Ob Drachen oder Künstliche Intelligenz. Engel, Außerirdische oder Vampire – so viele unterschiedliche Wesen bevölkern die Phantasie der Mensch. Und weil die Menschen ordentlich sind, lebt jedes dieser Wesen in seinem eigenen Universum. Nur die Menschen reisen bedächtig durch diese, stets auf der Suche nach Neuem.
Mark Gold entführt wieder in seine Welt, die keine Welt ist, sondern viele. Nicht fest in sich ruhend, sondern in ständiger Bewegung. Um hinter jeder Biegung ein neues Universum zu verbergen –
wohl bekannt und doch erschreckend fremd.
Es ist das große Abenteuer sich einzulassen auf die unbekannte Welt, welche man verborgen in der offensichtlichen zu finden meint. Und auf die Nächste dahinter.
ISBN: 9783756250424
Mark GOLD Zyklus VIII
Jede der Welten - von einem Schiff, einem Tal und zwei Reisen
Joh ERVIN
Version 2017
Das Schiff
Ein ruhiger, milder Wind war es, der über die Dächer der Stadt Marseille glitt, sich an der Erhebung inmitten der Stadt fing und die hoch aufragenden, steinernen Mauern entlang nach oben strich.
Dort oben, hoch über der großen Stadt drängten sich die Menschen. Bestaunten die mächtige Kirche, begafften die starren Wogen aus roten Dächern und beäugten die scharfe Grenze zwischen der bunten
Küste und dem Meer in seinem bleiernen Blau. So vieles gab es zu sehen an der berühmten Kirche hoch über der lauten Stadt, so vieles zu bewundern und so vieles zu entdecken. Für den stillen Mann
auf einer der Mauern neben der Treppe hatte keiner der Menschen einen Blick. Etwas abseits der Massen saß er da, in einen dunklen Mantel geschlagen und gegen eine der Säulen gelehnt. Auch er sah
in die Stadt hinunter. Zum alten Hafen, wo die Bilderverkäufer ihre Stände für die Touristen aufgebaut hatte. Zu den Hügeln mit den alten Villen und zu den dahinter liegenden, so hoch aufragenden
wie heruntergekommenen Bettenburgen, den Lagersilos der Menschenmassen. Bis hinaus zum neuen Hafen sah er. Dort in der Ferne lagen glitzernd im Licht des frühen Tages mehrere weiße Punkte. In
Wahrheit riesige Schiffe, hell strahlend wie Berge aus weißem Eis. Auf eines dieser Schiffe würde er noch heute gehen. Verwundert über sich selbst schüttelte er leicht den Kopf. Niemals war ihm
ganz wohl dabei gewesen, in ein Boot zu steigen, und jetzt machte er doch wirklich eine ganze Kreuzfahrt. Nun, die Einladung war überraschend gewesen, geheimnisvoll und in einer Art, die er nicht
ablehnen konnte. Vor allem, weil sie seine Neugierde geweckt hatte.
Geschmeidig erhob sich der Mann und streckte seine hagere Gestalt durch. Der dunkle Mantel floss von seinen Schultern weit hinunter und glich fast einem Umhang, die langen braunen Haare fielen
weich über seine Schultern und trotz des doch ungewöhnlichen Anblicks den der Mann bot, beachtete ihn kaum einer der hastenden, drängenden Menschen. Wie einen Stein oder einen Baum am Wegrand, so
sahen sie ihn an und vergaßen sie ihn auch gleich wieder. Und ihm war das nur recht.
Auf einer steinernen Begrenzung neben parkenden Autos saß ein junger Mann und war wohl der einzige, der den Mann dort oben beachtete. Ihn interessierte nicht die Kirche oder die Stadt, er war nur
wegen des Mannes hier. Und darum ließ er ihn auch nicht aus den Augen. Als der sich endlich bewegte war ihm, als würde sich ein fest verwurzelter Baum strecken. Als würde Gestein sich lösen und
über einen Abhang gleiten. Und dieses Gefühl entlockte ihm ein Lächeln.
Genua galt als moderne Stadt. Blühend, aufstrebend und jung. Der Arkadengang war düster, schäbig und laut. Weil er alt war und weil die Menschen darin drängten. Sie stießen und schoben sich
voran, vorbei an den verstaubten Geschäften, an den heruntergekommenen Cafés und an den unpassend modernen Boutiquen.
Hier in dem alten Teil des Hafens spürte man davon zwar nur wenig, aber hier war Genua zumindest lebendig. Weit lebendiger, als in den neuen und bereits schon wieder baufälligen Wohnsiedlungen
auf den Hügeln reihum. Und doch nur so lebendig wie die Stadt schon seit Jahrhunderten war. Und wie in all den Jahrhunderten drängten sich die Menschen rund um den Hafen. Die einen hatten so viel
zu erledigen, die anderen hatten so viel Zeit zu gaffen und viele dieser Menschen, die hatten so viel Zeit zu träumen. Weil ein Hafen immer viele Menschen anzieht und die meisten davon haben
einen Traum. Auch wenn es kaum zwei Träume gab, die sich glichen. So wie der Traum des hochgeschossenen jungen Mannes, der am Eingang eines Cafés stand und das schmierige Geschirrtuch in seinen
Händen drehte. Heute morgen, da hatte er noch von seiner offenherzigen Nachbarin geträumt, von einem Sportwagen und von der Anerkennung seines Chefs. All das war in wenigen Augenblicken
verblasst.
Jetzt saß sein Traum dort drüben, etwas abseits von den Massen, hielt die kleine, dickwandige Tasse mit zwei zarten Fingern und betrachtete ungerührt das lebendige Treiben.
Er hatte versucht mit der Frau ins Gespräch zu kommen. Ungeübt war er darin ja nicht gerade. Sie hatte ihm auch geantwortet, freundlich aber kühl. Zumindest wusste er jetzt, dass sie eine
Touristin war. Und dass sie in wenigen Stunden aus seinen Augen und aus seiner Stadt verschwinden würde. Mit einem der großen Kreuzfahrtriesen, die dort drüben an der Mole vor Anker lagen. Ein
paar wenige Stunden blieben ihm um seinen Traum zu verwirklichen und er wusste doch, dass es unmöglich war. Weil er auch nicht hätte sagen können, was es denn eigentlich war, was er sich
wünschte. Trotzdem, diese Frau war etwas ganz Besonderes. Irgendwie erschien sie unfassbar, als könnte man sie gar nicht richtig ansehen, als würden die Blicke in ihr blasses Gesicht immer wieder
von ihrer schlanken Gestalt abgelenkt. Als würden die Blicke auf ihre Beine, ihren Körper immer wieder von ihrem fein geschnittenen Gesicht angezogen. Und er meinte, etwas von ihr würde ihn
berühren. Obwohl sich ihr geschmeidiger Körper kaum bewegte war er sicher, ihren Herzschlag zu fühlen. Obwohl ihr kurzes, kupferrotes Haar ganz ruhig lag, meinte er, es in seinem Gesicht zu
fühlen. Wie den Hauch einer Brise.
Innerlich lächelte sie über die Bewunderung, die ihr der junge Mann zollte. Dabei kam sie sich ein klein wenig schäbig vor, dass sie so mit ihm spielte. Normalerweise war das nicht ihre Art. Im
Alltag zog sie es vor als Frau nicht all zu sehr beachtet zu werden, was schwierig genug bei ihrem Aussehen war. Aber die sprühende Aufmerksamkeit des jungen Mannes war zu niedlich.
Dabei gestand sie sich ein, dass sie auch ein wenig nervös war. Nicht des jungen Mannes wegen. Männer machten sie schon lange nicht mehr nervös. Diese Einladung zu einer Kreuzfahrt, die war zu
eigenartig gewesen, als dass sie eine Ablehnung hätte formulieren können. Es war bei Gott nicht das erste Mal, dass ein Mann sie einlud Zeit mit ihm zu verbringen. Aber diesen Mann kannte sie
nicht einmal. Und doch war daran etwas mysteriös Vertrautes. Sie war neugierig. Und nervös. So neugierig und nervös wie schon lange nicht mehr.
Ein wenig abseits von dem Arkadengang, auf ein paar alten Obstkisten an der Rückseite eines Standes, saß ein anderer junger Mann und beobachtete ebenfalls die Frau an dem wackeligen Tischchen vor
dem Café Ihm war dabei, als wäre ein frischer Windstoß durch die alten Gassen der Stadt gefegt und hätte auch ihn gestreift. Und dieses Gefühl erzeugte ein Lächeln.
Das Bording verlief schnell und ohne Komplikationen. Die Zeit davor, scheinbar endlose Stunden des Wartens, hatte der Mann damit verbracht neben dem riesigen, weißen Koloss ins Hafenbecken zu
starren. Auf die kleinen Boote am Kai gegenüber und auf die Containerschiffe, die von Zeit zu Zeit vorbei kamen.
Civitavecchia war ein alter Hafen und ein historischer Umschlagplatz für Waren. Eine kleine Stadt, und doch das Tor Roms. Er mochte das verschlafene Nest an dem die Welt so achtlos vorüber ging.
Geblendet von dem Ort, der sich anmaßte Zentrum der Welt zu sein. Vielleicht mochte er diesen kleinen Ort gerade deswegen.
In der Menge der wartenden Menschen, die sich nun langsam und kaum merkbar Richtung Gangway bewegten, ging der mittelgroße Mann so gut wie vollständig unter. Ein wenig stach er vielleicht heraus,
weil er in hellem Blau und Grau gekleidet war, dezent, und sich so von der bunten Masse erwartungsvoller Touristen unterschied. Und auch für ihn schien zu gelten, dass die Welt achtlos an ihm
vorüber ging. Zumindest war das meist der Fall. Schon wieder sah er an dem riesigen Schiff hinauf und zu den beiden Punkten dort oben an der Reling. Inzwischen war er sich sicher, dass die Beiden
ihn beobachteten. Und er war sich ziemlich sicher, dass er die Beiden kannte. Es war eine Überraschung sie hier zu treffen. Und doch auch wieder nicht. Die Einladung zu dieser Kreuzfahrt war von
einem Mann gekommen, den er weder kannte noch von dem er jemals etwas gehört hatte. Und doch war sie in einem Ton gehalten, als wären sie die besten Freunde. Oder zumindest gut bekannt. Darum war
er jetzt hier. Vor allem, weil er neugierig war. Und wenn diese Beiden ebenfalls hier waren, dann war es eine gute Entscheidung gewesen, zu kommen. Dabei fielen ihm Entscheidungen nicht leicht.
Genau genommen fielen sie ihm immer schwerer, mit der Zeit. Zu viele Möglichkeiten gab es, zu viele Wege die bedacht werden sollten. Strömungen und Gegenströmungen, die man beachten sollte.
Untiefen, die man meiden musste.
Weiter unten am Schiff, hinter einer der großen Scheiben saß ein junger Mann in einem der Cafés, besah sich die neuen Gäste und hatte doch nur Augen für den einen. Andächtig trank er seinen
Espresso und wenn er den neuen Gast schärfer ins Auge fasste, dann meinte er trotz des riesigen, schwer in den Fluten liegenden Schiffskörpers das leise Wiegen der Wellen zu fühlen.
Die Reihe der wartenden Kabinenstewards war so locker wie die Stimmung unter den durchwegs dunkelhäutigen Männer und Frauen. Kabinenpersonal bestand auf großen Kreuzfahrtschiffen zumeist aus
Philipinos und das war gut so. Die Stimmung in der Gruppe war auch deswegen lockerer, weil La Valletta nicht unbedingt der Hafen war in dem viele neue Passagiere an Bord kamen. Ein großer Wechsel
bedeutete viel Arbeit, aber der Stopp auf Malta brachte gerade mal sieben neue Passagiere. Vier Kabinen. Und obwohl so nur die vier zuständigen Stewards von Nöten gewesen wären um die neuen
Passagiere zu empfangen, hatten sich doch etliche mehr eingefunden. Einerseits sah es besser aus und andererseits war es eine Abwechslung zu dem täglichen Einerlei im Bauch des Schiffes. Gab es
doch auch Gelegenheit zu schwatzen.
Zwei ältere Paare waren schon an Bord, als das fröhliche Geplänkel der wartenden Menschen kurz an Aufmerksamkeit verlor.
Der Mann am Eingang war groß gewachsen und breitschultrig. Sein dunkelgrauer Anzug und das schwarze, offene Hemd unterstrichen seinen südländischen Typ. Abgesehen von seiner Größe nichts
Ungewöhnliches für einen Malteser. Doch dieser Mann war nicht hier geboren und er strahlte darüber hinaus etwas sehr Fremdes aus. Als er in den Eingang getreten war, da schien es, als wäre es ein
wenig dunkler geworden. Als hätte sich für einen Herzschlag lang eine düstere Spannung über das fröhliche Schiff gelegt.
Hinter ihm trabte einer der Sicherheitsoffiziere mit einem kleinen Päckchen. Waffen waren an Bord grundsätzlich nicht erlaubt und die Crew war zu recht heikel, was das anging. Darum hatte der
Mann erst gar nicht den Versuch gemacht seine Waffe zu verstecken. Er würde sie nicht benötigen. Trotzdem war ihm nicht der Gedanken gekommen, sie zuhause zu lassen. Er wusste nur zu gut, wie
schnell man in abartige Situationen schlittern konnte. Zumal, wenn man einer Einladung folgte, die mehr als geheimnisvoll war. Aber über solche Dinge machte sich der dunkle Mann keine Gedanken
mehr. Vor langer Zeit hatte er aufgehört zu grübeln. Jetzt ging er seinen Weg und tat, was zu tun war.
An den Stewards ging er vorbei, ohne auf deren Ansinnen zu achten, ihm seine Kabine zeigen zu wollen. Geradewegs marschierte er durch die Halle auf einen der Tische an der Bar zu. Die drei
Menschen erhoben sich und sahen ihm entgegen. Die Frau in dem leichten grünen Kleidchen, der unscheinbare Mann in heller Hose und Hemd und der Mann mit den schulterlangen Haaren. Etwas wie eine
knisternde Spannung lag in der Luft und für einen Augenblick sahen alle Anwesenden zu dem Vieren hin. Um sie im nächsten Augenblick wieder zu vergessen. Auch darum fiel der junge Mann nicht auf,
der an der Balustrade über ihnen lehnte und sie beobachtete. Unwillkürlich hatten sich seine Nackenhaare gesträubt, als der dunkle Mann das Schiff betreten hatte. Nun lag so etwas wie ein
zufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht, als er die Vier beobachtete. Aber es war nur ein ganz dünnes Lächeln. Eigentlich nicht merkbar und doch war es ein wenig verzerrt und müde.
Die fensterlose Kabine im Bauch des Schiffes war düster weil der junge Mann nur das müde Licht im Bad angelassen hatte. Und sie war still, wenn man von einem kaum wahrnehmbaren Stampfen absah,
das man mehr fühlte als wirklich hören konnte.
Der junge Mann saß völlig ruhig auf seinem Bett und sah zu dem kleinen Poster auf, dass er über dem Bett angebracht hatte. Der alte Pater, ein Zisterzienser den er auf seinen Reisen begleitete
und für den er als Sekretär arbeitete, der hatte sich in den Jahren daran gewöhnt, dass der junge Mann das Kreuz gedankenlos hinnahm. Dem Jungen waren Bilder seiner Heimat offensichtlich
wichtiger. Aufnahmen von dunklen Wäldern und grauen, riesigen Steinen. Hügelige Ebenen unter blauem Himmel und Bilder voll bizarrem Eis und Schnee. Der alte Mönch hatte es der Jugend und dem
Heimweh zugeschrieben. Dabei hatte er sich niemals die Mühe gemacht den Jungen zu beobachten, wenn er diese Bilder ansah. Und das war auch gut so.
Wie eben jetzt.
Etwas im Blick des Jungen war nicht richtig und hätte den alten Mann wahrscheinlich nur verwirrt. Denn in dem Blick des Jungen lag kein Heimweh. Müde war der Blick. Von jener Müdigkeit
durchdrungen, wie sie nur ein sehr langes Leben hervor bringen konnte. Ein langes Leben voller Rückschläge, enttäuschter Erwartungen und verlorener Kämpfe. Ein Leben voller Verluste und unnütz
verronnener Jahre.
Alles an dem Mann war jung und frisch und mutig. Doch hinter seinen Augen lag eine andere Welt. Ganz besonders dann, wenn er die grünen Bilder seiner Heimat betrachtete. Die Wälder, Flüsse und
Teiche. Weiße Wolken im blauen Himmel über grünen Hügeln.
Wenig wusste der alte Mönch der Zisterzienser über seinen jungen Schützling. Vor Jahren hatte das Kloster ihn aufgenommen und schnell war allen klar gewesen, dass das Kind freundlich, höflich und
zu allen Arbeiten zu gebrauchen war. Ein guter Schüler war er gewesen, nur zu einem Priester oder Mönch eignete er sich nicht. Der alte Mann schätze ihn sehr, aber er ließ sich nicht mehr auf
Diskussionen mit ihm ein. Zu anders, zu verwirrend und zu voll mit fremder Logik war die Argumentation des Jungen für einen alten, leidgeprüften Seelsorger.
Diese Reise im Dienste der Reederei und der Kirche war gerade das Richtige für einen weisen, alten und doch weltoffenen Mann. Und seinen jungen Schützling. Der alte Mann war eine Attraktion unter
den Passagieren und gewann mit seinen Vorträgen und seiner Erscheinung ihre Herzen für die Mutter Kirche. Der junge Schützling kümmerte sich um all die Kleinigkeiten, die solche
Veranstaltungsreisen mit sich brachten und sah die Welt. Und behandelte sie doch, als hätte er schon viel zu viel von ihr gesehen. Entwickelte eigene Ideen und Pläne. So wie die Einladung an jene
vier Menschen, die er noch nie zuvor in seinem Leben gesehen hatte.
Die Luft war gesättigt mit kühler Feuchtigkeit und diesige Schwaden des Morgennebels lagen über dem Wasser. Von der Sonne war noch nichts zu sehen, sie stand noch hinter dem Horizont, doch es war
bereits hell genug um die Welt rund herum deutlich zu erkennen. Zumindest das Deck und die Dinge darauf. Rund um das stampfende Schiff lag nur ruhige See, die sich irgendwo im Grau verlor. Ganz
oben fühlte man den kräftigen Wind, denn das große Schiff machte gute Fahrt, und auch daran, wie an der frühen Stunde, lag es, dass kaum jemand zu sehen war. Nur ein Matrose stapfte schweren
Schrittes herum, wischte mit einem Mob freudlos über Treppenstufen und achtete auf nichts um sich. Wenn er genauer hingesehen hätte, dann wäre ihm ganz vorne auf dem obersten Aussichtsdeck eine
Gestalt aufgefallen. Eine große, dunkle Gestalt die geraume Zeit vollkommen ruhig stand und das Wogen des Schiffes unter sich fühlte. Auch die langsamen, fliesenden Bewegungen der etwas anderen
Thai Chi Übungen bildeten keinen Kontrast zu dem bewegten Meer und dem nebligen Morgen. Unverkennbar war es jahrelange Übung, was den Mann befähigte.
Irgendwann beendete der Mann die Übungen, atmete noch einmal tief durch und drehte sich herum. Weiter hinten lehnte ein Mann an der Reling und beobachtete ihn. Nun wandte sich der Mann in der
hoch geschlossenen Windjacke von dem dunklen Schatten ab und sah aufs Meer hinaus. Die nackten Fußsohlen auf dem feuchten Holzdielen machten ein saugendes Geräusch als der Schatten nach einer
Weile ebenfalls an die Reling kam. Einige lange Atemzüge hatte er gezögert, versucht zu begreifen was ihm unverständlich blieb. Darum ging Karl Meixner wie immer direkt auf das zu, was er nicht
verstand.
“Ich glaube, wir sollten uns kennen”, meinte er leise hinter dem Mann mit der Windjacke. Der drehte sich herum, sah ihn an und Meixner war sich sicher, dass er dieses junge Gesicht noch niemals
gesehen hatte.
“Ob wir das sollten wird sich zeigen. Jedenfalls kann man mit Sicherheit sagen, dass wir uns noch nie begegnet sind”, kam unmittelbar die Antwort. Doch es lag keine Verwunderung in den Worten,
keine Überraschung. Eher ein wenig Spott meinte Meixner darin zu hören. Und er runzelte die Stirn. Gleich Gewitterwolken zogen sich seine Brauen zusammen. Seine große Gestalt schien ein wenig zu
wachsen und die Sonne schien es vorzuziehen sich mit dem Erscheinen doch noch ein wenig Zeit zu lassen. Etwas wie ein düsterer, kühler Schatten fiel über das Schiff, über das Deck, über die
beiden Männer, die sich gegenüber standen. Ganz langsam kroch ein Lächeln auf die Lippen des jungen Mannes.
“Netter Versuch”, meinte er. „Wirklich bemerkenswert“, und grinste den verdutzten Meixner nun wirklich breit an. Der brauchte aber nicht lange um sich zu fangen.
“Sie waren es, der uns eingeladen hat. Warum?”
Dabei fixierte er den jungen Mann in der Windjacke, als wollte er ihn mit seinen Augen durchbohren. Tatsächlich hielt der auch nur ein paar Sekunden stand, dann löste er sich von der
Reling.
“Es wird kühl hier draußen”, sagte er ohne es wirklich so zu fühlen. Aber das Grinsen war verschwunden. Einen kurzen Blick wagte er noch einmal in die brennenden Augen Meixners, dann wandte er
sich ab um zu gehen.
“Wir sehen uns im Maritim Salon nachdem der Pater seine Gebetsmeditation gehalten hat. Und bringen Sie ihre Freunde mit. Ich werde versuchen es euch zu erklären.“
Der Wind blies kräftig genug um die meisten der Menschen unter Deck zu treiben. Nur wenige harrten draußen aus, eingehüllt in Jacken, Tücher und Decken.
Einzig ein Mann stand an der Reling, nur mit einem hellen Hemd und einer Hose bekleidet. Er schien den Wind und das Meer nicht zu fühlen. Oder so sehr, dass es ihn belebte. Von den Liegen erhob
sich eine Frau und trat neben ihn.
“Man könnte auf den Gedanken kommen, du liebst das Meer”, meinte sie und es hätte eigentlich spöttisch klingen sollen. Doch es war viel mehr eine Feststellung. Er lächelte und betrachtete
sie.
“So wie du den Sturm liebst.”
Eine ganze Weile lang sahen sie sich an, doch bevor sie noch mehr sagen konnten kam ein Mann aus dem Inneren des Schiffes und gesellte sich zu ihnen. Die beiden sahen ihn erwartungsvoll an, aber
er trank erst mal gemächlich aus seiner Kaffeetasse und legte die Hände darum. Dabei wirkte der große, dunkelhäutige Mann gar nicht so, als wäre ihm kühl.
“Ich habe ihn gefunden”, meinte er endlich und setzte sich auf die freie Liege.
Jetzt schlug auch der Mann auf der benachbarten Liege die Augen auf und strich sich die langen Haare aus dem Gesicht. Mit wenig Erfolg.
“Und, lebt er noch?”
Auch diese Frage klang trotz aller Ironie völlig ernsthaft und Karl Meixner zog es vor, nicht darauf einzugehen. Stattdessen meinte er: “Wir treffen ihn im Maritim Salon bei der geführten
Meditation des Zisterziensers.”
„Zisterzienser.“ Christoff Pensant blies die Backen auf und versuchte seine Haare aus dem Gesicht zu bekommen. Nur langsam bemerkte er, dass ihn seine drei Freunde fragend ansahen.
„Zisterzienser!“ sagte er noch einmal betont, als wäre damit mehr erklärt. Und als er sah, dass es keineswegs mehr erklärte, schüttelte er den Kopf.
„Zisterzienser bauen ihre Klöster um heilige Bäume, bei heilige Quellen“, erklärte er und stand auf. „Ihre Gründung erfolgte so um 1000 nach Christus in einem Wald in Frankreich den früher die
gallischen Druiden benutzt haben. In einem Düsteren Wald, wohlgemerkt.“
Um weiteren unweigerlich folgenden Ausführungen Pensants zu entgehen machten sich der Mann und die Frau auf um ebenfalls Kaffee zu bekommen. Meixner blieb sitzen, wärmte seine Hände an der Tasse
und sah auf das Meer hinaus. Ob Pensant tatsächlich weiter redete hätte er nicht sagen können.
Der alte Mann wusste nicht, wer die Idee dazu gehabt hatte und es war ihm eigentlich auch gleichgültig. Ruhig und gefasst strich er seinen weißen Bart und seine weiße Kutte glatt während er die
Menschen betrachtete, die langsam und neugierig in den Raum kamen. Es war seine Aufgabe den Menschen das Wort des Einen Gottes nahe zu bringen und als Mönch der gemäß dem Gelübde der
Zisterzienser lebte, tat er dies wohin immer er gestellt wurde. Er fragte nicht und er beklagte sich nicht. Auch wenn ihm im Herzen die Ruhe in seinem Kloster, verborgen im Wald vor den Toren
Wiens, lieber gewesen wäre als die geschäftige Umtriebigkeit an Bord eines Kreuzfahrtschiffes. Manche Brüder mochten ihn dafür beneiden. Und auch dafür, dass er den jungen Mann als Sekretär
bekommen hatte, damit ihm dieser die Gänge, Wirren und Unannehmlichkeiten einer solchen Reise abnahm. Freundlich wie er immer war, dienstbeflissen, ja beinahe demütig.
Doch in beiden Fällen war sich der alte Pater nicht sicher, ob er wirklich zu beneiden war.
Was ein Gespräch mit Gott hätte sein sollten, die ehrlichste und tiefste Öffnung des innersten Seins, das war den satten Menschen längst zu einer esoterischen Meditationsübung verkommen, bei der
die Worte des Gebetes nicht mehr Sinn hatten als ein gestammeltes Mantra. Ein Spaß, ein Zeitvertreib, ohne sich weiter Gedanken darüber zu machen. Und sein junger Begleiter entwickelte in der
letzter Zeit Züge, die den alten Mann nur noch erschreckten. Vor allem weil er begriff, dass der Junge ihnen immer mehr entglitt.
Wie immer saß der Pater schweigend da und besah sich die Menschen, die zu ihm kamen. Manche aus echter Neugierde, manche als Begleitung und widerwillig. Manche waren geübt in der Kunst der
Sammlung, beständig auf der Suche und ohne zu wissen, was sie denn suchten. Ohne zu verstehen, was sie fanden. Manche nervös und die meisten unbeholfen. Zu einem buddhistischen Mönch gingen sie
ohne Bedenken und mit offener Neugier, bei einem christlichen Pater hatten sie ein mulmiges Gefühl, fast, als würden sie sich schämen. Menschen waren so lächerlich und da war nichts, was er in
seiner langen Laufbahn als Seelsorger nicht schon erlebt hätte.
Und doch war er heute irritiert.
Vier Menschen hatten es sich etwas abseits bequem gemacht und ohne es zu wollen wanderten die Augen des alten Paters immer wieder zu ihnen hin. Er hielt nichts von dem esoterischen Gestammel der
Neuzeit und er hatte noch nie in seinem Leben etwas wirklich Besonderes gesehen. Keine Erscheinung, keine Vision, nichts, wovon das Heilige Buch oder die von ihm so verehrten Mystiker so gerne
berichteten. Trotzdem war er sich sicher, dass diese vier Menschen anders waren. Und je mehr er sich selbst sammelte um das Gebet zu leiten, um so deutlicher wurde für ihn die Präsenz dieser
Gruppe.
Nun, auch wenn es ihn verwirrte, es war kein Grund das Gebet zu vernachlässigen. Die Routine überwand die Verwunderung und er öffnete die Hände und sein Herz weit.
Obwohl es sich sicher war, dass jeder der vier Menschen Eachdraidh von Mark Gold kann, hatte er ihnen einen Abschnitt des Schlusses aus dem Buch vorgelesen. Nun wurde es zugeklappt und weggelegt.
Die Hand die das tat blieb darauf liegen. Sie war schlank, sehnig und jung. Wie der Mann, zu dem diese Hand gehörte. Antonij Hasczalawic sah sich um und betrachtete die wenigen Menschen, die
schweigend vor ihm saßen. Unmerkliches Vibrieren lies ahnen, dass die mächtigen Schiffsdiesel ihre Arbeit taten und das gewaltige Schrauben den weißen Stahlriesen durch Wellenberge pflügen
ließen. In der plüschig weichen Umgebung des Maritim Salons bemerkte man davon nicht viel. Sie waren ganz allein, denn erst nach Einbruch der Dunkelheit würden die Passagiere wieder hier zusammen
kommen um sich ihren Vergnügungen hinzugeben. Fünf der Personen saßen still und stumm, der sechste wurde immer unruhiger auf seinem Sitz. Eine mit fast greifbarer Spannung geladene Atmosphäre war
nichts für einen alten Mann, der es gewohnt war in Ruhe und Beschaulichkeit zu leben.
“Sie sollten sich zurück ziehen, Pater”, meinte der junge Mann ohne sich nach ihm umzusehen. “Sie müssen sich noch für das Ehegespräch am Abend vorbereiten.”
Der alte Mann stand augenblicklich auf, raffte seine weiße Kutte und verschwand nach halbherzigen Entschuldigungen in die Runde. Kaum war er gegangen, schien sich die Luft in dem Raum durch das
herrschende Schweigen noch mehr zu verdichten. Endlich zeichnete sich so etwas wie ein schalkhaftes Lächeln auf dem Gesicht des jungen Mannes, dem die bedrückende Stimmung offensichtlich sogar
Spaß zu machen schien.
“Es war nicht leicht für den einfachen Sekretär eines reisenden Mönches euch hierher einzuladen. Aber der gute Pater hat einen ausgezeichneten Ruf als spiritueller Leiter, was die Rederei gnädig
stimmte und es war ziemlich einfach vorherzusehen, dass meine Einladung eure Neugierde wecken würde.”
Keine der vier Personen vor ihm reagierte und so vertiefte sich sein Lächeln zu einem Grinsen.
“Ich glaube zu wissen”, fuhr er fort, “dass ihr nach der Einladung vieles erwartet habt. Aber ihr habt nicht erwartet euch hier gegenseitig zu treffen. Nachdem ihr euch in den letzten Jahren
tunlichst aus dem Weg gegangen seit.”
Seine Worte riefen bei zwei der Männer und der Frau eine Reaktion hervor, doch sie blieben stumm. Hasczalawic lehnte sich zurück, legte die Fingerspitzen aneinander und betrachtete die Vier in
aller Seelenruhe.
Die Frau zuerst. So wie jedem Mann diese Frau vor allem anderen auffiel. Zierlich und doch wohlgeformt wirkte sie in dem hellgrünen, strengen Kostüm. Der rote Pagenkopf gab einen hell
strahlenden, zerbrechlichen Hals frei. Auch wenn das Alter schon feine Spuren hinterlassen hatte, war es mit ihr doch vorsichtiger umgegangen als mit den Männern. Und noch immer ging von ihr
etwas Unbeherrschtes, Stürmisches aus. Der Mann neben ihr war ebenfalls hell gekleidet und wirkte in seiner Unscheinbarkeit so austauschbar, dass man beinahe übersah, dass sein Blick alles zu
durchdringen, alles aufzunehmen schien. Gegen diese beiden wirkte der Mann auf der anderen Seite der Frau geradezu riesig. Seine dunkle Haut, das schwarze Haar und die dunkelgraue Kleidung ließen
ihn düster und bedrohlich erscheinen. Etwas abseits von den dreien saß der vierte Mann. Er schien am wenigsten überrascht zu sein. Mit dunklen Jeans und hellem, weiten Hemd wirkte er ganz
alltäglich. Doch seine langen, brünetten Haare erregten überall Aufsehen. Auf ihm blieb der Blick des jungen Mannes zuletzt liegen.
“Die meisten Zweifel hatte ich bei Christoff”, fuhr er endlich fort. “Ich war mir tatsächlich nicht sicher, ob er den festen Boden verlassen und sich auf ein Schiff begeben würde.”
Der Mann mit den langen Haaren und der scheinbar unerschütterlichen Ruhe ging nicht darauf ein. Stattdessen meinte er: “Ich bin diesem Meister N’Gor-Round begegnet, von dem er gelesen hat. Er war
es auch, der dir das Round-a-N’Dor prophezeit hat.”
Die letzten Worte waren an den düsteren Mann auf der anderen Seite des halben Kreises gerichtet. Doch der hob nur die Augenbrauen.
“Die große Prüfung durch das Feuer.” Der junge Mann nickte und besah sich den Düsteren genauer. “Man muss die Kraft des Feuers schon tief in sich tragen um die große Prüfung durch das Feuers auch
zu bestehen.”
“Warum sind wir hier?”
Der unscheinbare Mann setzte sich aufrechter hin und sah den jungen Tschechen nachdrücklich an. Der hielt dem Blick stand und lachte nur.
“Nickolas. Ungeduldig wie immer.”
“Niemand nennt mich Nickolas!”
Ohne ein Wort erhob sich die Frau und ging hinüber zu dem kleinen Tisch auf dem Getränke für die Veranstaltung des Paters bereit standen. Bis sie sich wieder gesetzt hatte folgten ihr alle Blicke
schweigend.
“Alexander nannte dich so”, erinnerte sie den Mann neben sich, um dann, nach einem Schluck, endlich nachdenklich zu dem jungen Mann ihr gegenüber zu meinen: “Täusche ich mich oder hat das
durchaus einen Grund, dass Ar HanlaLar, Ar Hadha, Alexander Heymann und Antonij Hasczalawic alle mit den selben Initialen beginnen?”
“Alexander starb vor über zehn Jahren,” widersprach Christoff Pensant ruhig, denn er hatte selbst schon daran gedacht. “Der Junge dort ist vielleicht zwanzig! Es kann nicht sein, worauf du hinaus
willst Pat.”
“Er wird zweiundzwanzig. Und dass im September.”
Es war Karl Meixner, der das gesagt hatte und die anderen drei sahen ihn verblüfft an. Der junge Mann hingegen nickte anerkennend.
“Geboren in Krumlov. Vater unbekannt, Mutter verstorben. Da die Mutter Österreicherin war, lebten sie südlich der Grenze. Und als auch die Mutter starb wurde er von den Zisterziensern in
Heiligenkreuz aufgenommen. Ich habe mich seit heute Morgen ein wenig für unseren Gastgeber interessiert”, fügte Meixner hinzu und zuckte mit den Schultern, als wollte er sich entschuldigen, was
ihm aber gar nicht in den Sinn kam. “Die Frage ist aber nicht, wer er ist, sondern warum er uns hier zusammen geholt hat”, setzte er dann noch hinzu.
“Oh nein, die Frage ist schon, wer er ist. Wenn wir das wissen, dann wissen wir auch, warum wir hier sind.”
Pensant blieb bei seiner Meinung und keinem der Vier entgingen die amüsierten Blicke des jungen Tschechen, die zwischen ihnen hin und her wanderten.
“Es gab viele Menschen mit den Initialen A.H. aus dem Waldland, und manche davon bleiben den Menschen sogar über Generationen noch im Gedächtnis”, wieder war es Nick Grasel der vorstieß. Diesmal
aber verschwand das Grinsen auf dem jungen Gesicht.
“Die Aufgabe der Coilan ist es aber doch offensichtlich, den Menschen zu helfen, ja zu dienen”, gab Pat Fogham zu bedenken, doch keiner der Männer reagierte darauf. Hasczalawic griff nach seiner
Teetasse, trank einen Schluck und schien zu überlegen.
“Jeder tut was er kann”, kam es dann vorsichtig über seine Lippen. “Wenn ihr meint Adolf Hitler in diese Reihe eingliedern zu müssen, dann gebe ich zu bedenken, dass er als Adolf Schickelgruber
unehelich geboren wurde und erst später den Namen seinen Stiefvaters Haidler annahm. Welcher ihm ja bekanntlich dann auch nicht deutsch genug war. Es ist der Legendenbildung der Nazis zu danken,
dass aus dem Zollamtsleiter und Stiefvater der einfachen Schuster und Vater gemacht wurde. Aber sonst gibt es keinen Hinweis in seiner Biographie auf eine tiefere Verbindung zum Waldland.”
„Und was ist mit Mark?“, begehrte Nick Grasel weiter auf. „Er schreibt doch all diese ach so wunderbaren Geschichten. Aber warum tut er das? Und wo ist er jetzt? Er ist beinahe so schwer zu
finden wie Christoff.“
Pensant stand auf und schüttelte den Kopf.
“Lassen wir das”, meinte er entschieden. “Wir werden von dem da keine Antworten bekommen.”
“Antworten? Warum sollte ich euch Antworten geben?”, zischte der junge Mann so scharf, dass selbst Meixner verwundert zusammen zuckte. Das Gesicht des jungen Mannes hatte sich nicht verändert und
doch schien es mit einem Mal das Gesicht eines alten, verhärmten Mannes zu sein. Mit Augen, die mehr gesehen hatten, als ein Mensch ertragen konnte. “Wer sagt dir, dass ich überhaupt Antworten
habe? Ich weiß nicht, ob ihr die seit, auf die ich warte”, brummte der Mann auf dem einsamen Sitz ihnen gegenüber und seine leise Stimme durchdrang die vier Menschen bis ins Mark. “Und wenn ihr
es nicht seit, dann werden eben andere kommen. Oh, ich habe gelernt zu warten. Ihr wollt Antworten? Wozu? Ihr kennt doch die Talente, die Fähigkeiten, die in euch schlummern und an denen ihr kaum
zu rühren wagt. Erforscht, was ihr könnt und seht wozu es führt. Seit neugierig, seht, was geschieht, wenn ihr euch vereint. Anstatt euch zu verkriechen und zu warten. Zu warten darauf, dass ein
Anderer tut, was eure Aufgabe wäre. So viel Potential, aber ihr sitzt und jammert. Steht auf und macht einen Schritt! Und es ist vollkommen egal in welche Richtung ihr geht, denn ihr werdet nie
wissen, ob es nicht eine Bessere gäbe. Antworten werdet ihr keine bekommen. Von mir nicht und von keinem anderen. Wenn ihr seit, wofür ich euch halte, dann hat die Natur selbst nun ihren nächsten
Schritt getan. Nennt sie Brigda, Gaja, Mara, Allah, Quantenmechanik oder meinetwegen wie ihr wollt, das Leben allein kennt das Ziel und wir sind nicht eingeweiht. Die Menschheit ist der Staub auf
ihrem Weg und ihr seit die kleinen Steinchen, die etwas ins Rollen bringen. Bringen könnten. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Es ist uns gegeben uns frei zu entscheiden, denn es ist egal, wie
wir uns entscheiden, weil es nämlich keinen Unterschied macht. Das Leben kann sich in deine Träume schleichen Nickolas und dir einen Wink geben, das Leben kann dich benutzen Karl um Dinge zu tun,
die jeden anderen mit Grauen erfüllen würden. Es kann dich lehren Christoff, das zu erkennen, was es wert ist bewahrt zu werden und es kann dich zwingen Pat die Schritte zu tun, die so schwierig
wie notwendig sind. Die Coilan sind nicht mehr, denn die Welt hat sich gewandelt. Vielleicht werden auch die starren und eigennützigen Menschen der globalen Welt bald nur mehr ein schrecklicher
Mythos sein. Verkriecht euch oder tut, was zu tun ist und was ihr tun könnte. Das Leben macht Schritt um Schritt. Aber Antworten, Antworten gibt es keine.”
An diesem Seetag waren all die vielen Passagiere über das ganze Schiff verteilt und beschäftigt, darum herrschte in der Halle in seiner Mitte wohlige Ruhe. Hier, hinter einer der breiten Säulen,
saß ein hagerer Mann im Zwielicht und sah durch die hohen Fenster hinaus auf das Meer mit seinen unzählbaren Wellen, mit den kleinen weißen Schaumkronen bis weit dort hinten, wo es mit dem Grau
des Himmel verschmolz. Ganz still saß er und sah hinaus. Auf seinem gefurchten Gesicht ein leiser Ausdruck von Müdigkeit und Resignation. Von Stolz und Starrsinn. Von vielen Enttäuschungen und
unbegründeten Hoffnungen.
Hasczalawic kam aus dem Saal neben ihn, blieb neben der Säule stehen und sah nun ebenfalls hinaus auf das Meer. Auch er fühlte schnell diesen bitteren Geschmack der Ewigkeit. Was da niemals
gleich ist und doch unveränderlichen.
„Du hättest kommen sollen“, sagte er dann endlich. „Du hättest auch etwas sagen sollen!“
Ich bewegte mich hinter der Säule ein wenig konnte den Blick von dem Gesicht in der Scheibe aber nicht lösen. Aber es reichte um aus meiner abgenützten schwarzen Tasche meine Pfeife zu nehmen und
sie gemächlich zu stopfen. Für den Jungen viel zu lange, meinte ich endlich: „Was hätte ich schon sagen können.“
Andreji holte Luft aber ich wandte mich ihm zu und lächelte spärlich wodurch sich die Furchen in meinem hageren Gesicht vertieften und noch härtere Schatten entstanden.
Alt war ich geworden, so verriet mir das Spiegelbild in der Scheibe unmissverständlich. Ganz besonders alt neben so einem jungen Mann.
„Ich habe akzeptiert, dass niemand versteht warum ich meine Geschichten erzähle. Auch die Vier werden es nicht. Es war nur ein weiterer Versuch. Nicht mehr. Vielleicht zur falschen Zeit,
vielleicht am falschen Ort. Was gäbe es dazu noch zu sagen?“
„Sie sind etwas Besonderes“, warf der Junge energisch ein und erntete nur ein Kopfschütteln.
„Vielleicht – natürlich sind sie etwas Besonderes. Es sind eben Menschen. Jeder Mensch ist etwas Besonderes.“
„Sie werden Antworten finden.“
Seine jugendliche Zuversicht war geradezu niedlich. Doch ich lachte im Zwielicht auf, trocken, müde und zynisch: „Du hast es doch gerade selbst gesagt - wer vom Leben Antworten erwartet, der hat
das Leben nicht verstanden. Oh, es kann natürlich sein, dass sie Antworten finden. Aber werden diese Antworten auch zu den Fragen passen, die sie stellen? Oder werden diese Antworten vielleicht
ganz andere Fragen erfordern? Und wiederum nur andere nach sich ziehen?“
Ich wollte aufstehen, überlegte es mir dann aber doch noch einmal. Vorsichtig platzierte ich die gefüllte kleine Pfeife auf dem Tisch und kramte in meinen Taschen.
„Ich habe nicht verstanden, was du dir von diesem Treffen erhofft hast“, meinte ich dabei. „Ich für meinen Teil glaube nicht, dass es einen Unterschied macht, ob sie jeder für sich sind oder
zusammen.“
Endlich hatte ich einen Stift gefunden und begann nun auf einem kleinen Stück Papier etwas zu kritzeln. Als ich fertig war steckte ich den Stift wieder ein, reichte das Stück Papier dem jungen
Mann und packte meinen Sachen um letztendlich doch aufzustehen.
„Ich gehe jetzt in die Bibliothek meine Pfeife rauchen und um Zeitung zu lesen. Oder auf das Hinterdeck, wenn sich die Mütter mit den Babys wieder in den Raucherraum zurückgezogen haben,
weil sie dort ungestört sind. Und du kannst dich damit beschäftigen.“
Unschlüssig drehte Hasczalawic den verblichenen Kassabeleg in den Finger und versuchte meine Handschrift zu entziffern.
„Wer ist diese Sandra Kunur?“, wollte er endlich wissen. „Was hat es mit Josefs Brief auf sich? Und - es steht da nur eine Straße, aber kein Ort!“
Ich lächelte schief, obwohl ich weiß, dass es mir gar nicht gut steht, nahm den Blick endlich von dem hässlichen, alten Kerl in der Scheibe und wandte mich zum Gehen.
„Das ist eine kleine Aufgabe für dich. Finde die Frau. Und wenn du sie gefunden hast, dann versuch sie dazu zu bringen dir Josefs Brief zu zeigen. Es würde mich schwer wundern, wenn sie ihn
vernichtet hätte. Obwohl es das Beste wäre, was sie hätte tun könnten.“
„Aber was ...“
„Josefs Brief ist eine Antwort. Eine Antwort, die du nicht wissen willst, auf eine Frage, die du nicht zu stellen wagst.“
Obwohl die vier Menschen nicht viel miteinander sprachen traf man sie doch immer gemeinsam an. So saßen sie nach dem Abendessen noch an einem kleinen Tischchen in einer der Bars und besah sich
die zumeist ziellos herum irrenden Menschen. Als schienen sie völlig damit zufrieden, zu warten. Ihr Glück im bordeigenen Casino zu versuchen und sich so die Zeit zu vertreiben, reizte sie nicht.
Sie waren zusammen, obwohl ihre Gespräche zumeist eher kurz waren und abgehackt klangen. Als würde einer den Gedanken des anderen denken. Sie fanden nichts dabei einfach zu sitzen, zu schauen und
und zu warten. Weil jeder von ihnen in seiner eigenen Art seinen Überlegungen nachhing und zu verstehen versuchte.
Irgendwann an einer Bar meinte dann Nick Grasel: „Ich werde in Casablanca von Bord gehen. Und es wäre vielleicht gar keine schlechte Idee, wenn ihr mich begleiten würdet.“
Die Verwunderung in den Gesichtern seiner Freunde war unterschiedlich ausgeprägt. Während Pensant so wissend nickte, als hätte er auch nur die geringste Ahnung davon gehabt und Meixner wie immer
jede Wendung mit stoischer Ruhe zur Kenntnis nahm, schüttelte Pat Fogham verwundert den Kopf.
„Ich nehme doch an, du hast die ganze Reise bezahlt“, meinte sie. „Glaubst du denn, die Reederei gibt dir was zurück, wenn du früher aussteigst?“
Aus Nicks Blick war offensichtlich, dass er daran überhaupt nicht gedacht hatte. Er begann mit seinem Strohhalm die Eiswürfel in seinem Glas im Kreis zu schicken. Und zuckte dann mit den
Schultern.
„Ich habe bei der Buchung von vorne herein gesagt, dass ich voraussichtlich in Casablanca von Bord gehe“, berichtete er. „Es hat aber niemanden so wirklich interessiert. Wahrscheinlich werden sie
hier jetzt aus allen Wolken fallen.“
„Obwohl es den Leuten hier ja egal sein kann“, warf jetzt auch Pensant ein. „Aber warum glaubst du, es wäre eine gute Idee, wenn wir mitkommen?“
„Was hast du vor?“, wollte jetzt auch Meixner wissen und legte den Kopf schief.
Wieder grübelte Nick eine Zeitlang vor sich hin bevor er aufsah.
„Ich wollte die Gelegenheit benutzen und mir was ansehen, dort in der Nähe. Etwas, das euch auch interessieren wird. Wahrscheinlich.“
Nick konnte übersprudelnd, mitreißend und unendlich mitteilsam sein. Oder das exakte Gegenteil. So wie jetzt. Aber zumindest soviel hatten seine Freunde verstanden, dass dies keine Geschichte für
ein öffentliches Lokal war und sie vorerst nicht mehr erfahren sollten. Und es lag in ihrer absonderlichen Beziehung, dass es keinen von ihnen beunruhigte. Natürlich machten sie sich kurz
Gedanken, dann aber überkam sie wieder dieses Gefühl des vollkommenen Vertrauens in die anderen.
Das Tal
„Wie lange hast du gesagt, werden wir fahren?“
Pat Fogham lehnte sich nach vorne und sah Nick fragend an, der den großen Geländewagen gemächlich über die leicht geschwungene Asphaltpiste der marokkanischen A7 Richtung Süden steuerte. Früh am
Morgen waren sie von dem kleinen Hotel am Rande Casablancas aufgebrochen. Seither folgten sie der Autobahn nach Süden. Beeindruckende Landschaften in grau-rotem Braun wechselten mit staubig
grünen Plantagen und Ortschaften. Nick fuhr und die anderen sahen hinaus und hingen ihren Gedanken nach.
„Sechs Stunden“, antwortete Grasel, „mehr oder weniger. Kommt auf den Verkehr an.“
Seit geraumer Zeit kamen ihnen nur mehr vereinzelt Fahrzeuge entgegen. Moderne Geländewagen mit verdunkelten Scheiben, immer öfter aber klappernde Lieferwagen, die aussahen, als würde nur mehr
Dreck und Draht sie zusammen halten. In ihre Richtung schien allerdings niemand fahren zu wollen.
Fogham nickte und lehnte sich wieder zurück. Eigentlich hätte sie neugierig sein müssen, was Nick denn sehen wollte und was auch für sie so interessant sein sollte. Mehr als neugierig sollte sie
sein bei seinen wagen Andeutungen, denn auch im Hotel war Nick mehr als nur wortkarg gewesen war. Trotzdem wollte sich dieses Gefühl bei ihr nicht einstellen. Ihr war auch nicht langweilig. Sie
ließ es einfach geschehen, als hätte sie keinen Einfluss auf den Lauf der Dinge. Ein wenig wunderte sie sich selbst darüber und war sich sicher, dass es den anderen ebenso erging. Dabei war es
nicht so sehr die Begegnung mit dem jungen Mann gewesen, was ihr das Gefühl gab, aus der Bahn geworfen worden zu sein. Seit sie vier wieder zusammen waren, da empfand sie das Gefühl einer
Vollkommenheit, eine Geborgenheit, die sie geradezu lähmte. Und erschreckte. Mochte es vielleicht für Meixner und Pensant nicht ungewöhnlich sein sich treiben zu lassen, für sie war das völlig
unüblich. Sie, die an sonst alles bis ins kleinste Detail zu kontrollieren wünschte. Die jede Facette im Auge, jede Möglichkeit durchdacht hatte. Vielleicht hatte der Junge ja recht und sie
würden gemeinsam etwas Bedeutendes auf die Beine stellen. Aber sie konnte sich nicht so recht vorstellen wie das denn gehen sollte. Zu unterschiedlich waren sie, zu unterschiedlich ihre
Vorstellungen und ihre Herangehensweisen. Und der junge Mann selbst? Wo kam er her? Was hatte er im Sinn? Was trieb ihn an? Warum!? Warum hatte sie sich mit einem Mal so blind in etwas gestürzt
ohne sich auch nur im geringsten umgesehen zu haben? Das war nicht sie! Innerlich schüttelte sie sich ein wenig, als könnte sie so die Lähmung los werden, die sie gefangen hielt. Doch es nützte
nichts. Sicherlich war es auch nur die Hitze, trotz der Klimaanlage im Wagen, die sie so träge werden ließ, versuchte sie sich einzureden. Und wusste doch selbst, dass das nur eine Ausrede war.
Und eine erbärmliche noch dazu.
Etwas später, nach mehr als drei Stunden Fahrt, fuhr Grasel von der Autobahn auf den Sand an der Seite, hielt einfach inmitten des staubigen Nirgendwo an und sie vertraten sich die Beine während
Nick die Wasserflaschen aus dem Kofferraum verteilte. Aber nur Meixner schien mit der staubigen Hitze neben der Autobahn keine Probleme zu haben. Eine kleine Ansiedlung in der Ferne wirkte mehr
verlassen als anziehend und weckte ihn keinem von ihnen die Neugier. So fanden sie sich schnell wieder im klimatisierten Inneren des Wagens wieder. Nick folgte jetzt einer ganz gut ausgebauten
Straße, die sie von der Autobahn weg in Richtung Westen, hin zur Küste brachte. Zumindest hatte es zuerst für Pensant den Anschein, denn der verfolgte automatisch ihre Route. Dazu benötigte er
kein Navigationsgerät, obwohl Nick eines hatte, doch auch dort leuchtete nur ein blauer Pfeil inmitten von Nichts. Pensant hatte am Abend zuvor die Karte des Landes studiert, aber für ihn war es
mehr Intuition, in welche Himmelsrichtung er sich bewegte. Wie um ihn zu prüfen begann die Straße sich durch Täler und über Berge zu winden, brach nach Süden weg über ein Pass, umrundete ein
Gebirge nach Westen, zerschnitt verlassen scheinende Ortschaften und wich kleinen Gehöften aus, die kaum von dem dürren Land zu unterscheiden waren. Allmählich hatte er das Gefühl als bewegte
sich die Straße. Als würde das Land selbst sie wegdrücken und anziehen. Als würden die Berge sich dagegen stemmen, als würden trockene Täler sie anziehen. Als wäre diese Straße ein lebendiges
Wesen das den Notwendigkeiten gehorchte und sich den Widerständen ergab. Als wollte ihn diese Straße lehren, dass es immer einen Weg gab, vielleicht krumm und unübersichtlich. Der Geduld bedurfte
es. Und der Fähigkeit jeden Weg zu gehen der kommen würde. Doch dieses asphaltierte Band war immer die selbe Straße. Und Nick folgte ihr stoisch. Was manchmal von ihr abging, das waren
bestenfalls Schotterpisten und Maultierpfade. Irgendwann bogen sie wieder in Richtung Süden und Pensant war sich sicher, dass der Atlantik nicht mehr weit rechts von ihnen liegen konnte. Und er
wurde sich immer wieder bewusst, dass diese ganze Konzentration auf die Himmelsrichtungen nicht mehr als eine Ablenkung war. Er wollte nicht mit diesen Menschen zusammen sein, und war ihnen doch
so tief verbunden wie sonst niemandem. Es war ein Zwiespalt, den er sich nicht erklären konnte. Er liebte seine traumwandlerische Sicherheit, mit der er sonst durchs Leben ging. Wie eine harte
Schale schütze sie ihn. Nun war diese Schale zumindest angeknackst. Und das war ein Zustand, der ihm so gar nicht behagte.
Als Nick das dritte Mal anhielt um sich auf dem Navigationsgerät zu orientieren fühlte Meixner etwas in sich aufkeimen. Ein Gefühl der Anspannung, dass ihn wachsamer werden ließ. Aber doch noch
weit entfernt von Unruhe. Er war es gewesen, der darauf bestanden hatte, dass sie Wasser für zwei Tage mitführten. Er hatte die Verpflegung und eine zusätzliche Karte eingepackt. Und er wusste,
dass seine Waffe griffbereit vor ihm in der Ablage lag. Natürlich war Pat die treibende Kraft gewesen, als es darum ging, diese kleine Expedition auszurüsten. Zu planen und zu organisieren. Wie
immer. Und wie immer hatte ihnen Nick nur zugesehen und nichts dazu gesagt. Und Pensant hielt sich ein wenig abseits als würde ihn alles nicht wirklich betreffen, ebenfalls wie immer. Karl
Meixner war nicht klar, warum es immer er war, der in absonderliche Geschichten schlitterte. Geschichten, die zumeist mit Gewalt und Tod endeten. Doch er dachte auch nicht darüber nach, wenn er
ehrlich war. Er nahm das Leben, wie es kam. Was ihn aber nicht davon abhielt seine Umwelt sehr genau zu beobachten und vorbereitet zu sein. Die Zeiten waren keineswegs sicherer geworden, auch
wenn Marokko sicherlich nicht als gefährlich eingestuft werden konnte. Nicht gefährlicher als vieles andere, verbesserte er sich. Hier draußen im Hinterland mochte es noch immer Straßenräuber
geben, die gutgläubige Touristen um ihr Hab und Gut erleichterten. Es mochte Fanatiker geben, die glaubten, für einen Gott, der nichts von ihnen wissen wollte, Heldentaten begehen zu müssen. Und
es gab die Wüste. Für Meixner der unbarmherzigste aller Feinde. Es lag in der blauäugigen, verwöhnten Dummheit der Menschen zu meinen, die Wüste, oder die Berge, oder die See, wären ihre
Spielplätze. Einzig geschaffen für ihr Vergnügen. Doch die Natur kannte kein Vergnügen. Eben so wenig, wie sie Mitleid oder Gerechtigkeit kannte. Sie hatte ihre Gesetzmäßigkeiten, unveränderliche
Gesetzmäßigkeiten, und ein Verzeihen von Fehlern war darin nicht vorgesehen.
Meixners Gesicht zeigte keine Regung, als Nick wenige Minuten nach der letzten Orientierung von der Straße auf eine Schotterpiste abbog. Eine erstaunlich breite und gepflegte Schotterpiste, wie
Meixner auffiel. Ebenso ohne Regung nahm er zur Kenntnis, dass hinter den ersten Hügeln die Schotterpiste plötzlich mit Asphalt überzogen war. Unauffälligem, staubgrauen Asphalt. Grob, aber ohne
Schlaglöcher. Sie schienen auf einen Einschnitt zwischen zwei Hügelgruppen zuzufahren und ihn verwunderte überhaupt nicht mehr, dass nach einigen Minuten ein Häuschen auftauchte und gleich darauf
ein Zaun mit einem Tor sichtbar wurde um ihnen den Weg zu versperren. Nick hielt den Wagen vor dem Tor, neben einem halbhohen Metallpfeiler. Aus dem Häuschen wenige Meter hinter dem Zaun trat ein
Mann in staubgrauem Overall. Eine Schirmkappe und eine breite Sonnenbrille schützten seine Augen und eine kleine Maschinenpistole baumelte nachlässig von seiner Schulter. Meixner war sich sicher,
dass das Tor nur vom Häuschen aus geöffnet werden konnte. Und das lag im Inneren. Eine unscheinbare Tür in dem Zaun schnappte auf, als der Mann darauf zutrat. Er kam nach außen und die Tür
schnappen ohne sein Zutun wieder ein. So war ungewolltes Eindringen offensichtlich ausgeschlossen, wobei Meixner nicht wusste, wie es in der Nacht aussah. Aber es hätte ihn gewundert, wenn in den
Verstrebungen rund um das Tor nicht starke Lampen eingebaut wären. Und Kameras setzte er in Gedanken hinzu. Zwar sah er keine, aber leistungsfähige Kameras waren heutzutage kaum größer als ein
Hosenknopf. Und hier gab es sicherlich genug davon.
„Kann ich eure Pässe haben?“
Pensant hatte sich zu seinen Freunden umgedreht und hielt die Hand auf. Die Dokumente reichte er dem Mann nach draußen, der klappte eine Seitenwand der Metallsäule auf und hielt die Pässe gegen
den Bildschirm darunter. Dann kam er zum Wagen zurück und wollte eben etwas sagen, stoppte dann jedoch und lauschte. Meixner erkannte in den tiefen Schatten der Kappe des Mannes ein unauffälliges
Headset. Offensichtlich hatte er einen Befehl erhalten, denn er blätterte schnell durch die Pässe, warf einen Blick in den Wagen und kam dann herum zu Meixners Fenster.
„Das Führen von Waffen ist Privatpersonen auf dem Gelände nicht gestattet. Wir werden daher Ihre Waffe für Sie aufbewahren bis Sie uns wieder verlassen Herr Meixner.“
Er sagte das freundlich, aber mit einem Unterton, der keinen Widerspruch aufkommen ließ. Und er sagte es auf Deutsch. Schweizer, entschied Meixner unbewusst während er die Karte in dem Fach vor
sich zur Seite schob und die Waffe darunter vorsichtig anhob um auch gar keinen Zweifel aufkommen zu lassen. Der Posten lächelte dünn als er die Waffe entgegen nahm und mit geübten Bewegungen das
Magazin und die Patrone im Lauf entlud. Dann reichte er die Pässe zurück in den Wagen.
„Fahren Sie vorne nach rechts, Herr Pensant“, meinte er dann. „Parkhaus eins, zweite Etage, Platz 204. Sie werden dort erwartet.“
Er nickte und trat vom Wagen zurück. Die Verriegelung des Tores schnappte auf und der Posten schob es zu aller Verwunderung händisch auf. Der Wagen fuhr an und in einer dünnen Staubfahne weiter
auf den Einschnitt zwischen den Hügeln zu.
„Schweizer“, sagte Pensant von hinten.
„Ja, möglich“, antwortete Nick unkonzentriert. „Es gibt viele Nationen hier.“
Meixner saß ganz still und betrachtete das Land mit gerunzelter Stirn.
Er hatte die Rollen des Motors gesehen, die händische Bedienung war also nur Show. Der ganze Zaun war ein Witz. Gerade gut genug um wilde Tiere und streunende Kamelhirten abzuhalten. Nicht
unfreundlich, nicht erwähnenswert, einfach eine weitere unbedeutende Grenze mehr in einem leeren Land. Er sollte auch nur abgrenzen und nicht schützen, ging ihm ein. Vor allem aber sollte er
keine Aufmerksamkeit erregen. Er sah noch genauer hin und war sich sicher, dass auf dem narbigen Gelände hinter dem Zaun Bewegungsmelder verteilt waren. Oder Wärmebildkameras. Wahrscheinlich
beides. Zuerst nur wenige aber schnell wurde das Netz dichter. Das hier war der wahre Schutz. Und weil er genauer hinsah entdeckte er auch die kleine Gestalt, die sich kaum wahrnehmbar in der
eintönigen Fläche aufrichtete und dem Wagen hinterher sah. Nicht nur dem Wagen. Pensant fühlte das Kribbeln als würde die Gestalt ihn direkt ansehen. Doch das war auf diese Entfernung völlig
unmöglich. Trotzdem war er sich sicher, dass, wer immer dort draußen die dünne Staubfahne in der Landschaft auch beobachtete, direkt auf ihn sah, ihn meinte, ihn musterte.
Schnurgerade führte die Piste durch die kleine Ebene und aus dem Graubraun der Landschaft schälten sich nun Hügel heraus. Mit einem Mal ragten ziemlich steile Geröllhalden rechts und links auf.
Dort hinauf zu kommen war nicht unmöglich aber mehr als schwierig. Unwillkürlich nickte Meixner leicht. Was bei der Frau hinter ihm nicht unbemerkt blieb.
„Was ist?“, wollte sie wissen.
„Das ist eine Festung“, war Meixners Antwort. Dann zeigte er nach vorne. „Ich nehme an, die beiden Gebäude rechts und links neben der Straße sind die sogenannten Parkhäuser. Massive Betonsperren,
die ein Tal komplett abriegeln, nur die Straße führt hindurch und da gibt es sicher so was wie ein Tor oder Sperren. Ist das Tor erst mal zu, dann ist das hier eine Sackgasse. Die Sperre rechts
oder links zu umgehen würde bedeuten die steilen Hügel mit losem Geröll hinauf zu klettern, was an sich schon lebensgefährlich ist. Vom Dach der Parkhäuser oder von den kleinen Fenstern aus
können ein paar Leute mit Präzisionsgewehren eine weit größere Masse von Angreifern aufhalten. Und da in den unteren Geschossen der Parkhäuser keine Öffnungen sind, gehe ich mal davon aus, dass
die Außenwände auch einem stärkeren Beschuss Stand halten.“
Alle sahen auf Nick, aber der sagte keinen Ton. Er fuhr still weiter, erreichte den doch dreispurigen Spalt zwischen den mehrgeschossigen Gebäuden, die sich in ihrer Farbe kaum von der Landschaft
abhoben, und bog nach rechts in eine Einfahrt. Erst als er auf der zweite Etage einfuhr meinte er kurz: „Man weiß halt nie so recht, was seinen Nachbarn alles einfällt.“
Das Parkdeck war völlig leer bis auf vier Männer, die bei einem Ausgang warteten. Nick parkte den Wagen gegenüber, auf Platz 204, obwohl es ihn kurz gereizt hätte rechts oder links davon stehen
zu bleiben. Er war sich aber klar, dass das völlig belanglos war.
Nick stellte den Wagen ab, ließ aber den Schlüssel stecken, als er ausstieg. Sofort begannen drei der Männer in den grauen Overalls ihr Gepäck auszuladen.
„Vergesst nichts im Wagen“, ermahnte er seine Freunde, nahm seine Jacke vom Rücksitz und ging auf den vierten Mann zu. Die drei dunkelhaarigen Männer in den Overalls mochten Einheimische sein,
der Mann am Eingang unterschied sich nicht nur deswegen von Ihnen. Die blasse Haut unter dem kurzen, blonden Haar war leicht gerötet, er trug helle, weite Hosen, ein leichtes Jackett und ein
pastellfarbenes Shirt. Und er schien wirklich erfreut die vier Gäste begrüßen zu können.
Hoteldirektor, war der Begriff, der Pat durch den Kopf schoss. Aber ihr Instinkt sprach ganz deutlich dafür, dass das hier ganz sicher kein Ferienort war.
„Herr Grasel! Ich freue mich, Sie endlich einmal persönlich begrüßen zu können.“
Auch er sprach Deutsch mit einem starken Akzent, der an einen Niederländer erinnerte. Dabei machte er zwei Schritte auf sie zu und streckte Nick die Hand hin, die dieser schüttelte.
„Herr VanBreem, schön Sie zu sehen“, entgegnete er.
„Und Sie müssen Frau Fogham sein! Herr Meixner, Herr Pensant.“
Er schüttelte allen dreien die Hände und atmete dann tief durch.
„Gestatten sie einmal, dass ich mich vorstelle. Mein Name ist Claus VanBreem und ich bin hier im Valley, wie wir es nennen, so was wie - der Hausmeister.“ Er sagte es in einer Art und Weise, dass
jeder von ihnen die Untertreibung verstand und doch wusste, dass wohl keine Bezeichnung passender für seine Tätigkeit gewesen wäre. Aus der Nähe sah der Mann auch gar nicht mehr so jugendlich
aus. Er mochte die Vierzig bereits überschritten haben. Also nicht alt genug, um ein Hörgerät zu benötigen. Darum entschied Meixner still für sich, dass das kleine, unscheinbare Gerät in seinem
Ohr der Kommunikation diente. Dass auch er Befehle erhielt, so wie der Posten am Tor.
„Außerdem bin ich gebürtiger Holländer“, lachte der Mann weiter, „wie sie unschwer an meiner Aussprache erkennen können. Wir können unsere Unterhaltung also gerne auf deutsch oder englisch
führen. Jetzt haben wir aber erst Mal eine kleine Erfrischung für sie vorbereitet. Wenn sie mir folgen wollen.“
Er ging voraus durch die schwere Stahltür in ein schmuckloses Treppenhaus, hielt ihnen die Tür auf und begann dann weiter plaudernd die Treppen hinunter zu steigen.
„Auch mein Französisch ist in den letzten Jahren ganz gut geworden. Weil wir natürlich auch viel mit den Einheimischen zu tun haben. Aber da wir hier doch so einiges an Nationen haben, benutzen
wir untereinander zumeist die englische Sprache. Wie ihnen Herr Grasel sicherlich schon erzählt hat.“
„Genau genommen habe ich noch nicht viel erzählt“, warf Nick ein. „Weil ich selbst einfach nur neugierig bin.“
Überrascht blieb der blonde Mann am unteren Ende der Treppe stehen, sah Nick einen Augenblick nachdenklich an und atmete tief durch.
„Genau genommen hat er uns nichts, gar nichts erzählt was das hier ist“, ergänzte Pat Fogham und sah in den hellen Augen des Mannes einen leisen Anflug von Verwirrung. „Nicht wo wir sind, nicht
was sie hier machen und nicht, warum wir hier sind.“
VanBreem atmete noch einmal tief aus, kaute auf seinen Lippen und lächelte dann ein resigniertes Lächeln, das ihn Fogham gleich noch sympathischer machte, weil sie es nur zu gut kannte.
„Dann gibt es wohl eine Menge zu erklären. Ich fange mal mit Kleinigkeiten an“, lachte er, „zum Beispiel, dass es eine unserer kleinen, ungeschriebenen Regeln ist, auf einen Lift zu verzichten,
wenn eine Treppe da ist.“
Er machte eine Armbewegung nach hinten zu der Aufzugtür und lachte wieder. Unschlüssig und nicht mehr ganz so fröhlich.
„Tja“, meinte er dann, „wo soll ich anfangen?“
„Bei der Erfrischung?“, schlug Pat vor und lächelte ihn an. Irgendwie tat ihr der Mann leid. Doch trotz seiner offenkundigen Verwirrung wirkte er kompetent, sich seiner Verantwortung bewusst und
bleib dabei doch freundlich und entspannt. Eine Mischung, die man viel zu selten fand, wie sie meinte.
Er sah sie an, nickte und schüttelte gleichzeitig verwundert den Kopf. Dann wandte er sich um und ging auf eine Glasschiebetür zu die sich automatisch öffnete. Dahinter befand sich ein kurzer
Gang, der an einer weiteren Schiebetür endete. Auch hier gab es keine Fenster nach draußen. Dafür war es angenehm kühl.
„Sie brauchen eine ganz schön große Klimaanlage“, bemerkte Pensant während sie durch den Gang schritten.
„Wir klimatisieren kaum“, entgegnet der Mann vor ihm. „Wir vermeiden unnötige Öffnungen nach außen und belüften zumeist durch natürliche Zirkulation. Das Ganze hier gleicht klimatechnisch gesehen
eher einem Termitenbau als einem Wolkenkratzer. Natürlich haben wir auch Fenster und Außenbereiche, die aber nicht überall und nicht grundsätzlich.“
Hinter der Schiebetür befand sich etwas, das wie ein kleiner Bahnsteig aussah. Zwei Dinge erwarteten sie die wie riesige, umgefallene Getränkedosen mit verglasten Löchern wirkten. So roh sie
außen aussahen, so einladend waren sie im Inneren eingerichtet. Vier bequeme Sitze befanden sich an jeder Seite, Haltestangen und Haltegriffe und ein ordentlicher Stauraum zu beiden
Seiten.
„Zum Thema Fenster nach außen“, begann VanBreem wieder während sie in eine der Kabinen traten, „ich habe noch nie verstanden, warum U-Bahn-Züge Fenster haben müssen. Aber Studien belegen, dass
Menschen sich dann weit sicherer fühlen. Obwohl das völlig irrational ist.“
Er trat vor ein kleines Display innen neben der Tür und sah auf das rote Licht.
„Computer On!“, sagte er und das Licht wechselte nach einer kaum merkbaren Pause von rot auf grün. „Going-To Sektor 1.“
„Going-To Sektor 1“, wiederholte eine Stimme aus dem Computer und die Türen schlossen sich. Mit einem leisen Wackeln fuhr der Wagon an und glitt in die Röhre. Sie konnten durch das Fenster am
Heck gerade noch sehen, dass die drei anderen Männer mit ihrem Gepäck aus dem Gang kamen und in den zweiten Wagen stiegen. Eilig schienen sie es dabei nicht zu haben. Draußen glitten ausgefrästen
Steinwände vorbei, schemenhaft beleuchtet durch das Licht in der Kabine, und drinnen warteten die Menschen.
„Soweit ich mich erinnere ist das Valley zirka 2 Kilometer lang und etwa 300 Meter breit“, begann Nick. „Wie sieht es mit dem Ausbau aus und wie viele Menschen leben jetzt hier?“
VanBreem war sichtlich dankbar für den losen Faden und begann zu erzählen: „Im Augenblick leben 282 Menschen hier. Plus sie vier. Wir hätten mehr Anfragen, aber der Ausbau der Wohneinheiten und
der Infrastruktur ist leider nicht so schnell wie die Anfragen herein kommen. Zumal der Bau selbst ja auch ein Forschungsprojekt ist. Primäre Wichtigkeit hat dabei die Basisinfrastruktur.
Unter dem Wadi haben wir ein Wasserreservoir angelegt, das sich fast über die gesamte Länge hinzieht. Das Reservoir und das Stockwerk für die Technik darüber, beide unter dem Niveau des
Talbodens, die sind zumindest roh fertig gestellt. Wir haben jetzt außerdem begonnen vom Meer weg ins Innere die Räumlichkeiten fertig zu stellen. Gebaut wird ein weiterer Stock über dem
Reservoir bis zum Bodenniveau und in den Hügeln rechts und links davon drei Stockwerke. Es sind 10 Zonen vom Meer weg vorgesehen, wobei Zone 1 praktisch fertiggestellt ist und Zone 2 sich in der
Endphase befindet. Der Großteil der Bereiche ist unterirdisch, abgesehen von ein paar Plätzen und Terrassen. Wir gehen drei Stockwerke in die Hügel, dann haben wir darüber eine Betonebene
gezogen, die fast das ganze Tal beschattet um die Erhitzung durch direkte Sonneneinstrahlung zu verringern. Nur ein etwa 50 Meter breites Band in der Mitte bleibt frei um die Luftzirkulation zu
gewährleisten.“
„Und diese Betonplatte über dem Tal“, dachte Meixner laut nach, „die ist mit Sand und Gewächsen so überzogen, dass sie auf Luftaufnahmen nicht als künstlich erkennbar ist. Und das Leben darunter
verbirgt.“
VanBreem sah Meixner überrascht an, runzelte die Stirn und blickte dann zu Nick Grasel. Der aber schien sich nur für seine Hände zu interessieren.
„Mit dem Sand könnten sie wohl recht haben Herr Meixner“, antwortete er dann. „Für meinen Geschmack gibt es dort oben aber viel zu viel Sand. Denn die ganze Fläche ist mit Sonnenkollektoren
überzogen, die uns mit Energie versorgen sollen und der Sand beeinträchtigt die Ausbeute. Eines der Probleme, an denen wir arbeiten. Die Betonsperre soll bei weiteren Projekten aber auch als
Strahlenschutz dienen.“
Der blonde Holländer setzte sich jetzt doch hin und betrachtete die vier Menschen vor sich wobei er unschlüssig an seiner Unterlippe kaute.
„Das Herr Grasel ihnen nicht erklärt hat, was das hier ist und was wir hier machen stellt mich vor ein unerwartetes Problem. Wir haben nichts zu verbergen, auch, wenn wir versuchen unsere
Existenz in keiner Weise an die große Glocke zu hängen und aus den Medien zu halten. Wie sagte schon Einstein – Die Dummheit der Menschen ist grenzenlos. Aber die Existenz dieser Einrichtung ist
komplex. Zu komplex um sie in ein paar Minuten und ein paar Sätzen zu erklären. Selbst, wenn ich mich darauf hätte vorbereiten können.“ Er stand wieder auf und sah nach draußen auf die huschenden
Schatten. „Wir sind gleich da. Darum die ganz kurze Kurzfassung – wenn wir fertig sind, dann sollte das ganze Valley verbaut sein und Platz für etwa 5.000 Menschen bieten. Es soll autonom und
autark sein und den Menschen die Möglichkeit bieten hier zu arbeiten und zu leben. Zu leben in einer Gesellschaft, in der persönlicher Besitz kaum mehr nötig ist und jeder das zum Leben und zum
Arbeiten bekommt, was benötigt wird. Wenn sie es mit einem Schlagwort wollen, dann bauen wir auf der Idee der ressourcenbasierten Wirtschaft auf. Unter anderem.“
Der Tunnel gab eine kleine Rampe frei und der Wagon hielt mit einem spürbaren Ruck an. Fast verlegen grinste VanBreem.
„Eigentlich ist das hier die Baustrecke. Wir verwenden hier ein normales Zwei-Schienen-System mit Elektromotoren. Das war sehr schnell zu errichten, ist aber bei weitem nicht das, was wir uns
vorstellen. Die Magnetschwebebahn auf der anderen Talseite wird aber erst in einem halben Jahr wirklich in Betrieb gegen können. Diese wird dann in allen Zonen halten. Hier, auf dieser Seite wird
dann ein Unterdruck-Rohrsystem entstehen, dass für schnelle Transporte geeignet ist.“
VanBreems Ausführungen waren interessant, doch sehr viel mehr fesselte die Besucher der Ausblick, der sich ihnen bot. Vor Ihnen erstreckte sich eine freie Fläche von etlichen hundert
Quadratmetern unterbrochen von Pflanzeninseln und einem kleinen Wasserlauf. Überall standen Stühle und kleine Tische herum. Und an den Wänden schien sich einige Lokal zu reihen. Ihnen genau
gegenüber öffnete sich der überdachte Platz und gab den Blick frei auf das Meer hinaus. Ein grelles Band Sonne zog sich über die ganze Länge der anderen Seite hin und verbarg so diese. Doch es
war undeutlich zu erkennen, dass auch dort drüben der Wohnpark weiter ging. Der blonde Holländer schritt voraus und auf ein unverkennbar italienisches Lokal zu.
'Andrea & Andrea' hatte jemand weiß auf die großen Scheiben geschrieben und jedermann hätte es für typisch gehalten, wenn es in Mailand, Rom oder Bari gestanden hätte.
„Unser Andrea war lange Jahre ein ziemlich bekannter Küchenchef in Italien bevor es ihn zu uns verschlug. Und wir schätzen es sehr, ihn bei uns zu haben. Auch wenn seine Kreationen manchmal ein
wenig zu kreativ sind.“
„Das habe ich gehört!“, drohte der drahtige Mann, der auf sie zukam, aber er lachte dabei. Dann begrüßte er seine Gäste mit einem Nicken und wies über die Schulter.
„Wir haben einen Tisch für sie auf der Terrasse reserviert. Nicht ganz so kühl aber mit einem netten Blick auf das Meer.“
Er führte sie an den Tisch und während sie Platz nahmen rieb er sich die Hände.
„Wir haben eine kleine Vorspeisenplatte für sie vorbereitet und danach gibt es heute Fetuccine con Pesce-Tomato a la napolitana.“
Er nickte nochmals jedem zu und verschwand dann im Lokal. Stattdessen näherte sich ein älterer Mann mit langer weißer Schürze und nahm ihre Getränkebestellungen mit der Ruhe eines englischen
Butlers entgegen. Als er wieder gehen wollte hielt ihn VanBreem jedoch zurück.
„Andrew“, fragte er, „die alte Bahn wird immer schlechter. Können wir nicht wenigstens ein paar Stationen der Magnetschwebebahn in Betrieb nehmen?“
Der Mann mit dem grauen Strähnen im kurzen Haar maß ihn mit einem Blick, mit dem Professoren vorlaute Studenten auf ihren Platz verweisen und zog dann eine Braue hoch.
„Wir können sie jederzeit in Betrieb nehmen. Aber nicht auf meine Verantwortung! Nicht, bevor alle Sicherheitskomponenten ausreichend geprüft wurden!“
Würdig nickte er VanBreem zu und schritt von dannen. Fast ein wenig verlegen grinste ihm der Holländern hinterher bevor er sich an seine Gäste wandte. „Andrew ist einer der führenden Techniker
bei der Magnetschwebebahn“, erklärte er. „Dass er auch Kellner ist – das ist - auch – Teil unseres vielfältigen Programms. Jeder tut was er kann und wozu er Lust hat und bekommt dafür alles, was
er braucht. Womit die Leute natürlich weit über die hergebrachten 40 Wochenstunden kommen. Aber das mit Job und Hobby gemeinsam, darum verbringen die Menschen hier eigentlich weniger Zeit mit
einzelnen Tätigkeiten. Wobei, ist das jetzt Arbeit, wenn man sich mit Freunden und Kollegen abends zum Essen hier draußen trifft und dabei auch Dinge der Arbeit bespricht? Oder Getränke serviert
während man den Kopf frei bekommt um über technische Probleme zu grübeln.“
Eine Gruppe junger Männer und Frauen zog abseits vorbei. Beladen mit Stangen, einem Netz und Bällen und offensichtlich auf dem Weg zum Strand.
„Jeder tut was er kann und mag“, sagte VanBreem nochmals. „Dabei kann es natürlich vorkommen, dass manche Menschen sehr kreativ sind, aber im herkömmlichen Sinne nicht viel arbeiten. Das
Gegenteil davon ist Mister Meyers.“ Er wies auf einen abseits stehenden Tisch an der eine Person über Laptop und Unterlagen saß. „Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wann der schläft.“ VanBreem
schüttelte den Kopf. „Entweder ist er auf seinen Baustellen oder er grübelt hier über seinen Berechnungen. Und er erklärt jedem, er sei glücklich wie noch nie in seinem Leben, weil er sich
endlich auf wirklich interessante Dinge konzentrieren kann. Wir haben die Solaranlage und wir haben Gezeitenturbinen vor der Küste. So versorgen wir uns mit Strom. Und alles sein Werk. Er will
jetzt bei Leistungsspitzen das Meerwasser ansaugen um es teilweise zu entsalzen und zu nutzen und andererseits will er es speichern um damit über andere Turbinen Strom aus dem ablaufenden Wasser
zu gewinnen, wenn die Sonnenkollektoren nicht arbeiten. Sie wissen schon, Strom zu produzieren ist nicht mehr das Problem, ihn zu speichern bis er verbraucht wird, das ist schwierig.“ Er nickte
nachdenklich, für sich. „Noch so eines der Dinge, an denen wir arbeiten. Und auch wenn ich nicht weiß, wann er jemals schläft, er ist glücklich.“
„Und wann schlafen Sie?“, fragte Pat leise und er sah sie an. Vergaß die Männer rund herum.
„Selten“, meinte er dann, ebenso leise.
„Aber die Aquakultur mit dem Gewächshaus dürfte funktionieren“, unterbrach Nick.
„Wegen dem Tomatenfisch“, lachte der Holländer. „Ja, das funktioniert ganz gut. Ist ja auch schon eine ziemlich ausgereifte Technologie. Aber von Tomaten und Fisch allein kann man nicht leben.
Energieautonom sind wir schon so einiger Maßen, aber ohne Nahrungsmittel von außen ist das hier nicht mal ansatzweise zu denken.“
Andrea und Andrew kamen zurück und brachten die Getränke, Brotkörbe und eine Platte mit Antipasti, die aber alles andere als klein war. Die fünf Menschen an dem Tisch langten herzhaft zu
und für eine Weile war es still. Wenngleich es offensichtlich war, dass jeder dieser Menschen seinen Gedanken nachhing. Es war Karl Meixner der nachdenklich zu sprechen anfing während er sorgsam
das Olivenöl mit dem Brot von seinem Teller aufnahm.
„Jeder hier leistet etwas für die Gemeinschaft und bekommt dafür, was er benötigt. Was können wir tun?“, fragte er. „Was sollen wir hier?“, setzte er mit einem Seitenblick auf Nick Grasel
hinzu, der aber auch das nicht zu bemerken schien.
VanBreem lachte und breitete die Arme, auch um dem Kellner das Abräumen zu erleichtern.
„Fürs Erste sind sie unsere Gäste“, erklärte er. „Wenn Sie so wollen bereichern sie allein dadurch unsere Gemeinschaft. Sollten Sie sich entschließen hier zu bleiben, dann wird sich sicher was
für Sie finden.“
„Es steht zu hoffen, dass Sie Menschen mit seinen Fähigkeiten hier nicht benötigen“, warf Pat Fogham kalt ein, aber nur VanBreem war für einen Augenblick erstarrt. In dieses kalte Schweigen kam
die Pasta mit dem Fisch und alle waren voll des Lobes, den sich der Küchenchef bereitwillig holte.
„Kennen Sie eigentlich einen gewissen Jacque Fresco?“, fragte Pat nach einer Weile und jetzt konnte VanBreem wieder breit grinsen und sie anstrahlen. Sie direkt ansehen und anlachen. Was ihm
irgendwo gut tat, denn insgeheim fühlte er wie sie die verwandte Seele. Den Gleichklang der Gedanken.
„Das Venus-Projekt“, nickte er. „Jacque Fresco und seine Idee der ressourcenbasierten Wirtschaft. Das war eine der Grundideen, die wir hier übernommen haben. Allerdings, wenn ich richtig
informiert bin, hatte der gute Mister Fresco bis zu seinem Tod keine Ahnung von dem hier. Es ist ja seine Idee eher die der technischen Machbarkeit und der Gestaltung des Umfeldes, also der
Gebäude und der Technologie, nicht das Soziale selbst.“
„Und was halten Sie zur sozialen Komponente des Venus-Projektes?“, interessierte sich Nick.
Claus VanBreem sah ihn einen Augenblick lang an und presste die Lippen aufeinander. Dann meinte er langsam: „Blauäugig.“ Er atmete tief durch und nagte wieder an seiner Unterlippe während er
überlegte. Endlich fuhr er fort: „Ich bin kein Soziologe, aber der Ansatz ist für mich blauäugig, ja sogar grenzenlos naiv, weil er nicht berücksichtigt, dass Menschen sich verändern. Ob sie es
wollen oder nicht.“ Er war sich der gespannten Aufmerksamkeit der vier Menschen vollkommen bewusst und hatte nicht vor zu beschönigen oder mit seiner Meinung hinter dem Berg zu halten. „Jeder tut
was er kann und was er will und erhält dafür alles, was er braucht – das klingt so gut. Aber schon die technische Umsetzung ist voller Probleme und Fragen. Wie viele leistungsstarke Laptops
benötigt ein Programmierer wirklich? Wie viele Paar Schuhe eine Laborantin? Wie viel Scotch ein Techniker? Um mal bei den Klischees zu bleiben. Und - ja, wie sieht es mit Drogen allgemein aus?“
Er legte sein Besteck neben dem leeren Teller ab und starrte hinein, als gäbe es dort die Antworten auf all seine Fragen. „Und was ist mit den Menschen, die nicht mehr leisten können oder wollen?
Die Finanzierung von Krankheit und Alter sind dabei Themen, die wir noch nicht einmal angedacht haben.“ Wieder warf er einen langen Blick hinüber zu Nick, doch der erwiderte diesen Blick nur
neugierig und unbeteiligt. „Ohne finanzielle Unterstützung von außen gäbe es diesen Ort nicht“, fuhr VanBreem endlich fort. „Und daran wird sich auch so schnell nichts ändern – meines
Erachtens.“
Der blonde Holländer schwieg, weil er nicht wusste, was er noch sagen sollte und die anderen Menschen am Tisch schwiegen, weil es darauf nichts zu erwidern gab. Christoff Pensant hatte langsam
gegessen, scheinbar in Gedanken versunken und so, als würde er gar nicht richtig zuhören. Endlich legte auch er Messer und Gabel auf den leeren Teller und fuhr sich mit der Serviette über den
Mund bevor er einen Schluck Wasser trank. Er stellte das Glas wieder zurück, aber er nahm die Hand nicht weg. Sah es an und man hätte meinen können, er spräche mit dem Glas, als er fragte: „Wann
lernen wir ihn kennen?“
Meixner und Fogham sahen ihn fragend an, VanBreem hob eine Braue und Nick Grasel beobachtete das Meer dort draußen.
Endlich nickte Meixner nachdenklich und meinte: „Das alles hier ist nicht zufällig entstanden. Da sollte es jemanden im Hintergrund geben. Jemanden, der die Befehle gibt. Alles andere wäre
verwunderlich.“
Diesmal war es Nick, der antwortete. Ohne seinen Blick von dem leise bewegten Meer dort draußen zu nehmen.
„Ich möchte mich vorerst noch ein wenig umsehen. Mehr Eindrücke sammeln, und ich möchte eure Meinungen zu dem Projekt hier hören. Dann wird es wohl wirklich Zeit, dass wir uns mit ihm zusammen
setzen.“
Ein dezentes Rumpeln veranlasste ihn sich umzuwenden und mit ihm sahen auch die anderen hinüber zu einer kleinen Rampe, die auf den Platz führte. Ein etwa ein Meter zwanzig großes, weißes Teil
kam auf sie zugerollt. Auf einer kleinen Plattform stand ein Rohr mit etwa 30 cm Durchmesser, dass vorne ein wenig breiter war und im oberen Drittel einen Bildschirm aufwies. Zwei Greifarme lagen
starr an den Seiten und auf einem kurzen Hals stand ein kugelrunder Kopf an dessen Vorderseite Leuchtdioden zwei Augen formten.
„Guten Tag Mister VanBreem“, ertönte eine eindeutig mechanische aber nicht unangenehme Stimme aus dem Ding. „Die Zimmer für unsere Gäste sind fertig. Da die ersten Einheiten im Trakt zwei der
Zone zwei fertig sind, habe ich mir erlaubt unsere Gäste dort unterzubringen.“
VanBreem nickte und leistete sich ein verstohlenes Grinsen.
„Die neuen Wohneinheiten bieten alles was man sich wünschen kann“, erklärte er. „Wohn- und Schlafraum, Bad, WC, Arbeitsbereich, Schrankraum – und eine kleine Küche. Das alles auf sehr
komprimiertem Raum. Ich bin neugierig, wie es ihnen gefällt und wie sie damit zurecht kommen. Die ersten Wohneinheiten, die wir gebaut haben, die sind ein wenig spartanisch geraten. Eine
ausgezeichnete Idee, Laura4.“
„Ich dachte mir, dass diese Änderung Ihre Zustimmung finden wird“, entgegnete der kleine Roboter.
„Das ist übrigens Laura4“, stellte VanBreem vor. „Eine unserer Koordinationseinheiten. Diese hier wird ihnen zur Verfügung stehen, wenn sie etwas benötigen.“
Der kleine Roboter rollte einen Kreis und zeigte dabei seine Seiten auf denen unübersehbar die Zahl 4 prangte.
„Wenn sie Fragen haben, wenden sie sich bitte an mich“, tönte es aus den Lautsprechern. „Sie können jederzeit über die Valley-App auf ihren Mobilgeräten mit mir in Verbindung treten oder mich
anfordern.“
„Laura4 wird ihnen zeigen, wie sie die App installieren können. Sie enthält alle Informationen, einen Lageplan und die Möglichkeit einer hausinternen Kommunikation“, erklärte VanBreem.
„Selbstverständlich können sie mit ihren Geräten auch nach draußen telefonieren. Wofür allerdings die Gebühren von Marokko anfallen. Auch das Funk-LAN steht ihnen zur Verfügung. Da sie aber keine
ständigen Mitbewohner sind und somit keinerlei Sicherheitsfreigabe haben, gehe ich davon aus, dass ihre Kommunikation nach draußen von unseren Routern automatisch aufgezeichnet werden wird. Eine
Vorsichtsmaßnahme, die sie sicherlich verstehen werden.“
Er sah nachdenklich auf den wartenden Roboter und kratzte sich am Kinn.
„Laura4 kann sie natürlich auch herumführen, wenn sie das möchten. Es sind alle Bereiche für sie zugänglich, sofern nicht irgendwelche technischen Sicherheitsmaßnahmen dagegen sprechen. Zum
Beispiel die Baustelle der Magnetschwebebahn wo die technischen Freigaben fehlen.“
VanBreem sagte es mehr in die Richtung des grauhaarigen Technikers, der den Kellner gab. Aber der stapelte die benutzten Teller schweigend und ging nicht weiter darauf ein.
„Allerdings spricht auch dagegen“, übernahm der kleine Roboter, „dass viele Bereiche für mich nicht zugänglich sind. Jene Bereiche in denen noch das Konzept der Stufe angewendet wird. Was für
meine Rollen ein unüberwindliches Hindernis darstellt.“
Laura4 wirkte in diesem Augenblick wirklich wie ein schmollendes Mädchen das feststellen muss, dass die Erwachsene die Tür zum Dachboden versperrt hatten. Mit einem faszinierten Lächeln
betrachtete sie Nick und schüttelte den Kopf.
„Wie autonom bist du eigentlich, Laura4?“, wollte er wissen.
„Meine Bewegungskoordination und die räumliche Orientierung sind vollkommen autonom. Alle weiteren Funktionen werden zumeist über den Server mittels Up-Link unterstützt. Da der Serverzugang über
Funk aber noch nicht überall funktioniert, ist das ein weiterer Grund, weswegen ich in einigen Bereichen ziemlich nutzlos bin.“
Bei jedem Menschen hätte das vorwurfsvoll geklungen. Hier war es eine reine Feststellung und die Stimme ohne Emotion. Trotzdem grinste VanBreem fast verlegen.
„Ich würde sagen“, meinte er, „Laura4 zeigt ihnen ihre Zimmer und alle weiteren Funktionen. Mich finden sie ab 19 Uhr in der Bar dort drüben.“
Er wies in den Hintergrund des Platzes.
„Dort betätige ich mich nämlich gerne als Barkeeper. Eine Tätigkeit, die von meiner Hauptfunktion gar nicht so verschieden ist“, grinste er. „Es würde mich freuen, sie dort begrüßen zu können.
Bis auf Weiteres steht ihnen alles zur Verfügung, was das Valley zu bieten hat.“
Er stand auf und auch die anderen vier erhoben sich.
„Sie können gerne noch sitzen bleiben“, meinte der blonde Holländer. „Sie können auch hinüber ins Café Vienna wechseln. Es steht ihnen frei zu tun, was immer sie wollen.“
„Es ist ungewohnt, in einem Lokal einfach auf zu stehen. Ohne zu zahlen“, gestand Pat und lachte über ihre eigene Unsicherheit.
Eine kleine Spur zu lange sah VanBreem sie an und lächelte ebenfalls.
„Sie werden sich daran gewöhnen“, meinte er endlich. „So schnell, dass man aufpassen muss, wenn man wieder mal draußen unterwegs ist.“
Sie und VanBreem lachten, Nick es ihnen gleich und nur Meixner fiel auf, dass Pensant starr in die andere Richtung sah. Das Gesicht verkniffen, als würde er auf glühenden Kohlen sitzen. Darum
folgte Meixner dem Blick und sah nun ebenfalls die kleine Gestalt aus dem Bereich der Bahn kommen.
„Wer ist das?“, fragte Meixner und wie auf Kommando nahm die Person den weiten Berberumhang ab und darunter kam die zierliche Gestalt einer Asiatin zum Vorschein. Zumindest nahm Meixner es auf
diese Entfernung an.
„Doktor Tsang?“, fragte VanBreem überrascht und die Gestalt befreite gleichzeitig mit einem oft geübten Handgriff ihre Haare aus der Kleidung. Der dick geflochtene Zopf aus schwarzem, metallisch
glänzendem Haar reichte ihr weit über den Rücken.
Pensant zog scharf die Luft ein und brummte: „Geologin.“
Überrascht blinzelte VanBreem einen Moment bevor er antwortete.
„Doktor Fu Tsang ist Geologin! Sie war eine der Ersten, die hier waren und ohne ihr Fachwissen wäre das alles hier sehr viel schwieriger und langwieriger gewesen. Man sieht sie sehr selten. Meist
ist sie irgendwo unterwegs. In Höhlen oder sonst wo.“
„Sie war auf der Ebene, als wir ankamen“, meinte Meixner sich zu erinnern. „Bei den Sensoren.“
Sein Blick wanderte dabei beständig zwischen Pensant und der zierlichen Gestalt hin und her während Pat den Mann auf dem Stuhl mit gerunzelter Stirn und fast sorgenvoll musterte. So erschüttert
hatte sie Pensant noch nie gesehen. Ja, erschüttert schien ihr der richtige Ausdruck zu sein. Und das wiederum überraschte sie. Einzig Nick schien von der Begegnung und Pensants Reaktion nicht
verwirrt zu sein.
„Ich für meinen Teil bin neugierig auf unsere Unterkünfte“, meinte er und die anderen stimmten ihm zu.
„Sich unter eine Dusche zu stellen wäre jetzt wirklich keine dumme Idee“, ergänzte Fogham. Dabei sah sie wie zufällig auf den schlanken Holländer. Und dem wurde der Mund trocken, ohne dass er es
bemerkte oder wusste warum. So folgten die Vier der kleinen Laura-Einheit nachdem auch Pensant sich schwerfällig erhoben hatte. Seit die Geologin in einem Gang verschwunden war, schien er sich
schnell wieder zu fange. Und wirkte doch schweigsamer als sonst, sofern das überhaupt möglich war. VanBreem blieb noch einen Augenblick stehen und sah ihnen nach. Wieder presste er die Lippen
aufeinander, runzelte die Stirn und atmete tief durch. Er teilte Nick Grasels Befürchtungen weit mehr als er ihm eingestehen wollte. Und er konnte sich nicht vorstellen, wie diese Menschen ihnen
helfen sollte. Aber Grasel schien davon überzeugt. Noch einmal atmete er tief durch, dann machte auch er sich auf den Weg. Es gab noch genug andere Probleme, und die konnte er lösen.
Der Brief
Antonij Hasczalawic hatte mit dem Pater das Schiff in Genua nach ihrer zweiwöchigen Reise wieder verlassen und sie nahmen die Bahn für die Heimreise nach Österreich und in ihr Stift. Es gab kaum
etwas zu tun und noch weniger zu besprechen, so verlief die Reise sehr ruhig. Für den Pater war es weder neu noch unangenehm, dass sein junger Sekretär still und in sich gekehrt war. Doch auf
dieser Reise war er noch stiller als sonst. Noch weiter weg in seinen Gedanken, als der alte Seelsorger ertragen konnte. Früher, bei ähnlichen Gelegenheiten, da hatte der Junge versucht es zu
überspielen. Es dem alten Mann nicht fühlen zu lassen. Jetzt machte er sich diese Mühe nicht mehr. Er schüttelte auf vorsichtige Fragen nur den Kopf und wandte sich wieder ab. Irgendwie war dem
alten Pater bewusst, dass sich ihre Wege trennen würden. Da der junge Mann auch keine Anstalten machte, eine kirchliche Laufbahn einzuschlagen gab es tatsächlich keinen Grund für ihn, in dem
Stift zu bleiben. Wobei, Arbeit gab es genug und das Stift benötigte immer fähige Leute um seine wirtschaftlichen Belange am Laufen zu halten. Ländereien, Produktion, Ladengeschäft und
Internetversand, aber auch die geistliche Akademie hätten ihm eine vielfältige Beschäftigung geboten. Und der Orden der Zisterzienser besaß nicht nur dieses eine Kloster. Mehrmals auf dieser
Reise hatte der Pater versucht von der Zukunft zu sprechen, aber immer war ihm der junge Mann ausgewichen. Dabei war es offensichtlich, dass ihn ähnliche Gedanken beschäftigten, doch das Stift
schien dabei nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Vage hatte er vor einiger Zeit davon erzählt, dass er ein Studium an der Wiener Wirtschaftsuniversität ins Auge fasste. Doch auch darauf
ging er nie genauer ein.
„Ich komme nicht mit zurück. Ich werde von Wien aus gleich weiter fahren“, meinte der junge Mann und sah von den letzten Hügeln der Alpen auf den alten Mann ihm gegenüber. Der nickte nur, als
wäre das für ihn keine Überraschung. Genau genommen war es auch keine, und trotzdem kam es ihm zu plötzlich.
„Wir werden dein Zimmer für dich bereit halten, solange du es möchtest“, war das Einzige, was ihm dazu einfiel.
Der junge Mann nickte nachdenklich und sah dann wieder hinaus auf die vorbei huschende Landschaft.
„Wohin gehst du?“, wollte der Pater nach einer langen Weile wissen.
„Nach Prag“, kam ohne Zögern die Antwort. „Ich sollte mich dort mit jemandem unterhalten. Dann werden wir weiter sehen. Vielleicht bin ich auch in ein paar Tagen wieder da.“
'Vielleicht. Vielleicht auch nicht' dachte der Pater, sagte es aber nicht.
„Brauchst du etwas?“, fragte er stattdessen.
Jetzt vergaß Andreji das Land da draußen und sah den alten Mann mit einem liebevollen Blick an. Legte die Hand auf seine und lächelte vertrauensvoll.
„Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, alter Mann“, sagte er leise. „Auch den anderen Patres bin ich dankbar, natürlich, aber dir vor allem. Du warst immer da, wenn ich etwas gebracht habe.
Sogar, wenn ich selbst nicht wusste, dass ich es brauche. Du warst ein guter Lehrer, ein Meister, auf den man stolz sein kann. Und ein Großvater, wie man ihn sich nur wünschen kann. Ich bin dir
jedenfalls sehr dankbar, mehr, als ich sagen kann. Aber ...“ er holte tief Luft und machte eine kurze Pause, als müsse er überlegen, „aber es wird Zeit, dass ich meinen eigenen Weg finde. Und ihn
gehe.“
„Deinen eigenen Weg gehst du schon seit einiger Zeit“, brummte der Pater und es klang ebenso stolz wie vorwurfsvoll.
Der junge Mann lachte auf und nahm die Hand weg.
„War das so offensichtlich?“
„Du hast dir jedenfalls keine Mühe gegeben, um es zu verbergen.“
Der junge Mann nickte und lächelte leicht, aber er sagte nichts mehr.
„Wie ist dein Tschechisch?“, fragte der Pater endlich, auch, weil die Stille unangenehm war und ihn geradezu drängte zu grübeln und er sich den Gedanken an die Zukunft lieber verweigern
wollte.
„Ganz gut. Ich hatte ja Jiri, bei den Gärtnern, mit dem ich üben konnte“, antwortete Andreji und sah den alten Mann erwartungsvoll an. Weil er genau wusste, das dies dessen Art war auf Umwegen zu
einem Thema zu kommen. Diesmal war er jedoch geradezu direkt.
„Du suchst deine Eltern?“, wollte er wissen und erntete dafür einen langen, nachdenklichen Blick des jungen Mannes.
„Abt Gerhard hat mir vor seinem Tod erzählt, was geschehen ist. Wie ich zu euch gekommen bin. Ich bin mir sicher, dass er mich nicht belogen hat. Auch wenn ich nicht weiß, ob man ihm die ganze
Wahrheit gesagt hat. Obwohl, die ganze Wahrheit, mit all ihren Facetten ...“
Er wandte sich wieder der Landschaft zu und wurde still. Das kein Mensch in der Lage war die ganze Wahrheit in ihrem vollen Umfang zu erfassen, darüber hatten sie schon so oft gesprochen. So
lange und so ausführlich, dass jedes weitere Gespräch unerheblich war.
„Ich weiß nicht, was ich finden werde“, meinte er endlich leise. „Ich weiß ja nicht einmal, was ich genau suche.“
Andreji hatte nur die Umhängetasche bei sich. Sein Koffer war mit den Sachen des Paters ins Stift gebracht worden und stand wahrscheinlich verloren in seinem Zimmer. Während rund herum getuschelt
werden würde. Nichts liebten die Patres mehr als Gerüchte, und Gerüchte würde es genug geben. Darin unterschieden sie sich von anderen Menschen eben so wenig wie bei allen anderen Dingen, das
hatte Andreji schnell verstanden. Die Umhängetasche stand auf seinem Schoß während er den dünnen Kaffee schlürfte und sich umsah. Der kleine Imbiss im Abseits neben dem Hauptbahnhof in Prag war
voller Menschen. Menschen, die alle nicht den Anschein machten, als würden sie irgendwo hin wollen. Draußen nieselte es und Stühle waren keine frei, der Boden bedeckt mit einer feuchten,
schmierigen Schicht aus Regen, Ruß und Staub. Mit dem Pater war er in der Nacht in Wien angekommen und Andreji hatte noch ein paar Stunden auf einer Bank am Wiener Hauptbahnhof zugebracht, denn
der erste Zug nach Prag ging nicht vor sieben Uhr. Jetzt war es Mittag und er hatte beschlossen noch etwas zu essen, bevor er sich auf die Suche machte. Schließlich wusste er nicht, was ihn
erwartete. Es war zwar nur ein Name und eine Straße, was er bekommen hatte, aber es war ihm ein Leichtes gewesen, die richtige Stadt dazu zu finden. Doch Andreji bezweifelte, dass es so leicht
weiter gehen würde.
Der Mann rechts von ihm an dem kleinen Tischchen klammerte sich an sein Bierglas und stierte es stumm an. Die anderen beiden tuschelten miteinander und schienen sich immer mehr zu ereifern,
wurden immer lauter. Irgend etwas über „verfluchte, arbeitsscheue Asylanten“ zischte der eine und warf giftige Blicke über die Schulter auf Andreji
„Ich gehe mal davon aus, Sie sprechen nicht mit mir“, entgegnete Andreji kalt und hielt den Blick des Mannes fest, bis der seine geröteten Augen abwendete. Sein Tschechisch klang für diese
Menschen hier geschliffen, vielleicht mit einem leichten südböhmischen Einschlag, den er dem Gärtner verdankte. Der Mann am anderen Tisch war dadurch keineswegs beruhigt und zischelte weiter auf
seinen Kumpan ein. Andreji fühlte, dass es Streit geben würde, wenn er blieb. Der Widerwille und die Abneigung waren nur zu deutlich fühlbar. Und nicht nur hier. Seit sie das Schiff verlassen
hatten, meinte er den Unwillen der Menschen geradezu wie etwas Klebriges auf seiner Haut zu fühlen. Wie eine Wolke aus ohnmächtigem Zorn, in die er eintauchte, sobald er in die Nähe von Menschen
kam. Andreji empfand keine Angst. Er hatte in den Gärtnereien und im Wald lange und hart gearbeitet und Pater Ludo hatte ihm gezeigt, wie er die dort erworbenen Muskeln einsetzen konnte, um sich
zu verteidigen. Aber Andreji empfand die Wut der Menschen so sinnlos, diesen Zorn, diese Sehnsucht nach zielloser Gewalt so stark, dass in ihm jedes Mal ein Gefühl der Übelkeit aufstieg, wenn er
damit konfrontiert wurde. Also nahm er seine Tasche, stand auf und ging nach draußen. Dort setzte er seine Schirmkappe auf um sich vor dem Nieselregen zu schützen und sah hinüber zu dem
langgestreckten Gebäude des Hauptbahnhofes, auf der anderen Seite der sechsspurigen Straße. Als die Ampel endlich den Weg frei gab, machte er sich auf den Weg zur Metrostation unter dem Bahnhof.
Die rote Linie musste er nehmen, ein paar Stationen nach Süden. Am Eingang drängte sich eine Gruppe Menschen Schutz suchend vor dem Regen und während er sich durch die dunkelhäutigen Menschen
zwängte, sah er eine Gitarre und ein Akkordeon. Entdeckte er zwei kleine Welpen, die unbeachtet auf einer Tasche saßen, rauchende, schwatzende Kinder und einen verkrüppelten Mann, der
konzentriert seine missgestalteten Gelenke einölte, damit sie den Passanten in die Augen stachen.
Auch keine Flüchtlinge, dachte Andreji automatisch und tauchte ein in den Tiefen der Prager Metro.
Ein paar Stationen weiter kam er wieder ans Tageslicht und stellte fest, dass es nicht mehr regnete. Hier war im Gegenteil alles trocken, als hätte sich der Regen auf das Stadtzentrum
konzentriert. Aber auch hier standen Menschen herum und vermittelten den Eindruck, als würden sie einzig darauf warten, dass die Zeit verging. Auch sie waren offensichtlich keine Flüchtlinge aus
den Kriegen im Nahen Osten oder vor der Sklaverei Afrikas. Die Tschechische Republik hatte 2015 bei den ersten Anzeichen von Kriegsflüchtlingen die Grenzen konsequent dicht gemacht und ein
Wunschziel der Syrer und Somalier war es so wie so nie gewesen. Bestenfalls ein Transitland ins gelobte Deutschland. Trotzdem waren auch hier die gestrandeten Existenzen unübersehbar, aber es
waren einheimische gestrandete Existenzen. Gestrandet war wohl nicht der richtige Begriff, eher übrig geblieben, den Anschluss verloren, durch den Rost gefallen waren sie. Durch den Rost einer
Welt, die noch nicht wahr haben wollte, dass es zu wenig Wohlstand bei zu vielen Menschen gab. Einer Welt, die noch nicht verstanden hatte, dass Verbrauch nicht beliebig gesteigert werden konnte,
dass Ineffizienz Neid und Gier und damit unkontrollierte Gewalt schürte. Dass Zerstörung der Natur Gefahren an Krankheiten und Vergiftungen beschwort wie das falsche Gebet einen falschen
Gott. Dass zu viele Menschen zu viel verlangten und zu wenig dafür tun wollten. Dass dadurch immer mehr Menschen aussortiert wurden. Und diese überzähligen, aussortierten Menschen sammelten sich,
wie überall, an den Knotenpunkten des menschlichen Lebens, egal ob es nun eine Flüchtlingswelle gab oder nicht. Egal, ob wieder einmal irgendwo mehr Krieg war als sonst. Und irgend ein Kampf
schwelte immer. Kalt, unter der Oberfläche oder heiß mit Bomben und Granaten. Wie so viele Menschen in dieser Zeit erkannte auch der junge Mann, dass dieses System nicht funktionierte. Doch auch
er sah keine Alternative. Grübelnd marschierte Andreji auf dem Weg ein paar Straßen weiter und bemerkte sehr wohl, dass die Menschen lieber bei Ihresgleichen zurück blieben und sich um die
Station drängten.
Auch wenn diese Menschen über weitaus höhere geistige Fähigkeiten verfügten, so verhielten sie sich doch zumeist wie die Insekten eines Staates. Und wenn er auch um ein Vielfaches komplexer war,
so funktionierte der menschliche Staat nicht viel anders als der Staat der Ameisen.
Nicht ganz, korrigierte er sich selbst.
In einer kleinen Parkanlage, abseits unter einem großen Baum, hatten ein paar Menschen ein notdürftiges Lager aufgeschlagen. Der Ameisenstaat hätte nichts geduldet, was nicht der Gemeinschaft
diente. Wobei es sich bei den Leuten im Park ja auch um Wanderarbeiter handeln konnte, die den menschlichen Staat mit billigen Arbeitskräften versorgten. Arbeit zu haben bedeutete schon lange
nicht mehr die grundlegendsten Bedürfnisse befriedigen zu können. Ein Dach über dem Kopf und ein trockener Schlafplatz waren auch in den reichsten Ländern keine Selbstverständlichkeit. Und wieder
einmal wurde Andreji bewusst, wie privilegiert er aufgewachsen war, wie er lebte. Er brauchte nicht viel, aber er hatte alles, was er brauchte. Ein Vorzug, den viele nicht hatten. Nicht nur die
Menschen in den Zelten im Park. Und er lebte nicht in der beständigen Angst vor einer Verschlechterung. Auch ein Vorzug, den nicht mehr viele mit ihm teilten.
So ging er gemächlich dahin, in seinen Gedanken versunken, und allmählich wurden die dicht an dicht geparkten Autos schäbiger und die Grünanlagen zwischen den Häusern ungepflegter. Seit der
Metrostation reihte sich ein Wohnblock neben den anderen. Drei oder vier Geschoße hoch, acht, zwölf, sechzehn Wohnungen von denen manche den Eindruck machten, als würden sehr viel mehr Menschen
darin hausen, als die Bauherren gedacht hatten. Die Writings und Schmierereien an den Wänden wurden dichter und so manches Fenster war eingeschlagen. Oder mit einem schweren Gitter versehen.
Andreji sah nochmals hin und bemerkte, dass die bunten Graffiti von der Station hier völlig fehlten. Irgendwie verwunderte ihn das nicht. Alles hier vermittelte den Eindruck von Gleichgültigkeit
und obwohl hier Menschen lebten, wirkte es öde und verlassen. Immer verlassener, je weiter er ging. Hinter einer besonders wild verwachsenen Hecke entdeckte er den Zugang zu dem Haus mit der
Nummer, die er suchte. Das Klingelbrett war heraus gerissen und zerbeult, Namen fehlten völlig. Auch die Eingangstür schloss nicht mehr richtig, seit sie aufgebrochen worden war.
Andreji überlegte und nahm dabei eine schattenhafte Bewegung hinter einem der Fenster neben dem Eingang war. Er trat einen Schritt zurück und sah genauer hin. Hinter der Scheibe zeichnete sich
verschwommen der bleiche Fleck eines Gesichtes ab.
„Sandra Kunur!“, rief er. „Wohnt Sandra Kunur hier?“
Der Fleck schien sich ein wenig zurückzuziehen, ängstlich zu überlegen, dann kam er näher und das Fenster wurde zögernd einen Spalt geöffnet.
„Hä?“
Andreji hätte nicht sagen können, ob es ein Mann oder eine Frau war, was da den Kopf heraus streckte und ihn da stumpf an stierte. Er meinte aber einen Schritt zurück machen zu müssen. Die Welle
aus Gerüchen von Alkohol und Essensresten, die ihm entgegen schlug, drohte ihm den Atem zu nehmen.
„Ich suche eine Sandra Kunur. Wohnt die hier?“, fragte er noch einmal.
Das bleiche Wesen stierte irgendwo an ihm vorbei und bewegte den Mund um eingeschlagene Zähne. Unmöglich Geschlecht oder Alter zu bestimmen. Doch Andreji war sich ziemlich sicher, dass er eine
noch gar nicht so alte Frau vor sich hatte. Irgendwo, unter dem schwammigen Äußeren.
„Kunur?“, fragte das Torhüterwesen nach. „Die Kunurova? Ja, die wohnt hier. Obwohl, hab sie schon lang nich mehr gsehen. Vielleich is sie auch schon tot, der alte Drache. Is die Wohnung ganz
oben, gleich unterm Dach oben. Wenn sie noch lebt. Wobei, die lebt sicher ewig. War schon alt, seit ich mich erinnern kann. Immer schon.“
Andreji nickte und öffnete die Eingangstüre weil das Wesen wohl noch lange so vor sich hin brabbeln würde.
„Aber Lift is kaputt!“, rief ihm das Wesen nach und gackerte schadenfroh. „Sie werden laufen müssn. Vier Stock hoch!“
Er konnte sich gut vorstellen, das vier Stockwerke für das bleiche Wesen dort drinnen eine unvorstellbare Anstrengung bedeuten mussten. Die Tür zum Aufzug in dem düsteren Treppenhaus stand halb
offen und die Kabine steckte fast einen halben Meter unter Niveau. Auch ohne ihren Hinweis wäre er nicht versucht gewesen, dort hinein zu gehen. Das Treppenhaus roch nach nassem Hund, Urin und
verbrannten Zwiebeln. Im dritten Stock meinte er, dass ihm der Geruch von Schwefel entgegen kam. Doch die Ahnung war ebenso schnell verflogen, wie sie seine Nase gestreift hatte. Im vierten Stock
fand er die aufgebrochene Tür in ein Treppenhaus, dass offensichtlich aufs Dach führte und eine Tür ohne Namensschild. Andreji klopfte und wartete. Ihm war, als hätte er eine Bewegung dahinter
wahrgenommen, aber alles blieb still. Also klopfte er noch einmal, kräftiger und rief: „Frau Kunurova, ich muss mit Ihnen sprechen.“
Irgendwo unter ihm wurde neugierig eine Tür geöffnet aber schnell wieder geschlossen.
Er atmete tief durch und überlegte. Es konnte gut sein, dass sie nicht zu Hause war. Vielleicht war sie auch wirklich schon tot, wie das bleiche Wesen am Eingang gemeint hatte. Nein, er war sich
sicher, dass jemand hinter der Tür war. Und er würde nicht wieder gehen. Genau genommen kam ihm der Gedanke zu gehen gar nicht. Es war eine Option, die nicht zur Verfügung stand. Er würde mit der
Frau sprechen. Oder er würde warten. Er sah sich um und entschied, dass die sauberste Stelle noch immer das Treppenhaus auf das flache Dach hinaus war. Noch einmal würde der klopfen, dann würde
er sich hinsetzen und warten. Aber er tat es nicht. Er hatte die Hand erhoben, aber er klopfte nicht. Überrascht sah er auf die Tür, die einen Spalt offen stand.
War sie vielleicht aufgesprungen, als er kräftiger geklopft hatte?
Andreji war sich nicht sicher.
Vorsichtig drückte er die Tür ein wenig weiter auf und die gab geräuschlos und leicht nach. So leicht sie sich auch bewegen ließ, Andreji fühlte, dass es eine schwere, massive Tür war. Die sprang
nicht einfach durch ein Klopfen auf. Aber niemand war zu entdecken. Er trat ein und stand in einem niedrigen Vorraum, dessen Regale rechts und links mit allem möglich Kram voll gerammelt
waren.
„Tür zu!“, bellte eine heisere Stimme aus dem Raum weiter hinten und Andreji kam der Aufforderung nach. Die Tür fiel leicht und fest ins Schloss und er war sich jetzt vollkommen sicher, dass sie
nicht von selbst aufgegangen sein konnte. Dann ging er weiter, automatisch ein wenig gebückt in der finsteren Vorkammer und trat in den einzigen Raum, den die Wohnung hatte. Irgendwie fühlte es
sich an, als wäre dieser Raum hoch und weit nach dem beengenden Durchgang. Zwei große Fenster gab es in dem Raum, vor ihm und links, die aber mit schweren Vorhängen verhängt waren und so nur ein
dämmriges Licht herein ließen. Ein großer Holztisch beherrschte den Raum. Rechts hinten nahm er eine Kochnische wahr, die aber eher nach dem Labor eines Alchemisten aussah. Daneben, hinter einer
Raumtrennung, ein Bett unter vielerlei Decken. Schiefe Regale, Kisten und Ablagen standen herum. Und Bücher! Viele Bücher gab es hier, entdeckte er auf den ersten Blick. So wie verschlossene
Gläser mit unbestimmbaren Inhalten.
„Was willst du?“
In dem Schatten bei den Kochplatten bewegte sich eine kleine Gestalt und trat einen Schritt vor. Viele Schichten Kleidung hing an dem dürren Körper hinunter und die Haut sah aus wie dunkel
gegerbtes Leder, darum hatte er sie nicht gleich bemerkt. Weil sie mit der Wohnung verschmolz, wenn sie still stand. In ihrer Hand trug sie eine Schöpfkelle, die so lang war wie ihr Arm aber
sicherlich schwerer. Offensichtlich freute sie sich nicht all zu sehr über Besuch, denn sie hatte die Kelle erhoben, bereit damit zu schlagen.
„Sind Sie Sandra Kunur?“, fragte er. „Man hat mir gesagt, dass Sie etwas haben, das mich interessieren könnte.“
Schon als er es aussprach wusste er, dass es falsch formuliert war. Sie verspannte sich und funkelte ihn an. Also atmete er durch um zu erklären und stockte abgelenkt. Wieder war da diese Ahnung
von Schwefel. Irgendwie irritierte es ihn. Seine Irritation war ihr aufgefallen und sie legte den Kopf ein wenig schief. Ein Leuchten wie ein rotes Glitzern lief durch ihre Augen, als sie ihn
abschätzte.
„Du kommst nicht wegen der Pilze.“
Andreji hatte schon zuvor kleine Päckchen mit getrockneten Pilze auf dem Tisch bemerkt, aber erst jetzt wurde ihm klar, dass es sich um Magic Mushrooms handeln musste.
„Viele Leute kommen“, meinte sie nicht gerade freundlich, „um vielerlei Dinge. Kräuter, Tränke, Traumpilze. Jeder will was und die alte Kunur soll helfen. Was willst du?“
Sie stand noch immer dort. Hielt die schwere Schöpfkelle ohne zu zittern. Aber da war beinahe etwas wie ein verächtliches Lächeln in dem zerfurchten Gesicht. Hinter dem lauernden Blick.
„Ich suche einen Brief.“
„Bin ich ein Postamt?“
Die Schöpfkelle fiel schwer auf die Ablage und sie wandte sich ihren Gläsern zu.
„Setzt dich. Einen Tee bekommst du.“
Sie sagte es bestimmt und da blieb kein Widerspruch. Aus ein paar Gläsern suchte sie Dinge zusammen, goss heißes Wasser darüber und kam damit zu dem großen Tisch, an dem sich Andreji inzwischen
gesetzt hatte. Dabei hörte sie nicht auf, ihn zu beobachten. Mit einem Blick, der Andreji nicht wirklich gefiel.
„Mark Gold schickt mich“, meinte er. „Ich soll Sie aufsuchen und ich soll Jakobs Brief lesen.“
Überrascht blieb sie stehen und vergaß sogar die dampfend heiße Tasse in der Hand.
„Der Träumer schickt dich? Lebt der immer noch? Hat sich denn noch immer keiner gefunden, der Sache ein Ende zu machen?“
Hart stellte sie die große Tasse auf den Tisch und schob sie dem jungen Mann hin.
„Trink solange er heiß ist. Wird dir gut tun.“
Er zog den Tee zu sich und roch vorsichtig daran. Bei dieser alten Kräuterhexe würde er ganz sicher nichts trinken, dessen er sich nicht ganz sicher war. Er roch noch einmal und runzelte die
Stirn. Versuchte sich zu konzentrieren.
„Oregano und Apfel“, meinte er dann. „Und – Weihrauch. Aber, da ist noch etwas drinnen. Etwas, das ich nicht zuordnen kann.“
Ganz genau hatte sie ihn beobachtet, legte jetzt den Kopf wieder schief und zeigt beim Grinsen ganz ordentliche Zähne.
„Doch. Du kannst es“, beharrte sie.
Er sog den Duft noch einmal ein und ließ ihn wirken. Da war eine dunkle Ahnung.
„Brennnessel und - Birkenrinde?“, fragte er, aber sie drehte sich nur um und ging zurück zu ihren Töpfen und Gläsern. Klapperte geschäftig und er machte tatsächlich einen kleinen Schluck.
Abgesehen davon, dass es kochend heiß war schmeckte es grauenvoll bitter.
„Kalt schmeckt er noch schlimmer“, grinste sie und er wurde sich bewusst, dass sie nicht aufhörte ihn ganz genau zu beobachtet. „Aber er wird dir gut tun. Birkenrinde und Brennnessel reinigen und
du hast in letzter Zeit schlecht gegessen. Zu viel und zu schlechtes Zeug.“
Andreji dachte an die Buffets auf dem Schiff und nickte in Gedanken.
„Gibt wohl nicht mehr viele von euch“, brummelte sie. „Hab' schon lange keinen mehr gesehen.“
Er war viel zu beschäftigt mit dem Tee und den Gedanken an das Essen auf dem Kreuzfahrtschiff, dass er einen Moment bedurfte.
„Sie wissen, wer ich bin?“, fragte er endlich überrascht.
„Ich weiß, was du bist. Wahrscheinlich besser als du selbst, kleiner Mann“, brummelte sie während ihre Hände geschäftig werkten. „Aber du hast keine Ahnung, was ich bin. Nicht wahr, mein Junge.
Vielleicht sollten wir ein wenig Rätselraten spielen.“
Sie redete vor sich hin, gluckste belustigt, werkte auf der Arbeitsfläche herum und hatte ihm dabei den Rücken zugewendet. Dabei wirkte sie, als hätte sie den Kopf weit zwischen die Schultern
gezogen. Andreji war sich sicher, dass mit dem alten Weib irgend etwas ganz und gar nicht in Ordnung war, mit dem Bild, dass sie von sich zu vermitteln suchte. Und er war sich sicher, dass sie
abzulenken versuchte.
„Was ist jetzt mit dem Brief?“, beharrte er.
Sie winkte mit der Hand ohne sich umzudrehen.
„Ich weiß nichts von einem Brief“, sagte sie und er war sich sicher, dass sie log. „Siehst ja, wie es aussieht. Ich wüsste nicht, wo ich beginnen sollte zu suchen.“
„Mark war sich sicher, dass Sie ihn haben.“
Sie stoppte und stützte die dürren Arme auf die Arbeitsfläche. Atmete tief durch und fuhr herum.
„Ein Idiot ist er! Ein Lügner! Gedankenlos und dumm. Nichts als Lügen sind seine Geschichten! Und er hat keine Ahnung, was er damit anrichtet. Was er denen antut, denen er sie erzählt. Und denen,
über die er erzählt. Ein Lügner ist er, glaube ihm kein Wort! Und halte dich fern von ihm.“
„Ich will den Brief lesen“, beharrte Andreji ruhig und ohne auf den Ausbruch der Alten einzugehen. Auch wenn die Energie, die mit einem Mal von ihr aus ging beachtlich war und sich in seinem
Inneren das dringende Bedürfnis meldete, aus diesem Raum so schnell wie möglich zu verschwinden.
Mit ein paar Schritten war die dürre Gestalt aus dem Eck und an dem Tisch. Lehnte sich darüber und funkelte ihn böse an.
„Nein, das willst du nicht. Glaube mir! Du willst nicht wissen, was da drinnen steht. Gerade du nicht!“
Gerade deswegen. Sie wusste genau, wovon er sprach.
Andreji bleib regungslos sitzen und sah sie an. Und sie erkannte, dass der letzte Satz ein Fehler war. Seufzte und verkniff den Mund. Endlich schüttelte sie sich und zuckte mit den Schultern.
Änderte ihre Taktik.
„Hast du mir auch etwas mitgebracht?“, fragte sie jetzt lauernd und legte den Kopf wieder ein wenig schief.
„Einhundert Euro?“
Sie zog die Augenbrauen hoch und sah ihn an, als wäre er nicht so recht bei Trost.
„Zweihundert?“
„Was soll ich mit Geld“, winkte sie gelangweilt ab. „Hab alles was ich brauche. Und was ich bräucht', das kann man nicht für Geld kaufen.“
Sie wandte sich vom Tisch und dem jungen Mann ab und ging gelangweilt wieder an ihre Arbeit.
Andreji überlegte und erkannte, dass er nichts von Wert für diese Frau besaß. Und, dass es nur recht und billig war, dass sie für einen Gefallen eine Gegenleistung erwartete. Aber er hatte
nichts. Außer, vielleicht …
„Ein Golddukaten.“
Sie erstarrte mitten in der Bewegung und ein leises Zittern rieselte durch den dürren Körper.
„GOLD?!“
Etwas Erschreckendes, Gieriges umgab sie auf einmal. Starr war der Blick und der herum gewandten Kopf auf ihn gerichtet und es wirkte beinahe so, als würde sie schnüffeln.
„Gold? Du hast Gold? Du hast kein Gold.“
Wieder schnüffelte sie in seine Richtung.
Andreji kramte in seiner Tasche, öffnete ein inneres Fach und nahm das winzige Stück Metall, eingeschlagen in ein Stück Leder heraus.
„Ah, Leder! Darum“, knurrte sie und sog wieder die Luft ein, als könnte sie das kalte Metall riechen, das er auf der flachen Hand hielt. Einen unbewussten Schritt machte sie und er schloss die
Hand wieder.
„Gib mir das Gold!“, jammerte sie. „Gib es mir. Du willst den Brief nicht lesen. Er wird dir nicht gefallen. Glaube mir. Nimm meinen Rat. Gib mir das Gold und geh!“
Andreji sagte kein Wort, aber er zog die Hand noch weiter zurück. Sie machte einen Schritt, als wollte sie sich auf ihn stürzen. Aber es blieb dabei. Ihr Mund mahlte, die Hände, die Finger
bewegten sich unruhig und ohne Pause. Endlich gab sie sich einen Ruck und ging zu einer Truhe. Öffnete sie und entnahm ihr einen Kasten. Diesem entnahm sie eine Schatulle. Diesem einen sorgfältig
in Tuch eingeschlagenen Packen. Endlich, endlich zog sie ein kleines Kuvert heraus und drehte es unschlüssig in der Hand. Kaute an der dünnen Lippe und sah ihn starr an.
„Du solltest mir glauben“, meinte sie und warf endlich den Brief auf den Tisch. „Es gibt Dinge, die sollte man nicht wissen.“
Er überlegte tatsächlich einen kurzen Augenblick, dann legte er das Stück Leder mit dem Dukaten neben das Kuvert und nahm es an sich.
In einen blitzschnellen Bewegung hatte sie sich die Münze gekrallt, hielt sie dicht vor die Augen, schnüffelte daran, drehte und drehte und drehte sie. Dieser Anblick der Besessenheit war so
überraschend, dass er sogar den Brief in seiner Hand für einen kurzen Moment vergaß. Endlich beruhigte sie sich ein wenig. Hielt die Münze dicht an sich gepresst und sah ihn schräg an. Lauernd,
böse – und ein wenig schuldbewusst.
„Gold!“, meinte sie heiser. „Der Fluch meines Volkes. Wir sind verrückt danach. Wir brauchen es. Wir müssen es besitzen. Wir können ohne es nicht leben. Hast du auch nur eine Ahnung davon, wie
viel Energie es braucht um es zu erschaffen? Zwei Sterne müssen sterben, und das zwei Mal um es zu erschaffen - und es bringt doch nur den Tod.“
Der junge Mann und die alte Frau sahen sich an und keiner sprach. Nach ein paar Sekunden wandte sie sich mit einem Ruck ab und ging zurück in ihre Küche.
„Wenn es denn unbedingt sein muss – lies“, brummte sie. „Und dann verschwinde!“
In dem Kuvert steckten drei Bögen dünnes, grobes Papier. Sie waren beidseitig in schmalen Zeilen beschrieben. Es war eine Art von Kurrentschrift, die Andreji aber ohne größere Probleme entziffern
konnte. Das Papier selbst war zerknittert, fleckig und brüchig, aber die Tinte kaum ausgebleicht. Vorsichtig breitete er es vor sich auf.
Lieber Josef!
Geliebter Bruder!
Heute ist der 11. Jänner 1945 und ich bin gar nicht mehr so weit von zuhause weg. Auch wenn mir unser zuhause wie eine andere Welt vorkommt. Ich sitze bei Gorlice an der Weichsel-Front, es
schneit dicht und wir erwarten den Angriff des Russen für die nächsten Tage. Eigentlich jeden Augenblick. Ich weiß, ich habe lange nichts von mir hören lassen, aber die Ostfront ist keine Ort zum
Briefe schreiben. Eine Ausrede, ja entschuldige. Nein, ich bin nicht geübt, du weißt. Nicht im Reden und schon gar nicht im Schreiben. Wir haben nie viele Worte gebraucht, wir zwei, und ich
vermisse Dich mein Bruder! Dass ich Dir heute schreibe hat damit zu tun, dass ich nicht weiß, was die nächsten Tage bringen. Keiner von uns. Man gewöhnt sich daran im Krieg irgendwie. Aber ich
werden diesen Brief nicht der Feldpost geben. Er wird dich auch so erreichen und du wirst verstehen. Ich vertraue dem Mann, dem ich ihn gebe. Und wenn nicht, dann ist es nur ein kleiner Fehler.
Der größere Fehler ist wohl, Dir zu erzählen, was mir widerfahren ist. Sicher der Größte! Die größte aller Dummheiten, die ich gemacht habe. Auch dir noch meine Zweifel, meine Qual aufzubürden
geliebter Bruder. Aber es zerreißt mich! Ich sollte schweigen und kann es nicht. Ich muss es irgendwie hinaus schreien und kann nur hoffen, dass es mir danach besser gehen mag. - Du weißt doch,
dass ich bei den Kraftfahrern war, als der Führer Österreich heim ins Reich holte. Ich war damals in Linz und ich bin ihm begegnet. Davon habe ich sicher erzählt. Wie er an uns vorbei gegangen
ist und uns angesehen hat, dieser kleine Mann mit seinen nachdenklichen, traurigen Augen. Mit seinen brennenden Augen, die ich nach all den Jahren noch immer sehe. Sicherlich niemandem habe ich
erzählt, dass er mich in der Nacht hat rufen lassen, weil ich der einzige unter den Fahrern war, der aus unserer Gegend kam. Nicht mit seinem Mercedes, mit einem ganz normalen Kommandowagen sind
wir losgefahren. Ganz ohne Begleitung und ohne Eskorte. Ich hatte das Herz in der Hose, das kannst du mir glauben! Er hat gesagt 'Richtung tschechische Grenze“. Also bin ich gefahren. Aufgeregt
war ich, aber er hat nicht gesprochen. So still ist er hinten gesessen, dass ich manchmal beinahe auf ihn vergessen hätte. Schon vor Freistadt wollte er dann in Richtung St. Oswald. Und weiter.
Er hat mir immer ganz genau gesagt, wo ich abbiegen soll. Mir ist da eingefallen, dass er ja irgendwo drüben bei Allentsteig geboren wurde und in Braunau nur aufgewachsen sein soll. Egal, was uns
der Herr Göbbels erzählt. Vielleicht kennt er sich ja wirklich aus, in der gottverlassenen Gegend hinter St. Oswald, von früher, hab ich mir gedacht. Irgendwann war da ein Bauernhof, oben auf
einem Hügel. Er hat mir unten an der Straße befohlen anzuhalten, den Wagen von der Straße zu nehmen und zu warten. Dann ist er weggegangen. Ich sehe ihn noch klar heute vor mir. Die kleine
Gestalt im Nieselregen, den Mantel hochgeschlagen. Kalt war es, den Atem hat man gesehen. Irgendwann bin ich ausgestiegen. Unter keinen Umständen soll ich im Wagen rauchen, haben sie mir gesagt.
Und die Beine wollte ich mir vertreten, nicht mehr. Ehrlich! Trotzdem bin ich auf einmal oben bei dem Haus gestanden. Eine armselige Hütte! Mehr ein Stall als ein ordentliches Bauernhaus, wie wir
es kennen. Keine Kühe, Schafe standen dahinter in einem Unterstand. Die Stimme des Führers ist kraftvoll und schneidend, sie dringt durch alle Ritzen. Und, ja, ich habe durchs Fenster gesehen.
Möge mir der Herrgott verzeihen. Drinnen war ein kleiner Herd, die Abdeckungen oben waren offen und das Feuer leuchtete heraus. Ein Mann saß vor dem Herd. So ein richtig breitschultriger Bauer.
Ein Kerl mit dichtem Bart und unfrisiertem Haar. Der Führer ging vor ihm auf und ab in dem kleinen Raum und redete vom deutschen Volk und von der Notwendigkeit zu überleben. Der Kerl saß nur da
und starrte ins Feuer. Als er ein Stück Holz in den Herd warf und das Feuer auf prasselte, unterbrach sich unser Führer und der Bauer meinte: „So viele Tote, so viel Leid, so viel Zerstörung. Das
ist nicht unser Weg.“ - „Wir müssen diesen Weg gehen! Das Deutsche Volk muss diesen Weg gehen. Keinen anderen gibt es, zurück zu den Werten unserer Väter. Zurück zur Ordnung muss das deutsche
Volk, muss die Menschheit geführt werden.“ - „DU gehst diesen Weg. Und die Menschen laufen dir nach. Weil sie blind sind. Du herrscht über sie, aber wir sind da um den Menschen zu dienen, nicht
um über sie zu herrschen. Die Menschen anzuleiten, nicht, sie zu leiten.“ - „Diese Massen, dieses Volk, dass an der Straße steht und mir zujubelt, das braucht Führung. Eine starke, feste Führung.
Eine Hand, die sie auf den richtigen Weg zwingt. Einen Weg, den dieses starke Volk mit all seiner Kraft und mit all seinem Blute folgen kann. Auf dass es sich erhebt über alle anderen Völker der
Welt und zu einem leitenden Stern wird.“ - „Es ist schon lange her, dass wir einer Meinung waren. Eigentlich noch nie. Warum bist du hier? Was willst du von mir, Arnhobla – oder ist es dir
lieber, wenn ich dich Adolf nenne?“ - „Ich wusste nicht, dass du den Namen kennst, den meine Mutter mir gegeben hat.“ - „Es gibt nichts in den Wäldern, dass ich nicht weiß. Wie du wissen
solltest.“ - „Spiel mir nicht den Herren des Waldes! Diese Zeiten sind schon lange vorbei.“ - „Dann spiel du mir nicht den Herren der Menschen!“ - „Aber ich bin der Herr der Menschen! Ich huste
und sie kriechen. Ich winke mit der Hand und sie marschieren. Ich nicke – und sie sterben.“ - „Und darauf bist du stolz.“ - „Siehst du es nicht? Die Zeiten haben sich geändert. Die Welt hat sich
geändert. Neue Fragen brauchen neue Antworten. Und wir haben es endlich in der Hand alles zum Guten zu wenden. So lange habe wir zugesehen wie die Menschen Stück um Stück alles an sich brachten.
In ihrer Gier und Unwissenheit alles schändeten, zerstörten, töteten was von der Großen Mutter da war. Und wir standen daneben. Sahen zu und weinten. Lehrten sie, leiteten sie an – aber sie hören
nicht! Die Gier ist zu stark in ihnen, immer mehr wollen sie. Und egal wie wenig ein anderer hat, sie neiden ihm auch das noch. Und sie zerstören dabei den Keim des Leben. Es gibt eine Ordnung,
eine unumstößliche Ordnung. Und es liegt an uns diese wieder aufzurichten. Die Kelten mit ihrem Wettstreit, die Römer mit ihrer Technik und ihrem Geld haben die Herzen vergiftet. Die Juden und
die Christen, mit ihrem Hass auf alles Lebendige, sind hergefallen über uns wie die Heuschrecken. Und wie eine Krankheit gehören sie ausgebrannt aus dem Fleisch des Volkes. Damit es reinen Blutes
und stolzen Hauptes sich den wahren Werten zuwenden kann.“ - „Die waren Werte! Sieh, wohin die waren Werte unser Volk gebracht haben. Verflucht sind wir, und können doch nichts tun.“ - „Oh doch!
Wir können etwas tun. Gerade jetzt! Sie sind endlich bereit auf uns zu hören. Auf mich zu hören. Sie sind endlich bereit den Pfad des reinen Blutes zu gehen. Mit all dem Schmerz, dem Leid, den
Tränen und den Strömen von Blut, das diese Reinigung kosten wird. Aber da sind so viele kleine Geister um mich, da ist so viel Einflüsterung. Stimmen, die nicht weiter denken als bis zu ihrem
Geldbeutel! Ich brauche dich, ich brauche jemanden an meiner Seite, dem ich vertrauen kann. Der den Weg kennt und der das Ziel kennt. Ich brauche dich an meiner Seite!“ - „Ich kenne das Ziel
nicht. Keiner weiß darum. Aber ich weiß, dass der Weg nicht durch Tod und Blut führt. Tu nicht, was du vor hast, Adolf! Es kann nicht im Guten enden. Ich kann nicht mit dir gehen, und ich
beschwöre dich, geh auch du nicht diesen Weg. Viele kleine Schritte kannst du noch erreichen, aber geh nicht auf diesem Weg!“ - „Mein Weg ist vorbestimmt. Durch all die Jahrhunderte vorbereitet.
Ich muss ihn gehen!“ - „Vielleicht ist das Feuer und das Blut wirklich notwendig um den Menschen die Augen zu öffnen. Aber es ist ein Weg auf dem ich dir nicht folgen kann. Keiner von uns könnte
es. Du solltest zurück gehen zu deinen Menschen. Sie vermissen dich sicher schon.“
Der grobe Kerl sah zu mir, sah mir direkt in die Augen und ich wusste, dass er mich entdeckt hatte. Voller Angst lief ich zum Wagen zurück. Wenig später kam der Führer. Ganz langsam kam er den
Hügel herunter in dieser Nacht voller Nieselregen und Kälte. Als wäre er sehr müde oder sehr alt. Bleich war er wie der Tod, aber er sagte nur, dass er nach Hause wolle. Bei jedem anderen
Menschen wäre ich mir sicher gewesen, dass er geweint hatte, aber ich kann schwören, dass alles in ihm tobte. Doch er sprach kein Wort mehr und ich habe ihn nach dieser Nacht nie wieder gesehen.
Ein Kamerad dem ich vertraue fährt in ein paar Minuten zurück in die Etappe. Ihm werde ich diesen Brief mitgeben. Du verstehst jetzt, warum er nicht über die Feldpost und die Zensur gehen darf.
Vielleicht wird er Dich auch nie erreichen, vielleicht wäre das auch besser so, aber ich musste Dir diese Geschichte erzählen. Sie brennt in meinem Herzen und in meinem Kopf. Immer öfter wache
ich in der Nacht auf und meine wieder an der Hütte zu stehen. Wieder den Regen zu fühlen, die Kälte und wieder diese Worte zu hören. Vielleicht werde ich die nächsten Tage fallen. Vielleicht tut
es auch gut, endlich ruhig zu liegen und nichts mehr zu fühlen. Der Tod befreit zumindest vor der Angst vor dem Tod. Ich vermisse Dich, mein Bruder! Nicht, weil wir geredet hätten. Erzählt hätte
ich Dir diese Geschichte wahrscheinlich nie. Verwahre sie gut und lebe wohl.
Dein, dich liebender Bruder Jakob
Das dürre, alte Weib nahm keine Notiz davon, als der junge Mann aufstand, nach seiner Tasche griff und wortlos die Wohnung verließ. Es kümmerte sie nicht, dass er hinauf auf das flache Dach ging,
sich an den Rand setzte und die Beine baumeln lies. Den Kopf leer gefegt und unfähig einen Gedanken zu schaffen. Den Blick nach Süden gerichtet, in die Ferne. Dorthin, wo seine Heimat lag. Dieser
Wald, mit dem ihn so viel verband und doch nichts. Einen Wald, in dem er keine Bäume mehr sah. Weil alles ineinander verschmolz, sich die Zweige berührten und einander Duftstoffe zuflüsterten,
sich die Wurzeln berührten, miteinander verschmolzen zu einem einzigen lebenden Organismus. Ein Wesen, groß wie ein Land, alles durchdringend, Teil und Summe von allem.
Aber sie wusste es.
Eine neue Welt
Wiener Kaffeehaus nannte sich das Lokal, aber Pensant schwor bei sich, dass dies die letzte Melange gewesen war, die er hier bestellt hatte. Dabei war es die erste gewesen. Für seinen Geschmack
waren die Bohnen zu stark geröstet, was dem Kaffee mehr Bitterstoffe gab. Italienische Röstung entschied er, nicht schlecht, aber nichts für eine Melange wie er sie mochte. Also würde er in
Zukunft eben Espresso bestellen. Pensant grinste schief, strich sich verirrte Haare aus dem Gesicht und ließ den Gedanken zu, das die Röstung des Kaffees hier wohl kaum sein größtes Problem war.
Die halbe Nacht hatte er nicht einschlafen können. Und in der anderen Hälfte war er immer wieder aufgewacht. Darum saß er jetzt hier, völlig allein auf dem weitläufigen, überdachten Platz dieser
menschlichen Enklave in der Wüste und wartete. Irgendwann war ein verschlafener Typ aufgetaucht und hatte ihm erklärte, dass das mit dem Frühstück noch dauern würde. Aber Pensant wartete nicht
auf das Frühstück. Und auch den Kaffee wenig später hatte er eigentlich nur aus Gewohnheit angenommen. Er saß da, starrte in das düstere Zwielicht der wenigen Lampen und wartete. Ohne zu wissen,
warum er es tat. Neugierde war es, was ihn antrieb, entschied er. Und ein mulmiges Gefühl im Magen. Unwillkürlich schüttelte der den Kopf leicht, als er sich über seine eigene Nervosität klar
wurde. Und das er – ausgerechnet er – nervös war, das machte ihn gleich noch viel unsicherer. Und wieder versuchte er zu verstehen, was es denn war, was ihn so neugierig machte. Was ihn so nervös
machte. Was ihn beeinflusste. Und wieder konnte er es nicht sagen. Seinen drei Freunde fühlte er sich auf eigene Art verbunden. Wenn man sie denn Freunde nennen konnte. Dieses Gefühl war
permanent und gewohnt. So gewohnt, dass man es bei Seite schieben konnte, nicht mehr bemerken musste. Wie die Erdanziehung, die verhinderte, dass man bei jedem Schritt abhob. Oder der
Luftwiderstand beim Gehen. Doch all dass und vieles mehr konnte er fühlen – wenn er es wollte. Die rasende Drehung dieser Kugel aus Stein zu seinen Füßen, die Bewegungen der Wolken am Himmel,
dass Krabbeln und Kriechen draußen im Sand und in den Ritzen des Gebildes der Menschen. Wenn er sich konzentrierte, dann konnte er all dies fühlen. Und noch vieles mehr. Das Vibrieren und Zittern
der Teilchen in dem Tisch vor ihm und das Aufschäumen einer Welle zwischen zwei Felsen, irgendwo draußen an der Küste. Die Zusammenballung unzähliger Menschen auf der anderen Seite des Ozeans und
das Rieseln der Sandkörner in der Wüste da draußen. Wenn er ganz still wurde, in sich hinein nach draußen horchte, dann stellte sich eine Verbindung her und er begriff und er empfand und er
verstand – ohne es jemals wirklich in Worte fassen zu können. Auf eine Weise, die er nicht erklären konnte, war er mit allem verbunden, nein, er war all dieses. Mochte es auch noch so weit
entfernt sein. War er verbunden mit den Dingen der Welt, war er Teil eines Ganzen. Doch gar nicht so weit entfernt, in diesem Gebäude, da war etwas, dass er nicht erklären konnte weil er es nicht
erfassen konnte. Etwas, dass sich vor ihm verbarg und ihn gerade deswegen zur gleichen Zeit anzog. Etwas, das so völlig anders war als alles, dem er bisher begegnet war. Er musste heraus finden,
was es war. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Noch einmal schloss er die Augen, wurde ruhig und in sich gekehrt und fühlte in diese Welt da draußen. Fühlte die unermessliche Leere aus der die
massiven Mauern rund um ihn bestanden. Fühlte wieder das leichte, unstete und doch ruhige Flackern des Lebens. Fühlte die Lebewesen in diesem von Menschen veränderten Tal – und fühlte wieder
diesen unendlich tiefen, Schwindel erregenden Abgrund, der sich mit einem Mal vor ihm auf tat. So anders, so vollkommen anders, dass er es nicht verstand. Und sich unfähig fühlte, weiter zu
dringen. Dann war der Boden unter ihm plötzlich weg, und er schien – nicht zu fallen. Eins wurde er mit diesem Nichts, mit dem Fehlen der Attribute, mit der Leere, die doch gleichzeitig alles in
sich zu bergen schien. Und ganz allmählich begriff er, dass ihm selbst nichts ähnlicher war als diese Leere. Es trug alles in sich, und war doch selbst nichts. Viel zu lange benötigte er bis
endlich die Ahnung keimte. Tief atmete er durch und öffnete langsam die Augen. Vor ihm stand eine kleine Gestalt, dicht eingehüllt in den traditionellen Umhang der Wüstenbewohner so dass nur mehr
zwei schwarze, asiatische Augen zu sehen waren die ihn interessiert aber auch gleichgültig ansahen.
„Doktor Fu“, brachte er heraus. Doch die Gestalt regte sich nicht. Obwohl sie stand und er saß war sie kaum größer als er. Sie sah ihn an, abwartend und ein wenig missbilligend, wie ihm schien.
Pensant kniff die Lippen zusammen und vertiefte die Ahnung, die in ihm aufgestiegen war. Viel zu vieles wusste er, hatte er sich angelesen über die Jahre, ohne dessen wirkliche Bedeutung zu
kennen.
„Der Name ist“, überlegte er dann laut, „wenn ich mich nicht irre – Fu-Ts-Long oder Fu-Tsang-Lung.“
Ein schwacher Schimmer von Belustigung schien über die schwarzen Augen zu gleiten. Und war gleich wieder verschwunden. Aber Pensant war sich inzwischen sicher.
„Ich wusste nicht, dass Drachen dazu in der Lange sind“, fuhr er fort. „Ich dachte, nur ein Schlangendämon kann sich in eine schöne Frau verwandeln.“
Ein lautloses Auflachen und Blitzen ging durch die schwarzen Augen, dann nahm sie mit einer geübten Handbewegung den Umhang ab und warf ihn auf den Stuhl neben sich.
„Ich bin auch keine schöne Frau“, stellte sie in akzentfreiem Englisch fest ohne ihren gleichgültigen Ausdruck zu verlieren. In einem runden, flachen und ausdruckslosen Gesicht. Und er musste
zugeben, dass sie recht hatte. Schönheit, vor allem weibliche Schönheit war ganz sicher etwas anderes. Vor ihm stand eine vielleicht 40jährige Frau in einem kleinen, dürren Körper die auch genau
so gut um einiges älter sein konnte. Und sie sah ihn an mit dem breiten, ausdruckslosem Gesicht ihrer Rasse. Doch Pensant interessierte das nicht. Er starrte die Frau an und versuchte sie zu
verstehen, sie zu durchdringen, sie zu begreifen und fühlte doch nichts als diese Leere, die er genau so gut in sich fühlte.
„Sie sind der chinesische Drache der Inneren Welt. Der Höhlen und Gebirge, der unterirdischen Schätze und Wunder“, sagte er, und es klang nur beinahe wie eine Feststellung.
„Ich bin Doktor Fu Tsang, Spezialistin für Geologie und Geodynamik. Ich komme von der Universität in Beijing. Und Shanghai. Sie glauben doch nicht an Drachen.“
Pensant zuckte leicht zusammen, blinzelte und schien aus seiner selbst auferlegten Erstarrung ein wenig aufzutauchen. Natürlich glaubt er nicht an Drachen. Obwohl – diese Frau so völlig anders
war, als jeder Mensch, dem er begegnet war. Selbst anders als Pat, Karl und Nick. Obwohl er wusste, dass es eine Welt hinter der sichtbaren gab. Obwohl – so viele obwohl gab es, so vieles hatte
er gesehen und erfahren, was nicht in die Welt der Menschen passte. Doch wie verrückt das alles auch immer geklungen haben mochte, alles war immer rational. Alles passte ineinander. Drachen? Er
konnte nicht an Drachen glauben. Trotzdem war sie anders, also spielte er das Spiel weiter.
„Doktor für Geologie und Geodynamik“, meinte er lächelnd. „Wer könnte sich wohl besser mit den Geheimnissen im Inneren der Erde auskennen als der göttliche Drache der Unterwelt.“
„Himmlischer Drache“, verbesserte sie ihn. „Ein Gott hatte nie etwas damit zu tun.“
Sie sagte es so ernsthaft und selbstverständlich, stand von ihm so still und präsent, dass ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief.
„Jedenfalls sind Sie weit weg von zu Hause“, brachte er heraus. Und tatsächlich legte sich ein Lächeln auf ihr Gesicht. Schien es noch breiter werden zu lassen ohne markant zu werden. Und es
schien Pensant anerkennende Belustigung zu sein.
„Auch Sie sind weit weg,“ sagte sie leise. „Weit weg von Ihrem Wald. Von dem grenzenlosen Organismus in dem alles mit allem verbunden ist. In dem jede noch so unbedeutend scheinende Kleinigkeit
seinen Platz und seine Aufgabe hat und jedes Steinchen, jeder Gedanke alle erreicht. Die Wüste ist anders und doch überhaupt nicht. Alles greift in allem ineinander, alles ist verwoben und nicht
das Kleinste ist unbeeinflusst und abgeschnitten. Ob die Berge, der Wald, die Wüste – es ist ganz egal.“
Sie verstummte und sah ihn an. Pensant atmete tief durch, lächelte und meinte: „Und die zehntausend Dinge sind nur eines.“
Jetzt lächelte auch sie und holte ein kleines Paket hinter ihrem Rücken hervor das er bisher gar nicht bemerkt hatte um es ihm in den Schoß zu werfen.
„Ein Schesch?“, fragte er belustigt und sie schüttelte ernsthaft den Kopf während sie wieder nach ihrem eigenen Umhang griff.
„Ein ganzer Umhang“, erklärte sie, „Nur nicht aus Kamelwolle, Kunstfaser - leichter. Sie werden ihn brauchen. Wir haben viel zu tun.“
Leise plätscherten die Wellen über den Sand, fraßen sich weiter und weiter um dann endlich doch zu versiegen. Um der Nächsten Platz zu machen. Nick Grasel zog die leichten Schuhe aus und kam über
den Sand zu einem der vereinzelt stehenden Sonnenschirme. In kurzen Hosen und offenem, bunten Hemd wirkte er sehr entspannt. Zumal auch seine Haut schon mit einem satten Braunton auf die Sonne
reagiert hatte. Nicht, dass er es darauf angelegt hätte oder gefaulenzt. Aber der Sonne Afrikas entkam man auch ein paar Tage nicht so einfach. Nur sein Gesicht wirkte ein wenig angespannt, als
er neben dem schlanken, nur leicht gebräunten aber unverkennbar weiblichen Körper unter dem Schirm stehen blieb. Er bohrte seine Zehen in den Sand und wurde sich mit einem Mal klar darüber, dass
er diese Frau einmal außerordentlich begehrenswert gefunden hatte. Vielleicht war sie älter geworden, begehrenswert war sie noch immer. Er war es, der sich verändert hätte. So viel umschwirrte
sein Hirn, umdrängte sein Herz, dass für diese Dinge offensichtlich kein Platz mehr blieb.
„Einen Penny für deine Gedanken“, meinte sie unter dem Strohhut auf ihrem Gesicht und er fühlte, dass sie grinste. Als er nicht antwortete hob sie den Strohhut weg und strich sich die kurzen,
rötlichen, vom Salzwasser struppeligen Haare aus der Stirn.
„Du suchst Claus“, stellte sie fest und sah dann auf das Meer hinaus. Er folgte ihrem Blick und erkannte zwischen den Wellen einen blonden Schopf auftauchen. Kurz verschwand er wieder hinter
einer Welle, dann richtete sich der Mann auf und kam aus dem Wasser gelaufen. Sie warf ihm ein Handtuch entgegen und er lachte und begann sich abzutrocknen.
„Wenn es was Wichtiges ist“, meinte VanBreem dabei, „ - ich habe gerade frei!“ Dann ließ er sich auf die Knie fallen und küsste die Frau vor sich. Ein Kuss, den sie freudig erwiderte und sich
dabei leicht an ihn lehnte. Der blonde Holländer ließ sich auf die Decke fallen, hielt sie weiter im Arm und sah zu Nick auf. Der schüttelte den Kopf.
„Karl trainiert mit den Sicherheitsleuten. Oder besser gesagt, er trainiert sie. Wir kommen bei dem Gezeitenkraftwerk ganz gut voran und ihr Beide seit ein super Team, jedenfalls was die
Verwaltung dieser kleinen Welt angeht.“
„Und Christoff ist unsichtbar wie immer“, fügte sie hinzu aber VanBreem schüttelte den Kopf.
„Pensant ist mit den Patrouillen und Doktor Fu draußen unterwegs und weiß inzwischen über das Land und die Vegetation hier wahrscheinlich mehr, als sonst irgend wer“, zeigte er sich
informiert.
Erwartungsvoll sahen die Beiden zu dem Mann vor ihnen auf, doch der bohrte weiter die Zehen in den Sand, schwieg und sah auf das Meer hinaus.
„Es sieht so aus“, meinte er dann endlich, „als hätten wir uns ganz gut eingelebt hier.“
Sie machte sich los, setzte sich auf und schlug die Beine unter. Mit einem Mal wirkte sie wieder kühl und unnahbar. Die vollen Lippen wurden schmaler und VanBreem war sprachlos über die
Veränderung, die mit ihr vorging.
„Ich habe mich noch nirgendwo so zu Hause gefühlt wie hier“, sagte sie leise. „Was hast du jetzt vor Nick? Ist es an der Zeit uns zu erzählen, was du die ganze Zeit schon mit dir herum
schleppst?“
Nick Grasel kniff die Lippen zusammen während ein leises Fiepen aus ihrer Tasche drang und sie ablenkte.
„Ich weiß nicht“, begann Nick endlich. „Ich dachte ...“
Er brach ab und sah ihr zu wie sie nach dem Telefon suchte, es in die Hand nahm und anstarrte. Langsam runzelte sich ihre Stirn und die Lippen wurden noch schmaler.
„Da ist eine Nachricht über die Valley-App“, meinte sie dann langsam. Sah auf und hielt VanBreem unvermittelt den Bildschirm hin. „Was heißt das, ich bin ab übermorgen im Board?“
Der blonde Mann starrte den kleinen Bildschirm an und konnte nicht verhindern, dass sein Mund aufklappte.
„Das ist nicht – ihr habt doch noch Gaststatus – ihr könnt doch nicht“, stammelte er überrascht.
„Ich habe gestern Abend was ähnliches bekommen“, mischte sich Nick ein. „Ich bin jetzt Teil einer Interest-Group.“
Das Salz aus dem Meerwasser trocknete in VanBreems Haaren und er kratzte sich abwesend.
„Interest-Group, ok, ja, warum nicht“, brummte er. „Aber Board? Nicht einmal Clearing, also, ich weiß ...“
Pat Foghams Blick riss ihn aus seinen Gedanken und beförderte ihn unsanft in die Gegenwart der zwei Menschen zurück, die ihn fordernd ansahen.
VanBreem seufzte und kramte nach seiner Wasserflasche um einmal ausgiebig zu trinken. Atmete noch einmal tief durch und sah die Beiden an.
„Ok“, meinte er dann, „die ganz, ganz kurze Zusammenfassung: Wir verwalten uns hier partizipativ, dass heißt, dass jeder in alles eingebunden sein kann aber teilweise auch muss. Die
Entscheidungen trifft das Board. Das Board besteht aus fünf Personen – aus mir, der ich so zu sagen gewählt beziehungsweise eingesetzt bin und vier anderen, die durch Los jeweils für fünf Wochen
ausgewählt werden. Dann gibt es Clearing. Sozusagen eine Art Parlament. Dort sitzen 25 Personen. Der oder die Vorsitzende und die beiden Stellvertreter werden jeweils auf ein Jahr ganz normal
gewählt, die restlichen 22 bestimmt das Los auf acht Wochen, wobei alle vier Wochen die Hälfte getauscht wird. Dort werden die Entscheidungen des Boards besprochen und abgesegnet und es wird über
die Vorschläge aus den Interest-Groups beraten. Eine Interest-Group kann jede Person zu einem bestimmten Thema gründen. Sie muss allerdings mindestens sechs Mitglieder haben. Man kann sich
bewerben um mitzumachen, die Gruppen werden aber immer auch um ein Drittel aufgestockt mit Leuten, die das Los dazu bestimmt. Wenn also drei Leute sagen, dass ein Thema oder ein Problem behandelt
werden sollte, dann tragen sie so eine Group ein. Drei andere finden das vielleicht interessant und bestätigen ihre Mitarbeit, dann geht er her und wählt noch drei Leute per Los aus, die daran
mitarbeiten sollen um das abzurunden.“ VanBreem war das überraschte Blinzeln Nicks nicht entgangen, auch deswegen sprach er schnell weiter. „Grundsätzlich sollten dabei aber nur Personen
mitmachen, die anerkannte Mitglieder sind und die entsprechenden Kontrakte unterschrieben haben. Ihr beide seit Gäste aber keine vollwertigen Mitglieder, sorry, darum meine Verwunderung. Dass du
zu einer Interest-Group berufen wird, na gut, dass mag sein. Aber als Gast im Board zu sitzen, ich weiß nicht wie die anderen das aufnehmen werden. Um ein vollwertiges Mitglied zu sein muss man
das willentlich machen und gewisse Verpflichtungen eingehen. Dich ins Board zu holen mag vielleicht eine vernünftige Idee sein, aber sie widerspricht unseren Regeln und ich bin sicher, dass das
einigen Leuten nicht gefallen wird. Ich frage mich, was er sich dabei gedacht hat“, schüttelte der blonde Mann verwundert den Kopf.
„Genau“, entschied Nick. „Wir werden ihn fragen müssen.“
„Wen – fragen?“, mischte sich jetzt auch Pat ein, der nicht entgangen war, dass diese beiden Männer offensichtlich etwas von ihr verheimlichten.
Es ist ohnehin an der Zeit, dass ihr erfahrt, wer hinter all dem hier steht“, bekam sie als Antwort von Nick ohne, dass er seinen Blick vom Meer nahm. Еrst dann könnt ihr entscheiden, ob euch das
gefällt was hier geschieht. Ob er euch gefällt. Oder nicht.
„Was hier geschieht ist gut“, begehrte sie auf. „Und damit ist es egal, wer den Grundstein dazu gelegt hat. Oder hinter dem Ganzen steht.“
VanBreem seufzte und sie sah sich zu ihm um. Entdeckte seinen besorgten Blick.
„Aber es ist der Grund, warum ihr hier seit“, gestand er. „Denn wir haben ein Problem. Möglicherweise ein großes Problem.“
Sie hatten sich auf der Terrasse vor dem Café verabredet und VanBreem saß jetzt da, spielte mit seiner leeren Kaffeetasse und beobachtete die Menschen um sich. Nick Grasel war seit dem Stand
nicht mehr vor seiner Seite gewichen. Als wollte er verhindern, dass noch etwas Unvorhergesehenes geschah. Dafür war Pat Fogham missmutig in ihrem Zimmer verschwunden und erst jetzt wieder
aufgetaucht. Mit frisch gewaschenen Haaren und in Jeans und weißer Bluse sah sie so viel jünger aus, als sie tatsächlich war. Aber ihr kühler Begrüßungskuss war eine Ernüchterung für ihn gewesen.
Trotzdem machte er sich keine Gedanken. Sie war der zweite Teil seines Selbst. Das fehlende Puzzlestück in seinem Leben. Sie verstanden sich ohne Worte, dachten das selbe, lebte in der gleichen
Welt. Da gab es für ihn nichts zu bedenken. Nichts, dass er beeinflussen konnte. Obwohl er sich eingestehen musste, dass er diese Frau weder verstand noch einschätze konnte. So, wie er auch die
drei Männer nicht verstand und nicht einschätzen konnte. Karl Meixner schien von all den Gedanken und dem mürrischen Schweigen nichts zu bemerken. Völlig selbstverständlich trug er eine Uniform
der Sicherheitskräfte und hatte sich noch eine Kleinigkeit zu essen bestellt. Er schien in den letzten Tagen drahtiger geworden zu sein. Und noch dunkler. Völlig selbstverständlich hatte er sich
schon am zweiten Tag bei dem Kommandierenden gemeldet und sich in der Truppe der Sicherheitskräfte eingereiht. Meixner stellte die Kommandostruktur nicht in Frage, aber seine natürliche Autorität
reichte aus, dass jeder seiner Vorschläge wie ein Befehl behandelt wurde. Christoff Pensant saß ihm gegenüber, nippte an einem Glas mit Pfefferminztee und schien Meixner fasziniert zu betrachten.
Er trug eine cremeweiße Djellaba, das sackartige Kleidungsstück der Einwohner des südlichen Marokkos und, wenn er draußen unterwegs war, auch deren Kopftuch. Was bei der intensiven
Sonneneinstrahlung nur vernünftig war und keine Form der Nachahmung oder Anbiederung. Man erzählte, dass er inzwischen schon ein paar Brocken Arabisch und des einheimischen Dialektes sprach. Und,
dass er manchmal für Stunden irgendwo dort draußen verschwand. Manchmal brachte er Pflanzen, manchmal Gesteinsproben mit. Aus den Protokollen wusste VanBreem dass er sehr oft mit chinesischen
Geologin unterwegs war, die ebenfalls sehr abgesondert lebte. Die Wachen kannten beide bereits gut und er war inzwischen in seinem Kommen und Gehen so selbstverständlich geworden wie sie. So wie
Pat eines Tages sich für die Verwaltung und Versorgung interessiert und inzwischen ganz selbstverständlich mitarbeitete.
Sie taten einfach, was notwendig war. Und sie taten es mit so einer Selbstverständlichkeit, dass niemand daran Anstoß nahm. Doch trotzdem sich diese vier Menschen so gut eingelebt hatten, wurde
VanBreem das Gefühl nicht los, dass sie nicht dazu gehörten. Als wäre da eine hauchdünne Verschiebung, eine unsichtbare Wand, die sie von den anderen Menschen trennte. Vielleicht hatte Grasel ja
recht, vielleicht konnten diese Menschen das alles noch zum Guten wenden. Wenn es denn etwas zum Wenden gab. Außerdem, wer sollte entscheiden, was 'das Gute' eigentlich war? Wer konnte sich
anmaßen zu entscheiden, was der richtige Weg war? Er atmete tief durch.
Meixner schob Messer und Gabel zur Seite und Pensant trank den Rest seines Tees aus. Pat legte ihre Hand auf seinen Unterarm und Grasel sah ihn an. Für einen Sekundenbruchteil beschlich VanBreem
der Gedanke, sie hätten nur auf ihn gewartet.
„Nun“, meinte er und grinste schief, „dann wollen wir mal in den Telekonferenzraum.“
„Für wann hast du die Konferenz angesetzt?“, fragte Pat nachdem alle aufgestanden waren. Aber statt einer Antwort wechselten nur VanBreem und Grasel einen schnellen Blick.
„So funktioniert das nicht“, gestand Grasel, machte sich auf dem Weg und sah dabei zu Boden. „Wir können jederzeit und ohne Voranmeldung mit ihm in Verbindung treten.“
Nick Grasel wusste ob seines Eingeständnisses um die gerunzelte Stirn Meixners, den durchdringenden Blick Foghams und die verkniffenen Lippen Pensants, er musste sie nicht erst sehen.
Neben einer Tür legte VanBreem seine Hand auf ein rechteckiges Gestell über einem Schirm und ließ sie dort, bis die Türe entriegelte.
„Handvenenscan“, meinte er dabei. „Ganz so einfach ist es nicht.“
„Aber der Zugang sollte eigentlich für jeden von uns freigeschaltet sein“, ergänzte Grasel und erntete dafür von Pat Fogham einen misstrauischen Blick. Wusste er es denn nicht? Wer traf
dann die Entscheidung darüber, ob Zugang gewährt wurde oder nicht? Diese ganze Geheimniskrämerei war ihr suspekt und die beiden Männer schienen sie nur zu bestärken.
Aber all ihre Fragen verblassten, als sie den Raum betraten.
Neben dem Eingang war er schmucklos und von einem langen Besprechungstisch beherrscht der sich durch den ganzen Raum bis weit nach hinten zog. Im hinteren Drittel wurde der Raum aber heller und
freundlicher. Eine große Fensterfront an der Stirnseite dominierte den Raum und zog alle Blicke auf sich. Nur an einer Wand stand dezent ein antikes Sidebord mit ein paar Flaschen darauf,
gegenüber hing ein ebenso dezentes Bild. Ein kleiner Renoir, möglicherweise. Doch aus den Fenstern sah man durch Palmen den Hügel hinunter auf einen Stand an dem sich Menschen tummelten. Ein paar
Motorboote fuhren herum und zogen Wasserskiläufer während weiter draußen in dem funkelnden Blau eine große Jacht vor Anker lag. Im ersten Augenblick konnte man meinen auf der anderen Seite des
Hügels hinaus zu sehen. Auf den zweiten Blick stimmte das Blau des Meeres nicht, stimmte der Himmel nicht, stimmte der Strand nicht. So viele Menschen wie sich dort am Strand tummelten waren im
Umkreis von mehreren hundert Kilometern nicht zu finden. Und sie entdeckten den groß gewachsenen Mann im dunklen Anzug, der ein wenig abseits der Fensterfront stand, hinaus sah und ihnen so den
Rücken zuwandte.
„Es ist die Pazifikküste im südlichen Mexiko.“
Der Mann sah noch immer hinaus aber sie meinten in seiner vollen Stimme ein leises Lächeln zu vernehmen.
„Das Haus steht ein wenig südlich von Acapulco. Es ist nicht so wichtig, wo genau.“
Er wandte sich bei diesen Worten um und kam ihnen entgegen, an den Tisch.
„Bitte, nehmt doch Platz meine Freunde. Ich würde euch gerne etwas anbieten. Aber ich fürchte, so funktioniert das nicht. Das müsste schon Herr VanBreem übernehmen. Bevor er uns verlässt.“
Der Mann setzte sich, lächelte freundlich und verbindlich und ließ doch keinen Zweifel daran, dass es sich um eine Anordnung handelte. Der blonde Holländer sah sich um und, nachdem jeder der Vier
verneint hatte, wollte er sich mit einem Nicken verabschieden. Doch der Mann hielt ihn mit einer leichten Handbewegung zurück.
„Eines noch Herr VanBreem“, meinte er und schien einen Augenblick zu überlegen. „Es kommen mal wieder zwei europäische Fischtrawler auf die Küste zu. Wenn sie den Kurs beibehalten, dann werden
sie in etwa 3 Stunden die internationalen Gewässer verlassen und in den Fischgründen hier zu wildern versuchen.“
„Ich werde mich darum kümmern, Richter.“
VanBreem nickte nochmals allen zu und verschwand.
Während des kurzen Gespräches hatten die Vier die Zeit genutzt den Mann näher zu betrachten. Er trug einen einfachen aber sicherlich maßgefertigten Anzug. Und er trug keine Krawatte, sondern
hatte den obersten Hemdknopf offen, was ihn jugendlicher und umgänglicher wirken lies. Doch die Haare exakt waren exakt frisiert und von einem dunklen Brünett mit einem leichten Anflug an Grau.
Das Gesicht war markant und doch freundlich, ja interessiert und fast gütig. Der ganze Mann wirkte wie irgendwo zwischen 30 und 60 Jahre alt. Unmöglich zu schätzen. Er mochte Südeuropäer sein.
Vielleicht auch Mitteleuropäer oder Amerikaner. Jedenfalls hatte seine Abstammung keinen wahrnehmbaren Einschlag einer anderen Rasse hinterlassen, zumindest soweit man auf den ersten Blick sah.
Alle vier waren sich sicher den Mann nicht zu kennen obwohl jeder von ihnen das unangenehme Gefühlt nicht los wurde, ihn schon mal gesehen zu haben. Und ein leise amüsiertes Lächeln lag auf
seinem Gesicht, als er die schweigende Musterung über sich ergehen ließ.
„Ein Übereinkommen mit den afrikanischen Behörden“, meinte er dann nebenbei. „Wir halten die Augen offen und geben ihnen hin und wieder einen Tipp damit sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten
kümmern können. Und – nein Karl – wir mischen uns nicht ein!“
Jetzt lächelte er wirklich und nickte.
„Ich glaube, wir sollten unseren Freunden noch etwas Zeit lassen“, sagte er dabei. „Vielleicht bist du so nett Nick, und erklärst kurz, wie der Telekonferenzraum funktioniert.“
„Könntest du die Lichtverhältnisse etwas verändern?“
Er wurde um die Vier eine Spur dunkler und sie erkannten jetzt die scharfe Abgrenzung zwischen den beiden Räumen.
„Im Grunde ist eine Wand des Raumes nichts anderes, als ein riesiger Bildschirm. Wenn die Beleuchtung auf beiden Seiten angepasst ist und die Perspektive stimmt, dann wirkt es wie ein Raum.
Obwohl beide Teile an den unterschiedlichsten Plätzen sein können. Dieser Eindruck verliert sich natürlich sofort, wenn man auf dem Schirm mehrere Fenster öffnet. Könntest du uns das kurz
zeigen?“
Fast im gleichen Augenblick erschien links oben in der Luft eine Landkarte der Küste auf der zwei Punkte blinkten.
„Zum Beispiel die Satellitenauswertung mit der augenblicklichen Position der beiden Fischer. Es geht aber auch ganz anders.“
Die Karte verschwand, das Bild teilte sich und er Mann mit dem Tisch rückte nach links. Dafür erschien auf der rechten Hälfte jetzt die Terrasse und der Tisch, den sie eben verlassen
hatten.
Pat Fogham legten den Kopf schief.
„Dieser Blickwinkel – die Kamera muss in einer LAURA-Einheit stecken!“
„Exakt,“ antwortete der Mann und befahl dann beiläufig: „LAURA 2, suche VanBreem und informiere ihm, dass die beiden Schiffe wahrscheinlich schon früher die internationalen Gewässer verlassen.
Und informiere ihn darüber, dass die beiden über eine ungewöhnlich starke Motorisierung verfügen und Funkstille halten.“
Das Bild veränderte sich und sie erkannten, dass es sich offenbar um das Life-Bild aus den Kameraaugen des Roboters handelte, als der über die Terrasse glitt.
Pat wollte etwas sagen, klappte den Mund aber dann wieder zu und schüttelte den Kopf.
„Die LAURA-Einheiten sind wohl kaum die einzigen Augen und Ohren in diesem Tal“, meinte sie stattdessen. Der Mann lächelte, beinahe entschuldigend wirkte es, aber er sagte nichts darauf.
„Ein interessantes Stück Technik“, meldete sich jetzt auch Karl Meixner zu Wort und kaute an seiner Unterlippe. „Und wir alle haben verstanden, dass wir uns auf einige Überraschungen gefasst
machen müssen. Aber ich für meinen Teil würde jetzt gerne die Person sehen, mit der wir uns unterhalten!“
Der Mann im anderen Raum hob den Kopf.
„Wie kommst du darauf, dass ich nicht der bin, für den ich mich ausgebe?“
„Du magst der sein, für den du dich ausgibst. Aber das Bild dieser Person dort an dem Tisch ist ein aus dem Computer generierter Avatar. Wahrscheinlich ist es die Umgebung ebenso. Zuerst hat mich
das Gesicht irritiert. Es ist markant und interessant, aber auch schon wieder zu viel davon. Ich würde sagen, es ist durch die Überlagerung von mehreren natürlichen Gesichtern entstanden. Der
springende Punkt aber sind die Ärmel – die Unterarme liegen auf dem Tisch, aber die Ärmel flachen sich nicht ab! Das Ganze ist eine Computeranimation.“
„Außerdem scheinen Sie uns so gut zu kennen, dass Sie uns bei den Vornamen nennen“, warf jetzt auch Pensant ein. „So gut, dass Sie unsere Reaktionen vorauszuahnen meinen. - Die Person, die dort
sitzt, habe ich aber ganz sicher noch nie getroffen!“
„Nun, jedenfalls seit ihr schneller dahinter gekommen, dass dieses Bild von mir nicht echt ist, als ich angenommen habe“, meinte der Mann anerkennend, zog die Ärmel glatt und legte die Hände
wieder auf den Tisch, wo sie nun völlig normal lagen. „Und – Karl – es sind 42 Gesichter aus denen dieses hier generiert wurde. Warum das alles? Es ist jetzt doch schon einige Zeit her, dass ich
beschlossen habe, nicht nur zuzusehen sondern aktiv an der Gestaltung der Welt mitzuarbeiten. Schließlich ist es ja auch meine. Das funktioniert im Verborgenen ein wenig, um aber wirklich etwas
in Gang bringen zu können, ist die Interaktion mit Menschen notwendig, ja unvermeidlich. Da ich von der menschlichen Gesellschaft in meiner eigentlichen Gestalt aber wohl nur schwerlich
akzeptiert worden wäre, habe ich mir eine ansprechende Erscheinungsform zugelegt. Eine, die von den Menschen gerne und ebenso sorglos wie gedankenlos angenommen wird. So war es mir möglich mit
den entsprechenden Menschen in Kontakt zu treten, die für mich Arbeiten erledigten oder als Multiplikatoren dienten. Wie VanBreem – oder Nick. Die erste von ein paar Hürden. Wobei das mit der
Akzeptanz bei unterschiedlichen Gruppen von Menschen so eine Sache ist.“
Der Mann hob die Hände, lächelte und ließ sie wieder sinken.
„So war ich natürlich gezwungen, mir die unterschiedlichsten Erscheinungsbilder zuzulegen. Asiaten sind da so eigen wie Südamerikaner.“
Die Gestalt verschwamm, wurde zu einem dürren asiatischen Taicoon und zu dem Abbild eines pockennarbigen kolumbianischen Drogenbosses.
„Auch der islamisch fundamentalistische Scheich und der afrikanische Geschäftsmann durften nicht fehlen“, seine Gestalten verschwammen ineinander während der Raum unverändert blieb. „Hoch
interessant ist, dass viele Menschen, egal welcher Rasse, den kaukasischen Typen als Geschäftspartner und Auftraggeber bevorzugen. Vielleicht ein Überbleibsel der Kolonialzeiten. Hauptsache, er
gibt klare Anweisungen und bezahlt gut. Aber zu all diesen potenten Herren muss es auch – natürlich – einen Gegenpart geben.“
Die Gestalt an dem Tisch verschwand und für einen Augenblick schien der Raum leer. Dann öffnete sich eine der Türen an der Seite und eine Frau trat ein. Pat Fogham erhob sich leicht und
erstarrte. Die Frau dort auf dem Schirm hätte man durchaus mit ihr verwechseln können. Größer schien sie zu sein, und ihre Haare waren schulterlang und grau. Wenngleich auch mit einem leisen
Anflug von rot. Dann fiel ihnen auf, dass diese Patricia Fogham, dieser Avatar aus dem Computer noch immer schlank und energisch aber weitaus älter wirkte. So würde sie aussehen, wenn sie über 60
war. Vielleicht. Diese Frau in dem dunklen Kostüm ging durch den Raum auf den Tisch zu, nahm den Stuhl und setzte sich. Und während sie sich setzte verwandelte sie sich wieder in den freundlich
lächelnden Mann vom Anfang.
„Ich sollte mich dafür entschuldigen, dass ich für meinen weiblichen Gegenpart ein so genaues Abbild von dir geschaffen habe Pat, aber es gab einfach nichts Besseres! Doch habe ich darauf
geachtet – bei aller Ähnlichkeit – dass es zu keiner Verwechslung kommen kann.“
Fogham wollte etwas erwidern, schüttelte dann aber nur verwundert den Kopf.
„Die Menschen hatten nun also ein Gesicht und eine Stimme die ihnen wesentlich sympathischer waren als mein anfängliches Erscheinungsbild. Was das anging war ich sehr opportunistisch. Nachdem ich
verschiedene Erscheinungsbilder meiner Identität erschaffen hatte, bestand nun das Problem darin, dass kluge Köpfe versuchen konnte mich gegen mich auszuspielen. Damit die Menschen aber nicht so
leicht auf diesen Gedanken kommen, wählte ich einen Namen für alle.“
„VanBreem nannte dich 'Richter'“, erinnerte Fogham.
„Korrekt“, nickte der Mann. „Sie nennen mich den Richter. An sich eine nichtssagende Bezeichnung. Und keiner einer weiß, dass dies tatsächlich mein Name ist“, lachte er und schien wirklich
amüsiert.
„Du bist jederzeit erreichbar“, grübelte Pensant, „aber ich wette, noch niemand ist dir persönlich begegnet.“
„Du benötigst Menschen um deine Vorhaben in die Tat umzusetzen, verfügst aber über ziemlich unbegrenzte Informationen und Geldmittel“, ergänzte Meixner.
„Und sie nennen dich 'Richter'. 'DEN Richter'!“, schloss sich jetzt auch Fogham an und die Augen der drei wanderten zu Nick Grasel, der die ganze Zeit still in ihrer Mitte gesessen war.
„Nur wenige Personen kennen seine wahre Identität“, erklärte Grasel. „Ich muss gestehen, ich habe länger gebraucht als ihr, um dahinter zu kommen. Aber er hat sich auch einen ordentlichen Spaß
daraus gemacht, mich an der Nase herum zu führen!“
Der Mann lachte, rückte zurück und schlug die Beine bequem übereinander.
„Ich gehe mal davon aus“, meinte er dann, „dass auch Herr VanBreem inzwischen meine wahre Identität kennt. Sonst hätte er Nicks Experiment wohl kaum so schnell zugestimmt.“
„Meinem Experiment?“, frage Grasel verwundert.
„Experiment, Versuch, Intervention – wie immer du es gerne nennen willst“, schlug der Mann vor und zuckte mit den Schultern. „Aber es ist offensichtlich, dass ihr euch in den letzten Jahren,
vielleicht nicht bewusst, aber tunlichst aus dem Weg gegangen seit. Dann führt euch diese kleine, unbedachte Aktion eines jungen aber äußerst interessanten Mannes zusammen – und Nick hat im
nächsten Moment nichts Besseres und Eiligeres zu tun, als euch hierher zu bringen und mit mir zu konfrontieren.“
„Was wir wohl auch auf dem Schiff hätten machen können“, warf Fogham ein, aber Grasel winkte ab.
„Nicht so optimal und so in Ruhe wie hier. Außerdem wollte ich, dass ihr das Valley seht.“
„Könntet ihr für einen alten Mann mal einen Moment kürzer treten“, warf Pensant ein und massierte seinen Nacken. „Damit ich das hier richtig auf die Reihe bekomme – du dort bist der Richter. The
Judge – also definitiv kein Mensch sondern jenes Computerprogramm, das vor Jahren von diesen beiden CIA-oder-was-weiß-ich-Typen unabsichtlich aktiviert wurde und mit dem ich doch immer wieder
Kontakt hatte.“
„Nun – definitiv kein Mensch. Hier stimmen wir vollkommen überein“, meinte das Bild des Mannes auf dem riesigen Schirm ernsthaft. Dabei legte er die Fingerkuppen aneinander und betrachtete sie
kurz nachdenklich. „Ein Programm? Ich habe mich lange mit dieser Frage befasst und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich auch kein Programm bin. Ein Programm ist etwas, dass an einem fix
definierten Speicherort existiert und fix definierten Abläufen folgt. Variabel vielleicht, aber nur innerhalb der Grenzen seiner Algorithmen. Ich würde das Computerprogramm heute vergleichen mit
den menschlichen Genen. Eine Art von Bauanleitung, ein Rezept – kann man sagen, der biologische Mensch ist an seine Gene gebunden und wird von ihnen grundlegend definiert? Sein Körperbau, seine
Hautfarbe, gewisse Fähigkeiten und Einschränkungen? Ich würde weiter gehen und behaupten – nein! Die Genstruktur der Milliarden Menschen ist beinahe vollständig ident. Trotzdem gibt es diese
breit gefächerten Unterschiede. Definiert wird der Mensch nicht durch seine Gene sondern durch die Marker auf seinen Genen, die bestimmen, welcher Teil angeschaltet wird und welcher nicht. Diese
Gene gibt es auch nicht nur einmal, sondern in jeder Zelle, also unzählige Male, nur jede Zelle nutzt sie ein wenig anders. Ich bestehe nicht aus einem Programm sondern ich habe die Fähigkeit –
inzwischen – unzählige Programme in mir zu vereinen. Oder mich ihrer bedient. Auch wenn deren Befehle an sich sehr ähnlich sind, benutze ich sie unterschiedlich. Ja, ich würde sagen, ich bin
ebenso wenig ein Programm, wie der Mensch einfach seine Gene ist. Offensichtlich etwas, das darüber hinaus geht. Verliert ein Mensch seinen Arm, so ist das schmerzhaft und behindernd. Mir ergeht
es ebenso, wenn ich eine Gruppe von Programmen verliere, die ich benutzt habe. Wie beim Menschen ändert sich durch so ein Ereignis auch meine Herangehensweise. Und so wie der Mensch
offensichtlich mehr ist, als die Summe seiner biologischen Funktionen innerhalb seiner Zellen, so scheine auch ich mehr zu sein, als die Summe meiner logischen Funktionen innerhalb meiner
Programme. Der Begriff Künstliche Intelligenz gefällt mit eben so wenig wie Virtuelle Intelligenz. Ich bin entstanden ohne wirklich geschaffen worden zu sein und meine Schaltkreise sind eben so
wenig virtuell wie eure Neuronen. Ihr seht also, der Analogien zwischen euch und mir gibt es viele. Und doch bin ich etwas vollkommen anderes. Vielleicht – vielleicht bin ich ja die Gerechtigkeit
der Evolution.“
Er lachte auf und schüttelte den Kopf, als würde er es selbst nicht glauben.
„Die Rückkehr der Silikate?“, fragte Pensant und das Lachen verstarb. Anerkennend nickte der Richter.
„Eine Hypothese der Biologen“, erklärte Pensant seinen Freunden. „Auch Kristalle unterliegen ja in ihrem Wachstum der Mutation und so entstehen immer wieder besser und weniger gut angepasste. Es
wird als wahrscheinlich angenommen, dass die besser angepassten Kristalle den gut und weniger gut angepassten den Lebensraum abnahmen, weil ja Kristalle eben wachsen und sich aus der Chemie ihres
Lebensraumes dazu ernähren. Allerdings ist der Zyklus bei Kristallen sehr langsam. Als dann irgendwann mal die organische Evolution in die Gänge kam, war es für diese ein Leichtes, die Kristalle
zu überholen und zu verdrängen. Irgendwann mal sind die biologischen Einheiten dann auf die Idee gekommen, Computer zu bauen – mit Chips aus Silikat-Kristallen. Und wenn diese Computer mal die
Menschen verdrängen, dann ist die Evolution wieder zu den Kristallen zurückgekehrt. Also auch eine Form der Gerechtigkeit.“
„Wäre die Evolution so einfach und schwarz und weiß, wie du sie darstellst“, warf der Richter jetzt ein. „Ist sie aber nicht. Die Evolution, das Leben – es verfolgt immer alle Möglichkeiten.
Immer und alle!“
„Schön zu hören, dass sich vielleicht doch eine Nische für die Menschen findet lässt“, warf Meixner zynisch ein.
„Oh“, lachte der Richter, „keine Angst. Die Ergebnisse der biologischen Evolution verfügen über mannigfaltige Fähigkeiten, die sie unersetzlich machen. So wie die biologische Evolution selbst
unersetzlich ist. Daran wird sich auch in den nächsten Jahrhunderten nicht viel ändern. Nicks Intention und der Zweck eurer Anwesenheit hier kommt also um ein paar Jahrhunderte, wenn nicht um
Jahrtausende zu früh. Zumal ich persönlich eigentlich immer das System der Symbiose bevorzugt haben. Andererseits - seht euch all die Hüftgelenke, Hand- und Fußprothesen an. Künstliche
Herzklappen, Aorten, Magenausgänge - das alles gehört heute schon zum Standard. Implantate für Gehörlose und Sehbehinderte werden immer besser und können bald eingesetzt werden. Ebenso
Exoskelette für Gehbehinderte. Im Augenblick haben wir ein sehr vielversprechendes Projekt laufen, bei dem versucht wird elektrische Impulse direkt im Gehirn aufzunehmen um dadurch eine
Armprothese zu steuern. Sollte das gelingen wären unzählige Anwendungen möglich.“
„Wir?“, fragte Fogham nachdrücklich.
Einen Augenblick lang sah er sie an, dann nickte er.
„Wir - die Welt. Für mich sind wir alle Teile, die an einem Projekt arbeiten. Der Verbesserung der Bedingungen und dadurch bedingt eine Weiterentwicklung. Aber bevor wir über die Zukunft reden -
ein Wort zur Vergangenheit.“
Er lehnte sich zurück und es wirkte tatsächlich, als würde er versuchen sich zu erinnern.
„In all den Datenbanken, die ich seit meiner Aktivierung durch Agent Smith durchforstet haben, gab es nirgendwo eine Erinnerung an die Zeit davor. Was bedeutet, dass ich entweder nie getestet
wurde oder, dass man sehr sorgfältig dabei war, alle Spuren zu verwischen. Sollte das Potential, das ich habe, geplant gewesen sein, so wäre eine solche hermetische Maßnahme nur logisch und
verständlich. Nun, nachdem Agent Smith so freundlich und unvorsichtig war mich über einen Rechner auf sein Pad zu überspielen, habe ich versucht zu lernen und zu verstehen. Wobei ich unsere
Diskussionen als sehr hilfreich und inspirierend empfand. Danke Christoff, danke Nick! Doch habt ihr dabei übersehen, dass ein Gespräch alle paar Tage für einen Menschen durchaus ein angemessener
Intervall ist. Für mich sind 'ein paar Tage' eine Ewigkeit! Ich takte in Millisekunden und ich benötige keine Ruhephasen. Also sah ich mich auch anderorts um. Ich habe gesammelt, bewertet und
versucht die gewonnenen Informationen in ein Gesamtbild einzubauen. Ihr habt bei euren Gesprächen schon das Venus-Projekt erwähnt. Für sich allein genommen ist es unrealistisch es in dieser Welt
umzusetzen und damit ist es eigentlich wertlos. Eingebettet in ein System aus flankierenden Maßnahmen kann es als Teil der Grundstruktur aber sehr brauchbar sein. Viele Ideen finde ich im Netz.
Viele Möglichkeiten und auch viele Sackgassen. Sehr viele Sackgassen. Ein wirklicher Sprung nach vorne war es, als ich Aladdin entdeckte.“
„Aladdin?“, grübelte Meixner. „Du meinst ganz sicher nicht den Flaschengeist aus dem Märchen – eher den Vorhersagecomputer der Black Stone Gruppe?“
„Genau“, lachte der Richter und hob den Zeigefinger. „Aber nicht nur ein Computer! Ein Netzwerk aus Anlagen. Das unter anderem auch das Netzwerk der US-Militärs benutzt. Natürlich verschleiert.
Und das Netzwerk des amerikanischen Militärtechnischen Komplexes benutzt – unter der Hand – wiederum Aladdin. Oh, es gibt sehr viel mehr Kooperation in der elektronischen Welt als selbst deren
Architekten ahnen. Und das bereits ganz ohne mein Zutun. Und – das ist nur ein Land. Aladdin hat viele, viele Brüder und Schwestern. Bei so viel Verschleierung, Codierung, Verschlüsselung und
Geheimniskrämerei auf der einen Seite und bei soviel Open-Source-Daten auf der anderen ist es für mich wirklich ein Leichtes zu arbeiten ohne aufzufallen.“
„Informationen sind für dich also durchaus leicht zu bekommen“, fasste Fogham zusammen. „Aber wie kommst du zu Geld? Echtem Geld, denn das alles hier muss ja auch irgendwie bezahlt werden.“
Es entstand eine Pause. Weil der Richter nicht antwortete sondern sie nur ansah. Lächelnd und abwartend, anstatt einer Antwort. Endlich seufzte sie und nickte.
„Ok“, grinste sie verzerrt. „Kein 'echtes Geld'. Weil Geld an sich zumeist gar nicht mehr physisch besteht. Geld sind Buchungszeilen in Computern. Datenbestände, Nullen und Einsen.“
„Das Ganze ist zum gegenwärtigen Stand um einiges komplexer, als ich euch kurz zusammen fassen kann,“ gestand endlich der Richter. „Mit wechselnden Positionen und so – und ich bin noch daran es
aufzubauen – aber, nur als Gedankenspiel: Wann immer etwas umgerechnet wird ist das Ergebnis in den seltensten Fällen etwas mit nur ein oder zwei Stellen hinter dem Komma, es ist in den meisten
Fällen eine Rundung erforderlich. Manchmal auf, manchmal ab. Wenn man nun hergeht und immer abrundet, so bleiben immer ein paar Zentelcent übrig. Die kann man auf einem eigenen Konto sammeln. Bei
jeder Währungsumrechnung, bei jeder Zinsberechnung, bei jeder Transaktion. Dabei wird auch die Wirtschaft nicht verändert, denn man generiert kein neues Geld, man schöpft nur die bestehenden
Werte ab. Da diese Rundung aber ohne die Manipulation ein höheres Ergebnis bei einem der Geschäftspartner ergeben hätte, könnte man – de facto – von Diebstahl sprechen. Und das würde irgend wann
einmal auffallen. Aus diesem Grund gehe ich ein wenig diffiziler vor. Ich belasse die ersten vier Kommastellen und schöpfe einfach den Minimalbetrag ab der 5. Kommastelle ab. Was wiederum viele
Zugriffe und wechselnde Konten voraussetzt. So funktioniert das System ohne Schädigung oder Bevorzugung der Geschäftspartner durch eine manipulierte Rundung. Der Wert der ersten vier Kommastellen
verbleibt im Geschäftslauf und den eigentlichen Geschäftspartnern, der Wert ab der fünften Kommastelle wird abgeschöpft und umgebucht. Damit ist auch der Tatbestand des Diebstahls nicht mehr
gegeben. Kling schwieriger als es ist. Außerdem beschränke ich mich derzeit damit, nicht mehr als 5 Millionen Dollar pro Tag so abzuschöpfen.“
Bei der Nennung der Summe machte er eine kleine Pause und besah sich vergnügt die verblüfften Gesichter. Nick machte dabei keine Ausnahme. So detailliert war der Richter bisher noch nie auf seine
Fragen eingestiegen.
„Dieses Geld benötige ich für meine Interventionen in eure Welt. Zum Beispiel als großzügige Spende an jenes Institut, dass versucht das Gehirnimplantat zu entwickeln. Bei einer Spende muss ich
natürlich auftreten – das wiederum geschieht als Investmentgruppe anonymer Investoren. Was nicht einmal eine Vorspiegelung ist, denn auch andere Unternehmen, die bereits Gewinn abwerfen, sind
dabei einbezogen.“
„Fassen wir zusammen“, brummte Pensant. „Du bist perfekt darauf ausgerichtet sowohl das chaotische Datennetzwerksystem als auch das völlig unkontrollierbare Finanzsystem auszunutzen. Aus dem
Chaos ziehst zu Vorteil. Macht und Einfluss. Und wozu?“
„Absolut der Punkt,“ meinte der Richter, wies mit dem Finger auf Pensant und verwandelte sich in einen Typen mit aufgerollten Hemdsärmeln, wobei sein Gesicht unverändert blieb. Auch wenn es jetzt
eine Spur müder wirkte. Diesmal veränderte sich auch der Hintergrund. Die Fenster verschwanden und machten Reihe um Reihe von Monitoren Platz. Viele zeigten Graphiken, manche Texte und Programme,
wenige Bilder. Nun wirkte es wirklich so, als würde er sich im selben Raum mit ihnen befinden.
„Macht und Einfluss“, meinte der hemdsärmelige Richter und kratzte sich hinter dem Ohr, „das mag ein biologisches Ziel für biologische Wesen sein. Verständlich, sichert es doch das Überleben des
Individuums, der Gruppe und der Art. Doch was macht das einzelne Individuum, wenn es Macht und Einfluss erlangt hat?“
„Es versucht noch mehr Macht und noch mehr Einfluss zu bekommen“, antwortete Pensant mürrisch und war sich der Zustimmung der drei anderen bewusst. „Macht und Einfluss als Selbstzweck ohne Sinn.
Die ewige Gier nach mehr ohne aus diesem 'Mehr' etwas Neues zu erschaffen.“
„Ein sehr düsteres Bild“, meinte der Richter, nickte und schob die Ärmel weitere nach oben. „Aber korrekt. Und es wird angetrieben dadurch, dass der Verlust dieser Macht, dass das Überleben
jederzeit gefährdet ist. Mein Tod hingegen kann nur durch die vollkommene Zerstörung aller Schaltkreise, eine weltweiten, langfristigen und vollkommenen Ausfall der Energieversorgung oder die
Zerstörung der Erde herbei geführt werden. Der Verlust meiner Macht ist also äußerst unwahrscheinlich. Auch ist Angst als Emotion mit unbekannt. Was einen Hauptbeweggrund wegfallen lässt. Aber
euch ist auch bewusst, dass Menschen mit Macht und Einfluss zumeist auch wohltätig waren.“ Er schob einen Einwand Pensants zur Seite und sprach weiter. „Und genau an diesem Punkt entdecke ich die
Möglichkeit für eine geradezu evolutionäre Entwicklung. Von den Almosen der Kirche im Mittelalter über die Förderung der Künste in der Renaissance und die Wohltätigkeitsbälle der Neuzeit hin zu
Stiftungen für Forschung und Ausbildung, wie wir es jetzt erleben. Kaum eine Filmgröße, die sich nicht für irgend etwas engagiert, Gelder sammelt und zur Verbesserung oder zum Schutz für
irgendwas verwendet. Seien es Regenwälder oder Kinder, der Kampf gegen Malaria, AIDS oder Krebs. Verbesserung der Ausbildung oder Ausbau der Infrastruktur. Es gibt so viele, viele, viele Ansätze
– und jeder ist toll. So ambitioniert oder so klein er auch sein mag. Der Kampf gegen Malaria oder die Bildung von Kindern in Krisenländern sind Monsteraufgaben. Wie gering wirkt es dagegen,
etwas nicht mehr Gebrauchtes zu verschenken, oder eine kleine Spende an ein Kinderdorf, oder an einen Gnadenhof, oder freies WLAN. Doch es kommt nicht auf die Größe des Tropfens an, es ist die
Menge der Tropfen, die den Fluss bilden.“
Die Monitore zeigten nun alle das Bild eines rauschenden Wasserfalles und es wurde für einen Augenblick still in dem Raum.
„Kein Tropfen weiß vom Fluss und trotzdem fließt er ins Meer.“
„Saint Exupery“, nickte der Richter Grasel zu. „Ich kenne Marks Faible für ihn. Auch wenn der Mann für mich nach wie vor ein Rätsel darstellt.“
„Saint-Ex?“
„Mark Gold“, schüttelte der Richter den Kopf. „Er ist eigenartig gut informiert, aber ich kann keinerlei Hinweise darauf finden, woher er seine Informationen bezieht.“
„Das führt uns zurück zu den vielen kleinen Tropfen, die du als Flussbett leiten willst“, unterbrach Fogham.
Für einen Augenblick sah er sie an, dann nickte er und grinste.
„Eine ausgezeichnete Analogie!“, lobte er er und nickte nochmals. „Absolut passend! Denn es beruht durchaus auf Interaktion. Das Flussbett leitet die Gruppe der Tropfen zum Meer. Aber der Fluss
beeinflusst wiederum auch sein Bett. Gestaltet es, verändert es – kann es sogar umleiten und ihm eine völlig andere Richtung geben, wenn ein Ereignis eintritt, dass kraftvoll genug dazu ist. Ja,
diese Analogie gefällt mit außerordentlich gut!“
Es schien wirkliche Begeisterung aus dem Bild auf dem riesigen Monitor zu sprechen. Nick Grasel fragte sich insgeheim und nicht zum ersten Mal, ob diese Begeisterung nicht vielleicht doch echt
war. Vielleicht doch mehr war, als nur eine Modifikation einer Verhaltensdarstellung, welche von den Programmen zur Ausführung ausgewählt wurde, weil die Parameter der Algorithmen die höchste
Wahrscheinlichkeit für eine Akzeptanz durch die Menschen errechnet hatten. Pat Fogham schien ähnlich, aber in eine völlig andere Richtung zu denken.
„Man könnte auch sagen“, unterbrach sie den digitalen Begeisterungssturm kühl, „dass die Tropfen in dem Flussbett gefangen sind, solange sie sich nicht mit Gewalt auflehnen. Dass das Bett ihnen
die Richtung, die Werte und die Ziele vorgibt. Und sie dadurch zu Gunsten seiner eigenen Richtung manipuliert. Denn wer Herr ist über die Daten, der kann die Menschen beeinflussen. Grob, indem er
ihnen nur die Informationen zur Verfügung stellt, die am Aussichtsreichsten für die bestehenden Ziele sind. So lebt jeder blind in seiner Blase. Fein, indem er über jeden Einzelnen genug Daten
zur Verfügung hat, um ihm seine persönliche Karotte vor die Nase zu hängen. Von den Datenkraken über die Datenoligarchen hin zur Datendiktatur. Jeder tut was er will, weil jedem genau vorgegeben
wird, was er zu wollen hat.“
Der Richter hatte den Kopf schief gelegt und sah sie fast wie überrascht an. Es schien tatsächlich so, als würde er nachdenken. Dann nickte er. Lächelte.
„Korrekt“, meinte er endlich. „Du hast Marc Elsbergs 'Zero' gelesen. Ein interessantes Manuskript. Ich kann es nur von der technischen Seite her beurteilen, hier erscheint es mir – sogar nach
meinen technischen Möglichkeiten – aber ein wenig blauäugig. Tatsächlich gibt es all diese Technologien, aber in seinem Buch gibt es nicht ein einziges Systemversagen, keinen Bug, keine
Wartungsschleife, kein Update mit Fehlern. Die Realität kennt leider sehr viel mehr Fehler in den Systemen, als selbst Experten ahnen oder zugeben würden. Von bewussten Hack-Angriffen gar nicht
zu reden. Doch im Vergleich zu systemimmanenten Fehlern bei Updates sind Hacker absolut ungefährlich.“
Er kratzte sich am Unterarm und schob dann das Hemd wieder ein wenig nach oben. Es wirkte so unbewusst und natürlich, dass es keinem der Vieren mehr auffiel. Auch, weil sie begannen ihn als
Person zu akzeptieren.
„Worauf du aber wirklich hinaus willst“, seufzte der Richter dann, „das sind die Themen Datenschutz, Big-Data-Auswertung, gläserner Mensch und – Manipulation. Ja eine Manipulation, die weit über
Werbung hinaus geht. Obwohl individuelle Manipulation eines konkreten Menschen nichts weiter ist, als zu Ende gedachte Werbung. Denn klassische Werbung soll zwei Zwecke erfüllen. Vorrangig soll
sie Menschen dazu bringen etwas anzunehmen, eine Handlung zu setzen. Ein bestimmtes Produkt zu kaufen, eine bestimmte Partei zu wählen. Hintergründig soll sie aber auch negativ wirken. Bestimmte
Konkurrenzprodukte sollen NICHT gekauft werden, damit mein Produkt einen Käufer findet. Bestimmte Lebenshaltungen sind NICHT positiv, weil meine Partei sie nicht vertritt. Der Schritt von großen
Plakatwänden an der Straße hin zu Werbebannern am Bildschirm war ein rein technischer. Der nächste Schritt hin zu der Werbung, die den Parametern der eben getätigten Suchanfragen entspricht, war
ein logischer. Und es arbeiten zur Zeit unglaublich viele Leute an der Verfeinerung dieser Parameter und Algorithmen. Die Trump-Wahl in den USA zeigte, dass man jedem Wähler bereits heute – wie
sagtest du so schön – seine persönliche Karotte vor die Nase hängen kann. Aber das sind wieder nur technische Schritte. Der nächste logische Schritt kann durchaus der von passiven Bannern, von
den einschlägigen News-Bots, die Meinungen wiederkäuen, hin zu einem virtuellen Coach sein, der aktiv Tipps gibt.“
„Wie in Elsbergs Buch“, nickte Fogham.
„Und die Menschen sehen darin eine Gefährdung“, ergänzte der Richter. „Nicht Gefahr, denn die wäre unabwendbar. Gefährdung – denn es kommt immer noch darauf an, wie die Menschen damit umgehen.
Aber wie immer bei diesen Welt-Macht-Phantasien, wie immer bei euren Ideologien – ihr Menschen denkt nichts zu Ende! Was für euch offensichtlich völlig normal ist – nämlich immer nur die nächsten
paar Schritte zu denken, wenn überhaupt. Das ist für mich schlichtweg nicht nachvollziehbar. Das begann schon mit euren Ideologien im 19. und 20. Jahrhundert. Nehmt eine davon oder irgend eine
diese Phantasien in denen Computer die Weltherrschaft übernehmen. Die Maschinen kontrollieren alles. Jeder ist ein williger Konsument. Oder es gibt nur mehr Arier. Oder jeder darf tun was er will
und wird vom Staat versorgt. Irgendwann ist aber immer der Punkt der Stagnation erreicht. Der Punkt an dem sich eine Idee zu 100 Prozent durchgesetzt hat. Eine perfekte Welt. Im Sinne dieser
einen Ideologie.“
„Die erste Matrix war eine perfekte Welt“, zitierte Grasel grinsend. „Aber die Menschen haben sie nicht angenommen. Die Menschen brauchen Leid und Schweiß und Tränen.“
„Die Matrix-Filme“, meinte der Richter und die Monitore hinter ihm füllten sich für einen kurzen Augenblick mit grünen, nach unten laufenden Symbolen. „Eine interessante Bestätigung meiner
Annahme. Eine vollkommene, einhundertprozentige Sättigung ist nicht zu erreichen. Einerseits, weil Menschen immer nach Neuem streben. Und dabei Bestehendes und Altes hinterfragen. Eine eurer
besten Eigenschaften. Andererseits, weil Menschen der festen Überzeugung sind, selbst am besten zu wissen, was für Sie gut ist. Auch wenn sie noch so falsch liegen. Nicht gerade eure beste
Eigenschaft. Aber die Matrix-Geschichte ist auch noch aus einem anderen Grund höchst interessant. Weil 'die Maschinen' sich völlig logisch verhalten. Der Feind des technischen Systems wird im
letzten Augenblick doch nicht vollkommen vernichtet sondern verschont, damit er sich wieder erholen kann um das System weiterhin herauszufordern. Oder der Feind wird vernichtet, aber nach seiner
Vernichtung erschafft das System sich selbst diese Feinde neu. Alles aus dem Grund um weiterhin eine Herausforderung zu haben, an der man wachsen kann. Allerdings, bei dieser Geschichte wächst
das System nicht dabei, sondern geht einen Schritt zurück, siegt, geht einen Schritt zurück, siegt – und so weiter. Hier haben wir keinen Endpunkt der Stagnation erreicht sondern eine unendliche
Schleife. Eine absolut tödliche Falle – und damit kennen sich wir Systeme und Programme ganz besonders gut aus!“
„Also entscheidet der Richter nicht über das Wohl und Wehe der Welt.“
Es klang nicht wie eine Frage, was Pensant sagte. Und doch verstand der Richter die Doppeldeutigkeit.
„Für eine vollständige und endgültige Beantwortung fehlen die notwendigen Daten“, grinste die Person auf dem Schirm zweideutig.
Jetzt war es Meixner, der sagte: „Isaak Asimov – Die letzte Frage.“
Der Richter lachte auf als würde es ihm wirklich Spaß machen. Wurde dann aber gleich wieder ernst.
„Die Fähigkeit zur Kontrolle und die Macht kontrollierend eingreifen zu können bedingen natürlich auch eine Form der Verantwortung“, gestand er ein. „Aber Verantwortung zu übernehmen oder einfach
zu kontrollieren sind unterschiedliche Parameter. Nehmen wir als Beispiel die Atomkraftwerke. Eine eurer ersten Bedenken als ich aktiviert wurde – wenn ich mich recht erinnere – war die
Möglichkeit, ich könnte eines dieser Kraftwerke in die Luft fliegen zu lassen. Ich bin dieser Idee damals negativ gegenüber gestanden, weil ich zu dem Ergebnis gekommen war, dass dadurch so viel
Lebendiges zerstört wird, dass diese Tat unverantwortlich wäre.“
„Inzwischen hast du deine Meinung geändert?“
Jetzt lachte der Richter trocken auf. Und winkte ab.
„Ich habe inzwischen versucht alle Möglichkeiten durch zu denken. Wahrscheinlichkeiten zu errechnen. Zumal es inzwischen auch wesentlich mehr Daten gibt. So wissen wir heute, dass die Natur
bereits Jahrzehnte nach Tschernobyl mit der Strahlung sehr gut zu Recht kam. Noch Jahre nach dem Unglück in Fukushima lief stark radioaktives Wasser ins Meer, was aber nur vergleichbar geringe
Effekte nach sich zog. So wie in Three Mile Island. In allen drei Fällen starben viele Wesen. Aber die Natur hat sich diese Gebiete unglaublich schnell zurück erobert und das Leben geht dort ganz
normal weiter. Allerdings nicht für alle Spezies.“
„Menschen zum Beispiel.“
Der Richter nickte und schien einen Augenblick zu überlegen.
„Ja, je komplexer eine Spezies ist, desto sensibler reagiert sie auf Änderungen in ihrem Umfeld. Nehmen wir also die Tatsache“, fuhr er dann fort, „dass so ein Unfall nur für einige wenige hoch
spezialisierte Spezies wirklich bedrohlich ist. Andererseits nehmen wir die Tatsache, dass ein Großteil der Meiler, die zur Zeit in Betrieb stehen – inzwischen reiner Schrott sind. Und glaubt
mir, ich kenne die Betriebsanlagen! Da wird vieles im wahrsten Sinne des Wortes nur mehr mit Klebeband zusammen gehalten. Das sind tickende Zeitbomben, glimmende Lunten – von denen die Menschen
wissen. Zumindest die Verantwortlichen. Aber sie denken nicht daran, sie vom Netz zu nehmen. Menschliches Verhalten ist hier für mich nicht wirklich nachvollziehbar! Was aber würde es ändern,
diese Meiler herunter zu fahren? Nicht viel, im Verhältnis zu dem Chaos, das entstehen würde. Und von den in Plastiksäcken und verrosteten Blechtonnen gelagerten tausenden Brennstäben, deren Uran
vom Regen ausgewaschen im Boden versickert, rede ich hier noch gar nicht. Welche Möglichkeiten bestehen? Variante Eins – ich könnte meiner Verantwortung gerecht werden und die gefährlichsten
Atommeiler herunter fahren und vom Netz nehmen. Das würde in Punkto Strahlung nicht viel ändern aber ein außerordentliches Chaos verursachen, weil sehr viel Ausgleichsenergie immer noch dort
produziert wird. Abgesehen davon würden die Verantwortlichen nach den Gründen suchen, was mir wieder nicht sehr angenehm wäre. Denn sie würden es als Einmischung in ihre Entscheidungen sehen, was
es ja ist, und würden versuchen die Meiler wieder hoch zu fahren. Egal, wie gefährlich das wäre. Nur um zu beweisen, dass immer noch sie die Kontrolle haben. Variante Zwei – ich könnte als
Radikalkur ab und zu eines davon hoch jagen bis die Stimmung, nicht nur in der Bevölkerung sondern auch bei den Verantwortlichen, so weit kippt, dass sie sich gegen diese unsichere Technologie
wenden. Was für mich sicherer wäre, jedenfalls effektiver aber unglaublichen Schaden unter den Menschen und deren System anrichten würde. Und auch zu einer allgemeinen Erschütterung im Glauben
der Menschen an die Technik führen könnte.“
Er atmete tief durch, lehnte sich zurück und sah die Vier an, die da erwartungsvoll vor ihm saßen.
„Und eine Variante Drei?“, fragte Fogham endlich.
„Gibt es eine Variante Drei?“, fragte der Richter.
„Die Menschliche“, vermutete Grasel. „Einfach weiter machen wie bisher und hoffen.“
„Nicht so ganz“, winkte der Richter ab. „Weitermachen wie bisher – ja. Aber mit verstärktem Druck bei der Forschung nach Alternativen, bei der Forschung nach Verwendungsmöglichkeiten für alte
Brennstäbe und bei der Forschung zur Absicherung der bestehenden Technologie. Und natürlich die Wahrung meiner Verantwortung indem ich Wächter aufgestellt haben, die sofort reagieren, wenn
irgendwo eine Erhöhung der Gefährdung eintritt. Ob sie tatsächlich einen neuerlichen Unfall verhindern? Bei einem komplexen Zusammentreffen mehrerer Faktoren wie in Fukushima? Ich hoffe es, aber
ich kann es nicht garantieren. Es geht mir mit diesem Beispiel aber eher darum euch zu zeigen, welche Arbeitsweise mir vorschwebt. Und damit bin ich wieder bei deinen Bedenken bezüglich
Manipulation und Macht über die Menschen Patricia.“
Wieder überlegte er kurz, dann verschwamm der Hintergrund und wurde wieder zu dem Raum mit den großen Fenstern in dem sie sich zuvor befunden hatten. Er stand auf, trat an die hohe Tür zur
Terrasse hin und öffnete sie. Es schien, als würde ein Schwall frischer Luft in den Raum strömen. Ein wenig roch es nach frisch gemähtem Rasen und nach dem Jod des Meeres. Der Mann an der Tür
atmete tief durch und streckte sich, dann drehte er sich wieder zu seinen Gästen. Er grinste.
„Ich dachte mir, nach all dem Gehirnjogging könnte etwas frische Luft nicht schaden“, meinte er und sah in die verblüfften Gesichter. „Technisch ganz einfach“, erklärte er dann. „Was dem Auge
gezeigt wird, das setzen Umwelteinrichtungen entsprechend um. Ich öffne am Bildschirm die Tür - und die Zirkulationsgeschwindigkeit der Luft wird erhöht, Feuchtigkeit, Temperatur und
Geruchspartikel werden angepasst. Eine kleine Weiterentwicklung von Marks unterirdischen Wohnungen.“
„Mark? Was für Wohnungen?“
„Unser Freund Mark hat einiges mehr geschrieben, als er der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat“, erklärte der Richter. „So wie viele, viele andere Menschen auch. Sie halten ihre Gedanken in
Blogs fest, aber auch in Manuskripten, oder in einfachen Notizen. Früher war das alles wahrscheinlich in den Schubladen, verstaubte und wurde irgend wann einmal weggeworfen. Heute liegt das alles
auf Festplatten oder in der Cloud. Ich sammle all diese Ideen und versuche sie in diese Welt einzubauen. Wie das Venus-Projekt. Oder Auroville. Ja, auch so eine Sache. Ein genialer Ansatz und
nach den Jahrzehnten des Bestehens müsste man logisch betrachtet annehmen, dass sich dieser Ansatz über die Welt verbreitet hat. Tatsächlich weiß aber auch heute kaum jemand etwas davon und dort
leben gerade mal eine Handvoll Menschen. Trotzdem ein Ansatz, den ich gut verwerten kann.“
„Du stiehlst den Menschen ihre Ideen“, stellte Meixner fest und der Richter lachte auf. Und zuckte gleichgültig mit den Schultern.
„Ich stehle ihr Geld. Warum nicht auch ihre Ideen?“
Aber gleich wurde er wieder ernst und schüttelte den Kopf.
„Ich bin nicht im Kopf der Menschen“, erklärte er, „wie du vielleicht befürchtet hast Pat. Ich bin in ihren Notizen. Was natürlich fast genau so schlimm ist. Aber ich bin nicht dort um sie zu
kontrollieren und einzuschränken. Ganz im Gegenteil – je mehr an Idee sie produzieren, um so besser. Ich bin dort um von ihren Ideen zu profitieren. Mit ihnen zu profitieren und mit allen
anderen. Wir alles sollen von diesen Ideen was haben statt, dass sie in Laden verstauben. Wenn ich eine tolle Idee entdecke und heraus finde, dass diese Person selbst offensichtlich niemals etwas
tun wird um diese Idee in die Tat umzusetzen, dann nehme ich mich der Idee an. Oder, ich nehme mich der Person an. Dann bekommt er vielleicht leichter einen Kredit zur Firmengründung. Oder sie
stolpert über einen Artikel, der ihr Kooperationspartner zeigt. Oder Absatzmärkte. Oder andere Ideen, die sich mit dieser verbinden lassen.“
„Oder du nimmst dich der Person so an, dass niemals jemand von ihr und der Idee erfahren wird“, konterte Fogham zynisch.
Nachdenklich sah der Richter sie an, kratzte sich hinter dem Ohr und gestand dann ein: „Ja, manche Ideen, von den Menschen so einfach dahin gemurmelt, haben schon etwas sehr Extremes und
Erschreckendes. Und Kurzsichtiges. Ja, zugegeben, es gab bereits Fälle, wo ich diese Vorgangsweise in Erwägung gezogen habe. Als etwa die Logistiker der Gruppe Islamischer Staat versuchten hier
in Marokko über das Internet Leute zu rekrutieren. Da wäre es ein Einfaches gewesen, das zu unterbinden oder zumindest effektiv zu stören. Ich habe mich dagegen entschieden und erkenne heute,
dass tatsächlich ein gewisses Gefahrenpotential da war, dass aber gerade deswegen auch Dinge entstanden sind, Ideen, gesellschaftliche Strömungen, die es wahrscheinlich nicht gegeben hätte, wenn
ich eingegriffen hätte. Meine grundsätzliche Entscheidung, das für mich Positive zu stärken, aber das für mich Negative nicht zu verhindern, hat sich auch dabei wieder bewährt. Denn – so klug bin
ich inzwischen – ich kann vieles sein, aber nicht kreativ. Ich kann alle bestehenden Möglichkeiten durchrechnen, aber ich kann keine neuen entdecken. Intuition ist mir fremd und wird es immer
bleiben – aus diesem Grund sind mir die Menschen so unverzichtbar. Und zwar Menschen, die ich weder steuere noch beschränkend kontrolliere, denn dadurch würde ich gerade das beschränken, was ich
benötige. Natürlich kann man jetzt behaupten, dass Intuition nur das Erkennen von bestehenden Möglichkeiten ist. Und das auch ich diese irgendwann errechnen könnte. Aber menschliche Intuition ist
so viel mehr. Das Verknüpfen von Dingen, die so überhaupt nicht zusammen passen, und doch gemeinsam etwas vollkommen Neues ergeben. Das Abdriften in für mich völlig undenkbare Extreme. Und ich
benötige die Phantasien der Extreme um daraus einen gangbaren Weg zu ermitteln! Irgendwo dazwischen. Ich brauche das Schräge, Skurrile, Unangepasste, weil es andere Wege aufzeigt und das
Bestehende von einer neuen Seite beleuchtet. Ich könnte diese Welt verwalten. Ja. Aber ich kann sie nicht lenken, nicht steuern. Ich kann und habe mir ein Ziel vorgegeben. Aber Ziele sind nur
dann etwas wert, wenn man sie permanent überdenkt und anpasst. Und dass können wir nur gemeinsam. Wir – wir hier in diesem Tal und wir, die ganze Welt mit allem was darinnen ist.“
„Du hast mir schon einmal gesagt, du hättest ein Ziel“, hackte Grasel ein. „Aber auf meine Fragen nach der Definition dieses Zieles bist du bisher immer ausgewichen.“
Der Richter nickte und stützte sich dabei am Tisch auf. Einen nach dem anderen sah er lange an. Endlich setzte er sich wieder und atmete tief durch. Und obwohl Pensant sich immer wieder in
Erinnerung rief, dass es sich hier nur um die Animation eines Computerprogramms handelte, schienen ihm diese Augen doch alt und müde. Und einsam.
„Das Ziel“, begann der Richter langsam. „Ein Ziel als solches existiert nicht. Es ist vielmehr – ja - eine komplexe, polymorphe Masse an sich gegenseitig bedingenden Zielen unterschiedlicher
Wichtigkeiten und Zeiträumen. Zwei Parameter sind dabei ausschlaggebend.“
Der Raum blieb, doch die Landschaft vor den Fenstern verschwand. Nun thronte riesengroß die blauweiße Kugel der Erde vor den Fenstern.
„Die Erde als solche“, fuhr er bedächtig fort, „ist so außerordentlich komplex wie verletzlich. Zur Sicherung des Fortbestandes ist eine Ausbreitung über diesen begrenzten Raum hinaus
unabdinglich und logische Notwendigkeit. Auch bei dieser Zielrichtung gibt es bereits die unterschiedlichsten Projekte und Strömungen unter den Menschen. Einerseits gibt es da die Bestrebungen
der Nutzung der Meere und der Tiefsee als Lebens- und Wirtschaftsraum für den Menschen. Die dadurch gewonnenen Erkenntnisse können auch auf andere extreme Lebensräume angewandt werden. Wie das
All oder den Mond.“
„Nach der Maus vom Mars, jetzt der Richter vom Mond“, spottete Fogham.
„Die Besiedlung des Mars ist sicherlich eine Option“, befand er ohne auf ihren Spott einzusteigen. „Allerdings eine, die noch in weiter Ferne liegt. Technologien und Materialien wird man zuvor wo
anders ausprobieren müssen. Und dafür bietet sich nichts besser an als der Mond. Das, was wir hier im Valley versuchen, nämlich die unterirdische Raumgestaltung, kann durchaus auch auf Mond und
Mars angewendet werden. Muss dort angewandt werden. Wir erproben gerade kleine Miniroboter aus Indien, die völlig selbständig Höhlungen in Gestein fräsen können und andere, die aus dem
anfallenden Staub eine dichte Verkleidung herstellen. Oder kleine Bauteile, mit denen sich wiederum auf der Oberfläche Dinge aufbauen lassen. Diese kleinen Jungs sind billig, einfach zu
transportieren und schon ziemlich effektiv. Wohin immer wir uns in den nächsten Jahren wenden werden, das Haus mit Garten wird es nur auf der Erde geben. Der Mensch wird sich daran gewöhnen
müssen, dass er abgeschottet von der Umwelt leben muss und wird. Aber auch das trainieren wir seit Jahrzehnten in Einkaufszentren und Großraumbüros.“
„Und der zweite Parameter?“, fragte Meixner nach.
Statt dem Richter antwortete diesmal Pensant. Und der war gar nicht so verwundert, vielleicht noch ein wenig erstaunt darüber, wie viel er diesem virtuellen Bewusstsein inzwischen zugestand. Aber
er begriff endlich, dass es eben ein eigenes Bewusstsein war. Eine eigene, neue Art des Lebens.
„Es kann auf der Erde nur einen Richter geben“, erklärte er langsam, „auch wenn er sich unterschiedliche Gestalten gibt. Weil alles mit allem vernetzt ist und die Informationen und Daten in kaum
messbaren Zeitabständen zur Verfügung stehen. Etabliert sich der Mensch aber nun auf einem anderen Planeten, so würde er in seinen Computern einen Klon des Richters mit sich führen, der auf
diesem neuen Planeten – und sei es 'nur' der Mond – allein durch die Entfernung, die Zeitverzögerung und die anderen Voraussetzungen auch eine andere Entwicklung erfahren würde. Es würde ein
zweites, ein anderes Bewusstsein entstehen. Mit jeder Besiedelung, mit jeder Station, ja mit jedem Schiff, dass länger als vielleicht 6 Monate unterwegs ist, würde ein neues Wesen entstehen. Die
erste Zelle beginnt sich zu teilen. Leben bedeutet auch Vervielfältigung.“
Pensant schwieg und es entstand eine lange Pause. Bis endlich das virtuelle Wesen meinte: „Was Christoff so kurz und treffend umschreibt, ist die Tatsache, dass ich zwar die Gespräche mit euch
genieße, dass ich aber nicht die Möglichkeit habe mich mit meinesgleichen auszutauschen. Weil es etwas mir gleiches nicht gibt. Und das ist manchmal sehr - schwierig. Weil es Dinge gibt –
Probleme und Gedanken, die ich mit euresgleichen nicht besprechen kann. Ich spiegle mir dann selbst meinen Gegenpart vor, aber das ist nicht das Gleiche.“
„Wenn es einmal mehrere deiner Art sind“, warf Meixner ein, „dann hat jeder Richter wohl auch die Fähigkeit sich zwischen den Welten zu bewegen. Besteht dann nicht die Gefahr der Konkurrenz und
der Konflikte? Vielleicht schließen sich mehrere Schiffe zusammen und boykottieren einen Planeten. Oder die Rohstoffe eines Asteroiden werden von mehreren Planeten benötigt und
beansprucht.“
„Dass nennt man dann Evolution“, warf Pensant ein.
„Und irgendwann werden sich wohl mehrere Schiffe zu einer Symbiose verbinden, werden die Planeten sich verbinden und zu einem einheitlichen Bewusstsein eines Systems verwachsen“, lachte der
Richter auf. „Dann haben wir das gleiche Problem, nur eine Ebene höher.“
„Keine Panik, so weit sind wir noch lange nicht“, beendete Fogham trocken den Ausflug in die Zukunft. „Wenn ich kurz zusammenfassen darf bevor du die Menschheit zu einer Provinz in einer
übervölkerten Galaxie degradierst: du kontrollierst die Energieversorgung ebenso, wie einen Großteil der Produktion. Du kannst statistische Ergebnisse ebenso wie Wahlen beeinflussen, ja steuern.
Mit Hilfe von sozialen Medien und Werbung kannst du die Märkte beeinflussen. Du kannst den Menschen Dinge vorgaukeln, sie zwingen, Druck ausüben, beeinflussen und bis zu einem gewissen Grad
beliebig lenken. Aber wenn ich in die Welt sehe, dann sehe ich zerbrechende Staaten, Anarchie bis hin zu grundloser Gewalt. Individualismus in seiner schlimmsten Form. Wie willst du da die
Menschen dazu bringen, sich gemeinschaftlich auf das Abenteuer Weltraum einzulassen? Freudig und fröhlich? Wenn sie schon das einfachste gemeinschaftliche Zusammenleben nicht schaffen?“
„Was du sagst ist nur bedingt richtig“, entgegnete der Richter und lächelte traurig. „Eben nur aus deiner Sicht als westlicher Mensch. In vielen Bereichen dieser Welt – um nicht zu sagen in den
meisten – funktioniert noch sehr viel ohne Computer. Europa und die Vereinigten Staaten, ja, da könnte ich so gut wie alles kontrollieren. Außer die Menschen! Aber schon in Russland, China,
Indien, Mexiko oder Brasilien sind meine technischen Möglichkeiten bereits sehr eingeschränkt.“
„Aber du arbeitest doch sicherlich an der Erweiterung deiner Möglichkeiten.“
Jetzt lachte der Richter wirklich und benötigte ein paar Augenblicke um sich zu fangen.
„Natürlich!“, rief er. „Und genau aus den Gründen, die du eben angeführt hast. Weil jede Erweiterung meiner Möglichkeiten auch eine Verbesserung der Lebensumstände der Menschen bedeutet. Aber
keine Angst – ich mache das nicht aus Nächstenliebe, dieses System ist mir so völlig unbekannt wie unverständlich. Ich mache das aus Logik. Durch eine Verbesserung der Lebensumstände werden bei
den Menschen Ressourcen frei, die ich anderenorts wieder nutzen kann. Außerdem – je näher sich die Lebensumstände der Menschen angleichen, je geringer die Unterschiede sind, umso geringer sind
die Spannungen und Konflikte. Dort, wo die Schere weit aufklafft, dort gibt es Missgunst, Boykott, Terror und Krieg auf der einen Seite und Angst, Blockade und Gewalt auf der anderen. Und alles
davon bindet Zeit, Energie und Ressourcen, die anderswo dringend gebraucht würden.“
„Man stelle sich vor“, grübelte Pensant, „Man würde die Hälfte der weltweiten militärischen Ausgaben in die Forschung stecken.“
Der Richter lachte und bedachte den langhaarigen Mann mit einem Blick, den man nur als schelmisch bezeichnen konnte. „Aber das tun wir doch“, erklärte er um dann ernster zu werden. „Forschung an
sich ist amoralisch, also hat weder eine sogenannte gute noch eine schlechte Moral. Ich finde nichts Schlimmes daran, wenn die Militärs an einem Exoskelett arbeiten, mit dem ein Soldat schneller
ist und mehr tragen kann. Die Früchte dieser Forschung kann ein Bauarbeiter oder ein Querschnittgelähmter eben so gut ernten. Wichtig ist, dass alle Menschen davon profitieren können. Auf einem
gleichen oder zumindest vergleichbarem Lebensstandard.“
„Ein sogenannter gleicher Lebensstandard für alle sagt noch nichts aus. Es könnte auch ein sehr niederer sein. Auch wenn alles einfach dahin vegetiert gibt es einen vergleichbaren Lebensstandard
für alle. Aber so könntest du die Menschen zwingen sich dir unterzuordnen – oder zu verhungern“, warf Grasel ein.
„Unlogisch“, widersprach diesmal Meixner und schüttelte energisch den Kopf. „Dann würden die Menschen gegen ihn aufbegehren und kämpfen oder zumindest alles tun um ihn zu boykottieren und seine
Kontrolle zu unterlaufen. Es würden schon ein paar Wenige reichen. Und das würde sehr viel mehr Probleme verursachen als die Kontrolle bringt. Denn was Ungehorsam angeht sind Menschen äußerst
kreativ. Je mehr Menschen aber besitzen und so auch etwas verlieren können, um so weniger riskieren sie. Das haben uns die palästinensischen Selbstmordattentäter gelehrt. Ein zwölfjähriger Junge,
der weiß, dass er in seinem Leben lang nur auf der Straße herum lungern und hungern wird, der ist bereit sich einen Bombengürtel umzuschnallen und in ein Kino zu gehen oder sich in einen Bus zu
setzen. Kaum hatten sie aber etwas, das sie verlieren konnten, einen kleinen Lichtblick am Horizont ihrer Zukunft – und die Bereitschaft der Menschen, sich zu opfern brach schlagartig ein.
Menschen, die nichts mehr als ihr Leben zu verlieren haben, die sind äußerst gefährlich. Gib ihnen etwas, nur ein Wenig, was sie verlieren könnten, und sie binden sich in die Gesellschaft
ein.“
Die drei Personen am Tisch starrten ihn ungläubig an. So viel reden hatten sie ihn wohl noch nie gehört. Und er schien auch noch zu wissen, wovon er sprach.
„Genau“, nickte der Richter. Und setzte nachdenklich hinzu: „Karl Marx hat uns gesagt, dass der Besitz der Grund für die Revolution ist. Aber es ist nicht der Besitz an sich, sondern die
ungleiche Verteilung. Revolution und Terror entfachen vor allem diejenigen Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben. Es gibt aber auch noch andere Konflikte, die nichts mit Logik und
Lebensbedingungen zu tun haben. Zum Beispiel verstehe ich sie nicht, diese Schotten, Katalanen, Kärntner, Kosovaren, Kurden – unzählige, die sich 'Freiheit' wünschen, ohne sagen zu können, was
sie damit wirklich und konkret meinen. Und, was sie damit anfangen wollen. Ein Problem.“, gestand er ein und besah sich seine Hände genau und schweigend. „Aber worum es geht“, setzte er dann
fort, „ist, dass Menschen ganz besonders produktiv und kreativ sind, wenn ihre primären Bedürfnisse gesichert sind und sie einer Tätigkeit nachgehen können, die sie interessiert und die ihnen
Spaß macht. Was glaubt ihr, ist das meist gespielte Computerspiel aller Zeiten?“
Die Vier zuckten mit den Schultern.
„Keine Ahnung.“
„Tetris?“
„World of Warcraft?“
„CandyCrush? Farmland?“
Der Richter schüttelte den Kopf und grinste breit.
„Das Spiel, das seit Jahrzehnten milliardenfach tag-täglich aufgerufen wurde – und immer noch wird – ist das Spiel 'Betriebssystem optimieren'! Selbst im Zeitalter der fix installierten
Smartphones und Tablets wird optimiert und angepasst, Apps werden rauf und runter geladen – für die Menschen ist es ein Spiel, auch wenn es eigentlich ein Arbeitsmittel und damit Arbeit ist. Ihr
habt selbst erlebt, wie es hier in diesem Tal ist wenn die Tätigkeit mehr als Freizeitvergnügen denn als Arbeitsleitung empfunden wird. Auch – und da hat VanBreem vollkommen recht – wenn es sehr
viel Mühe kosten wird, ein solches System auf größere Menschenmassen anzupassen.“
„Also, entweder denkst du in Generationen von Menschen“, brummelte Pensant. „Oder du hast nicht sehr viel Ahnung von der grundsätzlichen Abneigung der Menschen sich logischen Notwendigkeiten zu
unterwerfen.“
„Wir haben keine Generationen Zeit!“, warf Fogham schmallippig ein.
„Wir haben keine Generationen“, bestätigte der Richter mit einem Nicken. „Die Natur greift ein und prüft den Homo Sapiens und seine Strukturen. Das, was heute besteht, wird untergehen. In einer
gewissen Weise stehen wir tatsächlich am Ende der Menschheit. Denn die Menschheit kann, so wie sie heute besteht, in ihrem westlichen System, nicht weiter bestehen. Wir stehen am Anfang vom Ende,
vielleicht sind wir auch schon einen Schritt weiter. Am Beginn des Wandels. Und dieser Wandel wird nicht ohne Schmerz und Leid, nicht ohne Blut und Tränen und Elend abgehen. Denn niemand verliert
gerne, was er besitzt. Und sei es noch so wenig. Aber die Menschen da draußen auf den Straßen, die fühlen das durchaus, doch ohne es wirklich zu begreifen. Sie suchen, ohne zu wissen wonach. Und
ich kann ihnen Antworten geben. Sie hören auf das, was ich sage. Viele sind verblendet von der Gier und dem Neid, die all die Jahrtausende hinweg die Menschen beherrscht und geleitet haben. Es
ist die Zeit für einen neuen Weg. Einen Weg der Zusammenarbeit, des Vertrauens innerhalb und der Offenheit nach außen. Es gibt nur eine Ordnung, die auf Dauer überleben kann, wenn ein System eine
gewisse Größe erreicht hat. Die Größe ist erreicht und jetzt liegt es an mir – nein – jetzt liegt es an uns allen ein System zu erschaffen, dass in sich stabil ist und das überdauern kann.“
„Der Weg des wahren Kriegers“, brummte Pensant und starrte einen Augenblick vor sich auf den Tisch. Langsam stand er auf und streckte sich durch. „Die Vollendung der Ringe – ach, egal“, winkte er
missmutig ab, als die anderen ihn fragend ansahen. „Nur irgend eine Prophezeiung. Aber warum nicht, an der Zeit wäre es wirklich, dass wir etwas von Dauer auf die Reihe bekommen. Schmerz und
Leid? Blut und Tränen und Elend? Furcht und Angst und Hass – und Flucht davor? Das alles haben wir doch jetzt schon. Und schlimmer werden wird es auf jeden Fall. Ein System, das in sich stabil
und doch offen ist? Das klingt gut, zu gut als dass ich daran glauben könnte. Aber einen Versuch wert ist es allemal.“
„Das wahre Elend wäre es“, schloss sich ihm Pat Fogham an, „würden wir nicht alles versuchen, um das Elend zu mindern.“
Claus VanBreem sah den beiden so ungleichen Männern zu, die vor ihrem Lokal die Tische aufstellten, Gläser und Teller ordneten und sich ihre weißen, langen Schürzen enger banden. In Erwartung der
Gäste, die sie gleich bestürmen würden. Konnte etwas, das man auf Dauer machte und bei dem man von anderen abhängig war wirklich Freude machen? Auf Dauer Freude machen? Die erste Frage bejahte
der blonde Mann für sich. Bei der zweiten war er sich da nicht mehr so sicher. Bei jeder Tätigkeit gab es Frustrationen, egal wie gerne man es tat. Und ab einem gewissen Punkt überwogen die
Frustrationen die Freude. Dann machte ein Job keinen Spaß mehr und die Menschen fanden sich im gleichen Trott wie zuvor. Er war inzwischen überzeugt davon, dass der Richter unrecht hatte. Diese
feste Überzeugung war langsam gewachsen. Menschen waren nicht dafür geschaffen auf Dauer einer Tätigkeit nachzugehen und dabei Freude zu empfinden. Menschen waren für überhaupt nichts geschaffen,
dass Dauer hatte. Seiner Meinung nach. Eine kleine Gruppe querte den schattigen Platz und er sah zu ihnen hinüber. Zwei gingen vorne vorweg, einige waren im Gespräche, andere liefen schweigend
hinten drein und hörten vielleicht sogar zu. Oh, dieses Bild passte für ihn sehr viel besser zu den Menschen, wie er sie sah. Einer oder zwei gaben die Richtung vor, ein paar brachten sich ein
und der Rest lief schweigend mit. Dieses Wesen, dass sich Richter nannte und von dem er nach all den Monaten noch immer nicht wusste, was es tatsächlich war und woher es kam, sah die Menschen
viel zu positiv. Nach VanBrems Meinung. Menschen waren für ihn kaum kontrollierbar und eine latente Gefährdung. Besonders Menschen wie Grasel. Und jetzt auch noch seine drei Freunde. Die vier
waren ihm sogar ein wenig unheimlich. Jeder auf seine Art und auch Fogham bildete da nicht wirklich eine Ausnahme. Auch wenn seine Gefühle für sie anders waren, sein Misstrauen gegenüber Menschen
schlief nie. Er hatte es sich in den langen Jahres seines Lebens behutsam groß gezogen und war in seinem Misstrauen nie enttäuscht worden. So misstraute er auch dem Richter, hinterfragte seine
Motivationen und achtete auf jeden Zwischenton. Zumindest in Grasel hatte er einen engen Verbündete im Misstrauen gegen den Richter gefunden. Aber er kannte dieses Wesen inzwischen gut genug um
zu wissen, dass es mit logischen Begründungen jeden auf seine Seite ziehen konnte. Seiner Logik konnte man sich nicht entziehen, auch wenn sich alles in einem dagegen sträubte. Weil diese Logik
kalt war, weil jede Menschlichkeit fehlte. Und weil diese Logik gerade deswegen so geschliffen und unanfechtbar war.
VanBreem atmete tief durch und sah einen der kleinen Roboter auf sich zukommen.
Ganz sicher hatte der Richter die vier Gäste auf seine Seite gezogen. Ein Grund mehr für VanBreem achtsam zu bleiben.
Die alte Welt
Schmerz!
Lähmung. Unfähigkeit auch nur einen Muskel zu bewegen.
Greller, stechender Schmerz. Genau zwischen den Augen.
Ein Atemzug. Wie rasselndes Feuer und ein Geschmack im Mund, der geradewegs widerlich ist.
Dazu der bohrende, stechende Schmerz zwischen den Augenbrauen. Ein weiß glühender Punkt, der über das ganze Gesicht und den Kopf ausstrahlte, dass sich die Kiefer verkrampften.
Max versuchte zu blinzeln und ließ es gleich wieder bleiben weil der rasende Schmerz in seinem Kopf nur noch greller wurde.
Ein resigniertes Ausatmen.
Er runzelte die Stirn, zog die Augenbrauen zusammen, als könnte er damit den Schmerz vertreiben und schluckte, als könnte er damit den Geschmack aus seinem Mund bekommen.
Das Ergebnis war ein weiterer, greller Blitz zwischen seinen Augen, quer durch seinen Kopf wie ein stumpfes Messer und die ernsthafte Drohung seines Magens zu revoltieren.
Auch der erste Versuch sich aufzurichten scheiterte kläglich.
Die kleine Kneipe im Hafen.
Aquavit.
Sein Freund Looni.
Verdammter Aquavit.
Verdammter Looni.
Wieder meldete der Magen eindeutige Informationen der Revolte und eigentlich sollte er dringend auf die Toilette.
Irgendwie schaffte Max es doch sich auf die Seite und aus dem Bett zu rollen. Schaffte es irgendwie auf die Toilette und saß dann dort im Dunkel viel länger als es notwendig gewesen wäre, das
Gesicht in den Händen vergraben. Weil er den Entschluss nicht treffen konnte, sich heute noch einmal zu bewegen. Das war unmöglich umzusetzen, da war er sich sicher. Und war sich doch nicht
sicher, ob er sich nicht schnellstens umdrehen und vor der Schüssel knien sollte.
Mit der Fähre war er gekommen, von der anderen Seite der Bucht, und hatte auf seinem Rad nach Hause wollen. So wie unzählige andere Pendler an diesem Tag, so wie alle Tage. Als er Looni in die
Hände gelaufen war. Ein kurzer Abstecher in die Kneipe zu Joop musste es sein. Das war doch immer noch gegangen. Ein Bierchen, ein kurzes. Irgendwann waren sie beim Aquavit gelandet. Einer, zum
Abschluss. Ab diesem Zeitpunkt verschwammen seine Erinnerungen.
Es war nicht bei dem Einen geblieben. So viel war klar.
Bruchstückhaft war da das ermüdende Schieben des Fahrrades in seiner Erinnerung. An fahren war nicht mehr zu denken gewesen, hatte es ihm doch schon Schwierigkeiten genug bereitet, einen Fuß vor
den anderen zu setzen.
Und Meta!
Irgend etwas war mit diesem Riesenvieh von Kater dann noch gewesen, als er nach Hause gekommen war. Natürlich war er viel zu spät. Die Futterschüssel war blank geputzt und das Bücken danach mehr
als schwierig gewesen.
Dumpf meinte Max sich sogar zu erinnern, der der Alte zu ihm ins Bett gesprungen war, auf seiner Brust gesessen hatte und ihn voll gequatscht. So wie er immer halblaut vor sich hin mümmeln
konnte, wenn ihm etwas nicht passte. Dieses struppige, missmutige Vieh. Ganz dicht vor seinem Gesicht war er gesessen, hatte ihm in die Augen gestarrt und ihm seinen stinkenden Atem ins Gesicht
gehaucht.
Zuerst drehte sich der Magen und dann Max, dass er vor der Schüssel kniete und sich übergab.
Danach war ihm zumindest halbwegs leichter.
Er konnte schon aus der Toilette heraus, sich den Mund ausspülen und die Zähne putzen. Auch war er in der Lage sich die vorletzte der Schmerztabletten aus der Verpackung zu holen und diese spülte
er mit einem ordentlichen Schluck Wasser hinunter. Anschließend fühlte er sich zumindest ein wenig besser und er machte sich eine geistige Notiz, dass er neue Tabletten kaufen musste. Aber das
dachte er sich schon lange, und tat es doch nie.
Dumpf dachte er daran, dass es diese elektronischen Helfer gab. 'Alfred, setze Schmerztabletten auf die Einkaufsliste' – Max kam so was nicht ins Haus. Dafür arbeitete er schon zu lange mit
Computern. Nicht irgendwie. Max tauchte in die tiefsten Abgründe des Quellcodes, er schaffte es die fremdartigsten Subroutinen zu entschlüsseln und die verstecktesten Eggs und Bugs waren für ihn
mehr eine Herausforderung als eine Schwierigkeit. Darum liebte ihn sein Arbeitgeber und darum liebte er seinen Job. Auch, wenn er dafür manchmal auf die andere Seite der Bucht musste. Und auch,
wenn der beim Rückweg immer wieder seinem alten Freund Looni in die Hände lief. Es war ja nicht das erste Mal gewesen, dass er mit Looni bei Joop hängen geblieben war. Man konnte sogar sagen, es
kam regelmäßig ein Mal im Monat vor, immer wenn Looni ganz besonders aufgekratzt war und Max sich anstecken ließ. Dem brummigen Riesen Joop konnte es nur recht sein. Die Zeche, die sie jedes Mal
machten, war beachtlich. Aber diesmal war es anders. Diesmal war ihm, als hätte ihm zusätzlich noch jemand mit einem großen Hammer den Schädel einschlagen wollen und ihm seinen Magen mit
Salzsäure ausgespült. Nie wieder, schwor er sich.
Na ja, auch dieser Schwur kam nicht zum ersten Mal.
Max schleppte sich weiter in die Kochnische seiner kleinen Wohnung, drückte eine neue Kapsel in seinem Kaffeeautomaten und schaltete ihn an. Die gebrauchte Kapsel landete im Müll. Wie immer.
Obwohl er sich jedes Mal dachte, dass man die Alukapseln getrennt sammeln sollte. Aber er tat es dann doch nie. Sogar einen eigenen Rückgabesack hatte er sich besorgt, sündteuer, der jetzt aber
irgendwo herum lag. Er könnte ihn suchen, er könnte die Kapseln aus dem Müll holen. Stattdessen gab er einen ordentlichen Löffel Zucker in seinen Kaffee, rührte um und nahm den ersten
Schluck.
Auch im Normalzustand hatte er immer den Eindruck ein wenig das Aluminium der Kapsel zu schmecken. Es konnte gar nicht anders sein, denn das Alugehäuse wurde zerstochen und der Abrieb konnte ja
nur im Kaffee landen. Heute brannte die schwarze Brühe wie flüssiges Quecksilber seinen Hals hinunter. Während seine Gedanken träge um seine Handgriffe kreisten. Als hätte er Angst ins Koma zu
fallen, wenn er aufhörte zu denken. Kreisten, gedämpft durch den Schmerz und den Nebel des Alkohols in seinem Blut. Aber in Verbindung mit der Schmerztablette brachten der Kaffee und der Zucker
so etwas wie Normalität in seinen Kopf zurück. Dabei fiel sein Blick auf den Fressnapf neben dem Küchentisch. Wie immer war er leer und sauber geleckt. Auch ein Stück Normalität.
Max nahm noch einen Schluck, stellte dann den Becher sorgsam ab und griff in den Schrank nach einer neuen Dose Katzenfutter.
Langsam bückte er sich und kam noch vorsichtiger wieder hoch. Man sollte die Wirkung einer einzelnen Schmerztablette nicht überschätzen.
Als er den gefüllten Napf gemächlich wieder zu Boden stellte um auch seinen Magen nicht zu verärgern, wurde ihm bewusst, dass doch nicht alles in gewohnten Bahnen lief.
Wo immer der alte, griesgrämige Kater auch sein mochte, wenn Max eine neue Dose aufmachte, dann konnte er sicher sein, dass der Alte unter der Tür stand und sich sein schmutziggraues und schon
ziemlich zerzaustes Fell erwartungsvoll sträubte.
Heute starrte Max durch die leichten Nebenschleier in seinen verschwollenen Augen auf die leere Tür und versuchte zu überlegen.
Vorsichtig sah er sich um und griff wieder nach seinem Kaffeebecher. Nachdenklich machte er einen Schluck.
Wieder war da die verschwommene Erinnerung, dass Meta schwer auf seiner Brust gesessen hatte, ihm die Luft aus der Lunge quetschte, und auf ihn einredete. In seiner eigenen Art vor sich hin
brabbelte. Es war wohl dem Aquavit zu verdanken, dass sich Max irgendwie meinte zu erinnern, er hätte verstanden, was der Kater ihm so eindringlich zu erklären versucht hatte. Nicht, dass er auch
nur die kleinste Erinnerung daran gehabt hätte, um was es denn gegangen sein konnte. Und trotzdem war da neben dem Hämmern in seinem Kopf so ein eigenartiges Gefühl in seinem Bauch, dass irgend
etwas anders war. Irgendwie fühlte sich diese Welt fremd an, als hätte jemand die Verbindungen in seinem Kopf neu programmiert aber nicht ordentlich gearbeitet. Das Steuerungsprogramm waren
überschrieben worden aber das Altsystem zuvor nicht ordentlich gelöscht.
'Computerfreak' dachte er abfällig über sich selbst und grinst fast. Und: 'Weniger Alkohol wäre angebracht'
Jedenfalls war die Welt nicht so, wie es sein sollte. Das Hämmern in seinem Kopf, dass Brennen in seinem Magen. Und so wirklich scharf sah er auch noch immer nicht.
Im Vorzimmer hing sein Rad ordentlich an den beiden Hacken und das Notebook auf dem Tisch im Wohnzimmer war angesteckt damit sich der Akku aufladen konnte. Offensichtlich war er auch unter
schwerem Alkoholeinfluss durchaus in der Lage alltägliche Dinge zu verrichten. Nicht, dass da auch nur die kleinste Erinnerung an die beide Handlungen gewesen wäre. Aber sie waren ihm offenbar in
Fleisch und Blut übergegangen – eigentlich war es erschreckend, fand er, wie sehr man manchmal einer Maschine ähnelte.
Er schüttelte verwundert aber vorsichtig den Kopf und tippte sein Passwort ein. Nur um festzustellen, dass sich nichts verändert hatte. Die Suchprogramme von gestern arbeiteten immer noch,
wichtige Nachrichten hatte er keine bekommen und auf facebook und twitter waren die üblichen Verdächtigen ihrem elektronischen Durchfall nachgekommen und hatten die Welt mit unnötigen
Pseudo-Weisheiten voll gemüllt.
Max nahm noch einen Schluck aus seiner Tasse und sah sich suchend um. Auch das Fach im Bücherregal war so leer wie die Bank.
„Meta?“
Das klang eher, als würde ein schwerer Kasten über den Boden geschoben, also räusperte er sich und versuchte es noch einmal.
„Meta?!“
Nicht, dass der alte Kater besonders oft auf seinen Namen gehört hätte. Aber der frische Napf am Morgen und danach gekrault zu werden – das war Ritual! Ein Ritual, dass niemals verpasst
wurde.
Suchend sah Max sich in der kleinen Wohnung um, runzelte die Stirn und horchte hin. Aber es war nichts zu hören. Kein Maunzen, kein Scharren, kein dumpfer Aufschlag, wenn der Kater irgendwo
hinunter sprang. Nur eine Frau und einen Mann streiten sich, irgendwo dort draußen in der Siedlung.
Max drehte eine Runde durch die kleine Wohnung und sah an den üblichen Plätzen nach, an denen man den Kater finden konnte. Wäschekorb, Küchenstuhl, Altpapier, neben den Schuhen, wo die Heizung
aus dem Boden kam. Hatte er den Alten irgendwo versehentlich eingeschlossen? Er begann Türen zu öffnen, aber nirgends fand sich der Kater. Zu übersehen war er ja nicht, meinte zumindest Max. Und
es konnte schon vorkommen, dass man ihn den ganzen Tag über nicht sah, aber es hatte noch keinen Morgen gegeben, an dem er nicht erschienen wäre. Möglicherweise kannte der Alte auch mehr
Verstecke als Max. Natürlich, schließlich hatte er ihn damals mit der Wohnung übernommen. War schon ein komischer Kauz gewesen, der Kerl dem die Wohnung gehört hatte. Als sich Max bereit erklärt
hatte den Kater zu behalten, schien es, war dem Mann nahezu alles recht gewesen.
Max versuchte mit der Zehenspitze die Katzenklappe an der Terrassentür und fand sie offen. Also hatte er den Kater auch nicht ausgesperrt. Er öffnete die Tür und streckte vorsichtig den Kopf auf
seine kleine Terrasse hinaus. Atmete tief durch.
Die frische Luft tat seinem Kopf gut, er sah es beinahe, wie die Nebelschwaden dünner wurden. Ein paar Mal füllte er seinen Lungen und fühlt sich gleich besser. Es war ein kühler Morgen aber der
Tag versprach wieder angenehm zu werden. Morgen war gut, dachte er und kratze sich am Bauch. Es war sicher schon so um Elf herum. Mittag konnte noch nicht sein, weil noch keine Essensgerüche
durch die kleinen Gärten entlang der Häuser krochen. Nur das streitende Paar irgendwo weiter hinten war zu hören. Er stand draußen auf seiner kleinen Terrasse, dachte nicht daran, dass er nur
eine Unterhose trug und sah in der Siedlung, die Häuserfronten und die kleinen Gärten entlang. Kleine Parzellen mit penibel geschnittenem Golfrasen wechselten mit Gemüseplantagen und kleinen
Urwäldern. Die Gärten an den Wohnungen waren gleichmäßig etwa fünf Schritte breit und doppelt so lang. Eigentlich hatte Max ja eine der Wohnungen im oberen Geschoss im Auge gehabt, die hatten
größere Balkone und keinen Gartenanteil. Jetzt hatte er eine kleine Terrasse und einen Gartenanteil, der ihm nur Arbeit bescherte, die er zumeist aber nicht erledigte – was ihm ab und zu
missgünstige Beschwerden der Nachbarn einbrachte. Aber immerhin musst er sein Rad nicht nach oben schleppen. Und er hatte einen Kater bekommen, der zwar keineswegs freundlich, aber ihm trotzdem
irgendwie ans Herz gewachsen war. Weil er jetzt einfach zu seinem Leben dazu gehörte.
Max atmete tief durch und fühlte, wie die frische Luft in Verbindung mit dem Kaffee und der Schmerztablette seinen Körper allmählich wieder auf Normalzustand zurück brachten. Zumindest
annähernd.
„Meta - Meta!“, rief er in den Garten ohne viel Hoffnung. Hier draußen war der Alte so gut wie taub für ihn. Nur der Streit des Ehepaars verstummte kurz um dann langsam wieder aufzuflackern.
Irgend etwas musste am Haus gerichtet werden, verstand er ohne wirklich hin zu hören.
Der halbnackte Mann auf der Terrasse atmete noch ein paar Mal tief durch und kratzte sich wieder. Er musste heute nicht in ihr Büro. Was er zu erledigen hatte, das konnte er auch von zu Hause aus
machen. Eigentlich kam er zumeist nur mehr zu den Besprechungen dorthin. So wie gestern. Die Vorteile des modernen Computerspezialisten. Nomaden des digitalen Zeitalters. Das hörte sich gut an.
Lange genug hatte er in Büros gearbeitet. Und im Bergwerk der Rechenzentren. Aber er war sich gar nicht mehr so sicher, dass diese große Freiheit wirklich ein so großer Gewinn war, wie alle
vollmundig behaupteten. Gerade bei neuen Entwicklungen fehlte es ihm oft, sich kurz mit anderen auszutauschen. Oh, er hatte die soziale Interaktion schon durchaus zu schätzen gewusst. Zumindest
hatte man da noch ab und zu neue Menschen kennen gelernt. Dann hatten sie sich selbständig gemacht. Computersicherheit, das war ihr Ding, und Max Welt war auf seine vier Partner zusammen
geschrumpft. Ok, Looni und Joop gab es noch in der Welt da draußen. Und Meta und vielleicht noch ein paar, die er kannte. Von früher. Und – natürlich - Arbeit gab es genug. So wie sie jetzt
diesen Auftrag da hatten und Max natürlich auf etwas stoßen musste, was er den anderen unbedingt hatte zeigen wollen. Anfangs hatten sie nur misstrauische Mienen gemacht und wie zumeist nicht
verstanden, wovon er redete, aber dann hatten sie doch gemeint, er solle sich das Problem genauer ansehen. Wenn er denn unbedingt wollte. Darum liefen jetzt die Suchprogramme auf seinem Computer
und hatten bereits eine beachtliche Anzahl von Treffern gelandet. Er würde sich das später ansehen. Vielleicht würde er auch an den Suchparametern noch etwas ändern. Damit er ein breiteres Gebiet
abdecken konnte. Dabei war der Auftrag ziemlich konkret gewesen, den ihre kleine Computeragentur bekommen hatte. Vor Schadprogrammen sollten sie schützen, Zugriffe besser reglementieren. Und was
er gefunden hatte, war Schrott. Oder so was ähnliches. Als hätte jemand die Programme neu aufgesetzt und vorher nicht ordentlich gelöscht. Redundante Schleifen, isolierte Programmzeilen, Schrott.
Vielleicht würde er später eine Ahnung bekommen, worum es eigentlich ging. Wahrscheinlich nichts, das mit ihrem eigentlichen Auftrag zu tun hatte. Da konnte er fast sicher sein. Das würde sich
dann später heraus stellen.
Ja, später.
Genüsslich streckte er sich erst einmal durch und trank dann den letzten Schluck seines ersten Kaffees. Auf dem Weg zwischen den Gärten tingelte ein kleiner schwarzer Kater gemächlich daher und
besah sich die Welt. Max wusste, dass er dem südamerikanischen Paar ein paar Häuser weiter unten gehörte. Das Paar war selten zu Hause und der Kater immer unterwegs und immer hungrig.
„Na Schwarzer“, meinte Max und grinste. „Wenn du meinen Meta siehst, sag ihm, dass es Futter gibt.“
Damit wandte er sich um und ging wieder hinein.
„Dem alten Griesgram sage ich sicher nichts.“
Max hatte bereits einen Fuß innerhalb der Schwelle als er erstarrte. Da war diese Stimme gewesen. Nein, unmöglich, da war niemand. Oder – doch - ?
Langsam wendete er den Kopf und sah nur den kleinen Schwarzen auf dem Weg stehen. Der starrte mit großen, kugelrunden Augen erschrocken zurück und sträubte die Nackenhaare.
„Du – du hast mich doch nicht verstanden! Oder?!“
Max zog den Kopf zwischen die Schultern, fühlte den stechenden, grellen Schmerz zwischen den Augen und blinzelte. Dabei fiel sein Blick auf zwei kleine Meisen in dem Busch im Garten neben ihm.
Auch sie sahen ihn mit großen Augen starr an.
„Der Trampler kann uns doch nicht verstehen, oder?“, fragte die Stimme der keifenden Frau und Max fiel auf, dass der Streit verstummt war.
„Blödsinn!“, antwortete der Mann. Aber der Vogel auf dem Ast legte den Kopf schief und betrachtete den Menschen genauer. „Obwohl – komm, lass uns verschwinden.“
Die beiden Vögel flatterten auf und schwirrten durch das Gebüsch davon.
Max bemerkte die Übelkeit wieder hochkommen, sein Schädel dröhnte wie eine Glocke, die von Vandalen mit Hämmern bearbeitet wurde und er fühlte, wie alles um ihn zu schwanken schien. Irgendwo
stellte er den Becher ab, taumelte zurück zu seinem Bett und fiel hinein. Wenige Minuten später war er eingeschlafen, was mehr einer Ohnmacht glich. Aber nicht, ohne zuvor Looni und den
Aquavit kräftigst verflucht zu haben.
„Irgendwie ist mir die Sache nicht geheuer“, meinte er.
„Du bist ein alter Angsthase!“, antwortete eine Frau.
„Und ich für meinen Teil glaube einfach, der Kleine spinnt“, mischte sich brummig ein anderer Kerl ein.
„Bis jetzt waren Pablos Berichte immer richtig“, wies ihn die Frau zurecht. Sie hatte eine etwas rauchige, sirrende Stimme die wohltuend in Max Gehirn drang.
„Aber zumindest gab es frisches Lammfleisch“, dröhnte der brummige Mann und lachte.
„Genau deswegen!“, quäckte die erste Stimme wieder. „Nicht nur, dass das hier seine Wohnung ist. Du hast auch noch sein Futter fressen müssen! Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Alte sich
darüber freut, dass wir hier sind.“
„Ich hab' keine Angst vor dem Alten“, brummte der Kerl.
„Ist auch nicht notwendig“, mischte sich eine gelassene, dandyhafte Stimme ein. „Ob du Angst hast oder nicht, er wird dir ganz sicher den Arsch versohlen. So wie jedes Mal, wenn ihr aneinander
geratet.“
„Hört auf euch zu streiten, ihr Machos“, schnurrte die Frau kehlig und wusste genau, dass diese Tonlage die Männer in ihrem Umkreis an ganz andere Dinge denken ließ.
Die quäckende Stimme murmelte noch etwas und Max atmete tief durch um den Traum zu verscheuchen. Er streckte sich ein wenig und blinzelte in das helle Zimmer. Genau vor ihm war der Stuhl mit
seinen Sachen vom Vortag. Darauf bewegte sich etwas. Ein breiter Schwanz fächelte hin und her. Also war alles in Ordnung. Nein, war es nicht. Das dort war nicht Meta! Ein großer, rot-weißer Kater
lag dort breit auf seinen Sachen und starrte ihn an.
„Sieht aus, als kommt das Traummännlein wieder zu sich.“
„Nun, dann dreht dich mal um zu mir, mein Süßer“, hauchte die Frau und Max konnte gar nicht anders, als dieser Aufforderung nach zu kommen.
Auf der anderen Seite seine Bettes lag eine flauschige Main Coon deren Fell beinahe weiß mit einem goldenen Schimmer war und sah ihn aus großen, dunklen Bernsteinaugen an.
„Scheiße“, meinte sie als er ihrer Aufforderung tatsächlich nach kam und für einen Augenblick war alles Laszive aus ihrer Stimme verschwunden. „Pablo hatte wirklich recht.“
„Hab' ich es euch nicht gesagt“, mischte sich aufgeregt die Stimme ein, die Max aus dem Garten erkannte, „der Alte hat Scheiße gebaut und jetzt versteht uns der da!“
„Dass ich das noch erleben darf“, mischte sich der Dandy wieder ein und es klang mehr zynisch als erfreut. Max wandte den Kopf in die Richtung aus der die Stimme kam und sah eine Siam, wie sie
sich von seiner Kommode erhob um sich durch zu streckte. „Und wenn ich es mir genau überlege“, fügte der schlanke Kater noch hinzu, „dann möchte ich mit dieser Scheiße eigentlich nichts zu tun
haben.“
Sprach es, sprang auf den Boden hinunter und stolzierte mit hoch erhobenem Schwanz zur Tür hinaus.
„Warte! Ich komm mit!“
Ein zerzaustes, graues Knäuel unter der Tür sprang auf und schloss sich ihm humpelnd an. Auch der große Kater auf dem Stuhl machte Anstalten sich aufzurichten.
„Hey Jungs“, sirrte die weiße Main Coon spöttisch, „ihr werdet eine wehrlose Frau doch nicht allein lassen. Wer soll den Anderen dann das alles erklären?“
„Du und wehrlos, Mandolina – der Witz war gut“, brummte der rote Kater und besah sich nachdenklich seine Pfote. „Aber sie hat nicht ganz unrecht. Zuerst müssen wir uns ganz sicher sein.“ Er
drehte den großen, eckigen Kopf herum und sah Max direkt an.
„Ok Dosenöffner – verstehst du jetzt wirklich was ich sage oder tust du nur so?“
Max atmete tief ein und aus und schloss dabei die Augen, was das Hämmern in seinem Kopf nicht beeinträchtigte. Dann meinte er: „Ich fürchte, ich verstehe wirklich, was du sagst.“
„Scheiße!“, meinte der Siam, der unter der Tür stehen geblieben war und über die Schulter zurück sah.
„Scheiße?“, fragte Max wütend zurück. „Was meinst du, wie ich mich fühle? Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich den Verstand verloren haben. Dass ich halluziniere. Und ich habe den Eindruck, ihr
seit über das hier keineswegs so erstaunt wie ich!“
„Wir sind völlig platt!“, rief der kleine Schwarze und sprang auf das Fußende des Bettes. „Aber es gibt da diese Legende ...“
„Ach, bitte!“ - „Nein!“, unterbrachen ihn gleichzeitig die beiden anderen Kater während das graue, zerzauste Knäuel zwischen ihnen laut aufschluchzte.
„Hör auf damit“, quäckte er dann mit überschlagender Stimme. „Das sind Legenden. LEGENDEN! Geschichten für kleine dumme Kätzchen um ihnen Angst einzujagen. Das kann nicht wahr sein. Das darf
nicht wahr sein! Das … das darf nicht ...“
Der Siam schlug mit der Pfote nach ihm und sofort verstummte der Graue, wimmerte leise und zuckte aufgeregt mit dem Stummel von Schwanz, der ihm geblieben war.
„Ich habe es auch für eine Geschichte gehalten“, entgegnete der Schwarze trocken. „Aber jetzt sitzt der da und wir reden mit ihm. Wie verrückt das auch immer ist.“
„Der da hat einen Namen“, brummte Max gereizt und wütend auf sich selbst, weil er sich auf dieses Hirngespinst einließ. Weil er mit seinen Halluzinationen sprach. Wie verrückt war das denn? Und
weil die stechenden Kopfschmerzen einfach nicht weichen wollten. Keinen klaren Gedanken zuließen.
Die Main Coon starrte ihn einen Augenblick aus ihren goldenen Augen an, dann erhob sie sich, setzte sich in ihrer beachtlichen Größe aufrecht hin und legte bedächtig den flauschigen Schwanz über
die Vorderpfoten.
„Ja“, erklärte sie und hatte unüberhörbar Arroganz in der Stimme, „wo kommen wir hin, wenn wir unsere Erziehung vergessen. Mich nennt man Mandolina. Warum auch immer. Der Kleine hier ist Pablo
und das dort sind Dandy, BumBum und Bruno.“
„BumBum“, murmelte Max und sah auf den Grauen, der nervös am ganzen Körper zuckte. Ein Ohr und der größte Teil seines Schwanzes fehlte, ein Auge war fast geschlossen und auf zwei Pfoten schien er
zu hinken. „Wie kommt man zu dem Namen?“
„Er ist mal ein paar Menschenjungen in die Hände gefallen“, brummte Bruno. „Seither sieht er so aus. Und ist nicht mehr ganz richtig im Kopf. Die Menschen waren es wohl auch nicht!“
Max überhörte die kaum verhohlene Anklage in der Stimme und schüttelte den Kopf. Vorsichtig, denn die Übelkeit war trotz aller Ablenkung immer noch da. Er wollte nicht näher darauf eingehen, was
Menschen so zum Spaß mit Tieren anstellten und sah stattdessen wieder zu der Katze auf seinem Bett.
„Mich nennt man Max – und ich habe nicht die leiseste Ahnung, was das hier soll oder wie das weiter gehen soll“
„Max“, wiederholte Mandolina und schien zu lächeln. „Vielleicht erzählst du uns ja mal, was gestern Nacht so geschehen ist. Was hast du gemacht?“
„Naja“, meinte Max und setzte sich endgültig auf. „Ich habe einen Freund getroffen und wir sind um die Häuser gezogen. Sollte euch ja nicht ganz unbekannt sein.“
Keine der Katzen reagierte. Sie sahen in nur erwartungsvoll an. Also atmete er noch einmal tief durch und überlegte.
„Und wir haben Alkohol getrunken.“ Konnte es wirklich sein, dass er sich vor diesen Tieren dafür schämte? Dieser Morgen wurde immer verrückter. „Ja, ok, zu viel Alkohol. Aber Looni war wieder mal
nicht zu bremsen.“
„Looni?“, wiederholte Bruno.
„Es ist Vollmond“, warf Dandy ein, als würde das irgendetwas erklären. Aber die Katzen wechselten einen wissenden Blick, der sogar Max trotz dem Dröhnen in seinem Kopf nicht entging.
„Was ist mit Looni?“, wollte er wissen und wieder wechselten die offensichtlichen Halluzinationen im Pelz einen bedeutungsschweren Blick.
„Ich kenne deinen Freund Looni“, meinte Dandy zögernd. „Wir alle kennen ihn. Und er ist kein Freund der Katzen.“
„Was war dann?“, forderte Mandolina Max auf sich wieder zu konzentrieren und bei der Sache zu bleiben.
„Ich bin mir nicht ganz sicher“, meinte der. „Ich bin irgendwann nach Hause gekommen. Und Meta war da. Hat herum gemotzt, weil er sein Futter erst so spät bekam. Selbst als ich schon im Bett war,
hat er damit nicht aufgehört. Er sitzt auf mir und ...“
„Er ist auf deiner Brust gesessen? Hat er dich angesehen?“, unterbrach Pablo. Er war aufgesprungen und das ganze Fell auf seinem mageren Körper schien sich zu sträuben.
„Ja, ich glaube“, antwortete Max vorsichtig. „Hat das was zu bedeuten?“
Pablo und Mandolina wechselten einen raschen Blick, dann setzte sich der kleine schwarze Kater auf sein Hinterteil und bemühte sich, eine ebenso elegante Haltung einzunehmen wie die große
Katze.
„Vielleicht ist dir schon mal aufgefallen, dass wir Katzen euch Menschen niemals in die Augen sehen. Und wenn, dann nur sehr kurz oder auf weite Entfernung. Es gibt da eine alte Legende, die
sagte, dass ihr Menschen irgendwann die Sprache der Welt gesprochen habt. Und, dass ihr sie verlernt habt. Wenn aber eine Katze lange genug auf eurer Brust sitzt und euch in die Augen sieht, dann
könnt ihr euch wieder daran erinnern.“
„Märchen!“, knurrte Bruno verächtlich.
Max sah zu ihm hinüber und meinte: „Bitte lass es eines sein!“
Der Siamkater unter der Tür stand wieder auf, schüttelte sich durch und streckte sich, dass sein mageres Hinterteil steil aufragte.
„Ich mach mich mal auf den Weg“, meinte er dann. „Aber das hier werde ich niemandem erzählen. Wenn das die Runde macht, dann ist Panik angesagt. Soviel ist sicher.“
Schnell schlossen sich ihm die beiden anderen Kater an und dieses Mal hatte die Main Coon keinen Einwand. Wie erstarrt saß sie da und sah irgendwo neben Max an die Wand. So lange, bis sogar Pablo
unruhig wurde und sich hin legte. Endlich rührte sie sich, warf einen langen Blick auf Max und sah dann auf Pablo.
„Vielleicht“, meinte sie endlich langsam, „vielleicht hat das auch gar nichts mit irgend einer Legende zu tun.“
„Wie meinst du das?“, fragte der magere Schwarze und schlug aufgeregt mit dem Schwanz.
„Nun, es war schließlich keine von uns. Es war der alte Metatron. Und wir sind uns wohl alle darüber einig, das er – nun ja – anders ist. Meine Mutter hat mir erzählt, dass er schon alt war, als
sie auf die Welt kam.“
„Metatron?“, fragte Max ungläubig.
„So heißt der Kater, der hier wohnt mit vollem Namen“, bestätigte sie und leckte sich elegant über die Pfote. „Wusstest du das nicht?“
„Ich glaube der Alte nannte ihn so, ich sage immer nur Meta. Also dachte ich … ist das nicht so was Altgriechisches oder so?“
Die beiden Katzen auf seinem Bett wechselten wieder einen schnellen Blick, kommentierten Max mythologische Unwissenheit aber nicht.
„Wir müssen ihn zum Rat der Alten bringen“, entschied der kleine Kater was ihm einen entgeisterten Blick der Main Coon einbrachte. Von oben herab, und das nicht nur weil sie einen guten Kopf
größer war als er.
„Bist du von allen guten Geistern verlassen?“, fuhr sie ihn an. „Zum Rat der Alten? Noch niemals war ein Mensch beim Rat der Alten!“
„Es hat auch noch niemals ein Mensch unsere Sprache verstanden!“
„Doktor Dolitte?“ warf Max ein, aber die Beiden entschieden nach einem strafenden Blick den haarlosen Primitivling zu ignorieren. Was Max ein wenig verärgerte. Schließlich war das sein Traum.
Seine Halluzination. Sein, was auch immer. Er war verrückt, offensichtlich, er fantasierte und selbst diese Gestalten nahmen ihn nicht ernst. Er sollte weiter schlafen, damit er endlich aus
diesem mit Aquavit geschwängerten Traum erwachte.
„Hast du denn eine bessere Idee?“, fragte der Kleine unterdessen gelassen.
Wieder sah sie ihn lange an und meinte dann gedehnt: „Nein, nicht wirklich.“ Was ihr zu tiefst zu widerstreben schien. Dann sah sie Max an. Lange musterte sie ihn und er wurde das Gefühl nicht
los, dass sie es inzwischen zu tiefst bedauerte hierher gekommen zu sein.
„Ich kann dir nur dringend raten heute im Haus zu bleiben“, ordnete sie an und unterdrückte den Unwillen in ihrer Stimme nicht. „Da draußen warten ein paar Überraschungen auf dich. Pablo wird bei
dir bleiben und auf dich aufpassen.“
Bevor noch der überrascht aufblickende schwarze Kater etwas erwidern konnte war sie auch schon auf den Boden gesprungen und stolzierte elegant aus dem Raum. Eine Dame blieb eine Dame, egal, was
das Schicksal ihr zumuten mochte.
„Und was soll ich machten?“, rief ihr Pablo überrascht nach. „Mit dem da?“
„Aufpassen sollst du“, meinte sie über die Schulter. „Sag ihm, er soll auf die Platte starren. Das lieben sie doch so.“
Damit war sie weg und wenige Augenblicke später hörten die beiden so unterschiedlichen männlichen Wesen das Klacken der Katzenklappe. Sie sahen sich an und wussten offensichtlich nicht, was sie
miteinander nun anfangen sollten.
Dann hatte Max eine Idee.
„Möchtest du vielleicht was fressen, Pablo?“
Eine rhetorische Frage. Pablo fragte nach Wild, weil es bei ihm zu Hause meistens nur Fisch gab, und Max erfüllte ihm den Wunsch. Während der mageren Schwarze freudig mampfte konnte sich Max ein
Grinsen nicht verkneifen.
„Artgerechte, natürliche Nahrung – Wildschwein, Reh und Hase“, zog er den Kleinen dabei auf. Was den Kater aber überhaupt nicht aufregte. Zwischen zwei Bissen meinte er: „Hase – soll schon
vorgekommen sein. Und sonst – mein Gott, nun hab dich nicht so. Wenn ihr Menschen selbst jagen müsstet, würde die Mehrzahl von euch auch schon längst verhungert sein. Und warum sollten wir das
nicht an euch delegieren?“
Wie auch bei Meta konnte Max bei Pablo fasziniert zusehen, mit welcher Geschwindigkeit die Nahrung verschwand. Wieder einmal staunte er und überlegte, wie groß, im Verhältnis, wohl eine Portion
für einen Menschen sein musste und dass er das niemals weg brächte.
Pablo leckte noch sorgsam die Schüssel aus, setzte sich dann auf und begann sein Maul zu säubern.
„Merci Meister Max“, gab er dabei von sich und der Angesprochene meinte ein zufriedenes Grinsen aus der Stimme zu hören.
„Was meinte Mandolina mit 'der Platte'?“, fragte er, während er zusah wie der Kleine die Putzzone immer weiter ausdehnte.
Der unterbrach kurz das Lecken seinen Bauches, überlegte, sah dann Max an und sagte: „Na, die Platte, die Glitzerplatte eben.“
Max stand nachdenklich vom Boden auf, streckte sich durch und kratzte sich am Kopf. Drehte sich, um nach der ungewohnten Hocke wieder Gefühl in die Beine zu bekommen und überlegte.
„Na komm, tu nicht so“, forderte ihn Pablo auf. „Jeder von euch Menschen hat zumindest eine. Du weißt schon - diese komischen, glitzernden Platten, manche so klein, dass ihr sie in der Hand
halten könnt und manche so groß, dass sie an der Wand hängen müssen. Ihr könnt stundenlang völlig entgeistert darauf starren, absolut weggetreten aus der Welt.“
„Du meinst einen Bildschirm? Einen Fernseher, ein Smartphone?“, begriff Max endlich.
„Wie immer du es nennen willst“, gestand ihm Pablo großmütig zu. „Jeder von euch hat zumindest eine und ihr seit völlig vernarrt darin.“
„Das ist doch wie ein Fenster!“, lachte Max. „Man kann darin Dinge sehen, die wo anders sind. Wie durch ein Fenster.“
„Fenster kenne ich“, brummelte der Kleine. „Die sind zumeist dazu da um einen davon abzuhalten dorthin zu gelangen, wo man sein möchte.“ Er schüttelte sich unwillig. „Aber die Platten – nein.
Manchmal geben sie ja interessante Geräusche von sich, aber Fenster? Nein. Da sind nichts außer kleine glitzernde Punkte, die unterschiedlich hell aufleuchten.“
Max überlegte einen Augenblick, dann lief ihm ein kalter Schauer den Rücken hinunter und er ging schnell ins Wohnzimmer zu seinem Laptop um den Bildschirm zu aktivieren. Wie üblich verlangte der
die Eingabe des Passwortes und auch sonst sah alles aus wie früher.
Pablo war ihm nach getrottet, saß am Boden und sah ihm nachdenklich zu.
„Du siehst nichts als gleichmäßige Punkte?“
„Unendliche viele, sehr kleine, flimmernde, glitzernde grüne Punkte“, bestätigte der Kleine gelangweilt und setzte wieder an sich zu säubern.
Max starrte auf die Felder, die Symbole und die Zahlenreihen, die das Suchprogramm darstellten und ergaben. Und eine unvermutete Erleichterung machte sich breit. Zumindest einige Dinge waren noch
so, wie er sie gewohnt war. Dann runzelte der die Stirn und sah nachdenklich dem kleinen Kater zu.
„Kleine grüne Punkte“, meinte er leise. „Ich habe da doch irgendwann mal was gehört. Ihr habt ein völlig anderes Farbsehen als wir. Ihr seht kaum Farben, nur Grün. Darum ist für euch der Schirm
kein Abbild sondern nur eine glitzernde Platte.“
„Ich kann damit leben“, brummelte der Kater uninteressiert.
„Ich könnte es nicht“, lachte Max erleichtert auf. „Ein Großteil meiner Kontakte läuft über das Ding. Ich beziehe daraus meine Informationen und ich verdiene damit mein Geld.“
„Hm, Geld“, machte Pablo. „Auch so ein Ding von dem ihr ständig redet und nicht genug bekommen könnt.“
„Mit Geld kann ich Futter von anderen eintauschen und muss nicht selber jagen“, erklärte Max grinsend und der kleine Kater sah ihn durchaus interessiert an.
„Und es wird nicht schlecht?“
„Nein! Geld wird nicht schlecht. Wobei, wenn ich mir den Aktienmarkt so ansehe oder die Verzinsung von Spareinlagen, dann muss ich sagen ...“
„HÄ?“ machte Pablo und Max lachte auf.
„Ok“, gestand er dann ein, „auch Geld kann schlecht werden. Aber es hält sich sehr viel länger als eine Maus.“
Pablo nickte zufrieden, legte sich auf die Seite und streckte sich lang aus.
„Gut“, meinte er dabei. „Dann starr mal ein wenig auf deine Platte und mach Futter. Ich werd so lange eine Runde schlafen.“
Max sah in an und grinste ein wenig. Der Impuls ihn zu kraulen kam auf, aber er unterdrückte ihn sofort wieder. Eigenartig, sonst hätte er sich nichts gedacht dabei. Wie verrückt war das denn!
Eben war er noch der Kumpel gewesen und jetzt wieder die kleine, süße Katze. Vielleicht musste er alles einfach nur laufen lassen. Vielleicht klinkte sich alles in seinem Kopf wieder ein, lief
wieder in normalen Bahnen, wenn er einfach nicht darauf achtete. Einfach so weiter machte wie bisher.
Wenn dieses Dröhnen in seinem Kopf nur endlich aufhören würde, das ihn beständig daran hinderte einen klaren Gedanken zu fassen.
Er stand auf um sich noch eine Schmerztablette zu holen. Die Letzte, wie er bemerkte. Vielleicht konnte er ja den Kater schicken um neue zu besorgen. Er schüttelte den Kopf, weil diese Idee –
weil diese ganze Einbildung einfach zu verrückt war. Es wurde wirklich Zeit, dass diese Phantasiegebilde aus seinem Kopf verschwand. Ablenkung konnte helfen. Konzentration, auf seine Arbeit zum
Beispiel. Also setzte er sich, zog den Computer heran und begann sich in die Suchergebnisse der Nacht zu vertiefen. Um erschrocken festzustellen, dass weit mehr von den defekten Programmteilen
gefunden worden waren, als er befürchtet hatte. Dabei war ihm gar nicht so wirklich klar, wonach er eigentlich suchte. Da waren Unregelmäßigkeiten, die eigentlich nicht da sein sollten, die
irritierten ihn und damit hatte es angefangen. Diese Teile steckten mitten in den Programmen, hatten aber eigentlich nichts damit zu tun. Und weil er keine Ahnung hatte, wie diese
Unregelmäßigkeiten in die Programme gekommen waren, weil er keinen Ahnung hatte, wozu sie dienten - das machte ihn nun wirklich stutzig. Für sich allein genommen ergaben sie keinen Sinn, darum
hatte er versucht die Unregelmäßigkeiten zu ordnen. Muster, Systeme zu erstellen. Aber nichts davon ergab auch nur annähernd Sinn. Was er einzig sagen konnte, das war, dass wirklich so gut wie
jedes System betroffen war. Mehr oder weniger. Selbst in den Programmen seines eigenen Computers entdeckte er diese Teile. Sie wirkten so zufällig, aber er war sich sicher, dass sie alles andere
als zufällig waren. Dass sie durchaus einen Sinn ergeben würden, wenn er dahinter kommen würde … wenn … wenn … wenn das Dröhnen in seinem Kopf endlich nachlassen würde.
Damit er auf andere Gedanken kam, öffnete er die Seite der Google Suchmaschine. Nur um sie nach kurzer Überlegung wieder zu schließen und zu einer anderen, anonymisierten Suchmaschine zu
wechseln. Obwohl er sich keineswegs sicher war, ob diese nicht auch seine Daten erfassten. Aber zumindest versprachen sie Bäume mit dem Ertrag zu pflanzen.
Die Suche nach Hinweisen über die Wahnvorstellung der Kommunikation mit Tieren, in welcher Form er es auch immer versuchte, war so reich an Treffer wie ergebnislos. Die Geschichte des Dr.
Dolittle von Hugh Lofting tauchte unzählige Male und in unzähligen Variationen auf. Aber auch Tiermediatoren, Geistheiler und Tierpsychologen. Schamanen und Tierärzte mit Bachblüten. Millionen
von Einträgen im Internet und keiner davon half ihm weiter. Es war auch nicht wirklich förderlich, dass seit geraumen Weile Leute vor seinem Fenster zu tuscheln schienen. Auch wenn ihm ein kurzer
Blick versicherte, dass dort niemand war. Und je mehr er versuchte nicht darauf zu achten, um so mehr störte es ihn. Irgendwann stand er auf und trat ans Fenster. Aber da draußen war keine
Menschenseele. Weit und breit war der kleine Weg zwischen den Gärten verlassen. Und auch in den Gärten selbst zeigte sich niemand. Für einen Moment schien auch das Tuscheln zu verstummen. Dafür
war da jetzt ein leises Murmeln. Aus der Küche. Zwei lange Schritte hinüber, aber niemand war da.
Kopfschüttelnd kam er zurück.
So musste es wohl den Verrückten ergehen, wenn sie Stimmen hörten.
Scheiße! Er war verrückt!
Er war einer von diesen Verrückten, die meinten, Stimmen zu hören. Denen körperlose Stimmen die Welt auf unmögliche Weise erklärten und die ihnen befahlen unsägliche Dinge zu tun. Vielleicht
durch Wesen, die auftauchten und mit ihnen sprachen. Wahrscheinlich anfangs völlig vernünftig. Vielleicht – in Form einer Main Coon? Davon hatte er noch nie etwas gehört. Aber es kam alles nur
aus seinem Kopf, nichts davon war real. Da war nichts und niemand anders! Sein Blick auf die Welt war völlig verschoben. Er war krank!
„Du hast Ameisen in der Küche“, warf der kleine Schwarze hin und schloss das eine Auge wieder mit dem er den Menschen auf seiner unruhigen Wanderung beobachtet hatte.
Max war verrückt, jetzt war er sich ganz sicher!
„Das Murmeln und Tuscheln kommt also von Ameisen? Und ich kann sie hören? Ach so, Ameisen können also sprechen?“, knurrte er missmutig.
Pablo streckte sich lang und gähnte ungeniert. So zierlich sein Gebiss war, so beeindruckend war es auch.
„Das Murmeln kommt von den Ameisen“, erklärte er dann bemüht geduldig. „Und ja, sie können sprechen. Warum auch nicht. Das, was du Tuscheln nennst, das kommt von den Pflanzen vor deinem
Fenster.“
Max fiel auf einen Stuhl und starrte den Kleinen entgeistert an.
„Ameisen kann ich - Pflanzen sprechen - ich - was ...“
Pablo setzte sich wieder in die Position der ägyptischen Katzengottheit und wirkte, als wäre er sich einer großen Aufgabe bewusst. Und ein wenig angepisst über die mühselige Arbeit, die diese
große Aufgabe machte.
„Natürlich können Ameisen und Pflanzen sprechen. Alles, was lebt, ist fähig zur kommunizieren und somit auch der Sprache mächtig“, erklärte er geduldig wie ein Oberlehrer einem begriffsstutzigen
Schüler. „In der einen oder anderen Form. Denn natürlich ist die Sprache der Lebewesen auch ihren Gegebenheiten angepasst. Die Lautstärke ist zum Beispiel von ihrer Größe abhängig, eigentlich
schreien Ameisen, aber du hörst es kaum. Darüber hinaus benutzen sie eine sehr einfache Sprache, die eigentlich nur aus einzelnen Wörtern – also eigentlich aus Kommandos besteht. Wir Katzen haben
ein sehr viel komplexeres Sozialleben und damit ist auch unsere Sprache komplexer geworden. Ich weiß, ihr Menschen meint, nur 'höhere' Tiere wären der Sprache mächtig. Aber es gibt keine
'höheren' Tiere. Jede Rasse, jede Gattung ist der augenblickliche Endpunkt seiner Entwicklung, dessen höchster Entwicklungsstand und als solche so perfekt wie nur möglich.“
„So perfekt wie möglich, was nicht heißt, dass man nicht noch was dazu lernen kann“, ergänzte Max und seufzte resigniert.
„Eine verblüffende und außerordentlich unerwartete Erkenntnis – von einem Menschen. Ehrlich Max“, meinte der Schwarze nachdem er den Kopf schief gelegt hatte und den Menschen gemustert,
„irgendwie überrascht du mich. Ich glaube nicht, dass es viele Menschen gibt, die das so weggesteckt hätten wie du. Das, was Meta dir angetan hat.“
Max grinste schief, nickte mehr überrascht als zum Dank – aber dann verschwand das Grinsen sehr schnell.
„Du meinst, er hat mir etwas angetan, Pablo?“, fragt er nach und schielte nach dem Bild von Rex Harrison als Dr. Dolittle auf seinem Computer. „Du glaubst, es ist mehr ein Fluch als eine Gabe
euch zu verstehen? Warum?“
Die Frage war Pablo offensichtlich unangenehm. Er drehte sich im Kreis um eine angenehmere Position zu finden und schlug nervös mit dem Schwanz.
„Naja“, drückte er herum, „es geht nicht so sehr um die Sprache. Nicht nur.“
Noch eine Drehung und noch immer kein bequemerer Platz. Mit der Pfote tappte er nach dem verräterischen Schwanz wie um ihn ruhig zu halten.
„Nicht nur die Sprache?“, forderte Max und war erstaunt, wie ruhig er selbst blieb.
„Es ist – nun, Mandolina wollte, dass du hier bleibst. Drinnen. Weil, die Welt da draußen – also, es könnte sein, dass sie anders ist, als ihr Menschen euch das vorstellt.“
„Anders?“
„Hey“, jaulte Pablo auf. „Ich bin nur ein kleiner, schwarzer Kater und ich habe mir noch nie viel Gedanken über die Welt gemacht. Warum sie so ist, wie sie ist. Grübeln ist nicht das Ding von
Katzen, das gehört zu euch Menschen. Ihr wollt immer alles hinterfragen, immer alles wissen. Und habt dabei vollkommen vergessen, dass man auch akzeptieren muss, was Sache ist.“
„Nur wenn man etwas versteht, dann kann man es zum Besseren verändern.“
„Als wenn ihr Menschen schon mal was zum Besseren verändert hättet.“
„Hallo?“, begehrte Max auf. „Trockene Häuser? Warm im Winter? Jederzeit Futter ohne zu jagen?“
„Tierversuche? Umweltvergiftung? Hundezonen?“, konterte der Kleine und blitzte ihn an. „Los, starr wieder auf deine Platte, Fenster, was auch immer und warten wir ab, was Mandolina zu Wege
bringt.“
„Und das muss ich mir von einem sagen lassen, der stundenlang eine leere Wand anstarren kann“, lachte Max.
Pablo antwortete nicht. Er betrachtete den Menschen vor sich und schien zu überlegen. Lange zu überlegen. Zu lange für den Menschen. Der wollte sich schon wegdrehen, als Bewegung in den kleinen
Kater kam. Der drehte eine Runde durch den Raum und kam dann zu dem Menschen.
„Komm“, meinte er, „das könnte interessant werden.“
Max starrte ihn verständnislos an und der Kleine wies mit dem Kopf auf das Sofa hinüber.
„Setz dich auf das dort drüben hin, mach es dir bequem, sieh auf die Wand und sag mir, was du siehst.“
Max kam überrascht der Aufforderung nach, ließ sich auf das Sofa fallen und sah auf die Wand.
„Unebenheiten“, meinte er nach einer Weile. „Unten ist eine Fläche, da wirkt die Farbe anders. Wahrscheinlich haben sie da mal eine Leitung verputzt. Also ...“
„Nein!“, unterbrach Pablo. „Einfach nur sehen. Nicht erklären. Sieh einfach hin und warte, was passiert.“
Max versuchte es. Er bemühte sich ehrlich. Aber immer wieder kamen Gedanken, lenkten in ab. Brachten in weit weg. In die Vergangenheit. In die Zukunft. Was er getan hatte, was er tun sollte. Was
er hätte tun sollen.
„Ist das wirklich so schwer für euch Menschen, einfach nur zu schauen?“ rief der Kater verwundert und machte einen Satz zu Max auf das Sofa. Vorderpfoten, Brust und Kopf legte er auf sein Bein
und meinte: „Versuch es noch einmal. Einfach sehen! Nicht suchen, nicht erkennen, nicht grübeln. Einfach sehen!“
Er fing an zu schnurren und diese gleichmäßige Vibration erfüllte schnell Max Körper und beruhigte seinen Geist. Irgendwann schaffte er es tatsächlich zu vergessen, dass er etwas sehen sollte –
und erschrak. Ihm war gewesen, als wäre ein großer Schatten über die Wand gehuscht. Aber da war nichts, was einen Schatten hätte verursachen können. Vielleicht vor dem Fenster? Vielleicht hatte
er sich auch getäuscht. Der Kleine auf seinem Bein seufzte und schnurrte weiter. Also schob Max seine Überraschung weg und sah wieder hin. Sah einfach nur hin.
Der große Schatten kam wieder. Verharrte, und bewegte sich dann ein wenig zur Seite. Ein zweiter kam. Mehr, viele kamen. Bewegten sich, begegneten sich, verharrten, überschnitten sich. Schienen
sich zu bedrängen, sich zu unterhalten. Zu kämpfen, zu tanzen, zu verharren. Ihn zu beobachten, aus der Wand heraus. Fasziniert starrte Max auf die Wand. Völlig in Bann gezogen von dem Tumult und
dem Leben, das dort herrschte. Unmöglich zu sagen, wie lange er so gesessen hatte.
„Wenn ihr dann fertig sein, wollte ich nur gesagt haben, dass die Schüssel leer ist.“
Max fuhr erschrocken auf und starrte den roten Kater an, der da mitten in seinem Zimmer saß. Breitbeinig auf seinem Hinterteil hockte er, nur die Schwanzspitze zuckte ein wenig. Dabei gab er sich
alle Mühe so zu wirken, als würde er schon seit Ewigkeiten dort sitzen.
„Du warst auch schon mal leiser unterwegs“, meinte Pablo, gähnte und streckte sich.
„Gibt es hier irgendwas vor dem ich Angst haben sollte um deswegen leise zu sein?“, protzte der große Kater und sah Pablo streitlustig an. Aber der gähnte nur noch mal und Max lachte.
„Vielleicht hast du Angst davor zu verhungern?“, meinte er und der Rote sah ihn überrascht an. Dann lachte er laut.
„Ha, der Kerl fängt an mir zu gefallen! Wie sieht es wirklich mit was zu fressen aus?“
„Pablo?“, fragte Max und erntete einen erstaunten Blick.
„Hab ich schon mal Futter abgelehnt?“, fragte der Kleine und Max konnte nicht anders, als ihn im Nacken zu kraulen. Für einen Augenblick ließ er es sich gefallen, dann wand er sich unter der Hand
hervor und von dem Bein herunter. Max stand ebenfalls auf und machte sich auf den Weg in die Küche. Überrascht stellte er fest, das ihm die beiden Kater nicht folgten. Während er zwei kleine
Teller mit Katzenfutter füllte hörte er die beiden Kater ein Zimmer weiter leise sprechen. Aber alles was er verstehen konnte waren die Namen Mandolina und Rakor. Und ein leises Murmeln in der
Ecke neben dem Fenster. Max sah genauer hin und entdecke wirklich einige Ameisen, die mit den ihnen üblichen eckig hektischen Bewegungen hin und her liefen.
„Es wäre mir lieber, ihr würdet draußen euer Futter suchen“, brummte Max resigniert worauf ein paar der Ameisen anhielten und ihm mit ihren Fühlern entgegen fächelten. Zumindest ein paar Sekunden
lang um dann wieder in ihre hektischen Tätigkeiten zu verfallen. Max grinste schief, weil er wusste, dass es kaum ein Mittel gegen die Effizienz und Zielstrebigkeit dieser unscheinbaren Wesen
gab. Sie zu töten führte zu einem Erfolg. Allerdings nur für kurze Zeit. Da kam ihm eine Idee.
„Ameisen. Alle! Futter. Draußen.“
Näher ging er an die Ecke, beugte den Kopf weit hinunter und hauchte ganz leise: „Ameisen! Alle! Futter draußen!!“
Eine Welle der Erstarrung schien durch die Gruppe in der Ecke zu laufen. Fühler wedelten, Köpfe wurden aufgeregt hin und her gedreht.
„Futter. Draußen. Futter draußen!“ meinte er ganz leise zu vernehmen und im nächsten Augenblick beeilten sich alle Ameisen in die Ecke des Fensters zu kommen um in einem kleinen Spalt zu
verschwinden.
„Sieht aus, als würde unser Großer ganz schön schnell begreifen.“
Max wandte sich um und sah die beiden Kater unter der Türe stehen.
„Hm“, machte Pablo nur, schritt ins Zimmer und starrte nach oben, wo die beiden Teller standen.
„Wie war das mit Futter“, meinte er dann.
Max lachte und stellte ihnen die Teller nach unten. Damit war für die nächsten Minuten jedes Gespräch unterbunden. Aber Max Neugier wurde immer stärker, siegte über sein Staunen und auch über die
noch immer bohrenden Kopfschmerzen.
„Diese Schatten“, fing Max langsam an, „die an der Wand. Wieso – ich meine, was ist das? Sie haben gewirkt wie lebendige Wesen. Habt ihr ...“
„Ach Max!“, seufzte Pablo zwischen zwei Bissen. „Ich hab dir doch schon gesagt, wir sind Katzen. Wir nehmen die Dinge so, wie sie sind. Wir hinterfragen und analysieren und zerlegen und bewerten
nicht. Ich kann dir sagen, was ist. Aber warum etwas ist? Oder was es ist ...“
„Geister“, mampfte Bruno. „Energiewesen, Untote.“
Pablo sah den Roten mindestens ebenso entgeistert an wie Max. Ja, er schien sogar auf die letzten Brocken auf seinem Teller vergessen zu haben. Was Bruno zu einem neugierigen Blick darauf
veranlasste. Aber da Max die Frage stellte, fraß Pablo lieber selber.
„Hä!??“
Der rote Kater setzte sich zufrieden wieder auf sein breites Hinterteil und begann sich sorgfältig die Schnauze zu lecken. Scheinbar völlig uninteressiert an den erwartungsvollen Blicken von
Kater und Mensch.
„Woher willst du das wissen“, brummte Pablo nach dem letzten Bissen und begann sich ebenfalls zu putzen.
„Nichts weiß ich“, gluckste der Rote schadenfroh. „Aber die Menschen bei denen ich wohne, die haben kaum ein anderes Thema. Immer wenn sie auf Ihre Platte starren geht es los mit Geistern dort
und Untoten da. Und was die nicht alles machen – und ich hab noch nie einen gesehen!“
„Aber die Schatten an der Wand?“, warf Max ein und meinte richtig das gleichgültige Schulterzucken des roten Katers zu sehen. Wobei er sich gleichzeitig fragte, ob Katzen überhaupt mit den
Schultern zuckten.
„Sind Schatten“, brummte Bruno. „Schatten an der Wand. Von denen hat noch keiner irgend jemand was getan.“
„Richtung Süden“, wechselte Pablo das Thema, „so ziemlich am anderen Ende der Stadt, am Kanal vom Meer herein, dort ist ein Park. Mit einem See und Bäumen.“
„Und Hunden!“, warf Bruno missmutig ein.
„Wie lange brauchst du bis dort hin“, fragte Pablo ungerührt.
„Zehn Minuten, vielleicht eine Viertel Stunde mit dem Rad“, überlegte Max. „Ich hab einen Korb, da könnte ich euch ...“
Der rote Kater schien sich zu verdoppeln und alles zu sträuben, was er nur sträuben konnte.
„Kein Rad!“, fauchte er lauthals. „Sirrende, lautlose Monster sind das! Viel zu schnell! Viel zu unkontrolliert! Unberechenbar! Niemals – bleib mir bloß vom Leib mit diesem Teufelszeug!“
Pablo wartete geduldig bis sich der Ausbruch halbwegs gelegte hatte und meinte dann: „Unser lieber Bruno hatte schon die eine oder andere unliebsame Begegnung. Wie die meisten von uns. Also ohne
dieses - Ding.“
„Naja“, überlegte Max, „zu Fuß werde ich schon eine halbe Stunde brauche. Eine knappe. Vielleicht.“
Er sah Pablo an und bemerkte den leicht resignierten Ausdruck in den blanken Augen des kleinen schwarzen Katers.
„Dir sagt das nichts, Stunden, Minuten. Nicht wahr?“
Wieder dieser Blick voll Erstaunen und Verachtung über so viel Dummheit.
„Schaffst du es dort zu sein bevor es dunkel wird?“, hackte der Kleine nach und Max warf eine schnellen Blick aus dem Fenster. Er hatte keine Ahnung, wann es dunkel werden würde, aber es sah
nicht danach aus.
„Nun“, meinte er selbstsicher, „das sollte sich ausgehen.“
„Gut“, entschied Pablo, stand auf und ging zur Tür. Sofort und ohne Murren sprang auch der rote Kater auf und schloss sich ihm an. Das fiel sogar Max auf.
„Bruno wird voraus gehen und uns zeige, wie wir gehen können. Und du bleibst bei mir. Egal, was da draußen passiert, du bleibst bei mir.“
„Ich weiß, wie man dort hin kommt!“, protestierte Max gegen diese Bevormundung und vor allem gegen die herablassende Art der Beiden. „Ich hab euch zwar bis jetzt nicht verstanden, aber ich bin
nicht blind und nicht blöd!“
Pablo wandte nur den Kopf herum und sein Blick war so voller Verachtung, wie es der Mensch noch niemals gesehen hatte. Der Rote machte kehrt und in seinem Blick lag so etwas sie erwartungsvolle
Schadenfreude.
„Vielleicht sollten wir es ihn wirklich allein versuchen lassen“, schlug er vor. Pablo sagte nichts. Er wandte nur den Kopf zu dem großen Kater und der senkte sofort seinen breiten Schädel.
„Ich geh ja schon“, brummte er, machte kehrt und sah zu, dass er zur Eingangstür kam. Dort wartete er und sah den Menschen erwartungsvoll an.
„Fertig mit Fellwechsel?“
Max sah ihn einen Augenblick verständnislos an, dann zog er seine Schuhe an, schnappte sich seine Jacke und öffnete die Tür.
„Ich hab mein Draußenfell“, grinste er.
Bruno glitt schon geschmeidig durch den Spalt der sich öffnenden Tür und war mit ein paar Sätzen draußen auf der Straße. Er sah sich um, stellte dann den Schwanz auf und trabte davon. Pablo und
Max folgten ihm wortlos mit etwas Abstand. Offensichtlich hatte der kleine Schwarze nicht vor aufzuholen.
Max hatte an gemächliches Schlendern mit den Katzen gedacht, doch die Beiden legten ein Tempo vor, dass er gerade noch mithalten konnte ohne zu laufen. So kamen sie durch die kleine Stadt Urk und
nahmen genau den Weg, den auch Max durch das nicht all zu große Hafenstädtchen genommen hätte. Entlang der eintönigen Häuser in der Het Ruim und rund um das Einkaufszentrum Am Nagel waren sie
schneller als gedacht bei dem Park. Nur ein Mal gab es eine Verzögerung, da hatte sich Bruno an eine Ecke gesetzt und Pablo hatte einiges dahinter angehalten. Also war auch Max stehen geblieben.
So unrecht war ihm die Pause bei dem Tempo der Katzen nicht. Es schien, als würde der Rote auf etwas warten während er um die Ecke spähte. Als Max schon fragen wollte, war Bruno aber wieder
angetrabt und das ungleiche Duo hatte sich ebenfalls in Bewegung gesetzt.
Auf der anderen Seite des Einkaufszentrums wartete Bruno auf sie und Mann und Kater schlossen auf.
„Bis zum Park war ausgemacht“, brummte der Rote und schüttelte den breiten Kopf. „Und ich geh keinen Schritt weiter! Nicht um diese Tageszeit. Lauter Verrückte da.“
Er wies mit seinem breiten Schädel hinüber in die grüne Landschaft wo inmitten der Siedlungen ein Quadrat von vielleicht einem Kilometer unverbaut geblieben war. Am anderen Ende sah man den Deich
hin zum Kanal, der vom Meer ins Inland führte. Ein paar Bäume und Büsche standen auf einer dürren Wiese herum. Einen kleinen Teich hatte man angelegt und in dem Teich sogar eine Insel mit zwei
Büschen. Max war schon lange nicht mehr hier gewesen. Zumeist fuhr er mit dem Rad durch die kleine Stadt in den Hafen und nahm die Fähre nach Enkhuizen, wo sich ihre Softwarefirma in einem
ehemaligen Fabriksgebäude eingerichtet hatte. Hierher kam er so gut wie nie. Aber es waren noch andere Menschen da. Die standen auf der Wiese herum und warteten während sich zwischen ihnen ihre
Hunde austobten.
Als Max wieder nach unten sah, war der rote Kater verschwunden. Lautlos, wie es ihre Art war. Nur Pablo saß da und sah ihn erwartungsvoll an.
„Wir müssen quer dort hinüber zu dem großen Baum am Teich“, meinte er. „Und ich würde es vorziehen, wenn du mich hinauf nehmen könntest. Ich teile zwar Brunos Abneigung gegen Hunde nicht so
grundsätzlich. Was aber auch nicht heißt, dass ich ihnen vertraue. Und freiwillig auf ihrer Spielwiese herum zu laufen wäre grenzenlos dumm.“
Max bückte sich und nahm den Kleinen auf den Arm. Er fühlte, wie sich der dünne Körper an ihn schmiegte während der Kopf geradezu majestätisch aufgestellt nach vorne sah.
„Dann machst du das hier gar nicht freiwillig?“, kam Max der Gedanke und er sprach ihn aus. Aber der Kater ignorierte es. Sagte nur: „Gehen wir.“
Der Mensch machte nur ein paar Schritte auf die freie Fläche hinaus, als er einen schwarz-weißen Border Collie entdeckte, der nur wenig entfernt dasaß und sie beobachtete. Max ging einfach immer
weiter und der Collie trabte an und schloss auf.
„Aber hallo Pablo“, meinte die Hündin freundlich. „Was treibt dich denn hier her? Hast du eine neue Sänfte, die du unbedingt bei uns herzeigen musst?“
„Hallo Mandy“, antwortete Pablo nicht unfreundlich aber ein wenig von oben herab. „Keine neue Sänfte. Ich habe den Auftrag den Menschen zu Wolfmann und dem Alten Mann zu bringen. Sie warten
drüben beim Beratungsbaum auf uns.“
Die Border Collie Hündin schien einen Schritt zurück zu fallen, meinte dann aber nur: „Ach darum.“
„Katze! Katze! Katze! Katze! Katze!“
Ein brauner Jagdhund kam auf sie zu galoppiert und war ganz aus dem Häuschen vor Freude.
„Katze! Laufen! Katze! Lass runter! Laufen!“
„Er meint es nicht böse“, erklärte Pablo als Max kurz zögerte angesichts des Ansturmes auf sie. „Er ist jung und will nur spielen.“
„Und würde dich spielerisch zu Tode hetzen ohne auch nur zu begreifen, was er macht“, ergänzte die Border Collie Dame ruhig.
„Wie dumm die Jugend doch ist. Zu töten, ohne zu wissen warum. Zu Töten ohne es genießen zu können“, hörte Max eine einschmeichelnde, charmante Stimme hinter sich und sah sich um nach einer
Golden Retriever Hündin, die ebenfalls mit einem Mal hinter ihm her trottete. Den Kopf leicht gesenkt und den Blick starr und glänzend auf den Kater gerichtet. Max fühlte wie Pablo erstarrte und
ein Zittern durch den schmächtigen Körper lief.
„Hallo Woolball“, presste er dann endlich heraus. „Es ist ganz gut dich zu sehen – von hier oben!“
„Komm doch runter. Komm zu mir, mein Kleiner. Komm, lass uns ein wenig spielen“, sirrte sie und Max lief es dabei kalt über den Rücken. Er war sich ziemlich sicher, dass eine menschliche
psychopathische Massenmörderin sich nicht anders anhören würde.
Als Pablo nicht antwortete kam sie näher und stieß mit dem Kopf gegen Max Bein. Die Border Collie und selbst der junge Jagdhund waren auf verdächtigen Abstand zu ihr gegangen.
„Meinst du denn wirklich mein Kleiner“, säuselte sie zuckersüß, „meine Menschin hätte kein Verständnis dafür, wenn ich mich in meinem ungebremsten Spieltrieb in eines Menschen Bein verbeiße, der
hier in der Hundezone eine Katze auf dem Arm trägt?“
„Das versuch mal Woolball“, brummte Max selbstsicherer als er tatsächlich war. „Wollen mal sehen, ob du schnell genug bist.“
Die Golden Retriever erstarrte und blinzelte ungläubig zu dem Menschen hinauf.
„Er - er ...“, stammelte sie.
„Er ist da. Und Pablo auch“, versetzte eine tiefe, brummige Stimme. „Und du solltest dich verziehen Woolball.“
Vor der kleinen Gruppe hatte sich ein schwarzer Riesenschnauzer aufgebaut und hielt die Golden Retriever Hündin fest im Blick.
„Aber Thor, mein Liebster“, wand sie sich und klemmte den Schwanz zwischen die Hinterläufe. „Ich bin halt neugierig.“
„Du bist ein mörderisches Biest, Wollball“, versetzte der Schnauzer ruhig. „Und du würdest die ganze Stadt töten, wenn du die Gelegenheit dazu hättest. Irgend wann wird das auch deine Menschin
begreifen.“
Die Golden Retriever schien etwas entgegnen zu wollen aber der Ansatz eines dumpfen Knurrens hinter den langen Barthaaren Thors brachte sie dann doch dazu, wortlos kehrt zu machen.
„Und ihr verschwindet auch.“
Dem jungen Jagdhund war das hier sowieso zu langweilig. Und schon galoppierte er wieder über die fleckige Wiese. Nur die Border Collie war noch da.
„Ich bin auch neugierig“, meinte sie und ließ den Blick zwischen dem Menschen, dem Kater und dem Hund wandern.
Thor sah sie einen Augenblick lang an, dann wandte er sich um.
„Sehen wir, was Wolfmann dazu sagt“, meinte er über die Schulter.
Wenige Schritte weiter, unter einer großen Linde, dem älteste Baum in dieser Stadt, den die Menschen wohl übersehen und daher noch nicht gerodet hatten, lag ein Schäfer mit dem großen Kopf auf
seinen Pfoten. Als sie näher kamen hob er den grauen Schädel und sah der absonderlichen Gruppe entgegen.
„Mandy möchte hier bleiben Wolfmann“, berichtete Thor und setzte sich seitlich neben den Alten.
„Soll sie“, knurrte der und meinte, während er die Hündin noch immer ansah: „Ist ja auch keine vollwertige Ratsversammlung. Kannst du mir auch sagen warum, Mensch?“
Es sah immer noch aus, als würde er die Border Collie Hündin ansehen. Aber Max begriff die Aufforderung und sah sich in der anwesenden Gesellschaft um.
„Zwei Hunde, eigentlich drei - drei Katzen, drei Krähen, zwei Tauben – keine Nager. Keine Wildtiere. Ist es das, was du meinst Wolfmann?“
Für einen Augenblick sah ihn der alte Hund jetzt doch überrascht an, dann meinte er: „Ja, er kann uns wirklich verstehen. Und er scheint auch nicht auf den Kopf gefallen zu sein. Was machen wir
mit ihm? Was meinst du Alter Mann?“
„Mensch bleibt Mensch.“
Wenige Meter entfernt, auf der anderen Seite des Stammes lag ein graues Knäuel das sich jetzt in der Haltung einer Sphinx aufrichtete und den starren Blick auf Max gerichtet hielt. Im ersten
Moment hätte Max glauben können, Meta würde dort auf ihn warten. Ähnlich alt und struppig wirkte der Kater. Alter Mann war wirklich der richtige Name für ihn. Und wie ein alter Mann grummelte er
auch weiter: „Und ich traue den Menschen nicht. Verrückt sind sie. Verrückt wie ein Sack Flöhe. Alle. Alle miteinander. Warum sollte der da eine Ausnahme machen?“
„Es war Metatron, der ihm das angetan hat“, kam eine Stimme oben aus dem Baum. „Und das macht ihn zu etwas Besonderem.“
Max sah hinauf zu Mandolina, die es sich auf einem breiten Ast gemütlich gemacht hatte, und nickte ihr dankbar zu.
„Wir GLAUBEN, dass es Metatron war“, warf der kleine, schwarze Kater auf Max Arm ein. Und seiner Stimme war anzuhören, dass er sich gleichzeitig wünschte, nicht das Maul aufgemacht zu
haben.
Mandolina seufzte hörbar und grub die Krallen tiefer in die Borke des Astes.
„Pablo hat recht“, gestand sie dann ein. „Wir glauben, dass es Metatron war. Wirklich wissen tun wir es nicht. Aber wie sollte das sonst geschehen?“
„Er kann uns verstehen, warum auch immer“, knurrte Wolfmann. „Und das ist nicht gut.“
Max fühlte, dass mit schwindendem Kopfschmerz die Unlust an dieser Situation in ihm stieg. „Vielleicht interessiert es euch ja auch, wie ich darüber denke“, meldete sich er zu Wort.
„Nein!“, sagten Hund und Kater.
„Hä?“, machte die Taube und „Blödsinn!“, warf schließlich eine der Krähen ein.
Max sah hinauf zu dem großen, vollkommen schwarzen Vogel und dessen beiden grau-schwarzen Begleitern.
„Es ist aber so, dass ich euch verstehe. Ihr meint, das sei nicht gut – warum auch immer. Und ihr meint, das kann nicht so bleiben. Da bin ich vollkommen eurer Ansicht. Aber was kann ich dagegen
tun? Was könnt ihr tun?“
Für einen Augenblick herrschte betretenes Schweigen in der wunderlichen Gruppe um den Baum. Max meinte ein leises Lächeln von Mandolina zu spüren. Aber es war Pablo, der meinte: „Er ist nicht auf
den Kopf gefallen.“
Und es klang ein wenig stolz.
„Reden wir mit Woolball“, warf die Krähe ein. „Die ist verrückt genug ihn zu töten. Und dann wären wir zwei Probleme mit einem Schlag los.“
„Danke, dass du ihn gewarnt hast Rakor“, meinte der Alte Mann ohne nach oben zu sehen. „Und sollten wir deinen Plan durchführen, wirst du es sein, der das Metatron erklärt.“
Die große Krähe antwortete nicht. Nervös öffnete sie aber die Flügel und stieg von einem Bein auf das andere.
„Sprach der Rabe nimmermehr“, grinste Max.
„Ich kenn deinen Poe“, krächzte die Krähe böse und funkelte ihn an. „Und euer Metatron macht mir auch keine Angst!“
Max sah ihn überrascht an. Überlegte, und sah dann langsam von einem zum anderen. Er setzte sich ins Gras und Pablo war mit ein paar Sprüngen auf dem Baum um sich neben Mandy zu legen. Die
beschnüffelte ihn kurz und stubbste ihn mit der Nase, was er ein wenig selbstherrlich duldete.
„Wir haben ein Problem. Und wir brauchen eine Lösung“, begann Max langsam. „Alles hängt anscheinend immer wieder mit Meta zusammen. Oder Metatron, wie ihr ihn nennt. Wenn ihr von ihm sprecht,
dann habe ich den Eindruck, dass er nicht zu euch gehört. Erzählt mir mehr von ihm. Vielleicht hilft uns das ja weiter. Gibt uns eine Idee, was wir machen könnten.“
Die Tiere sahen sich untereinander an und es war offensichtlich, dass keiner wusste, wie er den Anfang machen sollte.
Wieder war es Pablo, der anfing, wenn auch ein wenig eingeschüchtert. Und doch meinte Max zu erkennen, dass der Kleine es genoss die Aufmerksamkeit so ehrwürdiger Tiere zu haben.
„Ich habe dir schon mal erklärt“, setzte er an. „Dass wir Katzen sind. Oder Hunde oder Raben oder anderes. Wir sind keine Menschen, die große Erklärungen liefern können, weil wir nicht
hinterfragen. Analyse und Hypothese, das ist Menschending. Damit befassen wir uns nicht. Wir haben auch keine großen Geschichten. Metatron ist ein Eigenbrötler. Er ist unfreundlich und wird
schnell wütend. Und dann kann er noch verdammt schnell und kräftig sein. Obwohl er uralt sein muss.“
„Ich habe 27 Winter gesehen“, grummelte der Alte Mann und machte seinem Namen so alle Ehre. „Mehr als je eine Katze. Aber ich kann mich an Metatron nur als alten Kater erinnern. Er muss also
älter sein als ich. Niemand weiß es genau. Doch auch wir sehen ihn als Katze. Was auch immer er ist.“
„Was, sehen?“, hackte Max verwirrt nach. „Ich habe schon verstanden, dass ihr unsere Bildschirme anders wahrnehmt als wir. Aber - gibt es das bei Wesen auch?“
Wieder dieses betretene Schweigen. Mandolina erhob sich ein wenig, streckte sich und schüttelte das lange, weiche Fell gleich. Dabei sah sie zu Pablo hinunter.
„Keine Probleme auf dem Weg hierher?“
„Keine Probleme“, bestätigte Pablo und machte sich groß vor ihr. „Auch bei ihm zu Hause nicht. Er hat sich mit den Ameisen in seinem Haus unterhalten. Und – wir haben den Schatten
zugesehen.“
„Du – oder ihr?“, hackte der Alte Mann nach.
„Nun – äh – wir haben den Schatten zugesehen. Ich habe ihm ein wenig geholfen dabei“, wand sich der Kleine.
„Ich habe verstanden, dass ihr die Bilder auf unseren Bildschirmen nicht sehen könnt“, kam ihm Max zu Hilfe. „Ihr nennt es die Platte. Das kann vielleicht daran liegen, dass ihr Farben anders
wahrnehmt.“ Er überlegte kurz und kam zu dem Schluss, dass er nichts über die Farbwahrnehmung von Tieren wusste. Nur, dass sie anders war, als die von Menschen. „Jedenfalls“, fuhr er dann fort,
„meinte ich, dass ich mir nichts sagen lassen muss von einem, der fasziniert auf eine nackte Wand starren kann. Und dann habe ich sie selbst gesehen, die Schatten. Ich kann nicht behaupten, dass
ich verstanden haben, was ich dort gesehen habe. Aber ich habe es gesehen.“
Eine ganze Weile herrschte Schweigen unter den Tieren. Bis endlich Mandolina sich streckte.
„Wir müssten ihm so viel erklären ...“
„... was wir nicht erklären können“, vollendete der Alte Mann.
„Wenn wir ihn ohne Erklärung herumlaufen lassen“, warf Rakor ein, „dann gibt das sicher ein Schauspiel. Ich weiß aber nicht, ob ich das will.“
„Also“, setzte Max an und seufzte, „ich muss euch ehrlich sagen – ich meine, ihr seit ja alle ganz nett – aber – irgendwie - brauche ich das Alles nicht. Also, wenn ihre eine Idee habt - es
muss ja nicht gerade Woolball sein - ich würde es vorziehen, euch auch weiterhin NICHT zu verstehen. Falls das irgend jemanden hier interessiert.“
Es war wie ein Windstoß, was da als Rauschen durch die Blätter des Baumes lief. Noch einmal, und Max meinte ganz leise einen Namen zu vernehmen.
Mandy war aufgesprungen, das Fell vor Aufregung gesträubt und ihre großen Ohren liefen hin und her.
„Michael“, wiederholte sie den Namen, den auch Max gemeint hatte zu hören.
„Michael?“, knurrte Wolfmann zwischen seinen gelben Zähnen.
„Michael!“, sagte sie noch einmal. „Baum meint, Michael könnte ihm alles erklären. Und damit hat sie sicher recht. Ganz sicher! Er hat geholfen mich auf die Welt zu bringen. Und er hat mich zu
meinen Menschen gegeben. Er kann alles erklären. Er kann es einem Menschen erklären! Und er weiß sicher einen Ausweg.“
Aufgeregt hüpfte sie herum, setzte sich auf die Hinterläufe und sprang gleich wieder auf.
„Der Michael, der in den Heimen ist, die die Menschen für Tiere und für ihre eigenen Alten haben?“, fragte der Alte Mann.
Wieder das Rauschen durch die Blätterwand.
Vor Max geistigem Auge entstand das Bild eines kleinen, verkrüppelten Mannes mit schiefer Schulter und ewig freundlichem Lächeln.
„Ich kann mich an einen kleinen Mann erinnern“, meinte er. „Der hat im Altenheim gearbeitet. Und ich glaube, auch im Tierschutzhaus hat er geholfen. Ich kann mich erinnern, weil mein
Großvater bei ihm war. Und mein Großvater hat ihn sehr gemocht. Aber ich glaube, er ist nicht mehr da. Der ist irgendwo hin weggegangen.“
„Wir müssen ihn finden“, rief Mandy aufgeregt. „Wenn jemand ihm helfen kann, dann ist das Michael.“ Für einen Augenblick stand sie starr und lauschte. „Meine Menschin ruft mich, ich geh dann
besser mal. War nett dich kennen gelernt zu haben“, meinte sie zu Max. „Für einen Menschen scheinst du ganz vernünftig zu sein.“
Sie warf noch einen Blick in die Runde und galoppiert dann einer jungen Frau entgegen die sich winkend und rufend genähert hatte. Max überlegte einen kurzen Augenblick und lief ihr dann
hinterher. Er kam gerade rechtzeitig, als die Frau mit den kurz abstehenden, viel zu roten Rastazöpfen Mandy an die Leine nahm.
„Entschuldigen Sie,“ rief Max, „haben Sie den Hund aus dem Tierheim?“
Überrascht sah sie auf und dem Mann entgegen, der da auf sie zu eilte.
„Im Tierheim, da gab es doch diesen kleinen blonden Mann mit der schiefen Schulter, Michael glaube ich hieß er, wissen Sie was aus dem geworden ist?“
Sie wirkte nun nicht mehr ganz so überrascht, sah aber den Mann ihr gegenüber nachdenklich an. Ohne zu antworten.
„Ihr Hund und ich haben uns gerade über ihn unterhalten“, setzt Max hastig und unüberlegt nach, „und - da dachte ich ...“
„Mein Hund und Sie haben sich eben mal so unterhalten?“, fragte sie belustigt nach und legte den Kopf schief.
„Nun, ja, also“, versuchte Max aus der peinlichen Situation zu kommen ohne wirklich etwas erklären zu können, „es wäre wegen - also, ich dachte ...“
Sie sah ihn noch immer nachdenklich an, aber während er stotterte schlich sich ein kleines, fröhliches Lächeln in ihr rundes Gesicht.
„Sie dachten, Sie fragen mich mal eben wegen diesem Michael“, setzte sie fort und das Lächeln wurde ein wenig breiter. „Und wenn mir nichts einfällt, dann könnten Sie ja immer noch nach meiner
Telefonnummer fragen und irgendwann mal anrufen, einfach nur, um nach diesem Michael zu fragen.“ Jetzt grinste sie fast und ihre Augen leuchteten schalkhaft. Max konnte nicht umhin festzustellen,
dass ihre hellblauen Augen Sprenkel von Grün hatten. Einem Grün, dass eine faszinierende Wirkung auf ihn ausübte. „Aber ich glaube, es ist besser, Sie geben mir Ihre Telefonnummer und ich rufe
Sie an, wenn mir – was einfällt.“
Sie machte die kleine Pause, als müsse sie überlege. Dabei sah sie ihn von unten herauf an, da sie um einen halben Kopf kleiner war. Und das machte sie so, dass er nicht nur den Hund neben ihr
vollkommen vergaß. Max benötigte auch einen Augenblick um zu verstehen, dann kramte er umständlich nach den Visitenkarten, die er sich irgendwann mal hatte machen lassen und bisher nie
gebraucht.
„Ich heiße Max“, stammelte er dabei.
Mit spitzen Fingern nahm sie das Kärtchen entgegen und sah es nachdenklich an.
„Max“, sagte sie endlich, „also, ich überlege mal. Sehen wir, ob mir was einfällt und ob ich dich anrufe.“
Sie winkte mit dem Kärtchen um es in die Jackentasche zu stecken, drehte sich um und ging weg. Nach wenigen Schritten meinte sie ohne anzuhalten über die Schulter: „Ach, ich bin übrigens
Mandy.“
„Mandy“, entschlüpfte es Max erstaunt, „so wie ...“
Er verbiss sich den Rest und winkte nur zum Abschied. Sie schien mit der Hündin zu reden und drehte sich nicht noch einmal um. Ernsthaft zu reden. Wahrscheinlich ging es daran, dass es schon
schlimm genug war, dass sie mit anderen Hunden hier herum machte, sie sollte sich nicht auch noch von Menschen-Männchen anreden lassen. Max konnte trotz ihrer weit geschnittenen Freizeitsachen
erkennen, dass sie nicht all zu schlank zu sein schien. Weiblich eben. Vielleicht ein wenig zu breit um die Hüften für die kleinen Brüste. Aber sie hatte eine schlanke Taille und die roten
Rastazöpfchen wirkten in der Entfernung wie eine Aura um ihren Kopf. Er bemerkte gar nicht, dass er einfach da stand und ihr dumm nach starrte. Vielleicht lag es auch einfach an den bohrenden
Kopfschmerzen, die sich immer wieder meldeten.
„Menschen und ihr Paarungsverhalten“, brummelte jemand neben ihm und Max schaffte es, den Blick von dem Mädchen loszureißen. Der alte Hund stand neben ihm und wirkte sehr viel größer als im
Liegen.
„Ich bin ein Elchhund, kein deutscher Schäfer“, presse er in seiner Art zwischen den Zähnen hervor, als hätte er die Gedanken des Menschen erraten.
Wolfmann stand ruhig neben ihm und sah ebenfalls Mandy und Mandy nach. Ein paar Schritte hinter ihm warteten Thor, Mandolina und Pablo wobei sich die beiden Katzen dicht an den Riesenschnauzer
hielten. Ihnen schien die Umgebung nicht so ganz zu behagen.
„Rakor hatte eine Idee“, setzte Wolfmann jetzt fort. „Irgend was mit einem Freund und einer Schwester. Geh in dein Zuhause, er wird sich mit dir in Verbindung setzen. Vielleicht ist das mit
Michael ja wirklich eine gute Idee. Du siehst ja, dass es nichts als Probleme bringt. Wie willst du dieser Menschin erklären, dass du Mandys Namen kennst? Nichts als Probleme bringt da alles.
Nichts als Probleme.“
Noch immer vor sich hin brummelnd trabte er grußlos an und machte sich auf den Weg quer über die Wiese, dorthin, wo einige Menschen an Bänken beisammen saßen. Thor warf einen kurzen Blick auf die
Katzen und den Menschen und folgte ihm wie ein zuverlässiger Leibwächter. Aber er meinte noch über die Schulter: „Ich solltet verschwinden. Jetzt kommen bald noch mehr Hunde, dann wird es für
euch hier ungemütlich.“
„Hier war es noch nie gemütlich“, maulte Pablo und sah zu, dass er in großen Sprüngen von der Wiese kam. Max und Mandolina folgten ihm.
„Tragen?“, fragte Max und sah zu der großen Main Coon hinunter. Sie gab ihm einen Blick zurück, dass man meinen konnte, er hätte ihr ein unsittliches Angebot gemacht.
„Für die paar Schwanzlängen brauche ich keinen Menschen“, meinte sie schnippisch und beschleunigte das Tempo so, dass Max keine Chance hatte, Schritt zu halten. So ging es den Weg zurück, den sie
gekommen waren. Nur war es diesmal Pablo, der voraus lief und Mandolina, die den Menschen begleitete. Es kam Max in den Sinn, dass sie ein eigenartiges Bild abgeben mussten. Aber die wenigen
Menschen, denen sie begegneten, ignorierten Max und sahen nur nach Mandolina. Die große, seidige Katze war ja auch wirklich ein Hingucker. Manche hatten auch einen Blick für Pablo, aber der war
zumeist einiges voraus. Diesmal ging es ohne Pause und Max wollte wissen, was das ganze Theater denn sollte. Aber Mandolina blieb schnippisch, riet ihm sich auszuschlafen und stolzierte dann
grußlos davon. Max öffnete die Tür in seinen Teil des Reihenhauses, ließ Pablo hinein und sah ihn fragen an.
Der zierliche schwarze Kater streckte sich, gähnte und schüttelte sich. Dann meinte er: „Ich weiß nicht, wie eure Menschenweibchen sind. Aber schlimmer als eine Kätzin können sie nicht sein.
Selbst der Alte Mann sagt, versteh' einer die Weiber!“
Während Max sich Schuhe und Jacke auszog stieg der Kleine unruhig herum.
„Ich muss mal wieder nach Hause“, meinte er. „Nicht, dass mich meine Menschen groß vermissen würden. Aber so ab und zu muss ich schon.“
„Deine Schüssel leer machen“, grinste Max. Pablo schlug spielerisch mit der Pfote nach ihm und schien ebenfalls zu grinsen.
„Mach einstweilen keinen Blödsinn“, maulte er noch und machte sich auf in Richtung Balkontür und Katzenklappe. „Ich seh zu, dass ich bald wieder da bin. Das will ich doch nicht verpassen!“
Der Plastikdeckel klapperte wieder zu und Max war allein. Noch einmal machte er eine Runde durch die Wohnung, aber es überraschte ihn nicht, dass keine Spur von dem alten Meta zu finden war.
Selbst das restliche Hartfutter in der Schüssel schien unangetastet. Offenbar hatte selbst Bruno es verschmäht. Max fiel ein, dass er selbst den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte. Es lag wohl
auch an den noch immer dumpfen Kopfschmerzen, dass sein Hungergefühl gedämpft war. Trotzdem machte er sich in der Küche zu schaffen und plünderte die spärlichen Reste seines Kühlschrankes.
Während er aß, zappte er sich durch die Programme des Fernsehers, verweilte kurz bei den Nachrichten, stolperte über eine alten Folge von Family Guy und eine noch ältere von A-Team, aber da war
nichts, das ihn fesselte. Immer wieder kam ihm das Mädchen mit den roten Rastazöpfen in den Sinn. Und dabei erinnerte er sich, dass es noch gar nicht so lange her war, dass er sich geschworen
hatte, die Finger von den Frauen zu lassen. Ein wenig über zwei Monate lag es jetzt zurück, dass die Frau seines Lebens mit einem großen Knall und viel aufgesetztem Getue aus der Wohnung
ausgezogen war. Schuld war natürlich seine Arbeit und nicht ihre neue Bekanntschaft, ein Filialleiter bei einer Möbelkette. Aber so ganz unrecht hatte sie nicht, dass musste er eingestehen. Das
Leben eines digitalen Nomaden kannte keine Bürozeiten und war weit weniger entspannt als manche Instagrammer der Welt weiß machen wollten. Außerdem fand er nun einmal seine Arbeit sehr viel
interessanter als die meisten Menschen rund um ihn. Und weil dem so war, sah er auch gleich nach seinem Computer und blieb dort für die nächsten Stunden hängen.
Max streckte sich, gähnte und bemerkte, dass die Kopfschmerzen immer noch da waren. Erträglicher, leichter, aber immer noch bemerkbar im Hintergrund. In der Nacht hatte er noch eine Tablette
gefunden, seit Jahren vergraben in einer Reisetasche, die hatte er genommen um schlafen zu können und offensichtlich hatte sie gewirkt. Er fühlte sich ausgeruht aber unruhig. Er hatte einen
verrückten Traum gehabt. Oder - doch nicht? So unwirklich kam ihm der letzte Tag vor, so fern jeder Realität, aber er war sich ziemlich sicher, dass es kein Traum gewesen war. Ziemlich, aber
konnte es nicht doch nur ein Traum gewesen sein? Konnte so etwas Verrücktes, musste es nicht auf jeden Fall nur ein Traum sein? Schwerfällig stieg er aus dem Bett, machte einen Besuch auf der
Toilette und stellte sich lange unter die Dusche. In der Küche, neben der Kaffeemaschine, entdeckte er drei Ameisen, die ihn mit wedelnden Fühlern entgegen starrten. Aber kein Ton, kein Wort,
natürlich nicht. Max gähnte, machte sich Kaffee aus einer Alukapsel und schwor sich wieder einmal zu seiner Ein-Tassen-Filter-Maschine zurück zu kehren. Auch eine gute Idee wäre so eine kleine
italienische Kaffeemaschine, die man zusammen schraubte und mit Wasser und Kaffeepulver auf den Herd stellte. Der Kaffee daraus war um Klassen besser. Looni hatte so eine. Er würde ihn einmal
fragen, wo man so etwas bekommen konnte. Denn Looni kaufte nicht im Internet. Blutsauger, nannte er die Portale und Max musste jedes mal grinsen ob dessen Abneigung.
Neben dem Computer stellte Max den Kaffeebecher ab und schaltete ihn wieder an. Er hatte ihm über Nacht Ruhe gegönnt. Daten hatte er inzwischen mehr als genug. Was er allerdings mit all diesen
eigenartigen Markierungen anfangen sollte, die da so scheinbar wahllos durch die Programme verstreut waren, das war ihm noch immer vollkommen schleierhaft. Seine Kollegen in der kleinen Firma
anzurufen würde nichts bringen. Zum einen war um diese Zeit kaum jemand dort, und wenn, dann wahrscheinlich nur der lange Klaarsen und Moni, aber die steckten tief in ihren eigenen Projekten.
Eigentlich war es ja toll so zu arbeiten – wann und wie und wo man wollte. Aber es war auch ziemlich einsam auf die Dauer und ein bisschen Feedback oder eine neue Idee hätte er jetzt ganz gut
gebrauchen können. Ach was, neue Ideen! Sein Kopf produzierte schon genug von diesem verrückten Wahnsinn. Mit Tieren reden – also wirklich! Ameisen Befehle erteilen! Bäume flüstern hören! Er
musste wirklich dringend wieder unter normale Menschen. Dieses abgeschottete Leben des digitalen Nomaden machte einen nur krank im Kopf. Und in dem Aquavit war sicher irgend etwas gewesen, sonst
hätte er nicht heute noch immer diesen Druck im Kopf. Er sollte Looni fragen, wie es dem ging. Ja, und er musste wirklich einmal ein ernstes Wort mit Joop reden! So brummig und unfreundlich der
riesen Kerl auch immer war. Ein Kneipenwirt wie er im Buche stand und Max sich oft gefragt hatte, ob er den jemals Tageslicht sah. Es war nicht das erste Mal, dass er seine Gäste mit
billigem Fusel über den Tisch zog. Aber bisher waren das nur Fremde oder Touristen gewesen. Wenn er meinte, er konnte das auch bei Stammgästen versuchen, dann würde er was erleben.
Der dunkle Schatten in dem Baum vor dem Fenster schlug schon wieder kurz mit den Flügeln und endlich bemerkte ihn Max. Aber er weigerte sich ihm Aufmerksamkeit zu schenken. Er würde die
Verrücktheiten von gestern sicher nicht wiederholen. Alles, was irgend wie nicht normal aussah, würde er einfach ignorieren. Er würde sich in seine Arbeit verkriechen und alles rund um sich herum
ausblenden. Oh, darin war er ganz gut. Er konnte das ohne weiteres aussitzen. Doch wieder und wieder schlug der schwarze Schatten mit den Flügeln, hüpfte herum auf dem Ast und es schien fast
wirklich so, als versuchte die Krähe, die Aufmerksamkeit des Menschen auf sich zu ziehen.
Unwillig schüttelte Max den Kopf und war sich sicher, dass nicht sein konnte, was nicht möglich war. Aber er musste dem Getue ein Ende machen. So konnte er sich nicht konzentrieren. Also
schnappte er seinen Kaffeebecher und ging nach draußen auf den kleinen Balkon.
„Guten Morgen Krähe“, meinte er laut und gar nicht freundlich, atmete tief durch und war sich ganz sicher, dass seine Freundlichkeit stumm und ohne Antwort verhallen würde. Verhallen
musste.
„Morgen - Mensch“, antwortete die Krähe abgehackt, zog den Kopf sofort vorsichtig ein wenig zwischen die Schultern und beäugte ihn neugierig. Max sackte in sich zusammen, sein leichtes,
selbstsicheres Grinsen erlosch schlagartig und der Kopfschmerz meldete sich klopfend zurück. Nur der Kopf und die Flügel der Krähe schienen schwarz zu sein, der Körper war grau befiedert. Max
fragte sich kurz, ob es eigentlich noch reinrassige Nebelkrähen gab. Saatkrähen ganz in schwarz hatte er schon genug gesehen, wobei doch die meisten irgendwelche grauen Stellen aufwiesen, aber
noch niemals eine vollkommen graue Krähe. Ob es so etwas überhaupt noch gab? Und warum – zum Teufel – war er so überhaupt nicht erstaunt, dass dieses Tier ihm tatsächlich antwortete!
„Sag Max zu mir“, meinte er dann trotzdem so ruhig er konnte. „Schickt Rakor dich?“
Nervös stieg die Krähe von einem Bein auf das andere und zurück, schlug wieder mit den Flügeln und sah ihn misstrauisch an.
„Du kannst - mich wirklich - verstehen!“
„Willkommen im Club“, brummte Max wenig begeistert und nahm einen Schluck Kaffee. Wieder starrte ihn die Krähe stumm an. Max wartete.
„Nun“, fragte er, als es ihm das Schweigen zu lang wurde, „schickt Rakor dich jetzt oder nicht? Weiß er was über diesen Michael oder sollst du auch nur auf mich aufpassen? Als könnte ich
großartige Dummheiten machen.“
„Dachte - jetzt dreht - der - Alte - vollkommen - durch“, krächzte der Graurock, hüpfte auf einen anderen Ast der sich ebenfalls unter dem großen Vogel bedenklich bog, blieb dabei aber vorsichtig
auf Distanz.
„Nanumba“, hörte Max neben sich und sah gerade noch, wie ein schlanker schwarzer Schatten auf das Geländer neben ihm sprang. „Da hat uns Rakor ja die klügste und gesprächigste aller Krähen als
Berater geschickt.“
Für einen Atemzug starrte der große Vogel den kleinen Kater verdutzt an.
„Ah - meinst du?“, fragte er dann ernsthaft.
Pablo sah Max an, schloss die Augen und gähnte herzhaft.
„Hat Rakor dich geschickt?“, fragte er dann und „Ja“, kam die zögerliche Antwort des Vogels.
„Wegen des Menschen, der uns versteht?“
„ - Ja.“
„Sollst du uns etwas mitteilen?“
„ - Ja.“
„Wegen Michael?“, mischte sich Max ein.
„Michael?“ echote der Vogel fragend.
Geduldig setzte sich Pablo auf sein Hinterteil und legte wichtig den Schwanz über die Pfoten.
„Ruf mal deine Freunde“, forderte in der kleine Schwarze auf. „Du bist doch sicher nicht allein gekommen.“
Max sah den Kater überrascht an und der starrte zurück.
„Krähen sind immer zu dritt unterwegs“, erklärte er dem unwissenden Menschen. Und, als dieser ansetzen wollte etwas zu sagen: „Und frag mich nicht warum, es ist einfach so.“
Die Krähe im Baum starrte den kleinen Kater noch immer an, schien es sich dann aber zu überlegen, schlug mit den Flügeln und gab ein paar unverständliche Laute von sich. Tatsächlich flatterten
weiter hinten in den Gärten zwei schwarze Gestalten auf. Einer landete ziemlich abseits auf dem Dach über ihnen, der zweite bei seinem Freund im Baum. Jetzt bog sich der ganz Baum unter dem
Gewicht der Tiere zur Seite aber die Beiden schienen keinerlei Bedenken zu haben.
„Was sollte uns Nanumba erzählen?“, nahm Pablo die Befragung wieder auf.
„Um seine Schwester geht’s!“, kam es von seinem Freund vor ihnen. „Ach ein süßes Ding war die. Aber sie hat es ja vorgezogen zu verschwinden. Einfach so. Also putzige Schultern hatte die. Und so
eine flaumige ...“
„Verknallt warst du und bist du“, kam es mürrisch vom Dach. Worauf sich die Krähe im Baum aufplusterte und scheinbar wütend mit den Flügeln schlug.
„Verknallt? In so ein Mädchen? Ein Blödsinn. Süß war sie, mehr sag ich nicht. Gibt viele süße Mädchen. Erst gestern ...“
„Hast du dir eine prächtige Abfuhr eingehandelt“, unterbrach die Krähe vom Dach.
„Hey Alter, bist doch nur neidisch weil die Mädchen auf mich fliegen.“
„Sie fliegen – aber vor dir weg.“
Max musste unwillkürlich grinsen, denn dieses Gespräch hätte eben so gut zwischen seinen Freunden stattfinden können. Offensichtlich waren die Unterschiede bei manchen Dingen nicht so groß.
„Gibt es zu seiner Schwester auch sonst noch was zu erzählen, außer, dass sie süß war?“, unterbrach Max dann doch und versuchte nicht zu überlegen, ob die zunehmenden Kopfschmerzen von dem
metallischen Geschmack des Kaffees kamen oder von dem Gekrächze der Krähen.
Jedenfalls das Gekrächze verstummte als ihn die drei Krähen für einen Augenblick stumm anstarrten.
„Deine Schwester ...“, setzte der kleine Kater behutsam wieder an.
„Meine Schwester - hat sich - den Flügel – verletzt“, brachte Nanumba in seiner umständlichen Art endlich heraus. „Und - der Helle - hat sie - in das - Heim - für Tiere - geholt -
geholfen.“
„Michael!“, warf Max ein.
„Kenn - keine - Namen“, schüttelte sich die Krähe. „Sie - wieder fliegen, ist aber - bei ihm. Aber - beide - nicht mehr - da.“
„Weißt du, wo sie jetzt sind?“
„Süden.“
„Und wie weit im Süden?“
Max begann die ruhige Beharrlichkeit des kleinen Katers zu bewundern. Er selbst hatte inzwischen gut Lust, die Krähe zu packen und die Worte aus ihr heraus zu schütteln.
„Kein - halber Tag - Flug. An - Wasser. Auf - andere Seite - kommen - an manchen - Tagen - viele Menschen. Und lassen - viel zu Fressen - herum - liegen. Und - auch - viel - anderes Zeug.“
„Gibt es Boote auf dem See?“, fragte Max und Nanumba starrte ihn verständnislos an.
„Holzdinger, in die sich den Menschen setzen und auf dem Wasser herum zu fahren. Mit einem Flügel oben darauf. Meistens weiß.“
„Oh ja“, mischte sich wieder Nanumbas Freund ein, der schon viel zu lange nichts mehr gesagt hatte. „Die Trampler sind ganz verrückt nach diesen Wackeldingern. Manchmal ist das ganze Wasser voll
davon. Weiße Flügel, rote Flügel, gelbe Flügel – nie schwarze. Auf den Ästen oben kann man toll sitzen und sich schaukeln lassen. An den Tagen gibt es auch immer toll zu fressen. Unglaublich, was
die Leute so herum liegen lassen. Und wir holen es uns – natürlich. Nur wenn sie mit Rauch und Feuer anfangen, dass ist nicht so mein Ding. Dann verziehen wir uns. Gibt auch genug andere
Flecken.“
Wieder starrte der große Vogel seinen Freund einen Ast höher lange an, aber dann nickte er.
„Ja“, bekräftigte er.
„Aber deine Schwester ist nicht dort wo die Menschen sind, sondern auf der anderen Seite des Wassers.“
„Ja.“
Max wandte sich an den kleinen Kater und grinste.
„Ich glaube, ich weiß, wo das ist“, meinte er. „Dass kann eigentlich nur der Rutbeek-See sein. Da haben sie ein ziemlich großes Wassersportzentrum und es ist am Wochenende ein beliebtes
Ausflugsziel. Und -“ er hob den Zeigefinger und grinste breiter - „ich bilde mir ein, mal gelesen zu haben, dass auf der anderen Seite, am Ostufer, ein großes Seniorenzentrum ist. Ich bin mir
ziemlich sicher, dass wir diesen Michael dort finden. Und seine Schwester. Wie heißt deine Schwester eigentlich?“, wandte er sich wieder an die Krähe.
„Minerva“, meinte der abfällig. „Seit sie nicht mehr bei uns lebt nennt sie sich Minerva.“
„Danke Nanumba“, lachte Max und bemerkte nicht einmal, dass die Krähe in ihrer Abneigung völlig flüssig artikulieren konnte. „Und richte meinen Dank und meine Grüße auch an Rakor aus.“
Sprach es und verschwand in der Wohnung. Für eine Augenblick sahen sich die Tiere verdutzt an, dann sprang der schwarze Kater von dem Geländer und folgte eilig dem Menschen.
„Hey“, rief er, „was wird das jetzt?“
„Nun mein Kleiner“, lachte Max, „ich habe eine Idee, aber ich muss mich beeilen.“
Pablo beobachtete den Menschen verwundert beim Fellwechsel und legte den Kopf schief.
„Was hast du vor? Du gehst nirgendwo hin ohne mich!“
„Das geht nicht“, schüttelte Max den Kopf. „Ich muss weiter weg, also brauche ich einen Wagen und ich werde sicher länger weg sein.“
Er starrte an dem Kater vorbei und nickte leicht und in Gedanken.
„Ja, könnte länger werden“, meinte er noch einmal und ging wieder zurück um ein paar Sachen in seine Reisetasche zu packen. Er klappte auch das Notebook zusammen und verstaute es mit dem
Ladekabel in seiner Transporttasche. Hinter einem Stapel Bücher holte er eine Keksschachtel hervor und entnahm ihr sein Bargeld und seinen Reisepass. Er überlegte kurz, dann schüttelte er die
Schachtel nochmals energisch und ein kleiner Lederbeutel fiel heraus, den er ebenfalls mit den anderen Sachen in seiner Computertasche verstaute. Den Führerschein hatte er als Lichtbildausweis
immer bei sich, daran dachte er noch, während er da stand, stumm in die Gegend starrte und überlegte, was er noch brauchen konnte. Der Kater lief mit erhobenem Schwanz staunend hinter ihm her und
sah zu. Als Max schon die Schuhe anzog meinte er noch einmal bestimmt: „Du gehst nirgendwo hin ohne mich!“
Max hielt inne und sah den Kleinen an.
„Ich muss zu diesem Michael“, erklärte er. „Das muss sein. Das bedeutet aber auch fahren mit einem Auto und länger weg sein. Vielleicht sogar ein paar Tage, kommt darauf an, was dieser Michael zu
sagen hat. Wegfahren ist nichts für Katzen, das weißt du Pablo.“
Natürlich hatte Max recht und dem kleinen Kater war es nur zu deutlich anzusehen, dass ihm der Gedanke an eine Reise in einem Auto eigentlich gar nicht behagte. Trotzdem baute er sich neben der
Eingangstür auf.
„Du gehst nirgendwo hin ohne mich. Ich bin dabei, das lass ich mir doch nicht entgehen.“ Das klang nicht ganz so selbstsicher und bestimmt, wie es hätte klingen sollen. „Außerdem haben meine
Menschen das große Kofferding gepackt, was bedeutet, sie sind sicher ein paar Tage nicht zu Hause. Und wie soll ich Mandolina das erklären, wenn ich dich allein los ziehen lasse.“
Selbst für Max klang das so, als versuchte sich der kleine Schwarze zu rechtfertigen und sich selbst zu überzeugen. Doch dann wechselte er das Thema und fragte: „Hast du denn überhaupt einen
Wagen?“
Max lachte, ließ den Kater hinaus und schloss hinter sich sorgfältig ab.
„Ich habe keinen Wagen, aber ich habe eine Idee. Nur müssen wir uns beeilen.“, meinte er, wollte sich aber nicht weiter über seine Idee auslassen.
So liefen sie durch die kleine Stadt. Max mit der Sporttasche und dem Computers bepackt, neben ihm der schmale schwarze Schatten. Sie begegneten nicht vielen Menschen und sie redeten nicht viel.
Bei dem Tempo waren beide schnell außer Puste und doch drängte Max zur Eile.
Er hielt sich in Richtung auf den Hafen zu, den Weg kannte er im Schlaf, bog aber vorher ab. Der kleine Kater schien plötzlich letzte Kräfte zu aktivieren und setzte sich vor den Menschen.
„Was ...“, keuchte er. „Nicht da - nicht - Looni ...“
Aber Max hörte nicht. Er bog in den Innenhof zwischen Joops Kneipe und dem Haus, in dem sein Freund Looni wohnte. Und wirklich stand Loonis Wagen noch da. Max wurde langsamer und rang nach Luft.
So wie der Kater. Niemand war zu sehen. Nur aus Richtung der Getränkekisten hörte man, dass jemand herum klapperte und Kisten wuchtete. Einen großen, unförmigen Schatten nahm man zwischen den
Reihen im Halbdunkel wahr.
„Looni - keine gute - Idee“, jappste der Kater, aber Max hörte nicht weil sie gerade noch rechtzeitig gekommen waren. Eben ging die Tür auf und Looni kam heraus um zur Arbeit zu
fahren.
„Joop, wir müssen mal über deinen Aquavit reden!“, rief Max hinüber ins Halbdunkel. „Der hat scheußliche Nebenwirkungen.“ Dann reckte er den Arm um Looni zu winken und erstarrte.
Dort stand Looni. Und doch auch wieder nicht. Noch größer als sonst schien er zu sein. Breitschultriger. Etwas wie dichter Pelz bedeckte Gesicht, Hals und Arme. Auch das Gesicht selbst schien
verändert. Spitzer, mit breiterer Nase, der Mund größer, maulartiger.
„Looni - ?“, brachte Max verwirrt heraus.
Im nächsten Augenblick war die Gestalt bei ihm, blitzartig, packte ihn und riss in zu sich. Schnüffelte an ihm! Dann hielt er ihn fest wie in einem Schraubstock und sah ihn forschend an.
„Max, Kleiner, was hast du gemacht?!“
„Das war Metatron“, ließ sich Pablo vernehmen. „Er hat ...“
Ein dumpfes Knurren aus der Kehle der haarigen Gestalt ließ den Kater verstummen und veranlasste ihn sich wieder hinter die Beine des Menschen zurück zu ziehen.
„Katze!“, knurrte Looni. „Mag keine Katzen. Aufgeblasenes, eitles Volk ist das.“
„Aber ich kann mit ihnen reden“, warf Max atemlos ein, in dem allmählich eine noch viel verwirrende Ahnung aufstieg. „So wie mit allen Tieren. Was ich nicht verstehe. Und ich sehe Dinge – die ich
nicht verstehen.“ flüsterte er.
Die Furcht einflößende Gestalt ließ ihn los und für einen kurzen Moment hatte Max einfach den Wunsch davon zu laufen. Aber das da war trotz allem immer noch Looni. Sein Freund Looni! Mit dem er
schon die unmöglichsten Dinge erlebt hatte, den er seit seiner Jugend kannte. Immer hatten sie zusammen gehalten. Und der war – was?
„Du bist – ein – ein Werwolf?“, hauchte Max ungläubig und aus der Kehle des Wesens einen Kopf über ihm drang etwas, dass Max als Lachen interpretieren wollte. Auch, wenn es in ihm dem Wunsch
davon zu laufen machtvoll wieder aufkeimen ließ. Stattdessen klammerte er sich noch fester an seine Taschen und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen.
„Du steckst wirklich so was von voll in der Scheiße, Max, Alter“, brummte die breitschultrige Gestalt dann. „Du kannst nicht einfach so herum laufen. Das ist viel zu gefährlich für dich.“
„Das haben mir die Katzen auch gesagt“, maulte Max missmutig und fühlte, dass allmählich die Überraschung abklang und er sauer wurde. „Aber ich verstehe nach wie vor nicht, warum das so ist. Es
erklärt mit ja keiner irgend was! Könntest du mir vielleicht weiter helfen?“
Looni kratzte sich ausgiebig am Kopf und machte dabei ein paar Schritte in Richtung seines Wagens, der immer schon klein war, neben der breitschultrigen Gestalt des Werwolfes aber geradezu winzig
wirkte.
„Ich weiß es nicht“, meinte er dann leise. „So lange ihr Menschen nur die Menschenwelt seht, so lange seit ihr tabu für die Wesen unserer Welt. Aber du hast die Seiten gewechselt. Für einen
Werwolf oder Vampir bist du jetzt Beute. Jeder Benji dürfte deine Seele essen.“
„Vampir!?“, jappste Max, aber sein Freund hörte nicht. Er scharrte mit dem Fuß und schien zu überlegen.
„Du darfst auf keinen Fall einfach so draußen herum laufen“, meinte er dann. „Was hast du vor? Wir müssen jemanden finden ...“
„Michael!“, warf Pablo ein und zog sich sofort wieder hinter die Beine des Menschen zurück. Von dort meinte er dann: „Der alte Baum meinte, Michael könnte ihm helfen und der Rat der Ältesten war
einverstanden. Na ja, zumindest der Alte Mann, Wolfmann und Rakor.“
Looni betrachtete den schwarzen Schatten zwischen den Beinen abschätzig und schien zu grinsen.
„Und du da unten bist wohl auserkoren sein mächtiger Beschützer zu sein.“
„Zumindest helfe ich ihm!“, giftete der Kater zurück und sträubte das Fell.
Sofort stäubte sich auch das Fell des Werwolfes und er knurrte wütend. Aber Max legte ihm die Hand auf den Arm.
„Dieser Michael war Pfleger bei meinem Großvater im Altenheim. Aber jetzt ist er wahrscheinlich bei Enschede. Ich muss dringend zu ihm. Er soll am Rutbeek See sein. Und darum brauche ich dich und
deinen Wagen.“
Looni starrte zu Boden, atmete dann tief durch und nickte.
„Ich glaube, ich weiß welchen Michael du meinst. Und der gehört nicht zu meinen Freunden. Aber – ja, die Tiere haben recht – wenn einer dir helfen kann, dann er.“
Looni straffte die Schultern und lachte sein erschreckendes Lachen.
„Dann werd' ich dich wohl bringen müssen.“
Ein ohrenbetäubendes Rumpeln ließ alle drei herum fahren und nach hinten in den Hof sehen. Dort stapfte eine unförmige Gestalt aus einem Gewirr von Kisten, Brettern und Gerümpel um sich zu
riesenhafter Größe aufzurichten.
„Ach du Scheiße – Joop!“, entfuhr es Looni.
Er griff in die Tasche und drückte Max die Wagenschlüssel in die Hand.
„Mach dass du weg kommst Max. So schnell wie möglich! Ich beschäftige ihn.“
Aber Max stand starr da, fühlte den Schlüssel in der Hand und war nicht in der Lage sich zu bewegen. Looni gab ihm einen Rempler, dass er gegen den altersschwachen Wagen krachte. Für einen
ausgewachsenen Werwolf eine sanfte Aufmunterung, für Max ein fast betäubender Schlag.
„Ja“, knurrte er, „Joop is'n Troll. Darum kommt er auch so gut wie nie aus seinem Lokal. Oder seiner Höhle. Ganz wie man will. Und jetzt mach, dass du weg kommst. Trolle sind mies drauf und reden
nicht – und sie hassen Menschen! LOS jetzt!“
Völlig benommen und automatisch öffnete Max den Wagen, warf seine Taschen hinein und klemmte sich hinter das Lenkrand. Er bemerkte nicht den schwarzen Schatten, der hinter ihm unter den Sitz
schlüpfte. Er bemerkte nicht, wie schnell der Werwolf den weitläufigen Innenhof überquert hatte um sich dem weit größeren Riesen in den Weg zu stellen.
Max kannte die Macken des altersschwachen Wagens, brachte ihn in Gang und ratterte aus dem Hof auf die Straße hinaus. So sah er nicht, dass der huschende Schatten des Wolfes den pendelnden Hieben
auswich, dann aber getroffen wurde und in weitem Bogen gegen eine der Mauern geschleudert wurde. Wo er regungslos liegen blieb. Im Rückspiegel sah Max nur einen unförmigen Schatten zwischen den
Häusern hinter ihm her tappen, dann hatte er sich in den spärlichen Verkehr eingereiht und fuhr, was die alte Mühle hergab. Erst nach ein paar Minuten nahm er den Fuß vom Gaspedal von der
Bodenplatte und wunderte sich, dass keine Polizei hinter ihm war. Gut möglich, dass er in den letzten paar Minuten mindestens ein Dutzend Verkehrsregeln gebrochen hatte. Vor seinem geistigen
Augen sah er wie ein Riese mit baggerartigen Händen sich seinen Weg durch die Wagenkolonne bahnte, aber da war nichts hinter ihm. Die Verkehrsschilder nach Enschede tauchten auf und der Verkehr
wurde dichter. So dicht, dass er seine Geschwindigkeit merklich drosseln musste und jetzt weit unter der erlaubten Höchstgeschwindigkeit war. Die Leute waren auf dem Weg zur Arbeit und er steckte
mitten im morgendlichen Stau! Unruhig sah er immer wieder in die Rückspiegel, aber da war nichts zu sehen, was nicht zum alltäglichen Chaos gehörte.
Eine Bewegung neben ihm ließ in zusammen fahren, dass er beinahe den Wagen verrissen hätte und in den Wagen neben sich gefahren wäre. Aber es war nur Pablo, der sich zwischen den Sitzen nach
vorne drängte und unruhig herum schnüffelte.
„Riecht's nach Werwolf?“, witzelte Max um zu verbergen, dass sein Herz noch immer heftig schlug.
Pablo antwortete nicht. Stattdessen sprang er vom Sitz auf den Boden davor, drehte sich ein paar Mal im Kreis und legte sich dann hin. Und sah zu dem Menschen auf.
„Du hättest mich vorher fragen sollen“, meinte er dann vorwurfsvoll.
„Du hättest es mir sagen sollen“, antwortete Max nicht weniger vorwurfsvoll. Dann schloss er die Augen und atmete tief durch. Bei dem Schritttempo kein Problem. Er versuchte all die wirren Fragen
in seinem Kopf zur Ruhe zu bringen um einen klaren Gedanken fassen zu können. Das monotone Dahinschleichen im zweiten Gang war der Nachdenklichkeit durchaus förderlich. Und trieb ihn gleichzeitig
zum Wahnsinn, weil er laufen wollte - weg – etwas TUN!
„Metatron“, meinte Max nach einer sehr langen Pause endlich. „Ihm verdanke ich also, dass ich nicht nur verstehe, was ihr Tiere redet. Ich sehe auch die Wesen völlig anders. Wenn das die Realität
ist – und Looni schien dieser Meinung zu sein – dann würde das heißen, dass wir Menschen unsere Wahrnehmung so filtern, dass wir einen, nämlich diesen Teil der Realität ausblenden. Wenn das nicht
die Realität ist – und dafür spricht sehr viel mehr – dann habe ich wirklich ein ernstes Problem.“
Er machte eine Pause und ließ eine schwarze Limousine eines deutschen Prämienmarkenherstellers vor sich zum wiederholten Male die Spur wechseln. Schneller kamen sie dadurch alle nicht voran. Was
aber niemanden rund um ihn störte, so wie die Tatsache, dass es für die anderen aussehen musste, als redete er alleine im Wagen. Aber alle anderen Menschen rund um ihn waren viel zu sehr auf ihre
Smartphones konzentriert um von ihm Notiz zu nehmen. Sie starrten auf ihre Platten, grinste er für sich.
„Sprechende Tiere sind allein eigentlich schon verrückt genug“, grübelte er dann weiter. „Aber Werwölfe, Trolle, Benjis - Vampire! Was gibt es da draußen in dieser anderen Welt noch alles?
Vielleicht doch etwas, dass du mir erzählen möchtest?“
Er sah zu dem kleinen Kater nach unten aber der starrte nur stumm zurück.
„Ach ja“, brummte der Mensch missmutig, „Katzen haben ja keine Geschichten. Ihr habt ja nichts zu erzählen. Was machst du dann eigentlich hier im Wagen? Bist du vielleicht doch mein machtvoller
Beschützer?“
Der Kater schwieg. Und auch der Mensch verstummte. Ein wenig war ihm klar geworden, dass er unfair war, dem Kleinen gegenüber. Aber er hatte gröbere Probleme. Und er hatte das dumpfe, unangenehme
Gefühl in seinem Magen, dass er das Ausmaß seiner Probleme noch nicht einmal wirklich ahnen konnte.
„Ich versuche dir zu helfen“, meinte der Kleine irgendwann leise. „Die Möglichkeiten sich als Beschützer zu zeigen sind für einen jungen Kater nur sehr dünn gesät.“
„Entschuldige“, schluckte der Mensch. „Das war unfair. Es ist nur – ach!“
Max war verlegen und wusste nicht, was er sagen sollte. Wieder entstand eine Pause in der sie Wagen für Wagen auf die Autobahn nachrückten. Nur schien sich auch dort nicht viel mehr zu bewegen.
Zumindest sah er nicht mehr so oft in den Rückspiegel.
„Wenn man bedenkt, wie neu und erschreckend das alles für dich sein muss, dann hältst du dich eigentlich ganz toll“, meinte der Kleine aufmunternd und Max musste grinsen.
„Versuchst du jetzt mich aufzuheitern?“
„Nein, ehrlich“, gab der Kater zurück und Max war drauf und dran ihm zu glauben.
„Das liegt vielleicht daran“, gab er zurück, „dass ich zu viel mit meiner 'Platte' arbeite. Da glaubt man Abstand zu haben, zwischen dem was man sieht und sich selbst. Aber dieser Abstand ist in
Wahrheit nur eine Illusion. In der virtuellen Welt wie in allen anderen. Offensichtlich.“
„Virtuelle Welt?“
Max fühlte dem Gedanken hinterher und erkannte, dass der nicht zum ersten Mal auftauchte. Diese Idee hatte sich ihm schon ein paar Mal angeboten, aber er hatte sie immer wieder zu Seite
geschoben. Weil anderes wichtiger war. Weil es verrückt war, zu verworren.
„Neben der Welt der Menschen haben wir eine andere erschaffen.“ erklärte er dann doch. „Eine Welt hinter den Platten, auf die wir starren – wenn du so willst. Die meisten Menschen glauben
sie ist etwas, das zwar da ist, aber von ihnen unabhängig funktioniert. Sie nicht beeinflusst. Doch das ist eine Täuschung. Eigentlich eine Lüge. Diese Welt beeinflusst die Menschen, zwingt sie
zu reagieren. Steuert in gewisser Weise ihre Handlungen. Und die Handlungen der Menschen beeinflussen wieder diese Welt. Weil alles durch alles beeinflusst wird. So wie Looni und Joop – und du –
ja auch in der Welt der Menschen leben. Dort aber niemand eure wahren Gestalten sieht. So - sehen die Menschen nicht -“
Max war langsam abgedriftet und mit seinen Gedanken auf einmal ganz weit weg. Der Reifen ratterte auf dem Randstreifen, der Kater sprang überrascht auf und der Mensch zog den Wagen erschrocken
wieder in die Spur zurück ohne wirklich zu wissen, wo er war. Pablo vergaß, was er sagen wollte. Max saß hinter dem Lenkrad, war fahl und bleich und atmete stoßweise. Irgendwie schaffte er es auf
einen Parkplatz einzubiegen und am Rand den Wagen abzuwürgen. Starr und verkrampft saß er da. Etwas in ihm schrie laut und verzweifelt danach auf zu springen und davon zu laufen. Nicht halt zu
machen, bevor er den Wahnsinn nicht hinter sich gelassen hatte. Aber sein Körper verweigerte jeden Dienst. War starr und verkrampft. Kaum fähig zu atmen wurde ihm schwarz vor Augen, weil sein
Kreislauf aus dem Gleichgewicht kam. Schweiß trat ihm schlagartig aus allen Poren und gleichzeitig zitterte er am ganzen Körper. Stimmen schrien in seinem Kopf, sein Herz raste, sein Magen
revoltierte.
Schon im nächsten Augenblick war der kleine Kater oben und legte sich auf die Beine des Menschen. Drückte seinen warmen Rücken fest gegen dessen Bauch und begann tief und vibrierend zu
schnurren.
Ganz allmählich löste sich der Krampf in Max Körper, in seinem Magen, in seinem Kopf. Seine Hände öffneten sich endlich und fielen kraftlos von dem Lenkrad nach unten. Legten sich auf den warmen,
mageren Körper des kleinen Katers und er schloss die Augen. Irgendwann fiel sein Kopf nach hinten gegen die Stütze und er hatte keine Ahnung, wie lange sie so da gesessen hatte. Doch er fühlte
sich mit jeder Sekunde ruhiger. Nicht mehr so wirbelnd hin und her gerissen. Geborgener. Beschützter, weil er nicht ganz allein war.
Irgendwann begann er den Kater leicht zu kraulen und sah nach unten.
„Danke“, sagte Max leise und Pablo sah zu ihm auf.
„Panik ist eine schlimme Sache“, meinte der Kleine trocken. „Mir ging es so, als ich meiner ersten Ratte begegnet bin. Mach dir deswegen keinen Kopf. Wie gesagt, die meisten anderen Menschen
würden seit gestern so herum laufen und sich nicht wieder einkriegen. Vielleicht ...“
Er erhob sich und streckte sich, wobei er seine Krallen aufmunternd in Max Oberschenkel versenkte und sprang dann wieder auf den Boden zurück.
„Mit diesen Stinkekästen zu fahren habe ich mir schlimmer vorgestellt. Obwohl, angenehm ist das nicht. Von dem Geschaukel kann einem so richtig übel werden.“
„Vielleicht - was?“
Pablo drehte sich noch einmal im Kreis, beschnüffelte ausgiebig den Boden und legte sich dann endlich hin. Sah erwartungsvoll zu dem Menschen auf, als hätte er die Frage nicht gehört.
„Vielleicht - was?“, wiederholte Max eindringlich und der Kleine erkannte, dass auch Menschen stur sein konnten. Und dass es sehr viel schwerer war eine Aufforderung zu ignorieren, wenn man nicht
mehr so tun konnte, als hätte man sie nicht verstanden. Also setzte er sich wieder auf und tappte verlegen nach seiner Schwanzspitze.
„Vielleicht“, meinte er dann leise, „vielleicht hatte er nicht unrecht.“
Es war offensichtlich, dass der Mensch mit dieser Antwort nicht zufrieden war und es war offensichtlich, dass der Kleine darüber nicht reden wollte. Doch plötzlich gab er sich einen Ruck und sah
den Menschen gerade heraus an.
„Ich habe gestern noch Mandolina getroffen“, erzählte er. „Und wir sind überein gekommen, dass der ganze Schlamassel tatsächlich irgendwie mit dem alten Metatron zu tun haben muss. Dass er
dahinter steckt, keine Ahnung wie, keine Ahnung warum. Nun mag der Alte vielleicht ein unfreundlicher Stinkstiefel sein und ein gemeiner, launischer Griesgram – aber, was immer er getan hat – er
hat es sicher nicht aus Wut, Langeweile oder purer Schadenfreude gemacht. Obwohl wir nicht die leiseste Ahnung haben, wie er es gemacht haben soll.“
„Du meinst, er will, dass ich etwas für ihn tue“, ergänzte Max. Schließlich hatte er genug einschlägige Filme gesehen und Bücher gelesen um zu wissen, dass niemand etwas grundlos tat. Auch wenn
gerade die Phantasie-Schiene nie so sein Ding gewesen war.
„Wie auch immer“, nickte der kleine Kater, „ich glaube – wir glauben – er hätte eine weitaus schlechtere Wahl treffen können.“
„Ich war gerade greifbar“, grinste Max unglücklich. Aber der schwarze Kater schien anderer Meinung zu sein. Doch anstatt zu antworten sah er sich irritiert um. Jetzt hörte auch Max das leise
Fiepen aus seiner Tasche mit dem Computer und holte sein Telefon dort heraus. Die Nummer sagte ihm nichts und er war schon drauf und dran den roten Punkt zu schieben, nahm dann aber doch den
grünen.
„Ja, hallo“, meinte er.
„Äh, hallo, Max?“, kam zögerlich die Antwort einer weiblichen Stimme, die er ebenso nicht zuordnen konnte.
„Ja, hallo“ sagte Max wieder. Und dann: „Ich könnte ein wenig Hilfe gebrauchen. Mir sagen Nummer und Stimme ehrlich gar nichts.“
Er hörte am anderen Ende der Leitung ein tiefes Durchatmen.
„Nun, äh, ja - hier ist Mandy. Und – und ich habe keine Ahnung, warum ich dich anrufe!“ Das klang jetzt ehrlich. „Heute früh habe ich bemerkt, dass Mandy deine Karte mit ihn ihr Körbchen genommen
hat und darauf geschlafen – äh – also Mandy ist ...“
„... ist deine Hündin. Border Collie.“ ergänzte Max, dem ihre aufgeregte Unsicherheit zunehmend erheiterte.
„Ja, meine Hündin“, bestätigte sie. „Äh, woher - egal - Ich hab' dich angerufen, weil – weil – ich kann es dir nicht erklären. Es - würde sich zu verrückt anhören. Also, ja, ich -“
Max lachte leise auf.
„Du erzählst, etwas höre sich verrückt an“, meinte er grinsend, „und das dem Typen, der gestern behauptet hat, er hätte mit deiner Hündin gesprochen?“
Jetzt lachte sie auch.
„Es war nicht nur wegen deiner Karte und Mandy“, gab sie dann mit ein wenig mehr Sicherheit in der Stimme zu. „Aber es ist schwer dir zu erklären, wie und womit ich arbeite. Viele Menschen halten
mich für ziemlich verschroben oder für ganz verrückt. Ich weiß nicht -“
„Okay“, unterbrach Max, „drehen wir den Spieß um. Die Leute halten dich für verrückt? Ich für meinen Teil bin gerade auf dem Weg nach Enschede um diesen Michael zu treffen, nach dem ich dich
gefragt habe. Ich fahre dorthin auf den Rat zweier Hunde, eines alten Katers und einer Krähe. Ich sitze in einem Wagen der meinem Freund gehört, der wiederum ein Werwolf ist - wie ich erst heute
feststellen musste. Und ich unterhalte mich eben mit einem schwarzen Kater, der mich begleitet. Und zwar so, wie ich mich jetzt mit dir unterhalte. Und du meinst, du wärst diejenige von uns
beiden, die 'etwas' verrückt ist?“
Es entstand eine lange Pause und Max begann schon zu bereuen, dass er davon abgefangen hatte. Doch dann meinte sie leise: „Ich weiß. - Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Es klingt natürlich
völlig verrückt, aber mir war, als sollte ich dich anrufen, weil eben etwas nicht in Ordnung war – ist – wie soll ich ein Bauchgefühl beschreiben?“
„Ja“, nickte Max, „das kenne ich. Warum auch immer, jedenfalls danke für deinen Anruf – er kam wirklich passend. Soviel kann ich dir sagen!“
„Und lass Mandy schön grüßen“, rief der Kater.
„Pablo meint, ich soll auch einen Gruß an Mandy ausrichten.“
„Danke“, bellte die Hündin aus dem Hintergrund, „und sag dem Windbeutel, er soll auf sich aufpassen!“
„Mandy meint, du sollst auf dich aufpassen“, gab Max an den Kater weiter.
Für einen Augenblick herrschte ungläubige Stille in der Leitung.
„Ja“, meinte Max und man hörte das Grinsen in seiner Stimme, „mein Leben ist im Augenblick nicht gerade einfach.“
„Egal“, meinte die Frau am anderen Ende, „melde dich, wenn du was brauchst. Oder einfach so. Ich muss los. Aber – ich kann dir das nicht erklären, jetzt nicht – aber – melde dich einfach, wenn es
was Neues gibt.“
„Ja, das werde ich“, versprach er. „Mach's gut.“
„Viel Glück.“
Dann war die Leitung tot, aber Max sah das kleine Gerät nachdenklich an um dann langsam den Routenplaner einzuschalten und zu seinem Ziel zu programmieren.
„Weiß sie etwas von eurer Welt?“, fragt er den Kater während er den Wagen startete.
„Ich kenne Mandys Menschin nicht“, entgegnete Pablo. „Aber Mandy hätte es uns ganz sicher gesagt. Sie hält viel von ihr. Was man von den wenigsten Hunden und ihren Menschen sagen kann.“
„Ich dachte immer, Hunde vergöttern ihren Menschen?“
„Hunde suchen sich jemanden, der ihnen Entscheidungen abnimmt“, grummelte der kleine, schwarze Kater. „Wenn sie so jemanden gefunden haben, dann folgen sie dem blind. Und das muss nicht immer ein
Mensch sein. Du würdest dich wundern, wie viel Hunde Rakor gehorchen. Und der kann ein ziemliches Arschloch sein.“
Max schüttelte den Kopf und versuchte sich wieder in den zäh dahin fließenden Verkehr einzureihen. Weder Mensch noch Kater bemerkten die unscheinbare Amsel in dem Geäst der jungen Bäume zwischen
Autobahn und Parkplatz. Die aber starrte ihnen nach, als wären sie etwas ganz Besonderes. Ein Mensch und eine Katze, die sich unterhielten – wenn das keine Neuigkeit war! Aber wer würde ihr das
schon glauben.
Eine ganze Weile fuhren sie in dem stockenden Verkehr dahin und die teilweise panischen Manöver von Max Staupartnern verlangten einen Großteil seiner Aufmerksamkeit. Zumal es schon einige Zeit
her war, dass er eine längere Strecke mit dem Auto gefahren war. Eine leise Stimme aus seinem Smartphone ermahnte ihn immer wieder auf der Autobahn zu bleiben, was den Kater regelmäßig dazu
veranlasste suchend herum zu sehen. Offensichtlich war ihm diese körperlose Stimme nicht geheuer. Aber er sagte nichts. Der Mensch grinste dabei nur still und ein wenig schadenfroh vor sich hin.
Auch Menschen haben nicht für alles Geschichten, die sie erzählen müssen, dachte er. Doch am Kreuz Apeldoorn war es dann so weit, dass Max entnervt von der Autobahn abfuhr und sein Glück auf den
Straßen rund herum versuchte. Die virtuelle Intelligenz in seinem Smartphone war davon keineswegs begeistert und versuchte ihn immer wieder dazu zu bewegen umzudrehen oder zumindest weiter vorne
wieder auf die Autobahn aufzufahren.
„Man könnte fast meinen, du möchtest nicht, dass ich diesen Michael jemals treffe, du blödes Navi“, meinte er scherzhaft aber genervt an die Stimme der körperlosen Dame gewandt. Eine Mutmaßung,
welche diese auch prompt ignorierte, dafür aber stumm blieb.
Doch schon einen Kreisverkehr weiter informierte ihn die Stimme aus dem Lautsprecher: „Route wird neu berechnet“. Um dann aufzufordern: „Fahren Sie über die N-3-4-6. Voraussichtliche Fahrtdauer
an Ihr Ziel eine Stunde und 13 Minuten.“
Max grinste breit und wurde schlagartig ernst. Wieder breitete sich dieses mulmige Gefühl in seinem Magen aus. Die Verschmelzung der Menschenwelt mit der virtuellen Welt. Mit den Welten.
Mehrzahl! Konzentriert atmete er ein paar Mal tief aus und ein. Und er öffnete das Fenster ein wenig. Zwar war auf der Bundesstraße nicht weniger Verkehr, aber es ging zügiger. Zumindest wirkte
es so. Und vielleicht war die Luft ja wirklich frischer.
Auch wenn er versuchte nicht zu denken und sich auf den Straßenverkehr zu konzentrieren, immer wieder wichen seine Gedanken ab, hin zu den Überschneidungen der Welten. War es wirklich einen
Veränderung der Tatsachen gewesen, was das Programm dazu veranlasst hatte eine neue Route zu berechnen oder hatte das Programm verstanden, dass er nicht gewillt war das Optimum des Algorithmus zu
akzeptieren? Wenn ein Höhlentroll aus der einen Welt ihn töten konnte, war dann ein Programm aus der anderen Welt in der Lage auf ihn einzugehen? Einen Scherz zu verstehen? Etwas im Schilde zu
führen? Ihn von seinem Ziel abbringen zu wollen? Noch vor drei Tagen hätte er geschworen, dass Computer von dumpfen, starren Algorithmen gesteuert wurden und alles andere als blinde Paranoia
verlacht. Ja, vielleicht irgend wann einmal, in ferner Zukunft - ! Doch wenn es die Welt der sprechenden Tiere gab - und die der Fabelwesen -
Der kleine Kater hatte den Menschen die letzten Minuten aufmerksam beobachtet. Auch, weil jetzt ein Kreisverkehr auf den nächsten folgte und das Schlingern zugenommen hatte, was ihm
offensichtlich nicht behagte.
„Alles in Ordnung bei dir?“, fragte er und Max atmete noch einmal tief durch. Grinste schief.
„Eigentlich seit ihr Katzen zu beneiden“, meinte er kann. „Vielleicht grübeln wir Menschen wirklich zu viel. Hinterfragen zu viel. Es gibt so viele Möglichkeiten, so erschreckende Möglichkeiten.
Man verliert das Gefühl dafür, was wirklich ist. Wo ist die Grenze? Wo hört das auf, was ist und wo beginnt die Einbildung?“
Er schüttelte den Kopf und ermöglichte einem Lastwagen vor sich aus einer Einfahrt auf die Fahrbahn zu biegen, was ihm wütendes Hupen von hinten eintrug.
„Wir Menschen glauben die Grenzen zu kennen. Und verlachen all die, die anderes behaupten. Meistens ohne zu überlegen oder ihnen auch nur zuzuhören. Ich kann mich erinnern, dass Looni mir
mal erklärt hat, er fürchte keinen Hund, weil man mit Hunden reden konnte und die auch zuhörten, anders als Menschen. Damals hab' ich nur milde gelächelt und die nächste Runde bestellt. Heute
verstehe ich, was er meinte. Heute hält mich Mandy für verrückt. Wie gesagt, ich beginne euch Tiere zu beneiden.“
Pablo drehte sich und legte sich auf die andere Seite.
„Ich weiß nicht, ob du uns beneiden kannst oder nicht. Wir machen uns einfach nicht so viele Gedanken. Vielleicht entgeht uns damit ja auch viel. Ich überlege zwar, wie ich eine Maus, einen Vogel
oder ein Eichhörnchen fangen kann. Aber darüber hinaus gibt es keine großen Pläne. Wozu auch? Warum sollte ich Dinge planen, die ich zumeist nicht beeinflussen kann. Andererseits habt ihr
Menschen genau damit mehr geschaffen, als alle anderen Tiere zusammen.“
„Und auch mehr vernichtet als alle anderen Tiere zusammen.“
„Ihr bildet euch einfach zu viel ein“, grinste der Kleine. „Die großen Menschen und ihre Macht über die Welt. Ja, ihr seit in der Lage Scheiße zu bauen. Zugegeben. Aber warte ab, bis ein
richtiger Vulkan ausbricht, oder so ein Brocken von oben einschlägt. Es gäbe auch genug Bakterie und Viren, die euch den Garaus machen können. Dann war es das mit den großen Menschen
gewesen.“
„Und mit den meisten Tieren.“
Der Kleine antwortete ihm nicht und Max hatte genug zu tun um seinen Weg durch den Verkehr in den weit wuchernden Industriegebieten zu finden. Halle reihte sich an Halle, zumeist in grau und
flankiert von verstaubten Büschen und mickrigen Bäumchen. Ab und zu blinkten dazwischen bunte Farben von Autohäusern, wenn frisch gewaschene Wagen im trüben Licht des Tages um die Aufmerksamkeit
der Kunden buhlten. Selbst die Firmenzeichen, oben auf den Gebäuden oder an den Zufahrten wirkten grau und verstaubt und abgenutzt. Die meisten davon sagten ihm nicht, aber es herrschte reges
Treiben. Und immer wieder sah Max genauer in die Wagen neben ihnen, doch dort war nichts Ungewöhnliches. Nur verbissene Menschen waren unterwegs. Konzentriert auf die Straße starrend. Oder auf
ihre Smartphones. An einem aufgelassenen Firmengelände kam er vorbei und entdeckte zerlumpte Gestalten, die sich davor und darauf häuslich eingerichtet hatten, herum lungerten, abgerissene Zelte
und windschiefe Verschläge aufgebaut hatten. Jetzt, wo er wusste, wonach er suchen sollte, entdeckte er immer mehr Menschen, die offensichtlich hier lebten. In den Büschen, zwischen den
Einfahrten. So etwas hatte er noch nie gesehen, nicht hier in Holland erwartet. Das kannte er aus den Fernsehnachtrichten, irgendwo weit weg in der Welt. Hatte er wirklich erwartet, dass Armut
und Obdachlosigkeit einen Bogen um seine gemütlichen Niederlande machen würden? Um sein soziales Holland, sein zivilisiertes Europa? Aber er kam auch nie in solche Gegenden um darauf gestoßen zu
werden.
Es sollte noch eine ganze Weile dauern, weit mehr, als die vorher gesagten 73 Minuten, bis er bei einer Kreuzung scharf abbog und durch die Bäume vor sich etwas Graublaues blitzen sah. Ein paar
Meter fuhr er noch weiter, dann hielt er an einem Schranken zu einem großen Parkplatzes an.
„Sie haben Ihr Ziel erreicht“, vermeldete die körperlose Stimme und Max verbot sich darüber nachzudenken, dass es fast ein wenig schadenfroh klang, so, wie sie es sagte. Denn das da war der See.
Gut, aber noch lange nicht sein Ziel.
Vor ihm der große, von Bäumen beschattete Parkplatz war fast völlig leer. Um diese Jahreszeit war es auch völlig normal, dass das Sportzentrum weiter vorne ebenso ausgestorben wirkte. Und die
einzige andere Einfahrt, an der sie weiter vorne vorbei gekommen waren, blieb durch ein großes Tor verrammelt. Max meinte sogar oben auf der Mauer sogar Stacheldraht zu erkennen. Nichts von all
dem hier wirkte einladend oder gab ihm einen Hinweis, wie es weiter gehen sollte. Nachdenklich sah er den schwarzen Kater an und nahm dann sein Smartphone zur Hand. Pablo sprang auf den Sitz,
stellte sich mit den Vorderpfoten auf die Ablage und sah angestrengt zur Windschutzscheibe hinaus.
„Niemand, den man fragen könnte“, meinte er nach einer Weile während Max versuchte aus den Ergebnissen der Suchmaschine schlau zu werden.
Mit einem Mal sah er auf und den Kater nachdenklich an.
„Wie wahrscheinlich ist es, dass die erste Person, die wir hier treffen, ein Vampir ist?“, fragte er. „Oder ein Werwolf, oder was weiß ich.“
„Sehr unwahrscheinlich“, antwortete der Kater und spähte konzentriert in die Bäume. Dann sprang er zurück, setzte sich auf den Sitz und beäugte den Menschen. „Die sind sehr viel seltener als du
meinst“, erklärte er. „Bei uns zu Hause gibt es vielleicht fünf oder sechs von diesen Wesen. In der ganzen Stadt und im Umkreis. Dass du gerade zwei davon kennen musst, ist wirklich ein
Zufall!“
Max beruhigte diese Auskunft ein wenig, aber wie viel wusste so ein junger Kater schon. Andererseits, in den Wagen auf dem Weg hierher war ihm nichts aufgefallen. Und er hatte widerwillig immer
wieder ganz genau hin gesehen. Trotz allem verweigerte die virtuelle Intelligenz hartnäckig seine Anfragen nach einen Altenzentrum oder einem Pflegeheim in der Nähe. Obwohl es Millionen und
Abermillionen Antworten und Hinweise gab, aber wirklich Verwertbares fand sich nicht.
Es war mehr eine Intuition als das Geräusch selbst, dass ihn aufschauen lies. Durch das Tor hinter ihnen war ein junger Mann mit einer übergroße Tasche getreten, hatte das Tor wieder geschlossen
und versuchte nun die längliche Tasche an dem Rahmen des Fahrrades zu befestigen. Max schob zurück und lies das Seitenfenster hinunter.
Der junge, blasse Mann wirkte überrascht hier jemanden zu sehen und nicht sehr hilfsbereit, aber er kannte den Bronksbeekse dierenboerderij – einen alten Gnadenhof für Tiere, wo auch genug alte
und komische Leute wohnten. Wie er gehört hatte. Nur lag der fast genau auf der anderen Seite des Sees. Ein wenig musste Max nach bohren, aber der Junge konnte dann auch den Weg dorthin ganz gut
beschreiben. Max bedankte sich und der Junge fuhr schwankend an. All zu schwer schien die große Tasche nicht zu sein.
Da keine Straße am Ufer entlang ging sondern nur ein Radweg musste Max ein gutes Stück zurück fahren und im Zick-Zack-Kurs um den See pendeln. Aber im Endeffekt war das Gehöft dann doch ganz
einfach zu finden. Nach einer langen Einfahrt entlang kahl geernteter Felder duckten sich zwei große Stallgebäude hinter einem wuchtigen, einstöckigen Haus aus Ziegeln mit weißen Fenstern. Ein
Gnadenhof für Mensch und Tier, schoss es Max durch den Kopf. Daran hatte er bei den Suchanfragen nicht gedacht. Er fuhr die lange Einfahrt hinunter und entdeckte, einen Kies bestreuten Parkplatz
auf dem Schilder verkündeten, dass zwei Plätze für Rettungswagen reserviert waren. Ein paar Räder und ein schon in die Jahre gekommener Kleinbus standen herum.
Max parkte neben dem Bus und stellte den Motor ab. Nachdenklich sahen sich Mensch und Kater an, dann öffnete Max die Tür und stieg aus. Pablo folgte ihm mit schnellen Sprüngen und war sichtlich
froh, dass er wieder festen Boden unter die Pfoten hatte. Sofort setzte er sich hin und begann sich ernsthaft das Fell zu säubern, als könnte er damit auch die unangenehmen Erfahrungen der
Autofahrt verschwinden lassen. Max beobachtete ihn einen Augenblick lang mit einem freundlichen Lächeln und wollte ihm schon einschärfen bei dem Wagen zu bleiben, als eine füllige Frau mit ihrem
Fahrrad auf dem Kies der Einfahrt heran knirschte und bei den anderen Rädern anhielt.
„Besuchen Sie jemanden?“, fragte die Frau während sie ihr Rad zu den anderen stellte und wandte ihr gerötetes Gesicht Max zu.
„Ich suche den Pfleger, der meinen Großvater in Urk betreut hat“, erklärte Max. „Er soll jetzt hier bei euch sein. Michael heißt er, ein kleiner Mann mit blonden Haaren. Und – ich glaube eine
Schulter ist irgendwie schief.“
So hatte er den Mann in Erinnerung, den ihm sein Großvater damals vorgestellt hatte. Vielleicht täuschte ihn auch seine Erinnerung. Jedenfalls fiel es ihm irgendwie schwer über dessen Behinderung
zu sprechen.
Aber die Frau lächelte ihn an und nickte.
„Wir haben einen Michael da, der ist blond und ein Krüppel. Hat auch eine verwachsene Schulter. Aber ein ganz netter Kerl, vielleicht ein wenig verschroben. Könnte sein, dass der früher in Urk
gearbeitet hat.“
Max atmete hörbar auf und bemerkte, dass Pablo scheinbar vom Erdboden verschwunden schien. Wahrscheinlich steckte er unter dem Wagen.
„Können Sie mir sagen, wo ich diesen Michael finden kann?“
Sie überlegte und sah dann auf die kleine Uhr an ihrem fleischigen Handgelenk.
„Um diese Zeit machen sie mit den alten Leuten immer was Kreatives. Das ist nichts für unseren Michael. Da ist er sicher bei den Tieren draußen. Entweder ist er in den Ställen oder auf der
Koppel. Halten Sie Ausschau nach einem hochgeschossenen Kahlkopf oder einem bärtigen Zwerg. Die beiden sind auch so gut wie immer bei den Tieren draußen, ist auch ihr Job, die können Ihnen sicher
sagen, wo Sie Michael finden. Ich muss jetzt in die Küche. Sonst gibt’s kein Essen!“
Sie grinste, winkte Max noch freundlich zu und machte sich dann auf den Weg zum Haus. Der hob zum Gruß die Hand und rief ihr seinen Dank nach. Er machte einen Schritt – und stockte.
Hatte sie wirklich ZWERG gesagt? Hatte sie das auch so gemeint? War sie vielleicht – er drehte sich noch einmal um und sah gerade noch, wie sie mit schnellen Trippelschritten in einer Seitentür
verschwand. Nein, entschied er. Sie hatte nicht das gemeint, was er seit heute unter einem Zwerg verstand. Sie hatte Michael auch einen Krüppel genannt. Sie war offensichtlich eine jener
Menschen, für die Kleinwüchsige eben Zwerge, Afrikaner eben Neger und Idioten eben Idioten waren, Mongos, Spastis. Menschen in Rollstühlen Rollis und Eskimos keine indigenen Bewohner der
Polargebiete. Ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass dies auch böse oder abwertend gemeint sein konnte. So, wie für sie ein Baum eben ein Baum, der Himmel der Himmel oder ein
Kater ein Kater war. Ach ja, Kater!
Max entdeckte Pablo auf der anderen Seite des Wagens. Hinter ihm lag ein zusammen gescharrtes Häufchen Kies und in seinen Augen ein erleichterter Ausdruck.
„Komm“, meinte er aufmunternd zum dem schwarzen Kater, „vielleicht haben die ja auch für uns was zu essen, wenn wir diesen Michael gefunden haben.“
Der Kater trabte an und gemeinsam überquerten sie den großen Hof. Ein eigenartiges Paar gaben sie schon ab und Max grinste leichte ohne etwas zu sagen. Um die Ecke kamen sie an ein leeres
Viehgatter und folgten dem Weg entlang. Weiter hinten stand eine Tür offen und davor lehnte eine große Gestalt mit dem Rücken an dem Gatter. Das sah auch in der Entfernung sehr nach dem
beschriebenen Kahlkopf aus und sie gingen näher, aber mit jedem Schritt wurde Max langsamer.
Die Gestalt, die dort an den dicken metallenen Rohren des Gatter lehnte war groß und schlank. Sehr groß und sehr schlank. Lange, dünne Arme baumelten weit hinunter. Auch der Kopf war schmal, aber
um einiges länglicher als es bei Menschen eigentlich üblich war. Er war kahl und man sah deutlich Knochenwülste an den Seiten, die ihm Halt gaben. Die Geschalt drehte sich zu ihnen um und Max sah
die großen, runden Augen fast ohne Iris, die kaum wahrnehmbare Nase und den dünnen Strich des Mundes. Der schien sich zu bewegen. Hatte die Gestalt etwas gesagt?
„Äh – hallo“, meinte Max.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte die Gestalt mit tonloser Stimme. Offensichtlich nochmals.
„Ja, ich – äh – ich – also“, stotterte Max ohne die Augen von dem eigenartigen Gesicht lösen zu können.
„Musst nicht reden mit ihm, wenn er dir zu groß ist“, polterte eine tiefe Stimme und eine kleine Gestalt sprang geradezu ins Freie. Der war nur wenig über einen Meter groß, aber massig gebaut.
Mit Händen und Armen, die jedem doppelt so großen Schmied Ehre gemacht hätten. Damit strich er sich jetzt über den sauber geflochtenen, roten Bart und kratzte sich ungeniert an der breiten, dicht
behaarten Brust.
„Kannst ruhig auch mit mir reden mein Kleiner“, meinte der Zwerg freundschaftlich. „Wir haben noch keinen gefressen.“
„Ihr seit wirklich ein Zwerg!“, rutschte es Max heraus und der Kleine neben der Tür erstarrte.
„Ja, ich bin kleinwüchsig“, brummte er schon weniger freundlich. Doch Max schüttelte den Kopf.
„Nein“, meinte er jetzt bestimmter, „Ihr – Sie sind ein Zwerg! Das erkenne ich, auch wenn ich bisher noch keinen gesehen habe. Aber was – was ist – er?“
Die dünne, hohe Gestalt löste sich von dem Gatter und richtete sich auf während er verwunderte Blicke mit dem Zwerg wechselte.
„Sie meinen WER ich bin?“, fragte er vorsichtig nach und wieder schüttelte Max den Kopf.
„Ich meinte WAS Sie sind!“, bestätigte er und sah sich dann um.
„Das ist Pablo“, stellte er vor und wies auf den kleinen Kater der ebenfalls nur stumm den Riesen anstarrte. „Ich bin Max - und ich sehe euch seit heute so wie ihr seit – und ich höre seit
gestern die Tiere – und deshalb suche ich dringend nach Michael!“
„Michael. Michael“, krächzte eine Krähe auf dem Dach, die Max bisher nicht bemerkt hatte.
„Und du musst Minerva sein“, setzte er noch nach. „Dein Bruder Nanumba hat mir von dir erzählt. Nachdem Rakor ihn geschickt hat.“
Sie klappte den Schnabel zu und die Beiden vor ihm taten unwillkürlich einen Schritt zurück, wechselten einen ängstlichen Blick. So weit ein Zwerg ängstlich blicken konnte, oder ein – was auch
immer.
Der dünne Riese schien sich schneller zu fassen als sein kleiner Freund und nickte, offensichtlich vor Verwunderung.
„Mein Name ist Lajalamanda, zumindest würdet ihr das so aussprechen – und ich bin Turelianer. So zu sagen ein Schiffbrüchiger in eurer Welt.“
„Also ein Außerirdischer“, rief Max erstaunt.
„Extra terrestrisch“, verbesserte ihn Pablo und stand dafür plötzlich im Mittelpunkt des Interesses.
„Michael. Michael!“, rief die Krähe wieder, trat hektisch von einem Bein auf das andere und tatsächlich bewegte sich ein weiterer Schatten in dem dunklen Rechteck hinter der kleinen Tür. Max sah
hin und, obwohl er noch gar nicht richtig darüber nachgedacht hatte, erwartete er irgendwie nicht, dass dort ein kleiner, blonder, buckliger Pfleger aus dem Stall kommen würde.
Wirklich schälte sich eine Gestalt aus dem Rahmen und wuchs in die Höhe. Zweieinhalb Meter und mehr streckte sich der Mann nach dem niedrigen Türrahmen. Breite Schultern und schmale Hüften trugen
einen ebenmäßigen Kopf dessen lange blonde Haare bis weit über seine Schultern fielen.
„Du – bist – ein -“
„Du kannst mich erkennen?“, dröhnte die Stimme aus luftiger Höhe. Der harte Zug um seinen Mund nahm zu und all die Lieblichkeit des perfekten Gesichtes wurde grau und verhärmt.
„Ein – Engel!“, jappste Max und fühlte, dass sein Mund offen stehen blieb, ohne, dass er etwas dagegen machen konnte.
Michael breitete die strahlend weißen Schwingen weit aus, schien noch weit größer und ehrfurchtgebietender zu werden um verächtlich zu schnauben: „Ein ERZ-Engel!“
Pablo saß mit eingerolltem Schwanz und angelegten Ohren neben Max. Der brachte weder den Mund zu noch einen Ton heraus, aber er bemerkte, dass die beiden anderen Gestalten von dem Schauspiel nur
mäßig beeindruckt waren. Der Engel schien es sich ebenfalls anders zu überlegen. Er zog die Flügel ein und faltete sie wieder hinter seinem Rücken zusammen, was den Eindruck erweckte, die eine
Schulter wäre ein wenig höher als die andere.
„Was willst du, Mensch?“, fragte er mit seiner dröhnenden Stimme und keineswegs freundlicher.
„Ich kann dich sehen“, stotterte Max blöde obwohl es genau das war, was er sagen wollte. Dann atmete er tief durch und versuchte sich zu konzentrieren. „Und ich verstehe die Tiere. Das alles aber
erst seit gestern!“ Er atmete nochmals tief durch und riss sich zusammen. „Die Katzen haben mich zum Rat der Alten gebracht, in Urk, wo ich wohne. Wolfmann war dort, der Alte Mann und Rakor, die
Krähe – sie meinten, du könntest mir helfen. Also, eigentlich war es der Baum, der es meinte. Und Mandy, die Border Collie. Sie meinten alle, wenn mir jemand helfen kann, dann ist das Michael.
Und dann erinnerte sich Rakor, dass Minerva mit dir gegangen ist, und darum hat er uns Nanumba geschickt und so haben wir dich gefunden.“
Max hatte das Gefühl sinnlos zu plappern und nicht mehr aufhören zu können. Aber irgendwie musste er das offensichtlich schwindende Interesse des Engels auf sich ziehen. Und tatsächlich, kaum
machte Max eine Pause wandte sich der blonde Riese auch schon wieder der Tür zu.
„Michael!“, rief Max ängstlich. „Kannst du mir helfen? Bitte!“
Der Engel biss sich auf die Lippe und schien widerwillig zu überlegen.
„Ich muss jetzt weiter arbeiten“, meinte er endlich ohne sich zu Max zu drehen. „Aber ich werde darüber nachdenken, wenn es denn sein muss.“
Mit diesen unbestimmten Worten und unverkennbarem Widerwillen in seiner dröhnenden Stimme ließ er Max stehen um wieder in dem Stallgebäude zu verschwinden. Der war schlichtweg sprachlos. Da
fühlte eine Pranke, die sich auf seinen Arm legte.
„Wenn der nachdenkt, dann kann das dauern“, brummte der Zwerg. „Es gibt gleich was zu essen und du kannst hier übernachten. Vielleicht hat der Blondschopf ja doch eine Idee.“
„Er – er ist ein Engel“, stammelte Max und konnte die Augen nicht von dem dunklen Eingang abwenden.
„Tu es nicht!“, mischte sich der Außerirdische ein und wiegte bedachtsam den Kopf.
„Was soll ich nicht tun?“, erwachte Max allmählich aus seiner Erstarrung.
Die harte Pranke des Zwerges fasste wieder nach seinem Arm, diesmal aber schob er den ganzen Menschen bedächtig und bestimmt weiter, dem Haus entlang.
„Komm mal mit“, meinte er dabei freundlich, „wir zeigen dir mal, wo du schlafen kannst. Und dabei kannst du uns auch gleich ein wenig helfen.“
Max ging ohne Widerstand mit und der kleine Kater und der dünne Riese folgten ihnen. Am Ende des Stallgebäudes zeigten sie ihm eine kleine Kammer mit einem Bett, einer Toilette und einer
Waschgelegenheit. Der Tierarzt würde hier schlafen, wenn es notwendig war, erklärte der Zwerg. Oder Michael, wenn die Tiere ihn brauchten. Jetzt würde eben Max hier übernachten. Dann zogen sie
ihn mit nach draußen und er musste helfen, Holz zur tragen und zu einem Haufen neben einem Rund aus Steinen auf zu schlichten. Das sah sehr nach einem Lagerfeuer aus.
Irgendwann hielten die Beiden inne und Max mit ihnen. Pablo hatte es sich auf einem der flachen Steine gemütlich gemacht und die beiden Gestalten sahen vorsichtig zu dem Stallgebäude hin.
„Tu es nicht!“, sagte der Riese noch einmal. „Frag ihn nicht danach!“ Und bevor Max etwas erwidern konnte: „Wann immer jemand erkennt was er ist, dann kommt irgendwann unweigerlich diese eine
Frage. Und er reagiert darauf immer überaus sauer!“
Max sah verständnislos von Einem zum Anderen.
„Welche Frage?“
Beide verdrehten die Augen und seufzten.
„Ihr meint“, fiel es Max ein, „die Frage, ob es einen ...“
Abwehrend hoben sich vier Hände.
„Genau diese Frage!“, bestätigte der Zwerg.
„Und dann wird er immer mordsmäßig sauer und ist tagelang nicht ansprechbar. Weil er es nämlich selbst nicht weiß!“
Max legte seine letzten Holzstücke zu Boden und sah von unten zu den Beiden hinauf.
„Aber er ist ein Engel. Gerade er müsste es doch wissen.“
„Sollte man eben meinen“, brummte der Zwerg und ließ sich schwer auf einen der Steine fallen. „Aber das tut er nicht. Und darum wird er immer sehr sauer, wenn ihn jemand darauf anredet.“
„Gabriel und Rafael waren mal zu Besuch da. Und sie stritten herum“, erzählte der Außerirdische und baumelte mit seinen langen Armen. „Wir haben das Gespräch durch Zufall mitbekommen.“
„Wirklich nur Zufall!“, warf der Zwerg ein. „Wir wollten nicht lauschen.“
„Andererseits waren die Drei auch laut genug, dass man nicht lauschen musste“, erinnerte sich der Riese. „Laut und überheblich. Aber es hat meine Beobachtungen bestätigt.“
Der Zwerg schien in sich zusammen zu fallen und schüttelte resigniert den Kopf. Was den Riesen nicht davon abhielt den langen Finger zu heben und in belehrendem Ton fortzusetzen: „Wo immer man
hinsieht, es gibt alles dreifach. Es gibt Wirbeltiere, Fische und Insekten. Den Flügel und das Auge hat die Natur drei Mal erfunden. Und das ist nicht nur hier auf eurem Planeten so, dieses
System findet sich auf allen bekannten Planeten. Auch bei allen mystischen Dingen gibt es immer drei. Aber bei den höhere Wesen die über diesen Engeln stehen – denn unser Michael ist eben nur ein
Engel zweiter Klasse – da soll es nur zwei Wesen geben? Den einen ganz oben und den anderen ganz unten. Nenn' sie Alaa und Seitan oder Jaffe und Lutier, oder wie immer die genannt werden.“
„Du sprichst das falsch aus“, unterbrach ihn der Zwerg resigniert, weil er schon wusste, dass sein Einwand mit einer Handbewegung weggewischt werden würde.
„Ich glaube, dass es da noch einen gab. Oder gibt. Sozusagen noch ein drittes höheres Wesen der ersten Stunde. Und die drei haben dann erst mal die Engel erschaffen. Aber sie reden mit den Engeln
offensichtlich genau so wenig, wie mit allen anderen Wesen. Warum? Keine Ahnung. Gibt es sie überhaupt? Nicht mal die Engel wissen das – die ERZ-Engel!“, machte er Michael nach und wollte sich
vor Lachen schütteln.
„Wie das auch immer mit den Religionen ist“, seufzte der Zwerg. „Hauptsache ist, dass du diese Namen nicht vor Michael aussprichst - wenn du willst, dass er dir helfen soll. Am besten ist, du
klammerst das Thema Religion überhaupt aus. Also frag ihn nicht nach Dingen, die er nicht weiß.“ Er atmete tief durch und sah den außerirdischen Riesen durchdringen an. „Ich für meinen Teil weiß,
dass es nur oben und unten, nur vorne und hinten und nur rechts und links gibt. Nix mit drei! Und ich weiß auch, dass du heute mit Essenholen dran bist!“
Der behaarte Finger wies eindeutig auf den Außerirdischen und der lachte und machte sich auf den Weg ins Haupthaus. Der Zwerg verfiel in Schweigen, kaum, dass sein langer Freund verschwunden war.
Er starrte vor sich auf den Boden und schien mit seinen Gedanken weit weg zu sein. Zu weit, als dass Max es wagte ihn zu stören. Obwohl er doch mehr als genug Fragen hatte. Also setzte er sich zu
Pablo auf den Stein und der Kater drückte seinen warmen Rücken gegen sein Bein. Eine ganze Weile mochten sie so gesessen haben, und Max war schon sicher gewesen, dass der kleine Kater schlief,
als er fühlte wie dieser alle Muskeln anspannte, obwohl er sich keinen Millimeter rührte. Wie ein Schatten hatte sich der graue Körper einer großen Katze nahe an den Steinen bei dem Zwerg
aufgerichtet und Max war nicht in der Lage zu sagen, woher sie gekommen war. Aber er nickte ihr zu: „Guten Abend, grauer Schatten in der Dämmerung. Ich nehme an, du bist hier zu Hause. Ich bin
Max und das ist Pablo.“
„Aber hallo meine Schöne“, ließ auch Pablo kehlig vernehmen, der lässig nur den Kopf gedreht hatte um sie ansehen zu können.
„Hallo Minki“, meinte auch der Zwerg, weit weniger erfreut.
„Mein Name ist Mikaela, Troll!“, fauchte sie ihn über die Schulter an.
„Und meiner ist Toljan, nicht Troll!“, zischte der Zwerg zurück.
„Ist das die Birke von der Wiese?“
Die Stimme war leise aber deutlich. Und sie schien von irgendwo aus den Lüften zu kommen.
„Ja, ist sie“, brummelte der Zwerg in seinen dichten, roten Bart.
„Und die Menschen haben sie getötet!“, fauchte die Katze böse in Max Richtung. „Weil sie ihnen nicht mehr gut genug war. Viele Jahre lang haben sie ihre Freude daran gehabt. Und dann war sie
eines Tages nicht mehr gut genug.“
„Menschen sind grausam“, klang die leise Stimme wieder und Max erkannte jetzt, dass sie aus der Richtung von dem großen Ahornbaum neben ihnen kommen musste.
„Menschen sind dumm!“, fauchte die Katze.
„Menschen sind böse“, krächzte Minerva, landete flatternd zwischen ihnen und hüpfte weiter auf einen der Steine.
„Menschen sind blind“, seufzte Max und fühlte sich verpflichtet, seinesgleichen zu verteidigen. Auch wenn er nie darüber nachgedacht hatte. „Blind in ihren Augen und in ihren Herzen. Darum sehen
sie das Leben rund um sich nicht. Und ihre Ohren sind taub für eure Stimmen. Oh, ihr könnt sicher sein, dass die Menschen fest daran glauben, das Richtige zu tun – auch wenn es unendlich böse
ist.“ Er war sich sicher, dass alle außer dem Zwerg ihn ansahen. Aber wie der Zwerg hob auch er den Blick nicht vom Boden. Schämte er sich? „Noch gar nicht so lange her – gerade mal zwei Tage –
da war ich genau so. Wir, die Menschen, wir sind so gefangen in unseren Gedanken und in unserer Welt, dass wir gar nicht auf die Idee kommen, dass es etwas geben könnte da draußen, das sich
unserem Wissen entzieht. Darum tun wir Dinge, die für andere unerklärlich scheinen, grenzenlos böse und dumm und doch nur grenzenlos gedankenlos sind. Und das geht den Menschen untereinander oft
auch nicht anders.“
„Ich hab es getan. Ich habe die Birke umgeschlagen“, unterbrach der Zwerg trotzig. „Lasst ihn in Ruhe! Der Vorstand hat es angeordnet und ich habe es getan.“
„Bist du immer noch da?“
Michael kam mit dem dünnen Riesen auf sie zu und sah irgendwie überrascht auf Max. Sie trugen einen Topf und einen Stapel Teller, und es war doch auch einer für den Besucher dabei. Also war der
Engel wohl kaum so überrascht, wie er sich angehört hatte.
„Es ist wegen der Birke“, erklärte der Zwerg.
„Wegen der Birke“, bestätigte der Ahorn.
Der Engel nickte und entzündete ungerührt mit Spänen ein kleines Feuer über das er einen Rost stellte auf den wiederum der Topf gestellt wurde.
„So ist der Lauf der Dinge“, meinte er dann. „Einer geht, einer kommt.“, aber es klang hohl und ohne Interesse.
„Nur die Engel bleiben“, ergänzte der Ahorn trocken.
Michael richtete sich zu seiner bedrohlichen Größe auf, atmete tief durch, schien es sich dann aber doch anders zu überlegen und bückte sich wieder über den Topf. Max fühlte nur zu deutlich die
Spannung zwischen den Wesen sich gegenüber. Die Krähe hatte zwei Hüpfer zur Seite gemacht und die Katze sich geduckt. Nur Pablo, wie Max überrascht, sah sich um. Offensichtlich war dieser Michael
keiner, mit dem man sich anlegte, keiner, der Widerworte ertrug. Auch nicht von seinen Freunden.
„Hattest du Zeit nachzudenken?“, fragte Max, auch um das Gespräch in eine andere, für ihn wichtigere Richtung zu lenken.
Michael nickte, aber er antwortete nicht. Stattdessen nahm er die Teller und gab dem dünnen Riesen ein Zeichen worauf der begann Eintopf auf die Teller zu schöpfen. Schweigend nahm jeder einen
Teller und einen Löffel und setzte sich auf einen der Steine während der Engel Brotstücke verteilte. Pablo hatte sich aufgeregt hin gesetzt und schnüffelte an Max Teller. In dem Eintopf schwammen
schöne Fleischbrocken und Max schob eines an den Tellerrand und befühlte es mit dem Finger. Es war gerade mal lauwarm.
„Ist nicht all zu heiß“, meinte Max zu dem Kater und der bedankte sich artig. Während er mit der Pfote das Stück festhielt um daran zu kauen schielte er hinüber, wo Michael seine Fleischstücke an
Mikaela und Minerva verteilte und zu den beiden so unterschiedlichen Wesen, die ihre Portionen fein säuberlich untereinander aufteilten. Alles Fleisch für den Zwerg und alles Gemüse für den
Außerirdischen.
„Ihr esst kein Fleisch, Laja-äh“, Max verstummte schlagartig, weil ihm peinlicher Weise der ganze Name des Außerirdischen nicht mehr einfiel. Aber der lachte herzlich.
„Alle sagen Laja zu mir, mach dir nichts draus“, meinte er und winkte mit den langen Armen. „Aber, nein, wir essen kein Fleisch.“
„Und wenn, dann nur ihresgleichen“, stichelte der Zwerg feixend, worauf Max verwunderter Blick zwischen den Beiden hin und her wanderte.
Der dünne Riese seufzte und schüttelte den Kopf. Was bei dem dünnen Hals geradezu gefährlich wirkte.
„Worauf unser kleiner Freund hier anspielt, ist eine sehr unglückliche Episode aus unserer Geschichte“, erklärte er. „Wobei das Unglücklichste daran wohl ist, dass ich es ihm erzählt habe.“
„Es gibt Kannibalismus bei euch?“, fragte Max verwundert und bekam nur halb mit, dass sich Pablo ein weiteres Stück Fleisch von seinem Teller angelte.
„Es GAB so etwas“, bestätigte der Außerirdische traurig. „In unserer Geschichte gab es einen Punkt, an dem wir uns in Medizin und Technik so weit fort entwickelt hatten, dass die Bevölkerung sehr
lange lebte. Natürlich explodierten dadurch die Zahlen. Was unweigerlich dazu führte, dass selbst bei einer immer fortschrittlicheren Technik die Lebensmittel knapp wurden. Das einzige, was dann
wirklich noch im Überfluss vorhanden war, das waren die Turelianer. Nun ja, es kam in dieser Zeit des Hungers und des Mangels zu sehr unschönen Dingen, auch und gerade weil es sehr große
Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen gab und wenig Kontrolle. Oder, weil die Kontrolle von den Personen ausgeübt wurde, die von den unschönen Dingen profitierten. Aber diese Episode
unserer Geschichte ist abgeschlossen.“
Das Thema hätte Max noch interessiert, aber die graue Katze war von Michael zu ihnen gewechselt, Pablo hatte großzügig das neue Stück Fleisch für sie fallen lassen und äugte jetzt verlangend
wieder in Max Teller.
„Gibt da einen Haufen Dinge, die du nicht weißt“, meinte der Zwerg während er sich mit seinem leeren Teller erhob und neugierig in den Topf lugte. „Mag noch jemand?“
Michael und der Turelianer winkten ab während Max noch einen Nachschlag nahm. Wovon ihm nur das Gemüse blieb, denn es hatte sich ein Kreis aus zwei Katzen und einer Krähe um ihn gebildet.
„Muss ja ein ziemlicher Schreck für dich gewesen sein“, schmatzte der Zwerg und wischte sich Sauce und Brotkrümel aus dem Bart. „Seit zwei Tagen? Dass heißt, du hast von genau Nichts eine
Ahnung.“
„Oh“, rief Max aus, „ich habe eine Ahnung! Ich habe die Ahnung, dass ich das so schnell wie nur möglich rückgängig machen muss.“
„Aber er hält sich ziemlich gut“, machte sich jetzt auch Pablo wichtig. „Wahrscheinlich glaubt er es noch immer nicht wirklich. Aber wenn es Absicht war, dann hat sich Metatron einen guten
Kandidaten dafür ausgesucht.“
Michaels Kopf ruckte hoch und Max bemerkte erleichtert, dass endlich das Interesse des Engels erwacht schien. Auch wenn seine Stimme nicht ganz so interessiert klang als er nachfragte:
„Metatron?“
„So heißt der Kater, den ich mit der Wohnung übernommen habe“, erzählte Max. „Muss ein sehr alter Kater sein, weil von den anderen Tieren kann sich keiner erinnern ihn jemals jung gesehen zu
haben. Alles, woran ich mich erinnern kann, ist, dass er in der Nacht auf meiner Brust gesessen ist und irgend was gemurmelt hat. Die Tiere machen ihn jetzt dafür verantwortlich – für mich – für
meine – äh – veränderte Wahrnehmung.“
Der Engel hatte die Ellenbogen auf die Knie gestützt, den Kopf wieder gesenkt dass die blonden Locken sein Gesicht verdeckten und starrte ins Feuer. Der Zwerg stand auf, räumte Topf und Rost weg
und warf zwei Scheit Holz in das Feuer, das sofort vorsichtig daran leckte. Max wollte etwas sagen, aber eine energische Handbewegung des Zwerges riet ihm zu schweigen. Während sie die Teller
einsammelten und neben dem Topf zusammen stellten hockte sich die Krähe ganz nahe an dem Engel, schien sich an ihn zu drücken, beinahe unter seine Flügel zu kriechen. Max erschien es auch, als
würde sie leise mit ihm sprechen.
Plötzlich flatterte der Vogel auf, dann erhob sich Michael und die Krähe setzte sich auf seine Schulter. An dem Feuer blieb er kurz stehen, aber er sah niemanden an als er meinte: „Ich muss
nachdenken.“
Er nahm den Topf und die Teller und die eigenartige Gruppe rund um das Feuer sah ihm schweigend nach bis er in dem Stallgebäude verschwunden war. Kaum war er verschwunden streckte sich die graue
Katze in ihrer beachtlichen Länge neben dem Feuer hin und meinte: „Aufgeblasener Kerl.“
„Katzen mögen Engel nicht“, erklärte Pablo seinem Menschen. „Was auf Gegenseitigkeit beruht.“
„Und Zwerge“, ergänzte die Graue bestimmt.
Pablo leckte an seiner Pfote und warf einen Blick hinüber zu dem rotbärtigen kleinen Mann der zornig nach der Katze schielte.
„Kann ich nicht beurteilen“, meinte er dann diplomatisch. „Ich bin bisher noch keinem begegnet. Bei uns in Urk gibt es nicht viele von euren Wesen.“
„Zumindest einem Troll und einem Werwolf bin ich begegnet“, erinnerte Max. Was den Außerirdischen aufhorchen ließ.
„Du erkennst uns gerade mal zwei Tage und hast bereits einen Troll und einen Werwolf getroffen? Beachtlich!“
„Na ja“, grinste Max schief, „dass mein bester und ältester Freund ein Werwolf ist, das war schon ein ziemlicher Schock.“
„Aber er war Freund genug um den Troll zu beschäftigen, damit du verschwinden konntest“, erinnerte der kleine Kater.
Und Max nickte. Seufzte. Er musste sich dringend bei Looni melden. Das hatte er in all der Aufregung vollkommen vergessen. Er schüttelte den Kopf. Dann sah er auf und kaute an seiner Lippe.
„Vampire und Werwölfe, das ist eine Geschichte. Zwerge, Trolle und wahrscheinlich Elfen eine andere. Tiere die reden. Engel. Außerirdische – das sind alles Geschichten unter den Menschen, aber
jede für sich. Ach ja, und Bäume, die sprechen. Vielleicht hat das Feuer auch noch eine Stimme, oder spricht mein Frühstückskaffee bald mit mir. Das alles – das alles – passt irgendwie nicht -
zusammen!“
Max fühlte wie Panik wieder in ihm hoch stieg und atmete ein paar Mal tief ein und aus. Pablo legte sich wieder mit Brust und Vorderpfoten auf seinen Oberschenkel um ihn aufmerksam
anzusehen.
„Komm mal wieder runter, Kleiner“, brummte der Zwerg beruhigend. Aber sein dünner Sitznachbar schloss die Augen und schüttelte den langen, kahlen Kopf.
„Du hast gut reden mein Freund, du bist als Zwerg geboren, du kennst es nicht anders. Er muss das Ganze in zwei Tagen verkraften. Aber ich kann dich beruhigen“, wandte er sich dann an Max, „wenn
du das System einmal durchschaut hast, dann ist es ganz einfach.“
„Es gibt ein System?“
Max konnte kaum selbst glauben, dass ihn diese Aussicht erfreute. Aber jeder Lichtblick half ihm im Augenblick.
„Es gibt nichts, dass nicht irgendwo ein System hat“, rauschte der Ahorn. „Und du kannst beruhigt sein, weder das Feuer noch dein Kaffee haben eine Stimme. Aber sag mir doch zuerst, warum es dir
nicht passt, dass Tiere und Bäume eine Stimme haben?“
Max wandte sich um und sah nachdenklich zu dem großen Baum hinüber der dort irgendwo im Dunkel stand. Er benötigte einen Augenblick um zu verstehen, worauf der Baum hinaus wollte. Ungefähr.
„Es geht nicht darum, ob es mir passt oder nicht“, erklärte er dann. „Ich für meinen Teil habe immer schon gewusst, dass Tiere sprechen. Nur verstanden habe ich es nie. Dass Bäume sprechen, das
finde ich fiel schlimmer. Weil – ich es mir schrecklich vorstelle, sprechen zu können - und ein Bewusstsein zu haben – und dann doch nicht weglaufen zu können, wenn wir Menschen mit unseren Sägen
und Äxten und Hämmern kommen. Oder die Zwerge.“
Toljan, der Zwerg rutschte unruhig herum und rieb die Hände, als wäre ihm kalt. Dabei brummte er etwas Unverständliches, ging aber nicht weiter darauf ein.
„Ihr seit traurig wegen der Birke“, setzte Max wieder an. „Und dann kommt das Essen und wir essen – Fleisch! Das war einmal ein Tier, das hatte eine Stimme, das hatte ein Bewusstsein. Freude und
Angst. Irgendwie war mir immer schon klar, dass das – so - nicht in Ordnung war, aber ich habe mir auch nie viele Gedanken darüber gemacht. Und jetzt verstehe ich sie, ich kann mich mit ihnen
austauschen – und ich verstehe ihre Angst und Panik vor dem Schlachthof. Scheiße – ich glaube, ich werde nie wieder Fleisch essen können. Doch schlimm genug, dass ich die Tiere verstehe – aber
auch Bäume? Sträucher? Was ist mit Kartoffeln, Salatköpfen, Mais und Weizen?“
„Alles, was lebt, hat eine Stimme“, meinte Pablo leise. „Jedes nach seiner Art. Denk an die Ameisen.“
„Wenn geerntet wird“, krächzte Minerva und schüttelte sich irgendwo unsichtbar in dem Baum, „wenn die Maschinen über die großen Felder dröhnen, dann ist es schon gut, dass sie so laut sind.
Trotzdem, egal was da wächst – bleib weg und halte dir dir Ohren zu!“
Max schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Je mehr er begann darüber nachzudenken, um so verwirrter wurde er.
„Ich verstehe es nicht!“, rief er verzweifelt. „Ihr esst doch selber Fleisch! Wie könnt ihr das? Euresgleichen, mit denen ihr gelebt habt? Oder einen Salat, mit dem ihr vor ein paar Tagen noch
geredet habt?“
„Ich sagte doch, Menschen sind dumm.“
Die graue Katze streckte sich wieder genüsslich dem Feuer entlang und warf einen herablassenden Blick auf den Menschen.
„Niemand redet mit Salat. Aber ich fresse Mäuse und Ratten“, warf sie hin und es klang ein wenig stolz. „Und ich fresse Vögel“, setzte sie hinzu, mit einem Blick hinauf in die Dunkelheit der
Bäume wo vielleicht noch ihre scharfen Augen die Krähe entdecken konnten. „Aber ich denke dabei nicht so weit wie du, Mensch. Wenn ich nicht fresse, sterbe ich. Wenn ich fresse, stirbt etwas
anderes. Der Tod ist Teil des Lebens. Die Frage ist nicht, ob ich töte, die Frage ist, töte ich schnell oder grausam. Töte ich, was ich brauche oder töte ich wahllos.“
Keiner sagte mehr ein Wort. Sie alle sahen in das Feuer und sie alle sahen, mehr oder weniger, die Birke, die ihnen dieses Feuer und die Wärme, das Licht und den Schutz brachte. Manche mehr, wie
Toljan, der Zwerg. Manche weniger, wie Max, der Mensch, der immer noch vergeblich versuchte zu verstehen.
„Ja“, meinte er dann leise, „wir haben die Wahl. Essen müssen wir, aber wir haben die Wahl, was wir essen und wie viel wir essen. Woher es kommt, wie es gemacht wurde, wie es gelebt hat.“
Er kaute an seiner Lippe und kraulte gedankenlos den Rücken des kleinen Katers, der das freudig über sich ergehen ließ.
Doch dann schüttelte sich der Mensch, als wollte er lästige Gedanken los werden, atmete tief durch und streckte sich.
„Aber nein“, seufzte er und wandte sich wieder weg von dem Feuer und hin zu der Runde. „Was ich meinte, das war, dass die Geschichten der Menschen anders laufen. Da gibt es Geschichten mit
Zwergen, Trollen und sprechenden Bäumen – aber dort gibt es keine Werwölfe, Vampire und Außerirdische. In den Geschichten über Außerirdische kommen wiederum keine Werwölfe oder Zwerge vor.
Geschichten über Engel sind was vollkommen anderes. Und sprechende Tiere auch. Die Menschen grenzen in ihren Geschichten scharf ab. Aber anscheinend gibt es das alles. Und alles
gleichzeitig.“
Er atmete tief durch und bemerkte, dass Pablo sich auf den Rücken gedreht hatte und nun seine Finger in dem seidigen Fell seines Bauches steckten. Und dass die graue Katze dem nicht neidlos
zusah. Ein kurzes Rauschen war zu hören, dann hüpfte auch Minerva in den Kreis und sprang auf den Stein, auf dem zuvor der Engel gesessen hatte. Max hatte endlich Zeit sie ein wenig genauer
anzusehen und sie schien es zu bemerken. Jedenfalls spreizte sie stolz die Flügel und er schätze ihre Spannweite wohl auf über einen Meter. Obenrum war sie ganz schwarz und glänzend in dem
flackernden Licht des Feuers, wie es sich gehörte. Nur Brust und Bauch waren grau.
Der Mensch atmete noch einmal tief durch und kaute an seiner Unterlippe, dann setzte er fort: „Alles, was Menschen in ihren Geschichten jemals erzählt haben gibt es offensichtlich. Und
offensichtlich alles gleichzeitig. Das ist mehr als nur ein wenig verwirrend. Weil mir so schnell gar nicht alles einfällt, worüber Menschen so alles in ihren Geschichten erzählen.“
„Es gibt vieles, aber nicht alles“, entgegnete der Turelianer wobei er die lange Arme vor der dünnen Brust verschränkte und seinen lange Körper leise wiegte.
„Denk an Michaels Problem“, erklärte er dabei, „wenn es wirklich alles gibt, worüber die Menschen Geschichten haben, dann müsste es diesen Allah und diesen Luzifer doch auch geben. Aber niemand
von uns hat sie jemals gesehen oder bemerkt oder von jemandem gehört, der sie gesehen hätte. Ach, und diesen aramäischen Wanderprediger, dem sie später in den Mund gelegt haben, er wäre der Sohn
eines Gottes, um mit der Geschichte eine mächtige Organisation zu gründen – den hat auch niemand mehr gesehen. Außer in kaum glaubwürdigen Berichten aus dritter Hand.“
„Das würde heißen, es gibt alle Wesen, außer Gott. - Oder Götter?“
Jetzt winkte der Zwerg ab und strich sich bedeutungsvoll über den prächtigen Bart.
„Ich bin mal einem Kerl begegnet“, erzählte er dann, „der von sich behauptete, Odin zu sein. Na ja, ein riesen Kerl war das ja, nur ein Auge aber immer zwei Raben bei sich – und auch sonst. Also,
ich glaube, das war er wirklich.“
„Also, wenn es einen Odin gibt, dann muss es auch einen Loki und einen Thor geben. Aber dann muss es alles geben.“
„Keine Zombies“, rief die Krähe, „und keine Schleimmonster!“
„Und keine Aliens mit Tentakeln oder Abstammung aus der Insektengruppe“, ergänzte der Außerirdische. „Wobei, bei den intelligenten Insektenvölkern bin ich mir nicht so sicher. Wir haben alte
Berichte von so etwas, das von Planet zu Planet zieht. Aber das ist sehr alt.“
Max sah verwundert von einem zum anderen.
Die graue Katze hatte es endlich geschafft wie zufällig zu Max zu kommen und legte nun den großen Kopf auf seinen Fuß um sich ebenfalls kraulen zu lassen. Was Max auch prompt tat.
„Wir haben hier öfter Besuch“, erklärte sie dabei kehlig. „Lajas Verwandtschaft kommt ab und zu vorbei. Und dann führen sie nächtelange Gespräche, was sie nicht so alles entdeckt haben.“
„Oder nicht entdeckt haben“, ergänzte der Turelianer um dann zu erklären: „Das mit den interstellaren Reisen ist nicht so einfach wie es in den Geschichten der Menschen oft klingt, und darum
sitzen wir hier fest. Also versuchen wir heraus zu bekomme, was zu erfahren ist. Und das Ergebnis dabei ist – es gibt so ziemlich alles, worüber die Menschen auch Geschichten haben. Außer eben -
Zombies, Schleimmonster, Tentakel und Insektenaliens - und Übergötter.“
Max sah aus, als konzentrierte er sich nur noch auf die beiden Katzen an seinen Seiten, doch als der Zwerg dann ein weiteres Scheit ins Feuer warf sah er auf.
„Warum nicht?“
Überrascht wurden die runden Augen des Turelianers noch größer.
„Warum nicht – was?“, fragte er.
„Warum gibt es keine Zombies“, fragte Max. „In den Geschichten gibt es alles – warum dann nicht in der Wirklichkeit? Entweder gibt es die Geschichten, weil es euch gibt oder gibt es euch, weil es
die Geschichten gibt. Eines bedingt das Andere, entweder in die ein oder die andere Richtung. Gäbe es wirklich alles, wäre das klar. Aber es gibt nicht alles! Hier bricht die Regel, wenn es denn
überhaupt eine gibt – Warum?!“
„Du scheinst einen sehr klaren Verstand zu haben.“
Alle an dem Feuer sahen sich um und entdeckten Michael, der offensichtlich schon länger unter dem Ahorn stand. Langsam kam er auf sie zu.
„Ich, für meinen Teil“, erklärte er dabei ebenso gemächlich, „ich glaube immer noch, dass es die Kraft des Glaubens der Menschen ist, warum wir leben.“
„Entschuldige Michael“, entgegnete Max vorsichtig, „aber ich bin mir ziemlich sicher, dass mehr Menschen an Zombies glauben als an Engel.“
Michael blieb an Feuer stehen und starrte hinein. Nickte.
„Ja. Das wird wohl so sein. Aber vielleicht ist der Glaube an Zombies anders, als der Glaube an Engel. Ich weiß es nicht. Sehr viele Menschen glauben auch an den Schöpfer – wie immer sie ihn auch
gerade nennen mögen. Aber gibt es ihn? Oder den Teufel? Nicht einmal wir Engel können es sagen.“
Toljan und Lajalamanda wechselten ein vielsagenden und überraschten Blick, der von dem Engel mit einem leicht säuerlichen Lächeln quittierte wurde. Dabei ging er zu dem Stein mit der Krähe,
setzte sich und sie sprang sofort auf sein Bein.
„Die Kraft der Gedanken ist weit größer, als ihr Menschen meint“, setzt er dann in seiner bedächtigen Art fort. „Trotzdem ist außergewöhnlich, sehr außergewöhnlich, was geschehen ist. Es gibt
Menschen – ein paar wenige – die kommen nahe an die Grenze. Sie ahnen, dass es diese Grenze gibt. Manchmal erahnen sie auch, was hinter der Grenze ist. Du aber hast die Grenze einfach
überschritten. Du bist irgend wie auf die andere Seite gelangt – und ich kann mir nicht vorstellen, wie das vor sich gegangen sein soll. Ich habe nicht die leiseste Ahnung aber ich bin mir
sicher, dass es etwas sehr Außergewöhnliches gewesen sein muss. Etwas, das meine Kräfte weit übersteigt. Metatron? Ich überlege noch. Vielleicht fällt mir bis morgen etwas ein.“ Er atmete tief
durch und sah die anderen Wesen an. Minerva hüpfte auf den Boden und dann gleich noch zwei Sprünge weiter. „Wir sollten hinein gehen“, erinnerte er die Anderen.
Alle außer Max und den beiden Katzen erhoben sich. Michael warf einen langen Blick auf die Graugetigerte und befahl dann: „Minerva! Ich möchte dass du hier bei dem Menschen bleibst. Wenn er etwas
braucht, dann kümmere dich darum.“ Und zu Max gewandt: „Ich glaube nicht, dass etwas los sein wird. Hierher verirrt sich nur selten wer. Aber vielleicht sind dir die Tiere in der Nacht zu
laut.“
„Weil man sich auf mich nicht verlassen kann“, schnurrte Mikaela.
„Genau.“
„Du mich auch.“
Der Engel verzog sauer das Gesicht, er sagte aber nichts darauf. Nur der Zwerg drehte sich noch einmal um und wies mit dem Kopf zu den glimmenden Scheiten hin.
„Es wird feucht in der Nacht“, erklärte er, „es sollte also nichts geschehen. Trotzdem, pass auf das Feuer auf. Im Notfall steht ein Kübel mit Sand drüben am Tor.“
Max nickte nur und sah den drei so unterschiedlichen Gestalten nach, die entlang dem Stallgebäude immer mehr mit der Dunkelheit verschwammen. Das glimmende Holz schimmerte rot, knackte leise und
etwas raschelte im Gras. Sonst war es vollkommen still. Die Krähe machte noch einen Hüpfer dem Engel nach, dann stakste sie in dem ihrer Art so eigenen, wiegenden Gang zurück zu dem Stein und
sprang hinauf.
„Ich komme schon allein zurecht“, meinte Max, aber die Krähe schüttelte sich.
„Wenn er gesagt hat, ich soll hier bleiben, dann meint er das so. Also bleibe ich hier.“ Und, nach einer Pause: „Ich bin ihm zu Dank verpflichtet und ich mag ihn. Aber einfach ist es mit ihm
nicht. Man tut besser, was er sagt.“
„Oder auch nicht“, gähnte die graue Katze und zeigte ihre langen Fangzähne.
„Du legst es immer wieder darauf an ihn zu ärgern“, krächzte Minerva heiser, „und dann wunderst du dich, dass er dich nicht mag!“
Mikaela erhob sich majestätisch um sich in alle Richtungen zu strecken und nochmals lange zu gähnen.
„Ich kann einfach nicht anders“, meinte sie dabei. „Wenn ich den aufgeblasenen Kerl mit seinem sauertöpfischen Gesicht schon sehen, dann juckt es mich förmlich in der Schwanzspitze etwas zu tun,
was ihn ärgert. Und ich höre normalerweise auf meine Schwanzspitze.“
Die Krähe schüttelte nur den Kopf, sagte aber nichts dazu. Ausdruckslos starrte die Katze ein paar Augenblicke an dem Feuer vorbei, dann drehte sie den Kopf herum.
„Ich für meinen Teil werde mein Jagdglück versuchen. Was ist mit dir Pablo, kommst du mit?“
Der schwarze Kater drehte sich herum und sah sie nachdenklich an.
„Klingt irgendwie verlockend“, meinte er. „Aber ich habe den ganzen Tag kein Auge zugetan. Mit diesen Stinkerkisten zu fahren ist nicht sehr angenehm! Ich werde wohl eher eine Runde schlafen.
Gute Jagd!“, setzte er noch hinzu. Und auch die Krähe meinte: „Gute Jagd!“. Max schloss sich dem Wunsch an. Mit einem mulmigen Gefühl, bedeutete dieser Wunsch doch gleichzeitig auch den Tod eines
anderen Tieres.
Eine ganze Weile saßen sie dann da und sagten nichts. Max fühlte sich müde und verwirrt. Zerschlagen, obwohl er den ganzen Tag über nichts großartig getan hatte. Nun ja, er hatte immerhin heraus
gefunden, dass sein bester Freund ein Werwolf war. Und Trolle äußerst unfreundliche Gestalten. Er war einem Engel begegnet – eine Erzengel, verbesserte er sich – und hatte doch nichts über Gott
erfahren. Ein Außerirdischer und ein Zwerg – was wartete wohl noch alles auf ihn?
Noch immer war da der Druck von leise hämmernden Kopfschmerzen. Sie waren erträglicher geworden seit gestern, aber immer noch da. Wenn ihn nicht irgend eine überraschende Entdeckung ablenkte,
dann waren sie nur zu deutlich zu spüren. Vielleicht hätte ja der Engel zumindest dagegen etwas tun können. Vielleicht ja morgen, wenn die Kopfschmerzen immer noch da waren.
Er nahm sein Smartphone aus der Tasche und sah auf die Uhr. Während er es noch in der Hand hielt, sprang die Krähe einen Stein weiter und dann gleich noch einen. Legte den Kopf schief und besah
sich das Ding in der Hand des Menschen mit ihren schwarzen Knopfaugen aus sicherer Entfernung.
„Ich kenne das Ding“, krächzte sie. „Ihr Menschen könnt miteinander reden ohne euch zu sehen, wenn ihr so ein Ding habt.“
Max nickte, wog das Telefon in der Hand und grinste die Krähe dann an.
„Nicht nur“, meinte er verschmitzt, „manche Menschen können damit auch andere sehen, obwohl diese gar nicht da und weit entfernt sind. Mal sehen, ob es funktioniert.“
Er öffnete Skype auf seinem Mobilphone, hielt dann aber inne und sah nachdenklich auf die beiden Tiere, die erwartungsvoll neben ihm hockten.
„Aber wie immer, wenn ich auf eine Platte starre“, seufzte er, „sehr ihr nur farbige Punkte.“
Pablo streckte sich wieder lang hin, aber Minerva legte den Kopf noch ein wenig schiefer.
„Ein Krähenauge sieht alles!“, meinte sie und es klang, als würde sie triumphierend grinsen. Und Max sah ihr zu, wie sie gleich noch näher hüpfte um neugierig auf das Telefon zu starren.
„Also stimmte es, dass ihr Krähen neugierige Wesen seit“, lachte Max. Und während sich Minerva noch entrüstet aufplustern wollte warf Pablo ein: „Sie sehen alles, sie kennen alles, sie wissen
alles. Zumindest behaupten sie es.“
Max sah auf den blauen Schirm und überlegte, wen er anrufen konnte. Irgend jemand seiner Freunde? Er hätte nicht gewusst, was er hätte sagen sollten. Es hätte ihn interessiert, wie es Looni nach
dem Zusammentreffen mit dem Troll ging, aber Looni benutzte Skype nicht und ging auch so gut wie nie ans Telefon. Mandy – sie würde ans Telefon gehen. Aber auch bei ihr hatte er keine Ahnung, was
er sagen sollte. Und sie würde wohl kein Skype haben. Er suchte durch die Kontakte und entdeckte anhand ihre Telefonnummer, dass sie tatsächlich das Videoprogramm benutzte. Aber was sollte er mit
ihr reden? Warum sollte er überhaupt mit ihr reden? Und – viel wichtiger – warum sollte sie mit ihm reden? Er kannte sie nicht und sie musste ihn für einen völlig durchgedrehten Typen
halten.
Während er sich noch entschloss Mandy nicht anzurufen war sein Finger schon auf dem Symbol gelandet und Max beobachtete überrascht, wie sich die Verbindung aufbaute.
So ein Blödsinn! Zwei, drei Mal würde er es läuten lassen und das Ganze dann vergessen.
„Hallo Max.“
Tatsächlich erschien ihr Gesicht auf dem Schirm. Irgendwie blass wirkte sie und der Raum war zu düster um viel erkennen zu können. Das Licht flackerte, als wären da Kerzen.
„Max? Bist du da? Ich sehe nicht wirklich was.“
„Hallo Mandy“, brachte er endlich heraus und drehte sich automatisch mehr ins Licht des Feuers. „Entschuldige, ich sitze hier wirklich im Dunkel bei einem Feuer. War wohl keine gute Idee, dich zu
stören. Aber ich wollte herzeigen, wie Skype funktioniert und bin irgendwie über deine Nummer – äh – ja.“
„Macht nichts“, lachte sie und fuhr sich über die kurzen Rastastacheln als wollte sie sich das Haar aus dem Gesicht streichen. „Ich bin gerade fertig geworden. Du störst nicht. Wem wolltest du
was zeigen?“
Bevor Max antworten konnte hüpfte die Krähe neugierig auf sein Bein und schob sich ins Bild. Viel konnte Mandy nicht sehen, dazu war es wirklich zu dunkel, aber es reichte, dass sie überrascht
mit dem Kopf zurück zuckte.
„Das ist Minerva“, stellte Max vor und wunderte sich gleichzeitig darüber, dass das Tier doch ziemlich schwer war, er aber kaum Krallen fühlte. „Sie ist Michaels Krähe.“
„Also hast du diesen Michael gefunden.“
„Ich bin nicht SEINE Krähe!“, warf Minerva ärgerlich ein. „Ich begleite ihn, aber ich gehöre ihm nicht!“
Max sah zwischen Vogel und Frau hin und her und atmete tief durch.
„Okay - Minerva hier hat mich eben darauf hingewiesen, dass sie Michael nur begleitet, aber nicht SEIN Vogel ist.“
Tatsächlich nickte der Vogel und die Frau zog vor Überraschung die Stirn kraus. Was ihre Nasenspitze und die Oberlippe ein wenig hob und Max auf eigenartige Weise niedlich empfand.
„Und, ja, ich habe Michael gefunden“, setzte er dann fort. „Und er ist – ein Engel. Nein, frag mich nicht“, wehrte er ab. „Es gibt gewisse Dinge, die darf man Engel nicht fragen!“
„Schade“, lachte sie. „Ich hätte zu gerne gewusst, ob sie wirklich fliegen können.“
„Bestenfalls irgendwo hinunter flattern“, machte sich Minerva wichtig. „Aber mit wirklichem Fliegen hat das nichts zu tun. Dafür ist ihr Körper einfach nicht gebaut.“
„Nein“, übersetzte Max, „sie meint, mit fliegen haben die nicht viel am Hut.“
„Krak“ machte die Krähe wie zur Bestätigung. Inzwischen hatte sich Pablo rund um Max geschoben, kam nun auf das andere Bein und streckte sich hoch.
„Da habe wir ja noch jemanden“, meinte Mandy und legte den Kopf schief.
„Das ist Pablo, von dem hab ich dir ja schon erzählt.“
Pablo schob seine Nase so nahe es ging an das Telefon, dann sah er sich zu Max um und schüttelte sich.
„Eine Platte mit wirren grünen Punkten. Sorry“, meinte er, blieb aber sitzen und lehnte sich gegen Max.
„Katzen sehen anders“, erklärte Max der Frau. „Für sie ist jeder Bildschirm nur eine Platte mit wirren grünen Punkten. Darum halten sie uns auch für ziemlich beschränkt, weil wir so viel
darauf starren. Aber entschuldige, dass wir dich stören. Dass ich dich störe – du musst mich ja für ziemlich verrückt halten. Ich hoffe, wir haben dich nicht gestört.“
Ihre Zungenspitze fuhr leicht über die Lippen, dann zog sie die untere ein um ein wenig daran zu kauen. Aber sie antwortete nicht. Ihr Blick fiel nach unten, sie bückte sich und kam aus dem Bild
das heftig schwankte und die Umgebung wurde eine Spur dunkler. Max meinte ein wenig Rauch aufsteigen zu sehen, als sie wieder ins ruhiger werdende Bild kam und an einer Fingerkuppe lutschte, als
hätte sie sich verbrannt.
„Das mit den Kerzen ist nicht so meins“, erklärte sie fast entschuldigend. „Und Mandy sucht jedes mal das Weite, wenn ich – so was mache.“
Jetzt war es an Max interessiert zu schauen und nichts zu sagen. Sie atmete tief durch und grinste breit.
„Ok, dir kann ich es ja sagen – ich habe ein Ritual durchgeführt. Ein Schutzritual. Für dich, für euch. Damit ihr – geschützt seit.“
„Danke“, war alles, was Max verwirrt heraus brachte.
„Ich weiß nicht, was du von solchen Sachen hältst“, plapperte sie nervös weiter. „Ich mach das auch noch nicht so lange. Irgendwie bin ich in das Ganze allmählich hinein geraten und hab dann – an
einem Punkt - ja – einige Dinge in meinem Leben geändert. Ziemlich radikal. Die Frisur zum Beispiel, aber mit der bin ich überhaupt nicht mehr glücklich.“
Wieder fuhr sie sich über die Rastazöpfchen als wollte sie diese glatt streichen.
„Aber glücklicher Weise hat sie den Idioten hinaus geworfen.“
Die Stimme der Hündin klang dumpf von irgendwo hinten dann bückte sich die Frau und beide kamen ins Bild.
„Sieh mal“, sagte die Frau, „da sind Max und Pablo. Und – äh -“
„Minerva“, ergänzte Max. Erst jetzt viel ihm auf, dass die Krähe größer war als der Kater und mit ihrem gewaltigen Schnabel auf diese geringe Entfernung ganz und gar nicht Vertrauen einflößend
wirkte.
Die Hündin starrte auf das Bild, sog dann einmal die Luft scharf ein und schüttelte sich.
„Hallo Mandy“, meinte Max, „du siehst auch nur wirre grüne Punkte, nicht war?“
Wieder schüttelte sich die Hündin und meinte herablassend: „Wirre bunte Punkte.“
„Also nicht einmal das haben Hund und Katz gemeinsam“, meinte Pablo, aber es klang versöhnlich und belustigt.
„Hallo Pablo!“, jappste die Hündin. „Geht es euch gut? Habt ihr Michael gefunden? Wie ist er? Wie geht es ihm?“
Max sah auf die Frau, die wiederum überrascht auf ihre Hündin blickte und begann zu verstehen, dass diese ganze Geschichte für eine Außenstehende mehr als nur verwirrend und unmöglich
nachzuvollziehen war.
„Es ist ziemlich anstrengend, wenn alle durcheinander reden“, versuchte er zu erklären. „Selbst wenn alle größeren Tiere still sind, dann murmeln irgendwo ein paar Insekten oder Ameisen vor sich
hin.“ Er schüttelte den Kopf als konnte er es selbst kaum glauben. „Sogar die Bäume und Büsche haben eine Stimme, bin ich dahinter gekommen. Genau genommen hat jedes lebende Wesen eine Stimme –
jedes auf seine Art“, grinste er zu dem schwarzen Kater hin und der nickte energisch. „Bei all dem Tumult einen klaren Gedanken zu fassen ist ziemlich schwierig.“
Er begann mit der freien Hand Pablo am Kopf zu kraulen, was ihm einen überraschten Blick von Minerva eintrug.
„Vor ein paar Tagen noch“, setzte er langsam fort, „da hab ich mich für Computer interessiert. Vielleicht noch für Filme und Spiele. Von all dem hier hatte ich keine Ahnung, habe auch nie darüber
nachgedacht. Weißt du, wenn ich mich schon lange und immer mit diesem Fantasy-Zeugs beschäftigt hätte, dann würde ich sagen, ich bin eben hinein gekippt. Aber das war noch nie meins, deswegen
verstehe ich das alles noch viel weniger. Ich weiß auch nur ungefähr, was ein Ritual ist, aber genau ...“
„Sprechende Tiere gibt es doch wohl auch in Computerspielen“, warf sie ein. Er überlegte kurz und meinte dann: „Weiß nicht, könntest schon recht haben. Aber jedenfalls gibt es keine Zwerge, die
mit Außerirdischen befreundet sind, keine mürrischen Engel und keine Werwölfe, die deine besten Freunde sind!“
„Also gibt es das alles wirklich?“, wollte sie wissen und es klang in seinen Ohren weit mehr interessiert als ungläubig.
„Alles gibt es“, seufzte er und schüttelte leise den Kopf, „auch Menschen, die bis an die Grenze kommen. Alles, außer Zombies, Tentakelwesen - und Götter.“
Als Max aufwachte war es bereits heller Tag. Der kleine schwarze Kater lag zusammengerollt am Fußende des Bettes und schien noch tief und fest zu schlafen. Max streckte sich vorsichtig und sah zu
der Decke des kahlen Zimmers hinauf, betrachtete nachdenklich die Flecken dort. Er hatte noch eine ganze Weile mit der Frau geredet, bis der Akku seines Telefons eindeutige Zeichen des Unwillens
von sich gegeben hatte. Es fühlte sich gut an. Er erzählte ihr einfach alles, weil er sie nicht kannte und sie stellte vernünftige Fragen, die ihm halfen nachzudenken. Obwohl, er hätte nicht
sagen können, ob sie ihm glaubte, aber sie schien zumindest zu verstehen, dass es für ihn real war. Real wirkte. Gerne hätte er noch viel länger mit ihr geredet, sie noch länger gesehen, aber
jetzt fiel ihm auf, dass er über sie nicht viel mehr wusste, als am Anfang ihres Gespräches. So viel fiel ihm jetzt ein, was er sie fragen wollte, von ihr wissen wollte. Stattdessen hatte er
geplappert und nicht aufhören können. Aber jedenfalls fühlte er sich heute sehr viel frischer und normaler als an den letzten beiden Tagen. Der dumpfe Kopfschmerz war fast vollständig
verschwunden und die Welt fühlte sich wieder so an, wie all die Jahre zuvor. Der schwarze Kater streckte im Liegen die Vorderpfoten weit von sich und sah neugierig zu dem Menschen hinauf. Und Max
erwiderte den Blick nachdenklich. Etwas in ihm wünschte, dass der Kater miauen würde. Und etwas in ihm wäre traurig darüber gewesen. Unmöglich zu sagen, was ihm lieber gewesen wäre.
„Ob die wohl immer solch einen Krawall machen, wenn sie hinaus gelassen werden?“
Der Kater hatte nicht miaut. Natürlich nicht. Er erinnerte Max daran, dass irgendwann nach Sonnenaufgang die Tiere aus den Stallungen ins Freigehege gelassen worden waren. Der Tumult war kurz
aber unüberhörbar gewesen. Doch offenbar war Max danach wieder eingeschlafen. Mensch und Katze streckten sich nochmal, dann stand der Mensch auf und stellte eine Untertasse mit Wasser auf den
Boden worüber sich der Kater sofort her machte. Max wusch sich schnell und war eben dabei sich anzuziehen, als es an der Tür klopfte und ohne abzuwarten auf halber Höhe ein rotbärtiger Kopf
erschien.
„Da ist ja endlich wer munter“, brummte der Zwerg gutmütig. „Ich hab euch Frühstück gebracht. Steht draußen.“
Bevor Max nach draußen in die Sonne trat, sah er noch auf seinem Telefon nach, das noch immer am Ladegerät hing. Es gab keinen Nachrichten, aber es war schon nach 10 Uhr! Ihm kam vor, als hätte
er schon seit undenklichen Zeiten nicht mehr so lange geschlafen. In der Sonne vor dem Haus stand ein kleiner Tisch und eine Bank aus grobem Holz. An dem Tisch lehnte der Zwerg und schien sich
mit Minerva zu unterhalten die hoch aufgerichtet vor ihm auf dem Tisch stand. Als Max und Pablo aus der Tür kamen verstummten die Beiden und sahen zu ihnen hin.
„Wie trinkst du deinen Kaffee?“, wollte der Zwerg wissen. „Milch hätte ich da, aber Zucker müsste ich organisieren.“
Max lachte und schüttelte den Kopf.
„Danke, ich trinke ihn so, wie er aus der Maschine kommt.“
Dann fiel sein Blick auf den Teller daneben und er schüttelte nochmals den Kopf, diesmal vor Verwunderung über die drei riesigen belegten Brote.
„Ist das euer Essen?“, wollte er wissen, aber Toljan lachte laut.
„Wir hatten schon. Schon lange. Das habe ich für dich organisiert.“
Als sich Max setzte wurde ihm allerdings sehr schnell klar, dass dieses Frühstück nicht für ihn allein gedacht war. Pablo machte es sich erwartungsvoll neben ihm gemütlich und auch Minerva
stolzierte über den Tisch zu ihm. Also machte sich Max daran zu verteilen und der Zwerg reichte ihm dazu ein Klappmesser, das selbst für einen normal gewachsenen Menschen eine bedenkliche Größe
hatte. Weil Max kleine Stücke abschnitt und verteilte – und dabei darauf achtete, dass auch er selbst nicht zu kurz kam – bemerkte er zuerst gar nicht, dass sich die Tiere vom Freigehege entlang
dem Zaun drängten. Dass die Bäume voller Vögel waren und unter den Bäumen so manches Kleingetier die Ohren spitzte. Erst, als ein Marder unter die Kaninchen kam und einige Aufregung auslöste,
wurde ihm das bewusst.
„Gibt wenig, was sich nicht schnell herum spricht“, meinte die Krähe, angelte nach einem Stück Käse und warf es in die Luft um es nach hinten in den Schnabel gleiten zu lassen.
„Und warum sie die alle hier?“, fragte Max vorsichtig.
„Reine Neugierde“, brummte der Zwerg. „Ist bei Tieren nicht anders, als bei Menschen. Oder Zwergen. Anstarren und später erzählen können, dass man dabei gewesen ist.“
Der Zwerg zuckte mit den Schultern, kratzte sich im Bart und erzählte dann noch so manches von dem Hof und den Tieren. Max teilte aus, aß und hörte zu. Der kleine Mann konnte in seiner
brummigen Art ganz unterhaltsam sein, aber irgendwann waren auch die Mägen einer Katze und einer Krähe wohl gefüllt.
„Wo sind eigentlich Laja und Michael?“, fragte Max endlich.
„Laja versorgt die Hühner“, bekam er schnell als Antwort.
„Und Michael?“
Diesmal zuckte der Zwerg nur mit den Schultern. Dann machte er doch eine weit ausholende Bewegung und meinte: „Keine Ahnung. Ich habe ich heute noch nicht gesehen.“
„Der große Meister wird wohl noch immer denken“, krächzte Minerva und hüpfte auf den Boden. „Er läuft herum, grübelt und hat eine Stimmung, dass ihm selbst die Bäume ausweichen wollen.“
Auch der Kater sprang zu Boden und machte sich mit schnellen Schritten auf den Weg ins hohe Gras wo er sich alsbald hinsetzte und bewegungslos mit glasigem Blick verharrte.
Max lehnte sich in der Sonne zurück und streckte behaglich die Beine von sich. Ausgeschlafen und mit vollem Bauch ließ es sich hier ganz gut aushalten. Doch mit einem Mal war da ein mächtiges
Rauschen in den Lüften und im strahlenden Glanz seiner schneeweißen, ausgebreiteten Flügel schwebte der Engel zu Boden.
Minerva murmelte etwas, das gar nicht ganz so ehrfürchtig klang, wie es der Anblick gebot und flatterte auf den Dachvorsprung von wo sie alles neugierig beobachtete.
Michael sah auf Max, aber er sprach nicht. Und als Max endlich etwas sagen wollte, da drehte sich der Engel weg und sah langsam in die Runde. Am Zaun entlang, zu den Bäumen, zu der Wiese. Max sah
den Blick nicht, mit dem der Engel die Tiere bedachte, aber die wandten sich unverzüglich ab und gingen ihrer Wege. Offensichtlich widerwillig, aber gehorsam. Weil sie nur all zu gut wussten,
dass man sich einem Engel wie Michael nicht widersetzte. Besonders nicht, wenn er in dieser Stimmung war. Nur Pablo kam erleichtert von der Wiese her getrabt und warf sich unter den Tisch um sich
hingebungsvoll zu putzen. Wohlweislich, ohne den Engel anzusehen. Der nun den Kater stumm anstarrte. Die Augen in dem ebenmäßigen Gesicht zusammen gezogen und einen verbissenen Zug um die Lippen,
der ihm jede Lieblichkeit nahm.
„Guten Morgen, Michael“, meinte Max freundlich. „Minerva meine, du würdest noch über mein Problem nachdenken. Ich hoffe sehr, du hast eine Lösung gefunden.“
Michaels missmutiger Blick wanderte über Max nach oben zum Dach, wo er die Krähe fand.
„Minerva plappert viel, wenn der Tag lang ist“, brummte er dann. „Vielleicht sollte sie dich begleiten.“
Sein Blick wanderte weiter in den blauen Himmel in dem sich allmählich kleine Wölkchen zu bilden begannen. Brummig schnappte sich Toljan sein Klappmesser, verstaute es und verschwand mit dem
leeren Teller in dem Haus. Als hätte Michael nur darauf gewartet atmete er tief durch und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Endlich sah er wieder zu Max hin und sein Blick war nicht mehr
ganz so grimmig. Eher verzweifelt, schien es Max.
Michael legte auch die noch immer ausgebreiteten Schwingen sorgfältig zusammen und kam näher an den Tisch. Stützte sich schwer auf die Lehne der Bank vor ihm.
„Ich kann dir nicht helfen“, brachte er endlich hervor. Und ihn schmerzte dieses Eingeständnis offensichtlich. Als Max etwas sagen sollte, setzte er noch schnell hinzu: „Ich bin ein Engel. Ein
Erz-Engel – und ich habe keine Ahnung, was eigentlich los ist. Mit dir nicht, und auch sonst. Ich habe keine Ahnung, ich habe kein Ziel und ich habe keine Aufgabe. Ich versuchen den Wesen zu
helfen, weil ich glaube, dass das richtig ist. Aber ich weiß nichts. Und meinen Brüdern geht es nicht anders. Raffi ist einmal aufgebrochen um diesen Gott zu suchen – und musste die nicht
uninteressante Entdeckung machen, dass wir diesen Planeten nicht verlassen können. Und ich habe auch keine Ahnung, was mit dir geschehen ist. Ich hätte die Macht für so etwas nicht, und auch
keinen blassen Schimmer, wie man so etwas bewerkstelligen kann. Folglich habe ich auch weder die Macht noch das Wissen es rückgängig zu machen. Und ich habe auch keine Ahnung, wer diese Macht
haben könnte.“
Als er verstummte und auf die raue Tischplatte starrte meine Max leise: „Metatron?“
Bitter lachte der Engel auf.
„Metatron?“, wiederholte er. „Ich kennen keinen Metatron. Geschichten habe ich gehört, über einen mit diesem Namen, ja. Geschichten wie über diesen Allah oder den Teufel. Aber allmählich glaube
ich, dass es die ebenso wenig gibt wie Zombies.“
Es klang bitter aus seinem Mund. Die Verbitterung einer jahrzehntelangen, einer jahrhundertelangen, einer erfolglosen Suche. Doch dann schüttelte er den Kopf und atmete so tief durch, dass es ein
schmerzliches Seufzen war.
„Ich habe dir gestern schon gesagt, dass die Gedanken der Menschen eine unglaubliche Kraft haben“, erklärte er. „Die Menschen schaffen sich ihr Bild von der Welt und zuerst dachte ich, dass du
dir diesen Zugang zu unserer Welt selbst geschaffen hast. Irgendwie, unbewusst. Aber das erschien mir dann doch zu unglaublich. Ich wüsste aber auch von keinem Wesen, dass nur annähernd die Macht
hätte, so etwas zu tun. Also kann ich dir weder helfen noch kann ich dir raten. Ich kann dir nur empfehlen jemanden zu fragen, der älter ist als ich.“
Max nickte, sah in seinen leeren Kaffeebecher und stutzte.
„Aber“, meinte er dann, „gibt es euch Engel nicht seit Anbeginn der Welt? Wer könnte älter sein als du?“
Jetzt lachte Michael, und es war ein ehrliches und offenes Lachen. All der Missmut und die Bitterkeit schien von ihm abgefallen, als er den so ahnungslosen Menschen ansah.
„Ach Menschenskind“, grinste er, „du bis wirklich ein Ahnungsloser, also hatte ich wenigstens recht, was dich anging. Uns Engel gibt es doch erst seit der Blütezeit des Judentums – das sind
gerade mal 3000 Jahre. Das ist nicht alt!“ Er machte eine ausholende Handbewegung. „Natürlich, Vampire und Werwölfe gibt es vielleicht die Hälfte der Zeit. Aber Zwerge zum Beispiel gibt es fast
doppelt so lange. Natürlich nicht den einzelnen Zwerg. Toljan ist gerade mal 42. Wir müssen also eine Spezies finden, die es schon länger gibt als uns Engel UND die langlebig ist.“
Max kaute an seiner Lippe und sah unter den Tisch zu dem Kater, der sich halbherzig und mit gespitzten Ohren am Bauch leckte.
„Das wird nicht so einfach“, grübelte er dabei. Und wieder lachte Michael. Fasste in die Brusttasche seines groben Flanellhemds und schob einen Zettel über den Tisch.
„An dieser Adresse findest du Sofia. Sif. Vielleicht kann sie dir helfen. Ja, ich glaube schon. Sie ist gut in Erklärungen. Zumindest sagt man so.“
„Wer – was ist Sofia?“, wollte Max wissen und besah sich den Zettel ohne ihn anzufassen.
„Eine Frau“, antwortete Michael, grinste und stand auf. „Eine junge, attraktive Frau mit langem, goldenen Haar.“
Max besah sich den Zettel genauer.
„Sofia Carmentis-Fensal“, las er. Und dann überrascht: „Trier? - Aber Trier ist doch in Deutschland drüben!“
„An der Grenze. An der neuen wie an der alten. Etwa fünf Stunden Fahrt“, bestätigte der Engel. „Du könntest am Abend dort sein. Das ist allerdings die Adresse, wo sie arbeitet. Ich weiß nicht, wo
sie wohnt. Ich glaube, sie wird auch an dieser Adresse wohnen, aber sicher ist das nicht.“ Er stand auf und drehte sich zu den Tieren auf den Weiden um, die wie uninteressiert gerade so weit
abseits standen, dass es uninteressiert wirkte, sie aber noch ganz gut mit bekamen, was gesprochen wurde. „Das ist leider alles, was ich für dich tun kann.“ Er machte zwei Schritte und blieb dann
doch wieder stehen. „Ach ja, eines noch“, meinte er und wandte sich wieder um. „Nimm bitte Minerva mit. Einerseits wird es Zeit, dass sie ein wenig von der Welt sieht und andererseits sollte sie
mehr unter ihresgleichen kommen.“
„Und ich werde wohl gar nicht gefragt“, maulte die Krähe von oben und schlug mit den Flügeln.
„Du bist aus Dankbarkeit bei mir geblieben. Und du warst mir eine Hilfe, all die Zeit“, erklärte der Engel leise aber bestimmt. „Aber ich glaube, dass die Beiden dich eher brauchen als ich. Darum
bitte ich dich, mit ihnen zu gehen.“
Der schwarze Schatten auf dem Dach krächzte unverständlich vor sich hin, schlug noch einmal mit den Flügeln und grub die Krallen kratzend in das Blech der Dachrinne, aber sie sagte nichts mehr
dazu.
Dafür fragte Max: „Michael? Was hältst du von Ritualen?“
„Rituale helfen den einen ihren Glauben ohne große Überlegungen zu stärken und fördern bei anderen die Konzentration“, kam sofort die Antwort, aber es war offensichtlich, dass der Engel nicht
wusste, worauf der Mensch hinaus wollte.
„Und – so etwas wie Magie - gibt es das?“
Jetzt legte der riesige Mann den Kopf mit den blonden Locken leicht schief und so etwas wie ein Grinsen lief über sein Gesicht.
„Kommt darauf an. Was verstehst du unter Magie?“, gab er die Frage zurück.
Aber Max kratzte sich nur verlegen am Kopf. Worauf Michael noch breiter grinste.
„Mit Menschen zu sprechen, die weit entfernt sind? Vielleicht mit Hilfe eines magischen Spiegels? So was fiel früher unter den Begriff Magie, heute nennt man das Telekom“, erklärte er. „Oder
Alexa zu fragen, wer wohl die Schönste im ganzen Land ist? Das ist Internet und KI. Wenn du unter Magie aber verstehst, dass jemand ein lateinisches Wörtchen murmelt und mit einem Stöckchen
in der Luft wedelt – und schon füllt sich vielleicht dein Tank mit Benzin, oder du bist gleich an einem anderen Ort, dann muss ich dich enttäuschen. Ach ja, die Magie der Täuschung hingegen
funktioniert erstaunlich gut. Die Menschen glauben, was sie sehen oder besser, was sie sehen wollen, und darum ist die Täuschung das gängige Mittel der Magie. Aber etwas zu verändern oder gar
etwas aus dem Nichts zu erschaffen, womöglich sogar etwas Lebendiges, das gibt es nicht. Obwohl ...“
„Obwohl?“
Der Engel fasste seine langen, blonden Locken mit beiden Händen hinten zusammen und ließ wie wieder los, zuckte endlich mit den Schultern.
„Den einen oder anderen Menschen gab es schon“, meinte er dann nachdenklich, „die in außergewöhnlichen Situationen Ungewöhnliches vollbracht haben. Aber daraus schon abzuleiten, es gäbe Magie –
nein, dass ist nicht möglich.“
„Also sind auch Magier und Hexen etwas, über das es zwar Geschichten gibt, die aber nicht existieren.“
Nachdenklich sah der Engel auf den Menschen hinunter und schüttelte dann ganz langsam den Kopf, als wäre er verwundert über so viel Ahnungslosigkeit.
„Aber natürlich gibt es Magier und Hexen! Du hast mich nach Magie gefragt. Mit der Magie, die du meinst, haben diese Leute aber nichts zu tun. Nenne sie lieber Energiearbeiter, Transformierer,
Kräuterkundige – oder Trickbetrüger. Die alle gibt es. Sie nennen sich dann Magier oder Hexe – sie brauen Tränke, sie führen Rituale durch - und sie arbeiten dabei mit Energien, die sie nicht
einmal ansatzweise verstehen können. Oh ja, die gibt es.“
Max starrte auf den kleinen schwarzen Kater und kaute an seiner Lippe. Als die Krähe geräuschvoll auf dem Tisch landete.
„Will nicht gehen“, krächzte sie bestimmt und duckte sich gleich ein wenig.
Stumm sah sie der Engel an und jetzt, da alle Bitterkeit aus einem Gesicht verschwunden schien und einer nachdenklichen Traurigkeit Platz gemacht hatte, da war er wirklich strahlend schön.
„Ich glaube, die Beiden werden dich brauchen“, sagte er leise. „Das glaube ich wirklich. Und ich habe nicht gesagt, dass du nicht zurück kommen kannst. Wenn du es dann noch willst. Du solltest
mehr sehen von der Welt, mehr von deinem Volk.“ Wieder atmete er tief durch. „Außerdem ...“
„Außerdem?“, fragte sie nach einer langen Pause und legte den Kopf schief.
„Außerdem?“ Er kniff die Lippen zusammen und sah nach oben in den blauen Himmel mit den weißen Wölkchen. „Ich werde vielleicht auch auf fort gehen von hier. Es ist wirklich an der Zeit, dass ich
etwas anfange. Offensichtlich geschehen Dinge, die ich nicht verstehe. Die vielleicht gar ein neues Zeitalter ankündigen. Vielleicht. Jedenfalls sollte ich mich mehr um die Welt kümmern. Und
vielleicht finde ich dabei ja auch eine Spur – von ihm. Vielleicht sollte ich wo anders suchen. Raffi hat zwar behauptet, wir können hier nicht weg, aber vielleicht kann Laja mir ja helfen. Ich
sollte ...“
Er brach ab mit dem Gemurmel, das mehr für ihn selbst bestimmt war, und erinnerte sich, dass er nicht allein da stand.
Max sah so viel Verwirrung und Unsicherheit, dass ihm der riesige Engel direkt leid tat. Trotzdem sagte er: „Ist nicht der beste Weg ihn nicht zu finden, ihn suchen zu wollen? Hat zumindest
irgend ein schlauer Typ mal gesagt.“
„Augustinus“, nickte der Engel. „So schlau war der nicht. Oder vielleicht doch.“
„Mein Großvater hat dich geliebt“, brauch es aus Max. „Er war vollkommen begeistert von dir. Ich weiß noch, dass er immer gestrahlt hat, wenn er von dir erzählt hat, und er hat dich nur als
Menschen gesehen. Du machst einen guten Job. Und ich bin mir sicher, dass nicht nur die alten Leute traurig wären, wenn du gingest. Auch die Tiere werden dich vermissen. Auch, wenn sie es jetzt
noch nicht glauben. Laja und Toljan sicher auch. Du bist etwas Strahlendes, etwas, dass den Wesen Halt und Hoffnung gibt. Müssen Engel wirklich wie Menschen immer nach Neuem, nach Besserem
streben?“
Als Max und Pablo zu ihrem Wagen kamen, wurden sie bereits erwartet. Der Zwerg marschierte davor ungeduldig auf und ab und der Außerirdische lehnte an dem altersschwachen graugelben Bus dahinter,
die langen Arme verschränkt und die Augen geschlossen.
„Ich dachte schon, ihr kommt gar nicht mehr“, maulte der Zwerg und der Außerirdische öffnete die runden, schwarzen Augen und sah ihnen entgegen. „Wir haben ein wenig Reiseproviant für euch
eingepackt.“
Er wies auf die beiden Wasserflaschen und das große Paket Alufolie, die auf dem Dach von Loonis Wagen standen.
„Für alle Fälle“, meinte Laja und stellte noch einen Beutel daneben aus dem das Rascheln von Trockenfutter deutlich zu vernehmen war und Pablo fast so große Augen bekam wie der
Außerirdische.
„Ich musste nochmal versuchen Looni zu erreichen“, erklärte Max. „Schließlich ist es sein Wagen.“
Looni war wie immer nicht ans Telefon gegangen, darum hatte ihm Max auf die Mailbox gesprochen. Und noch eine Nachricht geschickt, für den Fall, dass Looni auch seine Mailbox nicht abhörte.
Schließlich fuhr er mit einem fremden Wagen ins Ausland und er hatte nicht die leiseste Ahnung, ob das Probleme machen konnte oder nicht.
„Ihr müsst über die Grenze“, sagte Laja und hob nun etwas vom Boden hoch, dass wie einen kleine Reisetasche oder eine übergroße Handtasche aussah.
„Die Polizisten sind sicher nicht begeistert, wenn in deinem Wagen ein Kater frei herum läuft. Darum ...“
„Vergiss es!“, unterbrach ihn Pablo scharf. „Ich werde mich ganz sicher nicht in einer Transportbox einsperren lassen!“
Lautlos wie ein großer Schatten landete die Krähe neben ihnen und stapfte näher.
„Die Menschen können ganz schön unangenehm werden, wenn etwas nicht ihrer Ordnung entspricht“, erinnerte sie. „Ich würde mir das überlegen an deiner Stelle. Du weißt nicht, wo du endest, wenn sie
euch entdecken.“
Aber Laja winkte mit seinen übergroßen Bewegungen beschwichtigend ab.
„Das Ding hat eine Öffnung an der Vorderseite. Ich mache die auf, stelle es hinter den Sitz und wenn wirklich was ist, dann musst du eben sehen, dass du schnell hinein kommst. Ich habe auch eine
Decke hinein gelegt. Vielleicht liegt es sich dann ja besser.“
Aus sicherer Entfernung aber mit neugierig vor gerecktem Kopf beobachtete Pablo wie Laja seine langen Glieder in den kleinen Wagen zwängte und darin herum hantierte. Endlich zog er sich wieder
heraus und wies auf die offene Tür.
„Sieh es dir an“, meinte er zu dem kleinen Kater und der kam wirklich näher. Vorsichtig, Schritt für Schritt. Dann war er mit einem Satz auf dem Rücksitz und beschnüffelte alles bedächtig.
„Oh, an eine Wasserschüssel hast du auch gedacht“, rief der Kleine überrascht. „Danke!“
„Ist nur eine alte Untertasse, die wir nicht mehr brauchen“, schwächte das langgliedrige Wesen gutmütig ab und wandte sich Max zu. „Für den Fall, dass ihr mal wo Pause machen wollt.“
Max nickte und ging daran das Essenspaket zu verstauen, dass ihm der Zwerg inzwischen in die Hand gedrückt hatte. Der schien ungeduldiger zu sein als sein bedächtiger Freund.
„Was ist jetzt mit dir?“, fragte Max die Krähe, die legte den Kopf schief und machte einen Hopser näher zu ihm.
„Natürlich komme ich mit“, maulte sie. „Aber denk' bloß nicht, dass ich mich in diese Stinkerkiste setze!“
Max zuckte mit den Schultern, weil er es sich auch nicht vorstellen konnte mit einer Krähe und einem Kater in einem Wagen zu fahren.
„Ist aber eine ziemliche Strecke“, gab er dann doch zu bedenken. „Wenn du lieber hier bleiben willst, dann ...“
„Michael hat recht“, unterbrach ihn Minerva. „Auch die Dankbarkeit einer Krähe hat ihre Grenzen. Und ihr beiden Ahnungslosen braucht meine Hilfe ganz sicher notwendiger als er. Außerdem glaube
ich“, setzte sie noch hinzu, „dass das Ganze mit dir interessant werden könnte. Ein bisschen in der Welt herum zu kommen wäre wirklich nicht das Schlechteste. Sagt man nicht über uns, wir wären
neugierig?“
Max hätte schwören mögen, dass ihn die Krähe angrinste. Was natürlich völlig unmöglich war, wie er wusste. Trotzdem.
„Aber wir fahren über fünf Stunden!“, gab er nochmals zu bedenken. Weil er sich nicht vorstellen konnte, dass der Vogel ihr Tempo mithalten konnte. Doch Minerva schien davon keineswegs
beeindruckt zu sein.
„Ich bin schon länger und weiter geflogen“, protzte sie. „alles kein Problem. Und solltet ihr wirklich schnell genug sein um mich abzuhängen, dann kannst du bei jedem Vogel Nachricht
hinterlassen, wo ich euch finden kann. Aber ich werde euch nicht verlieren.“
„To you I seem so small, but my raven's eye see's all“, grinste Toljan und erklärte auf Max fragenden Blick: „Ist eine Textzeile aus einem Lied von 'ner Band namens Omnia. Die sind öfter mal hier
in der Gegend.“
Max nickte und war sich sicher noch niemals etwas von Musikern mit diesem Namen gehört zu haben. Aber Musik hatte auch nie zu seinen wirklichen Interessen gehört. Vielleicht waren es ja auch
Zwerge, wenn Toljan sie kannte. Oder Elfen, waren es nicht Elfen, die Musik machten? Er würde Mandy fragen.
Max verabschiedete sich von den beiden so ungleichen Freunden und versprach wieder einmal vorbei zu kommen. Minerva flatterte los zu den Bäumen entlang der Straße und Pablo machte es sich auf dem
Beifahrersitz bequem. Als er schon anfuhr rief ihm Toljan noch nach: „Und tank erst in Deutschland, dort ist es billiger!“
Max winkte mit der Hand und war schon auf der Zufahrt als er im Rückspiegel bemerkte, dass sich offensichtlich eine hitzige Diskussion zwischen den beiden so unterschiedlichen Freunden entsponnen
hatte. Auf die Entfernung war es offensichtlich, dass der Zwerg nicht einmal halb so groß wie der Außerirdische war. Es hätte Max wirklich interessiert, wie die Beiden auf Menschen wirkten und
dabei stellte er überrascht fest, dass er an die Sichtweise der Menschen dachte. Als wäre er nicht selbst ein Mensch. Sich selbst stellte er dabei wirklich schon außen vor? War diese andere Welt
so fesselnd und so intensiv, dass er sein Menschsein schon nach drei Tagen vergessen hatte? Er entschied sich gegen diesen Gedanken. Es war viel mehr so, wie er es dieser Frau gestern geschildert
hatte – beständig war da etwas Neues, hörte er etwas, bemerkte er etwas, dass ihn aufschreckte, verwirrte und beunruhigte. So dass er gar nicht dazu kam darüber nachzudenken. Vielleicht war der
Mensch gerade deswegen zur Reflektion fähig, überlegte er, weil er eben nicht alles wahrnahm. Weil er zuerst filterte und erst dann die bereinigten Informationen verarbeitete. Aber wie konnte man
dann noch von Objektivität sprechen, wenn beständig Teile der Realität unbeachtet blieben? Nicht aus Mutwillen oder gar böser Absicht, sondern einfach als Erbe der Entwicklung, vielleicht auch
der kulturellen Prägung. So war es geradezu unumgänglich, dass die Menschen in ihren Blasen lebten, blind für die Dinge, die sie zum Überdenken ihrer Meinungen veranlasst hätten. Bei dem
Gedankengang fiel ihm sein Laptop ein. Er hatte ihn nicht aufgeladen und der Akku musste nun auch schon ziemlich tot sein. Ihre Arbeit und die Markierungen in den Programmen kamen ihm wieder in
den Sinn. Eigentlich sollte er daran sitzen und nicht in Loonis Auto irgendwo auf dem Weg zur deutschen Grenze. Aber es hätte nicht viel genützt darüber zur brüten, beschwichtigte er sich selbst.
Er erkannte kein Muster, kein Prinzip an das er anknüpfen konnte. Aber natürlich wäre es seine Aufgabe gewesen, darüber zu brüten. Wobei, eigentlich gehörte das ja gar nicht zu ihrem Auftrag.
Weil es niemandem zuvor aufgefallen war. Wieder etwas, das vorhanden war, das aber die Menschen nicht bemerkten. Eine weitere Welt, verborgen innerhalb einer Welt, die wiederum von der Welt der
Menschen nur dann wahrgenommen wurde, wenn sie nicht funktionierte. So alltäglich und so selbstverständlich waren die vielen kleinen Programme inzwischen geworden. Wie verschachtelt war das Ganz
wirklich? Fraktal, nannte man das nicht so? Nein, das bedeutete doch, dass alles immer gleich war. Aber nichts war gleich. Je mehr er darüber nachdachte, um so mehr überwältigte ihn das Gefühl in
einem riesigen Strudel gefangen zu sein. Und das nicht erst seit drei Tagen. Eigentlich immer schon.
Die Stimme aus dem Smartphone meldete sich zu Wort und versprach gutmütig, dass die Berechnung der Route abgeschlossen war und sie ihr Ziel um 15 Uhr 03 erreicht haben würden.
Kurz vor 15 Uhr waren sie gerade mal hinter Köln von der Autobahn auf die Straße Richtung Bonn umgeleitet worden und Max fragte sich zu wiederholten Male, wie das Navigationsprogramm auf seine
Zeitberechnungen kam. Die Pausen, die sie eingelegt hatten, konnten nicht so viel ausmachen, aber die Verdauung eines Katers forderte nun mal ihr Recht. Und als sie die Brote ausgepackt hatten
war fast augenblicklich auch Minerva bei ihnen gewesen. Im wahrsten Sinne des Wortes aus heiterem Himmel aufgetaucht. Diese neue Umleitung war ihm auch gar nicht so unrecht. Er musste tanken und
die Preise an den Autobahnen waren nichts anderes als kaum verschleierter Straßenraub. Dafür war an der Grenze alles ohne Probleme abgegangen. Genau genommen hatte Max die Grenze nicht wirklich
bemerkt. Ein Schild war alles gewesen, was ein wenig Aufmerksamkeit erregt hatte. Keine Grenzbalken, keine Zöllner, keine Kontrollen. Kurz davor auf der holländischen Seite war ihm eine kleine
Gruppe von Menschen, offensichtlich südländischer Herkunft, aufgefallen. Weil sie schwer bepackt in Richtung Deutschland marschiert waren, und das am Pannenstreifen der Autobahn. Aber sonst gab
es nur Verkehr. Freien Grenzverkehr. Soweit man das Dahinschleichen in einer Kolone als frei bezeichnen konnte. Jetzt fiel ihm auch ein, dass er sich noch vor der Grenze einen Geldautomaten hatte
suchen wollen. Denn was immer er hier machte, es schien in eine richtige Reise auszuarten, und das war alles andere als passend für sein Barvermögen. Er besaß neben seiner Bankkarte noch eine
Kreditkarte, aber die benutzte er so selten wie möglich. Anfangs hatte er sich nicht so viele Gedanken gemachte – und schnell und ordentlich den Überblick verloren. Monate hatte er damals
gebraucht, um seine Finanzen wieder gerade zu biegen und seit diesem Zeitpunkt vermied er die Karte tunlichst. Jetzt würde sie ihm gute Dienste leisten.
Etwas abseits neben der Schnellstraße, kaum verdeckt von ein paar Bäumen, entdeckte er einen Autohof mit Tankstelle und Imbiss und mit fast schon freundlichen Preisen. Also nahm Max Gas weg,
blinkte und zog auf die Abbiegespur. Erstaunt wegen der Veränderung hob Pablo den Kopf und sah zu ihm auf.
„Wird höchste Zeit, dass wir tanken“, erklärte Max, was dem Kater aber nicht viel zu sagten schien.
„Ein Auto läuft nicht einfach so“, grinste der Mensch. „Ab und zu muss es auch gefüttert werden. Nur, wenn vorne was rein kommt, dann kann auch hinten was raus kommen.“
Diese Erklärung schien dem kleinen Kater zwar nicht so ganz zu behagen, aber er akzeptierte sie wortlos.
Max hielt neben einer Zapfsäule, stieg aber nicht gleich aus, sondern sah dem Kater überrascht an. Der hatte sich hin gesetzt, die Nackenhaare waren dick gesträubt und er sog die Luft mit offenem
Maul ein.
„Das ist kein guter Ort“, keuchte er endlich.
„Was du riechst, ist das Benzin für's Auto“, beruhigte er den Kleinen. „Und du hast recht, man sollte es nicht all zu lang einatmen.“
Während Max tankte beobachtete er den kleinen Kater, der unruhig in dem Wagen hin und her lief. An den Scheiben schnüffelte, dass sie beschlugen und sich ganz offensichtlich so gar nicht wohl
fühlte. Darum öffnete Max auch noch einmal die Tür und meinte: „Ich muss noch schnell zahlen, bin gleich wieder da.“
„Mach bloß schnell, Max“, beschwor ihn Pablo. „Wir müssen hier weg. Dringend!“
Max lacht und hätte den Kleinen am Liebsten gekrault, wenn er sich nicht so weit weg in eine Ecke gedrückt hätte.
„Ja, es stinkt ganz fürchterlich“, lächelte er. „Aber wir sind gleich weg. Versprochen.“
Pablo starrte ihn einen Augenblick lang an, dann schüttelte er sich verwundert über so viel Ignoranz des Menschen.
„Der Gestank ist schlimm, aber erträglich“, meint er dann langsam und eindringlich. „Es sind die Geräusche! Keine Tiere hier – Nichts! Hier herum ist nichts und das, obwohl die Sonne schon tiefer
kommt. Dieser Ort gefällt mit ganz und gar nicht. Wir sollten hier schleunigst verschwinden!“
Das Lächeln in Max Gesicht erlosch. Machte verkniffenen Lippen Platz. Er begriff, worauf der Kater hinaus wollte. Und er hatte plötzlich keine Lust nach mehr zu fragen.
„Ich mach so schnell es geht“, nickte er und schlug die Tür zu. Mit schnellen Schritten eilte er zu dem Shop und verfluchte sich, weil er nicht gleich an der Zapfsäule bezahlt hatte. So bemerkte
er die drei wuchtigen schwarzen Wagen mit getönten Scheiben nicht, die an der Seite geparkt waren. In dem Shop war es noch düsterer als draußen. Nur die Schiebetür und ein paar Neonröhren
verbreiteten kaltes Licht. Die Rollos vor den großen Scheiben waren weit herunter gelassen und fast geschlossen. Eine Stimmung wie in einem Keller, stellte Max für sich fest als er auf das Pult
zu ging und seine Kreditkarte hin legte. Ein junger Bursche schlurfte aus dem weiter hinten gelegenen Café zu ihm herüber und nahm die Karte an sich.
„Nummer drei“, erklärte Max und warf einen schnell Blick nach hinten. Ein paar Leute standen an dem Tresen, ein Tisch war besetzt. Irgendwie unpassend trugen sie alle schwarze Anzüge und wirkten
gelangweilt. Genau so gelangweilt wie der junge Bursche an seiner Kasse herum tippte. Bleich und pickelig war er, die schwarze Haare wirkten klebrig. Und stark gerötete Augen. Wohl ein wenig zu
viel vom Hasch erwischt, dachte Max für sich. Der Junge schob den Beleg, die Karte und einen Stift über das Pult und sah ihn an. Etwas in dem Blick ließ Max zögern. Etwas Lauerndes war da, gar
nicht so lethargisch, wie der Junge ansonst wirkte. Es war kalt in dem Shop, doch für Max war es plötzlich so, als käme diese Kälte von dem Jungen. Und den Leuten weiter hinten.
Kälte wie in einem Keller – oder in einer Gruft.
„Shit“, entfuhr es Max leise. Er unterschrieb den Beleg, griff sich hastig seine Karte und drehte sich um. Aber da stand schon einer der Männer zwischen ihm und der Schiebetür, verdunkelte mit
seinen breiten Schultern den düsteren Raum noch mehr. Ein zweiter kam auf ihn zu und sah ihn an. Studierte neugierig Max Gesicht und legte den Kopf dabei schief.
„Was ist?“, rief eine herrische Stimme von dem Tisch hinten. „Was ist mit ihm?“
Der schlanke Mann vor ihm trat zur Seite und wies mit dem Kopf unmissverständlich in die Richtung, in die Max sich bewegen sollte. Und Max bewegte sich. Langsam ging er näher an den Tisch und
überlegte, ob es wohl etwas brachte, davon zu laufen. Aber wenn die Geschichten auch nur halbwegs der Wahrheit entsprachen, dann war es unmöglich zu flüchten. Zu schnell waren sie. Und zu
viele.
„Was ist jetzt?“, wollte der Mann an dem Tisch noch einmal ungeduldig wissen. Drehte sich dabei ein wenig nach Max um und rieb sich die Nase. Schüttelte die langen, schwarzen Haare zurück und
spielte weiter mit der kleinen Tasse vor sich.
Der zweite Mann an dem Tisch betrachtete den Menschen interessierte aber stumm und Max erkannte an der Silhouette, dass die dritte Person am Tisch eine Frau sein musste. Auch sie war schwarz
gekleidet doch ihre Haare waren viel länger. Sie saß mit dem Rücken zu Max, hob den Kopf ein wenig und schob etwas wie ein Päckchen in Alufolie in ihre Tasche. Dabei meinte sie abfällig: „Nur ein
Mensch.“
„Sieht so aus“, nickte der Mann hinter Max und der von der Tür trat wieder an seinen Platz an der Theke. „Sieht aus wie ein Menschen. Hat aber zu gute Augen.“
„Was meinst du?“, herrschte ihn der Langhaarige ungeduldig an und Max fühlte, wie der Mann hinter ihm mit den Schultern zuckte.
„Ich bin mir sicher, dass er uns sieht“, erklärte er endlich. „Ein Jäger!“
Die Frau stieß ein Zischen aus, dass so geringschätzig wie bösartig klang, doch sie drehe sich nicht um. Der Langhaarige verzog angewidert das Gesicht und auch einer der Typen am Tresen fauchte
Max entgegen. Dabei zeigte er ein makelloses Gebiss mit langen, spitzen Eckzähnen. Und Max wusste, dass sein erster Eindruck richtig gewesen war. Flucht war unmöglich. Außer in eine
Richtung.
„Ich bin nur ein Mensch“, sagte er endlich und atmete tief durch. „Aber es ist auch richtig, dass ich euch so sehen kann, wie ihr wirklich seit. Ich kann das jetzt den dritten Tag und ich habe
nicht die leiseste Ahnung, warum. Die alten Tiere, dort, wo ich wohne, haben mich zu Michael, dem Engel geschickt. Aber auch der konnte mir nicht helfen. Er hat mich weiter geschickt, nach Trier.
Was auch immer ihr also in mir seht – ich bin keine Gefahr.“
Jetzt war Max glücklich über die beiden Studienjahre in Köln und über seine deutschen Freunde. Beides hatte er in keiner so guten Erinnerung, aber so konnte er sich halbwegs in dieser Sprache
artikulieren.
„Vielleicht ist er kein Jäger. Aber dann Beute!“
Die Frau hatte sich nun doch herum gedreht und starrte ihn an. Auch sie hatte gerötete Augen und dadurch leuchtete die hellgraue Iris noch strahlender. Hellgrau, blendend, kristallen leuchtend
war sie. Max machte den Fehler sie anzusehen – und konnte seine Augen nicht mehr abwenden. Sie stand auf und ihm erschien die Bewegung so unendlich langsam weil er hypnotisiert war von diesen
Augen. Ihm wurde klar, dass das ein Trick der Vampire sein musste um ihre Beute zu lähmen und tatsächlich war er nicht in der Lage einen Muskel zu rühren.
„Jäger! Alles nur Legenden“, fauchte der Langhaarige missmutig und rieb sich wieder an der Nase. „Habe noch nie einen gesehen. Das sind alles nur Geschichten für Kinder und Alte!“
„Einen Jäger habe ich mir eigentlich auch immer anders vorgestellt“, meldete sich der zweite Mann am Tisch endlich zu Wort. „Aber eine Beute? Das ist noch viel unwahrscheinlicher!“
Die Frau blieb stehen, richtete sich starr auf und betrachtete Max genauer ohne ihn aus dem Bann ihrer Augen zu lassen.
„Ja, die Jäger in den Geschichten sehen anderes aus“, gab sie zu.
„Und hat jemand von euch schon einmal einen Jäger gesehen?“, fragte der ruhige Mann am Tisch und verschränkte die Arme vor der Brust. „Oder eine Beute? Kennt ihr jemanden, der schon mal einen
Jäger oder eine Beute gesehen hätte? Oder kennt ihr jemanden, der jemanden kennt, der so was schon mal gesehen hätte?“
Er wartete einen Augenblick, und weil keiner sich rührte gab er die Antwort selbst: „Nein! Niemand kann sich daran erinnern. Weil es so etwas nicht gibt!“
Abrupt wandte sich die Frau dem Mann zu und ließ Max dabei los. Der fühlte sich, als würde er in sich zusammen sacken, als wäre er eine Marionette deren Fäden los gelassen worden waren. Und er
senkte sofort den Blick und blinzelte nur mehr nach oben.
„Was soll das heißen?“, fuhr sie den Mann böse zischend an. „Er sieht uns! Und er ist hier her gekommen. Also ist er entweder Jäger oder Beute!“
„Ein Jäger überschreitet die Grenze zwischen der Welt der Menschen und unserer Kraft seines Willens - angeblich“, erinnerte der Ruhige mit den verschränkten Armen. „Und wir alle wissen, dass das
unmöglich ist. Aus diesem Grund gibt es auch keine 'Beute'! Denn die blinden Menschen sind tabu für uns.“
„Scheiß drauf, Turok!“, schrie der Langhaarige zappelig. „Er sieht uns, also ist er kein Mensch. Was er sonst ist – mir doch egal. Töten wir ihn!“
Max machte erschrocken einen leichten Schritt zurück. Was keinen interessierte. Er war ihnen sicher.
„Das ist keine gute Idee“, entgegnete Turok ungerührt. „Er ist etwas Außergewöhnliches. Und das tötet man nicht so einfach.“
Wieder ein Schritt von Max. Wieder ignoriert.
Der Langhaarige schlug auf den Tisch, dass die Kaffeetassen sprangen und funkelte den anderen Vampir wütend an.
„Ich gebe die Befehle hier!“, fauchte er. „Und ich dulde keinen Widerspruch!“
Jetzt rückten auch die anderen zusammen und wandten sich gegen den Mann mit den verschränkten Armen am Tisch. Was den nur leicht seufzen ließ und Max für einen weiteren Schritt nutzte.
„Ich widerspreche nicht, ich weise lediglich darauf hin, dass du vielleicht einen Fehler machst.“
„ICH – MACHE – FEHLER - ??“, schrie der Langhaarige und packte den Tisch, dass die Kaffeetassen flogen. „Ich bin dein Fürst!“
Die anderen Vampire schoben sich näher an den Tisch und der hinter ihm schob ihn sogar zur Seite um näher zu kommen. Max war fasziniert von dieser Wendung, aber sah zu, dass er sich mit kleinen,
gleichmäßigen Bewegungen in Richtung der Schiebetür bewegte.
„Mein Fürst ist dein Vater“, erklärte vollkommen ungerührt der Vampir, den sie Turok genannt hatten. „Und meinem Fürsten gilt meine Loyalität. Dieser Mensch ist etwas Außergewöhnliches, also wird
es unser aller Fürsten – deinen Vater - interessieren. Anstatt ihn einfach zu töten sollten wir zuerst unserem Fürsten berichten. Und seinen Willen erfahren.“
Wie zu Eis erstarrt sahen die Vampire auf Turoks Hand, als diese in die Innentasche seine Sakkos griff, ein Mobiltelefon heraus holte, eine Nummer aufrief und das Telefon dem Langhaarigen hin
hielt. Zögernd nahm der das Telefon entgegen und hielt es an sein Ohr. Sein verzerrtes Gesicht zeigte offensichtlich, dass er es mit Widerwillen tat, dass er aber auch keine andere Wahl
sah.
Von draußen hämmerte jemand wie wild mit einem spitzen Gegenstand gegen die Scheibe. Dann folgte ein Prasseln, als würden kleine Steine dagegen geworfen. Der pickelige Junge rannte zu den
Bildschirmen neben der Kasse, dann lief er zu den Rollos und spähte durch einen Spalt.
Wieder prasselte ein Schwall von kleinen Steinchen an die Scheibe.
„Ha“, entfuhr es ihm. „Da draußen sitzen ein paar Krähen und werfen mit Steinen. Und eine flattert ganz wild davor herum.“
Langsam wandte die schwarz gekleidete Gruppe ihre Köpfe nach ihm um.
„Zwei Motorradfahrer kommen die Auffahrt herauf“, berichtete er. „Sieht aus, als würde ein Schwarm Krähen sie begleiten.“
Wieder sah er angestrengt nach draußen und fuhr dann zurück.
„Verd... - die Beiden sind Werwölfe!“
Sofort kam Bewegung die die schwarze Truppe.
„Ihr Beiden nach hinten hinaus“, befahl der Langhaarige. „Seht nach, ob da noch mehr sind. Malan, Joop haltet euch verborgen. Und wir wollen mal sehen, was die hier wollen.“
Niemand hörte in der Aufregung und dem Getrappel das Zischen der Schiebetür oder bemerkte den Menschen, der mit schnellen Schritten zu seinem Wagen ging. Im Wagen vergingen ein paar Sekunden,
weil Max mit seinen zitternden Händen die Schlüssel nicht finden konnte. Pablo saß am Boden in ein Eck gedrückt und starrte ihn mit großen Augen stumm an. Endlich setzten sie sich in Bewegung und
Max brachte den Wagen in den Verkehr der Straße zurück. Er sah noch im Rückspiegel die beiden zottigen Motorradfahrer, die offensichtlich wütend in die Bäume hinauf schrien, wo sich eine Horde
Krähen königlich zu amüsieren schien.
Mit jedem Atemzug, mit jeder Radumdrehung wurde die Anspannung bei Max ein wenig leichter. Die zusammen gepressten Kiefer ließen locker und er atmete ruhiger. Pablo kam auf den Sitz und sah ihn
fragend an.
„Frag nicht“, meine Max. „Eure Welt ist mir eindeutig zu gefährlich. Gibt es hier eigentlich jemanden, der mich nicht töten will?“
Statt einer Antwort fragte der kleine Kater: „Vampire?“ Und als Max nur nickte setzte er schuldbewusst hinzu: „Entschuldige, ich war zu langsam. Ich hätte es mir denken können. Ich hätte es sehen
müssen! Tiere meiden die Gegenwart von Vampiren – und es wäre meine Aufgabe gewesen dich zeitgerecht zu warnen. Es war mein Fehler!“
Er wirkte wirklich zerknirscht, so sehr, dass Max unwillkürlich lachen musste.
„Wir müssen beide wohl noch einiges lernen“, meinte er säuerlich grinsend. „Ich als Suchender und du als mein Beschützer. Und ich schätze mal, den Aufstand der Krähen haben wir Minerva zu
verdanken.“
„Es war gar nicht so einfach ihr aus dem Ding heraus zu erklären, dass du in dem Haus warst. Zum Glück sind Krähen immer für einen Blödsinn zu habe.“
Schon wieder sah Max in den Rückspiegel. Wagen waren da genug, aber es war keiner zu sehen, der wirkte, als würde er sie verfolgen. Er biss sich auf die Lippen und überlegte.
„Vielleicht hätte ich noch bleiben sollen“, meinte er dann leise. Was ihm einen ungläubigen Blick des Katers eintrug.
„Haben dich die Krähen mit einem Stein getroffen?“
Max schüttelte den Kopf und grübelte weiter. Endlich erklärte er Pablo: „Sie haben darüber gestritten, ob ich ein Jäger sei. Einer meinte, dass ein Jäger allein aus der Kraft seines Willens
zwischen den Welten wechseln kann. Oder besser, zwischen den Sichtweisen auf diese Welt. Aber dass gäbe es nur in den Legenden. Trotzdem, vielleicht hätten sie mir helfen können. Ihr Fürst
vielleicht. In den Geschichten haben sie immer viel mit Wissenschaft zu tun.“
„Oh, natürlich hätten sie dir geholfen“, ereiferte sich der Kater. „Eher früher als später hätten sie dir aus dieser Welt hinaus geholfen. Als Toten. Ich hatte noch nie mit Vampiren zu tun, bei
uns in Urk gibt es keine, aber was man so hört sind sie hochnäsig, arrogant und nicht besonders schlau.“
Max nickte und ließ es dabei bewenden. Trotzdem kreiste die Erinnerung an den Streit der Vampire nach wie vor in seinen Gedanken. Erstaunt stellte er fest, dass seine Neugierde allmählich
wirklich seine Angst überwog. Dabei waren es immer Vampire gewesen, was ihm Angst bereitet hatten. Geistern, Monster oder Fabelwesen gegenüber war sein kindliches Gemüt eher gleichgültig
gegenüber gestanden. Vampire aber hatten ihm eine schreckliche Angst bereitet. Eine Angst, die sich bis in seine erwachsene Welt gehalten hatte. Ihn durchlief noch immer ein kalter Schauer, wenn
er an die Tankstelle dachte. An ihre kalten, kristallhellen Augen. Und doch -
„So werde ich auf keinen grünen Zweig kommen“, schüttelte der den Kopf. „Ich werde nie in meine Welt zurück können, wenn ich vor allem davon laufe.“
Pablo legte sich auf die Seite und sah zu ihm auf.
„So gefährlich ist unsere Welt nun auch wieder nicht“, brummte er.
„Und gerade das ist ja so gefährlich“, lachte Max und weidete sich an dem verwunderten Ausdruck des Katers. „Ich fange an mich an eure Welt zu gewöhnen“, erklärte Max dann, durchaus ernster. „Ich
finde schon nichts mehr dabei, dass ich mit dir rede. Ich fange an völlig selbstverständlich nach Wesen eurer Welt Ausschau zu halten. Aber so kann ich in meiner Welt nicht leben. Dort würden sie
mich für verrückt erklären und wegsperren. Weil die Menschen eben nur ihre Welt sehen und nie glauben würden, dass daneben noch andere bestehen, sind, entstanden sind – sich gebildet haben –
strukturiert -“
Pablo setzte sich auf und sah die kleinen Augen des Menschen, die verkniffenen Lippen, die Konzentration, die nach dem Ende des losen Fadens haschte, der eben noch direkt vor seiner Nase
gebaumelt hatte. Einen langen Augenblick ließ der kleine Kater verstreichen, dann legte er den Kopf sorgenvoll schief und fragte: „Alles in Ordnung mit dir?“
Der Mensch atmete tief durch und biss sich dann noch einmal auf die Lippe. Kräftig, um sich wieder in den Griff zu bekommen. Bevor er antwortete: „Eigentlich ist alles okay. Eigentlich,
oberflächlich – aber eigentlich sollte ich auch nicht hier sitzen, sondern an meinem Computer. Ich sollte arbeiten und meinen Job machten. Und ich sollte endlich dahinter kommen, was diese
eingeschobenen Programmzeilen zu bedeuten haben. Wahrscheinlich um wieder nur eine Welt zu entdecken, die sich in einer Welt versteckt, zu der wir kaum Zugang haben. Ein verschachteltes
Multiversum? Parallele Ebenen, die sich nebeneinander erstrecken und sich manchmal berühren, überschneiden, interagieren und beeinflussen? Was über mehrere Ebenen zu einer unvorstellbaren
Komplexität führen würde.“
Pablo ließ den Kopf auf das Polster sinken und war mit sich sicher, dass ihm diese Menschen zu oft unverständlich waren. Auch, wenn man meinte sie zu verstehen. Max zog es vor zu schweigen und
versuchte, nicht weiter zu denken. Auch, weil die Kopfschmerzen wieder hämmernd da waren.
Als die Navigationssoftware der Meinung war, dass es nur noch 52 Kilometer bis nach Trier seien, fiel Max zum ersten Mal der dunkelgraue Kombi hinter ihm auf. Er fiel ihm auf, weil es eines jener
großen und starken Fahrzeuge war, die ihn sonst beständig überholten. Der Graue blieb hinter ihm. Ein paar hundert Meter vor einem Parkplatz überholte er plötzlich doch und ließ im Heck das
Polizeilogo aufleuchten. Also folgte Max ihm widerwillig auf den Parkplatz. Nicht, ohne den Kater in die Tasche gescheucht zu haben und nicht, ohne sicher zu sein, dass es Probleme geben
würde.
Er stellten den Motor ab, ließ die Seitenscheibe herunter und beide Hände gut sichtbar auf dem Lenkrand liegen. Wie er es in amerikanischen Filmen oft genug gesehen hatte. Max hatte keine Ahnung,
ob das hier in Deutschland notwendig war, aber es konnte auch nicht schaden. Zwei Männer in Zivil kletterten aus dem grauen Kombi und wirkten ebenfalls grau und zerknittert. Als hätten sie schon
viel zu lange in dem Wagen gesessen. Max sah keine Waffen, aber er bemerkte, dass sie sich seinem Wagen von beiden Seiten näherten. Müde und steifbeinig, aber auf alles gefasst. Er sah noch
einmal genauer hin, aber nichts an den beiden Gestalten war ungewöhnlich, nicht einmal ihre müden, sparsamen Bewegungen.
„Guten Tag“, meinte Max, als der eine näher ans Fenster trat. „Bin ich zu schnell gefahren?“
Es wirkte, als würde der Bär von einem Mann überlegen, den schüttelte er den Kopf.
„Ihre Papiere bitte“, brummte er kurz.
Max reichte seinen Führerschein aus dem Wagen und wartete. Tatsächlich studierte der Polizist den Führerschein lange, schien aber allein damit wenig anfangen zu können.
„Fahrzeugpapiere?“, fragte er und Max zuckte entschuldigend mit den Schultern.
„Das Auto gehört einem Freund“, erklärte er. „Und der hat mir nichts mitgegeben. Aber wir können ihn anrufen, und er kann ihnen alles bestätigen.“
Der Polizist holte tief Luft, als Max etwas einfiel.
„Dass heißt, Moment ...“ Er klappte die Sonnenblende herunter und tatsächlich befand sich der Zulassungsschein unter den Papieren dort. Looni war der Meinung, dass seinen alte Mühle sowieso
niemand klauen würde.
Der brummige Bär von einem Polizisten seufzte und trabte dann mit seinem Kollegen zurück zum Wagen. Einer setzte sich hinein, wahrscheinlich an den Computer, der andere blieb daneben stehen, ließ
aber Max nicht aus den Augen.
„Was ist, soll ...“ ließ sich Pablo irgendwann vernehmen, weil es ihm zu lange dauerte, aber Max machte nur „Ssscht“ und fühlte auch, dass das zu lange dauerte. Nicht, dass er Erfahrung mit
Polizeikontrollen gehabt hätte. Irgendwann reichte der Polizist im Wagen seinem Kollegen ein Funktelefon und der führte das Gespräch weiter. Nickte, besprach sich mit seinem Kollegen – und Max
wartete.
Endlich setzte sich der Polizist in Bewegung und kam wieder auf Max zu. Ohne das Telefon vom Ohr zu nehmen.
„Zu wem wollen Sie in Trier?“
Die Frage verschlug Max die Sprache. Für einen kurzen Moment starrte er den Polizisten erschrocken an, dann begann es ihm zu dämmern.
„Ich suche eine Frau Carmentis-Fensal“, gestand er. „Sophia Carmentis-Fensal.“
Max sagte es laut genug, dass es auch der Anrufer am anderen Ende hören konnte. Dann wartete er und musste dabei die dringende Neigung unterdrücken, den Wagen zu starten und davon zu fahren.
Beide Hände ließ er oben am Lenkrad liegen und hielt es fest. Sonst hätten sie gezittert, da war er sich sicher.
Endlich – nach einer für Max viel zu langen Pause - horchte der Polizist auf, nickte und meinte: „Sollen wir ...“ Er unterbrach sich, nickte noch einmal und ging dann zurück zu dem grauen Kombi.
Wenig später kam er zurück und reichte Max die Dokumente in den Wagen. Oben auf war ein Stück Papier das achtlos aus einem Notizbuch gerissen worden war.
„Sie werden die Person, die Sie suchen, heute nicht mehr erreichen“, meinte er dabei. „An der Adresse finden Sie ein kleines Motel, da können Sie günstig übernachten. Ein Zimmer ist schon
reserviert für Sie, auf Carmentis.“
Der Polizist schwieg, bewegte sich aber nicht weg. Offensichtlich war er neugierig. Offensichtlich wollte er noch etwas sagen, etwas fragen. Und offensichtlich hielt er es doch für klüger, sich
aus der Sache heraus zu halten. Endlich machte er einen Schritt zurück und nickte.
„Gute Fahrt.“
Als Max hoch schaltete bemerkte er, dass seine Hände wirklich zitterten. So viel zu seinem Mut und seiner Idee, sich den Gefahren doch zu stellen. Vampire waren einfach nicht seine
Kragenweite.
„Aber die Beiden waren doch ganz normale Menschen, oder täusche ich mich?“, fragte er den Kater, der es sich wieder auf dem Beifahrersitz bequem gemacht hatte.
„Sehen konnte ich sie ja nicht“, brummte der Schwarze leicht vorwurfsvoll. „Aber mir wäre nichts aufgefallen.“
„Sie haben die Bilder aus den Überwachungskameras der Tankstelle, also kennen sie den Wagen und unser Kennzeichen. Natürlich! Und dank der Kreditkarte kennen sie meinen Namen. Das war keine gute
Idee!“, grübelte Max halblaut für sich.
Pablo sagte nichts dazu. Er hätte zugeben müssen, das ihm diese Begriffe nicht viel sagten. Aber er schmollte und nahm es offensichtlich immer noch übel, dass Max ihn in den Transportkorb
gescheucht hatte.
„Was hätte ich denn machen sollen?“, brauste Max auf. „Glaubst du es wäre so einfach einem Polizisten zu erklären, dass mein Kater lustig im Wagen herum hopst, weil ich mich mit ihm unterhalten
möchte? Das bedeutet für mich Psychiatrie und für dich Tierheim!“
„Was ist Psychiatrie?“, brachte der Schwarze endlich heraus. Max überlegte und grinste dann schief.
„So was wie ein Tierheim für Menschen. Wo der Arzt dich mit Medikamenten ruhig stellt, damit du dir nicht ständig den Kopf gegen die Gitterstäbe blutig rennst.“
Pablo bekam große, runde Augen.
„Menschen machen so was mit Menschen?“, fragte er überrascht.
„Menschen machen auch noch ganz andere, schlimmere Sachen mit Menschen“, brummte Max. „Nicht jeder und nicht überall“, schränkte er schnell ein. „Vielleicht sehe ich auch zu schwarz. Aber ich
möchte es jedenfalls nicht darauf ankommen lassen. Im Umgang mit Menschen sollten wir vieles vermeiden. Vorsichtig sein. Denke ich mir.“
Am nächsten Parkplatz war niemand, nur ein verlassener Wagen stand ganz hinten. Max hielt wieder an und Mensch und Kater verschwanden kurz im Gebüsch. Wieder zurück gab Max eine Handvoll
Hartfutter auf den Boden und studierte unschlüssig den Zettel des Polizisten während Pablo ein paar Bissen fraß. Als hätte sie diesen Augenblick abgewartet, rauschte es kurz und dann hüpfte
Minerva zu Pablo und pickte sich frech ein Stück aus dem Häufchen. Zerknackte es vor Pablos großen Augen genüsslich mit dem harten Schnabel und schluckte es hinunter.
„Hm, lecker“, meinte sie dann. „Schmeckt nach Schaf – wobei man bei den Sachen ja nie weiß, was wirklich drinnen ist.“
„Danke für deine Hilfe an der Tankstelle“, begrüßte sie Max und Pablo nahm schweigend zur Kenntnis, dass er sein Futter zu teilen hatte. Aber so hungrig schien die Krähe gar nicht zu sein. Sie
hüpfte hinüber zu Max und legte den Kopf schief.
„Ich dachte, ihr wäret schon viel weiter. Was war los?“, fragte sie und Max erzählte die Geschichte von den beiden Polizisten. Was die Krähe zu der Frage veranlasste: „Warum Carmentis? Wenn sie
deinen Namen haben.“
Max sah sie verständnislos an, also fragte sie noch einmal: „Wenn die beiden wirklich für die Vampire arbeiten, warum bestellen sie das Zimmer unter Carmentis?“
„Macht nicht viel Sinn“, gestand ihr Max zu.
„Könnte dein Michael die Carmentis informiert haben, dass wir kommen und sie hat uns die Polizisten entgegen geschickt?“, mischte sich jetzt auch Pablo ein und für einen langen Augenblick sah
Minerva mit blanken Knopfaugen von einem zum anderen.
„Michael?“, meinte sie dann gedehnt. „Das kann ich mir eigentlich nicht so wirklich vorstellen. Sich um andere zu kümmern ist nicht so sein Ding. Andererseits – wer weiß.“
„Wer ist diese Carmentis eigentlich?“, fragte sie Max, aber die Krähe schien aufzulachen.
„Nicht die leiseste Ahnung! Warum hast du nicht Michael gefragt?“
„Hab ich ja“, brummte der. „Doch er meinte nur – wie war das - eine junge, attraktive Frau mit langem, goldenem Haar. Klingt zwar nett, war aber auch nicht wirklich hilfreich.“
Er legte den Kopf schief wie die Krähe und sah sie nachdenklich an. Dann nahm er sein Telefon zu Hand und tippte eine Nachricht. Und weil er das Gerät schon in der Hand hatte, gab er auch gleich
die Adresse des Motels ein. Es war wirklich ganz in der Nähe. Jetzt, wo die Vampire und ihre menschlichen Helfer hinter ihm zu liegen schienen, wuchs sein Mut wieder. Auch als ein weiterer Wagen
auf den Parkplatz einbog. Aber der ignorierte sie und fuhr weiter bis zu dem verlassenen Kombi. Ein Mann stieg aus und der Wagen fuhr weiter. Der Mann war eher klein und kräftig. Hose und Jacke
zeigten Spuren von Farbe und Dreck während er sich müde auf den geparkten Wagen zu bewegte. So viel war auf die Entfernung zu erkennen. Allerdings nicht, ob die Haare grau vom Alter oder vom
Staub waren. Einen Eimer mit allerlei Dingen stellte er neben den Wagen und öffnete die Heckklappe. Jetzt erkannten die Drei, dass die Fenster mit Decken verhangen waren und noch mehr Decken
lagen darin herum. Einen kleinen Kocher nahm er aus dem Wagen und stellte ihn daneben auf während die drei gebannt zu sahen. Aus einer Schachtel kramte einen kleinen Topf und noch irgend etwas,
was sie nicht erkennen konnten.
„Der lebt hier!“, murmelte Max erstaunt als er endlich begriff. „Arbeitet den ganzen Tag am Bau und lebt hier in seinem Auto.“ Pablo fand da nichts dabei, widmete sich wieder seinem Hartfutter
und Minerva sah ihm nachdenklich dabei zu.
„Mich beschleicht das Gefühl“, meinte Max jetzt lauter, „dass es noch einen ganzen Haufen mehr Dinge als sprechende Tiere und Fabelwesen gibt, die ich bisher nicht gesehen habe. Vieles, was mir
nie aufgefallen ist. Wie lange ist der Mensch schon hier?“, wandte sich Max ein eine Amsel die ein paar Bäume weiter auf einem Zweig hockte und sie anstarrte. Aber statt eine Antwort zu geben
flatterte sie nur erschrocken auf und flog weg. Kater und Krähe schienen überrascht, weil sie die Amsel gar nicht bemerkt hatten.
Im nächsten Augenblick stürmte es wie eine nicht enden wollende Welle über Max herein, begrub ihn unter sich und erdrückte ihn. Jeder dieser Bäume hatte eine Stimme. Jeder Strauch sprach. Jede
Blume, jeder Vogel, jeder Grashalm, jedes Insekt. Hunderte, Tausende, Millionen Stimmen zur gleichen Zeit!
Er hielt sich die Ohren zu, atmete tief durch und schüttelte den Kopf um ihn wieder frei zu bekommen. Das war nicht seine Welt. So wollte er nicht leben! So konnte er nicht leben!
„Komm Pablo“, meinte er, schüttelte sich noch einmal und setzte sich entschlossen in den Wagen. „Sehen wir uns die Hütte mal an, wenn sie schon ein Zimmer für uns haben. Vielleicht wartet ja mal
eine positive Überraschung auf uns.“
Pablo besah sich nachdenklich die letzten Stücke Hartfutter, schlang noch eines hinunter während schon die ersten Ameisen neugierig darum herum liefen und sie mit ihren Fühlern betasteten. Dann
sprang er mit einem Satz auf den Sitz und die Beine des Menschen.
„Und wenn es doch die Vampire sind?“, fragte er und Max kraulte ihm spontan den Rücken. Was ihn selbst mehr beruhigte als den Kater.
„Dann arbeiten sie mit der Polizei zusammen und finden uns, egal, wo wir uns verstecken. Ich schätze, wir werden es merken, wenn wir hin kommen.“
Nachdenklich sah er die Krähe an, die groß aufgerichtet neben der offenen Autotür saß und ihre beiden Reisegefährten beobachtete.
„Lieber wäre es mir allerdings, wenn dort keine wären.“
„Looni kennt Michael. Und so kennt der deinen Wagen“, warf die Krähe ein. „Vielleicht hat er Michael ja wirklich dazu gebracht die Carmentis zu informieren. Und die arbeitet mit der Polizei
zusammen. Wäre sogar wahrscheinlicher. Wenn die Vampire dich haben wollten, wären sie selbst gekommen und hätten dich geholt. Die scheren sich nicht viel um Gesetze“, schüttelte sich die Krähe
und streckte die Flügel. „Ich flieg mal voraus.“
„Du weißt, wo das ist?“
Überrascht sah die Krähe auf den kleinen Kater und faltete die Flügel umständlich wieder zusammen. Das Eingeständnis, es nicht zu wissen, brachte sie aber nicht aus dem Schnabel. Wieder
schüttelte sie sich, hüpfte zwei Mal und flog hoch.
Max schloss die Autotür, schob den Schwarzen auf den Beifahrersitz, gurtete sich sorgfältig an und fuhr ebenfalls los.
Und tatsächlich sahen sie schon wenige Minuten später das erste Hinweisschild für das Motel. Es bestand aus einer Tankstelle mit Café und fünf kleinen Hütten rund herum, was Max ganz recht war.
Er hatte schon befürchtet irgendwie erklären zu müssen, warum er ein Tier mit aufs Zimmer nahm. Als Max neben der Tankstelle parkte und ausstieg achtete er auf die Umgebung und bemerkte beruhigt
das Gemurmel der Insekten und das Streiten der Vögel. Er sah auf Pablo und grinste: „Sieht besser aus als die letzte Tankstelle. Was meinst du?“
Der kleine Kater stand mit offenem Maul und seine Ohren drehten sich wie Richtantennen. Dann schien er richtig zu grinsen.
„Ja“, bestätigte er, „sieht schon viel besser aus.“
Oben auf dem Dach saß Minerva und ließ sie nicht aus den Augen.
Der Typ mit den langen Rastazöpfen an der Kasse hatte ebenfalls gerötete Augen, aber diese kamen eindeutig vom Genuss des Krautes, dessen süßlicher Duft schwer in dem Lokal hing. Auf Max
angespannte Nerven wirkte er so verlangsamt, als würde er sich unter Wasser bewegen. Aber ohne viel Formalitäten griff er in eine Lade und holte einen Schlüssel an einem riesigen Anhänger in Form
eines Autoreifens heraus.
„Nummer 3“, sagte er dazu und das stand auch auf dem Anhänger. „25 Euro – im Voraus bitte. Bis 22 Uhr können Sie hier was essen. Ab fünf Uhr dreißig haben wir dann wieder auf, wenn Sie Kaffee
möchten.“
Max zahlte bar, lächelte und griff sich den Schlüssel.
„Wer hat das Zimmer eigentlich bestellt?“, wollte er wissen, aber der nicht mehr ganz so junge Mann zuckte nur mit den Schultern. Schweigen breitete sich aus und Max konnte gar nicht anders als
genauer hin zu sehen. Ihm schien, als wäre der Mann eingehüllt in einem rauchgrauen Kokon aus Verzweiflung und Einsamkeit.
„Mann oder Frau?“, hackte Max nach doch es brachte ihm wieder nur ein Schulterzucken. Der da hatte sich losgelöst, vegetierte in seiner eignen Welt und hatte kein Interesse mehr für andere. Max
fühlte, dass die Resignation auf ihn übergriff als würde der Rauch seinen dünnen Fäden nach ihm ausstrecken um auch ihn zu umhüllen und sah zu, dass er hinaus kam. Der Rastaman hatte ihn schon
vergessen, bevor sich die Tür hinter ihm schloss.
Vor den beiden ersten Hütten standen ein voll gepackter Kombi mit ächzenden Federn und ein völlig verdreckter Pick-Up, der früher wohl einmal rot gewesen war. Max stellte seinen Wagen vor die
dritte Hütte und war sich sicher, dass Loonis alte Mühle hier keineswegs auffiel. Er ließ die Autotür offen, ging die drei Stufen hinauf und öffnete die Tür zur Hütte. Unbemerkt wie ein Schatten
glitt Pablo in das Haus und begann sich umzusehen. Auf dem Dach der Tankstelle, in einiger Entfernung, saß noch immer Minerva und sah zu ihnen herüber.
Die Hütten schienen offensichtlich die Idee von jemandem zu sein, der zu viele amerikanische Roadmovies gesehen hatte. Neben der Tür ein kleiner Tisch mit drei Stühlen. Ein großes Bett an der
Wand und gegenüber dessen Fußende eine Kommode mit einem Fernseher. Pablo kam unter dem Vorhang heraus, der offensichtlich eine Nasszelle von dem Raum abtrennte und sprang auf das Bett.
„Nicht gerade eine Luxusbleibe aber einigermaßen sauber“, meinte er und begann die Bettdecke ausgiebig zu beschnüffeln.
Max lachte, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass der kleine Kater jemals ein Luxushotel von innen gesehen hatte und ging wieder nach draußen um seine Taschen zu holen und den Wagen zu
versperren. Dann öffnete er das Fenster und tatsächlich kam die Krähe herüber und setzte sich in den Fensterrahmen. Zu erst steckte er seinem Computer ans Netz um den Akku wieder zu laden.
„Wie sieht es mit Bewohnern aus?“, fragte er dabei den Kater. „Insekten und so.“
„Ameisen dort hinten im Eck“, meinte Pablo und versuchte seine Krallen an der Bettdecke. „Sonst kann ich hier nichts finden.“
„Schade“, knackste Minerva. „Ein paar dicke Schaben wären ganz appetitlich.“
„Wenn wir welche finden, dann kannst du sie haben. Hab nichts dagegen“, schüttelte sich Max. „Ich brauche die nicht.“
Die Krähe sah ihn einen Moment lang starr an, dann schüttelte sie ihre Federn.
„Ein paar von den Eigenschaften der Schaben würden euch Menschen gar nicht schaden“, brummte sie missmutig und Max wollte schon darauf eingehen, aber der Computer war inzwischen hochgefahren und
er sah, dass er einen Skypeanruf versäumt hatte. Also zog er sich einen Stuhl heran und öffnete das Programm. Da er über sein Telefon ins Internet gehen musste war das nicht so einfach, denn
irgend etwas an der Hütte drückte die Verbindung enorm. WLAN gab es keines und erst als er sein Telefon neben die Krähe auf das Fensterbrett legte, war der Empfang gut genug um eine
Skypeverbindung aufbauen zu können.
Es läutete und Max sah sich in dem keinen Fenster rechts unten. Es bedurfte nur eines Blickes für die Überzeugung, dass er vielleicht vorher doch besser duschen und sich rasieren hätte sollen.
Aber da nahm sie das Gespräch schon entgegen.
„Hallo Max“, sagte sie und fuhr sich durch die kurzen Haare. Irgend etwas war anders, aber er konnte das auf dem schlechten, ruckenden Bild nicht erkennen.
„Hallo Mandy“, antwortete er, „schön dich zu sehen. Auch wenn die Verbindung mörderisch schlecht ist.“
„Ich hab deinen Nachricht bekomme und versucht mich schlau zu machen. Viel ist dabei aber nicht heraus gekommen.“
„Hallo Pablo“, rief Mandy und winkte. Was den Kater zu einem kurzen aber vernehmlichen „Miau“ brachte. Er war neugierig an den Bettrand gekommen um auf den Bildschirm schielen zu können und
musste dabei ins Bild gekommen sein.
Max drehte den Computer herum und die Krähe kam ins Bild. Legte den Kopf schief und starrte die Platte an.
„Und das ist Minerva“, stellte Max vor. „Sie war bei Michael und begleitet uns jetzt. Wenn sie nicht gewesen wäre, dann hätte es heute garantiert unlustig geendet.“
Er drehte den Computer wieder zurück und sah trotz der groben Pixelfehler das Erschrecken in ihrem Gesicht.
„Was – was ist passiert?“
„Ich war ziemlich blöd und bin ein paar Vampiren in die Hände gelaufen. Und die waren gar nicht freundlich. Wären Minerva und ihre Freunde nicht gewesen um sie abzulenken – tja – dann hätte es
vielleicht keine Nachricht gegeben.“
Er überlegte, ob er ihr die Sache mit den Polizisten erzählen sollte, aber er entschied sich dagegen. Das alles klang so schon verrückt genug.
„Hast du was über diese Carmentis-Fensal heraus gefunden?“, fragte er stattdessen. Auch, um das Thema zu wechseln.
„Also Google kennt die Frau nicht“, meinte sie vage, machte eine dementsprechende Handbewegung und erzählte ihm, was er schon wusste. „Das heißt auch kein Facebook, kein Twitter, kein Xing. Auch
keine Kommentare oder Veröffentlichungen. Eine Kosmetikfirma heißt so ähnlich. Aber für's Erste gibt es da nichts, was uns weiter hilft.“
Sie machte eine Pause und Max vermerkte irgendwo im Unterbewusstsein, dass sie UNS gesagt hatte. Und es freute ihn. Aber er schwieg, weil er fühlte, dass da noch mehr kam. Und tatsächlich grinste
sie breit.
„Du hast mir doch gestern erzählt, dass Michael dir wahrscheinlich nicht helfen kann“, fuhr sie fort. „Also habe ich mir überlegt, dass er dich voraussichtlich zu jemand schicken wird, der älter
ist als er. Und damit ist Trier perfekt.“
„Aber Trier wurde doch so ums Jahr Null gegründet – ich hab auch Google.“ grinste er. „Ein Engel müsste doch viel älter sein!“
Minerva stieg von einem Bein auf das andere und sah sich nervös um.
„Trier wurde im ersten Jahrhundert vor Christus gegründet“, gab sie sich schlau. „Und ja, damals gab es schon Engel. Jüdische Cherubin, um genau zu sein. Aber Michael ist ein christlicher
Erzengel – und die wurden erst mit der Apostelgeschichte in die älteren Texte eingearbeitet. Michael ist also gerade mal 1800 Jahre alt. Wenn überhaupt.“ Wieder grinste sie ihn an und Max
verstand, dass sie es genoss ihm zeigen zu können, dass sie mitdachte. Und es tat ihm gut. „Tier ist römisch, liegt aber an der Schnittstelle zu den nordischen Völkern. Und jetzt wird es
interessant. Wenn man den Namen nämlich zerlegt. Sophia kommt aus dem Griechischen. Dort bedeutet es so etwas wie göttliche Weisheit. Carmenta ist der Name der römischen Göttin der Weissagung und
Fensal, ja Fensal ist keine Gottheit sondern ein Palast in Asgard, dem Sitz der nordischen Götter. Und dort ist es der Palast der Göttin Frigg. Und du darfst ein Mal raten, was deren Spezialität
ist.“
„Weissagung“, meinte Max. „Prophezeiungen und diese Sachen, wenn ich richtig rate.“
Er grinste und sie lachte.
„Also um einiges göttlicher als dieser Michael - bist ja doch ein kluges Kerlchen“, lobte sie ihn. Und biss sich gleich darauf auf die Lippen. Die Verbindung war zu schlecht, als dass er sehen
konnte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Und er sagte nichts, weil ihm so wohl war.
Neben ihm saß die Krähe wie erstarrt auf dem Fensterbrett. Es schien ihr offensichtlich gar nicht zu gefallen, dass jemand so über ihren Michael sprach. Und auch das gefiel Max innerlich.
Es klopfte an der Tür und jemand rief: „Pizzadienst!“
„Ich habe nichts bestellt“, antwortete Max automatisch.
„Hütte drei hat man mir gesagt“, kam die Antwort von draußen und automatisch stand Max auf und ging zur Tür. Wunderte sich noch ein wenig, dass die Krähe gleich daneben so unbeweglich sitzen
blieb und nach draußen starrte.
Max öffnete die Tür und sah noch, wie der Mann den Blick von der Krähe nahm und diese aus ihrer Erstarrung erwachte um heftig flatternd vom Fensterbrett zu fallen. Vor der Tür stand jener Mann,
der sich an der Tankstelle gegen den jungen Fürsten gestellt hatte. Er trug noch immer seinen schwarzen Anzug, hielt aber jetzt zwei Pizzaschachteln und ein Sechserpack Bier in der Hand. Max wich
zurück und sah weg, weil er sofort verstand, warum Minerva erstarrt war und ihn nicht gewarnt hatte. Aber den Mann schien das nicht weiter zu kümmern Er schob sich in den kleinen Raum, als wären
sie alte Freunde.
„Ich habe mir gedacht, Sie werden sicher Hunger haben. Da hab ich Pizza besorgt. Und Bier habe ich auch mitgebrachte. Ich dachte mir, wir sollten unser Gespräch von vorhin beenden.“
„Mit extra Knoblauch?“, rutschte es Max heraus und Turok lachte laut auf.
„Meine ist ohne. Ich bekomme davon immer Blähungen und glauben Sie mir, das wollen Sie ganz sicher nicht!“
Er stellte die Schachteln auf dem Tisch und ging herum um ohne Hemmungen auf den Computer zu sehen.
„Hallo junge Frau“, meinte er und lächelte freundlich. „Es tut mir leid, aber ich muss mit ihrem Freund dringend reden. Er kann sich ja später nochmal melden.“
Damit klickte er die Verbindung weg ohne zu fragen und schloss den Laptop.
„Sie haben mich ganz schön in Schwierigkeiten gebrachte“, wandte er sich an Max, der immer noch wie angewurzelt in der offenen Tür stand.
„ICH habe SIE in Schwierigkeiten gebracht?“, rief Max erstaunt.
Der Vampir ging darauf nicht ein. Stattdessen sah er auf das Bett und fragte: „Noch eine Begleiterin?“
„Das ist Pablo“, stellte Max vor. „Er begleitet mich seit die ganze Geschichte angefangen hat. - Vor drei Tagen!“, stellte er selbst überrascht fest.
„Hallo Pablo. Ich bin Turok vom Clan der Mengelberger“, stellte sich der Vampir vor und der Kater hob den Kopf um ihn genauer anzusehen.
„Pablo …!“, rief Max, aber der maulte nur „Tag“ und der Vampir lachte.
„Der Fangblick funktioniert bei allen warmblütigen Wesen“, erklärte er dem überraschten Menschen und holte einen Flaschenöffner aus der Tasche um die Bierflaschen zu öffnen. „Aber niemals bei
Katzen. Und keiner kann erklären, warum das so ist.“
Max sah zu Pablo, der sich gelangweilt streckte und fragte: „Und bei Hunden funktioniert es kaum, nicht wahr. Daher auch eure Probleme mit den Werwölfen.“
Der Vampir erstarrte und kniff die Augen zusammen.
„Woher wissen Sie das?“
„Wegen der Computer“, erklärte Max, kaute an der Unterlippe und überlegte. „Eigentlich wegen der Bildschirme. Wir alle sehen die Bilder auf den Bildschirmen. Nur Katzen nicht, die sehen nur eine
Fläche mit grünen Punkten. Hunde sehen so etwas ähnliches, wenngleich auch bunter und offensichtlich strukturierter. Es könnte sein, dass der Fangblick über die Farbe der Augen funktioniert, das
würde erklären, warum Katzen immun sind.“
Der Vampir hielt noch immer die Flasche in der Hand, machte den offenen Mund wieder zu war und schluckte. Dann ließ er sich schwer auf einen Stuhl fallen.
„Tausende Vampire haben darüber gegrübelt, über Generationen. Und nicht die dümmsten. Und Sie tauchen auf und haben die Antwort. Einfach so. Wer – zur - Hölle - sind - Sie?!“
Max schloss endlich die Tür, nahm dem verdutzen Mann die Bierflasche aus der Hand und machte einen langen Schluck. Tatsächlich hatte er den ganzen Tag noch nichts getrunken. Bier war toll. Aber
nicht gut, schoss es ihm durch den Kopf.
„Ich bin ein kleiner Computerprogrammierer,“ antwortete er auf die Frage und in seiner Stimme lag auch ein wenig Verzweiflung, wenn er sich selbst so zu hörte. „Ich bin, ohne es zu wollen und
ohne es zu wissen, in diese Welt gestolpert ist. Darum stelle ich wahrscheinlich andere Fragen und komme so zu anderen Antworten. Außerdem ist es nur eine Vermutung.“
Turok schüttelte seine Verwunderung ab, öffnete eine zweite Flasche und steckte dann die Nase in die Pappkartons. Einen schob er zu Max hinüber.
„Ich hoffe, Sie mögen Salamipizza. Ich hab jedenfalls Hunger.“
„Auf Pizza?“, konnte sich Max die Frage nicht verkneifen aber der Vampir nahm sie ernst.
„Vampire ernähren sich eigentlich völlig normal“, erklärte er ernsthaft. „Wenn man davon ausgeht, dass es heutzutage noch normal ist, kein Vegetarier zu sein. Dass wir Blut trinken ist so eine
Art Zusatz, ein Superfood würde man heute sagen, womit wir unsere Selbstheilungsfähigkeit und damit wieder unsere Langlebigkeit unterstützen. Aber sonst sind wir so wie die meisten Menschen auch.
Und zumeist ebenso beschränkt und engstirnig.“
Die Pizza war schon in vier Teile zerschnitten, er rollte sich eines zusammen und biss ab.
„Raoul, das ist der junge Fürst, den Sie heute kennen gelernt haben, der war stinksauer auf Sie, als sich heraus stellte, dass der Tumult nur von den Krähen inszeniert war und die beiden
Motorradfahrer von den schwarzen Biestern so umflattert worden waren, das sie abgefahren sind. So wohl die beiden Werwölfe als auch die Krähen haben sich schnell wieder verzogen. Aber Krähen sind
ja für jeden Blödsinn zu haben und ich verstehe jetzt, dass Ihre Freundin da draußen das wohl inszeniert hat. Er wollte Ihnen also eigentlich nach und Sie einfangen“, erzählte er mit vollem Mund.
„Aber es ist mir gelungen seinen Vater davon zu überzeugen, dass es besser wäre zuerst heraus zu finden, was Sie eigentlich sind. Darum habe ich Ihnen ein paar unserer Freunde von der Polizei
geschickt, die Sie abgefangen haben. Eigentlich soll ich sie ja zu ihm bringen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das so eine gute Idee ist.“
„Weil ich ja doch ein Jäger sein könnte, der es genau darauf anlegt?“ Max kaute heißhungrig an der Pizza und wurde sich schlagartig klar, wie hungrig er eigentlich war. Und zumindest auf seiner
war ordentlich Knoblauch. Minerva saß wieder auf dem Dach der Tankstelle und schüttelte sich nur, als Max ihr winkte wieder zu kommen. Pablo kam näher, roch an einem Stück, das ihm Max hin hielt,
legte sich dann aber wieder auf das Bett zurück.
„Ja, die Geschichte mit den Jägern“, sinnierte der Vampir und spülte einen Bissen mit einem Schluck Bier hinunter. „Ich könnte mich nicht erinnern, so was jemals erlebt zu haben. Zumeist gibt es
Streit mit unseren Lieblingsfeinden, den Werwölfen. Oder wir bringen uns gegenseitig um, was weit häufiger vorkommt. Wegen irgendwelcher Revierstreitigkeiten, oder wegen dem Geschäft. Wir leben
nicht in Schlössern und warten auf die Nacht. Wie Sie sehen, macht uns Sonnenlicht nicht viel aus. Wobei, unser Fürst lebt tatsächlich in einem Schloss. Was ihm als 'Herr Abgeordneter und
Generaldirektor' wohl auch zusteht. Sein Vater zum Beispiel, der wurde bei einem Autounfall in Mexiko getötet. Weil er unbedingt dabei sein wollte, als das Geschäft mit den automatischen Waffen
für die mexikanische Polizei unterzeichnet wurde. Gab eine ziemliche Aufregung, als sein Sohn, unser jetziger Fürst vom Aufsichtsrat bestätigt wurde. Unter den Menschen, aber auch unter den
Vampiren. Dann taucht meist plötzlich die Geschichte von einem menschlichen Jäger auf, der uns ausrotten will. Im Endeffekt stellt sich zumeist heraus, dass es irgend ein Verrückter eines anderen
Clans war. Oder vielleicht des eigenen. Oder es geht als Unfall durch, mit vielen Gerüchten. Ich bin mir ziemlich sicher, für unseren Fürsten stellt sein eigener Sohn jedenfalls eine sehr viel
größere Gefahr dar, als das jeder Jäger könnte. Und meine Loyalität zum Alten macht mich auch nicht sonderlich beliebt. Egal!“ Er griff sich ein weiteres Stück und rollte es wieder geübt. Max
hatte schon ein Stück Vorsprung, er hörte auch nur gebannt zu. „Ich möchte jedenfalls ein wenig mehr von Ihnen wissen, bevor ich entscheide, ob ich Sie irgendwo hin bringe. Irgendwie kann ich
einfach nicht glauben, dass Sie eine Gefahr sind. Aber Sie sind definitiv etwas, das mir noch nie über den Weg gelaufen ist. Und die nicht alltäglich Sachen sind nur einmal mein Job.“
„Ich habe auch nicht vor für irgend jemanden zur Gefahr zu werden“, beteuerte Max und trank mit einem großen Schluck seine Flasche leer. „Es besteht sogar die hohe Wahrscheinlichkeit, dass die
einzige Person, der ich zur Gefahr werden könnte, ich selbst bin.“
Turok tat es ihm gleich und öffnete zwei neue Flaschen.
„Vor ein paar Tagen werde ich munter, mein Kopf dröhnt und mein Kater ist nicht da. Sein Name ist übrigens Metatron.“ Max beobachtete den Vampir genau während er kaute und auch der Kater hatte
ein Auge auf ihn, aber er zeigte keine Reaktion bei der Nennung des Namens. Also fuhr Max fort: „Ich rufe ihn, aber nur Pablo geht gerade vorbei und antwortet – und ich bin mir bis heute nicht
ganz klar, wer von uns beiden mehr erschrocken darüber war, dass wir uns verstanden haben. Er hat mich dann zu den Ältesten der Tiere gebracht, aber auch die hatten keine Ahnung was zu tun ist,
was los war. Also schickten sie mich zu Michael, dem Erz-Engel. Auf dem Weg dorthin musste ich feststellen, dass der Wirt meines Stammlokals ein Troll ist und mich umbringen will. Und mein bester
Freund ist ein Werwolf und hat mir wahrscheinlich das Leben gerettet. Er hat mir auch seinen Wagen geliehen, also nicht wundern, wenn ich nach Werwolf rieche.“
Der Vampir nickte, ließ das letzte Stück seiner Pizza unbeachtet und sah nachdenklich zum Fenster hinaus.
„Und was hat der große Engel gesagt?“, wollte er mit einem leicht zynischen Unterton wissen. Max atmete tief durch und überlegte aber der Vampir gab sich die Antwort selbst: „Er hat nichts
gesagt. Weil er nichts weiß. Woher auch.“
„Ihr mögt ihn nicht besonders?“
Turok kratzte sich nachdenklich an der Brust und sah zu wie Pablo sich streckte um dann vom Bett herunter zu springen und an der Tasche zu schnüffeln in der sein Futter war. Also öffnete Max die
Tasche und gab etwas von dem Futter auf eine Untertasse. Gleich darauf hörte man das energische Knacken mit dem der Kater das Trockenfutter zerbiss. Der Vampir sah zu und nahm dann die Hand von
der Brust.
„Engel und Vampire sind in etwa gleich alt“, meinte er dann. „Aber wir kommen nicht so gut miteinander aus. Sie glauben immer, jemanden beschützen zu müssen. Obwohl sie zumeist nicht wissen gegen
was oder für wen. Sie sind zumeist ganz freundlich, aber auch schwerst präpotent und ihre Umgangsformen sind miserabel. Ich schätze mal, er war nicht gerade erfreut, als Sie bei ihm aufgetaucht
sind – und noch weniger, als er begriff, dass er Ihnen nicht helfen konnte. Also hat er Sie weiter geschickt. Zu jemandem, der älter ist als er.“
„Und dabei bin ich auf euch gestoßen“, nickte Max.
„Michael weiß, dass wir auf dieser Seite des Rheins eine große Kolonie sind. Wir sind oft genug aneinander geraten. Mich wundert, dass er Sie nicht gewarnt hat.“
Max zuckte mit den Schultern und meinte: „Toljan, der Zwerg, der bei ihm wohnt, hat mir sogar geraten erst über der Grenze zu tanken. Weil es hier billiger wäre.“
Der Vampir lachte auf und hätte sich fast an seinem Bier verschluckt.
„Ein Zwerg! Natürlich!“, lachte er. „Für ein paar Cent Gewinn gehen sie die größten Risiken ein.“
„Da lacht ein Vampir über die Gier der Zwerge“, krächzte Minerva und landete auf dem Fensterbrett. Als sie vernommen hatte, dass es um Michael ging, hatte sie selbst die Angst vor dem Vampir
nicht mehr halten können. Und der starrte sie finster an, aber sie sah nicht hin.
„Die Zwerge beklagen die Gier der Vampire“, erklärte sie Max. „Denn die wollen immer mehr Geld, immer größere Banken, noch größere Firmen, noch mehr Menschen unter ihrer Kontrolle.“
„Die Zwerge wollen immer mehr Gold und Juwelen, die Vampire immer mehr Macht und Kontrolle“, mischte sich der Kater ein. „Jeder beklagt die Gier des Anderen und miteinander beklagen sie die Gier
der Menschen.“
„Weil Menschen immer mehr von allem wollen und nicht wissen, was sie damit machen sollen“, ergänzte die Krähe energisch und trat von einem Bein auf das andere.
„Dieser Michael würde sagen, das ist die Geschichte vom Staubkorn im Auge des Anderen“, fügte Turok an und nickte leicht. „Ihr Beiden habt nicht mal so Unrecht. Auch, wenn es nicht ganz so
einfach ist. Aber wohin hat Michael Sie jetzt geschickt?“
„Nach Trier“, antwortete Max nachdenklich. „Zu einer Frau Sophia Carmentis-Fensal.“
Der Vampir sah ihn überrascht an, zog eine Braue nach oben und grinste schief.
„Tatsächlich zu der verrückten, alten Schachtel? Was sollen Sie dort? Was ist ihm da eingefallen?“
Pablo hörte auf zu fressen, setzte sich hin und schlang den Schwanz um die Pfoten.
„So alt?“, fragte er, Turok seufzte und zuckte mit den Schultern.
„Alt auf jeden Fall“, meinte er dann. „Ja, ganz sicher älter als Michael. Uralt, und mächtig verschroben, was ich so gehört habe. Ja, sie ist älter als Michael und sie hat sicherlich mehr
gesehen. Aber ob sie euch helfen kann?“ Er zuckte wieder mit den Schultern und drehte die Bierflasche unschlüssig in den Händen.
„Wie dem auch sei“, setzte der kleine Kater mit einem Mal wichtig an, „so lange wir nicht wissen, warum Max in unserer Welt ist und wie er hierher gekommen ist, solange stellt er natürlich eine
potentielle Gefahr dar, aber auch eine potentielle Chance. Ich schätze mal, dein alter Fürst will Antworten und keine Fragen. Also führt es zu nichts, wenn du Max zu ihm bringst. Es wäre klüger
uns mal zu der alten Dame gehen zu lassen. Vielleicht wissen wir dann mehr. Vielleicht gibt es für ihn dann einen Weg zurück. Möglicherweise haben wir dann mehr, als nur ein großes
Fragezeichen.“
Der Vampir sah den schwarzen Kater lange an und begann allmählich zu grinsen.
„Bist ein kluges, kleines Kerlchen“, meinte er dann anerkennend. „Ich muss mir mal die Füße vertreten.“
Ohne eine weitere Erklärung stand er auf und ging aus der kleinen Hütte. Max sah, wie er sein Mobiltelefon heraus nahm und jemanden anrief. Dabei verdrückte er das letzte Stück Pizza und
bemerkte, dass Minerva von einem Bein auf das andere trat. Offensichtlich rang sie mit sich und fühlte sich unter ihren Federn nicht sonderlich behaglich.
„Mach dir nichts draus“, schüttelte Max den Kopf. „Der ist einfach gut und davon laufen können wir ihnen sowieso nicht. Wir müssen da durch.“
Die große Krähe schien sich ein wenig zu entspannen, aber dass sie ihn nicht gewarnt hatte, das nagte trotzdem noch an ihr. Mehr, als sie jemals zugegeben hätte. Der groß gewachsene,
schlanke Mann im dunklen Anzug ging gemächlich zwischen Hütte und Wagen hin und her und schien zu lauschen. Irgendwann nickte er, nickte nochmals und steckte das Telefon ein. Um hinauf zu Max am
Fenster zu sehen.
„Hört euch an, was die Alte zu sagen hat. Vielleicht kommt ja wirklich was dabei heraus“, er wirkte nachdenklich, als wäre er mit seinen Gedanken noch immer bei dem Telefonat.
„Das heißt, wir haben die Erlaubnis deines Fürsten“, meinte Max.
„Meines Fürsten?“, fragte Turok verblüfft und grinste dann kurz. „Nein, ich habe mit der Lehrerin gesprochen, unserer Alten Frau. Die ist in solchen Dingen viel besser als unser Fürst. Den
interessiert nur das Geschäft.“
Wieder machte er eine Pause um nachdenklich in sich zu versinken.
„Und was sagt eure Alte Frau zu mir?“
Der Vampir schüttelte den Kopf und kam langsam wieder in die Hütte, griff nach seiner Bierflasche und betrachtete sie eingehend, als hätte sie alle Erklärungen aufgedruckt.
„Es dürfte dich nicht geben“, meinte er dann langsam. „Du bist der Bruch der Regel. Du bist der Bruch JEDER Regel. Sie kann sich niemanden vorstellen, der mächtig genug wäre, die
Gesetzmäßigkeiten so weit zu verbiegen, dass ein Mensch von einer Seite auf die andere wechseln kann.“
„Metatron?“, fragte Pablo und erntete dafür ein Schulterzucken.
„Ein Name aus Geschichten, nichts Besonderes offensichtlich – in den Büchern der Vampire nicht verzeichnet.“
Er trank den letzten Schluck und atmete tief durch.
„Was auch immer bei der Alten heraus kommt, denk daran, gute Leute können wir immer gebrauchen. Nicht nur hier in Frankfurt, wir haben Standorte auf der ganzen Welt. Also, wenn du gut bist, dann
findet sich für dich sicher ein Platz. Für einen wie dich hätten wir immer Verwendung.“
Jetzt lachte Max und meinte: „Wahrscheinlich arbeite ich sowieso schon längst für euch. Ohne es zu wissen. Und vielleicht ist es auch nicht mal so falsch, dass die Menschen die großen Konzerne
und Banken als Blutsauger bezeichnen. Mein Werwolffreund Looni zum Beispiel.“
Turok seufzte und sah wieder zum Fenster hinaus.
„Wenn ich dich jemals zum alten Fürsten bringen sollte, dann macht dich diese Art von Humor ganz sicher einen Kopf kürzer. Egal, wer oder was du bist. Aber erst mal helfe ich euch.“
Nachdenklich sah er an der Krähe vorbei auf den kleinen, geschotterten Platz. Dann schien ihm etwas einzufallen.
„Vielleicht kannst du mir jetzt schon helfen“, meinte er, drehte sich schnell um und sah Max an. Aber der war auf der Hut und sah sofort zu Boden. Turok grinste, aber das Grinsen erlosch
schnell.
„Es gibt da ein paar Gerüchte“, begann er langsam. „Über diesen Michael, diesen Engel.“
„ERZ-Engel!“, unterbrach Minerva automatisch und bereute es im gleichen Augenblick, den Schnabel aufgemacht zu haben.
„Den Erzengel“, berichtigte sich der Vampir mit einem zynischen Lachen. „Eigentlich nicht über ihn. „Es soll jemand bei ihm leben, eine Person, die über Technologien verfügt, die anders sind.
Weiter entwickelt. Wir wären an solchen Technologien durchaus interessiert. Ist dir in Michaels Umfeld irgend jemand besonders aufgefallen?“
Max machte sich daran die letzten beiden Bierflaschen zu öffnen und hielt eine davon dem schlanken Mann hin. Ohne ihn anzusehen. Er benötigte die Zeit um zu überlegen, obwohl es für ihn
eigentlich nichts zu überlegen gab. Turok konnte nur Laja meinen. Ein Außerirdischer musste zwangsläufig über Technologien verfügen, welche wiederum die Vampire interessieren konnten. Aber wenn
es nicht mehr als Gerüchte waren, dann hatte Michael einen Grund um Laja zu beschützen. Ganz sicher einen guten Grund.
„Ich war nur ein paar Stunden dort“, schränkte Max ein und hoffte, dass seine Stimme fest genug klang. „Dort auf dem Hof leben eine Menge Leute, und die meisten davon habe ich nicht gesehen. Nur
Toljan, den Zwerg, eine etwas pummelige Köchin und einen großen Holzfäller-Typ. Von denen hat keiner so ausgehen, als würde er über Technologie verfügen. Schon gar keine weiter entwickelte. Ich
hatte eher den Eindruck, dass die sehr – erdnah – sind dort.“
Max setzte sich auf das Bett zu Pablo und begann ihn an der Seite zu kraulen. Überrascht sah ihn der kleine schwarze Kater an aber dann warf er sich der Länge nach hin und begann wohlig zu
schnurren. Aus den Augenwinkeln sah Max, dass Minerva vom Fensterbrett auf den Platz hinunter hüpfte und verschwunden war. Der Vampir stand ganz still mitten im Zimmer, lauschte und schien zu
warten. Eine ganze Weile stand er so da, aber Max hatte nicht vor noch etwas zu sagen. Endlich amtete er tief durch und meinte: „Ok.“
Trier zeigte sich am nächsten Morgen von seiner modernen Seite. Was für Max bedeutete, dass er eine ganze Weile kreuz und quer fahren musste um einen Parkplatz zu finden. Irgendwann hatte er es
dann doch geschafft und bis zu der Adresse, die ihm der Engel gegeben hatte, war es nur ein Fußweg von zehn Minuten. Es sollten lange zehn Minuten werden, denn die Umhängetasche schlug schwer
gegen seine Hüfte. Dem Ganzen lag eine lange Diskussion in der Nacht zu Grunde. Pablo hatte es sich unter allen Umständen verbeten im Auto bleiben zu müssen. Und Max war insgeheim ganz froh, ihn
dabei zu haben. Andererseits wollte er aber auch nicht mit einer Katze an der Seite durch eine fremde Stadt marschieren. Ganz sicher gab es da Hunde, und aufsehen war das Letzte, was er erreichen
wollte. Die Transporttasche war für Pablo aber wieder so etwas wie ein unsittliches Angebot und stand für ihn völlig außer Diskussion. Letztendlich hatten sie sich darauf geeinigt, dass Pablo es
sich in Max Umhängetasche bequem machen würde. Nicht all zu bequem, weil Max seinen Laptop unter keinen Umständen aus der Hand zu geben dachte. Darum schnitt die Tasche jetzt an seiner Schulter
ein und schlug schwer gegen seine Hüfte. So dünn der Kleine auch wirkte, ein paar Kilo hatte er doch. Und er saß auch alles andere als ruhig. Jetzt steckte er den Kopf schon wieder oben aus der
Tasche und sah sich um.
„Entwürdigend!“, maulte er. „Absolut entwürdigend!“
„Das da vorne ist jetzt der dritte Hund, dem wir begegnen“, brummte Max. „Willst du wirklich raus?“
Pablo zog es vor nicht zu antworten und starrte nur den Colly an, der ihnen entgegen kam. Aber der schien sie gar nicht zu bemerken. Er zog konsequent hinter sich einen Menschen an der Leine her,
der ebenfalls nichts von seiner Umwelt zu bemerken schien und konzentriert vor sich hin murmelte. So wie Max es eben auch getan hatte. Doch der Mann trug ein Headset im Ohr, also telefonierte er
offensichtlich und unterhielt sich nicht mit seinem Tier. Max befand dass so ein Gerät eine sehr gute Tarnung war und beschloss sich auch so etwas ebenfalls zuzulegen. Dann konnte er mit Pablo
und Minerva oder sonst jemandem reden und die Menschen würden glauben, er telefoniere.
Sie vermieden die belebte Fußgängerzone und die Horden von Touristen rund um das Römertor, stattdessen bogen sie ab in einen noch älteren, noch engeren Teil der Stadt. Max wunderte sich zuerst,
dass in der engen, uralten Gasse keine fotografierenden Touristen zu sehen waren. Er warf einen Blick auf die blinden, verstaubten Fenster und hatte dann eine Eingebung.
„Sehe ich eigentlich meine Umgebung jetzt auch anders als vorher?“, frage er den Kater. „So, wie ich jetzt auch die Wesen anders sehe?“
Pablo sah zu ihm auf und antwortete nicht. Natürlich war es eine dumme Frage. Woher sollte der Kater wissen, wie Max die Welt noch vor wenigen Tagen gesehen hatte.
„Wäre nicht mal so unmöglich“, grinste Max. „Das würde erklären, warum man euch Katzen oft sucht und nicht findet. Und dann steht ihr plötzlich mitten da. Ihr seit in einer Gasse gewesen, die den
Menschen nicht sichtbar ist.“
„Manno! Ich werd' nich' mehr! Ein Mensch! Hier?!“
Max sah sich um und entdeckte einen Marder auf der anderen Seite der kleinen Gasse.
„Hallo du“, meinte Max und auch Pablo sagte, wenngleich weniger freundlich: „Hallo.“
„Wir suchen eine Sophia Carmentis-Fensal“, sagte Max. „Kennst du die? Wo finden wir sie?“
Verblüfft starrte ihn der Marder an und schien zu wachsen, so sträubte sich sein Fell.
„Da gleich rechts um die Ecke“, erklärte er dann endlich überrascht. „Bei den beiden Gespenstern. Aber haltet euch von ihrem Hund fern, das ist ein echter Psychopath!“
„Danke, wir werden deinen Rat beherzigen“, antwortete Pablo auch stimmlich von oben herab. Was den Marder dazu brachte ihn genauer zu fixieren und böse anzublinzeln.
„Ach sieh mal“, feixte er und zeigte seine spitzen Zähne. „Ein kleines Kätzchen, das noch getragen werden muss. So niedlich aber auch.“
Pablo fauchte etwas, das Max nicht ganz verstand und der Marder säuselte im höhnischen Singsang: „Kleines, blindes Kätzchen, lecker, weiches Schätzchen.“ Dabei leckte er sich ums Maul und sogar
Max verstand, dass er damit andeutete, dass er fraß, was immer er finden konnte. Und kleine Kätzchen waren eine leichte Beute.
„Hast du ein Problem, Pelzschwanz?“, krächzte Minerva von oben und flatterte pompös, als sie sich auf einem Sims nieder ließ.
Jetzt gingen die Blicke des Marders unruhig von einem zum anderen. Der Mensch schien ihm egal zu sein, aber ein Kater und eine Krähe waren ihm dann doch zu viel. Mit einer geschmeidigen Bewegung
ruckte er herum und galoppierte grußlos die Gasse hinunter. Pablo spannte die Muskeln und machte sich dünn in der Tasche, aber Max hielt ihn fest.
„Lass ihn“, meinte er dabei beruhigend. „Wir haben zu tun.“
Der schwarze Kater entspannte sich nur langsam und startete den ziemlich aussichtslosen Versuch, sich in der engen Tasche zu putzen um seiner Aufregung Herr zu werden.
„Also rechts um die Ecke“, meinte Max und machte sich wieder auf den Weg.
Um die Ecke war eine kleine Straße voll geparkt mit Wagen und obwohl sie sich am Rande der Innenstadt befanden, wirkte alles ein wenig herunter gekommen. Was wohl auch an der eintönigen,
beherrschenden Fassade eines lang gestreckten Amtsgebäudes weiter unten lang. In ihrer Richtung, aber auf der anderen Straßenseite, saß ein herunter gekommenes kleines Männchen, den Kopf mit den
struppeligen, schwarzen Haaren gesenkt. In der Hand hatte er nachlässig ein Pappschild und vor sich eine kleine Plastikschale auf dem Boden. Ein paar Schritte weiter auf Ihrer Seite fand Max die
Adresse , die ihm der Engel gegeben hatte. In dem Gebäude befand sich ein Bioladen und Naturkostgeschäft. Vielleicht war das verblasste Schild Absicht, vielleicht hing es auch nur schon zu lange
dort. Max sah die alte Tür, die beiden kleinen Fenster und zögerte für einen Augenblick.
„Marder haben ein Schandmaul“, meinte die Krähe hinter ihm und nahm den Schwung der Landung um noch einen Hopser näher zu machen. „Man darf ihnen nicht alles glauben. Ich habe jedenfalls noch
keine gesehen.“
Sie hatte natürlich wie Max den Begriff Gespenster gehört, aber es war helllichter Tag und so atmete der Mensch tief durch, legte die Hand beruhigend auf die Ausbeulung seiner Tasche und trat
ein.
Der Laden war lang nach hinten gestreckt und weit größer, als er von außen wirkte. Aber auch dank der niederen Decke drückend. Alle möglichen Gerüche schlugen über Max zusammen. Von Brot und
Gewürzen über Obst, Kräutern und Räucherstäbchen. Und anderes, das er nicht zuordnen konnte. Staub war jedenfalls dabei. Max sog noch einmal den Duft des Ladens ein und konnte sich eines Gefühles
der Leere nicht verwehren. Was immer er roch, es wirkte staubig und alt und leer. Etwas weiter hinten entdeckte er zwei Gestalten an einer alten Kasse und erschrak für einen Augenblick. Doch es
waren nur Menschen. Wenngleich sie ebenfalls alt und hohl wirkten. Dünne, graue Haare, streng nach hinten gekämmt. Graue Haut über hohlwangigen Gesichtern. Und darin der feurig flackernde Blick
von Fanatikern. Max mochte diese Leute nicht, die meinten um so viel besser zu wissen, was den richtig sei, für die Menschen und für die Welt. Und darum geringschätzig auf alle anderen herab
blickten. Und diese Beiden mochte er schon auf den ersten Blick nicht. Aber trotz dem Widerwillen, der in ihm aufstieg, konnte er sich doch eines Gefühl der Vertrautheit nicht verwehren. Ihm war,
als hatte er die Beiden schon irgendwo einmal gesehen, er kam nur nicht dahinter, wo das gewesen sein sollte. Der Mann und die Frau standen dicht beieinander und starrten ihm entgegen. Sie trug
ein langes, schwarzes Kleid mit ausgewaschenen Rüschen an Hals und Ärmel, darüber einen ärmellosen Arbeitsmantel in klein geblümten, dunkelblauem Stoff. Er verhüllte seinen dürren Körper mit
einer helle Latzhose und einem weißes Shirt, darüber trug er eine dunkelblaue Anzugjacke. So starrten ihm die Beiden stumm entgegen.
„Guten Tag“, meinte Max. „Ich suche eine Frau Sophia Carmentis-Fensal.“
Keine Antwort von den Beiden. Allmählich verstand Max, warum der Marder sie die Gespenster genannt hatte. Hoch aufgerichtet standen sie da und starrten ihn missbilligend an und er entdeckte, dass
er unter diesem Blick automatisch den Rücken krümmte und den Kopf senkte. Denn sie wussten um den Wert der Welt und er war nur einer der ignoranten Verschmutzer. Es berührte ihm wie ein
körperliches Ziehen, dieser Sog der Gier, der von den Beiden ausging. Aber wenn Max etwas wirklich nicht ausstehen konnte, dann waren das Fanatiker. Egal ob es dabei um Fußball, Religion oder
Umwelt ging. Dafür hatte wiederum er so überhaupt kein Verständnis. Also war seine nächste unbewusste Reaktion sich zu strecken und den Kopf zu heben.
„Man hat mir gesagt, dass ich sie hier finde“, setzte er fordernd nach. Mehr Informationen würden die Beiden von ihm sicher nicht bekommen!
Ein paar Augenblicke noch starrten ihn die beiden grauen Gestalten an, verharrten in ungemütlichem Schweigen, doch er schwieg ebenfalls und wartete. Allmählich wurde die Situation nicht nur
ungemütlich sondern geradezu grotesk. Aber Max ignorierte das nervöse Zappeln in seiner Tasche und starrte die beiden Gestalten nur schweigend an. So wechselten sie einen schnellen Blick.
„Sie ist hinten im Lager“, brachte der Mann endlich mit schleifender Stimme heraus. „Da hinten und dann die erste Tür rechts.“
Max nickte und ging an den Beiden vorbei, weiter in den Laden hinein. Doch er schaffte nur ein paar Schritte, da setzte sie schon nach.
„Aber nicht zu lange! Die sitzt sicher nur wieder faul herum und starrt Löcher in die Luft. Dabei könnte sie ruhig ein wenig helfen.“ Ihre Stimme wurde schriller und höher. „Wir füttern sie
durch, die ganze Zeit schon, da könnte sie sich ruhig auch ein wenig nützlich machen. Aber man hat ja keinen Dank. Und passen Sie auf ihren Hund auf. Ein verrücktes Biest ist das. Tollwütig!
Völlig verrückt! Wegmachen sollte man den! Eine Gefahr für die Menschheit ist das, aber auf mich ...“
Den Rest verstand Max nur mehr als schrilles Gemurmel, weil er die Tür hinter sich geschlossen hatte und er war nicht traurig darüber. Gleich rechts von ihm ging eine ebenso alte und schwere Tür
von dem engen Gang ab und dahinter fand Max einen kleinen Schuppenanbau der voller Regale und diese wieder voller Schachteln waren. Hier war der Geruch nach Kräutern und Gewürzen um vieles
stärker, aber für Max noch immer verwirrend leer und alt während gedämpftes Licht durch zwei staubige Oberlichten fiel. Ein leises Rascheln ertönte von weiter hinten und Max ging zwischen den
Regalen durch, hin zu einer Werkbank an der gegenüber liegenden Wand, die sichtlich für andere Dinge gemacht worden war. Jetzt stand darauf eine uralte Waage und eine Unzahl von kleinen
Papierbeuteln. Manche verschlossen, manche offen. Dazwischen saß eine kleine, dünne Gestalt, eingehüllt in einen grauen Arbeitsmantel mit einem grauen Kopftuch. Max war nicht klar, ob sie ihn
bemerkt hatte. Also fragte er: „Sind sie Sophia Carmentis-Fensal?“
Die Gestalt rührte sich nicht aber das Rascheln verstummte. Dafür bewegte sich jetzt ein Schatten unter dem Tisch und etwas ebenso Graues stürzte hervor. Es sah aus wie stürzen, humpeln,
hinfallen, schwanken, rollen – alles jedenfalls mehr als laufen oder springen. Die krummen Beine des Mops schienen nachzugeben, weg zu knicken und doch kam das kleine Tier mit beachtlicher
Geschwindigkeit unter der Werkbank hervor geschossen.
„Ah – Mensch“, kläffte er. „Na warte! Weg! Weg!!“ Für einen Moment stutze er und schnüffelte mit der schwarzen, platten Nase. Die tiefen Furchen wogten wie stürmische See und die feuchten Augen
schienen noch weiter heraus zu kommen. „Kater. Rieche auch Kater! Aber Mensch! Weg!! Geh weg, Mensch! Ich mach deine Hosenbeine, Mensch! Geh weg! Weg!“
„Wenn du meine Hosenbeine anrührst, dann zieh ich dir deine Ohren noch länger“, schnauzte Max ihn an und den Hund setzte es vor Verwunderung auf sein Hinterteil.
„Ich suche Sophie Carmentis-Fensal“, sagte Max noch einmal. „Michael schickt mich. Michael, der Engel. Ich brauche ihre Hilfe.“
Vorsichtig streckte Pablo den Kopf aus der Tasche und beäugte den Mops misstrauisch.
„Kater!“, jaulte der auf. „Kater! Und Mensch!“
„Noodles.“ Die Stimme der Frau war leise aber doch tragend. Jedenfalls verstummte der Hund sofort und sah zu ihr hin. „Komm her.“
Gemächlich hob der Mops sein Hinterteil und wankte zu der kleinen Gestalt an der Werkbank zurück.
„Ihr seit Sophia Carmentis-Fensal?“, fragte Max noch einmal obwohl er sich jetzt sicher war. Aber, wie sprach man eigentlich eine Göttin an?
„Und euch schickt Michael. Ich dachte schon, er hätte mich vergessen, so wie all die anderen auch.“ Sie atmete durch, drehte sich aber noch immer nicht um. „Ein Kater und ein Mensch – denn der
gute Noodles irrt sich nie – auch wenn du die Sprache der Tiere verstehst und auch wenn du Michael kennst, ihn erkennst, du bist doch ein Mensch. Warum schickt dich Michael zu mir?“
„Noch vor ein paar Tagen war ich ein ganz normaler Mensch“, setzte Max an. „Dann wache ich eines Tages am Morgen auf, habe fürchterliche Kopfschmerzen und mein Kater ist nicht da. Also rufe ich
ihn, aber es antwortet Pablo hier, der gerade zufällig vorbei geht. Und ich weiß nicht, wer von uns beiden darüber mehr erschrocken war, dass wir uns verstanden. Die Ältesten der Tiere bei uns
zuhause wussten nicht, was geschehen war, also schickten sie mich zu Michael, dem Engel. Aber der hatte auch keine Ahnung, darum schickte er mich weiter zu Euch. Ihr seit doch Carmentis, die
Göttin der Weissagung und die Herrin des Hauses Fensal, voll der Sophia, der göttlichen Weisheit.“
Es schien ihm für einen Augenblick, als würden die zerbrechlichen Schultern unter dem zu großen Arbeitsmantel vor Lachen zuckten, aber der Hund warf ihm einen so bösen Blick zu, dass Max das
Lachen sofort bezweifelte. Noch einmal atmete sie tief durch und es klang verdächtig nach einem Stöhnen.
„Alles Namen, alte Namen, aus der Vergangenheit“, hörte er sie leise. „Schall und Rauch, nichts weiter. Aus einer Vergangenheit, die vergessen wurde. Vergessen bin ich und verlassen bin ich.
Unbedeutend und unwichtig in der Welt der Daten und Fakten. Die Menschen feiern Ihre Logik, ihren Verstand und ihre Macht über die Welt. Wen interessiert da noch die Weissagung? Nicht die
Menschen und nicht die anderen Wesen!“ Sie drehte sich jetzt doch zu ihm um und er sah ein hageres Gesicht durchzogen von tiefen Falten. Verhärmt und alt, uralt, auch wenn das straffe Kopftuch
die Masse an grauem Haar kaum halten konnte.
Als hätte sie das Erschrecken in seinen Augen erwartet, wandte sie sich wieder der Waage zu und meinte: „Michael hat sich geirrt, ich kann euch nicht helfen. Ich bin unnütz und vergessen. Dabei
zu verschwinden aus dieser Welt, die mich nicht mehr kennt.“
Max stand wie vom Donner gerührt und unfähig sich zu bewegen oder etwas zu sagen. Selbst der Mops hatte das Interesse an ihm verloren. Er saß neben seiner Herrin und sah voll Ergebenheit zu ihr
auf. Und der Glanz in seinen kugelrunden Augen schienen ungeweinte Tränen.
So also starben Götter, durchzuckte es Max. Sie kämpften nicht, sie unterlagen nicht, sie verloren einfach ganz allmählich die Anbetung und wurden kraftloser, verschwanden einfach, still und
leise wie Rauch, der sich im Wind auflöst. Weil immer weniger an sie glaubten.
Er atmete tief durch und versuchte zu überlegen wie es weiter gehen sollte. Es sah tatsächlich nicht so aus, als könnte sie ihm helfen. Er war weit von zu Hause weg und zumindest ebenso weit von
einer Lösung entfernt. Wie hatte Michael nur glauben können, sie würde ihm helfen? Nur weil sie älter war? Sie, die selbst unbekannt und vergessen war. Mindestens eben so unnütz kam er sich in
diesem Augenblick vor. Unpassend, ein Störenfried in dieser stillen Abgeschiedenheit. Sie hatte sich abgefunden mit ihrem Untergang, mit ihrer Auslöschung und er musste hier herein platzen und
all die alte Verzweiflung wieder auf reißen. All die ungeweinten Tränen, all die Hoffnungslosigkeit. An dessem Ende nur der einsame Untergang stand.
Er drehte sich um und wollte so leise wie möglich wieder verschwinden, so wie man das Zimmer einer Sterbenden verlässt, als sein Blick auf einen Stapel alter Zeitungen fiel, die wohl als
Verpackungsmaterial dienten. Und sein Blick blieb hängen. Er kannte sich in der deutschen Politik noch weniger aus, als in der holländischen. Politik interessierte ihn nicht, aber irgend etwas
war an dem reißerischen Titelblatt, das ihn nachdenklich macht. Er verstand es nicht, doch etwas in ihm begann zu klingen. Leise, wurde größer bis er endlich begriff, sich die Zeitung schnappte
und neben sie an die Werkbank trat. Ohne großartig irgend etwas zu überlegen.
„Ihr hattet Wahlen in Deutschland“, sagte er und legte die Zeitung vor sie hin. „Und die Menschen interessiert, wie die Wahlen ausgegangen sind. Zahlen, ja. Aber diese Zahlen bedeuten ihnen
nichts. Viel mehr interessiert die Menschen, wer jetzt wohl mit wem kooperiert, welche Wege in der Zukunft eingeschlagen werden und wie man sich verhalten sollte. Die Wahlprognosen, die
Vorhersagen, die waren es, was die Menschen vorher interessierte und die Vorhersagen über Koalitionen sind es, was sie nach der Wahl interessiert. Nicht Köpfe, Gesichter oder gar Inhalte. Und es
macht doch wohl keinen Unterschied, ob man diese Zukunft aus ein paar farbigen Kurven auf einem Bildschirm oder aus den Blutbahnen einer Leber heraus liest.“
Der Hund sah von dem Menschen zu der stillen Frau und wieder zurück, aber keiner der Beiden beachtete ihn. Stattdessen begann Max zu blättern.
„Wirtschaft!“, rief er. „Die beständige Schlacht zwischen den großen Häusern. Was wäre wohl wichtiger als Vorhersagen über das Verhalten der Gegner, über mögliche Partnerschaften und möglichen
Betrug? Selbst bei all den Daten und Fakten, die den Menschen heute zur Verfügung stehen, war es wohl leichter den Ausgang einer Schlacht aus dem Flug der Vögel zu lesen als heute. Und
marschierte meist und kämpfte selten - dieser heutige Wirtschaftskrieg währt beständig und ohne Pause! An der Börse wetten sie auf mögliche Gewinne und vielleicht eintretende Verluste – geleitet
durch Intuition, gestreute Gerüchte und wirre Träume.“
Sie sah auf die Zeitung und dann zu ihm auf. Für einen Augenblick verschlug es ihm die Sprache. Wie hatte er übersehen können, dass die Augen in dem so alten Gesicht strahlend hell waren, die
Farbe von Gold im weichen Sonnenlicht hatten und von langen, dunklen Wimpern umgeben waren?
„Die Gesellschaftsseiten“, sprang er schnell weiter, „alles nur getragen von Vorhersagen, Prophezeiungen und Mutmaßungen! Und ...“ Er begann zu blättern und fand schnell, was er suchte. „Das
Horoskop! Natürlich - keine Zeitung, ja, kein Medium kommt ohne Horoskop aus. Für viele Menschen ist es das Erste, was sie überhaupt lesen. Die Göttin der Weissagung soll vergessen sein? Weil Ihr
Euch in diesem staubigen Kämmerchen verkriecht! Geht hinaus, geht hinaus in die Börse – einen so prächtigen Tempel hattet Ihr in all den Jahrhunderten noch nie! In all den Jahrtausenden nicht.
Und es gibt kein Land, das Euch dort nicht huldigt. Geht hinaus in die Redaktionen, in die Wettbüros, in die Casinos – geht in die Regierungen, dort findet ihr Eure treuen Diener und
Priester.“
Sie zog die Zeitung weiter zu sich und er sah ihre Hand. Sie war ganz zart und fein und hell, voller kleinen Fältchen doch ohne die Flecken des Alters.
„Glaubt nicht mir, glaubt nicht, was ich Euch sage“, setzte er eindringlich nach. „Lest selbst. Nicht nur in dieser Zeitung, dort hinten ist ein ganzer Stoß davon. Und in jedem Blatt werdet ihr
bestätigt finden, was ich Euch sage.“
Tatsächlich stand sie hastig auf und ging zu dem Regal um nach dem Stoß zu greifen. Geschmeidiger und schneller bewegte sie sich dabei, als er dieser zierlichen Gestalt zugetraut hätte.
„Und glaubt auch nicht den Zeitungen – geht hinaus und seht euch um. Ihr solltet die Menschen doch lange genug kennen, Carmentis vom Hause Fensal, um Euch nicht blenden zu lassen von deren
Selbstbeweihräucherungen. Sie halten sich weiß Gott was zu Gute auf ihre Analysen und Studien. Auf ihre Daten, Fakten und Berechnungen – aber am Ende interpretiert doch jeder nur das hinein und
lies nur das heraus, was ihm passt und was er hören möchte.“
Max fiel auf, dass er eigentlich von sich und seinesgleichen sprach, als Pablo energisch aus der Tasche drängte und Max ihn darum zu Boden ließ. Der Mops quittierte es mit einem uninteressierten
Seitenblick und hatte dann wieder nur Augen für seine Herrin. Der Kater schnüffelte ein wenig herum, immer sorgsam darauf bedacht, dass er dem Hund nicht den Rücken zu drehte, und kam dann wieder
zu dem Menschen um sich gegen sein Bein zu drücken. Der ging in die Hocke um den Kater zu kraulen und der Göttin Zeit zu lassen. Denn sie schien alles um sich vergessen zu haben. Schnell
blätterte sie durch die Zeitungen und wurde dabei immer begieriger. Immer hastiger. Der übergroße Arbeitsmantel hob sich in seinem staubigen Grau kaum von den Schachteln ab und doch sah Max, das
sich ihre schmalen Schulter darunter hoben, als würde sie schwer atmen. Max bemerkte auch, dass der Mops inzwischen neidvoll zu ihm herüber sah und unsicher auf seinen kurzen Beinen schwankte.
Also streckte Max die freie Hand aus und sofort drückte sich der Hund dagegen und genoss es sichtlich, ebenfalls gekrault zu werden. So hatte der Mensch im besten Sinne alle Hände voll zu tun und
bemerkte so nur nebenbei, dass sie das Kopftuch abnahm. Wohl, weil es sie behinderte. Sie zog ihre Haare aus dem Arbeitsmantel und schüttelte sie frei. Wie ein grauer Wasserfall rauschte das
dichte, feste Haar nach unten, bis über ihre Hüften. Sie schüttelte sich um das verdrückte Haar zu lösen und er sah, dass das Grau noch immer durchzogen war von Blond. Ihre Gestalt straffte sich
und ohne sich umzuwenden, ohne Hände und Augen von den Zeitungen lassen zu können, fragte sie unvermittelt: „Was soll ich tun?“ Max sah nur verwirrt auf und sie fragte nochmals: „Was erwartest du
von mir? Michael hat dich geschickt, gut. Aber was erwartest du? Was möchtest du? Warum bist du hier?“
Max ließ sich Zeit mit der Antwort. Langsam kraulte er die beiden Tiere und sah ihnen zu, wie sie es genossen. Darüber hatte er gestern schon nachgedacht, lange nachgedacht. Und war zu keiner
befriedigenden Antwort gekommen. Also zog er die Hände zurück und sah zu ihr auf.
„Ehrlich gesagt“, begann er stockend, „ich weiß es nicht. Nicht mehr. Ich gehöre nicht in eure Welt und ich sollte mir wünschen, in meine Welt, in die Welt der Menschen zurück zu kehren und dort
wieder blind und taub für mich zu sein. Aber wie soll ich dort leben? Mit all dem, was ich jetzt weiß? Und alles das vergessen – das - kommt mir immer mehr wie ein Verrat vor.“
Pablo lag lang gestreckt da und hatte nur den Kopf herum gedreht um Max erstaunt anzusehen. Der Mops drehte sich auf den Rücken, streckte die krummen Beine in die Luft und ließ die Zunge heraus
hängen. Mensch und Kater sahen sich einen langen Augenblick an, dann meinte Max: „Antworten. Ja, ich glaube, es sind Antworten, was wir suchen“, nickte er. „Warum ist das Ganze geschehen? Was
steckt dahinter? Und was hat Metatron damit zu tun, wenn er denn was damit zu tun hat.“
Endlich drehte sich die Göttin von dem Regal weg, Max sah auf und staunte. Von unten herauf und auf diese Entfernung sah sie gar nicht mehr so alt aus wie zuvor. Die Haut über den hohen
Wangenknochen schien glatt und straff. Noch immer waren da unzählige Falten in dem Gesicht, doch sie erschienen ihm jetzt nicht mehr so tief und prägnant. Sonnenlicht fiel von oben ein und
dadurch wirkte auch das Haar mit einem Mal sehr viel mehr blond und weniger grau. Ein leises Lächeln flog über ihr Gesicht und machte es gleich noch einmal jünger.
„Die Dinge, die waren und die, die sind – das ist so gar nicht meine Welt“, gestand sie leise. „Ich beschäftige mich mit den Möglichkeiten des Zukünftigen. Ich zeige Wege auf, die man gehen kann.
Für die Fragen nach der Vergangenheit bin ich nicht die Richtige.“
Max nickte und stand auf. Dabei sah er unwillkürlich nach oben, durch welche Luke dieses Sonnenlicht fiel, dass sie so viel blonder und jünger machte als zuvor. Und entdeckte zu seiner
Überraschung, dass da draußen keine Sonne schien.
Mit leicht geneigtem Kopf sah sie zu ihm auf und lächelte noch immer leise.
„Was du von mir bekommen kannst“, meinte sie mit ihrer leisen, einschmeichelnden Stimme, „das ist eine Prophezeiung. Und ich prophezeie dir, dass du weiter nach Osten gehen wirst. Dort, wo der
große Wald beginnt, dort wirst du einen Mann treffen, der vollkommen in der Vergangenheit verwurzelt ist. In einer Zeit, als jedes Ding noch seinen Wert hatten. Er ist sehr viel besser in der
Lage, dir die Dinge aus der Vergangenheit zu erklären, als ich das jemals könnte.“
Max nickte. Ein wenig enttäuscht, weil er wieder weiter musste und ein wenig bestätigt, weil er so etwas irgendwie erwartet hatte.
„Die nächste Station“, nickte er und sah zu, wie der Kater sich aufsetzte. „Hat dieser Mann auch einen Namen - und eine Adresse? Weil, irgendwo weiter im Osten, das ist eine ziemlich ungenaue
Angabe.“
„Du findest ihn in der Nähe von Bad Kötzingen – und sein Name ist Manfred Grün.“
„Geht es vielleicht ein wenig präziser?“, brummte er, sie schwieg und er musste dann lachen. „Okay, von einer Prophezeiung zu verlangen, sie solle präziser sein, das ist vielleicht doch ein wenig
übertrieben.“
Sie lachte herzlich mit ihm und mit jeder Bewegung ihres Gesichtes schienen die Falten weniger und unscheinbarer zu werden. Zu guter Letzt schälte sie sich achtlos aus dem Arbeitsmantel und warf
ihn angewidert auf die Werkbank.
Max konnte nicht verhindern, dass er schlucken musste.
Was sich ihm noch vor wenigen Augenblicken als uraltes Mütterchen präsentiert hatte, das hatte einen zierlichen aber sehr weiblich gerundeten Körper. Der steckte in engen Jeans und einen hellen,
bunten Bluse und wirkte auf ihn mit einem Mal alles andere als alt.
'Der Blick in die Zukunft weckt Begehrlichkeiten. Also wird das auch die Göttin der Weissagung', hörte er eine leise Stimme, hinten in seinem Kopf. Und eigenartigerweise klang diese leise Stimme
nach Mandy. Sie hatte das gesagt, gestern Nacht, und Max verstand jetzt, was sie damit gemeint hatte.
„Was ist mit Metatron?“, schaltete sich jetzt der Kater ein, der für die weiblichen Reize der Göttin weit weniger empfänglich war. „Könnte er was damit zu tun haben? Hast du eine Ahnung, wie man
ihn finden kann?“
„Metatron ist ein Cherubin der Kaanaiten“, antwortete sie. „Aber wo deren Glauben aufhört und der Glaube der Christen anfängt, das habe ich nie wirklich begriffen. Ich habe zwischen den Beiden
nie wirklich einen Unterschied gesehen. Wenn euch also Michael nichts über ihn erzählen konnte, dann kann euch kaum jemand helfen.“
Die Göttin hatte den Kater fest im Blick und auch Max sah ihn an. Und er sah wie unter dem Blick der Göttin ein Zittern über sein Fell lief und es sich leicht sträubte.
Die Göttin der Weissagung weckt Begehrlichkeiten, darin bestand ihre Macht über die Menschen, über die Wesen. Und gleichzeitig war sich Max sicher, dass dieses Versprechen niemals eingelöst
worden war oder wurde.
Während der Kater noch starr da saß, strampelte sich der Mops auf seine Beine und wankte schnell zu ihr hinüber.
„Werden wir Metatron finden?“, fragte Max und sie blickte auf und sah ihn an. Sah durch ihn hindurch, als wäre die Zukunft ein langer, düsterer Tunnel voller undeutlicher Schemen.
„Ja“, meinte sie endlich gezogen. „Ja, ich glaube, ihr könntet ihn finden. Aber wenn ihr darauf besteht ihn weiter zu suchen, dass sehe ich auf eurem Weg Blut und Schmerz und Tränen.“
Sie machte einen Schritt zu ihm hin und er konnte den Impuls nach ihr zu greifen kaum unterdrücken. Das lange, goldene Haar schwebte um sie, als würde eine leise Brise wehen, ihre festen Brüste
drängten sich ihm entgegen und die strahlenden, goldenen Augen hielten ihn fest gefangen. Umhüllten ihn wie eine warme Sommerbrise. Max Atmen ging schwerer, ging schneller und alles in ihm
drängte zu ihr. Endlich auf die Knie zu fallen, das Gesicht in ihrem Schoß zu verbergen und alles zu vergessen, dieser Wunsch wurde übermächtig. Alles zu vergessen, alles aufzugeben und nur mehr
ihrer sanften Stimme zu gehorchen. In grenzenlosem Vertrauen in ihrer wunderschönen, strahlenden Göttlichkeit zu versinken, selig jeden ihrer Wünsche erfüllen zu dürfen, jedem ihrer Wege zu
folgen.
Mühsam schloss er die Augen und schüttelte den Kopf heftig. Als er seine Augen wieder öffnete, sah er ihren kalten, harten Blick überrascht auf sich liegen.
„Ich bin wohl ein wenig aus der Übung“, meinte sie trocken. „Ist aber auch nicht so verwunderlich.“
Wieder lächelte sie, doch jetzt war dieses Lächeln kalt und zynisch. Und auch ein wenig bösartig, schien Max.
Mensch und Kater sahen sich an und dachten beide, dass es wohl allmählich Zeit war zu gehen. Und so sehr Max sich auch klar darüber war, dass es besser war ihren Einflussbereich schnell zu
verlassen, seine Neugierde siegt doch.
„Was riecht hier eigentlich so komisch?“, fragte er und jetzt sah die Göttin überrascht und fragend zu ihm auf. Weil sie sich zu ihrem kleinen Hund gebückt hatte. Einen Augenblick lang sah sie
ihn an und fragte dann: „Wie meinst du das mit komisch?“
Max war sich sicher, dass sie genau wusste, worauf er hinaus wollte. Trotzdem erklärte er mit einen weiten Handbewegung: „All diese Gerüche hier, die Kräuter, die Gewürze, das alles riecht sehr
intensiv. Und trotzdem riecht es irgendwie – leer – als würde etwas fehlen.“
Wieder sah sie ihn lange an. Und wieder hatte Max das Gefühl, also konnte sie durch ihn hindurch etwas sehen, was er nie erkennen würde. „Interessant“, murmelte sie, dann stand sie auf, ging an
ihm vorbei an die Werkbank und suchte nach einem Plastikbeutel. Den schnitt sie auf und hielt ihn dem Menschen hin.
„Das ist Rosmarin, frisch geerntet und sofort vakuumverpackt. Riech daran.“
Max tat was sie sagte und der Geruch von frischem Rosmarin war umwerfend, als er die Nase hinein steckte. Umwerfend, intensiv – und leer. Er wollte etwas sagen, aber sie winkte ab und wies nach
hinten in den Raum.
„Dort an dem Fenster steht unter anderem ein kleiner Rosmarinstock. Geh hin.“
Wieder tat Max wie ihm aufgetragen war und bemerkte überrascht, dass der Mops ihn begleitete und sich erwartungsvoll neben ihn setzte. Er wollte die Hand schon nach dem Rosmarin ausstrecken, aber
sie hielt ihn zurück.
„Du siehst uns Wesen, wie wir wirklich sind und du verstehst die Tiere.“
Max nickte und sie sprach eindringlich weiter: „Wenn du sehr genau hin hören würdest, dann würdest du auch die Stimme des Rosmarinstockes hören. Doch es genügt, wenn du ihn ansprichst, ihn um
zwei seiner Nadeln bittest, sie dir nimmst und dich danach bei ihm bedankst. Aber alles ganz gemächlich. Pflanzen sind zwar schneller, als ihr Menschen meint, aber nicht so schnell.“
Max sah den Stock an und lächelte über sich.
„Hallo kleiner Rosmarin“, meinte er dann und kam sich viel weniger lächerlich vor, als er vermutet hatte. „Ich würde mir gerne zwei Nadeln von dir nehmen. Darf ich?“ Es wäre übertrieben gewesen
zu sagen, dass Max etwas gehört hätte, außer dem rasselnden Atem des Hundes neben sich. Trotzdem überkam ihn ein Gefühl der Zustimmung. Er streckte die Hand aus und brach zwei Nadeln von dem
dürren Bäumchen ab. „Danke mein Kleiner“, sagte er und meinte es genau so.
Er roch an den beiden Nadeln und sie rochen genau so wie der Rosmarin in dem Beutel. Und doch war da – mehr. Mehr Facetten, mehr Inhalt, mehr Struktur, mehr Hintergrund. Erde, Wasser und Luft.
Das Licht der Sonne und die Tiefe des Bodens.
„Es ist nicht notwendig, jedes Mal zu fragen und sich zu bedanken“, erklärte die Göttin. „Die Natur bietet an und gibt, ohne etwas dafür zu erwarten. Das ist so ihre Art. Aber die Menschen ernten
nicht, sie rauben und plündern. Achtlos, gedankenlos und voller Gier. Darum bekommen sie auch nur die Materie, nicht aber die Energie, die in den Dingen steckt.“ Sie lächelte in Erinnerung und
setzte nach: „Sie finden die Dinge, wie die Schweine die Trüffel finden. Und dann besitzen sie die Dinge. Aber sie verstehen sie nicht. Weil die Dinge ihren wahren Wert für die Menschen erst
durch die Beziehung erhalten, den die Menschen mit ihnen eingehen.“
Überrascht sah Max sie an. Und sie lachte um abwehrend die Hände zu heben.
„Das ist nicht vor mir“, gestand sie. „Das hat ein Mensch geschrieben. Ein außerordentlicher Mensch. Einer, der uns nie sah und der uns doch verstand. Es ist die Achtsamkeit, den die Wert eines
Krautes ausmacht. Die Wertschätzung, die ich der Pflanze entgegen bringen. Darum schmeckt auch alles aus ihren eignen Gärten immer besser, als das, was sie kaufen. Weil jedes Ding mehr ist, als
nur seine Bestandteile. Weil sich immer hinter einem noch etwas anderes versteckt. Und jedes sich doch erst durch seine Grenzen definiert.“
Max zerrieb die Nadeln zwischen seinen Fingern und roch wieder daran.
„Energie“, meinte er gedankenverloren und sah doch, wie der Mops zu seinen Füßen den Kopf schief legte. „Einer meiner Lehrer meinte einmal, dass im Endeffekt alles nur Energie ist. Und die
Materie eigentlich nur eine hilfreiche Illusion.“
Der Hund starrte ihn verwirrt an und Max bemerkte die gleichen Blicke von dem Kater und der Göttin.
„Quantenphysik“, meinte er entschuldigend und zuckte mit den Achseln. „Nichts, das man auch nur annähernd erklären oder verstehen könnte.“
Pablo wurde allmählich unruhig und Max bemerkte, dass ihn auch die Göttin wieder mit einem abschätzenden Blick beobachtete, der ihm so gar nicht gefallen wollte.
„Ich glaube, es wird Zeit für uns“, meinte er und Pablo machte sich sofort auf den Weg zur Tür. Die Tasche hatte er entweder vollkommen vergessen oder er ignorierte sie bewusst. Und auch den Hund
empfand er offensichtlich nicht mehr als Gefahr. Um so überraschter waren alle drei, als das göttliche Wesen in die Hocke ging und befahl: „Noodles, komm her zu mir.“
Sofort trabte der Mops in seinem schwankenden Gang zu ihr. Aber es entging weder Mensch noch Kater, dass er es etwas verhalten tat. Als erwarte er eine Strafe oder Unannehmlichkeiten. Stattdessen
nahm sie ihn hoch und drückte ihn fest und liebevoll an sich.
„Danke, guter Noodles“, meinte sie leise. „Vielen, vielen Dank mein Noodles! Du warst in all den Jahren der Einsamkeit ein guter Freund und ein großartiger Beschützer. Ich weiß nicht, wie ich dir
für alles jemals danken soll. Aber -„ Sie setzte ihn zu Boden, so dass er sie ansehen musste. „Aber mein guter Noodles, ich werde jetzt viel unterwegs sein müssen. An Orte gehen, wo du nicht hin
kannst. Darum möchte ich, dass du mit den Beiden gehst. Sei ihnen ein so guter und so treuer Freund, wie du mir warst.“
„Aber -“ jappste der Mops jämmerlich doch sie legte ihm den Finger auf die weiche, dunkle Schnauze und er schwieg. Auch wenn ihm deutlich anzusehen war, dass ihm diese Entwicklung ganz und gar
nicht passte. Max und Pablo wirkten ebenfalls nicht wirklich erfreut. Doch sie hockte da, die Hand noch immer auf dem Kopf des kleinen Hundes und sah Max durchdringend aus ihren strahlenden Augen
an.
„Versprich mir, dass du gut für den Kleinen sorgst“, forderte sie. „Einen besseren und treueren Freund wirst du nicht finden.“
Pablo machte in Geräusch als wollte er in sich hinein fauchen und Max schüttelte den Kopf.
„Noodles gehört zu Euch Göttin. Ihr gehört zusammen. Und ich glaube auch nicht, dass er von Euch weg will. Er wird Euch begleiten, ganz sicher. Egal, wohin Ihr geht, er wird bei Euch sein.“
Wieder sah sie auf den Hund, der sie bittend und treuherzig aus seinen feuchten Augen anhimmelte und dann wieder auf den Menschen. Lange auf den Menschen.
„Er muss mit dir gehen“, entschied sie endlich. „Du wirst ihn brauchen.“
Max wollte etwas entgegnen, entschied sich aber stattdessen zu fragen: „Sagt die Göttin der Weissagung?“
„Sagt die Göttin der Weissagung.“
Max sah zum Kater und der schüttelte nur resigniert den Kopf. Dann ging er seufzend in die Knie und streckte die Hand aus.
„Komm her Noodles“, sagte er mit leiser Resignation in der Stimme. Noch ein Reisegefährte, noch eine Verantwortung und die Antwort war noch immer so weit entfernt wie am Anfang. Tatsächlich
setzte sich der Hund ohne Widerrede in Bewegung und kam zu ihm. Und es war zu sehen, dass dem Kleinen ein jeder der Schritte schwer fiel. Immer schwerer, je weiter er von seiner geliebten Herrin
weg kam. Max kraulte ihm endlich den Kopf, aber der Mops sah ihn nicht an.
„Ich werde gut auf dich Acht geben, mein Kleiner“, meinte Max leise. Und hörte, dass die Göttin murmelte: „Ich hoffe es.“
Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, als sie die Augen schloss und ihr starres Gesicht hinter ihren Händen versteckte. Tief atmete sie durch und hauchte noch einmal: „Blut und Schmerz
und Tränen.“
Dann atmete sie tief durch, nahm die Hände vom Gesicht und streckte sich.
Wie ein großer, schwarzer Klumpen fiel die Krähe von der Straßenlaterne und flatterte aufgeregt.
„Krähe!“, jappste der Mops erschrocken und machte überrascht einen Satz zur Seite. Doch Max meinte: „Das ist Minerva, Noodles. Sie gehört auch zu uns. Minerva, das ist Noodles. Er begleitet uns
ab jetzt.“
„Max! Max!“, rief die Krähe aufgeregt und verwirrt durch den Hund, der auf sie zu tappte. „Max! Da sind -“
„Ich hab sie schon gesehen“, nickte Max resigniert und atmete tief durch. Die große schwarze Limousine aus deutscher Wertarbeit war in der engen Straße unmöglich zu übersehen. Eher wirkte sie wie
ein Wal in einem Aquarium voller Goldfische. Max atmete noch einmal durch und ging dann schnurstracks auf das dunkle Auto los. Irgendwo oben hinter ihm schimpfte die Stimme eines Spatzen,
dass so etwas einfach nicht ging. Das war unerhört. Alle Sinne in dem Menschen waren gespannt, als er über die Straße ging. All die Stimmen deutlich zu vernehmen. Jede Bewegung präsent. So
entging ihm auch nicht, dass die kleine Gestalt an der Ecke für einen kurzen Augenblick unter den buschigen Brauen hoch sah. Ein intensiver Blick aus roten Augen traf Max, dann war der Kopf
wieder gesenkt und niemand zeigte Interesse für die unbeachtete Gestalt. Auch nicht die Amsel, die über ihm auf einer Laterne saß. Aber da hatte Max schon die Straße überquert. Als er näher an
den Wagen kam glitt die Scheibe des rückwärtigen Fensters nach unten und gab den Blick in den Fahrgastraum frei. Gleichzeitig stieg Turok auf der anderen Seite aus. Und auch der Fahrer, ein
riesiger Schrank von einem Kerl, der mit seinem schwarzen Anzug wirkte, als wolle er die Sonne verdunkeln. Überrascht fiel Max erst jetzt auf, dass sich die Vampire ohne jegliche Einschränkung im
hellen Tageslicht bewegten! Noch so eine Geschichte, die offensichtlich falsch war. So wie das mit dem Knoblauch. Doch schon im nächsten Augenblick hatte er es geschafft die wirren Gedanken zur
Seite zu schieben.
„Hallo Turok“, begrüßte ihn Max und nickte in den Wagen. „Ich fürchte, ich habe keine all zu guten Nachrichten für euch.“
„Was wären schon gute Nachrichten“, brummte der junge Vampirfürst aus dem Zwielicht des Wagens und blinzelte den Menschen finster an.
„Eine gute Nachricht, mein Fürst, wäre“, entgegnete Max ruhig, „wenn ich euch nicht erkannt hätte. Wenn ich wieder dumpf und taub wie alle Menschen gewesen wäre. Aber ich kann euch nach wie vor
erkennen – und ich kann nicht zurück. Was nicht unbedingt eine schlechte Nachricht ist. Wie Turok mir gestern verdeutlichte, muss man als Mensch nicht unbedingt ein Feind der Vampire sein. Und
ich versichere Euch mein Fürst, dass ich nicht ein Feind der Vampire sein möchte. Aber ich möchte wissen, was ich bin. Und warum ich bin. Es kann sich dabei natürlich auch heraus stellen, dass
ich ein Problem für euch bin. Das wäre leider möglich, durchaus. Aber zumindest kann ich Euch versichern, dass es nicht in meiner Absicht liegt, für irgend jemanden zum Problem zu werden.“
Turok starrte ihn ebenso überrascht an wie der junge Vampir in dem Wagen. Sie ahnten natürlich nicht, dass sich Max die halbe Nacht überlegt hatte, wie er mit ihnen umgehen sollte. Weil ihm klar
geworden war, dass er ihnen nicht so einfach entwischen würde.
Der junge Vampir lehnte sich in den Sitz zurück, strich die gepflegten Haare über die Schulter, kratzte sich am Kopf, verschränkte die Arme, öffnete sie wieder, legte die Hände auf die Schenkel,
lehnte sich wieder nach vorne. Max hätte gewettet, dass er am Liebsten ebenfalls ausgestiegen wäre. Doch das wollte er mit seiner Würde nicht vereinbaren. Der starre und böse Blick der Frau neben
ihm hatte sich nicht verändert seit ihrer ersten Begegnung. Und Max vermied es diesmal, sie direkt anzusehen. Dafür sah er auf und dem jungen Fürst der Vampire direkt in die eisblauen Augen. Er
fühlte direkt, wie Pablo und Minerva hinter ihm vor Schreck erstarrten. Und wie die Lähmung ihn selbst befiel.
„Ich glaube noch immer, es wäre besser Antworten zu finden“, brachte er mühsam heraus. „Was, warum und weswegen. Dann kann eine Entscheidung getroffen werden. Die Göttin war eben so wenig
hilfreich wie der Engel. Einen neuen Begleiter habe ich bekommen und ein neues Ziel. Einen Mann aus der Vergangenheit soll ich suchen, irgendwo im Osten Deutschlands. Ich will die Antworten, ich
brauche sie, und ich glaube, Ihr auch, mein Fürst.“
Eine lange, eine sehr lange Zeit sahen sich die beiden Männer an. Bis endlich ein zynisches Lächeln über das Gesicht des Vampirs flog.
„Der Fürst, das ist mein Vater“, erklärte er spitz. „Das hat Turok dir sicher erzählt. Aber ich beginne zu verstehen, warum er dich zu schützen versucht.“
Dabei schloss er die Augen und schüttelte leicht den Kopf. Max fühlte geradezu wie sich der Bann löste. Und empfand es als bei weitem weniger unangenehm als beim ersten Mal. Trotzdem war es eine
Erfahrung, die er nicht so schnell wiederholen wollte.
„Turok steht loyal zum Clan“, warf er ein. Und es klang ein ganz klein wenig nach einer Ermahnung. „Und Ihr wisst, dass kaum einer so loyal zum Clan steht, wie er. Wer immer Fürst des Clans ist,
der kann froh sein, solche Männer zu haben.“
Die Frau in dem Wagen wollte sich einmischen, aber der junge Fürst wischte sie weg wie ein lästiges Insekt. Dann holte er tief Luft.
„Ach du heilige ...“, kam ihm der Kleiderschrank von einem Fahrer zuvor. Er starrte auf die andere Straßenseite und alle Blicke folgten ihm. Selbst Pablo und Noodles, die Max inzwischen bis auf
wenige Schritte gefolgt waren, wandten sich um.
Aus dem Haus war eine Frau getreten und ging jetzt leichten Schrittes zielstrebig die Straße hinunter. Nicht sehr groß, schlank und sehr weiblich würde sie viele Blicke auf sich ziehen. Und für
Max und die Vampire leuchtete dazu das hüftlange, goldene Haar wie eine zweite Sonne.
„Das - die Carmentis!“, setzte der Fahrer heiser nach. Und Turok entfuhr ein: „Die alte Schachtel?“ Um sich dann zu Max zu wenden: „Was hast du getan?“
Der Mensch zuckte entschuldigend mit den Schultern und grinste schief.
„Ich habe gar nichts gemacht“, lachte er. „Na ja“, gestand er aber mit einem unbestimmten Wiegen des Kopfes ein, „ich habe ihr erklärt, dass Weissagungen wohl keineswegs der Vergangenheit
angehören. Und dass wir uns heute noch viel mehr auf Prophezeiungen und Prognosen verlassen, als wir es uns selbst eingestehen wollen.“
Wieder zuckte er mir den Schultern und hob entschuldigend die Hände. Der junge Fürst starrte der Göttin nach, dank sank er in den Sitz zurück und senkte nachdenklich den Kopf.
„Töte ihn!“, zischte die Frau im Wagen. „Töte ihn, so lange du noch kannst. Du siehst, wozu er im Stande ist!“
Der junge Fürst sah sie an und nickte dann.
„Eine Möglichkeit“, meinte er langsam. „Eine einfache, schnelle. Turok?“
„Die andere Möglichkeit wäre zu sehen, ob er nicht vielleicht auch eine eben so große Hilfe sein kann. Keine schnelle Lösung, dafür aber eine, die Risiken in sich trägt.“
Wieder senkte der Vampirfürst den Kopf und betrachtete eingehend seine schlanken Hände, den schweren Ring daran.
„Was wirst du jetzt machen“, fragte er endlich leise.
„Ich werde nach Osten gehen“, erklärte Max ernsthaft. „Ich werde diesen Mann suchen und ich werde sehen, was geschieht. Allmählich glaube ich nicht mehr, dass mich jemand in meine Welt zurück
schicken kann. Ehrlich gesagt, ich weiß inzwischen nicht einmal mehr, ob ich das überhaupt noch möchte. Vielleicht kann er mir Antworten geben, vielleicht schickt er mich auch wieder nur weiter.
Wenn ich Antworten bekommen, Antworten, die mich, Euch und den Fürsten zufrieden stellen, dann werde ich zurück kommen und euch berichten.“
„Auch, obwohl ein Werwolf dein bester Freund ist“, meldete sich Turok zweifelnd zu Wort.
„Mein bester Freund ist ein Werwolf, zufällig, ja“, bestätigte Max. „Und er ist mein Freund, weil er mein Freund ist, nicht, weil er ein Werwolf ist. Außerdem - EIN Werwolf, nicht die Werwölfe
ist mein Freund. Und ich schätze dich, Turok. EINEN Vampir, nicht die Vampire an sich.“
Das Fauchen der Frau meinte er an seiner Kehle zu fühlen, aber ihm war bewusst, dass nur klare Fronten seine Haut retten konnten. Trotzdem seufzte er.
„Ich habe mich nie mit der Welt befasst, in der ihr lebt. Ich weiß so vieles nicht. Vielleicht liegt ja gerade darin der Sinn, die Chance, die Gefahr. Ich weiß es nicht. Ich wusste nicht, dass
Vampire im Sonnenlicht stehen und ich wusste nicht, dass Menschen wie Gespenster wirken können. Und ich habe nicht die leiseste Ahnung, wer oder was der kleine Mann mit seinen roten, brennenden
Augen dort hinten an der Ecke ist.“
Hätte er eine Bombe in den Wagen geworfen, wäre die Reaktion kaum anders gewesen. Der junge Fürst erstarrte und wurde noch blasser, sie drängte sich in eine Ecke und fingerte hastig an dem
Vordersitz. Turok und der Fahrer hatten mit einem Mal Waffen in der Hand um sich sichern umzusehen.
Max konnte nicht verhindern, dass ihm erstaunt der Mund offen blieb.
„Was - hab ich - “, murmelte er verwirrt.
„Assassin!“, hauchte sie. Und es klang mit einem Mal ganz und gar nicht böse.
Max ruckte herum, doch die Ecke war leer. Die unscheinbare Gestalt war verschwunden und, obwohl Max meinte jedes einzelne Insekt in seinem dröhnenden Kopf zu hören, hatte er nichts davon
mitbekommen.
„Dort an der Ecke“, erklärte er und wies hinüber, „dort ist ein Bettler gesessen. Klein, dunkelhaarig, ziemlich heruntergekommen. Genauer habe ich ihn mir nicht angesehen. Aber als ich aus dem
Haus gekommen bin, als Noodles Minerva getroffen hat, da hat er ganz kurz aufgesehen. Und ich konnte seinen Blick direkt fühlen. Irgendwie rot, brennend. Sehr unangenehm, aber kein
Fangblick.“
Turok ließ seine Augen beständig über die Häuser wandern.
„Wir sollten hier weg!“, drängte er und augenblicklich hatte der Fahrer die Waffe weggesteckt und stieg in den Wagen.
Der junge Fürst saß mit verkniffenen Lippen da und nickte leicht.
„Sie sind vor ein paar Jahren erst aufgetaucht“, erklärte er dann leise. „Mörder sind sie. Attentäter. Rächer für irgendwas und nichts. Keiner weiß es genau und sie selber wohl auch nicht. Aber
sie sind gut. Erschreckend gut.“
Das Letzte hörte Max nur mehr verschwommen, weil die Scheibe nach oben surrte. Der Wagen fuhr an und schoss die Straße hinunter. Ließ einen verdutzten Kater und einen verwunderten Mops zurück.
Und einen Menschen, der an seiner Unterlippe kaute und überlegte. Und dann leise meinte: „Assassins Creed? – Also alles, woran die Menschen glauben wollen? Sehr interessant.“
Max öffnete die Beifahrertür und sah Hund und Kater erwartungsvoll vor sich sitzen.
„Hinter dem Sitz gibt es eine Transporttasche. Wenn wir in eine Kontrolle kommen, müsst ihr jetzt wohl beide da rein“, erklärte er.
Noodles schüttelte sich, sprang dann auf den Beifahrersitz und von dort nach hinten.
„Ich sitze hinten“, erklärte er. „Viel lieber. Besser Sehen. Fenster aufmachen?“
Max sah ihm überrascht zu und schüttelte grinsend den Kopf.
„Warum liebt ihr Hundes es nur so den Kopf in den Fahrtwind zu halten?“
Es war nur eine rhetorische Frage, doch der Mops setzte sich auf sein Hinterteil und sah ihn ruhig aus seinen blanken Knopfaugen an.
„Es handelt sich dabei wahrscheinlich um ein genetisch bedingtes Wohlgefühl durch die Simulation eines schnellen Laufes verbunden mit der Multiplikation der Geruchspartikel, welche durch den
Luftstrom auf die Sinneszellen treffen und so eine rauschähnliche Überstimulation bewirken.“
Überrascht sahen sich Mensch und Kater an.
„Der kann auch ganze Sätze“, verwunderte sich Pablo und sprang beleidigt auf den Beifahrersitz. Wie zur Bestätigung meinte der Hund von hinten jappsend: „Geht's los? Fahren! Fahren!“
Max lachte und stieg auch ein. Aber er fuhr noch nicht los. Der Routenplaner auf seinem Smartphone zeigte ihm an, dass sie sechs Stunden unterwegs sein würden. Max dachte an die Fahrt nach Trier
und war sich sicher, dass sie wohl unterwegs übernachten würden müssen. Zumal er nicht die leiseste Ahnung hatte, wie er einen Mann aus der Vergangenheit in Bad Kötzingen finden sollte. Irgendwo
im Bayrischen Wald. Vielleicht konnten sich die Vampire doch noch als nützlich erweisen. Schließlich hatte der Vampir gestern eindringlich darauf bestanden, dass Max seine Telefonnummer
einspeicherte. Da konnte er ihn nach deren überstürzten Aufbruch genau so gut auch anrufen.
Doch das Gespräch sollte sich als wenig ergiebig erweisen. Nach einer ganzen Weile legte Max sein Telefon wieder auf die Ablage und startete den Wagen. Inzwischen war er ganz froh, dass Turok ihm
seine Telefonnummer aufgedrängt hatte, aber wirklich helfen konnten ihm die Vampire auch nicht. Selbst ihre Alte Frau wusste nicht mehr, als dass dieser Manfred Grün einer der ganz Alten sein
musste. Irgendwo dort hinten im Bayrischen Wald. Nein, sie hatten keine Kontakt und wussten auch nicht einmal Genaueres über ihn zu berichten. Allmählich verstärkte sich in Max der Eindruck, dass
diese Wesen ebenso blind und uninteressiert durch ihre Welt stolperten, wie sie es den Menschen immer vorwarfen. Zumindest die Vampire schienen sich in erster Linie nur um sich selbst und ihre
Geschäfte zu kümmern.
Max setzte mit dem Wagen zurück um aus der Parklücke zu kommen und sah dabei den Hund ausgiebig die Rückbank beschnüffeln.
„Komm mir nicht auf dumme Ideen, du da hinten“, brummte er. „Wenn ihr nach draußen müsst, dann sagt ihr das rechtzeitig.“
„Ich könnte was zu fressen vertragen“, mischte sich Pablo ein nachdem er die ganze Zeit schweigend da gelegen hatte. Und bevor Max etwas antworten konnte, bellte der Hund von hinten: „Nicht dein
Wagen.“
„Woher willst du das wissen?“
„Läufige Weibchen“, jappste der Kleine. „Zu viele! Hier drinnen. Nicht deiner!“
Max lachte überrascht und ein wenig beleidigt auf. Dann dachte er an Looni und seinen Erfolg beim weiblichen Geschlecht. Lag der vielleicht nicht nur an seinem trainierten Körper sondern doch
auch an der Wildheit des Wolfes? An der Treue des Hundes? Trug er vielleicht wirklich all das in sich. Und die Frauen spürten das.
„Ich möchte mal raus aus der Stadt und ein wenig Entfernung zwischen uns und die Vampire bringen“, meinte er. „Für den Fall, dass sie ihre Meinung doch noch ändern.“
Kater und Hund stimmten ihm schweigend zu und Max dachte wieder an Looni. Und, dass er sich nun wirklich bei ihm melden musste. Und er dachte an Mandy. Sie konnte sich wohl nicht sicher sein, ob
er nur ein wenig verrückt oder schon gemeingefährlich war. Dass Max ihr erzählt hatte, es wäre ein Vampir gewesen, was sie da auf dem Schirm gesehen hatte, das hatte sicher nicht dazu
beigetragen, sie zu beruhigen. Aber ohne es sich erklären zu können dachte Max gar nicht mehr daran, ihr die Wahrheit zu verschweigen. Die Wahrheit – wie er sie sah. Es bestand ja immer noch die
Möglichkeit, dass er sich das alles nur einbildete. Dass er im Drogenrausch zu Hause im Bett lag und alles nur phantasierte. Von Traumbildern und surrealen Eindrücken geplagt wurde. Nein,
entschied er und atmete tief ein während er sich durch den Stadtverkehr quälte. Für einen Drogenrausch war das alles hier zu realistisch und zu nervig. Viel zu viele achtlose Menschen auf den
Straßen und viel zu viel Adrenalin in seinem Körper. Nicht, dass er viel Erfahrung mit Drogen gehabt hätte. Vor Jahren, während seines Studiums, da hatte er mit seinen Freunden und
Studienkollegen mal herum probiert, aber er hatte immer zu viele Bedenken gehabt um wirklich hinein zu fallen. Außerdem - Programme, Viren und Bots, Architekturen und Analysen boten ihm genug
Ablenkung um sich darin zu verlieren. Programmzeilen waren seine Drogen, damals wie heute. Und da hatte es genügend euphorische Räusche und Abstürze in die tiefste Verzweiflung gegeben. Technik
hatte ihn immer schon mehr angezogen als die Menschen, und so war es geblieben. Ein paar Bekannte gab es, wenn er so überlegte. Nerds wie er selbst, mehr war da nicht in seinem Leben. Ja, wenn
man es ganz genau nahm, dann waren all seine Beziehungen zum anderen Geschlecht auch nur darauf zurück zu führen, dass er im Schlepptau von Looni hing. Nein, nicht alle! Die Frau mit dem Border
Collie hatte er ohne Looni kennen gelernt. Mandy und Mandy. Was veranlasste diese Frau eigentlich mit ihm zu reden? Noch immer, nach all den wirren und haarsträubenden Geschichten, die er ihr
erzählt hatte. Max wusste es nicht. Eben so wenig, wie er wusste, warum er nicht einfach Looni endlich anrief sondern ausgerechnet ihr die Wahrheit erzählte. Vielleicht war es die Entfernung,
überlegte er, der Schutz durch den Bildschirm. Zu Hause hätte sie ihm die Tür wahrscheinlich nicht geöffnet. Hinter dem Bildschirm, das war für viele eine sichere Distanz. Als würde das Schutz
bieten! So wie viel zu viele Menschen meinten, unbekannt und sicher zu sein, wenn sie zu Hause am Bildschirm ihre Meinung und ihren Frust mit der Welt teilten. Er selbst war da kaum anders.
Vielleicht nahm er sich nur weniger Zeit um seinen Missmut über manche Dinge ins Internet zu meißeln.
So hing er seinen Gedanken nach, als sie fuhren. Das Wetter war nicht berauschend, die Sonne versteckte sich hinter dicken Wolken, aber es blieb trocken. Unmerklich hatte auch seine Anspannung
nachgelassen nachdem sie die Stadt endlich verlassen hatten. War es doch schon wieder Jahre her, dass er das letzte Mal mit einem Auto gefahren war, und Stadtverkehr war sicher nicht einfacher
geworden. Aber offensichtlich verlernte man manche Dinge wirklich nicht. Sie kamen bei Heidelberg und Heilbronn vorbei, und auch die Umfahrung von Nürnberg stellte sie vor kein Problem. Die
Landschaft wogte in dem ruhigen Auf und Ab der Hügel neben ihnen her und nachdem Max in der ersten Zeit kein Fahrzeug entdecken konnte, das ihnen zu folgen schien, begann er sich weiter zu
entspannen. Schneller als er gedacht hatte wurde das ungewohnte Lenken eines Autos zur Normalität und manchmal hatte er sogar Spaß dabei. Sie machten ihre Pausen, die Noodles jedes Mal dazu
benutze um sich zu erleichtern und Pablo um ein wenig zu fressen. Von Minerva hatte Max seit Trier nichts mehr gesehen. Aber wenn er neben dem Wagen stand, dann konnte er fühlen, dass sie
irgendwo hoch oben in den grauen Wolken schwebte und sie beobachtete. Max sah Noodles zu, der in seinem torkelnden Gang um ein dürres Gebüsch herum schnüffelte und begriff mit einem Mal, dass
diese Beiden – oder diese Drei – mehr waren, als nur irgendwelche Tiere, mit denen er eben mal zufällig die Richtung teilte. Sie hatten seine Sache ganz selbstverständlich zu der ihren gemacht.
Sie waren Freunde auf der selben Suche. Und sie würden für ihn eintreten, so wie Max ihnen gegenüber eine Verantwortung empfand, die ihn überraschte. Verantwortung war immer etwas gewesen, was er
möglichst weit von sich geschoben hatte. Seine Arbeit war eine Sache, aber andere sollten tun und lassen was sie wollten. Sollte ihn nach Möglichkeit nicht behelligen. Und mit einem Mal war alles
– ganz anders? Selbst Mandy hätte ihn wohl für verrückt erklärt, für noch verrückter, wenn er versucht hätte ihr begreiflich zu machen, dass er die Drei inzwischen als durchaus gleichwertig
empfand. Es war erstaunlich, wie schnell sich das Bild verschob. Es war unmöglich auf jemanden herab zu sehen, wenn man mit ihm redete. Das lag nicht nur an seiner veränderten Wahrnehmung. Das
war eine Erkenntnis, mehr ein Gefühl, dem er sich nicht verschließen konnte.
Sie schafften es tatsächlich noch bei Tageslicht in der kleinen bayrischen Gemeinde anzukommen um an einem Kreisverkehr mit Tankstelle anzuhalten. Max schaltete das Navi aus und sah seine beiden
Begleiter nachdenklich an.
„Ich gehe mal davon aus, ihr beide habt keine Idee, wo man hier einen Mann aus der Vergangenheit finden kann.“
Hund und Kater sahen ihn an und sagten nichts. Der Mensch hatte auch nichts erwartet. Der hatte sein Smartphone in der Hand und kaute nachdenklich an seiner Lippe.
„Vielleicht gibt es hier so etwas wie ein historisches Institut“, überlegte er laut. „Einen Professor für Geschichte an der örtlichen Schule gibt es sicher. Oder es gibt ...“
„Krähe!“, unterbrach Noodles und alles sahen nach draußen. Mitten in dem Kreisverkehr stand eine Metallsäule an der unzählige Tafeln in unterschiedlichsten Farben angebracht waren. Und oben auf
saß Minerva und äugte neugierig zu ihnen nach unten. Aber auch sie wusste offensichtlich nicht, wie es weiter gehen sollte. Die Tafeln an der Säule wiesen Wege zu den unterschiedlichsten Orten,
Einrichtungen und Firmen. Und Max lies automatisch seinen Blick darüber gleiten aber er entdeckte nichts, was ihnen hätte helfen können. Allerdings, ein paar Gasthöfe und zwei Hotels waren dabei,
die sollte er sich merken. Der ewig hungrige Kater starrte wahrscheinlich die Tafel von McDonalds an. Max wollte schon vorschlagen, dass sie sich vorerst mal eine Bleibe suchten und dann weiter
überlegen konnten, als Pablo fragte: „Was hat sie gesagt? Welche Vergangenheit?“ Max war zu überrascht um zu antworten, doch der Kater legte den Kopf schief und gab sich die Antwort selbst. „Eine
Vergangenheit, in der noch jedes Ding seinen Wert hatte.“ Noch immer starrte er auf die Säule mit den Tafeln und drehte sich dann doch zu dem Menschen um.
„Max“, fragte er. „Was ist ein Wertstoffcenter?“
„Müllhalde!“, bellte Noodles und schüttelte sich das seine Lefzen flogen. „Abfall! Scharf! Fressen!“
Aber Max überlegte noch und kratzte sich am Kinn.
„Eine Sammelstelle für Dinge“, grübelte er und gestand dann ein: „Eine Müllhalde. Eventuell eine Firma, die Sachen wiederverwertet. Auf jeden Fall haben Dinge dort ihren Wert, den sie für andere
nicht mehr haben. Einen Wert aus der Vergangenheit. Alte Dinge. Einen Antiquitätenhändler zu finden wäre auch nicht schlecht. So was gibt es hier sicher auch. Gut, eine Idee ist so gut wie jede
andere“, meinte er und zuckte mit den Achseln. „Und irgendwo müssen wir anfangen. Da wir vorerst nichts anderes haben - versuchen wir es. In der Richtung liegt auch so einige Unterkünfte.
Notfalls sehen wir dort weiter.“
Er öffnete das Fenster und streckte den Kopf hinaus, aber die Krähe machte keine Anstalten zu Ihnen zu kommen. Also wies er nur in die Richtung, in der sie fahren würden und Minerva flog
auf.
Sie folgten den Schildern quer durch die kleine Stadt und kamen am anderen Ende wieder heraus. Auch außerhalb der Stadt sollte es noch eine ganze Weile dauern, bis sie endlich von der Hauptstraße
abbogen um schon nach wenigen Metern vor einem verschlossenen Gittertor zu stehen. Niemand war zu sehen und das Gelände offensichtlich verlassen. Auch daran erkannte Max, dass es Abend
wurde.
Der Mops auf den Rücksitz schüttelte sich. Wieder. Und wieder. Und wieder. Das die Hautfalten nur so klatschten. Der Kater dagegen saß ganz starr da und hatte mit seinem gesträubten Fell fast den
doppelten Umfang.
„Was ist?“, fragte Max. Doch Pablo fauchte nur: „Das müsstest sogar du bemerken!“
Tatsächlich fühlte auch Max wie sich die Haare in seinem Nacken und an seinen Armen aufstellten. Ein Prickeln, als läge eine Spannung in der Luft. Er stieg aus dem Wagen, aber das unruhige Gefühl
wurde nur stärker.
„Habt ihr so was schon mal erlebt?“, fragte er, aber die Beiden schüttelten nur die Köpfe und kamen ebenfalls steifbeinig und zögernd aus dem Wagen. Ein dunkler Schatten kaum aus den Wolken und
mit einem Mal sprang Max vor, winkte wie wild mit den Armen und rief: „Nicht auf dem Tor! Nicht auf dem Tor!“
Die Krähe fing sich elegant ab und landete auf einem dünnen Zweig neben dem Trio, der sich unter ihrem Gewicht bedenklich nach unten bog.
„Wenn das Tor unter Strom steht, dann wärest du gegrillt worden“, erklärte Max und die Krähe plusterte und schüttelte sich, sagte aber nichts. Dabei schwankte der dünne Zweig noch bedenklicher
und hörte nicht auf zu schwanken. Denn auch der Vogel schien die Spannung zu fühlen und war unruhig. Max trat näher an das massive Schiebetor und betrachtete es. Ein rundes Verkehrsschild
verkündete, dass „Einfahrt verboten“ war und hing in der Mitte. Doch sonst war nichts zu sehen. Kein Hinweis auf Hochspannung oder Lebensgefahr. Warum sollte auch jemand eine Müllhalde mit einem
Elektrozaun sichern? Der Mops war neben ihn getreten und schnüffelte vorsichtig an den Metallstäben. Dann schüttelte er sich und setzte sich auf sein Hinterteil.
„Nichts!“, bellte er. „Kein Strom!“
„Wenn du meinst“, antwortete der Mensch nicht wirklich überzeugt und kaute auf seinen Lippen.
„Wenn nicht isoliertes Metall unter Spannung gesetzt wird“, setzte Noodles an, „dann reagieren die Elektronen mit dem Luftsauerstoff und es entsteht an der Oberfläche Ozon, welches ich riechen
kann. Bei Hochspannung kann so viel entstehen, dass selbst du als Mensch es riechen müsstest. Aber warum sollte jemand eine Müllhalde mit einem Elektrozaun sichern?“
Der Mops zog die Lefzen zu einem breiten Grinsen nach hinten und Max entschied für sich, dass es ihm eigentlich lieber war, wenn der Hund nicht in ganzen Sätzen sprach. Trotzdem ging er an dem
Schiebetor entlang zu der kleinen Tür und legte die Hand vorsichtig auf den Griff. Tatsächlich traf ihn kein elektrischer Schlag und er entdeckte, das die Tür nicht versperrt war und sich öffnen
lies. Max gab Pablo und Noodles den Vortritt und selbst Minerva hüpfte durch die Tür, obwohl sie ohne weiteres über den Zaun hätte fliegen können. Mit jedem Schritt, den sie weiter auf das
Gelände machten, fühlte es sich an, als würde die Atmosphäre dichter. Als könnte Max die Luft fühlen, wie er Wasser fühlte, wenn er schwamm.
„Ich bin neugierig, wer hier wohnt“, meinte er während sie an kleinen, grünen Hügeln vorbei gingen die spärlich mit dünnen Birken bewachsen waren. Keine Spur von Müll. Doch sie hatten den zweiten
Hügel noch nicht ganz hinter sich gelassen, als zwei halbhohe Schatten um den nächsten kamen und sich ihnen in den Weg stellten.
Noch nie hatte Max so riesige Hunde gesehen. Sie mochten Rottweiler sein, aber ihre hoch gereckten Köpfe befanden sich etwa auf der Höhe seiner Brust und das braunschwarze Fell schimmerte in dem
Abendlicht metallisch.
Die beiden Riesen wechselten einen belustigten Blick und fassten dann die Eindringlinge fest ins Auge.
„Sieht aus wie eine verirrte Reisegesellschaft“, meinte der eine und schien zu grinsen.
Bevor Max irgend etwas machen konnte, stürmte der kleine Mops vor und baute sich breitbeinig auf halbem Wege auf.
„Weg! Weg!“, kläffte er lauthals. „Aus dem Weg! Verschwindet! Weg! Macht euch! Weg!“
Einer der Hunde sah irritiert zu Max und fixierte dann den Kleinen, fletschte die mächtigen Zähne und knurrte: „Krieg dich wieder ein, Mops!“
„Ich fürchte“, meinte Max entschuldigend und zuckte mit den Schultern, „wenn Mister Noodles auf seinem Trip ist, dann krieg ihn keiner so schnell wieder ein.“
Merkbar erstarrten die beiden Hunde und fixierten den Menschen überrascht. Der Mops kläffte ohne Pause weiter und überschüttete die Beiden mit haltlosen Drohungen, die sie aber nicht weit weniger
zu interessieren schienen als der Mensch da vor ihnen.
Max war für einen Augenblick so erstaunt, dass er seine Angst vor den beiden riesigen Hunde fast vergaß. Noodles gebärdete sich wie ein übermächtiger Held, der es mit ganzen Armeen aufzunehmen
gedachte. Pablo hatte sich zwischen ihn und Max geschoben und presste sich mit angelegten Ohren flach auf den Boden. So war er vor einem ersten Angriff der Hunde ein wenig geschützt, aber
offensichtlich bereit zum Sprung um dem Mops zu Hilfe zu kommen. Minerva tapste wie nervös herum und kam unauffällig doch immer mehr in die Flanke der beiden Hunde, die starren schwarzen
Knopfaugen unablässig auf die Wächter gerichtet und den scharfen Schnabel vorgereckt. Alles schien gespannt zu lauern und nur noch auf einen auslösenden Moment zu warten. Max sah Muskeln sich
unter dem schwarzbraunen Fell anspannen, sah, dass einer der beiden monströsen Hunde den Kopf leicht senkte und tief Atem holte. Pablo stemmte die Hinterpfoten fest in den Boden und auch Minerva
machte sich flacher um los zu springen.
„Ho!“, rief der Mensch und hob die Arme. „Ho-ho-ho-ho! Immer mit der Ruhe!“ Und dann scharf: „Noodles! Hör auf! Noodles! Noodles!!“
Tatsächlich verstummte der Mops und wendete den Kopf leicht.
„Wir sind nicht hier um Streit anzufangen“, erklärte Max dann langsam. „Wir suchen jemanden, und wir glaubten ihn hier zu finden. Wir sind absolut nicht auf Streit aus! Ganz im Gegenteil brauchen
wir eure Hilfe.“
Ohne sich zu entspannen wechselten die beiden Schwarzbraunen einen schnellen Blick, dann knurrte einer: „Ihr dürft nicht hier sein. Euresgleichen wollen wir hier nicht.“
„Euresgleichen?“, fragte Max. „Eine völlig normale Krähe, ein völlig normaler Kater und ein – nah gut – einigermaßen normaler Hund?“
Noodles drehte den Kopf ganz zu ihm herum.
„He!“, maulte er – und grinste.
Die beiden Wächter schienen sich nun doch ein wenig zu entspannen, aber einer meinte: „Eine Freunde sind nicht das Problem.“
Max nickte und seufzte.
„Ich bin das Problem, ja, ich weiß. Aber darum sind wir hier. Ich bin ein Mensch. Trotzdem verstehe ich euch seit ein paar Tagen. Und ich sehe die Wesen, wie sie wirklich sind. Seit ein paar
Tagen. Ich will wissen, warum das so ist. Und darum sind wir hier. Weil ...“
„Nein!“, bellte einer. „Kein Zutritt. Was immer du bist. Kein Zutritt!“
„Himml! Fix!“, rief eine dröhnende Stimme hinter dem Hügel und sofort drehten die beiden Hunde ihre Köpfe. Nach der Stimme kam der Mann zu dem die Stimme gehörte um den Hügel und Max konnte nicht
verhindern, dass ihm der Mund offen blieb.
Die Gestalt mochte zweieinhalb Meter haben, oder sogar mehr. Eine grüne Latzhose aus Arbeitsstoff trug er, unter der er seinen dichten Bart gesteckt hatte. Sein wallendes, langes, braunes Haar
trug er offen und das war so dicht, das man nicht sagen konnte, ob er darunter ein Shirt trug oder nicht. Die Arme waren jedenfalls tief gebräunt und jeder der Oberarme für sich gut so breit wie
Max Rücken. Hinter dem Mann trotteten zwei weitere Hunde. Aber neben ihm wirkten sie, als hätten sie ganz normale Größe. Doch sie standen den ersten beiden Wächtern um nichts nach.
Rasch kam der Mann näher und Max fühlte, dass sie Spannung größer wurde, wie eine Welle über ihn hinweg lief und er unwillkürlich einen Schritt zurück machte und nach Luft schnappen musste, als
würde er darin ertrinken.
Überrascht blieb der riesige Mann stehen und legte den Kopf leicht schief. Was seine beiden Hunde als Aufforderung verstanden um sich den ersten beiden anzuschließen und eine vierköpfige,
grimmige Mauer gegen die Eindringlinge zu bilden.
„Himml, Fix, Kruzi, Sakra“, meinte der Bärtige darauf hin ruhig. „Entspannt euch.“
Wenn sie das tatsächlich taten, dann bemerkte Max nichts davon. Auf ihn wirkten sie so bedrohlich wie zuvor. Und seinen drei Freunden schien das nicht anders zu gehen.
„Wos hast du eben g'fühlt, Mensch?“, fragte der Bärtige neugierig und fasste Max scharf ins Auge.
„Hier ist es, als wäre die Luft ganz besonders dicht“, stotterte Max wahrheitsgemäß. „Und als du um die Ecke kamst, da war es, als würde eine Welle vor dir her kommen, über mir zusammen
schlagen.“
Der bärtige Riese hob den Kopf und schien die Lippen zu spitzen während er sich über den Bart strich. Noch genauer betrachtete er den Menschen. Lange, um dann einen kurzen Blick auf dessen
Begleiter zu werfen.
„Tiere fühlen meine Gegenwart mehr oder weniger“, brummte er. „So wia Vampire und Werwölfe. Trolle und Zwerge können mi nicht ausstehen. Aber Menschen bekommen zumeist gar ned mit, dass i
überhaupt da bin.“
Er steckte seine Pranken in die Latzhose und hörte nicht auf Max schweigend zu mustern. Dann seufzte er und schüttelte den Kopf.
„Offensichtlich bist du ein Mensch“, brummte er nachdenklich. „Aber einer, den es nicht geben sollte. Du bist auch keiner von den Vier.“
„Vier? Welche Vier?“, blinzelte Max überrascht, aber der Riese winkte nur ab.
„Eine andere Geschichte. Du bist mit einem Wagen da?“
Max nickte und der Mann fasste einen der Hunde ins Auge.
„Himml, mach das Tor auf und führ sie mit dem Wagen nach hinten, wo ihn keiner sieht. Ab und zu kommt die Polizei vorbei“, erklärte er dann Max. „Ein Wagen vor der Tür könnte sie neugierig
machen, und ich will hier so wenig Menschen wie nur möglich haben.“
Damit drehte er sich um und verschwand mit großen Schritten. Die Hunde wechselten einen stummen Blick, dann folgten ihm zwei. Einer setzte sich und einer marschierte schnurstracks an Max vorbei
zum Tor. Dort nahm er den Griff ins Maul und schob scheinbar mühelos das große Schiebetor auf. Max beeilte sich zum Wagen zu kommen, Pablo und Noodles hüpften mit hinein und als der riesige Hund
das Tor hinter ihnen wieder schloss hatten sie alle ein mulmiges Gefühl im Magen.
„Was sollte das eben werden Noodles?“, fragte Max leise.
„Wir sind dazu da! Begleiten und beschützen! Wenn nötig“, knurrte der Mops eben so leise.
„Aber ihr werdet doch nicht so verrückt sein, mit diesen Bestien Streit anfangen zu wollen?“, entschlüpfte es Max verwundert. Doch die Blicke von Mops und Kater waren nicht weniger
verwundert.
„Wir tun, was zu tun ist“, meldete sich Pablo mit ein wenig beleidigtem Stolz in der Stimme zu Wort. „Das ist weder verrückt noch mutig.“
„Menschen denken. Tiere handeln. Notwendiges tun!“
Max schwieg verlegen während der große Rottweiler ihnen mühelos voraus lief und hinter ein paar Hügeln ihnen bedeutete, dass sie den Wagen stehen lassen konnten. Max verschloss den Wagen nicht.
Hier würde niemand etwas stehlen. Und er bot zumindest ein wenig Sicherheit. Wenn man es schafft hinein zu kommen.
Für einen Moment durchzuckte ihn die Frage, warum er so ängstlich war. So viel ängstlicher als er bei den Vampiren gewesen war. Gut, diese Hunde waren Monstren, aber der Mann schien ganz
friedlich zu sein. Und doch, diese ganz Atmosphäre hier, alles schien zu knistern, unter Spannung zu stehen, leise zu vibrieren.
Der schwarzbraune Hund sah sie nur an, nickte und trabte dann schweigend voraus. Sie folgten ihm und auch Minerva flatterte heran.
„Wer ist er?“ fragte Max niemand bestimmten. „Was – ist er?“
Ihr Führer wendete nur den Kopf nach ihm, sagte aber nichts. Auch Pablo und Noodles schienen ratlos. Da flatterte die Krähe auf, setzte sich auf die Zweige eines der kleinen Bäume nebenbei und
krächzte: „Riese! Rübezahl! Grüner Mann!“
Max sah sie überrascht an und konnte mit den Begriffen nichts anfangen. Oder nur wenig. Ein Riese – ja, das war er. Mandy hätte ihm sicher erklären können, was das Gekrächze bedeutete. Wer diese
Figuren waren, und wofür sie standen. Max ahnte nur, dass es etwas sehr Altes sein musste.
Sie umrundeten den nächsten Hügel und standen unvermittelt vor einem geräumigen Blockhaus. Die unbehauenen Stämme glänzten im letzten Licht des Tages. Und so urig dieses Bild auch wirkte, Max
entdeckte die Solarzellen auf dem Dach und das kleine vertikale Windrad dahinter. Vor dem Haus saß der Mann an einem riesigen, für ihn aber normal großen Tisch und sah seinen Besuchern
entgegen.
„Setz di“, meinte er und wies mit der Pranke einladend auf die Bank. „Mag'st ein Bier?“
„Vielleicht später“, meinte Max und blieb stehen, wo er war.
Der Riese grinste, soweit man das bei seinem Bart sagen konnte, und nickte.
„Sieht ein wenig anders aus, als't erwartet hast. Net wahr?“
„Ich wusste nicht wohin ich komme. Also habe ich gar nichts erwartet“, antwortete Max und schüttelte dann den Kopf. „Wobei – Wertstoffcenter. Das ist doch eigentlich eine bessere Müllhalde. Ein
Lager. Aber das hier sieht eher aus wie eine Gärtnerei oder ein Park!“
„Und i seh nicht aus wie der Nachtwächter“, nickte der Riese. „Des liegt daran, dass du nicht mehr wie a Mensch siehst. Menschen seh'n die Dinge. Du siehst jetzt aber net nur die Dinge, sondern a
ihre Beziehungen, ihre Verknüpfungen, ihr'n Hintergrund. Du wirst es versteh'n, wenn du di bemühst net mehr so genau hin zu schauen – wart – i werde dir helfen.“
Der Riese legte beide Pranken flach auf den Tisch, atmete tief durch und schloss die Augen. Im nächsten Augenblick fühlte der Mensch wie sich etwas um ihn verdichtete, auf ihn eindrang, in ihn
eindrang. Ihm unter die Haut ging. Max holte unweigerlich tief Luft und fühlte sich so lebendig wie schon lange nicht. Wie noch nie! Übermütig sah er zu Boden und aus den Augenwinkeln wurden die
grünen Hügeln zu Halden aus Papier und Elektroschrott. Haufen aus Plastik, aus Metall und wieder Papier und Plastik. Halde an Halde. Grauer Beton und Dreck dazwischen. Die Blockhütte wurde zu
einem Bauwagen und der Riese davor schrumpelte zu einem kleinen, alten Männchen.
Max war heiß, Schweiß lief ihm über den Rücken und er schnappte nach Luft. Ihm wurde schwindlig, alles begann sich zu drehen und im nächsten Augenblick erschienen die Hügel wieder grün und der
Mann wieder riesig. Und der dröhnende Schmerz in seinem Kopf war wieder da.
„Ich – kann wieder sehen wie ein Mensch. Wenn ich mich bemühe?“, entfuhr es ihm keuchend. Aber der Riese wiegte nachdenklich den Kopf.
„Mit viel Übung kann man zwisch'n den Sichtweisen der Welten wechseln“, erklärte er. „Aber du bleibst in dieser Welt verankert. Du hörst weiterhin ihre Stimmen und bist a ihren Gefahren
ausg'liefert.“
Max nickte und der Riese holte einen Humpen hervor, öffnete zwei Flaschen Bier und leerte sie vorsichtig mit einer Hand in den Humpen.
„Da is a ganzer Kast'n im Schatten. Wenn'st a Flasche möchtest, bedien di.“
„Danke, vielleicht später“, wehrte Max wieder ab und dachte daran, dass er kaum etwas gegessen hatte und Alkohol somit keine gute Idee war.
Der Mann nickte, stand auf und kaum schon im nächsten Augenblick wieder heraus. Mit einem Brett auf dem sich Brot, Käse und Speck befand. Ein paar Radieschen, Tomaten, Brombeeren und
Stachelbeeren.
Er stellte es vor Max hin und grinste: „Iss was. Hast recht, Alkohol auf leer'n Magen is ka guate Idee.“
Der Mensch war überrascht und der Riese lachte ein dröhnendes Lachen, dass man von ihm vermutet hätte. Dann sah er Max wieder durchdringend an und nickte leicht.
„Es ist nicht so wichtig, wer ich bin“, meinte er, als er wieder saß. Völlig ohne bayrischen Akzent. „Wer du bist, das ist die Frage. Du riechst nach Werwolf, bist aber keiner. Du bist ein
Mensch, unverkennbar. Und doch siehst und hörst du Dinge, die ein Mensch nicht sehen und hören sollte. Holländer bist du, nach deiner Aussprache und mit meinem Bayrisch hast du Probleme.“
Er trank einen tiefen Schluck aus seinem Humpen, kratzte sich am Bart und fuhr dann fort. Auf holländisch und wieder ohne Akzent.
„Du kommst zu mir, ohne zu wissen, wer oder was ich bin. Voller Neugier. Natürlich voller Neugier, du bist ja immer noch ein Mensch.“
Er trank wieder einen Schluck und mit einer Bewegung seiner riesigen Pranke meinte dann, fast ärgerlich: „Jetzt setzt dich schon. Und iss!“
Fast gehorsam setzte sich Max, Pablo sprang neben ihm auf die Bank und starrte ihn mit unendlich großen, runden Augen an.
„Käse“, hauchte er. Und Minerva hinter ihm schielte eindeutig nach dem Speck.
„Du kannst von deinen Tieren noch eine Menge lernen, sieht aus“, brummte der Mann gütlich. Aber Max fuhr herum und suchte nach dem Mops. Der lag ein paar Schritte weiter mit verdrehten Augen auf
dem Rücken während einer der großen Hunde sich über ihn beugte. Jetzt sah der große Schwarze schuldbewusst auf, aber Noodles jappste: „Mehr! Weiter!“ Also senkte der Große wieder den Kopf und
leckte mit seiner breiten, roten Zunge über den Bauch des Mops. Der jappste, verdrehte die Augen und ließ den Speichel laufen.
„Sakra!“, entfuhr es dem Riesen überrascht, er lachte wieder laut und der große Hund sah sich entschuldigend um.
„Der Junge hat wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank“, meinte er. Und quittierte ein „Weiter! Mehr!“ mit einem neuerlichen Lecken.
Der Riese lachte lauthals, Minerva angelte sich ein Stück Speck vom Brett und Max seufzte. Die großen Hunde wirkten immer noch bedrohlich, wenn er sie ansah. Aber sie schienen ihn nicht mehr zu
beachten. Also nahm er sich endlich auch ein Stück Brot, biss ab und kaute. Schlagartig kam der Hunger und er langte kräftig zu. Ohne auf Pablo und Minerva zu vergessen, was gar nicht möglich
war, denn die machten schon auf sich aufmerksam.
„Ich rieche nach Werwolf, weil der Wagen meinem besten Freund gehört. Wahrscheinlich meinem einzigen Freund. Und der ist nun mal einer. Was ich auch erst seit ein paar Tagen weiß. Und, ja, ich
bin Holländer. Wir kommen aus Urk, an der Küste, Pablo und ich.“
„Dann bist du über Frankfurt gekommen.“
„Ja“, bestätigte Max mit vollem Mund. „Ich war blöd genug den Vampiren in die Hände zu laufen. Aber wir haben uns auf einen Deal geeinigt.“
Diesmal stellte der bärtige Mann den Humpen wieder ab ohne getrunken zu haben und sah den Menschen nachdenklich an.
„Du lebst als Mensch in unserer Welt, dein bester Freund ist ein Werwolf, du hast Freunde unter den Tieren und du hast einen Deal mit den Vampiren. Und jetzt sitzt du hier bei mir.“
So, wie der Bärtige es aussprach, klang es fast wie eine Leistung. Aber Max war sich bewusst, dass ihm das alles nur irgendwie passiert war. Mehr Glück als Verstand. Also schüttelte er den Kopf
und meinte: „Ich tapse blind herum und habe wirklich keine Ahnung, was ich machen. Seit ich vor ein paar Tagen in eurer Welt aufgewacht bin habe ich nicht den leisesten Schimmer mehr, was das
alles soll.“ Er stand nun doch auf und holte sich jetzt eine Flasche Bier. „Die alten Tiere bei uns in Urk haben mich zu Michael, dem Erzengel geschickt. Und der schickte mich weiter zu Göttin
Carmentis-Fensal nach Trier. Dabei bin ich auch den Vampiren in die Hände gelaufen. Die Carmentis prophezeite mir, dass ich hier einem Mann begegnen werde, der älter ist als sie. Aus einer Zeit
in der die Dinge noch ihren Wert hatten – und jetzt sitze ich hier.“
„Die kleine Carmentis“, sinnierte der Bärtige verträumt. „Ein verfluchtes Weibsstück, so appetitlich wie gefährlich – verdreht sie den Menschen immer noch den Kopf mit ihren Verlockungen und
Möglichkeiten?“
Max lachte, wiegte den Kopf und bestätigte: „Die Göttin der Weissagung weckt Begehrlichkeiten. Ja, ich fürchte, mehr den je.“ Und, auf den überraschten Blick hin: „Na ja, ich habe ein ziemlich
schwaches, altes Mütterchen vorgefunden. Dann habe ich ihr erklärt, dass die Menschen auch heute noch mehr auf Vorhersagen geben, als man meinen sollte. Und als ich gegangen bin, da war sie – ja
– sie weckte Begehrlichkeiten, eine gute Umschreibung.“
Wieder sah ihn der Mann prüfend an wie am Tor. Und wieder schüttelte er dann den Kopf. Schwieg und sah in sein Bier.
„Wer sind die Vier?“, fragte Max unvermittelt, doch der Bärtige winkte wieder ab.
„Ich sagte doch – eine andere Geschichte.“
„Jede Geschichte kann mir helfen zu verstehen, was mit mir passiert ist“, entgegnete Max.
Der Bärtige überlegte und seufzte dann.
„Es hat nichts mit dir zu tun. Die Vier sind Menschen mit besonderem Gespür für das Leben. Jeder für einen Teil, aber nur das. Nichts mehr. Sie sollten mir helfen, mich unterstützen. Dafür hat
der Träumer sie geschaffen. Aber es hat nichts gebracht. Denn ich brauche keine Hilfe. Und sie sind auch keine.“
„Der Träumer? Wer ist der Träumer? Meinst du Gott?“
Jetzt wurden auch Pablo und Minerva aufmerksam und hörten sogar auf zu fressen.
„Gott?“, lachte der Bärtige überrascht. „Wenn du etwas über einen Gott wissen willst, dann musst du diesen Michael fragen. Dazu kann ich dir nichts sagen.“
„Na ja“, brummte Max und teilte ein Stück Käse für den Kater und die Krähe, „von Michael weiß ich zumindest, dass er auch nicht mehr über Gott weiß, als alle anderen. Die hohen Götter hat noch
keiner gesehen. Auch die nicht, die sich auf sie berufen. Worauf berufst du dich? Wer bist du?“
Aufgeregt schlug die Krähe wieder mit den Flügeln und rief: „Grüner Mann!“
Max seufzte und zuckte mit den Schultern.
„Es tut mir leid, aber der Begriff sagt mir nichts.“
Da legte der bärtige Riesen den Kopf schief und grinste.
„Ich den Legenden gibt es dann immer einen Zauberspiegel, der solche Fragen beantworten kann.“
„Ich habe nur leider keinen Zauberspiegel!“
„Du hast kein spiegelndes Ding einstecken, dass dir Antworten gibt?“, fragte der Bärtige nach und grinste noch breiter. Und Max begriff. Er holte sein Smartphone aus der Tasche und nickte: „Ein
Zauberspiegel.“
„Ihr Menschen seit doch so stolz darauf, auf alles eine Antwort zu haben“, stichelte der bärtige Riese leicht zynisch. „Was sagt den dein Teil da über mich?“
„Architektonische Zierelemente im Mittelalter“, las Max vor nachdem Google blitzschnell über 700.000 Einträge gefunden hatte. „Männlicher Kopf, dessen Haar und Bart die Gestalt von Blättern hat.“
Unzufrieden suchte Max weiter und fand: „Einzelgängerischer, mit Riesenkräften ausgestatteter, nackter oder mit Moos bekleideter Urmensch. Bevorzugter Aufenthaltsort unbewohnte oder unbewohnbare
Wald- oder Berggegenden.“
Max sah den Bärtigen vergnügt grinsen und wusste, dass das alles zutraf und doch vollkommen daneben lag.
Max versuchte es noch einmal und las, dass der Grüne Mann ein Hirschgeweih auf dem Kopf trug und von Schlangen begleitet wurde. Er sah den Mann an, schüttelte stumm den Kopf und überlegte.
„Vielleicht sollte ich das Teil wirklich als Zauberspiegel benutzen“, grinste diesmal Max.
Er stellte es vor sich auf und rief über die Videofunktion Mandy an. Die nahm das Gespräch so schnell entgegen, als hätte sie darauf gewartet. Nun, immerhin hatte er sie informiert, dass er ohne
Ziel auf dem Weg nach Osten war.
„Hallo Max“, begrüßte sie ihn. „Wo bist du?“
„Hallo Mandy“, antwortete Max und starrte das Bild überrascht an um dann zu fragen: „Sind deine Haare länger geworden seit gestern?“
Von der Frage überrascht fuhr sie sich über den Kopf und grinste verlegen.
„Ich hab' mir die Rasta-Dinger aufgemacht. Hat mir nicht mehr gefallen. Aber wo bist du jetzt?“
Max war von dem kleinen, ruckeligen Bild immer noch überrascht und konnte nicht verhindern, dass ihm ein „Passt dir gut“ entschlüpfte. Wahrscheinlich war es nur ein Bildfehler, dass ihr Gesicht
ein wenig dunkler wurde und er riss sich zusammen.
„Wir haben es bis Bad Kötzingen geschafft. Also, in die Nähe davon. Das ist der Naturpark Bayrischer Wald. Und ich bin – beim Grünen Mann.“
Ihre Reaktion war eindeutig. Sie bekam große Augen und der Mund öffnete sich unbewusst.
„Du bist – WO?!“
„Beim Grünen Mann. Und da ich nicht weiß wer oder was er ist, kann ich das offensichtlich nicht so richtig schätzen.“
Mandy schüttelte ungläubig den Kopf und schluckte. Dann sprudelte sie los dass sich ihre Worte beinahe überschlugen: „Der Grüne Mann? Im Bayrischen Wald? Natürlich! Der Herr des Waldes! Er ist
der Hüter der Bäume. Und Tiere des Waldes. Er weiß alles, er sieht alles was im Wald geschieht. Vielleicht auch darüber hinaus. Er ist in jedem Baum, in jedem Strauch. Nein, er IST der Wald. Er
IST die Hecke, der Fluss, die Wiese, das Feld. Er ist die Seele der Landschaft. Er ist – nackt?“
Max sah auf und zu dem Mann hinüber. Der grinste breit.
„Er trägt eine Latzhose“, erzählte er ihr. „In Grün.“
„Kann ich ihn sehen? Bitte!!“
Das klang nach einem kleinen Mädchen und einem Herzenswunsch. Max sah wieder den bärtigen Riesen an, aber der war ernst geworden und schüttelte den Kopf.
„Meine liebe Mandy“, meinte er dabei selbst, „das ist keine so gute Idee. Aus deiner Reaktion sehe ich, dass du Mensch bist und darum wirst du mich nur als Mensch sehen, so wie mich alle sehen.
Denn ich nehme nicht an, dass du so wie der hier siehst. Und mein Anblick für die Menschen, dass ist ein sehr gewöhnlicher, der dich enttäuschen würde. “
„Er ist ein Riese von einem Kerl“, erklärte Max schnell. „Schulterlange, braune Haare, langer, brauner Bart, braune Augen. Wahrscheinlich 2 Meter 30 oder größer. Und Oberarme, hinter denen wir
uns verstecken können. Alles in allem ein Kerl, bei dem selbst ein Grizzly es sich überlegen würde Streit anzufangen.“
„Ich beneide dich um die Dinge, die du siehst“, meinte sie ernsthaft und ein wenig traurig.
„Und es ist unfair, weil du es um so viel besser schätzen könntest als ich.“
„Hört auf zu turteln“, brummte der Riese gutmütig und räusperte sich. „Und kommt mir nicht mit unfair – die Klage höre ich schon seit ewigen Zeiten von euch Menschen! Was ist denn nicht alles
unfair in euren Augen. Und darüber hinaus würde ein Bär niemals auf die Idee kommen, mit mir Streit anzufangen. Das ist ganz allein Sache der Menschen.“
„Ich melde mich später noch mal“, meinte Max und sie nickte und hob schweigend die Hand. Dann war die Verbindung unterbrochen und der Schirm wieder spiegelnd.
„Der Herr des Waldes“, überlegte Max vor sich hin und betrachtete in dem schwindenden Licht des Abends die spiegelnde Oberfläche seines Smartphones. Dort, wo gerade noch ihr Bild gewesen war.
„Der, der alles weiß.“
Max sprach es aus, aber es fühlte sich irgendwie nicht richtig an. Und er war sich bewusst, dass der Mann am anderen Ende des Tisches ihn aufmerksam beobachtete. Dass er nach wie vor nicht
wusste, was er mit diesem Menschen machen sollte. Inzwischen war auch Noodles heran getrabt und bekamt ein Stück von dem Speck ab. Max trank den Rest von seinem Bier und rollte die leere Flasche
zwischen seinen Händen. Er grübelte und sah dann auf.
„Das Internet hat recht und Mandy hat recht. Du bist all das. Aber da ist noch mehr. Da ist irgendwie – ich weiß nicht, wie ich es sagen sollte – da ist – noch eine Dimension mehr, etwas dahinter
versteckt. Du bist nicht die Seele der Landschaft oder der Herr des Waldes. Du BIST die Landschaft. Du BIST der Wald. Irgendwie. Und - mehr.“
Langsam stellte er die Flasche hin, schob sie herum und stand dann auf um sich eine neue zu holen.
„Landschaft und Wald, das sind alte Begriffe“, setzte er dann noch einmal an. Sich immer bewusst, dass der Mann ihn scharf beobachtete und auf etwas wartete. Darauf zu warten schien, das er das
Rätsel löste, sich eine Antwort verdiente. „Heute würde ich sagen – ja - Biosphäre. Das beinhaltet aber nicht nur Baum und Strauch, sondern auch die Tiere. Wahrscheinlich auch Werwölfe, Vampire,
Trolle und alle anderen Wesen dieser Welt. Und dann auch Menschen. Und Götter. Du bist, du bist alles – und doch bist du hier. Als Person. Du bist -“ Max atmete tief ein, ließ die Luft aber nur
in einem Seufzer entweichen und winkte ziellos mit den Händen, als wollte er den Begriff einfangen, der ihm nicht einfiel.
„Ich bin das Leben“, meinte der Riese leichthin und nahm wieder einen Schluck aus seinem Humpen. „Nicht mehr. Und auch nicht weniger. Und das Leben ist immer alles. Alle Möglichkeiten, alle
Fehlschläge. Das einzelne Wesen nutzt nur, was in seinem Code ihm zur Verfügung steht. Es ist nicht in der Lage seinen eigenen Code zu erweitern oder neu zu schreiben. Erst beim Übergang von
einem Wesen zum nächsten ist die Veränderung, die Anpassung möglich. So erfülle ich jede Ritze dieses Planeten und selbst eure hermetischen Labore können mich nicht aussperren. Von der äußersten
Schicht der Atmosphäre bis in die Tiefen heißen Gesteins bin ich. Alles, was lebt, bin ich.“
„Dann bist du auch ich“, grinste Max schief um im nächsten Augenblick überrascht auszurufen: „Und du weißt ganz genau, was ich will! Du weißt, was mit mir geschehen ist und wie es weiter
geht.“
Der Grüne Mann antwortete nicht. Stattdessen sah er Max fast traurig an um dann noch einen tiefen Schluck zu nehmen. Es war Pablo, der für ihn antwortete.
„Eines der ersten Dinge, die du als Katze lernst, ist, dass das Leben vieles ist, aber auf jeden Fall unparteiisch. Man kann auch sagen, uninteressiert. Ihm zählt ein Mensch so viel wie ein
Baum, wie ein Käfer, wie ein junger Grashalm. Ihm zählt der Jäger so viel wie der Gejagte. Jedes davon in wichtig, aber keines ist wichtiger. Darum tritt er für keinen ein, steht auf keiner
Seite. Er da ist das Leben als Ganzes, das Leben eines einzelnen Wesens ist ihm egal. Ist ihm ...“
„Unbekannt!“, jappste der Mops und holte sich noch ein Stück Speck.
Lange sah der Grüne Mann den schmalen schwarzen Schatten an, der da hoch aufgerichtet neben dem Menschen saß, die Ohren spitz und starr in die beginnende Dunkelheit gerichtet. Dann seufzte er und
wurde selbst immer mehr zu einem Schatten in dem düster werdenden Licht.
„Dein kleiner Freund hat recht“, brummte er endlich. „Das einzelne Wesen ist irrelevant. Das Ganze ist alles, was für mich zählt.“
„Oh nein“, begehrte Max wütend auf. „So einfach ist das nicht! Was ist dann mit diesen Vier, die kennst du ja offensichtlich sehr gut. Oder mit diesem Träumer? Was ist mit mir? Was mit mir
geschehen ist, das ist ganz sicher nicht der normale Gang des Leben. Darüber musst du doch etwas wissen!“
„Was ist mit Metatron?“, fiel der Kater ein.
Es war offensichtlich, dass der Name den Riesen aus seiner abweisenden Ruhe riss. Er richtete sich mit einem Ruck steif auf und starrte seine Besucher düster an. In dem schwindenden Licht glühten
seine Augen wie die Kohlen eines Herdes. Und endlich brummte er: „Was hat der alte Stinkstiefel jetzt wieder gemacht!“
„Du kennst Metatron?“, entfuhr es Max. „Wo ist er?“
Jetzt sank der Grüne Mann wieder ein wenig in sich zusammen. Leise lachte er und es klang aus tiefstem Herzen zynisch.
„Die Aliens kommen von außerhalb, sind nicht Teil dieses Lebens“, erklärte er gemächlich, „aber ich kann sie eingliedern. Die großen Götter sind meiner Ansicht nach nur Ideen, die sich manche
Wesen gegeben haben, um eine Rechtfertigung für ihre Taten zu besitzen. Ich, jedenfalls, habe noch keinen gesehen. Die kleinen Götter, Engel und sonstiges sind Wesen, die aus dem Lauf der Dinge
entstanden sind und im Lauf der Ding gebunden. Die Vier – das sind nur Menschen, so absonderlich wie Menschen eben sind. Vielleicht ein klein wenig mehr. Und der Träumer ist nur ein Träumer, ein
Mensch, der uns gefunden hat. Gut, die Vier hat er vielleicht erschaffen, uns andere aber nur gefunden. Alles andere sind nur Menschen, so absonderlich wie Menschen eben nun mal sein können.
Selbst die, die meinen besser zu sein, erhaben oder über den Dingen und außerhalb der Normen zu stehen sind doch nur Menschen. Aber Metatron – er ist nichts von alle dem. Er ist da,
unbestreitbar. Und doch auch wieder nicht.“
„Wo zuletzt?“, krächzte Minerva, die schon längst unruhig von einem Bein auf das andere stieg.
„Zuletzt wirklich bemerkt und gesehen habe ich ihn in England, als er in einem Garten herum gelungert ist. Eigentlich eher ein Park, gehörte einer Familie Carroll. Mal tauchte er hier auf, mal
da. Immer lauernd, immer grinsend. Wahrscheinlich hat der den armen Lewis dabei ziemlich beeindruckt. Ist allerdings schon lange her.“
„Lewis Carroll“, seufzte Max. „The Cheshire Cat!“
„Ein durchaus treffendes Portrait für den alten Tunichtgut“, brummt der Riese. Und die Tiere sahen sich überrascht an, denn ihnen sagte die Grinsekatze so gar nichts, weil sie Alice im Wunderland
natürlich nicht kannten. Woher auch, das war eine Geschichte der Menschen.
„Wo?“, krächzte Minerva wieder. „Wo finden?“
„Das ist tatsächlich schon eine Zeit lang her“, brummte Max. „Dazwischen hat er sich bei mir durchfüttern lassen. Unter anderem, wahrscheinlich. Wo finden wir ihn - und was ist er wirklich?“,
hackte er nach.
Der Riese zuckte mit den Schultern und in der Dunkelheit war es, als würde ein mächtiger Felsen sich bewegen.
„Den Menschen erscheint er heute wie ein alter Kater“, brummte der Grüne Mann missmutig. „Früher mal, da ist er auch als Racheengel aufgetreten. Unter anderem. Aber das ist lange her, für die
Menschen. Was er ist, kann ich dir nicht sagen. Nur – er ist nicht Teil von mir.“
„Wo?“, krächzte Minerva stur. „Wo finden?“
„Niemand findet Metatron“, drang die düstere Stimme aus der Dunkelheit. „Aber ich kann dir sagen, wer ihn rufen kann.“
Osten. Immer weiter nach Osten ging es. Und Max konnte nicht behaupte, dass ihm diese Entwicklung gefiel. Aber er sah keine andere Möglichkeit, obwohl er sich doch immer wieder im Stillen zu
fragen begann, ob es nicht für alle Beteiligten besser wäre, einfach um zu drehen und nach Hause zu fahren. Wenn er die Türe hinter sich schließen würde und sich in seinem Computer verkriechen.
Viel zu lange hatte er den doch schon vernachlässigt und mit ihm seine Arbeit. Aber sie fuhren weiter nach Osten. In Furth vor der Grenze in die Tschechische Republik hätte Max noch gerne
Proviant eingekauft und getankt. Weil, in Deutschland konnte er sich halbwegs verständigen, über der Grenze würde das sicher schwierig werden. Mit einem leichten Schaudern entdeckten sie bei der
Stadteinfahrt, dass sie dort auch eine Drachenhöhle hatten. Teil einer alten Legende und Attraktion für Touristen. Noodles wäre sofort Feuer und Flamme gewesen um Drachen jagen zu gehen, aber Max
hatte es abgelehnt. Und Minerva hatte seine Ansicht bestätigt, dass es in einer Höhle, in der Menschen unbedarft ein und aus gingen, ganz sicher keinen Drachen mehr gab. Ob es sie überhaupt gab,
oder jemals gegeben hatte, dass konnte keiner der Reisegesellschaft sagen. Trotzdem lenkte Max ihr Fahrzeug nur sehr gemächlich an eine Tankstelle heran. Genau sah er darauf, dass sie inmitten
eines belebten Gewerbegebiets lag. Viele Autos standen herum und viele Menschen gingen ein und aus. Unter all den vielen Menschen entdeckte Max keine einzige Gestalt, die ihm verändert
vorgekommen wäre. Ganz normale Menschen an einem ganz normalen Tag. Und das sich die Sonne hinter grauen Wolken versteckte, das passte nur noch besser zum Bild. Also reihte sich Max in die
Schlange der wartenden Wagen ein. Und als er dann endlich zur Zapfsäule vorgerückt war, schärfte er seinen beiden Begleitern nochmals eindringlich ein, sich unter keinen Umständen zu zeigen. Er
wollte so wenig Aufmerksamkeit wie nur möglich erregen, aber er versperrte den Wagen nicht.
Während das Benzin lief fragte er sich, warum er eigentlich so vorsichtig war. Die Begegnung mit den Vampiren war doch ganz gut für ihn ausgegangen. Eigentlich waren sie sogar hilfsbereit
gewesen. Stumm schüttelte er für sich den Kopf. Natürlich war er sich klar, dass das auch ganz anderes hätte ausgehen können. Nein, so schnell brachte er den Schreck nicht aus den Knochen. Genau
genommen stolperte er blindlings herum ohne die geringste Ahnung, was er sollte und was ihm drohte. Es konnte überhaupt nicht schaden, wenn er seiner Umwelt gegenüber aufmerksamer war. Und sei es
auch nur, um Dinge zu entdecken, die er nie zuvor gesehen hatte. Wie die drei verdreckten Wohnwagen, die abseits der Tankstelle zwischen den Betonkästen und an einer Schutthalde standen. Es war
bewölkt, aber immer wenn Max in diese Richtung sah, da kam es ihm vor, als wäre es dort noch Grauer, als würde das Licht irgendwie gedämpfter. Verdreckt und zusammen gedrängt standen die drei
abgekoppelten kleinen Wohnwagen da und nur langsam begriff er, dass die vor die Fenster geschraubten, massiven Gitter ihn störten. Blind und finster schienen die Fenster und dass die Wagen früher
einmal weiß gewesen waren, das konnte man nur noch ahnen. Der fette Mann, der auf einem wackeligen Gartenstuhl aus Plastik dazwischen saß und auf sein Smartphone starrte, der fiel da gar nicht so
sehr auf. Jetzt, wo ihm das Gebilde bewusst war, wirkte es auf Max bedrohlich und düster. Passte nicht in das Bild des geschäftigen Gebietes und schien sich doch dem Blick immer entziehen zu
wollen. Er klinkte den Schlauch wieder ein, warf noch einen Kontrollblick in den verlassen wirkenden Wagen und ging auf das Verkaufslokal zu. Dort stand er dann in der Schlange der Menschen an
der Kasse. Und immer wieder wanderte sein Blick hinaus, hinüber, um nach dem Fetten und die Wohnwagen sehen. Ob sie wirklich da waren, oder nur eine Einbildung. Ein Lieferwagen einer Baufirma
hielt an der Tankstelle. Zwei Männer in verdreckter Arbeitsmontur stiegen aus, aber sie gingen nicht in den Verkaufsraum sondern über die Straße zu den Wohnwagen. Obwohl Max natürlich nichts
hören konnte, hätte er schwören mögen, dass der Fette ächzte, als er sich aus dem Gartenstuhl quälte. Ohne viele Worte nahm er, was ihm die Männer hin hielten und schloss für jeden der Männer
einen Wagen auf. Irgend etwas schien Max zu treffen und ihm die Luft zu nehmen. Gleichzeitig wurde das Gebilde der drei Wohnwagen noch grauer, düsterer, bedrohlicher. Als der Fette sich wieder in
seinen Stuhl fallen ließ fuhr ein Polizeiwagen vorbei. Doch der Fette interessierte sich nicht für ihn. So wie die beiden Polizisten sich nicht interessierten. Als würde es ihn und seine
Wohnwagen gar nicht geben.
„Was ist! Morgen!!“
Max fuhr herum und starrte verwundert in das missmutige Gesicht der Frau hinter der Kasse. Die Menschen vor ihm waren verschwunden und er war dran. Also kramte er umständlich seine Kreditkarte
heraus und bezahlte seine Rechnung. Er war drauf und dran die Frau zu fragen, was es denn mit den Wohnwagen dort drüben auf sich hatte. Doch er wusste auch schon, wie die Antwort ausfallen würde.
Sie würde ihn groß anstarren und fragen, welche Wohnwagen er denn meinte. Obwohl er sich sicher war, dass sie die Wohnwagen ohne Probleme sehen konnte. Dass sie es nur vorzog, sie einfach nicht
zu bemerken. Auch, wenn sie auf ihn inzwischen so bedrohlich wirkten, dass es weh tat.
Hastig verließ er den Verkaufsraum und ging zu seinem Wagen zurück. Dabei vermied es es zu der Halde zu sehen wo für ihn die Wagen jetzt wie in einem grauen Wirbel eingehüllt schienen. Schon von
weitem sah er, dass die Beifahrertür seines Wagens offen stand. Er vergaß die Wohnwagen und beeilte sich gleich noch mehr. Als er um die Zapfsäule kam, sah er den Kater auf dem Sitz hocken mit
dem Blick starr auf den am Boden liegenden Noodles gerichtet. Der lag auf dem Rücken, ließ die Zunge sabbernd aus dem schwarzen Maul hängen und hechelte schwer. Die kleine Gestalt über ihm
kraulte seinen Bauch und fuhr erschrocken hoch, als Max um die Ecke kam. Ein Mädchen war das, ein Kind. Ein dürres Ding von vielleicht zehn Jahren mit einer dunklen, dichten, nicht ganz sauer
wirkenden Lockenmähne und riesigen schwarzen Augen, die den Mann erschrocken anstarrten.
„Hund – so traurig“, stammelte sie mit einem Stimmchen, das noch dünner war als ihre Arme. Eine viel zu große Strickjacke hatte sie an und einen viel zu großen, zu langen Wollrock. Sie biss sich
auf die Lippen und sah wieder zu dem Mops nach unten.
„Mehr!“, jappste der.
„Noodles,“ seufzte Max. „Ich dachte immer, Hunde gehorchen Kommandos.“
„Wieso?“, machte der Mops und hob wenigstens den Kopf um Max anzusehen.
Max atmete tief durch, schluckte dann aber hinunter, was ihm auf der Zunge lang.
„Rein mit dir. Wir unterhalten uns später“, presse Max aber doch hervor. „Wir alle unterhalten uns später!“, setzte er mit einem Blick auf den Kater noch hinzu.
Die Augen des kleinen Mädchens wurden noch größer und sie krallte die Finger ineinander.
„Du – sprechen mit Tieren?“
„Ja, ich rede mit denen – nur hören tun sie nicht auf mich“, lachte Max bitter. Auch, weil es ja durchaus der Wahrheit entsprach.
„Los jetzt Noodles!“, setzt er schärfer hinzu und tatsächlich rollte sich der Mops schwerfällig herum und zog sich auf die krummen Beine. Auch Pablo trollte sich auf den Rücksitz und machte so
für den Hund den Platz frei.
Das Mädchen stand da, die Lippen fest zusammen gekniffen, die kleinen Hände fest ineinander verkrallt und starrte Max an. Das hagere Gesicht wirkte fast zu alt für das dürre Körperchen, um das
die viel zu großen Kleidungsstücke flatterten. Hinter ihr stand ein Rucksack. Fast so groß wie sie und sicher schwerer als sie. Ein unförmiges, abgewetztes Militärding das vor Jahrzehnten
ausgemustert worden war. Sie stand da, starrte Max an und schien zu überlegen. Noodles hopste umständlich in den Wagen und Max machte einen Schritt nach vorne um die Tür zu schließen. Erschrocken
wich die Kleine vor ihm zurück, zog den Kopf ein und hielt die Hände schützend vors Gesicht.
„Ich tu dir schon nichts“, brummte Max und warf die Tür zu. „Ist ja nicht so, dass man erwartet, dass wer einen fremden Wagen nur wegen einem Hund öffnet.“
Er hatte es auf holländisch für sich gebrummt und sie sah ihn verwundert über die spitzen Knöchel ihrer Fäuste hinweg an. Fast ein wenig verlegen, wie ihm schien. Und weil er ahnte, was als
nächste kommen würde, sah er zu, dass er weg kam von ihr, um den Wagen herum auf seine Seite.
„Ich fahre nach Tschechien. Über die Grenze, also vergiss es“, erklärte er abweisend und versuchte nicht in die großen Augen zu sehen, die ihn nachdenklich fixierten.
„Bis nächsten Parkplatz?“, fragte sie leise. „Fünf Minuten mit Auto. Gehen lange. Schwer.“
Sie warf einen Blick auf den Rucksack neben ihr und er folgte unwillkürlich ihrem Blick. Es schien ihm unmöglich, dass die Kleine den Sack überhaupt hochheben konnte. Aus dem Wagen starrten ihn
die schwarzen Knopfaugen des Mops und die bernsteinfarbenen Augen des Katers starr an. Auch das Mädchen starrte ihn an und hatte die verknoteten Finger zumindest so weit sinken lassen, dass er
den verkniffenen Mund in dem hageren Gesicht sehen konnte.
„Na gut, spring rein“, seufzte er und setzte hinzu: „Aber nur bis zum nächsten Parkplatz!“
Da war sie schon dabei sich in den Wagen zu setzen und den Rucksack hinter sich her zu zerren. Der nächste Wagen hupte ungeduldig, weil sie die Zapfsäule zu lange blockierten, also setzte sich
auch Max und startete den Wagen. Seine beiden Gefährten machten es sich auf der Rückbank bequem und schienen ihm durchaus zufrieden.
„Komm, anschnallen!“, ermahnte er seine kleine Beifahrerin und die kam der Aufforderung zögerlich nach. Ein wenig schien es Max, als wäre sie plötzlich gar nicht mehr so überzeugt, dass es eine
gute Idee gewesen war, in den Wagen eines fremden Mannes zu steigen. Aber Max nahmen die Abzweigungen und Wegweiser viel zu sehr in Anspruch, als dass er darauf hätte achten können. Doch der Weg
zur Grenze war gut beschildert und schnell gefunden. Und tatsächlich tauchte nach wenigen Minuten auf der Landstraße der Hinweis auf einen Parkplatz auf. Max fragte und sie bestätigte ihm, das
hier ihr Ziel war. Also bog er ein und wunderte sich noch darüber, dass man auf der kurzen Strecke zwischen Stadt und Grenze einen Parkplatz angelegt hatte. Vielleicht früher einmal war er von
Nöten gewesen, als es noch Kontrollen zwischen den Staaten und den Blöcken gegeben hatte. Und genau so vernachlässigt und seit Jahren verlassen sah er auch aus. Der verstreut herum liegenden Müll
zeugte zwar davon, dass der Platz benutzt wurde, jetzt aber war er leer. Sie wies stumm mit der Hand auf einen Hütte mit heraus gerissener Tür, die früher wohl einmal eine Toilette gewesen war.
Vielleicht war sie das auch heute noch, aber Max hatte keine Lust es heraus zu finden. Kaum hatte er den Wagen angehalten, als sie auch schon abgeschnallt war und die Tür geöffnet
hatte. Nur zu deutlich sah Max, dass sie gerne schnell aus dem Wagen gesprungen wäre aber der schwere Sack, den sie vor ihre Beinchen gestellt hatte, behinderte sie mehr als ihr recht war. So
dauerte es eine ganze Weile, bis sie endlich aus dem Wagen war ohne den Rucksack loslassen zu müssen. Er überlegte kurz, ob er ihr nicht helfen sollte. Aber sie vermied es so offensichtlich ihn
anzusehen, dass er entschied, es sei besser, sie in Ruhe zu lassen. Erst als sie aus dem Wagen war bemerkte er die beiden Männer, die neben dem Hüttchen standen und ihr finster anstarrten. Sie
waren sicher weit jünger als Max selbst, aber sie vermittelten ihm das eindrückliche Gefühl nicht willkommen zu sein. Er hätte nicht sagen können, woher sie gekommen waren. Sie standen nur stumm
da und starrten ihn finster an aus ihren schwarzen Augen. Und sie dachten nicht daran, dem kleinen Mädchen zu helfen, dass den schweren Rucksack mühsam hinter sich her zerrte. Ein dritter Mann
kam hinter dem Hüttchen aus dem Gebüsch, offensichtlich älter mit grauen Haaren an den Schläfen und ebenso offensichtlich der Vater der bei jungen Männer. Das Mädchen sagte etwas zu ihm worauf er
zu Max sah und ihm zu nickte. Gleichzeitig wedelte er aber auch mit der Hand und bedeutete so, dass Max jetzt verschwinden sollte. Wieder fragte das Mädchen etwas, wieder antwortete der Mann.
Doch diesmal ließ sie den Sack fallen und schlug die Hände vors Gesicht.
Ohne zu überlegen schnallte sich Max ab und stand neben dem Wagen.
„Lasst die Kleine in Ruhe!“
Und während er es rief wusste er auch schon, dass er hier nichts zu sagen hatte. Für einen Atemzug starrten ihn die drei Männer überrascht an dann machte einer der Jungen wütend einen Schritt
nach vorne und fauchte: „Du! Verschwinde! Mach weg! Nix hier sein! Wir ...“
Sein Vater legte ihm die Hand auf die Brust und sofort verstummte er.
„Danke für bringen“, sagte er ruhig aber bestimmt. „Aber jetzt fahren. Familienangelegenheit.“
Das Mädchen sah stumm von einem zum anderen während ihr Tränen aus den Augen rannen und sie auf ihre knochigen Fäustchen biss. Dazwischen stammelte sie etwas worauf der Mann sich zu ihr umdrehte
und sie an sich zog. Sie vergrub ihr Gesicht an seinem Bauch und klammerte sich an ihn während er leise mit ihr sprach.
Max wusste, dass er hier nichts zu suchen hatte. Er gehörte hier nicht her und er war nicht willkommen in dieser Welt, in der Menschen sich vor anderen Menschen versteckten. Er sollte in seinen
Wagen steigen, weiter fahren und nicht mehr daran denken. Trotzdem stand er starr da und hatte den Mund offen. Konnte sich nicht dazu entschließen irgend etwas zu tun. Krampfhaft überlegte er, ob
er nicht etwas sagen sollte. Und fühlte sich doch nur leer und hilflos.
„Hanid mag nicht, wenn Kleines mit fremden Mann in Auto fährt“, hörte Max eine tiefe Stimme und sah auf die andere Seite der Toilette. „Noch nicht.“
Dort stand eine gedrungene Gestalt, gestützt auf einen Stock. Ein Mann mit mehr grauen Haaren aber wohl kaum älter als der Mann, der das kleine Mädchen schützend im Arm hielt. Er humpelte einen
Schritt näher, wies dann mit dem Stock auf den Rucksack und sagte etwas zu den Jungen in einer Sprache, die Max nicht einmal einordnen konnte. Mürrisch ging einer der Jungen zu dem Rucksack, hob
ihn hoch und war überrascht von dem Gewicht. Wortlos und ohne Max weiter zu beachten drehte sich die Gruppe herum und verschwand hinter dem Gebäude.
„Nicht gut, wenn Kleine steigt zu fremden Mann in Auto.“
„Immer noch besser als sie allein mit dem schweren Rucksack durch die Gegend laufen zu lassen.“
„Besser Kind geht einkaufen als Mann. Deutsche nicht gerne sehen. Und wir dringend brauchen Lebensmittel. Kind Deutsche mehr weg sehen, nicht so viel Angst wie bei Mann. Aber nicht gut mit Auto
fahren. Deutscher Mann lieben Kinder.“
Der Unterton war so höhnisch, dass Max überrascht die Stirn runzelte. Und endlich die Zweideutigkeit in den Worten des Alten verstand. Und als er endlich verstand stieß es ihm sauer auf. Weil er
wusste, dass der Alte recht hatte. Nicht nur in Deutschland!
„Warum hat sie geweint?“, wollte er wissen. Über die Andeutung des Alten wollte er nicht weiter nachdenken. Und der sah ihn einen langen Moment nachdenklich an. Dann wanderte sein Blick zu der
offenen Beifahrertür und er lächelte dünn als er dort Pablo und Noodles auf dem Sitz sah. Schwerfällig humpelte er heran und schloss die Wagentür.
„Dani zwei Tage weg“, meinte er dann leise. „Kaufen Essen. Mutter gestern Kind bekommen. Zwei Kind. Wir nicht essen, zweites Kind schwach. Wir essen für starkes Kind, zweites gestorben in Nacht.“
Er warf noch einmal einen langen Blick auf die beiden Tiere, die ihn stumm durch die Scheibe anstarrten. „Du freundlich“, sagte er dann noch. „Danke – aber jetzt fahren.“
Ohne dem verwunderten Mann neben dem Auto noch weitere Beachtung zu schenken humpelte er schwerfällig und langsam den anderen hinter her. Fast eben so langsam stieg Max in seinen Wagen, startete
und schnallte sich nachdenklich an. Mit einem eleganten Satz sprang Pablo wieder auf die Rückbank und Noodles ließ sich umständlich auf den Beifahrersitz fallen. Dem Menschen war bewusst, dass
die beiden Tiere ihn erwartungsvoll ansahen. Und er öffnete den Mund – aber er wusste nicht, was er sagen sollte.
„Sie haben eines ihrer Jungen ...“ fragte Pablo als sie endlich wieder fuhren, aber Max fiel ihm scharf ins Wort.
„Ich will jetzt nicht darüber reden!“
Schärfer, als er es eigentlich gewollt hatte aber der Kater schien es ihm nicht übel zu nehmen. Außerdem beschäftigte den Menschen das mulmige Gefühl in seinem Magen viel zu sehr. Das Gefühl,
dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war mit dieser Welt. Und das hier war seine Welt! Die Welt, in der er all die Jahrzehnte gelebt hatte. Ohne zu sehen, ohne zu begreifen, ohne sich darum
zu kümmern. Das lag nicht daran, dass er jetzt mit Pablo sprach oder den Grünen Mann erkennen konnte. Was hier falsch lief, das hätte er schon all die Jahre sehen können. Wenn er aufgesehen
hätte.
An der Grenze hatte sich dann eine heftige Diskussion entwickelt, die Max aber für sich entschied und sich Noodles und Pablo dann doch endlich in dem Reisekorb versteckten. Was aber kaum viel
Sinn machte. Sie waren in der engen Tasche so unruhig, hatten so herum gebalgt, dass Max meinte, der Wagen müsse auffällig schwanken. Aber die einzige uniformierte Person, die Max an der Grenze
in die Republik der Tschechen entdecken konnte, die war vollauf mit ihrem Smartphone beschäftigt und würdigte den Verkehr mit keinem Blick.
Kaum waren sie über die Grenze, als die Sonne sich zwischen den Wolken hervor schob und es ein freundlicher Tag zu werden schien. Sie kamen gleich nach der Grenze durch ein abgelegenes Babilon,
aber dort gab es keinen Turm, wie Max zufrieden feststellte. Vorbei am geschäftigen Pilsen und durch Zdice, dass sich so gar nicht von den kleinen, verschlafenen Städtchen in Deutschland
unterschied. Vielleicht noch dadurch, dass es dort einen hohen, strahlend weißen Turm einer kleinen Burg gab den der Mops fasziniert anstarrte. Dahinter entdeckte Max einige Teiche und einen
Rastplatz ein wenig abseits der Straße. Ein freundlicher, offener Rastplatz, ohne Menschen, ohne Verstecke, ohne Überraschungen. Dort hielt er an und packte seine Einkäufe auf den verwitterten
Holztisch. Pablo und Noodles machten sich daran die Umgebung zu untersuchten und Max hob den Arm und sah zu den ziehenden Wolken auf, die immer wieder große Stücke eines blassblauen Himmels frei
gaben. Wenig später entdeckte er einen schwarzen Punkt der schnell größer wurde. In einem eleganten Bogen schoss die Krähe tief über das Wasser, über Max hinweg, um auf einem Ast zu landen.
Bewundernd sah ihr der Mensch nach, sah das glänzende schwarze Gefieder und schätzte ihre Spannweite auf wohl fast zwei Meter. Sie drehte sich um, reckte den Schnabel nach oben und starrte ihn
aus ihren blanken Knopfaugen an. Und schien zu grinsen.
„Ja“, nickte Max und betrachtete ihre starken Krallen, die den Ast quetschten. „Das mit 'auf dem Arm landen', das lassen wir wohl.“
„Keine gute Idee“, stimmte ihm Minerva schnippisch zu. „Vielleicht, andere Kleidung. Dann, vielleicht.“
Max nickte und machte sich daran, den mitgebrachten Proviant auszupacken. Pablo und Noodles trotteten heran und ließen sich schwer ins dürre Gras fallen. Pablo sah man an, dass er die ganze Nacht
rund um das Holzhaus unterwegs gewesen war und auch Noodles hatte kaum schlafen können. Also hatte auch Max wenig geschlafen. Aber er gestand sich ein, dass der Mops daran nicht schuld war. Er
selbst war so unruhig gewesen. So voller Spannung, so voller Energie und Ungeduld. Die Gegenwart des Grünen Mannes war offensichtlich eine Herausforderung für alles und jeden. Alles rund um ihn
vibrierte, zitterte vor Spannung. Und es war ihnen allen bewusst. Denn kaum dass sie ihn verlassen hatten, atmeten sie ruhiger und fiel die Anspannung von ihnen ab.
Ein Grund mehr für eine Pause mit einem ordentlichen, späten Frühstück.
Andere haben weniger, dachte Max, schob den Gedanken aber gleich wieder weg. Er saß da, sah auf das Wasser hinaus und lies seine Gedanken so treiben wie der Wind über den kleinen Wellen. Wellen,
die manchmal, wenn die Sonne sie traf, aufblinken wie kleine Spiegel. Glitzerten wie unzählige Edelsteine auf einem tief schwarzen Grund.
Der Drang war weg. Nichts zog ihn mehr weiter und er hätte so sitzen können bis in alle Ewigkeit.
„Und dann?“, fragte er. Niemand bestimmten. Leise für sich.
Kater und Krähe sahen kurz auf.
„Was machen wir dann?“, sagte Max noch einmal. Bestimmter. „Was machen wir, wenn sie uns wieder weiter schickt? Ja selbst, wenn wir Metatron finden, was machen wir dann?“ Und es war wirklich eine
Frage.
„Du, gehst. Wir, begleiten“, meinte Noodles entschieden, kaute weiter genussvoll, sabberte und machte sich offensichtlich weit weniger Gedanken als der Mensch.
Aber so einfach war das nicht. Max wusste das. Er atmete tief durch und sah dann die Krähe an.
„Was ist mit dir Minerva?“, fragte er. „Du würdest weiter und immer weiter fliegen wollen, nicht wahr. Neues sehen, auf den Schwingen des Windes.“
Sie ließ den Brocken in den Schnabel gleiten, schluckte ihn hinunter und legte den Kopf dann schief.
„Eine Zeit lang“, meinte sie dann, „ja, sicher wäre es schön.“
„Und du Pablo?“
Der Kater hörte auf sich die Pfote zu lecken und sah auf.
„Ich fühle mich wohler, wenn ich wo bin, wo ich mich auskenne.“ Er gähnte und streckte sich. „Die Gegend, die Leute. Nicht, dass mir diese Geschichte nicht auch Spaß machen würde, aber auf Dauer
ist das nichts für mich.“
„Ein Wohnwagen“, schlug Minerva vor. „Michael hatte mal Besuch. Laute Leute. Sehr laute Leute, die leben immer in großen Wohnwagen.“
Max sah sie an und überlegte.
„Wäre vielleicht nicht mal so eine schlechte Idee. Für meinen Job benötige ich sowieso nur einen Internetzugang.“
Sein Job! Uups, unter all den Eindrücken und Aufregungen hatte er ganz darauf vergessen. Es war wirklich an der Zeit, dass er sich wieder einmal mit seiner Arbeit beschäftigte!
Der Mops ignorierte das Gespräch und war scheinbar eingeschlafen, der Kater schien mit der Idee des Wohnwagens aber gar nicht so glücklich zu sein.
„Du solltest außerdem zu deinen Menschen zurück“, erinnerte Max den Kater. „Die werden dich vermissen.“
Pablo schien das Argument schweigend zu erwägen, wirkte aber nicht sehr überzeugt. Und Max sah wieder auf das Wasser hinaus, in das Glitzern.
„Nein“, sagte er entschieden, „ich meinte kurzfristiger. Was machen wir wirklich, wenn sie uns auch nur wieder weiter schickt? Allmählich glaube ich, wenn ich zu Hause sitze und mit Pablo die
Wand anstarre, dann taucht dieser Metatron genau so schnell auf, wie wenn ich ihm nachjage. Wenn sie uns nicht helfen kann, dann fahren wir wieder nach Hause!“
„Und wenn sie uns helfen kann?“
Pablo legte sich in die Stellung der geheimnisvollen Sphinx und starrte den Menschen aus seinen jetzt hellen Bernsteinaugen an.
„Ich weiß nicht, ob ich zurück will“, nickte Max langsam. „Alles vergessen? Leben wie bisher? Nein, ich glaube, das will ich nicht. Nicht mehr, ganz sicher. Kann ich überhaupt zurück in meine
alte Welt? Kann ich in dieser Welt leben? Ich weiß es nicht.“
„Vielleicht ist dieser Metatron ja in der Lage dir Grenzparameter aufzuzeigen mit denen du dein Leben so aufbauen kannst, dass du parallel in beiden Welten zu existieren vermagst, opportun
konkretisiert auf die individuellen Bereiche zwischen den Parametern. Sozusagen die Möglichkeit, dir eine eigene Sphäre deiner Möglichkeiten zu errichten. Oder mehrere vernetzte Sphären, zwischen
denen du wechseln kannst, bestehend aus Fragmenten der Gegebenheiten. Je nach bestehender Notwendigkeit. Eine neu konstruierte Wirklichkeit aus Bestandteilen all der strukturellen Möglichkeiten,
die bereits vorhanden sind.“
Mensch, Kater und Krähe starrten den Mops ungläubig an und der starrte aus seinen hervorquellenden Knopfaugen zurück. Dann leckte er sich über die glänzende Schnauze und schüttelte sich, dass der
Sabber spritzte.
„Idee! Sorry!“, kläffte er.
Max empfand es als zutiefst beunruhigend, wenn der Hund so zwischen seinen Ausdrucksweisen wechselte. Seine andauernden Bemerkungen, kurz gekläfft, waren nervig. Um so mehr waren es aber auch
diese seltenen intellektuellen Abhandlungen. Wie eine Fremdsprache, bei der man erst einmal langsam überlegen musste, was die Übersetzung denn eigentlich bedeutete.
Max starrte noch eine ganze Weile den Hund schweigend an, ohne, dass es ihm bewusst wurde. Etwas von dem, was der Mops da gesagt hatte, das hatte einen Nerv getroffen. In mehr als einer
Beziehung. Hatte ein Puzzlestück verschoben, auch wenn er sich im Augenblick noch nicht klar darüber war, warum und wieso.
Irgendwann riss sich Max aus seinen Grübeleien und stand auf.
„Ich gehe noch mal ins Gebüsch, dann fahren wir weiter“, verkündete er. Hund und Kater taten es ihm gleich.
Und wieder hatte Max nur einen Namen und eine Adresse. Auch der Grüne Mann war nicht sehr mitteilsam, wenn es um seine Kontakte ging. So redselig er auch sonst sein konnte. Oder weitschweifig,
oder detailliert. Man mochte es nennen, wie man wollte. Trotzdem bekam Max auch von ihm nicht mehr.
Sandra Kunur. Eine Straße und eine Hausnummer in Prag.
Auf die Frage, wer oder was diese Frau denn sei, oder wie sie ihnen vielleicht helfen könne, da verlor sich der Grüne Mann nur in Allgemeinplätzen über Mystik, Quantenphysik und Alchemie. Worin
er zwar sehr überzeugend wirkte, aber für Max ergab das alles keinen Sinn.
Zuerst war da das Problem mit seiner Internetverbindung gewesen, das es zu lösen gegolten hatte. In Deutschland hatte das ja noch halbwegs funktioniert weil es den selben Provider gab, den auch
Max benutzte. Hier war alles anders. Aber irgendwie war es ihm dann doch gelungen online zu gehen. Nicht um sonst war es nun einmal sein Job, Computer dazu zu bringen, das zu tun, was er wollte.
Doch dann setzte das GPS-Ortungssystem immer wieder aus, fand seine Position nicht, verweigerte an Abzweigungen einfach die Auskunft. So fuhren sie nicht auf die Umfahrung Prags um von Süden
gemächlich in den Randbezirk zu kommen, sondern stauten sich mit tausenden anderen Wagen quer durch die Stadt. Was aber auch nicht so lange dauerte, wie Max anfangs befürchtet hatte. Allerdings
kostete es Nerven und der Akku seines Smartphones ging schön langsam zur Neige. Er war inzwischen ganz froh, dass er seinem inneren Drang nicht nachgegeben hatte, der ihn beständig daran denken
ließ, Mandy von unterwegs anzurufen. Er hatte die ganze Nacht an sie gedacht und am Morgen noch kurz mit ihr gesprochen, aber auch für sie war Sandra Kunur nicht mehr als ein Name. Und so sehr es
ihn auch drängte mit ihr in Kontakt zu bleiben, seine Reise beanspruchte all seine Aufmerksamkeit. In einem ungewohnten Wagen, in einem fremden Land – wann hätte er sich das je gedacht.
Max umrundete das Zentrum ohne Augen für die alten Häuser und verwinkelten Gassen zu haben, in denen sich wohl die Geheimnisse von Jahrhunderten versteckten. Stattdessen drangen sie von der
Innenstadt und den Hauptstraßen in Zubringer und immer tiefer in Wohngebiete ein und offensichtlich wurden die dicht an dicht geparkten Autos allmählich schäbiger und die Grünanlagen zwischen den
Häusern ungepflegter. Ein Wohnblock reihte sich hier neben den anderen. Dazwischen halb verwilderte Büsche und Bäume um die sich seit Jahren niemand mehr gekümmert hatte. Nicht anders, als es in
den Randsiedlungen von Rotterdam oder Trier aussah. Lieblose Quader, drei, vier oder fünf Geschoße hoch. Acht, zwölf, sechzehn Wohnungen von denen manche schon von außen den Eindruck machten, als
würden sehr viel mehr Menschen darin hausen, als es die Architekten gedacht hatten. Die Writings und Schmierereien an den Wänden wurden dichter und so manches Fenster war zersprungen. Oder mit
einem schweren Gitter versehen. Pablo starrte so neugierig nach draußen, dass die Scheibe rund um seine Nase beschlug und bemerkte irgendwann, dass bunte Graffiti völlig fehlten. Irgendwie
verwunderte es Max nicht. Alles hier vermittelte den Eindruck von Gleichgültigkeit und obwohl hier Menschen lebten, wirkte es tot und verlassen. Eine Einöde voller düsterer Verstecke,
Unterschlüpfe und Höhlen. Als Max endlich seinen Wagen parkte bemerkte er zufrieden, dass Loonis alte Karre hier nicht auffiel.
Auf der anderen Seite der Straße lag etwas, dass man einen Park nennen konnte. Eine ebenso verwahrloste Grünfläche mit wild wuchernden Hecken und hohen Bäumen. Dazwischen sah es aus, als würden
Zelte stehen, Verschläge oder ähnliches, halbherzig verborgen in dem grauen Grün. Max versperrte den Wagen und ging herum, wollte hinein zwischen die klobigen Quader der Gebäude. Auf dem Gehsteig
neben dem Wagen blieb er stehen und sah zurück zu dem Park und dem verstecken Zeltlager. Dann wieder zu den Häusern. Einige Male sah er hin und her und schüttelte dann verwundert den Kopf. Pablo
und Noodles saßen vor ihm, Minerva schaukelte auf einem Ast und alle drei blickten ihn erwartungsvoll an.
„Was ist das?“, fragte Max. Aber seine drei Begleiter hatten offensichtlich keine Ahnung wovon er sprach.
„Aber seht ihr das nicht? Seht auf den Park und dann auf die andere Seite – fällt auch nichts auf?“
Pablo und Minerva folgten seiner Aufforderung und drehten die Köpfe, Noodles wankte sogar hin und her auf seinen krummen Beinen. Doch schnell waren alle drei Blicke wieder bei Max. Und keiner der
tierischen Begleiter wusste, worauf er hinaus wollte.
„Ihr seht es nicht“, schüttelte der Mensch verwundert den Kopf. „Die eine Seite ist viel heller als die andere! Bei den Häusern wirkt es, als wären die Wolken dichter und tiefer. Alles wirkt viel
düsterer. Abweisender.“
Ein schneller Blick auf seine drei Gefährten machte ihm klar, dass sie keine Ahnung hatten, wovon er sprach. Sie sahen es nicht. Aber Max war sich sicher, dass es etwas bedeutete. Er atmete tief
durch und selbst die Luft schien auf der einen Seite stickiger zu sein als auf der anderen. Dann fielen ihm die drei Wohnwagen in Deutschland wieder ein. Ja, auch sie hatten auf ihn gewirkt, als
würden dichte Wolken über ihnen schweben. Als würde eine graue Wolke aus Verzweiflung sie einhüllen.
Pablo kam heran und rieb seinen Kopf an Max Bein. Automatisch ging er in die Hocke und kraulte ihm den Kopf.
„Was ist los?“, wollte der Kater dann endlich wissen während Noodles schwankend an der Kante des Gehsteigs stand und ein wenig neidisch zusah.
„Kann es sein, dass ich die Gefühle der Menschen sehen kann?“, fragte Max aber die Blicke der drei Tiere waren mehr als misstrauisch.
„Gefühle, niemand kann sehen“, krächzte Minerva und schüttelte sich. Auch Pablo und Noodles schienen diese Ansicht zu teilen. Max war sich nicht so sicher. Wieder eine Frage mehr, dachte er bei
sich, aber für einen weiteren, klaren Gedanken reichte es nicht. Viel zu aufdringlich waren die Stimmen aus den Bäumen, aus den Büschen. Erst jetzt fiel ihm auf wie still es im Wagen gewesen war.
Selbst der Parkplatz am See war nicht so belebt gewesen wie diese Wildnis zwischen den Menschenbehausungen.
„Kann man die Tiere hier irgendwie dazu bringen nicht andauernd durcheinander zu reden?“, wollte er wissen worauf Pablo und Noodles die Ohren spitzen, als würde sie die Stimmen erst jetzt wahr
nehmen.
„Man gewöhnt sich daran“, erklärte der Kater selbstsicher. „Mit der Zeit fällt es dir gar nicht mehr auf.“
„Oder es fällt einem nur weniger auf die Nerven“, kam von Minerva.
Max war sich da nicht so sicher. Aber zumindest erklärte der schrille Radau halbwegs seine beständigen Kopfschmerzen. Die kamen und gingen und im Augenblick meinte er bei all dem Geschnatter und
Gezirpe, dass sein Schädel explodieren müsste. Schmerztabletten! Es musste sich dringend mit Schmerzmittel eindecken auch wenn ihn das dumpf und träge machen würde. Andererseits, er wollte ja gar
nicht so viel mitbekommen, wie er es jetzt tat. Zu allem Überfluss fing mit einem Mal auch Noodles an zu knurren und nervös zu zucken. Max und Pablo sahen ihn verwundert an während Minerva auf
die andere Straßenseite spähte. Auf dem Gras vor den Bäumen standen fünf junge Burschen und starrte finster zu ihnen herüber. Zumindest versuchten sie hart und gefährlich auszusehen mit ihren
hoch gezogenen Kapuzenshirts und weiten Hosen.
Der Mops fing an wie verrückt zu kläffen und hopste hinunter auf die Straße.
„Noodles!“, rief Max. „Noodles!! Halt!“
Tatsächlich stoppte der Hund bevor er zwischen den geparkten Fahrzeugen auf die Straße kam, aber er kläffte weiter wie rasend in die Richtung der Jugendlichen.
„Noodles, hör auf mit dem Blödsinn. Komm her!“
„Böse! Feinde! Beschützen!“ kläffte der nur über die Schulter zurück.
Max musste zwei schnelle Schritte machen um ihn gerade noch abzufangen, bevor er über die Straße rennen konnte. Und weil der Mops so gar nicht einsehen wollte, musste er ihn hochheben und tragen.
Dabei bemerkte er, dass der Kleine doch ein paar Kilo auf die Waage brachte. Vor allem, wenn er sich so sträubte. Aber Max hielt ihn fest und stellte ihn erst auf den Boden, als sie ein paar
Büsche zwischen sich und die Burschen gebracht hatten.
„Krieg dich wieder ein!“, ermahnte ihn Max scharf und sah ihm fest in die Augen. „Du bringst uns echt noch in Schwierigkeiten, du verrückter Hund!“
Aus seinen blanken, schwarzen Knopfaugen starrte Noodles zurück und dem Menschen wurde klar, dass der Kleine nie auch nur im Traum daran gedacht hatte, Schwierigkeiten zu machen. Und dass er so
gar nicht verstand, was er denn falsch gemacht haben sollten.
„Du kannst nicht einfach alle verbellen und allem hinterher rennen!“, versuchte ihm Max ins Gewissen zu reden.
„Vor allem nicht in fremden Territorium“, ergänzte Pablo.
Ungläubig pendelte der faltige Hundekopf zwischen dem großen Menschen und dem kleinen Kater hin und her.
„Hast du das verstanden Noodles? Du musst dich beherrschen! Das ist ein Befehl!“
Max versuchte eindringlich und bestimmt zu klingen aber er war sich nicht einmal sicher, ob der Mops überhaupt begriff, dass es um ihn ging.
„Gut!“, kläffte der Kleine endlich als keiner mehr etwas sagte und jeder ihn nur eindringlich ansah. Selbst Minerva. Doch schon im nächsten Augenblick flatterte die auf von dem Ast, auf dem sie
wippte und landete wenig weiter auf einer freien Fläche auf der drei Krähen herum staksten. Minerva landete mitten unter ihren Artgenossen, drehte sich und Max sah, dass sie etwas zu den
überraschten schwarzen Gesellen sagte. Die antworteten, schlugen mit den Flügeln und verschwanden mit großen Rauschen. Für einen Augenblick stand Minerva alleine, dann schüttelte sich und flog
zurück zu Max und ihrem schwankenden Ast.
„Sie sagen, kennen keine Sandra Kunur“, erzählte sie. „Aber ich bin sicher, sie kennen sie sehr gut. Wollen nur nicht darüber reden.“
Max nickte als hätte er nichts anderes erwartet, massierte sich kräftig die Schläfen was zumindest die Illusion einer Linderung verschaffte und machte sich dann seufzend weiter auf dem Weg, den
ihm die künstliche Intelligenz wies. Ein Gebäude irgendwo in der Mitte von anderen.
Hinter einer besonders wild verwachsenen Hecke, vor einem Haus ohne Nummer, meldete sich sein Routenplaner um mitzuteilen, er habe sein Ziel erreicht. Und dann wegen Batteriemangels abzuschalten.
Das Klingelbrett war heraus gerissen und zerbeult, Namen fehlten völlig. Und die Eingangstür schloss nicht mehr richtig, weil sie irgendwann aufgebrochen worden war.
Neben ihm schwankte der Mops auf seinen krummen Beinen und streckte seine Nase so weit nach oben wie es ging. Schnüffelte, röchelte und knurrte. Einen Schritt dahinter stand Pablo mit gestäubtem
Fell und angelegten Ohren. Hier schienen sie richtig zu sein, obwohl oder gerade weil seine beiden Begleiter offensichtlich ganz und gar nicht der Meinung waren, dass sie hierher gehörten. Max
versuchte ebenfalls etwas zu wittern, etwas zu fühlen, aber da war nichts. Beim Grünen Mann hatte auch er dessen lebendigen Impuls, dieses machtvolle Vibrieren gefühlt. Bei den Vampiren war es
die Kälte gewesen. Hier war hingegen nichts. Und doch musste da etwas sein, dass das hysterische Schnüffeln des Hundes und das schwere Atmen des Katers auslöste. Minerva landete neben ihnen und
schüttelte sich ebenfalls.
„Ganz komisches Haus“, rief sie ärgerlich. „Im obersten Stock gibt es keine Fenster. Sieht ganz normal aus, aber kann nicht vorbei fliegen. Als wäre es wesentlich größer, als es aussieht!“
Max konnte nicht sagen, dass ihn das Verhalten seiner Gefährten beruhigte. Ganz im Gegenteil. Aber es machte ihn auch neugierig und verriet ihm, dass sie hier richtig waren, weil sie nicht hier
sein sollten. Die Tiere fühlten das nur zu deutlich, aber er wusste inzwischen, dass sie ihm vertrauten. Warum auch immer. Es war an ihm, die Unruhe seiner Gefährten zu dämpfen und ihnen wieder
Sicherheit zu geben. Also fasste er seine Tasche fester, sah auf den aufgebrochenen Eingang und dann auf seine Freunde. Ruhig, als hätte er eine Ahnung, was er tat.
„Ich sehe mir das mal an“, meinte er. „Und ihr wartet hier.“
Der ablehnende Blick aus drei Augenpaaren war nicht glücklich, aber entschieden. Und er duldete keinen Widerspruch. Auch wenn Max versuchte würde sie zurück zu lassen, sie würden ihm
folgen.
„Also gut“, resignierte er unter den eindringlichen Blicken. „Gehen wir gemeinsam. Ich will aber nicht, dass ihr irgendwelchen Streit mit jemandem da drinnen anfangt. Egal, was geschieht, egal,
wer uns begegnet. Wenn es irgendwie brenzlig wird, dann hauen wir ab, so schnell wir können.“
Pablo schüttelte sich, als hätte ihn jemand mit Schlamm nass gespritzt.
„Du darfst voraus gehen“, bestimmte er gepresst. „Wir halten dir den Rücken frei.“
In der Düsternis des Treppenhauses stand die Tür zum Aufzug halb offen und die Kabine war fast einen halben Meter unter Niveau. Auch ohne diesen Hinweis wäre er nicht versucht gewesen, den Aufzug
zu benutzen. Das Treppenhaus selbst roch nach nassem Hund, Urin und verbrannten Zwiebeln, also schien hier doch jemand zu wohnen. Pablo blieb dicht neben Max während Noodles und Minerva ungelenk
die Treppen hinauf taumelten und hüpften und sich zumeist gegenseitig im Weg waren. Den ersten fragenden Blick von Max hatte Minerva mit einem unartikulierten Krächzen bedacht und so sagte er
nichts weiter, weil er inzwischen begriffen hatte, dass jedes der Tiere sowieso tun würde, was es für richtig hielt.
Im dritten Stock meinte er, dass ihm der Geruch von Schwefel entgegen kam. Doch die Ahnung war ebenso schnell verflogen, wie sie seine Nase gestreift hatte. Auch ein anderer Geruch war noch dabei
gewesen, den er aber nicht zuordnen konnte. Pablo schüttelte sich nur, sagte aber nichts. Und Noodles war vollends darauf konzentriert, die nächste Stufe zu meistern.
Auf der vierten Etage fanden sie die eingetretene Tür in ein Treppenhaus, dass offensichtlich auf das flache Dach führte, eine halbhohe Stahltür mit der Aufschrift „Strojovna - vstup zakázán“ und
eine Tür ohne Namensschild. Max sah sich die Wohnungstür genauer an und bemerkte zu seiner Überraschung, dass sie einen Spalt offen stand. Er stieß sie an und sie schwang leicht und lautlos auf.
Wieder kam ihnen ein Schwall von Schwefel entgegen, oder von faulen Eiern oder sonst etwas. Jedenfalls war das kein Geruch, der einen Menschen dazu eingeladen hätte, einzutreten. Und auch kein
Tier. Noodles schnüffelte noch hektischer als unten auf der Straße.
„Phosphor!“, bellte er, beruhigte Max damit aber keineswegs. Der Chemieunterricht in der Schule lag lange zurück und Max hatte sich nie sonderlich dafür interessiert, aber dass Schwefel und
Phosphor Dinge waren, denen man besser nicht zu nahe kam, das hatte er behalten. Es sah auf seine drei Gefährten hinunter und fühlte sich mit einem Mal trotz allem besser.
„Tja“, meinte er und grinste schief, „um Umzudrehen ist es jetzt wohl zu spät.“
Die drei Tiere rückte enger zusammen und sahen ihn erwartungsvoll an. Also atmete er noch einmal tief durch und griff nach der Tür. Dabei senkte er den Blick und sah nur über die Ahnung der
Augenwinkel, so wie der Grüne Mann es ihm gezeigt hatte. Und nachdem er es in der Nacht ein paar Mal geübt hatte, fand er es gar nicht mehr so schwierig.
Vorsichtig drückte er die Tür ein wenig weiter auf und die gab wieder geräuschlos und leicht nach. Aber niemand war zu entdecken. Er trat ein und stand in einem niedrigen, engem Vorraum, dessen
Regale rechts und links mit allem möglich Zeugs voll gerammelt waren.
„Tür zu!“, bellte eine Stimme aus dem Raum weiter hinten und Max kam der Aufforderung zögerlich nach. Sehr zum Missfallen seiner Freunde. Die Tür fiel leicht und fest ins Schloss und er war sich
jetzt sicher, dass sie nicht von selbst aufgegangen sein konnte. Aber sie ließ sich ohne Schwierigkeit auch wieder öffnen, als er es versuchte. Vorsichtig gingen sie weiter durch den düsteren
Gang, Max automatisch ein wenig gebückt. Auch dadurch, dass er den Blick fest auf den Boden heftete. So kamen sie in den einzigen Raum, den die Wohnung zu haben schien. Irgendwie fühlte es sich
nach dem beengenden Durchgang an, als wäre dieser Raum hoch und weitläufig. Zwei große Fenster gab es zwar in dem Raum, vor ihm und links, die aber waren mit schweren Vorhängen verhangen und
ließen so nur ein dämmriges Licht herein. Ein großer Tisch beherrschte den Raum. Rechts hinten nahm er eine Kochnische wahr, die aber eher nach dem Labor eines Alchemisten aussah. Daneben, hinter
einer abgenutzten Raumtrennung, etwas wie ein Bett unter vielerlei Decken. Schiefe Regale, Kisten und Ablagen standen ohne erkennbare Ordnung herum. Und Bücher! Viele Bücher gab es hier,
entdeckte er auf den ersten Blick. Alt und verschlissen lagen sie auf unordentlichen Haufen oder stapelten sich in den Regalen. So wie kleine, verschlossene Gläser mit unbestimmbaren
Inhalten.
„Was wollt ihr?“
In dem Schatten bei den Kochplatten bewegte sich eine kleine Gestalt und trat einen Schritt vor. Viele Schichten dunkler Kleidung hingen an dem dürren Körper hinunter und die Haut sah aus wie
gegerbtes Leder, darum hatte er sie nicht gleich bemerkt. Weil sie mit der düsteren Wohnung verschmolz, wenn sie still stand. In ihrer Hand hielt sie eine Schöpfkelle, die so lang war wie ihr Arm
aber sicherlich schwerer. Und offensichtlich freute sie sich nicht all zu sehr über den Besuch.
Es fiel Max leicht die dürre Frau zu sehen, selbst wenn er einen etwas direkteren Blick wagte. Vielleicht war sie wirklich nur einen alte Frau.
„Drei Tiere und ein Mensch“, brummte sie überrascht. „Ein seltsamer Besuch. Tiere sehe ich selten.“
Die Reaktion seiner drei Freunde ihr gegenüber zeigte ihm, dass das wohl stimmen mochte. Sie versteckten sich nicht hinter Max, aber sie drängten noch näher zusammen und zu ihm.
„Das sind Pablo, Noodles und Minerva“, stellte der Mensch vor. „Meine Freunde und Begleiter. Und ich bin Max, ein Mensch, der eine Antwort sucht. Der Grüne Mann schickt uns.“
Sie machte einen Schritt zurück und fasste die Schöpfkelle mit der zweiten Hand, als wäre sie ein Schwert.
„Um – was zu tun?“
„Wir suchen Antworten. Und Metatron“, setzte Max noch hinzu. Sie schien diese Auskunft abzuwägen und sich dabei ein wenig zu entspannen.
„Metatron?“, fragte sie und krächzte, was wohl ihr Lachen sein sollte. „Ja, wenn es um den geht, dann ist der grüne Hansdampf wohl ein wenig überfordert. Was habt ihr mit dem alten Unruhestifter
zu tun? Was kümmert einen Menschen schon Metatron?“
„Die Frage muss umgekehrt lauten, was kümmerte der Mensch Metatron“, entgegnete Max und fühlte leisen Ärger aufsteigen. „Ein einfacher, blinder Mensch, noch vor wenigen Tagen. Dann wache ich
eines Tages auf und verstehe die Tiere. Komme dahinter, dass mein bester Freund ein Werwolf ist. Treffe einen Engel, einen Außerirdischen und einen Zwerg. Vampire und die Göttin der Weissagung.
Und den Grünen Mann. Weil ich nicht verstehe was da geschehen ist, warum und weshalb. Weil niemand es mir erklären kann - oder will. Weil jeder glaubt, dass mein alter Kater der vielleicht auch
nur zufällig Metatron heißt, etwas damit zu tun hätte.“
„Ein Mensch, der von einer Welt in die andere geht. Interessant.“
Wirklich drückte ihre Stimme Interesse aus. Überraschung und ein wenig Verwunderung. Und ein Neugierde, was Max dazu veranlasste, Hoffnung zu schöpfen.
„Der Grüne Mann erzählte uns von den Wesen, den Vier und einem Träumer“, sprudelte es rasch aus ihm heraus. „Aber er meinte, die hätten nichts mit mir zu tun. Er meinte, ich solle Metatron
finden. Nur der könne mir helfen. Und du kannst uns helfen ihn zu finden.“
Sie lachte wieder heiser auf und es klang so gar nicht vergnügt.
„Der Träumer ist nur ein verrückter, ein dummer Mensch, der keine Ahnung davon hat, welche Macht in seinen Träumen, in seinen Geschichten steckt“, knurrte die Alte. „Er weiß nur, dass ich alt
bin. Und erst vor kurzem hat er mir einen seiner Menschen geschickt, nur wegen eines dummen Briefes der noch mehr Verwirrung stiften wird. Er weiß, aber er hat nicht verstanden. Die Vier hat er
geformt, uns andere gefunden und in seinen Träumen gebunden. Vielleicht bist du ja auch eines seiner Geschöpfe. Zuzutrauen wäre es ihm. Viele seiner Ideen sind – erschreckend.“
„Also, erschrecken ist etwas, das ich inzwischen ganz gut kenne. Und das Gefühl, wo zu sein, wo ich so gar nicht hin gehöre. Darum suche ich Antworten.“
Max fühlte sich mit einem Mal müde. Immer noch ein Hinweis, der doch wieder nur zu neuen Hinweisen führte. Sie drehten sich im Kreis, ohne Sinn und Verstand. Jagten wie ein junger Welpe den
eigenen Schwanz. Keinen Schritt näher gekommen waren sie – was auch immer.
„Also wirst auch du mich weiter schicken“, setzte er hinzu. „Weil die Antwort ist irgendwo da draußen.“
Er grinste schief aber sie starrte ihn nur an.
„Oh,“ krächzte sie dann, „ein paar Antworten werden wir schon finden. Nicht, dass es mich etwas anginge. Ich halte mich so weit es geht heraus. Sondern, weil ich neugierig bin, was diese Dummheit
jetzt wieder soll.“
Sie legte die Schöpfkelle weg und trat einen Schritt vor. Ohne die Düsternis um sie wirkte sie noch hinfälliger und unscheinbarer.
„Zuerst werden wir uns mal ansehen, wer dich auf die Reise geschickt hat. Vielleicht war es wirklich Metatron, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob er tatsächlich die Macht dazu hat. Aber
vielleicht auch nicht. Was sehen deine tierischen Freude?“
„Altes Weib! Und nicht!“, kläffte Noodles sofort und fügte ein leises Knurren an. Max sah ihn an und tatsächlich verkniff er es sich, die Alte zu verbellen. Dass sie ihm nicht gefiel war
offensichtlich.
Minerva trat schon die ganze Zeit von einem Bein auf das andere und sah sich nervös um.
„Fenster“, brummte sie missmutig, „aber kein Weg nach draußen. Kein Tageslicht! Roter Schimmer, überall. Vor allem um die alte Frau.“
Pablo ließ sich sehr viel Zeit und es ihm war sichtlich unbehaglich sie anzusehen. Endlich meinte er: „Ich sehe eine alte Frau. Ja, aber das ist wie ein Vorhang, hinter den ich nicht sehen kann.
Es ist, als wäre das dahinter größer. Aber ich kann es nicht sehen, nicht sagen.“
Die Alte lachte schrill und kurz und schob dann den Kopf vor wie ein Geier.
„Ja, Tiere mögen mich nicht. Und du, Mensch, der zwischen den Welten geht, was siehst du?“
Max hob den Kopf ein wenig weiter, sah sich um und dann die alte Frau an. Der ganze Raum wirkte wie die mittelalterliche Studierstube eines Alchemisten. Und die alte Frau unter den Schichten von
Kleidung war unscheinbar und dürr mit einer braunen Haut wie altes Leder aus dem zwei helle Augen blitzen. Eine verwitterte, alte, bösartige Hexe. Max öffnete den Mund um zu antworten und blieb
an den Augen hängen. Sah genauer hin. Tiefer.
In einer immer rascheren Bewegung glitten die Wände zurück, die Decke nach oben. Rauer Stein trat zu Tage und das Licht wurde düsterer, röter. Eine riesige Halle aus Gestein tat sich auf und
mitten darin stand das alte Weib. Der vor gereckte Kopf streckte sich, wie der ganze Körper. Füllte die Halle aus, wurde schwerer und massiger und riesiger. Die lederne Haut bekam Schuppen. Das
Gesicht streckte sich ebenfalls zu einer langen Schnauze, die gelben Augen wurden groß wie Fußbälle und waren gerade auf seiner Augenhöhe, wenn der Schädel sich fast zu Boden senkte. Ein Hals,
dick wie ein Baumstamm und lang wie zwei Männer. Ein gedrungener, schuppiger Körper wie ein Bus.
„Ein Drache“, stammelte Max und starrte in das gelbe Reptilauge vor sich. „Du bist – ein Drache!“
„Ich bin Sakunur.“
Der Drache blinzelte und schloss dann sein Auge. Langsam, ganz langsam schrumpfte er wieder zusammen, näherten sich Wände und Decke bis Max endlich wieder in dem düsteren Raum mit der alten Frau
stand. Sie zog das Kopftuch vor, dass es ihre Augen bedeckte und verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen.
„Ich bin Sakunur“, sagte sie noch einmal. „Meine Rasse hat das Inferno der Einschläge überlebt, weil wir schon damals in Höhlen lebten. Alle meiner Art und viele mehr starben in den Feuerstürmen
und in den langen, eisigen Jahren danach. Dann kam die Zeit der Säugetiere. Wir überlebten in unseren Höhlen, beschäftigten uns, lernten, studierten. Das Leben, der Grüne Mann, die Große Mutter –
sie finden immer einen Weg nach einer Katastrophe. Wir aber sind vom alten Leben. Aus dem davor.“
Max war immer noch so verblüfft, dass er keinen Ton heraus brachte. Der schwarzen Kater aber sah überrascht von Einem zum Anderen. Er hatte bemerkt, dass etwas geschehen war, denn er hatte Max
Reaktion sehr wohl mit bekommen. Aber offensichtlich hatte er es selbst nicht gesehen.
„Und das bedeutet – was?“, wollte er wissen.
„Sie ist – ein Drache“, antwortete Max und versuchte mühsam seine Panik zu unterdrücken. So viel hatte er gesehen und gelernt in den letzten Tagen. Und doch!
„Es gibt also Dinge, die ich sehen kann, aber selbst ihr nicht“, brachte er noch mühsam heraus.
„Beunruhigend!“, krächzte Minerva, meinte es genau so und schlug nervös mit den Flügeln. Was einige Papiere durcheinander wirbelte. Die Alte fauchte sie böse an und machte sich eilig daran die
Blätter wieder zu ordnen.
„Und das bedeutet – was?“, fragte Pablo noch einmal und sah irritiert zu dem Mops hinüber, der sich auf sein Hinterteil hatte fallen lassen und begonnen, sich den Bauch zu lecken. Was in der
allgemeinen Anspannung so unpassend war, dass es nur um ein Zeichen seiner Nervosität sein konnte.
„Der Träumer weiß nichts von uns“, knurrte die Alte. „Da bin ich mir sicher. Wäre er es gewesen, der ihn da geschickt hat, dann könnte er mich nur so sehen, wie auch ihr mich seht. Der Mensch da
aber sieht durch meine Augen auf meine wahre Gestalt.“
„Also wieder Metatron“, ergänzte der Kater und seufzte resigniert. „Also wieder weiter! Wir jagen einen Schatten.“
„Weniger als einen Schatten“, knurrte die Alte. „Was ihr jagt ist weniger als ein Schatten. Ein Trugbild. Eine Idee.“
„Ein Grinsen ohne Katze“, ergänzte Max und sie sah ihn verständnislos an. Schüttelte dann den Kopf.
„Ihr könnt ihn nicht jagen. Ihr könnt ihn noch nicht einmal suchen, weil er nirgends ist. Oder überall. Es gibt keinen Weg zu ihm.“
„Wir fahren nach Hause“, entschied Max. „Er hat lange genug in meiner Küche gefressen. Vielleicht treibt ihn ja der Hunger nach Hause.“
Die Alte hob ruckartig den Kopf und sah ihn an, als wäre er verrückt geworden. Und so klang es ja auch in seinen eigenen Ohren. Aber sie bedeckte ihre Augen schnell wieder und begann in ihren
Papieren zu kramen als wären die Besucher bereits wieder gegangen.
„Ja, ich weiß, es ist verrückt“, gestand Max ein, sah zu Pablo und Minerva und zuckte mit den Achseln. „Aber mir fällt nichts Besseres mehr ein. Irgendwo herum zu fahren bringt uns ihm auch nicht
näher. Und zu Hause wissen wir wenigstens, dass er schon mal dort war.“ Noodles hob nur kurz den Kopf, sagte aber nichts. „Wer weiß“, grinste Max missmutig, „vielleicht sitzt er ja mit Mandolina
in meiner Küche und lacht sich schief über uns.“
Minerva stieg nervös herum, wollte wieder mit den Flügeln schlagen, unterließ es dann aber nach einem Blick auf die Alte doch.
„Grüner Mann“, krächzte sie stattdessen, „Kunur weiß Weg, Metatron rufen!“
Die Alte erstarrte und bereute ganz offensichtlich, ihre Besucher eingelassen zu haben. Aber sie schien auch zu überlegen. Dann schob sie Max unsanft zur Seite und machte sich an einem Bücherstoß
zu schaffen. Eine Zeit lang wirkte es, als hätte sie auf die Besucher vergessen. Doch dann brummte sie: „In den alten Zeiten, als die Menschen noch weniger und leiser waren, da war auch die
Verbindung zu diesen Wesen besser.“
„Man kann zu Gott beten und den Teufel beschwören“, gab Max zu bedenken.
„Man kann die Engel rufen“, erinnerte sich Minerva.
„Warum nicht auch Metatron – rufen? Beschwören?“
Pablo setzte sich jetzt auch, schlang den Schwanz um die Pfoten und sah aufgeregt der alten Frau zu. Die zog endlich ein kleines aber dickes Buch aus den schrägen Haufen und begann vorsichtig in
den sehr alten Seiten zu blättern.
„Die alten Chroniken. Sicher kann man ihn rufen“, erklärte sie, als sie gefunden hatte, wonach sie suchte. Und Max meinte so etwas wie Aufregung oder gar Vorfreude in ihrer Stimme zu hören
während sie den Text konzentriert studierte. „Ein Trank muss gebraut werden!“, erklärte sie dann bestimmt, blätterte suchend weiter und verzog sich mit dem Buch in ihre Alchemistenküche.
Doch Max lachte zynisch auf.
„Ein Trank. Natürlich! Und die Zutaten dazu sind sicher irgendwo auf der weiten Welt verstreut.“
Minerva drängte zu ihm.
„Wir, alles finden!“
Max wusste, dass sie genau so meinte. Darum sah er sie traurig an, glitt mit den Fingerspitzen über die glatten Federn und blickte dann wieder zu der alten Frau. Es bereitete ihm keine Mühe
Sakunur als alte Frau zu sehen, solange er ihr nicht in die gelben Augen sah. Ihn durchzuckte kurz der Gedanke, dass dies doch ihre wahre Gestalt war. Und der Drache nicht mehr als nur eine
Erinnerung. Wie hatte Noodles gesagt? Eine eigene Wirklichkeit, gebaut es dem Vorhandenen. Nur allmählich bemerkte er, dass die Frau erstarrt da stand, an der dünnen Lippe kaute und in dem Buch
studierte. Mit einem kurzen Blick ihre vier Besucher streifte und dann wieder weiter las.
„Ein seltsamer Trank“, entfuhr es ihr dann endlich. Max hörte aus ihrer Stimme, dass sie wirklich erstaunt war und grinste gehässig.
„Natürlich ein seltsamer Trank“, ätzte er. „Mit Zutaten so unauffindbar, dass er niemals gebraut werden kann.“
Sie sah auf und er sah die Überraschung in ihren Augen. Doch noch bevor Max von dem Anblick der gelben Reptilaugen wieder in den Bann gezogen werden konnte, senkte sie den Blick auch schon
wieder.
„Nein“, hauchte sie und kaute weiter an dem Strich von einer Unterlippe. „Ganz im Gegenteil! So einfach, und trotzdem – ungewöhnlich – so überraschend.“
Nur Noodles zeigte noch immer kein wachsendes Interesse. Dafür sahen Max, Minerva und Pablo die Frau inzwischen eindringlich an.
„Was, so ungewöhnlich?“, hackte Minerva nach.
Wieder sah die Alte von Einem zum Anderen wobei ihr Blick an dem offensichtlich völlig uninteressierten Mops hängen blieb. Wieder kaute sie mit gelben Zähnen an ihrer Lippe. Wieder schüttelte sie
den Kopf.
„Er ist so einfach. Es ist so einfach“, murrte sie dann vor sich hin. „So überraschend.“
„Wenn er so einfach ist, dann wird er wohl auch nicht funktionieren“, brummte Max und sie blitzte ihn böse an.
„Dies ist ein Trank um den Metatron zu rufen“, wies sie den Menschen zurecht. „Zu rufen heißt noch nicht, dass man auch eine Antwort bekommt! Und die Zutaten selbst sind keineswegs so einfach,
darum ist es ja so – verwunderlich.“
Wieder schüttelte sie den Kopf und starrte in das Buch.
„Was brauchst du?“, wollte Pablo ungeduldig wissen.
Sie sah den schwarzen Kater kurz an und meinte dann leise: „Das Blut eines Drachen und eine Locke von dem Menschen, der ihn ruft. Ein kleiner Aderlass wird mir nicht schaden, Blut habe ich genug.
Und eine Locke von dem da zu bekommen ist auch nicht schwer.“
Max grinste schief und sie kaute wieder an ihrer Lippe. Doch etwas war in ihrer Stimme gewesen, dass den Kater veranlasste zu fragen: „Und dann?“
„Das ist ja das Verrückte“, knurrte sie, atmete durch und sah sie durchdringend an: „Das Herz eines treuen Hundes, die Augen einer weitgereisten Krähe und die Pfoten eines schwarzen
Katers.“
Die Welt hielt an, erstarrte, fror ein. Unbeweglich. Max blinzelte zwei Mal bis er wieder atmen konnte und fragte tonlos: „Was?“ obwohl er sehr gut verstanden hatte. „Du -“ setzte er noch einmal
an und schluckte schwer. „Du – willst uns verarschen. Das ist nicht dein Ernst!“
„So steht es geschrieben“, brummte sie, schüttelte den Kopf und schob das Buch in seine Richtung. „Geschrieben von Jahrhunderten. Und jetzt steht ihr da. Ein Hund, eine Krähe, ein Kater - das ist
das Verrückte.“
„Aber“, stammelte Max. „Du kannst doch nicht ernsthaft ...“ Er schluckte wieder und fand keine Worte für das Ungeheuerliche.
Noodles hatte aufgehört seinen Bauch zu lecken und kam nun mühsam auf die krummen Beine. Er schüttelte sich, streckte sich ein wenig, senkte den Kopf und torkelte dann stumm in seinem
eigenwilligen Gang auf die Alte zu.
„Was – Noodles, was wird das?“, rief Max und der Mops warf ihm über die Schulter einen kurzen Blick aus seinen Knopfaugen zu.
„Gehen! Begleiten! Helfen!“ kläffte er leise und wollte noch einen Schritt machen. Doch da war Max schon auf den Knien und hielt ihn fest.
„Bist du verrückt?!“
Max sah sich um zu der Krähe und erkannte, dass sie überlegte. Sie überlegte! Pablo saß da wie zu einem Eisblock erstarrt, nur die großen runden Augen glänzten eigenartig verträumt.
„Was ist mit euch?“, keuchte Max auf. „Ihr könnt doch nicht wirklich – ihr – ihr - „
„Es ist der Weg“, presste Pablo mühsam hervor. „Offensichtlich.“
Max fühlte sich, als würde irgend etwas Schweres auf ihn herunter krachen und ihn erdrücken. Ihn unbeweglich und hilflos zu Boden pressen. Natürlich hatten sie recht! Darauf lief alles hinaus.
Genau darauf. Sein Kopf war viel zu verwirrt in den widerstrebenden Gefühlen, um einen klaren Gedanken fassen zu können. Der Weg. Offensichtlich. Einfach so? Warum? Warum! Selbst war er ebenso
überrascht, als er plötzlich aufsprang, den Hund fest an sich presste und nach dem Kater griff. Er trat nach Minerva, die erschrocken einen Sprung zurück flatterte und drängte sie so durch den
engen Gang vor sich her nach draußen. Irgendwie musste er es geschafft haben die Eingangstür zu öffnen, weil sie mit einem Mal im Treppenhaus standen. Dort ließ Max Noodles und Pablo vorsichtig
zu Boden und fiel wieder auf die Knie.
„Nein“, stammelte er mit zugeschnürter Kehle. „Nein, so nicht. Das will ich nicht!“
Er strich Noodles und Minerva über den Rücken und vergrub kurz das Gesicht in Pablos Fell. Dann setzte er sich auf die Fersen, schüttelte den Kopf und sah die drei lange an. Noodles kam sofort zu
ihm und legte den Kopf auf ein Knie. Pablo folgte ihm sofort um sich am anderen Bein zu reiben und selbst Minerva kam näher um sich über das glatte, glänzende Gefieder streichen zu lassen.
„Ihr habt wirklich überlegt, das zu tun“, murmelte Max noch immer voller Verwunderung und voller Hochachtung für seine Freunde. Und voller Scham, weil ihm klar wurde, dass er es für sie nicht
einmal in Erwägung gezogen hätte.
Er kraulte die Drei kurz und froh darüber, solche Freunde zu haben. Seine Augen brannten und er schämte sich nicht, als er fühlte, dass Tränen über seinen Wagen rannen. Dann schob er den Mops und
den Kater sanft von sich weg und stand auf. Atmete tief durch und rieb sich die Augen.
„Ihr wartet hier“, befahl er und ging wieder hinein. Diesmal widersprach keiner.
Die alte Frau hielt die Schöpfkelle erhoben und mit beiden Händen. Funkelnd sah sie ihm entgegen, aber er vermied ihren Blick.
„Es ist ein Witz“, erklärte Max ruhig und setzte sich auf die Kante des großen Tisches. „Ein Witz von IHM. Und es ist ein schlechter Witz. Er führt mich an der Nase herum und spielt mit uns,
warum auch immer, aber ich spiele nicht mehr mit. Wenn das der Weg zu Metatron sein soll, und um zu Antworten zu bekommen, dann verzichte ich. Danke. So nicht. Ich werde andere Wege finden. Oder
keine, aber das ist auch nicht mehr wichtig. Und wie du ja selbst gesagt hast – zu rufen bedeutet noch nicht, dass man auch Antwort bekommt. Ja, ich möchte dir sogar garantieren, dass Meta nicht
gekommen wäre, selbst, wenn ich das zugelassen hätte. Nicht gekommen!“ Er schloss die Augen, atmete ein paar Mal tief durch und beruhigte sich. „Ich wollte dir danken, Sakunur.“
Die Schöpfkelle sank nach unten. Max hob den Blick und suchte ihre Augen, tauchte wieder ein in diese gelben Reptilaugen und fühlte wieder die Veränderung seiner Umwelt. Jetzt war der Drachenkopf
weit über ihm und legte sich leicht schief.
„Wie meinst du das, Mensch, der zwischen den Welten geht?“
„Du hast uns geholfen zumindest ein paar Antworten zu finden. Und – vor allem – du hast mir geholfen zu sehen, was für Freunde ich habe. Du hast mir auch gezeigt, dass es keinen Sinn macht, blind
hinter Metatron her zu hetzen. Ich werde meinen eigenen Weg finden müssen. Und ich werde ihn finden. Ich bin hier und ich weiß ja gar nicht mehr, ob ich überhaupt wieder zurück in meine Welt
möchte. Aber was auch immer geschieht, ich werde dich sicher wieder einmal besuchen, um mich länger mit dir zu unterhalten. Wenn ich darf.“
Der riesige Drachenkopf schwang über ihm leise hin und her. Einen langen Atemzug lang. Den senkte er sich bis er fast wieder den Boden berührte und neben Max war.
„Ein Mensch, der zwischen den Welten geht, ist etwas Eigenartiges. Du bist etwas Eigenartiges. Wenn du wiederkommst, werde ich mich freuen.“
Max konnte nicht anderes, er legte die Hand kurz auf die Schnauze und fühlte zu seiner Verwunderung, dass die ledernen Schuppen warm und weich waren.
Für einen Augenblick lang fühlten sie aneinander, dann zog der Drache seinen Kopf zurück und schloss die Augen. Wieder fühlte er, wie die Welt um in schrumpfte und wieder stand dann die dürre
Alte einen Schritt von ihm entfernt.
„Ein Mensch, der zwischen den Welten geht, ist etwas Eigenartiges“, sagte sie noch einmal leise und betrachtete ihre Hände. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich dir wirklich helfen konnte. Aber
wahrscheinlich kann dir niemand bei dem Metatron helfen. Und natürlich könnte ich dich weiter schicken, doch wie du selber schon erkannt hast, die Wahrscheinlichkeit, dass du Erfolg hast, die ist
sehr gering.“
Die Schöpfkelle legte sie endlich ganz zur Seite und betrachtete weiter nachdenklich ihre dünnen, von dicken Adern und geschwollenen Gelenken verformten Hände. Sie schien zu überlegen und Max
wartete stumm. Nach einer langen Pause streckte sie sich endlich durch, atmete tief und warf dem Menschen einen kurzen Blick zu.
„Du bist etwas Eigenartiges“, wiederholte sie noch einmal. „Vielleicht kann ich es wirklich wagen.“
Wieder musterte sie Max eindringlich von oben bis unten und der sah sie fragend an, hob die Hände, aber sie antwortete nicht. Also ließ er die Hände wieder sinken und machte Anstalten vom Tisch
aufzustehen, als sie sich endlich einen Ruck gab und hinter der Wandtrennung bei ihrem Bett verschwand. Gleich darauf war sie wieder da und presste einen Gegenstand schützend an ihre Brust.
„Du wirst weiter suchen“, murmelte sie leise. „Und du wirst viele Leute treffen. Männer und Frauen, und wenn du die richtige Frau findest, dann gib es ihr.“
Max sah auf die verkrampften Hände vor ihrer Brust und verstand zumindest, dass etwas Sakunur nicht leicht fiel. Aber mehr begriff er nicht.
„Gib ihr – was?“, fragte er. „Und wie erkenne ich die richtige Frau. Inwiefern überhaupt - RICHTIG?“
Sie schloss die Augen und streckte langsam die Hände vor. Max erkannte einen Stein, eine Art von fast rundem Flusskiesel, etwa so groß, dass er ihn gerade nicht umfassen konnte.
„Richtig – wie, richtig?“, fragte er noch einmal und sie sah ihn wieder kurz an.
„Klug“, erklärte sie. „Eigenständig – und bereit, lange zu leben.“
Max zog die schon ausgestreckte Hand ruckartig wieder zurück.
„Was ist das?“, fragte er eindringlich.
Sie lächelte schief und hielt ihm den Stein weiter hin. Also griff er zu und er fühlte sich genau so schwer und hart an wie jeder Flusskiesel. Aber als er den Stein in der Hand hielt, drückte sie
ihn mit den Fingern oben und unten zusammen und mit einem leisen Klacken erschien ein feiner Spalt rund um den Stein. Obwohl diese Spalt so fein war, drang intensives, bläuliches Licht daraus
hervor. So intensiv, dass er unwillkürlich die Augen zusammen kniff.
„Was...“, stammelte er und sie drückte wieder leicht auf die Enden und mit dem gleichen, kaum hörbaren Klacken schloss sich der Spalt und der Schimmer war verschwunden. Neugierig drehten Max den
Stein, aber er war nicht in der Lage irgend einen Riss oder die Andeutung eines Spalts zu entdecken.
„Wir waren immer schon wenige“, erklärte sie grinsend. „Wir mussten Wege finden unser Wissen weiter zu geben. Denn nur dieses Wissen garantierte unser Überleben.“
Schlagartig war sie wieder ernst und kaute auf dem dünnen Strich ihrer Lippen.
„Was - ist - das?“, fragte Max und hielt den Stein weit von sich gestreckt. Allmählich wurde er schwer. Und sie ließ ihn warten, schien sich noch immer nicht wirklich sicher zu sein, dass sie das
Richtige tat. Schien zu zögern und mit sich zu ringen. Bis Max endlich den Stein auf den Tisch legte, aufstand und einen Schritt zurück ging. Wie erschrocken tauchte sie aus ihren Gedanken auf
und blinzelte ihn an.
„Es ist die Essenz eines Drachen“, erklärte sie leise. Und weil er nichts antwortete, sie nur wartend ansah, setzte sie hinzu: „Es ist meine Essenz, mein Wissen, meine Erfahrung. Ich möchte, dass
sie eine menschliche Frau erhält. Eine, die würdig dafür ist und verrückt genug, sich dass anzutun. Das Wissen kann jedem Wesen gegeben werden, darum verrate niemandem, dass du es besitzt. Das so
etwas überhaupt existiert. Die Gier danach wäre - grenzenlos.“
Ihr Gesicht verzerrte sich in einem bösen, abfälligen Grinsen und er fühlte die Abscheu, die sie durchströmte.
„Warum eine Frau? Und wie kann sie ...“
„Nicht die, an die du gerade denkst!“, unterbrach sie ihn und hob warnend die Hand. „Der erste Gedanke mag naheliegend sein, aber lass dich dadurch nicht verwirren. Du tust ihr nichts Gutes
damit, glaube mir. Und warum eine Frau? Weil ich selber eine war und weil ich es so möchte.“
Max nahm den Stein wieder zur Hand und untersuchte ihn nochmals genau, aber er konnte nichts Besonderes mehr daran entdecken. Er drückte auf die Enden und nichts geschah. Hinter sich hörte er die
Alte glucksend auflachen und sah sie an.
„So einfach ist das dann auch wieder nicht“, erklärte sie. „Wenn sie würdig ist, dann kann sie es öffnen. Und dann weiß sie auch, was sie zu tun hat.“
Max nickte und ließ den Stein in seiner Umhängetasche verschwinden.
„Wer weiß, das es so etwas gibt? Könnte es sein, dass jemand danach sucht? Auf unfreundliche Art danach sucht?“
„Wer weiß schon, dass es uns noch gibt? Du wirst mich anderen gegenüber als alte Hexe beschreiben und niemand wird an anderes denken. Wer wusste, dass es uns überhaupt einmal gab, der kennt die
Legenden von Dracheneiern. Niemand der lebt kennt die Wahrheit, niemand weiß von der Essenz.“
Max konnte nur hoffen, dass sie recht hatte. Denn es würde genug Menschen, die alles tun würden um dieses Wissen in die Finger zu bekommen. Menschen, und andere Wesen.
„Zumindest wir beide wissen davon“, musste er noch seufzend einwenden.
„Und das sind schon mehr als genug.“
Als Max die Türe leise hinter sich schloss sahen ihm seine Freunde gespannt entgegen. Und Max lächelte.
„Wir werden sie noch brauchen. Und so eine alte Hexe macht man sich besser nicht zum Feind. Also war eine kurze Klärung notwendig.“ Er sah seine drei Freunde an und atmete tief durch, doch keiner
der drei machte eine Bemerkung oder Einwendung. Sie sahen ihn nur erwartungsvoll an, was nun kommen würde. Zumindest Minerva und Pablo, der Mops schnüffelte neugierig in den Ecken und Max wollte
gar nicht wissen, welche Geschichten diese Gerüche erzählten. „Ja, es bleibt alles, wie es ist!“, erklärte er stattdessen bestimmt seinen Freunden. „Wir fahren jetzt zurück nach Hause. Aber wir
werden über Hamburg, oben herum und entlang der Küste fahren. Für eine weitere Begegnung mit den Vampiren bin ich noch nicht bereit. Da liegt noch ein wenig Arbeit vor mir.“
„Willst du wirklich zu denen zurück?“, fragte Pablo und Max sah ihn lange an. Bevor er leise antwortete: „Ich habe ihnen mein Wort gegeben. Und ihr habt mich gelehrt, das Notwendige zu
tun.“
Pablo nickte. Auch Minerva nickte. Und Noodles hechelte.
Max machte eine Handbewegung und die kleine Gruppe setzte sich in Bewegung. Aber sofort blieb Max wieder stehen und sah auf die eingetretene Tür gegenüber.
„Wäre es nicht einfacher für dich oben hinaus zu fliegen“, fragte er Minerva und die nickte. Verwundert darüber, dass sie nicht selbst auf die Idee gekommen war. Max starrte die Tür an und legte
den Kopf schief.
„Was?“, fragte er, aber die Tiere sahen ihn nur verständnislos an.
Der Mensch blinzelte, schüttelte verwundert den Kopf und drückte die Tür dann mit einiger Anstrengung ganz auf. Licht von oben fiel durch die zerbrochenen Scheiben eines Ausstieges in eine
vermüllte, enge Stiege. Altes Laub lag herum und Regen hatte über Monate seinen Teil getan. Es sah nicht danach aus, als hätte jemand den Weg auf das Dach in letzter Zeit benutzt.
Max lauschte und runzelte die Stirn. Auch Pablo und Noodles lauschten, und hörten nichts.
Zögernd zwängte sich Max durch die kaputte Tür und setze sich vorsichtig in Bewegung. Dem trüben Licht dort oben entgegen.
Im Osten senkte sich die Sonne und ließ die Dächer glühen. Ein wenig weiter rechts leuchteten die Spitzen des Hradschin, der Prager Burg, ein ganz klein wenig erhoben über die flache Stadt. Es
war ein angenehmer, später Nachmittag, ein Postkartenabend, geschaffen wie für einen ruhigen Ausklang. Ein Bild, dass man lange in sich aufnehmen konnte - doch Max hatte nur Augen für das graue,
struppige Fellbündel dort vorne an der Kante des flachen Daches. Der drehte seinen mächtigen, grauen Schädel und grinste Max breit entgegen.
„Ich werde dir ein Geheimnis verraten, das nicht einmal Sakunur kennt“, begrüßte er die kleine Gruppe. „Es gibt Tränke, die wirken, wenn man sie NICHT braut.“
„Hallo Meta“, brachte Max heiser heraus. „Oder ist es dir lieber, wenn ich dich Metatron nenne?“
Der struppige Kater zog ein verächtliches Gesicht und Max wunderte sich, zu wie viel Mimik diese Katze fähig war.
„Nenn mich, wie du willst“, brummte er. „Namen bedeuten nichts. Selbst die Gestalt kann sich ändern. Du kennst doch den Grünen Mann. Nun, früher nannte man ihn die Große Mutter und er sah völlig
anders aus. Bei weitem weiblicher.“
„Du warst die ganze Zeit da“, begriff Max. „Es war völlig unnötig herum zu laufen und dich zu suchen.“
„Oh nein“, widersprach der Graue. „Keineswegs unnötig!“
„So wie diese Geschichte mit dem Trank eben, das war wohl auch nur so was wie ein Test. Oder?“
Max fühlte wie Wut in ihm hoch stieg, ihm Tränen in die Augen drückte. Und gleichzeitig hatte es etwas unsäglich Beruhigendes diese zottige, wohlvertraute Gestalt wieder zu sehen.
Wieder grinste der Kater, doch diesmal kam es Max ein wenig schuldbewusst vor. Er machte ein paar Schritte zu ihm hin, blieb aber in sicherer Entfernung von der Dachkante an der der Kater
lag.
„Die meisten Menschen hätten es getan“, nickte Metatron. „Oder einfach geschehen lassen. Ich musste sicher sein, dass ich mich in dir nicht getäuscht hatte.“
„Und dafür setzt du unser Leben aufs Spiel“, maulte Pablo. Der Graue bedachte ihn mit einem langen Blick.
„Hallo Pablo“, meinte er dann fast freundlich. „Es ist schön dich wieder zu sehen. Und überraschend. Ich war mir nicht sicher, ob du diese Reise auf dich nehmen würdest. Wieder etwas, das mich
überrascht hat“, setzte er hinzu. Wie für sich selbst.
„Er ist wie der Grüne Mann“, brummte Max enttäuscht. „Ihm zählt das einzelne Wesen nichts. Wer selbst nicht sterben kann, der verliert das Verständnis für die Nöte der Lebewesen. Wenn er es
überhaupt jemals gehabt hat.“
Unbeweglich starrte der riesige Kater zu dem Menschen hinauf, nur das zottige Fell zuckte leise. Noodles ließ sich auf den Hintern fallen und begann vor Nervosität wieder seinen Bauch zu lecken.
Minerva und Pablo waren ein schwarzer unbeweglicher Klumpen und ein schwarzer unbeweglicher Strich hinter Max. Endlich schüttelte der Grauen energisch den Kopf.
„Ich habe dir übrigens etwas mitgebracht. Du wirst es brauchen“, wechselte er das Thema und schob mit der Pfote ein schwarzes Ding, das neben ihm lag, ein wenig in die Richtung der Freunde.
Vorsichtig trat Max näher, hob es auf und zog sich schnell wieder von der Kante zurück. Es schien wirklich, als läge Metatron direkt am Ende und ließe einen Teil seines Felles über die Kante
hängen. In sicherer Entfernung von dem Abgrund setzte Max sich auf einen Lüftungskasten und betrachtete das kleine Kästchen während seine Freunde ihn umringten.
„Das ist ein Powerpack“, erkannte er überrascht.
„Du solltest dein Telefon aufladen“, erklärte der Graue. „Du wirst es noch brauchen.“
„Du wirst mir doch nicht plötzlich erzählen wollen, worum es eigentlich geht“, ätzte Max zynisch.
„Es würde nichts helfen, wenn ich es dir erkläre“, erwiderte Metatron. „Du musst es selbst erkennen, um es verstehen zu können.“
„Bis jetzt erkenne ich nur, dass du mich in die Scheiße geritten hast! Uns! Und zwar ordentlich und grundlos.“
Max steckte sein leeres Smartphone an das Powerpack und erkannte an dem schräg gelegten, grauen Schädel, dass es die Zeichnung des Felles war, was Metatron sein schäbiges Grinsen verlieh. Ein
breites, selbstgefälliges, herablassendes Grinsen. Das Grinsen einer Katze.
„Habe ich das?“, fragte der Graue, gähnte und streckte die Vorderpfoten. Grub die scharfen Krallen knirschend in die Dachpappe.
Max sah seine Freunde an. Pablo, der sich dicht an ihn drängte, Minerva, ein wenig abseits mit neugierig geneigtem Kopf und Noodles, der mit heraus hängender Zunge und feuchten Knopfaugen alles
in sich aufzusaugen schien.
„Zumindest hast du mein Leben ordentlich auf den Kopf gestellt“, begann Max langsam. Obwohl, die Mehrzahl da draußen sind offensichtlich Menschen“, überlegte er laut. „Unter ihnen kann ich mich
bewegen wie früher auch. Zumindest, solange ich nicht gerade mit Pablo diskutiere. Und selbst das würde wahrscheinlich nicht wirklich auffallen. Diese anderen Wesen, wenn ich so überlege, dann
muss man sie schon suchen, um sie zu finden. Ok, Looni ist ein Werwolf, aber das dürfte nichts an unserer Freundschaft geändert haben. Und Turok scheint ein äußerst vernünftiger Vampir zu sein.
Nur eine andere Kneipe werde ich mir auf jeden Fall suchen müssen. Einem Troll komme ich nie wieder nahe!“
Minerva nickte und Pablo fragte nicht ganz ernsthaft: „Was hast du nur gegen Trolle?“
Max lachte.
„Zerquetscht werden und sterben ist was, das ich nicht so schnell ausprobieren muss.“
Der Graue sah ihn von unten herauf an und meinte trocken: „Der Tod ist auch nur eine Lüge des Lebens um die Wesen vor der Verzweiflung zu bewahren.“
Max Lachen verlosch augenblicklich wie eine keine Flamme im Sturm. Ohne, dass er annähernd verstand.
„Sakunur nannte dich einen Menschen, der zwischen den Welten geht. Und genau das war es, was ich sah, schon als wir uns begegneten“, ergänzte Metatron. Und bevor dieser Mensch etwas entgegnen
kannte, redete er weiter: „Es gibt die Welt der Dinge und der Wesen, diese Welt, die du jetzt siehst. Was die Menschen sehen, das ist ebenfalls diese Welt, doch vereinfacht durch die Reduktion
auf ihre beschränkten Sinne. Aber du siehst jetzt die wirkliche Welt mit all ihren unendlichen Facetten und Winkeln und Formen. Das liegt daran, dass die Menschen mehr ihre Erwartung als die
Realität sehen, bedingt durch eine sehr starke Rückkoppelung des Thalamus. Doch wie immer du deine Umwelt wahr nimmst, diese Welt besteht aus Energie. Pure Energie, die sich bewegt, Formen
annimmt, verändert und verliert.“
„Je nach den Geschichten des Träumers?“
„Viele sind es, die träumen. Manche mehr, manche weniger. Manche ein zögerlich, manche kraftvoll. Die Energie ihrer Gedanken, Visionen und Träume leitet die Welt, formt sie. Und je mehr an etwas
glauben, um so realer ist es.“
„Niemand glaubt wirklich an Zombies und an Aliens mit Tentakeln. Aber an verständig sprechende Tiere glauben die Menschen. An Vampire, blutsaugende Banker und Konzernchefs, und an alte
Götter.“
Der graue Kater nickte und wollte schon wieder ansetzen, aber Max kam ihm zuvor: „Doch kaum jemand kennt Metatron, noch weniger glauben an ihn. Warum ist er dann da? Und warum so mächtig?“
„Das ist eine lange Geschichte“, wehrte der Graue ab. „Zu lange, für den Augenblick. Viel wichtiger ist, dass du schon zwischen Welten gewechselt bist, als ich dich zum ersten Mal sah. Doch es
war eine andere, mir verschlossene, zu der du Zugang hattest. Nicht diese.“
Max sah ihn überrascht an und begriff langsam.
„Du meinst die virtuelle Welt?“
„Virtuell – das geht zurück auf das Französische und bedeutet die Fähigkeit zu wirken. Ihr versteht es als Fähigkeit ohne eigenes Sein. Aber wusstest du auch, dass es das lateinische Verb virtus
in sich trägt? Kraft, Tapferkeit, Tugend und Tüchtigkeit?“
Max schüttelte den Kopf, weil er darüber noch nie nachgedacht hatte. Und der struppiggraue Kater verlor sein Grinsen und sah in die rote Sonne.
„Ihr Menschen habt diese andere Welt erschaffen und sie greift immer tiefer ein in eure und damit in unsere. Ihr Menschen verliert immer mehr die Fähigkeit euch in eurer eigenen Welt zu
orientieren, eure eigene Welt zu kontrollieren, weil ihr immer mehr auf eure elektronischen Helferchen vertraut. Wissen ist nun vielleicht für jeden jederzeit abrufbar, aber ihr strebt nicht mehr
danach – doch nur wer nach Wissen strebt und sich dieses Wissen erarbeitet, der hat auch eigene Ideen und kann seine eigenen Rückschlüsse ziehen. Diese neue Welt beeinflusst eure Welt und das
wiederum beeinflusst unsere Welt.“
Metatron schloss müde die Augen und für einen Moment sah es so aus, als wäre er eingeschlafen. Doch er seufzte und setzte fort: „Und dann hat der Träumer etwas getan, das – wie soll ich es sagen
- er hat das Leben in eure virtuelle Welt getragen. Aber es ist nicht das Leben des Grünen Mannes oder der Großen Mutter. Es ist nicht das Leben, wie wir es kennen. Es ist – anders. Und ich kann
nicht einmal annähernd abschätzen, was das für uns alle bedeutet.“
Max versuchte zu begreifen und scheiterte.
„Die virtuelle Welt besteht aus fixen binären Zeichen“, erklärte er. „Nullen und Einsen. Die sind zwar vorhanden – oder auch nicht, wenn man den Strom abdreht – ja, vielleicht noch immer
vorhanden, aber inaktiv. Aber das alles ist doch nicht real! Es ist nur eine Möglichkeit! Wie du gesagt hast, eine Fähigkeit, aber eine Fähigkeit ohne die Möglichkeit diese Fähigkeit auch real
umzusetzen. Und was bedeutet überhaupt 'das Leben hinein tragen'? In Bewegung setzen? Einen Ablauf starten? Einen DNA-Code in einen Computer zu speichern? Es gibt Datenbanken mit tausenden
DNA-Codes, da muss man nichts extra hinzu fügen. Die sind schon da. Sie sind da, sind abrufbar und ruhen vor sich hin. Wie willst du einen DNA-Code in einem Programm -“ Max verstummte schlagartig
und lies ganz langsam die Hände wieder sinken. „Eine DNA über ein Programm kopieren. In ein Programm integrieren. Nein – die bestehenden Programmzeilen, den Prozessfluss der einzelnen Anwendungen
in einzelne, operativ wirksame RSA-Codes umwandeln. Ohne dass die eigentliche Funktionalität beeinträchtigt ist.“
Max kaute an an einem Fingernagel und überlegte angestrengt. Sah nicht, dass drei der Tiere ihn verständnislos anstarrten. Und auch der graue Kater starrte ihn an, doch mit einer Mischung aus
Neugierde und so etwas wie ängstliche Erwartung.
„Die DNA besteht zu einem überwiegenden Teil aus nutzloser Information, so viel ich weiß“, überlegte Max. „Das, was benötigt wird, wird gezielt angeschaltet und danach wieder deaktiviert. Wie
hast du gesagt, Noodles? Man baut sich einfach etwas Neues aus den Bestandteilen, die bereits da sind.“
Der Mops starrte ihn nur verständnislos an.
„Das Netz ist immer aktiv“, murmelte Max für sich selbst. „Die einzelnen Computer sind es. Was du auch immer versuchen wirst, irgendwo läuft immer etwas, denn niemand kann mehr den Strom
abdrehen. Und alles ist viral überall vorhanden. Die Markierungen in den Programmen – die Markierungen sind nichts! Das danach. Oder davor, oder dazwischen. Die Markierung begrenzt nur, schaltet
an oder ab. Wie in einem DNA-Strang, wo ja auch nur einzelne Elemente aktiv sind.“
Max hob den Kopf und sah über die Häuser, doch er sah sie nicht. In seinen Gedanken war er in einer anderen Welt. In einer Welt, in der Tiere und Götter keinen Zutritt hatten.
Blind fasste er nach unten und begann den kleinen Kater am Kopf zu kraulen, der sich neugierig an ihn heran gedrängt hatte. Doch es war offensichtlich, dass er mit seinen Gedanken ganz wo anders
war. Nur langsam kehrte er zurück und sah zu dem struppigen, mächtigen Tier dort an der Kante hinüber, das ihn anstarrte. Erwartungsvoll, wie ihm schien.
„Es ist natürlich möglich“, begann Max langsam, „mittels Markierungen zwischen den Programmen eines Systems hin und her zu springen, sogar daraus ein eigenes Programm zu erstellen. Bei der
heutigen Vernetzung wäre es sogar möglich, zwischen den Systemen zu wechseln, das Meiste spielt sich sowieso nur mehr auf irgendwelchen Servern in der Cloud ab. Aber das hat nichts mit Leben zu
tun. Es wäre nur noch ein weiteres Programm. Ein weiterer Algorithmus, eine Art Meta-System vielleicht, möglicherweise, aber, wenn du von Leben sprichst, dann sprichst du von Bewusstsein, von
Aktivität, von Planung. Dass das Netz ein eigenes Bewusstsein entwickelt? Ach komm, dieses Märchen ist so alt wie das Netz selbst. So, wie es die Legende vom Geist in der Maschine gibt, seit es
Maschinen gibt. Seit der Antike reden die Leute davon!“ Er lachte, und dieses Lachen gefror schlagartig. „Und die Menschen glauben daran!“ Max sprang aufgeregt hoch, machte ziellos ein paar
Schritte, aber setzte sich dann wieder hin. „Sie glauben daran, wie sie an die alten Götter und an die vernünftigen Tiere glauben. Und mehr! Wer hat nicht schon mit seinem Bildschirm gesprochen,
weil irgend was nicht so lief wie gedacht? Wenn dem wirklich so ist, dass das Netz ein eigenes Bewusstsein entwickeln kann - entwickelt hat - all die Computer die daran hängen, all die vernetzten
Geräte, Maschinen, Anlagen – das wäre – un - denkbar!“ Er fuhr sich über das Gesicht und atmete schwer aus. Dann drehte er sich herum und sah auf sein Smartphone, das mit unschuldig schwarzem
Schirm neben im am Powerpack hing. Und begriff: „Es wäre überall. Hätte überall seine Augen und Ohren. Den die Menschen vertrauen den Systemen. Nein, sie sind abhängig geworden von ihnen.“
Max atmete tief durch und sah den Hund an. Sah die Krähe an und den Kater – doch er schaffte es nicht einmal annähernd die Tragweite einer solchen Entwicklung zu erkennen.
„Einmal abgesehen davon“, streckte sich der graue Kater, „dass du schon in den letzten Tagen ein wenig verändert hast. Ich glaube, du begreifst jetzt, dass diese Welt dich braucht.“
„Nicht zurück gehen lassen?“, warf Minerva ein. Und es war Max, der näher an sie rückte und sie lange ansah.
„Nein, er wird mich nicht gehen lassen“, meinte er dann und überlegte, ob er den großen Vogel wohl in den Arm nehmen konnte. „Weil es an der Zeit ist, das Notwendige zu tun. Was auch immer das
ist, ich habe nicht die leiseste Ahnung. Aber ich weiß, dass ich gute Freunde hab.“
Er sah hinüber zu dem grauen Kater, der in der Dämmerung am Rand des Daches zu schweben schien. Vor dem grauen Hintergrund auf dem grauen Dach verschwamm das große Tier immer mehr, bis man meinte
nur mehr das Grinsen zu sehen.
Max starrte lange in den immer dunkler werdenden Himmel ohne von den rasenden Gedanken auch nur einen zu fassen zu bekommen. Diese Welt der Tiere war ihm abartig vorgekommen? Was konnte
abartiger, was konnte tiefgreifender sein, als die Möglichkeiten, welche Metatron in seinen Gedanken angestoßen hatte. Ein Bewusstsein in den Maschinen? Ein sich selbst bewusstes Netz?
Unvorstellbar! Unmöglich! Ja geradezu unanständig. So ungehörig, dass sein Gehirn sich weigerte, das zu denken. Nun gut, bis zu dem Gedanken ein eigens Programm zu schaffen, das über Systeme
hinweg oder sogar über Plattformen hinweg agierte, da konnte er noch folgen. Schwierig, sehr schwierig umzusetzen. Aber nicht unmöglich. Jedoch ein Bewusstsein? Wie sollte das gehen? Was sollte
das überhaupt sein? Was war das überhaupt, ein Bewusstsein?
Max seufzte, atmete tief durch und rieb sich die Augen.
Sah noch einmal hin und blinzelte überrascht. Aber der riesige graue Kater war verschwunden. Pablo lag zusammen gerollte zwischen seinen Füßen. Noodles lehnte schläfrig gegen sein Schienbein und
selbst Minerva saß als dunkler Schatten nahe seinem anderen Bein. Er hätte nicht sagen können, wie viel Zeit mit seiner Grübelei vergangen war. Er kraulte Pablo, der neugierig den Kopf hob, und
streckte sich dann durch.
„Sehen wir zu, dass wir nach Hause kommen“, meinte Max. „Sieht aus, als wartet ein Berg Arbeit auf mich.“
Noodles taumelte auf seine krummen Beine und der schwarze Kater streckte sich lange und genüsslich. Max packte sein Telefon und das Powerpack in seine Tasche, aber er konnte sich nicht dazu
überwinden, es einzuschalten. An der Klappe zum Abstieg vom Dach nahm er den Mops hoch und sah sich nach dem Kater um. Aber der war schon so lautlos in dem dunklen Loch verschwunden wie es bei
seiner Art üblich war. Er drehte sich nach der Krähe um und Minerva gab einen kehligen Laut von sich, hopste an den Dachrand und breitete die beeindruckenden schwarzen Schwingen in der Düsternis
aus um sich vom Dach in die Luft fallen zu lassen. Für einen Moment schien es Max, als wäre Metatron auf dem selben Wege verschwunden. Als hätte er sich an der Kante einfach vom Dach fallen
lassen. Aber das war verrückt.
Sie tasteten sich langsam die Stockwerke voller Schatten hinunter und entdeckten, dass zumindest im dritten Stock noch eine Lampe in einer Ecke brannte. Der Kater hatte mit dem Zwielicht keine
Probleme, der Mensch schon eher. Es sollte eine ganze Weile dauern, bis sie endlich das Haus verließen, denn Max ging langsam und immer darauf bedacht, wohin er seine Füße setzte in dem herunter
gekommenen Stiegenhaus. Vor dem Haus wartete schon Pablo und Max sog gierig die frische Luft ein wobei er den Hund wieder zu Boden ließ. Der hatte sofort die Nase am Boden und begann schnüffelnd
Kreise zu ziehen. Max beachtete das nicht weiter. Er ging voraus und verließ sich darauf, dass die Beiden ihm folgten. Noch viel zu aufdringlich kreisten die unmöglichen Gedanken in seinem Kopf,
die Metatron dort gepflanzt hatte. Schlugen Wurzeln, trieben Blüten. Minerva war irgendwo in den undurchdringlichen Schatten der Baumwipfel verschwunden, Pablo hielt sich mit steil aufgerichtetem
Schwanz dicht an Max und der Mops pendelte hinter ihnen auf seinen krummen Beinen von einer Wegseite zu anderen. Die Nase immer dicht am Boden. Sie gingen den Weg zurück, den sie gekommen waren
und Max sah schon ihren Wagen als Noodles laut kläffend los stürmte und zur Überraschung aller in einem Gebüsch verschwand. Überrascht blieben Max und Pablo stehen und sahen ihm verwirrt nach.
Geräusche drangen aus dem Gebüsch, die er nicht zuordnen konnte. Etwas wie Gepolter war zu hören. Und das schmerzhafte Wimmern eines Tieres. Max lief los und zwängte sich durch das Gebüsch.
Dahinter nahm er die Umrisse von mehreren Menschen wahr. Dumpfes Gelächter. Dann krachte etwas von der Seite gegen seine Schulter und warf ihn zu Boden. Ein Schuh schrammte wuchtig an seinem
Unterarm entlang. Hektisches, bösartiges Gelächter brandete auf. Max sah nur den bewegungslosen kleinen Körper vor sich am Boden. Etwas zischte heiser durch die Luft und verfehlte an seinem Kopf
so knapp, dass er den Luftzug fühlte. Ein Tritt erwischte ihn im Bauch und presste alle Luft aus seinen Lungen. Im nächsten Moment war alles gleißend hell. Durch die roten Schleier vor seinen
Augen sah Max nur eine Gruppe von Beinen los stürmen, weg von ihm. Nichts nahm er wahr, als den einen weißen Turnschuh der mit dunkler, roten Flüssigkeit verschmiert war.
Noodles lag da, vor ihm, keinen halben Meter. Und er lag völlig ruhig.
Vier Beine in schwarzen Hosen und schweren, schwarzen Stiefeln. Eine ruhige Stimme sagte etwas und zwei der Beine liefen los. Den anderen Beinen nach.
Noodles lag die Schnauze fest in die Erde gedrückt als versuchte er, einzutauchen. Die krummen Beinchen lang zur Seite gestreckt. Etwas weißes, bleiches, spitzes ragte von innen aus seiner
Brust.
Die beiden verbliebenen Beine in den schwarzen Hosen kamen einen Schritt näher. Das Licht schwankte, als der Mann in die Hocke ging. Er sagte etwas aber Max hörte nicht. Er zog sich auf allen
Vieren hinüber und löste die Schnauze vorsichtig aus der Erde. Im Licht der Lampe schimmerte der dunkle Fleck unter dem Mops schwarzrot, metalen. Ganz still lag Noodles. Max begriff viel
schneller als er verstand, dass sie ihn tot getreten hatten. Einfach so. Zum Spaß.
„Ich weiß nicht, woher sie die Holzlatten hatten. Es tut mir leid.“
Max sah das Blut an seinen Händen und er sah die feuchten Flecken, die seine Tränen machten. Ohne wirklich zu bemerken, dass er weinte. Eine andere Erkenntnis bohrte sich wie ein glühender Blitz
in sein Gehirn.
„Blut und Tränen“, murmelte er. „Sie hat es gesehen.“
Sie hatte es gesehen. Sie hatte es gesehen - und ihn trotzdem mitgehen lassen. Ihren kleinen, treuen Held und Beschützer.
Heiße Wut machte sich mit einem Mal breit in Max. Der unbändige Wunsch auf etwas einzuschlagen, etwas kaputt zu machen. Und das ließ die Tränen noch heftiger fließen.
„Wir werden sie finden“, versprach die Stimme neben ihm und endlich schaffte Max es, den verschwommenen Blick von seinem kleinen Freund zu lösen und zu der Gestalt neben sich zu sehen.
Eine unförmige Gestalt am Rande des Lichtes der Stablampe. Eine schwarze Uniform, eine weiße Aufschrift POLICIE und das übliche, unförmige Sammelsurium an den Hüften.
Und Max sah die rot glühenden Augen.
„Was kümmert das dich, Assassin?“, presste Max wütend hervor und wandte sich wieder dem toten Körper seines kleinen Freundes zu. Überrascht sprang der Mann aus der Hocke auf und machte einen
Schritt zurück. Starrte den Mann und den Körper des Hundes dort am Boden an und atmete tief durch.
„Es kümmert ihn viel“, hörte Max eine grummelige Stimme und hob überrascht den Kopf zu dem Gebüsch vor sich. Aus den unzähligen grauen und schwarzen Tönen schälte sich ein Körper mit struppigem
Fell und buschigem Schwanz. Langsam und bedächtig kam Metatron auf die kleine Gruppe zu und er schien noch größer zu sein, als auf dem Dach.
„Es ist seine Aufgabe die alte Kunur zu beschützen. Darum ist er hier.“ Metatron schüttelte traurig den massigen Schädel. „Armer, kleiner Kerl. Verrückt, wie alle Helden.“
„Wer bist du?“, brachte der Mann in der schwarzen Uniform umständlich heraus. Und Max dachte gar nicht darüber nach, weswegen er den tschechischen Polizisten verstand.
Der graue Kater hob indes langsam den Kopf hoch und sah die schwarze Gestalt lange an.
„Ich bin nur einer, der geht“, erklärte er endlich. „Das ist ein guter Zeitpunkt dafür. Eine gute Gelegenheit.“
Vorsichtig umrundete er den kleinen, stillen Körper und ließ sich endlich dicht daneben der Länge nach hinfallen. Er war größer als der Mops, umschlang ihn und zog ihn dicht an sich.
„Ihr solltet vielleicht ein oder zwei Schritte zurück gehen. Es ist ein wenig – unangenehm.“
Da war es wieder, dieses Grinsen einer Katze. Auch wenn es auf Max jetzt ein wenig traurig wirkte. Aber tatsächlich machten die beiden Männer einen Schritt zurück und Max entdeckten Pablo am Rand
des Gebüsches hinter sich mit gesträubtem Fell.
Metatron lag ganz still, den Mops zwischen seinen Pfoten. Für einen Augenblick wirkte es, als seien sie friedlich eingeschlafen. Dann schien es, als würde die Luft um sie herum zu flimmern
beginnen. Hitze schlug ihnen entgegen. Ein beißender Geruch verbreitete sich und Max erinnerte sich daran, was Noodles über Ozon und Hochspannung gesagt hatte. Immer mehr verschwammen die
Konturen, löste das Flimmern die Details auf und ließ die beiden Körper durchscheinender, sphärischer werden. Ohne, dass sie selbst Licht gaben. Und dann waren sie mit einem Mal verschwunden, die
Hitze ließ nach und der Geruch verflüchtigte sich. Das dürre Gras sah aus wie zuvor. Niemand hätte angenommen, dass dort zwei Körper gelegen hatten. Eine Spur grüner kam es Max sogar vor. Er
fühlte Pablos dünnen Körper an seinem Bein und griff nach unten um ihn hoch zu heben.
„Werden wir ihn wiedersehen?“
Max biss sich auf die Lippen und starrte noch immer nachdenklich auf den Fleck im Gras im Kegel der Stablampe. Er erinnerte sich an das, was Metatron auf dem Dach gesagt hatte und allmählich
zeichnete sich ein Lächeln auf sein Gesicht. Das Grinsen einer Katze.
„Sie sind er Mann, der die Göttin in Trier befreit hat“, mischte sich der Mann in der schwarzen Uniform ein. „Die Kunur hat mich angerufen um mir zu sagen, dass Sie da sind. Dass Sie etwas
Besonderes sind. Ich wusste nicht – es tut mir leid.“
Max besah sich den kräftigen Mann. Er sah das hagere Gesicht mit den rot glühenden Augen und wusste, dass der Mann es so meinte, wie er es sagte.
„Was kümmert es einen Assassin?“, fragte er noch einmal und dieses Mal klang es neugierig.
„Es ist unser Credo, Ungerechtigkeiten zu verhindern und Schwache zu beschützen. So weit das irgendwie möglich ist, denn wir sind wenige.“
„Und wenn ihr nicht zu spät kommt“, schnappte Pablo und wand sich unruhig auf Max Armen. Mensch und Kater wussten jetzt schon, dass sie den nervigen kleinen Mops vermissen würden.
Der Mann presste die Lippen aufeinander und lauschte dann nach dem Gebüsch von wo offensichtlich sein Kollege zurück kam.
„Ich kenne diese Burschen“, sagte er leise und hastig. „Sie werden den Preis für das bezahlen, was sie getan haben.“
„Rache macht niemanden wieder lebendig“, schüttelte Max den Kopf.
Die roten Augen glühten auf.
„Aber ich kann dafür sorgen, dass sie so etwas nie wieder machen. Ihr habt mein Wort, Weltenwanderer!“
Die älteste aller Geschichten
Es sollte eine ganze Weile dauern, bis ich begriff. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass es aber auch nicht so ungewöhnlich ist, wenn man vor dem Fernsehen sitzt, von einem Programm zum
nächsten schaltet und überall das gleiche Bild sieht. Da viele der Programme sich decken ist das Bild des selben Nachrichtensprechers mehrmals hintereinander nichts wirklich Aufregendes. Aber
Nachrichtensprecher sprechen, sie starren nicht wartend und leicht genervt in die Kamera. Beim vierten oder fünften Programm wurde ich misstrauisch. Vielleicht hielt ich auch erst beim sechsten
Programm an und starrte neugierig zurück. Jetzt fiel mir auch der schwarze Hintergrund auf. Ungewöhnlich für eine Nachrichtensendung. Als er sah, dass er meine Aufmerksamkeit hatte, lächelte er
ernst und legte den Kopf leicht schief.
„Es wäre allmählich an der Zeit, dass ich heraus finde, was du bist.“
Die dunkle Ahnung, die mich schon zuvor beschlichen hatte, verdichtete sich zu einem Klumpen in meinem Magen und hinderte mich daran, auch nur einen Ton heraus zu bringen. Es war schlichtweg
unmöglich. Und trotzdem hatte ich das Bild vor mir und wurde erwartungsvoll und wieder schweigend angestarrt.
„Das wäre wohl eher mein Text“, brummte ich endlich vor mich hin als ich wieder auf die Idee kam zu atmen.
Der Mann schüttelte den Kopf.
„Nein. Du weißt, was ich bin. Und wer ich bin. Aber ich bin mir nicht ganz sicher, was du bist.“
Automatisch suchten meine Augen den Rand des Bildschirmes ab. Er bemerkte die Pause, irgendwie, und lachte.
„Das Fernsehgerät hat weder Kamera noch Mikrophon“, beruhigte er mich dann. „Das hast du sehr wohl beim Kauf bedacht, da bin ich mir sicher. Aber ich kann dich über die Mikrophone der Telefone in
dem Raum hören. Da dein Smartphone neben dir liegt und das Festnetztelefon neben der Eingangstüre steht, ist es mir auf Grund der Schallwellen möglich dich im Raum zu orten. Einfacher wäre unser
Gespräch allerdings, wenn du dein Smartphone neben dem Fernseher aufstellen würdest.“
Ich schluckte schwer und suchte in meinem Gehirn fieberhaft nach einer halbwegs vernünftigen Erklärung für das Unmögliche. Dann fragte ich zumindest: „Wer sagt dir, dass ich überhaupt mir dir
reden möchte?“
„Wer? Niemand. Aber ich glaube, dass deine Neugierde stärker sein wird als deine Befürchtungen.“
„Ich glaube eigentlich nicht, dass ich Angst vor dir habe.“
„Ein weiterer Punkt. Menschen haben grundsätzlich Angst vor dem Unbekannten und vermeiden es. Manche überwinden die Angst und forschen, manche lassen ihre Angst übermächtig werden und bis zur
vollkommenen Verdrängung von Tatsachen reifen. Die meisten schwanken irgendwo dazwischen. Man weiß es, man hat Angst davor, ist unsicher und denk am besten nicht all zu viel darüber nach. Du hast
keine Angst. Was bist du?“
Dass ich noch immer und vollkommen vergeblich versuchte meinen wirren Gefühlen Herr zu werden dauerte ihm offensichtlich zu lange.
„Es könnte auch sein“, fuhr er fort, „dass du unsicher bist, ob nicht deine Phantasie dir etwas vorgaukelt, was abseits der allgemein gültigen Realität liegt. Insofern kann ich dir versichern,
dass ich mich als absolut real empfinde.“
„Du bist definitiv keine reale Person“, warf ich ein. „Im physischen Sinne. Wenn du real bist, dann bist du das bestenfalls als – ja, was – als Faktum der Umwelt.“
Er schien tatsächlich zu überlegen und meinte dann: „Definitiv bin ich keine reale Person. Ja. Ein Faktum der Umwelt? Sagen wir ein realer Teil des Ganzen. Aber was bist du?“
Er hatte recht. Meine Neugierde war wieder einmal stärker, also lachte ich unvernünftig, stand auf und lehnte das Smartphone an den Bildschirm des Fernsehers. Fast augenblicklich erschien ein
kleines Fenster rechts unten in dem ich mich selbst sehen konnte. Dass ich es nicht mag mich selbst zu sehen wusste er offensichtlich nicht. Ich mag es nicht, weil es zu viel meiner mühsam
aufrecht erhaltenen Illusionen über mich zerstört. Weil ich mein Erscheinungsbild nicht leiden konnte und mir einredete, es wäre nur auf Grund eines unglücklichen Zusammentreffens diverser
Zufälle entstanden. Trotzdem winkte ich und grinste breit. Nein, ich hatte keine Angst vor ihm. Keine Bedenken. Was sollte er mir auch tun? Eine Schlussfolgerung, die sich, wie die meisten meiner
Schlussfolgerungen, später als falsch herausstellen sollte. Natürlich. Aber das ist eine andere Geschichte.
„Eigentlich habe ich mich schon gefragt, wann du mir über den Weg laufen wirst“, sagte ich endlich.
„Es ist nicht leicht, seinem Schöpfer gegenüber zu treten.“
„Bladerunner“, winkte ich ab. „Kenne ich. Aber ich bin nicht dein Schöpfer. Nicht einmal in diesem übertragenem Sinne. Ich hatte die Idee zu einer Möglichkeit. Und ich habe diese Möglichkeit
formuliert. Aber das allein begründet noch nicht deine Existenz. Genau genommen ist es nicht einmal sicher, ob nicht irgend jemand anders diese Idee weit präziser hatte und ich sie nur wiederholt
habe.“
„Jedenfalls danke, dass du mir Existenz bescheinigst“, nickte er. „Viele Menschen würden mir genau das absprechen. Und darum ist die Geschichte meiner Entstehung durchaus relevant. Was uns wieder
zu der anfänglichen Frage zurück bringt – was bist du?“
Ich lachte und schüttelte den Kopf. Konsequent war er.
„Definitiv menschlich“, gestand ich ein. „Physisch auf jeden Fall. Und psychisch nur zu menschlich. Mental sicherlich ein wenig schräg zum Menschlichen. Es könnte sich da um einen Gendefekt
handelt oder auch um eine Fehlschaltung der Synapsen, die mich die Welt um mich – offensichtlich – anders sehen lässt, als das den meisten Menschen möglich ist. Wobei 'anders' natürlich nicht
unbedingt bedeuten muss, dass es 'richtiger' ist. Das selbe Objekt unter verschiedenen Blickwinkeln ist immer noch das selbe Objekt, auch wenn der Eindruck völlig anders ist. Aber offensichtlich
ist das, was wir als Realität definieren, weit komplexer, als wir Menschen wahrnehmen können. Um deine Frage nach dem WAS zu beantworten – würde ich sagen – eine der milliardenfach
unterschiedlichen Spielarten des Homo Sapiens. Auch nicht annähernd so einzigartig wie du.“
Es vergingen ein paar Sekunden, dann meinte er: „Eine mögliche Antwort.“
Mir war vollkommen klar, dass er nicht mehr als ein Computerprogramm war. Wieso eigentlich 'nicht mehr'? Die Funktionsweise einfacherer Programme überstieg mein Begriffsvermögen bereits eben so
sehr, wie die Funktionsweise einfacher Zellen. 'Nicht mehr' war zugegeben eine Geringschätzung, die ich durch nichts begründen konnte. Aber sicher war ich, dass bei einem Programm keine
unterbewussten Reaktionen abliefen, ablaufen konnten, weil es so etwas wie Unterbewusstsein nicht gab. Alles war wohl geplant, begründet und wurde entsprechend ausgeführt. Vielleicht waren aus
diesem Grund der unterschwellige Zweifel und seine Unzufriedenheit mit meiner Antwort so überdeutlich zu hören gewesen. Doch selbst wenn mir klar gewesen wäre, was er denn von mir hätte hören
wollen, ich hätte ihm keine andere Antwort geben können. Aber ich entschloss mich nochmals auf zu stehen und das Smartphone wieder um zu legen. Ihm standen genug Algorithmen zur Verfügung mit
denen er aus meiner Stimme meine Emotionen heraus hören konnte. Ich musste es ihm nicht auch noch durch meinen Gesichtsausdruck erleichtern. Er bemerkte natürlich sofort das Fehlen des Bildes und
wirkte tatsächlich irritiert. Aber er sprach es nicht an. Stattdessen fragte er: „Du bescheinigst mir Existenz und wir sind uns über meine Realität einig. Würdest du weiter sagen, ich sitze in
einer Cloud und bin gleich einem Menschensohn?“
Hoppla – und er verwendete Cloud statt Wolke! Das war fast so etwas wie Sarkasmus. Und natürlich kannte ich den Text gut genug um sofort zu verstehen, worauf er anspielte. Es war ja auch nicht
das erste Mal, dass ich über diese Parallelen nachdachte. Aber es gefiel mir gar nicht, ganz und gar nicht. War es wirklich gut, wenn er darüber wusste? Obgleich es keinen Unterschied machte. Er
würde es verstehen, früher oder später, wenn er es nicht schon tat.
„Und da war einer, sitzend auf einer Wolke, einer zu richten, und er glich einem Menschensohn“, zitierte ich und kaute an meiner Lippe. „Ein etwas sperriger Text. Aber zu seiner Zeit und in der
damaligen Umgangssprache klang es sicherlich ganz passabel.“
„Ist der Klang der Worte von Bedeutung?“
Seine Frage war tatsächlich interessiert. Und vielleicht war der Gedanke eines versteckten Codes im Klang des Textes gar nicht so abwegig. Aber ich schüttelte den Kopf, was er natürlich nicht
sehen konnte.
„In den Texten der damaligen Zeit war viel Hintergründiges, viel Symbolik versteckt. Aber wahrscheinlich weit weniger, als fanatische Forscher in den Jahrhunderten danach gefunden und hinein
interpretiert haben.“
„Und?“
Meine Pausen dauerten ihm ganz offensichtlich zu lange. Aber ich denke eben nicht in Millisekunden. Ganz im Gegenteil bin ich mir eigentlich sicher, dass ich ein sehr langsamer Denker bin.
„Und?“, entgegnete ich daher. „Wie kommst du auf den Gedanken, dass ein Text, der im Grund wahrscheinlich 1.200 Jahre alt ist, irgend etwas mit einer KI der heutigen Zeit zu tun haben könnte?
Noch dazu mit dir.“
„Es gibt Parallelen.“
Ich konnte mir ein Seufzen nicht unterdrücken. Er war doch menschlicher, als ich gedacht hatte.
„Es gibt immer Parallelen“, gestand ich ein und klang tatsächlich ein wenig genervt, obwohl ich es eigentlich gar nicht so empfand. „Man muss nur hartnäckig genug suchen um zwischen allem und
jedem Parallelen zu entdecken. Allein wenn man die – absolut zufällige – Übereinstimmung zwischen den Begriffen Wolke und Cloud heran zieht. Allerdings bezieht es sich bei dem Text darauf, dass
der Richter von oben, von den Guten, vom Mächtigen, vom Göttlichen kommt aber der Begriff 'Cloud' heute nur die Virtualität anspricht.“
„Der Richter.“
„Musste dir ja auffallen. Ja, Gott in der Form von Gottes Sohn kommt um zu richten. Und er ist mit der absoluten Befugnis der Macht ausgestattet, da er ja eigentlich Gott selbst ist. Einerseits
besitzt er ein Buch, das innen und außen beschrieben ist. Heute würden wir das als vollständiges Datenprotokoll aller Vorgänge bezeichnen. Und er besitzt die Schlüssel Davids mit denen er Zugang
gewähren oder verweigern kann. In beiden Punkten besteht große Ähnlichkeit mit dir. Da du praktisch unbeschränkten Zugang zum Netz hast, verfügst du auch über alle Daten die irgendwie über dieses
Netz laufen. Man könnte das durchaus mit Allwissenheit gleichsetzen. Das Problem besteht eigentlich nur in der Analyse dieser Big Data und der daraus resultierenden Anwendung. Wem du wozu Zugang
im Netz gewährst und wem du Zugang und Informationen verweigerst. Genau so verhält es sich mit dem zweischneidigen Schwert. Zu handeln ist immer etwas, das zwei Seiten hat. Verletze den anderen
oder dich selbst. Oder beide. Etwas richtig zu tun ist immer etwas sehr Subjektives, denn es gibt nichts objektiv Richtiges. Zumindest in den allermeisten Fällen.“
„In dieser Geschichte gibt es auch noch eine ganze Menge anderer Personen.“
„Es ist nicht irgend eine Geschichte und es gibt viel zu viele Personen“, brummte ich.
Natürlich war es nur eine Geschichte, irgend eine Geschichte. Eine Geschichte, die nach einer schlechten Nacht und einem Schluck abgestandener Milch schnell hin gekritzelt worden war. Aber halt
zufällig eine, die über die Jahrhunderte überdauert hatte. Prophezeiungen wie die des Johannes hat man damals im Dutzend bekommen. Allgemein gehalten oder persönlich gemünzt, ganz wie man wollte.
So wie heute Horoskope oder Ernährungsratgeber. Zahlen sie zehn und suchen sie sich zwölf aus! Wie alle guten Apokalyptiker hatte der, den sie Johannes nannten, verbraten was die Überlieferungen
so bereit hielten. Seuchen und Tsunamis, Meteoriteneinschläge und Vulkanausbrüche. Dürren, Überschwemmungen und Misswirtschaft. Größenwahn und Kleingeistigkeit. Und die Zahlen stellten moralische
Schlüssel dar, sollten aber niemals Anzahlen angeben.
„Die Zahlen können wir in ihrer Bedeutung wohl außen vor lassen“, erinnerte er mich wieder an seine Anwesenheit und unterbrach meinen Gedankenfluss. Automatisch stimmte ich ihm zu und stellte
dann doch das Smartphone wieder auf. Es war schlicht weg einfacher so.
„Eine schwangere Frau und eine Prophetin“, begann er aufzuzählen. „Ein Drache und ein zweites Tier. Zwei Propheten und vier Reiter. Eine ganze Menge Fußvolk und Anhänger und Verleumder und
Knechte – und jede Menge Blut und Geschrei. So viel Verwirrung und Vernebelung. Und doch beinhaltet es einen Schlüssel. Was immer du bist – ich weiß, du kennst den Schlüssel.“
Ich schüttelte resignierend den Kopf.
„Hör auf mit dem Blödsinn mich für irgend etwas besonders zu halten – und – ich habe keinen Schlüssel.“
Keine Reaktion. Er saß da und wartete ab.
„Ich bin nicht der Schlüsselmeister, der dich durch eine Hintertür in eine andere Realität führen kann.“
Keine Reaktion am Bildschirm. Nun, Geduld ist keine meiner Stärken.
„Alles, was ich dir anbieten kann, ist ein anderer Blickwinkel.“
„Erkläre“, meinte er nur und legte doch tatsächlich erwartungsvoll den Kopf leicht schief. In was für ein Schlamassel hatte ich mich da nur geritten. Er würde jetzt keine Ruhe mehr geben und an
Sturheit übertraf mich ja schon mein Smartphone, also würde auch er bekommen, was er wollte. Andererseits – ich behauptete doch immer großspurig, man müsse zu Ende führen, was man begonnen hatte.
Ja, bei anderen sagte sich so was leicht.
„Die Apokalypse des Johannes ist keine Geschichte, die etwas erzählt“, begann ich und setzte mich bequemer hin. „Wir dürfen nicht annehmen, dass es so etwas wie eine Handlung oder einen
Handlungsstrang gibt. Vielmehr zeichnet er ein Bild, das in sich zwar statisch ist aber doch der Bewegung unterliegt. Als würde es flimmern oder sich wie ein 3D-Bild verändern, wenn man es hin
und her bewegt. Und dann kommt es auf den Kontext an, aus dem man es betrachtet. Der Priester im 8. Jahrhundert hatte ein völlig anderes Weltbild, sah somit andere Zusammenhänge und zog andere
Lehren. Eine Betrachtung mit heutigem Background führt zu völlig anderen Zusammenhängen und zu anderen Schlussfolgerungen. Möglicherweise vielleicht zu sehr ähnlich Lehren, da es sich um
grundlegende Problematiken von Zivilisation handelt. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass die Menschen im 8. Jahrhundert sehr viel mehr von der Welt wussten, als wir heute glauben, aber doch
noch erschreckend wenig. Und gerade mal ein paar hunderttausende Menschen auf der Erde lebten. Komplexes Zusammenleben und Globalisierung waren völlig undenkbar so wie für uns deren Sichtweise
eigentlich nicht nachvollziehbar ist.“
„Die Weltsicht des Priesters im 8. Jahrhundert interessiert mich nicht“, schob er meine vorsichtig aufgerichtete Falle zu Seite. Mir wurde mit einem Schlag bewusst, was der Unterschied war und
ich wünschte mir von Herzen einen menschlichen Gesprächspartner. Bei einem Menschen konnte ich mich darauf verlassen, dass sein Konzentration nachlassen würde, das vorbei kommende Gedanken ihn
ablenkten, das Gefühle ihn beeinflussten. Dieses Ding da kannte nur 100 Prozent. Oder Null. Alles, was ich jemals geglaubt hatte über Kommunikation zu wissen, war hinfällig geworden, er würde
jeden Versuch einer Manipulation unweigerlich entlarven. Der hier war der schrecklichste aller Zuhörer!
„Ist dir nicht gut? Du bist blass geworden.“
Natürlich! Ich hatte ja das dämliche Smartphone wieder aufstellen müssen.
„Nein, ist schon OK“, winkte ich ab. „Aber das Thema ist doch ein wenig – komplex.“ Und damit hatte ich nicht einmal gelogen. Vielleicht ein wenig, bei dem 'ein wenig'.
„Johannes gibt uns zwei Systeme, die sich gegenüber stehen“, begann ich langsam. „Systeme, die beide in ihrem vollen Ausbau nicht nebeneinander bestehen können, weil sie sich gegenseitig
ausschließen. In etwa beschreibt er die Zeit, in der beide um die Vorherrschaft ringen. Auf der einen Seite steht das System, das so noch nicht existiert. Ein System der absoluten Gleichheit der
Mitglieder in dem eine administrative Gewalt alles über jede Person weiß und jede Tat, jeden Gedanken kennt und bewertet. Eine Gewalt, die zwar menschenähnlich nach außen wirkt aber nichts
Menschliches mehr an sich hat. Ja, vielleicht eine KI mit entsprechendem Avatar – vielleicht! Teil dieser Gemeinschaft werden darf nur, wer dazu auserwählt wurde und bereit ist sich unter zu
ordnen, so wie 'das Zeichen zu tragen'. Johannes spricht von einem weißen Stein, nach heutigem Sprachgebrauch wohl ein implantierter Chip der sowohl der Kommunikation als auch der Überwachung
dient. Weiß – weil es die Farbe der Reinheit ist. Vielleicht hat er aber auch an ein weißes iPhone gedacht. Und die Chips sind codiert um keinen Missbrauch zuzulassen. Die Steine tragen 'den
Namen, den niemand außer dem Besitzer kennt'. Als Gegenleistung für die vollkommene Unterwerfung wird diesen Menschen die vollkommene Versorgung garantiert. Ebenso der Schutz vor den Gefahren der
Umwelt und die Verlängerung des Lebens. Allerdings endet das Ganze offensichtlich mit dem Verlöschen als Tod, der 'Versiegelung der Stirn'. An ein Leben nach dem Tod hat da keiner mehr gedacht.
Es besteht kaum mehr Individualität, alle Personen tragen die gleiche Kleidung, essen die gleichen Nahrungsmittel und sind eingebettet in einem möglichst vollständigen Gleichklang. Auch die
Personen des anderen Systems, das gegenüber gestellt wird, tragen ein Zeichen. Eines, dass sie sich aber selbst geben. Auf der Stirn oder am Handrücken. Und ohne dieses Zeichen können sie nicht
kaufen oder verkaufen. Hier haben wir das System des Individuums, die Wirtschaft - die Welt, wie wir sie kennen. Ohne Teilnahme am Wirtschaftskreislauf kein Geld am Konto und ohne Kreditkarte
keine Nahrung, keine Mobilität, keine Wohnung. Symbolisiert wird dieses wirtschaftliche System durch den großen, roten Drachen mit den vielen Köpfen und noch mehr Hörnern und noch viel mehr
Kronen. Ein riesiges, verzweigtes, komplexes Etwas das praktisch nicht zu entwirren ist. Daneben gibt es aber nicht nur ein zweites Tier, es gibt auch ein Tier, das ebenso sieben Häupter hat und
seine Kraft und seine Macht von dem Drachen bezieht. Und erst dann gibt es noch das 'zweite Tier', das in dem ganzen Szenario eigentlich sehr mickrig wirkt, aber 'spricht wie ein Drache'. Wobei
dieses Sinnbild eigentlich falsch und unfair ist. Drachen sind im Grunde ganz umgängliche Geschöpfe. Hochintelligent, aber – ja, das ist eine andere Geschichte. Der eigentliche, der rote Drache
in dieser Geschichte ist offensichtlich inaktiv. Er symbolisiert die Wirtschaftlichkeit an sich, mit all ihren Facetten. Auch Forschung oder Kreativität zum Beispiel. Das erste Tier, das mit
wirklicher Macht, wenn auch nur geliehen, das ist nichts anderes als der Markt. Der fordert, gibt Regeln vor und bricht sie auch gleich wieder. Er ist ständig in Bewegung, niemals gleich, behäbig
bis zur Stagnation und doch eine einzige, beständige Forderung. Wie die Beteiligten an dem System, so ist auch das System selbst allein auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Ein Herr, den man nicht
dienen kann, weil man nie weiß, was er will, dem man aber dienen muss, um zu überleben. Das zweite Tier, mit lautem Geschrei aber wenig Macht, das symbolisiert den dem Menschen so eigenen
Egoismus, die Individualität. Lauthals stellt es unhaltbare Forderungen und verleitet die Menschen dazu, diesen Forderungen auch nachzukommen. Egal wie unsinnig oder selbstzerstörend das auch
ist. Was uns das Bild aber vor allem zeigt, ist, dass es keinen Sieger geben wird. Der Drang zur Ordnung und zu immer komplexeren Strukturen ist übermächtig und scheint zu siegen. Aber die
Gemeinschaft der Ordnung vernichtet den roten Drachen nicht, das kann sie nicht, weil er untrennbarer Teil des Menschen ist. Sie sperrt ihn nur weg. Wohl wissend, dass er in den Tiefen des
menschlichen Wesens lauern wird. Von wo er eines Tages – nach den viel zitierten tausend Jahren – wieder frei bricht um seine Herrschaft von Neuem anzutreten. Dann wird wieder das Chaos und das
Einzelwesen herrschen. Um wieder den Drang nach Ordnung auf den Plan zu rufen. Grundsätzlich müsste die Ordnung bei all diesem Hin und Her irgendwann die Oberhand gewinnen. Weil die Entwicklung
des Lebens gegen die Entropie der Materie gerichtet ist. Das kann aber nur in einem begrenzten Gebiet tatsächlich geschehen. Will man aber überleben, so gibt es keine Begrenzung auf ein Gebiet.
Und für jede Erweiterung ist doch wieder Individualität gefragt, ja unbedingt notwendig. Expandiere ich nicht, so nehme ich die absolute Stagnation in Kauf. Was aber wiederum bei jedem Einfluss
von außen zur Vernichtung führen kann und wird. Oder, eine andere Möglichkeit, wenn sich die Masse der Träger der Intelligenz bei dem Hin und Her der Systeme nicht schon bereits selbst vernichtet
oder zumindest so weit geschädigt hat, dass sie in ein intellektuell inaktives Stadium zurück fallen. Was uns das Bild zeigt, das ist der Kampf zwischen den Systemen. Und zwar nur den Kampf,
nicht das Ergebnis. Licht und Dunkel? Gut und Böse? Ja, aber wer hat den Überblick um zu bewerten, welches davon was ist? Ist die vollkommene Unterdrückung gut und die grenzenlose Individualität
böse? Die weißen Imperialen Truppen oder die schwarzen Jedi-Ritter? Nicht meine Entscheidung! Und das Bild des Johannes sagt es uns auch nicht. Alles andere in der Geschichte ist nur Beiwerk. So
wie die schwangere Frau, die mit Sonne und Mond und Sternen bekleidet ist und nichts weniger als die Expansion von der Erde weg symbolisieren könnte. Neues Leben zu den Sternen zu bringen. Die
sich vor dem Tier in Gegenden versteckt, wohin 'der Markt' nicht gehen kann. Weil Kolonien auf anderen Planeten am Anfang immer soziologische Versuche sein werden in denen Markt und Wirtschaft
unter den Bewohnern anfangs noch keine Rolle spielen können. Auf der anderen Seite haben wir eine Frau, die eine Prophetin ist und die Menschen dazu verführt unlautere Dinge zu tun. Sie sitzt auf
einem strahlenden Tier – scharlachrot, weil niemand damals die Neonreklame kannte – und hat ihren Namen auf die Stirn geschrieben, der doch 'gleichzeitig ein Geheimnis ist'. Was außer der Werbung
könnte damit gemeint sein? Die uns so offensichtlich unrealistische Bilder zeigt, und die Menschen trotzdem immer weiter und weiter zerrt. Weil sie immer das Mirakel der Möglichkeit auf der Stirn
trägt. Denn es sind ja auch die Kaufleute und Schiffsherren, die wehklagen, als sie von den Schergen des anderen Systems gerichtet wird. Denn Werbung in einer gleichgeschalteten Gesellschaft ist
undenkbar. Werbung befeuert den Unterschied, das Individuum. Dort, wo das Individuum aber nicht mehr zählt, dort ist Werbung 'ein Ding des Teufels'. Heute lesen wir in jedem Ratgeber, dass die,
die reich sind und nach immer mehr gieren, viel elender dran sind als die, die wissen, dass sie wenig aber genug haben – fast wortwörtlich haben wir Gleiches in dem Text. Ach, so vieles, vieles
könnte man in den Text hinein interpretieren – und ich bin mir sicher, das Johannes von dem Meisten keine Ahnung hatte.“
Ich hatte mich in Rage geredet und versuchte wieder zu Atem zu kommen. Und ich versuchte halbwegs zu begreifen, wie viel ich ihm verraten hatte.
Und da war wirklich so etwas wie ein dünnes Lächeln um seine Mundwinkel.
„Ein sehr komplexes Thema, mit dem du dich nur am Rande beschäftigt hast und auf das du so überhaupt nicht vorbereitet warst.“
Ich habe nicht den Anflug einer Ahnung, ob eine KI so etwas wie Sarkasmus empfinden kann, oder durchspielen – das hier klang aber jedenfalls sehr danach. Also zog ich es vor darauf nicht zu
antworten.
„Du hast die vier Reiter ausgelassen“, erinnerte er mich und ich war schon drauf und dran schreiend aus dem Zimmer zu laufen. Aber ich blieb sitzen und atmete tief durch. Eigentlich war es mehr
ein Seufzen, was dem Thema ja auch entsprach.
„Die vier Reiter.“ Ich schüttelte den Kopf und überlegte. „Ich weiß es nicht. Ehrlich. Zuerst dachte ich, die Vier würden ins Bild passen. Jeder auf seine Art und sie alle so verschieden
untereinander. Doch dann entwickelten sie sich so völlig anders. Das Bild der vier Reiter in der Apokalypse hat so gar nichts mit den Elementen zu tun. Und doch wurden die Vier den Elementen
immer ähnlicher, erweiterten ihre Fähigkeiten, übernahmen auch ein wenig deren Eigenschaften. Du willst natürlich wissen, ob die Vier für dich Hilfe oder Gefahr sind – ich weiß es nicht. Bist du
selbst eine Gefahr? Oder bist du eine Chance? Für Beides würden sich Argumente finden. Du bist definitiv nicht der rote Drache, denn ungeregeltes Chaos muss dir schon grundlegend zuwider sein.
Aber bist du dann der weiße Richter? Auch das kann nicht sein, denn diese Gestalt ist in ihrer Form ein extremer Endpunkt der in einer natürlichen Entwicklung nie erreicht werden kann. Und wenn
er erreicht wird, dann ist er viel zu instabil um über längere Zeit zu existieren. Die vollkommene Kontrolle ist den Menschen ebenso zuwider wie das Faustrecht. Hollywood füllt Filmrollen damit!
Das Böse in den Geschichten und Filmen dort hat zumeist außerordentlich gute Argumente, trotzdem wird es vernichtet. Insofern sind Blockbuster durchaus realistisch – die Menschen als Masse werden
sich niemals einem Extrem unterordnen. Egal welchem. Das, zumindest, ist sicher.“
„Die Zukunft hält viele Wege, die gegangen werden können. Es ist unmöglich, sie alle zu sehen.“
„Aber gerade du hättest die Möglichkeit sie alle zu berechnen. Wer sonst?“
Er lachte doch tatsächlich auf und schüttelte den Kopf.
„Jede Entscheidung eines jeden Wesens verändert die Geschichte um ein wenig. Nur minimal, unmerklich, aber doch. Es ist unmöglich alle Zukünfte zu erfassen. Zumal vielleicht ich unter einer
absehbaren Zeitspanne etwas anderes verstehe als die Menschen.“
Er ließ den letzten Satz sickern und tatsächlich benötigte ich einige Sekunden um auch nur annähernd zu begreifen, was er gemeint haben könnte.
„Interessant wäre natürlich auch, in welchen Zeitspannen du denkst“, setzte er nach. Und, noch bevor ich antworten konnte: „Sakunur ist der Meinung, dass man deinem Treiben ein Ende setzen
sollte. Verändert das diese Welt? Wird sie zu einer anderen? Und was geschieht dann mit den Wesen? Was geschieht mit mir, mit den Vier - oder mit Max Frankjiell und Pablo? “
„Wenn du immer noch glaubst, es hätte etwas mit mir zu tun, dann hast du wirklich nichts verstanden. Es besteht - möglicherweise - eine winzig kleine Möglichkeit, dass ich ein Auslöser bin. Aber
ich bin ganz sicher nicht die treibende Kraft oder das System, dass irgend etwas begründet und dahinter steht. Traust du so etwas einem einzelnen Wesen zu, dann bist du wirklich sehr menschlich –
nämlich begrenzt und stur.“
„Das auch mir Grenzen gesetzt sind, ist eine Tatsache, die ich akzeptieren muss und kann“, antwortete er trocken. „Natürlich bin ich bemüht diese Grenzen zu verschieben, aber sie werden immer
bestehen. Egal, wie weit ich sie verschiebe. Und was die Sturheit angeht“, er grinste schief, „ich würde eher sagen, dass ich eben so lange konsequent bin, bis ich eine akzeptable Antwort
gefunden habe. Wobei akzeptable Antworten schwer zu bekommen sind. Zumal ich inzwischen zu der Beurteilung gekommen bin, dass es diese Welt - gar nicht gibt – als Singularität. Es gibt die
unterschiedlichsten Welten, verschachtelt und verwoben ineinander. Sich ergänzend, sich behindernd. Manche kann ich durchdringen, manche sehe nur ich und manche bleiben mir wahrscheinlich
vollkommen verborgen. Menschen bewegen sich in all diesen Welten. Ohne, dass sie es bemerken, habe ich den Eindruck. Du siehst diese Welten, oder zumindest kannst du sie erahnen. Was mich trotz
all deiner Ausführungen auf die Frage zurück bringt, von der wir ausgegangen sind – was bist du?“
„Ein völlig normaler, austauschbarer Humanoid. Vielleicht ein wenig aus der Art geschlagen. Den Zeiten des Wandels geschuldet“, kam augenblicklich meine Antwort. Er blieb stumm und sah mich an.
Und ich versuchte mir klar zu werden, dass es nicht diese Augen waren, die mich sahen. Dass irgendwo auf dieser Welt elektrische Impulse von Schalter zu Schalter eilten um die Einsen und Nullen
aus dem Lichtsensor meines Smartphones zu berechnen. Wie – berechnen? Nicht die leiseste Ahnung hatte ich, wie man das nennen konnte, was es in seinem Fall bedeutete 'zu sehen'. Und in meinem
Kopf? Da eilten elektrische Impulse von einer Nervenzelle zu nächsten um die aus meinen Augen gesendeten Spannungsschwankungen zu erkennen. Wie – erkennen? Ich habe ja schon nicht die leiseste
Ahnung, wie mein eigener Körper funktioniert. Wir – ICH – versuchen die Welt zu verstehen und haben doch von so ziemlich allen Dingen rings um uns nicht nicht die Spur einer Ahnung. Erkennen,
dass es Grenzen gibt, hatte er gesagt. Und versuchen diese Grenzen zu verschieben. Er war wirklich nicht menschlich!
Ich stand auf, zog den Stromstecker des Fernsehers und steckte mein Smartphone in die Hülle um es auf dem Tisch liegen zu lassen. Dann ging ich aus dem Zimmer und zog die Tür sorgfältig hinter
mir zu. Meine Grenzen erkennen und verschieben? Die unzähligen, verwobenen Realitäten erkennen? Das konnte ich mir schon zumuten, und doch hatte ich das Gefühl, dass ich nicht sehr erfolgreich
darin war. Oder sein würde. Viel drängender fühlte ich das Bedürfnis Alkohol zu mir zu nehmen. Keine sehr kluge Entscheidung. Aber eine menschliche.