dich die Hand dort weg zu nehmen, wo sie jetzt liegt”, unterbrach sie Nick ernüchternd. "Außerdem würde ich Dich ersuchen mich aufstehen zu lassen, damit ich mich umziehen kann und falls Du es vergessen hast, die ersten Gäste werden in nicht mal einer Stunde antanzen.”
Sie fuhr auf und starrte erschrocken auf ihre viel zu kleine, glitzernde Uhr.
"Kannst Du mir sagen, warum ich mit Dir immer so viel Zeit vertrödle?"
"Kannst Du mir sagen, was ich anziehen soll?", wollte Nick anstatt einer Antwort wissen.
"Ich hab Dir einen Anzug gekauft.”
"Du hast mir schon sechs Anzüge gekauft”, entgegnete er.
"Nein sieben. Der Neue hängt im Schrank. Ein Schwarzer mit Bolerojacke und Seidenscherpe. Und jetzt halt mich nicht länger auf. Wenn ich da unten nicht selbst dabei bin, machen die wieder alles falsch! Es ist einfach zu verzweifeln. Die Leute sind einfach so unfähig."
Nick schloss leise die Tür hinter ihr und ihren weiteren Beteuerungen. Dann begann er ohne Eile seine Verwandlung in ein ihm fremdes Wesen. Und er war noch immer nicht davon überzeugt,  dass es eine gute Idee war.

Die Leute vom Partyservice hasteten wild durcheinander und konnten das Buffet gerade so schnell nachfüllen, wie die Gäste es abräumten. Nick stand etwas abseits an einem der Stehtische und bewunderte diese jungen Leute, die schnell, präzise und immer mit einem Lächeln auf den Lippen ihre nörglerischen und stets unzufriedenen Altersgenossen bedienten. Und er suchte nach einem geeigneten Platz an dem er die Flasche Tequila verstecken konnte, die er sich kurz zuvor angeeignet hatte. Er dachte nicht daran mit einem dieser herum stolzierenden Wesen seine Flasche zu teilen. Es kostete ihn schon Überwindung genug, hier inmitten dieses Tumults zu stehen und gute Mine zum bösen Spiel machen zu müssen. Dabei hätte er nicht einmal genau sagen können, was es denn war, das ihn so abstieß. Das Spiel war nicht böse. Vielleicht intrigant. Beherrscht von Neid und dem dringenden Bedürfnis nach Beachtung. So viel Geld in diesem Raum, und doch so arme Menschen, grinste er innerlich. Vielleicht war es sein Wunsch, von ihnen nicht bemerkt zu werden, unbeachtet am Rande stehen zu können, was ihn ausgrenzte. Vielleicht war es ihre hochnäsige und herablassende Art, mit der sie alles und jeden behandelten. Vielleicht war es aber auch nur die Langeweile und das Desinteresse, die wie gemeißelt in ihren Gesichtern standen. Vielleicht, vielleicht, vielleicht. Es konnten aber genau so gut seine eigenen Vorurteile sein, was ihn so missmutig machte.
Nick schenkte sich nach und trank gleich wieder aus. Eigentlich, überlegte er, war es unnötig die Flasche zu verstecken. Bevor jemand bemerken würde, dass er sie in der Hand hielt würde sie ohnehin schon fast leer sein. Irgendwo registrierte er mit Verwunderung, dass sein Konsum von Alkoholika in der letzten Zeit massiv zugenommen hatte. So, als wolle er unbedingt verhindern, nüchtern zu werden. Während der Agavenbrand eine glitzernde Spur heißen Sonnenlichtes durch seine Eingeweide branntet, betrachtete er nachdenklich die Flasche. Ja, es war bemerkenswert, wie in den letzten paar Wochen sein Alkoholkonsum in unbekannte Höhen gestiegen war. Bedenklich bemerkenswert. Und es war an der Zeit, etwas dagegen zu unternehmen. Er lehnte sich gegen die Wand hinter sich und goss noch einmal nach. Allmählich fühlte er, wie der Schnaps seinen Magen leer brannte, seine Glieder bleischwer werden ließ und sein Gehirn zartfühlend in immer dichteren Nebel hüllte. Merkwürdigerweise fiel ihm plötzlich etwas ein, was schon Monate zurücklag. Er war quer durch den Tierpark gewandert und hatte sich gefragt, was es wohl war, dass den meisten Tieren einen intelligenten Gesichtsausdruck verlieh. Jetzt, während er so an der Wand lehnte und diese andere Art der Tiere bestaunte, da kannte er auf einmal die Antwort. Es war keineswegs Intelligenz gewesen, was ihn da aus den tierischen Gesichtern angesprochen hatte. Nur Aufmerksamkeit. Interesse dem gegenüber, was da rund um sie vor sich ging. Nick betrachtete wieder die ausdruckslosen, stumpfsinnigen Gesichter rund um sich. Und er fragte sich wieder einmal, ob nicht doch der Natur ein schwerwiegender Fehler unterlaufen war, als sie der Menschheit erlaubt hatte, sich zu entwickeln. Aber andererseits konnten nur aus dem Chaos und der Dekadenz einer alten Rasse die Vertreter einer neuen, einer verständigeren Rasse entstehen. Weiter gediehen seine philosophischen Betrachtungen im Tunnelblick für diesmal allerdings nicht, denn es trat ein, was er längst befürchtet hatte. Eine Gruppe von Leuten schob sich vom Buffet her langsam aber unaufhaltsam auf ihn zu. Und noch bevor er das Weite suchen konnte, hatten sie ihn schon eingekreist und bezogen ihn ein in ihre amüsanten, interessanten und anregenden Gespräche. Doch Nick hielt sich zurück. Er wusste gut genug, dass es ihnen keineswegs darum ging, ob er bei der hier gefeierten amerikanischen Präsidentschaftswahl republikanisch oder demokratisch gestimmt hätte. Hier, in dieser abgeschirmten und ausgeschlossenen Gesellschaftsschicht, kannte jeder jeden. Und das bis in seine kleinsten Gewohnheiten. Dafür sorgte schon die umfassende Gerüchtebörse. Wenn dann plötzlich jemand auftauchte, der nicht zu ihresgleichen gehörte, über den man nichts wusste und den man nicht kannte, dann witterte man sofort ein interessantes Abenteuer oder, unbewusst, eine mögliche Bedrohung. Und als Yvonnes Neuer erfüllte er alle Voraussetzungen um ihre Neugierde zu wecken. Doch Nick hielt sich zurück. Er sprach wenig und war darauf bedacht, sich nicht aus der Reserve locken zu lassen.
"Und womit verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt?"
Diese Frage war in ihren Kreisen genau genommen eine Beleidigung. Geld verdiente man nicht, das hatte man. Vielleicht ‚machte‘ man noch etwas an der Börse oder ging ähnlichen Hobbys nach. Das alles hatte aber nichts mit dem Lebensunterhalt zu tun. Nick sah darüber hinweg und statt dessen die Fragerin lange an. Sie war ihm schon einige Male aufgefallen, denn dieses kleine, mollige Persönchen trug ein hautenges Kleid. Ein so hautenges Kleid, dass sich sogar ihr Nabel und die kleinen Ringe um ihre Hüften abzeichneten - sonst allerdings nichts. Was Nick immer wieder unbewusst auf ihre Brüste hatte schielen lassen. Unmöglich konnten diese runden Formen natürlich sein.
"Ich mache Filme”, antwortete ihr Nick langsam.
"Aha. Dann sind Sie ein Künstler.”
Schublade auf, Schublade zu.
Nick aber lächelte scheinbar verlegen.
"Nun, für Kunst habe ich noch nie sehr viel übrig gehabt”, gestand er, was zumindest der Wahrheit entsprach. "Meine Filme sind eher kommerzieller Natur.”
"Jetzt sagen sie bloß noch, Sie machen in Werbung!", fiel ihr Begleiter ein und schwankte leicht vor Entsetzen und Alkohol, aber Nick schüttelte nur den Kopf ohne seinen Blick von der Frau zu nehmen, die wie gebannt an seinen Lippen hing. Er lächelte. Und er sprach langsam.
"Ich produziere - alle Spielarten von - Unterhaltung für – Erwachsene.”
Ein verständnisloser Blick von ihr.
“Also Pornos“, brummte ihr Begleiter zufrieden und war froh, dass es keine Werbung war.
Sie zuckte beherrscht zusammen und atmete tief ein. Aber entgegen Nicks Befürchtungen hielt ihr Kleid dem Druck ihrer Oberweite stand. Dann lachte sie glucksend auf und mit ihr die ganze Runde. Aber schnell packte sie Nick am Arm und zog ihn ein kleines Stück zur Seite.
"Aber das ist ja schrecklich!”, begann sie halbherzig und quetschte seinen Oberarm wie ein Schraubstock. “Oder wollen Sie uns nur zum Besten halten, Sie kleiner Schelm?"
In ihrem Blick lag plötzlich etwas, das er nicht zuordnen konnte, das ihm aber einen trockenen Mund verursachte.
"Es klingt so einfach, ist aber ziemlich vielschichtig”, entgegnete er diplomatisch.
"Aber ist das nicht ein durchaus schwieriger Beruf?", sie schien eigentlich völlig desinteressiert, doch der Druck an seinem Arm verstärkte sich laufend, ihre Augen hatten einen feuchten Glanz bekommen. Während Sie die Farbe von Ihrer Unterlippe nagte, wogte ihr enormer Busen bedenklich und die Brustwarzen versuchten ziemlich erfolgreich den Stoff zu durchbohren.
"Nun, die wirtschaftliche Seite ist keineswegs schwierig. Die Produktionen sind meist billig und der Absatz ist gesichert. Das eigentliche Problem liegt bei den Schauspielern. Sehen Sie, ‚Made in Übersee‘, das ist auch bei diesen Filmen immer öfter der Fall, da es in diesen Regionen der Welt wesentlich einfacher und billiger ist Mädchen und Männer, also Darsteller, zu bekommen. Und natürlich will das westliche Publikum Exotik geboten bekommen - aber nicht nur! Und da beginnen die kleineren Schwierigkeiten. Oder könnten Sie es sich vorstellen, es mit fünf hervorragend gebauten Männern auf einmal aufzunehmen, während zwanzig Leute ihnen zusehen und könnten Sie das auch nach drei Stunden dann noch schön finden, oder zumindest so tun?"
Nick wurde bewusst, dass er schnellstens ein Ende finden musste, sonst würde etwas geschehen. Entweder die Augen würden ihr herausfallen, sie selbst aus ihrem engen Kleid oder sein Arm würde ihm abgequetscht.

Nick wollte eben nach einer neuen, noch ungeöffneten Flasche greifen, als sich ein zarter Arm um seine Hüfte legte und jemand von hinten begann, an seinem Ohr zu knabbern. Er vergaß die Flasche, stellte auch sein Glas hin und wandte sich um. Während er Yvonne seine Hände auf die Hüften legte meinte er: "Na so was. Dich gibt's ja auch noch!"
"Na, Du musst gerade reden!", brummte sie und stemmte sich weg von ihm. "Was hattest Du denn vorhin mit dieser kleinen, blondgefärbten Hexe so Wichtiges zu besprechen? Sie sah aus, als wollte sie Dich gleich hier verschlingen.”
Yvonne nickte mit dem Kopf nach draußen wo am Rand des Pool jetzt die Kleine mit den blonden Engelslocken in ihrem im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubenden Kleid stand und aufgeregt auf ihren Begleiter einsprach als wollte sie ihn von einem äußerst wichtigen Vorschlag überzeugen. Nick lachte auf und zog Yvonne mit sich fort in einen weniger belebten Winkel. Nicht ohne sein Glas und die neue Flasche zu vergessen. 
"Sie hat mich gefragt, womit ich mir meinen Lebensunterhalt verdiene.”
"Diese kleine Schlampe! Ich ...”
Nick küsste sie leicht auf ihre vollen Lippen und sie verstummte sofort.
"Und ich habe ihr geantwortet, dass ich Pornofilme mache und ganz dringend noch ein Girl suche, dass es mit fünf Typen gleichzeitig treibt.”
"Und sie hat Dir eine geklebt!", lachte Yvonne schadenfroh aber Nick ließ sie los und begann in seinen Taschen zu kramen. Endlich hielt er ein kleines Kärtchen hoch.
"Sie hat mir ihre Visitenkarte gegeben.”
Yvonnes Wutausbruch führte nur deswegen zu keinem Skandal, weil Nick sie fest in seine Arme nahm und solange küsste bis sie sich einigermaßen beruhigt hatte. Und er hatte den leisen Verdacht, dass sie sich ohne seinen Kuss vielleicht schneller beruhigt hätte.
„Darüber müssen wir uns noch unterhalten“, meinte eindringlich und packte ihn endlich beim Arm um ihn wieder unter die Menschen zu ziehen. "Eigentlich wollte ich Dich jemandem vorstellen”, erklärte  sie dabei verschwörerisch.
Nick ließ sich willig durch das Getümmel schleppen und bereitete sich innerlich darauf vor wieder einen von den ganz wichtigen Freunden Yvonnes zu treffen, die man einfach kennen musste. Sie sagte es nie, aber es war offensichtlich, dass sich sich wünschte, er würde dazu gehörten, berühmt oder reich oder beides zu sein. Irgendwie fiel ihm dabei ein, dass es zwar in ihren Kreisen unschicklich war über Geld zu reden, oder über Einkommen, aber er hätte mit einem Mal doch zu gerne gewusst, woher Yvonne das viele Geld hatte, dass sie so bedenkenlos und mit vollen Händen zum Fenster hinaus warf. Denn er hatte noch niemals bei ihr erlebt, dass sie etwas getan hätte um ihr Vermögen zu verwalten, zu sichern oder gar zu vermehren. Auch ging sie nie zur Bank und traf keinen Vermögensberater. Sie gab Geld nur aus. Im besten Falle zückte sie ihr Krätchen. Doch allein diese Party hier! Da würden Rechnungen kommen und Rechnungen mussten geprüft und bezahlt werden. Er tappste hinter ihr her wie ein Tanzbär, den man am Nasenring führte weil seine Gedanken plötzlich ganz weit weg waren. Sollte es jemand anderen geben, der ihr Geld verwaltete, die Rechnungen bezahlte, dieses Geld vielleicht herbei schaffte? Und, wenn ja, auf welche Weise geschah dies, dass sie es so bedenkenlos und ungehindert wieder ausgeben konnte? Nick fühlte, wie sich plötzlich seine angeborene Neugierde in ihm wieder regte, aber durch sie hatte er schon so viele unangenehme Situationen erlebt, dass er sich geschworen hatte, nie mehr auf sie zu hören. Und für diesmal gelang es ihm auch die auftauchenden Fragen und Kombinationen wieder unter die Oberfläche seines Bewusstseins zu kehren. Dass sein Bewusstsein dabei in einem Meer aus Alkohol schwamm war da nur hilfreich. Aber er fühlte nur zu gut, dass die Fragen damit keineswegs aus der Welt geschafft waren. Die Fragen würden wieder kommen, wenn er sie nicht unter der Oberfläche hielt. Etwas Alkohol würde dabei sicherlich helfen.
"Caro Zio Mallo, mein liebster Conte, ich möchte Dir hier jemanden vorstellen ...”
"... der das Glück hat während seiner Zeit in Wien Gast in diesem Haus sein zu dürfen”, unterbrach sie Nick und streckte dem älteren Herrn mit den grauen Schläfen die Hand hin. Ein nachdenklicher Blick aus dunklen Augen traf ihn, dann streckte auch der Mann in dem fast unpassend einfachen, hellblauen Sommeranzug ebenfalls die Hand aus und erwiderte die Begrüßung mit einem kurzen aber festen Händedruck.
"Nun”, begann Yvonne von Neuem, "ihr arbeitet in der gleichen Branche ...”
"... wenngleich auch höchst wahrscheinlich auf verschiedenen Ebenen”, unterbrach sie Nick wiederum und der Südländer lächelte verhalten während Yvonne wütende Blitze auf ihn abschoss.
"Ich sehe mein Freund”, meinte der ältere Herr, "Sie wissen wie vielschichtig unsere Branche ist. So vielschichtig, dass jeder etwas nach seinem Interesse finden kann, nicht wahr?"
"E per questo capacita”, ergänzte Nick und der Mann lachte erstaunt auf.
"Ihre Fähigkeiten dürften bei weitem ausreichen!", meinte er mit einem überraschten Lächeln. "Aber sagen Sie mir, wie sind sie dahinter gekommen, dass ich Italiener bin?"
Nick lachte. Zum zweiten Mal an diesem Abend. Weil er höflich war. Und weil dieser Mann eben so wenig hierher zu gehören schien, wie er selbst.
"Nun, da wäre mal die Anrede von Yvonne. Ein Name, der eigentlich auch ein Adelstitel sein kann. Andererseits, mit Conte könnten sie natürlich auch Amerikaner sein. Aber es gibt nur zwei Sprachen, die sich des 'nicht wahr?' am Ende eines Satzes bedienen. Das Englische mit 'isn't it?' und das Italienische mit 'non e vero?'. Niemals aber das Amerikanische. Es sind natürlich sehr viele Amerikaner heute hier, man bedenke den Anlass, aber ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht allzu übel, auf mich wirken Sie so gar nicht wie Burger and Coke.”
Wieder lachte der distinguierte Mann. Diesmal laut und herzlich. So laut und herzlich, dass sich einige Leute nach ihm umwandten, denn laut war man hier ja gewohnt, aber herzlich ...
"Aber genau genommen”, gestand Nick noch nachträglich, "lässt wohl auch Ihr Titel kaum einen Zweifel aufkommen, denn Sie sind ein Conte, nicht wahr?"
"Marcello Paolo Conte di Brambella”, stellte sich der Mann mit einem leisen Nicken vor. “Und wenn Sie Engländer sind”, fuhr er fort und strich sich vorsichtig über seinen gepflegten Oberlippenbart, "dann müssen Sie schon sehr lange hier leben. Man merkt keinerlei Akzent. - Oder sind Sie vielleicht gar Italiener?"
Nick schüttelte den Kopf und lachte. In Gegenwart dieses Mannes fiel ihm das sehr viel leichter.
"Nein, nein. Was immer Yvonne Ihnen auch erzählt hat, ich bin hier in Österreich geboren und hier aufgewachsen. Ich versuche zwar die italienische Sprache zu meistern, aber ...”
"Ich habe Onkel Marcello noch gar nichts, oder fast nichts über Dich erzählt!", warf sie sofort und ein wenig ärgerlich ein, wobei sie Nicks Arm fest an sich drückte.
"Das stimmt leider durchaus”, bestätigte der elegante Mann und beobachtete amüsiert Nicks verhaltenes Erstaunen auf die Nennung seines Verwandtschaftsverhältnisses. "Und ein Mann, der meine kleine Yvonne so fesseln kann, interessiert mich doch. Sie müssen nämlich wissen, ich kümmere mich schon um sie seit sie mit Wasserskilaufen begonnen hat - und das hat sie mit vier!"
Er berührte sie leicht an der Wange und Nick hatte den Eindruck, dass in dieser Bewegung und in der Pause, die dabei entstand, sehr viel Zuneigung und Zärtlichkeit lag. Aber nicht die Zärtlichkeit eines Mannes. Eher schon jene Zärtlichkeit, die man einem kleinen Kind entgegen bringt. Doch Yvonne war alles andere, als ein kleines Kind.
"Aber, mein lieber junger Freund”, fuhr er fort, "ich kann Ihnen leider nicht ganz verschweigen, dass mein Interesse an Ihnen, seit ich Sie kenne, noch ein wenig größer geworden ist. Ich hoffe ja doch, wir werden am Wochenende Gelegenheit haben, uns in aller Ruhe zu unterhalten.”
"Am Wochenende?"
Vor Nicks geistigem Auge leuchtete eine Kalendereintragung rot auf.
"Nun”, meinte er dabei langsam, "ich glaube schon, dass sich das einrichten lässt.”
"Nun, das will ich doch meinen! Sie wohnen ja immerhin bei mir.”
Nicks Gehirn entwickelte mit einem Schlag fieberhafte Tätigkeit.
"Oh!", Nick deutete um sich. "Dieses Haus ...”
"Aber nein!", lachte der Mann und breitete die Arme aus. "Im Palazzo in Venedig.”
Nick fühlte, wie das Parkett unter ihm glatt wurde und sein Gehirn leicht verzweifelt leere Kammern durchstöberte.
"Venedig? Aber wieso? Ich meine ...”
Er wandte sich an Yvonne und sah sie über ihr ganzes, kleines Gesichtchen strahlen.
"Weil wir zumindest dieses Wochenende - und vielleicht auch länger - Ferien in Venedig bei Onkel Mallo machen! Überraschung! Überraschung!"
"Das kann man wohl sagen”, stimmte er ihr mit einem schmerzlichen Gesicht zu.
"Ich habe beinahe den Eindruck, dass sich Ihre Freude in Grenzen hält”, bemerkte der Onkel Marcello recht treffend.
"Nun, Signore Conte, Sie werden wohl am besten verstehen, dass man berufliche Termine nicht so ohne weiteres verschieben oder absagen kann.”
Der Signore wollte antworten aber Yvonne kam ihm zuvor. Sie stieß Nick vor die Brust und funkelte ihn an.
"Wenn Du mir diese Freude verdirbst, dann kannst Du bleiben wo der Pfeffer wächst. Du wirst mir diese Freude nicht verderben!"
Es gab niemanden in dem Raum, der nicht sah, wie sie ihn noch weiter von sich stieß und dabei rief: "Du Scheusal, Du ...”
"Yvonne.”
Die Stimme des älteren, freundlichen Herrn klang mit einem Mal kalt und schneidend und war doch keineswegs übermäßig laut. Es war eine Stimme, die gewohnt war, zu befehlen. Und gewohnt, dass man diesen Befehlen augenblicklich Folge leistete.
Sie erstarrte, aber sie sah trotzig wie ein kleines Mädchen zu Boden. Nick konnte regelrecht fühlen, wie sie zitterte vor Zorn.
"Ich hoffe, Du erinnerst Dich noch, wie sich eine junge Dame deines Standes zu benehmen hat. Noch dazu als Gastgeberin!"
In dieser ruhigen Stimme lag eine so gewaltige Autorität, dass sie Nick ein leichtes Kribbeln auf der Kopfhaut verursachte. Für den Bruchteil eines Augenblickes vermeinte Nick diesen freundlichen Herrn an der Spitze eines Heeres seiner Ahnen stehen zu sehen, und das keineswegs freundlich. Sie nahm die Zurechtweisung zur Kenntnis, aber sie kniff die Lippen zusammen, wandte sich wortlos um und ging zurück zu ihren übrigen Gästen. Einen Augenblick lang sahen die beiden Männer ihr nach, dann meinte der Ältere nachdenklich: "Sie hat das Temperament ihrer Mutter. Ich hoffe nur, Sie lernt bei Zeiten, sich zu beherrschen. Fragen Sie jetzt nicht, was Sie eben fragen wollten!", fügte er noch schneller hinzu, als Nick einen klaren Gedanken fassen konnte.
"Erzählen Sie mir lieber, was Sie - in unserer Branche - so machen.”
Nick grinste und meinte: "Eben habe ich eine junge Dame hier beschwindelt und ihr erzählt, ich mache Pornos.”
"Zumindest eine Sparte, die sehr lukrativ ist”, kam die ungerührte Antwort. “Und was hat sie gesagt?"
Nick zuckte mit den Schultern und lächelte hilflos.
"Sie hat mir ihre Visitenkarte gegeben.”
"Bene. Molto bene!"
Er lachte. Wieder dieses Lachen. Laut und herzlich. Ein älterer, gutaussehender Herr. Der Onkel mit dem weichen Herz, der niemals etwas abschlagen konnte. Nick fragte sich für den Bruchteil einer Sekunde wie viel Gesichter dieser Mann wohl haben mochte - dann stimmte er in dieses fröhliche Lachen mit ein.
"Nun, ich glaube, Sie sollten sich das noch mal überlegen. Es gefällt mir sehr, dass Ihnen Ihre Arbeit so am Herzen liegt, aber einerseits wird Yvonne wirklich sehr böse werden, wenn Sie ihr diese Freude verderben. Sie ist es nicht gewohnt, dass etwas nicht nach ihrem Willen geht, leider. Und dann neigt sie zu sehr emotionalen Handlungen. Andererseits würde ich mich wirklich sehr gerne mit Ihnen unterhalten. Ich komme immer mehr zu dem Gefühl, und ich verlasse mich bei solchen Dingen zumeist auf mein Gefühl, dass ein Gespräch durchaus interessant und notwendig wäre, ich einen Mann wie Sie gut gebrauchen könnte. Nur, wenn Sie Yvonne enttäuschen, dann wird sie uns nicht mehr zusammen bringen. - Erinnern Sie mich daran, dass ich Ihnen aus meinem Mantel eine Visitenkarte von mir gebe - aber ich bin an Pornos keineswegs interessiert!"
"Auch nicht, wenn sie lukrativ sind?"
Der liebenswerte Herr nahm erstaunt das Glas wieder von seinen Lippen und sah Nick an. Eine ganze Sekunde lang war er überrascht und dachte sichtbar nach, dann zog ein leichtes Lächeln ganz langsam seine Mundwinkel nach oben. Diesmal lag aber eine Spur Zynismus darin.
"Eine provokante Frage, die Ihnen keineswegs so ernst ist, wie sie es sein könnte”, meinte er langsam und nachdenklich, während er den Wein in seinem Glas behutsam schaukelte. "Das ist nicht nur eine sehr langweilige Party, ich vermeide solche Veranstaltungen eigentlich ganz bewusst. Aber Yvonne zu liebe - also ich glaube, wir haben Zeit genug und sollten uns sofort ein wenig unterhalten.  Ich denke doch, das wäre ganz gut.”
Der freundliche, warmherzige Onkel legte seinen Arm um Nicks Schultern und zog ihn mit sich fort.
"Kommen Sie. Suchen wir uns einen Platz wo wir in Ruhe reden können.”
Auf der anderen Seite des Pools standen drei Stehtische die niemand beachtete da sie außerhalb des von blinkenden Lichterketten beleuchteten Bereichs lagen. Die Menschen drängten sich lieber dort, wo sie gesehen wurde, wo der Spaß zu Hause war und das Leben pulsierte.
Beide Männer hatten ihre Gläser auf dem Tischchen abgestellt und sahen über das glitzernde Wasser zu den feiernden Gästen. Eine ganze Weile schwiegen sie.
„Möchten Sie mir nicht ein wenig von sich erzählen?“, fragte der ältere Mann irgendwann. Nick sah weiter hinüber, atmete dann tief durch und schüttelte den Kopf.
„Nein“, meinte er. „Ich werde Ihnen etwas über Sie erzählen.“
Der Conte die Brambella wandte dem jungen Mann überrascht das Gesicht zu und zog die Brauen hoch. Aber Nick sah konzentrierte in das Glitzern des Wassers.
„Yvonne spricht niemals von ihren Eltern“, begann er dann bedächtig. „Aber sie erzählt von einem großen Haus mit Park, in dem sie aufgewachsen ist. An einem See. Sie hat die bestmögliche Ausbildung und lebt ein Leben ohne jeglichen Gedanken an Begrenzungen. Ich gehe davon aus, dass eine durchaus wohlhabende und einflussreiche Familie hinter ihr steht. Das wären dann wohl Sie. An Yvonnes Seite bin ich in der Position als offensichtlicher Nutznießer ins Blickfeld geraten. Sollte sich Yvonne zu einer – wie sagten Sie – einer emotionalen Handlung hinreißen lassen und auf die Idee kommen, eine Heirat anzustreben, würde ich zu einem juristischen Problem um meine Ansprüche im Zaum zu halten. Aus den Reaktionen ihrer Freunde sehe ich, dass Yvonne ihre Partner in der Vergangenheit oft sehr rasch gewechselt hat und ich hier offensichtlich eine Ausnahme bilde. In dieser Situation wäre es jedenfalls fahrlässig und dumm, wenn Sie nicht schon alles über mich wissen würde, was es zu wissen gibt.“
Er nahm sein Glas auf, trank einen Schluck und sah den distinguieren Mann mit dem leichten Lächeln auf den Lippen direkt an.
„Und ich halte Sie keineswegs für fahrlässig und ganz sicher nicht für dumm! Was soll ich Ihnen also erzählen, was Sie nicht schon längst über mich wissen?“
Eine ganze Weile sahen sich die beiden Männer an und allmählich verschwand dabei das Lächeln auf den Lippen des Mannes mit den grauen Schläfen. Endlich nahm auch er einen Schluck und wandte seinen Blick wieder den Partygästen zu.
„Sie haben mir eben mehr von sich erzählt, als Sie glauben,“ meinte er dann. „Nun, vielleicht wissen Sie auch ganz genau, was Sie mir gezeigt haben.“
Er machte eine lange Pause und fuhr sich nachdenklich über den Nacken.
„Quid pro quo. Ehrlichkeit gegen Ehrlichkeit“ sagte er dann leise. „Die Familie der Brambella ist, ja man könnte es so sagen, wohlhabend. Alt, uralt, in erster Linie alt, aber auch ein wenig wohlhabend. Mit Film haben wir und habe ich eigentlich wenig zu tun. Vielleicht mal, wenn es um die Finanzierung eines Projektes geht, aber sonst ...“ Er lachte und nach einen Schluck fuhr sich nochmal über den Nacken. „Yvonnes Eltern sind bei einen Autounfall ums Leben gekommen, da war sie drei. Mein Bruder und seine wunderschöne und wilde Frau lebt das Leben in vollen Zügen. Bis zu dieser Bergstraße nach Cortina. Ich war damals bereits im Unternehmen unserer Familie tätig und habe versucht mich so gut es ging um die Kleine zu kümmern. Die Villa am Comer See, Kindermädchen, Hauslehrer, ein Studium in ich-weiß-nicht-mehr-was. Und immer hatte ich den Eindruck, dass ich nicht genug getan hatte. Ich selbst habe keine Kinder, mein Bruder ist tot – so ist Yvonne alles, was uns bleibt. Insofern ist natürlich jede Person, die in ihrem Umfeld auftaucht für mich von Interesse.“
Nick kaute stumm an seinen Lippen und ließ einige Zeit vergehen er einen Schluck nahm und antwortete.
„Ich glaube, die Dauer des Interesses an mir ist begrenzt. Ich kann durchaus verstehen, dass so ein Leben auf Dauer durchaus angenehm sein kann. Aber ich kann mir nicht vorstellen, so zu leben. Klingt ein wenig nach jugendlichem Irrsinn, oder?“
Der Mann neben Nick schwenkte bedacht den Wein in seinem langstieligen Glas und besah sich die glitzernden Reflektionen auf der dunklen Flüssigkeit. Aber er antwortete nicht.
Aus der Gruppe der Menschen ihnen gegenüber trat eine Frau heraus und sah sich suchend um. Das weiße Kleid umspielte einen schlanken, sportlichen Körper und der Ausschnitt am Rücken war tief genug um Aufsehen zu erregen. Die glatten, blonden Haare flogen um ihre Schultern als sie sich umsah, dann die Arme mit einer resignierten Bewegung ausbreitete und den Kopf leicht schief legt. Zielsicher kam sie um den Pool und auf die beiden Männer zu. Den Conte begrüßte sie mit einem Schwall in Italienisch von dem Nick nur verstand, dass sie ihn 'mio Caro' nannte und er sie leicht auf die Wange küsste. Sie war eine Spur größer als die beiden Männer und ihre Haltung und ihr Auftreten sprachen dafür, dass sie bei der Wahl zur Miss Italia zumindest unter die ersten Drei gekommen war.
„Meine Begleiterin, Anita“, stellte der Conte vor. „Und das ist Nick, Yvonnes Begleiter.“
Anita reichte Nick die zarte, langgliedrige Hand zu einem festen Händedruck und sah ihn für einen Augenblick finster an. Dann formten sich die weichen Lippen zu einem Lächeln.
„I wish you good luck“, meinte sie. Und Nick lachte.
„Thank you, I think, I need it.“

Nick saß auf dem kleinen Stuhl in der engen Boutique und starrte angestrengt durch das Fenster auf die graue Mauer auf der anderen Straßenseite.
"Jetzt kannst Du Dich umdrehen.”
Yvonnes Stimme klang tiefer als sonst und nicht nur daran erkannte Nick, dass ihr diese Einkaufstour riesigen Spaß bereitete. Also stand er auf und setzte sich rittlings wieder hin, die Arme auf die Rückenlehne gelegt. Vor ihm bauschte sich der rote, schwere Samtvorhang der Umkleidekabine und daneben stand die schon etwas ältliche Besitzerin der Boutique und lächelte ihn vielsagend an. So vielsagend, dass er es vorzog doch den Sessel umzudrehen und sich in dem Spiegel daneben die Krawatte zu richten. Irgendwie musste er ja selbst zugeben, dass er in dem lichtgrauen Anzug geradezu kreditwürdig aussah und eigentlich war es ihm egal, was er trug. Nur war er zu der Überzeugung gelangt, dass Jeans und Stiefel oder eine Lederjacke bei weitem praktischer und pflegeleichter waren.
Endlich teilte sich der Vorhang und Nick meinte seinen Augen nicht zu trauen.
"Was - was ist das?", wollte er wissen und machte zur dummen Frage ein noch dümmeres Gesicht. Und wirklich hatte er sie so noch nie gesehen. Sie trug knallenge Jeans, Westernstiefelchen, eine kurze braune Lederjacke mit langen Fransen und darunter irgend etwas aus schwarzer Spitze, das aber kaum mehr zu sein schien, als ein Muster auf ihrer Haut.
"Na, was sagst Du!", rief sie und drehte sich im Kreis damit Nick auch sah, dass die schwarze Spitze nichts verdeckte sondern höchstens nur bedeckte.
"Das wirst DU doch nicht tragen?"
"Doch! - Aber nur zuhause.“
Sie setzte sich rittlings auf seinen Schoß, drückte die Schenkel zusammen und bewegte ihre Hüften hin und her.
"Damit lässt es sich wirklich gut reiten”, meinte sie. "Und wenn es Dir gefällt, dann lass ich meinetwegen sogar die Stiefel im Bett an. Vielleicht lege ich mir sogar Sporen zu - damit ich diesen verdammten Wildhengst endlich ordentlich zureiten kann!"
Sie biss ihn zärtlich in den Hals und Nick bemerkte weder, dass die Dame neben dem Vorhang sie anstarrte noch das Leuchten in ihren Augen.
Yvonne drückte sich weg von ihm, schüttelte die Haare aus und fragte: "Gefällt es Dir?"
"Wenn das heißen soll, dass ich in Zukunft auch wieder meine Jeans tragen darf, dann ...”
"Oh, ich hasse Dich!", rief das Mädchen lauthals, aber es klang bei weitem weniger überzeugend als der lange Kuss, der gleich darauf folgte.
Sie blieben noch lange in dem Geschäft und Yvonne fand die meisten Sachen 'einfach himmlisch'. Bis Nick jedes Zeitgefühl verloren hatte, sich in seinem Kopf ein dumpfes, dröhnendes Gefühl ausbreitete und der kleine Raum immer enger zu werden schien. Aber zwischen ihren Ausbrüchen an Entzücken ließ sie sich auch immer wieder zu ziemlich detaillierten Schilderungen hinreißen, was man mit diesem oder jenem Teil anstellen könnte, wenn man allein war und welche der Sachen ganz besondere Möglichkeiten boten, so dass man wirklich günstige Augenblicke auch auskosten konnte und mögliche Augenblicke gebe es ja genug, wo man unbemerkt verschwinden konnte und tun worauf man eben Lust verspürte.
Bei dem feuchten Glanz in den Augen der Verkäuferin wartete Nick eigentlich nur mehr darauf, dass diese ihnen anbot ob man nicht gleich hier, oder in der Umkleidekabine oder hinten im Lager zur Sache kommen wollte. Er betrachtete sie ausgiebig und musste feststellen, dass sie zwar sicher schon über vierzig war, aber durchaus noch von jener begehrlichen Aura der Weiblichkeit umgeben, die den Männern das Blut aus dem Gehirn treiben konnte. Natürlich hatte sie Nicks Blick bemerkt und richtig zu deuten gewusst. Und sie sah Nick an, öffnete ihre vollen, roten Lippen ein wenig, als wollte sie etwas sagen. Aber sie schickte nur ihre Zungenspitze blitzschnell darüber, schluckte noch einmal und suchte für Yvonne den Lederminirock mit dem seitlichen Zippverschluß. Da sich die anderen 'immer so schwer hoch schieben lassen'.
Endlich hatte Nick alle Pakete in dem kleinen weißen  Dreisitzer verstaut und verabschiedete sich von der Besitzerin, die immer wieder nervös ihre Lippen mit der Zungenspitze befeuchtete, während Yvonne bereits den Wagen startete.
"Dass Sie zu beneiden sind, weil Ihre Frau wunderschön ist hat man Ihnen wohl schon öfter gesagt, aber wissen Sie auch, dass Ihre Frau zu beneiden ist, dass sie so einen Mann hat?"
"Dass sie wunderschön ist, da haben sie vollkommen recht”, entgegnete Nick höflich lächelnd. "Nur in einem irren Sie sich - ich bin nur der Gärtner.”
Im gleichen Augenblick als er es sagte, tat es ihm auch schon wieder leid. Er fühlte, dass sie sich jetzt hasste dafür, dass Sie nicht doch den Mund aufgemacht hatte und das Angebot ausgesprochen.
"Auf Wiedersehen - bis zum nächsten Mal”, sagte er noch leise und sah ihr einen Augenblick länger als nötig in die Augen um dann so schnell er konnte in den Wagen zu klettern, wo Yvonne schon ungeduldig mit dem Gas spielte. Zumindest würde sie jetzt wissen, dass sie noch immer alle Chancen bei den 'jungen' Männern hatte.
Nick hatte noch nicht mal die Tür richtig hinter sich geschlossen, als sie schon den kleinen Matra mit quietschenden Reifen auf die Straße trieb.
"Hat die alte Hexe Dich angemacht?"
Nick lächelte und sah ihr zu wie sie mit verkniffenen Lippen den Wagen halsbrecherisch durch das Gewühl der Innenstadt lenkte. Seine Linke schob den Kostümrock ein wenig nach oben und legte sich auf den Netzstrumpf darunter.
"Habe ich Dich aufgegeilt?", wollte sie grinsend wissen.
"Ein wenig”, entgegnete er kühl. "Aber was Dir entgangen sein dürfte, sie da hinten hast Du bei weitem mehr aufgegeilt als mich. Ich hatte schon den Eindruck, sie schließt ab und bietet uns einen Stapel Kleider an.”
"Sie hätte wohl gerne zugesehen?"
"Ich glaube, sie dachte wohl eher ans mitmachen.”
Mit quietschenden Reifen verriss sie den Wagen nach links und kam haarscharf an dem Wagen in der Kreuzung vorbei.
"Der kam von rechts”, meinte Nick beherrscht und zog die Hand wieder zurück.
"Na und?"
"Normalerweise heißt das, er hat Vorrang.”
"Na und?"
"Vor allem dann, wenn Du eine Tafel 'Vorrang geben' hast.”
"Gefällt Dir vielleicht an meinem Fahrstil nicht? Du musst es nur sagen. Ich fahre so, wie ich liebe!", erklärte sie stolz.
"Eben”, stimmte ihr Nick zu.
"Eben?"
"Du bist eine Furie. Unüberlegt und voller Gefühle und Temperament. - Wann immer Du Gelegenheit dazu hast.”
"Gelegenheit macht Liebe!" rief sie aufgekratzt.
"Gelegenheit macht Tote - wenn Du weiter so fährst. Ich glaube, ich sollte Dir viel öfter Gelegenheit geben Dich abzureagieren, damit Du Dich beim Autofahren nicht so austoben musst!"
Ohne Blinker bog sie plötzlich nach links ab, so dass Nick durch das Seitenfenster, gegen das er geschleudert wurde, in unerfreulicher Nähe den Kühler eines entgegenkommenden Wagens sah. Sie fuhr noch zwei Gassen weiter und blieb abrupt stehen, sprang aus dem Wagen, zog Nick hinter sich her und stürmte in die Hotelhalle.
"Ein Zimmer!", rief sie dem Portier von weitem zu. "Schnell! Auf der Stelle ein Zimmer will ich haben!"
"Aber gnädige Frau ...”
Weiter kam er nicht. Sie knallte ihm ein, zwei, drei, vier Tausenderscheine auf das Pult und rief: "Ich will auf der Stelle ein Zimmer!"
Dem noch immer verdatterten Portier riss sie einen Zimmerschlüssel aus der Hand, den er unschlüssig drehte, warf ihm dafür die Wagenschlüssel zu und meinte, schon quer durch die Halle: "Mein Wagen steht in zweiter Spur. Der Weiße. Schaffen Sie ihn weg. - Das Gepäck kommt später.”
Sie kicherte und zerrte Nick in den Lift wo der erst dazu kam, nach Luft zu schnappen.
"Was um alles in der Welt soll das jetzt wieder?!"
"Du hast mich auf eine Idee gebracht!", grinste sie und kuschelte sich an ihn.
Sein Gesicht erstarrte.
"Könntest Du freundlicher Weise deine Hand aus meiner Hose nehmen”, murmelte er ohne Überzeugung. "Wenigstens bis wir im Zimmer sind.”

Nick lenkte den kleinen, weißen Wagen gemächlich über die belebte Stadtautobahn.
"Wir werden noch zu spät kommen!"
"Wir werden früh genug ankommen. Wahrscheinlich sogar rechtzeitig”, brummte Nick und ließ sich nicht weiter beirren. Manchmal, wenn sie ein Wagen überholte und seine Scheinwerfer das Innere beleuchteten, dann ging ein vielfarbiges Glühen von ihrem Kleid aus. Von den großen, bunten Blumen die Rock und Oberarme des kleinen Kleides bedeckten. Und dazwischen, in ihren Seiten und auf den Armen, war es blendend weiße Spitze, die das Licht reflektierte. Jetzt, wo sie eingezwängt saß, reichten die vielen Unterröcke ihr gerade bis unters Kinn und bauschten sich eigenartig auf. Nick wusste ganz genau, dass sie außergewöhnlich still sitzen musste um diese Röcke nicht zu verdrücken und er kannte sie inzwischen gut genug um zu wissen, dass das für sie eine echte Qual war. Vielleicht fuhr er gerade deswegen so gemächlich.
"Es ist zum verrückt werden!", begann sie wieder. "Ich bin noch nicht einmal fertig mit Packen und Du bummelst hier durch die Gegend, als hätten wir alle Zeit dieser Welt!"
Nick grinste nachdenklich.
"Wer, wenn nicht wir, hätte denn alle Zeit dieser Welt. Es ist doch wirklich egal ob wir zu diesem Essen fünf Minuten früher oder später kommen. Und nur weil wir früher kommen, können wir noch lange nicht auch früher gehen, damit Du Deine Sachen fertig packen kannst.”
"UNSERE Sachen!"
"Ich kann mich irgendwie noch immer nicht daran erinnern, dass ich gesagt hätte, ich fahre morgen mit”, seufzte Nick.
"Natürlich fährst Du mit mir! Wie oft habe ich Dir schon gesagt, vergiss diesen verdammten Job! Bei mir hast Du alles was Du brauchst und noch eine ganze Menge mehr. Oder bin ich Dir vielleicht nicht mehr gut genug?"
"Darum geht es doch gar nicht”, seufzte Nick und wollte aufs Neue mit dem Versuch ansetzen, ihr seine Gründe zu erklären, aber sie hatte schon ihre eigene Entscheidung getroffen und unterbrach ihn sofort.
"Wenn Du nicht mit mir nach Venedig zu Onkel Mallo fährst, weißt Du, was ich dann mache?"
"Ich habe Dir schon mal gesagt, ich komme am Montag nach.”
"Ich scheiß auf Montag!", schrie sie und zerdrückte ihr Kleid endgültig. "Mir geht es nicht darum, ob Du am Samstag mit mir fährst oder am Montag nachkommst. Ich will, dass Du Dich zwischen mir und diesem verdammten Job und deinen komischen Freunden entscheidest. Entweder – oder! Geht das in deinen verdammten Schädel?!"
"Es war ja nicht zu überhören. Und was würdest Du tun, wenn ich wirklich nicht mitkommen?"
"Dann komme ich von Venedig gar nicht erst zurück, sondern fahre gleich weiter nach Kapstadt oder in die Dominikanische Republik, kaufe mir ein dutzend Jungs und lasse mich von schwarzen Riesenschwänzen so lange durchficken, bis mich nichts mehr an Dich erinnert.”
Ihre Stimme klang mit einem Mal so ruhig und beherrscht, dass sich Nick erstaunt umwandte. Und ihr Blick bestätigte ihm, was er vermutet hatte. Diesmal meinte sie es ernst.
Er müsste eigentlich sofort etwas darauf sagen, aber sein Blick blieb auf ihren nackten, leicht gebräunten Schultern liegen. Auf der lockigen, undurchdringlichen Masse an Haar. Auf ihren kleinen Mund mit den sinnlichen, ja gierigen Lippen. Auf diese funkelnden Augen.
Schon wieder fragte er sich, warum um alles in der Welt er sich eigentlich so dagegen sträubte, sich fallen zu lassen. Wer konnte das schon - reich heiraten und dann keine Sorgen mehr haben? Aber seine Entscheidung war schon vor langer Zeit getroffen worden. Eine Entscheidung, die nicht nur von ihm abhing, die er weder erklären noch selbst begreifen konnte.
Er atmete einmal tief durch, aber irgend etwas lag noch immer bleischwer auf seiner Zunge, ging nur ganz widerwillig weg, bis er endlich gepresst sagen konnte: "Dann wünsche ich Dir viel Spaß. Und sei vorsichtig, damit Du Dir nichts holst.”
Sie sah ihn lange und wortlos an und das wilde Funkeln in ihren Augen erstarb langsam und machte ganz allmählich einem anderen, verräterischem Glitzern Platz. Das Kleid war ihr inzwischen vollkommen egal, als sie ihren Kopf auf seinen Arm legte.
"Verstehst Du denn noch immer nicht, dass ich Dich liebe. Dass ich Dich will. Nur Dich allein! Und dass ich Dich mit niemandem teilen möchte. Auch nicht mit deinem Job!"
Sie schluckte ein paar Mal, atmete tief durch und meinte dann wieder in eher gewohnter Weise: "Wenn Du mich jetzt zum Heulen gebracht hast und mir die Schminke verrinnt, dann sehe ich Dich heute überhaupt nicht mehr an!"

"Wenn Du in Venedig bist, muss Du unbedingt diesen Carlo besuchen. Du weißt schon, den, der mir vor zwei Jahren in Ibiza so nachgelaufen ist. Das heißt, wenn er mir nachlaufen konnte.”
"Was heißt, wenn er Dir nachlaufen konnte?", wollte ihr Bruder wissen. Sabrina lachte lauthals und stürzte ihr Glas Wein auf einen Schluck hinunter. Ihr Ehemann, wie sie kaum älter als vierundzwanzig, saß neben ihr und lächelte das mäßig interessierte Lächeln eines alten britischen Lords.
"Immer wenn wir am Strand lagen und ich wegging”, erzählte sie, "dann bin ich zu ihm hin gegangen, habe mich zu ihm hinunter gebeugt und mich freundlichst von ihm verabschiedet. Dabei hab' ich meine Dinger solange vor seiner Nase baumeln lassen, bis er nicht mehr aufstehen konnte.”
"Wieso?", wollte ihr kleiner Bruder begriffsstutzig wissen.
"Oh Mann, bist du blöd!", seufzte sie ergeben auf. "Weil er danach so ein Riesending in der Badehose hatte, dass er schon froh sein musste, wenn sie ihm nicht zerriss. An herumlaufen war damit bei Gott nicht zu denken.”
„Ach komm“, warf Yvonne trocken ein. „Das Baumeln war gar nicht notwendig. Du bist immer so gelegen, dass er bis in deine Gebärmutter sehen konnte. Da war sicher ständig ein Mast da.“
"Dann dürfte dieser Carlo ja auch nicht schlecht gebaut gewesen sein”, warf Nick ein und versuchte jenes britische Lächeln nachzuahmen.
"Oh nein!", stöhnte die blonde, walkürenhafte Sabrina bei dieser Erinnerung auf. "Ganz im Gegenteil. Er war riesig, er war - wie soll ich sagen ...”
Während sie überlegte schloss sie die Augen und spitzte ihre Lippen ganz vorsichtig. Dann fiel ihr der richtige Ausdruck ein: "Er war abendfüllend. Ganz schlicht und ergreifend abendfüllend!"
Wieder lachte sie laut auf und schob die Ärmel ihrer schwarzen Leinenjacke über die Ellenbogen.
"Aber jetzt entschuldigt mich einen Augenblick. Ich muss die Küche mal etwas auf Trab bringen - schließlich hab ich Kohldampf!"
Damit stand sie auf und rauschte ohne mit der Wimper zu zucken in die Küche des Nobelrestaurants hoch über den Dächern von Wien. Eine wirklich imposante, ja geradezu einschüchternde Erscheinung in dem schwarzen Hosenanzug mit dem wallenden, blonden Haar. Ihr kleiner Bruder war genauso blond wie sie, aber dann waren die Ähnlichkeiten auch schon wieder am Ende. Während Nick an Sabrina wegen ihrer geraden, fast schon gewalttätigen Art doch etwas Gefallen gefunden hatte, so blieb ihm ihr kleines, bleiches Brüderchen immer noch suspekt. Es schien ihm geradeso, als zöge der Junge eine Schleimspur hinter sich her. Dabei war wohl gerade Nick derjenige, der am wenigsten etwas gegen Jeans und T-Shirt sagen konnte. Aber Jeans zu tragen war für Nick noch lange nicht gleichbedeutend damit, dass jemand ungepflegt war. Und genau das war es. Der Junge wirkte einfach nur dreckig und heruntergekommen. Kein Stadtstreicher würde auch nur auf die Idee kommen, ihn um eine Münze zu bitten. Aber Nick fühlte da noch ein bisschen mehr - dieser Kleine war verschlagen und von jener bitteren Bösartigkeit durchdrungen, die aus Langeweile entsteht.
"Wie hältst Du das mit meiner Schwester eigentlich aus?” begehrte er jetzt auf. “Ich bin heilfroh, dass ich nur ihr Bruder bin. Wäre ich mit ihr verheiratet wie Du, dann hätte ich sie wohl schon längst umgebracht.”
Sabrinas Ehemann zuckte nur entschuldigend mit den Schultern und fächelte mit der Hand in der Luft herum.
"Unter zivilisierten Menschen arrangiert man sich”, meinte er unterkühlt und ließ die anderen im Unklaren, wie er das wohl meinte.
Nick war irgendwann zu der Ansicht gekommen, dass auch das kleine Brüderchen seine eigene Auffassung vom zwischenmenschlichen Zusammenleben hatte. Eine andere offensichtlich, wenngleich vielleicht ebenso seltsame. Eine Auffassung, die sich mit der seines versnobten Schwagers wohl kaum vertrug. Zumindest aber tat er sich nicht übermäßig schwer, das durchzusetzen, was er wollte. Das Spielchen war nicht neu, nur die Partnerin. Und Nick sah jetzt schon eine ganze Weile zu. Das Mädchen, das der Junge mitgebracht hatte, sah aus, als hätte er sie aus einem Katalog für Unterwäsche ausgeschnitten. Wenn man davon absah, dass die Mädchen dort weder stumpf vor sich hin starrten noch angestrengt an ihren Kaugummis kauten. Und im Schnitt waren sie dort auch wesentlich älter. Nick konnte sich nicht vorstellen, dass dieses Mädchen ihm gegenüber älter sein konnte als fünfzehn. So uninteressiert, glatt und unfertig konnte nur ein gelangweiltes Kind in die Welt schauen. Doch, das musste Nick eingestehen, verlor sich alles Kindliche unterhalb ihres Kinns. Ihr Körper war kräftig gerundet, weich, makellos und eine einzige Einladung. Zu dieser Ansicht zu gelangen war nicht sonderlich schwer, denn ihr schwarzes Kleidchen bestand eigentlich nur aus zwei Spaghettiträgern über ihren Brustwarzen und einem Handtuch um ihre einladenden Hüften. Alles andere bot sie gleichsam uninteressiert wie an der Frischfleischtheke ihrer Umgebung dar. Sie war eine einzige Aufforderung, aber eine Aufforderung mit der Freundlichkeit, die manche Prostituierte gegen fünf Uhr morgens ausstrahlten. Ein wunderschöner Körper, aufregend und einladend verpackt, aber mit einem Gesicht, dass soviel Ekel, Abscheu und Gleichgültigkeit, ja Verachtung ausdrückte, dass man erst gar nicht in Versuchung kam, sie anzufassen. Sabrinas Bruder schien nicht zur sensiblen Sorte zu gehören. Er betatschte und begrapschte sie wann und wo es nur ging. Sie schien diese Spielchen gewohnt zu sein, denn sie zuckte auch dann nur ganz kurz zusammen, wenn er zwischen ihren Schenkeln eindringlicher wurde, sah ihn aber niemals an, starrte nur stumpf irgendwo in die Weiten hinter Nick, kaute an ihrem Gummi und ließ alles so mit sich geschehen, als wäre es nicht ihr Körper. Diese Haltung verblüffte Nick so sehr, dass er sich immer wieder dabei ertappte, dass er sie anstarre. Vor allem, weil er keinerlei Anzeichen dafür entdecken konnte, dass sie auf Drogen war. Sie musste von Natur aus ein Stück lethargisches Fleisch sein. Oder es steckte dahinter ein Geheimnis, dass er nicht ergründen konnte. Also starrte er sie unbewusst immer wieder an. So oft, dass es sogar Yvonne auffiel und sie ihn anstieß.
"Die kleine Nutte gefällt Dir wohl?", zischte sie leise, und Nick versuchte nicht einmal ihr klar zu machen, dass dieses Mädchen ihn in keiner Weise erregte. Sie stieß ihn eigentlich sogar ab und faszinierte ihn trotzdem durch eine Passivität, die er nicht verstand - und natürlich sofort zu wissen wünschte, was denn eigentlich in so einem Menschen vor sich ging. Aber dass sie erregend anzusehen war, das stimmte schon. Dazu musste er sich nur vorsichtig im Saal umsehen. Wenn nur der Kleine und das Mädchen hier gesessen wären, dann hätten sich die vornehmen Herrschaften wohl im Dutzend auf sie gestürzt. Und Nick war sich nicht mal sicher, ob es wirklich nur an ihr lag, dass sie die gierigen Blicke der Frauen ebenso auf sich zog wie jene der Männer.
"Was sagst Du dazu Nick?"
Yvonne riss ihn mit einem säuerlichen Grinsen aus seinen Gedanken.
"Entschuldige, ich habe nicht zugehört”, gestand er. "Worum ging es denn gerade?"
Das Brüderchen gähnte herzhaft und meinte: "Yvonne versucht uns eben davon zu überzeugen, dass man nach vollständiger Aufhebung des Rundfunkmonopols mit einem Privatsender eine ganze Menge Kohle machen könnte. Und jetzt möchte sie deine technische Bestätigung.”
Nick seufzte und hob entschuldigend die Hände.
"Mit einem Privatsender”, meinte er, "kann man natürlich theoretisch gesehen jede Menge Kohle machen, wie Du das so schön ausdrückst. Und praktisch jeder Privatsender rund um die Welt demonstriert es uns, dass man als solcher normal, gewinnträchtig und kreativ arbeiten kann aber - was für viele wesentlich wichtiger ist - man kann auch eine ganze Menge Einfluss ausüben. Bis es allerdings soweit ist, sollte man sich im Klaren darüber sein, dass man jede Menge Geld und Verbindungen hinein stecken muss bis die Sache läuft. Und wenn sie läuft benötigt man immer noch jede Menge Kohle zum Anheizen der Maschinerie, man benötigt erstklassige Leute - oder man könnte gleich bei diesem uns bekannten Programm bleiben - und man muss sich im Klaren sein, dass ein Privatsender jedenfalls am Anfang für manche Leute eine Einhunderteinundsechzig-Stunden-Woche bedeutet!"
Nick erwartete eigentlich eine Reaktion, aber entweder hatte er sie schon verpasst, oder sie hatten ihm nicht zugehört.
Sabrina war währenddessen zurück gekehrt und setzte sich jetzt langsam wieder auf ihren Platz.
"Ja, man sollte bei der ganzen Sache gerade diesen Einfluss nicht außer Acht lassen”, meinte sie dabei. Nick goss in sein leeres Glas wieder Wein nach und betrachtete nachdenklich das schon etwas vergilbte Etikett auf der Flasche.
"Stellen wir uns einmal vor”, fuhr sie fort, "es gäbe Privatsender, deren Finanzierung, natürlich unter der Hand, durch ein paar kleine subversive Gruppen erfolgt. Die würden natürlich versuchen, mit Hilfe ihrer eigenen Medien den einfachen Menschen einzubläuen, dass dieses schreckliche System sie angeblich ausbeutet. Dass sie außer vierzig Jahre Arbeit und kaum verschleierter Not eigentlich nichts von ihrem Leben gehabt hätten - und all den Blödsinn, den diese Kommunisten auch sonst noch verzapfen. Es wundert mich zwar, wie diese Leute noch immer auf diese Ideen verfallen, aber es gibt ja vielleicht nicht ganz zu unrecht das alte Sprichwort vom blinden Huhn.”
Alle am Tisch lachten belustigt und zustimmend bis auf Nick, der immer noch das Etikett studierte und Yvonne, deren Lachen etwas gezwungen klang während sie zu ihm hinüber schielte.
"Nun ja”, setzte Sabrinas lordhafter Prinzgemahl fort, "noch haben wir ja unseren staatlichen Rundfunk in Europa und so schnell wird sich daran auch nichts ändern. Und auch wenn sich jemals etwas so grundlegend ändern sollte, dann dürfen wir nicht vergessen, dass die Menschen ja sowieso alles glauben, was ihnen möglichst schön verpackt vorgesetzt wird und dass wir außerdem ...”
Yvonne hatte in ihrer wachsenden Nervosität eindeutig zu schnell getrunken und bekam einen so schrecklichen Hustenanfall, dass jedes andere Gespräch sofort verstummte oder besser gesagt unterging. Jeder sah sie nur neugierig an, auch Nick hatte endlich von der Flasche aufgesehen und seine Entzifferungsversuche eingestellt.
„Es ist doch so, wie es schon immer ist“, meinte er dann genau so lordhaft und ein wenig gelangweilt. „Ein Politiker – oder eine Gruppe – sucht sich jemanden mit Geld um finanziert zu werden. Mit dem Geld kaufen sie Werbezeit und Medienpräsenz. Ob das jetzt Boulevardpresse oder öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist, spielt dabei keine Rolle. Die müssen nicht mal lügen. Sie berichten halt mehr über das Positive und weniger über die Fehler. Werbung ist sowieso eine eigene Sache. Durch diese Berichterstattung erhält der Politiker – oder die Gruppe – mehr Einfluss. Und verschafft dem Geldgeber damit wieder mehr Zugang zu Aufträgen oder sonstigen Möglichkeiten seinen Besitz zu vermehren. Das Einzige, bei dem ich mir nicht sicher bin, ist, ob dieses System nicht schon vor der Erfindung des Buchdruckes bestanden hat.“
Vier Augenpaare starrten ihn an und Yvonne vergaß darauf, dass sie ihr Glas in der Hand hatte. So kaltschnäuzig hatte sie ihn noch nie erlebt. So – anders. Die überraschte Erstarrung durchbrach das Serviceteam mit dem Gruß aus der Küche.
"Nick?" piepste plötzlich und unerwartet das kleine Mädchen ihm gegenüber. "Wie kommst Du eigentlich auf eine einhundertundeinunsechzig-Stunden-Woche? Das wären ja genau 23 Stunden pro Tag.”
"Ich meinte damit, man arbeitet den ganzen Tag und lehnt sich nur ab und zu fünf Minuten zurück. Wenn's hochkommt ergibt das gesamt eine Stunde pro Tag. Deshalb nur 23 Stunden.”
Dass mussten wohl schon die ersten Anzeichen von Alter sein, wenn er seine Gags zu erklären hatte, damit sie verstanden wurden.
"Und außerdem bin ich jetzt endlich dahinter gekommen, woher dieser Wein stammt. Aus Nancy, aus dem Nordosten. Der ist nicht schlecht."
"Nein, nein. Ganz und gar nicht”, versetzte Yvonne, die wieder ihre Fassung zurück erlangte. "Wir werden jetzt die Idee mit den Privatsendern mal ruhen lassen und uns dem Essen widmen.”
Zuerst waren die Blicke der Anwesenden, die sie ihr zuwarfen, überrascht, aber sehr schnell glomm ein leises Verstehen auf.
"Ach, was soll's”, meinte Nick leichthin in die Runde. "Ihr müsst mich sowieso für einen kurzen Augenblick entschuldigen.”
"Soll ich Dich begleiten?" bot sich ihm der Kleine an, ohne die Hand von dem Mädchen zu nehmen. "Die Mädels gehen auch immer gemeinsam. Vielleicht gibt's da noch was, was wir nicht kennen.”
Nick grinste so falsch wie er und entgegnete: "Wir entdecken öfter mal was Neues, aber das was ich suche, das finde ich noch allein.”

"Werner!"
Nick hob sein leeres Weinglas und schwenkte es zwischen zwei Fingern. Der junge blonde Mann am anderen Ende der Theke hatte durch den Tumult hindurch seinen Namen verstanden und sich umgesehen. Dann nahm er die schlanke grüne Flasche zur Hand und kam zu Nick. Der stand am letzten Ende der langen Theke, eingeklemmt zwischen der Kaffeemaschine und dem Eingang zum WC. Aber von hier konnte er zumindest die ganze Theke übersehen und manchmal auch, wenn sich die Menschenmassen etwas lichteten, den Eingang. Aber sie kam nicht. Er war sich nicht einmal sicher, ob er es sich wünschte oder es fürchtete, aber es war sowieso egal - sie kam nicht.
Werner goss ihm das Glas mit der leicht rötlichen Flüssigkeit wieder voll, stellte die Flasche weg und reinigte seine Hände in der einstmals weißen Schürze.
"Das ist das siebente Achtel Schilcher”, meinte er nachdenklich und doch laut genug um den Tumult des voll gesteckten, kleinen Lokals zu übertönen. "Normalerweise, wenn Du mit Anzug und Krawatte auftauchst, ist was faul. Wenn Du Dich besäufst ist auch was faul. Wie faul muss dann eine Sache sein, wenn Du Dich in Anzug und Krawatte besäufst.”
Nick nahm einen Schluck und grinste säuerlich, was nur zum Teil am Wein lag.
"Ich muss nachdenken”, brummte er.
"Und?"
Er zuckte mit den Schultern.
"Geht nicht - hab' zu viel gesoffen.”
"Möchtest Du einen Kaffee?"
"Nein, nicht notwendig. Ich sauf jetzt weiter aus Frust darüber, dass ich schon soviel gesoffen habe und nicht mehr nachdenken kann.”
Werner sah ihn einen Augenblick nachdenklich an, dann bückte er sich, holte zwei eisgekühlte Schnapsgläser aus dem Kühlschrank und füllte sie je zur Hälfte mit Orangensaft und eisgekühltem Wodka. Eines stellte er vor Nick hin und prostete ihm zu.
"Wenn mich meine Nase nicht täuscht, dann hat das was mit der zierlichen Brünetten mit der Löwenmähne zu tun, mit der Du letztes Mal hier warst. Richtig?"
"In gewissem Sinne ja”, stimmte ihm Nick zu, stieß an und kippte den verdünnten Orangensaft in einem Zug weg. "Mit ihr ist mir heute wieder mal was passiert, was mir in letzter Zeit immer öfter passiert. Manchmal - manchmal, da entdecke ich Sachen ... manchmal, da habe ich das Gefühl auf einer großen Wiese zu stehen und einem Spiel zu folgen, dessen Spielregeln ich nicht kenne. Und jeder, den ich frage, erklärt mir, es gäbe gar kein Spiel. Irgendwie fange ich anscheinend an Dinge zu sehen, die es wahrscheinlich gar nicht gibt. Oder geben dürfte. So, als gäbe es mehrere Welten nebeneinander und ich schwappe von einer in eine andere und wieder zurück. Brackwasser der Menschheitsgeschichte im Bauch eines Kellerlokals in den alten Gewölben der Stadt.”
"Naja”, lachte Werner, "aber wenn Du dann doch einmal eine große Sache aufdeckst, dann bist Du reich und berühmt oder wenigstens im Fernsehen.”
Er räumte die Gläser weg und eilte wieder davon um auch noch andere Gäste zu bedienen. Nick hob langsam sein Glas und prostete ihm nach, nahm einen Schluck und meinte dann ganz leise für sich: "Ja, dann wäre die Aufregung groß. Weil keiner zugeben kann, dass alle es gewusst haben."

Als Yvonne zum dritten Mal einen ihrer Koffer öffnete um etwas heraus zu nehmen und etwas anderes hinein zu tun entschloss sich Nick doch endlich die Beine über den Bettrand hinaus zu strecken.
"Du wirst doch hoffentlich nicht aufstehen wollen und mir beim Packen helfen?", stichelte sie verstimmt.
"Ich dachte, Du hättest deine Sachen schon längst gepackt.”
"Ich habe unsere Sachen gepackt!"
Nick watschelte ins Badezimmer und stellte sich unter die Dusche. Eine Weile prustete er und versuchte instinktiv dem Wasser auszuweichen. Endlich rief er: "Warum bist Du Dir eigentlich so absolut sicher, dass ich mitkomme?"
Er strich sich die Haare aus dem Gesicht, drehte den Thermostat etwas kälter und wartete auf eine Antwort. Erst nach eine geraumen Weile hörte er sie ins Bad kommen und dachte, dass sie wohl wie meistens mit ihm duschen wollte. Und wie das wieder enden würde, das wusste er. Als sie aber die Plexiglastüre öffnete, stand sie angezogen davor und zeigte keinerlei Anstalten zu ihm zu kommen. Statt dessen meinte sie eisig: "Das Flugzeug geht in drei Stunden. Ich fahre jetzt und Du nimmst Dir ein Taxi. Und Du kommst mit - weil ich es will!"
Nick wunderte sich nur, dass die Glastüre standhielt, als Yvonne sie mit aller Kraft zu drosch.
In aller Ruhe duschte er gründlich und stand dann noch eine Weile unter dem Wasserstrahl. So, als könnte er sich nicht entschließen in diese feindliche Welt hinaus zu treten. Er stand nur da, fühlte den Strahl auf seiner Brust prickeln und starrte den Hahn an. Und er versuchte, nicht nachzudenken.
Wenig später kam er aus der Kabine, holte sich eines der flauschigen Badetücher von der Vorwärmstange und stellte fest, dass er allein war. Während er sich trocken frottierte öffnete er den Kasten und betrachtete seine Anzüge, Mäntel, Hemden und all die anderen Sachen, die sie für ihn gekauft hatte. In weitem Bogen flog das Badetuch auf das zerwühlte Bett. Und Nick begann sich anzuziehen. Bis zu den Socken ging es ja ganz gut, aber als er dann beinahe schon automatisch nach einem der Anzüge greifen wollte, stockte er. Ein leises Lächeln flog über seine Lippen, als er sich bückte und aus dem hintersten Winkel des Kastens die Sachen hervorzog. SEIN Hemd, SEINE Jeans und SEINE Stiefel.
Als er die Treppe herunter kam warf er einen Blick auf den Parkplatz vor dem Haus und entdeckte den kleinen, weißen Flitzer nirgends. Also musste sie tatsächlich weggefahren sein. Nick war darüber nicht besonders böse. Er ging an dem gedeckten Frühstückstisch vorbei und geradewegs in die Küche. Die Frau, die dort herumwerkelte, war sicherlich schon älter als sechzig und sicherlich schon schwerer als die hundertzehn Kilogramm, die sie immer beteuerte. Das hinderte sie aber nicht daran blitzschnell herum zu fahren, als Nick nach der Kaffeekanne griff. Sie war eigentlich nur als Köchin hier angestellt, aber sie verwaltete den ganzen Haushalt und hielt alle auf Trab. Manchmal sogar Nick. Zwar war sie einerseits der Typ einer echten schwarzen Mommy, aber andererseits auch eine echte, bleiche Wienerin.
Deswegen rief sie auch: "Jesasmaria!", als sie Nick angesichtig wurde. "Aber Herr Nick! Sie wissen doch, dass des Fräulein Yvonne immer fuchsteuflswild wird, wenn sie Sie so sicht. Warum machen's das denn nur!"
Nick setzte sich mit seiner Kaffeetasse an den Küchentisch und kostete von der noch weichen Kuchenglasur.
"Hmm!", macht er anerkennend und konnte seine Hand gerade noch rechtzeitig zurück ziehen um keine auf die Finger zu bekommen.
"Haben Sie vielleicht heut' schon gestritten?", fragte sie vorsichtig und Nick sah sie erstaunt an.
"Wie kommen Sie darauf?"
Sie druckste herum, begann die Glasur ihres Kuchens noch einmal glatt zu streichen, das Geschirr neu zu stapeln bis sie sich endlich zu einer Antwort aufraffen konnte.
"Sie wirken so - so nachdenklich Herr Nick.”
Er grinste säuerlich und trank seine Kaffeetasse leer.
"Ich versuche mir unser Fräulein Yvonne vorzustellen - als Verkäuferin, als Sekretärin oder als Köchin.”
"Ich glaube, da wäre sie nicht sehr glücklich”, formulierte die gewaltige Frau vorsichtig.
"Das glaube ich auch”, meinte Nick und wollte dann wissen: "Sind Sie glücklich?". Sie lächelte und meinte: "Ich bin zufrieden.”
Nick stellte die Kaffeetasse in den Geschirrspüler und ging zur Tür die nach draußen führte. Als er sie öffnete strömte ihm der Duft der Blumen und Gräser entgegen.
"Erinnern Sie sich noch, wie ich das erste Mal hierher gekommen bin? Durch diesen Hintereingang, weil Yvonne mir zuerst den Garten zeigen wollte.”
"Und ich bin zu Tode erschrocken!", lachte sie.
Nick sah hinaus in den großen Park und auf die Auffahrt, deren heller Kies im Sonnenlicht strahlte. Wenn er da hinunter ging würden seine Stiefel staubig werden. Aber das hatte weder ihn noch seine Stiefel je gestört. 
Höchstens Yvonne.
"Sollte das gnädige Fräulein nach Ihnen fragen ...”
"Sollte das gnädige Fräulein nach mir fragen, dann sagen Sie ihr, sie weiß schon, wo sie mich finden kann. Wenn sie mich finden will.”

Nick setzte sich auf seine Fersen und sah durch den Gitterrost, auf dem er stand, nach unten. Knappe zehn Meter unter ihm lungerten einige Leute herum und versuchten einen möglichst beschäftigten Eindruck zu erwecken. Aber Nick interessierte sich augenblicklich nur für den kleinen, stämmigen Mann, der dort unten bedächtig in immer größeren Kreisen herum ging und die Werte seines Belichtungsmessers ablas.
Er fühlte, wie ihm der Schweiß über den nackten Bauch rann und sich in seinem Nabel zu einem kleinen See vereinte. Hier oben, hoch über dem Studio, hatte es mindestens 40 Grad. Die großen Lampen waren ja auch so heiß, dass man darauf ohne weiteres Spiegeleier braten konnte. Und er musste vorsichtig hinsehen wo er auftrat, damit er nicht durch den Gitterrost nach unten rasselte. Er konnte nur hoffen, dass sich diese selbsternannten Künstler da unten bald entscheiden würden, was sie nun eigentlich machen wollten. Und doch wusste er gleichzeitig auch, dass es ihm herzlich egal war, ob sie endlich anfangen konnten zu drehen oder ob diese kleinen Käfer da unten noch eine halbe Stunde lang Dinge neu erfanden, die es seit einem halben Jahrhundert gab.
"Alles okay Nick. Du kannst herunter kommen!"
Tonio gab den Belichtungsmesser an den großen Mann neben der Kamera zurück und winkte nach oben.
Nick winkte zurück, aber er machte keine Anstalten diesen ungemütlichen Ort zu verlassen. Statt dessen legte er sich der Länge nach hin, bettete sein Kinn auf die Unterarme und sah leise lächelnd nach unten.
Yvonne war jetzt in Venedig, hatte mit ihrem Onkel, dem Conte, zu Abend gegessen und spazierte in einer angenehmen Sommernacht über den Markusplatz.
Er lag hier auf dem harten Gitterrost und es hatte mindestens 40 Grad. Mindestens!
Yvonne würde viele nette, wohlerzogene, angenehme, hübsche, intelligente und anpassungsfähige Menschen treffen.
Die Leute da unter ihm waren zum größten Teil Arschlöcher und bildeten sich auf ihre Ignoranz und Entstirnigkeit auch noch etwas ein.
Yvonne war wunderschön und das hier war eigentlich nur nervend und schweißtreibend.
Genau betrachtet war es ein beschissener Job und er ein sprichwörtlicher Idiot. Und doch wusste er, dass seine Entscheidung richtig gewesen war. Er verstand zwar nicht, warum er sich so und nicht anders entschieden hatte. Aber er hoffte, dass es eines Tages Sinn ergeben würde.







"Wie gehts?"
Tonio rutschte unruhig auf dem Beifahrersitz herum und blinzelte zu Nick hinüber. Der zuckte nur mit den Schultern und ersparte sich sogar sein übliches Grinsen. Nach einer Weile meinte er dann aber doch: "Würdest Du mir glauben, wenn ich Dir sage, dass es mir wirklich toll geht und ich irrsinnig gut drauf bin?"
Der kleine, dunkelhaarige Mann legte seine Lehne um, lehnte sich zurück und setzte sich gleich wieder senkrecht.
"Entschuldige, war ja nur mal eine Frage.”
"Warum?"
"Weiß nicht. - Soll ich Dich vielleicht ablösen?"
Nick starrte über das Lenkrad hinweg auf das kleine Stückchen Ewigkeit, das die Scheinwerfer aus dem endlosen Dunkel der Nacht hackten. Natürlich wäre es schön jetzt abgelöst zu werden und sei es auch nur um die Augen schließen zu können. Sie ganz einfach nur zuzumachen.
Nick fühlte, wie bei diesem Gedanken seine Lider immer schwerer wurden. Aber es musste noch viel zu früh sein für einen Wechsel und außerdem war Tonio kaum weniger müde.
"Wie spät ist es eigentlich?", fragte er seinen Beifahrer.
"Zehn vor halb drei”, kam nach einer kurzen Pause die Antwort seines Kollegen.
Nick lachte auf und warf ihm einen schnellen Blick zu.
"Fahre ich denn wirklich so gemeingefährlich, dass Du mich schon nach zwanzig Minuten ablösen willst?"
Tonio machte eine hilflose Armbewegung und sank in den Sitz zurück.
"Nein natürlich nicht. Es ist nur - naja, Du weißt schon.”
"Nein, ich weiß nicht!", konterte Nick unbarmherzig und weidete sich an den Formulierungsnöten seines italienischen Kollegen.
"Nein, ich weiß nicht!", meinte er noch einmal. "Also, worum geht es hier?"
Tonio seufzte tief und sank noch weiter in den Sitz. Dann meinte er aus innerster Seele und im besten Deutsch: "Ach rutsch’ mir doch den Buckel runter!"
Nick lachte diesmal länger. Auch, weil er fühlte, dass ihm das Reden half wach zu bleiben.
"Na komm schon. Da vorne irgendwo muss gleich die Abfahrt nach Steyrermühl kommen und die nächsten fünfunddreißig bis vierzig Minuten werde ich Dich schon sicher durch die Landschaft schaukeln. Ich schätze, um drei Uhr sind wir etwa auf der Höhe von Linz. Dann darfst Du wieder weiter gondeln mein Gondoliere. Aber nur unter der Bedingung, dass Du das 'O Sole Mio' bleiben lässt!"
Diesmal stimmte auch Tonio in das Lachen mit ein. Und er machte sich daran, einen neuen Sender zu suchen. Was ihm erstaunlicherweise auch gelang.
"Ich bin gespannt, wie lange der jetzt hält”, meinte er brummig und konnte schon wieder zum Einstellknopf greifen weil James Brown immer mehr verrauschte. Für Brownfans nichts Neues, aber diesmal lag es eindeutig am Sender.
"Warum klappst Du deinen Sitz nicht wieder nach hinten, legst Dich gemütlich hin, machst die Äuglein zu und erzählst mir eine schöne Geschichte aus deinem Leben?", schlug Nick vor und erntete dafür einen nachdenklichen Blick aus dunklen Augen.
"Ich könnte Dir schon was erzählen”, meinte Tonio. "Ich könnte Dir aber auch vorsorglich schildern, was meine Kleine mit Dir macht, wenn Du den Bus in den Graben fährst und mich beschädigst.”
Diesmal grinste Nick nur schief und meinte: "Mir wäre es eigentlich lieber, Du würdest mir mal was Neues erzählen. Denn was sie mit mir macht, das kann ich mir schon vorstellen. Zuerst wird sie mal ein paar Tage nicht mit mir reden und fürchterlich böse sein. Und nach ein paar Wochen ist alles wieder vergeben.”
Tonio holte tief Luft für eine Entgegnung aber er sah dann doch ein, dass es sinnlos war und seufzte nur tief. Dafür ging er mit seinem Sitz in Liegestellung über.
"Gibt es eigentlich kein menschliches Gefühl, das Dir heilig ist?", wollte er wissen und starrte nach oben.
Diesmal ließ sich Nick mit der Antwort Zeit und seine Stimme klang wesentlich ernster als Tonio erwartet hatte.
"Es gibt kein menschliches Gefühl, dass mir nicht heilig wäre. Ich bin nur zu der Überzeugung gekommen, ihr Menschen bewertet immer eines dieser Gefühle zu hoch und vergesst darüber auf die anderen. Und ihr wechselt mir zwischen diesen Gefühlen etwas zu rasch.”
"Hast Du denn eigentlich Gefühle?", fragte Tonio mehr rhetorisch.
Nick brummte etwas Unverständliches vor sich hin und konzentrierte sich wieder auf die Fahrbahn. Natürlich hatte Tonio nicht ganz unrecht, wenn er annahm, dass mit Gefühlen nicht sehr viel los war bei Nick und doch lag er auch gleichzeitig damit vollkommen falsch. Nick hätte nicht sagen können, was es eigentlich war. Seine Gefühle, ganz gleich welche Art, ob Liebe oder Hass, ob Wut oder Verzweiflung waren immer nur außerordentlich kurzlebig, dafür aber um so intensiver. Aber da war noch etwas anderes, etwas, dass alles andere überlagerte. Das Gefühl, getrieben zu werden und eine Kälte, die in den Knochen saß und die kein Ofen und kein Körper vertreiben konnte. Das Gefühl des Hungers, das selbst dann nicht verschwunden war, wenn er so vollgefressen war, dass er sich kaum rühren konnte. Das Gefühl eigentlich immer schon einen Schritt weiter sein zu müssen, als man erst war.
"Alles was Dir fehlt ist die richtige Frau. Die Richtige! Verstehst Du, was ich meine?", wollte Tonio wissen und äugte nach seinem großen Kollegen. Die Gesichtszüge des stillen Mannes hinter dem Lenkrad waren so ausdruckslos, dass sich Tonio fragte, ob er ihm überhaupt zugehört hatte. Aber dann sagte der ganz langsam und bedächtig: "Ich weiß nicht. Vielleicht hast Du sogar recht. Vielleicht kommt wirklich eines Tages die richtige Frau und alles wird anders. Ich höre auf mir Gedanken über andere Menschen zu machen. Höre auf ständig herum zu laufen und etwas zu suchen, weil es dann viel wichtiger ist Zuhause bei meiner lieben Frau zu sein. Denke nur mehr an meine Karriere, um ihr auch was bieten zu können und freue mich auf ein geruhsames, friedliches Alter mit ihr.”
Tonio sah ihn misstrauisch an, aber er verkniff sich die Bemerkung, die ihm auf der Zunge lag. Zu viel Zynismus war in Nicks Stimme gelegen, zu viel Ungläubigkeit aber auch zu viel Sehnsucht. Und wieder irrte er sich. Denn Nick gestand sich selbst durchaus ein, dass ein guter Teil Wahrheit in Tonios Worten liegen konnte. Vielleicht - wenn die richtige Frau kam - dann würde wirklich alles anders werden. Scheinbar unveränderliche Werte würden verblassen, anderes, Unbekanntes würde wichtig werden. Zumindest für eine kurze Zeit. Das gab Nick auch zu. Er hatte es ja schon erlebt. Dass dann alles rund herum unwichtig wurde. Das einzige was dann zählte, war eine Berührung, eine Umarmung, ein Kuss, die Gegenwart eines geliebten Menschen, ein Augenblick höchsten Glückes.
Doch irgendwann war ihm die Fähigkeit verloren gegangen, sich so bedenkenlos hin zu geben an dieses scheinbar universelle Wohnbefinden. Denn er wusste nur zu gut, dass irgendwo im Dunkeln etwas lauerte. Monströs, formlos und gefährlich. Und, dass er nicht fähig war zu sagen, ob es da draußen in der Nacht abwartend saß oder nur in den dunklen, unerforschbaren Abgründen seines eigenen Geistes. Körperlos und unscheinbar, aber nichts desto trotz real. Unauslöschlich. Nick wusste irgendwie, dass es da war. Es war immer da gewesen, so lange er denken konnte und gerade dieser unbekannte, eisige Schatten war es, der ihn immer weiter voran trieb wie ein reißender Gebirgsbach.
Sicherlich gab es nichts Schöneres, als sich in den Armen eines geliebten Menschen zu vergessen. Aber Nick vergaß nicht. Auch nie diese eigentümlichen Momente in denen er meinte eine Kraft, die das ganze Universum umschloss und tief in sich eine Verantwortung zu fühlen, die er weder verstand noch der er gerecht werden konnte.
Ja, in Tonios Worten steckte ein großer Teil Wahrheit, aber Nick vergaß niemals, dass es auch noch eine andere Wahrheit gab.







Die Fensterscheiben waren so klein und tief in das dicke Gemäuer des alten Hauses eingelassen, dass der Regen sie nicht mehr erreichen konnte. Die üppigen Blüten der roten Blumen in den geschnitzten Holztrögen vor den Fenstern freuten sich über den lebensspendenden Regen. Die Kühe auf den steilen Hängen den engen Tals hoben den Kopf um sich den erfrischenden Regen auf die weichen, rosa Schnauzen prasseln zu lassen. Es hatte den Anschein, als würden die Gräser sich gierig aufrichten und dunkler werden, als würden die finsteren Tannen ihre Zweige ein wenig dem Regen entgegen heben. Die düsteren Wolken hingen tief in dem grünen Tal, zerfleddert zwischen den Wäldern darüber, die weiter hinein in das Grau immer undeutlicher wurden, immer schemenhaft gespenstischer.
Auf dem glänzend roten Dach des kleinen Bauernhauses, das an einen Hügel gelehnt dastand, trommelte der Regen, sammelte sich, lief in die Dachrinne und plätscherte als kleiner Wasserfall neben dem Eingang auf die Straße.
Der Mann unter der Eingangstüre stand ganz ruhig da und sah dort hinauf, wo die grauen Wolken nur manchmal so durchscheinend wurden, dass man einen der Bäume weiter oben erkennen konnte. Er hörte das gleichmäßige Plätschern neben sich und atmete die feuchte, klare Luft tief ein. Er liebte den Regen. Manche Leute mochten behaupten, dass nach einem Regen alle Düfte stärker waren. Für ihn gab es nichts, dass mit den ersten paar Minuten eines leichten Regens vergleichbar gewesen wäre. Wenn das Nass begann so langsam wie unaufhaltsam alles zu durchdringen. Er fühlte selbst, wie die Natur dann kraftvoll aufatmete. Da war das Harz der Bäume, der Duft der Gräser und der Geruch nach nasser, schwerer Erde.
Zwei Tropfen sprangen vor ihm auf und blieben auf der Spitze seiner Stiefel liegen. Nachdenklich betrachtete er sie. Es war ein trockener Sommer gewesen. Auch in diesem kleinen Tal in den Tiroler Alpen. Und es konnte sein, dass dieser Regen der letzte in diesem Jahr blieb. Das nächste Mal, da konnte es bereits Schnee sein.
Er liebte die grauen Tage und den Geruch nach feuchter Erde. Dieses Gefühl der Ruhe und düsteren Geborgenheit in einem warmen Raum, wenn draußen der Regen leise fiel. Dieses Gefühl der Unerreichbarkeit, das Gefühl unbehelligt für sich bleiben zu können.
Er liebte aber auch den Winter, wenn er bei schneidender Kälte durch knietiefen Schnee stapfen konnte und der Wind ihm um die Ohren pfiff und nagte. Er liebte es im Sommer im brütenden Schatten in einem verschwitzten, am Körper klebenden Hemd irgendwo in einem Café auf der Terrasse zu sitzen und die Menschen zu beobachten, wie sie in die Wüste zogen, an den Strand oder in die Dschungel. Er liebte es im Frühling, wenn die Sonne begann ihre Kraft auszuprobieren und alles zögerlich zum Leben erwachte, über die Hügel und durch die Wälder zu laufen. Immer dieser neuen Sonne entgegen.
Ein leises Lächeln flog über sein Gesicht, als er überlegte, was er denn nun am meisten liebte. Hier war es der Herbst mit seinen nebligen Tagen und diesmal war ihm sogar klar, warum dem so war. Er liebte den Herbst am meisten - weil jetzt Herbst war! Denn trotz all der Unruhe die ihn quälte, oder vielleicht gerade deswegen, war da eine gefährliche Kraft in ihm, die ihn zwang, sich mit Gegebenheiten abzufinden und sich sogar manchmal schadenfroh noch darüber zu freuen, dass es so war, wie es war und eben nicht anders. Trotzdem, Wasser hatte auf ihn immer schon eine magische Wirkung ausgeübt. Als Junge hatte er stundenlang bewegungslos sitzen können um in einen Bach zu starren. Solange, dass ältere Tanten schon prophezeiten, er werde keines natürlichen Todes sterben sondern eines Tages ins Wasser gehen. Nur, dass Nick nichts Unnatürliches daran fand, wenn sein Körper sich eines Tages in Wasser auflösen würde. Gab es denn etwas, das mehr mit dem Leben verbunden war als das Wasser? Eins zu werden mit dem Wasser war nichts Unmögliches. Es war so viel natürlicher als sich gegen den Strom des Lebens zu stemmen.
Weniger freuen würde sich das Kamerateam, dass jetzt da draußen irgendwo herum irrte um einige schöne und freundliche Bilder von dem kleinen Dorf Going und den herbstlichen Bergen einzufangen. Nun, schön würden die Bilder schon sein, aber ob sie auch tourismustauglich waren? Ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen und Nicks Lächeln wurde eine Spur zynischer, wenn er an die Laune seiner Kollegen dachte.
Von außen wirkte das kleine Haus wie jedes andere liebevoll renovierte, alte Bauernhaus, und Nick war sich ziemlich sicher, dass es das auch einmal war. Irgendwann einmal in grauer Vorzeit. Jetzt war es ein Restaurant. Nicht irgendein Dorfgasthof, sondern ein erstklassiges Restaurant mit der Würdigung durch französische Hauben, dass sich trotz allem internationalen Erfolg doch in seiner Einrichtung und Ausstattung der ländlichen Umgebung angepasst hatte. Oder gerade deswegen. Denn der Gast bekam, was der Gast erwartete.
Nick schloss die Tür hinter sich und ging wieder zurück in den stillen, dunklen Raum. Alles, was sie in den nächsten Stunden benötigen würden, stand stumm und abwartend da und harrte seiner Erfüllung. Diese hoch erhobenen, unpassenden Lampen auf ihren dürren Stelzenbeinen wirkten klobig und fast drohend in dem kleinen Raum und die dunkle Holzdecke drückte die Dämmerung noch mehr. Nick überlegte, ob er vielleicht eine der Lampen anschalten sollte, um der plötzlich einsetzenden Dämmerung Herr zu werden. Aber er konnte sich einfach nicht dazu entschließen. Statt dessen stand er nur da und starrte in den Raum hinein. So starr und bewegungslos wie seine Stative und Lampen.
Gleich gegenüber der Eingangstür in der Nick stand, befand sich die Kochstelle des Maitre. Normalerweise vom Lokal und den Gästen durch eine mächtige Glaswand getrennt. Die hatte man jetzt unter Schwierigkeiten entfernt und nun kochte er sozusagen mitten im Lokal auf. Mit den Kameras durch die Scheibe zu filmen wäre nicht möglich gewesen.
Nick konnte sich plötzlich an ein anderes Lokal erinnern - so etwas wie ein Lokal. Denn es war tatsächlich nichts anderes als eine große Bauernküche gewesen, mit einigen Tischen und einem riesigen, alten Herd in der Mitte. Einer alten Frau, die werkelte, kochte und briet und einer etwas jüngeren, die beständig Holz von draußen holte und das Feuer am Leben hielt. Er konnte sich beim besten Willen nicht mehr an den Namen der kleinen Ortschaft erinnern. Alles was er wusste war nur noch, dass es irgendwo in Kärnten gewesen sein musste. In der Nähe von Bad Kleinkirchheim. Inmitten von jeder Menge Schnee, die ihre Anfahrt fast verhindert hätte. Jedenfalls machte diese alte Frau mit der unverständlichen Sprache die besten, fetttriefenden 'Kasnockn', die er jemals gegessen hatte. Aber dass man den Gast bei der Zubereitung der Speisen zusehen ließ war schon die einzige Gemeinsamkeit zwischen diesen beiden Lokalen. Hier war alles modern und glänzend im blank poliertem Chrom - und es gab auch keine Kasnockn im Schweineschmalz.
Nick gähnte einmal herzhaft und streckte sich.
"Möchten Sie etwas trinken? Einen Kaffee vielleicht?"
Er sah nach hinten in das Dunkel der fensterlosen Nische und entdeckte eine eindeutig weibliche Silhouette. Er überlegte kurz, lächelte dann und nickte.
"Ein kleiner Schwarzer wäre jetzt schon was Feines.”
Sie kam von ihrem Hocker herunter und begann an der Kaffeemaschine zu hantieren. Nick zwängte sich in den schmalen Spalt zwischen Theke und Wand der gerade einem Menschen die Möglichkeit bot zu stehen und sah der Frau des Kochs zu, wie sie zielsicher und ohne zu zögern in der lichtlosen Ecke hinter der Kaffeemaschine werkelte.
Die dunkle Flüssigkeit war so schwarz wie die Schatten unter den Tischen, aber er konnte sie durch den eindringlichen Geruch als Kaffee erkennen.
"Wann werden die anderen zurück kommen?"
Nick grinste und zeigte auf eines der kleinen, silbern schimmernden Fenster.
"Bei dem Wetter kann es nicht mehr all zu lange dauern. Ich schätze irgendwann in der nächsten halben Stunde. Kommt ganz darauf an, wo sie jetzt gerade sind.”
"Und dann?"
Sie lehnte sich gegen das Regal hinter ihr und sah ihn erwartungsvoll an.
"Sie meinen, wie lange es heute Abend noch dauert?" Nick zuckte mit den Schultern. "Schwer zu sagen. Aber normalerweise sind wir so in drei bis vier Stunden fertig. - Für heute!"
"Und morgen geht's dann mit den Kochfolgen weiter. Glauben Sie, werden wir rechtzeitig fertig, dass wir eventuell noch zusammen räumen können und am Abend aufmachen?"
Nick stellte die Tasse wieder hin, behielt aber die Hand daran.
"Darauf gebe ich Ihnen besser keine Antwort. Wunder gibt es natürlich immer wieder, aber aus Erfahrung muss ich sagen, dass ich an Ihrer Stelle nicht damit rechnen würde.”
Er nahm einen kleinen Schluck von dem heißen Gebräu und fühlte wie die Wärme seinen Hals hinunter kroch bis in seinen Magen. Und er fühlte, wie der Kaffee seinen Lebensgeistern in den Arsch trat, damit sie sich wieder rührten.
„Weniger wegen der Dreharbeiten selbst. Aber wir müssen alles wieder umräumen, die Glasabtrennung muss wieder montiert werden und die Küche müsste auch Vorbereitungen für die Gäste treffen.“
Sie nickte und schwieg nachdenklich.
"Hätten Sie vielleicht irgend einen Tipp für morgen?", fragte sie dann wieder aus der Dunkelheit heraus.
Er nippte wieder von seinem Kaffee, überlegte, und je länger er überlegte um so intensiver wurde das zynische Grinsen in seinem Gesicht.
"Nun, etwas gäbe es vielleicht zu beachten”, meinte er nachdenklich langsam. "Wenn unser lieber Herr Regisseur etwas verlangt, dann bitte fragen Sie nicht, erklären Sie nicht, tun Sie nur. Das aber schnell.”
"Ist er so ungeduldig?", wollte sie erschrocken wissen und er rührte in seinem Kaffee herum, ließ sich Zeit mit der Antwort.
"So würde ich das nicht gerade sagen. Ich glaube nur, dass er eben sehr von der Wichtigkeit seiner Arbeit überzeugt ist. Von der Perfektion seiner Ansichten und von deren Unfehlbarkeit.”
"Und das alles wegen fünf Minuten?"
"Das alles wegen fünf Minuten. Dreihundert Sekunden - wenn's überhaupt so viele sind. Immerhin gibt es auch Vor- und Abspann.”
Wieder entstand eine lange, schweigende Pause. Solange bis Nick den Löffel hinlegte und grinsend meinte: "Es ist auch tatsächlich nicht einfach, so viel Information wie möglich in diese kurze Zeit zu packen. Aber keine Angst. In Wirklichkeit ist er nicht mal halb so brummig und bärbeißig wie er gerne glauben machen möchte.”
"In Ihrem Beruf wird man wohl auch zum Menschenkenner.”
Er kratzte sich am Kinn und überlegte.
"Eigentlich nicht. Dieser Beruf führt eher dazu, dass man abstumpft. Ich meine damit, dass man sehr viel und sehr intensiv mit allen möglichen Leuten zusammen ist, aber meistens fehlt jegliche Zeit, um sich näher mit diesen Menschen zu befassen. Dabei glaube ich eigentlich fest daran, dass an jedem Menschen etwas Besonderes zu finden ist, etwas Bemerkenswertes. Und sei es auch nur bemerkenswerte Dummheit. Aber man hat einfach nicht die Zeit, um es zu erkennen. Denn man ist ja da um zu arbeiten und nicht um tiefschürfende Gespräche zu führen. Und um das Besondere in einem Menschen zu finden muss man schon sehr tief schürfen. Nicht weil es so tief und unbewusst liegt, sondern weil die meisten Menschen es ganz bewusst verstecken.”
"Weil man sie sonst auslachen würde”, meinte sie leise und nickte.
Er zuckte unmerklich zusammen und sah sie für einen Augenblick überrascht an. Sie aber hatte nur zu sich selbst gesprochen, betrachtete nun die Dunkelheit zu ihren Füßen und gab keinen Ton mehr von sich.
"Wie meinen Sie das?", fragte er endlich leise und vorsichtig und sie sah ihn nachdenklich an, aus ihren Gedanken aufgeschreckt.
"Was?"
"Sie haben da eben etwas über das Auslachen gesagt und es klang so, als meinten Sie damit etwas Bestimmtes.”
"Hat es sich so angehört?",, fragte sie, aber es klang nicht wirklich nach einer Frage.
"Ja”, antwortete er und seine Stimme ließ keinen Zweifel.
Um sich abzulenken ging sie einmal unruhig hinter der Theke auf und ab und lehnte sich dann doch wieder gegen das Regal.
"Es gibt da so eine dumme Geschichte, die mir mein Großvater erzählt hat. Von seinem Großonkel. Der muss irgendwann so Mitte oder Anfang des 19. Jahrhunderts gelebt haben. Möchten Sie sie hören?"
Natürlich wollte Nick sie hören. Sie schien zwar etwas ungläubig, aber da Nick darauf bestand erzählte sie ihm die Geschichte. Es war eigentlich keine richtige Geschichte. Sie erzählte vom Großonkel ihres Großvaters und davon, dass dieser Mann einer jener tiroler Bauern gewesen war, von denen die Geschichte des Landes nur selten erzählten. Zwar konnte er nicht den lieben langen Tag im Wirtshaus sitzen und den Knechten und Mägden die Arbeit überlassen, aber er musste auch nicht, wie so viele andere, seine Kinder in die Fremde verkaufen um die Daheimgebliebenen durchfüttern zu können. Dieser Mann war nicht wohlhabend und nicht arm, er war nicht bösartig und nicht knausrig und doch war er im ganzen Tal und sogar darüber hinaus verrufen. Denn oft, besonders wenn er zu viel getrunken hatte, sprach er über die Zukunft und darüber, wie sie aussehen würde. Aber es war nicht die Zukunft der goldenen Ähren und der vollen Ställe, von der er sprach. Er sagte den Leuten, sie sollten auf ihre Bäume ja gut acht geben, denn eines Tages würde man glücklich sein über die wenigen gesunden Bäume, die man noch in den Wäldern finden würde. Und weil nur mehr wenige kleine Wälder übrig geblieben wären, würden die Berge unruhig und immer wieder Lawinen und Geröll bis hinunter ins Tal schicken. Und Seile und Schnüre würden von Berggipfel zu Berggipfel gespannt werden. Quer durch ganz Tirol. Von Nord nach Süd und von West nach Ost. Und die Reisestraßen würden hinauf führen zu den höchsten Gipfeln um Menschen wie Ameisenvölker zu bringen, die den Boden zertrampeln und den Leuten den Kopf verdrehen. Aber das Tal, das Land, die Tiroler selbst würden immer ärmer und ärmer werden und eines Tages würden die Schweizer kommen und das ganze heilige Land Tirol übernehmen. Alles würden sie sich nehmen und vor nichts und niemand Rechenschaft dafür ablegen müssen. Seine Mitmenschen, die ihn nur nach seiner Meinung fragten, um zuerst heimlich und dann offen über ihn lachen zu können, die taten das immer öfter und immer lauter. Und allmählich verdross es ihn, sie zu warnen vor einer Zukunft, wie nur er sie sah. Er selbst aber schreckte oft aus dem Schlaf hoch, wenn er meinte, diese Schweizer über die Berge kommen zu hören um die Herrschaft über sein Land anzutreten. Und man könne sie hören, so erzählte er, denn sie trugen genagelte Schuhe mit langen, scharfen Spitzen an der Sohle und er meinte es oft zu hören, dass sie kamen. Ihre Schritte, das Klirren des Eisens auf dem Fels. Wenn sie kamen um die Herrschaft anzutreten über alles, was ihnen noch nicht gehörte, gierig und niemals zufrieden. Und um alles zu zertreten, was sich ihnen in den Weg stellte.

Quietschend öffnete sich die Eingangstür und laute, hektische Stimmen erfüllten den Raum.
"Hallo Nick”, meinte Tonio. "Frag mal wie's war.”
"Frag lieber nicht”, brummte der große Tonmeister hinter ihm und stellte seine Geräte schwer in einen Winkel.
Tonio und Nick drehten die Lampen an und gingen die Aufstellung mit dem bärtigen, grundgeduldigen Kameramann noch einmal durch. Hans, der Tonmeister, entzündete eine seiner unvermeidlichen Zigaretten und strich sich erst mal die langen Haare aus dem Gesicht, wobei er so tat, als würde er zuhören, während der Regieassistenten ihm noch einmal erklärte, was nun folgen sollte. Etwas abseits davon hatte Robert, der Kameraassistent, sein Quartier aufgeschlagen. Über die Arri BL gebeugt suchte er mit Hilfe seiner Taschenlampe penibel nach Filmabrieb, der die Kamera verschmutzen konnte.
Endlich stürmte ER herein, sein unvermeidliches 'Seit ihr noch immer nicht fertig!' von sich gebend, um sich dann zu erkundigen, wie weit man war. Dass er dabei den Tonmeister beinahe umrannte, schien er nicht zu bemerken. Nick sah nur kurz zu der jungen Frau hin, zuckte mit den Schultern und lächelte schief.

Die Sonne schien warm und freundlich. So, als wollte sie noch einmal den Sommer für kurze Zeit zurück bringen. Und wenn es windstill blieb, dann war diese Illusion auch beinahe vollkommen. Vor allem, wenn man der Länge nach in einem bequemen Gartensessel lag, die Beine weit auf die Terrasse hinaus gestreckt, die Augen geschlossen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen ließ. Es war nur natürlich, dass irgendwann die Gedanken begannen aus ihren Bahnen zu laufen, wenn man so dalag. Dass sie ziellos herum irrten. Froh waren, von den gewohnten Zwängen der Notwendigkeit los zu kommen und sich im freien Raum der Zeit ein wenig die gedanklichen Beine vertreten zu können. Aber sehr weit kamen Nicks Gedanken an diesem Tag nicht. Immer wieder war da dieser Punkt, der sie wie ein Magnet anzog. Dieser Punkt, dieses Geräusch, dass Nick einfach nicht aus dem Kopf ging.
Eisen auf Stein.
Lange, eiserne Spitzen auf Stein.
Schritte mit eisernen Spitzen auf Stein.
Ledernes Knarren und das Scheppern der genagelten Schuhe auf Steinplatten.
Nick hörte die Stimme eines Schweizers, der etwas sagte, was er nicht verstehen konnte, aber er erkannte das schweizerische Deutsch.
Die Schweizer!
Das Synonym eines alten, kaum gebildeten Mannes.
Aber wer waren seine 'Schweizer' heute?
Hochspannungsleitungen und Seilbahnen durchspannten das ganze Land. Und brachten Ströme von Touristen. Die Wälder starben laut schreiend, ohne, dass die Menschen hin hörten. Die Berge schickten Schnee und Geröll bis weit in die Täler weil nichts mehr da war, was sie aufhalten konnte. Und wichtige Entscheidungen über das Leben und Überleben der Menschen wurden längst nicht mehr hier im Land getroffen. Wurden von Menschen getroffen, die nur sich selbst und ihrem Bankkonto und vielleicht noch ihren Aktionären Rechenschaft ablegten.
Er schlug die Beine anders übereinander und rutschte noch tiefer in den Stuhl.
Die Schweizer von damals, das war heute die Hochfinanz. Vielleicht nicht der offensichtliche Kopf der Wirtschaft aber doch - zumindest - immerhin - der Nabel.
Die Schweizer.
Das waren heute nicht mehr die Bürger eines kleinen Landes. Nicht mehr der Freien von Uri, Schwyz und Unterwalden. Nicht mehr der vor den Drakern flüchtende Teil des Stammes der Bojer, der hoch in die weiten Berge, 'hel en de veten', zog. Heute waren das riesige Konzerne. Amerikanische, japanische, europäische und viele, viele andere. - Sofern man diese Giganten überhaupt noch nach etwas so unbedeutendem wie einer Nation einteilen konnte. Längst hatten sie diese einst blutig umkämpften Grenzen der Nationen zu einer Einteilung für die Kompetenzen kleiner Marketingmanager degradiert. Längst waren sie zu einer globalen Größe erwachsen, die jenseits aller politischer Einflusssphären, aller Gesetze und sozialen Systeme lag. Den engen Tälern und den engen Köpfen waren sie entwachsen.
Nick wollte nicht behaupten, dass der alte Mann Unrecht gehabt hätte. Er hatte sich nur etwas im Zeitablauf geirrt. Schon längst gehörte das heilige Land Tirol nicht mehr den Tirolern. Schon längst hatten andere davon Besitz ergriffen. Aber erst jetzt kamen jene Männer und Frauen. Und sie trugen genagelte Schuhe mit langen, scharfen, eisernen Spitzen an der Sohle.
Undeutlich durch das Scheppern der metallenen Spitzen auf Stein und durch das Gemurmel der Stimmen drang ein anderes Geräusch. Ein gleichmäßiges Rauschen, das von sehr weit her, von sehr hoch oben zu kommen schien, sich aber schnell näherte. Bald war aus der Gleichmäßigkeit das Schlagen heraus zu hören und das Rauschen wurde zu einem Dröhnen, das direkt auf Nick zukam und dann über ihm zu stehen schien.
Erst jetzt öffnete Nick langsam die Augen und sah blinzelnd zu dem strahlend blauen Himmel hinauf, der eingerahmt wurde von den bereits leuchtend weißen Spitzen der Berge.
Gemächlich erhob er sich und streckte seine verspannten Muskeln vorsichtig durch. Erst als der Helikopter den Boden berührte nahm er die Filmkassetten in die Hand und kämpfte sich durch den künstlichen Sturm auf die geöffnete Kabinentür zu um den Platz mit dem Kameraassistenten zu tauschen.
Schnell wurde der kurze, gepflegte Rasen und das Clubhaus unter ihm kleiner und als der Pilot wendete, da sah er die ganze, prachtvolle Golfanlage am Talboden. Darüber klebte das kleine Dorf mit seinen kastenförmigen Hotelanlagen, in einem Felsspalt in der Sonne strahlend, unter den mächtigen Berggipfeln.
Und er überlegte, was wohl der alte Mann dazu gesagt hätte, wenn er gewusst hätte, dass zu den genagelten Schuhen noch eine ganze Reihe eiserner Stöcke und ein kleiner Ball gehörten.







Irgendwann, irgendwo da vorne musste die Raststation Ansfelden in der Dunkelheit liegen. Es konnten nur mehr wenige Minuten bis drei Uhr sein, denn Tonio rutschte schon sehr nervös auf seinem Sitz herum. Aber er sagte nichts. Noch nicht. Nick wollte auf seine Uhr sehen, aber er bemerkte, dass ihm selbst dazu die Kraft fehlte. Unbeweglich sah er zu, wie die roten und weißen Lichter an den Seiten vorbei huschten. Wie die gelben Striche der Fahrbahn auf ihn zu rasten um zu verschwinden und wieder aufzutauchen. Er hielt den Wagen ruhig und präzise auf der Straße, aber er fühlte, dass das eigentlich schon mehr eine Art Reflex war, dass er schon zu einem Automaten geworden war, der nur mehr fuhr, weil es zu viel Kraft gekostet hätte, anzuhalten. Und er wusste ganz genau, dass jetzt nichts Unvorhergesehenes geschehen durfte - er würde nicht darauf reagieren können. Insgeheim war er schon froh, wenn er die Einfahrt zur Raststation nicht einfach verpasste.
"Wie sieht es mit Diesel aus?"
Nick spannte seine Schultermuskeln an und ließ wieder locker.
"Eigentlich müsste es noch reichen bis Wien, aber ich würde sagen, wir tanken bei St. Pölten. Kann nicht schaden. Warum fragst Du?"
Tonio gähnte und streckte sich herzhaft in alle Richtungen. Dann meinte er: "Erstens frage ich, weil ich nicht unbedingt mit einem Kanister zur nächsten Tankstelle laufen möchte und zweitens hab' ich mir gedacht, Du fährst sicher in Ansfelden rein, damit wir wechseln können. Und da hätten wir auch gleich tanken können, wenn es notwendig gewesen wäre. Dachte ich mir.”
"Hört, hört! Er denkt!", stichelte Nick, grinste und kratzte sich am Bauch während er den Wagen mit einer Hand in der Spur hielt. "Aber deine Idee mit dem Tanken ist nicht mal so schlecht.”
"Ich dachte, Du wolltest jetzt noch nicht tanken.”
"Hört, hört! Er denkt schon wieder! - Aber ich dachte eigentlich nicht daran den Wagen voll zu tanken, sondern eher uns mit Kaffee.”
"Für diese Idee könnte man Dich direkt für den Nobelpreis vorschlagen.”
"Für den Friedensnobelpreis?"
"Nein!", lachte Tonio. "Den bekommst heute schon ein jeder, der nicht offensichtlich zum Kriegsverbrecher geworden ist. Für Dich sollte man einen Neuen erfinden. Wie wäre es mit einem Nobelpreis für außergewöhnliche und phantastische Ideen?"
Nick kratzte seine Bartstoppel am Kinn und überlegte. Endlich meinte er: "Den müssten aber noch ein paar andere vor mir bekommen.”
"Und wer, so zum Beispiel?"
"Weiß nicht, aber da wäre zum Beispiel mal jener Typ von dem ich vor kurzem gelesen haben. Der es geschafft hat, dass künstlich geschaffenes Leben, also auch menschliches, patentiert werden kann. Diese Idee ist so phantastisch, von einer so grenzenlosen Kurzsichtigkeit und von einer so unglaublichen Unlogik, dass sie ganz einfach faszinierend ist.”
"Aha”, machte Tonio und starrte Nick verwirrt an. "Und was bitte ist daran so faszinierend? Es ist doch immerhin nur eine gesetzliche Regelung.”
"NUR ein Gesetz klingt gut und modern”, lachte Nick. "Du musst sagen, es ist ein GESETZ! Aber dieses Gesetz an sich ist nicht so faszinierend wie die Idee, die dahinter steht. Wenn Du intelligentes, also menschliches Leben patentieren lassen kannst, dann kannst Du auch Menschen schaffen, produzieren, die alle dieser Patentnorm entsprechen. Aber viel wichtiger ist die Alternative, dass Du damit nämlich auch das Recht bekommst, alles zu zerstören, was nicht dieser Norm entspricht. Merkst Du, woher der Wind weht?"
Tonio zerknautschte die leere Zigarettenpackung und sah sich suchend um.
"An sich schon. Du glaubst also, die wollen einen besseren Menschen basteln?"
"Nun, das wäre immer noch das Beste, was uns dadurch passieren könnte. Aber der Mensch heute, und da sind auch die Herrschaften Gentechniker nicht ausgenommen, sind keineswegs in der Lage zu sagen, wohin denn die Entwicklung des intelligenten Lebens führen soll. Also können sie auch nicht wissen in welche Richtung sie den Menschen verbessern sollen. Darum wird alles, was sie schaffen werden nur eine Art angepasster Mensch sein, der sich durch die Kontrollen nie mehr weiterentwickeln wird und somit seine Bestimmung in der Evolution verliert. Und wie wir wissen, geht die Natur recht unsanft mit den Geschöpfen um, die ihre Existenzberechtigung verloren haben oder in der Evolution nicht mehr benötigt werden.”
"Das klingt nach Weltuntergang.”
"Das klingt nach rein biologischen Vorgängen und Notwendigkeiten. Wobei die Gentechniker ja nur die biologische Seite überwachen können, was eine geistige Weiterentwicklung nicht vollständig ausschließt. Bestenfalls klingt es nach dem Aussterben einer weiteren Tierart - was ja heutzutage auch nichts Weltbewegendes mehr ist.”
"Manchmal frage ich mich schon, wer Du eigentlich bist, dass Du so emotionslos über den Tod von Milliarden von Menschen sprechen kannst!"
Nick lachte leise.
"Das, was Du so erhaben Mensch nennst, ist in der Entwicklung der Intelligenz nichts weiter, als was für die Biologie der Virus war. Ein Versuch, ein Markierungspunkt, ein erster Schritt - vielleicht auch eine tödliche Gefahr.”
"Weißt Du was?"
"Was?"
"Die Einfahrt zur Station ist da vorne”, resignierte Tonio.

Die Autobahnstation war so gerammelt voll, wie man es um drei Uhr nachts erwarten konnte. Nur kurz nach der Einfahrt stand die schwarze Zugmaschine eines Sattelschleppers, die Vorhänge zugezogen und dumpf glühend am Rande des Lichtbereiches. Nick parkte den Bus gleich neben dem Gebäude und starrte es verbissen durch sein Seitenfenster an.
"Sieht aus, als hätten wir nicht besonders viel Glück.”
"Geschlossene Veranstaltung”, brummte Tonio.
"Von wegen Veranstaltung. Da ist nur noch geschlossen.”
Aber Nick schob sich hinter dem Lenkrad hervor und öffnete die Tür. Ein Schwall eisiger Luft schwappte ihnen entgegen.
"Uuaah!", brüllte Tonio und versuchte sich in seinen Sessel zu verkriechen. "Wie lange, um Himmels Willen, sind wir denn gefahren? Ist jetzt schon Winter?"
Nick zog seine Jacke an und stellte den Kragen hoch.
"Scheißwetter!", murrte er dabei dumpf.
Der kleine, dunkelhaarige Mann wechselte auf den Fahrersitz und sah hinaus zu dem Mann, der da draußen neben dem Bus stand und unschlüssig seine Hände rieb.
"Und?", rief er hinaus. "Was willst Du jetzt machen? Einbrechen und selbst Kaffee kochen?"
Nick stand noch immer unbeweglich und starrte in die Finsternis hinter dem Haus.
"Warte noch einen Augenblick”, meinte er dann und setzte sich in Bewegung.
Tonio sah ihm zu, wie er um die Ecke bog und schloss dann schnell die Tür wieder. Er fragte sich, wie es wohl möglich war, dass es in der Nacht soweit abgekühlt hatte. Das Wetter spielte wirklich schon ziemlich verrückt. Vielleicht waren sie beide aber auch nur zu überempfindlich geworden durch die Müdigkeit und die schützende Wärme im Wagen.
Diese Tour war schlicht und einfach Wahnsinn. Und der eigentliche Wahnsinn dabei war, dass man sich daran gewöhnte solche Dinge zu machen und sie gar nicht mehr in Frage stellte.
Wenige Minuten später tauche Nick wieder an der Ecke auf und hastete auf den Bus zu. Tonio öffnete die Tür und startete den Motor, aber kaum war Nick auf den Stufen, da rief er: "Stop! Nicht wegfahren!"
"Wieso?", wollte Tonio verständnislos wissen und nahm die Hand wieder vom Schaltknüppel. Erst jetzt sah er, dass Nick einen flachen Karton vor sich balancierte. Und auf dem Karton standen vier offene Pappbecher.
"Weil ich”, erklärte Nick und setzte vorsichtig den Karton ab, "wenn Du wegfährst mit ziemlicher Sicherheit auf die Nase falle. Und es macht mir zwar nur wenig aus, wenn ich deinen Kaffee verschütte, nur werde ich es irgendwie nicht schaffen, meinen zu retten. Capito?"
"Ah, e molto fantastico!", hauchte Tonio und sog den Duft des heißen Kaffees lautstark durch die Nase. Dann schaltete er kurzerhand den Motor wieder ab und drehte sich Nick zu.
"Rauchpause!", meinte er aufgekratzt.
"Dann gib mir eine von deinen Rothmanns”, forderte Nick trocken.
"Wie kommst Du darauf, dass ich noch welche hätte?", fragte der kleine Italiener erstaunt und betroffen. Aber Nick streckte nur die Hand aus und meinte: "Saftsack.”
Der kleine Mann zog ein Gesicht, als schneide man ihm ein Stück Fleisch bei lebendigen Leibe aus dem Körper, dann aber grinste er und streckte Nick bereitwillig die Packung entgegen.
Vorsichtig und aufmerksam schlürften sie die ersten Schlucke aus den Bechern. Tonio riss die Augen auf und starrte Nick an.
"Das ist doch nie im Leben Automatenkaffee! Wo hast Du den her?"
Nick grinste schelmisch und meinte beiläufig: "Hier gibt's auch keinen Kaffeeautomaten. Hier gibt es nur einen Colaautomaten - und einen Wachmann, der die ganze Nacht wach bleiben muss. Weil sie um Zwei zu sperren und um Fünf wieder auf und jemand da sein muss, damit währenddessen niemand einbricht. Man nehme also die Becher vom Automaten und den Kaffee vom Tankwart und schon ist alles in bester Ordnung.”
"Hast Du ihm was gezahlt dafür?"
"Natürlich!”
"Ist er auch wert, würde ich sagen.”
Mit hastigen Schlucken tranken sie jeder einen Becher leer und warfen dann die leeren beim offenen Wagenfenster in die Dunkelheit hinaus. So, als wollten sie die Nacht verhöhnen dafür, dass sie es nicht geschafft hatte, sie klein zu kriegen. Der heiße Kaffee in ihren Mägen wirkte wie ein kleiner Ofen und sandte seine Wärme, seine Energie allmählich in alle Glieder aus. Tonio klatschte in die Hände, rief: "Ab geht's!" und startete den Motor. Mit einem tiefen, satten Brummen kam der Diesel und schnell schob sich der große Bus wieder aus dem Parkplatz hinaus und donnerte an der Tankstelle vorbei.
Nick hatte dem freundlichen Tankwart winken wollen, aber er hob nur grüßend die Hand. In den Händen hielt er die restlichen beiden Becher, denn bei Tonios schwungvollem Fahrstil war es nicht angebracht sie stehen zu lassen.
Viel zu schnell fuhren sie aus der schemenhaft erleuchteten Raststätte wieder auf die dunkle, leere Autobahn hinaus. Der Wagen schwankte heftig in seiner Hydraulikfederung und Nick hatte Mühe auf dem Sitz zu bleiben.
"Könntest Du vielleicht etwas Rücksicht darauf nehmen, dass ich mich nicht festhalten kann?" rief er und Tonio riskierte einen schnellen Blick zu der Gestalt, die da leicht verkrampft am Beifahrersitz saß.
"Ich dachte, jetzt geht die Post ab?"
"Warte mal, wie die Post abgeht, wenn ich mir den heißen Kaffee über die Finger schütte. So schnell warst Du noch nie in deinem Leben. Schneller als ein Porsche - allerdings zu Fuß!"
Und dann lachten sie beide. Laut und herzlich. Tonio nahm Nick einen der Becher ab und klemmte ihn sich zwischen die Beine, damit er ihn griffbereit und doch beide Hände zum fahren frei hatte.
"Ho-ha!", meinte er. "Der ist ja wirklich noch heißer als ich dachte!"
Nick lachte und prostete ihm zu.
"Sei doch froh. Wann ist Dir denn zum letzten Mal so richtig glühend heiß zwischen den Beinen geworden?"
"Bei meiner Kleinen!" brüllte Tonio und schlug mit der flachen Hand auf das Lenkrad. "Jedesmal! Das schwöre ich! Bei Christo und bei allen Santos, die die Kirche kennt!"
Nick stand auf und lehnte sich von hinten über den Sitz.
"Und was besseres um zu schwören fällt Dir nicht ein?"
"Wieso?"
"Auf alle Heiligen zu schwören ist leicht, die sind doch alle schon tot. In diesem Fall wäre aber doch was anderes eher angebracht - meine ich.”
"Und was?", wollte Tonio wissen.
Nick überlegte, kratzte sich am Kopf, sah auf die Straße hinaus, nahm noch einen Schluck und meinte dann endlich: "Schwörst Du es auch bei aller Härte zu der Du fähig bist?"
"Was heißt bei aller Härte?", wollte Tonio verständnislos wissen.
"Naja. Wenn Du einen Meineid schwörst, dann wirst Du in Zukunft da nichts mehr heiß sein, nur mehr ganz weich und schlabberig. Riskierst Du das?"
"Santa Maria!", schrie Tonio überrascht auf. "Wo um alles in der Welt hast Du nur solche Ideen her? Bei allem würde ich schwören. Bei der Bibel, beim Leben des Papstes, beim Leben meiner Mutter - Gott hab' sie selig, aber dabei -" lachte er, "dabei zu schwören ist geradezu unmoralisch!"
Sie lachten so laut, dass der Bus dröhnte, ja zu zerspringen drohte. Sie drehten das Radio lauter und sangen aus voller Kehle mit, unbekümmert darüber, ob sie richtig lagen oder nicht. Noch zwei Pappbecher folgten den ersten beiden irgendwann. Sie brüllten und johlten und lachten herum als wären sie vollständig besoffen. Und Tonio trat das Gaspedal durch bis es nicht mehr weiter ging und der Bus rast durch die Nacht seinem nahen Ziel entgegen.
"Scheiße!"
Tonio riss den Wagen nach links und trat so hart auf die Bremse, dass die Reifen blockierten. Der große Wagen stellte sich über beide Spuren quer, schaukelte wie eine Nussschale im Sturm. Dann drehte sich fast gemächlich und stellte sich in die andere Richtung quer. Dabei bockte er wie ein wild gewordener Gaul. Tonio saß mit verzerrtem Gesicht hinter dem Lenkrad und versuchte hektisch den Wagen wieder zu fangen. Nick lag hinter ihm auf dem Boden und achtete darauf, nicht all zu sehr hin und her geworfen zu werden. Wieder bockte er in die andere Richtung, diesmal aber nicht mehr so lange. Allmählich bekam ihn Tonio wieder unter Kontrolle, er schlingerte noch nach und Nick rappelte sich vorsichtig hoch. Leichenblass saß der kleine Mann hinter dem großen Lenkrad und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß aus den Augen.
"Madonna! Das war knapp!", stöhnte er zwischen den zusammen gepressten Zähnen. Nick hatte es ebenfalls gesehen, kaum weniger schlecht als Tonio. Trotzdem fragte er: "Was um alles in der Welt war das?"
"Ein LKW”, würgte der kleine, bleiche Mann heraus. "Steht auf dem Pannenstreifen, unbeleuchtet und ragt bis in die erste Spur rein.”
"Gut gemacht”, meinte Nick und klopfte seinem Partner anerkennend auf die Schulter bevor er sich wieder hinsetzte.
"Was?", wollte der mürrisch wissen. "Dass ich erschrocken bin und den Wagen verrissen habe?"
"Nein. Dass Du den Wagen auf der Straße gehalten hast. Soll ich Dich ein paar Minuten ablösen?"
Tonio atmete tief durch, verzog dann das Gesicht zu einer Grimasse und schüttelte den Kopf.
"Nein danke. Halb so schlimm, ich werd's überleben. Außerdem leg ich jetzt sowieso eine kleine Pause ein”, meinte er und ließ den Wagen noch immer mit gemächlichen achtzig Stundenkilometern durch die Nacht rollen.
"Wieso?"
Tonio deutete nach vorne zu einem schemenhaften Gegenstand der schlank am Straßenrand aus der Dunkelheit auftauchte und schaltete zurück.
"Weil Du von der Notrufsäule da vorne die Bullen anrufen wirst und ihnen sagen, sie sollen dem Scheißkerl da hinten mal kräftig in den Arsch treten!"
Nick grinste breit als Tonio den Bus neben der Notrufsäule zum Stehen brachte.
"Die werden sowieso stinksauer sein, wenn ich sie um die Zeit wecke.”
Tonio brummte nur und zuckte mit den Schultern. Wenige Minuten später war Nick wieder da, kletterte in den Bus und meinte: "Okay, die Bullen sind unterwegs und wir sollten es auch sein.”
Tonio fuhr ganz gemächlich an.
"Nur keine falsche Hektik. Oder hast Du was gegen Bullen?"
"Ich verabscheue Gewalt und Inkompetenz prinzipiell”, ließ Nick zynisch verlauten. "Aber im speziellen Fall möchte ich darauf hinweisen, dass ich weit weg sein möchte, wenn sie hier auftauchen. Wir sehen nämlich beide keineswegs sehr präsentabel aus und in diesem Fall könnte ihnen einfallen, nach unserem Fahrtenschreiber zu fragen und dann ...”
"... dann würden sie dahinter kommen, dass dieses rostige Überbleibsel aus dem letzten Weltkrieg über solche modernen Kinkerlitzchen nicht verfügt.”
Nick stellte seine Lehne nach hinten und legte die Beine wieder auf die Ablage.
"Aber eines wundert mich doch immer wieder”, meinte Tonio nach einer stummen Weile nachdenklich.
"Was?"
"Das eigentlich so viele Leute gegen Polizei und Polizisten eine Abneigung haben. Dabei sind sie doch dazu da, die Bevölkerung zu beschützen. Zumindest wenn sich der Bürger an die Gesetze hält. Also müsste man in ihnen doch eigentlich eher einen Freund, einen Verbündeten sehen und nicht einen Feind.”
Nick lachte. Nick lachte lang und laut und herzlich. Und Nick lachte auf diese eigentümliche Art und Weise, die Tonio sehr gut kannte. So lachte er immer, wenn er sich über irgend etwas sehr amüsierte. Meistens über die Naivität und Dummheit eines Menschen. Denn in diesem Lachen, so herzlich und so fröhlich es im ersten Augenblick auch klingen mochte, lag doch eine ordentliche Priese Zynismus und Verachtung. Und ein wenig Trauer darüber, dass manche Menschen so dumm sein konnten.
Nick hörte auf zu lachen. Mit einem Schlag. Von einem Augenblick auf den nächsten war es wieder vollkommen still in dem Wagen. Nur der Motor dröhnte und die Reifen sangen auf dem Asphalt.
Dann stellte Nick seinen Sitz wieder hoch.
"Du Narr”, sagte er leise. "Nicht ein einziger Bulle arbeitet für das Volk. Sie bekommen ihre Befehle von den Reichen und Besitzenden, von denen, die nun mal die Gesetze machen. Und der Befehl lautet 'beschützt uns vor dem Volk!' Ein Mächtiger braucht kein Gesetz um sich vor Mächtigen zu schützen. Die arrangieren sich. Schutz durch Gesetze bräuchten nur die Kleinen, die Wehrlosen, um neben den Mächtigen zu überleben. Aber gemacht haben die Gesetze immer nur die Mächtigen und niemals die Kleinen, denen diese Gesetze eigentlich helfen sollten. Oder kennst Du ein Gesetz, dass von einem einfachen Mann aus dem Volk gemacht wurde? Das Volk ist doch heute nicht mal mehr in der Lage die Gesetze zu verstehen, die sein Leben regeln und angeblich schützen sollen. Aber nicht, weil es zu dumm wäre, sondern weil diese Gesetze so verworren sind. Und verworren sind sie nicht ohne Grund. Das mit den Polizisten ist genauso. Eigentlich sind sie es ja, die verraten und verkauft werden. Denn sie meinen immer noch, dass sie dem Volk, dem Staat dienen. Das meinen sie aber nur solange, bis sie zum ersten Mal zu wählen haben zwischen ihren Befehlen und ihrem Gewissen! Und ab dann befinden sie sich in einem Widerstreit der Gefühle und sind natürlich frustriert.”
"Und Du meinst die Leute wissen das - oder fühlen es zumindest?"
Nick schüttelte den Kopf.
"Für die Ablehnung der Ordnungsstreitkräfte - welch passend widersinniges Wort! - für diese Ablehnung durch die Bevölkerung ist nur ein altes Sprichwort zur Erklärung notwendig: Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es zurück!"







Von 'toter Hose' war da nicht viel zu bemerken. Weder auf der Bühne noch im Saal. Und das, weil die 'Toten Hosen' höchst persönlich über die Bühne fegten. Es war schon schwer genug festzustellen, wo der Tumult denn größer war. Oben auf der Bühne, wo Campino und Genossen ihre Instrumente in Stücke spielten oder unten, dort tief unten in dem Düster, wo sich eine verwobene Masse bewegte. Hin und her wogte, Menschen ausspie und verschluckte wie ein tausendarmiges Ungeheuer.
Nick zwängte sich da irgendwo mitten durch. Es schien ihm, als hätten sich alle Punks der schönen Wienerstadt in dieser Halle versammelt. Und auch alle, die es mal waren oder mal werden wollten. Und Nick sah auch keinen Grund, warum es nicht so sein sollte. Es waren ihre Idole, die heute hier spielten. Und die wollten sie feiern, wenn es sein musste bis zum bitteren Ende. Inmitten dieses ganzen Trubels sah Nick ein paar ineinander verschlungene Körper am Boden liegen und entdeckte doch keinerlei Feindseligkeiten in ihrem Tun. Irgendwo umschlangen auch ihn ein Paar Arme, woanders rüffelte ein schwerer Stiefel über sein Schienbein oder stieß ihn eine Schulter zur Seite. Aber er ließ sich von all dem nicht beirren und strebte langsam aber zielsicher dem verstopften Ausgang zu. Er hatte auch einen guten Grund sich nicht beirren zu lassen. Dieser Grund lag auf seiner rechten Schulter, war eine knappe Million wert und durchaus zerbrechlich. Sie waren mit den Aufnahmen für den 'Tote-Hosen-Bericht' fertig und Nick hatte der Bitte des Kameramannes entsprochen und brachte die Filmkamera so schnell wie möglich in Sicherheit. Nicht, dass sie mit Bösartigkeiten rechnen mussten - ganz im Gegenteil sind Punks eigentlich die freundlichsten Menschen, solange man sie in Ruhe lässt. Aber Vorsicht war nun mal Mutter von die Eierkarton, wie die Toten Hosen sangen.
Auf den überdachten Stufen vom Saal hinunter in den kleinen Innenhof legte sich der Tumult ein wenig, aber es gab noch immer genug Leute, die herumstanden.
Nick war einfach zu müde und zu sehr damit beschäftigt auf die glatten Steinstufen zu achten. Unter normalen Umständen wäre es ihm ganz sicher aufgefallen. Wäre ihm aufgefallen, dass sich diese Menschen außergewöhnlich ruhig verhielten und ihn so eigenartig ansahen, als er langsam in den Hof hinunter stieg. Sie bedachten ihn mit neugierigen Blicken, den Mann mit der roten Jacke des Fernsehsenders, aber keiner von ihnen richtete ein Wort an ihn. Alle hatten es nur ziemlich eilig hinein zu kommen.
Nick trat in den Hof hinaus und bemerkte beide Dinge praktisch gleichzeitig. Einerseits die ungewöhnliche Stille und andererseits dieses eigenartige Geräusch.
Ein paar Leute drückten sich in dunkle Winkel und drei Polizisten standen mit gleichgültigen Gesichtern nahe dem Eingangstor - daher diese Stille. Das Geräusch kam von der anderen Seite. Nick wandte sich ohne zu überlegen um und sah einen jungen Mann - einen Punk - am Boden liegen. Die Beine hatte er angezogen und mit den Armen schützte er Gesicht und Kopf. Das hatte er auch dringend nötig. Denn über ihm stand ein weiterer Polizist, wohl kaum älter als der Punk, und drosch mit dem Gummiknüppel auf ihn ein.
Für einen Augenblick meinte Nick, seine Augen spielten ihm einen Streich, aber der Junge am Boden rührte sich wirklich nicht mehr. Machte keinerlei Anstalten sich zur Wehr zu setzen, ja er versuchte nicht einmal mehr den Schlägen auszuweichen.
Seine Finger verkrampften sich um den Kameragriff und ohne zu denken machte er zwei Schritte nach vorne.
"Ich denke, es ...”
Nick hatte gerade noch Zeit, sich mit der Kamera auf die andere Seite zu drehen und den linken Arm hoch zu reißen. Der Schmerz an seinem Unterarm war so stark, dass er meinte, er müsse gebrochen sein. Er reagierte automatisch und ließ sich auf die Knie fallen. Der zweite Schlag mit dem Schlagstock kam wuchtig gegen seine Schulter wie der dritte und warf ihn zur Seite. Er war so überrascht von der plötzlichen Attacke, dass er nicht daran dachte sich zu wehren. Der einzige Gedanke, der ihn durchzuckte, galt der Kamera. Nick rollte sich schnell schützend über sie und fühlte noch zwei, drei Schläge auf dem Rücken brennen. Wie gut, dass die Jacken der Fernsehanstalt gefüttert waren. Trotzdem meinte er seine Rippen knacksen zu hören. Dann trieb ihm ein Tritt in den Bau die Luft aus den Lungen. Aber da waren auch schnelle Schritte und jemand, der versuchte, ihn am linken Arm hoch zu zerren.
Nick schrie unterdrückt auf.
Der Mann ließ ihn sofort wieder los und sagte statt dessen: "Entschuldigen Sie vielmals. Ich hoffe, Sie haben sich nicht verletzt?" 
Nick sah von unten hinauf zu einem verkrampft lächelnden Hüter des Gesetzes und bemerkte weiter hinten die beiden anderen, die ihren schnaubenden Kollegen festhielten und auf ihn einredeten.
Vorsichtig setzte er sich auf und befühlte Schulter und Unterarm.
"Nun, ich dürfte mir zumindest nichts gebrochen haben”, meinte er mürrisch. Dann griff er nach der Kamera, untersuchte sie und kam schwerfällig wieder auf die Beine.
"Ich hoffe doch”, begann der Uniformierte wieder, "Sie messen einer unbedachten Reaktion eines provozierten Beamten nicht all zu viel Bedeutung bei.”
Dabei lächelte er so freundlich, als hätte er eben ein Baby in seinem Funkwagen zur Welt gebracht.
Nick besah sich seine Jacke und den Riss quer über das Logo des Senders und bemühte er sich vergeblich ebenso freundlich zu lächeln, als er meinte: "Ich messe den Handlungen von Polizisten niemals all zu viel Bedeutung bei. Vor allem dann nicht, wenn ich nicht zumindest doppelt so viele Zeugen habe, als Beamte anwesend sind. Schönen Dienst noch”, brummte er über die Schulter und machte, dass er aus dem Gebäude kam.
Seinen Kollegen fiel zwar auf, dass er sich etwas steif bewegte und ab und zu das Gesicht schmerzlich verzog, wenn er etwas hob. Dass er manchmal vorsichtig  nach seiner Schulter griff. Aber sie hatten mit sich selbst genug zu tun und Nick sprach auch nicht weiter darüber. Sie machten sich auch keine Gedanken darüber, dass ein Polizist immer etwas abseits stand und sie aufmerksam beobachtete. Gerade soweit, dass er verstand was gesprochen wurde. Wahrscheinlich war er ein Schutz vor den fröhlich feiernden Horden. Trotz allem sollte es noch einige Zeit dauern, bis sie endlich alles verstaut hatten, aber dann ging es ab nach Hause. Die Straßen waren schon ziemlich leer, es war schon ziemlich spät und der Abend war ziemlich gelaufen.
Er schien gelaufen.

Sie fuhren am Äußeren Gürtel in Richtung Mariahilfer Straße als hinter ihnen ein Wagen mit aufgeblendeten Scheinwerfern und rotierendem Blaulicht heran rauschte. Der Polizeiwagen überholte sie links. Daran war nichts Außergewöhnliches. Zwar waren links von Nicks Kastenwagen nur mehr Straßenbahnschienen, aber das war ebenso wenig aufregend, wie die Tatsache, dass der Polizeiwagen gleich auf diesen Schienen weiter raste. Und doch.
"Da vorne ist gleich eine Straßenbahnstation. Ich hoffe doch, dass sie wenigstens vor der Haltestelle etwas abbremsen. Wenn dort Leute stehen!", äußerte sich der junge, bärtige Regisseur besorgt.
"Ich hoffe, dass sie nicht sonderlich abbremsen”, brummte Nick.
"Wieso das?"
"Dort vorne ist nicht nur eine Haltestelle.”
"Sondern?"
Im gleichen Augenblick ertönte ein durchdringendes Krachen und Scheppern. Zwei Schweinwerferkegel huschten durch die Bäume, quer über die Straße, die Häuserfronten hinauf und in den Himmel hinein. Und selbst im schlechten Licht der Straßenlampen sah man dort vorne eine riesige Staubwolke den Sternen entgegen steigen.
"Was um alles in der Welt war das?", wollte der Kameraassistent wissen. Aber Nick antwortete nicht. Er grinste nur und bat: "Könntest Du mir bitte die Fototasche vor reichen?"
An der Haltestelle wich Nick einem zerborstenen rot-weiß gestrichenem Balken und einem daneben liegenden Verkehrsschild aus und ließ den Transit kurzentschlossen auf dem Randstein stehen. Er nahm seinen Fotoapparat aus der Tasche und stieg aus.
Der Polizeiwagen hatte die zwei Absperrplanken durchschlagen und war in die mehr als einen Meter tiefe Baugrube gestürzt. Man erneuerte hier gerade den Unterbau der Schienen und die Baustelle war rundum mit Planken und Blinklichter kenntlich gemacht. Eine der Schienen hing jetzt ziemlich verbogen nach unten, die andere hatte dem Aufprall standgehalten und hob den einen Vorderreifen des Wagens hoch in die Luft. Die Scheinwerfer strahlten schräg nach oben, die Blaulichter rotierten noch immer hektisch und die beiden Uniformierten krochen verdutzt aber unversehrt aus dem Wrack.
Nick schoss einige Bilder, winkte dann den beiden verwirrt herumirrenden Gestalten freundlich zu, stieg ein und fuhr weiter.
"Ein tolles Bild!", jubelte der junge Regisseur. "Wenn ich so was in einem Film mache, sagt jeder, das gibt's doch in Wirklichkeit nie. Aber bist Du sicher, dass die Fotos was geworden sind? Bei der Dunkelheit? Wie gut ist dein Blitz?"
"Das ist in diesem Fall egal”, meinte Nick gelassen. "Es müssen sowieso meine letzten Bilder auf diesem Film sein. Da bin ich nie sicher, ob die auch was werden.”
"Was?", riefen die beiden Männer gleichzeitig und starrten ihren Fahrer ungläubig an.
"Aber warum ...”
"Wozu hast Du dann die Bilder überhaupt gemacht??"
"Just for fun!", grinste Nick und setzte dann noch langsam hinzu: "Außerdem wissen jetzt wir drei, dass die Bilder vielleicht nichts werden und es interessiert mich, wie lange sie brauchen um mich ausfindig zu machen. Ich tippe so auf drei bis vier Wochen, jedenfalls wird es ihnen keine Ruhe lassen, und ich - ja, wie soll ich sagen - ich hatte da eben noch eine kleine Rechnung zu begleichen. Und vielleicht werden die Bilder ja doch. Sollte euch aber jemand fragen, dann könnt ihr ganz beruhigt sagen, dass ich heute schon meine Zweifel hatte, ob es diese Bilder überhaupt gibt.”
Dabei grinste er still und hämisch vor sich hin und fühlte sich mit einem Mal furchtbar ausgeglichen.







"Und was gibt es dabei bitte so zu grinsen?"
Nick öffnete die Augen und sah seinen bärtigen Kollegen erstaunt an.
"Entschuldige, hast Du eben was gesagt?"
"Ich habe Dich gefragt, was es da so zu grinsen gibt”, brummte Tonio mürrisch.
"Das hab' ich schon wieder gehört”, bestätigte Nick und streckte sich kräftig durch. "Aber ich nehme an, da war vorher auch noch was.”
"Ich habe Dir mitgeteilt, dass Du gleich wieder fahren darfst - und Du hast dämlich gegrinst!"
"Entschuldige”, sagte Nick. "Ich hab' das Erste nicht gehört. Ich habe gerade an etwas Anderes gedacht.”

Nick hatte sich verschätzt, damals. Es hatte gerade mal 9 Tage gedauert bis ein paar Beamte in Zivil vor seiner Tür standen und sich ziemlich eindringlich nach bestimmten Bildern erkundigten. Er hatte nicht gedacht, dass sie wegen so einer Dummheit so viel Aufhebens machen würden. Aber Beamte in einem Beamtenstaat zu kränken war wohl das schwerste aller Verbrechen. Also händigte er ihnen einen Film aus auf dessen letzten Bildern verschwommene Schemen von Scheinwerfern zu erkennen waren. Aber auch nicht mehr. Natürlich fragten sie bei den anderen Insassen des Busses nach und diese bestätigten Nicks Geschichte. Er hoffte nur, dass er in seinem Durcheinander den richtigen Film erwischt hatte. Bei seinen selbst gerollten Filmen aus 35mm Umkehrmaterial wurden meist die letzten Bilder nichts.

Tonio brummte etwas Unverständliches in seinen Bart und Nick machte es sich wieder in seinem Sitz bequem. Doch dann hielt er inne und setzte sich ruckartig wieder auf.
"Ich kann gleich wieder fahren? Wieso? Wo sind wir denn schon?"
Tonio lachte laut und meinte: "Gut geschlafen? Wir sind zirka drei Kilometer vor St. Pölten und es ist knapp vor vier Uhr. Selbst die unanständigsten Menschen liegen jetzt schon im Bett, die ersten Pendler sitzen schon beim Frühstück ...”
"... und kleine Vöglein wetzen unruhig auf ihren Eiern herum und träumen noch schnell was Schönes.”
Tonio verzog sein Gesicht und fächelte sich mit der Hand Luft zu.
"Kannst Du auch mal an was anderes denken?", wollte er dann wissen.
Nick schüttelte missbilligend den Kopf.
"Was heißt, ich könne an nichts anderes denken? Ich rede von Vögeln – unseren kleinen gefiederten Freunden. Wenn Du schlecht dabei denkst, kann doch ich nichts dafür, oder?"
"Mamma mia!", stieß Tonio aus. "Deine Piepmätze kenne ich doch! Die sind neunzehn, zierlich und blond!"
Verlegen aber mit einem unpassenden Grinsen sah Nick zu Boden und meinte kleinlaut: "Na ja, ich möchte mich da nicht so im Detail festlegen.”
"Aber sonst ...”
"... wäre es schön, wenn Du recht hättest. Aber Du weißt ja, nichts vergönnt einem dieses grausame Leben!"
Anklagend hob Nick beide Hände nach oben und sein Gesichtsausdruck war so sehr schicksalsergeben, dass es schon wieder übertrieben war.
Tonio ging nicht näher darauf ein, sondern blinkte, scherte in die Abfahrt aus und rollte gemächlich auf die Tankstelle zu. Der Tankwart schlurfte verschlafen aus seinem Glaskasten und staunte nicht schlecht, als ihm durch die aufschwingende Wagentüre lautes Gelächter entgegen schlug.
Steifbeinig kamen die beiden Männer aus dem Wagen und atmeten gierig die kalte, frische Nachtluft ein.
"Voll?", brummte der Tankwart und Nick antwortete mit einem gegähnten: "Was rein geht.”
Tonio verschwand schnell mal hinter der richtigen der beiden gekennzeichneten Türen während Nick die lustig tanzenden Zahlen an der Zapfsäule betrachtete und versuchte das taube Gefühl aus seinen Beinen zu bekommen.
"Mann, wir liegen genau in der Zeit!" rief Tonio während Nick bezahlte. "Geschätzt haben wir etwa neunzehn Stunden reine Fahrzeit. Dem Büro hab' ich am Telefon gesagt, wir sind so um fünf Uhr früh mit dem Bus in Wien - und wann werden wir tatsächlich ankommen? Na, was schätzt Du?"
Nick ließ sich noch eine Rechnung ausschreiben und meinte so nebenbei: "Natürlich um fünf Uhr früh.”
"Wieso 'natürlich'? Du musst doch auch zugeben, dass es eine Leistung ist - oder vielleicht nicht?"
"Erstens”, meinte Nick gelassen, "muss man uns nur ansehen um zu wissen, dass es keine große Leistung, sondern einfach nur eine große Dummheit war, was wir gemacht haben, denn wir sehen aus, als hätten wir die Wüste Gobi zu Fuß durchquert. Und zweitens war es selbstverständlich, dass wir um fünf Uhr ankommen.”
"Wieso?", rief Tonio noch einmal verzweifelt.
Nick nahm dankend die Rechnung vom Tankwart entgegen und ging an seinem Kollegen vorbei zum Einstieg. Dabei meinte er: "Es ist selbstverständlich. Du darfst nicht vergessen, die Schätzung stammt von mir.”
Tonio sah ihn zutiefst erstaunt an, holte dann tief Luft, ließ es aber doch dabei bewenden sie nur laut wieder auszublasen und den Kopf zu schütteln.
"Können wir jetzt fahren?" wollte er dann nur verstimmt wissen und kletterte hinter Nick in den Wagen.
Nick lachte, verstaute die Geldtasche in seiner Jacke und schloss die Tür.
Wenige Augenblick später rollten sie wieder auf der Autobahn dahin, als hätte es niemals einen Halt gegeben. Wenn man davon absah, dass die Nadel der Tankuhr sich jetzt ganz noch oben presste und Nick hinter dem Lenkrad saß. Die wenigen Minuten Schlaf hatten ihn zumindest ein wenig erfrischt und er fühlte sich nicht mehr ganz so zerschlagen wie noch eine Stunde zuvor. Und auch Tonio schien eingeschlafen zu sein. Er hatte sofort schmollend seinen Sitz zurück geklappt, sich hingelegt und die Augen geschlossen. Vielleicht war er ja wirklich eingeschlafen. Es war keineswegs auszuschließen, obwohl Nick es nicht so recht glauben konnte. Diese Wahnsinnstour konnte seinen kleinen italienischen Freund kaum weniger mitgenommen haben als Nick selbst. Das Ö3 Nachtradio plapperte belanglos und einschläfernd vor sich hin und so fiel es Nick sehr leicht etwas leiser zu drehen. Immer öfter in letzter Zeit hatte er den Eindruck, dass sich für ihn die Musiknummern mehr und mehr glichen. Und dass sich die Leute, egal ob in New York oder Wien oder Moskau gleich kleideten. Zumindest eine gewisse Schicht von Menschen. Und wenn man davon absah, dass die Leutchen in den Vereinigten Staaten weiter geschnittene Kleidungsstücke bevorzugten - wie sonst sollte man die Waffen verstecken, die man aus Spaß oder Angst vor dem Spaß mit sich herum schleppte. Wobei, in Moskau trugen wahrscheinlich nicht weniger Leute Waffen mit sich herum. Jetzt fehlte wirklich nur mehr eine einheitliche Weltsprache und alles wäre eitel Wonne und Sonnenschein. Nur, um daran zu glauben, dazu war Nick zu sehr Realist. Solange die Menschen Sex immer noch für etwas hielten, das man sich nehmen konnte, natürliche Regungen als geistige Missbildung ansahen und die Aussicht auf ein sicheres und vielleicht sogar erfülltes Leben für die meisten in immer weitere Fernen rückte, solange durfte es niemanden wundern, wenn es für Jugendliche normal wurde, sich mit halbautomatischen Gewehren zu bewaffnen und es schön zu finden, wenn der Schädel eines x-beliebigen Passanten so richtig zermatschte. Daran waren kein Fernsehen und keine Computerspiel schuld. Die waren nur das offensichtliche Spiegelbild dessen, was in den Menschen vorhanden war.
Solange man sich damit begnügte die kranken Blätter grün anzumalen und den Maulwurf an den Wurzeln geflissentlich ignorierte, solange durfte man sich nicht wundern, dass der Baum weiterhin krankte. Das hatte er mal irgendwo gelesen. Und es mochte schon stimmen, aber für Nick war der Vergleich irgendwie zu statisch. Die Maschine Mensch war etwas zu effektiv geraten für den langsameren Geist. Und damit war sie wohl genauso unbrauchbar wie die Maschine Saurier. Womöglich lag das Problem aber auch ganz woanders. Vielleicht haperte es einfach nur mit der Übertragung der Daten von der Maschine zum Geist. Wo konnte der Fehler liegen? Logischerweise eigentlich nur bei der Übertragungstechnik oder bei der Übertragungsart. Über die Technik wusste Nick nichts, aber über die Art der Übertragung. Und genau hier konnte der Fehler liegen. Hatte sich nicht die Maschine Mensch eines eigenen Systems bedient um Daten, auch und gerade abstrakter Art, zu transportieren? Die Sprache! Natürlich die Sprache! Sprache war etwas absolut Unvollkommenes und offensichtlich die Wurzel allen Übels. Egal ob deutsch, englisch, französisch, Mathematik, Chemie oder sonst irgendeine. Sprache selbst war das Übel! Wenn Zeugen Jehovas an deine Tür klopfen und behaupten, den Namen des Herrn zu kennen, so ist das für sie selbst eigentlich die größte Blasphemie. Denn wie konnte etwas in ihren Augen so Vollkommenes mit etwas so Unvollkommenem wie menschlichen Lauten beschrieben werden? Und Muslime verbaten sich die Übersetzung ihrer heiligen Texte. Aber hatten die Begriffe, die verwendet wurden in den Jahrhunderten nicht ihre Bedeutung gewandelt? War nicht Sprache nichts als eine Form der Codierung von Daten? Und beruhte nicht das System der Codierung darauf, das zu vereinfachen, das in Formen zu pressen, was man mitteilen, was man übersenden wollte? Aber die Daten der Natur erlauben keine Vereinfachung. Sie sind so, wie sie eben sind. Und sie sind weder einfacher noch komplizierter möglich! 
Wie aber sollten Daten dann übertragen werden, wenn nicht durch Sprache?
Nick blinzelte um seine abschweifenden Gedanken wieder mehr auf die Straße zu richten und zog doch erstaunt die Brauen zusammen.
Er bemerkte mit einem Mal, dass er sich im Kreis drehte, wie in einem Strudel herum wirbelte. All diese Gedanken hatte er schon einmal gedacht. Und er war zu einer ähnlichen, wenn nicht sogar zur selben Schlussfolgerung gekommen.
Damals.







Wenn die Sonne auf eines der wenigen, verborgenen Schneefelder entlang der Ränder traf, dann schien die Landschaft wie von einem Scheinwerfer durchstrahlt. Vor allem zwischen den dämmrigen Bäumen konnte man die Strahlen dieses gleißenden Lichtes wunderbar erkennen.
Immer wieder musste Nick die Augen zukneifen und den Kopf etwas abwenden. Denn die Sonne war schon kräftig. Viel zu kräftig für die kleinen Schneefelder. Und auch diese letzten würden in wenigen Stunden verschwunden sein.
Es war Frühling!
Das konnte man sehen, das konnte man riechen, das konnte man fühlen. Und Nick befand sich mitten drinnen. Er steuerte den kleinen Wagen gemächlich durch die hügelige Landschaft. Durch die kalten, schattigen Wälder mit den hohen Fichten und Tannen. Vorbei an einsam stehenden Häusern die sich im warmen Licht zu strecken schienen. Immer dieser kleinen Straße nach. Und es war ihm, als hätte er alle Zeit der Welt. Der kleine Fluss rechts von ihm plätscherte fröhlich zwischen den Steinen dahin und freute sich gewaltig, dass er diesen neuen Frühling noch in seinem alten, gewundenen, verwachsenen, überschatteten, wunderschönen Bett erleben durfte und das es noch kein Mensch der Mühe wert gefunden hatte, ihn in 'geordnete' Bahnen zwischen schnurgeraden Betonblöcken zu zwängen.
Vielleicht war es gar nicht so warm, aber Nick schien es warm genug um das Fenster weit zu öffnen und den frischen Duft der feuchten Erde ins Wageninnere zu lassen.
Die wenigen kleinen Laubbäume und Sträucher am Straßenrand und zwischen ihren hohen, dunklen Verwandten hatten ihr erstes Grün angelegt. Es war dieses kräftig leuchtende Grün, das dabei doch gleichzeitig so zart ist, dass Sonnenstrahlen hindurch schimmern konnten und selbst der Wind diese Blätter kaum zu berühren wagte.
Nick rollte gemächlich durch diesen jungen Frühling und wurde sich nur halb bewusst, dass er immer langsamer fuhr. Endlich lenkte er in einer scharfen Linkskurve geradewegs in einen Feldweg und brachte seinen Wagen zum Stehen. Er lehnte sich zurück, schloss die Augen und atmete tief durch. Noch einmal und immer wieder. Hätte er aufgesehen, dann hätte er einen strahlend blauen Himmel entdeckt. Mit ein paar verschämten kleinen Wölkchen am Rande. Aber er sah nicht auf. Er öffnete seine Augen nicht. Weil er dann trotz allem nichts gesehen hätte. Keinen Himmel, keine Bäume, keinen Fluss, keine Wiesen und Felder. Es war besser die Augen nicht zu öffnen, denn alles, was er gesehen hätte, wäre weißes, klares, gleißendes, strahlendes Licht gewesen.
Die Sonne schien ihm geradewegs ins Gesicht.
Die Neue Sonne.
Er nannte sie, wie viele andere vor ihm, die Neue Sonne. Nicht etwa, weil es plötzlich eine andere Sonne gewesen wäre, hinter der die gute alte Erde jetzt her hetzte. Dieser kleine Fixpunkt in den unergründlichen Weiten des Kosmos blieb immer der gleiche während er durch unendliche Räume raste. Aber es war die Zeit der Neuen Sonne. Die Zeit in der sich alles was lebte daran erinnerte, dass ohne die Wärme, ohne das Licht kein Leben möglich war. Jeder Baum fühlte es und hob die Zweige, jeder kleine Grashalm streckte sich anbetend zu ihr empor. Die Tiere hoben die Köpfe und suchten ihre Strahlen. Ja selbst die Fische drängten sich dicht unter der Oberfläche.
Für einen Augenblick, für einen ganzen Augenblick lang schien die gesamte Natur inne zu halten und ehrfürchtig auf zu sehen zu ihr, die sie Grund und Ursache war. Zu ihr, die vielleicht das Leben selbst nicht erschaffen hatte, es aber in dieser Form überhaupt erst ermöglichte.
Zur Neuen Sonne.
Für einen Atemzug lang, für einen langen Atemzug lang stockte Nick. Überkam ihn ein Gefühl, als wolle sich sein Innerstes nach außen verkehren. Als würden sich die Verbindungen zwischen seinen Atomen, zwischen seinen Elementarteilchen lösen und er ganz langsam in alle Richtungen auseinander treiben. Es war ein Gefühl, als dringe eine Woge der Wärme, der Kraft durch ihn hindurch ohne den geringsten Widerstand zu finden, löse ihn auf in diesem unendlichen Meer aus Energie.
Ohne auch nur im Entferntesten daran zu denken öffnete Nick die Tür und stieg aus.
Er stand da, neben dem Wagen, die Augen geschlossen, den Kopf im Nacken, die Arme ausgebreitet. Er meinte sich völlig aufzulösen doch ohne sich zu verlieren. Völlig eins zu werden, als sei nichts um ihn sondern alles was war in ihm.
Aber sein Bewusstsein, dieser allgegenwärtige, unüberhörbare, nicht ab zu schaltende Mechanismus drängte sich ihm auf. Tauchte plötzlich so wie neben ihm auf und brachte etwas mit sich aus den fernen Tiefen der Zeit, aus den dunkelsten Winkeln der Erinnerung. Und hätte Nick nicht gewusst, dass er alleine stand, hätte er nicht gewusst, dass es unmöglich war, er hätte schwören können, dass er diese sanfte, tiefe Stimme neben sich wirklich vernahm.

     "Wer hört das Wissen der Bäume,
     Wer sieht die Bilder des Himmels,
     Wer trinkt die Tränen der Sterne,
     Wer fühlt das lebendige Sein,
     nur der dürfte sich nennen
     Mensch.”

Nicks Arme fielen nach unten, er öffnete die Augen und drehte sich ganz langsam, ganz vorsichtig zur Seite. Natürlich war da niemand. Sein Geist hatte ihm nur einen Streich gespielt. Noch einmal atmete er tief durch, aber es klang mehr nach einem Seufzer, als er die Luft wieder ausstieß.
Ein vorsichtiges Lächeln zog seine Mundwinkel ein klein wenig in die Höhe. Er sah sich noch einmal um. Sah die Hügel mit den dunklen Bäumen rechts und links, sah den blauen Himmel, die grünen Wiesen und den springenden Fluss.
Er hatte genügend Zeit und der Zauber war noch nicht ganz verflogen. Trotzdem machte er kehrt und ging zurück zu seinem Wagen.
Die Worte brannten noch zu frisch in seinem Gehirn. Diese Worte, die zwar alles ausdrückten was zu sagen war und doch auch so nichtssagend und allgemein waren wie viele, wie viel zu viele andere auch.
Nick ging langsam auf den Wagen zu, blieb stehen und streckte die Hand nach dem Türgriff aus. Aber er öffnete nicht. Da war etwas, das er kannte. Er erkannte es, auch wenn es diesmal ein ganz klein wenig anders war. Er erkannte es, dieses Gefühl, wenn sich zwei Augen an seinem Rücken fest brannten.
Vorsichtig zog er die ausgestreckte Hand wieder zurück und wandte sich um. Musterte die fünfzig Schritte bis zum Fluss, den Fluss und die Wiese dahinter. Aber da war niemand zu sehen.
Nick runzelte die Stirn. Er war sich vollkommen sicher, dass irgend jemand ihn anstarrte, aber niemand war zu sehen. Aufmerksam begann er den Horizont abzusuchen, aber hinter den Grashalmen konnte sich schwerlich jemand verstecken. Und trotz allem fühlte er diesen durchdringenden Blick noch immer. Er kam aber nicht vom Wald oder von der Wiese. Er kam von weiter unten. Vom Fluss!
Der Fluss gurgelte und schäumte aufgeregt zwischen den Steinen hindurch. Manche waren größer, manche kleiner. Und einige wenige hatten noch ihre Eiskappe vom Winter her behalten. Und wenn der Schatten auf einer der Eiskappen nicht den Kopf auf die andere Seite gedreht hätte, dann hätte Nick wohl noch länger suchen müssen.
Da stand er, dieser braune, höchstens vierzig Zentimeter große Vogel. Schlug die scharfen Fänge fest ins Eis, drückte die Flügel eng an seinen schlanken Körper und fixierte Nick aus seinen starren, gelben Knopfaugen.
Nick sah ihn überrascht an. Sah, wie sich seine Beinfedern leicht im leisen Windhauch bewegten und er hatte den Eindruck, als zöge der Bussard seine Brauen zusammen. Was natürlich vollkommen unmöglich war, aber trotzdem setzte er sich langsam und bedächtig in Bewegung und ging auf den kleinen Kerl zu.
Nick hätte nicht sagen können, warum er es tat. Normalerweise wäre er vollkommen ruhig stehen geblieben um ihn nicht zu verschrecken. Aber niemals wäre ihm eingefallen auf einen frei lebenden Raubvogel zuzugehen. Normalerweise. Aber was war schon normal zur Zeit der Neuen Sonne. In der Zeit in der sich die ganze Natur darauf besinnt, dass alles Existierende aus dem gleichen Stoff gemacht ist.
Gemächlich kam Nick über die Böschung und setzte sich am Ufer auf einen Stein. Der Bussard breitete seine Schwingen, schlug einmal kurz und verwandelte sich dann wieder in einen unbeweglichen, braunen Schatten. Und er starrte Nick noch immer unverwandt an. Nick starrte zurück und allmählich verschwamm alles um ihn herum bis auf diese beiden gelben, leuchtenden Augen.
Es gab keine Worte, die sie gebrauchen konnten. Aber sie benötigten auch keine Worte. Die Erde verlor ihre Kraft und der grüne Wind packte sie um sie mit sich fort zu nehmen. Taumelnd, unstet, ruhelos und unbändig.

Endlich waren die Schatten der Bäume so lang, dass sie Nick erreichten. Einige Male schlug der große Vogel mit seinen Schwingen und begann unruhig hin und her zu steigen. Dann er hob er sich und flatterte mit schweren, kräftigen Schlägen seiner Flügel den Fluss hinauf zu einem Baum und von dort in den Himmel hinein.
Auch Nick stand steifbeinig auf und entdeckte mit einem Schlag die Eiseskälte in seinen Gliedern. Er überlegte noch kurz ob er seine Hand zum Abschied heben sollte, aber er wusste, dass der Gelbäugige nicht mehr zurück sehen würde. Nur Menschen sahen zurück, gingen weg, wenn sie lieber noch bleiben würden. Außerdem war alles gesagt, was zu sagen war.







Nick kuppelte aus, stieg sacht auf die Bremse und ließ den Wagen langsam ausrollen. Mit einem sanften Ruck kam er zum Stehen. Es dauerte eine ganze Weile bis sich der liegende Mann am Beifahrersitz unruhig zu bewegen begann und endlich den Unterarm von den Augen nahm.
"Was ist?", wollte er wissen und seiner Stimme war nicht zu entnehmen, ob er nun geschlafen hatte oder doch nicht.
"Wir haben Rot”, bemerkte Nick und legte den ersten Gang vorsorglich wieder ein. Gleich darauf sprang die Ampel wirklich um auf Grün und er ließ langsam die Kupplung kommen. Als er bemerkte, dass da schon extrem viel Spielraum war runzelte er kaum merklich die Stirn. Er durfte nicht vergessen, dass der Wagen wirklich dringend in eine Werkstatt gehörte.
Tonio sackte wieder mehr in sich zusammen, aber letztendlich kam dann doch die Reaktion.
"Wieso Rot?", fragte er erstaunt und setzte sich auf. "Kenn' ich die Gegend hier von irgendwo?"
Nick grinste und schüttelte den Kopf.
"Möchte ich bezweifeln, dass Du das hier kennst. Ich möchte wetten, hier warst Du noch nie.”
"Stimmt. Zumindest nicht die letzten paar Tage”, grinste Tonio und betrachtete die grellbunten Plakatwände, mit denen die Straße gesäumt war.

In der letzten Viertelstunde war das undurchdringliche Schwarz vor Nick immer fadenscheiniger und durchlässiger geworden. Es hatte damit begonnen, dass mit einem Mal die Wipfel der Bäume rund um die Autobahn sich gegen den trotzdem noch immer schwarzen Himmel abgezeichnet hatten. Nick hatte diesem Ereignis viel seines Erstaunens gewidmet. Es war Schwarz gegen Schwarz und trotz allem ein Kontrast. Aber schnell war das Schwarz des Himmels immer lichter geworden und hatte sich als ein äußerst dunkles und schmutziges Blau entpuppt. Doch schien mit diesem Kompromiss niemand so richtig zufrieden. Da die Verwandlung einmal begonnen hatte, so ging sie auch unaufhaltsam weiter. Bald war es ein sattes, glänzendes Blau und die ersten kleinen Wolken zeichneten sich als Umrisse darin ab. Begannen sich schneller zu verfärben als der Himmel rings herum. Schon waren sie erfüllt von einem sanften aus innen heraus strahlenden Rosa und wie das Blau des Himmels immer heller, so wurden die Wolkenstreifen am Horizont immer strahlender.
Es waren untrügliche Vorzeichen, dass sich etwas mit Riesenschritten näherte. Etwas Gigantisches.
Nick fühlte, wie bei diesem Schauspiel langsam die Müdigkeit immer mehr von ihm abfiel. Jetzt hätte er noch fahren können, stundenlang, hunderte von Kilometer.
Über den letzten Hügel ging es hinunter zum Ende der Autobahn und er konnte auf der gegenüber liegenden Seite bereits die ersten Reihenhäuser mit Kleingärten sehen. Der erste Blick auf Wien - kleinbürgerlich und hässlich.
Und auf der kaum befahrenen Einfallsstraße war dann diese Kreuzung gekommen und die Ampel stand auf Rot. Und Nick hatte vorsichtig ausgekuppelt.

"Wie spät ist es?"
Tonio hatte sich endgültig aufgesetzt und fuhr sich mit beiden Händen durch die gelockten, schwarzen Haare.
"Noch nicht früh genug um sich für irgendwelche Mädels schön zu machen”, grinste Nick, aber sein Nachbar brummte nur etwas und beugte sich zum Armaturenbrett.
"Fünf Uhr.”
"... hier sind die Nachrichten”, versprach das Radio aber Nick drehte es wieder ab.
Links neben ihnen rauschte der graue Wurm einer U-Bahngarnitur vorbei und rechts an einer Kreuzung stand ein junger Mann mit Rucksack, unrasiert, fern der Heimat und ziemlich hilflos.
"Wien um fünf Uhr früh ist eine mörderische Stadt”, lachte Nick und zeigte auf ihn.
"Ja”, bestätigte Tonio. "Zumindest mörderisch trostlos!"
Dann kam wieder eine rote Ampel und sie schwiegen.
Erst als es Grün wurde meinte Tonio: "Schönbrunn, beim Haupteingang haben wir ausgemacht, nicht wahr?"
"Schon wahr. Ich hoffe nur, unser junger Freund ist um diese Zeit auch schon auf seinem Posten.”
"Wenn nicht sogar mit Big Boss!"
Nick warf ihm einen überraschten Blick zu und fragte: "Du meinst doch nicht ernsthaft, dass der Alte jetzt schon auf den Beinen ist? Der macht unter Garantie für die nächsten zwei Stunden noch seine eigene Federn unsicher.”
"Na, schön für seine Frau!", lachte Tonio, aber von Nick vernahm man nur ein eher skeptisches Gemurmel.
Der große, leere Autobus donnerte durch eine Unterführung und wieder hinauf ans Tageslicht.
"Jetzt können wir schon die Sekunden zählen!", jubelte Tonio.
Nick ging nicht näher darauf ein. Statt dessen zog er den Bus in die Fahrspur rechts außen und wurde noch langsamer. Die letzte Ampel war stand ungewohnt auf Grün und er bog langsam auf den kleinen Vorplatz ein, auf dem sich in wenigen Stunden lärmende Scharen drängen würden. Jetzt aber glühte hinter dem schmiedeeisernen Tor in majestätischer Ruhe, kaisergelb, gedrungen und verschlafen, Schloss Schönbrunn.
Nick brachte den Bus zum Stehen, öffnete die Tür und stellte den Motor ab. Ein eigenartiges Gefühl machte sich in ihm breit, als er den  Schlüssel herumdrehte und aus dem Zündschloss zog. Ein Gefühl der Leere und der Sinnlosigkeit. Ein Gefühl, dass ihm sagte, dass er zwar alles getan hatte aber trotzdem nichts erreicht.
"Siehst Du den Kleinen irgendwo?", fragte er.
Tonio schüttelte nur den Kopf und stieg schwerfällig die Stufen aus dem Bus. Nick griff nach seiner Jacke und seiner Tasche, vergewisserte sich, dass er nichts hatte liegen lassen und folgte dann seinem Kollegen in den frühen Morgen. Tonio stand neben dem Einstieg und sah stadteinwärts. Von dort kam ein junger, groß gewachsener Mann eilig auf sie zu.
"Er ist ja doch schon auf.”
"Uns bleibt aber auch nichts erspart”, witzelte Nick und machte sich daran das Gepäckfach aufzuschließen.
"Hallo!", rief der junge Mann. "Hat es Probleme gegeben?"
"Warum?", fragten Tonio und Nick einstimmig, halb versteckt in dem Kofferraum. Obwohl sie die Antwort bereits zur Genüge kannten.
"Na, weil ihr jetzt erst kommt!"
"Es ist fünf Uhr und sechs Minuten”, ließ sich Nick im Inneren vernehmen. "Sechs Minuten Verspätung auf neunzehn Stunden Fahrtzeit - das ist nicht mal eine zusätzliche Pinkelpause.”
"Ihr habt aber gesagt, dass wir den Wagen schon um fünf Uhr haben würden”, beharrte der Junge trotzig.
Nick zog den Schlüssel ab, warf ihn ihm in hohem Bogen zu und sah auf die Uhr.
"Fünf Uhr, sechs Minuten und fünfundvierzig Sekunden - Wagen übergeben. Ich hoffe, Du wirst glücklich damit.”
Tonio hatte begonnen seine Taschen und die beiden Koffer vom Bus auf die Straße zu räumen. Nick drückte hinter ihm die Tür wieder ins Schloss und bildete mit seinem Koffer und seinen zwei Taschen einen eigenen, wenngleich wesentlich kleineren Berg.
"Und wie geht es euch?", wollte der junge Mann jetzt wissen.
"Müde”, grinste Tonio.
"Wieso denn?" kam die verständnislose Gegenfrage. "Habt ihr euch nicht abgewechselt? Also ich bin mal ...”
Nick hatte den Eindruck, Tonio wolle ihn erschlagen. Deshalb nahm er den jungen Mann unvermittelt am Arm und zog ihn zum Einstieg. Dort wies er auf den Fahrersitz und meinte: "Die Kupplung ist ziemlich hinüber. Die solltet ihr ansehen lassen bevor ihr den Wagen jemand anderem gebt. Und bei den Bremsen könnte es auch nicht schaden.”
"Der Wagen geht jetzt für zwei Wochen weg, aber dann werden wir schon irgendwann Zeit haben”, kam die prompte, für Nick schmerzlich gewohnte Antwort.
"Ihr werdet Zeit genug haben, wenn der Wagen im Graben und die Leute im Krankenhaus liegen.”
"So kaputt kann er gar nicht sein. Und außerdem ...”
Nick hielt ihm seine Uhr unter die Nase.
"Sagtest Du nicht, Du hättest es eilig?"
"Ach ja, stimmt schon. Ich konnte ja nicht wissen, dass ihr erst so spät kommt. Und ...”
"Wir sehen uns demnächst”, bemerkte Nick ungerührt und wollte weggehen. Aber der rotblonde Produktionsassistent meinte verwundert: "Na, morgen früh.”
"Wieso morgen früh?"
Jetzt war sogar Nick überrascht.
"Die im Büro warten doch darauf, dass Du deine Spesenabrechnung abgibst”, verkündete der junge Mann blauäugig und völlig ernsthaft. Nick schob ihn in den Wagen und rief hinterher: "Also dann bis Morgen. Und jetzt mach, dass Du wegkommst!"
Während er auf Tonio zuging hörte er hinter sich das zischende Geräusch der Türhydraulik, den aufheulenden Motor und das Knirschen der Reifen auf den Kiesel, als der Bus anfuhr. Aber er sah sich nicht einmal um. Zulange schon hatte er diesen Bus gesehen. Viel zu lange. Und diese Fahrt war die Krönung des Ganzen gewesen. Eine endgültige Krönung. Er fühlte, dass es wirklich an der Zeit war, einen Schlussstrich zu ziehen. Vor seinem blinzelnden italienischen Kollegen blieb er stehen und hielt ihm die Hand hin.
"Komm gut nach Hause und lass deine Kleine schön grüßen”, meinte er und sie schüttelten sich die Hände. Lange, ohne noch mehr zu sagen. Es wäre auch unnötig gewesen.
Endlich meinte Tonio doch: "Wir könnten die erste Taxe zusammen nehmen. Du wohnst doch nicht weit von hier.”
"Das nicht, aber in die entgegengesetzte Richtung. Das wäre wohl ziemlich sinnlos.”
"Ja, aber ...”
"Sie zu, dass Du zu deiner Kleinen nach Hause kommst. Ich hab's nicht eilig.”
Tonio wollte doch noch etwas erwidern, aber Nick wandte sich einfach ab und fuchtelte mit den Armen in der Luft herum. Wirklich bremste das Taxi ab und kam zu ihnen. Der Fahrer stieg aus und öffnete den Kofferraum. Er wirkte quietschlebendig und ausgeschlafen. Und Nick mochte ihn nicht. Aber er bat den Mann über Funk einen zweiten Wagen anzufordern. Dann verabschiedete er sich von seinem Freund und sah hinter dem Wagen her.
Mit einem Schlag war er allein.
Er mochte den kleinen Tonio, er mochte ihn wirklich, aber neunzehn Stunden auf engsten Raum mit ihm waren sogar für Nick zu viel. Genau genommen waren es eigentlich sechsundzwanzig Stunden, denn sie waren gleich nach dem Abschlusstag weg gefahren. Eigenartigerweise bemerkte er mit einem Mal, dass, kaum alleine, alle die drückende Müdigkeit wie weggeblasen schien. Er grinste und beobachtete den Wagen, der langsam näher rollte und neben ihm anhielt.
"Sie Taxi bestellt?", fragte der verschlafenen Fahrer und Nick bejahte. Sie verstauten sein Gepäck, Nick nannte seine Adresse und dann saß er schon wieder in einem rollenden Untersatz. Ab und zu begegneten sie anderen Wagen, aber die Stadt machte immer noch einen vollkommen verlassenen Eindruck. Nick musste plötzlich breit grinsen, als er daran dachte, dass sie ihn morgen früh im Büro erwarteten. Mit einer kompletten, fertigen, großen Spesenabrechnung über mehr als drei Wochen Dreharbeiten in Süd- und Mittelitalien. Wann, bitte, sollte er die machen? Heute, statt schlafen? Es war ja immerhin schon nett, dass sie ihm einen Tag Zeit ließen.  Aber zu allem Überfluss fühlte er nicht die geringste Lust in sich, dieses verstaubte Büro noch einmal zu betreten. Es hätte ihn einzig und allein vielleicht noch interessiert, wer auf diese Idee gekommen war. Morgen früh! Vielleicht kam er ja wirklich vorbei. Sicherlich ohne Spesenabrechnung, aber immerhin.
Je strahlender der Himmel wurde, um so mehr fühlte er seine Müdigkeit schwinden. Spürte er die Kraft in seinen Körper zurückkehren. Und endlich regte sich auch sein Magen mit einem kräftigen, langen, deutlichen Knurren.
"Kommen wir eigentlich an einer offenen Bäckerei vorbei? Sperren die Ersten nicht schon auf?" fragte er nach vorne.
"Morgen”, brummte der Mann. "Heute Sonntag!"
Ach ja, Sonntag. Deshalb also wirkte die Stadt so ganz besonders ausgestorben. Deshalb drängten sich noch keine Autokolonnen in die Stadt. Deshalb sollte er erst morgen im Büro der kleinen Filmfirma antanzen.
Nick zuckte unmerklich mit den Schultern und sah wieder zum Fenster hinaus. Und da war es ihm mit einem Mal gar nicht mehr so wichtig, ob er einkaufen konnte. Jetzt hatte etwas anderes seine Aufmerksamkeit gefesselt. Jetzt war es da und erlaubte keinen Gedanken an anderes.
Der neue Tag kam zögernd hinter den Häusern hervor gekrochen. Er erfüllte die Straßen und Plätze wie eine kleine, gemächliche aber unaufhaltsame Überschwemmung mit seiner Kraft und seinem Tatendrang. Und mit seinem Licht. Seinem blauen Licht.
Dies war die Zeit und das Licht in deren Glanz nur wenige bestehen konnten. Es gab sie kaum noch, die, die dieser Kraft nicht hilflos erlagen, sondern von ihr getrieben wurden in die höchsten Höhen. Er waren nur wenige und es waren die stärksten, die lebensfähigsten unter den Menschen.
Jemand hatte diese Zeit einmal 'Die Stunde des Jägers' genannt. Nick war sich nicht sicher, ob dieser Ausspruch von indianischen Stämmen stammte oder von Hemingway. Zu Ernest gepasst hätte er jedenfalls.
Über Hemingways literarische Potenz konnte man diskutieren und da gab es unterschiedliche Meinungen. Nick aber faszinierte etwas anderes an dieser Person. Er war so nah am Leben dran gewesen, dass er beinahe verbrannte - oder erfror.

Mitten im größten Zimmer seiner winzigen Wohnung ließ er die Taschen einfach fallen.
Über den Boden verstreut lagen alle möglichen Prospekte und Papiere. Decke und Leintuch auf dem Bett waren ordentlich zerknüllt. Bücher lagen herum und Nick stellte zufrieden fest, dass sich nichts seit seiner Abreise verändert hatte. Nur auf dem Schreibtisch lag ein Blatt Papier. Offensichtlich für ihn bestimmt. Also ging er hin und nahm es hoch.
'Lieber Nick,' schrieb da jemand, 'ich habe mir erlaubt Deine Schreibmaschine zu benützen. Danke! Ruf doch an, wenn Du wieder da bist. Alles Liebe, Guido.
P.S.: Ich habe Dir auch ein fertiges Programm hingelegt. Es wäre nett, wenn Du Dir einmal eine Vorstellung ansehen würdest.'
Nick nahm das Programm vom Tisch und legte es zu den anderen Papieren, auf den Stoß für wichtige Dinge. Er würde, so wie immer, versuchen eine Vorstellung der inzwischen international bekannten Gauklertruppe seines Freundes anzusehen. Und er würde es wahrscheinlich auch diesmal nicht schaffen.
'P.P.S.: Ich hoffe außerdem, dass Du unser Fest übernächsten Samstag nicht vergisst. Würde mich freuen Dich mal wieder zu sehen.'
Die Party. Das große Fest zu dem alle kamen, die er kannte und noch ein ganzer Haufen mehr - angeblich. Er hätte es wirklich beinahe vergessen. Das konnte er nun doch nicht.
Das Fest. Das große Fest.
Nick sah über den Schreibtisch hinweg zum Fenster hinaus. Er starrte hinaus in den klaren, blauen Morgen. In dieses kalte, reine Blau und langsam sank seine Hand mit dem Blatt nach unten.







Mit einem Mal kam Bewegung in die Menschenmasse. Das ferne Donnern auf den Schienen, das Rauschen aus dem dunkel gähnenden Loch wurde zur Aufforderung sich bereit zu halten. Vorsichtig und demonstrativ langsam, ja nervös gelangweilt, schoben sich die Menschen nach vorne, hin zu der breiten gelben Linie, die sie vor dem Abgrund dahinter warnte. Aber nicht weiter. Denn gierig lauerten sie mit brennenden Augen hinter ihren Bildschirmen. Bereit über die riesigen Lautsprecher jedem den Kopf zurecht zu rücken, der leichtsinnig genug sein würde, sich in die Gefahrenzone zu begeben. Alle Köpfe hatten sich gedreht. Alle Augen sahen nach rechts und manche konnten ein Blitzen der Ungeduld nicht unterdrücken. Endlich, nach einer unendlich langen Zeit des Donnerns, Rauschens und Wartens schoben sich zwei kleine, gelbliche Lichtlein aus dem Dunkel heraus auf den Bahnsteig zu und mit einem Schlag drängte der graue, leuchtende Wurm aus seinem Tunnel hervor ans Licht der Station. Ein Ruck, er hielt an und augenblicklich setzte ein Stoßen, Drängen und Schieben ein. Die Türen klappten zurück und gaben die Woge frei, die sie bis dahin im Inneren zurück gehalten hatten. Und als diese verebbte wie eine Welle am Strand, da setzte die Gegenbewegung ein. Hinein! Schnell hinein! So ging es jedes Mal. Immer hin und her, hin und her, hin und her.
Nick war sich nicht klar darüber, wie oft er es schon erlebt hatte. Immer und immer wieder. Doch noch nie war ihm die Ähnlichkeit mit dem Wellenspiel eines Strandes so stark in die Augen gesprungen. Noch nie hatte er es mit solcher Dringlichkeit erlebt. Wohl, weil er immer Teil dieser Bewegung gewesen war. Zuerst hin, dann her, hin und her, hin und her sein ganzes Leben lang. Jetzt aber stand er abseits. Beobachtete das Treiben. Still und unbemerkt an eine der hohen Säulen gelehnt. An diesem Tag fuhr er nicht mit der U-Bahn, war er nicht Teil der Woge sondern Fels in der Brandung. Er wartete nur. Wartete auf den Mann, der sich jetzt aus der strömenden Menschenmenge löste und langsam auf ihn zukam.
"Servus”, sagte der Mann mit den grauen Schläfen.
"Servus”, antwortete Nick und löste sich von der Säule.
Langsam und ohne Eile reihten sie sich in die Strömung ein und ließen sich von ihr mittragen.
"In drei Tagen”, sagte der Mann ohne ihn anzusehen.
"Was?" fragte Nick.
Die Zigarettenpackung glitt aus der Brusttasche, er klopfte einige heraus und hielt sie dem Mann hin. Der schüttelte nur den Kopf. Nick nahm eine zwischen die Lippen und zog die Packung weg während seine andere Hand bereits in der Jackentasche nach dem Feuerzeug kramte. Die Packung rutschte wieder in die Brusttasche, das Feuerzeug flammte auf und setzte die Zigarette in Brand. An der Rolltreppe war eine Stauung entstanden, doch die Beiden scherten aus und gingen die Stufen hinauf.
"Was? - In drei Tagen", fragte er noch einmal.
"Das Fest.”
Ruhig sagte es der Mann ohne seinen Blick vom hellen Ende der Stufen zu nehmen. Einen kurzen Augenblick stockte Nicks Schritt und er sah den Mann, der da so ruhig neben ihm ging, verwundert an. Sah das eingefallene Gesicht.
"Im Ernst?"
"Im Ernst.”
"Trotz allem, was wir ...”
"Trotz allem!"
Das klang entschlossen. Entschlossen und endgültig.
Die Treppe war zu Ende und sie blieben stehen. Nick warf die angerauchte Zigarette weg und trat sie mit der Ferse aus. Sie standen oben an der Treppe und sahen sich an.
"In drei Tagen”, sagte der Mann noch einmal und sie reichten sich die Hände.
"In drei Tagen”, sagte Nick.
Ohne sich umzusehen wandten sie sich ab und gingen in die entgegengesetzten Richtungen.
Nick ging nach rechts, hinaus, dem Sonnenschein entgegen. Etwas Grün leuchtete am oberen Eck des Ausganges, unwirklich im Betongrau. Der Mann ging nach links, weiter hinein in die Station. Unter den kalten, weißen Neonleuchten. Hinein ins Dunkel. Und sie hatten es beide nicht sehr eilig.

Nick kurbelte das Fenster seines Wagens hoch und augenblicklich umfing ihn wieder die drückende, dumpfe Schwüle. Sie lag auf der Stadt wie eine unsichtbare Glocke. Schon seit dem Morgen und die Nacht hatte keine Besserung gebracht. Sie hatte begonnen alle Bewegungen zu verlangsamen, zu lähmen. Jeder Schritt den man machte, jede Bewegung, ja selbst das Sitzen in einem stehenden Wagen führte unweigerlich zu einem Schweißausbruch.
Trotzdem stieg er aus, schloss den Wagen ab und stapfte auf den erleuchteten Eingang zu, glitt durch diese dickflüssige Luft, die sich nur schwerfällig vor ihm zu teilen schien.
Das Lokal war leer. Noch war es leer. Es würde nicht mehr lange dauern und dann kamen sie. Die mehr oder weniger Irren und Berühmten, die Ausgeflippten und die Coolen. Die Insider und die Schicki-Micki-Schnickis mit ihren turbogeilen Schneckis. Und auch die Punker und die Alternativen. All diese Menschen so unterschiedlichen Typs trafen sich hier, Nacht für Nacht. Und keiner war wie der andere. Keiner wollte, ja durfte wie ein anderer sein. Vielleicht - ausnahmsweise - die beiden jungen Frauen, die immer im Partnerlook kamen und sich, meistens zu später Stunde, sehr eindeutige Beweise ihrer Zuneigung schenkten. Und doch waren sie alle gleich in ihren Saufgelagen und Reden. In ihren Ansichten und Absichten. Und in ihrer Angst davor, jemals aus ihrer Rolle, aus ihrem Klischee zu fallen. Und natürlich auch in der Tatsache glichen sie einander, dass sie sich dieses Lokal leisten konnten. Einer stach da vielleicht heraus. Nicht sosehr, weil er sich mit seinen 47 Jahren einen Irokesenschnitt hatte verpassen lassen. Den auch noch leuchtend rot gefärbt. Oder weil er sich eine große Sicherheitsnadel durchs Ohr gestochen hatte und es in seiner Kleidung mit jedem anderen Punker aufnehmen konnte. Vielmehr stach er von seiner Umgebung ab durch die Tatsache, dass er sich dieses Lokal eigentlich nicht leisten konnte. Aber jeder kannte ihn und so verließ er dieses Lokal, wie die Mehrzahl seiner Freunde, nur äußerst selten nüchtern.
Also eigentlich nie.
Nick ging durch die Tür und setzte sich an die noch leere Theke. Dahinter stand ein junges, blondes Wesen, dessen Gesicht so hart und verbraucht wirkte wie ein zerbrochener, halb blinder Spiegel. Ärgerlich damit beschäftigt eine Flasche zu öffnen.
"Wie immer?"
Er nickte nur.
Die verspiegelten Wände wirkten kalt und schienen den Raum ins Unendliche zu vergrößern. Die Tische, die Stühle, alles stand noch geordnet und über allem lag leise Musik. Unergründliche, ferne Musik zur Untermalung dieser Teestunde der Eitelkeiten, die aus einem der Räume hinter den Spiegeln zu kommen schien. Vielleicht aus dem Arbeitszimmer des Hutmachers. Und immer wieder die Theke und sie und er. Immer wieder in den Spiegeln.
Langsam, majestätisch drehte sich der große Ventilator über ihren Köpfen. Er presste aber mehr die Schwüle in den Raum hinunter, als Erleichterung zu verschaffen.
Sie stellte das Glas vor ihn hin, wartete und er holte einen Schein aus der Tasche und bezahlte.
Draußen, gedämpft durch die Schwüle, die Geräusche von Autos, drinnen die leisen Gespräche aus der Küche, das Geräusch der Rotorblätter, die schwer die Luft zerschnitten, ab und zu ein Knacksen aus der Klimaanlage weiter hinten und das Klirren wenn er sein Glas wieder auf die Marmoroberfläche der Theke zurück stellte.
Und dann plötzlich Stimmen, Schritte, Geräusche vor der Tür. Und wirklich kamen sie. Erst zögerlich, dann in Scharen. Es war kein Eintreten, das war ein Auftritt, wenn sie durch diese Türe kamen. Und mit einem Mal schien der Raum winzig klein und die Musik viel zu laut.
Man drängte sich rund um die kleinen Tische, stand, dicht auf dicht eingeklemmt, dazwischen. Oder einfach nur so in der Gegend herum. Natürlich nicht nur so. Jeder hier hatte doch etwas darzustellen. Nämlich die wichtigste Rolle seines Lebens - sich selbst. Der füllige Kabarettist mit dem Kranz aus roten Haaren lachte dröhnend. Das angehende Fotomodel stieß ein Glas um und einen spitzen Schrei aus, damit nur jeder sah, auf welchen Körper sich ihre nasse Bluse spannte. Der berühmte Clown starrte in sein Glas während sein Freund und Regisseur auf ihn einredete. Daneben saß, mit stechendem Blick und muskulösem Oberkörper, ein Schauspieler bei dem man nie recht wusste, ob er noch der Kameraassistent war oder schon wieder in seiner Rolle als singender Privatdetektiv.
Nick versuchte, nicht all zu oft hierher zu kommen und er ging meistens sehr früh. Er kam nur hierher, weil er viele dieser Leute kannte da sich ihre Wege immer wieder kreuzten, oder vielleicht auch nur, weil er sie sich ansehen wollte.
Zum letzten Mal stellte er sein Glas auf die Theke und erhob sich. Sofort drängte man zurück um ihm Platz zu machen. Jedoch nicht, weil er bekannt oder berüchtigt gewesen wäre. Nein, der Sitzplatz an der Theke war das kostbare Objekt, dem jeder habhaft werden wollte. Die schwüle, stickige Luft war durch die vielen Körper noch unerträglicher geworden und der große Ventilator reichte gerade aus um die verschiedenen Körperdüfte ordentlich ineinander zu vermischen. Er drängte sich durch dieses Gewühl ohne diesen Geruch oder die Menschen, die ihn ausströmten, sonderlich zu beachten. Dafür atmete er erleichtert durch, als er unter der Tür ins Freie trat. Noch immer genug Menschen standen hier herum, doch es war weit erträglicher. Einen kurzen Augenblick überlegte er, dann sah er den Mann, den er eigentlich erwartet hatte. Auch dieser Mann passte nicht hierher und kam wohl nur aus den selben Gründen wie Nick, aber sie trafen sich manchmal hier.
Der Mann mit den grauen Schläfen und dem eingefallenen Gesicht blieb vor ihm stehen, Nick legte ihm die Hand auf die Schulter und schwieg. Der Mann blickte zurück und sie sahen einander lange an. So lange, dass einige der übrigen Gäste bereits begannen verwundert ihre Köpfe zu drehen.
"Übermorgen”, sagte der Mann.
"Ich bin dagegen.”
"Trotzdem.”
Es war endgültig.
Der Mann machte sich los und ging geradewegs in das laute, hell erleuchtete Lokal während Nick den Kopf schüttelte und auf die dunkle Straße hinaus trat.

Das Gewimmel der Menschen. Das Drängen, Stoßen und Schieben. Und immer wieder schauen. Angerempelt werden. Nicht aus Absicht. Man sah zu viel herum und auf die Dinge und nicht auf den Weg. Die Rufe dazwischen und das Röhren der Autos gleich daneben. Die Diskussionen der Käufer mit den Verkäufern. Manchmal über eine, manchmal über mehrere Sprachbarrieren hinweg.
Samstag Vormittag, Wiener Naschmarkt, Wiener Flohmarkt.
Die bunten Haufen aus Stoff auf dem Boden. Ein Klapptisch mit alten, zerrissenen Lederjacken zwischen einem Stand mit antiquierten Elektrogeräten und einem mit den neuesten Schlagerhits, Originale, produziert aus der Türkei.
"Hier krichen se de beste Ware de se je jesehe habe!"
neben
"Billiger, billiger! Nurre zwanzige Sillinge! Jeder Stück!"
„Ejani! Ejani!“
„Merhaba Güzel Kadin!“
„Heute – alles weg!“
Endlich wieder ein wenig Raum, ein paar Schritte, dann war das Gewimmel wieder da. Scheinbar noch stärker als zuvor.
Es war noch immer heiß. So heiß wie all die Tage zuvor.
Nick blieb stehen und machte dann einen Schritt auf einen Tisch zu. Eine alte Adler Schreibmaschine. Völlig verstaubt und verdreckt. Langsam strich sein Finger über die oberste Tastenreihe. Immer von einem runden Knopf zum nächsten. Und da war er auch schon. Nachlässig, ja scheinbar uninteressiert schob er sich den Tisch entlang. Den dichten, rotblonden Bart und den nackten Oberkörper ebenso ungepflegt wie die schmutzigen Jeans und die Füße, die nackt in ausgetretenen Ledersandalen steckten. Er kam immer näher. Mit zwei Finger versuchten er jetzt die Walze zu drehen. Ein Versuch der kläglich misslang.
"Sind Sie interessiert an meinem Baby? Ein wirkliches Prachtstück, Sie ...”
Aber Nick hatte sich schon kopfschüttelnd abgewendet und war weiter gegangen. Wieder in der Menge verschwunden um gestoßen, erdrückt und erstickt zu werden von den Menschen, der Hitze und dem Gestank.
Ein Mann der ihm noch drei, vier Stände lang nachläuft. Nur fünfhundert Schilling Anzahlung für einen wirklich einmaligen Ledermantel. Nur vierhundert! Nur die Nähte müssten ausgebessert werden! Dreihundert! Er nahm den kleinen Dicken, der sich endlich mit seinem Ledermantel vor ihm aufgebaut hatte an den Schultern und schob ihn zur Seite.
Ein Antiquariat. Alte, so schien es wertvolle Bücher in verbeulten Bananenkartons. Viel Kurrent, sehr viel 'Die Fakel' von Karl Kraus, noch mehr Unübersichtlichkeit. Nick nahm einen Band auf, Gesammelte Werke von W. Shakespeare, Band eins. Band zwei blieb unauffindbar. Er blätterte es durch. Zuerst schnell, dann immer langsamer, bis er fand, was er gesucht hatte ohne es suchen zu wollen. Zum unzähligsten Male las er die Worte.
Freunde, Römer, Brüder.
Die Hand legte sich leicht auf die eine Schulter, der Mann sah über die andere hinweg.
"Ich bin gekommen zu begraben, nicht um zu preisen.”
Beide sahen von dem Buch auf und sich gegenseitig an. Einen Augenblick lang. Einen langen Augenblick lang.
"Morgen”, sagte der Mann.
"Ich werde kommen. - Jedoch komme ich zu preisen, und nicht um zu begraben.”
Es war dem Mann keine Antwort mehr wert. Er nahm seine Hand weg, wandte sich ab und ging weiter. Wurde wieder eins mit dem Gewimmel der Menschen. Tauchte unter darin, verschwand.
Nick hob den dicken Shakespeare wieder, klappte ihn auf und las: 'Auch Du mein Sohn Brutus!'
Vorsichtig legte er den dicken, schweren Band wieder zurück an seinen Platz. Strich noch einmal kurz darüber, nickte dem Bildnis des großen Meisters zu.
"Ich ließe wohl mich rühren, glich’ ich euch”, murmelte er noch für sich.

In der Nacht hatte es geregnet. Jetzt sah man nichts mehr davon. Die Straßen waren voller Staub und in den Wagen war es heiß und stickig. Nur draußen, im Wind, hatte die Hitze ein wenig nachgelassen.
Nick hatte sein Fenster herunter gekurbelt und einen Ellenbogen draußen. Und wartete. Wartete darauf, dass sich der unendlich scheinende Blechwurm wieder um ein paar Meter weiter schob, bis zur nächsten Kreuzung. Die Ampel sprang von Grün wieder auf Gelb und weiter auf Rot bis er endlich an die Reihe kam.
Bremse los, einkuppeln, langsam Gas geben, zwanzig Meter rollen lassen, auskuppeln, weg vom Gas, ausrollen lassen, bremsen.
Endlich das Haus. Ein riesiger Wohnsilo. Hinein in die Tiefgarage. Ein erdrückender Schlauch aus dumpfem Betongrau. Dazwischen ab und zu stumpfe Farbtupfer parkender Wagen. In nur scheinbar wahllosen Abständen eine Neonröhre. Aus dem Radio drang nur mehr Rauschen und jedes Mal, wenn der Wagen eine Absperrung passierte, über die Schienen der Metalltore rumpelte, hüpften kleine Lichtkobolde durch die matten Scheinwerfer der geparkten Fahrzeuge. Leise klingelten die beiden Flaschen in der Einkaufstasche auf dem Beifahrersitz. Er griff danach, schob sie etwas auseinander und drückte die Tasche dazwischen.
Neben dem Lift war kein Parkplatz frei, war nie einer frei gewesen. Aber heute - ausnahmsweise - einer gleich dahinter. Nick parkte ein, stellte den Motor ab, drehte die Lichter aus, nahm die Tasche und stieg aus. Hinter ihm schlug die Tür ins Schloss während er sich schon auf dem Weg zum Lift befand. Leise klingelten die beiden Flaschen aneinander.
Sechzehnter Stock. Der Aufzug war innen riesig und pink gestrichen. Am Anfang, so erinnerte er sich, hatte der Architekt noch auf dunkelblau bestanden.
Die Tür auf den düsteren Gang stand einen Spalt offen. Er klingelte nicht, klopfte nicht an, sondern schloss sie nur einfach hinter sich. Der Mann saß mit dem Rücken zu ihm und wandte sich auch nicht um. Er sah stumm zum Fenster hinaus. Vor ihm, auf dem niedrigen Couchtisch, stand eine schon beinahe leere Flasche. Eine schon beinahe leere Flasche Whisky - Jack Daniels. Nick öffnete seine Einkaufstasche und stellte seine beiden Flaschen daneben - Jack Daniels.
"Du kommst spät.”
"Es war Stau.”
“Es staut immer.”
Nick ging in die Küche, holte ein Glas für sich und setzte sich in den Ledersessel. Gemeinsam sahen sie zum Fenster hinaus. Sehr viel Himmel und keine Gebäude. Nur ein alter, einsamer Fabriksschornstein unterbrach die himmelblaue Eintönigkeit.
Der Mann stellte die jetzt leere Flasche zu Boden und öffnete eine der mitgebrachten.
"Mach bitte das Fenster auf.”
Nick erhob sich, ging durch den Raum zum Fenster und kippte es einen Spalt.
"Nein, ich habe gemeint ganz aufmachen.”
Nick schloss das Fenster wieder und schwenkte es diesmal ganz auf, hackte es ein und lehnte sich weit hinaus. Ein Stückchen zertretener Rasen, etwas weiter oben ein Kinderspielplatz aus Beton. Alles leer.
"Nimm ein Tuch und wisch’ den Griff ab.”
"Warum?"
Er wandte sich vom Fenster ab und sah den Mann auf der Couch an.
"Du hast ihn angefasst.”
"Und wenn schon.”
"Es ist besser so!"
"Ich bin zu faul.”
„Muss ich alles selber machen?“
„Ja!“
Nick drehte sich vom Fenster weg und machte eine Runde durch die penibel aufgeräumte Wohnung. Der Mann saß noch immer auf der Couch und hielt sein Glas fest in der Hand. Sah starr zum Fenster hinaus. Ab und zu trank er einen Schluck.
"Ich habe deine Wohnung noch nie so sauber gesehen.”
"Ist doch ein Grund um aufzuräumen, oder etwa nicht?"
Nick gab keine Antwort, setzte sich und nahm sein Glas.

Der Mann mit den grauen Schläfen und dem eingefallenen, grauen Gesicht stellte die leere Flasche zu Boden und öffnete die zweite der mitgebrachten Flaschen.
"Müssen wir alles noch mal besprechen?"
"Ich kann mir noch ein wenig merken”, entgegnete Nick.
Wieder waren in der sonnenhellen, freundlichen Wohnung die einzigen Geräusche dann zu hören, wenn einer der Männer einen Schluck machte. Hin und wieder ein Gluckern, wenn die Flüssigkeit aus der Flasche in eines der Gläser floss und von irgendwo draußen, ganz weit weg, die Geräusche fahrender Autos.
Auf dem Gang wurden Stimmen laut. Laute, fröhliche Stimmen weiblicher Wesen.
Der Mann schenkte sich nach und sah auf seine Uhr.
"Sie sind pünktlich”, meinte er und machte eine Bewegung, als wolle er aufstehen.
"Willst Du das jetzt?"
Der Mann überlegte einen Augenblick und entschied dann: "Lass ihnen etwas Zeit. Und außerdem - wir müssen erst austrinken.”
"Ja, wir müssen erst noch austrinken”, stimmte Nick ihm zu. "Und wir sollten auch noch einmal reden”, fügte er an.
"Wir haben genug geredet. Ich kenne deine Meinung. Du kennst meinen Standpunkt. Wenn es Dir nicht passt, Du weißt, wo die Tür ist.”
Aber Nick blieb sitzen und sah ebenfalls wieder zum Fenster hinaus.
Der Mann schüttete den letzten, winzigen Rest zu gleichen Teilen in die beiden Gläser und stürzte seines hinunter.
"Zucker”, sagte er. "Für Kaffee. Die Dose steht auf dem Küchentisch.”
Nick erhob sich und ließ langsam den letzten Schluck hinunter gleiten. Dann stellte er das leere Glas hin und ging in die Küche. Auf dem Küchentisch, in der Mitte, stand eine kleine, blauweiße Zuckerdose aus Porzellan. Sie war leer und sauber.
"Was hast Du mit dem Zucker gemacht?"
"Ich habe ihn vor ein paar Tagen weg geworfen.”
Nick kam mit der Zuckerdose in der Hand aus der Küche zurück und blieb vor dem Mann stehen, der noch immer zum Fenster hinaus starrte.
"Wenn Du es wirklich willst, dann gehe ich jetzt”, sagte er.
Der Mann stand auf und sah ihn langsam an, sah die angebotene Hand und dann wieder ihn. Zögernd ergriff er diese Hand und drückte sie.
"Danke.”
"Wofür?"
"Dass Du gekommen bist.”
Er fiel zurück in die Couch, sprang aber sofort wieder auf und sah zum Fenster hinaus.
"Ich sehe keinen Grund, warum ich nicht hätte kommen sollen.”
"Du warst dagegen.”
"Ich bin noch immer dagegen. Aber Du bist dafür, Du hast mir deine Gründe genannt und von mir hast Du Dir noch niemals etwas sagen lassen. Auch wenn ich recht hatte.”
"Das stimmt.” Ein kurzes Durchatmen. "Geh jetzt - bitte”, sagte der Mann noch. Ruhig, gefasst, aber bestimmt.
Nick verließ die Wohnung mit der Zuckerdose in der Hand. Ließ die Türe hinter sich offen und blieb vor der Nachbarwohnung stehen. Peter Alexander erdröhnte dahinter und manchmal etwas Lachen. Er hob den Finger zur Glocke, zögerte einen Augenblick, noch einen, kniff die Lippen zusammen und drückte dann den Knopf hinein. Ein Klingelton schrillte durch den Gang und die Nachbarwohnungen.
Fast augenblicklich öffnete eine gepflegte Dame um die Siebzig die Tür einen Spalt und erkannte ihn lächelnd.
"Aha, Ihr Freund hat wieder mal keinen Zucker zuhause. Na, kommen Sie erst mal herein, junger Mann.”
Sie öffnete die Tür ganz und er trat ein, begrüßte auch die beiden anderen Damen, setzte sich, plauderte etwas und bekam seine Zuckerdose gefüllt.
Der Schrei einer Frau kam von draußen, von unten und schien doch aus dem Nichts zu kommen, ließ aber alles für einen Augenblick erstarren. Dann stürzten die drei Damen mit ungeahnter Behändigkeit zum Fenster.

Der große, weiße Wagen war von der Straße verschwunden, so wie die Männer mit der Bahre und die Neugierigen. Die Nachbarn waren aus der Wohnung gedrängt, so wie die drei älteren Damen. Und die Polizisten von der Spurensicherung packten gerade zusammen.
Nick stand in der Küche und trocknete das erste Glas ab.
Der Polizist war noch jung, zu jung für seinen Beruf.
"Was machen Sie da?", herrschte er Nick an.
"Ich trockne ab”, war seine ruhige Antwort.
Fassungslos starrte ihn der Polizist an.
"Ihr Freund - er ist erst seit einer Stunde tot!"
"Etwas, dass uns allen bevorsteht”, entgegnete Nick, stellte auch das zweite Glas ordentlich in das Regal und schloss es. "Haben Sie Angst, dass ich noch irgendwelche Spuren vernichte, wenn ich seine Gläser abwasche?”
Der Junge bekam rote Ohren und trat von einem Bein auf das andere.
"Aber er war Ihr Freund, er ist gerade mal ein paar Stunden tot. Wie können Sie da in aller Ruhe abwaschen?”
"In Ihrem Alter denkt man noch nicht so oft an den Tod”, meinte Nick zu dem Jungen, der gar nicht so viel jünger war als er selbst. "Selbst bei Ihrem Beruf. Aber auch Sie werden einmal verstehen, dass der Tod auch nur ein Teil des Lebens ist, mit dem man leben muss.”







Nick zerknüllte das Papier in seiner Hand und schleuderte es wütend gegen die Wand.
Nein, das war kein Weg. Es half nichts, sich klammheimlich aus dem Staub zu machen, nur weil die Aussichten schlecht waren und man es nicht verstand. Es gab so vieles, dass auch Nick nicht verstand. Das niemand verstand. Bei Nick fing das mit Integralrechnungen an und ging bis hin zu weiblichen Wesen. Bis zum Menschen allgemein. Und obwohl er es nicht verstand, so akzeptierte er doch, dass hinter all dem ein System steckte. Ein Sinn, den er zwar nicht versehen konnte, der aber unbestritten da sein musste. So wie ein Tropfen Wasser keine Ahnung hat warum, wie und wohin der Fluss fließt, der Fluss aber nur in der Lage ist zu fließen, weil es diese kleinen Tropfen Wasser überhaupt gibt.
Das Telefon schrillte und riss Nick aus der schwarzen Tiefe seiner Gedanken. Widerwillig griff er nach dem Telefonhörer bevor sich der Anrufbeantworter einschalten konnte. Die Stimme am anderen Ende klang weit entfernt und so, als würde jemand immer wieder einen Knick in die Leitung machen. Aber Nick erkannte den Anrufer trotz der Segnungen der Technik.
"Hallo Robert”, meinte er. "Was macht das neue Mobiltelefon? Klingt, als wärest Du irgendwo am Südpol oder auf halben Weg zum Mond.”
Wieder weit entferntes Rauschen und schließlich doch die verzerrte Stimme.
"... nicht ganz richtig. ... sauschwer … Flughafen. Mein Flug ... in einer halben Stunde. Ich werde jetzt zwei oder drei Monate quer durch … italien ziehen und Bilder ... einen Kulturführer über alte Schlösser und Gärten. Vom Verlag habe ich sogar das Okay für einen Assistenten bekommen. Sie zahlen zwar nicht ganz den üblichen Satz, aber Anreise, ... Unterkunft und die gesamte Verköstigung. … arbeite zwar sonst allein. Dachte aber, … so gehört habe … das ... für Dich.”
"Ist ja ganz was Neues, dass Du jetzt einen Assistenten zum Fotografieren brauchst. Du hast doch immer lauthals erklärte, das wäre das Letzte, was Du gebrauchen könntest. Und wie kommst Du ausgerechnet auf mich?"
Es entstand eine kleine Pause, die aber nicht darauf zurückzuführen war, dass die Funkwellen verloren gingen, es gab einfach keine. Der Mann am Flughafen war still geworden.
"Nun”, begann er dann doch zögernd und klang wesentlich klarer, "ich habe mir eben einfach gedacht, Du möchtest im Augenblick ein wenig Distanz zwischen Dich und dieses Land bringen. Schließlich hast Du ja dafür gesorgt, dass dein erster öffentlicher Auftritt auch gleichzeitig dein letzter war. Außerdem wollen sie in Rom angeblich eine Geschichte von Ende verfilmen, dürfte zwar eine deutsche Produktion sein aber zumindest habe ich was in der Richtung gehört. Angeblich will auch Celentano einen neuen Film machen. Vielleicht solltest Du in Italien arbeiten. Für einige Zeit, zumindest, bis - naja, Du weißt schon.”
Nicks Gesicht hatte langsam aber stetig jeden freundlichen, erfreuten Zug verloren. Jetzt stand er da, lauschte düster den vorsichtig formulierten Aussagen des Mannes und verstand gleichzeitig allmählich, dass dieser Mann ein Freund war, der helfen wollte. Helfen, wo es nach Nicks Meinung eigentlich nichts zu helfen gab. Aber zumindest war er einer, der sich als Freund entpuppte.
Nick grinste schief als er meinte: "Die Maschine in einer halben Stunde schaffe ich aber auf gar keinen Fall.”
Und nur zu deutlich war die Erleichterung in der Stimme des anderen zu hören.
"Keine Sorge, ich kann einen Platz in einem nächsten Flieger für Dich reserviert. Der geht in etwas mehr als vier Stunden. Swissair. Ein Ticket unter deinem Namen kann ich am Schalter hinterlegen, zahlt ja der Verlag.”
"Wie sieht es mit Ausrüstung aus? Nimmst Du nur Deine eigenen Geräte oder soll ich noch was organisieren?"
Sein Freund erklärte weitschweifig, dass er die gesamte Ausrüstung schon bei sich oder bestellt hatte und klang geradezu überschwenglich erleichtert. Sie verabredeten sich am Flughafen in Rom, wollten dann den bestellten Leihwagen abholen und gleich auch die ebenfalls vor Ort vorbereiteten Geräte überprüfen.
Nick legte den Hörer vorsichtig auf das Gerät und für eine Sekunde schwebte sein Finger über der Wiedergabetaste des blinkenden Anrufbeantworters. Nur eine Sekunde, dann wandte er sich ab, öffnete seine Tasche und kippte die Schmutzwäsche zu dem bereits vorhandenen Berg.
Die Aussicht, noch ein paar Monate Durch Mittelitalien zu zigeunern und alte Häuser zu fotografieren war eigentlich ganz verlockend. Nur die Spesenabrechnung würde darunter leiden. Ach was, Faxgeräte gab es auch in Italien. Und sollte sich dann außerdem einem Möglichkeit ergeben an einem größeren Projekt mitzuarbeiten, vielleicht sogar in Rom, in der legendären Cinecitta, dann hätte Nick unter keinen Umständen gezögert. Und trotzdem sträubte er sich dagegen, die besonderen Umstände anzuerkennen. Obwohl er nur zu gut wusste, dass Robert recht hatte und dass es sicherlich nur gut war, für einige Zeit von der Bildfläche zu verschwinden. Er entdeckte, dass er wirklich so etwas wie Stolz empfand und war gleichzeitig mit einem schiefen Grinsen ehrlich genug um zu erkennen, dass der ganze Stolz doch nur aus Sturheit und Eitelkeit bestand.
Celentano! Ausgerechnet mit Celentano musste Robert versuchen ihn zu ködern. Dessen letzter Film war ein besserer Flop gewesen. Er begann seine letzten frischen Sachen in die Tasche zu packen. Mit seinen Gedanken aber war er bei dem Film, den er nur ein einziges Mal gesehen hatte, bevor er aus dem Handel genommen wurde. Viel Aufregung um einen Film, den kaum jemand gesehen hatte. Soweit sich Nick noch erinnern konnte, ging es in dem Filmmusical um einen Mann, dessen Fehler grundsätzlich darin bestand, dass er aussprach, was er dachte. Und, dass er an einem Montag auftauchte.







Nick wusste nur zu genau, dass alle diese Türen schalldicht waren, trotzdem versuchte er kein Geräusch mehr zu verursachen sobald er an der Tür zum Newsroom vorbei ging und das rote Licht darüber entdeckte. Die Nachrichten waren also gerade live auf Sendung.
Die Tür zum übernächsten Studio stand einen Spalt offen. Nick vergewisserte sich noch einmal an der Nummer neben der Tür und schlüpfte dann hinein. Im Studio selbst herrschte das ganz normale Chaos. Einige der Männer liefen hektisch und scheinbar planlos herum, eine Gruppe drängte sich zusammen und diskutierte aufgeregt während andere apathisch in der Gegend herum standen und vor sich hin starrten. Ganz hinten, fast im Dunkel neben einer Wand aus Pappe, stand ein junger, etwas korpulenter Mann, versuchte nervös an seiner Zigarette zu ziehen und unentdeckt zu bleiben.
"Ich dachte immer, rauchen sei in den Studios nicht erlaubt”, spöttelte Nick, als er von hinten an ihn heran trat. Der junge Mann fuhr erschrocken herum, entspannte sich aber, als er Nick erkannte und zertrat die Zigarette mit dem Absatz.
"Ach Du bist es! Wenn Du mich noch mal so erschreckst, verliert die Menschheit einen ihrer größten Regisseure!"
Nick machte eine beschwichtigende Handbewegung und meinte: "Möglicherweise, Thomas! Möglicherweise! Nichts Genaues weiß man da noch nicht.”
Man benötigte kein großes Einfühlungsvermögen um dem jungen, blonden Mann ansehen, dass er über Nicks Erscheinen erleichtert war. Eine Erleichterung, die Nick nur um so misstrauischer machte.
"Vielleicht könntest Du mir mal erklären, was denn so dringend und weltbewegend ist, dass ich sofort hier erscheinen musste. Am Telefon warst Du ja nicht besonders gesprächig.”
Die offenkundige Erleichterung verschwand schlagartig wieder aus dem Gesicht des jungen Mannes und machte einer vorsichtigen Unsicherheit Platz.
"Nun sieh mal Nick, wir haben da ein Problem und Du bist der Einzige, der uns aus der Patsche helfen kann.”
Nick breitete ungläubig die Arme aus und meinte mit einem leisen Anflug von Zynismus: "Das hier ist die größte und modernste Sendeanstalt des Landes, allein in diesem Studio laufen genug Techniker herum um einen ganzen Spielfilm zu drehen, also was soll das für ein Problem sein, bei dem nur ich euch helfen kann?"
"Nun ja, es ist nicht gerade ein technisches Problem bei dem Du uns helfen sollst.”
Er begann ein wenig zu schwitzen und blickte gehetzt auf die Uhr.
"Nick, Du erinnerst Dich doch sicherlich noch an die Reportage, die wir über den Wahlkampf gemacht haben. Sie war vor drei Tagen auf Sendung.”
"An die Reportage erinnere ich mich noch sehr gut! Und die Sendung habe ich auch gesehen. Du hast wie immer die wirklich interessanten und aufschlussreichen Szenen nicht hinein genommen.”
"Verdammt Nick, Du weißt doch ganz genau, wie die Anstalt und ihre Rechtsverdreher sind. Nichts geht über den Bildschirm, das irgendwie politischen Anstoß erregen könnte!"
Nick überlegte einen Augenblick und meinte dann: "Na, für diese Einstellung hat der Beitrag aber immer noch genug Staub aufgewirbelt. Und ich schätze, es werden sich wohl ein paar Leute noch einige Zeit die Köpfe heiß reden. Aber was hat das alles mit mir zu tun?"
"Sie reden sich die Köpfe heiß, da hast Du vollkommen recht Nick. Aber nicht irgendwann, sondern jetzt und hier. Live im Anschluss an die Nachrichten an dem runden Tisch dort drüben.”
Nick schwante Böses.
"Peter?", wollte er wissen.
"Unser lieber Kameramann dreht irgendwo in der Tschechei, hat das Telefon abgeschaltet und ruft nicht zurück.”
"Und bevor unser Produzent sich vor eine Kamera stellt tanzen Eisbären beim Karneval in Rio”, grinste Nick schief.
„Der sagt, dass ihn die Inhalte nichts angehen und er dafür nicht verantwortlich ist.“
Der junge Mann ordnete fahrig seine blonden Locken und sah Hilfe heischend zu Nick auf.
"In dreizehn Minuten sitzen da drüben Vertreter aller fünf Parteien. Und sie erwarten zum Gespräch den Regisseur des Beitrages und entweder den Kameramann oder einen Vertreter der Produktion. Nick! Du warst bei dem Beitrag Kameraassistent und Produktionsassistent - bitte!"
Aber Nick schüttelte nur den Kopf und sagte nachdrücklich: “Thomas, vergiss es!”

Markus Ammens hatte an diesem Tag bereits 7 Stunden in einem verdunkelten Schneideraum beim Durchsehen verschiedener Beiträge verbracht bevor er die Nachrichten am frühen Abend als Bilddirektor koordinierte. Dann war er noch, praktisch schon auf dem Weg nach Hause, für einen Kollegen eingesprungen um auch noch die Spätnachrichten zu überwachen. Während er herzhaft gähnte und sich seine brennenden Augen rieb, rechnete er nach, dass er jetzt seit geschlagenen 15 Stunden vor den flimmernden Monitoren saß, dass in seinem Magen außer einem labbrigen Sandwich nur eine Unmenge Kaffee schwappte und dieser zu allem Überfluss nun auch noch begann sich mit dezentem Brennen bemerkbar zu machen. 
Und dann kam diese dringende Mitteilung der Direktion. Ammens las sie ungläubig noch einmal und ließ sie dann vor sich auf das Pult flattern.
Ohne einen seiner beiden Mitarbeiter rechts und links von ihm direkt anzusprechen meinte er in den abgedunkelten Raum: "Sollte jemand hier meinen, es gäbe so etwas wie ein Privatleben - vergesst es. Nach den Nachrichten folgt live eine Gesprächsrunde aus Studio 3. Wir haben drei Standkameras, eine Handkamera, fünf wütende Politiker, einen Regisseur frisch von der Filmakademie und einen freiberuflichen Kameraassistenten den kein Mensch kennt. Moderiert wird das ganze vom Chef der Inlandredaktion höchst persönlich. Also die Eins immer auf den Gott-Sei-Bei-Uns, die anderen dirigieren wir frei. Kennmelodie gibt es keine, wir schalten einfach um.”
Er schob das Stück Papier seiner Assistentin zu, damit diese die Namen für die Untertitel hatte, dann angelte in der Weste, die sich über seinen Bauch spannte nach der Zigarettenpackung, steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen, zerknüllte die leere Packung und ließ sie demonstrativ neben sich fallen.
"Und jetzt sind auch noch die Zigaretten alle - mein Gott, wie hasse ich diesen verdammten Job!"
Es sog noch einmal tief an seiner Zigarette und legte sie auf den übervollen Aschenbecher vor sich.
"Okay. Achtung beim Wetter. Vorspann Wetter - jetzt - und gebt mir das Studio 3.”
Er wandte sich zu dem Mädchen mit der dicken Hornbrille links von ihm.
"Wen haben wir auf der Eins?"
Sie blätterte in ihren Unterlagen, meinte: "Bruno”, und schaltete den Bilddirektor ins Studio.
"Okay Bruno, ich möchte, dass Du auf dem Alten bleibst und im besten Fall noch die beiden rechts und links von ihm mit nimmst. Verstanden?"
"Verstanden.”
"Die Zwei?"
"Marcel.”
"Marcel, Dir gehören die beiden Politiker auf dem Sofa und der eine rechts davon. Versuche möglichst eine Totale zu bekommen, außer sie sagen mal was. Nummer Drei?"
"Kai oder Paolo. Die Aufteilung war noch nicht fix.”
"Okay, wer von euch macht die Drei und wer die Hand?"
"Hier Kai. Ich mache die Drei. Paolo hat eine Wette verloren und muss heute die Handkamera schleppen.”
Ammens grinste für einen Augenblick. Es war gut zu wissen, dass sich seit seiner Zeit als Kameramann zwar viel aber doch nicht alles geändert hatte. Zwar waren die Handkameras seit Einführung der Videotechnologie bedeutend kleiner und leichter geworden. Aber den Job wollte trotzdem niemand.
Seine Anweisungen kamen aber wieder mit der gewohnten Schärfe.
"Kai, bleib mir mehr auf den Oppositionspolitikern. Vor allem auf dem 'Vertreter des kleinen Mannes'. Ich schätze, seine Statements dürften wie immer interessant sein.”
"Sollen wir für jede Kamera ein Band mitlaufen lassen?", wollte das Mädchen wissen, wurde aber von einer Stimme aus den Lautsprechern unterbrochen.
"Wir machen sofort nach dem Wetter noch mal die Ankündigung für das Studiogespräch. Also schaltet zuerst auf Newsroom und erst dann auf Werbung.”
"Noch 30 Sekunden bis Ende Wetter”, meldete sich der junge Mann rechts von Ammens.
"Du hast den großen Boss gehört. Also zuerst noch mal in den Newsroom auf die Eins und dann fahr die Werbung ab.”
"Wie sieht es mit der Aufzeichnung aus?", wollte das Mädchen noch einmal wissen. "Sollen wir für jede Kamera ein Band mitlaufen lassen oder genügt eines für die Ausstrahlung?"
Ammens zerdrückte den glimmenden Filter in dem überquellenden Aschenbecher und war schon nahe daran das Ganze mit einer zynischen Bemerkung abzutun. Aber das Brennen in seinem Magen unterdrückte jeden Gedanken an Sparmaßnahmen. Vielleicht war es auch so etwas wie Instinkt, vielleicht jahrelange Erfahrung, vielleicht aber auch wirklich nur das Brennen in seinen Gedärmen, das ihn bösartig machte. Jedenfalls ordnete er an, dass auch die kleinste Bewegung aufgezeichnet werden sollte. Die Sendeanstalt konnte es sich leisten.
Der Nachrichtensprecher verlass die Ankündigung, sie schalteten auf die Werbung. Und das leichte Sodbrennen in Ammens Eingeweiden verstärkte sich unmerklich. Irgendwann kam das Mädchen zurück und vermeldete, dass der Getränkeautomat leer sei. Aber sie brachte ein neues Päckchen Zigaretten mit. Nur mehr Orangensaft war zu haben. Und Ammens Eingeweide verstärkten die Säureproduktion noch mehr. Gleichzeitig mit der Einstiegssequenz war auch das Videoband mit den kurzen Ausschnitten aus der umstrittenen Dokumentation gekommen. Gerade noch rechtzeitig, denn der Moderator hatte eben begonnen seine Gäste zu begrüßen und ließ sich jetzt in bunten Allgemeinplätzen über journalistische Sorgfaltspflicht und die Aufgaben des Senders aus, ohne wirklich etwas zu sagen oder jemandem zu nahe zu treten. Dann kam die kurze Einspielung und sie sahen nochmals die Politikerlehrlinge und ihre Helfershelfer auf der Straße und bei den Wahlveranstaltungen sich zerkugeln vor Lachen über die Dummheit der Wähler, sie hörten nochmals die zynischen Feststellungen, dass das alles sowieso der reinste Schwachsinn sei, aber immerhin ein gigantisches Geschäft. Nochmals durfte sich jeder, für kurze Sekunden, so der Lächerlichkeit Preis geben, wie er eben war.
Dann kamen die Kritiker zu Wort. Und, was hätte man auch anderes erwartet, sie stritten alles ab. Ja, sie gingen sogar soweit, zu behaupten, diese Personen wären möglicherweise gar nicht Mitarbeiter ihres Wahlkampfteams gewesen. Wildfremde. Vom Sender bestellt. Ihnen persönlich jedenfalls völlig unbekannt.
Ammens und seine beiden Assistenten arbeiteten schnell, präzise und perfekt eingespielt. Oft genügte ein Wink des Bilddirektors und sehr oft war die Konzentration der drei so hoch, dass sie vom Gesagten kaum Notiz nahmen.
Einmal nur gelang es dem Moderator den Regisseur zu Wort kommen zu lassen, bevor sich die Gemüter allzusehr erhitzten. Der stammelte dann nur schnell ein paar Sätze über einen Grundgedanken und dass das ganze Konzept dem Sender ja doch bekannt gewesen wäre und darüber, dass man ja niemanden gezwungen hätte und natürlich niemandem Dinge unterschoben. Man hätte einfach eine Kamera aufgestellt und die Leute hätten sich geradezu aufgedrängt. Keine dieser Personen sei ein Neuling im Wahlkampf und jeder selbstverständlich namentlich und als Wahlhelfer bekannt. Jeder von ihnen hätte gewusst, dass sie diese Dokumentation machten und trotzdem nichts bei ihren Aussagen gefunden.
Schneidend wurde seine hastig gestammelte Erklärung unterbrochen von einem herablassend lächelnden Oppositionspolitiker, der in dem entstehenden Tumult meinte, eigentlich müsse man Regisseur und Filmteam für die Vergeudung von Steuermitteln der Bürger ins Gefängnis werfen.
"Eine ausgezeichnete Idee.”
Diese Stimme kam nicht laut und nicht schneidend. Aber sie klirrte mit einer Eiseskälte, dass die durcheinander redenden Wortprofessionisten für einen Augenblick doch stockten und verwirrt auf dem unscheinbaren Mann starrten, der bisher unbeteiligt am Rande gesessen hatte. 
Selbst der abgebrühte Ammens horchte auf.
"Äh, Sie meinen ...?", versuchte sich der hagere Politiker zu fangen, aber Nick war schneller.
"Ja, ich meine, Sie haben vollkommen recht. Man müsste uns ins Gefängnis stecken für die Verschwendung von Steuergeldern. Das wäre ein grandioser und ein absolut notwendiger Anfang. Aber - bitte - nur ein Anfang! Denn genau genommen sind wir doch nichts anderes als Befehlsempfänger. Also auch ins Gefängnis mit dem Abteilungsleiter, der dem zugestimmt hat und mit dem Programmchef, der es gesendet hat. Denn diese sind doch ebenfalls, ja sogar in erster Linie für diese ungeheuerliche, bewusste und willentliche Verschwendung von staatlichem Besitz verantwortlich. Ich nehme doch an, Sie stimmen mir zu, dass dieses Vergehen bestraft werden muss! Umgehend, vollständig und restriktiv!"
Dumpf brandete Gemurmel um den Tisch auf. So ganz konnten sie dem Gesagten die Zustimmung nicht verweigern, und doch, verwirrt über diese Wendung versuchten die fünf Professoren der Demagogie wieder Fuß zu fassen und die Bedeutung dieser Aussage für ihre eigenen Absichten zu bewerten. Im Augenblick aber schnappten sie nach Luft und glichen eher Fischen auf dem Trockenen
Ammens saß wie vom Donner gerührt im Dunkel, vergaß die Zigarette in seinem Mund anzuzünden und blinzelte ungläubig. Etwas war dort in diesem Studio, das anders war als sonst.
"Aber da das Ihre Forderung ist, Herr Parteiobmann“, setzte der unscheinbare Mann fort, „und da Sie ja für alle Bürger dieses Staates sprechen, oder zumindest für all die Bürger, die Sie gewählt haben, frage ich Sie - warum sich damit zufrieden geben? Hier ist Großes zu tun, hier wartet korrekte politische Arbeit! Aber eigentlich müssen sich die Bürger ja keine Sorgen zu machen. Wenn Sie sich dieser Angelegenheit annehmen, dann werden Sie schon dafür sorgen, dass die Leute, die für diese Dokumentation verantwortlich sind, noch einige Zeit an dem Brocken zu kauen haben. Da besteht für mich kein Zweifel. Nicht der Geringste! Ebenso wie für mich kein Zweifel darin besteht, dass Sie ihre liebenswerten Parteikollegen, die überhaupt nichts dabei finden den Bürgern ihre Geringschätzung geradewegs ins Gesicht zu spucken, rügen werden. Vielleicht werden Sie sie sogar etwas tadeln und – möglicherweise – wird sogar der eine oder andere Kopf rollen, aber dann werden sie beruhigt einstimmen in das allgemeine Gelächter darüber, dass man dem Bürger ja doch wirklich alles vorsetzen kann, was man nur immer will. Er wird's schon schlucken! Nur laut und oft genug wiederholen.”

Der junge Mann neben Ammens wollte etwas sagen, aber der Bilddirektor winkte ihn ab. Statt dessen wandte er sich dem Mädchen zu.
"Laufen alle Bänder mit?"
Sie nickte nur und starrte gebannt auf die Bildschirme. So starr, wie die Menschen in dem Studio. Denn der Mann sprach weiter ohne sich beirren zu lassen. Die Großaufnahme zeigte zwei dunkelbraun blitzende Augen und ein ruhiges, ein wenig spöttisches Gesicht an dem kaum etwas markant war. Und doch lief den Zusehern ein eisiges Gefühl über den Rücken. Sie alle saßen da, hielten wie Ertrinkende den Atem an, sprachlos und unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Mitgerissen von einem wirbelnden Strudel der seinen Ursprung mehr in diesen Augen als in seinen Worten zu haben schien.

"Und wenn der Bürger nicht glauben will, was man ihm da vorsetzt, dann hat er eben Pech gehabt. Nun meine Damen und Herren, sehen Sie mich nicht so erstaunt an! Ich kann Ihnen versichern, das, was in diesem Bericht gesendet wurde, ist nur die Spitze eines Eisberges. Die Spitze eines Berges aus Müll, aus haarsträubenden und geradezu ekelerregenden Einblicken, die uns Ihre Leute gewährt haben. Und Sie wissen natürlich eben so gut wie alle anderen, die sich mit Medien befassen, dass in dieser Dokumentation bei weitem nicht alles gezeigt wurde, was an Material vorhanden war. Und Sie alle kennen die Politik dieser Sendeanstalt, und sie wissen ganz genau, dass die schlimmsten Sachen geradewegs ins tiefste Archiv gewandert sind, wo sie auch vermodern werden. Aber vielleicht tue ich Ihnen ja Unrecht und Sie haben tatsächlich keine Ahnung, welche Abgründe an menschlichen Existenzen sich unter Ihren Mitarbeitern auftun. Vielleicht sind Sie selbst ja rein und fehlerlos wie Englein und nur 'die Anderen' haben Ihnen solche schwarzen Schafe unterschoben.”
Die grauhaarige Dame schnappte schon länger nach Luft und wollte jetzt etwas erwidern, aber Nick schaffte es irgendwie nicht so einfach unterbrochen zu werden.
"Sagen Sie jetzt nichts! Sagen Sie nichts, denn was immer Sie jetzt sagen würden, es würde eine Lüge sein. Überlegen Sie erst einmal gut - wie fehlerlos sind Sie selbst, dass Sie über die Fehler Ihrer Mitarbeiter urteilen könnten? Haben nicht auch Sie selbst sich hin und wieder, vielleicht bei Freunden, im privaten Kreis, zu Aussagen hinreißen lassen, die alles andere als sendereif und wohlüberlegt waren? So wie eben seine Aussage: 'Sperrt alle ins Gefängnis, die das Geld des Staates, das Geld der Bürger verschwenden!' 
Sind Sie sich eigentlich im Klaren darüber, was er mit diesem Satz verlangen? Sind Sie sich im Klaren darüber, welche Personen die Forderung Ihres verehrten Kollegen in aller erster Linie betrifft? Das betrifft all jene Ihrer Funktionäre, die ihre politischen Funktionen nur dazu benützen um Ansehen und Reichtum zu scheffeln, Pfründe zu sichern und sich und ihren Angehörigen einen Wettbewerbsvorteil vor Konkurrenten zu verschaffen. Das betrifft all die Parlamentarier, die auch nur eine einzige Stunde Diskussion verpasst haben. Denn schließlich werden sie fürstlich dafür bezahlt, dort zu sitzen, zuzuhören und zu verstehen. Man kann natürlich nicht erwarten, dass sie alles verstehen, wovon gesprochen wird. Genies benötigen wir überall, sie finden sich nur so selten. Aber anhören, anhören könnten sie sich die Vorträge wenigstens. Und die Vorlagen lesen. Doch das ist offensichtlich schon zu viel verlangt. Und seine Forderung betrifft auch all Ihre Minister und Staatssekretäre, Ihre Landeshauptleute, Abgeordnete und sogenannten 'Sprecher' die Entscheidungen treffen, Gesetze verhandeln und diese kommentieren, ohne von den tatsächlichen Problemen der speziellen Fachgebiete auch nur die geringste Ahnung zu haben. Und jetzt erzählen sie mir nicht”, wischte er einen versuchten Einwand des hageren Mannes zu Seite, "dass es nur die Funktionäre der großen, alten Parteien seien. Sehen Sie sich ihre eigenen Leute einmal an. Jeden einzelnen von Ihnen. Sehen Sie sie einmal unvoreingenommen an und fragen Sie sich, warum es gerade diese Menschen sind, die in die Politik drängen. Sind sie so fanatische Anhänger, dass sie ohne die Nähe ihrer Spitzenfunktionäre nicht mehr leben können? Sind es Humanisten, zutiefst hilfsbereit gesinnt und entschlossen, für ihre Mitbürger ihr Leben zu opfern? Oh, ich kann sie beruhigen, kein einziger Ihrer Mitstreiter folgt ihnen aus diesen oder ähnlichen, an sich schon obskuren Gründen. Die Menschen drängen in die Politik, weil sie eine Überzeugung haben. Eine zutiefst verwurzelte und ehrliche Überzeugung. Nämlich die Überzeugung, dass man in der Politik Macht erlangt, Macht besitzt und Macht ausübt. Dass man nach eigener Lust und Laune über Menschen bestimmen kann. So, wie es die Fürsten des Mittelalters taten, so tun es die Funktionäre heute. Sie haben diese absolute und feste Überzeugung, dass Politik nicht mehr ist, als ein gigantisches Monopoly bei dem der Spieler mit den wenigsten Skrupeln, mit der geringsten Achtung vor den Menschen, Vermögen und Werte an sich bringen kann, von denen ein Bürger, der seinen Lebensunterhalt durch Arbeit erwerben muss, nur träumen kann. - Und jetzt führen wir doch diese Ehrlichkeit einmal zu Ende: Kann man diese Einstellung eigentlich jemandem verdenken? Ja, wie könnte man das denn, machen doch die Menschen seit Jahrtausenden nichts anderes. Wir leben in einem System, in dem sich seit der ersten Feuerstelle so gut wie nichts geändert hat. Die einen, die vielen Namenlosen, die schuften ihr Leben lang, brechen sich das Kreuz und müssen buckeln und beten und schon froh sein, wenn sie wenigstens ein Leben führen können, in dem ein unvorhergesehenes Ereignis nicht sofort eine Katastrophe auslöst. Die anderen, die wenigen, die treiben die vielen an, treten sie in den Arsch und eignen sich damit ein Leben an - sie verdienen es keineswegs, sie eignen es sich nur an! - von dem die Masse der Menschen nicht einmal zu träumen wagt. Sehen Sie sich doch selbst einmal an, durchgestylt und aufgeputzt wie Sie sind. Allein wenn ich die Werte zusammenrechne, die Sie am Körper tragen, dann komme ich auf eine Summe, mit der viele Familien ein Jahr oder sogar länger auskommen müssen. Und mit dem, was Sie hier an diesem Tisch in einem Jahr aus Ihren Unternehmungen an Einkommen beziehen, könnte man beinahe die gesamte Verschuldung dieses Staates zurückzahlen. Aber ja, meinetwegen, sollen Sie es doch verdienen - wenn Sie es sich wirklich 'verdienen' würden! Aber Sie 'verdienen' es nicht, Sie bekommen es nur. Denn Ihre Arbeit und Sorgfalt, die Sie als Gegenleistung für den Staat erbringen, entspricht in keinster Weise Ihrem Einkommen. Wer entscheidet nun darüber, ob Ihre Leistungen annehmbar sind? Wer hätte überhaupt die Fähigkeit und das Wissen Ihre Leistungen zu beurteilen? Die Wähler? Die Wähler haben weder eine Ahnung davon, was Ihre eigentlich Aufgaben sind, noch wie viel oder wie wenig Sie davon wirklich erledigen. Wie lange aber glauben Sie, können Sie die Menschen, denen Sie das tägliche Brot aus dem Mund stehlen, noch für dumm verkaufen? Wenn sie es schon aus Mangel an Information nicht kapiert, durch die vielen kleinen Stiche fühlt auch schon der beschränkteste Bürger, dass das nur ein abgekartetes Spiel ist. Und wen soll er dann noch wählen, der kleine Mann von der Straße? Welche Alternative bleibt ihm? Wen immer er wählt, ganz egal ob alt-angesehe oder neu entstandene Partei, es sind immer wieder nur die gleichen Menschen, deren einziges Streben nach persönlichem Reichtum gerichtet ist. Und glauben Sie bloß nicht, ich spreche hier von Ihnen persönlich, meine Herrschaften. Sie sind nur zufällig anwesend. Ich spreche hier von jener Fabelgestalt, von jenem merkwürdigen Wesen, dass ein arbeitender Mensch ebenso oft zu Gesicht bekommt wie eine Jungfrau ein Einhorn. Ich spreche von Politikern, von Funktionären. Und meinen sie nur nicht, ich spreche allein von den Politikern dieses Landes. Sehen Sie sich doch um in unseren Nachbarstaaten, in allen diesen sogenannten demokratischen Länder dieser sogenannten freien Welt. Ich frage Sie, was ist das denn für eine Demokratie, wenn der Bürger, anstatt Willensträger des Staates zu sein, nicht mehr ist als ein willenloser Leibeigener einer kleinen Gruppe Privilegierter? Das ist keine Demokratie, oh nein, das ist die gute alte Aristokratie in der wir seit dem Mittelalter leben. Und es ist völlig egal, ob ich Montagoues oder Capulets Farben wähle, ob ich die Uniform der Garde des Kardinals oder die der Musketiere des Königs trage, ob ich konservativ bin, liberal, sozial oder sonst irgendwie. Auf dem Schlachtfeld des Lebens werde ICH es sein, der verblutet und nicht die neuen Adeligen, nicht meine Herrschaft. Diese Menschen, die das Vertrauen und die Achtung der Bürger genießen sollten, sie dienen heute nur mehr dazu, um Kinder zu erschrecken und vielleicht noch als abschreckendes Beispiel für ehrliche, anständige Leute. Und bevor Sie es jetzt schaffen Ihren Mund zu schließen werde ich sogar noch etwas drauf setzen: Sie in den zivilisierten, demokratischen Ländern der ersten und zweiten Welt lächeln milde über die Wirren in den Entwicklungsländern. Und Sie sehen dabei nicht, dass in vielen Bereichen, zumindest aber was den Zusammenhalt der Gesellschaft angeht, wir selbst bereits bemitleidenswertes Entwicklungsland geworden sind. Sie wundern sich, dass die Menschen nicht mehr verstehen, was um sie geschieht und daher nach dem starken Mann schielen oder schreien, damit der alles wieder ins Lot bringt. Sie freuen sich insgeheim darüber, denn irgendwo lauert der dunkle Wunsch selbst dieser Starke Mann zu sein, der alles bestimmt. Doch der, der kommen wird, egal aus welcher Seite, der wird ihresgleichen benutzen und zertreten. Sie lächeln gütig über Korruption und Missstände im Süden Europas, aber ich sage Ihnen, ein Land ist dann korrupt, wenn das Ausmaß und die Vergabe von öffentlichen Aufträgen abhängig ist von persönlichem Gewinnstreben und der Begünstigung von Freunden. Wenn die Vergabe von Jobs und Funktionen abhängt ist von Parteilichkeit, von Verpflichtung und nicht allein von Fähigkeit. Ich sage Ihnen, dass ein Land dann ein Entwicklungsland ist, wenn die Stützung eines fiktiven Aktienkurses höheren Stellenwert hat, als die Sicherung der Kaufkraft der Konsumenten. Und ich sage Ihnen, dass all Ihre Bestrebungen im Kampf gegen Gesetzesbrecher und organisiertes Verbrechen nur Lippenbekenntnisse bleiben werden, solange Sie nicht erkennen und eingestehen, dass Sie selbst nichts anderes sind, als Diebe und Räuber an Gut und Leben der Bürger. Dass Sie selbst den best organisierten Verbrechensring dieses Landes und darüber hinaus leiten. Denn erzählen Sie mir nicht, Ihre Beziehungen enden an den Grenzen dieses Landes. Wer kann es denn überhaupt noch entwirren, dieses dicke, verfilzte Geflecht aus Politik, Korruption, Wirtschaft und Verbrechen gegen Besitz, Leib und Leben der Bevölkerung. Spinnen Sie dieses Netz der Verflechtungen auf und Sie werden sehen, dass Sie plötzlich an jedem Gramm Heroin, dass verkauft wird, an jedem illegalem Einwanderer, der in einem Kontainer verreckt, an jeder Umweltkatastrophe und jedem Unfall, der durch Schlamperei und Betrug herbeigeführt wurde, mitverdienen. Jedes Verbrechen stärkt ihre Macht, jede Tote erhöht ihren Einfluss.
Schlimm. Aber das ist bei Weitem noch gar nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist, dass ich für das alles, was ich Ihnen jetzt an den Kopf geworfen haben, Sie eigentlich gar nicht zu Verantwortung ziehen kann. Sie können überhaupt nichts dafür - und Sie können auch überhaupt nichts dagegen tun. Denn wissen Sie, was das aller Erstaunlichste, das aller Verwunderlichste dieser Menschheit ist? Ich werde es Ihnen sagen. Ich werde Ihnen sagen, dass Sie tun und lassen können, was immer Sie wollen. Und wenn Sie den Menschen auch noch so oft und noch so offen ins Gesicht spucken. Diese Menschen werden Sie wählen. Wieder und immer wieder. Aber diese Menschen werden Sie nicht wählen, weil sie keine andere Wahl haben, nein, das wäre zu einfach. Denn selbst wenn es eine Alternative zu den bestehenden politischen Gruppen gäbe, die Menschen würden diese andere Möglichkeit gar nicht ergreifen und wissen Sie auch warum? Weil Sie, so wie Sie heute hier sitzen und Ihren Berufsstand vertreten, das große Vorbild dieser Menschen sind! Je korrupter die Mächtigen werden, um so mehr werden sie von den Menschen beneidet. Denn die Menschen selbst sind korrupt oder wären es zumindest so gerne. Sie übertreten die Gesetze? Na und? Ist Ihnen noch nicht aufgefallen, dass das alle machen? Ob Geschwindigkeitsübertretung, Diebstahl eines Aschenbechers, Alkohol am Steuer, Urkundenfälschung, Versicherungsbetrug, Steuerhinterziehung, Nötigung - gibt es überhaupt noch einen Menschen, der Zeit seines Lebens niemals ein Gesetz übertreten hat? Und werden die großen Diebe am Gut der Gemeinschaft verachtet? Oh nein, bewundert werden sie! Und da wieder gerade die, von denen man weiß, denen man aber nichts nachweisen kann, die sich nicht erwischen lassen. Es ist so einfach auf Sie hier zu schimpfen und ich nehme auch kein Wort davon zurück, aber ich mache Ihnen keinen Vorwurf, dass Sie so sind, wie Sie sich geben. Denn einzig und allein aus diesem Grund hat man Sie gewählt - weil Sie die ach so typischen Vertreter der Menschen sind.”

Das Telefon neben Ammens Platz klingelte bereits eine ganze Weile, er hatte die Hand auch schon auf der Hörer liegen, aber wie alle rings um war er wie von einer Lähmung befallen, konnte sich nicht dazu entschließen abzunehmen.
"Seit Ihr alle verrückt geworden?! Was soll das sein, um Himmels Willen?", brüllte jemand aus dem Telefonhörer direkt in Ammens Ohr. "Die zerreißen uns in der Luft! Wer hat diesen Verrückten ins Studio gelassen? Wer ist für diesen verdammten Mist verantwortlich?"
Ammens hielt den Hörer ein wenig vom Kopf. Weil der Anrufer so brüllte. Und um nicht zu verpassen, was im Studio vor sich ging. Aber da war nichts. Die Politiker waren zur Salzsäule erstarrt und schnappten wie Ertrinkende nach Luft, der Moderator schien ins Koma gefallen zu sein und der junge Regisseur hatte die Hände vor dem Gesicht und wünschte sich wohl nichts sehnlicher, als am anderen Ende der Welt zu sein. Ammens grinste breit und meinte mit tiefstem Bedauern in der Stimme: "Was schlagen Sie vor Herr Intendant? Sollen wir abbrechen und uns mit dem Insert 'Sendestörung' blamieren? Oder sollen wir ihn vor laufender Kamera aus dem Studio entfernen lassen?"
Ohne auf die sich überschlagenden Töne zu achten legte er den Hörer vor sich auf das Pult und grinste noch breiter als er die Verwunderung seiner jungen Gehilfen sah. 
Zum ersten Mal fühlte er sich in seinem Job so rundum wohl - gerade weil es nichts mehr gab, was er noch hätte tun können, um das Unheil abzuwenden. Und selbst sein Sodbrennen hatte sich in wohlige Wärme gewandelt.
"Was immer auch passieren sollte, nachdem diese Sendung vorbei ist”, sagte er zu dem Mädchen. "Ich will eine Kopie des Sendebandes bevor irgend jemand anders es in die Hände bekommt!"
“Ich werd‘ wohl ein paar machen müssen”, nickte sie ohne den Blick von den Schirmen abzuwenden. “Denn ich schätze, den Jungen sehen wir nie wieder.”







Mit einer energischen Bewegung klappte Nick die Tasche zu und verscheuchte damit seine Gedanken.
Dabei konnte er sich beim besten Willen noch immer nicht erklären, was ihn damals dazu hingerissen hatte, sein Schandmaul so weit aufzureißen. Oft kam es ihm beinahe so vor, als hätte er in Trance gehandelt und sooft er sich auch das Videoband angesehen hatte, ihm war noch immer so, als redete da ein völlig Fremder.
Das Videoband war in einem anonymen Kuvert gewesen, so, wie er seither öfter unfreundliche Briefe ohne Absender bekommen hatte. Und die drei Skinheads, die ein paar Tage vor seinem Haus herumgelungert waren, hatten auch nicht dazu beigetragen um bei ihm Freude aufkommen zu lassen. Ebenso wie die Tatsache, dass weder die große Sendeanstalt noch die kleinen Firmen für ihn im Augenblick einen Job hatten. Ja, leider, überhaupt nichts los im Moment.
Nick musste säuerlich grinsen, als er daran dachte, wie oft zuvor er schon von anderen gehört hatte, dass sie sich wünschten nur ein Mal, nur ein einziges Mal öffentlich das aussprechen zu dürfen, was sie sich dachten. Und jedes Mal war Nick dieser Wunsch unerklärlich gewesen. Dazu war die Wirklichkeit doch viel zu komplex, um Dimensionen zu vielschichtig, und fehlte es dem Einzelnen doch an den wichtigsten Informationen, als das man einfach so darüber entscheiden konnte. Was und wie viel immer man auch sagte, es würde doch immer nur die halbe Wahrheit bleiben. Und außerdem, was brachte es denn schon? Was brachte es schon, außer einer Menge Scherereien, Problemen und gutgemeinten Ratschlägen. Mehr oder weniger gutgemeint.
War es vielleicht wirklich ein Versuch gewesen, all das, was sich im Lauf der langen Jahre in ihm angesammelt hatte, auszuspucken? Das angewiderte Resümee einer planlosen Suche. Seiner vielen erfolglosen Versuche die Menschen zu verstehen.
Und wenn einer alles versucht hatte und eigentlich nichts außer einer tiefen, schwarzen Leere gefunden hatte? Wenn einer entdeckt hatte, dass sein Leben nichts anderes war, als ein leerer, unendlicher Raum, wie das Nichts zwischen den Sternen?
Nick fuhr sich nervös mit den Fingern durch die Haare und seufzte tief. Mit einem Schlag war die Müdigkeit der Nacht wieder bleischwer in seinen Gliedern.
Zwischen den Sternen.
Zwischen den Sternen war das Nichts.
Zwischen den Sternen war es kalt.
Man erfror zwischen den Sternen.
Aber zumindest fror man.
Und zwischen den Menschen war es auch nicht anders. So wie die Sterne wahllos hin geworfene Feuerbälle und Steinkugeln waren, so schwirrten die Menschen, die Lebewesen durcheinander. Ohne Sinn, ohne Verstand, ohne Ziel waren sie. Ziellos, sinnlos war das Ganze.
Das Ganze war ziellos?
Nicks runzelte die Stirn, dann zeigte sein übermüdetes Gesicht mit einem Mal den Ausdruck grenzenlosen Erstaunens. Da war etwas, ganz weit hinten in seinen Gedanken, weit hinter dem Bewusstsein, dass sich aber nun machtvoll den Weg ins Licht bahnte. Und dann, ganz langsam drang ein kleines, blaues Leuchten in seine brennenden Augen. 
Und er lachte laut auf.
Man fror zwischen den Sternen. Ja, aber jeder Stern war an seinem genau definierten Platz, konnte gar nicht wo anders sein. Natürlich! Nichts war ziellos, alles gebunden durch die Gesetze der Schwerkraft. Durch Anziehung und Abstoßung. Man trieb scheinbar haltlos zwischen den Fixpunkten und fühlte sich doch getrieben. Jedes Ding für sich genommen wirkte so klein, so unscheinbar, so sinnlos. Und doch lebte das Ganze! War etwas da draußen, das dem Gewimmel der Sterne und Menschen Sinn gab. Ordnete und führte. Solange man nicht aufhörte zu suchen.
So einfach war das also?
Alles ist einfach, wenn man es einmal verstanden hat.
Alles floss. Und wie das Wasser, so änderte auch das Leben immer und immer wieder seine Form. Mehr noch, wie das Wasser, das ja selbst Inbegriff des Lebens war, so änderte das Leben nicht nur einfach seine Form. Es veränderte seine Struktur, sein Wesen, seine Substanz. 
Nick klatschte in die Hände, kramte nach etwas Bargeld in einer Lade, packte energisch seine Taschen und verließ die Wohnung. Durch den dunklen, engen Hausflur trat er auf die friedliche Straße hinaus und blinzelte im Licht.
An der Ecke, bei der Einfahrt in die alte Fabrik standen drei Männer und schienen auf etwas zu warten. Unweit von Nick parkte ein Wagen ein, und Nick sah einen groß gewachsenen, dunklen Mann. Und der Mann wirkte auf ihn angespannt und lauernd. Wie ein Jäger, der sich anschickt seine Beute zu stellen, schoss es Nick durch den Kopf.
Die Taschen verstaute er im Kofferraum seines Wagens, setzte sich hinter das Lenkrad und erblickte sein Gesicht im Rückspiegel. Es wirkte ruhig, gelassen und ziemlich müde. Wenn man allerdings näher hinsah, dann wirkte es aggressiv, übermütig und übermüdet. Er würde den Wagen zu einem Bekannten bringen und von dort mit dem Taxi weiter zu Flughafen fahren. Dann war mit dem Fahren erst einmal Schluss. Eine Runde zu schlafen wäre auch nicht schlecht.
Für einen Augenblick trafen seine Blicke wieder den Mann der eben aus seinem Wagen stieg und Nick stutzte kurz. War es möglich, dass er diesen Mann kannte? Aber der hatte sich schon abgewendet und den Wagen versperrt.
"Ja, mein Freund”, sagte Nick dann laut zu sich selbst. "Wie schreibt Hemingway - nachher werden alle rätseln, was Du denn gesucht hast, warum Du wohl erfroren bist - Du wirst es wissen! Du, und all die anderen, die leben!"
Der große Mann hatte sich zu den drei anderen an der Ecke gesellt und alle vier sahen jetzt zu ihm hin.
Nick fasste nach dem Zündschlüssel und erkannte mit einem Mal, dass sein Leben wie ein weites, schönes, ein freies Land war. Natürlich konnte er cool und fernab des Lebens über die breit gewalzten Autobahnen der Welt gleiten. Er konnte sich aber auch seinen eigenen Weg suchen. Einen Weg, der durch die düstersten und einsamsten Schluchten führen würde, über strahlende und eisige Höhen. Manchmal kam man dann an eine Kreuzung, an der man sich zwischen der bequemen Autobahn und der eigenen Landstraße entscheide musste. Nicks Kreuzung lag nun hinter ihm und er drehte den Schlüssel im Zündschloss.

Und über den Häusern erhob sich ein riesiger, flachgedrückter Feuerball, der nach oben zu wachsen schien.


EPILOG:

Personen, Orte und Gegebenheiten dieser Geschichten sind natürlich erfunden. Allerdings vielleicht nicht ganz so frei erfunden, wie ich und manch anderer es gerne hätten. 
Zumal es sich hier ja keineswegs um eine Biographie handeln soll, sondern um Eindrücke aus einem Leben, zugegeben einem besonderen Leben, am Ende des 20. Jahrhunderts. Natürlich ist es mir daher nicht möglich gewesen, reale Ereignisse meines Lebens als Filmtechniker aus diesen Geschichten fern zu halten.
Aber ich schwöre, dass sich keine dieser Geschichten so zugetragen hat, wie ich es hier schildere. 
Dafür lege ich alle Hände meiner toten Vorfahren ins Feuer!