Ein sinnloser Mord in einer kleinen Stadt. Ein Opfer, ein Täter, ein Kommissar. Wie einfach wäre das Leben würde nicht Karl Meixner, Freund des Opfers und selbst Ermittler, beginnen Fragen zu stellen. Scheint doch jedermann begierig zu sein, den Fall möglichst ohne Aufsehen unter den Tisch zu kehren. So kehrt er in die enge Stadt seiner Jugend zurück, die er zu vergessen suchte. Zu Menschen, die ihn nicht vergessen haben, ihm aber vieles verschweigen. Weil es zu vieles gibt, worüber man nicht spricht. Oder selbst nicht wahrhaben will. Zumal sich hinter jeder Tür ein neuer Verdächtiger, ein neues Motiv ergibt. War doch der Ermordete selbst ein Meister der Manipulation und der doppelten Böden.
 ISBN: 3-8334-3859-2



...   LESEPROBE

 

Mark Gold Zyklus IV

   Alexanders Abschied   … von der Art zu gehen

ERVIN

Version 2024


 

 

1999 war ein gewalttätiges Jahr. Nicht nur im ehemaligen Jugoslawien starben die Menschen, auch Osama Bin Laden bombte sich durch die Welt. Mubarak blieb in Ägypten Präsident und Kutschma kam in der Ukraine an die Macht. Die UdSSR wendet ihre Panzer nach Georgien nun Tschetschenien zu und in Seattle wurde eine Ministerkonferenz der WTO verhindert. Von militanten Globalisierungsgegner aus denen nicht viel später die „America-First“-Bewegung mit der Galionsfigur Donald Trump entstehen würde. Der VW Bora und das Nokia 3310 Smartphone waren beliebt, wobei das mobile Telefon kaum smart war, aber immer mehr Teile der Bevölkerung erreichte und die großen Armbanduhren als Statussymbol ablöste. Das Kino machte sich mit Sixth Sense auf in andere Ebenen, aber mit Matrix und Fight Club feierte auch die Gewalt sich selbst, während sonst Herz dominierte. Zumindest im Kino, im Leben der mitteleuropäischen Bevölkerung waren Gewalt wie Seligkeit die Ausnahme.
Am 7. Mai 1999 schlugen zwei Bomben der NATO Operation Allied Forces in der chinesischen Botschaft in Belgrad ein und töteten drei Mitarbeiter. Aber selbst der chinesischen Führung war klar, dass es sich hierbei nur um einen weiteren Beweis der so gar nicht chirurgisch präzisen Waffen der USA handeln konnte und nicht um einen geplanten Angriff. Doch eigentlich tat man den beiden Bomben unrecht. Denn damals war es noch notwendig, vor Ort das Ziel mittels Laser zu markieren. Und was konnten die Bomben dafür, dass die Leute vor Ort das falsche Ziel markiert hatten.





Sehen Sie den Mann dort drüben, den auf der anderen Straßenseite? 
Was würden Sie sagen, wenn ich behaupte, dass dieser Mann innerhalb der nächsten 24 Stunden sterben wird?
Um genau zu sein, in sieben Stunden und etwa 25 Minuten.
Sie meinen, das kann man doch nicht so genau vorher sagen?
Oh, leider doch.
Denn dieser Mann wird sterben, weil einige Menschen der Meinung sind, dass die Gesellschaft beschützt werden muss. Und, dass dafür kein Preis zu hoch ist.

Aber Menschen können sich irren.
Menschen können auch recht behalten.
Und manchmal, da haben sie recht und irren sich trotzdem ganz gewaltig.

I
Die beiden Männer saßen sich schweigend gegenüber und sahen der jungen Frau zu, die Kaffee in zwei Tassen goss. Die Spitzen ihrer kurzen, roten Haare wippten leicht, als sie sich wieder aufrichtete um die Kanne auf der Warmhalteplatte abzustellen während die Kaffeemaschine gurgelnde Geräusche von sich gab. Irgendwo in Italien hatte wohl jemand eine Maschine erfunden, aus der man Kaffee portionsweise machen konnte, da war sie sich ziemlich sicher. Vielleicht einfach aus Patronen, die man oben hinein schob. Viel zu modern für ihren gar nicht so alten Chef.
"Danke Pat", meinte Maximilian Gangwal ohne ihre Gedanken zu erraten und schenkte ihr ein freundliches Lächeln. Wie immer bemüht, nicht all zu sehr auf ihren Körper zu starren. Was für einen Mann in den Jahren der besten Hormonproduktion gar nicht so einfach war, wie es klang.
Sie erwiderte das Lächeln kühl, nickte dem bulligen Gast mit der grauen Igelkopf zu und verschwand ebenso unauffällig aus dem Büro, wie sie gekommen war. So unauffällig, wie es einer jungen Frau mit dem Körper und der selbstbewussten Ausstrahlung eine nordischen Göttin eben möglich war. Nachdenklich folgten ihr Gangwals Augen.
Sein Gast sah den Blick, verstand ihn falsch und amüsierte sich darüber. Ein Grinsen überzog das breite Gesicht und er massierte mit der behaarten Pranke sein doppeltes Kinn.
"So eine Kleine hätte wohl jeder gerne im Vorzimmer", ließ er mit seiner dröhnenden Stimme vernehmen und meinte es dabei nicht einmal halb so anzüglich wie es klang.
"Ja, sie ist wirklich eine Bereicherung", entgegnete Gangwal nachdenklich und meinte es genau so.
Mit einer schwungvollen Handbewegung stellte er das Milchkännchen vor seinen Besucher und versuchte dabei das Gespräch leichthin zu beginnen. Aber es wollte ihm nicht so ganz gelingen, seine Nervosität zu verbergen.
"Ich hatte nicht erwartet Sie so schnell wieder hier zu sehen. Und ich bin mir ziemlich sicher, es hat nichts mit meiner Sekretärin zu tun", versuchte er leichthin im Ton einer Plauderei und kam doch schnell und ohne Umwege auf den Punkt. Ein weiteres, untrügliches Zeichen dafür, dass ihm dieser Besuch keineswegs angenehm war.
Sein Gast wusste das sehr wohl, leistete sich noch gemächlich ein weiteres Grinsen und meinte dann: "Ich komme eigentlich nur, weil ich mich erkundigen wollte, ob Sie von irgendwelchen Problemen wissen."
Maximilian Gangwal lächelte gewinnend, breitete eine Spur zu fröhlich die Arme aus und ließ sich die plötzlich aufkommende Anspannung nicht anmerken.
"Ich würde mir wünschen, dass alle unsere Geschäfte so klaglos abliefen. Ich muss gestehen, es macht wirklich Freude für Sie zu arbeiten."
Von all der gewinnenden Freundlichkeit Gangwals blieb der Besucher unberührt und beobachtete den schlanken, sportiven Managertypen kalt.
"Sie wurden auch dafür engagiert, dass die Lieferung klaglos über die Bühne geht. Und Sie wurden dafür sehr gut bezahlt. Ich habe aber gehört, dass der Rücktransport schwierig war. Sie mussten die eingetauschte Ware etwas besser - verpacken?"
"Es bestand die Gefahr, dass die Ware sich selbst beschädigt“, rechtfertigte sich Gangwal schnell. „Etwas, womit wir nicht rechnen konnten. Es geschah nur zur ihrer eigenen Sicherheit!"
Der schwergewichtige Bulle mit der Igelfrisur seufzte und schüttelte leise den Kopf.
"US-Marines sind beachtliche Kampfmaschinen," brummelte er vor sich hin, "aber im psychisch belastenden Situationen oder nach verpatzten Einsätzen sind sie ..."
Er sprach nicht weiter weil Gangwal abwehrend die Hände gehoben hatte. Es gab Dinge, die er gar nicht wissen wollte. Und noch viel weniger laut ausgesprochen in seinem Büro.
Der Schwergewichtige nahm die Tasse nachdenklich und trank einen kleinen Schluck. Gangwal drängt nicht. Sein Auftraggeber hatte eigentlich keinen Grund zur Beschwerde, aber er hatte offensichtlich einen Grund persönlich zu erscheinen. Und das konnte kein nebensächlicher sein.
"Ist Ihnen bekannt, dass jemand Nachforschungen über Ihre beiden LKW-Lieferungen anstellt? Über das, was Sie da in das serbischen Kriegsgebiet geliefert und als Gegenleistung daraus gerettet haben?"
Gangwal wischte die Frage mit einem ironischen Lächeln vom Tisch.
"Es gibt es immer jemanden, der versucht Nachforschungen anzustellen", meinte er leichthin. "Aber zwischen Nachforschungen anstellen und etwas auch beweisen können liegt ein weiter Weg. In den meisten Fällen ein zu weiter Weg. Allerdings wären wir durchaus in der Lage auch das zu bereinigen, wenn Sie das stört."
Der bullige Mann stellte die Tasse vorsichtig auf die Untertasse, lehnte sich zurück und betrachtete Gangwal. Betrachtete ihn mit einem zynischen Lächeln. Einem Lächeln, das Gangwal eisige Schauer über den Rücken jagte.
Endlich meinte er: "Ich glaube leider nicht, dass Sie in der Position sind, das zu bereinigen. Denn der Mann, der Fragen stellt, ist durchaus in der Lage Beweise beizubringen, wenn er beweisen will. Wobei es gar keine Beweise braucht, schon ein Gerücht wäre sehr unerfreulich und für meine Auftraggeber wohl mehr als - problematisch. Erschwerend kommt dazu, dass diese Person einer finanziellen Abgeltung seiner bisherigen Mühen ablehnend gegenüber steht."
"Dann erhöhen Sie den Preis."
"Er hat uns unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass Geld in diesem Fall keine Rolle spielt."
„Jeder hat seinen Preis“, schüttelte Gangwal den Kopf. „Vielleicht müssen Sie nur die Währung ändern. Ihm etwas anbieten, worauf er Wert legt. Wenn es schon nicht Geld ist.“
Obwohl in der eintretenden Stille von draußen das meditativ wirkende Kratzen zu hören war, mit dem die Mitarbeiter der Stadtverwaltung sich mühten dem Schnee Herr zu werden, und obwohl es in dem hellen, freundlich Büro nicht all zu warm war, fühlte Gangwal nur zu deutlich wie eine Schweißperle an seiner Schläfe entlang lief. Er wusste viel zu wenig über seinen Auftraggeber und er erkannte mit einem Schlag, dass das ein schwerer Fehler war. Diese Sache lief eindeutig in eine Richtung, die ihm nicht gefiel. Gar nicht. Aber er konnte im Augenblick nichts dagegen tun.
"Ich kann Ihnen versichern, dass alles, was in unserer Macht steht ..."
Mit einer gelangweilten Handbewegung wischte der Gast den Rest des Satzes weg.
"Es steht nicht in Ihrer Macht. Vielleicht würden Sie es tatsächlich versuchen, aber ich habe mich entschieden, dass ich mich wohl selbst um diese Angelegenheit kümmern muss."
Er holte die Brieftasche aus seinem Sakko, nahm daraus ein Foto und betrachtete es.
"Unter gar keinen Umständen dürfen Details über diese Transaktion an die Öffentlichkeit dringen. Für mich als Vermittler absolut indiskutabel. Abgesehen davon, dass unsere Vertragspartner äußerst ungehalten wären. Genau genommen würde es in der augenblicklichen politischen Situation schon zu einer Katastrophe führen, hätte die Öffentlichkeit auch nur eine Ahnung von der Transaktion, von Details ganz zu schweigen. Was ich von Ihnen erwarte, ist, dass Sie nichts tun. Ich sagte NICHTS! Absolut nichts! Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie irgend eine Handhabe gegen diesen Mann finden würden."
Er drehte das Foto und hielt es vor sich hoch. So, dass Gangwal den Mann erkennen konnte. Und selbst die sportlichste Bräune konnte nicht verhindern, dass Gangwal aschfahl wurde.
"Er?", brachte er tonlos über die Lippen und wollte nach dem Foto greifen, aber der grauhaarige Gast zog es ihm weg und steckte es wieder in die Brieftasche. Während er sich aus dem Sessel hoch stemmte, erinnerte er noch so nebenbei:" Sie werden nichts tun! Am besten erinnern Sie sich noch nicht mal daran, dass ich heute hier war. Dass ich jemals hier war."

Die junge Frau stand an den Fensterrahmen gelehnt und sah in den winterlichen Innenhof. Der eng anliegende graue Wollrock zeichnete einen perfekt gerundeten Schenkel nach und das Schneelicht von draußen glühte auf ihren roten Haaren, das ein zarter Schimmer auf den schlanken, weißen Hals fiel. Aber Maximilian Gangwal sah von all dem nichts. Er versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Was ihm einfach nicht gelingen wollte.
"Er hat recht!", brach sie endlich das Schweigen. "Ich würde niemanden in der ganzen Organisation finden, der so einen Auftrag übernehmen würde. Ganz egal, was wir planen. Und jemanden von außerhalb zu nehmen wäre ein zu großes Sicherheitsrisiko. Ganz abgesehen davon - ich will auch nichts gegen ihn unternehmen. Wenn ich ehrlich bin, dann möchte ich ihn sogar warnen!"
"Davon würde ich dringend abraten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass gerade das der Sinn seines Besuches war. Damit wir nichts tun, auch nicht, ihn zu warnen.“ 
Gangwal atmete tief durch und fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht. „Wissen wir wenigstens schon, wer unser geschätzter Vermittler in Wirklichkeit ist, oder die Auftraggeber hinter ihm? Ich meine, außer einem Allerweltsnamen und einer Telefonnummer einer Kanzlei?"
"Ich habe noch nichts vollständig. Wir wissen bisher nur, dass er tatsächlich eine kleine Firma hat. Unternehmensberatung mit Schwerpunkt Sicherheitsfragen. Allerdings ist das nicht mehr als ein gemietetes Büro in dem Office-Park draußen beim Flughafen. Ein einfaches Zimmer und eine Telefonistin, die neben ihm auch noch für zehn andere Firmen arbeitet. Er hat keine Angestellten, aber offensichtlich immer wieder Aufträge. Die werden dann von Freiberufler auf Vertragsbasis erledigt. Oder von Leuten wie uns. Er lebt sehr bescheiden, ist zwar ziemlich viel unterwegs, war aber die letzten Jahre offensichtlich nie im Ausland."
"Ein kleiner Schnüffler, der Zuträger spielt? Für wen?"
Sie schüttelte kaum wahrnehmbar den Kopf, kaute kurz an einem Daumennagel und sah einer Taube zu, die vor einer kraftlos bewegten Schaufel herum hüpfte.
"Das ist alles nur Fassade“, meinte sie und besah sich ihren Daumennagel. „Was sich dahinter verbirgt, das haben wir noch nicht mal ankratzen können, da bin ich mir sicher. Aber was wir noch in Erfahrung bringen konnten, das war, wie er genannt wird. Mit einem Dienstgrad. Und unser Freund ist tatsächlich Oberst. Ein Oberst, der auf unbegrenzte Zeit beurlaubt ist! Auch gehört er keiner Einheit an."
Maximilian Gangwal konnte zum zweiten Mal an diesem Tag nur mit Mühe verhindern, die Fassung zu verlieren.
"Was soll das heißen? Willst du damit sagen, wir haben für einen militärischen Geheimdienst gearbeitet?! Und was sollen wir JETZT tun?"
Sie wandte sich um und sah ihn kurz an. Dieser eine kleine Blick genügte und Gangwal fühlte sich wie einer mächtigen Gewitterwolke gegenüber. Fühlte seinen Magen zu einem eisigen Klumpen erstarren.
"Es hat dir schon einmal jemand gesagt, du solltest die Finger von Waffengeschäften lassen. Und ich sage es dir jetzt noch mal. Aber Waffen für jemanden zu liefern im Austausch gegen verwundete Soldaten einer Regierung, die in einem Krieg offiziell gar nicht eingreift - hast du wirklich gedacht, das wäre die Arbeit von ein paar kleinen Schiebern?!“
Ruckartig löste sie sich von dem Fensterrahmen und ging zur Tür.
„Außerdem sei dir gesagt, dass ich ab sofort in jede deiner Unternehmungen von Anfang an eingebunden sein werden."
Eine Alternative erwähnte sie nicht. Und er war schon lange nicht mehr in der Position zu widersprechen. Weniger Verantwortung, das war ihm im Augenblick gar nicht so unrecht. Trotzdem konnte er nicht so einfach klein beigeben.
"Aber was machen wir jetzt? Sollen wir ihn nun warnen, damit er verschwinden kann? Auch wenn wir es sind, hinter denen er her ist?"
Sie wandte sich wieder dem Fenster zu und sah eine Weile schweigend in das diffuse Licht des Wintertages. Dann traf sie ihre Entscheidung.
"Ich werde schon jemandem finden, der noch Kontakt zu ihm hat. Ich werde ihn nicht informieren, aber ich werde ihm ausrichten lassen, er soll auf der Hut sein. Obwohl - ich bin mir ziemlich sicher, dass weiß er selbst am Besten. Der weiß doch ganz genau, in welches Hornissennest er gestochen hat. Wahrscheinlich besser als wir. Und im Übrigen werden wir genau das tun, was uns der Oberst befohlen hat - wir werden nichts tun", kam ihre ruhige Antwort. 
Doch ihre Stimme klang ein wenig rauer als sonst und um ihre Lippen spielte ein Lächeln, dass bedenklich zwischen Zynismus und Ekel schwankte.

Die kleine Konditorei lag ein wenig versteckt in einer der Seitengassen neben Schloss Schönbrunn und fiel nur denen auf, die das Schloss umkreisten und doch keinen Parkplatz fanden. Ein Schaufenster neben einer Glastür durch das man die Vitrine sehen konnte und ein paar kleine Tischchen. An einem saßen zwei ältere Damen und unterhielten sich über ihre Krankheiten und Ärzte in keineswegs leisem und keineswegs freundlichen Ton. Die Bedienung in blendend weißer Schürze stand stumm hinter der Vitrine, hatte wie diese schon bessere Tage gesehen und starrte durch das schmale Schaufenster auf die Straße. Starrte in das schmuddelige Grau eines schon zu lange andauernden Winters und harrte der besseren Tage, die wahrscheinlich auch für sie niemals mehr kommen würden. Ganz hinten, im Zwielicht des langgestreckten Raumes saß noch eine Frau, stocherte seit geraumer Zeit in einem Kuchenstück und nippte an dem zweiten Kaffee. Das riesig wirkende, schwarze Telefon hinten an der Theke gab einen widerwilligen, scharrenden Klang von sich und weil es damit nicht aufhören wollte, schlurfte die Bedienung ohne Eile zu ihm. Sie meldete sich mit einem ebenso widerwilligen und scharrenden „Cafe Gloria, hallo“ und war schon drauf und dran gleich wieder aufzulegen, lauschte dann aber doch. Dann legte sie den Hörer hin und bemühte sich zu den Frau im Halbdunkel.
„Da möchte jemand eine Frau Patricia sprechen. Mit roten Haaren.“
Wortlos erhob sich die Frau an dem kleinen Tischchen und ging an der Bedienung vorbei zum Telefon. Sie schien nicht verwundert zu sein, dafür war es die Kellnerin um so mehr. Niemand rief hier an. Und schon gar nicht für einen Gast!
„Hallo?“, sagte die Frau und lauschte dann. Sie nickte und meinte: „Er scheint irgendwas aufgewirbelt zu haben, wahrscheinlich mehr als nur unangenehm. Sag ihm, er soll vorsichtig sein.“
Es entstand eine Pause, dann sagte der Mann im Hörer: „Ich soll ihm sagen, dass der Himmel blau ist und der Wald grün.“ Und er klang belustigt.
Ein leichtes Lächeln flog über ihre vollen Lippen.
„Sag ihm, dass der Himmel so grau ist, wie der Wald. Das trifft es jetzt wohl eher bei euch.“
Das Lächeln des Mannes fühlte sie mehr als sie es hörte.
„Du auch - pass auf, auf dich. Wir hören uns“, meinte er noch.

II
Der Winter war einer Art Frühling gewichen. So wie der Schnee dem Regen gewichen war. Und wie der Regen jetzt, allmählich, einer Sonne wich, die vorsichtig zwischen den Wolken durch blinzelte um zu entscheiden, ob sie diese Erde überhaupt noch wärmen sollte. Im Radio spielte man schon wieder vereinzelt Rudi Carells Hit, wann es denn endlich wieder einmal richtig Sommer werden würde und zwischen zwei Wolkenfetzen blinzelte schon wieder die blasse Sonne hervor um doch ein verworrenes Muster auf das nasse Kopfsteinpflaster des Wiener Rennwegs zu zeichnen. Eine einsame Tafel erinnerte daran, dass hier, gleich um die Ecke zum Hochstrahlbrunnen, eine Haltestelle der Straßenbahnlinie 71 war. Neben der Tafel standen ein Mann und eine Frau. Er hatte den Arm um ihre Schultern gelegt und sie lehnte sich an ihn.
"Ich mag nicht arbeiten gehen", sagte sie.
Ihre schulterlangen Haare begannen Wellen zu schlagen und der Baum hinter ihnen knackte leise. Für einen Moment war der hagere Mann abgelenkt.
Ihre Haare flatterten, der Baum begann sich zu wiegen, feine Staub wirbelte trotz der feuchten Straße auf und eine Ahnung stieg in ihm, die ihn verwirrte und ablenkte von dem, was er eigentlich hatte antworten wollen.
"Wind kommt auf", meinte er leise, löste sich von ihr und wandte sich suchend um als gäbe es etwas zu sehen. "Er dreht auf Ost."
"Wie bitte?"
"Der Wind. Ich glaube, er hat auf Ost gedreht."
Nachdenklich starrte er zu den Wolken hinauf, die immer noch eilig ihre gleiche Bahn zogen. Aber er sah sie nicht. Vielmehr starrte er in sich hinein um zu ergründen, woher diese unruhige Ahnung so plötzlich gekommen war. Ein Zittern, als würde der Boden unter Spannung stehen. Tief holte er Luft und für einen Augenblick sah es aus, als wolle er eine Witterung aufnehmen.
Sie sah verdutzt zu ihm auf und versuchte zu begreifen, was los war.
"Der Wind bläst bekanntlich öfter aus Osten", warf sie ein. "Was soll daran so besonders sein?"
"Du hast recht", stimmte er ihr zu und lächelte sie an. 
Die gläserne Eingangstüre in das Kaffeehaus auf der anderen Straßenseite schloss sich und ein Mann trat die zwei ausgetretenen Stufen auf den nassen Gehweg hinunter. Fröstelnd zog er seinen grauschwarzen Wollmantel enger um die breiten Schultern und schloss ihn. Darunter war er ebenfalls dunkel gekleidet. Unauffällig, aber doch von einer unaufdringlichen Eleganz. Der ganze Zweimetermann strahlte ruhige Selbstsicherheit aus. Die kurzgeschorenen, schwarzen Haare umrahmten ein Gesicht, das trotz des langen, trüben Winters den dunklen Ton eines Südländers behalten hatte. Aber auch wenn Karl Meixner wohl vieles war, er war ganz sicherlich kein Südländer. Soweit er sich erinnern konnte, herrschten in seiner Familie immer die Blonden, Grauäugigen vor. Und wenn er ihnen schon nicht ähnlich sah, das kühle Blut seiner Vorfahren hatte er geerbt. Aber er blieb doch das schwarze Schaf der Familie.
Wieder sah er auf seine Armbanduhr um festzustellen, dass es höchste Zeit war, sich auf den Weg zu machen. Niemand lässt schon gerne einen Kommissar warten. Noch dazu einen vom Morddezernat. Auch wenn es sich um ein rein informelles Gespräch handeln sollte, wie ihm versichert worden war.
Unbewusst sah er zu dem Paar an der Haltestelle hinüber und machte sich auf den Weg. Er kannte die Beiden nicht, trotzdem, einem inneren Impuls folgen, sah er sich das hagere Gesicht des Mannes noch einmal an. Nein, er kannte ihn ganz sicher nicht, obwohl ...
Karl Meixner seufzte und besann sich auf den Anruf, den er vor nicht ganz zwei Stunden erhalten hatte. Dabei marschierte er mit langen Schritten vorbei an dem winterlich verpackten Hochstrahlbrunnen, durch eine enge Gasse und quer über den Karlsplatz, stieg die Stufen hinunter in die U-Bahn-Station ohne das im weichen Licht der Frühlingssonne rot glänzende Gebäude des Musikvereins und die Rolltreppe zu beachten und blieb wartend am Bahnsteig stehen.
Am Telefon war dieser Kommissar Seitenstetter sehr höflich gewesen. Vielleicht sogar ein wenig zu höflich für einen Polizisten.
Das ratternde Geräusch der einfahrenden U-Bahn ließ ihn aufhorchen und er spürte den kalten Luftpolster, den die Garnitur vor sich durch den Tunnel schob.
Der Wagon war grau, kalt und beinahe leer. Am anderen Ende saß ein alter Mann und starrte angestrengt vor sich ins Leere, als hätte er Wichtiges zu bedenken. Ein jüngerer Mann saß gegenüber der Eingangstür und starrte Meixner feindselig entgegen. Mit seinen schulterlangen, ungepflegten Haaren, der schmutzigen, zerschlissenen Kleidung und dem Gesichtsausdruck einer wütenden Bulldogge, der die ganze Welt unrecht getan hatte, hinterließ er keinen sehr vertrauenerweckenden Eindruck.
Meixner ignorierte die Beiden und suchte sich einen Platz wobei er sich unwillkürlich so setzte, dass er den Burschen im Auge hatte. Obwohl er keinerlei Gefahr verspürte, er hatte den alten Mann ebenso im Auge. Gewohnheit. Natürlich war die Abneigung des heruntergekommenen Kerls keineswegs gegen ihn persönlich gerichtet, sondern ganz allgemein gegen alle, von denen er überzeugt war, dass es ihnen besser ging als ihm - also gegen die ganze Welt. Wie konnte er auch wissen, dass es Menschen gab, die einen hohen Preis für Ihr Leben in relativem Wohlstand bezahlten. Einen Preis, der manchmal viel zu hoch erschien und doch so einfach zu bezahlen war.
Es schien so unglaublich, so unmöglich - und doch war es eigentlich ganz einfach, weil man es selbst kaum mehr wahrnahm, wenn man an dem Punkt angekommen war, an dem man sich verkaufte. Wenn man seine Wünsche verkaufte, seine Hoffnungen begrub. Wenn man hinter sich ließ, woran man hing, woran man glaubte, wovon man träumte. Und es war leicht, so leicht, viel zu leicht. Denn man musste nichts dafür tun. Es genügte, sich einfach treiben und andere über sein Leben bestimmten zu lassen. Und wenn man dann endlich darüber nachdachte, dann war es meistens viel zu spät, weil dann da nichts mehr war, woran man hätte glauben können. Die alten Wünsche und Hoffnungen waren inzwischen verloren gegangen und ersetzt worden durch neue, profanere Ziele und Wünsche, die noch dazu so verlockend erreichbar schienen. Die so notwendig erschienen, in der Logik dieser Welt. Und es war so einfach den Erwartungen dieser Welt zu entsprechen, zu funktionieren. Wenn man sich damit abgefunden hatte, dass man nichts weiter war, als ein kleines Rädchen in einer großen Maschine. In einer unüberschaubaren Maschinerie - unbedeutend, unbestimmt und jederzeit ersetzbar. 
Eigentlich war ihm all die Jahre klar gewesen, dass sich das rächen würde, irgendwann. Und vielleicht war dieser Anruf dazu der Auftakt.
Fast unbewusst stieg er an der richtigen Station aus und schüttelte sich erst einmal, wie um diese klebrigen Gedanken los zu werden.

Kommissar Moritz Seitenstetter war von Anfang an überaus höflich. Viel zu höflich für Meixners Geschmack, aber es war auch offensichtlich, dass er sich nicht dazu überwinden konnte zu sagen, was er eigentlich wollte. Erst als sie in der Polstergarnitur um den kleinen Tisch in seinem sonst so unpersönlichen, kahlen und viel zu großen Büro saßen, der dunkle Mann nichts anderes nehmen wollte als ein Glas Wasser und sie so viele der höflichen und nichtssagenden Floskeln getauscht hatten, dass ihnen keine mehr einfielen, da gab er sich nach einem kurzen Moment des peinlichen Schweigens einen Ruck und begann schweigend Fotos aus einer Mappe auf den Tisch zu legen. 
Doch jetzt ließ sich Karl Meixner Zeit, auch wenn mit jedem Bild seine Unruhe heller brannte.
"Ja", bestätigte er endlich, "ich kenne diesen Mann."
Ebenso langsam ließ er sein Glas sinken und stellte es vorsichtig neben eines der Fotos. So vieles schoss ihm mit einem Mal wieder durch den Kopf, als er das Bild seines Freundes sah, dass er unwillkürlich die Stirn in Falten legte. Wieder nahm er das Glas zur Hand, betrachtete es aber und stellte es zurück, ohne einen Tropfen getrunken zu haben.
Seine Blicke wanderten zu dem kleinen Mann ihm gegenüber. Der sah nun beileibe nicht aus wie einer der zumindest teilweise sportlichen und gutaussehenden Helden, die man in TV und Kino so gerne zu Ermittlern machte. Eher erinnerte er an ein Bierfass mit einer zu großen, polierten Bowlingkugel obenauf. Und es war schwer zu entscheiden, was wohl runder war, der kahle Kopf oder der schwammige Körper.
"Sie haben sich nicht die Mühe gemacht, die Bilder zu überarbeiten. Wenn man so aussieht wie er, dann muss man schon ziemlich tot sein. Und Sie sind Kommissar. Aus diesen beiden Tatsachen ziehe ich den Schluss, dass Alexander Heymann ermordet worden ist. Damit liege ich wohl kaum falsch, oder?"
Der kleine runde Mann hatte eine ebenso tiefe wie laute Stimme. 
"Keineswegs!", ließ er vernehmen, wobei Anteilnahme in seiner Stimme mitklang und die Fenster leise klirrten.
Meixner nickte und plötzlich wurde ihm vieles, sehr vieles klarer. Doch genauso schnell, wie ihm bewusst wurde, dass er in einer schlimmen Sache tief drinnen steckte, genauso schnell hatte er sich zurecht gelegt, was er tun würde. Dabei huschte ein leises Lächeln über sein bisher ausdruckslos beherrschtes Gesicht.
"Falls Sie in mir den Mörder suchen, muss ich Sie leider enttäuschen", meinte er leise und seine Worte bedächtig setzend. "Ich bin eben erst von einer größeren Reise zurückgekommen, wie Sie wahrscheinlich inzwischen sowieso wissen. Diese Reise hat mich in das entgegengesetzte Ende unseres Staates verschlagen. Dafür werden sich sicher Zeugen finden lassen. Ich konnte also unmöglich am Tatort gewesen sein, als der Mord geschah."
Und dann, mit einem etwas breiterem Lächeln: "Und wundern Sie sich bitte nicht, woher ich Tatort und Tatzeit kenne, es steht auf der Rückseite der Bilder."
Diese Antwort nötigte auch dem Kommissar ein Lächeln ab, aber schnell war er wieder ernst und meinte zerstreut: "Nun, unser schöner Staat ist nicht allzu groß. Und außerdem haben bereits weitaus intelligentere Menschen als ich oftmals feststellen müssen, dass jemand auch am anderen Ende der Erde gewesen sein kann und trotzdem schuldig ist." Er sah einen Augenblick in das verschlossene Gesicht seines Gegenübers, hob schnell die fleischigen Hände und setzte rasch hinzu: "Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht beunruhigen, das war dumm von mir. Sie sind natürlich in keinster Weise verdächtig, es ist mir nur einfach so durch den Kopf geschossen. Entschuldigen Sie vielmals, denn genau genommen suche ich im Augenblick auch nur am Rande nach dem Mörder sondern vielmehr eine Lösung für meine Probleme."
"Aber ich nehme doch an, dass Ihre Probleme etwas mit diesem - diesem Mordfall zu tun haben. Und natürlich mit Alexander Heymann! Weswegen würden wir sonst hier sitzen und reden. Natürlich, es stimmt schon, er war wirklich nicht gerade das, was man einen einfachen Charakter nennen könnte. Und dass Sie etwas genauere Informationen über den Hintergrund des Opfers haben wollen, das wäre durchaus eine Erklärung für unser Gespräch, aber, um ehrlich zu sein, ich glaube nicht, dass ich da eine große Hilfe bin. Der Kontakt zwischen uns war in den letzten Jahren nur mehr sehr lose."
Er wurde dieses mulmige Gefühl in der Magengegend nicht los. Mit diesem so liebenswürdigen Kommissar kam etwas ganz und gar nicht Liebenswürdiges auf ihn zu. Und je schneller er wusste, worum es tatsächlich ging, um so besser konnte er sich darauf einstellen. Er wollte eigentlich nur hinaus aus diesem Büro. Hinaus aus dem Gebäude und nicht mehr daran denken, dass Alexander tot war. Konnte das überhaupt sein? Karl Meixner schob das Unmögliche aus seinen Gedanken und sah den Mann gerade heraus an: "Sie wollen mir doch etwas erzählen, oder?"
Dem kleinen Mann kam diese Aufforderung in ihrer schroffen Unverblümtheit sichtlich nur gelegen. Trotzdem schnappte er erst einmal nach Luft, so als wäre er überrascht. Es war schneller und einfacher gegangen, als er gehofft hatte. Trotzdem durfte er jetzt nicht unvorsichtig werden. Aus den spärlichen Unterlagen die aufzutreiben gewesen waren, ging hervor, dass mit dem großen, ruhigen Mann nicht leicht auszukommen war. Und da war noch diese seltsame Unruhe, die aus seiner Gegenwart ausging. Es war nicht das Gefühl der Leere, wenn alle Spuren kalt wurden und man nicht weiter kam. Oder das wohlige, wenn ein Verdächtiger endlich in die mühsam aufgebaute Falle ging. Es war ein völlig anderes, unbekanntes Gefühl und gerade aus diesem Grund nicht weniger beunruhigend. Auch deswegen schöpfte er erst einmal tief Atem und befeuchtete seine Kehle mit dem Glas, das vor ihm stand, bevor er endlich das erwartungsvolle Schweigen brach.
"Hören Sie Meixner", begann er während seine Hände noch immer nervös mit dem Glas spielten, "meine Lage ist alles andere als einfach. Aber ich fange wohl am Besten am Anfang an. Sie kennen das Opfer. Alexander Heymann, männlicher Weißer, geboren 1959 ..."
"In zwei Wochen hätte er Geburtstag gehabt", warf Meixner ein und nahm sein Glas wieder in die Hand. Der Kommissar nickte.
"Ja, in zwei Wochen wäre er 37 geworden. Von Beruf war er freier Journalist."
Das gebräunte Gesicht Meixners verzog sich zu einem Grinsen und er machte auch keine Anstalten es zu verbergen.
"Aber”, fuhr der Kommissar fort, “wie wir inzwischen wissen, hat er damit niemals viel Geld verdient. Jedenfalls bei weitem nicht soviel, wie er ausgegeben hat. Wussten Sie übrigens, dass Herr Heymann ein beachtliches Bankkonto hinterlassen hat? Es gibt zwar ein Testament, aber das wurde noch nicht eröffnet."
"Ein Motiv für den Mord?"
Seitenstetter zuckte mit den Schultern.
"Wäre leicht möglich, es wurden schon Menschen wegen geringerer Beträge umgebracht, aber ich glaube es nicht. Denn Sie sollten auch wissen, woher dieses Geld stammt. Soviel wir bisher in Erfahrung bringen konnten, verfügte das Opfer über drei Einnahmequellen. Erstens seine Fähigkeit niemals ein Kartenspiel zu verlieren ..."
Karl Meixner winkte ab.
"Er hat verloren, wie jeder andere auch. Allerdings spielte er so vorsichtig, dass er niemals viel verlor beziehungsweise nie negativ ausstieg. Ja, so gut wie nie. Und das, obwohl er immer fair spielte und niemals falsch. Zumindest nicht, ohne es vorher anzukündigen."
Der Kommissar versuchte gar nicht sein ungläubiges Lächeln zu unterdrücken.
"Das kann ich jetzt ja wohl kaum mehr nachprüfen, aber ich will es Ihnen mal glauben. Jedenfalls brachte ihm dieses Glück oder wie immer Sie es nennen wollen offensichtlich einen ganz beachtlichen Nebenverdienst. Darum, dass es so ganz nebenbei illegal war, hat er sich niemals gekümmert. Diese Einstellung passte dann auch zu seiner zweiten Verdienstquelle. Ich würde mal sagen, dass er unter Garantie einer der besten Trickbetrüger unserer Zeit war. Ganz die alte Schule, also ein Mann, der Stil genug hatte um sich seine Opfer auszusuchen. Leute, mit denen man nicht unbedingt Mitleid haben musste und jedes Mal ein so bombenfestes Alibi, dass es nur falsch sein konnte. Wirklich bemerkenswert. Auch in Bezug darauf, dass man ihm nicht ein einziges Mal etwas nachweisen konnte. Mehr noch, es hat niemals auch nur annähernd für eine Anklage gereicht. Wobei ich mir aber ziemlich sicher bin, dass da noch mehr Fälle schlummern, mit denen er niemals in Verbindung gebracht wurde."
"Vielleicht weil er gar nicht beteiligt war?", warf Meixner ein, der dem Ganzen zurück gelehnt und mit verschränkten Armen gelauscht hatte, aber der Kommissar ignorierte diesen Einwand und fuhr unbeirrt fort: "Möglicherweise hat die etwas lasche Arbeit der Polizei - ich möchte da aber niemandem etwas unterstellen - auch mit seiner dritten Einkommensquelle zu tun. Denn zu guter Letzt finanzierte gerade diese Polizei, wenn auch eine andere Dienststelle, ebenfalls einen Teil seines Lebensunterhaltes."
Erstaunt schreckte Meixner aus seiner eingehenden Betrachtung der spärlichen Möbel auf.
"Ich hege mit einem Mal ernstliche Zweifel, ob wir von ein und demselben Mann sprechen! Alexander und die Polizei – nein. Der Alexander, den ich gekannt habe, der hätte niemals für euch gearbeitet!"
"Sie wissen wahrscheinlich besser als ich, dass er aus mehreren Gründen nicht besonders gut auf die Polizei und auf das Rechtssystem zu sprechen war - was, wenn ich mich nicht irre, ja auch der Grund für sein einigermaßen gespanntes Verhältnis zu Ihnen war." Der Kommissar winkte ab, weil Meixner etwas einwenden wollte und ließ sich nicht beirren: "Aber das Ganze wird gleich viel verständlicher, wenn man weiß, dass es da etwas gab, dass er noch sehr viel mehr verabscheute als die öffentliche Ordnung. Das war Rauschgift, oder zumindest Rauschgifthändler. Also hat er sich ab und zu selbst einen Gefallen getan und meinen Kollegen vom Drogendezernat mit Tipps versorgt. Nicht all zu oft und nicht all zu billig", schränkte er ein, "aber auf seine Hinweise konnte man sich angeblich blind verlassen. Erste Sahne, wie die deutschen Kollegen sagten, und die haben oft genug ebenfalls davon profitiert. Zumindest hat man es mir so erzählt, unter der Hand, denn wirklich bestätigen will das keiner. Aber damit ist der Fall für mich zu einem Alptraum geworden. Denn wenn man die Sache auch nur halbwegs überblickt, dann könnte es kaum mehr an Motiven geben. Es könnte jemand gewesen sein, der mit dem gut gefüllten Konto oder sonstigen Hinterlassenschaften liebäugelte. Es könnte ein gehörnter Ehemann gewesen sein, denn auch davon gab es genug. Möglicherweise auch jemand, der beim Kartenspiel verloren hat oder den er bei seinen windigen Geschäften über den Tisch gezogen hat. Und das waren offensichtlich nur die Leute, die es sich leisten konnten - und die sich somit auch eine Rache hätten leisten könnten. Und dann gebe es noch jede Menge Dealer und mit Sicherheit auch deren Hintermänner, die es liebend gerne gesehen hätten, wenn er von der Bildfläche verschwunden wäre. Man hat schon beinahe den Eindruck, es wäre sein Hobby gewesen, sich Feinde zu machen. So gibt es jede Menge Motive, jede Menge mögliche Verdächtige und nur einen einzigen, kleinen, springenden Punkt: Ich habe keine Beweise, keine Anhaltspunkte. Nichts, was in irgend eine Richtung weist. Und ich komme an nichts heran."
Nach außen hin wirkte Karl Meixner vollkommen ruhig und beherrscht, aber in seinem Innersten hatte er alle Mühe seiner Verwirrung Herr zu werden. Das hier konnte doch nur ein Albtraum sein!
"Sie wollen also allen Ernstes behaupten, Alexander Heymann war ein - ein Spitzel der Polizei und wurde aus diesem Grund getötet?!"
So energisch schüttelte sich die kahle Bowlingkugel, dass der Leib darunter wogte.
"Oh nein!", entgegnete der Kommissar entrüstet aber grinsend. "So möchte ich das jetzt auf keinen Fall verstanden wissen. Schon allein deshalb, weil es wohl auf keine der beiden Seiten ein gutes Licht werfen würde. Und weil es vollkommen an den Tatsachen vorbei geht. Ihr Freund war niemals ein Spitzel der Polizei! Er war - wie soll ich das ausdrücken - er hielt sich offenbar für so etwas wie sein eigenes Sonderdezernat zur Drogenbekämpfung. Natürlich könnte man das Kind auch bei einem anderen Namen nennen - er hat einen Privatkrieg geführt. Und dabei kam es eben vor, dass eine Verhaftung sinnvoll war. Dafür durften dann die Kollegen von der Droge herhalten. Die Dealer oder das Rauschgift wurden den Kollegen auf einem Silbertablett geliefert. Sozusagen als Festtagsbraten, mit den Beweisen als Garnitur. Fein säuberlich gebündelt und geordnet. Allerdings, dummerweise, Geld, also Geld haben sie bei ihnen kaum gefunden. Das muss immer irgendwo - ja - verloren gegangen sein. Aber seine Arbeit war gut, und die Kollegen von der Droge wären blöd gewesen, wenn sie nicht mitgespielt hätten, denn das Gebiet, wo er lebte, das hatte er gut im Griff. Unter uns gesagt, ich würde mir wünschen, wir hätten bei uns ein paar so Männer wir ihn. Denn in Wirklichkeit war er gut, wirklich gut. Und für ihn wäre es wohl auch eine Leichtigkeit gewesen, seinen eigenen Fall zu lösen."
Als wäre er verlegen, stockte er und sah verstohlen zu Meixner hinüber. Wartete auf eine Reaktion. Aber seit der den Raum betreten hatte war sein sonnengebräuntes Gesicht weitgehend ausdruckslos geblieben. Auch jetzt, nach dieser so provokanten Bemerkung, verlor es nichts von seiner scheinbaren Gleichgültigkeit. Es bereitete ihm keine Schwierigkeiten, seine Gefühle zu verbergen. Eine Sache des Trainings, trotzdem hatte auch er seine Grenzen. Die Unruhe wurde zur mächtig, das Gefühl, dass hier etwas ganz und gar nicht so lief, wie es sollte. Aber nur der große Körper bewegte sich geschmeidig, als er aufstand und an ein Fenster trat.
"Wenn ich Sie richtig verstanden habe", begann er langsam, "dann wollen Sie mir behutsam erklären, Sie benötigten jemanden, der Ihnen hilft Beweise zu beschaffen. Und zwar in einer Art und Weise zu beschaffen, die Sie als Polizist entweder nicht anwenden dürfen oder nicht können. Und ich war ja sein Freund, darum wenden Sie sich an mich. Das ist alles schön und gut, und auch ziemlich verwirrend und überraschend – sehr überraschend - aber wie kommen Sie auf die Idee, dass ausgerechnet ich Ihnen helfen könnte?"
Er drehte sich rasch um und sah forschend auf den schwergewichtigen Kommissar in dem tiefen Polstersessel hinunter. Schnell genug um in den Augen des Mannes mit der Glatze ein Lächeln der Erleichterung aufglimmen zu sehen.
"Sie haben wahrscheinlich schon bemerkt, dass ich nicht ganz unvorbereitet bin. Ebenso, wie ich weiß, womit sich das Opfer seinen Lebensunterhalt verdiente, weiß ich auch, was Sie so machen - Herr Kollege."
"Also ich wusste bisher nichts davon, dass ich jetzt auch schon für die Polizei arbeite", knurrte Meixner und ein verächtliches Lächeln spielte um seine Lippen.
"Nun, die Polizei untersteht dem Ministerium für Inneres und damit dem Staat", erklärte Seitenstetter mit umständlichen Bewegungen seiner dicken Hände. "Ebenso wie alle anderen Ministerien. Und Sie arbeiten für eine kleine Agentur als freiberuflicher Berater für Sicherheitsfragen - eine nette Umschreibung für etwas, das alles andere als ein Schreibtischjob ist. Sie sind die meiste Zeit unterwegs und sie machen genau dort weiter, wo ein offizieller Hüter des Gesetzes - wie zum Beispiel ich - noch nicht eingreifen kann oder bereits aufgeben musste. Und das zur Sicherheit des Staates, da der Auftraggeber ihrer Agentur das Verteidigungsministerium, also auch wiederum der Staat ist. Sie machen somit genau das, was ich möchte, dass Sie machen - Herr Kollege."
Nur zum Teil verdanke Meixner es seiner jahrelangen Erfahrung, zu einem großen Teil lag es aber auch daran, dass er ganz einfach zu erstaunt war und deswegen auch jetzt, wenigstens nach außen hin, völlig ruhig blieb. Es gab nur wenige Menschen, die überhaupt von dieser sogenannten Agentur wussten, oder von den Verbindungen des Obersts. Und noch weniger Leute wussten über ihn persönlich Bescheid. Woher um alles in der Welt hatte dieser absonderliche Kommissar seine Informationen? Ihr Erfolg, um nicht zu sagen ihr Überleben, hing davon ab, dass niemand ahnte, wie der Militärische Abschirmdienst der Streitkräfte außerhalb ein paar staubiger Büros funktionierte, wer sie wirklich waren und wofür sie standen. Österreich lag unscheinbar am Rande der Welt aber nach wie vor an dem äußerst durchlässigen Eisernen Vorhang und galt somit als ideale Bühne für Dienste aller Welt. Dem unscheinbaren Militär eines Grenzlandes blieb auch nichts anderes übrig, als unscheinbar zu bleiben. Was nicht bedeutete, dass sie blind sein mussten. Dafür mussten sie aber auch nach innen unscheinbar bleiben. Denn in den politischen Wirren und Irrungen wären sie auch innerpolitisch sonst längst zum Spielball vielfältigster Interessen geworden, so wie andere Dienstellen, die dadurch kaum mehr ihrer Arbeit nachgehen konnten. Und jetzt plapperte dieser skurrile Kommissar einfach fröhlich vor sich hin, von Dingen, die ganz und gar nicht ausgesprochen werden sollten. War ihre Tarnung wirklich schon so schlecht oder gab es eine undichte Stelle?
Als hätte er die sturzflutartige Welle der Gedanken erraten, fuhr der Kommissar mit seiner Erklärung fort: "Sie werden sich jetzt fragen, woher ich so viel über diese Sache weiß. Weswegen ich, wenn ich schon offensichtlich auf dem Laufenden bin, nicht auch ganz offiziell auf dem Dienstweg an Sie herangetreten bin und - was für mich besonders wichtig ist - ob Sie mir vertrauen und helfen sollten. Ich kann Ihnen diese Fragen beantworten. Alle!"
Er machte eine kleine Pause. Seine Angel hatte er ausgeworfen und den Köder schön sichtbar zappeln lassen. Jetzt konnte er sich entspannen und abwarten ob der andere den Köder nahm. Oder auch nicht. Meixner hätte das Ganze natürlich auch als dummes Geschwätz abtun können. Offiziell gab es keine Handhabe. Aber er setzte sich wieder hin und beobachtete nachdenklich den schwammigen Mann. Und er nahm den Köder. Weil es offensichtlich schon egal war.
"Weshalb haben Sie nicht den regulären Dienstweg eingehalten?"
"Diese Erklärung ist noch die einfachste. Abgesehen davon, dass Ihnen klar ist, dass es so etwas wie einen offiziellen Dienstweg gar nicht gibt. Um Sie in einer laufenden Ermittlung einzuschalten, müssten schon höchste Stellen kooperieren. Was die aber aus Prinzip nicht tun. Und was denken Sie, würde man zu mir sagen, wenn ich bei einem so 'einfachen' Mordfall um Unterstützung bitten würde? Aber ich brauche Sie! Denn so einfach, wie er auf den ersten Blick scheint, ist dieser Fall nun wirklich nicht. Neben dem Drogendezernat sind womöglich auch noch andere Dienststellen verwickelt, ich denke da an die Finanzmarktaufsicht und die Wirtschaftskriminalität, so dass ich nicht einfach in der Gegend herumlaufen sollte und wahllos Fragen stellen. Zumal Ihr Freund auch noch beste Kontakte in hohe politische und wirtschaftliche Kreise hatte. Keine Ahnung, welche schlafenden Hunde ich da wecken würde. Nicht, dass ich nicht schon ein paar Zwischenrufe bekommen hätte, nur ja nicht zu viel Staub aufzuwirbeln. Was mich persönlich nicht so sehr stören würde, aber ich habe noch ein paar Leute über mir – und von denen bekommen einige jetzt schon das große Zittern bei dem Gedanken, dass ich all zu offensiv vorgehen könnte. All diese wunderbaren und wichtigen Leute, die man als gesetzestreue Staatsbürger bezeichnen muss, und die seine Freunde waren, bei denen man aber auch nie darauf vergessen darf, dass jeder von ihnen ebenfalls so seine Leichen im Keller hat. Darum schätzten sie einen Mann wie Heymann nur so lange, so lange sie ihn unter Kontrolle halten können. Wobei ich mir allerdings nicht vorstellen kann, dass jemand einen Menschen wie Heymann wirklich unter Kontrolle hatte. Und dann ist da noch etwas. Heymann hatte bis zuletzt viele Freunde um sich und sein Mörder hat jetzt viele Feinde, gerade in dieser kleinen Stadt, in der er gelebt hat. Aber diese Leute würden sich lieber die Zunge abbeißen, als mir etwas zu sagen. Natürlich, sie reden mit mir, sie schwafeln mich voll, aber sie sagen nichts. Man muss zugegeben, dass die meisten von ihnen auch wirklich nichts wissen. Aber es müssen ein paar darunter sein, die eine Ahnung davon haben, was vorgefallen ist. In so einer kleinen Stadt kann kein Fremder herumschnüffeln, ohne dass irgend jemand ihn bemerkt. Und wenn es kein Fremder war, der die Tat begangen hat, dann müsste doch auch jemand etwas wissen. Aber wozu erzähle ich Ihnen das alles. Sie kennen die Gegend und Sie kennen diese Menschen."
"Wenn es wirklich ein Einheimischer war", nickte Meixner "dann kennt jedes Kind seinen Namen - aber die Granitschädel würden lieber einen verhassten Mörder frei herumlaufen lassen, als einem Außenstehenden, der noch dazu Polizist ist, einen Hinweis zu geben. Wobei, Neider gibt es überall und die Zeiten sollten sich geändert haben."
"Verdammt! Das ist eine Bezirkshauptstadt mit fast fünfzehntausend Einwohnern!", dröhnte der Kommissar mit einer weit ausholenden Geste, wackelte wild mit seinem blankpolierten Schädel und unterdrückte nur mühsam die aufkeimende Wut. "Ich weiß ja, dass diese Leute etwas eigen sind, aber wir leben im Zeitalter von Globalisierung, Internet und 50 TV-Kanälen - glauben diese Menschen wirklich, für sie gelten eigene Gesetze?! Mitten in Europa?"
Es war ein fast nachsichtiges aber auch nachdenkliches Lächeln auf dem gebräunten Gesicht Meixners als er meinte: "Jede Gesellschaft hat ihre eigenen Regeln, auch hier mitten in Europa. Sie wissen das. Und ich weiß zu wenig über seine letzten Jahre, aber ich würde sagen, Alexander Heymann war ein Teil ihre Ordnung - solange er noch lebte. Aber das ist nur die Hälfte der Wahrheit. Einerseits, weil jede Gemeinschaft innerhalb einer räumlichen Struktur eigene, ungeschriebene Regeln und Verhaltensweisen hat. So unterscheidet sich jedes Tal, jeder Landstrich, jeder Bezirk, das wäre normales, menschliches Verhalten. Wenn Sie aber schon so viel über Heymann wissen, dann sollte ihnen auch klar sein, dass manche dieser Menschen, die in diesem Gebiet geboren wurden oder aufgewachsen sind, eine Gesellschaft selbst innerhalb dieser kleinen Gesellschaft darstellen. Oder besser außerhalb der Gesellschaft. Der Großteil der Menschen dort ist natürlich angepasst, dem Modernen zugewandert und besteht aus völlig unauffälligen und normalen Bürgern. Ein paar dieser Menschen aber, auch auf der anderen Seite der willkürlichen Grenze durch den großen Wald, die haben ein – ja – anderes Bild - 'den Geist der Alten bewahrt'. Was immer das auch sein soll. Unbewusst zumeist, aber es ist da. Auch wenn man über Jahrhunderte hinweg diese Region, diese Menschen ausgebeutet, geknechtet, an der Nase herum geführt, übervorteilt oder vergessen hat - die Klöster haben im Mittelalter damit angefangen und die Politiker von heute führen diese Tradition in allen Ehren weiter. Wen kümmert schon eine Grenzregion voller Bauerntrottel und Waldläufer? Nennen Sie es von mir aus eine Art von Gemeinschaftsgefühl. Meinetwegen nennen Sie es einen Geruch. Nennen Sie es wie Sie wollen, es gibt keinen Namen dafür. Man hat es - oder man hat es nicht. Es hat sich sicherlich viel geändert seit Tourismus, Fernsehen und Internet Einzug gehalten haben. Aber wenn sich auch noch so vieles ändert, die Menschen sind es meistens nicht. Alexander Heymann war Teil davon, sicherlich ein ganz wesentlicher. Und es war ein ganz wesentlicher Teil von ihm."
In dem kahlen Büro wurde ein fremdes Gefühl mit Meixners eindringlicher Stimme so präsent, dass sich Seitenstetters Magen zusammen zog. Auch, weil er erkannte, dass er dieses Gefühl in den letzten Tagen schon einmal gehabt hatte, einem anderen Mann gegenüber. Es entstand eine kleine Pause während er seine Gedanken zu ordnen versuchte und es war ihm anzusehen, dass er sich sehr genau überlegte, ob er den nächsten Satz wirklich aussprechen sollte.
"Es gibt dann auch noch einen anderen Grund, weswegen ich mich nicht an die Dienstordnung halte", tastete er sich vor. "Der Dienstweg ist ein sehr langer Weg. Und für diesen Fall ein zu langer Weg, fürchte ich. Denn, wenn mich nicht alles täuscht, dann sind ein paar seiner einflussreichen Freunde sehr daran interessiert, dass die Spuren zum Täter schnell kalt werden. Denen wäre es lieber, ich würde den Fall gestern zu den Akten legen als heute!"
Seitenstetter fühlte die Hitze in sich und schob es auf seine Aufregung. Sein Gesicht hatte die deutlich rote Färbung dieses inneren Feuers angenommen, während er seine kalten, weißen Hände knetete. Er war verärgert über die Gleichgültigkeit seiner Kollegen, über die Sturheit seiner Vorgesetzten. Und über die Mauer des Schweigens, die den Mörder und seine Hintermänner vor ihm verbarg. Und, als wäre das nicht schon genug, schien da noch immer etwas zu sein, das er nicht preis geben wollte. Ein fast unbezwingbarer Drang überfiel ihn, sich dem dunklen Mann anzuvertrauen. Ihm alles zu sagen, was er wusste, was er ahnte und was er befürchtete. Er schluckte schwer und schaffte es gerade noch diesen brennenden Wusch nach Wahrheit und Erleichterung zu unterdrücken. Meixner bemerkte sehr wohl, dass die Hand des Kommissars kaum merklich zitterte, als er sein Glas zum Mund führte.
"Die beiden anderen Fragen, also woher ich mein Wissen beziehe und ob Sie mir helfen sollten, kann ich Ihnen auf einmal beantworten", setzte der dann mit mühsam beherrschter Stimme fort. "Ich mache diesen Job schon zu lange um nicht zumindest zu ahnen, dass Sie auf meinen Vorschlag eingehen werden. Mein Wissen über Sie persönlich beziehe ich allerdings aus einem Bündel Unterlagen, die wir bei Heymanns Sachen gefunden haben. Viel hielt er ja nicht von Aufzeichnungen, das wäre auch viel zu einfach für uns gewesen. Aber es gibt da diesen einen Pack, in dem viele, wenn nicht alle Ihre Aufträge - oder Unternehmungen, ganz wie man will - geschildert sind. Jemand hat sich da sehr für Sie interessiert und gründlichst recherchiert. Es war aus den Unterlagen nicht schwer zu erraten, dass Ihr alter Freund Heymann niemals damit einverstanden war, dass Sie sich auf die Seite der öffentlichen Ordnung stellten. Aus diesem Grund haben sie sich ja auch zerstritten. Und anfangs hat er sich vielleicht nur aus reiner Abneigung für Ihre Arbeit interessiert. Später dürfte die alte Freundschaft dann doch wieder die Oberhand gewonnen haben. Vielleicht war es einfach auch, wie nannten Sie es, 'der Geruch'. Es ist nebenbei äußerst interessant, wie er ihre Fälle schildert. Es ging ihm nämlich weniger um das Wie und Wo, sondern sehr viel mehr um das Warum. Er geht den Beweggründen für eine Tat bis auf den Grund. Und zwar in einer logischen und vor allem klaren Art und Weise von der sich unsere studierten Kriminalpsychologen durchaus noch eine Scheibe abschneiden könnten. Er war ja Journalist, und ich würde behaupten, kein schlechter."
Er machte wieder eine Pause, ließ bei Meixner das Gesagte wirken und trank einen Schluck bevor er weiter sprach: "Natürlich sind diese Unterlagen in sicherer Verwahrung. Aber kurz gesagt: Was ich brauche, das ist ein Mann, der nicht nach Polizei 'riecht'. Und Sie sind dafür wie geschaffen! Sie kannten ihn und Sie waren sein Freund, also wird es niemand verwunderlich finden, wenn Sie sich über die näheren Umstände seines Todes informieren. Ich kann Ihnen natürlich nichts befehlen, und – wie gesagt – an einen Dienstweg denke ich nicht mal. Ich möchte Sie auch nicht im Namen Ihres verstorbenen Freundes darum bitten, ich glaube kaum, dass das mit seinem Stolz vereinbar gewesen wäre. Ich kann Sie nur um Eines bitten: Überlegen Sie, was Alexander Heymann an Ihrer Stelle jetzt tun würde."
Er hatte zuvor die Angel ausgeworfen. Der Köder hatte sichtbar gezappelt und er war angenommen worden. Nun würde es sich zeigen, ob sich der Fisch auch fangen ließ. Während er auf eine Antwort wartete wurde ihm klar, wie sehr er sich nach einem stillen Fluss irgendwo abseits sehnte. Abseits all dieser lauten, penetranten Menschen zwischen Bäumen zu stehen, die Zehen fast taub im kalten Wasser, konzentriert auf jede Bewegung unter der Oberfläche - es war wirklich höchste Zeit für ein paar Tage Urlaub. Für einen Tag, weg von diesem Fall. Aber er wusste, dass er das nicht tun würde. Und er versuchte kurz zu verstehen, was wohl zwei so unterschiedliche Menschen wie Heymann und Meixner zu Freunden gemacht hatte. Ob es vielleicht gerade die Unterschiede in ihrem Wesen, in ihren Methoden gewesen waren oder gab es andere, tiefere Gemeinsamkeiten?
Karl Meixner war in Wirklichkeit viel zu erschlagen, um nachdenken oder sich ein klares Bild verschaffen zu können. Je länger er den Monolog des kleinen Mannes auf sich einwirken ließ, desto mehr hatte er das Gefühl von einer gewaltigen Lawine überrollt und verschlungen zu werden. Und das Gefühl, dass ihm sowieso nur mehr die eine Möglichkeit offen blieb, erst mal mit der Strömung zu schwimmen. So unglaublich das Ganze auch immer war, es konnte schon stimmen, was Seitenstetter ihm da über Heymann erzählt hatte. Eigentlich war es phantastisch, viel zu phantastisch. Aber andererseits, welchen Grund sollte dieser Kommissar schon haben, ihn zu belügen! Und, wie phantastisch die Geschichte auch sein mochte, er hatte schon viel Unglaublicheres mit Heymann erlebt! Nur in einem war er sich vollkommen sicher – Heymann hätte sie niemals in eine so verrückte Lage bringen lassen. Niemals! Immer hatte er alles unter Kontrolle. Immer eine Hintertür. Und noch einen doppelten Boden. Und jetzt war er tot. Ermordet.
Sein Gefühl riet ihm den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen und ließ doch gleichzeitig alle Alarmglocken schrillen. Das konnte niemals gut gehen. Trotzdem zauberte er ein kleines, nichtssagendes Lächeln auf seine Lippen, das verbindlich wirken sollte, in seinem sonst so ausdruckslosen Gesicht aber irgendwie schief saß.
"Mein lieber Kommissar Seitenstetter, ich wollte sowieso mal wieder ein paar Tage Urlaub machen. Bei dieser Gelegenheit könnte ich doch nach langer Zeit meinen alten Freund Alexander Heymann besuchen, selbstverständlich als Überraschung und ohne mich vorher anzukündigen. Natürlich wäre es höchst erschütternd für mich feststellen zu müssen, dass ihm etwas zugestoßen ist. Und natürlich ist klar, dass wir beide uns noch niemals zuvor gesehen haben!"
Der Kommissar wollte etwas sagen, aber Meixner winkte beinahe unwirsch ab.
"Bevor ich fahre sind da noch einige Vorbereitungen zu treffen. Ich hoffe deshalb, dass Sie mir nicht böse sind, wenn ich mich jetzt verabschiede."
Moritz Seitenstetter machte keinerlei Anstalten ihn zu halten. Und das, obwohl ihm noch eine Unzahl unbeantworteter Fragen auf der Zunge brannten. Gerade in dem Augenblick als Meixner die Tür hinter sich schloss, schweiften Seitenstetters Gedanken zurück zu einem Augenblick, den er von vielen Jahren in England erlebt hatte. Bei einer Angelreise waren sie auf eine typisch britische Jagdgesellschaft gestoßen. Es war wie damals, als die Hunde, nachdem die Jagdhelfer sie von den Leinen gelassen hatten, hastig und zielstrebig im Unterholz verschwunden waren. Damals war es für ihn ohne Zweifel gewesen, dass sie dem Fuchs nachjagen und ihn stellen würden. Heute war er sich nicht sicher, ob ihr Eifer nicht eher dem Suchen als dem Finden gegolten hatte. Ob sie nicht vielleicht einer falschen Fährte gefolgt waren. Das konnte auch dem geschehen, den er eben von der Leine gelassen hatte. Oder würde er vielleicht sehr viel gefährlicheres Wild aufstöbern, als sie alle zu träumen wagten?
Mit einer energischen Bewegung schüttelte er diese lästigen Gedanken ab und stemmte sich ächzend aus dem Sessel auf um zu seinem Schreibtisch zu stapfen und nach dem Telefon zu greifen. Er wählte eine Nummer und wartete darauf, dass jemand am anderen Ende das Gespräch entgegen nahm. Dann sagte er nur: "Seitenstetter hier, er hat angebissen." Und vernahm, wie die Verbindung ohne Antwort wieder unterbrochen wurde.

Karl Meixner war zutiefst erstaunt, als er sich plötzlich dabei fand, die Tür zu seiner Wohnung zu öffnen. Wie war er hierher gekommen? Wie viel Zeit war vergangen, seit er das Büro des Kommissars verlassen hatte? Zwei Sekunden, zwanzig Minuten, eine Stunde? Seine Verwirrung war so groß, dass ihm nicht einmal die Idee kam, nach seiner Uhr zu sehen. Es war eigentlich auch unwichtig, denn alles hatte seinen Sinn verloren. Der bittere Geschmack in seinem Mund stammte von dieser Sinnlosigkeit und aus seinem Magen. Leise drückte er die Tür ins Schloss und lehnte sich in dem düsteren Vorraum schwer gegen das kühle Holz.
'Ich soll den Mörder von Alexander fangen.' 
Nur sehr langsam und verschwommen gelang es ihm den wahren Sinn dieser Worte zu verstehen. Wie ein Betrunkener schwankte er ins Wohnzimmer und ließ sich schwer in einen der weichen Polstersessel fallen. Immer und immer wieder kreisten diese Worte in seinem Kopf, so, als wären sie die einzigen Worte, die ihm geblieben waren. Kreisten, unaufhaltsam. Und blockierten so jeden anderen Gedanken. Seine Blicke krallten sich in das Glas, dass er mit einem Mal in seinen verkrampften Händen bemerkte und ließen es nicht wieder los. Er hatte keine Ahnung, wie lange er so gesessen hatte, wann er aufgestanden war und sich wieder hin gesetzt hatte. Wie er zu dem Glas gekommen war. Wieder gesessen war und vor sich hin gestarrt hatte. Den einen, einzigen Satz immer und immer wieder in Gedanken wiederholend. Sehr lange konnte es wohl nicht gewesen sein. In einem wütenden Aufbäumen brachte er seinen bleischweren Arm dazu sich zu heben, das Glas an seine Lippen zu bringen um es in einem Zug zu leeren. Er fühlte, wie das Brennen des Destillats durch seine Kehle in seinem Kopf stieg, die Kette der immer wiederkehrenden Worte zerriss und seine Gedanken sich zäh und widerwillig von dem einen Satz lösten um sich in Bewegung zu setzen.
Zu seinem eigenen Erstaunen bemerkte er erst jetzt, dass er nichts fühlte. Er war wie erschlagen, immerhin, aber so verwundert er auch in sich hinein horchte, er fand doch nichts weiter. Kein Widerhall der Trauer, des Schmerzes, der Wut oder gar des Hasses. Er fühlte sich nur vollkommen leer. Leer und ausgebrannt, als hätte er mit alldem nichts mehr zu schaffen. Als wäre er gar nicht beteiligt und nichts weiter als ein zufälliger Beobachter. Als könnte er sich einfach umdrehen und weg gehen und nicht mehr daran denken. Unmöglich! Natürlich ging das nicht! Er kannte so viele Menschen, aber keiner war ihm je so nahe gestanden wie dieser eine. Wenn man davon sprechen konnte, dass man sich nahe stand, wenn man miteinander durch die Gefilde des Lebens zog, Pläne schmiedete, die kaum mehr als Streiche waren und ab und zu ein paar vermeintlich tiefsinnige Worte im trüben Licht eines grauen Morgens wechselte. Seit er denken konnte kannte Karl Meixner keine tiefere Beziehung zu Menschen, auch zu seinen Eltern oder seiner Familie nicht, und so etwas wie Freunde hatte er nicht. Die meisten der Menschen waren ihm schlicht und einfach egal, wenn nicht sogar zuwider. Wenn es in seinem Leben einmal so etwas wie Freundschaft gegeben hatte, dann hatte sie tatsächlich zwischen ihm und Heymann bestanden. Wenn das schon Freundschaft war, dann hatte er niemals sonst in seinem Leben so etwas wie Freundschaft gefühlt. Oder Verbundenheit.
Verbundenheit?
Er stand auf und ging langsam und mit schweren Schritten in das Arbeitszimmer. In dieser Wohnung, die ihm immer schon viel zu groß und zu weitläufig vorgekommen war. Der alte, dunkle Schreibtisch in dem Raum mit den geschlossenen Fensterläden war wie immer versperrt. Deshalb stellte er das Glas auf die leere Tischplatte und zog seinen Schlüsselbund aus der Tasche. Sorgfältig, beinahe zeremoniell suchte er den kleinen Schlüssel und öffnete die oberste Lade. Langsam zog er sie auf, schlug das Tuch zur Seite und sah fast liebevoll hinein.
Dumpf glühte ihm ein Stück Metall entgegen als das dämmrige Licht darauf fiel. Mit den Fingerspitzen strich er über den blank gescheuerten Holzgriff und nahm die große Smith & Wesson Pistole in die Hand.
Es war wirklich beinahe so etwas wie Freundschaft, was ihn mit diesem toten Stück Stahl verband. Während die Pistole beruhigend kühl und schwer in seiner Hand lag, dachte er über die gemeinsame Zeit mit ihr nach. Wie oft hatte sie ihm schon das Leben gerettet! Und er dachte darüber nach, ob er wirklich zu diesem Stückchen Stahl so etwas wie Freundschaft empfinden konnte. War das krank, sich einem toten Gegenstand verbundener zu fühlen als den Menschen, mit denen man zu tun hatte? Um dahinter zu kommen, dass sie ihm in ihrer stillen Tödlichkeit immer geholfen hatte klar zu denken, ruhig zu werden, bewusst seiner eigenen Vergänglichkeit und bewusst der Verantwortung über Tod und Leben, die da schwer in seiner Hand lag.
Und so dachte er endlich auch an das, was geschehen war und was in den nächsten Tagen geschehen würde.
"Alexander ist tot", sprach er aus. 
Es klang übertrieben laut und er lauschte erschrocken dem fremden Klang der eigenen Stimme hinterher. "Das weiß ich so sicher, wie ich weiß, dass ich in einer ziemlich verrückten Lage bin”, setzte er leiser hinzu. “Na ja, ist auch nicht wirklich neu. Hatten wir schon öfter. Nur diesmal - diesmal habe ich irgendwie Angst."
Mit einem tiefen Atemzug legte er die Waffe zurück und schlug sie wieder in dem weichen Tuch ein. Dann versperrte er den Schreibtisch, steckte den Schlüsselbund in die Hosentasche und trat ans Fenster. Durch die Spalten zwischen den hölzernen Läden drang etwas von dem grauen Winterlicht in den dunklen Raum. Er entschloss sich das Fenster zu öffnen und den schon stickigen Raum zu lüften. Ein Schwall eisigen Windes riss ihm beinahe die Fensterflügel aus den Händen und lies ihn frösteln. Aber er erfrischte ihn auch. Nachdem er die beiden Flügel fixiert hatte, holte er sein Telefon aus der Jacke an der Garderobe. Auf dem Weg zurück ans Fenster tippte er bereits eine Nummer ein. Er hatte gute Gründe sie nicht gespeichert zu haben, aber er kannte sie auswendig.
Als sich der Mann meldete, sagte Meixner nur: "Wir müssen uns treffen. Es ist dringend!"
Ohne Verzögerung kam die Antwort.
"In einer Stunde im Café Bräunerhof."
Karl Meixner benötigte eine ganze Sekunde, bevor er begriff, dass das Gespräch bereits wieder unterbrochen war. Dann begann er langsam und in wirre Gedanken verstrickt die Läden und das Fenster wieder zu schließen.

Der große, dunkle Mann kam vor dem Stephansdom aus den Tiefen der U-Bahn, zog seinen Mantel auf der Rolltreppe enger, querte zwischen dem Gewimmel den Graben und bog in eine der kleinen Gassen ein, die davon abgingen. Vor dem legendären Café Hawelka drängte sich eine italienische Reisegruppe und vor dem jüdischen Museum eine israelische Reisegruppe. Schwierig zu entscheiden, wer lauter war. Er blieb mitten auf der Fahrbahn und kam so unbehelligt an den ungeduldig drängenden Menschen vorbei. Verkehr herrschte am späten Nachmittag in der Wiener Innenstadt so gut wie keiner. Wer einen Parkplatz hatte, der würde den Teufel tun, und diesen aufgeben. Wer keinen hatte, der wusste, dass jede Hoffnung darauf sinnlos erschien. Dafür war das Kaffeehaus in der Bräunergasse umso besser besucht. Doch das bereitete ihm keine Schwierigkeit seinen Mann zu finden. Der große, schwergewichtige Mann mit seiner grauen Igelfrisur überragte die meisten der Gäste auch im Sitzen und war alles andere als unauffällig. Meixner gönnte sich ein leises Lächeln, als er daran dachte, dass man hinter der Fassade dieses auffälligen Mannes wohl alles mögliche vermuten konnte, aber ganz sicher nicht einen Oberst der Militärpolizei.
Meixner schlüpfte aus seinem Mantel und noch bevor er sich ganz setzen konnte, stand bereits der Ober an ihrem Tisch. Eine Auszeichnung, die nur an Tischen von ausgewählten Stammgästen Tradition hat. Meixner bestellte seine Melange und wandte sich dem Oberst zu. Bevor er aber etwas sagen konnte, winkte ihm schon eine Pranke zu schweigen und wies ihn in die andere Ecke des Raumes.
"Da hinten, der Mann an der Säule mit der großen Zeitung. Sehen Sie ihn?"
"Ich sehe ihn", bestätigte Meixner.
"Und? Kennen Sie ihn?"
"Nein", sagte Meixner, aber es klang zögernd, denn irgend etwas in ihm brachte der Mann zum klingen. Doch, er musste den schlanken, fast hageren Mann mit den langen Haaren schon einmal gesehen haben, aber er konnte sich beim besten Willen nicht mehr erinnern, wo oder wann das gewesen sein sollte.
"Ich würde jedenfalls darauf wetten, dass er Sie kennt", ließ der Oberst überraschend leise verlauten. "Seine Reaktion, als Sie zur Tür hereinkamen, war ziemlich eindeutig."
Er lehnte sich wieder tief in die gepolsterte Bank zurück, griff nach seinem Wasserglas und sah einen Augenblick nachdenklich zum Fenster hinaus. Aber Meixner wartete nicht ab, bis er soweit war. Dazu war er viel zu aufgewühlt von seinen Neuigkeiten.
"Seitenstetter", platze er heraus. "Kommissar Moritz Seitenstetter."
"Bearbeitet den Heymann Fall, ich weiß. Was haben Sie mit ihm zu tun?"
Der Herr Ober kam vorbei, schob das abgegriffene Tablett mit Kaffeetasse und Löffel, dem Wasserglas und einer kleinen Schale mit Zuckerwürfeln auf den Tisch und verschwand so unauffällig wieder wie es sein Beruf erforderte. Meixner warf zwei der Würfel auf den Milchschaum und griff nach dem Löffel.
"Er möchte, dass ich ihm bei der Klärung des Falles ein wenig zur Hand gehe."
Zum Zeichen seiner grenzenlosen Verwunderung hob der Oberst ein wenig eine Augenbraue und spitzte die Lippen. Aber er blieb stumm, spielte mit seinem Glas und sah durch die großen Auslagen hinaus in den trüben Tag.
"Es dürfte Aufzeichnungen von Alexander über mich und uns geben. Darum müssen wir uns auch kümmern. Aber dieser Seitenstetter geht zu weit. Einerseits kann ich dieses Ansinnen als Freund von Alexander Heymann nicht so einfach ablehnen, andererseits - ich kann es doch auch nicht annehmen!"
Der Oberst atmete tief durch, stellte das Wasserglas ab und nahm einen Schluck von seinem Kaffee.
"Besteht eine Möglichkeit, dass er Sie für den Täter hält und Sie mit diesem Vorschlag nur aus der Reserve locken möchte?"
Meixner löffelte scheinbar genüsslich den Milchschaum und ließ sich Zeit mit der Antwort. So abwegig war der Gedanke gar nicht, und er ging ihm auch schon durch den Kopf, seit er seine Wohnung verlassen hatte.
"Diese Möglichkeit ist nicht mit absoluter Sicherheit auszuschließen", begann er vorsichtig zwischen zwei Löffeln. Dazwischen schielte er unbewusst immer wieder zu dem Mann am anderen Ende des Raumes. "Der Kommissar hat aber vor mir ein paar wesentlich glaubwürdigere Theorien entwickelt. Auswahl an Motiven hat er genug. Die Möglichkeit, dass er glaubt, ich hätte Alexanders umgebracht ..."
Er brach ab und würgte schwer. Erst als er es selbst ausgesprochen hatte, war ihm die ganze Tragweite dieses Satzes so richtig zu Bewusstsein gekommen. Fast gleichzeitig hob der Mann am anderen Ende den Kopf aus seiner Zeitung und sah zu Meixner hin. Ihre Blicke trafen sich und Meixner sah in die dunklen, ruhigen Augen. Er wusste jetzt, dass er diesen Mann kannte, dass er ihn kennen musste, aber er konnte ihn noch immer nicht einordnen.
"Wenn es also um nichts weiter als eine private Unternehmung geht, im besten Falle um eine Hilfsaktion für die Polizei - warum wollten Sie mich dann sprechen?", unterbrach der Oberst Meixners wild durcheinander schwirrende Gedanken.
"Nun", Meixner überlegte einen Augenblick und entschied sich dann für die schlichte Wahrheit. "Also, irgendwie ist es mir nicht einmal in den Sinn gekommen, mit der Polizei zusammen zu arbeiten, ohne Sie davon in Kenntnis zu setzen. Beziehungsweise, ohne vorher Ihr Einverständnis einzuholen. Zumal ich auch glaube, dass es Ihnen nicht wirklich recht ist, wenn ich es tue."
Schlagartig war Meixner klar, dass er sich eigentlich wünschte, der Oberst würde es ihm verbieten. Ihm schlicht und einfach die Entscheidung abnehmen. Und auch dem schwergewichtigen Mann war das klar. Aber er schwieg. Lange betrachtete der Oberst angelegentlich die kleine verlassene Straße von den großen Scheiben als wäre es nicht sicher, dass er zugehört hatte.
"Wir arbeiten alle für die richtige Seite mein Lieber", meinte er nach dieser Pause sehr leise aber mit einem leicht zynischen Anflug in der Stimme. Es konnte aber auch Resignation sein. Und wieder entstand eine Pause. Als Meixner schon nicht mehr damit rechnete, setzte der furchteinflößende Riese fort: "Jeder von uns vertritt auf seine Art und Weise das Gesetz. Das, was manche auch den Staat nennen. Oder das, was manche dafür halten. Oder gerne dafür halten würden. Nur, haben Sie sich jemals Gedanken darüber gemacht, was das denn für ein Staat, für ein Gesetz ist? Was mit diesen Gesetzen bezweckt und geordnet wird? Was das denn für ein Staat sein soll? In welcher Welt wir leben, die wir uns doch auch noch selbst bauen? Was für einen Sinn machen Gesetz und Staat überhaupt noch? Wenn einer zu einer Waffe greift und einen anderen tötet, dann haben wir eine Leiche und es gibt einen Schützen, der sich außerdem meist selbst verrät. Und alles erscheint so einfach und so klar. Vielleicht kratzen wir auch noch ein wenig an den Motiven, an einer Vorgeschichte, aber das interessiert eigentlich niemanden. Doch unbemerkt daneben gibt es noch diese andere Welt.“ Er nippte an dem Wasserglas, drehte es in seiner großen Hand und starrte weiter hinaus in den trüben Tag als hätte er Meixner vollkommen vergessen. „Eine Welt“, setzte er endlich fort, noch leiser, „in der ein Geschäftsmann zwischen Vormittagskaffee und Mittagessen eine für ihn unbedeutende Entscheidung trifft und damit einen anderen, den er vielleicht gar nicht kennt, in den Tod treibt und viele andere um ihre Existenz beraubt - und er weiß es meist noch nicht einmal. Und wenn er es weiß, dann kümmert es ihn nicht, denn es ist alles ja legal. Dem Gesetz entsprechend, der Gesellschaft, dem Staate dienlich. Es gibt da auch die Welt, in der die Aktionäre ihr Unternehmen dahin drängen einen bestimmten Großauftrag an Land zu ziehen. Die Manager machen dann, auf die eine oder andere Weise, ihren Deal mit den Politikern, und die Politiker setzen sich über die Ängste der Bevölkerung hinweg und genehmigen das Großprojekt und bezahlen es selbstverständlich - und zwar aus Steuermitteln, die sie sich wiederum von den Aktionären geholt haben, als die Aktien stiegen, eben weil das Großprojekt von gerade diesem Unternehmen gebaut wurde. Die Aktionäre aber hassen die Politiker, die ihr heiß geliebtes Großprojekt erst ermöglichten, und das nicht nur, weil sie mehr Steuern zahlen müssen, um ihr eigenes Großprojekt zu finanzieren, sondern auch, weil sie gleichzeitig eben jene Bevölkerung sind, die übergangen wurde, weil sie selbst als Aktionäre darauf drängten. Ach ja, und nicht zu vergessen gibt es dann da noch die Welt, in der Entscheidungen getroffen werden, in der die Menschen keinen Wert sondern nur noch statistische Faktoren darstellen und in der man Gesetze macht und verändert, wie es gerade opportun erscheint. Was macht ein Gesetz denn für einen Sinn, wenn es nicht für alle gleichermaßen und unveränderlich gilt? Was macht ein Staat für einen Sinn, wenn er vorgibt die Freiheit zu bewahren, und diese ganze Freiheit doch nur darin besteht zwar alles sagen und denken zu dürfen, aber nur solange man damit nicht im Widerspruch zu den Ansichten und Interessen eines Mächtigen steht?"
Karl Meixner hatte die ganze Zeit über seine Kaffeetasse in der Hand gehalten, von der er eigentlich trinken wollte. Und er verstand nicht, worum es hier ging. Aber, solange er seinen Vorgesetzten jetzt auch schon kannte, von dieser Seite hatte er den sonst laut polternden und aus Leidenschaft rüden Mann noch niemals erlebt. Verwundert stellte er seine Kaffeetasse zurück ohne davon getrunken zu haben, aber sie kam schief auf und verursachte einen scheppernden Laut. Der Oberst straffte sich, blinzelte und riss seine Augen von der kleinen Straße im trüben Licht los.
"Man sollte Kaffeehäuser verbieten", meinte er mit einem schiefen Lächeln. "Sie verleiten nur zum Nachdenken, und - abgesehen davon, dass Kontemplation ja eindeutig konsumfeindlich ist - verleitet es dazu, Dinge zu hinterfragen, die man besser nicht hinterfragen sollte. Kontemplation als eine Gefährdung der nationalen Sicherheit?"
Er grinste freudlos und es entstand wieder eine kleine Pause, dann knurrte ein gewohnt mürrischer Oberst: "Was erwarten Sie denn von mir? Dass ich Ihnen verbiete mit Seitenstetter zusammenzuarbeiten? Und ihm vielleicht auch noch selbst erkläre, warum ich das nicht möchte? Sie wissen doch sehr gut, was Sie zu tun haben."
Meixner rührte schweigend in seinem inzwischen kaum noch warmen Kaffee und die Blicke des Obersts wanderten wieder in den grauen Tag hinaus. Endlich griff er nach der neben ihm liegenden Zeitung und meinte über die Schulter, Meixner müsse den Kaffee nicht bezahlen, er würde das schon übernehmen, um sich dann in das kleinformatige Blatt des kleinformatigen Mannes zu vertiefen. Unverkennbar brachte er so zum Ausdruck, dass er seine Gedanken über diese ganze Sache zu Ende gedacht hatte und nun nichts mehr davon wissen wollte. Also stand Meixner auf und zog seinen Mantel an. Als er sich schon damit abgefunden hatte, dass er hier keine Hilfe finden würde und gehen wollte, hielt ihn der Oberst doch noch zurück.
"Meixner", sagte er und sah über den Rand seiner Zeitung hinweg. "Ein paar Männer werden in Bereitschaft stehen, falls Sie Unterstützung benötigen sollten. Denn ich möchte, dass Sie ganz sicher gehen, dass gewisse Dinge nicht bekannt werden. Dinge, die darauf schließen lassen könnten, dass das Ableben von Heymann auch für uns äußerst praktisch ist. Und machen Sie mir nicht den gleichen Fehler wie andere vor Ihnen - unterschätzen Sie niemals diese kleine, nichtssagende, fettleibige Witzfigur von einem Kommissar."

Die innere Tür fiel mit einem leisen Scheppern des Glasblattes ins Schloss. Gleich darauf folgte das gedämpfte Klacken der äußeren Tür. Der hagere Mann mit den langen, braunen Haaren musste nicht von seiner Zeitung aufsehen um zu wissen, dass draußen an den großen Scheiben jetzt eine dunkle Gestalt vorbei ging. Wahrscheinlich wieder einmal nur für ihn war das drückende Gefühl unangenehme präsent gewesen, so lange der Mann sich im Raum befunden hatte. Keine wirkliche Bedrohung, aber eine dumpfe, bedrückende Dunkelheit hatte sich für ihn im Raum breit gemacht. Er kannte Karl Meixner, aber es war wirklich nicht mehr als ein dummer Zufall, dass sie sich hier begegnen mussten. Allerdings hätte es ihn mehr als nur erstaunt, wenn Meixner ihn nach all den Jahren noch erkannt hätte. Wobei, so vieles an unerklärlichen Dingen hatte sich in den letzten Monaten ereignet. Angefangen mit Heymann Veränderung, ja Besessenheit im letzten Jahr. Dann Foghams Anruf. Und Heymanns Tod,  Er konnte es sich selbst nicht erklären, aber kaum hatte Meixner den Raum verlassen, da war es ihm möglich, freier zu atmen. Als wäre er von einer Beklemmung befreit. Ihm wurde klar, dass er seit Minuten auf die Zeilen vor sich starrte ohne auch nur ein Wort gelesen zu haben. War das Gefühl bei Fogham nicht ähnlich gewesen? Anders, aber doch? Nicht so beklemmend, eher stürmisch und mitreißend. Und bei Heymann? Alexander Heymann und seine verrückten Ideen! Nun, jetzt war er tot. Aber seine Ideen lebten weiter, bohrten sich in seinen Kopf, warfen Anker, verkrallten sich und lauerten im Dunkel.

III
Ruckend hielt die Lokomotive, die mit ihren drei Waggon aus der Nachkriegszeit übrig geblieben zu sein schien, vor dem kleinen Bahnhof. Doch dies war keine Nostalgiefahrt für zahlungskräftige Touristen, hier ließ das große Unternehmen die Bedeutung der Nebenbahn durchblicken. Bald schon würde man auch diese Strecke einstellen.
Karl Meixner sprang von der Treppe hinunter auf den Schotter und zog die große lederne Tasche hinterher. Weitere Strecken legte er lieber mit Bahn oder Flugzeug zurück. Daran war auch ein kolossaler Unfall eines übermüdeten LKW-Lenkers schuld, der ihm beinahe das Leben gekostet hätte. Allerdings konnte man den Weg in diese kleine Stadt nun nicht gerade einen weiten Weg nennen, auch wenn es den Eindruck erweckte, ans Ende der Welt zu reisen. Trotzdem hatte er sich entschieden, die Bahn zu nehmen. Das war zwar umständlich, denn trotz aller vollmundigen Werbeversprechen schienen Kunden der Bahn nicht gerade geheuer zu sein, aber als Ausrede konnte man gelten lassen, dass sein eigener Wagen in der Werkstatt stand. Allerdings er war sich selbst gegenüber ehrlich genug, um sich einzugestehen, dass er es eher um der alten Zeiten willen tat. Obwohl, es stimmte schon, sein Beruf kannte inzwischen genügend Risiken, die durchaus lebensbedrohlich werden konnten, vieles war so ganz anders, als es am Anfang geklungen hatte. Da musste man sich nicht auch noch der wild gewordenen Meute aussetzen, die auf einer Autobahn Grabenkämpfe um das größte Ego ausfocht. Außerdem war er irgendwann einmal dahinter gekommen, dass man in den spärlich besetzten öffentlichen Verkehrsmitteln sehr viel leichter bemerken konnte, wenn man verfolgt wurde. Zwar war die Route festgelegt, aber man konnte Verfolger leichter erkennen und, wenn nötig, unauffälliger ins Leere laufen lassen. Für dieses Mal war er sich jedoch völlig sicher, dass ihm niemand gefolgt war. Denn dazu hätte sich die letzten dreißig Kilometer zumindest noch ein zweiter Passagier im Zug befinden müssen. Es war wirklich nur mehr eine Frage der Zeit, bis auch diese Bahnlinie den wuchernden Sparmaßnahmen zum Opfer fallen würde.
Er nahm die Tasche fester und ging auf den kleinen bärtigen Bahnbeamten unter dem Vordach zu, grüßte freundlich den ob eines Fahrgastes etwas verdutzt wirkenden Mann und marschierte zielstrebig dem Gebäude entlang. Statt eines kleinen Umweges stieg er über eine mitgenommene, niedrige Hecke die ihm gerade mal bis an die Knie reichte und überquerte den leeren Parkplatz zwischen dem Bahnhof und den angrenzenden Häusern. Auf der andern Seite des Platzes steckte ein junger Mann seinen Kopf unter die Motorhaube eines lindgrünen Sportwagens und schraubte an dem Motor. Nur einmal sah er kurz auf und betrachtete uninteressiert den großen Mann, der etwas an einen Südländer erinnerte. Fahrgäste waren selten, Fremde eine Rarität, aber es war Freitag Abend, das Wochenende war praktisch schon da und der Wagen war wichtiger als jeder Fremde. Obwohl Fremde in der kleinen Stadt eigentlich immer eine Attraktion waren. Vor allem, wenn sie mit der Bahn kamen.
Karl Meixner hatte den Zeitpunkt seines Eintreffens durchaus mit Bedacht gewählt.
Wenn seine Erinnerungen noch halbwegs mit der Realität übereinstimmten, dann gab er sich vier Tage um seine Arbeit zu erledigen. Das musste reichen, denn es waren keine gewöhnlichen vier Tage. Das war das Faschingswochenende, die verrückte Zeit, die Aufhebung aller Regeln was von der Bevölkerung hier so stur wie andächtig zelebriert wurde. Am Morgen des Aschermittwochs, bei Heymanns Begräbnis, würde der Mörder dann hinter Schloss und Riegel sitzen. 
Über die Möglichkeit einer anderen Alternative verlor er keinen Gedanken. Es musste einfach klappen.
Natürlich wusste er wo Heymann gewohnt hatte, aber die Leute würden auch so früh genug dahinter kommen, dass er mit den Gegebenheiten hier ganz gut vertraut war, zumal sicherlich auch noch ein paar Leute hier lebten, die sich an ihn erinnern konnten. Aber für's Erste hatte er in einem Gasthaus ein Zimmer reserviert. Dass seine Wahl ausgerechnet auf Heymanns Lieblingslokal gefallen war, das war auch kein Zufall. So hoffte er alles bis ins Kleinste vorbereitet zu haben. Sogar sein eigenes Alibi. Denn natürlich würde man auch bei ihm misstrauisch wissen wollen, warum er nach all den Jahren ausgerechnet jetzt auftauchen musste, um nach Heymann zu fragen. Und die vorbereitete Antwort war auch gleichzeitig die Grundidee seines Planes, den er widerwillig dem Oberst unterbreitet hatte. Immer wieder hatten Heymann und er selbst von dem bunten und ausgelassenen Treiben an den Faschingstagen erzählt. Nun, sein Plan besagte, dass er hier war um zuerst das Feld zu sondieren. Am Sonntag sollten drei andere sogenannte Freunde nachkommen und Sonntag Abend und am Montag wollte man Heymann maskiert überraschen. So weit, so gut. Nun hatte dieser sogenannte Plan nur einen kleinen Hacken: Alexander Heymann war tot. Also würden sie wohl selbst ziemlich überrascht sein – und damit jemand anderen in Verlegenheit bringen können. Mit Hilfe der aufgehobenen Regeln und der lockeren Sitten am Montag musste es ihm bis spätestens Dienstag Abend möglich sein, den Mörder zu demaskieren. Und es mussten da auch noch andere sein, die ihm helfen würden. In einer kleinen Stadt wie dieser war es einfach unmöglich, dass etwas geschah, ohne dass nicht irgendjemand irgendetwas davon mitbekommen hatte. In diesem Punkt stimmte er mit dem Kommissar völlig überein. Und es war ein nicht unwesentlicher Teil seiner Aufgabe, herauszufinden, wer etwas wusste und wie viel. Ein nicht unwesentlicher Teil, und keinesfalls der leichteste. Natürlich würden ihm auch seine drei alten 'Freunde' helfen. Der Oberst hatte ganze Arbeit geleistet, denn es waren wirklich Freunde, die ihn unterstützen sollten. Nun, vielleicht war der Begriff Freunde doch etwas übertrieben. Man kannte sich, und, was wichtiger war, sie hatten auch Heymann gekannt. Aber sie wussten noch nichts davon, dass er tot war, und es würde sie in Wahrheit auch nicht all zu schwer treffen. Heymann hatte sich nicht nur in dieser kleinen Stadt Feinde gemacht, wenn auch manche darunter waren, die es sich niemals eingestehen würden. Aber ihr Hass auf den Täter würde umso größer sein, je größer ihre eigenen Schuldgefühle waren, weil sie keine Trauer um das Opfer empfinden konnten.
Er überquerte die Straße und ging an einer großen Plakatwand vorbei durch die Vorgärten. Ein überlebensgroßes, leicht bekleidetes Mädchen warb für ein Fruchtgetränk. Angeblich die Sonne in Dosen. Er betrachtete sie mit einem Blick und keinem Gedanken. Längst hatte er aufgehört sich über Mädchen Gedanken zu machen. Auch wenn sie so begehrenswert aussahen, wie dieses hier. Warum sollte er sich auch Gedanken machen? Hübsche Mädchen gab es überall und er war beim weiblichen Geschlecht gerne gesehen. Außerdem ging alles, was nach einer ernsten, festeren Bindung aussah, mit Sicherheit an seiner Arbeit zugrunde. Eigentlich, wenn er ehrlich gewesen wäre, gingen diese Beziehungen an ihm selbst, an seiner Einstellung, seiner Verschlossenheit zugrunde. Es war ihm einfach nicht wichtig. Und weil es ihm nicht so wichtig war, zerbrach er sich darüber auch nicht den Kopf. Wenngleich es gerade in der letzten Zeit immer wieder vorgekommen war, dass er einen Widerwillen entwickelte, nach Hause zu gehen. In diese leere, stille, viel zu große Wohnung. Und manchmal war da auch noch so ein leises anderes Gefühl, ein um vieles schlimmeres, eines der ganz besonderen Einsamkeit. Ein Gefühl, dass über das Bedürfnis nach einem anderen Menschen hinaus ging. Ein Gefühl, das wohl Alexander Heymann selbst am besten umschrieben hatte, als er einmal sagte: 'Wenn ich in den Spiegel sehe, dann sehe ich einen Menschen. Wenn ich mit anderen Menschen zusammentreffe, dann behandeln sie mich, als wäre ich einer von ihnen. Aber wenn ich die Menschen und ihr Tun beobachte, dann ist mir das so fremd, dass sich bei mir die Frage aufdrängt, was ich denn nun eigentlich bin.'
Also hatte sich Meixner, um diese lästigen Gedanken, diesem Gefühl der sinnlosen Leere zu entgehen, in die Arbeit gestürzt. Mit solcher Anstrengung, dass seine Freunde und Kameraden bald nur noch den Kopf schüttelten. Ja, selbst der Oberst hatte diese Veränderung bemerkt, was eher ungewöhnlich war, und er hatte, was noch ungewöhnlicher war, darauf reagiert und ihm zwei Wochen Urlaub aufgedonnert. Unverzüglich anzutreten. Da gerade Winter war, packte Meixner gehorsam seine Sachen und verschwand in den Bergen. Am Tag rutschte er über Pisten, am Abend über Barhocker und in der Nacht über irgend ein weibliches Wesen, das ihn aufgelesen hatten. Aber schon fünf Tage später, an jenem lichtlos grauen Donnerstag Nachmittag saß er dem Oberst wieder gegenüber. Mehr als eine Woche zu früh und von einer unerklärlichen Unruhe getrieben. Bereit und  gerade rechtzeitig für diesen letzten, ungewöhnlichen Auftrag.
Karl Meixner schüttelte energisch den Kopf um ihn wieder klar zu bekommen. Nein! An diesen Auftrag wollte er nicht denken. Gerade jetzt nicht!
Irgendwo rechts vor ihm auf dem Hang, unsichtbar in einem Gebüsch, übte ein kleiner Vogel seinen Frühlingsgesang. Ohne dass es ihm bewusst wurde, verlangsamte er seine Schritte um zu lauschen. Schon vor langen Jahren hatte er aufgehört die Stimmen der Vögel wirklich wahr zu nehmen, aber in diesem Hauch von erstem Grün, in diesem trüben Licht lag etwas Machtvolles in dem feinen Stimmchen, dass von ihm auf geheimnisvolle Weise Aufmerksamkeit forderte.
Und da erinnerte er sich an seine letzte Begegnung mit Alexander Heymann.

Heymann hatte niemals ein eigenes Auto besessen und er hatte es strikt abgelehnt, dass Meixner ihn die über hundert Kilometer in seine Heimatstadt fuhr. Also hatte es Meixner durchgesetzt, dass er ihn zumindest bis zum Bahnhof bringen durfte. Dort mussten sie dann zehn Minuten auf die Abfahrt des Zuges warten. Es sollten lange zehn Minuten werden. Heute war ihm klar, dass sie bereits damals geahnt hatten, dass sie sich nie mehr wiedersehen würden. Aber sie waren trotzig herum gestanden wie zwei kleine Schuljungen, die vor der Tür ihres Rektors warten mussten, sich aber keiner wirklichen Schuld bewusst waren. Aber trotzdem von schlechtem Gewissen geplagt werden. Sie standen herum und sprachen nicht viel. Auch daran hätte Meixner damals erkennen können, dass es Heymann gar nicht so leicht fiel, einfach in den Zug zu steigen, alles hinter sich zu lassen, alle Brücken abzubrechen und in ein neues Leben zu fahren, wie er gerne allen glauben machen wollte. Meixner verstand es jedenfalls nicht und würde das auch nie. Wie konnte er alles hinwerfen, was er aufgebaut hatte? Einfach so seinen Freunden und seiner Arbeit den Rücken kehren und sich auf und davon machen. Aber Heymann schwieg. Dass er nicht über seinen Ausstieg aus der Firma reden wollte, das konnte Meixner ja noch verstehen. Zu vieles war schief gelaufen in der letzten Zeit. Aber Heymann war auch sonst schweigsam geworden. Besonders an diesem Tag. Und das fiel Meixner besonders auf. Denn seit er ihn kannte, hatte Heymann keine Gelegenheit ausgelassen, um unaufgefordert seinen Kommentar abzugeben oder seine Meinung zu sagen. Immer treffend und fast immer verletzend. Die Menschen um sie herum boten in ihrer zumeist hysterischen Geschäftigkeit auch jede Möglichkeit für eine sarkastische Spitze. Aber da kam nichts, Heymann blieb stumm. Gerade wegen seiner Spitzfindigkeiten und verbalen Attacken, gegen den, wie er es nannte, kollektiven Wahnsinn, kannten ihn viele. Bei einigen wenigen Leuten war er damit sogar regelrecht beliebt. Das waren die, die noch nichts davon abbekommen hatten oder schlichtweg nicht verstanden, wovon er sprach, aber pflichtschuldig und am Lautesten lachten. Was aber manche weit mehr fürchteten als seine spitze Zunge und das lose Maul, das war der scharfe Verstand dahinter. Oft schon durchschaute er Vorgänge und Absichten noch bevor sich die Beteiligten selbst richtig klar darüber geworden waren. Und da er wiederum viele Leute und somit viele Zusammenhänge kannte, war er bei einigen davon äußerst unbeliebt geworden. Jemand, der ihn für seine Geistesgaben gleichermaßen geliebt wie gefürchtet hatte, das war ihr Professor Maykwis gewesen, der alte Dozent der Rechtswissenschaften. In dessen größtenteils einschläfernden Vorlesungen hatten sie sich zum ersten Mal wirklich getroffen und waren zu Freunden geworden. Obwohl sie doch in der selben kleinen Stadt aufgewachsen und in die selbe Schule gegangen waren, sich immer wieder begegnet sein mussten, so bedurfte es doch der Einsamkeit der großen Stadt, um ihre Gemeinsamkeiten zu entdecken. Einmal, da hatte dieser Professor mit seiner leicht angestaubten Weltanschauung seinen heimlichen Lieblingsstudenten getadelt wegen dessen, wie er sich auszudrücken pflegte, liederlichen Lebenswandels. Heymann hatte ihn nur angesehen, in seiner unnachahmlichen Weise gelächelt ohne eine Miene zu verziehen, und gemeint: "Man sagt, dass der Mensch sich vom Tier durch die Fähigkeit zur Logik unterscheidet. Wenn dem wirklich so ist, dann muss man den Fortschritt der menschlichen Entwicklung in dieser Welt wohl noch einmal überdenken. Denn wo liegt die Logik darin, konform mit den sogenannten Erwartungen der Gesellschaft zu arbeiten und gerade mal mittelmäßig zu leben, wenn man phantasievoll arbeiten, die Gesellschaft weiter entwickeln und auch noch gut leben kann? Diese Art zu leben, die von den Menschen erwartet wird, ist unlogisch, um nicht zu sagen primitiv, und somit eher dem Tier angemessen, als dem Menschen. Zwar mag es sein, dass diese Art zu Leben das Überleben der bestehenden Gesellschaftsform sichert, jedoch tut die Gesellschaft selbst nichts um sich weiter zu entwickeln oder das Fortkommen des Individuums zu schützen, ganz im Gegenteil bedroht dieses Gesellschaftssystem das Überleben und die Entfaltung des einzelnen Menschen. Es ist eine anonyme, amorphe Masse die sich in ihren Anforderungen auf das kleines, primitivste Maß reduziert. Der wahre Mensch also, beflügelt durch seine Fähigkeit zur Logik und zur Phantasie, ist somit geradezu gezwungen, sich über die niedrigen Zwänge der psychischen Gewalt der Gesellschaft hinweg zu setzen." 
Meixner musste noch immer lachen, wenn er an das verdutzte Gesicht des vertrockneten, alten, liebenswerten Mannes dachte.
In einer anderen Zeit war das gewesen, vielleicht in einem anderen Leben.
Noch lange nachdem der Zug abgefahren war, hatte Meixner unschlüssig auf dem Bahnsteig herum gelungert. Erst als es dunkelte ging er nach Hause. Noch Monate später standen sie in regem Briefkontakt. Bis zu dem Tag, an dem Meixner ihm mitteilte, dass er das Angebot des Oberst doch annehmen würde. Auf diesen letzten Brief sollte er niemals eine Antwort erhalten.

Das zierliche, braungraue Kätzchen, dass gemächlich und frech vor seinen Füßen über den Weg spurte, schreckte ihn aus seinen düsteren Gedanken auf. Rechts von ihm, auf dem Hang des kleinen Hügels, standen in großen Gärten prächtige Villen. Wenngleich sie schon mehr alt als prächtig waren, denn an ihnen hatte der Zahn der Zeit seine deutlichen Spuren hinterlassen.
Während seine Gedanken noch abirrten und er halbherzig überlegte, ob der Zahn der Zeit denn nun ein Mahlzahn oder ein Schneidezahn sei, sah er dem Kätzchen nach, das behände über die Straße lief, auf einen Baum sprang und nach oben hin verschwand.
Seit einiger Zeit schon wanderte er an spärlichen Bäumen und den Überresten der alten Stadtmauer dahinter entlang, die in einem ebenso alten Wachturm endete. Und er meinte seinen Augen nicht mehr trauen zu können, als er entdeckte, dass, hoch über ihm und der Stadt im Tal, aus der Decke dieses alten, halb zerfallenen Wachturmes fünf schlanke, junge Birken wuchsen. Nicht zu Unrecht hatten die Alten sie Pionierbäume genannt, aber das war beachtlich. Der sanfte Wind bewegte ihre Wipfel leicht gegeneinander und sie sahen in dem grauen Licht des Tages aus wie fünf Schicksalsgeister die zusammen standen und besprachen, was da in der Stadt zu ihren Wurzeln vor sich ging.
Vielleicht hatte er diese Bäume als Junge schon gesehen, aber sie waren nicht alt genug und nichts erinnerte ihn daran. Aber er war sich sicher, dass er irgendwann einmal auf den alten Turm geklettert war. Obwohl er Privatbesitz und baufällig war. Wahrscheinlich gerade deswegen. Zumindest hatte er seine gute Laune wiedergefunden. Auch wenn es die etwas überdrehte gute Laune eine Mannes war, der eifrig darauf bedacht war, gut gelaunt zu sein um seinen Erinnerungen keinen Raum zu lassen.
Er ließ seinen Blick über die nahegelegene Eisenbahnbrücke schweifen, die hinter dem Bahnhof begann. Über die Häuser unter und über ihm, angelehnt an den Hügel. Über die Straße vor ihm. Und allmählich bemerkte er erst jetzt das Verwunderliche, das sich bisher seinen Sinnen entzogen hatte. Nur das Zwitschern des kleinen Vogels irgendwo in dem Gebüsch war zu hören, obwohl er längst daran vorüber war. Keine Schritte, keine menschliche Stimme, kaum einmal ein Auto war sonst zu bemerken. Neugierig geworden ging er weiter. Dabei achtete auch er unwillkürlich darauf, so wenig Geräusch wie nur möglich mit seinen Schritten zu verursachen. Und er lauschte bewusster, aber außer ein paar fernen, alltäglichen Geräuschen war da nichts. Vor einem Fotogeschäft hielt er kurz an und betrachtete die ausgestellten Bilder. Fröhliche Bilder glücklicher Menschen. Mit einem Schlag drängte sich ihm unaufhaltsam wieder ins Bewusstsein, weswegen er eigentlich hier stand: Alexander Heymann war tot!
Mit nur wenigen Schritten mehr befand er sich inmitten der kleinen Stadt. Am Rande einer Kreuzung, gleich neben einem düsteren, verschlossenen Gasthof, blieb er stehen und sah die Straße ins Tal hinunter. Viel hatte sich verändert in dieser Stadt. Aber er erkannte noch genug wieder, um sich so einigermaßen orientieren zu könnten. Und um sich wieder zu erinnern. Aber auch hier umgab ihn diese fast fremdartige Stille.
Aufmerksam musterte er die Straße vor sich und erkannte, dass er richtig hörte. So gut wie nirgends war ein Mensch oder auch nur eine Bewegung zu entdecken. Nur armselig ausgemergelte, vergiftete und verschrammte Bäumchen säumten die Hauptstraße und wiegten sich leise im Wind.
Wenn es etwas gab, dass er wirklich rückhaltlos bewundern konnte, dann waren das solche Bäume. Es war ihm eigentlich unmöglich zu begreifen, wie sie es schafften in einer so feindlichen Umwelt zu überleben. Doch trotz aller Gefahren und Angriffe lebten sie und standen selbstbewusst da. Ja, dachte er, sie stehen da. Scheinbar ungerührt. Grau verstaubt und vernarbt von den vielen Kämpfen mit der sogenannten Zivilisation, als wären sie Zeugen einer längst vergangenen Kultur. Einer längst verschwundenen, vernichteten Welt. Doch jetzt, in dieser kleinen Stadt, zum ersten Mal, kam ihm der Gedanke, dass nicht die Bäume fremd waren. Die Häuser und die Straßen waren es, die das Land erobert hatten. Die ein uraltes, lebendiges Wesen mit ihrer hauchdünnen Schicht bedeckten und zu beherrschen suchten.
Für einen kurzen Augenblick stieg in ihm wieder dieses Gefühl der endlosen Leere auf, die sein ganzes Leben in Frage zu stellen schien. Etwas in ihm begriff, dass diese Bäume Boten von etwas waren, das älter war als die Menschen, oder die Städte, oder die Berge. Das sie sich nährten von einer Kraft, verborgen tief unter ihm und ihm selbst unerklärlich.
Toll, er war zuhause.
Ein scharfer Wind blies vom Hügel herunter die Straße entlang und trieb den Staub vor sich her. Er rüttelte an den Leuchtschriften und fauchte um die Ecken der Schaufenster. Den alten Bürgerhäusern konnte der herrische Wind ebenso wenig anhaben, wie schon oftmals ein frischer Wind einer neuen Zeit gegen die alten Strukturen, die sich hinter diesen Fassaden verbargen, vergeblich angelaufen war. Die meisten der Häuser waren offensichtlich erst vor kurzem neu gestrichen worden und warteten nun auf die ersten Strahlen der Frühlingssonne, damit sie in ihren neuen Farben prahlen konnten. Manche dieser Farben waren ja schon etwas gewagt, für sich allein genommen. Aber als Gesamtbild fügte es sich ganz gut zusammen.
Und allmählich fühlte er, dass er hier, so in Gedanken versunken, nicht stehen bleiben konnte, sonst würde er wohl wirklich noch erfrieren. Also überlegte er kurz und kam zu dem Entschluss, dass der Gasthof, in dem er sein Zimmer bestellt hatte, auf der anderen Straßenseite liegen musste. Obwohl dies die Hauptstraße der kleinen Stadt war, bekam er auch hier nur vereinzelt herum huschende Menschen zu sehen, verstohlen zwischen den Geschäften und den geparkten Wagen. Aber alles war überlagert von dieser ohrenbetäubenden Stille. Also querte er ohne besondere Vorsicht die Kreuzung und ging die Straße hinunter. Und während er ging stieg ein leichtes Gefühl der Verlassenheit in ihm auf. Höchst wahrscheinlich entstand dieses Gefühl aber nur in seinen kalten Zehen. Also beschleunigte er seine Schritte und hätte so beinahe den schmiedeeisernen Hirschen übersehen. Vor dem übergroßen Hintergrund der nächsten Leuchtschrift war er auch wirklich nur schwer zu erkennen. Leise knarrte dieser goldene Hirsch an seiner grünen, schmiedeeisernen Ranke, als eine neue Windböe die Straße herunter fegte. 
'Restaurant und Terrasse im Hof links'
So stand auf dem Schild in der offenen Einfahrt und er verschwendete kurz einen Gedanken daran, warum man wohl die vorderen Räume zur Straße nicht als Gastzimmer nutzte, dann folgte er der Aufforderung. Im Innenhof fehlte ein Hinweis, aber er steuerte auf die einzige Tür neben der Garagenausfahrt zu und, an der Treppe hinter dieser Tür, stellte er erst einmal seine Tasche ab. Dem schon fast ungewohnten Klang von Stimmen folgte er nach oben. Doch bevor er durch den Eingang trat, machte er noch einen Schritt zur Seite.
Meixner hätte wohl jeden ausgelacht, der ihm gesagt hätte, er sei eitel. Und das zurecht. Trotzdem blieb er vor dem Spiegel stehen und betrachtete sich einen Augenblick lang nachdenklich. Ja, es war alles in Ordnung. Er sah genauso aus wie er aussehen sollte. Wie jemand, der nur eben mal schnell einen alten Freund besuchen wollte. Ja, genauso, bestätigte er sich noch einmal - und atmete tief durch. So schnell wie nur Gedanken sein können, zog der ganze Plan noch einmal an seinem geistigen Auge vorüber. Er konnte immer noch keinen Fehler entdecken und so öffnete er mit dem Bewusstsein eines Siegers die Tür und trat ein.
Vor ihm, in dem Schlauch zwischen Wand und Garderobe, stand eine junge Frau und mühte sich mit ihrem schweren, fast bodenlangen Mantel ab. Er schloss die Tür und trat, einem Instinkt folgend, mit schnellem Schritt zu ihr, um ihr in den Mantel zu helfen. Es war so eng, dass er dabei dicht hinter ihr stehen musste. So dicht, dass ihm der herben Duft ihrer langen, goldblonden Locken in die Nase stieg. Dank ihrer hohen Absätze war sie nur einen halben Kopf kleiner als er. Sie nahm ihre Tasche auf und drehte sich mehr zu ihm als zum Eingang um. Der enge schwarze Overall unter dem Mantel brachte ihre gut gepolsterte Figur mehr als ausreichend zur Geltung. Und zu allem Überfluss war sie auch noch verteufelt hübsch. So stand sie dicht bei ihm, dass Meixner beinahe ihren Körper zu fühlen glaubte, als ein bezauberndes aber ebenso überraschtes Lächeln über ihre Lippen flog. Es schien Meixner für den Bruchteil einer Sekunde so, als würde sie ihn erkennen.
"Danke schön."
"Es war mir ein Vergnügen", meinte er mit einem Kopfnicken und erwiderte ihr Lächeln.
Viel zu lange benötigte er, bis er sich endlich von ihrem Anblick losreißen konnte und ihr den Weg zur Tür freigab. Sie schwebte an ihm vorbei und kam gerade bis zum Treppenabsatz. Dann wurde ihm klar, was er diesem Lächeln und seiner Rolle schuldig war und machte einen Schritt ihr nach.
"Entschuldigen Sie die plötzliche und indiskrete Frage, aber haben Sie heute Abend schon etwas vor?"
Sie drehte sich um und sah ihn mit der selben gespielt wirkenden Überraschung in ihren leicht schräg stehenden Augen an wie kurz zuvor. Beinahe klang es schadenfroh als sie flötete: "Heute Abend, da werde ich zu Hause blieben. Allein und gemütlich."
Ohne ihn weiter zu beachten ging sie die Treppe hinunter. Das tat sie aber so gekonnt, dass er trotz des langen und schweren Mantels erkennen musste, welch ein geschmeidiges Wesen sie doch war. Nur zu gut wusste sie, dass man einer Frau wie ihr nicht all zu oft begegnete. Und er stand oben an der Treppe, sah ihr gebannt nach. Doch sie wäre höchst erstaunt gewesen, wenn sie verstanden hätte, dass seine Verwunderung nicht nur ihrer Weiblichkeit zuzuschreiben war. Dieses Bewusstsein des Siegers hatte sich bei ihm blitzartig in Luft aufgelöst. Denn er wurde das drängende Gefühl nicht los, dass sie ihn erkannt hatte und wusste, weswegen er hier war. Machte er sich jetzt schon selbst verrückt? 
Die Tür in das Restaurant war längst wieder zugefallen, als sich seine Verwunderung noch steigerte. War sie doch am Fuß der Treppe noch einmal stehen geblieben, hatte sich umgedreht und ihn angelächelt, diesmal aber ohne jede Schadenfreude, um dann zu verschwinden. Schneller als er reagieren konnte. Er schalt sich einen Narren und schüttelte leise den Kopf, als wollte er sich selbst bestätigen. Woher sollte sie ihn kennen und was konnte sie schon wissen. Seine Nerven waren schlicht überreizt und er begann überall Schwierigkeiten zu sehen, die gar nicht vorhanden waren. Dabei war doch alles sehr viel einfacher. Er hatte seine Rolle gespielt, hatte ein hübsches Mädchen angemacht, weil man das von ihm erwartet hätte, und sie hatte reagiert. Soweit alles in Ordnung. Nur bei einem war er sich nicht sicher - hatte er nun eine Abfuhr erhalten oder nicht?
Aber noch bevor er darüber nachdenken konnte, fiel ihm schnell wieder ein, weswegen er eigentlich hier war, so schob er die allerdings bemerkenswerte junge Dame in seinem Gedächtnis in ein Wartezimmer und betrat zum zweiten Mal das Restaurant. Erstaunt stellte er jetzt fest, was ihm zuvor völlig entgangen war - das Lokal war voll. Und laut. Überall saßen Menschen. Sie aßen, sie tranken. Sie redeten miteinander oder unterhielten sich. Sie warteten auf das große Ereignis ihres Lebens oder nur auf einen Bekannten. Sie stritten oder versöhnten sich gerade wieder. Oder sie ignorierten sich geflissentlich. Je nachdem, wie lange sie schon miteinander lebten. Und sie taten das alles in einem außerordentlichen Geräuschpegel. Wahrscheinlich kam es ihm nur so laut vor, weil ihn die Stille auf den Straßen verwundert hatte. Der Kontrast war auch zu scharf. Servicepersonal in schwarzen Röcken und weißen Blusen huschte dazwischen hin und her. Einer verlangte seine Rechnung. Eine Frau stieß ein Glas um und einen spitzen Schrei aus. Ein kleines Kind begann in hohem Diskant zu heulen, ein anderes rannte einer Kellnerin zwischen die Beine. Die Mutter riss ihr Kind an der Hand zurück, dass es strauchelte, schrie es an und übertönte dabei das heulende. Die grauhaarige Kellnerin lächelte nur, beruhigte die Mutter und eilte weiter zu ihren hektischen Gästen.
Zuerst kam Teppichboden, dann kam Steinboden. Zwar hätte man auch bei vollkommener Stille wahrscheinlich keinen seiner Schritte gehört, aber hier ging er einfach unter. Langsam, während er das vielfältige Bild in sich aufnahm, steuerte er auf die Theke im hinteren Bereich des Raumes zu. Einige Male musste er dabei den Kellnerinnen ausweichen aber eigentlich nahm niemand von ihm Notiz. Endlich legte er seine Hand auf den Sitz eines langbeinigen Hockers und fühlte, wie das Leder seine Handfläche kühlte. Noch in Gedanken, ob er sich denn hinsetzen sollte, ließ er seinen Blick erst einmal durch den Raum schweifen. Dieser war größer als er angenommen hatte. Er sah jetzt von der Theke aus durch Bögen in einen abgetrennten Speisesaal und auch dort waren alle Tische besetzt. Zwischen den Tischen standen immer wieder Behälter mit Pflanzen und unterteilten den Raum. Die wohlige Wärme des Speisesaals schien ihnen zu gefallen, denn sie gediehen prächtig. So ganz anders, als die Bäume draußen in den Straßen.
Aus den großen Fenstern an der Längsseite des Speisesaals hatte man einen wunderbaren Blick nach draußen. Ein idyllisch gelegenes Stück der Stadt. Alte, renovierte Villen, graue Wolken und kahle Bäume, die sich im stummen Wind bewegten. 
Erst als er sich umwandte, bemerkte er das Mädchen hinter der Kaffeemaschine. Sie verhielt sich vollkommen still und starrte so angestrengt die Tasse an, als könnte sie dadurch erreichen, dass das Wasser schneller durch die Maschine floss. Sie war sicher nicht so hübsch wie der blonde Teufel, dem er eben begegnet war. Trotzdem hätte er wohl Mühe aufwenden müssen, wenn er seinen Blick wieder von ihr hätte abwenden wollen. Wohlwollend glitten seinen Augen über ihre Kurven. Und instinktiv strich sie mit der Hand den eng anliegenden Rock an ihrer Hüfte glatt. Meixner sah ganz bewusst nicht weg, denn einerseits. je länger er sie so betrachtete, um so merkbarer begann doch ein leises Kribbeln der Hormone in seiner Blutbahn. Andererseits musste es jedem zufälligen Beobachter eigenartig vorkommen, wenn ein Mann bei dem Hinterteil weggesehen hätte. Und aus bestimmtem Grund versuchte er auch nicht, die hormonelle Aufwallung wie üblich zu unterdrücken, denn noch etwas war ungewöhnlich, machte ihn beinahe wütend - immer wieder drängte sich dieser blonde Teufel in seine Gedanken. Lenkte ihn ab. Etwas, dass er gar nicht gewohnt war. Warum drängte sie sich in seine Gedanken? Warum war dieses ziehende Gefühl der Leere hier so besonders stark? Wo war der Sinn hinter all dem? Warum wünschte er sich jetzt schon wieder weit, weit weg zu sein? Darum hatte er all die Jahre nicht mehr hierher kommen wollen, hier, wo sich alles so anders anfühlte.
Endlich war der Kaffee fertig und sie sah auf. Als ihre Blicke den seinen begegneten versank er für einen kurzen Augenblick in großen, fragenden Augen ohne sagen zu können, welche Farbe sie hatten. Und er versuchte sich zu erinnern, welche Augenfarbe der blonde Teufel hatte.
Ein fernes Rauschen riss ihn aus seinen Überlegungen. Sie hatte scheinbar etwas zu ihm gesagt, aber er hatte nichts verstanden.
Du musst sie fragen, dachte er. Was war nur los mit ihm? Noch keine halbe Stunde wieder hier und schon völlig durch den Wind. Er hätte nicht kommen dürfen, hätte es besser wissen müssen. Da hörte er jemanden sprechen. Er erkannte die Stimme und er kannte das, was sie sagte.
"Mein Name ist Karl Meixner. Ich habe bei Ihnen ein Zimmer bestellt."
Allem Anschein nach war er das gewesen, der das gesagt hatte, denn ihre Augen hielten die seinen noch immer fest. Nun lächelte sie ihn auch noch an und sagte: "Einen Augenblick bitte." Geschäftig huschte sie in eine kleine Abtrennung neben der Theke und begann in Papieren zu kramen. Nach längerem Suchen hatte sie endlich die richtige der dicht beschriebenen Seiten gefunden und studierte sie aufmerksam. Der letzte Tropfen Kaffee war längst durch die Maschine gelaufen und in die Tasse gefallen. Aber niemand beachtete sie. Er war an der Kaffeemaschine vorbei gegangen und stand nun schräg hinter ihr. Aber auch das half nichts! Obwohl er versuchte seine Gedanken auf ihr hübsches Hinterteil zu konzentrieren wichen sie ihm doch immer wieder aus und schweiften in die Ferne. Brachten ihm immer wieder das Bild einer jungen, blonden Frau im schwarzen Overall. Immer wieder meinte er den Duft ihrer goldenen Haare zu riechen. Ebenso, wie er sich immer wieder mit einem Sprung vor den beladenen Kellnerinnen retten musste, die eilig aus der Küche kamen. Er stand direkt vor dem Ausgang und damit jedenfalls strategisch ungünstig, aber er dachte nicht daran zu weichen.
"Sie haben ein Einzelzimmer bei uns bestellt?", fragte sie endlich, halbwegs vergraben in den Papieren.
"Ja", antwortete er. "Für fünf Nächte."
Er lächelte sie an und sie erwiderte dieses Lächeln. Um eine Spur zu lang, wie ihm schien. 
Im nächsten Augenblick waren alle Überlegungen und Gedanken an hübsche Hinterteile und blonde Mädchen in engen Overalls verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Sein Auftrag hatte ihn eingeholt und übernahm vollkommene Aufmerksamkeit. Da war kein Platz mehr für anderes. Was er wirklich und dringend benötigte, wenn er sein Ziel schnell erreichen wollte, war eine gute Informationsquelle. Und nach ihrem Blick war er sich sicher, dass er hier richtig lag.
Sie hatte den Schlüssel schon in den Hand und war gerade im Begriff etwas in den hinteren Raum zu rufen, als er sie ansprach.
"Entschuldigen Sie. Eine Kleinigkeit noch." Er machte eine kleine Pause um sicher zu gehen, dass sie ihm auch genau zuhörte. "Ich suche jemanden und ich bin mir sicher, dass Sie ihn kennen. Ich suche Alexander Heymann."
Er dachte mit jeder nur erdenklichen Reaktion gerechnet zu haben, aber sie belehrte ihn doch noch eines besseren. Verständnislos sah sie ihn an und murmelte dabei zu sich selbst: "Alexander? Heymann?" Sie zog die Brauen zusammen und eine kleine senkrechte Falte erschien dazwischen. Er konnte ihr ansehen, dass sie angestrengt nachdachte. Aber er sah auch, dass sie im Augenblick mit dem Namen nichts anfangen konnte, wenngleich er ihr offensichtlich bekannt vorkam. Automatisch wich sie einer Kollegin aus, die eben mit einem voll beladenem Tablett aus der Küche kam. Als dann die Schwingtüre endlich zur Ruhe gekommen war erhellte sich ihr Gesicht plötzlich.
"Aber natürlich - der Heymann Alex!"
Es war ihr anzumerken, dass sie ehrlich erleichtert war, von ihrem Gedächtnis doch nicht im Stich gelassen worden zu sein. Aber im gleichen Augenblick erinnerte sie sich auch an all das Übrige und ihr Gesicht verfinsterte sich drastisch.
Auch wenn er tatsächlich nichts gewusst hätte, spätestens in diesem Augenblick hätte er zumindest geahnt, dass hier etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Diese unbewusste und ungewollte Vorbereitung war besser als jede fürsorgliche Anteilnahme.
"Ja, waren Sie denn mit ihm verabredet?"
"Nein, ich wollte ihn besuchen, er weiß nichts. Ist mit Alexander etwas nicht in Ordnung?"
Meixner konnte sich immer wieder nur wundern. Dass er andere Leute ganz gut hinters Licht führen konnte, dass wusste er, aber niemals hätte er sich träumen lassen, dass ein so begnadeter Schauspieler in ihm steckte. Hatte er es doch mühelos geschafft seiner Stimme einen herrlich erschrockenen, ahnenden Unterton zu geben. Vielleicht hatte er tatsächlich den Beruf verfehlt. Aber auf keiner Bühne und vor keiner Kamera war es so wichtig, sich glaubhaft verstellen zu können, wie unter Menschen. Das ganze Leben war eben doch nur Theater und uns spielte diese - oder manch andere Rolle.
"Der Alex - Alexander Heymann ist - er ist - tot!"
Beschämt senkte sie die Augen. Er machte einen Schritt zurück und sah sie entgeistert an.
Was war er doch für ein großartiger Schauspieler!
"Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?", fragte er wütend aber doch leise genug um keine Aufmerksamkeit reihum zu erregen. "Oder ist das nur wieder einer von seinen schlechten Scherzen?"
"Ich nehme Sie nicht auf den Arm. Wirklich nicht! Er ist umgebracht worden! Sie haben ihn erschossen! Vor ein paar Tagen erst!"
Sie sah hilfesuchend zu ihm auf und hoffte, dass er glauben würde, ohne im Geringsten zu ahnen, dass er ja bereits wusste. Er hatte also recht behalten. Sie hatte Heymann gekannt. Und wenn er nach ihrem Tonfall urteilte, sogar ziemlich gut. Und da war noch mehr.
“Sie haben ihn erschossen?”, wiederholte er ihre Worte. “Wer – sie?”
Karl Meixner konnte sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen und starrte sie nachdrücklich an. So hoffte er. Doch sie starrte überrascht zurück, zuckte dann nur mit den schmalen Schultern und murmelte etwas von 'weiß nicht' und 'sie halt'. Endlich sah sie wieder auf und ihm ehrlich in die Augen. Also glaubte er ihr, holte tief Luft und meinte mit dumpfer, resignierter Stimme: "Würden Sie mir bitte mein Zimmer zeigen?"
So hektisch wandte sie sich um, dass es fast schon nach Flucht aussah und rief etwas nach hinten worauf eine weitere junge Frau zum Vorschein kam, den Schlüssel entgegen nahm und ihm einen kurzen aber vielsagenden Blick zuwarf. Dieser eine Blick verriet offen, wenn schon nicht alles, aber doch vieles über sie. Einerseits war nur all zu deutlich zu erkennen, dass er nicht ihr Typ war und dass sie sich durch die zusätzliche Tätigkeit wirklich und wahrhaftig gestört, ja sogar ein wenig beleidigt fühlte. Andererseits offenbarte er, dass sie eine lange Nacht ohne viel Schlaf hinter sich hatte. Offensichtlich hatte sie kein Auge zugemacht und kämpfte gerade jetzt gegen diesen Wunsch an. Aber er war erst Mal froh, als er endlich aus dem Gastzimmer hinaus kam und seine Tasche holen konnte. Die stand unberührt neben dem Treppenabsatz. Hier kam nichts weg, das wusste er. Dann folgte er ihr die Treppe in den ersten Stock hinauf. Dabei trug er seine Tasche selbst, ließ sich Zeit und legte sogar ab und zu eine Pause ein, denn selbst beim besten Willen konnte er sich nicht so langsam bewegen, wie sie es tat. Während er so hinter ihr her schlich, erinnerte er sich daran, dass er auch noch in das andere Hotel musste um die Zimmer für seine drei sogenannten Freunde zu belegen. Dazu hatte er ein Haus auf der anderen Straßenseite ausgewählt. Es lag etwas weiter oben, aber nicht allzu weit entfernt. Der einzige Grund für die Trennung war der gewesen, dass er hier keine Zimmer mehr bekommen hatte. Aber wahrscheinlich war es ganz gut, wenn sie nicht jeden seiner Schritte verfolgen konnten.
Helfer benötigte er eigentlich nicht wirklich bei dem, was ihm vorschwebte, denn er hatte da, neben einem sorgfältig ausgeklügelten Plan, so seine eigenen Vorstellungen von dem Schuldigen. Nach all dem Hintergrund und den zusätzliche Informationen, die ihm der Oberst hatte zukommen lassen.jce Er war sich im Klaren darüber, dass es weit mehr Menschen gegeben hatte als nur ein paar kleine Dealer und ein paar gehörnte Ehemänner denen Heymanns Tod gelegen gekommen wäre - und jetzt auch ist, verbesserte er sich in Gedanken. Auch diese drei waren, wie er selbst, Bekannte von Heymann gewesen. Trotzdem - oder gerade deswegen - hätte jeder von ihnen einen einigermaßen guten Grund um Heymann zu töten. Eigentlich waren es keine wirklichen Gründe. Vielleicht gute, gut genug - aber gab es denn überhaupt so etwas wie einen wirklich guten Grund um einen Menschen zu töten?
Meixner war verblüfft über diesen Gedanken. Diesen für ihn ungewöhnlichen Gedanken.
Leise schlug die große Plastiktasche gegen das braune Leder der Reisetasche. Eine Stufe knarrte unter seinem Gewicht.
Warum war er nur hierher zurück gekommen? Es würde nicht leicht werden. Genau genommen war es sogar unmöglich, aus einem so reichhaltigen Angebot an möglichen Mördern den passenden Täter zu finden. Aber Meixner wusste was er zu tun hatte. Allmählich sickerten die Worte des Mädchens in seine Überlegungen und er fand sie nicht uninteressant. 'Sie' hätten Heymann erschossen, hatte sie gemeint. Gab es vielleicht das Gerücht von mehreren Tätern? Meixner verwarf diese Möglichkeit als höchst unwahrscheinliche Erklärung. Sehr viel eher hatte sie gemeint, dass es eine Gruppe gab, die Heymanns Tod beschlossen hatte. Ausführenden Schützen gab es nur einen. Beinahe wäre ein Lächeln über sein Gesicht gehuscht, als er die Intuition der Menschen, die so wenig von der Wahrheit kannten, wieder einmal bewunderte.
Aber kannte er selbst die Wahrheit denn so viel besser?
Das Zimmer war nicht sehr groß, aber es war angenehm und sauber. Er stellte die Reisetasche auf das Bett und drückte dem Mädchen ein ordentliches Trinkgeld in die Hand. Was sie nicht besonders bemerkte. Sie verschwand so still und elfengleich, dass er ohne Mühe jeden ihrer Schritte die Treppe hinunter verfolgen konnte. Als er nichts mehr hörte, öffnete er die Balkontür und trat ins Freie. Vor ihm lag der Teil der kleinen Stadt, den er schon vom Speisesaal aus gesehen hatte, aber verwundert über das flaue Gefühl in seinem Magen sah er nach unten. Er befand sich doch nur im ersten Stock aber mehr als zwanzig Meter unter ihm schlängelte sich ein kleiner Bach an gestutzten, kahlen Bäumen vorbei. Im Sommer führte dort wohl ein schattiger Weg mit kleinen Bänken. Ein niedlicher, kleiner Park, aber jetzt lag er kahl, kalt und verlassen da. Wenn das Wetter nicht ganz so ungemütlich war, dann musste es wohl hübsch sein, dort unten zu schlendern. Seinen Gedanken nachzuhängen und dem kleinen Bach zuzusehen. Doch das kam nicht in Frage. Meixner hatte es sich schon vor einiger Zeit abgewöhnt, über manche Dinge mehr nachzudenken, als es seine Arbeit erforderte. Obgleich es in der letzten Zeit immer schwieriger geworden war, manche Gedanken nicht zu denken. 
Und dann hatte er gerade rechtzeitig seinen Urlaub abgebrochen um diesen einen, diesen letzten Auftrag zu bekommen. Er wollte ihn nicht, und doch war ihm klar, dass er ziemlich ungehalten gewesen wäre, wenn ein anderer ihn ausgeführt hätte. Und jetzt stand er hier. In dieser alten, kleinen Stadt, die er doch nie wieder sehen wollte.
Fröstelnd zog er die Schultern hoch ohne den kalten Wind wirklich zu fühlen.
Dass der Weg so tief unter ihm lag verwunderte ihn ein wenig. Der Wind zerrte an seiner Jacke, als er sich weiter hinaus lehnte um die Mauer genauer untersuchen zu können. Sie war aus riesigen, groben Natursteinen aufgesetzt. Mit solchen Steinen arbeitete seit geraumer Zeit niemand mehr. Keine ländliche Genossenschaft lieferte sie und jeder gewerkschaftlich organisierte Bauarbeiter würde zum Streik aufrufen, müsste er mit so etwas arbeiten. Während er den Wall nachdenklich betrachtete, fielen ihm die alten Geschichten wieder ein. Irgendwann hatte sie versucht ihm beizubringen, dass die kleine Stadt schon lange das Stadtrecht besaß und dass noch einer guter Teil der alten Stadtmauern erhalten war. Der Gasthof war offensichtlich auf einem Teil der noch erhaltenen Stadtmauer gebaut worden. Und der kleine Bach unter ihm war sicher einmal der Burggraben gewesen. Nein, verbesserte er sich. Es müsste eigentlich Stadtgraben heißen.
Er vernahm einen hustenden Laut und sah auf. Am Hügel, ihm gegenüber, keuchte ein altersschwacher Volkswagen-Käfer eine steile Straße hinauf. Rechts und links neben der Straße lagen Villen, die ebenso alt wie vornehm auf ihn wirkten. Etwas abseits, versteckt hinter dürren Bäumen, duckte sich ein unpassenderes Gebäude. Eine jener modernen Offenbarungen aus Glas und Beton mit der Leichtigkeit eines umgefallenen Nilpferdes. Aber es war ein Leichtes den Eindruck zu gewinnen, dass sich dieses zeitgeistige Baukunstwerk verschämt hinter den Bäumen zu verkriechen suchte. Auf Meixners Seite des Parks floss der kleine Bach, auf der anderen ein nicht all zu großer Fluss. Und, wiederum auf der anderen Seite des Flusses, lag leer und verlassen ein Parkplatz bevor der Hügel mit den Villen anstieg.
Immer schärfer schien der Wind zu blasen und an ihm zu zerren. Er hatte genug gesehen. Fürs Erste kannte er sich aus und für alle Fälle hatte er sich noch einen Plan besorgt, falls ihn seine Vorbereitung und seine Erinnerung im Stich ließ. Er trat zurück ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Die Jacke behielt er an. Es war nun auch im Zimmer einigermaßen kühl.
Bevor er daran ging seine Sachen auszupacken, stellte er die beiden Aschenbecher in die Lade des Tisches. Er zog den Reißverschluss auf, drückte die Tasche auseinander, aber griff dann zuerst doch nach dem Plastiksack, der dagegen lag. Der bunte, wagenradgroße Sombrero war wie erwartet für den Schrank zu riesig. Also musste er ihn obenauf legen. In der Reisetasche selbst befand sich nicht viel. Den meisten Platz nahm ohnehin sein Kostüm ein. 
Und andere wichtige Gegenstände ohne die er niemals verreiste.
Er prüfte das Schloss am Tisch und fand, dass es für seine Zwecke stabil genug war. Zwar würde es einem bewussten Öffnungsversuch nicht widerstehen, aber damit war vorerst auch nicht zu rechnen. Den alten Colt Revolver und die Schachtel mit der Munition holte er aus der Tasche und legte sie in die Lade. Sein Kostüm verstaute er im Kasten.
Dann kam noch die Wäsche und ein paar der alltäglichen Sachen aus der Tasche, er verstaute die Tasche selbst. Endlich zog er auch die Jacke aus und ging ins Bad um die Staubschicht der Reise unter der Dusche zu lassen.
Bevor er sich wieder anzog, streckte er sich auf dem Bett aus und starrte an die Decke. Nun hatte er zu guter Letzt also doch noch einen kleinen Fehler in seinem Plan entdeckt. Zwar nur einen kleinen, aber wenn er nicht Acht gab, dann konnte der ihm durchaus zum Verhängnis werden.
"Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass du so ein sentimentaler Idiot bist!" sagte er laut in den Raum.

Das Zimmer war kahl. Offiziell war das auch ein Lagerraum. Dekoration hatte hier nichts zu suchen und es erwartete sie auch niemand. Nur der kalte Rauch der verglühten Zigaretten erfüllte den Raum. Über dem alten Tisch hing eine nackte Glühbirne an ihrem Draht von der Decke. Durch das offene Fenster drang kein Ton aus der schwülen Nacht zu ihnen herein. Aber scheinbar auch kein Gramm des blauen Dunstes auf den stillen Hinterhof hinaus.
Schweigend saßen vier Männer um den Tisch.
Sie spielten Karten.
Karl Meixner erging es dabei ebenso wie dem Mann ihm gegenüber. Sein Spiel war vorsichtig, so hielten sich seine Verluste in Grenzen. Wesentlich schlechter erging es da dem Jungen rechts von ihm. Aber obwohl er schon ziemlich viel verloren hatte gab er sich doch noch nicht geschlagen. Gab er sich nicht geschlagen dem vierten Mann am Tisch, der als einziger gewann - Alexander Heymann.
Der Mann, dem Meixner ins verschwitzte Gesicht sah, warf seine Karten auf den Tisch und meinte, dass dies für ihn kein guter Tag sein und das er es lieber ein anderes Mal versuche. Und er verließ den Raum ebenso leise und unauffällig wie er gespielt hatte.
Zu dritt spielten sie noch eine kleine Weile bis dann auch der Junge mit den zu langen, schwarzen Haaren so ziemlich alles an Geld und Nerven verloren hatte. Oder besser gesagt, er hatte alles Geld verloren. Nur ein paar seiner Nerven hatte er noch, denn bevor er ging schlug er Heymann ein Geschäft vor. Eine Weile druckste er herum, bis er endlich damit heraus rückte, dass er nun überhaupt kein Geld mehr hätte, dass er ihm aber für das, was da auf dem Tisch lag, etwas verkaufen wollte. Nachdem sich Heymann nicht uninteressiert gezeigt hatte, zog er ein goldenes Kreuz unter seinem Hemd hervor, nahm es ab um es den Tisch zu legen und wartete ab.
Alexander Heymann nahm das Kreuz in die Hand und betrachtete es. Betrachtete es lange und ausführlich und mit zusammengezogenen Brauen. Es war etwa vierzehn Zentimeter hoch und fast ebenso breit. Und aus fein ziseliertem, offenbar reinem Gold, so wie Heymann es in der Hand wog. Langsam und immer wieder drehte er es hin und her, betrachtete es und legte es mit einem Seufzer auf den Tisch zurück.
"Eigentlich sollte ich jetzt sagen, dass das Geschäft in Ordnung geht. Aber ich sage es nicht. Weißt du auch warum?" fragte er den Mann dessen dunkel glühenden Augen ihn nicht losließen.
"Ich nicht wissen.", radebrechte der Ungar und fixierte Heymann noch fester als wollte er ihn durchbohren.
"Ach, red' doch nicht!" wehrte Heymann mit einer ungeduldigen Handbewegung ab und fasste nun seinerseits den dunkelhäutigen Mann schärfer ins Auge. "Du weißt so gut wie ich, dass allein das Gold mehr als dreimal soviel wert ist, wie hier auf dem Tisch liegt. Und von einem Sammler bekommst du noch weit mehr als das! Ich hätte nicht genug Geld um es zu bezahlen, selbst wenn ich es haben wollte. Aber ich will es gar nicht - ich kann es nicht nehmen."
Er wollte aufstehen, aber der Ungar hielt ihn zurück.
"Du warten!" platzte er aufgeregt heraus. "Dieses Stück ist keine heiße Ware, falls du meinst. Hab' ich bekommen von Großvater als ich habe fünfzehnten Geburtstag. Großvater Jabir wissen viel von geheimen Dingen. Er sagt, Kreuz mich beschützen, wenn mir jemand böse ist. Ist sich gefahren Großvater noch bis zu seinem Tod mit Planwagen. War sich noch echter Zigeuner. Aber mein Vater sagen, ich lernen müssen, damit ich im Leben besser haben als er und Großvater Jabir. Jetzt hab' ich gelernt und hab' auch nichts - nicht mal Wagen wie Großvater. Nur Leute mich böse ansehen und vor mir ausspucken. Besser fahren mit Wagen, wo keine Leute, als stehen auf dreck Baustelle. Aber Großvater noch etwas sagen über Kreuz. Er sagen, es niemals gehen weg von mir, wenn nicht selber wollen. Kreuz wird nur getragen von Menschen, die würdig sind tragen. Wer nicht würdig, wer Kreuz gestohlen oder kein guter Mensch, den vernichtet Kreuz. Bringt in Gefängnis oder in Grab. Du musst guter Mensch sein, sonst Du nicht hättest so viel gewonnen."
Vor Erregung war er aufgesprungen und stand nun stumm da um das glühende Stück Metall anzustarren. Meixner war sich nicht mehr sicher, ob er zu ihnen gesprochen hatte. Viel eher sah es so aus, als hätte er die letzten Worte direkt an das Kreuz gerichtet. Der Ungar überlegte einen kurzen Augenblick. Dann atmete er tief durch, kniff die Lippen zusammen und begann, ohne die beiden anderen Männer zu beachten, das Geld auf dem Tisch in seine Taschen zu stecken. Heymann rührte sich nicht und Meixner folgte seinem Beispiel. Als der Junge den Raum wortlos verlassen hatte und die Tür hinter sich schloss, begann die nackte Glühbirne im Luftzug leise zu schwanken. Die Schatten an den Wänden, zuvor starr und tot, tanzten mit einem Mal wie Kobolde einer längst vergessenen Zeit. Und selbst das Kreuz, im schwankenden Licht, sah aus, als wäre es mit Leben erfüllt. Aber es lag nichts Erschreckendes darin. Vielmehr kam es Meixner so vor, als hätte er es schon irgendwo einmal gesehen. Alexander Heymann saß noch immer unbeweglich da und fixierte das Schmuckstück. Dann stand er langsam auf und begann seine Jacke auszuziehen. Erst als Meixner ihn ansprach und wissen wollte, was denn, außer dem Goldwert, eigentlich noch so besonderes an dem Kreuz sei, schien er aus seinen Gedanken zu erwachen. Meixner hatte sehr wohl bemerkt, dass es seinem Freund nicht wirklich darum ging, dass dieses Kreuz mehr wert war, als er an Geld bei sich hatte oder überhaupt besaß. Das hätte ihm unter anderen Umständen herzlich wenig ausgemacht. Nein, da musste noch etwas anderes sein, das ihn davon abhielt, ein so gutes Geschäft zu machen. Und Meixner kannte seinen Freund gut genug, auch wenn er lange auf ihn einreden musste, bis der endlich nachgab und sich zu einer Erklärung aufraffte.
"Ich bin keiner von den Guten", begann er versponnen. "Mich bringt es ins Grab."
Doch als Heymann sah, dass diese versunkenen Worte Meixner nur noch mehr verwirrten, riss er sich mit Gewalt aus seinen Träumen los und begann genauer zu werden.
"Sieh dir das Ding doch mal an. Dieses Stück Gold gibt sein Geheimnis nicht auf den ersten Blick preis. Und selbst auf den zweiten Blick sieht es gerade mal so aus, es vereinige es zwei Kulturen. Oder auch mehr."
Heymann nahm den funkelnden Gegenstand in die hohle Hand und trug ihn zum Fenster, als wolle er ihn, mitten in der Nacht, im Tageslicht betrachten. Tatsächlich war es aber so, dass hinter dem samtig schwarzen Hintergrund der Nacht sich der Gegenstand deutlicher abzeichnete.
"Viele Menschen meinen, das Kreuz an sich wäre das Symbol des Christentums. Dem war aber nicht immer so. Denn das römische Kreuz, an dem Verbrecher hingerichtet wurden war vielmehr ein T. Die ersten Christen hatten als ihr Symbol außerdem den stilisierten Fisch gewählt. Das Kreuz setzte sich erst durch, als die christliche Kirche begann sich in Europa festzusetzen. Und das nicht ohne Grund. Zu dieser Zeit praktizierten die Europäer viele und sehr unterschiedliche Religionen, die aber alle aus der Kultur der Kelten stammten oder davon beeinflusst waren. Ganz oben stand bei denen Lugh, der Gott des Lichtes, und wenn das Licht der ersten Sonne sich in den Tautropfen spiegelt, dann ...?"
"Dann sieht es aus wie ein Stern. Oder wie ein Kreuz!"
"Das keltische Kreuz ist das Symbol des Lichtgottes, des Lichtbringers, der übrigens zu Wintersonnenwende geboren wird. Aber es unterscheidet sich vom christlichen Kreuz ziemlich deutlich. Während das christliche nämlich aus zwei ungleich langen Balken besteht, von denen der unterste – angeblich – in den Boden gerammt wurde ..."
"... besteht das keltische aus zwei gleich langen, die sich in einem Ring kreuzen." unterbrach ihn Meixner. Überrascht wandte sich Heymann vom Objekt ihrer Begierde ab und seinem Freund zu.
"Seit wann beschäftigst du dich mit Geschichte?" fragte er erstaunt, aber Meixner winkte nur ab.
"Überhaupt nicht", gestand er grinsend. "Aber ein klein wenig aus der Schule ist doch auch bei mir hängen geblieben. Völlig unabsichtlich – ehrlich. Also, ich kenne das christliche Kreuz und ich erkenne den Unterschied zu dem Ding, dass du in der Hand hältst. Und du meinst jetzt, dass es überraschend ist, dass ein keltisches Kreuz von Zigeunern als Familienerbstück überliefert wird."
Heymann lachte auf und schüttelte den Kopf.
"Deine Beobachtungsgabe ist ganz gut, aber du musst lernen alle Fakten zu beachten, so unwesentlich sie dir auch erscheinen mögen. Mich irritiert nämlich etwas ganz anderes. Abgesehen, dass hier der Ring außen rum fehlt. Keltische Kreuze sind fast immer mit Ornamenten verziert. Haben wir hier auch. Keltische Ornamente sind aber meist einfache, gleich dicke Linien, die allerdings äußerst kunstvoll ineinander verschlungen sind.  Diese Figuren – so blöd das auch klingt – sehen für mich eher aus wie Elefanten. Und das Relief, dessen Zeichen und Figuren ebenfalls äußerst kunstvoll gearbeitet sind, wurde nicht nachträglich hinzu gefügt, vielmehr stammt es aus einer Zeit, die Jahrhunderte vor der Geburt Christi liegen muss. Auch an der Rückseite waren da Bilder eingeritzt. Du kannst noch etwas davon dort erkennen, dort, wo jetzt die Kette befestigt ist. Aber bereits so viele Menschen haben dieses Kreuz oder was immer es ist getragen, dass das Relief auf der Rückseite nicht einmal mehr geahnt werden kann. Wahrscheinlich hatte dieses Ding mehr Besitzer als wir zusammen Leute kennen."
Meixner verzog ungläubig das Gesicht. Er kannte sehr viele Leute und Heymann noch wesentlich mehr. Aber er zog die Worte seines Freundes fürs Erste nicht in Zweifel.
Heymann lachte bitter auf und warf das Kreuz wieder auf den Tisch. "Die Geschichte der Zigeuner erinnert ein wenig an die Geschichte des Schusters Wilhelm Vogt, der keine Arbeit bekommt, weil er keinen Wohnsitz hat, und keinen Wohnsitz, weil er keine Arbeit hat. Bei den Zigeunern dauert das nun schon so lange, dass ihre Geschichte in der Vergangenheit verschwunden ist. So wie dir heute niemand mehr wird erklären können, was dieses Ding ist und wozu es gemacht wurde. Wie dem auch sei," brummte er und unterbrach sich selbst um nach seinem Sakko zu greifen, "ich will dieses Ding jedenfalls nicht haben."
Er wollte das Sakko eben anziehen, als sein Blick noch einmal auf den Gegenstand fiel, der da funkelnd auf dem leeren Tisch lag. Karl Meixner kannte seinen Freund inzwischen gut genug, um das langsame Erstarren seiner Bewegungen und die verengten Augen deuten zu können. Alexander Heymann hatte eine Idee, vielleicht eine Eingebung. Etwas war durch seinen Kopf geschossen und wurde jetzt, in Gedankenschnelle, auf seine Möglichkeiten überprüft.
"Ein keltischer Stern, der für ein christliches Kreuz gehalten wird, mit indischen Symbolen. Könnten die Skythen …", murmelte er vor sich hin während er mit einem Arm in seiner Jacke herum stand. "Gefertigt sieben, vielleicht auch mehr Jahrhunderte vor der Geburt Christi. Gefertigt, als die Arier ihre Heimat verließen. Gefertigt, bevor der Gautama begann, seine Lehre zu verbreiten und bevor das Reich der Kelten fast ganz Europa umfasste. Sie waren Indogermanen, kann es möglich sein ..."
Heymann verharrte für einen langen Augenblick in seinen Gedanken und seiner unbequemen Haltung. Dann schüttelte er sich plötzlich um die Gedanken wie lästige Insekten zu vertreiben und zog sich das Sakko über.
"Was es auch immer sein mag", murrte er, "und vielleicht ist es auch wirklich nichts weiter als ein unsinniger Aberglaube, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass der Junge mit diesem Ding nicht übertrieben hat. Ich bin keiner von den Guten, also wird es mir auch kein Glück bringen. Nimm es Dir, wenn du es willst!"
Den letzten Satz sprach er schon unter der Tür und war verschwunden. Und wieder schwang die Glühbirne an ihrem Draht von der Decke gemächlich hin und her. Und wieder tanzten die Schatten an den Wänden. Und wieder erwachte der Glanz auf dem Kreuz zu seltsam warmem Leben. Aber wiederum konnte Meixner nichts entdecken, dass ihn beunruhigt hätte. Nichts konnte er fühlen von einem Fluch oder einem Zauber, ganz im Gegenteil empfand er Frieden und Vertrauen, wenn er das Funkeln betrachtete. Für ihn war es nur ein schönes, goldenes Schmuckstück. Und es war ihm herzlich egal, ob es nun fast dreitausend Jahre alt war oder nicht. Natürlich war ihm schon früher immer wieder aufgefallen, dass Heymann nicht nur in Bezug auf Spielkarten wesentlich feinfühliger war, als er selbst es jemals sein würde, und trotzdem empfand er kein warnendes Gefühl wie sein Freund. Kurz schoss ihm durch den Kopf, dass dieses Stück vielleicht sogar so etwas wie eine magische Anziehungskraft auf ihn ausübte. Aber Magie oder nicht, das alles war kein Grund um dieses wertvolle Stück hier liegen zu lassen. Er steckte es also in seine Jackentasche und lachte trocken über seinen Aberglaubens, weil er es anscheinend doch nicht wagte, die Kette umzulegen. Aber das lag wohl eher daran, dass er noch nie Schmuck getragen hatte. Die Sessel stellte er an den Tisch, er löschte das Licht und schloss die Tür hinter sich ab. So entging es ihm, dass da noch immer Schatten waren, die in der Dunkelheit an den Wänden tanzten.
Heymann redete nie wieder davon und Meixner dachte nicht weiter darüber nach. Viele Wochen später, als er nach einem Geburtstagsgeschenk für Heymann suchte, fiel ihm das Kreuz wieder in die Hände. Und dieses Mal hatte sein Freund keinerlei Bedenken es zu nehmen. Vieles sollte sich in den darauf folgenden Jahren ändern. Allerdings nicht Alexander Heymann, und auch nicht Heymanns Glück. Es schien so, als wäre seine Ahnung, das Kreuz würde seinen Tod bedeuten, eben nicht mehr als ein dummer Aberglaube gewesen.

Meixner betrat das Gastzimmer und im ersten Augenblick wirkte es kalt und fremd, dabei war es nur leer. Bis auf einen einsamen Gast, der gleich links neben der Theke an einem Tisch saß und der Kellnerin, die bei seiner Ankunft so angelegentlich Kaffee gebrüht hatte.
Er beachtete beide nicht sondern ging an der Garderobe vorbei in den Speisesaal. Ging durch den ganzen Raum bis er an einen kleinen Tisch kam, von dem aus er gleichermaßen aus dem Fenster, an die Bar und zur Tür sehen konnte. Und er bemerkte sehr wohl, auch wenn er es nicht sah, dass zwei Augenpaare seinem Weg folgten, dass sie jede seiner Bewegungen aufmerksam beobachteten.
Während er wartete, dass die Kellnerin zu ihm kam, musste er wieder an den blonden Teufel denken, an Heymann und den Oberst und sie schreckte ihn mit ihrer Frage aus seinen Gedanken auf. Er bestellte ein kleines Bier und sah ihr zu, wie sie mit leichten Bewegungen wieder verschwand. Genau konnte nicht erkennen, was sie dort hinter der Bar tat, da die Trennwand sie verdeckte, aber er sah den Rücken des Mann an dem ovalen Tisch daneben. Der sah hinter die Bar, warf einen verstohlenen Blick über die Schulter in Meixners Richtung und dann wieder, nicht sehr erstaunt, hinter die Theke. Meixner konnte ohne Mühe das aufkeimende Lächeln unterdrücken. Das war nun wirklich nicht schwer zu erraten. Auch wenn ihm ein Gefühl in seinem Bauch sagte, dass etwas an dem Mann nicht stimmte. Sie kam mit seinem Bier und er bezahlte sofort. Er erinnerte er sich, dass die kleine Stadt ihr eigenes Bier braute und dass es ihm schmeckte. Scheu verzog sich das Mädchen wieder. Er musste wohl wirklich so verbissen aussehen, wie ein Mann eben aussieht, der gerade erst erfahren hat, dass sein bester Freund ermordet worden ist. Jedenfalls gab er sich alle Mühe.
Der Mann am anderen Tisch war aufgestanden und kam mit dem Glas in der Hand auf ihn zu. Aus der Nähe wirkte er gar nicht mehr so jung. Es war schwer ihn einzuschätzen und nicht nur aus diesem Grund machte sich bei Meixner von tief innen das Gefühl einer aufkeimenden Gefahr breit. Jetzt, da er den Mann bei Licht und von vorne sah, und er erkennen musste, dass sie sich ein paar Tage zuvor schon einmal begegnet waren. Der Mann, der mit dem Glas in der Hand vor seinem Tisch stand, war der selbe Mann, auf den ihn der Oberst im Café Bräunerhof aufmerksam gemacht hatte. Das konnte natürlich auch ein Zufall sein, aber Meixner glaubte nicht an Zufälle dieser Art. Und er wusste jetzt mit absoluter Sicherheit, dass er diesen Mann kennen musste.
"Entschuldigen Sie, Sie sind Karl Meixner?"
Er war etwa so groß wie Meixner selbst, keineswegs so kräftig gebaut aber von einer Virilität die Vorsicht gebot. Und er dehnte seine Worte, sprach sie so bedächtig aus, wie es die Angewohnheit von Menschen ist, die sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen lassen.
Meixner nickte und deutete dem anderen sich zu setzen. Das tat der auch, aber er sagte nichts weiter. Er saß einfach nur da und betrachtete den großen, braungebrannten Mann vor sich. Betrachtete ihn mit einer Ruhe und Selbstverständlichkeit, mit der man eine Skulptur in einer Ausstellung betrachtet, bei der man nicht dahinter kommen kann, was sie eigentlich darstellen sollte. Dieser Umstand schürte Meixners Misstrauen noch mehr. Wohl auch, weil er unter dem ruhigen, bestimmten Blick des anderen das Gefühl hatte, sich in eines jener Schlangeneier zu verwandeln, deren schützende Schicht zäh ist aber so dünn, dass man hindurch sehen kann. Hindurch, bis auf das Reptil im tiefsten Inneren.
"Wie ist das so", wollte der Mann dann endlich wissen, "wenn man nach ziemlich langer Zeit wieder in eine Stadt kommt, in der man als Kind Jahre gelebt hat?"
"In der Erinnerung gibt es eine Stadt, aber die hat mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun. Ich erkennt hier so gut wie nichts mehr wieder. Ich glaube, ich erkennt nicht einmal die Menschen, die ich kennen sollte."
Der andere lachte.
"Mein Name ist Pensant. Christoff Pensant. Ich war in der Schule zwei Klassen über Ihnen. Ich glaube nicht, dass Sie sich an mich erinnern werden."
"Christoff nicht mit 'ph' sondern mit einem Doppel-F!" überlegte Meixner und kaute, entgegen seiner Gewohnheit, an seiner Unterlippe.
"Also scheint der Alkoholkonsum unseres Standesbeamten doch auch einige guten Seiten zu haben."
Jetzt lachten sie beide und Meixner fühlte, wie das Eis zwischen ihnen brach. Doch dann meinte dieser Pensant: "Aber bevor ich mich brüste - wenn die Kellnerin mir nicht gesagt hätte wer Sie sind, ich hätte Sie sicherlich nicht erkannt."
Das leise brechende Eis erstarrte mit einem Schlag wieder klirrend und Meixner war einen kurzen Augenblick versucht den anderen darauf hinzuweisen, dass er in dem Wiener Kaffeehaus offensichtlich auch ganz ohne Kellnerin gewusst hatte, mit wem er es zu tun hatte. Es war eine so offensichtliche Lüge und als Lüge war sie außergewöhnlich dumm und plump. Es sei denn, schoss es ihm durch den Kopf, Pensant wollte ihm auf diese Weise mitteilen, dass es für sie beide besser war, wenn ihre stumme Begegnung im Café Bräunerhof niemals stattgefunden hatte. Nun, Meixner war es nur recht, wenn ihn niemand mit dem Oberst in Verbindung brachte. Aber welchen Grund hatte dieser Pensant? Kannte er den Oberst überhaupt?
"Sie kannten Alexander Heymann?" fragte Pensant und wechselte das Thema präzise in dem Augenblick, als Meixner langsam zu verstehen begann. "Die Kellnerin hat mir erzählt, dass Sie über die Nachricht von seinem - seinem Ableben einigermaßen erstaunt waren."
Meixner entschloss sie von dem Spielchen seines Gegenübers vorsichtige Notiz zu nehmen.
"Ja, ich habe ihn gekannt", bestätigte er. "Ich bin heute hier angekommen, aber ich habe mich nicht bei ihm gemeldet - ich wollte ihn überraschen. Er war für mich wie ein Bruder!"
Die Worte kamen nur stockend und wie unzusammenhängend aus seinem Mund. Es klang wirklich so, als säße ihm der Schock noch in den Knochen. Doch zu seinem eigenen Erstaunen musste er bemerken, dass er gar nicht mehr spielte. Inzwischen war ihm wirklich so zumute.
"Nun, die Überraschung haben jetzt wohl Sie abgekommen. Im Übrigen war er ein Bruder für die meisten, die ihn kannten. - Und doch war da einer aus ihrer Mitte, und dessen Name ward Kain."
Die spöttische Anpassung dieser Worte an die schwülstige Sprache der Bibel und der zynische Tonfall rissen Meixner wieder aus seiner Lethargie. Er war sich sicher, dass dies genau der Mann war, der auf alle seine Fragen Antwort geben konnte. Und er überlegte auch nicht lange, dass es vielleicht doch ein zu großer Zufall war, dass dieser Mann so schnell und so unvermittelt aus dem Nichts auftauchte. Und das es genau jener Mann war, den ihm der Oberst so zufällig gezeigt hatte.
Meixner beugte sich nur vor und fragte leise: "Wie ist es geschehen?"
"Wie? Das kann ich Ihnen schon sagen, aber fragen Sie mich bitte nicht nach dem Warum. Oder vielleicht gar danach, wer es getan hat. Ich weiß es nicht! Niemand weiß es. Aber wenn Sie nur wissen wollen, wie es geschehen ist, das ist schnell erzählt." Er trank einen Schluck und holte tief Luft. "Es war vor zwei Wochen in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag. Wir haben bei einem Bekannten dessen Geburtstag gefeiert. Und es war schon ziemlich spät, als Alexander aufbrach um nach Hause zu gehen. Durch die Stadt ging er da immer einen besonderen Weg nach Hause. Es gibt etwas weiter oben am Hügel einen Abgang vom Hügel nach unten zum Fluss. Diese Stiege führt durch ein Waldstück und ist ziemlich schlecht beleuchtet. Natürlich gibt es einige Lampen und Verbrechen kommen in dieser kleinen Stadt eigentlich niemals vor, trotzdem geht dort später in der Nacht so gut wie niemand mehr. Außer Alexander. Auch ist der Weg nicht gerade in einem guten Zustand, die Stufen sind ausgetreten, das Geländer wackelig, es gibt wie gesagt kaum Licht aber dafür zwei Abzweigungen die direkt in den Wald führen und völlig im Dunkeln liegen."
"Nicht gerade ein bevorzugter Aufenthaltsort für kleine Mädchen", unterbrach in Meixner. "Führt die Stiege zu dem Weg, der da unten am Bach entlang geht?"
"Ja. Eine kleine Brücke führt über diesen Bach. Dann kommt ein Kinderspielplatz und eine größere Brücke über den Fluss zum Freibad. Aber so weit kam er nicht mehr. Alexander Heymann wurde gleich nach der ersten Kurve, unter einer Laterne, erschossen. Wahrscheinlich von einem der Waldwege aus. Die Stelle könnte genau so gut ein Schießstand sein. Niemand hat den Schuss gehört, niemand hat etwas gesehen. Was aber auch niemanden wirklich verwundert. Um diese Zeit kommt keine Menschenseele dort vorbei, der Schuss wird durch die Bäume gedämpft und direkte Nachbarn gibt es nicht, obwohl der Ort eigentlich mitten in der Stadt liegt. Die Waffe hat man übrigens noch nicht gefunden. Falls es für Sie von Interesse ist, der Polizeiarzt meinte, es könnte ein Kaliber 38 gewesen sein. Möglicherweise ein Colt, genau weiß ich das nicht."
Meixners Augenbrauen zogen sich zusammen, er atmete kräftig ein und versuchte überrascht auszusehen.
"Ein 38iger Colt? Und er wurde nicht gefunden? Eine nicht unbedingt sehr häufige Waffe heutzutage. Es dürft doch nicht schwer sein, jemanden zu finden, der so eine Waffe besitzt. Für einen Profi wäre es höchst dumm eine so ausgefallene Waffe zu benützen, wo heute schon Kinder mit halbautomatischen 44iger Magnum spielen."
Der Gedanke hier anzusetzen war ihm schon gekommen, als er die Unterlagen der Polizei studiert hatte. Nicht umsonst hatte der Kommissar ihm Kopien zukommen lassen. Aber der andere verzog sein Gesicht zu einem einseitigen Grinsen und nippte wieder an seinem Glas.
"Sollte man meinen, aber so einfach ist das nun auch wieder nicht. Es gibt im gesamten Gebiet niemanden, der eine solche Waffe besitzt. - Legal!" setzte er noch hinzu. "Und es spricht eigentlich auch nichts dagegen, dass der Täter von Außerhalb gekommen sein könnte. Wo soll die Polizei also die Waffe suchen? Und meiner Meinung nach spricht es nicht gegen einen Profi, denn wie könnte sich ein Profi besser tarnen, wenn nicht als Amateur."
Meixner nickte nachdenklich und wurde sich bewusst, dass sein Gegenüber nicht zum ersten Mal über diesen Mord nachdachte. Und dass er sehr gut informiert war.
„Sie arbeiten selbst bei der Polizei?“, hackte Meixner nach, aber das hagere Gesicht Pensants verzog sich zu einem ungläubigen Grinsen, als hätte er etwas völlig Verrücktes gesagt.
„Nein, ganz sicher nicht“, kam sofort die Antwort. „Ich kenne halt viele Leute. Und die kennen wieder Leute. Hier bei uns bleibt nichts lange geheim.“
Eine Antwort, wie sie auch Heymann hätte geben können, schoss es Meixner durch den Kopf. Aber ihm war noch etwas aufgefallen und so gab es noch eine Frage, die er zu stellen hatte. Obwohl er die Antwort kannte.
"Sie haben gesagt, der Weg ist schlecht beleuchtet. Warum konnte dann der Mörder so gut treffen? Gauben Sie deswegen, dass es sich um einen Profi gehandelt hat?"
Wiederum konnte sich der andere sein ironisches Lächeln nicht verkneifen als wüsste er, dass Meixner die Antwort auf seine Frage ohnehin kannte. 
"Dafür könnte es rein theoretisch auch mehrere andere Möglichkeiten geben. Vielleicht benutzte er ein Nachtsichtgerät. Vielleicht war er auch einfach nur ein ausgezeichneter Schütze - oder er war ein miserabler Schütze und wollte ihn eigentlich nur erschrecken. Der Möglichkeiten gäbe es viele, würde das Ganze nicht wesentlich einfacher liegen. Ich habe Ihnen doch bereits erzählt, dass Alexander gerade unter einer Laterne ging, als auf ihn geschossen wurde. Und auch das ist nicht die ganze Wahrheit. Diese Party, müssen Sie wissen, war ein Gschnas, eine Art Maskenball und Alexander Heymann erschien als Spieler. Eine ziemlich auffällige Sache. Ein weißer Frack mit Pailletten bestickt, eine weiße Hose, ein glänzender, ebenfalls weißer Zylinder. Glitzernd wie ein Stern am Himmel. Dazu noch ein leuchtend weißes Rüschenhemd und, zu allem Überfluss, auch noch dieses verdammte, große, goldene Kreuz offen auf der Brust über dem Hemd. Mit anderen Worten, er hätte sich eben so gut gleich eine Zielscheibe umhängen können. Man hat es übrigens nicht bei seiner Leiche gefunden."
Meixner schnappte nach Luft. Das hatte ihn schon bei der Lektüre des Polizeiberichtes verwirrt. Wieso war das Kreuz weg? Wer hatte es genommen? Wer konnte so dumm sein?
"Als er gefunden wurde - da war es nicht mehr da?" wollte er erstaunt wissen.
"Was?"
"Das Kreuz. Das goldene Kreuz!"
"Nein, er trug es nicht mehr. Aber wir alle sind der Meinung, das es eine geschickte Vortäuschung von Raubmord ist um von dem wahren Tatmotiv abzulenken. Zumal sein Geld noch da war. Sagt die Polizei."
Meixner verspannte sich merklich trotz seiner unbeweglichen Miene. "Und was glauben die Leute, ist es, dieses 'wahre' Tatmotiv?" 
Es war immer gut zu wissen, welche Lösung die Leute erwarteten. Doch der hagere Mann ihm gegenüber ließ sich diesmal Zeit mit seiner Antwort. Statt dessen betrachtete er den großen, dunklen Mann eingehend, ja geradezu herausfordernd. Dann zog ein feines Lächeln seine Mundwinkel nach oben.
"Wahrscheinlich wissen Sie besser als ich, dass er sich in der Vergangenheit nicht nur Freunde gemacht hat. Und ich für meinen Teil bin überzeugt davon, dass einem die Vergangenheit immer einholt. Irgendwann einmal, oder besser gesagt, genau dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Möglicherweise gab es auch den einen berüchtigten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Noch einmal, es gibt so viele Möglichkeiten. Aber ihn einfach abzuknallen, um ihn zu bestehlen, also das ist mit Sicherheit nicht darunter."
Karl Meixner nickte, aber seine Anspannung ließ nur wenig nach. Er hatte längst aufgehört sich selbst und dem anderen etwas vorzuspielen. Auf eine unerklärliche Weise hatte ihn dieser schlanke Mann mit den dunklen Augen dazu gebracht, seinen Gefühlen freien Lauf gelassen. Ziemlich schlecht für denjenigen, der so viel aufdecken sollte und gleichzeitig so viel zu verbergen hatte.
"Hatte er eigentlich Feinde? Ich meine, hier, in der Stadt?"
Der andere zog die Schultern in die Höhe.
"Ich kann Ihnen da nur sagen, was ich auch schon der Polizei gesagt habe. Ich kenne niemanden, der ihn wirklich gehasst hätte. Aber wer von so vielen bewundert wird, der wird mit ziemlicher Sicherheit auch von einigen beneidet. Er ging keiner geregelten Arbeit nach und lebte gut, das sorgt für Neider. Und seine zynische Art so wie seine Vorliebe für hübsche Mädchen - seine persönliche Sucht, wie er es nannte – das hat ihm sicherlich auch nicht nur Freunde gebracht. Aber wie ich gesagt habe: Ich kenne niemanden und ich kann mir niemanden vorstellen, der im Stande wäre, ihn auf diese Art zu töten. Nämlich kaltblütig und vorsätzlich."
Der leise Unterton in seiner Stimme hörte sich beinahe so an, als wollte er sich entschuldigen für sein Unwissen.
"Wenn nicht kaltblütig und vorsätzlich", bohrte Meixner weiter, "wie sieht es dann aus, wenn jemand betrunken ist, oder in einem sehr erregtem Zustand - zum Beispiel nach einem Streit?“
Wieder diese hilflose Geste mit den Schultern.
"Ihn töten? Ich weiß nicht. Ich kenne sie alle hier nüchtern und ich kenne sie alle betrunken. Ruhig und wütend. Aber wozu ein Mensch wirklich in letzter Konsequenz fähig ist, das kann niemand, auch nicht der beste Freund beurteilen. Vielleicht eine latente Fähigkeit, eine Möglichkeit, aber wie ein Mensch dann in einer Stresssituation wirklich reagiert, das ist unmöglich zu sagen. Das kann kaum jemand von sich selbst sagen, und schon gar nicht von einem anderen."
Meixner trank schweigend einen kleinen Schluck von seinem schal gewordenen Bier. Dann drehte er den Sessel so, dass er besser aus dem Fenster sehen konnte. Ihm war, als hätten die Farben einen Teil ihrer Leuchtkraft verloren. Die Wolken schienen jetzt noch tiefer und dunkler am Himmel zu hängen als jemals zuvor. Und er wünschte sich aus tiefstem Herzen, er hätte sich niemals dazu überreden lassen, hierher zu kommen!
Es war still in dem Lokal. Die Kellnerin saß am ersten Tisch und blickte zu den beiden Männern hin. Meixner streckte seine langen Beine aus und lehnte sich zurück. Aber diese Bewegungen brachten keine Entspannung. Sie erfolgten unbewusst, automatisch, denn innerlich war er kalt und leer - so tot wie Alexander Heymann.
"Bringen Sie mir noch ein kleines Bier, bitte", sagte er sehr laut, und sie stand tatsächlich sofort auf und verschwand hinter der Bar. Für kurze Zeit verdrängten die Gedanken an das goldene Kreuz jeden anderen. Aber nur für kurze Zeit. Denn schließlich war er nicht unvorbereitet in dieser Stadt aufgetaucht.
"Ich möchte alles wissen, was an diesem Abend geschehen ist. Vorher und nachher."
Der Mann ihm gegenüber trank sein Glas mit der unbestimmbaren Flüssigkeit leer und setzte sich ebenfalls bequemer hin. Gegen den großen, dunklen Mann hätte er beinahe bleich gewirkt, wenn da nicht seine ruhigen, dunklen Augen gewesen wären, die jetzt einen beinahe belustigten Schimmer bekamen.
"Alles – das übersteigt ein wenig meine Grenzen. Das vollkommene Wissen über alle Vorgänge ist meines Erachtens wohl unerreichbar. Aber ich kann Ihnen sagen, was ich weiß. Nur, da gibt es nicht viel zu erzählen. Wir haben bei einem Bekannten eine Party gefeiert - seinen Geburtstag. Mit reichlich Bier, Wein, Schnaps, mit Kostümen und Musik und Torte und allem, was sonst noch dazugehört. Ich habe mich vorwiegend um die Musik gekümmert. Am Anfang, so etwa bis 23 Uhr war die Sache eher müde. Beinahe keine Leute und demzufolge auch keine wirklich gute Stimmung. Aber dann tauchte Alexander auf und hatte, wie meist bei solchen Anlässen, ein ganzes Rudel im Schlepp. Es war eigentlich alles ganz normal, vollkommen ruhig – obwohl, na ja, ruhig ist für so eine Fete wohl nicht ganz die richtige Beschreibung. Wie das eben so ist. Nur einmal, da hätte es beinahe Ärger gegeben. Einer von unseren Bekannten hatte seine neueste Eroberung mitgebracht. Sie ist mir schon vorher ein paar Mal aufgefallen. Ein besonders hübsches Mädchen. Groß, toll gebaut, blond gelockt - und sie weiß nur zu gut, dass sie bemerkenswert hübsch und begehrenswert ist! Sieht aus wie ein leibhaftiger Engel, aber ich würde wetten, die bringt mehr Ärger als ein leibhaftiger Teufel."
Diese Beschreibung kam Meixner nicht ganz unbekannt vor.
"Nun, sie beging den Fehler sich neben Alexander zu setzen. Obwohl sie sicherlich genau wusste, wer er war und sicherlich bereits genug Geschichten über ihn gehört hatte. Vielleicht setzte sie sich auch neben ihn, weil sie wusste, wer er war - aber das ist nur ein böser Gedanke von mir. Und ich möchte auch gar nicht wissen, wer von den beiden begonnen hat zu flirten. Jedenfalls ging das eine Zeitlang so dahin und ich kann nicht sagen, ob er mehr Erfolg bei ihr hatte oder sie bei ihm, es war aber für alle unverkennbar, dass sich die beiden näher kamen. In jeder Beziehung. Aber leider habe nicht nur ich es bemerkt, sondern auch ihr Freund. Der sah seine Felle davon schwimmen und hat, besoffen wie er da schon war, durchgedreht. Herum gebrüllt, Sachen geworfen, so was halt. Wir haben ihn aber schnell wieder beruhigt. Besser gesagt, sie hat ihn beruhigt. Aber fragen sie mich nicht, ob sie es tat um ihn nicht zu verlieren oder um Alexander nicht zu gefährden. Auf jeden Fall war die Angelegenheit damit bereinigt. Nichts weiter als eine mittelmäßig heftige, kaum nennenswerte Auseinandersetzung zwischen Josef und seiner Freundin, die Alexander amüsiert und reserviert wie immer beobachtet hat. Aber obwohl Josef auch wegen einer alten Geschichte nicht besonders gut auf Alexander zu sprechen war, fällt er doch als Verdächtiger aus. Er war bis kurz vor sechs Uhr auf der Party und ich habe noch geholfen ihn nach Hause und ins Bett zu bringen. Wir mussten ihn teilweise tragen, so besoffen war er. Zu diesem Zeitpunkt war aber Alexander Heymann längst tot."
Mit einem Mal verstummte sein Redefluss. Er sah ein wenig betroffen auf den Tisch und spielte mit seinem leeren Glas. Meixner wandte sich vom Fenster ab und sah ihn an. Aber sein Gesicht zeigte nicht die Trauer, die Meixner erwartet hatte. Vielleicht ein wenig Bedauern, aber ganz sicher keine Trauer und kein Mitleid.
"Was geschah eigentlich nachher, in der Nacht? Hat niemand etwas Eigenartiges bemerkt? Vielleicht eine Person, die ziemlich kopflos durch die Stadt gehastet ist, oder ein fremder Wagen, der herrenlos herumstand. Jemand, der etwas wegwarf oder sonst etwas in dieser Richtung."
Langsam blickte der andere auf und sah Meixner nachdenklich und mit seinem zynischen Lächeln an.
"Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie Fragen stellen wie ein Polizist? Sie sollten sich weniger Kriminalfilme ansehen."
Er winkte der Kellnerin mit seinem leeren Glas.
"Aber ich muss Sie enttäuschen. Nichts dergleichen oder irgend etwas anderes ist in der Stadt aufgefallen. Wahrscheinlich sind ein paar fremde Wagen durch die Stadt gefahren und ein paar Leute herum gelaufen, aber nichts von dem man sagen könnte, es wäre aus dem Rahmen der üblichen Absonderlichkeiten gefallen. So gerne ich Ihnen auch helfen möchte."
"Nun, so ein Text aus einem Kriminalfilm kann manchmal gar nicht so unpassend sein. Zum Beispiel sollte ich jetzt sagen: Hat irgend jemand Ihrer Bekannten die Party kurz vor oder während der Tatzeit verlassen?"
Seine Frage vertiefte nur noch das zynische Lächeln in dem hageren Gesicht und es hätte Meixner nun auch nicht mehr verwundert, wenn ihn der Mann bei der Hand genommen hätte, vor eine Tür gestellt und gesagt, da hast du deinen Mörder!
"Es gibt da tatsächlich jemanden, der kurz von Alexanders Abschied von unserer Party verschwunden ist und erst später wieder kam. Aber der fällt als Mörder aus."
Aufmerksam legte Meixner den Kopf ein wenig schief.
"Ach, und warum das?"
"Weil es die gleiche Person ist, von der wir vorhin schon gesprochen haben. Und ich habe Ihnen schon erklärt, dass er betrunken war. Oder drücken wir es anders aus: Wenn jemand einmal so besoffen ist, dass er nicht mehr allein stehen kann und nur mehr die Schüssel in der Toilette umarmt, ist er meiner Ansicht nach auch nicht mehr in der Lage durch die halbe Stadt zu laufen, sich in einen Hinterhalt zu legen, einen gezielten Schuss abzufeuern, das Kreuz und die Waffe verschwinden zu lassen, auf die Party zurück zu laufen und weiter besoffen zu spielen. Außerdem - sollte er die Waffe vielleicht in den paar wenigen Minuten auch noch holen? Oder hatte er sie vielleicht absichtlich schon in der Tasche? Vorsätzlich? Nein, ich wage sogar zu behaupten, dass er zu der Zeit, als Heymann ermordet wurde, nicht einmal in der Lage war mit einer Waffe überhaupt irgendetwas zu treffen, geschweige denn etwas, das die Größe eines Menschen hat. Von einem präzise tödlichen Schuss rede ich gar nicht. Natürlich - es könnte sein, Zufälle gibt es immer wieder, manche Menschen haben mehr Glück als Talent - und er hat tatsächlich einen Zufallstreffer landen konnte. Vielleicht sogar ohne es zu wollen. Aber ich muss doch darauf hinweisen, dass normalerweise das Glück auf Alexanders Seite stand – allerdings, wer weiß, vielleicht ist das sogar so eine Art 'Rache des Glücks'?"
Er überlegte einen kurzen Augenblick und schüttelte dann unmerklich den Kopf. "Vielleicht hat ihm das Schicksal wirklich jetzt die Rechnung präsentiert, für all das Glück, das er hatte, wer weiß", meinte er leise und diese Worte waren nicht für Meixner gedacht. Aber dann straffte er sich wieder und atmete tief durch.
"Aber diese ganzen Überlegungen sind müßig. Josef ist auf allen Vieren ins WC gekrochen und wir haben eine ganze Weile nichts mehr von ihm gehört. Obwohl ich natürlich zugeben muss, Zeitpunkt und Zeitdauer hätten durchaus gepasst - für einen nüchternen, entschlossenen Mann! Aber als ich ihn wieder zu Gesicht bekam, war er blasser als eine frisch gekalkte Wand. Sagen Sie mir, ist ein Mensch in dieser Verfassung in der Lage einen Mord zu begehen?"
"Ein Mensch muss schon ein Generalstabsoffizier oder ein Politiker sein, um nach einem Mord nicht blass und zittrig auszusehen. Manchmal schaffen das auch professionelle Killer mit langjähriger Erfahrung",  entgegnete Meixner ruhig.
„Nicht zu vergessen Mitglieder von Spezialeinheiten.“ Der andere unterdrückte ein lustloses Lächeln und kehrte wieder zum Thema zurück. "Wobei, dieser Josef - also es gibt Leute, die werden Ihnen erzählen, er sei ein etwas sonderlicher Kauz, und da möchte ich diesen Leuten keineswegs widersprechen. Aber von einem Mord zu reden und ihn zu begehen, das sind doch immer noch zwei verschiedene Paar Schuhe!"
Beinahe hätte Meixner zur Bestätigung genickt.
"Erzählen Sie mir noch etwas mehr von diesem sonderlichen Kauz", bat er stattdessen.
Von draußen näherte sich Lärm der Eingangstür. Außer ihren gedämpften Stimmen war bisher keinen Laut in dem Lokal zu hören gewesen. Die Kellnerin stellte ein neues, volles Glas vor den anderen hin und ging wieder zurück an die Theke.
Es war eine Gruppe von fünf oder sechs jungen Leuten, die in das Lokal drängten. Mit ihren lauten, unbefangenen Stimmen zerrissen sie die schläfrige Stille, die sich in dem Raum ausgebreitet hatte. Herzlich begrüßten sie die Kellnerin und setzten sich an den ersten Tisch bei der Theke. Die beiden Männer im Hintergrund schien niemand zu bemerken. Wenngleich Pensant die Neuankömmlinge zu kennen schien. Denn viel Freude hatte er an ihrem Auftauchen offensichtlich nicht.
"Für einen Augenblick habe ich darauf gewartet, dass auch Alexander zur Tür herein kommt", sagte er so leise, dass es beinahe im Lärm unterging. Aber Meixner hatte verstanden.
"Das ist also die Gruppe mit der er herum zog."
"Nicht ganz. Das heißt, das dort ist nur ein unwesentlicher Teil des Heuschreckenschwarms rund um Alexander. Dieser Josef, zum Beispiel, ist nicht dabei."
Er trank von seinem Glas und suchte eine bequemere Position auf seinem Sessel.
"Wie ist das jetzt mit diesem 'sonderbaren Kauz', diesem Josef?"
"Josef? Von dem gibt es wirklich nicht viel zu erzählen. Mit vollem Namen heißt er Josef Stanghuber. Er ist, glaube ich, dreiundzwanzig und wie er aussieht, dass werden Sie hier schnell genug feststellen. Er ist der Typ Mensch, der sich in Szene setzen muss, weil er meint, dass ihn sonst niemand bemerken würde. Er ist ziemlich kräftig gebaut und kleidet sich nicht besonders auffällig, wenn man von seiner Vorliebe für Cowboystiefel und bunte Motorradjacken absieht. Die mit den vielen Firmenaufklebern, so als würde man ihn dafür bezahlen. Auf den ersten Blick ist er eher der bullige Typ und man könnte meinen, er würde eher sofort mit gesenktem Kopf auf einen Widersacher losstürmen als Beleidigungen in sich hineinzufressen, aber das täuscht. Er ist ein Schauspieler, so wie wir alle, und seine Maske ist nun mal die des kalten, berechnenden Kämpfers. Nur leider ist er genau das nicht, und er spielt ihn auch nicht mal gut. Zum Beispiel redet er sehr gerne davon, wie leicht es ist einen Menschen zu töten. Aber ich muss Ihnen wohl kaum sagen, dass so eine Meinung nur jemand vertritt, vor allem öffentlich, der noch niemals getötet hat."
Er machte eine Pause und sah abwartend zu Meixner über den Tisch. Aber was sollte der darauf schon antworten. Immer deutlicher wurde in ihm die Ahnung, dass dieser Mann mehr von ihm wusste, als er eigentlich wissen durfte. 
Vielleicht kannte er die Wahrheit, vielleicht ahnte er sie auch nur.
Als Meixner nicht reagierte fuhr der schlanke Mann fort: "Was soll ich Ihnen noch über ihn erzählen, wo ich doch selbst kaum etwas weiß. Nur was ich sehe und höre. In privaten Dingen ist dieser Junge nämlich sehr schweigsam, sehr in sich verkapselt, wohl auch, weil es da kaum sehr viel an Neuigkeiten gibt. Mit Drogen hat er wahrscheinlich nichts am Hut, wenn man mal die gesellschaftlich üblichen Alkoholexzesse ausklammern will. Und damit bin ich dann auch schon wieder am Ende meiner Weisheit. Gibt es sonst noch etwas über ihn, dass in Bezug auf Alexander interessant wäre?" überlegte er laut. Und dann, nach einer kleinen Weile der Nachdenklichkeit: "Ach ja, er war mal nicht besonders gut auf Alexander zu sprechen, wegen einer alten Geschichte. Er hat nämlich einmal versucht ihm dieses goldene Kreuz abzukaufen - Sie kennen es sicher. Aber der hatte sich strikt geweigert. Vielleicht hat er ihm zu wenig geboten, vielleicht wollte Alexander es auch gar nicht verkaufen - ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie das damals gelaufen ist. Jedenfalls war er eine Zeitlang ziemlich sauer auf Alexander. Aber jetzt müssen Sie mich entschuldigen, ich muss kurz zu diesem Haufen an die Theke."
Er deutete mit dem Kopf in die Richtung und stand auf.
"Wenn Sie fünf Minuten warten wollen, dann kann ich Sie zu der Stiege führen und Ihnen zeigen, wo man Alexander gefunden hat."
Meixner war dies nur recht und er versprach, solange zu warten während Pensant zu dem ausgelassenen Haufen nach vor ging.
Sein Glas nahm er mit. 
Christoff Pensant - der Name sagte ihm nicht mehr, als ihm das Gesicht schon verraten hatte. Sie kannten sich flüchtig und in einer anderen Stadt, in einer anderen Situation hätte Meixner ihn wohl niemals bemerkt. Um so bedenklicher war es, dass Pensant ihn sehr wohl zu kennen schien. Mit einem Mal überfiel ihn die Gewissheit, dass dieser Mann die ganze Wahrheit kannte. Mehr noch, dass er eine Wahrheit kannte, die sich tief hinter den Tatsachen versteckte. Und Karl Meixner begriff erschrocken, dass er selbst sich dieser Wahrheit verweigerte, dass er es gar nicht wissen wollte!
Wie durch einen Fluch Pensants versteinert saß er da und starrte vor sich auf den Tisch. Er fragte sich mit einem Mal, ob er wirklich noch ein Polizist war, der, als Freund getarnt, ermittelte oder vielleicht doch schon ein Freund, der zufällig auch so etwas ähnliches wie ein Polizist war. Wobei, ein Polizist war er doch gar nicht, ganz und gar nicht. Aber eigentlich dachte er an nichts, starrte er nur vor sich hin. Die kleine Kellnerin kam vorbei, sah das noch volle Glas und ging wieder, ohne, dass er davon etwas bemerkt hätte. Wie das eintönige Geplätscher eines Baches drangen die Stimmen der anderen Gäste an sein Ohr. Natürlich hörte er ihre Stimmen, aber ihre Worte drangen nicht mehr bis zu seinem Gehirn vor. Noch immer starrte er ausdruckslos auf den Tisch und langsam begannen sich seine Pupillen zu weiten, verlor sich sein Blick in den Tiefen seiner Erinnerung. Hatte er wirklich gesagt, das Mädchen hatte Heymann vor einem wütenden Widersacher beschützen wollen?

Der kleine Raum war erfüllt von dem Rauch eines langen Abends und schon lange quollen die beiden Aschenbecher über, aber niemand hatte sich die Mühe gemacht, sie zu leeren. Auch das Fenster öffnete niemand, obwohl es draußen in der Stadt fast angenehm warm war. 
In dem Raum stand die Wärme, stand den Männern der Schweiß, stand die Luft zum schneiden dick. Die einzigen Möbel in dem Raum waren ein Tisch und ein paar Sessel. Und die sahen aus, als hätte man sie direkt von der Müllhalde oder aus einer Entrümpelung entwendet. Durch den grauen Rauchschleier hindurch sah aber alles alt und verbraucht aus. Die Wände, die Flaschen, die lose oder in Kisten den halben Raum füllten, die Aschenbecher, ja selbst die Menschen. Ganz besonders die Menschen. Das matte Licht der Glühbirne an der Decke spiegelte sich in den Augen der stummen Männer wieder. Gebannt sahen drei dem einen Mann zu, der ihnen gegenüber saß und den Stoß Karten vor sich mischte.
Karl Meixner kannte diesen Alexander Heymann nun seit einiger Zeit und somit sicherlich besser als jeder andere in diesem Raum, aber so wie in den letzten drei Stunden hatte selbst er ihn noch nie erlebt. Diese drei Stunden spielte er nun Poker und tat nichts anderes. Was über seine Lippen kam, das konnte man nicht mehr kürzer sagen. Er bewegte sich kaum, trank nichts, rauchte nicht und es schien gerade so, als würde hier eine Maschine sitzen und spielen. Auch sein Gesichtsausdruck hatte sich nicht verändert, seit er den Raum betreten hatte. Nicht ein einziges Mal wurde das gefrorene Lächeln auf seinen Lippen um eine Spur tiefer, wenn er gewann. Und wahrscheinlich, so vermutete Meixner, würde sich an diesem Lächeln auch nichts ändern, wenn er verlor. Aber genau da lag das immer dringlichere Problem: Alexander Heymann hatte bisher jedes Spiel gewonnen! Allein schon ihn beim Mischen der Karten zu beobachten war erstaunlich. Man hätte meinen können, die Karten würden in seinen Händen zu eigenständigem Leben erwachen.
Endlich legte er den Kartenstoß auf den Tisch und Meixner, als sein rechter Nachbar, hob ab. Der Mann ihm gegenüber bekam die ersten Karten. Er war der größere der beiden Mitspieler - und der vorsichtigere. Zwar hatte auch er schon einiges verloren, aber noch lange nicht so viel wie sein Freund.
Meixner kannte den Größeren. Er war es, der sie alle eingeladen hatte, um seinem Kollegen imponieren zu könne. Doch allem Anschein nach bereute er diesen Entschluss bereits zutiefst. Während Heymann die Karten schweigend und schnell austeilte, blickte Meixner nachdenklich zu diesem unbekannten Freund. Er war nicht so groß, aber er wirkte so bullig und kraftvoll, dass er unweigerlich an einen spanischen Kampfstier erinnerte. Mit verkniffenem Mund und die geballten Fäuste vor sich auf dem Tisch liegend, saß er da und beobachtete mit seinen kleinen, funkelnden Augen jede Bewegung Heymanns. Meixner seinerseits betrachtete wiederum die harten, gespannten Muskelpakete unter dem Rollkragenpullover und wünschte sich insgeheim, Heymann möge ein Einsehen haben und endlich einmal, nur ein einziges Mal, verlieren. Das war gegen alle Regeln. Das war schlecht für's Geschäft. Man machte dem Opfer Hoffnung, man hielt es bei Laune. Inzwischen kannte Meixner einige der Tricks denn Heymann war ein geduldiger Lehrer. Aber selbst ihm war noch nicht aufgefallen, wie Heymann die Karten manipulierte. Er war sich nur sicher, dass das hier nicht friedlich enden würde.
Seufzend nahm er sein neues Deck auf und betrachtete die Karten abwesend. Der Große kaufte eine, der Bullige zwei neue und Karl fünf. Dann bezahlte er und warf mit der gleichen Handbewegung seine Karten zu dem Haufen um anzuzeigen, dass er ausstieg. Und der Große zögerte nur kurz um es ihm gleich zu tun. Nur auf dem Gesicht des bulligen Mannes breitete sich ein höchst zufriedener Ausdruck aus, der Meixner unweigerlich an das Fletschen der Zähne einer Dogge erinnerte.
Alexander Heymann hatte es bisher noch nicht für nötig befunden seine Karten auch nur in die Hand zu nehmen. Sie lagen noch immer so auf dem Tisch, wie er sie hingeworfen hatte.
"Und du?" fragte der Muskelprotz mit seinem zähnefletschenden Grinsen, von dem er wohl meinte, es sei verschmitzt. Ohne eine Miene zu verziehen meinte Heymann: "Es passt schon, wie es ist."
Meixner ahnte Schreckliches und der Gastgeber warf zuerst Heymann einen misstrauischen Blick zu und sah dann fragend zu Meixner hinüber. Der zuckte nur mit den Schultern und verneinte mit einem schnellen Kopfschütteln die stumme Frage. Alexander Heymann hatte tatsächlich soviel Glück, dass er nicht nachhelfen musste und wenn er es jemals tat - obwohl Meixner der festen Überzeugung war, es noch niemals ohne Ankündigung erlebt zu haben - dann würde er es sicherlich nicht so offensichtlich und so provokant gestalten. Und es wäre mit Sicherheit in einem Spiel, in dem es um einen wesentlich höheren Einsatz ging. Sogar der bullige Mann gegenüber Heymann hatte etwas von seinem Lächeln eingebüßt. Trotzdem erhöhte er mit verkniffenen Lippen den Einsatz und Heymann zog stillschweigend mit. So ging es ein paar Minuten schweigend hin und her. Erst als der Bullige sein letztes Geld auf den Tisch warf, verlangte er die Karten zu sehen. 
Seine warf er neben das Geld.
"Drei Buben und zwei Sieben! Jetzt möchte ich doch sehen, ob du diese Karten überbieten kannst!" überschlug sich seine Stimme.
Langsam - aufreizend langsam begann Alexander Heymann die erste Karte umzudrehen. Es war die Herzdame. Jetzt sah er gar nicht mehr auf die Karten, die er aufdeckte. Vielmehr fixierte er die Männer rund um den Tisch. Die aber hatten nur Augen für seine Karten und kamen unweigerlich näher.
Die Pickdame und dann der Herzzehner. Dann noch eine Dame, die Kreuz.
Meixner bekam feuchte Handflächen und der Bullige schluckte einige Male schwer.
Drei Damen und eine Zehn!
Vorsichtig hob Heymann die fünfte Karte an und betrachtete sie. Dann legte er sie wieder verdeckt hin, so wie sie gelegen hatte. 
Meixner fühlte und hörte, wie der Bullige neben ihm erleichtert ausatmete. Seine rechte Hand streckte sich nach dem ansehnlichen Berg in der Mitte des Tisches, aber bevor sie ihn erreichen konnte, erstarrte sie.
Alexander Heymann hatte die letzte Karte doch noch auf den Tisch gelegt.
Die vierte Dame!
Einen Atemzug lang geschah nichts.
Krachend kippte der Tisch dann um, aber Heymann saß längst nicht mehr auf seinem Platz. Auf der einen Seite des umgekippten Tisches stand der schlanke, im Vergleich fast knabenhafte wirkende Heymann, auf der anderen ein schnaubender Bulle von einem Mann. Meixner war sich mit einem Mal völlig sicher, dass Heymann den Ernst der Situation, die er da heraufbeschworen hatte, unmöglich verstehen konnte. Er wollte sich eben beschwichtigend zu dem Bullen umwenden, als der ihm schon zuvor kam und auf Heymann losstürmte.
Doch wie ein Torero machte Heymann nur einen Schritt zu Seite, bog den Oberkörper zurück und ließ den wütenden Stier an sich vorüber rauschen. Nur zog er sein zweites Bein nicht ganz so schnell nach, der Stier stolperte darüber und krachte mit dem Schädel gegen die Wand. Aber er schüttelte sich nur und sprang sofort wieder auf seinen Gegner los. Doch dort, wo er landete, stand niemand mehr. Gebannt sah Meixner den Beiden zu, und er hatte längst vergessen, dass er Heymann zu Hilfe kommen wollte. Und auch der lange Gastgeber war offensichtlich der Meinung, dass diese Sache die Beiden unter sich austragen mussten.
Immer wieder stolperte der Bulle und krachte schwer auf den Boden oder gegen eine Wand. Sei keuchender Atem erfüllte den Raum wie das Schnauben einer altertümlichen Dampflokomotive und immer deutlicher wurde der Eindruck, dass Heymann den eigentlichen Kampf vermied, er wich den Schlägen und Angriffen nur aus, blockte ab, täuschte. Rauchschwaden ballten sich zusammen und wurden zerrissen. Und dann war Heymann plötzlich hinter ihm, hob scheinbar gemächlich seinen Arm und ließ die Handkante auf die ungeschützte Halsseite niedersausen. Und wiederum tauchte in Meixner das Bild eines Toreros auf, der zum entscheidenden, zum tödlichen Stoß mit dem Degen ansetzt. Ohne einen Ton von sich zu geben, sank der Bulle in die Knie, schwankte wie unschlüssig hin und her um dann einfach umzukippen. Heymann aber hatte sich bereits gebückt um sein Geld aus dem wirren Durcheinander von Karten, Geld, Flaschen, Aschenbecher und dessen Inhalten zu fischen.
Als sie den Raum verließen, kümmerte sich ihr Gastgeber noch immer und eher halbherzig um seinen bewusstlosen Kollegen und beachtete sie nicht weiter. Endlich waren sie aus dem Hinterhaus auf die Straße gelangt um dort schweigend eine Weile nebeneinander zu gehen. Nur das Hallen ihrer Schritte dröhnte durch die Nacht und wurde von den dunklen, grauen Häuserwänden zurückgeworfen. Es war Heymann, der als erster das Schweigen brach.
"Nun sag es schon, dein 'Warum'."
"Warum?" fragte Meixner also.
Und Heymann lachte humorlos auf. 
"Man könnte sagen, dass ich es hasse, wie ein dressierter Affe vorgeführt zu werden. Und ich denke mit diesem Auftritt hat sich das ein für alle Mal erledigt. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Ich bin launisch, und zwar im schlechtesten Sinne dieses Wortes. Ich habe diesen Vorfall absichtlich herbeigeführt. Ja, es war meine volle Absicht, sieh mich nicht so verwundert an! Es gibt Tage, an denen fühle ich eine ungeheure Kraft in mir. Und ich habe Angst, das diese Kraft einmal unkontrolliert ausbricht und etwas zerstört, ohne dass ich es beeinflussen kann, also baue ich sie bewusst ab. Zum Beispiel indem ich eine stinknormale Schlägerei provoziere. Es ist ein ganz eigenartiges, nur sehr schwer zu beschreibendes Gefühl. Ich kannte da mal einen, der machte kleine Tricks, so was wie Zauberkunststücke. Nur mit dem Unterschied, dass keine Vorbereitung und keine Hilfsmittel dazu nötig waren. Und dass er sich - so erzählte er zumindest den Leuten - selbst nicht erklären konnte, wie es funktioniert. Und dass es bei Weitem nicht immer funktioniert. Es klappte nur, wenn er ein ganz bestimmtes Gefühl von aufgestauter Energie in sich fühlt. Aber dann musste er diese Kunststückchen, fast wie unter Zwang, ausführen - er empfindet es zwar als außerordentlich anstrengend, aber auch als erleichternd. Da habe ich, wie du gerade gesehen hast, jetzt eine etwas andere Methode. Ich habe diesen Kerl die ganze Zeit beobachtet und den Zeitpunkt seiner Exekution schon vorausgesehen, als er noch nicht einmal wusste, dass er verloren hatte. Aber dann, mit einem Mal, war es nicht mehr das Gleiche, hatte das alles an Sinn verloren. Mir wurde plötzlich klar, dass es nichts anderes ist, als die Fäden einer Marionette in Händen zu halten und diese kann gar nicht anderes, als deinem Willen zu gehorchen. Es gibt keine Möglichkeit mehr für Neues, für Überraschungen. Mit einem Mal war alles langweilig, sehr langweilig geworden."
Er holte tief Luft bevor er weiter sprach und schien dabei in tiefes Nachdenken versunken. "Natürlich hätte ich ernsthaft mit ihm kämpfen können, ihn langsam zusammenschlagen, aber ich wollte dann nur noch von dort weg und das so schnell wie möglich. Und was blieb mir denn dann noch für eine andere Möglichkeit? Oh, nur keine Angst, meine Menschenfreundlichkeit geht nicht so weit, dass ich mich zusammenschlagen lasse, nur um keine Gewalt anwenden zu müssen. Aber es ist mir heute zum ersten Mal so richtig bewusst geworden, wie sehr ich Gewalt eigentlich verabscheue!"
Meixner trottete mit gesenktem Kopf neben ihm her und hörte sich das alles an. Er wartete ein paar Augenblicke, da er sich nicht sicher war, ob Heymann seinen Monolog fortsetzen würde, aber der war offensichtlich zu tief in seinen Gedanken versunken.
"Das alles kann ich dir ja noch glauben", begann Karl Meixner, streckte sich und gähnte herzhaft, "aber verlange bitte nicht, ich solle glauben, dass du dich ändern willst."
Heymann lachte laut auf und winkte abwehrend mit den Hände. 
"Augenblick mal! Ich habe nichts davon gesagt, dass ich mich ändern werde oder möchte! Ich weiß ja auch, dass es nicht richtig ist, wie ich die Menschen manchmal zur Weißglut bringe. Egal, ob es nun um Karten geht oder um Mädchen oder um sonst was. Aber ich bin nun mal verrückt, ein Spieler und am liebsten spiele ich mit dem Feuer. Ganz egal wie oft ich mir schon die Finger verbrannt habe und wie oft ich sie mir noch verbrennen werde. Ich wollte nur sagen, dass mir klar geworden ist, dass ich diese primitive Art von Gewalt verabscheue. Also werde ich mir wohl oder übel ein anderes Ventil suchen müssen, um meine Energien los zu werden. Vielleicht finde ich ja sogar einen sinnvollen Weg. Vielleicht auch nicht. Ich weiß nicht, was die Zukunft bringen wird, ich bin mir nur ziemlich sicher, dass ich so wie bisher nicht mehr weitermachen möchte. Aber eines, eines weiß ich mit absoluter Sicherheit: Eines natürlichen Todes in einem Bett werde ich nicht sterben! Es gibt da nämlich dieses Sprichwort, aus den alten Western, dass besagt, es gebe für jeden Spieler eine Kugel auf der sein Name steht. Man mag zu alten Sprichwörtern stehen, wie immer man will, aber es ist ziemlich wahrscheinlich, dass auch ich irgend wann einmal einen Fehler machen werde, aus dem ich mich nicht mehr herausreden kann. Und dann werde auch ich ausgezahlt, vom Schicksal in allgemein gültigen Währung."
Heymanns Stimme war bei seinen letzten Worten immer leiser geworden. Er sah hinauf zu dem kleinen Streifen Grau zwischen den drohenden Schatten der fest aneinander gedrückten, hohen Häuser die sie tot und kalt anzustarren schienen. Es war kalt geworden, es hatte geregnet und der Asphalt der Straße glitzerte in dem spärlichen Licht einer einsamen Straßenlaterne.
"Karl", sagte Heymann plötzlich und unvermutet leise. "Die fünfte Karte, die ich aufgedeckt habe, war das eine Dame oder eine Zehn?"
Fröstelnd zog Karl Meixner die Schultern hoch, als er verstand, dass Heymann diese Frage ernst war.

"Sie haben recht, es ist ein wirklich scheußliches Wetter, aber wenn Sie möchten, können wir trotzdem gehen."
Verwirrt sah Meixner auf und den fremden Mann vor seinem Tisch an. Nur langsam dämmerte ihm, dass er nach draußen gesehen hatte und es hatte ihn geschüttelt. Nicht wegen der Kälte da draußen, sondern wegen der Kälte in ihm. Aber woher sollte dieser Pensant das wissen.
Es war offensichtlich alles so gekommen, wie Heymann es voraus gesehen hatte. Er hatte zu hoch gespielt, er hatte verloren und er war ausgezahlt worden. In allgemein gültiger Währung.
Meixner war froh, dass Pensant diesen Spaziergang selbst vorgeschlagen hatte. Hätte er es nicht getan, so hätte Meixner ihn darum bitten müssen. Doch sein Verstand warnte ihn davor, diesem stillen, undurchschaubaren Mann zu viel zu verraten - soviel er auch immer schon wissen mochte. 
Gerade auch, weil ein völlig unbekanntes Gefühl in seinem Bauch ihn ständig dazu zu verleiten suchte, diesem Mann vollständig und rückhaltlos zu vertrauen. Es ahnte von einer tiefen, inneren Verbundenheit und von einer Gemeinsamkeit, die über alles hinaus ging, was er bisher gekannt hatte. 
Auch wenn Meixner normalerweise seiner inneren Stimme vertrauen konnte, so ließ dieses Gefühl in seiner Fremdartigkeit doch alle Alarmglocken seines Verstandes schrillen.

Der Wind war stärker geworden und schüttelte wütend die kahlen, dürren Bäume entlang der Straße. Die beiden Männer gingen vom Lokal den leichten Hügel wieder hinauf, den Meixner schon vom Bahnhof herunter gekommen war. Die Hände tief in den Taschen versenkt und den Kopf eingezogen. Der Ostwind blies nicht, er herrschte. Es war ein kalter, peitschenden Wind, der wie mit spitzen Nadeln in die Haut stach und Tränen in die Augen trieb. Die Straße war trocken. Nicht der kleinste Schneerest erinnerte daran, dass eigentlich noch Winter war. Dafür tanzten Staubsäulen vor dem Wind und belegten alles mit einer grauen Schicht.
Er konnte ganz gut verstehen, warum außer ihnen niemand auf der Straße zu sehen war. Pensant schienen diese unfreundlichen Witterungsbedingungen wenig auszumachen. Er war wohl daran gewöhnt. Oder zumindest so in Gedanken versunken, dass er den Wind kaum fühlte. Sie sprachen kein Wort sondern stapften, jeder in seine eigenen warmen Gedanken gehüllt, durch den grauen Tag. Wenige Meter von der Straße, die zum Bahnhof führte, fand sich die Stiege hinunter zum Park hinter den Häusern. Die ausgetretenen Steinstufen waren mit einer gut fingerdicken Schicht Streusplit bedeckt und man sah deutlich, dass ab und zu eine der Stufen ausgebessert worden war. Aber auch das schien schon wieder eine ordentliche Weile her zu sein. Zwischen den Wänden zweier alter Häuser, von deren Wänden großflächig der Verputz zu Boden bröselte, tasteten sie sich an dem kalten, eisernen Geländer hinunter. Zwischen den Wänden führte die Stiege gerade nach unten und machte dann, nach wenigen Metern, eine scharfe Kurve nach rechts. Außen in dieser Kurve, mitten, stand die erste Laterne. Und nachdem sie diese Laterne erreicht hatten, musste sein schweigsamer Führer nichts mehr erklären. Selbst ein weniger geübter Mann als Meixner hätte erkennen müssen, dass diese Stelle geradezu nach einem Schuss aus dem Hinterhalt schrie. Flach führte der gepflasterte Weg knapp zehn Meter quer zum Hang bis zum Waldrand um vor dort in einer spitzen Kehre zurück zu laufen. Aber in der Kehre setzte sich der Weg in die Dunkelheit des Waldes fort. Dort gab es keine Beleuchtung mehr. Wer immer bei Nacht auch nur zwei Schritte in diese Dunkelheit machte, konnte bestens beobachten, was vor sich ging, stand aber selbst so tief im Schatten, dass er unmöglich gesehen werden konnte.
"Das ist der reinste Schießstand."
Pensant wandte sich um als erwache er eben aus einem Traum.
"Was haben Sie gesagt?" wollte er wissen.
"Ich habe bemerkt, dass diese Stelle wie geschaffen ist für ein Attentat. Abgesehen davon, dass sie der reinste Schießstand ist, liegt sie sowohl abgeschieden als auch mitten in der Stadt. Und der Täter muss sich nicht mal verstecken. Er kann dort im Wald mitten auf dem Weg stehen und in aller Ruhe zielen. Das erste, was das Opfer bemerkten kann, ist das Mündungsfeuer."
"Und das ist reichlich spät. Es gibt Pläne für einen Umbau der Treppe. Überdachung, gerade Führung, bessere Beleuchtung. Irgendwann werden sie sicher umgesetzt", sagte Pensant aber Meixner hörte kaum zu, er starrte nachdenklich zum Waldrand hinüber.
"Hat man eigentlich Fußabdrücke des Täters gefunden? Das dort drüben ist doch Waldboden, also Erde. Oder war der Boden gefroren?"
Der andere sah Meixner für einen Augenblick verständnislos an, dann schüttelte er den Kopf.
"Ich weiß nichts von Fußabdrücken. Obwohl der Boden sicherlich kalt, aber kaum so gefroren war. Zumindest hat mir niemand etwas davon erzählt. Worauf wollen Sie hinaus - etwa auf Stanghubers Cowboystiefel?"
"Vielleicht", wehrte Meixner unbestimmt ab und ging auf den Waldsaum zu. Vorsichtig trat er auf und suchte die günstigste Schussposition. Als er meinte sie gefunden zu haben untersuchte er den Boden. Der schlanke Mann war ihm langsam gefolgt und beobachtete ihn aufmerksam.
"Glauben Sie, Sie werde mehr finden als die Spurensicherung der Polizei?"
Der große, dunkle Mann hockte im Dämmerschatten unter den düsteren Nadelbäumen und ignorierte die spöttische Frage. Dann richtete er sich auf und kam auf den gepflasterten Weg zurück. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, als er das Gebüsch am Rande des Weges mit seinen Blicken absuchte. Und nur wenige Meter unterhalb des Weges fand er, was er suchte. Er stieg über das Geländer und tastete sich vorsichtig über das ausgewaschene Geröll zu dem Strauch an dem sein Blick hängen geblieben war. In den Zweigen schwankte ein unscheinbares, kleines Brett, das sich dort verhakt hatte.. Kaum größer als ein Buch. Mit dem Brett in der Hand kam er ebenso vorsichtig wieder auf den Weg zurück, ging in den Wald und legte es sorgsam auf den Boden.
"Wie ich es mir gedacht habe. Es passt genau. Ich habe auch nicht vor besser zu sein als die Spurensicherung der Polizei, aber man findet nur das, was man sucht. Die Polizei suchte nach Fußabdrücken und fand keine, weil hier keine sind. Aber hier im Erdreich und im Brett sehen Sie noch die Einkerbung, die durch die Schnur verursacht wurden, mit der dieses Brett am Schuh des Mörders festgebunden war. Denn ich glaube kaum, dass sich sonst jemand diese Mühe machen würde."
Erstaunt betrachtete der andere Mann das Brett, den Boden und dann den leicht grinsenden Mann der davor hockte.
"Wissen Sie", grinste Meixner schief, "Polizisten sind in erster Linie Profis. Und Profis suchen natürlich nur nach Fußabdrücken, die auch aussehen wie Fußabdrücke. Und da es wohl niemanden gibt, der Schuhe mit rechteckigen Sohlen trägt mussten sie fast zwangsläufig diese Abdrücke übersehen."
„Man findet nur, wonach man sucht“, wiederholte Pensant leise und starrte den Mann vor sich an. Aber der betrachtete das Brett und schüttelte nachdenklich den Kopf.
"Ich verstehe nur nicht, weswegen dieser Abdruck überhaupt noch hier ist. Es sind doch inzwischen Tage vergangen und der Boden ist relativ weich."
"Dieser Weg wird selbst im Sommer kaum benützt. Im Winter ist es so gut wie sicher, dass hier niemand geht. Und selbst wenn ihn jemand benützt hätte, wäre die Spur kaum verwischt worden. Der Täter stand sehr weit am Rand des Weges."
Mit einer leichten Gänsehaut erkannte Meixner den unscheinbaren Fehler des Mörders. Und er wusste, das dieser nur der Erste war. Andere würden folgen. Es war unvermeidlich. Die Frage war nur, ob man sie fand.
„Er lauert im Wald“, meinte Pensant leise. „Ein präziser Schuss. Vorbereitung um keine Spuren zu hinterlassen – ich denke, die Tat im Affekt können wir ausklammern.“
"Ich hatte sowieso vor mich gleich morgen bei der Polizei zu erkundigen." meinte Meixner etwas zu schnell. "Mal sehen, was die zu unserer Entdeckung sagen. Würden Sie mitkommen und bestätigen, das wir es hier gefunden haben?"
Er winkte leicht mit dem Brett in seiner Hand.
Der schlanke Mann reagierte auf dieses Ansinnen jedoch offensichtlich zurückhaltend und meinte, er wäre sich noch nicht sicher, ob er Zeit erübrigen konnte. Aber die Polizei wisse ganz gut, wo sie ihn finden konnten. Während sie sich darüber unterhielten stiegen sie die Treppe wieder hinauf und strebten wieder der schützenden Wärme des Gasthofes zu. Karl Meixner bemerkte erst jetzt, dass es zunehmend dunkler geworden war und die Leuchtschriften bereits tapfer ihre farbigen Pfeile gegen das Düster des Abends schossen. Vor dem Lokal verabschiedete sich der schlanke, schweigsame Mann und als er gegangen war, fiel Meixner zum ersten Mal auf, dass er, außer dem Namen des anderen, eigentlich so gut wie nichts über ihn wusste. Und doch wurde dieses Gefühl der Vertrautheit immer stärker, je länger er mit ihm zusammen war. Ein für ihn völlig fremdes Gefühl. Oder doch nicht ganz so fremd.

Es war Punkt sieben am nächsten Morgen, als Karl Meixner erwachte. Noch stand die Dunkelheit in dem kleinen Zimmer, und das nicht nur, weil die Vorhänge zugezogen waren. Trotzdem setzte er sich auf, gähnte und streckte sich. Vorsichtig, um noch nicht vollends wach zu werden, stand er auf und ging ins Bad. Dort erblickte er sich im Spiegel und konnte das heftige Verlangen, sich sofort wieder hinzulegen, nur schwer unterdrücken. 
Offiziell sollten das hier Ferien sein!
Er dachte an den kleinen, fassförmigen Kommissar, den er in wenigen Stunden aufsuchen musste, er dachte an Alexander Heymann und er dachte an den fremden, schlanken Mann, den er gestern kennengelernt hatte. Seinen Name war Christoff Pensant, das hatte ihm jeder sagen können, den er gefragt hatte. Aber es war schwer und geradezu aussichtslos gewesen, mehr über diesen Mann heraus zu bekommen. Nicht, dass die Leute, mit denen er gesprochen hatte, es vermieden hätten über Pensant zu reden. Sie redeten hier gerne und viel über andere. Es war nur vielmehr so, dass alle sehr schnell erkennen mussten, dass auch sie nicht viel mehr über ihn wussten, als seinen Namen, seinen Job und gerade mal, wo er wohnte. Das einzige vielleicht wirklich interessante Detail, dass er erfahren hatte, war, dass Pensant als ziemlich verschrobener Typ galt. Dass er offensichtlich viel mit Heymann zu tun gehabt hatte, wie die Leute lange und ausführlich kommentierten. Und, dass er angeblich sehr gut bekannt mit einer gewissen blonden Schönheit war, aber Meixner hatte keine Ahnung, wie ihm das weiterhelfen sollte.
Als das eisig kalte Wasser auf seinen Körper prasselte, wurde er schlagartig wach und versuchte die Temperatur in den Griff zu bekommen. Und da während der Dusche das Telefon hartnäckig geschwiegen hatte, klingelte es, als er angefangen hatte sich zu rasieren. Schnell wischte er sich den Schaum aus dem Gesicht.
"Pensant - guten Morgen, Herr Meixner. Ich hoffe doch, ich habe Sie nicht geweckt?"
"Nein, keineswegs", versicherte er. "Ich bin schon eine ganze Weile auf den Beinen und habe auf Ihren Anruf gewartet, Herr Pensant. Allerdings bin ich darüber auch wiederum nicht so sehr erfreut, da Sie mir jetzt sicherlich mitteilen werden, dass wir uns nicht treffen können."
Christoff Pensant schluckte seinen Zynismus ohne eine merkbare Reaktion.
"Sie sagen es. Es hat sich leider nicht mehr einrichten lassen. Aber auf jeden Fall werde ich im Laufe des Tages den Kommissar anrufen und ihm meine Version erzählen. Den Fall bearbeitet übrigens ein Kommissar, den sie extra aus Wien geschickt haben. Seitenstetter heißt er, Moritz Seitenstetter. Ein kleines, rundes Fass, immer freundlich, immer bemüht, niemandem auf die Zehen zu steigen. Ich nehme an, es wird ihm so ganz recht sein und er wird meinen Anruf erwarten. Für alle Fälle gebe ich Ihnen auch eine Nummer unter der Sie mich den ganzen Tag erreichen können."
Karl Meixner war mit einen Satz beim Bett.
"Einen Augenblick bitte. Ich muss nur schnell etwas suchen, worauf ich die Nummer notieren kann."
Er kramte eine Serviette von dem kleinen Tisch und einen Kugelschreiber aus seiner Jacke. Dann meldete er sich wieder.
Pensant gab ihm eine Festnetznummer und noch bevor Meixner nach einem Mobiltelefon fragen konnte meinte er ungerührt: "Ich muss jetzt Schluss machen. Sie wissen ja, wo Sie mich erreichen können - wenn ich etwas für Sie tun kann."
Es knackte in der Leitung und dann ertönte das Freizeichen. Kopfschüttelnd legte auch Meixner den Hörer auf und begriff, warum der Mann am Festnetz im Zimmer angerufen hatte. Sein Mobiltelefon hätte die Nummer des Anrufers gespeichert und das wollte Pensant offensichtlich vermeiden. Er fragte sich ernsthaft, ob dieser Mann überhaupt beabsichtigte ihm zu helfen und, wenn dem so war, wie weit er tatsächlich gehen würde. Es kam darauf an, wie viel er wusste. Und, so überlegte Meixner während er nachdenklich wieder zum Rasierer griff, es kam auch darauf an, ob Pensant nicht schon zu viel wusste.

Der Speisesaal war beinahe leer. Ein älteres Ehepaar saß an einem Fenstertisch beim Frühstück. Er sah sich um als das junge Mädchen, das ihm schon sein Zimmer gezeigt hatte, gemächlich auf ihn zu stapfte und er bemerkte, dass sie sich an diesem Morgen doch um vieles flotter und leichter bewegte. Ihre Augen wirkten aber noch immer klein und wie verschwollen. Sie bat ihn Platz zu nehmen, wo immer er wolle und so wählte er wieder den kleinen Tisch am Fenster, an dem er auch schon am Vortag gesessen hatte.
Das Wetter hatte sich in keiner Weise gebessert. Ganz im Gegenteil hatte es jetzt auch noch begonnen leise zu nieseln. Und sein Regenschirm stand zuhause, gemütlich in einer Ecke des Vorzimmers. Von wo er zumindest nicht verschwinden konnte.
Die Frage, ob er Kaffee, Tee oder Schokolade zum Frühstück wolle, ließ ihn aufhorchen.
"Kaffee bitte", bestellte er. "Und Brot, Butter, Schinken und Käse."
"Kommt sofort."
Sie verschwand in Richtung Küche und ließ ihn mit seinen Gedanken allein. Das dumpfe Dröhnen in seinem Kopf erinnerte ihn daran, dass er am Abend, als er versucht hatte mit den wenigen Gästen ins Gespräch zu kommen, doch etwas zu viel getrunken hatte. Aber das bereitete ihm keine Sorgen. Es gab Dinge, über die sprach er nicht einmal dann, wenn er wirklich, ernsthaft und ordentlich betrunken war. Schon so mancher hatten sich an seiner Sturheit die Zähne ausgebissen. Aber Alkohol machte ihn schwerfällig und behinderte ihn in seinen Fähigkeiten und vor allem in seiner Konzentration. Ich kombiniere, dachte er, ich kombiniere nicht. Und er beschloss, während seines weiteren Aufenthaltes hier nach Möglichkeit keinen Tropfen Alkohol mehr anzurühren. Viele Menschen vor ihm hatten schon diesen Entschluss gefasst. Und die meisten dieser Menschen hatten sehr schnell sich selbst gegenüber eine Ausrede gefunden, um diese Entscheidung wieder rückgängig zu machen. Auch wenn jeder von ihnen den Verdacht süchtig zu sein weit von sich gewiesen hätte. Aber Karl Meixner war eben nicht wie die meisten Menschen.
Sie brachte ihm den Kaffee und erst mal einen leeren Teller mit Besteck. Er ließ sich dadurch aber nicht in seinen Gedankengängen stören, weil er gerade überlegte, dass wohl für die Mehrzahl der Bewohner dieser Stadt, wie dieses Staates, ein länger dauernder Alkoholentzug ein durchaus ernst zu nehmendes Problem darstellen würde.
Das Mädchen servierte ihm eine kleine, nett angerichteten Platte und er ließ sich sein Frühstück herzhaft schmecken. Zumindest anfangs, bis ihm einfiel, dass er hier eine Rolle zu spielen hatte. Er selbst hatte sich darauf trainiert, keine Gefühle mehr zu haben. Was ihm von Natur aus auch nicht sonderlich schwer fiel. Und die wenigen, die trotzdem noch da waren, die konnte er sehr gut beherrschen. Deshalb gab es eigentlich so gut wie nichts, dass seinen Appetit schmälern konnte. Aber hier war er nicht der unauffällige, unbekannte, unbeteiligte Mann, der die Probleme von anderen löste, die sich nichts sehnlicher wünschten, als ebenso unerkannt und unbekannten zu bleiben. Hier war er der Freund, der den Tod des Freundes rächen wollte - weil dieser Tod ihm nahe ging. Und jemand, der bedrückt ist, der hat nun einmal keinen Appetit zu haben.
Mit einem leisen Seufzer schob er den halbvollen Teller von sich. Wie schon so oft in den letzten Tagen überlegte er, ob das ganze Theater nicht eine riesengroße Dummheit war. Heymann hatte um seine Tätigkeit gewusst und der Kommissar hatte seine Aufzeichnungen gefunden. Wie leicht hätte er jemandem auch davon erzählen können. Zum Beispiel diesem Pensant. Der würde dann natürlich genau wissen, mit wem er es zu tun hatte und dieses Spiel durchschauen. Andererseits war auch Heymann durchaus klar gewesen, dass Meixners Tätigkeit geheim war. Streng geheim - wie als Quervermerk auf den roten Ordnern stand, die manchmal, zur beiläufigen Information, in seine Hände gelangten. Und ihm war auch klar gewesen, dass jeder, der um dieses Geheimnis wusste, bereits eine Gefahr für den Staat, oder für die Männer, die sich dafür hielten, darstellte. Eine Gefahr, die man nicht so ohne weiteres auf die leichte Schulter nehmen konnte. Alexander Heymann war ganz sicherlich ein Schandmaul gewesen, bei allem Respekt, aber Meixner traute ihm nicht zu, dass er sich selbst, oder gar andere, wissentlich in Gefahr gebracht hätte. Wissen war Macht, darüber zu reden, Dummheit. Und dumm, das war Heymann gewiss nicht gewesen. Also war er gezwungen auch weiterhin vorsichtig zu sein und seine Rolle zu spielen, wie man es von ihm erwartete. 
Ein säuerliches Grinsen huschte über seine Lippen, als ihn kurz der Gedanke durchgeisterte, dass diese ganze Geschichte nichts weiter war, als ein abgekartetes Spiel. Ein Zauberkoffer mit doppeltem Boden. Vielleicht sogar mit dreifachem. Also etwas, dass von niemandem mehr geliebt wurde, als von Alexander Heymann selbst.

Wenig später verließ er den Speisesaal und gleich auf die Straße fragte er der erst besten Passanten, wie er denn zur Polizei käme.
Langsam und gegen den Wind gelehnt stapfte er die nun schon bekannte Hauptstraße hinauf. Der Regen hatte soweit nachgelassen, dass man ihn kaum mehr fühlte. Aber die Menschen, die jetzt die Straßen bevölkerten, die hasteten in sich gekauert unter ihren Regenschirmen und Kapuzen vorbei. Mehr als einmal musste er sich ducken oder ausweichen um nicht die Kante oder Strebe eines Schirmes ins Gesicht zu bekommen. Es faszinierte Meixner immer wieder, wie abgekapselt Menschen in sich selbst sein konnten. Wahrscheinlich hätte man Heymann hier mitten unter ihnen töten können und es hätte einige Zeit gedauert, bis sie davon Notiz genommen hätten.
Als er an der Stiege vorbei kam, blieb er für einen kurzen Augenblick stehen. Die Versuchung war groß, noch einmal hinunter zu gehen. Und genau das tat er dann auch.
Der abgelegene Platz hatte auch an dem neuen Tag nichts von seiner bedrückenden Intensität verloren. Beinahe meinte er sogar hinter einer Bewegung im Halbdunkel des Waldes den Mörder noch stehen zu sehen. Einen großen, dunklen Schatten des Todes. Noch einmal ließ er das Gelände auf sich wirken. Ein wirklich geradezu idealer Ort. Für einen Mord. Und eigentlich auch dafür, einen Mörder zu überführen. Doch dazu musste man erst einmal wissen, wer dieser Mörder war. Es gab Hinweise und Anhaltspunkte, eine Unmenge gab es davon. Und es gab einen klar umrissenen Plan an den er sich halten würden. Und dann gab es da noch eine dumpfe Ahnung, die ihn verfolgte, die er aber nicht formulieren konnte.
Ahnungen sind jedoch keine Beweise, und Beweise sind nichts gegen ein Geständnis. Aber wie brachte man jemanden, den man noch gar nicht kannte, dazu, ein Geständnis abzulegen? 

Der riesige Betonklotz war ein aussagekräftiges Monument der bürokratischen Architektur mit dem vorrangigen Zweck der Einschüchterung. Für einen gewöhnlich Sterblichen, der die steilen Stufen zum Eingang empor klettern musste, erschien das Gebäude so feindselig und erdrückend wie eine unbezwingbare Festung. Oder so düster wie ein Tempel in dem die unerbittlichen, graugesichtigen Priester eines nach Blut und Tränen dürstenden Gottes ihr Werkzeug zur Vernichtung des Lebendigen schmiedeten und schärften. Den einen Ring aus Anordnungen und Gesetzen, sie alle zu knechten. Ein Ort von dem sie ausschwärmten, mit harten Gesichtern und trüben Gedanken, gebunden in schwerem Leder, um die Dunkelheit von den Straßen in die Häuser und in die Herzen der Menschen zu tragen. Wer dieses Haus betrat, so machte es deutlich, der hatte dies als Bittsteller zu tun. Demütig, mit schuldhaft gesenktem Blick und dem vagen Gefühl, seiner Bestrafung nicht entgehen zu können.
Die kalte, steinerne Eingangshalle nahm Meixner geräuschlos auf und der grauhaarige Portier in seinem Glaskasten ignorierte hingebungsvoll jede Bewegung rund um sich. Selbst Meixner benötigte einige Sekunden, bis er die Hinweistafel entziffert und die richtige Zimmernummer gefunden hatte. Er stieg einen Stock höher, fand die gesuchte Tür, klopfte an und trat ein. Missmutig blickte der Polizist von seiner altertümlichen Schreibmaschine auf und musterte Meixner erst einmal langsam, gründlich und mit der Freundlichkeit eines hungrigen Wachhundes.
 "Was?" bellte er endlich.
"Ich suche Kommissar Seitenstetter", antwortete Meixner mit ausgesuchter Höflichkeit in der Stimme. "Wir waren verabredet."
Eigentlich eine Lüge, aber so falsch war es doch auch nicht. Und es funktionierte. Voll Verwunderung riss der Uniformträger seine vom langen Nachtdienst verquollenen Augen auf.
"Wieso …?“, stammelte er, riss sich dann aber sofort zusammen. „Der Herr Kommissar ist leider noch nicht da", entschuldigte er sich hastig. "Aber es kann nicht mehr lange dauern. Er müsste jeden Augenblick kommen. Wenn Sie vielleicht solange warten wollen? Wenn Sie bitte Platz nehmen möchten."
Nur unter Aufbietung einiger Mühe konnte Karl Meixner das aufkeimende Lachen unterdrücken. Es genügte also allein schon der Namen des so leutselig wirkenden Kommissars und sogar dieser missgelaunte, übermüdete Polizeibeamte konnte sich vor Höflichkeit beinahe überschlagen. Trotz oder gerade wegen der langen Jahre, die Meixner nun schon mit ihnen zu tun hatte, konnte er eine gewisse, unbestimmte Abneigung gegen diesen Berufsstand nie ganz unterdrücken. Vielleicht lag es auch nur daran, dass ihn sein Leben ein gesundes Misstrauen gegen Befehlsempfänger jeglicher Art gelehrt hatte.
"Ja, gerne. Ich …", wollte er antworten, aber die Tür, die ihm von hinten in den Rücken gestoßen wurde, unterbrach ihn. Er drehte sich um und stand genau vor Moritz Seitenstetter. Oder besser, über ihm, denn dieser schien seit ihrer letzten Begegnung tatsächlich noch kleiner und noch dicker geworden zu sein. Aber mit keinem Zucken verriet dieses Vollmondgesicht, dass der wohl ebenso überraschte Mann Meixner jemals zuvor gesehen hatte. Nicht einmal dieser Pensant hätte etwas gemerkt, durchfuhr es Meixner. Und der ahnte offensichtlich nicht einmal, wie falsch er mit seiner Einschätzung des Ermittlers lag. Meixner spürte, dass in seinem Innersten die Achtung vor diesem so freundlich wirkenden Mann wuchs.
Und die eindringliche Warnung des Obersts wieder lebendig wurde.
"Guten Morgen, Herr Kommissar", schnarrte der Posten. Er war aufgesprungen und versuchte mit einer Hand seine Uniform in Ordnung zu bringen während er, unüblich für Polizisten, salutierte. "Der Herr hat eben nach Ihnen gefragt."
"Sie wollten zu mir?" erkundigte sich der kleine, rundliche Mann unverbindlich.
"Wenn Sie Kommissar Seitenstetter sind – dann ja."
Was dieses wandelnde Fass konnte, dass beherrschte Meixner schon lange.
"Bin ich. Bin ich - was haben Sie denn auf dem Herzen?"
"Mein Name ist Meixner. Karl Meixner. Ich bin - ich war ein Freund des ermordeten Alexander Heymann. Ich wollte ihn überraschen und bin gestern Abend hier angekommen. Und da habe ich erfahren, dass er ermordet worden ist. Da dachte ich mir, ich komme bei Ihnen vorbei und frage, ob ich Ihnen irgendwie behilflich sein kann."
"Mein lieber Mann", lachte Seitenstetter leutselig. "Den Mörder zu fangen, das ist Sache der dafür ausgebildeten Leute. Lassen Sie das ruhig die machen, die so etwas öfter tun."
Meixner konnte sich der Doppelsinnigkeit der Worte nicht entziehen. Der Mann, der immer noch hinter seiner Schreibmaschine stramm stand, ohne dass sein Vorgesetzter auch nur Anstalten machte, ihn bemerken zu wollen, hatte jedenfalls nichts davon verstanden.
"Aber ich für meinen Teil würde mich ganz gerne ein wenig mit Ihnen unterhalten", fuhr der Rundliche fort.
"Nun, ich stehe Ihnen voll und ganz zur Verfügung."
Das war wohl zu einem guten Teil gelogen, aber das konnte sich Seitenstetter auch denken, ohne Gedanken lesen zu können.
"Wenn Sie mir folgen wollten."
Der Kommissar verschwand in Richtung Treppe und Meixner verabschiedete sich freundlich von dem verdutzten Polizisten ohne eine Antwort zu erwarten oder zu erhalten. Während der noch nach Luft schnappte, schloss Meixner bereits die Tür.
Moritz Seitenstetter wartete am Treppenabsatz. Sie stiegen noch einen Stock höher. Und erst als sie beinahe oben waren, brach Seitenstetter leise das Schweigen des verlassenen Treppenhauses.
"Niemand weiß, weswegen Sie hier sind."
"Alle wissen, weswegen ich hier bin", verbesserte ihn Meixner. 
"Aber keiner ahnt, wer Sie wirklich sind. Das ist es, was den Unterschied ausmacht."
Ein saures Lächeln huschte über Meixners Gesicht.
"Soll ich also die Aufklärung dieses Mordes wirklich anderen überlassen?" wollte er wissen.
Seitenstetter lächelte ebenso einseitig zurück und antwortete so zweideutig, wie es seine Art zu sein schien: "Oh, diejenigen, die das erledigen können, die werden es schon machen. Und zwar richtig machen! Da bin ich mir völlig sicher."
Karl Meixner konnte dieses unbedingte Vertrauen nur bewundern. Er wünschte sich, er wäre auch nur halbwegs in der Lage, sich selbst so rückhaltlos zu vertrauen.
Vor einer der gleichförmigen Türen ohne Aufschrift blieben sie stehen, der Kommissar schloss auf und ging vor. Der Raum war winzig und trostlos. Allein schon durch die Anwesenheit des fülligen Kommissars wirkte er vollgestopft und überladen. Wahrscheinlich hatte er leer gestanden bis der Ermittler aus der fremden, großen Stadt in einem eigenen Büro untergebracht werden musste. Also hatte man einfach einen alten Schreibtisch und zwei noch ältere Sessel in einen Abstellraum gepfercht. Nicht einmal einen Aschenbecher konnte Meixner entdecken, obwohl er wusste, dass Seitenstetter Raucher war. Offensichtlich hatte man den Kommissar erst hierher versetzt, nachdem der Mord begangen worden war. Seit die Regierenden dazu übergegangen waren die Funktionen des Staates unter dem Vorwand von Einsparungsmaßnahmen zu zerschlagen und für private Interessen zugänglich zu machen, war vieles nicht mehr so, wie es die Logik gebieten würde. Auch sollten Ermittler in Mordfällen noch immer in Gruppen arbeiten, ein Team zur Unterstützung haben. Von einem zweiten oder gar mehreren Männern in Seitenstetters Umgebung war Meixner aber bis jetzt nichts aufgefallen und es gab auch keinerlei Anzeichen dafür - und das wiederum stand im krassen Gegensatz zu jeder Vorschrift und Gewohnheit!
Auf der Wand gegenüber dem Fenster hatte jemand zwei Landkarten montiert. Einfach mit Klebestreifen am Verputz fixiert. Eine kleinere Karte, die das ganze Gebiet zeigte. Neben einer großen Karte, die den Plan der kleinen Stadt ausführlich darstellte. Sie war wesentlich genauer und detaillierter ausgeführt, als der kleine Plan, den Meixner sich besorgt hatte. Erst hier erkannte er, dass diese Stadt doch nicht so klein sein konnte, wie er sie in seiner Erinnerung hatte. Er erkannte den alten Stadtkern, die Vororte, die Eisenbahnbrücke und die Umfahrung. Und er fand sofort den Platz, auf dem er noch vor wenige Minuten gestanden hatte - den Waldweg und die Stiege.
"Ich nehme doch an, Sie haben schon einiges in Erfahrung bringen können."
Trotz des eisigen Windes öffnete der kleine Kommissar das Fenster einen Spalt und blieb davor stehen.
"Es würde uns sehr viel Zeit sparen, wenn Sie mir erst mal sagen, wie viel Sie schon wissen. Dann muss ich Ihnen nur mehr den Rest und die Details erzählen, die wir bisher ausgraben konnten."
Meixner nahm vorsichtig auf einem der altersschwachen Stühle Platz und sah dem Kommissar zu, der sich eine Zigarette anzündete.
"Sie müssen entschuldigen", erklärte er dabei und hielt die Zigarette hoch. "Hier im Gebäude herrscht das gesetzliche Rauchverbot für Amtsräume. Es ist mir somit in meinem eigenen Büro, das ich allein benütze, untersagt zu rauchen, damit sich meine Mitarbeiter, die gar nicht hier sind, nicht belästigt fühlen. Aus diesem Grund gibt es auch keinen Aschenbecher und ist der Reinigungsdienst angehalten worden, die Benutzung privater Aschenbecher zu melden."
Er nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch genussvoll nach oben.
"Ich habe einen Mann kennengelernt", begann Meixner ohne weiter auf die Vorschriften des Hauses einzugehen. "Er hat mir zwar einiges erzählt, aber ich glaube nicht wirklich, dass Ihnen das alles weiterhilft. Ehrlich gesagt werden meine Zweifel immer stärker, ob meine Anwesenheit in dieser Stadt überhaupt irgend einen Sinn ergibt. Abgesehen davon, dass ich natürlich auch möchte, dass der Fall geklärt wird, glaube ich allmählich, dass es wesentlich besser wäre, ich würde so schnell wie möglich wieder verschwinden. Was kann ich denn schon für Sie tun, außer ein bisschen den Spitzel zu machen? Ansonsten sind meine Möglichkeiten wohl ziemlich beschränkt."
Seitenstetter sah den großen Mann, der da vorsichtig auf dem wackeligen Stuhl saß, nachdenklich an und kratzte sich genüsslich am frisch rasierten Kinn.
"Wir haben natürlich Heymanns Papiere gründlich durchgesehen, reine Routinearbeit", erzählte er plötzlich wie aus dem Zusammenhang gerissen. "Dabei ist uns doch tatsächlich ein versiegeltes Paket in die Hände gefallen. Ich habe persönlich das Siegel erbrochen und das Manuskript sofort an meine vorgesetzte Dienststelle weitergeleitet. Wie ich später erfahren habe, wurde dieses Manuskript vom Innenministerium an das Verteidigungsministerium weitergereicht. Dort sollte es in der Registratur abgelegt werden. Leider ging es aber auf völlig unerklärliche Weise verloren, bevor es in der Registratur einlangen konnte. Da das Siegel bei der Übergabe erbrochen war, tauchten zwei Herren vom Ministeriums bei mir auf und wollten wissen, ob ich eine Ahnung von dem Inhalt des Manuskriptes habe. Ich verneinte es, worauf dieses beiden überaus freundlichen Herren die Meinung vertraten, meine Einstellung sei 'sehr vernünftig'."
Er nahm einen tiefen Zug und sah einen Moment in Gedanken versunken aus dem Fenster auf die gegenüber liegende Betonwand bevor er den Rauch langsam ausströmen ließ.
"Machen wir uns nichts vor Meixner, ich vertrete das Gesetz. Nicht, weil ich dieses Gesetz so sehr schätze, sondern weil mich die Leute ankotzen, die meinen, sich ihre eigenen Gesetze machen zu können. Und ich hoffe für Sie, dass es sich hier um einen ganz simplen Mord handelt, denn ich bin ein ziemlich renitenter Mensch, der, sollte da irgendwie höhere Politik hinein spielen, dumm und ehrlich genug wäre, um Schmutzwäsche in der Öffentlichkeit zu waschen. Sie wissen wahrscheinlich besser als jeder andere, was geschehen kann, wenn zu viel Staub aufgewirbelt wird. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie mir eine einfache Lösung bringen - dafür habe ich Sie geholt!"
Karl Meixner wurde wieder daran erinnert, dass der Oberst ihn vor diesem Mann gewarnt hatte, und daran, dass er diese Warnung viel zu leicht genommen hatte. Also nickte er.
"Der Mann, den ich getroffen habe, scheint ein ziemlich guter Freund von Heymann gewesen zu sein. Sein Name ist Pensant. Christoff Pensant. Christoff mit zwei 'f'!"
Erstaunt hob Seitenstetter die Augenbrauen, aber er unterbrach nicht.
"Ich habe inzwischen auch erfahren", fuhr Meixner fort, "dass man an dem bewussten Abend eine Party gefeiert hat. Es ist mir bekannt, was Heymann an diesem Abend trug. Mit wem er sich unterhalten und mit wem er gestritten hat. Und vielleicht auch, womit er erschossen worden ist."
"Kaliber 38. Ein Colt. Vermutlich Smith and Wesson."
"Dann stimmen wir auch hier überein. Ach ja, und ich weiß, dass es Mord war und nicht vielleicht Totschlag im Affekt."
Seitenstetter hielt die Zigarette so durch den Spalt im Fenster, dass der Wind die Asche mitnahm. Und war mit einem Mal wirklich neugierig.
"Warum sind Sie so sicher, dass es Mord war?"
"Es genügt den Tatort zu kennen um jeden Zweifel auszuräumen. Wer immer Alexander Heymann getötet hat, der wusste sehr gut, dass er diesen Weg nehmen würde. Und er muss dort auf ihn gewartet haben. Natürlich ist das nur eine Vermutung. Sie könnten ebenso gut behaupten, ein mehr oder weniger zufällig Entgegenkommender hätte ihn über den Haufen geschossen. Obwohl das zwar äußerst unwahrscheinlich ist, so ist es doch keineswegs unmöglich. Aber an Projektil und Wunde müsste sich feststellen lassen, dass aus der Entfernung von einigen Metern auf ihn geschossen wurde und nicht aus nächster Nähe. Und ich habe noch einen Beweis, der meine Theorie erhärtet. Kommissar, haben Sie am Tatort Spuren sichergestellt?"
"Nichts wirklich Verwertbares“, schüttelte er seine kahle Billardkugel. „Keine Hinweise auf Fußspuren. Weder auf den Steinplatten, noch im Waldweg oder auf dem Waldboden."
"Sehen Sie - ich fragte nur nach Spuren - Sie sprechen von Fußspuren. Also frage ich noch mal: Haben Sie am Tatort keine Spuren, auch keinen rechteckigen Abdruck gefunden - oder besser zwei Abdrücke?"
"Nun, ich glaube mich zu erinnern, dass im Bericht der Spurensicherung was davon steht", meinte der Kommissar und machte eine energische Handbewegung, wodurch die Asche der Zigarette zu Boden fiel. "Aber wer trägt schon rechteckige Schuhe?"
"Niemand trug rechteckige Schuhe", meinte Meixner und kramte seinem Plastiksack hervor. "Aber irgend jemand trug das."
Er warf das Brett, dass er neben der Stiege gefunden hatte auf den Tisch und Seitenstetter stürzte sich mit unvermuteter Behändigkeit darauf. Eine Weile drehte er es hin und her und betrachtete es sorgfältig.
"Tatsächlich!" meinte er endlich. "Die Einkerbung der Schnur, die Größe. Ich glaube, ich weiß, worauf sie hinaus wollen. Und wenn sich der Mörder diese Dinger wirklich unter die Schuhe gebunden hat um Fußabdrücke zu vermeiden, dann können wir tatsächlich Mord im Affekt ausschließen. Also entweder habe ich den Burschen bei weitem unterschätzt, oder ich werde allmählich zu alt für diesen Job. Und jetzt sagen Sie bloß, Sie haben noch mehr herausgefunden!"
Meixner zuckte mit den Achseln.
"Nur noch, dass der Mann, der an dem Abend Streit mit Heymann hatte, zwar zur Tatzeit nicht auf der Party war, aber auch nicht als Mörder in Frage kommt. Angeblich ..."
Er hob die Hände und ließ das letzte Wort und mit ihm die offene Frage im Raum stehen.
"Wer?"
"Ein gewisser Josef Stanghuber."
"Woher wissen Sie das? Auch von diesem Pensant?"
Meixner horchte dem Kommissar nach, legte den Kopf ein wenig schief und fragte: „Könnte es sein, dass Sie diesen Mann nicht sonderlich mögen?“
Wieder hielt der runde Ermittler die Zigarette aus dem Fenster und wieder trug der Wind die Asche fort. Nicht jedoch die graue, flockige Masse, die schon auf dem Boden und dem Schreibtisch lag. Er nahm noch einen tiefen Zug und zuckte dabei verächtlich mit den Schultern.
"Ich kann nicht sagen, ob ich ihn mag oder nicht. Ich weiß nur, dass Menschen die Polizei in erster Linie fürchten und in einem möglichst großen Bogen umgehen. Im besten Fall stehen sie uns reserviert gegenüber. Selbst wenn wir nur ihr Bestes wollen. Warum das so ist, darüber gibt es die unmöglichsten Theorien. Nur dann, wenn sie nicht mehr anders können, oder wenn sie sich einen Vorteil daraus erhoffen, dann helfen sie uns. Kommt also jemand und kooperiert so bereitwillig wie dieser Pensant, dann macht mich das erst mal nur misstrauisch."
"Nun, er scheint immerhin ein Freund noch Heymann gewesen zu sein. Und wie Sie wahrscheinlich bereits festgestellt haben, tun die Freunde Heymanns so ziemlich alles um den Täter zu finden. Warum nicht auch Pensant? Zwar war offensichtlich auch dieser Stanghuber ein Freund Heymanns, aber Pensant hält es ja auch für ausgeschlossen, dass der einen Menschen töten könnte. Noch dazu in seinem Zustand, wie er es ausdrückte. Und er glaubt, dass das Verschwinden des Kreuzes eher ein Täuschungsmanöver als ein Tatmotiv sein sollte. Davon ist er sogar fest überzeugt, wenn Sie mich fragen."
Der kleine Kommissar streckte sich um den angekohlten Filter zum Fenster hinaus zu werfen, schloss es  und machte einen Schritt zurück an den Schreibtisch um sich dagegen zu lehnen.
"Das glaube ich auch", meinte er mit einer leisen Stimme, die ihm niemand zugetraut hätte. "Und trotz all der so offensichtlichen und selbstlosen Hilfe hat er Ihnen doch eine Kleinigkeit vorenthalten - außer Stanghuber war nämlich noch jemand zur Tatzeit nicht auf dieser Party."
"Wer?"
Moritz Seitenstetter stützte sich auf den Tisch und sprach noch leiser.
"Ein Mann, der ebenfalls kein Alibi hat. Ein Mann, der eher als Sonderling denn als Freund anzusehen ist. Ein Mann, über den die Menschen hier nur sehr wenig wissen und dessen Polizeiakte eigentlich mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet. Ein Mann, der - zugegeben - kein logisches Motiv hatte Heymann zu töten - es gibt aber auch keinen Grund, warum er es nicht hätte tun sollen."
"Wer?" fragte Meixner noch einmal nachdrücklich, aber ebenso leise.
"Christoff Pensant."

Vorsichtig stapfte Pensant die Stufen hinunter, vorbei an den herum stehenden Menschen, in die Tiefen des Lokals. Es war dunkel und die plötzlichen, grellen Lichtblitze halfen ihm nicht wirklich seinen Weg zu finden. Der Mann hinter ihm schien sich allerdings mit schlafwandlerischer Sicherheit in der Finsternis zurecht zu finden. Oder er folgte nur seinem Rücken. Die überlaute Musik dröhnte in seinem Kopf und der harte, mechanische Rhythmus zerrte mit wummernden Bässen an seinen Innereien. Eine kaum unterscheidbare Masse an Körpern bewegte sich zuckend auf einer Tanzfläche, die kaum größer zu sein schien als eine Bahnhofstoilette. An den Tischen und entlang der Wände saßen sie allein in der Dunkelheit, zu zweit oder zu dritt. Manchmal zu einem unentwirrbaren Knäuel verschlungen.
Am Fuß der Treppe blieb er stehen und ein junger Mann sah ihn und wandte sich ihm zu, um ihn zu begrüßen. Ihm wurde dabei wieder einmal bewusst, dass er hier so gut wie nichts von dem hören konnte, was gesprochen wurde, und trotzdem irgendwie wusste, was gesagt worden war. Er vermied es  hierher zu kommen, nach Möglichkeit so gut wie nie, aber die Leute kannten ihn. Kannten ihn wie einen bunten Hund. Man erkannte ihn und er freute sich darüber, auch wenn ihm eine innere Stimme diese Freude nicht so recht gönnen wollte. Doch er beruhigte diese innere Stimme dann mit dem Argument, dass man sich bei einem bunten Hund immer gut an die Farbe, aber niemals an die Rasse erinnerte. So schrie er dem jungen Mann ihm gegenüber eine Frage zu und war sich nicht einmal sicher, ob die Töne seinen Mund überhaupt verlassen hatten, zu sehr hämmerten die monotonen Geräusche in seinen Ohren und in seiner Brust. Aber der junge Mann antwortete auf die Frage und obwohl Pensant sich ebenfalls sicher war, kein Wort gehört zu haben, so wusste er doch, was er wissen wollte. Karl Meixner stand eine Stufe über ihm und verstand von dem Gespräch sicherlich noch weniger als er selbst. Und wie Pensant war auch ihm unerklärlich, woran sich die Menschen in dieser dumpf dröhnenden Finsternis erkannten und wie sie sich verständigten.
Pensant gab Meixner mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er ihm weiter folgen sollte und führte ihn ans äußerste Ende der Theke wo die Lautstärke immerhin auf das Niveau eines startenden Jumbo-Jets gemildert war. Dort schob er einen verwahrlost wirkenden Jungen zur Seite, der im Takt einer nicht vorhandenen Melodie, fern aller Wirklichkeit, auf und ab hüpfte, zappelte und keinerlei Anstalten machte seine Umgebung zu bemerken.
"Der Mann, den wir suchen, ist in seinen Privaträumen", brüllte er Meixner ins Ohr und wies auf eine unscheinbare Tür um die Ecke hinter der Theke. "Aber er wird nicht sonderlich erfreut sein, er hat angeblich gerade Besuch."
Aus der Art, wie er es aussprach meinte Meixner zu verstehen, um welche Art von Besuch es sich handelte.
"Meinen Sie, es ist ein ungünstiger Zeitpunkt?" brüllte er zurück.
Pensant sah ihn einen Augenblick lang an, als überlegte er, ob die Frage ernst gemeint war und was er darauf antworten sollte, aber er wandte sich dann doch dem Jungen zu, der noch immer neben ihm ekstatisch herum rempelte und verpasste ihm eine Ohrfeige, dass er der Länge nach hinfiel – was ihn nicht weiter zu stören schien. Aber zumindest hörte er halbwegs damit auf, seine Umgebung mit Schlägen und Tritten zu drangsalieren. Christoff Pensant sah ihn an wie einen am Rücken liegenden Käfer, schüttelte nachdenklich den Kopf und bedeutete Meixner, dass er genau an dieser Stelle auf ihn warten würde, falls man ihn benötigte.
Auch auf Grund der Lautstärke unterließ es Meixner an die Tür zu klopfen. Er trat einfach ein. Und ihm war in dem Augenblick, als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, als würde sich Stille mit dicken, weichen Flügeln fühlbar über seine Ohren legen. Das Hämmern der Lautsprecher drang nur sehr gedämpft in einen Raum, der wirkte wie die düstere Karikatur eines verschlissenen Wohnzimmers. Gerade laut genug zur Untermalung. Zur Untermalung eines wutschnaubenden, ziemlich korpulenten Mannes, der sich schwerfällig aus einer breiten Couch hoch hievte und unentschlossen überlegte, ob er Meixner erst anbrüllen sollte oder einfach nur hinaus werfen. Doch er hielt verwirrt inne. Dieser große, dunkle Mann bei der Tür war keiner der sonst üblichen weggetretenen Jungsters, die in ihrem Rausch nicht mehr wussten wohin sie torkelten. Karl Meixner machte eher den Eindruck eines höflichen Mannes, der sehr wohl wusste wo er war und was er wollte. Eines höflichen, aber auch sehr bestimmten Mannes. Der vor dem ausladenden Sofa stand war muskulös mit Bauchansatz, ziemlich wütend aber auch völlig überrascht. Keineswegs verwirrt durch die Störung war das Mädchen zwischen ihnen. Sie stand vor dem Sofa auf einem niedrigen Tisch, atmete tief durch, heftete ihre stark geschminkten Augen auf Meixner und machte genau dort weiter wo sie aufgehört hatte. Sie öffnete den Verschluss ihres BHs, ließ die Träger über die schmalen, knochigen Schultern gleiten und das Stückchen Stoff vor sich auf den Tisch fallen. Für einen Augenblick war die Verblüffung der beide Männer so groß, dass sie nicht anderes konnten, als das Mädchen anzustarren. Als ihre Brüste anzustarren, die so groß waren, dass selbst Meixner beide Hände hätte benützen müssen, um auch nur eine von ihnen zu bedecken. Und trotz ihrer Größe standen sie hart und fest ab von dem schmalen, knabenhaften Körper mit den deutlich erkennbaren Rippenbögen. Streckten sich die dunklen Brustwarzen leicht nach oben und verformten sich diese Kuppeln auch kaum, als sie mit ihren Händen darüber strich, sie zusammen presste und abwesend ein wenig an den harten Warzen zog. Sie stieg unbeholfen vom Tisch herunter und kam mit Storchenschritten und etwas, das ein betontes Wiegen ihrer noch kindhaften Hüften sein sollte auf Meixner zu, immer noch ihre Brüste bearbeitend. Jetzt sah er auch, dass ihre Augen groß und leer und völlig ohne Ausdruck waren. Sie konnte kaum älter als sechzehn sein und wahrscheinlich war sie noch nicht einmal das. Außer einem roten, tief einschneidenden Tangahöschen und ihrer schulterlangen, rot gefärbten Lockenmähne trug sie nur ein stumpfes Grinsen in dem flachen, übertrieben geschminkten Gesicht eines kleinen Mädchens.
"Mann, bist du geil!" stöhnte sie auf, als sie sich an ihn presste und er das Gefühl hatte von einer warmen Marmorstatue umarmt zu werden. Überrascht konnte er nur daran denken, was die Operation wohl gekostet hatte, dass man dabei ordentlich übertrieben hatte. Und, dass der, wer immer diese Operation auch gezahlt hatte, schon ziemlich pervers sein musste. Sie begann sich an ihm zu reiben und versuchte sich an ihm hoch zu ziehen um ihn zu küssen und weil er so gar nicht reagierte, glitt sie an ihm hinunter und machte sich mit schlaffen, ungeschickten Fingern an seiner Hose zu schaffen. Eigentlich wollte er nur ihre Hände wegschieben, aber sie war unsicher auf den Beinen und so wischte er gleich das ganze Mädchen mit einer Handbewegung zur Seite, als wäre sie eine lästige Fliege. Sie fiel der Länge nach hin, rollte herum und kam auf dem Rücken zu liegen. Mit einer Hand fuhr sie unter den Slip und begann sich die Finger anzufeuchten während sie mit der anderen Hand noch immer ihre Brust knetete. Die beiden Männer schien sie völlig vergessen zu haben.
Meixners Augen verengten sich eine unmerkliche Spur, als er sich wieder dem Mann zuwandte. Wütend darüber, dass er sich hatte ablenken lassen.
"Ich nehme an, Sie sind Klaus Pollmann?"
Seine Stimme war nicht unhöflich, aber hart genug um unfreundlich zu klingen. Wutentbrannt starrte der Mann am Sofa zurück.
"Und wer sind Sie? Was wollen Sie hier?"
Karl Meixner gab ihm keine Antwort. Durch die große, stille Pause die entstand, wurde die Spannung in dem Raum erst so richtig greifbar. Eine gefährliche, knisternde Spannung, die von dem dunklen, ja unheimlichen Mann an der Tür auszugehen und den Raum immer düsterer zu machen schien.
"Ja! Ja, ich bin Pollmann. Und wer, zum Teufel, sind Sie?" rief er endlich.
"Ich?" antwortete Meixner betont langsam, "Ich war ein Freund von Alexander Heymann."
Nicht einmal einem völlig Blinden hätte es entgehen können, dass Pollmann bei diesem Namen zusammenzuckte und seine gesunde Gesichtsfarbe verlor.
"Ein Freund von ... ?!"
Er schluckte schwer, als wäre ihm etwas im Halse stecken geblieben. Doch fing er sich schnell wieder und versuchte zu seinem wütenden Ton zurück zu finden.
"Und weshalb kommen Sie damit ausgerechnet zu mir?"
Meixner ging um den kleinen Tisch herum und ließ sich in einen der tiefen Polstersessel sinken. Nachdenklich betrachtete er den kleinen Beistelltisch auf dem eine leere Bleikristallschale und eine Zigarrenkiste aus Holz mit aufwendigen Einlegearbeiten am Deckel stand. Daneben eine handgroße Spiegelplatte auf der unverkennbar noch ein paar weiße Kristalle entlang einer nicht mehr vorhandenen Linie klebten. Schweigend sah Meixner die Dinge an und sah dann zu dem nun doch unsicher wirkenden Mann vor der Couch. Er sah wieder auf die Drogen und dann wieder zu Pollmann.
"Ist das wirklich so unerwartet für Sie?" fragte er endlich. "Sie haben doch mit Alexander zusammengearbeitet."
Pollmann setzte sich nun ebenfalls, auch wenn es mehr danach aussah, als würden seine Beine nachgeben.
"Naja, ich habe ihn natürlich gekannt. Sicherlich. Wie so viele andere auch. Aber mit ihm gearbeitet? Zusammen? Nein! Nein, ich wüsste nicht wie und wo!"
Die Worte hätten um vieles überzeugender geklungen, wenn sich seine Stimme dabei nicht überschlagen hätte. Er konnte sich noch immer nicht entscheiden, ob er weiter den Wütenden spielen sollte oder ob es nicht vielleicht doch besser für ihn wäre, auf freundschaftliche Kooperation umzusatteln. Nervös fuhr er sich über den Nacken und bemerkte überrascht, dass er begonnen hatte zu schwitzen.
"Alexander hat so etwas wie einen Privatkrieg gegen Leute geführt, die mit Drogen handeln. Und Sie haben ihm meines Wissens dabei geholfen. Aber vielleicht sollte ich besser sagen, Alexander hat sich Ihrer bedient um sein Ziel zu erreichen. Wollen Sie das wirklich abstreiten?"
Pollmann wurde noch blasser, soweit das überhaupt noch möglich war. Tonlos fragte er noch einmal: "Wer zum Teufel sind Sie?" Und der unheimliche Mann in dem Polstersessel lächelte ihn gedankenverloren für eine Sekunde an, als müsste er überlegen.
"Mein Name ist Karl Meixner", sagte er sanft. "Ich war ein Freund von Alexander Heymann. Und ich komme weder von der Polizei noch von der - nennen wir sie einmal die andere Seite." Schlagartig schnitt seine Stimme wieder wie blanker Stahl. "Aber ich werde Alexanders Mörder finden. Und von Ihnen möchte ich erfahren, was Sie wissen."
"Ich weiß nichts. Wirklich nichts!"
Die Angst in Pollmanns Stimme, auch wenn er versuchte sie zu unterdrücken, klang deutlich und ehrlich genug durch. Meixner sah ein, dass er so nicht weiter kam. Also stand er auf und ging zur Tür.
"Wollen Sie - gehen?!"
Unglauben und ein klein wenig Hoffnung glomm in Pollmanns Augen auf, aber Meixner vernichtete sie sofort mit einem zynischen: "Nein, nein. Keine Angst."
Entrückt aller irdischen Welt wand sich das Mädchen auf dem Teppich neben der Tür. Der Slip war ihr bis in die Kniekehlen gerutscht und kam dort nicht weiter, weil sie krampfhaft versuchte die Beine so weit es nur ging zu spreizen. In ihrer keuchenden Hektik bemerkte sie nicht, dass Meixner über sie hinweg stieg und die Tür öffnete.
Tatsächlich stand Pensant noch dort, wo er ihn verlassen hatte und unterhielt sich mit einem Mädchen. Und eigentlich hätte es, dank der dröhnenden Musik und der Anwesenheit des Mädchens, einiger Mühen bedürfen müssen, bis Meixner ihn auf sich aufmerksam hätte machen können. Aber Pensant wandte sich beinahe im gleich Augenblick um, als Meixner ihn entdeckte und löste sich von der Theke. Als der auf den ersten Blick so unscheinbar und jung wirkende Mann in das Zimmer trat und das Mädchen auf dem Boden bemerkte, stockte er kurz und hob missbilligend eine Augenbraue. Dann erlaubte er sich ein mitleidiges Lächeln und schloss die Tür hinter sich.
Mit einem Schlag war es wieder fast still in dem Raum. Fast, wenn man von dem Mädchen absah, das sich beharrlich auf ihr Ziel hinarbeitete. Aber gegen den Krawall im Lokal war sie beinahe unauffällig ruhig.
In einer Welle der Erleichterung huschte so etwas wie ein Lächeln über Pollmanns Gesicht. Dabei wusste er selbst nicht genau, was er eigentlich erwartet hatte. Aber bei Pensants Anblick zog er die leere Hand wieder unter dem neben ihm liegenden Sakko hervor. Was Meixner einen Blick auf das Stück Metall darunter erlaubte.
"Christoff, du?!"
"Ich glaube, Herr Pensant wird vielleicht einige Ihrer Bedenken zerstreuen können", meinte Meixner wieder mit sanfter Stimme und einem nicht zu deutenden Lächeln.
"Wenn Sie das glauben, Herr Meixner, dann wird es wohl so sein", entgegnete Pensant im gleichen Tonfall. "Aber zuerst", wandte er sich an Pollmann und wies mit dem Daumen über die Schulter, in Richtung zur Tür, "zuerst wirst Du mir doch etwas erklären wollen. Oder?"
Pollmann zog entschuldigend den breiten Schädel zwischen die Schultern und sprudelte auch schon los: "Ich bin sauber! Ehrlich Christoff. Die Kleine war schon voll mit dem Zeug als sie gekommen ist. Hab nicht heraus bekommen, mit wem sie da ist. Hat über eine Stunde voll verrückt abgetanzt. Als sie dann angefangen hat sich auf der Tanzfläche auszuziehen, da hab' ich sie weggebracht. Auch ohne einen illegalen Striptease hab' ich genug Ärger am Hals mit den Gören. Also, ich hab sie hier hereingebracht, damit draußen Ruhe ist und .. naja, es war ... ach Scheiße, du weißt schon."
Lächelnd aber ohne Freundlichkeit nickte Pensant.
"Ja, ich weiß. In deinem noblen Lokal fühlt sich keiner gestört und du kannst sie hier in Ruhe bumsen. Noch dazu eine von der Sorte, die dich nicht mal ansehen würden, wenn sie nicht bis oben voll auf Ex wären. Und außerdem bist du ja grundsätzlich der Meinung, man erspare sich so Kondome. Denn wer würde schon einem Mädchen glauben, dass behauptet, den Vater seines Kindes nicht zu kennen. - Ich kenn‘ die Geschichte, ich habe sie schon mal irgendwo gehört aber ich kann sie immer noch nicht hören! Du kennst auch meine Antwort darauf - wenn sie so dämlich ist, sich von einem wie dir bumsen zu lassen, dann ist sie selber schuld. Soll sie eben das verdammte Zeug nicht schlucken. Aber", und seine Stimme schwang von Resignation zu Angriff, "du solltest bedenken wie viele Typen in dieser Tusse schon abgeladen haben und was du dir bei ihr alles holen kannst. Also, wenn sie dir schon egal ist, du selbst solltest dir nicht egal sein!"
Pensant sah sich um und sein Blick fiel auch auf den Beistelltisch neben der Couch. Er seufzte ohne etwas zu sagen und entdeckte neben dem Sofa dann das Wenige auf einem wüsten Haufen, was sie an Kleidern getragen hatte. Pensant schob es auseinander, hob die kleine Handtasche auf und kramte darin. Pollmann stand daneben, hatte ein unechtes Lächeln im Gesicht und war sich noch nicht sicher, ob er lachen oder im Erdboden versinken sollte. Und bei der Tür stand immer noch der große, dunkle Mann, zog die Brauen hoch und meinte amüsiert: "Klingt ja fast wie ein Werbetext für Lebensversicherungen." 
Schnell hatte Pensant das Täschchen durchsucht und eine kleine Metalldose gefunden. 
"Es sind die einfachen Dinge, die den Menschen nicht mehr geläufig sind. Oder wie heißt es so schön: 'Wahrheit ist für die Menschen, was einfach klingt und oft und laut genug wiederholt wird.'"
"Marketing Schulung?"
Pensant sah ein wenig verwundert auf und schüttelte den Kopf. "Adolf Hitler. Wurde übrigens nur ein paar Kilometer von hier geboren und nicht in Braunau, wie die Legende der SS zu erzählen versucht. Falls das interessiert." 
Er warf die Pillendose Meixner zu und auch der sah hinein. Sie war zur Hälfte voll mit keinen, weißen und rosa Pillen.
"Stecken Sie das Zeug ein und vernichten Sie es bei Gelegenheit", bat Pensant auch wenn es mehr nach einer Anordnung klang. "Immer noch besser, als das Mädchen oder er bekommen so was in die Hände."
"Ich sagte dir doch, dass ich sauber bin", widersprach Pollmann sofort. 
Pensant wandte sich zu ihm um.
Mit dieser Bewegung schien plötzlich der ganze Raum zu schwanken, schien sich die Erde selbst wie eine bockige Stute aufzubäumen und eine in rotem Licht pulsierende Wolke auszuspeien die Pensant Gestalt wachsen ließ. Seine Präsenz erfüllte den Raum mit einem Schlag übermächtig, bis zum Ersticken und schien alles Lebendige in sich aufzusaugen.
"Du!"
Er ließ die Hand wieder sinken, mit der er auf Pollmann gezeigt hatte, und der Spuk war schlagartig vorbei. Da war wieder nur dieser jung und unscheinbar wirkende Mann, der ruhig meinte: "In deinem Interesse möchte ich dich auch niemals mit so was erwischen."
Pollmann aber zitterte, als würde er jeden Augenblick in Ohnmacht fallen.
Blinzelnd stand Meixner da und begriff mit einem Mal, dass diese seltsame Unruhe, die er seit seiner Ankunft verspürt hatte, nichts mit dem Auftrag zu tun hatte und auch nicht direkt mit Heymann oder diesem eigenartigen Pensant. Ihm wurde wieder bewusst, was ihn als Kind schon verunsichert hatte. Dass sich hier alles anfühlte, als würde es unter Spannung knistern. Dass der Boden unter seinen Füßen zu vibrieren schien und gleichzeitig in jener unfassbaren Bewegung des Erstarrens zu verweilen. Er empfand, als wandelte er in einem riesigen Kraftfeld. Das pulsierte, das lebte, das Leben gebar und Leben auch so leicht wieder vernichtete. Dieses ganze Land war ihm als Kind wie eingehüllt in eine geheimnisvolle Magie erschienen, die er weder erklären konnte noch erklären wollte. Er verstand nur, dass dem immer schon so gewesen sein musste, wie sonst hätte diese Gegend einen so bleibenden Eindruck in seinen jungen Jahren hinterlassen können. Und er verstand mit einem Mal auch, warum Heymann hierher zurück gekehrt war, warum Pensant hier lebte. Und er verstand, warum die wenigen Jahre, die er in seiner Jugend hier verbracht hatte, eine so machtvolle Erinnerung waren. Sie alle waren einander verbunden in dieser urtümlichen Kraft, wie durch eine geheimnisvolle Energie. Vielleicht wirklich fast schon Magie.
Pensant hatte sich ungerührt auf die Lehne der Couch gesetzt und begonnen Meixners Geschichte zu erzählen, soweit er sie kannte. Also gab es nicht viel zu sagen und kurz nachdem er geendet hatte und Pollmann schon Luft für eine Antwort holte, unterbrach das Mädchen auf dem Teppich durch einen kurzen, hellen Schrei, der in ein langgezogenes Stöhnen überging. Dann rollte sie sich auf die Seite und schlief auf der Stelle ein, die Hand fest eingeklemmt zwischen den dünnen Schenkeln.
"Nun", meinte ein ruhiger gewordener Pollmann, dem man ansah, dass ihm eine Last von den Schultern genommen worden war, "da Christoff Sie hierher gebracht hat und nach all dem, was er mir erzählt hat, sehe ich keinen Grund mehr, warum ich Ihnen nicht helfen sollte. Aber Sie werden verstehen, dass die augenblickliche Situation nicht sonderlich dazu beiträgt sich einem Unbekannten anzuvertrauen. Möchten Sie etwas trinken? Ich habe da einen ausgezeichneten alten Scotch. Möchten Sie versuchen?"
Meixner lehnte dankend ab und Pensant bediente sich selbst - mit einem sparsamen Bruchteil der Menge die sich Pollmann ins Glas schüttete.
"Eigentlich, wenn ich es genau überlege, weiß ich gar nicht, was Alexander genau gemacht hat. Er erzählte immer nur gerade soviel, dass jeder Beteiligte wusste, was er zu tun hatte. Wenn man also ehrlich ist, dann vereinigte er in sich Idee, Planung und einen großen Teil der Durchführung. Wir anderen waren bestenfalls Statisten - ich glaube, ‚Handlanger‘ würde sogar noch besser passen. Eines schönen Tages stand er jedenfalls einfach vor mir und sagte tu' das oder tu' jenes. Wenn ich heute so zurück denken, dann fällt mir auf, dass er mich niemals gefragt hat, ob ich es überhaupt tun will. Er hat es einfach angeordnet. Bei späteren Aktionen war dann auch Christoff manchmal dabei. In einigen Fällen zeigten wir die Zwischenhändler bei der Polizei an und manchmal - naja, da waren unsere Aktionen auch nicht so lupenrein. Auf jeden Fall hatten wir Erfolg. Allein schon aus dem Grund, weil uns niemand mit der ganzen Sache in Verbindung brachte. Die Polizei wusste natürlich von Alexander, aber nur von ihm. Und selbst die kannten ihn nur als Informanten. Woher die anonymen Hinweise und Beweise wirklich kamen, das dürften sie zwar geahnt haben, aber zwischen ahnen und wissen ist ein weiter Weg. Und etwas wissen und etwas beweisen können sind noch mal zwei verschiedene Dinge. Aber jetzt ist er tot. Irgend jemand hat ihn auf offener Straße wie einen streunenden Köter abgeknallt. Aber warum musste Alexander sterben? Wer war der Mörder? Und warum gerade jetzt, zu diesem Zeitpunkt?"
"Was werden Sie jetzt tun?" bohrte Meixner leise weiter aber Pollmann starrte ihn nur verständnislos an.
"Tun? Wieso tun?"
"Nun, werden Sie weitermachen?"
Die Verwirrung wich aus Pollmanns Blick und machte einer grenzenlosen Überraschung Platz.
"Weitermachen?! Einen Scheißdreck werde ich tun, ich bin doch nicht verrückt!"
Meixner wollte etwas sagen, aber der füllige Mann schwang sich nach der Scotchflasche herum und unterbrach den noch nicht begonnenen Satz mit einer hastigen Handbewegung.
"Hören Sie mal Meixner, ich werde versuchen es ihnen zu erklären."
Ein wenig von dem Whisky ging daneben, so schwungvoll schenkte er sich ein. 
"Alexander Heymann hatte viele Feinde. Das ist mir schon klar und es ist mir auch klar, dass es wahrscheinlich tausend andere Gründe für hunderte Menschen gab, ihn zu töten. Aber ich für meinen Teil bin felsenfest davon überzeugt, dass ihn einer von unseren gierigen Bullen für einen Haufen Geld verpfiffen hat und dass er deswegen beseitigt wurde. Die Bullen und der Auftraggeber des Mordes, die wissen jedoch nur von einem Mann, aber sie können sich sehr gut denken, dass er Helfer gehabt hat. Wenn ich jetzt auch nur daran denke weiter zu machen, dann kann ich mir gleich hier und jetzt eine Kugel durch den Kopf jagen. Mir geht der Arsch mit Grundeis auch so, ohne dass jemand durch meine Tür herein spaziert und mir sagt, mit wem ich mich anlegen soll. Ich habe schlicht und ergreifend Angst, verstehen Sie das? Eines war mir nämlich von Anfang an klar: Es gibt in diesem Spiel einen Punkt, an dem es zu ersten Mal einen Toten gibt. Bis zu diesem Punkt ist es relativ ungefährlich. Aber wenn es einmal einen Toten gegeben hat, dann folgen ein Haufen weiterer - wenn du das Spiel weiter spielst und nicht den Kopf einziehst und untertauchst. So war es immer und so wird es immer sein und ich hatte immer eine Scheißangst dabei! Auch schon, als noch alles so schien, als wäre das Ganze völlig in Ordnung - und was glauben Sie, wie ich mich fühle, seit Alexander das Zeitliche gesegnet hat! Tag und Nacht schleppe ich dieses Ding mit mir herum."
Seine Hand fuhr unter die Jacke und holte eine Pistole aus einem Halfter. Karl Meixner hatte die sanfte Ausbeulung schon bemerkt, als er den Raum betreten hatte und auch der Griff, als er Pensant aus dem Lokal holte, war ihm nicht entgangen. Ein flüchtiger Blick auf das matte Stückchen Stahl in der großen Hand genügte aber um sie augenblicklich uninteressant zu machen. Es war eine Walther PPK - nicht die richtige Waffe und nicht das richtige Kaliber. Aber das hatte er auch gar nicht erwartet. 
Allerdings war Pensant erstaunt, wenngleich er nur wenig davon zeigte.
"Ich wusste gar nicht, dass du so ein Ding besitzt", stellte er fest.
"Ich hab' von Anfang an gewusst, dass es eines Tages mächtigen Ärger geben würde, und da habe ich mir dieses Ding - diese Walther - besorgt. Sie ist lange genug herumgelegen, aber seit Alexanders Tod ..."
Er vollendete den Satz nur mit eine vagen Handbewegung, aber Meixner sah man förmlich an, dass er die Ohren spitzte.
"Sie haben also keinen Waffenschein", wollte er wissen und Pollmanns Mund klappte nicht mehr zu. Er benötigte einen Augenblick um sich zu fangen.
"Äh, nein. - Nein, ich hab keinen. Aber wie um alles in der Welt kommen sie darauf?"
Meixner lächelte. Verbindlich. Zum ersten Mal seit er diesen Raum betreten hatte, denn er witterte eine neue Fährte.
"Sie sagten 'besorgt' und nicht 'gekauft'. Wo haben Sie sich die Waffe besorgt? Gibt es hier jemanden, bei dem man illegal eine Waffe bekommen kann?"
"Die? Die hat mir Alexander besorgt. Woher genau oder von wem kann ich Ihnen nicht sagen. Er hat es mir nicht gesagt und ich habe ihn auch nicht danach gefragt."
Sein Lächeln war bereits wieder verschwunden als Meixner nickte. Wieder eine Spur, die sich im Nichts verlor.
"Und sonst wissen Sie nichts?"
Nervös öffnete Pollmann die Zigarrenkiste, die auf dem Tischchen neben seinem Sessel gestanden hatte und hielt sie Meixner entgegen. Der sah, dass sie voller Zigaretten war und wehrte mit eine Handbewegung ab. Pollmann nahm sich umständlich eine der Zigarette aus der Kiste und zündete sie sich noch umständlicher an. Es ließ sich nicht verbergen, dass seine Hände zitterten.
"Irgendwie bin ich mir nicht so ganz sicher, dass Sie mir alles erzählt haben, was Sie wissen. Denken Sie doch in Ruhe noch einmal nach", wiederholte Meixner seine Aufforderung.
"Ich habe Ihnen wirklich alles gesagt, was ich weiß", beteuerte Pollmann mit einer fast glaubwürdigen Unschuldsmiene während seine Hände noch immer unruhig mit der Kiste spielten und die Einlegearbeiten nach zeichneten. Es war eine sehr schöne Arbeit, im chinesischen Stil. Aber der Mann dahinter zog sich in sein Schweigen zurück.
Geradezu genüsslich lehnte sich Meixner zurück. Es zahlte sich also doch aus, dass er in Ruhe das Paket Akten über die Hintergründe durchgesehen hatte, das der Kommissar zusammen getragen und ihm zur Verfügung gestellt hatte.
"Dann werden Sie mir gestatten, dass ich die Geschichte so erzähle, wie ich sie sehe. Sie habe Alexander bei seinen Störaktionen gegen den Rauschgifthandel geholfen. Sie haben die Zwischenhändler angezeigt, die kleinen Dealer bei ihren Kunden unmöglich gemacht oder einfach vertrieben. An sich ein sehr lobenswertes Hobby, wenn da nicht nebenbei noch ein paar etwas merkwürdige Dinge geschehen wären. Sie sollen sehen, dass ich nicht ganz unvorbereitet und zufällig zu Ihnen gekommen bin. Ich weiß zum Beispiel, dass, kaum dass ein alter Händler vertrieben war, schon ein neuer bereit stand um das verwaiste Gebiet zu übernehmen. An sich nichts Ungewöhnliches, wenn man davon absieht, dass sich bei Ihnen das meist noch am selben Tag zugetragen hat. Und diese neuen Leute hat niemand angezeigt, unmöglich gemacht oder gar belästigt. Das alles erfordert neben einer ausgezeichneten Organisation noch eine andere äußerst wichtige Kleinigkeit - nämlich präzises Wissen um Alexanders Vorgehen, seine Strategie und seine Pläne. Sie, Pensant, hatten weder die Mittel, noch die Leute oder die nötigen Verbindungen dazu. Soll ich weiter erzählen? Soll ich Sie darauf hinweisen, dass nur drei Männer dieses Wissen haben konnten? Soll ich Sie daran erinnern, dass Sie vor wenigen Minuten selbst gesagt haben, es wäre Ihnen unverständlich, weswegen Alexander gerade jetzt sterben musste - gerade zu dem Zeitpunkt, als der ganze Plan so wunderbar zu laufen anfing? Ihr Plan."
Pollmann erstarrte unter dem forschenden Blick des großen Mannes wie eine Maus vor der Schlange und schwitzte nun aus allen Poren. Er wartete nur mehr auf den tödlichen Biss. Aber der kam nicht. Etwas irritierte Meixner. Irritierte ihn so sehr, dass er für den Bruchteil einer Sekunde völlig auf das schwitzende, schwammige Häufchen Elend vor sich vergaß. 
Er bemerkte Pensant Blick.
Was er da vorbrachte war eine geradezu ungeheuerliche Anschuldigung. Aber der stille, unscheinbare Mann wirkte weder erstaunt noch berührt - und schon gar nicht wütend. Da war nur das Gefühl von Mitleid, dass Meixner entgegen schlug. Endlich bewegte sich Pensant. Stand geschmeidig auf, ging an die Bar und schenkte sich nach. Dabei wandte er dem großen, dunklen Mann den Rücken zu, aber er tat es mit so viel Selbstverständlichkeit, dass es jedes weitere Wort unterdrückte. Erst als die Flasche wieder stand wo sie hingehörte, drehte er sich den beiden sitzenden Männern zu. Sein Blick ruhte wie zuvor auf Meixner. Abschätzend, diesmal. Überlegend, wie viel er diesem Mann erzählen konnte. Dabei wusste er schon längst, dass es keinen Weg mehr zurück gab. Er nahm einen Schluck und holte tief Atem, seine ersten Worte aber galten Klaus Pollmann.
"Schaff das Mädchen raus."
"Aber die schläft doch", wandte der ein. "Die weiß doch morgen nicht ..."
"Schaff sie raus." Es war kein Befehl. Das war die Stimme eines Mannes, der nicht einmal einen Gedanken daran verschwendet über seiner Anweisungen zu diskutieren.
Pollmann erhob sich schwerfällig und schlurfte zu dem Mädchen neben der Türe. Als er ihr unter die Arme griff, seine Finger tief in das feste Fleisch ihrer Brüste vergrub um sie hoch zu heben und in ein anderes Zimmer schleiften, hätte man meinen können, sie wäre so lebendig wie eine Gummipuppe.
"Wie lange haben Sie nichts mehr von Alexander gehört, Herr Meixner?"
"Nun - das ist doch schon einige Jahre her", antwortete der überrascht und Pensant nickte mit einem leichten Lächeln auf den Lippen.
"Das habe ich mir gedacht. Denn an sich sind Ihre Überlegungen nämlich äußerst präzise - bis auf einen kleinen, aber wesentlichen Fehler. Es gib nämlich noch eine vierte Möglichkeit, die Sie allerdings konsequent ausschließen. Ja glauben Sie wirklich, Alexander hätte nicht mit den Auswirkungen, so wie sie Ihnen vorschweben, gerechnet? Alexander Heymann, der große Trickser? Der Mann, der immer noch einen doppelten Boden parat hatte? Noch ein Ass im Ärmel? Dann unterschätzen Sie ihn ganz gewaltig. Diese vierte Möglichkeit, die Sie so bewusst übersehen, besagt, dass alles ganz genau so abgelaufen ist, wie Sie es jetzt erkennen - nur war es von Anfang an so geplant. Von Alexander selbst so geplant!"
Karl Meixner konnte nicht verhindern, dass sein Gesicht vor Überraschung fahl wurde. "Niemals!" flüsterte er. "Niemals hätte Alexander Heymann mit einem Dealer gemeinsame Sache gemacht!"
Pensant sah ihn an, lächelte und betrachtete nachdenklich sein Glas.
"Ihrer Reaktion ist berechtigt und war vorhersehbar. Jeder der Alexander kannte, musste so reagieren. Sagen wir mal, diese Probe haben Sie bestanden. Und jetzt überlegen Sie weiter: Alexander hasste Dealer - aber was hasste er noch, und zwar mindestens genau so sehr?"
Karl Meixner schluckte und hatte Mühe seine plötzliche Verwirrung wieder unter Kontrolle zu bringen, sich gegen dieses übermächtige Gefühl der Vertrautheit, dass von diesem hageren Mann ausging zu wehren. Aber allmählich begann sein Gehirn wieder zu arbeiten.
"Alexander - zumindest genauso wie Dealer hasste er - hasste er die Einschränkung der persönlichen Freiheit."
"Bingo", grinste Pensant. "Und schon haben wir ein geradezu klassisches Paradoxon - auf der einen Seite der Verfechter der persönlichen Freiheit, auf der anderen Seite das von ihm verordnete Verbot von Drogenkonsum. Alexander war sich durchaus im Klaren, dass er entweder gegen eines seiner Prinzipien verstoßen oder einen Kompromiss als Lösung finden musste."
"Da ich mir nicht vorstellen kann, dass ein Mann wie Alexander Heymann so einfach ein Prinzip über Bord wirft", überlegte Meixner laut, "muss er also eine Lösung gefunden haben."
Pensant nickte anerkennend und setzte sich wieder hin. Jetzt erschien auch Pollmann endlich wieder aus dem nächsten Raum, in den er das Mädchen geschleift hatte.
"Ich glaube, die Kleine wacht auf", meinte er, während er die Sachen des Mädchens zusammensuchte um wieder in dem düsteren Gang zu verschwinden, der irgendwo nach hinten führte. "Ich bringe sie nach Hause, ihr kommt doch sicherlich auch ohne mich zurande."
Pensant wollte etwas erwidern, aber Pollmann hatte schon die Tür hinter sich geschlossen. Leise, wie zu sich selbst, meinte er: "Manchmal bin ich mir wirklich nicht sicher, ob mich seine Art mit Frauen umzugehen deshalb so aufregt, weil sie mich abstößt oder weil ich ihn beneide."
Er nahm wieder einen Schluck und wandte sich dem dunklen, lauernden Mann zu, der ihm gegenüber saß.
"Ein Gebiet von Drogendealern frei zu halten ist etwa so erfolgreich, wie ein Loch im Wüstensand mit Wasser zu füllen“, fuhr er ruhig fort. „Darum war Alexanders Plan, das Problem von der anderen Seite her aufzurollen - vom Verbraucher. Wenn es kaum mehr Konsumenten, also Süchtige gibt, dann ist auch das Geschäft mit dem schleichenden Tod auch nicht mehr interessant. Wir mussten also in der ersten Phase des Planes das Gebiet übernehmen, um an die Süchtigen heranzukommen. Ich gehe davon aus, dass Sie wissen, dass, wer den Markt beherrscht auch die Preise und das Angebot diktieren kann. Wir hätten also in einer späteren Phase nur noch die Preise so in die Höhe treiben müssen, dass ausreichende Mengen unerschwinglich würden. Andererseits war darauf zu achten, dass sich die Konsumenten nicht billigere Ware von außen verschafften oder versuchten das Geld auf illegalem Weg aufzutreiben. Gleichzeitig mussten attraktive Angebote geschaffen werden für jene, die den Ausstieg aus der Szene wagen wollten. Ein ziemlich komplexer aber geradezu lächerlich einfacher und möglicherweise äußerst wirkungsvoller Plan."
"Möglicherweise?"
"Ich muss gestehen, ich war von der Durchführbarkeit dieses Planes nicht wirklich überzeugt. Vor allem von dem Teil, was die Vermeidung der Verbrechen durch Süchtige angeht, ums sich Geld zu beschaffen. Meiner Erfahrung nach ist die Phantasie der Menschen, vor allem ihre perverse Phantasie, ebenso grenzenlos, wie ihre Dummheit und es ist der Menschheit noch immer gelungen die humansten Pläne in ihr Gegenteil zu verkehren. Ich war nicht wirklich davon überzeugt, dass es funktionieren würde, aber nichts desto trotz gelang es Heymann mir klar zu machen, dass man es zumindest versuchen sollte. Frei nach Heymann, kann man einem Menschen nicht verbieten sich selbst zu ruinieren, aber man kann aufpassen, dass er sich dabei nicht umbringt."
Karl Meixner starrte vor sich auf den Boden und wusste allmählich wirklich nicht mehr, was er glauben sollte. Diese ganze Idee war verrückt - so verrückt, dass sie wirklich von Heymann stammen konnte. Aber wie sollte er das jemals herausfinden?
"Ich sehe, Sie zögern noch. Aber ich versichere Ihnen, dass weder Klaus Pollmann noch ich einen Grund hatten Heymann zu ermorden. Und wir haben es auch nicht getan."
Meixner hob den Kopf und sah seinem Gegenüber einen Moment in die so ruhigen und doch so lebendigen, braunen Augen. Und eigentlich war es ja egal. Er kannte die Antwort, er kannte sie die ganze Zeit schon, und besser als jeder andere. Trotzdem musste er diese eine Frage noch stellen. Sozusagen um die Form zu wahren.
"Ich kann Ihre Geschichte nicht überprüfen, denn ich nehme an, Pollmann wird wohl alles bestätigen, was immer Sie mir auch sagen. Deshalb stehe ich jetzt vor der Entscheidung, ob ich Ihnen überhaupt vertrauen kann. Beantworten Sie mir deshalb eine Frage: Wo waren Sie zur Tatzeit?"
Das Lächeln auf Pensants Lippen wurde um einen Gedanken breiter aber auch nachdenklicher.
"Wenn mich nicht alles täuscht, dann stellt sich Ihnen diese Frage vor allem, weil in Ihnen ein Widerspruch besteht zwischen dem, was Sie fühlen und dem, was Sie denken. Vielleicht benötigen Sie aber auch einfach nur mehr Zeit um zu begreifen. Zu Ihrer Frage könnte ich Ihnen jetzt erzählen, dass ich zur Tatzeit auf der Party war. Aber wenn ich das sagte, dann würde ich lügen." Er machte eine kleine Pause und grinste schief bevor er in seiner bedächtigen Art weiter sprach. "Das wissen Sie und das weiß ich. Wo war ich nun wirklich? Vielleicht - nun, vielleicht war ich zwar in dem Gebäude, aber doch nicht bei dieser Party. Vielleicht unterhielt ich mich, ein wenig abseits, mit einer schönen, intelligenten, bezaubernden und heißblütigen, wenngleich auch nicht mehr ganz so jungen Frau, die vielleicht nur einen einzigen Fehler hat, nämlich den, mit einem ziemlich eifersüchtigen und groben Kerl verheiratet zu sein. Und ihn auch noch zu lieben. Sie werden mich sicherlich verstehen, wenn ich sage, dass ich diese allerliebste Dame ganz sicherlich nicht in einer so kompromittierenden Situation bloßstellen werde."
Er lächelte Karl Meixner freundlich an aber der war sich keineswegs sicher, ob der andere ihn schlichtweg verhöhnte oder nur wieder eines seiner Spielchen mit ihm trieb. So naiv wie er sich gab, konnte er nun unmöglich sein.
"Wissen Sie überhaupt, was Sie da sagen?" fragte ihn Meixner eindringlich, aber Pensant lacht nur auf.
"Natürlich weiß ich das. Ich sage, dass ich kein Alibi habe!"
"Sie scheinen sich nicht im Klaren darüber zu sein, dass es hier um Mord geht!"
Mit einem Schlag verschwand das kecke Lächeln aus dem Gesicht des schlanken Mannes und seine kalte, harte Stimme krachte über Meixner zusammen. Und der musste wiederum erkennen, wie unverzeihlich wenig er doch über diesen Menschen wusste.
"Ich habe kein Alibi. Aber ich habe Alexander Heymann auch nicht ermordet und darum ist für mich die Frage des Alibis nicht wichtig. Ihre Aufgabe ist es, jemanden zu finden, den Sie des Mordes überführen können und ich bin mir völlig sicher, dass Sie diesen jemanden finden werden, der Ihnen ein brauchbares Geständnis liefert. Und weil das nicht ich sein werde, darum benötige ich auch kein Alibi."

Es hatte zu schneien begonnen. Zuerst waren da nur ein paar vereinzelte Flocken wie ängstlich durch das Dunkel gehuscht, durch die Kegel aus Licht getorkelt, welche die Scheinwerfer aus diesem Dunkel schnitten. Aber schon nach wenigen Minuten hatten die Scheibenwischer größte Mühe auch nur annähernd freie Sicht zu schaffen. Freie Sicht auf eine weiße Wand vor ihnen. Meixner starrte schweigend in das wirbelnde Chaos hinaus und begann sich zu fragen, wie Pensant es eigentlich schaffte, auf der Straße zu bleiben. Als hätte der seine Gedanken erraten meinte er mit einem leisen Lächeln in der Stimme: "Alles nur eine Frage der Übung. Und des Gefühls. Natürlich hilft es auch, die Strecke zu kennen und zu wissen, nach welchen Orientierungspunkten man Ausschau halten muss."
"Finden Sie nicht, dass Sie zu schnell fahren?"
"Ich finde 30 Stundenkilometer sind den Verhältnissen angepasst. Und außerdem ist es gleich vorbei."
Meixner sah erstaunt zu dem ruhigen Mann hinüber, dessen konzentriertes Gesicht der Schnee mit dem kalten, reflektierten Licht der Scheinwerfer beleuchtete. Und Pensant sollte recht behalten. Schon nach wenigen Minuten ließ der Schneefall nach und hörte dann gänzlich auf.
"Erstaunt?"
"Wie meinen Sie das?"
"Sie haben doch erwartet, dass es jetzt noch länger so schneit, dass die Straßen blockiert werden und alles - wie heißt es so schön - in weißer Pracht versinkt."
Meixner leistete sich ein dünnes Grinsen.
"Nun, zugegeben, in meiner Erinnerung sehen die Winter hier ein wenig anders aus. Woher wussten Sie, dass es nicht lange vorhalten würde?"
"Es hat nicht danach gerochen."
"Gerochen?!"
"Ja, gerochen. Haben Sie nie 'Das Parfüm' von Süßkind gelesen? Alles hat einen Geruch, also auch der Schnee."
Der dunkle Mann auf dem Beifahrersitz quittierte den letzten Satz nur mit einem ungläubigen Blick und Pensant lachte vergnügt.
"Ich kann Sie beruhigen", gestand er grinsend. "Ich kann Schnee ebenso wenig riechen wie Sie. Naja, vielleicht doch ein wenig, denn wenn es hier lang und viel schneien wird, dann hat es eine bestimmte Temperatur, eine bestimmte Luftfeuchtigkeit und es gibt einen bestimmten Wind - man könnte also wirklich soweit gehen und behaupten, wenn man lange genug hier gelebt hat, dann kann man am Geruch des Windes erkennen, ob er Schnee bringt."
"Also alles nur eine Sache der Übung und Naturbeobachtung", wollte Meixner höchst unverbindlich darüber hinweg gehen. Ebenso unverbindlich hätte Pensant antworten können und die belanglos Konversation am Leben erhalten, die ihnen die Fahrzeit verkürzt hätte. Aber er ließ sich Zeit mit seiner Antwort.
"Nicht nur", meinte er dann endlich und sehr leise. "Die meisten Menschen, auch wenn sie hier geboren wurden, lernen es nie. Sie können der Natur nicht zuhören, sie können den Wind nicht erfassen, sie können die Zeichen nicht sehen, sie können nicht - nicht - fühlen - es ist schwer zu beschreiben - jemand nannte es einmal 'das fließende Sein'."
"Ein Gefühl, als wäre der Boden unter deinen Füßen ein lebendiges, atmendes, fühlendes Wesen und man selbst bewegt und lebendig durch dessen Bewegung und Leben und doch auch ein fest verwobener, untrennbarer  Teil davon."
Karl Meixner hatte nicht mit Pensant gesprochen gesprochen, mehr in Gedanken zu sich selbst, während er beobachtete, wie der Mond durch die Wolken brach und mit dem Licht seiner halben Scheibe eine glitzernde Schneise über den frischen Schnee zog. Selbst die Bäume auf der anderen Seite der schneebedeckten Felder schienen aus dem formlosen Nichts einen kleinen Schritt ins Licht treten. Gerade soweit, dass sie Konturen, aber keine eigentliche Form oder Farbe bekamen. Es war wie eine Welle der Erleichterung, des Ausatmens, die über das Land kam. Alle Probleme und wirren Gedanken schienen mit einem Mal so unendlich weit entfernt, als wären sie gefroren mit der Zeit zu ewiger Unveränderlichkeit. Karl Meixner erlebte es, als wäre er diesen einen Augenblick in vollkommener Einsamkeit aufgegangen. Entfernt und geschützt vor der Dummheit der Menschen und den kleinlichen Dingen des täglichen Lebens. Geschützt und gefangen durch Äonen aus eisigem, glitzerndem Licht.
"Sie haben vergessen Pollmann die Frage zu stellen", durchbrach Pensants Stimme diese Einsamkeit, aber auf unerklärliche Weise wirkte sie nicht störend sondern so vertraut, als wäre sie Teil des Lichtes. Teil seiner eigenen Gedanken.
"Welche Frage?"
"Pollmann sprach davon, dass es gerade jetzt, zu diesem Zeitpunkt für uns völlig unverständlich gewesen wäre Heymann zu töten. Sie hätten ihn fragen sollen, was es denn mit diesem Zeitpunkt auf sich hatte."
"Ich bezweifle, dass Pollmann wichtig genug ist, um noch einmal zurück zu fahren. Oder?"
Pensant schwieg und Meixner war überzeugt davon, dass er nun wieder überlegte, wie viel er ihm anvertrauen konnte. Aber eigentlich hatte er sich diese Antwort schon gegeben, als er selbst davon gesprochen hatte. Mehr noch, Meixner war sich deutlich bewusst, was in Pensant vorging. So, als hätte das kalte Licht eine wortlose Verbindung zwischen ihnen geschaffen.
"Saint Exupery spricht von den göttlichen Knoten, die alles wie ein Netz verbinden. Und Alexander war davon überzeugt, dass alles Leben eine einzige Kraft ist und dort, wo sich diese Kraftlinien kreuzen, entstehen Knotenpunkte. Wir nennen sie Lebewesen. Und genau so ist auch das ganze Leben der Menschen, alles was sie schaffen, ja der ganze Kosmos nichts anderes, als ein riesiges, feinmaschiges Netz in dem jeder mit allem verbunden ist. Auch und gerade in der Welt der Menschen ist jeder vom anderen abhängig und Alexander meinte, wenn er einmal einen Angriffspunkt finden würde, dann könnte er diese Welt nach seinem Willen gestalten."
"War es nicht einer der griechischen Philosophen, der gemeint hat, er würde die Welt aus den Angeln heben können, wenn ihm nur einer den Ansatzpunkt für seinen Hebel zeigen könnte", warf Meixner ein, aber es war nicht wirklich eine Frage.
"Ich glaube, aber im Gegensatz zu den alten Griechen war Alexander in den letzten Wochen der Meinung, zumindest hat er das durchblicken lassen, er hätte etwas – Neues gefunden, vielleicht so etwas wie einen losen Faden dieses kosmischen Netzes."
Meixner antwortete nicht. Er beobachtete, wie der Mond gemächlich tiefere in graue Wolkenfetzen wanderte und das Glitzern und Leuchten erlosch. Erst als nur mehr die Scheinwerfer ihre Kegel aus der Dunkelheit schnitten und Pensant abbremste um an einer Kreuzung einzubiegen, reagierte der Mann dessen dunkles Gesicht jetzt fast völlig im Schatten lag.
"Der Zeitpunkt?"
"Wenn Alexander wirklich etwas gefunden hatte, das ihm Macht verschaffen konnte, dann wären wir als seine Partner wirklich die letzten Doofen ihn zu ermorden. Andererseits ..."
"Andererseits?"
"Nun, er hatte offensichtlich eine Spur, zumindest einen Idee. Er ahnte etwas, vielleicht wusste er etwas, was wir alle nicht wissen. Wahrscheinlich begann er Fragen zu stellen und Antworten zu suchen. Und plötzlich ist er tot. Was für ein Zufall!"
Meixner wartete auf mehr. Aber es kam nichts.
"Und?" fragte er endlich nach.
"Und - was?"
"Und was meinen Sie?"
Pensant lächelte fast zärtlich, als er sich kurz von der Straße abwandte um nach Meixner zu sehen.
"Sie fragen mich wirklich nach meiner Meinung?"
"Ja, das tue ich", antwortete der bestimmt und wieder war da dieses Gefühl, dass, wenn überhaupt irgend jemand, dann dieser merkwürdige Mann ihm helfen konnte.
"Gehen wir davon aus, dass Heymann wirklich auf etwas gestoßen ist", begann Pensant langsam und zögernd, als müsste er es sich noch einmal sorgfältig überlegen. „Dann gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Es könnte gar kein, nur ein eingebildetes oder nur ein kleines Geheimnis sein."
"Dann würde er noch leben."
Wieder lächelte Pensant.
"Genau, dann würde er noch leben. Wenn es aber ein wirkliches Geheimnis war, etwas, dass unter allen Umständen vor der Öffentlichkeit verborgen bleiben musste, und Alexander hat angefangen zu graben, dann hat er sich mit Leuten angelegt, die, sagen wir mal, im Geiste keine Europäer waren. Denen auch nichts daran liegen würde eine ganze Linienmaschine über bewohntem Gebiet in Schottland in die Luft zu jagen um einen einzelnen Mann am Sprechen zu hindern. Und die immer noch jemand gefunden haben, der für ihre Taten gerade stehen musste."
Meixner horcht voll Verwunderung in sich hinein und entdeckte, das ihm nicht das kalte Grauen übers Rückgrad entgegen kroch, er entdeckte, dass sich sein Magen nicht zusammen krampfte. Wie viel musste dieser Mann wissen, und wenn er wirklich wusste, wie sehr musste ihm Pensant vertrauen, dass er so zu ihm sprach. Und ihm wurde schlagartig klar, dass, egal wie viel Pensant auch wusste, er niemals etwas gegen diesen Mann unternehmen konnte. Aber es erleichterte seine Aufgabe nicht gerade.
"Sie meinen”, tastete er sich vorsichtig weiter, ”wenn ich den Mörder finde, dann finde ich auch das Geheimnis? Oder finde ich den Mörder vielleicht nur über das Geheimnis?"
"Nein. Nein, das glaube ich nicht. Es ist nicht meine Aufgabe Ihnen Ihren Job schwerer zu machen, als er schon ist. Denn ich biete dann auch noch die Möglichkeit, dass alles ganz anders war. Genau anders herum. Vielleicht war das Geheimnis ja nur eines für Alexander. Niemand anderen hätte es interessiert."
Allmählich wurden die Wolkenfetzen wieder dünner. Das Licht des Mondes brach wieder stärker hervor und ab und an blitzten Sterne auf.
Pensant grübelte und auch Meixner versank immer mehr in dem dichten Schweigen weil er so gar nichts mit diesen Ideen anfangen konnte. Nur der Motor brummte und das Geräusch der Reifen war zu hören. Auch als der Wagen langsamer wurde, als sie auf eine der unzähligen Kreuzungen zurollten. Immer langsamer rollte der Wagen bis er endlich vor der verlassenen Kreuzung anhielt. Pensant starrte nur gerade voraus ohne zu reagieren. Auch Meixner saß tief eingesunken in sein Schweigen und in sich selbst. 
Da war wieder diese Spannung, die wie eine Welle durch den Boden lief, dieses Zittern, das sie tief im Innersten erbeben ließ. Ein Zucken. Wie eine Woge, die langsam über ihnen weg rollte. Doch diese Mal riss es ihn mit sich.
Da ist ein Dunkel zwischen zwei großen, alten Bäumen. Wie ein mächtiges Tor zu der kleinen Lichtung dahinter. Hinaus in das Licht des halben Mondes und der funkelnden Sterne eines völlig klaren Himmels. Der Atem gefriert in großen, dichten Schwaden, aber da ist keine Kälte. Auch keine Verwunderung. Nur die unendliche, mächtige Ruhe, völlige Geborgenheit und Unverletzlichkeit dieses Orts. Eine Amsel im Gras, mit traurigen Augen. Mitten auf der Lichtung Pensant, in stillem Gespräch vertieft. Mit einem Mal kommt der Andere auf ihn zu. Einen guten Kopf kleiner, kräftig gebaut und voller Verwunderung. Ein dichter Oberlippenbart teilte sein Gesicht in zwei Hälften, verbirgt die großflächigen Narben einer Verbrennung an der rechten Seite und bildete mit den schulterlangen, gewellten Haaren einen beeindruckenden Rahmen für zwei klare, durchdringende Augen. Nachdenklich starrt der Mann ihn an, sagt etwas und wendet sich wieder Pensant zu.
Der Wagen hielt vor der Kreuzung an. Pensant starrte aber nur gerade aus. Endlich wandte er sich dann doch herum und sah langsam zu dem Mann, der mit überaus verwirrtem Gesichtsausdruck auf dem Beifahrersitz saß.
"Was heißt ‚rondantor‘?" murmelte der. Pensant blinzelte, tat, als hätte er die Frage nicht gehört und bog endlich in die Kreuzung ein. Allmählich näherten sie sich schweigend den Vororten der kleinen Stadt und auf der Straße vor ihnen überstrahlten vereinzelte Laternen das Licht des Mondes.
"Es würde mich eigentlich wundern, wenn der Mörder um Alexanders Geheimnis wusste", nahm Pensant ihr unterbrochenes Gespräch plötzlich wieder auf. "Vielleicht ahnt er etwas, oder er kennt einen Bruchteil, aber ich glaube sehr viel eher, dass derjenige, der geschickt wurde um die Drecksarbeit zu erledigen, nicht wusste, warum dieser Mann sterben musste."
"Ein Mann also, der Befehle ausführt und keine Fragen zu stellt."
Pensant antwortete nicht. So fuhren sie schweigend durch die kleine Stadt bis Pensant vor dem Gasthof abbremste.
„Und in Wahrheit ist sicherlich alles viel primitiver“, schloss er dort energisch. „Wen kümmern schon Geheimnisse, große oder kleine oder eingebildete. Gier, Hass und Neid – dass ist es, was die Menschen antreibt. Das ist immer der Grund.“
Meixner sah ihn lange und schweigend an. Dann nickte er, verabschiedete sich mit einem gemurmelten Gruß und stieg aus. Während Pensant den große, dunkelhaarige Mann beobachtete, der in dem Gebäude verschwand, grub sich ein leichtes, zynisches Lächeln auf sein Gesicht.
"Du hast wirklich schon viel vergessen", seufzte er. "Sonst hättest Du mich auch nach dem unlogischen Grund gefragt. Nach dem scheinbar unlogischen Grund", verbesserte er sich und wendete den Wagen. Doch bevor er fuhr warf er noch einen langen Blick auf das Haus in dem er den großen, dunklen Mann wusste.
"Der Alte hat dir das ‚Rond-a-N‘Tor‘ prophezeit, das Feuer der Reinigung. Ich kann mir weder vorstellen, dass jemand das alte Ritual durchführt, noch, dass jemand es überlebt. Andererseits - vielleicht hatte Alexander doch recht, was auch immer er in dir gesehen hat."

Das kalte, grelle Licht in dem Durchgang erlosch und Karl Meixner stand immer noch hinter dem Eingangstor. Weil er sich nicht entschließen konnte, weiter zu gehen. Weil er sich nicht entschließen konnte um zu drehen. Wohin sollte er gehen? Wohin sollte er umkehren? Sein Kopf schwirrte vor lauten aufgeregten Gedanken, die sich weder fassen noch in eine Ordnung bringen ließen. Was sollte er mit Pensants Geplapper über ein Geheimnis anfangen? Konnte er damit etwas anfangen? Und dieser eigenartige Tagtraum. War er im Wagen kurz eingeschlafen? So etwas durfte ihm nicht geschehen! Und war es auch noch nie. Eine solche Nachlässigkeit wäre schlicht unverzeihlich, er hatte hier einen Job zu erledigen! Und genau das würde er auch tun. Ganz egal, was ihm Pensant oder sonst jemand erzählte. Er gab einen Plan, und daran würde er sich halten. So einfach!
Er machte einen Schritt und das unbarmherzige Licht sprang wieder an. Automatisch blinzelte Meixner in dem grellen Licht und sah sich um. Da war niemand in dem Durchgang. Und beinahe war er ein wenig enttäuscht ohne zu wissen, was er den vielleicht erwartet hatte.

Das Lokal war so gut wie leer. Die wenigen Leute waren kaum der Rede wert und verhielten sich entsprechend unauffällig. Meixner saß am Tresen und blickte gebannt in seinen Kaffee, als liege dort, auf dem Grund der Tasse verborgen, die Lösung aller Fragen. Wieder ein Tag vergangen und er war seiner Lösung noch keinen Schritt näher gekommen. Alles, was ihm der Besuch der letzten Nacht mit Pensant eingebracht hatte, waren klingende Ohren und mehr Fragen statt Antworten.
Christoff Pensant!
Allein der Gedanke an diesen Mann brachte Meixner dazu das Gesicht zu verziehen. Es gelang ihm einfach nicht, aus diesem Kerl klug zu werden. War er wirklich so einfältig, wie er sich stellte, oder war er der ausgekochteste Gauner, dem Meixner jemals begegnet war. Oder kannte er einfach die Wahrheit - eine Wahrheit über die er, so wie viele andere, einfach nicht sprach. So, als würden Wahrheiten verschwinden, wenn man sie verschwieg. Oder Geheimnisse in Vergessenheit geraten. Ah, Pensant und seine Geheimnisse! Beide konnten ihm gestohlen bleiben. Nein, Pensant wusste, rief eine laute Stimme in seinem Inneren. Pensant wusste, wo andere ahnten. Er verstand, wo die Menschen rieten, er hatte begriffen, was Menschen verborgen bleiben sollte!
Aber da war auch noch etwas anderes. Dieser merkwürdige, hagere Mann hatte eine Saite in ihm selbst zum Schwingen gebracht, von der er gemeint hatte, sie inzwischen überwunden zu haben. Mit unaufhaltsamer Wucht drängte sich ihm der Gedanke ins Bewusstsein, wie lange er selbst schon schwieg. Schwieg, auch sich selbst gegenüber. Wie lange er sich nun schon weigerte über Dinge nachzudenken, die er wissen hätte müssen, aber nicht wissen wollte. Wie perfekt er gelernt hatte, seine Gefühle mit logischen Argumenten zu unterdrücken.
Er liebte es Menschen zu manipulieren, die Fäden fest in der Hand zu halten und seine Umwelt zu bestimmen. Zu bestimmen was geschah und was nicht sein durfte. Aber erst nachdem er hierher zurück gekehrt war, da begriff er allmählich, was ihn bisher davon abgehalten hatte, Heymann zu besuchen. Hier, hier in diesem Land, das sich anfühlte, als würde es atmen und leben, hier wurde er das Gefühl nicht los, nicht mehr zu sein, als ein Stückchen Treibgut auf einem reißenden Strom. Zu treiben, weg gezogen und geschoben zu werden - ohne zu wissen woher und wohin. Und ohne zu wissen, was ihn erwartete. Sein Verstand sträubte sich dagegen, aber tief ihn ihm, da lebte ein mächtiges Wesen, das sich schauderhaft wohl zu fühlen schien. Sich streckte, räkelte und lebendig zu werden schien, so lebendig, dass er für den Bruchteil einer Sekunde sogar den Gedanken akzeptieren konnte, dass hinter der Wahrheit, wie er sie kannte, sich noch eine ganz andere verborgen hielt.
Er schüttelte energisch den Kopf, als wären die Gedanken lästige Fliegen, die es zu verscheuchen galt, und versuchte sich zu konzentrieren.
Vielleicht hatte dieser Pensant nicht ganz unrecht, überlegte er. Es war keineswegs unlogisch darauf zu bauen, dass niemand aus der Stadt den Mord begangen hatte. Wenn man wirklich ein unklares Motiv in Betracht zog und annahm, dass Heymann von einem Außenstehenden ermordet worden war, dann hatte sowieso niemand eine Chance diese Person jemals zu finden. Aber es gab auch Menschen, die bereit waren gegen geringe Bezahlung alles zu tun. Und um wie viel mehr waren sie bereit etwas zu tun, wenn sie damit auch ein privates Ziel erreichten. So ganz behagte ihm dieser Gedanke zwar nicht, aber er hatte eigentlich damit gerechnet. Es passte nämlich nicht in sein Konzept, und er dachte nicht daran, seinen so sorgfältig ausgeklügelten Plan aufzugeben. Eigentlich musste er seinen Plan nur ein wenig anpassen, und das war weder schlimm noch neu. Im Augenblick war ihm jedenfalls nichts unbequemer, als womöglich berechtigte Fragen beantworten zu müssen. Da half es durchaus, wenn man auf Hilfe zurückgreifen konnte, die nicht daran dachte, Fragen zu stellen. Darum saß er jetzt hier und wartete. Wartete auf die drei Männer, die ihm der Oberst schicken wollte und die er unter den Namen Joe, Joschi und Iwan kannte. Er kannte sie noch aus seiner Zeit bei Heymann. Hatte sie seither öfters getroffen und konnte sich beinahe ihren Freund nennen, wenn er es nicht besser gewusst hätte. Seit damals war viel Zeit vergangen, aber nur weniges hatte sich geändert. Nicht immer vollkommen legal war die Firma Heymann & Meixner gewesen, aber immer erfolgreich. Ein fadenscheiniges Lächeln huschte über seine Lippen. Vielleicht hatte ihn der Oberst gerade deswegen zu diesem Job so nachhaltig überredet. Aber während der Oberst ihn selbst vollständig mit Beschlag belegt und in seine Einheit aufgenommen hatte, arbeiteten die drei anderen nur fallweise für den Oberst. Und fallweise sicherlich auch für andere. Aber so war es gekommen, dass sie Meixner auch später nicht aus den Augen verlor.
Trotz aller Freundschaft und Kollegialität wusste Meixner inzwischen ganz genau, dass jeder dieser drei Männer durchaus einen guten Grund hatte, - ein Motiv - um Heymann zu töten. Obwohl keiner es jemals eingestehen würde. Natürlich standen sie damit nicht allein in der Welt, hatte sich Heymann doch in seinem Leben sicherlich weit mehr Feinde als Freunde geschaffen. Aber diese drei hatten er und der Oberst ausgewählt, weil sie darüber hinaus auch kein Alibi für Heymanns Ermordung hatten. Was er ihnen allerdings nicht wirklich ins Gesicht sagen konnten. Denn der Oberst hatte nachdrücklich darauf bestanden, dass seine Dienststelle völlig aus dieser Sache heraus zu halten sei. Und das hieß im Klartext, dass Meixner sich immer vor Augen zu halten hatte, dass er, was er auch tat, es als Privatmann tat.
Unvermutet drängten sich ihm Heymanns Worte auf: "Wenn du dein erstes Spiel spielst, dann wird irgendwo eine Kugel mit deinem Namen darauf gegossen. Und jeder Spieler bekommt irgendwann seine Kugel. So oder so."
Während er noch darüber grübelte, dass Heymann nun wahrscheinlich doch kein Hellseher gewesen war, denn sonst hätte er ja auch erkennen müssen, dass er sich mit seinen Nachforschungen selbst in Gefahr brachte, öffnete sich die Eingangstür und ein kleiner, nervöser Mann trat ein, scharrte unruhig mit den Füßen und blickte sich ängstlich um. Überrascht sah Meixner auf. Aber als er erkannte, dass es keiner seiner Männer war, beruhigte er sich schnell. Mit einem kurzen Blick hatte er den neuen Gast abgeschätzt und sich dann wieder seinem Kaffee zugewandt. Dabei hatte er weder die unsteten Augen noch die Hände, die ständig in Bewegung schienen, übersehen. Und auch nicht die zwar etwas zerschlissene, ärmliche, aber nichts desto trotz, saubere Kleidung des kleinen, verknitterten Mannes.
Einen kurzen Augenblick überlegte der Gast, dann setzte er sich an den ersten Tisch und bestellt überlaut ein Glas Weißwein. Noch während er seine Bestellung rief, erschien die Kellnerin schon mit dem Glas hinter der Theke. Ein belustigtes und erwartungsvolles Lächeln zeichnete sich auf ihrem Gesichtchen ab und einer dieser Blicke streifte das dunkle, angespannte Gesicht des verschlossenen Mannes vor ihr. Nicht ganz unabsichtlich, wie dem schien. Sie betonte noch einmal den engen Sitz ihrer Uniform indem sie tief Luft holte und wieder streifte ihr Blick Meixner um sicher zu gehen, dass er auch bemerkt hatte, welche Kurven sich unter ihrer Bluse befanden, bevor sie mit wiegenden Hüften und einem vollen Glas an den Tisch ging.
Lächelnd sah er ihr nach. Sie war wirklich bemerkenswert niedlich und sie würde ... Schlagartig verschwand das Lächeln. Mit einem Mal sah er wieder das lange, goldblonde Haar. Spürte er wieder den frischen, herben Duft in seiner Nase. Sah er wieder ihr Gesicht. Ihr herrliches, mädchenhaftes, göttliches und doch so teuflisches Gesicht. Inbrünstig begann Meixner sich selbst zu verfluchen. Das konnte nun wirklich nicht wahr sein! Was war nur an dieser Frau, dass sich ihre Existenz in ein männliches Gehirn regelrecht einbrannte? Sie war außergewöhnlich, zugegeben, aber in Meixner erwachte auch das berufliche Interesse. Eine Frau wie sie war geeignet in ihrer Umgebung ordentlich Verwirrung zu stiften. Eine Tatsache die, wohl eingesetzt, einem Ermittler durchaus hilfreich sein konnte. Er würde sich die junge Dame wohl merken müssen. Und gleichzeitig war da ein Schatten, der sich fragte, warum gerade so eine Frau unvermittelt in Heymann Umfeld auftauchen musste, kurz bevor er ermordet wurde. Aber die Sache war auch so schon schlimm genug. So, als ob ihm diese Geschichte hier nicht sowieso schon immer mehr aus der Hand gleiten und verworren würde, als wäre es ein Knäuel Wolle um das sich drei junge Katzen balgten.
"Weißt du, sie hätte sich ja schon ficken lassen, aber sie hatte die Pille nicht genommen - nicht genommen - die Pille - weißt du!" 
Er fuhr erschrocken herum, sah aber nur den neuen Gast an einem Tisch hinter sich sitzen und der nahm keinerlei Notiz von ihm. Der starrte auf den leeren Platz neben sich.
Die Kellnerin lächelte Meixner an, als sie seine Überraschung bemerkte. Endlich ergab sich für sie einen Gelegenheit um mit diesem anziehenden und doch so merkwürdigen Gast zu sprechen.
"Er kommt öfter hierher", erklärte sie kokett lächelnd. "Meistens trinkt er nur still seinen Wein und geht wieder. Aber es gibt Tage, an denen spricht er mit Fridolin."
"Mit - Fridolin?"
Langsam wanderten seine Augenbrauen nach oben.
"Oh, Sie würden staunen, was der Alte alles weiß. Er erzählt ihm die ganzen Nachrichten der letzten Stunde und er erklärt ihm, was diese Nachrichten von den Morgennachrichten oder von denen vom Tag davor unterscheidet. Er weiß, dass die Ampel unten an der Straße ausgefallen ist, genauso, wie er den Gesundheitszustand des amerikanischen Präsidenten und die Pläne der schweizerischen Pharmakonzerne kennt. Alles in allem ein erstaunlich intelligenter Mensch, nur ..."
Sie hob bedauernd die Schultern.
"... nur diese kleine Sache mit Fridolin. Ich verstehe."
Er schüttelte den Kopf und erwiderte ihr Lächeln freundlich.
"Weiß man eigentlich, wer dieser Fridolin ist?" fragte er nach einer kurzen nachdenklichen Pause.
"Lachen Sie mich bitte nicht aus", meinte sie kichernd hinter vorgehaltener Hand und beugte sich ihm entgegen, "aber Fridolin ist ein kleiner, violetter, feuerspeiender Drache mit schütterem grünen Haar. Zumindest hat ihn mir Alexander so beschrieben."
Nichts in Gesicht und Haltung des großen Mannes hatte sich verändert, da war sie sich völlig sicher. Nicht der kleinste Muskel hatte sich bewegt und doch war er schlagartig eiskalt und weit weg.
"Meinen Sie Alexander - Heymann?" fragte er vorsichtig und legte dabei den Kopf leicht schief.
"Ja. Alexander Heymann. Sie sind oft zusammen gesessen. Vor allem in letzter Zeit. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, dass er diesen komischen Alten ernst nimmt."
Also hatte Heymann, selbst so eine Art Ausgestoßener der Gesellschaft, in all den Jahren seine Sympathie zu Menschen, denen es ebenso erging, nicht abgelegt. Andererseits hatte er aber auch die unwahrscheinliche Fähigkeit besessen, hinter die Masken der Menschen zu sehen. Und mit der unbegreiflichen Schnelligkeit die Gedanken nun einmal haben fasste Meixner einen Entschluss.
"Bringen Sie mir bitte zwei Gläser Weißen", sagte er zu ihr und lächelte sie an, dass ihr das schelmische Funkeln in seinen schwarzen Augen fast den Atem nahm.
"An den Tisch dort drüben", fügte er noch hinzu, stand auf und ging gemächlich hinüber zu dem Tisch am Rande des Gastzimmers.
"Entschuldigen Sie, darf ich mich einen Augenblick zu Ihnen setzen?" fragte Meixner den kleinen Mann mit dem zerzausten Haar. Entsetzt stellte er fest, dass er aus der Nähe noch älter und noch ärmlicher wirkte. Dabei konnte er kaum über fünfzig sein.
Die hellgrauen Augen, die gerade noch unruhig hin und her gewandert waren, standen schlagartig still und musterten ihn mit einer Klarheit und Härte die ihn fast umwarf. Er meinte zu fühlen, wie dieser Blick ihn durchdrang bis in die verborgensten Winkel seines Gehirnes.
"Ich bin ein Freund von Alexander Heymann."
Mit dieser Empfehlung wurde man entweder umarmt oder ermordet. Manchmal auch beides.
Meixner meinte das beherrschte Zusammenzucken zu fühlen. Auch wenn die unruhigen Augen längst wieder durch den Raum wanderte und ihn vergessen hatten. 
Also setzte er sich hin.
"Sie WAREN ein Freund von Heymann!" verbesserte ihn der Alte und Meixner war die Formulierung, in dieser Betonung, für einen Augenblick unangenehm. Also würde der kleine Mann nicht nur darauf hinweisen, dass Heymann tot war.
"Ich habe gehört, Sie kennen ihn."
Wieder stockten die Augen für den Bruchteil einer Sekunde in ihrer Bahn.
"Ich KANNTE ihn", verbesserte der Mann Meixner wiederum ruhig, aber noch immer ohne ihm weiter Beachtung zu schenken.
Sie brachte die Gläser und Meixner sagte: "Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, wenn ich Sie zu einem Glas Wein einlade."
Er bedankte sich nicht, er sagte aber auch nichts dagegen. Hier musste sich der große Mann seine Sporen offensichtlich erst verdienen. Also fragte er mit der harmlosesten Stimme zu der er fähig war: "Möchte Ihr kleiner Begleiter auch etwas trinken?"
Der Kopf des Alten ruckte herum und er sah den dunklen Mann vor sich erstaunt an. Länger, viel länger als zuvor verharrte der Blick jetzt auf Meixner. Bis ein kaum wahrnehmbares Lächeln seine zerfurchten Züge glättete.
"Nein danke", wehrte er ab. "Fridolin speit noch Feuer, müssen Sie wissen. Deshalb darf er nichts trinken. Übrigens, sei artig Fridolin und gib dem Herrn die Hand."
Meixner musste lachen. Jetzt gab es kein Zurück mehr, also riss er sich zusammen und griff beinahe zärtlich nach der - nicht vorhandenen - Pfote des kleinen Ungeheuers.
"Es freut mich ganz besonders, ihre außergewöhnliche Bekanntschaft zu machen, mein lieber Fridolin."
Während er den leeren Platz freundlich anlächelte dachte er an den Oberst. Wenn der das hier sehen könnte, dann würde er ihm nie wieder Mangel an Phantasie vorwerfen können. Schon eigenartig. Für einen Augenblick sah es für ihn so aus, als würde das Polster der Bank tatsächlich ein wenig eingedrückt werden.
Das kaum wahrnehmbare Lächeln des Alten war zu einem breiten Grinsen geworden. Trotzdem sprach er so leise, dass Meixner ihn kaum verstand.
"Sie gefallen mir. Schätze, Sie waren wirklich ein Freund von Alexander." Laut meinte er in seiner quäkenden Stimme: "Aber wir müssen jetzt leider wieder nach Hause gehen. Komm Fridolin."
In einem Zug trank er sein Glas aus. Und setzte leiser hinzu: "Aber ich bin sicher, Fridolin würde sich sehr freuen, wenn Sie uns ein kleines Stückchen begleiten würden - wenn es Ihnen nichts ausmacht."
Mit einem Satz leerte er auch das zweite Glas.
Auf der Straße wollte Meixner dann vorsichtig ein allgemeines Gespräch eröffnen, aber der kleine Alte überraschte ihn wieder, als er ihm mit einer energischen Handbewegung das Wort abschnitt.
"Sie müssen Karl Meixner sein. Alexander hat mir von Ihnen erzählt. Und er sagte auch, dass Sie kommen würden. Ihr Aufenthalt in unserer kleinen Stadt ist jedenfalls nicht unbemerkt geblieben. Ganz und gar nicht! Sie werden mich jetzt sicherlich fragen wollen, was ich über den Mord an Alexander weiß. Ich habe ihn ja immerhin gekannt. Aber leider muss ich Sie enttäuschen. Ich weiß nichts, absolut nichts. Zumindest nicht mehr, als Sie sowieso schon von anderen erfahren haben. Sie kennen ja Pensant. Er kann Ihnen mehr über Alexander erzählen als jeder andere hier, aber auch was er zu erzählen hat, ist herzlich wenig. Wissen Sie, die Leute hier reden nicht sehr gerne mit Außenstehenden. Das ist ein Grund, aber ein anderer ist, dass die guten Leutchen diesmal auch wirklich nichts wissen. Und wenn sie schon nichts wissen, dann sind sich zumindest die Meisten hier einig. Entweder ist es einer von Draußen, von außerhalb, oder es war jemand aus dieser Stadt, dann hat er aber für einen anderen gearbeitet. Aber das wird ihnen niemand sagen. Ihnen nicht und auch niemand anderem. Ganz im Gegenteil werden die Leute hier jede Erklärung akzeptieren, egal ob sie diese Erklärung glauben oder nicht. Denn die Menschen hier sind es gewohnt, dass die von Außerhalb sie belügen und benützen. Und sie wissen oder ahnen zumindest, dass hinter jeder Wahrheit noch eine andere steht. Alexander hat das verstanden, und auch Sie werden es verstehen, eines Tages. Der Mord selbst - vielleicht war es wirklich ein alter Hass, der mit ein wenig Überredung und viel klingendem Nachdruck wieder entfacht wurde. Das wäre zumindest eine glaubwürdige Erklärung mit der alle hier leben könnten. Denn ein Mann wie Alexander Heymann hat viele Feinde - und auch sehr eigenartige Freunde. Bei Ihnen hätte ich hoch gewettet, dass Sie ein Polizist sind - und ich täusche mich nur sehr selten in Menschen. Aber ein Freund Heymanns und Polizist, in einer Person ..."
Er machte eine Pause und beobachtete, wie Meixner verwundert nach Luft schnappte. Dieser Mann sollte einen Dachschaden haben? Seit sie durch das Tor auf die Straße getreten waren, hatte sich dieser merkwürdige, ärmliche Mann mit dem hageren Vogelgesicht vollkommen verändert. Er wirkte ruhig, selbstsicher, und wenn schon nicht überlegen, dann wusste er wenigstens, wovon er sprach. Kaum eine Spur von Nervosität war an ihm mehr zu entdecken. Dieser Mann sollte verrückt sein? Allmählich begann Meixner an seinen eigenen Verstand zu zweifeln. Und bevor alles um ihn zu verschwimmen drohte, versuchte er das Gespräch auf einen weniger gefährlichen Kurs zu wenden.
"Wo ist eigentlich Fridolin?" fragte er in seiner Verwirrung und wieder begegnete ihm der Alte mit seinem kaum wahrnehmbaren Lächeln.
"Lenken Sie jetzt nicht ab. Sie sind mir, glaube ich, noch immer eine Antwort schuldig."
Bei diesem Thema fühlte sich Meixner aber so gar nicht wohl in seiner Haut. Vor allem, weil er verstand, dass es keinen Sinn machte, diesen kleinen Mann zu belügen. Diese Augen, in denen man nicht sagen konnte, wo die hellen Pupillen endeten und das Weiß der Augäpfel begann, zerrten die Wahrheit förmlich aus seinem Gehirn.
"Sind das wirklich zwei so unvereinbare Faktoren?" stellte er vorsichtig die Gegenfrage und hoffte das Terrain der logischen, abstrakten Argumentation gewinnen zu können. Sie waren ein Stück die Straße hinunter gegangen. Der Alte blieb vor einem Elektrogeschäft stehen und sah sich gedankenverloren die Auslage an.
"Eigentlich schon", brummte er und kratzte seinen spärlichen Bartstoppel. "Vieles ist nicht so, wie es scheint. Denn was wäre ..."
Er fuhr herum und fasste Meixner so scharf ins Auge, dass der nicht anders konnte als zusammenzucken.
"Was wäre, wenn Sie es sind! Oder zumindest ein Teil davon. Eigentlich dachte ich, es wäre Pensant, aber ..."
Nicht einmal seine ihm angeborene Ruhe und auch nicht seine eiserne Selbstdisziplin konnten verhindern, dass Meixner der Mund aufklappte wie einem Idioten.
"Das - WAS?" wollte er wissen, als er seinen Mund endlich wieder unter Kontrolle hatte. Allmählich wurde ihm doch ziemlich ungemütlich neben dieser kleinen, unscheinbaren Gestalt, die ihre rechte Hand so hielt, als würde sie einen kleinen Drachen spazieren führen. Da seufzte dieser kleine, alte Mann tief und fuhr sich über die Augen als überkommen ihn mit einem Schlag eine große Müdigkeit. 
"Wahrscheinlich sollte ich es Ihnen gar nicht erzählen, aber Alexander ist tot und damit ist auch diese ganze Geschichte vergessen und begraben. Er hat mir vor einiger Zeit erzählt, er hätte den losen Faden gefunden mit dem er ein paar Dinge aufrollen könne, die ihm nicht passten. Er erzählte, dass es sich um eine bestimmte Person drehte, oder vielleicht meinte er auch Personen, ich bin mir nicht sicher, die - nach außen ein anderes Sein vorgaben, als sie dachten wirklich zu haben. Und doch, was sie dachten zu haben und vorgaben zu sein, war nicht das tatsächliche Sein, sondern nur der Vorwand vor einem anderen Sinn, der sie erfüllte, vertrat und benutzte, obwohl sie doch immer meinten, es nicht zu kennen."
Wieder wandte er sich den Elektrogeräten zu und Meixner starrte ihn entgeistert an.
"Ich habe kein Wort verstanden", gestand er und förderte damit ein mattes Grinsen des Alte zu Tage.
"Das war auch so ziemlich der Originaltext von Alexanders Aussage. Und ich muss gestehen, ich habe es auch nicht verstanden. Zumindest am Anfang nicht, aber als ich darüber nachdachte, da bildete sich allmählich ein Sinn. Ich bin mir nicht sicher, aber ich denke, auch Sie werden einen Sinn darin finden, wahrscheinlich sogar schneller als ich. Denn Sie sind jedenfalls – anders. Fridolin hat Angst vor Ihnen. So etwas ist noch nie geschehen. Er sieht etwas in Ihnen, dass wir alle anderen nicht sehen können. Aber - um zu näher liegenden Dingen zurück zu kehren - möglicherweise finden Sie in Alexanders Wohnung ja die Antworten, die Sie suchen."
Karl Meixner fühlte mit vertrautem Boden die alte Sicherheit in sich aufkommen, wenngleich seinen Gedanken noch immer Achterbahn fuhren.
"Natürlich hätte ich mir auch seine Wohnung angesehen, früher oder später. Aber ich glaube kaum, dass ich dort etwas finden werde, das auch nur eine Spur Licht in diese Angelegenheit bringt, die wirklich immer verworrener wird. Alexander machte sich über Projekte niemals Notizen und schon gar nicht, wenn es um etwas Großes ging!"
Der Mann tat, als hebe er den kleinen, gar nicht leichten Drachen hoch um ihm einen der Taschenrechner zu zeigen.
"Es scheint, Sie haben Alexander wirklich aus den Augen verloren, denn ich garantiere Ihnen, dass Sie etwas finden werden, für das es sich zu suchen lohnt."
"Und was soll das sein?"
"Sie werden finden", antwortete der Alte ruhig.
"Ich werde WAS finden?"
"Das kann ich Ihnen nicht sagen, was Sie finden werden, weil jeder von uns etwas anderes findet, auch wenn wir alle das Gleiche suchen. Aber ich kann Ihnen verraten: Es ist sicherlich nichts, was Sie zu finden erwarten."
Meixner starrte ihn an und versuchte die so unglaublichen wie wagen Andeutungen zu verdauen.
"Ich weiß", hob der Alte bedauernd die Schultern. "Ich klinge ziemlich unglaubwürdig. Und fragen Sie mich bitte nicht weiter. Sie werden verstehen, wenn ich sagen, ich weiß es nicht. Niemand weiß es. Aber es ist nicht zu übersehen. Ebenfalls nicht zu übersehen ist, dass ich jetzt schon viel zu lange mit Ihnen spreche und Fridolin langsam ernsthaft ungeduldig wird."
Ohne sich weiter um den großen, dunklen Mann mit den weit aufgerissenen Augen zu kümmern, ruckte er herum, als sich der kleine Drache entfernte und ihn hinter sich her zog. Aber er schaffte nur wenige Schritte, den Meixner erholte sich rasch. Der eisige Wind riss ihm die Worte von den Lippen, die er langsam zu formulieren versuchte.
"Sie wollen mir allen Ernstes einreden, dass ich etwas finden werde, von dem Sie nicht wissen, was es ist, aber von dem Sie wissen, dass es wichtig für Alexander ist?"
Das klang ausgesprochen noch irrer, als schon in seinen Gedanken.
"Sehr richtig. Oder doch so ziemlich. Glaube ich", meinte der zerknitterte alte Mann. "Was ich Ihnen sagen wollte war, dass es für Sie möglicherweise sehr informativ sein könnte, wenn Sie seiner Wohnung einmal einen kleinen Besuch abstatten. Denn ich fürchte fast, dass Sie hier etwas übersehen könnten."
Allmählich meinte Meixner zu verstehen, worauf dieser Mann hinaus wollte. Obwohl er sich nicht im Geringsten sicher war, ob er wirklich richtig lag. Der alte Mann wusste oder ahnte zumindest etwas und er war sich sicher, dass es wichtig war. Aber er wollte es nicht einfach so ausplaudern. Und noch ein anderes Problem drängte sich Meixner auf. Das betraf diesen alte Mann selbst.
Meixner bedankte sich und verabschiedete sich von ihm und auch von seinem kleinen Begleiter, der sich jetzt ängstlich hinter den zerschlissenen Hosenbeinen des Mannes versteckte, so dass er Meixner in die Knie zwang. Er erhob sich wieder und blickte noch einmal forschend in die hellen Augen des herunter gekommenen Mannes. Der bemerkte die unausgesprochene Frage sofort und ein breites, verständnisvolles Grinsen eroberte sein Gesicht.
"Sie dürfen niemals vergessen", meinte er mit diesem breitem Grinsen, "ich trinke zu viel Alkohol und ich bin nicht normal. Verrückt, weggetreten, durchgeknallt, oder wie immer Sie das nennen wollen. Weil ich mit einem kleinen, ängstlichen, lila Jungdrachen - geh' jetzt her zu mir - herumlaufe, den niemand sehen kann. Ich bin in den Augen der Menschen verrückt, weil ich mit Tieren und Pflanzen spreche. Ich bin aber auch verrückt, weil mir jede noch so kleine Kleinigkeit wichtig ist. Auch Dinge, die für alle anderen Menschen absolut keine Bedeutung mehr haben. So zum Beispiel lachten mich die Leute aus, weil es mir auf unverständliche Weise vor kurzem nicht egal war, dass sich meine Nachbarin mit ihren 75 Jahren ihre Kohlen nicht mehr selbst bis in den zweiten Stock schleppen konnte. Falls sie in den nächsten Jahren überhaupt noch welche bekommen würde oder sie sich leisten kann. Von den Kosten eines Umbaues ihrer Heizung war gar nicht zu reden, sosehr ich den Leuten auch auf die Nerven gegangen bin damit. Heute redet niemand mehr davon - dank Alexanders Hilfe. Und ich bin verrückt, weil ich nicht nur felsenfest davon überzeugt bin, sondern es auch laut ausspreche, dass man in unserer ach so freien Welt doch nicht alles denken und sagen darf, was man wirklich denkt und zu sagen hätte. Und ich bin verrückt weil ich davon überzeugt bin, dass nicht alles, nur weil es machbar ist, auch tatsächlich gemacht werden sollte. Oh, ich könnte Ihnen noch viele, viele Gründe aufzählen, warum ich verrückt bin. Aber ich - ich bin ja schließlich - nun, nennen wir es, nicht normal, nicht der Norm entsprechend! Was kann man schon von einem Mann erwarten, der mit einem kleinen, lila Drachen an der Hand herumläuft. Der muss auch sonst etwas komisch im Kopf sein. Aber solange er niemanden belästigt oder gar verletzt, dann soll er eben sein, wie er ist. Unsere Gesellschaft ist da ziemlich tolerant - zumindest einstweilen noch. Was das angeht sind die Zeiten schon dabei sich zu ändern. Und - ich kann fast sehen, wie Ihre Gedanken verwirrt herum surren. Machen Sie sich um mich nur ja nicht zu viele Gedanken. Sie dürfen nämlich eines niemals vergessen: Ich habe sogar eine amtliche Bestätigung, dass ich verrückt bin. Von einer grandiosen Frau Doktor ausgestellt und von einem ehrwürdigen Richter abgestempelt."
Er warf den Kopf zurück und lachte lauthals. Und er lachte noch als er sich abwandte und mit schnellen Schritten die Straße hinunter eilte. Weg von dem verblüfften Meixner der ihm nachdenklich hinterher sah. Und allmählich formte sich in seinem Hinterkopf eine Meinung über diesen seltsamen Mann, wie sie nur wenige Menschen hatten.
Doch lautes Hupen riss ihn aus diesen Gedanken. Die Räder des leuchtend gelben Wagens mit der seitlichen Aufschrift "Champion's Bar - We Are The Best" blockierten und er rutschte auf dem Split der Straße weiter, beinahe an dem großen, überraschten Mann vorbei. Der Kopf, der sich aus dem Wagen streckte, hätte alle Ehre als Vogelscheuche gemacht und niemand, er ihn so sah, hielt es ernsthaft für möglich, dass sich zwischen Haut und Knochen auch irgendwo Muskeln befinden konnten. Wer den ausgemergelten Mann, den seine Freunde Joschi nannten, nicht kannte, musste ernsthaft annehmen, er lebe so schlecht und recht und bekomme niemals genug zu essen. Oder er leide an einer auszehrenden Krankheit. Doch nichts davon entsprach der Wirklichkeit, denn er besaß Muskeln. Und zwar Muskeln, die seiner Stimme mehr Ehre machten als seinem Aussehen. Und die Stimme, die Meixner entgegen schlug hätte eher zu einem wütenden Gorilla gepasst.
"Na, wenn das kein Service ist! - Hallo altes Haus!" dröhnte der Hagere in einem Tonfall, den er für normale Sprache hielt, und der sicher stellte, dass jeder Anrainer der Straße laut und deutlich verstanden hatte. "Ich bin nun mal ein Großstadtmensch und kann mich in so einem Kaff nie zurecht finden. Aber du kannst mir sicher sagen, wohin ich meine müden Glieder wenden soll, damit ich diese beiden ewig nörgelnden Waschweiber endlich los werde."
Meixner ging um den Wagen herum um auch die beiden anderen Männer zu begrüßen. Dabei wandte er den Kopf wie zufällig und sah die Straße hinunter. Der komische Kauz war wieder vor einer Auslage stehen geblieben und betrachtete mit seinem lila Drachen die ausgestellten Waren fasziniert, aber Karl war sich sicher, dass er in Wahrheit ihn und die Männer im Wagen beobachtete. Sollte er sie nur beobachten und sollte er es den Menschen nur berichten, auf seine ihm eigene Art, dass passte gar nicht so schlecht in seinen Plan. In diesen Plan, der noch vor wenigen Stunden so abstrakt und undurchführbar gewirkt hatte und jetzt, wie von selbst, begann Realität zu werden.

Der Mann dort neben dem Bett war gerade mal 1,70 groß. Sein glattes, braunes Haar fiel weich auf das schwarze Samtjackett. Sah man ihn von hinten, war es geradezu unmöglich, ihn nicht mit einer Frau zu verwechseln. Und wenn man sein bartloses Gesicht mit den großen Augen sah, dann verschwand dieser Eindruck nicht vollständig - obwohl er doch offensichtlich ein Mann war. Sie nannten ihn Iwan, aber wo und aus welchem Grund er diesen Namen abbekommen hatte, konnte niemand mehr sagen. Jetzt stand er da und betrachtete mit einem leisen Anflug von Verzweiflung abwechselnd den vollen Kasten und den halbvollen Koffer. Unwillkürlich musste Meixner grinsen. Nur einem Menschen wie Iwan konnte es einfallen einen gerade mal dreitägigen Besuch mit einem mehr als randvollen Koffer anzutreten. Joschi lümmelte in einem Sessel und grinste ebenfalls, während er seine überlangen Glieder von sich streckte, wodurch beinahe das kleine Hotelzimmer blockiert wurde. In seinen ausgewaschenen Jeans und dem großkarierten Hemd hätte er sehr gut in jedes Camp mit Holzfällern gepasst, und dort hätte er sich sicherlich auch am wohlsten gefühlt. Und dann war da noch der Mann am Fenster. Sie nannten ihn Joe oder ganz einfach den Mexikaner und er stand ganz still und blickte wie gebannt hinaus in das immer dunkler werdende Grau des späten Nachmittags. Die glatte, mattschwarze Lederjacke schmiegte sich weich um seine muskulösen Schultern, um die geschmeidige Taille. Es hatte auch Leute gegeben, die dachten, er und Meixner wären Brüder. Hatten sie doch das gleiche schwarze Haar und die gleiche, bronzefarbenen Haut. Meixner selbst erinnerte dieser Mann aber eher an einen eitlen spanischen Torero, mit seinen gezierten, grazilen Bewegungen. Manchmal musste er allerdings auch an eine Raubkatze denken, wenn er ihn sah. An einen der berühmten schwarzen Panther, die bekannt waren für ihre Gefährlichkeit wie für ihre Unberechenbarkeit. Ja, er glich auch jetzt diesem Raubtier, dass starr in einem Gebüsch auf seine Beute lauert, dachte Meixner ohne zu ahnen, wie ähnlich sie beide sich tatsächlich waren. Genauso, durchzuckte es ihn, hatte wohl auch der Mörder auf Alexander Heymann gelauert!
Während Meixner noch immer über ihn nachdachte, erfüllte Joes leise Stimme mit einem Mal den Raum.
"Ich glaube, es wäre an der Zeit, dass du uns erzählst, was hier eigentlich los ist", meinte er. "Zur Erholung schickt uns der Oberst sicher nicht hierher. Und so wortkarg er sonst auch ist, diesmal hat er sich selbst übertroffen. Also muss ich nicht erst wetten, dass hier was nicht stimmt."
Meixner begnügte sich mit drei Worten, die aber ihre Wirkung keineswegs verfehlten.
"Alexander ist tot."
Im ersten Augenblick geschah gar nichts. So, als wäre die Zeit stehen geblieben, verharrte jeder in seiner Bewegung. Danach geschah noch immer nichts. Aber Meixner konnte erkennen, dass sich die Information bis in die Gehirne der Männer vorgearbeitet hatte und sie jetzt fieberhaft überlegten, wie sie wohl reagieren sollten. Sie waren überrascht, aber nichts desto weniger vorsichtig. Er war überzeugt, sie würden empört und wütend sein - weil jeder von ihnen etwas zu verbergen hatten.
Als Erster bewegte sich der Deckel von Iwans Koffer. Er fiel zu, aber sein Besitzer bemerkte nicht, dass seine Hand noch immer im Koffer war. Aus seinem geöffneten Mund kam kein Laut. Er sah Meixner nur an, als wäre er eine Erscheinung aus einer anderen Welt. Endlich sprang Joschi auf und beförderte dadurch seinen Sessel mit einem Knall gegen die Wand. Einen großen Schritt ging er auf Meixner zu und streckte ihm die geballte Faust mit dem ausgestreckten Zeigefinger entgegen.
"Wenn das ein Scherz sein sollte, dann war es ein ganz schlechter!" meinte er drohend. Aber Meixner antwortete nicht. Er beobachtete Joe. Und Joe beobachtete ihn. Er hatte sich herum gedreht und sah ihn an. Ohne merkliche Reaktion. Doch Meixner hatte gelernt auch in ausdruckslosen Gesichtern zu lesen und so entging ihm weder der verhärtete Zug um die Mundwinkel noch das kalte Leuchten in den Augen. Wenn diese Nachricht auf ihn wirkte, dann zeigte er es jedenfalls nicht. Und wieder erstarrte die Zeit zu einem eisigen Klumpen. Kein Laut war zu hören. Selbst die Männer in dem kleinen Zimmer schienen vergessen haben zu atmen.
Wieder war es Joschi, der als erster den Bann brach, als er sich in gewohnt dezenter Weise wieder auf seinen Sessel fallen ließ und kräftig ausatmete. Iwans Mund folgte endlich dem Beispiel des Koffers und klappte zu. Seine Finger befanden sich noch immer im Koffer. Endlich zog er der die Finger aus dem Koffer, fiel auf den Bettrand und schlug die Hände vors Gesicht. Dann erst regte sich der schwarze Schatten vor dem Fenster.
"Alexander ist also tot. Und was hat der Oberst damit zu tun?" fragte er misstrauisch und eine Falte erschien auf seiner glatten Stirn.
"Ich habe ihn gebeten mir drei Leute zu schicken, die mir helfen sollen ein private Angelegenheit in meinem Urlaub zu klären. Und er hat euch geschickt."
"Aber wie ist er gerade auf uns gekommen?!"
"Ich habe mir abgewöhnt den Oberst zu fragen was er weiß, oder auf welche Fakten sich seine Handlungen stützen. Vielleicht war es Zufall. Vielleicht hatte er einen Grund. Wer kann das sagen."
Das war auch eine Möglichkeit zu sagen, er hätte keine Ahnung und sich doch alle Türen offen zu lassen. Aber Meixner war sich sicher, dass die drei nicht weiter bohren würden. Zu leicht hätte dabei jemand auf die Idee kommen können nach Motiven oder Alibis zu fragen. 
Wieder entstand eine längere Pause.
"Woran ist er gestorben?" wollte Joe dann wissen, und er fragte es wie jemand, der eine bestimmte Ahnung hat, sie aber nicht auszusprechen wagte. Karl Meixner sah auf und in seine Augen, die zwei schwarzen Flecken glichen.
Joe nickte langsam. "Erschossen", sagte er so ruhig, als stelle er fest, dass die Butter alle sei. 
"Du weißt es schon?" Karl Meixner konnte ebenso eisig sein, wenn er wollte. Und jetzt wollte er.
Ein leicht verächtliches Lächeln huschte über Joes Gesicht.
"Nein, aber es war ja fast zu leicht zu erraten. Ich kenne dich doch! Wenn du die Sache so dramatisierst, dann kann ich ziemlich sicher sein, dass er nicht über eine Stufe gestolpert ist und sich das Genick gebrochen hat. Und wenn jemand versuchen sollte Alexander zu töten, dann nur mit einer Kugel. Der Killer, der versuchen sollte Alexander mit dem Messer zu töten, der benötigt ein Heer von Schutzengeln und ein zweites von Voodoo-Zauberern, und ich würde immer noch nicht auf ihn wetten."
Unbewusst tastete seine Hand an die Seite seines Halses, wo sich eine kaum sichtbare Narbe befand. Und er leistete sich ein schiefes Grinsen.
"Mal abgesehen davon, dass du die anderen, gängigen Möglichkeiten jemanden zu töten, zum Beispiel Gift, Bombe oder ein Auto von vorne herein ausklammerst, hast du richtig geraten", stimmte ihm Meixner trocken zu.
Der freundliche Ton hielt sich nie sehr lange bei Joe und so klang seine nächste Frage bereits wieder gewohnt eisig und mit dem Unterton der Drohung: "Und wer hat ihn getötet?"
Jetzt wurde auch Joschi hellhörig, nahm die Hände vom Gesicht und setzte sich gerade hin. Iwan saß bereits auf dem Bett, sank noch weiter in sich zusammen und starrte schweigend den abgewetzten Teppichboden vor sich an.
Meixner zuckte mit den Schultern und hätte es sich beinahe selbst abgenommen, dass er zerknirscht war.
"Genau das ist die große Frage. Eigentlich ist die Geschichte mehr als verworren. Wie wäre das auch bei Alexander anders zu erwarten gewesen. Aber es gibt da ein paar Punkte, an die können wir uns halten."
Und dann erzählte er. Er erzählte ihnen alles, was geschehen war, seit er die kleine Stadt betreten hatte. Er erzählte ihnen, wie er im Gasthof vom Mord an Alexander erfahren hatte und von Pensant, der ihm den Tatort gezeigt hatte. Er erzählte von seinem Besuch bei Kommissar Seitenstetter und von dem alten, kauzigen Mann mit dem kleinen, lila Drachen. Er erzählte ihnen alles. Jedenfalls beinahe alles, denn seine eigene Rolle in dem ganzen Fall umschrieb er nur ebenso dürftig, wie er den Grund seiner Anwesenheit hier umging. Und als er endlich geendet hatte, da wussten sie alles - alles, was sie wissen mussten, um in diesem Spiel zum richtigen Zeitpunkt richtig zu reagieren. Mit einem Mal musste er an Alexander Heymann denken. Wenn es tatsächlich stimmte, dass die toten Seelen in den Wolken saßen wie in einem Kino und auf die Erde sahen, dann hatte Heymann jetzt sicherlich seine helle Freude und orderte neues Popcorn. Diese Art von Spielen und Manipulationen hatte er immer heiß geliebt. Und Meixner stellte mit Verwunderung etwas fest, das ihm bisher entgangen war. Heymanns Mörder zu einem Geständnis zu zwingen war nur mehr eine Frage der Zeit. Und hatte an Wichtigkeit verloren. Viel brennender interessierte ihn mit einem Mal, was Pensant das Geheimnis nannte. Ihm wurde schlagartig klar, dass hier das wahre Rätsel lag, dass es zu lüften galt.
Betroffen und stumm saßen sie in dem Zimmer. Joschi noch immer auf seinem Sessel und Joe auf der Kante des Tisches. Iwan saß auf dem Bett, heulte ein wenig und wurde von Meixner halbherzig getröstet. Joe Daboli, auch genannt Joe Diabolo, hatte sich wieder herumgedreht und sah wieder zum Fenster hinaus auf die erleuchteten Häuser. Es war Nacht geworden. Sehr schnell, beinahe ohne Übergang. Ober hatten sie ihn nur versäumt? Wie so vieles, dass man rechts und links versäumt, wenn man versucht, rasch und unvermittelt an sein Ziel zu gelangen. 
Meixner verspürte mit einem Mal eine lähmende Müdigkeit in sich aufsteigen und beinahe hätte er dem scheinbar übermächtigen Wunsch nachgegeben, sich auf das Bett zu legen um zu schlafen und zu vergessen. Aber das ging nicht. Nicht jetzt! Wie es meist nicht ging, wenn dieses Gefühl in ihm aufstieg. Er war sich fast sicher, dass man ihm niemals die Zeit dazu lassen würden. Zu vieles wusste er und zu viele Dinge konnten sich in den Mußestunden eins zum anderen fügen. Vielleicht würde er einmal die Zeit haben, all die Gedanken zu denken, zu denen er sonst nie kam. Jetzt jedenfalls ging es darum, erst einmal hier alles zu regeln. Und dann wollte er noch einen Besuch machen. Einen Besuch von dem er sich mit einem Mal doch einiges erhoffte.
Der zerrupfte alte Kauz hatte es doch tatsächlich geschafft seine Neugierde zu wecken. Er musste es wissen, denn wenn an dieser Wohnung etwas dran war, war das vielleicht schon eine Erklärung. Noch eine Erklärung. War es wirklich so gut noch einer Spur nachzulaufen? Zu viele Spuren, zu viele Motive und zu viele Ungereimtheiten gab es schon jetzt. Viel zu viele Ungereimtheiten. Und wenn er ehrlich war, dann musste er sich eingestehen, dass es ihm doch längst nicht mehr darum ging, irgend ein Motiv zu finden. Was er in der Wohnung zu finden hoffte, das war Alexander Heymann. So vieles an dieser Person weckte mit einem Mal seine Neugierde. Der Alte hatte etwas von einem losen Faden geplappert, von einem großen Plan. Wie auch Pensant. Und der wusste bei weitem mehr, als er freiwillig sagen würde. Der wirre Traum, gestern Nacht, als er wohl für den Bruchteil einer Sekunde in Pensants Wagen eingenickt sein musste. Etwas, dass ihm noch niemals zuvor geschehen war! Auch das musste etwas zu bedeuten haben. Er watete förmlich in einer Flut von Hinweisen, aber er konnte keinen Sinn, keinen Zusammenhang entdecken. Und dann gab es noch seinen eigenen Plan. Der Plan, den Mörder zu einem Geständnis zu zwingen, den er sich so schön zurecht gelegt hatte. Wenn er ...
"Ich - bringe - ihn - um!"
Joschi richtete sich langsam und drohend zu voller Größe auf. "Ich bringe diesen verdammten Kerl um!" sagte er noch einmal und das Zimmer dröhnte wie ein Bass. Aber eine Handbewegung von Daboli genügte schon, um ihn wieder verstummen zu lassen.
Meixner fiel auf, obwohl es ohne Belang war, dass alle immer nur von einem Täter sprachen. Niemals von einer Täterin. Dabei war die Emanzipation doch schon längst auch bis zum Mord vorgedrungen.
Ohne sich umzudrehen fragte Joe: "Dieser Pensant, was meint er, wird die Polizei den Mörder finden?"
Karl Meixner begann eine unruhige, genau einstudierte Wanderung durch das kleine Zimmer.
"Er war schon der Meinung, aber sicher war er seiner Sache offensichtlich nicht!"
"Vielleicht - vielleicht sollten wir wieder nach Hause fahren?" fragte Iwan vorsichtig mit erstickter Stimme.
"Wir bleiben hier!"
Joe duldete keinen Widerspruch und es dachte auch keiner ernsthaft daran, ihm zu widersprechen. So angelte er ein Päckchen seiner filterlosen Zigaretten aus seiner Jackentasche. Meixner kannte seine Gesten, und diese bedeutete, dass er einen Entschluss gefasst hatte. Beinahe hätte er erfreut gegrinst. Es war also doch einfacher gegangen, als er es sich vorgestellt hatte.
"Mal ganz abgesehen davon, dass uns er Oberst hier her geschickt hat um Karl zu helfen. Ich schätze, wir werden auch der Polizei eine wenig auf die Sprünge helfen müssen", knurrte er mit der kalten Zigarette zwischen den Lippen während er in seinen Taschen wühlte. Iwan beeilte sich, ihm Feuer zu geben.
"Sehr gut!" setzte Meixner sofort nach und leistete sich nun doch ein kleines, schiefes Grinsen. "Und ich werde euch sagen, wie wir es anstellen werden!"

Karl Meixner warf den Geldschein nach vorne auf den Beifahrersitz und sprang aus dem Taxi noch ehe es richtig stand. Mit großen Schritten überquerte er die leere Fahrbahn, dabei prüfte seine Hand automatisch den Sitz des grauen, unauffälligen Wollanzuges. Er war zumindest ebenso elegant gekleidet, wie die Geschäftsleute mit denen er öfter zu tun hatte und doch immer darauf bedacht ein wenig schlichter, unauffälliger zu wirken. Manche dieser Männer hefteten ihren unruhigen Blick zuerst unbedarft auf seine linke Achsel bevor sie ihm beruhigt in die Augen sehen konnten. Immer wieder erwarteten sie eine Waffe an ihm zu entdecken, obwohl sie sich eigentlich schon daran gewöhnt haben mussten, dass er keine Waffe trug.
Nur sehr selten kam es vor, dass er die Smith & Wesson mit sich herum schleppte. Ein einziges Mal hatte er sie ziehen müssen - abgedrückt hatte er aber noch niemals woanders als auf den Schießstand. Dort allerdings zeigte sich, dass er, trotz seiner geringen Übung, ein meisterhafter Schütze war. Dafür, dass er die Waffe nicht öfter benutzen musste, sorgte Alexander Heymann. Es war überhaupt geradezu ein reines Vergnügen für diesen Mann zu arbeiten. Alles lief so geräuschlos, so reibungslos ab, wie noch niemals zuvor in Meixners wirrem Leben. Umso mehr hatte es ihn verwundert, als Heymanns Organisationsleiter Max Gangwal ihn wenigen Minuten zuvor angerufen und aufgefordert hatte, sofort alles stehen und liegen zu lassen und unverzüglich zu ihm in das Büro zu kommen. Mehr wollte Gangwal am Telefon nicht sagen. Das Wenige aber hatte genügt um Meixner zu beunruhigen. Wenn es Neuigkeiten gab oder eine dringende Besprechung, dann hätte ihn Pat, Heymanns Sekretärin, angerufen. Wenn es Wichtiges gab, telefonierte Alexander ohnehin meist selbst mit ihm, denn ihr freundschaftliches Verhältnis hatte in den Jahren des Erfolges nicht gelitten. Aber ein Anruf von Max Gangwal?
Vorsichtig schlich sich die Idee in seinen Kopf, dass Heymann etwas zugestoßen sein konnte, aber er verdrängte sie augenblicklich wieder. Aus irgend einem unsinnigen Grund war er der festen Meinung, er würde es wie eine Vorahnung fühlen, wenn Heymann etwas zustoßen sollte.
Das Gebäude auf der anderen Straßenseite war eines jener typischen, altehrwürdigen Bauten der Wiens Vorstadt. Natürlich gab es auch in anderen großen Städten schöne alte Häuser. In letzter Zeit hatte Karl Meixner einige dieser Städte als Heymanns Begleiter zu sehen bekommen. Es lag ihm auch vollkommen fern zu behaupten, Wien sei die schönste aller Städte. Es lag viel einfacher. Er lebte hier und hier lebte er gerne, denn jede Stadt hatte eine eigene Art zu leben und Wien war nun mal seine Art. Auch dieses Gebäude war nicht wirklich schön mit dem abbröckelnden Stuck an der Fassade und den dumpfgrauen Farben, vor allem nicht im Vergleich zu den bereits renovierten Häusern in der Straße. Aber es war ein typisches Wiener Haus und gehörte einfach hierher. Die Messingschilder neben dem Eingangstor, das noch hoch genug war um eine Kutsche einzulassen, blickten so verstaubt in die Welt, wie die Fenster des seit Jahren verlassenen Geschäftes im Erdgeschoss. Keines der Schilder glich dem anderen. Nicht nur in Größe und Aussehen. Auch das Alter war sehr unterschiedlich. Das offensichtlich älteste Schild hing schüchtern etwa in der Mitte und benannte eine mehr alte als ehrwürdige Rechtsanwaltskanzlei. Das Jüngst hing ganz unten. Es war ein sehr kleines Schild und wer es nicht bewusst suchte, der übersah es mit großer Leichtigkeit.
'Getränke Vertriebs Company OEG'
So stand auf dem kleinen Schild. Und die Firma, die sich dahinter verbarg, die war beinahe noch kleiner als das Schild. Aber diese kleine Firma hatte inzwischen mindestens so viele Verzweigungen, wie eine alte Eiche Wurzeln. Und wer sie kannte, der nannte sie schlicht 'die Company'.
Mehr als sechs Jahre war es jetzt her, dass Meixner seinem Freund Heymann das goldene Kreuz zu seinem Geburtstag geschenkt hatte. Niemals vorher und auch niemals nachher hatte er Heymann so unruhig, ziellos und nervös gesehen, wie in diesen Tagen. Was nicht an dem Geschenk sondern einzig an dem Mann lag. Ja, er sagte sogar selbst, dass er etwas ausbrüte und dass er Ruhe wollte. Ruhe und Abstand von allem und jedem. Danach war er über ein Monat verschwunden und einige seiner Freunde hatten begonnen sich ernstlich Sorgen zu machen. Doch Meixner wusste es besser. In diesem Zustand konnte Heymann nur in die kleine Stadt zurück gekehrt sein in der sie aufgewachsen waren. Wahrscheinlich war er tagelang durch die Wälder in der Umgebung gelaufen. War an den Ufern der Flüsse und Bäche, der Seen und Tümpel gesessen. An den Ufern des Waldes und hatte geträumt, gedacht, gehorcht, gerochen. Und dann war er plötzlich wieder da gewesen, hatte Meixner eines Morgens im wahrsten Sinne des Wortes aus den Federn gerissen und ihn durch das erneuerte Leuchten in seinen Augen wieder in seinen Bann gezogen. Das war vor mehr als sechs Jahren gewesen - und in diesen sechs Jahren hatte sich allerhand verändert.
Zuerst hatte Heymann begonnen Geld zusammenzukratzen um die Company zu gründen. Zur gleichen Zeit hatte er seine Freunde kontaktiert und mehr oder weniger organisiert. Und darunter befanden sich neben ein paar durchaus einflussreichen Leuten auch ein paar, die ohne viel zur fragen jeden Befehl Heymanns ausführten. Sagte heute jemand 'die Company', dann meinte er sicherlich nicht die zwei Laster und die fünf Leute, die sie fuhren, Frachtrouten zusammenstellten und den täglichen Kleinkram erledigten. Die eigentliche Company, die organisierte ganz andere Sachen - so ziemlich alle anderen. Irgendwann einmal war sogar ein Staatsanwalt auf die Idee gekommen etwas von 'organisiertem Verbrechen' zu murmeln. Aber Heymann hatte so unkonventionell reagiert, wie man es von ihm gewohnt war. Er war schnurstracks im Büro der Staatsanwaltschaft aufgetaucht und hatte sich persönlich mit den Leuten dort zusammen gesetzt. Nicht all zu bereitwillig hatte er aus dem Staatsanwalt und seinen Mitarbeitern heraus gekitzelt, was sie denn so besonders an seinen Tätigkeiten störte und mit ihnen dann lange über die bestehende Lage des Wirtschaftsrechts und über ebenso bestehende Lücken in diesen Gesetzen diskutiert. Und so ganz nebenbei durchblicken lassen, dass auch die Parlamentsfraktion des Herrn Staatsanwaltes seine Dienste in Anspruch nahm. Seither herrschte mehr oder weniger eisiges Schweigen, denn Heymann vermied es peinlichst genau die letzte Grenze zwischen der Grauzone und der Illegalität zu überschreiten. Aber er, Alexander Heymann, er selbst war wohl das Erstaunlichste! Er war bei weitem nicht mehr der kleine Spieler und lebenslustige, freche Gauner wie in der Zeit während ihres Studiums oder nachdem sie es abgebrochen hatten. Gerade mal 29 Jahre war er alt und hatte schon geschaffen, wovon die meisten Menschen nur ihr Leben lang träumten. Nichts schien für ihn unmöglich. Allerdings - fast natürlich und selbstverständlich - hatte es da doch auch ein paar Transaktionen gegeben, von denen der Herr Staatsanwalt, trotz aller Gesetzeslücken, nichts wissen sollte und wohl auch niemals etwas erfahren würde. Ob es dabei um die Veranlagung dunkelgrauer Millionenbeträge aus Parteikassen ging, um Firmenevents für leitende Angestellte in grenznahen, tschechischen Lokalitäten mit Damenüberschuss oder schlicht um die Auszahlung von Aufwandsentschädigungen an gestresste Manager für die Vergabe von Großaufträge, Heymann und die Company waren immer bereit um diskret und vertrauenswürdig den Leuten die unangenehmen Erledigungen abzunehmen. Und wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung gaben sich reiche und einflussreiche Leute bald die Klinke in die Hand, war die Company immer größer geworden und immer mehr Leute waren involviert. Aber er, Alexander Heymann, er blieb der unumstößliche Herrscher, der eigentliche Sonnenkönig seines kleinen, geheimen Zirkels.
Bewusst gemächlich stieg Meixner die ausgetretenen Steinstufen in den zweiten Stock hinauf damit sein Gehirn Zeit fand die wirren Gedanken zu ordnen. Aufzug hatte das Haus keinen. Auch, weil Heymann sich strikt geweigert hatte einen einbauen zu lassen. Treppen zu steigen habe noch niemals jemandem geschadet, so oder ähnlich hatte er auf das bloße Ansinnen hin gebrummt. Faule und geistig langsame Menschen waren ihm immer schon ein Gräuel gewesen. Aber auch wenn er selbst ein wahres Wunderkind war, was blitzartige Auffassungsgabe und Schnelligkeit in der Umsetzung seiner Ideen betraf, das Tempo mit dem er dieses Werk, das für jeden anderen als ganzes Lebenswerk gelten konnte, aus dem Boden gestampft hatte, grenzte schlichtweg ans Wundersame. So völlig konnte Meixner den Gedanken nicht von sich weisen, dass all diese übermenschlichen Anstrengungen am Ende doch nicht mehr waren, als eine Flucht nach vorne. Die Pendelbewegung eines gehetzten Geistes von einem Extrem zum anderen. Ein psychologisch geschulter Mensch hätte es vielleicht als panische Bemühung verstanden um etwas Versäumtes nachzuholen, und es als schwer neurotisch eingestuft. Dabei hätte er aber das Wichtigste übersehen - Alexander Heymann hatte etwas Bemerkenswertes geschaffen, mit welchen Beweggründen auch immer. Wenn es allerdings das gewesen war, was Heymann von Anfang an bezweckt hatte, dann hatte er sein Ziel längst erreicht. Die wirklich ernsthaften Bedenken an dieser Sache waren Meixner erst in letzter Zeit gekommen, als eine gefährliche Automatik als die treibende Kraft der geschäftlichen Beziehungen zu greifen anfing und es kaum mehr ernsthafte Schwierigkeiten gab, die es zu lösen galt. Dieser Alexander Heymann verfügte nach Meixners Ansicht mit Sicherheit über den Willen eines Titanen und über eine fast unmenschliche Hellsichtigkeit, aber mit ebenso großer Sicherheit würde über kurz oder lang eine neue Idee auftauchen, und dann war es mit seiner Beständigkeit und seinem Durchhaltevermögen keineswegs mehr so weit her. Nun, vorerst einmal hatte die Company begonnen ihre Fühler über die Grenzen hinaus zu strecken und da gab es noch mehr als genug Neuland und Schwierigkeiten um Heymann vor jeder Langeweile zu bewahren. Alte Seilschaften aus Kaisers Zeiten und aus dem Dritten Reich erwiesen sich dabei offensichtlich als beständig und ebenso hilfreich wie hinderlich. Möglicherweise würde er so weiter machen wie die letzten Jahre und Meixner konnte nicht viel mehr tun, als staunend daneben stehen und sich fragen, wo das Ganze wohl enden würde. Zumal auch innerhalb der Company inzwischen leise murrende Stimmen bemerkbar wurden, denn Heymanns autoritärer Führungsstil war zwar effizient aber nicht jedermanns Sache. So waren in letzter Zeit immer wieder Diskussionen aufgebrandet, ob man nun beteiligt sein sollte, wenn als Gefahrengut gekennzeichneter Müll in den Ostblock gekarrt werden sollte um dort zu verschwinden, was trotz aller Schmiergeldzahlungen für die Unternehmen immer noch billiger war, als ihn vor Ort zu entsorgen. Unterschiedlichste Meinungen waren kund getan worden, offen und hinter vorgehaltenen Händen, aber die letzte Entscheidung traf allein Heymann. Und er traf sie ohne sie zu begründen oder den Menschen um sich das Gefühl zu geben, sie wären gehört worden. Sosehr Heymann sich auch bemühte und soviel Mühe sie auch aufwendeten um die Fassade der Legalität zu wahren, Meixner war sich insgeheim sicher, dass diese Company irgendwann über eine dumme, belanglose Kleinigkeit stolpern würde. Zu viele Leute waren inzwischen involviert, zu viele Interessen mussten bedient werden. Die Frage war eigentlich nur, wie groß und wie einflussreich diese Organisation sein würde, wenn das geschah. Das allein würde dann darüber entscheiden, ob sie nur stolperte oder ob sie fiel. Darüber hinaus war Meixner Realist genug um auch noch eine weitere Möglichkeit in der Zukunft zu sehen. Alexander Heymann konnte schlicht und einfach abheben und den Bezug zur Realität verlieren. Eine Möglichkeit, an die er zwar noch niemals ernsthaft gedacht hatte, die aber mit jeder Expansion greifbarer wurde. Niemand konnte praktisch über Nacht solche Macht ansammeln, konnte Menschen in solchem Ausmaß manipulieren, ohne, dass ein Schatten an seiner Persönlichkeit haften blieb. Auch und gerade ein Mensch wie Heymann bildete da keine Ausnahme.
"Mein Gott", murmelte er auf den letzten Stufen. "Wenn mir jemand diese Geschichte erzählen würde, ich müsste annehmen, er ist verrückt oder besoffen!"
Aber er hatte es mit eigenen Augen gesehen und am eigenen Leib gespürt. So atmete er tief durch, öffnete die in frischem Weiß lackierte, hohe Eingangstür am Ende des etwas heruntergekommenen, sorgsam muffig gehaltenen Treppenhauses und betrat das helle, modern eingerichtete Vorzimmer. Hier erwartete die seltenen Besucher Patricia Fogham, von Meixner liebevoll Pat genannt. Ihr Vater war bei einer Wiener Abteilung der UNO beschäftigt gewesen und hatte, wie das ja öfter vorkam, im fremden Land ein nettes Mädchen getroffen und eine Familie gegründet. Zum Leben eines echten Engländers gehört natürlich auch ein Haus auf dem Lande. Etwas abgelegen, in der Nähe einer kleinen Stadt, dort lebten Mutter und Tochter auch die meiste Zeit. Nur wenig außerhalb jener kleinen Stadt, in der Heymann und Meixner aufgewachsen waren. Der Vater pendelte brav  zwischen seinem Job in Wien und seinen Lieben am Waldesrand hin und her. Bis ihm eines Tages ein LKW entgegen kam. Der nur normal übermüdete Fahrer des nur normal überladenen Lastzuges nickte nur für den normalen Bruchteil einer Sekunde ein und hatte nicht einmal einen Kratzer. Was von dem Wagen des UNO-Beamten übrig blieb, das konnte man beim besten Willen nur noch als Klumpen Blech bezeichnen. Als Heymann die Company auf die Beine stellte, kam die Tochter gerade aus der Schule und suchte einen Job, und natürlich kam sie zu Heymann. Natürlich, weil ihr volles kupferrotes Haar nicht nur ein bemerkenswert hübsches Gesicht mit katzenhaft grünen Augen umspielte, sondern auch einen traumhaft schlanken, geschmeidigen Körper bis knapp oberhalb der Hüften. Was all die geifernden, männlichen Wesen rund um sie übersahen, war, dass in diesem hübschen Köpfchen ein messerscharfer Verstand steckte, ein stahlharter Wille, den sie alle blind übersahen. Alle, außer Heymann. Selbst Meixner hatte sich geraume Weile ziemlich auffällig um ihr Interesse bemüht, aber sie schien nur Augen für Alexander Heymann zu haben. Der jedoch hielt zu aller Verwunderung bewussten Abstand, auch wenn es ihm offensichtlich nicht gerade leicht fiel. Da aber Beständigkeit nun mal nicht seine starke Seite war und sich normalerweise ziemlich wenig Leute in den Räumlichkeiten aufhielten, ging er den sich anbietenden Problemen lieber großräumig aus dem Weg und war selten anwesend. Für eine andere Lösung war er nicht zugänglich. Vielmehr kam es so weit, dass Heymann ab und zu die Meinung vertrat, Fogham wisse mehr von der Company als er selbst und seit ebenso unentbehrlich wie Meixner. Auch der begriff allmählich, dass es noch einen anderen Grund gab, weswegen es beinahe selbstverständlich war, dass Pat Fogham bei Heymann landen musste. Und dass sie blieb. Dieses Mädchen als eine anmutige, zierliche Elfe zu bezeichnen konnte nur Menschen einfallen, die noch niemals etwas länger in diese tiefen, grünen Augen geblickt hatten. Für den ersten Augenblick schienen sie unergründlich, tief und klar. Im nächsten Augenblick verstand man, dass sich hinter diesen manchmal träumenden Augen ein wildes, machtvolles Wesen von der Härte eines Diamanten verbarg, eine Macht, die einen Menschen hinweg fegen konnte wie ein Sturm. Eine wissende Macht, die weit über das hinaus ging, was Menschen als Erfahrung bezeichnen. 
Meixner hatte sich erfolglos um sie bemüht, aber er war sich bald klar darüber geworden, dass es nicht wirklich ihr Körper war, den er begehrte. Er hatte in diesem Mädchen ein Wesen gefunden, das Teil seines Selbst war, mit dem er tiefer und inniger verbunden war, als jemals mit einem anderen Menschen zuvor oder danach. So war seine Werbung einem Vertrauen gewichen, das sie wortlos und wie selbstverständlich erwiderte.
Als bewusster Kontrast war der Empfangsraum ruhig und friedlich gelegen. Geradezu idyllisch konnte er sein, wenn die Sonne schräg durch die hohen Fenster auf den Parkettboden fiel und die Zweige des hohen Baumes im Hof ein gemächliches Schattentheater inszenierten. Es war jedes Mal wieder wie ein wohliges Eintauchen in eine abgeschirmte, in eine scheinbar friedlichere Welt. An diesem Tag aber wurde Karl Meixner herb enttäuscht. Der sonst so angenehm ruhige Raum surrte wie ein Bienenstock im Hochsommer. Alle Verantwortlichen der Company waren versammelt. Das, was Heymann an sonst grinsend den strategischen Stab nannte. Allen voran die unübersehbare massige Gestalt von Saurus Perger, dem Leiter der von ihm selbst so genannten Gruppe A. In anderen Betrieben würden sie wohl Werkschutz genannt. Heymann nannte sie die Gang und das ohne den geringsten Anflug von Sympathie. Jochen Hakovats mit seiner Assistentin entdeckte Meixner, er baute zur Zeit eine Agentur für Personalvermittlungen auf, eines der neuen Aushängeschilder und das augenblickliche Liebkind von Heymann. Selbst Abraham Neumann entdeckte Meixner in eine Ecke gedrängt. Das kleine Männlein mit den hängenden Hamsterbacken hatte trotz seiner über fünfzig Jahre kaum mehr als einen Bartflaum. Er erledigte die Buchführung und schon allein die Tatsache, dass er sich nicht wie sonst hinter seinem Schreibtisch in seinem winzigen Büro verschanzen und in Papieren wühlen konnte, erklärte zum Teil seine verkrampfte Gestalt. War das doch seine liebste Beschäftigung, bis der immer ungebetene Besucher unverrichteter Dinge wieder aus seiner Kammer  verschwunden war und ihn in der Scheinwelt seiner geliebten Zahlen zurück ließ. Und dann war da auch noch der eine, den alle anderen umringten. Maximilian Gangwal, Heymanns Organisationsleiter. Meixner hatte niemals wirklich verstanden, warum ausgerechnet ihm diese Position zu Teil geworden war. Heymann selbst erklärte das damit, dass Gangwal für ihn ein phantasieloser Pragmatiker war und ihm somit gerade recht, um die Dinge am Laufen zu halten. Jetzt durchbrach dieser bleiche Pragmatiker den Ring, der sich um ihn geschmiedet hatte und eilte auf Karl Meixner zu. Der konnte gerade noch verstehen, dass Gangwal überglücklich war, ihn zu sehen. Alles übrige ging in dem allgemeinen Durcheinander der Stimmen unter. Meixner hob abwehrend die Hände. Zu schreien, wonach ihm eigentlich zumute gewesen wäre, war sinnlos. Und tatsächlich verstummte das gute Dutzend Frauen und Männer langsam.
"Also bitte, Freunde! Ruhe! Gangwal, was ist hier eigentlich los?"
Der fuchtelte aufgeregt mit den Händen in der Luft herum, als versuchte er die Worte, die sich ihm entzogen, herbei zu schaufeln.
"Heymann - der Chef - wir befinden uns in einer – einer Lage - er hat gesagt, wir sollen warten - wir haben keine Ahnung - wie soll ich sagen?"
Er machte eine kleine Pause und damit einen großen Fehler. Sofort sahen sich alle übrigen aufgefordert die Erklärung fortzusetzen. Allerdings taten sie dies ebenso konfus wie Gangwal sie begonnen hatte.
Karl Meixner atmete tief durch und schob die aufgeregten Menschen ziemlich achtlos aus dem Weg um sich einen Weg zum Schreibtisch der jungen Sekretärin zu bahnen.
"Mornin‘, Pat!" schrie er, damit sie ihn verstand.
Der Stab hinter Meixners Rücken diskutierte eifrig und lautstark weiter und schien ihn wieder vergessen zu haben. Jeder hatte seine eigene Meinung und versuchte alle anderen davon zu überzeugen.
"Du siehst heute bezaubernd aus, Pat! Wie immer."
Ein schüchternes Lächeln huschte wie eine ängstliche Maus über ihr blasses Gesicht und verengte die geröteten Augen ein wenig.
"Und du lügst - wie immer", meinte sie ernst.
"Sag ihm, dass ich da bin und mit ihm sprechen möchte."
Sie hob die Augenbrauen, als wolle sie zur Vorsicht mahnen.
"Wenn er dich hinein lässt", schwächte sie ab. "Jedenfalls sei vorsichtig. Er hat alle zusammen getrommelt und nun lässt er sie seit über zwei Stunden warten. Und er hat eine Laune wie zehn hungrige Löwen."
„Er lässt alle antanzen – außer mich. Interessant“, grübelte Meixner. Und er kannte seinen Freund gut genug um zu wissen, dass zehn hungrige Löwen Kinkerlitzchen waren gegen einen wirklich wütenden Alexander Heymann. Trotzdem lächelte er die junge Frau an.
"Vielleicht sollte man ihn füttern. Hat schon jemand daran gedacht, den Pizzaservice zu rufen?"
Sie lächelte ein wenig länger und für den Bruchteil eines Augenblickes war da wieder dieses Gefühl der Verbundenheit. Dann drückte sie auf die Taste der Gegensprechanlage.
"Herr Heymann? - Herr Meixner ist hier und möchte mit Ihnen sprechen."
Sie ließ die Taste wieder los und mit einem Schlag war es totenstill in dem Zimmer. Wie gebannt starrten alle Anwesenden auf den kleinen Kasten.
Er ließ sie waren, beinahe eine ganze Minute lang, dann ertönte seine Stimme. Ruhig und klar.
"Er soll hereinkommen. Er allein!"
Heymanns Büro war auf den ersten Blick kleiner als das Vorzimmer. Sein gerundeter Schreibtisch schirmte einen Stuhl mit hoher Lehne nach vorne ab, dem Besucher gegenüber, ein zweiter Bogen schien sich der Wand entgegen zu stellen. In beiden Bögen war ein Computerbildschirm integriert und nur wenige Eingeweihte wussten, dass die Rückwand mit den drei Mal drei Videoschirmen dahinter aufgeklappt werden konnte und einen Besprechungsraum verbarg, der zwölf Personen Platz bot.
Heymanns Büro war im selben hellen und kühl-sachlichen Stil eingerichtet wie Miss Foghams Vorzimmer, doch lange hatte Heymann geplant und wieder verworfen, bis es genau so aussah, wie er es sich vorstellte. Dabei sah man all die technischen Spielereien noch gar nicht. Es war eigentlich nichts weiter als eine Stimmung, die dieser Raum erzeugte. Und selbst diejenigen, die protzige, einschüchternde Chefbüros kannten oder selbst solche besaßen, fühlten sich mit dem Schritt über die Schwelle wie nach vorne gebeugt und einer Macht gegenüber, die ihnen, wie sie meinten, weit überlegen war. Diese Stimmung hatte sich Heymann auch oftmals zu Nutze gemacht. Und obwohl Meixner doch ganz genau wusste, was ihn hinter der mit Leder gepolsterten Türe erwartete, so war es doch jedes Mal aufs Neue auch für ihn überraschend. Zwar stellte sich bei ihm nicht mehr das Gefühl der Unterlegenheit ein, aber es war für ihn immer noch so, als würde er einem Schritt in eine andere Welt, in eine andere Zeit tun. Alles, was gerade zuvor noch so wichtig gewesen war, blieb außerhalb. Es versank im Schatten, als wäre es nichts weiter als die Erinnerung an einen schlechten Traum.
Und auch dieses Mal war es für Meixner nicht anderes, als er die Tür hinter sich schloss. Aber heute sah er nur die Rückseite des hohen Stuhles. Der Mann im Stuhl hatte ihm den Rücken zugewandt und betrachtete angelegentlich die Szenen, die auf den synchron geschalteten Bildschirmen an der Wand liefen.
Der Film war von schlechter Qualität. Weil das Material billig gewesen war, vor allem aber, weil der Kameramann sich ständig bewegte. Und das nicht zu langsam. 
Auf den großen Bildschirmen war eine blutige Straßenschlacht in vollem Gange und jede der kämpfenden Seiten schien über modernste Waffen zu verfügen. Es gab keinen Ton, so stand die mörderische, stumme Hatz auf dem Bildschirm in krassem Gegensatz zu der vollkommenen Ruhe und Geborgenheit des Raumes.
Meixner ging weiter nach vorne und setzte sich so auf die Kante des hinteren Schreibtisches, dass er den Mann im großen Stuhl ins Gesicht sehen konnte. Natürlich gab es auch eine Sitzgruppe in dem Raum und Sesseln vor dem Schreibtisch, aber er bevorzugte nicht nur heute diesen Platz. Vielleicht auch, weil er gerade diesen Platz als für sich angemessen erachtete.
Kaum verstohlen betrachtete er das Gesicht des Mannes, der da zurückgelehnt in dem hohen Stuhl saß und erschrak. Noch niemals hatte er Alexander Heymann so verhärmt, so angeekelt und so still kochend voller Wut erlebt. Der harte, enttäuschte Zug um seine Mundwinkel, die Verkniffenheit seiner Lippen und die Blässe seiner Haut sprachen Bände über seine Gemütsverfassung. Auch für Personen, die ihn nicht so gut kannten wie Meixner.
Der schluckte und war sich mit einem Mal gar nicht mehr so sicher, ob er diesen wütenden Mann wirklich einschätzen konnte.
"Guten Morgen", meinte er erst einmal vorsichtig, als ihm klar wurde, dass Heymann nicht die Absicht hatte, ihn von selbst zu bemerken. 
„Du hast lange gebraucht.“
„Du hättest mich auch rufen können.“
Aber anstatt darauf näher einzugehen, wies Heymann auf die Videowand und stellte mit leiser Stimme eine Frage.
"Weißt du, was das ist?"
Meixner betrachtete die Bilder aufmerksamer und versuchte sich eine Meinung zu bilden. In dieser Stimmung schätzte Heymann keine halben Antworten.
"Auf jeden Fall wieder einmal Krieg", analysierte er vorsichtig. "Eine Seite trägt Uniform, die andere so etwas wie Zivil, soweit man das überhaupt beurteilen kann. Also würde ich daraus schließen: Bürgerkrieg."
"Und wo?"
"Puh - das könnte heute überall sein. Aber dem Aussehen der Menschen nach würde ich eher auf eine südliche Gegend tippen. Für einen Staat der ehemaligen UdSSR sind die Häuser und die Wagen zu westlich. Könnte wieder mal irgendwo im Nahen Osten sein. Oder eben so gut in Südamerika oder in den Vereinigten Staaten."
Heymann beugte sich nach vorne, den Blick starr auf den Bildschirm geheftet. Seine Hände lagen fest verknotet auf seinen Knien.
"Nicht schlecht geraten", sagte er. "Aber es ist die andere Seite vom Meer." Und machte eine kleine Pause. "Was Du hier siehst ist ein Baskenaufstand in Nordspanien."
Seine Stimme klang ruhig, gefasst und entspannt. Aber Meixner kannte ihn zu gut um sich davon über seine tatsächliche Laune täuschen zu lassen.
"Wann?" fragte er nach.
"Die ersten Informationen erreichten mich am Abend. Diese Aufnahmen sind etwas mehr als zwei Stunden alt. Es lebe das Internet!"
"Heute!?"
Nun starrte auch Meixner betroffen auf das stumme Chaos auf den Bildschirmen.
"Seit wann geht das schon? Die Nachrichten haben nichts gebracht."
"Der EU-Sicherheitsrat hat bereits gestern Abend eine Nachrichtensperre verhängt nachdem die Kämpfe gestern am Nachmittag ausgebrochen sind. Die Spanier selbst haben schon vorher dicht gemacht. Und die Basken selbst haben es nicht so mit der modernen Technik."
Heymanns Stimme klang mit einem Mal erschöpft und in Meixner stieg ein völlig verrückter Gedanke auf. Aber noch bevor sich seine Befürchtung kristallisieren konnte sprach Heymann sie auch schon aus.
"Kannst du dir vorstellen, woher die Waffen stammen, mit denen sich gerade ein paar hundert Menschen mitten in Europa gegenseitig abschlachten? Und nicht nur sich selbst, sondern auch den Europäischen Gedanken und der Europäische Konjunktur mehr schaden als jede Wirtschaftskrise!"
Er wandte sich ab von den Bildschirmen und sah Meixner zum ersten Mal an.
"Woher stammen die Waffen, mit denen gerade die Gefüge eines sehr wackeligen Staates bis in die Grundfesten erschüttert werden? Mit denen Spaniens Stellung in der EU geradewegs unmöglich gemacht wird? Mit denen das gesamte europäische Sicherheitsnetz einen ordentlichen Knacks abbekommen hat? Woher, verdammt noch einmal?!"
"Von - uns?"
"Von der Company!"
"Also doch!"
"NEIN!!"
Heymann warf sich zurück und stemmte sich in den breiten Sessel, als wollte er Abstand zu diesen Ereignissen gewinnen. Aber der Abstand änderte nichts an den Fakten.
"Bisher war die Company verbürgt mit meinem Namen, mit meiner Person."
Er sprang auf, dass der Sessel gegen den Tisch krachte und begann eine unruhige Wanderung durch den Raum.
"Aber auch umgekehrt war meine Person identisch mit der Company. Ich war die Company und die Company war ich! Aber damit ist es jetzt aus. Endgültig aus und vorbei!"
"Alexander, ich bin ein einfacher Mensch. Könntest du mir im Klartext erklären, weswegen sich alle so aufregen. Du eingeschlossen."
"Weshalb ich mich aufrege? Ist das kein Grund aufgeregt zu sein?" brüllte Heymann kochend vor Wut und wies auf die Bildschirme. Dann holte er tief Atem, sagte aber doch nichts sondern schaltete die Bildschirme nur ab. Offensichtlich hatte dieser Ausbruch viel seiner Wut verrauchen lassen.
"Und weshalb hat Pat rote Augen?"
"Pat hat rote Augen? Kann es sein, ahnt sie ..."
Heymann hielt abrupt an, kniff die Lippen zusammen und schien überrascht, aber nach einer Weile zuckte er nur mit den Schultern.
"Na ja, es ist ja auch wirklich zum Heulen", brummte er dann und zeigte wieder auf die Bildschirme.
"Die Lieferung dieser Waffen an die Basken ist hinter meinem Rücken beschlossen worden." Er sah Meixner wütend an. "Nein, mehr noch! Genau genommen ist es gegen meine ausdrückliche Anweisung geschehen!"
Meixner konnte sich inzwischen dunkel an die Aufregung vor einiger Zeit erinnern. Heymann hatte scheinbar mutwillig einen äußerst lukrativen Transport abgelehnt oder verzögert, oder mutwillig in den Sand gesetzt. So genau hatte er nicht darauf geachtet. Er hatte genug mit seinen eigenen Projekten zu tun. Außerdem hatte er schon vor geraumer Zeit den Drang abgelegt, alles immer genau wissen zu müssen. Aber er konnte sich inzwischen deutlich daran erinnern, dass Heymanns Entscheidung ziemlich viel böses Blut gemacht hatte. Die Aufregung über den entgangenen Gewinn war groß gewesen, und die Stimmen der Enttäuschten, die es natürlich besser gewusst hätten, laut. 
Und da meinte er zu verstehen.
"Also deshalb sind alle so aufgeregt! Irgendwo in der Company sitzt jemand, der deine Anordnungen nicht befolgt, der möglicherweise in die eigene Tasche arbeitet. Und dieser jemand muss erwischt werden. Also verdächtigt jetzt jeder den anderen."
Heymann ließ eine kleine Pause eintreten während der er seinen Freund interessiert betrachtete, bevor er meinte: "Es gibt da durchaus Gründe, weswegen ich diese Organisation leite und nicht du. Es ist an sich keine so schlechte Schlussfolgerung, zu der du kommst, aber leider liegst du völlig daneben."
Heymann blieb vor dem Fenster stehen und sah in den stillen Hof hinaus. Die Hände hatte er am Rücken verschränkt und er wirkte um vieles ruhiger als noch kurz zuvor - so wie ein Mann, der seine Entscheidung getroffen hatte.
"Die Wirklichkeit, mein lieber Karl, die sieht wie meist viel schlimmer aus, als du dir vorstellen kannst. Ich brauche nicht erst zu suchen, ich weiß doch ganz genau, wer es war. Und gerade diese stupide Unverfrorenheit macht mich so wütend."
"Wer?"
Heymann wandte sich um und sah seinen Freund nachdenklich an.
"Ich habe niemals wirklich verstanden, warum es dir nichts ausmacht", meinte er dann und alle Aufregung schien aus seiner Stimme verschwunden zu sein. "Ich zeige einfach auf jemanden und du gehst und kümmerst dich um ihn. Du eliminierst Probleme, so wie jemand anders das Licht aus macht wenn sie einen Raum verlassen. Und selbst wenn wir darüber reden, kann ich an dir keine Spur von Zweifel oder Reue entdecken."
"Ich könnte dir viele logische Gründe nennen, warum man manche Dinge nicht tun sollte. Aber ich habe noch niemals, wenn ich etwas getan habe, das Gefühl in mir verspürt, etwas Falsches zu tun. Und du kannst dich natürlich sehr gut auch daran erinnern, dass es einige Male gab, in denen ich nicht das getan habe, was man von mir erwartete. Was, glaube ich, du von mir erwartet hast."
Nachdenklich nickend wandte Heymann sich wieder dem Fenster zu und brummte: "Ja, das kann ich. Und du bist jedes Mal richtig gelegen. Vielleicht habe ich auch einfach nur Angst vor der Möglichkeit, dass du der Wahrheit näher bist als ich."
"Was uns wieder zu einer anderen Wahrheit bringt", ließ sich Meixner nicht so schnell aus der Fassung bringen.
"Und welche?"
"Wer ist es?"
"Wer? - Sie alle. Alle meine pflichteifrigen leitenden Angestellten, wie sie da draußen stehen. Sie haben ihr letztes bisschen Grips zusammengekratzt, eine beinahe geheime Versammlung einberufen und eine Vereinbarung getroffen. Dabei sind sie übereingekommen, dass meine Entscheidung falsch war. Und sie haben die Transaktion durchgeführt."
"Das geht, einfach so, ohne deine Einwilligung?"
Jetzt musste sogar Heymann wieder lachen. Er schüttelte den Kopf und wandte sich seinem Freund zu.
"Ach Karl, glaubst du denn, ich muss Gangwal einen schriftlichen Auftrag geben eine Wagenladung Waffen von einem deutschen Bundeswehrlager nach Spanien zu bringen?! Er kennt die Kontaktleute und er kennt die Verträge. Also muss er nur so tun, als würde ich mein Einverständnis doch noch gegeben haben, sozusagen unter der Hand. Und ich kann nicht einmal abstreiten, dass es der Company sehr viel Geld gebracht hat. Aber zu welchem Preis!"
"Waffen sind nun einmal dazu da, damit man sie benutzt. Und man muss auch an die vielen Menschen denken, die bei den Waffen- und Munitionserzeugern arbeiten - hat mal ein gewisser Alexander Heymann gesagt."
"Und heute pfeift dein Alexander Heymann eben auf diese Leute in den Fabriken", knurrte er. "Ich weiß noch sehr gut, wozu man Waffen verwendet. Aber man kann ein bisschen aufpassen, wann man sie verkauft, wohin und unter welchen Umständen. Diese Hitzköpfe von Basken hätten ihre Lieferung von mir schon noch erhalten, aber nicht zu diesem Zeitpunkt und nicht in die Hände dieser blutigen Anfänger, die noch nicht einmal die ganze Lieferung abwarten, sondern sofort ein paar von den Waffen ausgepackt und beginnen verrückt zu spielen. Natürlich hat die Polizei zurückgeschlagen, und so bleibt es glücklicherweise bei knapp zwei Dutzend Einzeltätern. Denn die spanische Guardia Civil hat augenblicklich die Lunte gerochen und den größten Teil der Lieferung abfangen können."
"Natürlich ganz zufällig."
Heymann sah seinen Freund eine Minute lang schweigend an und schüttelte dann kaum merkbar den Kopf. Fast flüsternd meinte er: "Begehe nie den Fehler Polizisten für so dumm zu halten, wie du sie gerne hättest. Damit kann man mehr als nur auf die Schnauze fallen. Und genau das ist uns jetzt passiert. Hast du auch nur einen Anflug einer Ahnung, was für eine Hexenjagd jetzt da draußen gerade anläuft? Die spanische Polizei ist nicht blöd und die haben einen Geheimdienst, der inzwischen wahrscheinlich ziemlich genau wissen wird, wer die Waffen geliefert hat. Interpol mag ein zahnloser Papiertiger sein, aber es reicht um uns eine Menge Schwierigkeiten zu machen. Wir geraten jetzt auf den Schirm jeder Organisation, die sich für Waffenhandel interessiert, sei es jetzt staatlich, um den Handel zu unterbinden oder privat, weil man die Konkurrenz im Auge behalten will. Wir haben den Kopf aus dem Kaninchenbau gesteckt und jedem Fuchs da draußen ein Hallo zugerufen. Dadurch stehen wir jetzt auf dem Präsentierteller. Stehe ich auf dem Präsentierteller. Und weil ich keine Lust habe meinen Kopf hin zu halten werde ich ihn aus der Schusslinie bringen. Außerdem, meine Meinung zählt ja hier offensichtlich nichts mehr", meinte er dann wieder lauter. "Und wenn mich sowieso hier niemand mehr braucht, dann kann ich ja auch verschwinden. - Und genau das werde ich heute noch tun!"
Meixner verstand nun nur zu gut, warum der Stab mit ihm nicht mehr zu Rande kam. Und die kleine Pat wusste wahrscheinlich genauer über Heymanns Pläne Bescheid, als der ganze Stab. Ihn selbst mit eingeschlossen. Aber eine Company ohne Alexander Heymann, das konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen.
"Du willst weg von der Company?" vergewisserte er sich ungläubig noch einmal.
Heymann kam zurück zum Schreibtisch, ließ sich in den Sessel fallen und begann hin und her zu schaukeln. Dabei verfinsterte sich sein Gesicht wieder deutlich.
"Ja", sagte er und Meixner erkannte aus seiner Stimme nur zu deutlich, das jedes weitere Argument sinnlos war. Die Entscheidung war längst gefallen. Schon lange, bevor er den Raum betreten hatte. "Ich will weg von der Company! Weg von dem allen hier. Nach dem Vorfall wird es Untersuchungen geben und dann kann es nur gut sein, wenn ich von der Bildfläche verschwunden bin. Denn nach außen hin bin immer noch ich derjenige hier, der die Entscheidungen trifft und dafür auch gerade stehen muss.“
Meixners Gesicht verfinstere sich als er begriff, was das bedeutete. Heymann würde die nächsten Jahre untertauchen und auf der Flucht sein müssen. Und er selbst …
Der Mann in dem Sessel hatte die Veränderung in Meixners Haltung wohl bemerkt. Er fasste ihn fester ins Auge und allmählich breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus, dass man nur als teuflisch bezeichnen konnte.
„Nein Karl“, sagte er dann, „du wirst mich nicht begleiten. Und das mit dem Untertauchen wird auch nicht all zu lange dauern. Weil ich keine großartigen Untersuchungen erwarten. Das ganze Geschäft war nämlich eine Win-Win-Situation. Ein paar deutsche Industrielle haben uns bezahlt, weil sie die Waffen los werden wollten. Ebenso, wie die deutsche Bundeswehr, die den Platz in der Halle für neue Waffen benötigte. Für die ein paar Leute wahrscheinlich wieder Provisionen bezogen haben. Und auf Seiten der Spanier haben uns Sympathisanten einer rechten Partei bezahlt, denen kommt eine Destabilisierung des Landes nur gelegen. Sollte also jetzt wirklich jemand Untersuchungen anstellen und da tiefer nach graben wollen, dann wird damit so viel Dreck aufgewirbelt, dass wir als kleine Vermittler darin verschwinden. Nichts desto trotz sind wir verbrannt, zu viele Leute haben im Moment meinen Namen und mein Gesicht auf dem Tisch. Also muss ich dazu sehen, dass ich wieder in Vergessenheit versinke. Und dazu muss ich weg. Oh, ich kann nicht behaupten, dass es mir leicht fällt. Aber vielleicht ist das ein Grund mehr, weswegen ich hier verschwinden sollte. Der Job ist toll, ja, aber er kann ebenso schnell gesundheitsschädlich sein. Vielleicht nicht gerade heute und nicht morgen, aber irgendwann ist es dann sicherlich soweit. Heute dagegen kann ich noch freiwillig gehen. Ob ich das in ein paar Jahren noch schaffen würde? Man gewöhnt sich so schnell an Dinge, die man eigentlich überhaupt nicht braucht. Und außerdem habe ich genug Geld auf einem kleinen Nummernkonto, dass ich von den Zinsen zwar bescheiden aber doch hundert Jahre alt werden kann."
Er hielt den Sessel mit einem Ruck an und blickte Meixner streng ins Gesicht. Jedes Grinsen war verschwunden.
"Lach' nicht so dämlich!" forderte er, obwohl sein Freund mit keiner Wimper gezuckt hatte. Dafür legte sich jetzt ein nachdenkliches Lächeln auf Heymanns Gesicht.
"Natürlich weiß ich eben so gut wie du, dass ich nur dann bescheiden lebe, wenn nichts mehr da ist, was ich ausgeben kann", gestand er. "Aber irgendwie werde ich schon über die Runden kommen. Übung schadet nicht. Wusstest du übrigens, dass es in den USA Sozialversicherungen gibt? Und dass die nicht wissen, wohin mit dem Geld? Ein tolles Land, wenn man unauffällig ein wenig abtauchen möchte. Nicht so wie Europa."
Meixner stand von der Schreibtischkante auf und ging langsam zu einem der großen Fenster auf der anderen Seite des Raumes. In Gedanken versunken sah er auf die lebendige Straße hinunter.
Er benötigte einige Zeit um mit dieser völlig neuen und unerwarteten Situation fertig zu werden.
"Aber was," fragte er nachdenklich, "was willst du machen - nachher?"
Das Leben, dass sich da draußen auf der Straße abspielte, war lange nicht so interessant wie Heymanns Antwort. Also wandte sich Meixner vom Fenster ab und sah zu seinem Freund hin. Aber der ließ sich Zeit mit seiner Antwort. Stattdessen nahm er die Wanderung durch den Raum wieder auf. Aber jetzt wirkte es ruhiger, ausgeglichener. Nicht mehr sosehr wie der Tiger im Käfig.
"Selbst auf die Gefahr hin, dass du mich auslachst - ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht! Zuerst jetzt einmal weg, weit weg – natürlich. Aber dann? Vielleicht ziehe ich irgendwohin in den Süden. Vielleicht bleibe ich in der Stadt. Besuche ein paar von unseren alten Lokalen, setze mich wieder mit ein paar von unseren alten Freunden zusammen – wenn es da eine wie das andere noch gibt. Auf die Dauer hätte ich dieses Leben als angesehener Geschäftsmann sowieso nicht ausgehalten!"
Er schüttelte den Kopf und lachte ein wenig wehmütig.
"Nine to five ist nichts für mich. Oder aber", meinte er leise, "oder aber, ich gehe wieder nach Hause zurück. Das wäre vielleicht gar keine so schlechte Idee."
Meixner hatte akzeptiert, dass er dieses Band, dass Heymann mit ihrer Heimat verband, niemals verstehen würde. Zwar war auch er in diesem Land groß geworden, zwar empfand auch er, dass sich hinter dieser schroffen, abweisenden Gegend eine Zuflucht verbarg, aber ihm war es niemals gelungen zu verstehen, wie Heymann in der Lage war aus diesem Stückchen Erde, Stein und Wald diese scheinbar so grenzenlose Energie ziehen zu können. Meixner erschreckte diese Gegend mehr als sie ihn anzog.
Erst langsam wurde ihm bewusst, dass Heymann ihn schon seit geraumer Weile schweigend ansah. Und seine Augen waren wieder kalt und hart wie zuvor.
"Aber bevor ich mir darüber den Kopf zerbreche haben wir noch eine andere sehr wichtige Frage zu klären."
Meixner mochte diesen Ausdruck in seinen Augen nicht besonders, aber es beruhigte ihn mehr als er sich eingestehen wollten, dass Heymann endlich wieder in der Mehrzahl sprach.
"Wenn ich die Company schon verlasse, dann möchte ich sie aber auch in guten Händen wissen."
Und ohne Meixner anzusehen stellte er die Frage, die kommen musste: "Möchtest du mein Nachfolger werden?"
Der sah wieder hinunter auf die Straße. Er ließ sich Zeit mit seiner Antwort. Es sollte so aussehen, als würde er überlegen, dabei hatte er seine Entscheidung schon vor langer Zeit getroffen. Noch während Heymann die ersten Geschäfte der Company abwickelte hatte Meixner klar gewusst, was er wollte.
"Nein", antwortete er nach anscheinend reiflicher Überlegung. "Da schlafe ich lieber bis an mein Lebensende unter der Reichsbrücke, als so verrückt zu sein und dein Nachfolger zu werden. Man kann von mir durchaus behaupten, dass ich nicht gerade viel Phantasie habe, aber um zu erkennen, dass das keine gute Idee ist, dazu braucht es auch keine!"
Heymann lachte, trat zu ihm ans Fenster und legte ihm die Hand auf die Schulter. Zusammen sahen sie auf die Straße hinunter.
"Wie ich dich kenne wirst du keineswegs unter einer Brücke schlafen. Schon gar nicht unter der Reichsbrücke, denn es besteht ein winziges Risiko, dass sie noch einmal zusammen bricht - und du gehst aus Prinzip keine Risiken ein - einerseits."
Er machte eine lange Pause und betrachtete mit zusammengezogenen Brauen das Treiben auf der Straße. Mit zunehmender Dämmerung glich es immer mehr dem hektischen Treiben eines Ameisenhaufens.
"Andererseits?" verlangte Meixner zu wissen, als die Pause zu lang wurde.
"Andererseits? Hast du völlig recht. Um EINE Organisation erfolgreich zu führen - sozusagen mit der Waffe in der Hand - muss man schon beinahe ein Genie sein. Aber um DIESE Company zu führen - wenn du den Vergleich gestattest, unbewaffnet - darf man kein Genie mehr sein. Hier ist es von Nöten, dass man wahnsinnig ist. Vollkommen und unheilbar wahnsinnig - so wie ich. Oder man hat die entsprechende Vision. Also sei bitte nicht beleidigt, sondern betrachte es als Kompliment, wenn ich sage, dass ich dir ein 'JA' auf meine Frage auch gar nicht zugetraut hätte."
"Warum hast du mich dann überhaupt erst gefragt?" wollte Meixner überrascht wissen.
"Weil ich gewusst habe, dass du mir diese Antwort geben würdest. Und jetzt kannst du mir nie mehr vorhalten, ich hätte dich nicht wenigstens gefragt. Denn, natürlich, hätte ich mich auch täuschen können und deine Pläne hätten sich geändert."
Meixner schluckte die Antwort, die er bereits auf der Zunge hatte, hinunter und schüttelte nur resigniert den Kopf.
"Wenn das also geklärt ist", fuhr Heymann fort und begab sich wieder hinter seinen Schreibtisch, "so können wir uns ja der Frage widmen, wer denn nun verrückt genug wäre, mein Nachfolger werden zu wollen. Also - wer hat dich angerufen?"
"Mich angerufen - das war Gangwal."
"Und wer hat dich begrüßt?"
"Das war auch Gangwal."
"Wer hat dir erzählt, oder zumindest zu erzählen versucht, was los ist?"
"Äh - Gangwal."
"Und jetzt eine einfache und logische Schlussfolgerung: Wer wird der neue Chef der Company?"
"Doch nicht Gangwal?!?"
Heymann lachte auf und heuchelte Überraschung.
"Wie hast du das nur wieder erraten!"
Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch und tat, als wolle er ans Werk schreiten, aber der große Mann am Fenster hatte da noch so seine Bedenken. Irgendwie konnte er sich das nicht so wirklich, oder besser gesagt überhaupt nicht, vorstellen und genau das sagte er auch. Gangwal war so – er konnte es nicht anders ausdrücken – so primitiv in seinen Augen. So völlig ohne Vision, wie es weiter gehen sollte. Ohne es sagen zu können führte sich Meixner direkt ein wenig beschmutzt und war kurz davor sich zu überlegen, ob er seine Entscheidung nicht noch einmal überdenken sollte. Aber Heymann lachte ihn nur aus und wischte seine Einwände mit einer Handbewegung weg.
"Gangwal ist haargenau der Mann, den wir brauchen", erklärte er. "Ein pfennigfuchsender Buchhalter mit dem Gehirn eines gierigen Ganoven, der Skrupellosigkeit eines Vorstandsvorsitzenden und den Wunschvorstellungen eines Napoleons. Früher oder später hätte er auf jeden Fall versucht auf diesen Sessel zu klettern. Das der aber für ihn etwas zu groß ist, dass wird er sehr schnell lernen. Er hat also nur zwei Möglichkeiten. Entweder macht er seine Sache gut, dann wächst er mit der Zeit in diesen Sessel hinein. Oder aber, er stolpert, dann fällt er aus diesem Sessel heraus. Außerdem ist noch Pat da, die das Werkl am Laufen hält. Und auch du wirst noch etwas brauchen, bis du der Company den Rücken kehrst. Wie auch immer, wenn ich ganz ehrlich bin muss ich zugeben, dass es mich jetzt schon nicht mehr wirklich interessiert. Also bringen wir die Sache hinter uns und holen wir den Delinquenten zur Exekution."
Bei seinen letzten Worten griff er nach der Gegensprechanlage. Im letzten Augenblick zog er ab die Hand wieder zurück und taxierte seinen völlig verwirrten Freund verschmitzt.
"Vielleicht ist es unnötig dich darauf hinzuweisen, vielleicht auch unvorsichtig, aber du weißt doch - in jedem Spiel gibt es einen Joker."
Während er mit urgewaltigem Donnergrollen in der Stimme befahl sofort Max Gangwal zu ihm zu schicken arbeitete Meixners Gehirn wie im Fieber. Die Vorstellung, dass ein Mann sein Lebenswerk einfach mit einer Handbewegung aufgab und sich einer mehr als unsicheren Zukunft stellte war so verrückt, so unlogisch, so völlig undenkbar - und doch so völlig Alexander Heymann. Gangwal war zwar ein Mann mit Wunschvorstellungen, da hatte Heymann recht, aber er hatte keine Phantasie und kannte keine Visionen. Und was sollte diese Bemerkung über einen Joker? Wie in weiter Entfernung sah er Max Gangwal eintreten und es schien, als wollte er sich mitsamt seinem mausgrauen Anzug selbst in ein Mäuslein verwandeln und in einer Ritze verschwinden. Aber dieses Wunder geschah natürlich nicht.
Dafür erschienen wie von Zauberhand wieder die Bilder auf den Videoschirmen und Gangwal sah sich mit peinlichen Fragen konfrontiert. 
Aber Meixner achtete nicht darauf. Denn allmählich machte sich so etwas wie Erstaunen in ihm breit. Er hätte wohl jeden Befehl von Heymann ausgeführt. Und wenn es bedeutet hätte sein Leben zu opfern, dann hätte er wahrscheinlich auch nicht weiter darüber nachgedacht. Und jetzt, mit einem Schlag, war es ihm nur noch gleichgültig. Natürlich hätte er versuchen können Heymann umzustimmen, einen Kompromiss auszuhandeln. Doch dazu kannte er seinen Freund zu gut. So gut, dass in ihm allmählich der Verdacht keimte, dass Heymanns Plan keineswegs aus einer Laune geboren war und diese Waffenlieferung in Wirklichkeit nur sehr am Rande damit zu tun hatte. Oder gar nur ein Vorwand war? Alexander Heymann handelte zwar oft rasch aber niemals ohne reifliche Überlegung - und er behielt sich immer einen Joker!
Inzwischen wiederholte ein offensichtlich am Ende seiner Beherrschung stehenden Heymann zu dritten Mal und mit sehr lauter Stimme die barsche Frage, von wem denn die Waffen an die baskischen Freiheitskämpfer geliefert worden waren.
"Von uns", hauchte endlich ein leichenblasser Gangwal.
Selbst Meixner zuckte zusammen, als Heymann plötzlich losbrüllte.
"Keineswegs geliefert von UNS!" brüllte er. "Geliefert von der Company. Nicht von mir! Geliefert von dir und deinem - deinem 'Planungsstab'!"
Dieses letzte Wort spuckte er dem zitternden Mann förmlich ins Gesicht. Aber ebenso plötzlich wie er los gebrüllt hatte, beruhigte er sich auch wieder. Zwar maß er Gangwal noch immer mit wütenden, verächtlichen Blicken, aber er fuhr in normaler Lautstärke fort. 
"Wir leben hier nicht im Chicago der Bandenkriege. Das kannst du dir abschminken mein Lieber. Die österreichische Polizei, die spanische aber auch Interpol und sicher auch einige Geheimdienste haben jetzt Beweise in der Hand, das und was die Company ist. Nun, geahnt haben sie es schon lange. Warum glaubst du, haben sie dann noch nie Schritte gegen uns unternommen? Es gibt sehr, sehr viel mächtigere Organisationen gegen die vorgegangen wird. Wir hätten kaum Möglichkeiten uns zu wehren, wenn man anfangen würde, in unseren Geschäften zu stochern. Aber warum tun sie es dann nicht? Hast du dir jemals überlegt, warum sie es nicht einmal versuchen? Ich werde es dir sagen: Weil sie ganz genau wissen, dass Organisationen wie unsere immer und überall existieren, aber wir sind bis jetzt immer irgendwo im Graubereich der Legalität geblieben. Wir sind ein Übel, aber notwendiges Übel und wir sind ein kleines Übel, mit dem man leben kann. Man arrangiert sich und manchmal, da kooperiert man auch. Wenn Waffen bestellt werden, dann werden auch Waffen geliefert, so war das immer seit es Menschen gibt und daran wird auch ein eingebildetes, virtuelles Zeitalter nichts ändern. Es ändern sich nur die Waffen. Es besteht aber durchaus ein gewaltiger Unterschied, ob man jemandem Waffen liefert, wenn der Topf gerade am Überkochen ist, oder ob man sie hinhält, bis sie sich wieder einigermaßen beruhigt haben. Aber nein, solange konntet ihr ja nicht warten!"
Er machte eine Pause um Atem zu holen. Trommelte kurz mit den Fingernägeln auf das glänzende Holz des Schreibtisches und stand dann auf.
"Wie ich bereits gesagt habe: Nicht WIR haben die Waffen verkauft, sonder IHR! Ein zwar kleiner aber durchaus bedeutender Unterschied. Und zwar bedeutend genug, um daraus meine Konsequenzen zu ziehen. Es ist schon schlimm genug, dass ich wahrscheinlich den Kopf hinhalten darf dafür, dass ich hintergangen worden bin."
Mit wuchtigen Schritten stiefelte er durch das Büro auf Gangwal zu und blieb neben ihm stehen. Sie standen Seite an Seite, Schulter an Schulter und jeder sah in seine Richtung. Er eine, weil er sich nicht umsehen wollte, der andere, weil er es nicht wagte.
"Ich habe meine Entscheidung getroffen - und wir wissen beide, dass es für mich nur eine Lösung gibt."
Alexander Heymann drehte sich auf den Absätzen zu Gangwal herum. Der zog den Kopf noch weiter zwischen die Schultern und festigte so den Eindruck endgültig in seinem Anzug verschwinden zu wollen.
"Komm", sagte Heymann und wies auf den Schreibtisch.
Aber Gangwal verkroch sich noch weiter und starrte ihn fassungslos an, denn allmählich verstand er überhaupt nichts mehr.
"Na komm schon", brummte Heymann noch einmal, wobei offensichtlich wurde, dass er nur mit Mühe seine aufgestaute Wut unterdrücken konnte. Doch Gangwal rührt sich immer noch nicht vom Fleck. Also packte Heymann ihn am Arm, hob ihn beinahe hoch und zerrte ihn an den Schreibtisch. Gangwal trottete hinterher wie ein geprügelter Esel, der zu verblüfft ist um störrisch zu sein.
"Ich hoffe doch, dass du im Laufe der Zeit lernen wirst, dass man sich auch etwas schneller an eine neue Situation anpassen kann. Denn sonst wirst du bei Verhandlungen mit deinen Geschäftspartnern einen eher schlechten Eindruck hinterlassen. Das wiederum wäre schlecht fürs Geschäft. Und das willst du doch nicht, oder?"
Der alte Chef der Company sprach mit gütig-väterlichem Grinsen und ebensolchem Tonfall auf den neuen ein während er ihn in den weichen Sessel schubste. Max Gangwal sah hilfesuchend zu Meixner und versuchte endlich auch ein paar Worte zu stottern: "Sie - ich - aber wieso - was soll ich -?!"
Heymann stemmte die Hände in die Hüften und lachte. Meixner, der wie ein merkwürdiger Pokal auf seiner Schreibtischkante saß und diese ganze Szene interessiert betrachtete, bemerkte erleichtert, dass es sich um ein befreiendes Lachen handelte.
"Jetzt sieh Dir dieses Unschuldslämmchen an!" höhnte Heymann bitter. "Aber wegen der absoluten Außergewöhnlichkeit dieser Situation wollen wir es ihm noch mal langsam, zum Mitschreiben, erklären."
Karl Meixner erhob sich und trat wieder an das Fenster. Auf der Straße war es dunkel geworden, die Straßenlaternen brannten und die Menschen hasteten blicklos aneinander vorbei. Hinter seinem Rücken erklärte Heymann seinem Nachfolger die ihm zugedachte Rolle ausführlich. Meixners Interesse aber war erloschen. Während Gangwals Lebensgeister allmählich wieder ihren Dienst antraten überschlug Meixner bereits seinen Besitz und entschloss sich, es vielleicht irgendwo im Süden zu versuchen. Die Stadt mit ihrer Kälte und ihrem Wind ging ihm schon lange auf die Nerven. Und Heymann hatte recht, es würde sich schon etwas finden.
Irgendwann ließ Heymann ihn dann auch die anderen hereinholen. Er kam der Aufforderung nach, erschreckend in seiner Gleichgültigkeit aber nicht ohne dem blassen Mädchen aufmunternd zuzuzwinkern. Und nicht ohne zu bemerken, dass unter all der Traurigkeit in ihren Augen ein erwartungsvolles, kaltes Leuchten lag.
Der Rest war reine Überrumpelung: Alexander Heymann präsentierte sich als Sonnenkönig und noch ehe sie richtig begriffen was geschah, hatte er sie alle - feinst formuliert - zum Teufel gewünscht, hatte Gangwal als seinen Nachfolger eingesetzt und sich selbst als Rute ins Fenster gestellt. Er hatte sich mit fein geschliffener Ironie von allem verabschiedet, war verschwunden und noch bevor die erste Bemerkung fiel, begann bereits Gangwal, hervorragend instruiert, eindringlich zu sprechen - während nun auch Meixner die Tür hinter sich schloss. Erst am Ausgang des Hauses holte er Heymann ein, als dieser seinen Mantel anzog. Er ordnete seinen Schal, griff nach der Klinke, und zog die Hand wieder zurück.
"Komm, spuck' es schon aus", höhnte Heymann angriffslustig.
Aber Meixner ließ sich Zeit, öffnete seinerseits das Tor und trat auf die Straße. Dort erst sprach er es aus.
"Ich glaube, sie haben dir abgekauft, du wärest so impulsiv."
"Und du glaubst das nicht?"
"Ich glaube, du könntest durchaus so impulsiv sein - aber du warst es nicht."
Heymann lachte so laut, dass eine alte Frau sich kurz nach ihm umdrehte und ihn böse anblitzte. Er aber kümmerte sich nicht darum, sondern legte seine Hand verschwörerisch auf Meixners Arm.
"Vielleicht bin ich hinter einiges gekommen, was ich selbst noch nicht ganz verstehe, und darum kann ich es dir auch nicht erklären. Aber wenn mich nicht alles täuscht, dann wirst du selbst verstehen."
Er trat einen Schritt auf die Straße, stoppte ein Taxi und verschwand damit. Meixner verstand nicht und er konnte sich auch nicht vorstellen, dass er so schnell verstehen würde. Also stand er wie erschlagen und sah die Straße hinunter, hinter dem Wagen her. Bis ihn jemand in dem Gewühl anrempelte und wieder in die Realität zurück schleuderte. Verwundert schüttelte er den Kopf und ging quer über die Straße.

Der Mann hinter dem Lenkrad öffnete die Beifahrertür, Meixner zog sie ganz auf und setzte sich.
"Sind Sie sicher, dass diese Idee gut ist?" wollte der Fahrer wissen und ließ in seiner Stimme kräftigen Zweifel mitschwingen. Aber Meixner hielt nur die Hand auf und sah den gewichtigen Mann schweigend an.
Knurrend kramte der Kommissar, eingeklemmt hinter dem Lenkrand und behindert durch einen dicken Mantel, in seiner Tasche und förderte endlich einen Schlüsselbund ans fahle Licht der Straßenlaternen. Als er ihn in die wartende Hand fallen ließ, rang sich Meixner endlich durch zu gestehen: "Ich bin mir nicht sicher, ob ich in seiner Wohnung etwas finde, was mich seinem Mörder näher bringt. Aber ich könnte durchaus etwas finden, was mich dem Opfer näher bringt."
Wieder brummte der Kommissar unverständlich vor sich hin. Doch als Meixner ihn fragend ansah, entschloss er sich deutlicher zu werden.
"Bis jetzt hat Ihre Anwesenheit, abgesehen von viel Aufregung, eigentlich nichts gebracht", knurrte er nicht sehr freundlich. "Und diese Geschichte hier, mit Heymanns Wohnung, die gefällt mir ganz und gar nicht. Dieser Schlüssel gehört dem Toten und er ist ein Beweisstück, also geben sie bloß Acht darauf. Ich habe überhaupt kein gutes Gefühl bei der Sache - hätten Sie vielleicht irgend was zu rauchen?"
Meixner schüttelte grinsend den Kopf.
"Als guter Jäger müssten Sie doch eigentlich wissen, dass man mit Aufregung und Lärm das Wild aus der Deckung scheuchen kann. Also kann ..."
"Fangen Sie nicht auch noch an!" rief Seitenstetter aufgebracht und schlug gegen das Lenkrad. "Offensichtlich sind alle Leute hier bis oben hin vollgestopft mit Weisheiten und guten Ratschlägen. Aber das ist auch schon alles! Bringt genau nichts!"
Seitenstetter brummelte noch ein wenig vor sich hin, als Meixner ausstieg und über die Straße auf das Haus zuging, in dem Heymanns Wohnung lag. Als Meixner am Haustor ankam schaltete der Kommissar die Scheinwerfer ein, jagte damit einen Schatten mit buschigem Schwanz erschrocken auf seinen Baum zurück und fuhr weiter brummelnd nach Hause. Seine Scheinwerfer huschten gerade über Meixner, als dieser die Eingangstüre aufschloss und etwas weiter oben, auf der anderen Straßenseite, ein Wagen anhielt und seine Lichter löschte. Aber Meixner bemerkte von beidem nichts. Noch immer beschäftigte ihn der Gedanke an Patricia Fogham. Nachdem er sie für Jahre vergessen hatte. Aber mit einem Mal, eigentlich immer wenn er diesen Pensant traf, dann tauchte auch Pat in seinen Gedanken auf. Und es irritierte ihn, dass er keine Verbindung fand, wo es doch offensichtlich eine gab. 
Mit einem tiefen Atemzug schob er alle störenden Gedanken zur Seite und widmete sich dem Schloss der Wohnungstür.

Meixner machte im Vorraum Licht und stand unentschlossen herum. Irgendwie war die Wohnung nicht so, wie er sie erwartet hatte. Obwohl er nicht wusste, wie sie hätte aussehen sollen. Aber sie wirkte überhaupt nicht so, als wäre ihr Bewohner bereits vor Tagen verstorben. Er fühlte den Wunsch in sich aufkeimen, sich nach der Eingangstüre umzudrehen. So, als würde der Besitzer jeden Augenblick nach Hause kommen. Heymanns Lebenswandel kannte er von früher noch gut genug, um sich über die Schuhe mit den hohen Absätzen keine weiteren Gedanken zu machen. Vorsichtig sah er sich um. Rechts lag das Schlafzimmer und ein kleiner Abstellraum. Vor ihm das Bad und das WC. Links ging die Tür in einen großen Wohnraum mit Sitzgarnitur, Fernseher und einem kleinen Kamin. An der Seite war eine geräumige Kochnische und, durch ein raumhohes Bücherregal abgetrennt, ein Schreibtisch, der Meixner auf den ersten Blick viel zu ordentlich vorkam. Aber vielleicht hatte die Polizei viele der Unterlagen mitgenommen. Was völlig unsinnig war, denn wenn es etwas wirklich Belastendes gab, dann hatte es Heymann sicherlich besser verwahrt, als auf seinem Schreibtisch. Da erinnerte er sich, dass der Kommissar ihm erzählt hatte, dass sie kaum Unterlagen gefunden hatten - mit Ausnahme jener dubiosen Seiten, die keiner gelesen haben wollte und die doch den Kommissar zu ihm geführt hatten. Also blieb ihm der drängende Gedanke, dass irgend etwas in dieser Wohnung nicht so war, wie es sein sollte!
Der Kamin war einer jener kleinen, kompakten Öfen mit Glasfenster vor dem Feuer, fast ein wenig zu modern in der gemauerten Umrandung. Seine Aufmerksamkeit zog aber nicht der Ofen auf sich sondern das Sims darüber. Kunterbunt standen dort Bilderrahmen der unterschiedlichsten Arten, Formen und Farben durcheinander. Meixner trat vor den kalten Kamin und sah sich die Bilder an. Die meisten der Leute sagten ihm nichts. Ein paar Mal erkannte er Heymann auf einigen der Bilder. Er erkannte Pensant und einmal die kleine rothaarige Pat auf einem alten Bild, auf dem er auch sich selbst fand. Er versuchte sich zu erinnert, aber es kam ihm nicht mehr in den Sinn, wann und wo diese Aufnahme gemacht worden war. Dafür entdeckte er auf den zweiten Blick, dass auf den meisten der neueren Bilder immer wieder ein und dieselbe Frau zu sehen war. Sie wirkte so irgendwo in dem unbestimmbaren Alter zwischen fünfundzwanzig und fünfunddreißig, war nicht all zu groß, hatte aber eine gute Figur ohne Angst haben zu müssen, von jemandem für gertenschlank gehalten zu werden. Fasziniert betrachtete er ihr Haar auf einer Aufnahme irgendwo an einem kleinen See über dem wohl gerade die Sonne in den Bäumen verschwunden war. Wenn man dieser Photographie trauen konnte, dann schimmerte dieses Haar irgendwo zwischen weizenblond, goldfarben und rötlich ohne sich für eine dieser Farben wirklich entscheiden zu können. Er streckte die Hand nach dem Bild aus und erstarrte. Weil ihm mit einem Mal klar war, das dies niemals Heymanns Wohnung sein konnte. Im gleichen Augenblick klingelte es an der Tür.
Meixner zog die Hand zurück, ging ins Vorzimmer, blieb aber hinter der verschlossenen Tür stehen und lauschte. Der Kommissar hatte ihm Heymanns Adresse genannt, hatte ihm den Schlüssel als Schlüssel zu Heymanns Wohnung gegeben und sich nicht weiter darüber gewundert, dass Meixner die Adresse nicht bereits kannte. Die Adresse stimmte. Der Schlüssel passte. Aber das war nicht Heymanns Wohnung - zu viele Bilder, zu viel Krimskrams, zu viel unnütz Dekoratives. Aber der Schlüssel hatte gepasst! Er hörte jemanden die Stufen hochkommen und schwer atmend am Treppenabsatz eine Pause einlegen.
Ohne sich klar zu werden, was er tat, öffnete Meixner die Tür und sah hinaus.
Die Frau, die er eben auf den Photographien gesehen hatte, kam jetzt die letzten Stufen herauf. Sie wirkte älter als auf den Fotografien, trug ein graues Wollkostüm über einem naturfarbenem Pullover, eine große Reisetasche an einem Traggurt über der Schulter, eine Aktentasche  und in jeder Hand eine Einkaufstasche. Er trat vor und nahm ihr die Einkaufstaschen und die Aktentasche aus den Händen. Sie lächelte ihn kurz dankbar an und ging ohne eine weiteres Wort der Verwunderung voraus in die Wohnung. Im Vorraum zog sie ihre Stiefel aus und zeigte ihm für einen kurzen Augenblick traumhafte Beine unter dem langen Rock.
"Stellen Sie die Taschen bitte gleich in die Küche."
Meixner wurde sich klar, dass er ziemlich verblüfft im Raum herum stand und beeilte sich ihrer Aufforderung nachzukommen. Nicht ohne jetzt ebenfalls aus seinen Schuhen zu schlüpfen. Die Aktentasche ließ er auf dem Tisch vor der Sitzbank stehen, die Einkaufstaschen verstaute er auf der Arbeitsfläche in der Kochnische. Als er sich umwandte lehnte sie neben der Wohnzimmertür, die Jacke des Kostüms hielt sie über dem Arm und sah ihm zu. Dann ging sie zum Kamin und sah auf das alte Bild.
"Sie sind Karl Meixner, nicht war?"
Als er nickte löste sie sich, warf die Jacke über die Lehne der Sitzbank, kam in die Kochnische und begann die Einkaufstaschen zu leeren.
"Ich habe gesehen, wie Sie ins Haus gegangen sind", erklärte sie dabei. "Und gleichzeitig ist dieser - dieser Kommissar weggefahren. Ich werde mir seinen Namen wohl nie merken. Als dann in der Wohnung das Licht anging, wusste ich, dass Ihnen der Kommissar die Wohnungsschlüssel gegeben haben musste. Und wem hätte er sie wohl geben sollen, wenn nicht dem Freund Alexanders, dem Karl Meixner, dem Stadtgespräch des Tages. Ich habe die letzten Tage bei Freunden übernachtet, darum dachte er wohl nicht, dass jemand da sein würde. Aber auf die Dauer ist das nichts. Für mich nicht und für sie nicht. Darum habe ich gestern beschlossen wieder zurück zu kommen, habe meine Sachen gepackt und bin heute nach dem Büro erst mal einkaufen gegangen, weil ja überhaupt nichts mehr ihm Haus ist. Irgendwie hatte ich sicherlich auch ein wenig Angst davor, in die leere Wohnung zu kommen und insofern ist es mir eigentlich ganz recht, dass Sie hier sind. Irgendwie."
Sie unterbrach ihren Redefluss, schob ihn zur Seite um eine Packung Cornflakes zu verstauen und bemerkte dabei, dass er immer noch seine dicke Jacke und den Schal trug.
"Sie können die Jacke ruhig ausziehen, ich werfe Sie schon nicht hinaus", meinte sie und lächelte ihn an um sich dann umzudrehen und etwas hilflos vor dem ausgebreiteten Berg an Nahrungsmitteln zu stehen. "Und wenn Sie noch nichts gegessen haben, dann könnte ich uns was kochen. Irgendwie - also irgendwie habe ich viel zu viel eingekauft. Weil irgendwie, ach, ich weiß nicht."
Meixner zog seine Jacke aus, behielt sie aber in der Hand.
"... und irgendwie haben Sie mir was voraus", ergänzte er ihren eigentlich vollendeten Satz.
Sie sah ihn für einen kurzen Augenblick verständnislos an, dann ging ein Lachen über ihr weiches Gesicht und sie streckte ihm die Hand entgegen.
"Ich bin Angela Heymann."
Meixner nahm automatisch ihre Hand und erstarrte.
"Ich weiß, dass Alexander keine Schwester hatte. Dann sind Sie ..."
"Ich bin seine Frau."
Sie zuckte zusammen, schloss kurz die Augen und korrigierte: "Ich WAR Alexanders Frau."
"Ich", stammelte Meixner verwirrt, "ich wusste nicht, dass Alexander geheiratet hatte."
Seine Verblüffung war mehr als echt. In all den Erkundigungen, die er und der Oberst so gründlich eingezogen hatten, war von vielen und höchst nebensächlichen Dingen die Rede gewesen, aber niemals davon, dass Alexander Heymann geheiratet hatte! DAS wäre ihm nicht entgangen!
Sie lachte auf und entzog ihm ihre Hand, die er in seiner Verwunderung noch immer festhielt.
"Sie sind nicht der einzige, der verwundert ist. Er hatte von einiger Zeit in den Vereinigten Staaten zu tun. War ungefähr damals, als mit einem Schlag die vielen Privatfirmen des staatlichen Gesundheitssystems in Konkurs gingen und ein Millionen-Dollar-Loch hinterließen. Bei uns hat man davon nie viel gehört, war den Amis ja auch ziemlich peinlich. Ich habe zu der Zeit in Chicago studiert, Betriebswirtschaft, und bei uns an der Uni war das ein riesen Thema. Wir machten sogar eigene Studien, wie das wohl möglich ist, dass ein mehr oder weniger staatlicher Rentenfonds so einen Scheiß bauen kann. Wir waren viel unterwegs und auf einem Flug nach Florida bin ich Alexander begegnet. Nicht, dass er mir vielleicht gesagt hätte, was er macht, oh nein, aber er war offensichtlich nie lange an einem Ort, mir gefiel das Reisen, damals und die Aufregung um den Skandal ebbte schnell ab. Also habe ich angefangen Alexander immer wieder zu begleiten. Es sah auch so aus, als hätte ich ihm mit meiner Betriebswirtschaft und meiner Kenntnis des Wirtschaftssystems drüben helfen können. Wenn ich jemals wirklich heraus bekommen hätte, was er so machte. Aber schlussendlich kamen wir nach Las Vegas – und haben dort geheiratet. Die Heiratsurkunde gilt ja in Österreich erstmal nicht, ich habe sie erst jetzt, nach seinem Tod, anerkennen lassen. Alexander wollte nie, dass es bekannt wird. Er hat immer völlig ernst erklärt, es würde meinem Ruf schaden."
Im Gegensatz zu ihr war sich Meixner durchaus bewusst, dass diese Begründung sicherlich nur ein Vorwand für Heymann gewesen war um sie zu schützen. Zu viele Leute hatten sich damals für ihn interessiert, und dieses Interesse war wohl niemals ganz erloschen. Für einen Augenblick sah sie ihn an, dann wandte sie sich fast brüsk ab und wechselte das Thema.
"Sie werden sich sicherlich Alexanders Unterlagen ansehen wollen, ich habe sie in dem Aktenkoffer. Zuhause hat er kaum etwas aufbewahrt, den Aktenkoffer hat er bei mir im Büro einmal stehen lassen und manchmal hat er mich besucht um Neues hinein zu tun oder altes Material heraus zu nehmen. Sofern Sie die Ziffernkombination knacken können, dürfen Sie gerne einen Blick darauf werfen. Außerdem -"
Sie drängte sich an ihm vorbei wobei sie es bewusst vermied ihn anzusehen. Aus ihrer Handtasche nahm sie einen Packen kleiner, oranger Umschläge, legte sie neben den Aktenkoffer und wandte sich wieder den Einkaufstaschen zu.
"Außerdem?"
"Außerdem wollte Alexander, dass Sie einen der Umschläge bekommen."
Meixner trat an den Tisch, nahm die Umschläge auf und betrachtete sie. Es waren einfache, orange Umschläge in der Größe einer halben Papierseite. Sie waren nicht all zu dick, mit einem Klebestreifen und einem Batzen Siegelwachs verschlossen und jeder mit einem anderen Buchstaben, in einer anderen Farbe versehen. Zuerst kam einer mit einem weißen C, dann einer mit einem brauen K, einer mit einem roten P und einer mit einem schwarzen N.
"Die Umschläge sehen ziemlich neu aus."
Sie sah kurz auf. Lange genug, damit er bemerken konnte, dass sich ihre Augen gerötet hatten.
"Es ist gerade mal ein halbes Jahr her, dass Alexander mir die Umschläge gegeben hat und auftrug, wenn ihm was geschehen sollte, dann soll ich einen Ihnen und einen Pensant geben."
"Und die anderen beiden?"
"Das sollen Sie oder dieser Pensant dann entscheiden."
"Sie mögen Christoff Pensant nicht sonderlich."
Das war eigentlich keine Frage und sie sah ihn jetzt länger an. Aber es war nicht wirklich er, was sie ansah. Vielmehr sah sie durch ihn hindurch Pensant und überlegte, ob sie antworten sollte. Endlich atmete sie tief durch, nahm einen Laib Brot und begann ihn in kleine Würfel zu schneiden. 
"Nein, ich mag ihn nicht besonders", antwortete sie. "Oh, er ist freundlich, nett, zuvorkommend, höflich, so gut wie niemals ärgerlich - aber irgendwie habe ich bei ihm immer den Eindruck, er ist den Menschen gegenüber nur höflich aus Mitleid, so als wäre er etwas Besseres und verpflichtet die armen, unwissenden Menschen zu schonen und zu hätscheln. So, wie Erwachsene mit kleinen Kindern umgehen, wenn sie versuchen sie ernst zu nehmen und ihnen ein Vorbild zu sein. Und manchmal ist er mir schlicht unheimlich. Ich bin mir ziemlich sicher, Alexander hat niemandem etwas von den Unterlagen im Aktenkoffer gesagt. Trotzdem ruft mich Pensant gestern an und meint, ich soll die Unterlagen, die Alexander bei mir im Büro aufbewahrt hat, mit nach Hause nehmen, weil Sie diese Unterlagen sicher sehen wollen. Und - vorausgesetzt Sie sind einverstanden - dann würde er die Unterlagen ebenfalls gerne sehen."
"Bis vor ein paar Stunden wusste noch nicht einmal ich, dass ich hier vorbei komme!" bemerkte Meixner verwundert.
"Genau das meine ich", bestätigte sie mit einem schiefen Grinsen und wandte sich wieder den Brotstücken zu.
Karl Meixner ließ das Thema auf sich beruhen und drehte nachdenklich den Umschlag mit dem fahlbraunen K zwischen seinen Fingern. Endlich konnte er sich dazu entschließen ihn zu öffnen. Vorsichtig riss er ihn auf. Der Umschlag enthielt vier Bogen Papier. Drei davon waren mit einer Schreibmaschine getippt, der vierte war, bis auf ein paar handschriftliche Notizen leer.
"Verwendete Alexander keinen Computer?"
"Texte im Computer kann man jederzeit verändern und manipulieren. Bei einem Text, der mit der Schreibmaschine geschrieben ist, ist das unvergleichlich schwerer", antwortete sie.
"Sagte Alexander."
"Sagte Alexander", bestätigte sie.
Meixner legte die Bögen auf den Tisch, brachte Jacke und Schal an die Garderobe und machte es sich dann auf dem Sofa bequem. Ihr Angebot etwas zu trinken lehnte er unkonzentriert ab, denn er hatte bereits begonnen sich in die Verlassenschaft Alexander Heymanns zu vertiefen.
Der letzte Bogen, der handschriftliche, war in vier Teile unterteilt und in jedem der Teile stand eine kurze Notiz. Offensichtlich waren die Notizen zu unterschiedlichen Zeiten geschrieben worden. Zuerst hatte Heymann in jede linke obere Ecke der Teile eine Bezeichnung geschrieben. Das begann mit "der Weiße", dann folgte im nächsten Teil "der Rote" darunter links "der Schwarze" und daneben "der Fahle". 
Meixner runzelte die Stirn und konnte mit diesen Begriffen überhaupt nichts anfangen. Doch dann wurde ihm bewusst, dass die Reihenfolge der Blätter sicherlich nicht wahllos war. Also ließ er das letzte Blatt ruhen. Das erste Blatt war neu und faltete sich selbst auf, so erkannte Meixner, dass auf der Rückseite mit dünnen Bleistiftstrichen jemand Ziffern geschrieben hatte. Drei Reihen. Ein kurzer Blick genügte ihm, und er war sich ziemlich sicher, dass es sich um einen internationalen Bankcode, eine Kundennummer und ein verschlüsseltes Passwort handelte. 
Zunächst wandte er sich aber der Vorderseite des ersten Blattes zu. Dieses erste Blatt bestand offensichtlich aus vier Zitaten. 

"Glaubt nicht an irgendwelche Überlieferungen, nur weil sie für lange Zeit in vielen Ländern Gültigkeit besessen haben. Glaubt nicht an etwas, nur weil es viele dauernd wiederholen. Akzeptiert nichts, nur weil es ein anderer gesagt hat, weil es auf der Autorität eines Weisen beruht oder weil es in einer heiligen Schrift geschrieben steht. Glaubt nichts, nur weil es wahrscheinlich ist. Glaubt nicht an Einbildungen und Visionen, die ihr für gottgegeben haltet. Glaubt nichts, nur weil die Autorität eines Lehrers oder Priesters dahinter steht. Glaubt nur an das, was ihr durch lange, eigene Prüfung als richtig erkannt habt, was sich mit eurem Wohlergehen und dem anderer vereinbaren lässt. - GS
Niemals bricht die Natur ihre eigenen Gesetze. - LdV
Nichts was ist kann vergehen. Wandeln kann es sich, aber nicht vergehen. - S
Sie finden die Dinge wie die Schweine die Trüffel finden. Denn es gibt Dinge, die man finden kann. Aber sie sind dir zu nichts nütze, da du vom Sinn der Dinge lebst. Doch sie finden den Sinn der Dinge nicht, da man ihn nicht finden, sondern nur erschaffen kann. - AdSE"

Als er das erste Blatt weglegte und sich dem zweiten zuwandte sah sie kurz auf und bemerkte unschwer Verwirrung und Erstaunen in seinem konzentrierten Gesicht und diese Gefühle steigerten sich noch, je weiter er las.
Auch das zweite Blatt bestand aus einer Aufstellung.

"EPHESUS = Naher Osten->Indien = "der mit den vielen Gesichtern" = unduldsam gegen andere;
SMYRNA = Süd- u. Mittelamerika = "der sich beugt aber nicht bricht" = Drangsal und Armut;
PERGAMON = Europa = "der die Zweischneidigkeit lebt = Thron des Satans, viele Sekten aber gläubig (... gebe einen weißen Stein, und auf dem Stein einen neuen Namen...)”;
THYATIRA = Afrika = "der brennt und leuchtet" = “... kenne deine Werke, deine Liebe, deinen Glauben, dein Dienen und Dulden; die falschen Propheten, die zur Unzucht führen ... aufs Krankenlager ... und sterben”;
SARDES = Nordamerika u. Russische Republiken = "der alles in sich vereint" = meint zu leben aber ist tot;
PHILADELPHIA = Ost- u. Südostasien = "der Wahrhaftige" = ... habe die Tür aufgetan, die niemand schließen kann ...;
LAODICEA = Australien = "der der Pfad ist" = "Du sagst: Ich bin reich, ich habe Überfluss, ich bedarf nichts mehr. So weißt du gar nicht, dass du elend und erbärmlich bist, arm, blind und bloß. Bist weder kalt noch warm."

Meixner verstand noch immer nichts, trotzdem musste er zugeben, dass seine Faszination wuchs.
Das dritte Blatt - und wiederum eine Aufstellung.

"Es beginnt mit dem 
ERSTEN - die Zerstörung des Lebensraumes Land führt zum Rückzug der Menschen in die Meere, das wiederum führt zum
ZWEITEN - der Zerstörung des Lebensraumes Meer. Wenn auch dieser Lebensraum zerstört ist folgt unweigerlich ein großes Sterben der Pflanzen, und so im
DRITTEN - eine Versteppung, eine Zunahme der Wüsten und mehr "Sand" in der Atmosphäre, das wiederum führt zum
VIERTEN - der Verdunkelung des Himmels und zur Erwärmung des Klimas, wodurch es zum 
FÜNFTEN - kommt, den idealen Lebensbedingungen für Insekten (z.B.Schaben) die bald aus Mangel an Nahrung auch vor den Menschen nicht Halt machen und so bleibt im
SECHSTEN - nur mehr ein erbitterter Kampf um die letzten verbliebenen Lebensräume um dort im
SIEBENTEN - die letzten Überlebenden zu sammeln und einen neuen Anfang zu machen."

Jetzt verblieb nur mehr das letzte Blatt mit den vier Teilen. Und weil Meixner sowieso nichts mehr zu verstehen meinte, sah er es sich noch einmal an.
Neben "der Weiße" stand "wird siegen und herrschen", “der große Bogen” und "wahrscheinlich bekannt".
Neben "der Rote" stand "wird den Frieden wegnehmen", “die scharfe Schneide” und "bekannt?".
Neben "der Schwarze" stand "wird wägen und richten", “die Waage” und "bekannt" und neben "der Fahle" stand "wird töten", “das große Schwert” und "bekannt!".
Meixner legte die Blätter vorsichtig auf den Tisch. Er versuchte nicht über das eben Gelesene nachzudenken, damit es sich setzen konnte. Um sich abzulenken begann er die Frau dabei zu beobachten, wie sie klein geschnittene Würfel aus durchzogenem Speck und geriebenen Käse zwischen die Brotwürfel in eine feuerfeste Form schichtete. Irgendwann bemerkte sie, dass er sie beobachtete und sah ihn fragend an.
"Wissen Sie, was in den Umschlägen ist?" fragte er, doch sie schüttelte nur wortlos den Kopf.
"Sagen Ihnen Begriffe wie "der Weiße" oder "der Rote" etwas?"
Wieder schüttelte sie bedauernd den Kopf.
"Und wie sieht es aus mit:" er suchte das Blatt und las "Ephesus, Smyrna oder Pergamon?"
"Ephesus ist eine antike Stadt, irgendein Ausgrabungsort, ich glaube in der Türkei. Die anderen beiden klingen wie mittelitalienische Kleinstädte."
Sie hantierte weiter mit der Form, hielt aber dann inne, hob den Kopf und sah ihn nachdenklich an.
"Vielleicht ..."
Sie vollendete den Satz nicht sondern trocknete sich die Hände in dem Küchentuch neben ihr ab, ging an das Bücherregal und wies für den dunklen Mann auf dem Sofa auf zwei Reihen darin. 
"Das sind die Bücher über denen er zuletzt meistens gebrütet hat. Alexander war mal ziemlich aufgekratzt und meinte er hätte ‚ein Ende des Fadens gefunden‘, dann hat er sich wieder in seinen Nachforschungen verkrochen. Darüber hat er damals gegrübelt."
Meixner betrachtete die Bücherreihe, auf das sie gewiesen hatte und war sich seines überaus erstaunten Gesichtsausdruckes nicht bewusst. Friedlich nebeneinander standen die Schriften der Religionen. Zuerst schön aufsteigend die Schriften des Einen Gottes, beginnend mit dem jüdischen Talmud und den Büchern Mose, dann die christlichen Bibeln, zwei islamische Korane und die Schriften der Bahai. Er zählte sechs Bände der indischen Veden und einen vierbändigen buddhistischen Palikanon. Konfuzius war ebenso vertreten wie Nostradamus. Bücher über Indianer, Zigeuner, Kelten, australische Ureinwohner und vieles andere, was ihm auch auf den zweiten Blick nichts sagte.
"Alexander beschäftigte sich mit - Religion?"
Sie zuckte nur wortlos mit den Schultern und begab sich wieder in die Kochnische.
Meixner setzte sich ebenfalls wieder an den niedrigen Tisch, lehnte sich zurück und schloss die Augen.
Alexander Heymann war ein Mensch gewesen, den man unmöglich religiös hatte nennen können. Natürlich hatten sie in ihrer Jugend nächtelange Gespräche über den Sinn den Lebens und andere, ähnlich wirre Themen geführt, und Heymann hatte sich damals schon sehr informiert gezeigt, aber religiös konnte ihn beim besten Willen keiner nennen. Spirituell, ja, vielleicht. Interessiert an der Natur des Menschen und am Beweggrund und Sinn, der hinter den Dingen stand? Sicherlich. Hatte er vielleicht in all dieser Verschiedenheit den gemeinsamen Nenner, die Wurzel aller Religionen gesucht? Die eine Wahrheit, die jedes Mal anders ausgelegt wurde und doch immer die selbe blieb? Der Ablauf, den er in sieben Stufen beschrieb, war der Untergang einer Zivilisation, die es zwar geschafft hatte, sich über einen ganzen Planeten auszubreiten, aber nicht, zu verstehen, das ein Planet ein komplexes und zartes Netzwerk ist. Eines, dass man nur zu leicht aus dem Gleichgewicht bringen kannte. Und bei dem Verhalten, dass die Menschheit im Augenblick an den Tag legte, war dieser Ablauf gar nicht so weit hergeholt. Aber warum hatte Heymann gerade sieben Stufen des Wandels aufgezeigt? Und woher stammten die Zitate? Aus den Tiefen eines längst verdrängten Wissens tauchte die Ahnung von sieben Siegeln auf, von denen er schon einmal gehört hatte. Sie kamen doch in der Bibel vor, in der Johannes-Offenbarung, die Apokalypse der christlichen Bibel? Natürlich! Dort fanden sich auch die vier apokalyptischen Reiter. Jedem war eine eigene Farbe zugeeignet - der Weiße, der Rote, der Fahle und der Schwarze! Eine eigene Waffe und eine eigene Weise, das Chaos zu bringen. Aber die Johannes-Offenbarung war doch jene Verherrlichung des christlichen Rachegottes in all seiner Grausamkeit, der die Lebewesen nur geschaffen hatte um einen Zeitvertreib in seiner unendlichen Langeweile zu haben. Und genau dieses Bild eines Gottes hatte Heymann doch niemals akzeptieren wollen. Warum griff er jetzt darauf zurück? Nichts desto trotz musste man eingestehen, dass diese Vision des Johannes offensichtlich viele Passagen enthielt, die das menschliche Naturell enthüllten und anprangerten. Aber wenn die Reihenfolge der Blätter nicht willkürlich war, wenn man die vier Zitate als Grundregeln nahm und danach erst diese Aufstellungen als ... Meixner drehte sie Seiten um und sah auf die Rückseiten, aber außer den Nummern befand sich dort nichts. Er atmete tief durch und wurde sich klar, dass er so gut wie nichts verstand. Und er sah ein, dass er wohl auch so schnell nicht dahinter kommen würde. Aber er begriff allmählich, dass dies möglicherweise eine Art Vermächtnis war. Ein Puzzle, das er vielleicht in seinem ganzen Leben nicht würde lösen können, aber es war sicher wert, sich damit zu beschäftigen. Nur, wie kam Heymann auf die Idee, die apokalyptischen Reiter kennen zu wollen? War es möglich, dass ihm ...
Meixner wurde nur langsam bewusst, dass sie etwas zu ihm gesagt hatte. Verwirrt öffnete er die Augen und sah auf. Sie stand an die Frühstückstheke der Kochnische gelehnt und sah ihn fragend an. Nach einer Sekunde des Schweigens wiederholte sie ihre Frage noch einmal.
"Ich habe gesagt, dass muss jetzt rund 20 Minuten im Rohr bleiben. Hätten Sie was dagegen, wenn ich mich solange in die Badewanne werfe? Sie können sich ja einstweilen mit dem Inhalt des Aktenkoffers beschäftigen, falls Sie ihn öffnen können."
Meixner nickte nachdenklich, griff nach dem Aktenkoffer, ließ aber seine Hand darauf vorerst ruhen. Stattdessen überlegte er, wie er die Frage wohl am besten formulieren könnte und betrachtete den schwarzen, eckigen Koffer. Ein billiges Stück aus dem Supermarkt, nicht mehr als eine Hülle mit dem Anschein von Sicherheit.
”Wie war Alexander so, zum Schluss?” kam dabei heraus.
Sie verstand zuerst nicht und sah ihn überrascht an. Aber dann verhärteten sich ihre Züge und sie löste sich von der Theke.
”Alexander ging es ausgezeichnet”, klirrte ihre eisige Stimme. “Er hörte keine Stimmen, er sprach nicht mit Geistern, konsultierte keine Verstorbenen, faselte nicht von Weltverschwörung, hatte keine Anfälle von Verwirrtheit und Orientierungslosigkeit, war weder manisch noch depressiv - er war schlicht überzeugt. Sonst nichts!”
Meixner nahm den Aktenkoffer vom Tisch ohne auf ihre Antwort weiter einzugehen und betrachtete die beiden dreistelligen Zahlenkombinationen.
"Haben Sie es schon versucht?" fragte er und wieder grinste sie als Antwort freudlos.
"Oh ja, ich habe es versucht. Und ich habe nicht die leiseste Ahnung. Ich weiß nur, dass ich es sicherlich nicht zulassen werde, dass jemand den Koffer mit Gewalt öffnet."
Er sah wieder sie an, dann die Schlösser. Die Bügel ließen sich ohne viel Anstrengung aufhebeln, und was wollte sie schon dagegen tun. Aber es war eines von Heymanns Spielen. Nachdenklich begann er mit den Rädchen zu spielen und eben, als sie den Raum verlassen wollte, ließ er die beiden Schlösser aufschnappen. Erstaunt sah sie ihn an.
"Jede Kombination, der ein Sinn zu Grunde liegt, lässt sich knacken", lächelte er beinahe entschuldigend. "Ich habe mir überlegt, womit Alexander sich in der letzten Zeit beschäftigt hat, nachdem es schon keine Geburts- oder Adressdaten waren, die sie ja sicherlich schon versucht hatten. Die Bibel zum Beispiel ist, wie die meisten religiösen Schriften, ein kabbalistisches Lehrbuch und so wie ich Alexander kannte, hat er nur die ausgereiftesten Ideen als würdig befunden, aufbewahrt zu werden. Also stellte ich die Schlösser auf 121 und 212 - und das war es dann auch."
"Und warum gerade diese beiden Zahlen?" fragte sie verständnislos, sein Lächeln aber vertiefte sich.
"Nicht zwei Zahlen - drei! In der Zahlensymbolik gibt es die göttliche Zahl, die Zahl der Perfektion, der Vollendung, der Endgültigkeit, und das ist die Zahl Zwölf."
"Also drei mal die Zwölf, hintereinander. Das ist ja fast zu einfach!"
Karl Meixner öffnete den Deckel und blickte nachdenklich auf den wirren Stapel Papier.
"Alles ist zumeist ganz einfach - wenn man einmal verstanden hat, was dahinter steckt."
"Sagte Alexander", fügte sie noch hinzu und wandte sich ab. Doch dann meinte sie noch: "Außerdem könnten Sie sich nützlich machen und den Kamin einheizen. Es ist nicht all zu warm hier drinnen."
Er klappte den Aktenkoffer wieder zu und machte sich augenblicklich daran Ihrer Aufforderung nachzukommen. Schon bald darauf knisterte das Feuer und er konnte damit beginnen den Inhalt des Aktenkoffers auf dem Schreibtisch hinter der Bücherwand auszubreiten und zu sichten. Die größtenteils losen Blätter waren immer wieder, scheinbar nach Themen, gebündelt. Entweder nur mit Gummibändern, aber auch in Mappen und Umschlägen. Meixner suchte systematisch und hatte schnell den Umschlag in der Hand, der nicht nur verschlossen sondern auch noch versiegelt war. Der Umschlag trug sinniger Weise den original Codenamen der US-Armee für den Einsatz in Jugoslawien und ohne ihn zu öffnen trug Meixner ihn zum Kamin und übergab ihn dem Feuer. Erst als er sicher war, dass Umschlag und Inhalt wirklich brannten ging er zurück. Er hatte bei dieser Operation nicht mitgearbeitet und was ihm der Oberst darüber erzählt hatte war sicherlich nur ein Bruchteil der Wahrheit gewesen. Auch über die Verstrickung der Company bei der Rettungsaktion hatte der Oberst kaum ein Wort verloren, aber es hatte genügt, dass sich Meixner klar darüber geworden war, dass mehr zu wissen keine gute Idee war. Er vergaß den Umschlag sofort wieder und da nun die erste Hälfte seines Auftrages erledigt war, begann er in den restlichen Unterlagen zu stöbern. Über sich selbst fand er keine Unterlagen, dafür aber eine Mappe, die Pensants Namen trug. Doch diese Mappe war leer. Sonst befanden sich nur noch allgemeine Notizen und Unterlagen über Nachforschungen aller Arten in dem Koffer, die ihn zwar auf Grund ihrer Vielfältigkeit faszinierten, aber nicht wirklich interessierten. Er wusste nur zu gut, dass er, nachdem er den ersten Umschlag verbrannt hatte, in diesen Unterlagen nichts mehr finden würde, was den Mord an Alexander Heymann erklären half oder auch nur einen Hinweis auf das Motiv geben könnte. Nun benötigte er nur noch ein Geständnis, dann wäre seine Arbeit hier erledigt gewesen. Aber es gab bei Alexander Heymann auch sonst noch zu vieles, das er nicht verstand, wovon er keine Ahnung hatte und woran er nie gedachte hatte zu fragen. Also begann er mehr automatisch als aus Neugierde in den Papieren durch zu arbeiten. Doch erst als er sich anschickte im dicksten aller Packen zu schmökern, wurde seine Neugierde tatsächlich geweckt. Schnell fand er heraus, dass es sich bei den Nachforschungen um diesen Landstrich drehte. Er fand einen geologischen Befund, der bestätigte, dass diese Formation in den letzten paar Milliarden Jahren immer Oberflächengestein gewesen war und immer schon Leben getragen hatte, seit es Leben überhaupt gab, und das, obwohl die radioaktive Hintergrundstrahlung geradezu enorm war. Ein anderer Bericht befasste sich damit, dass kaum irgendwo auf dem ganzen Planeten die Anzahl und Dichte von sogenannten "Kraftplätzen" so groß war, wie in diesem kleinen Gebiet. Es folgte eine Aufstellung der Personen, die aus diesem Gebiet kamen oder hier zumindest eine Zeitlang gelebt hatten - und diese Liste begann bei Walther von der Vogelweide und endete, offensichtlich nur vorläufig, bei jenem hier geborenen Adolf, der unter dem Namen seines späteren Adoptivvaters Hitler Berühmtheit erlangt hatte. Eine weitere Abhandlung dehnte das Gebiet zuerst auf die Fläche des ganzen böhmischen Sumovara, dem deutschen Böhmerwald und später auf den mitteleuropäischen-alpinen Raum zwischen Venedig, Zürich, Stuttgart, Prag und Budapest aus - mit dem Zentrum Wien. In dieser Abhandlung versuchte Heymann selbst logisch schlüssig zu beweisen, dass die Dinge, die das 20. Jahrhundert geprägt hatten, wie etwa die Massenproduktion mit Design und die damit erst möglichen Werbung, die Psychoanalyse, der Computer und die Raumfahrt Dinge waren, die ihren Ursprung in diesem Raum hatten. So verwies er auf die Wiener Werkstätte mit Wagner und Loos. Auf den Vater der Psychoanalyse Freund und auf Wiener, den der Kybernetik. Er bewies halbwegs schlüssig, dass die Grundlagen der Raumfahrt auf denen der deutsche Vordenker Wernher von Braun aufbaute von seinem Lehrer und Mentor an diesen Universitäten gelegt wurde. Dass die Vererbungslehre aus diesem Raum stammte und damit die Gentechnik, und dass die Gründer der großen politischen Bewegungen wie Marx, Lenin oder Hitler hier lebten. Um dann unvermittelt in das altkeltische Reich vor der Gründung Roms zu wechseln. Seine Argumentation in diesem Bereich las sich noch obskurer und ziemlich aus der Luft gegriffen da er nichts als Beleg anführte. Nichts desto trotz versuchte er glaubhaft zu machen, dass die frühen keltischen Druiden, deren Völker später verstreut über fast ganz Europa leben sollten und die ihr Leben nach dem Lauf der Sonne ausrichtend, dort eine Zusammenkunft hatten, wo in ihrem frühen Reich zuerst die lebensspendende Sonne aufging, nämlich in genau diesem abgeschirmten, undurchdringlich scheinenden Zauberwald an der Nordostseite des großen Flusses. Hatten nicht die Gallier später ihren Karnutenwald in ihrem Reich, den selbst Caesar bestätigte? Und war nicht in ihren Geschichten, und in vielen der darauf aufbauenden Märchen und Sagen, immer wieder von einem magischen Wald die Rede, einen Wald, den außer den Eingeweihten niemand betreten durfte, in dem ein Friede herrschte, den niemand stören durfte, in dessen undurchdringlichem Gehölz die Fabelwesen und die Kräfte der Natur ihren Ursprung hatten? Heymanns Argumentation wurde sprunghaft und schwer zu folgen. Bei diesen losen Aufzeichnungen handelte es sich offensichtlich nur mehr um Notizen, die noch niemals aufgearbeitet worden waren. Meixner beschloss die Bündel wieder in die Aktentasche zu legen und diese dann Pensant zu übergeben. Wenn es jemanden gab, der diese Unterlagen auswerten konnte, der erwägen konnte, was sie bedeuteten, dann war es dieser, in seiner höflichen Unauffälligkeit so auffällige Mann, der alles schweigend in sich aufzunehmen und abzuwägen schien.
Ein kurzer Gedanke streifte Karl Meixner, aber es schaffte es ihn weiter ziehen zu lassen ohne ihn weiter zu beachten. Nur einen schalen Nachgeschmack hinterließ dieser Gedanke.
"War es wert, einen Menschen dafür zu töten?"
"Was?"
Er schrak auf und sah sie vor dem Kamin stehen. Ihre Haare kräuselten sich vor Nässe, in den dicken Bademantel hatte sie sich fest eingemummelt und ihr Blick war starr auf das flackernde Feuer gerichtet. Eine zarte Hand löste sich aus dem flauschigen Weiß und wies ins Feuer.
"Der Umschlag. Oder besser, das, was dort drinnen war."
Meixner überlegte seine Antwort einen Augenblick und betrachtete dabei ebenfalls das sich kräuselnde Etwas in den orangblauen Flammen, sagte aber dann doch ehrlich und ohne sich die Mühe einer Entschuldigung oder Erklärung zu machen: "Nichts in dem Umschlag war das Leben eines Menschen wert."
So als würde es ihr Mühe bereiten wandte sie sich von dem Feuer ab und sah ihn fragend an. Öffnete den Mund, aber es erklang nur das schrille Scharren der Zeitschaltuhr aus der Küche, die ungeduldig darauf aufmerksam machte, dass sich jemand um das Backrohr kümmern sollte.
Sie überlegte einen Moment, schluckte dann aber die Frage, die ihr schon auf der Zunge gelegen hatte, wieder hinunter und kümmerte sich um das Essen. Während sie die Form aus dem Backrohr holte packte Meixner die verstreuten Unterlagen in den Aktenkoffer zurück und verstellte mit einer automatischen Handbewegung die Zahlenkombinationen wieder bevor er ihn neben den Schreibtisch stellte und aufstand um neues Holz in den Kamin zu legen. Wie zufällig zerfledderte er dabei die fast völlig verkohlten Überreste des Umschlages.
Schweigend, abgesehen von ein paar sachlichen Worten, deckten sie die Frühstückstheke, öffnete Meixner eine Flasche burgenländischen Zweigelt, den sie ihm in die Hand gedrückt hatte und schnitt sie ein Eck des Kuchens aus der Form, um es ihm auf den Teller zu legen. Der Duft nach frisch gebackenem Brot, krossem Speck und geschmolzenem Gouda stieg ihm in die Nase, auch wenn das da auf dem Teller einladend aber anders aussah. Als er es so mit überraschtem Blick betrachtete, musste sie lachen.
"Wenn man es allzu genau nimmt, ist das eigentlich nichts anderes als bessere Resteverwertung. Einfach Brot würfelig schneiden, wenn es alt ist ein wenig in Milch einweichen, und dann mit klein geschnittenem Speck, Wurst oder was immer sonst zuhause ist schichtweise in eine Form geben. Wenn sie wollen, können sie den Speck auch vorher mit ein wenig Zwiebel anbraten. Zum Schluss Ei, Milch und Gewürze verquirlen, damit die Masse übergießen und mit Käse bestreuen und im Backrohr solange bei 220 Grad backen, bis sich eine schöne Kruste bildet und das Ganze gut heiß ist."
Meixner entdeckte, dass dieser Brotkuchen mindestens ebenso ausgezeichnet schmeckte wie er roch, und er erinnerte sich mit Verwunderung, dass er den ganzen Tag über tatsächlich kaum etwas gegessen hatte. Also langte er kräftig zu. Doch es entsprach seiner Natur, dass er von dem zart nach Kirschen duftenden Rotwein wenig nahm, sie aber auch weiterhin nicht aus den Augen ließ. So entging ihm nicht, dass sie selber gerade ein paar kleine Bissen aß, dafür aber umso kräftiger dem fruchtigen Burgenländer aus den Seewinkel zusprach. In den wenigen Worten, die lange Phasen des Schweigens durchbrachen, erklärte sie stockend, dass es für sie nicht unüblich war auch an Sonntagen zu arbeiten. Sie erzählte von der kleinen Softwarefirma, die ein Bekannter von ihr, unter anderem mit Alexanders Hilfe, aufgebaut hatte und in der sie jetzt beschäftigt war. Einerseits war sie zufrieden mit ihrem beruflichen Erfolg, aber sie ließ auch durchklingen, das fast 80 Wochenstunden und unregelmäßige Arbeitszeiten den Sozialkontakten nicht gerade förderlich waren und sie inzwischen oft darunter litt, dass sich ihre Freunde immer mehr von ihr entfernten. Und Alexander sowieso sein eigenes Leben führte. Geführt hatte.
Während sie über belanglose Dinge sprachen verdrückte Meixner mehr als die Hälfte des Kuchens und sie fast die gesamte Flasche Wein. Vorsichtig lenkte er das Gespräch auf Ihre Pläne nach Heymanns Tod und erfuhr so, dass die Wohnung immer schon ihr gehört hatte, dass sie ganz gut verdiente und dass Heymann, verwunderlich genug, all die Jahre die Versicherungsprämien der staatlichen Pensionsversicherung eingezahlt hatte. Sie erhielt daraus eine kleine Witwenpension und machte ihrem Ärger lang und breit Luft, dass die staatliche Stelle ziemlich schnell und ohne große Umstände die Zahlungen aufgenommen hätte, abgesehen von der Beglaubigung der Heiratsurkunde, die sie hatte machen lassen müssen. Die private Versicherungsgesellschaft, bei der Heymann außerdem noch eine Lebensversicherung abgeschlossen hatte, die hielt sich hingegen bedeckt und verweigere einstweilen jegliche Zahlung mit dem Hinweis, man müsse erst noch prüfen, ob tatsächlich eine Fremdschädigung vorlag.
"Und das sind genau die Arschlöcher, die Medien und Politiker bezahlen, damit sie den Leuten einreden, die gesetzliche Versicherung wäre nichts wert. Wenn du auf eine Versicherung angewiesen bist, dann kannst du gleich verhungern. Und dann schicken sie mir auch noch diesen Schleimer, der mir erklären will, dass ich das verstehen muss, dass die Versicherung doch irre große Probleme hat, weil immer weniger Leute Lebensversicherungen abschließen und immer mehr Leute auf einer Auszahlung bestehen! Ich hab' geglaubt, ich träume, der wollte mir doch wirklich einreden, ich solle auf die Auszahlung der Lebensversicherung verzichten - aber ich könne den Vertrag auf mich überschreiben und natürlich weiter einzahlen." Sie kicherte und verschüttete etwas von dem Rotwein. "Ich schätze, den Tritt in seinen fetten Hintern wird er so schnell nicht vergessen!"
Meixner beobachtete sie immer wieder verwundert. Das wallende, rotblonde Haar hatte ihn verwirrt. Jetzt, mit dem Handtuch über den Haaren wusste er mit einem Mal, woher sie ihm bekannt vorkam. Und damit tauchte eine neue Frage auf. Ihre Bewegungen waren zusehends fahriger geworden, ihre Sprache undeutlicher und immer länger wurden die Zeiträume, zwischen denen sie ihren Bademantel zusammen raffte. Während sie zuletzt aufgebracht mit großen Gesten erzählt hatte, war ihm längst nicht mehr verborgen geblieben, dass sie darunter nicht mehr trug als den sprichwörtlichen Hauch von Seife. Und als sie sich beim Abräumen plötzlich an ihn presste und versuchte ihn mit schwerem Rotweinatem zu küssen, da ahnte er, was kommen würde. Doch ihre Kraft, mit der sie ihn aus der Kochnische zerrte, überraschte ihn. Als sie auf das Sofa fielen und sie mit hysterischer Wildheit versuchte ihn gleichzeitig mit ihrem nach Jasmin duftenden Körper zu erdrücken, mit ihrem Rotwein-Atem zu ersticken und mit tapsigen Fingern zu entkleiden, da reagierte er für den ersten Augenblick einmal überhaupt nicht. Da sich ihre Wildheit kurz darauf und ganz von selbst immer mehr in Wut verwandelte, und er immer noch keine Anstalten machte auf sie einzugehen, begann sie auf ihn einzuschlagen. Kurz ließ er sie toben, hielt dann nur für einen Augenblick ihre Hände fest und zwang sie ihn anzusehen. Und wie er es vorher gesehen hatte, sackte sie zusammen, plumpste neben dem Sofa auf den Boden und heulte mit einem Mal Rotz und Wasser. Meixner lies ihr Zeit und ordnete seine Kleidung. Dann hob er sie hoch, packte sie ohne Gegenwehr zuerst wieder fest in den Bademantel und dann auf das Sofa. Sie holte tief Luft, wahrscheinlich um die Schleusen einer Flut von konfusen Erklärungsversuchen zu öffnen, aber er legte ihr zwei Finger auf die weichen, blassrosa Lippen und schüttelte den Kopf während er das schniefende Mädchen in einer Decke warm einwickelte und sich auf die Suche nach den wichtigsten Dingen in einer derartigen Situation machte: Taschentücher für sie und etwas zu trinken für sich selbst.
Vieles später saß er dann in der Ecke des Sofas und ihr Kopf lag in seinem Schoß so dass ihr langes gewelltes Haar wie ein rotgoldener Wasserfall über seine Beine fiel. Wieder stieg der Duft nach Jasmin in seine Nase und machte ihn ein wenig benommen. Irgendwann war sie doch endlich eingeschlafen und aus diesem Schlaf, der fast einer Ohnmacht glich, schloss Meixner, dass sie in den letzten Tagen kaum geschlafen haben konnte. Während er in das schon fast herunter gebrannte Feuer sah, kreiste der Rest eines zwölfjährigen Whiskey in seinem Glas so träge wie die Gedanken in seinem Kopf. Nichts von all dem, was er hier erfahren hatte, brachte ihn auch nur einen einzigen Schritt der Lösung des Falles näher. Und auch nicht demjenigen, der für den Mord an Heymann bezahlen würde. Auch die verworrenen und dunklen Notizen Heymanns waren nicht wirklich dazu angetan um seine Stimmung zu heben. Auf eine ganz eigene Art war er sich immer sicher gewesen, Heymann wäre etwas Besonderes unter den Menschen, aber manchmal hatte ihn, so wie auch jetzt wieder, der ketzerische Gedanke beschlichen, dass Heymann vielleicht einfach nur verrückt war. Ein wenig, oder ordentlich verrückt. Welcher vernünftige Mensch versuchte schon die Offenbarung des Johannes zu entschlüsseln solange die globale Umweltzerstörung von der Welthandelsorganisation großzügig unterstützt wurde? Wer versuchte schon den Einfluss keltischer Druiden auf das Weltgeschehen zu verdeutlichen solange es die globale Verschmutzung des Geistes durch Medien und Parteien, solange es Korruption, Missbrauch, Gewalt, Rassismus und Religion gab? War er paranoid und von Wahnideen besessen gewesen? Ein gehetztes, kopfloses Bündel Wahn ohne jeden Sinn für die Realität? Verrückt? Aber - das konnte auch bedeuten ver-rückt, weggerückt, entrückt, etwas von einer anderen, neuen Seite sehen. War er mit menschlichen Maßstäben zu messen gewesen als ein Genie, ein Visionär? Gab es vielleicht doch so etwas wie einen Gott und Heymann war sein Prophet gewesen? Und wenn, was war dieser Prophet dann wert gewesen? Nie hatte er zu den Menschen gesprochen und seine Hinterlassenschaft war nicht mehr als ein Haufen wirrer Ideen. 
Trotzdem hatte irgendwo jemand beschlossen, dass die Notwendigkeit bestand, ihn zu beseitigen. 
Was war so ein Prophet schon wert.
Aber waren nicht auch die Schriften Buddhas, Jesus und Mohammeds erst lange nach ihrem Tod entstanden? 
Was ist ein Prophet überhaupt wert?
Seine Gedanken irrten zu dem Umschlag, den er ins Feuer geworfen hatte und dann wieder in jene Nacht, in der Heymann gestorben war.
Was ist ein Prophet wert? fragte er sich noch einmal. Und dieses Mal fand er die Antwort. Er rechnete und kam auf rund 15 Eurocent, oder 2 Schilling, 28 Pfennige, 66 Centimes - ein Prophet ist vordergründig nicht mehr Wert als die Kugel, die ihn tötet. Und den Preis, den man dem Killer zahlte, nicht zu vergessen.
Er trank einen Schluck und bemerkte durch den Boden des Glases, dass sie die Augen geöffnet hatte und ihn beobachtete.
"Du wirkst so nachdenklich."
"Kunststück", brummte er. "Ich denke nach."
"Denkst du darüber nach, dass wir - bist du mir böse, ich meine, ist es schlimm für dich, dass ich - ich meine, dass ich nicht - nicht -"
Er grinste ein wenig als er merkte, dass sie nicht aussprechen konnte, was sie nicht sagen wollte und kam ihr zu Hilfe.
"Ich bin dir nicht böse und es macht mir weder etwas aus, dass du über mich herfallen wolltest, noch, dass wir nicht miteinander geschlafen haben. Nicht, dass ich Frauen nicht mögen würde, noch dazu so eine tolle wie du hinterlassen natürlich ihre Spuren in meinem Hormonsystem, aber irgendwie ist es für mich nicht wirklich wichtig mit einer Frau zu schlafen. Natürlich ist es toll und wunderbar und manchmal sogar wirklich gut, aber ich bin nicht so fixiert darauf wie manche andere. Die Urgewalt des Lebens bedrängt mich nicht so stark. Manchmal habe ich fast den Eindruck, ich bin dem Tod näher verwandt als dem Leben."
Es war mit einem leichten Grinsen scherzhaft so dahin gesagt, aber es hallte in seinem Inneren nach und dieser Hall schwoll zu einem bedrohlichen Dröhnen an, das über seinen schweifenden Gedanken zusammen schlug wie eine mächtige Welle. Sie sah, dass sein Gesicht sich verfinsterte und sie fühlte, wie ein leises Zittern, wie der Schauer eines Schüttelfrosts, über seinen Körper jagte. Eine Kälte und Finsternis schien aus ihm heraus den Raum zum verdunkeln und verschwimmen zu lassen dass selbst das kleine Feuer überrascht knisterte. Erschrocken setzte sie sich auf. Unbewusst krampften ihre Händen den Bademantel zusammen und sie sah ihn furchtsam an, aber er saß nur stumm, mit verschlossenem Gesicht da und starrte ins Feuer. Endlich stand er auf, goss sich schweigend noch zwei Mädchenfinger von dem Malt ins Glas und stürzte ihn auf einen Schluck hinunter. 
"Es ist unwichtig, was ich war, bin oder sein werde. Und es ist ebenso unwichtig, was Alexander in mir gesehen hat. Wichtig ist einzig und allein, warum ich hier bin und ich muss gestehen, dass Deine unerwartete Existenz mich aus dem Konzept gebracht hat."
Er goss sich von dem Malt nach, diesmal waren es aber die zwei Finger eines Schweißers.
"Was kannst Du mir über Alexanders finanzielle Verhältnisse sagen?"
Sie war zu erstaunt über diese Wendung und die harte Gleichgültigkeit in seiner Stimme um sofort zu antworten, aber sie war klug genug um allmählich zu verstehen, worauf er hinaus wollte.
"Es gibt da ein Konto mit knapp 20.000. Außerdem ein Wertpapierdepot mit Anleihen die der Notar auf rund 180.000 schätzt. Aber das war es dann auch schon."
"Und es gibt die Lebensversicherung."
"Ach ja, die Lebensversicherung, sollten die jemals zahlen. Das wäre einen knappe Million. Allerdings alte Schilling."
Er stellte das leere Glas in der Küche ab und kam langsam zurück an den Kamin.
"Also circa 35.000 - Du jetzt eine ziemlich reiche Frau", warf er dabei in den Raum.
Mit einem Schlag verstand sie vollends, worauf er hinaus wollte und starrte ihn überrascht an.
"Ist das Dein Ernst?" fragte sie noch ungläubig, aber statt einer Antwort stellte er ihr nur die obligatorische Frage, wo sie in jener Nacht gewesen war, als man Alexander Heymann erschossen hatte.
Ihre Augen weiteten sich und der Blick, der ihn traf, wäre geeignet gewesen, einen gewöhnlichen Sterblichen zur Salzsäule erstarren zu lassen. 
Aber Meixner erstarrte nicht. Er stand nur da, sah sie mit gleichgültigen Augen an und wartete.
"Verschwinde", zischte sie. "Mach, dass du raus kommst!"

Kaum, dass Meixner auf die Straße getreten war, blies der eisige Wind auch schon alle nächtliche Schwere und Müdigkeit aus seinem Kopf. Nur der Malt arbeitete sich langsam aus seinem Magen in sein Blut und dämpfte die kreisenden Gedanken. Nach dieser Nacht konnte ihn kaum noch etwas verwundern. Die Tatsache, dass es inzwischen fast heller Morgen geworden war eben so wenig, wie die Tatsache, dass der eisige Wind aus Leibeskräften blies und es doch nur schaffte, den scheinbar immer dichter werdenden Nebel in wallender Bewegung zu halten.
Mit hochgestelltem Kragen und eingezogenem Kopf marschierte er in die Richtung in der sein Hotel lag. Sein Gesicht wirkte ruhig und ausgeglichen und verriet nichts über die Stürme, die in seinem Inneren tobten.
Er war sich selbst nicht klar darüber, warum er sich der jungen Witwe gegenüber zuletzt so verletzend verhalten hatte. Und das Grübeln über Heymanns sogenannte Verlassenschaft brachte ihn auch nicht weiter. Der Gedanke, Pensant die Unterlagen zu überlassen, erleichterte ihn nicht besonders. Und die Überlegungen über die Erwartungen des Obersts, über Heymanns Angewohnheit meist mehrere Konten zu führen und über den Einsatz der drei Männer, die ihn im Hotel sicherlich bereits erwarteten, waren keine Ablenkung. Diese und viele andere so wichtige Unnötigkeiten schwirrten durch seinen Kopf. Einzig an den Mann, den er eigentlich suchen sollte, an den verschwendete er keinen Gedanken. Etwas in ihm war sich sicher, dass er früh genug einen Hinweis bekommen würde, war doch alles bis ins Kleinste geplant. Es war nur die Frage zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, um ihn überführen zu können. Dem Kommissar hätte es sicherlich nicht gefallen, wenn er sich zu dem Vergleich hinreißen ließ, dass er den Köder ausgeworfen und der Fisch sich daran fest gebissen hatte. Zwar noch unsichtbar unter der scheinbar stillen Oberfläche, aber doch fest genug um den Hacken zu fühlen.
Manche Menschen empfanden es als sonderbar, dass Karl Meixner an der Jagd auf Tiere keinerlei Gefallen finden konnte. Zwar war auch er auf dem Land aufgewachsen und hatte viele Stunden und Tage in den Wäldern und auf den Feldern verbracht. Doch niemals hatte er verstanden, dass man ein wehrloses Tier aus fadenscheinigen Gründen und mit überlegenen Mitteln töten konnte und es dabei noch als Spaß empfand. So mancher Waidmann hatte da schon mal eine böse Überraschung erlebt, ohne zu wissen, wie er dazu kam. Früher, als sie alle noch jünger und dümmer waren. Dann wurde er älter und es kam die Jagd auf Menschen, die alles andere als wehrlos waren. Aber das war eine ganz andere Geschichte. Nicht, dass ihm diese Jagd mehr Vergnügen bereitete hätte, oder so etwas wie Genugtuung. Es war einfach etwas anderes. Etwas, das getan werden musste.
Seine Gedanken kreisten und kreisten und kamen immer wieder auf den einen Punkt zurück - dass er sich wünschte, er wäre niemals hierher zurück gekommen.
In diese Gedanken verstrickt marschierte er vor sich hin, den Kragen hoch gestellt, den Kopf eingezogen und den Blick gesenkt. Und so rannte er beinahe in eine junge Frau hinein, die in dem engen, bunten Kostüm einer italienischen Columbine steckte. Verwirrt raffte er sich auf um ihr einen guten Morgen zu wünschen.
"Ach ja, Herr Meixner, wenn ich nicht irre", meinte sie und lächelte ihn an. Da erkannte er das verwirrend blonde Mädchen wieder, das ihm schon am ersten Tag in dem Gasthaus begegnet war.
"Sie irren sich nicht", entgegnete er und fragte mit einem angedeuteten Kopfnicken: "Aber woher wissen Sie, wer ich bin?"
Sie lachte auf und ließ bei dieser Gelegenheit strahlend weiße Zähne unter den grellroten Lippen blitzen.
"Also, das war nun wirklich nicht schwer", lachte sie. "Seit Sie hier sind, spricht die ganze Stadt von nichts anderem mehr, als von Ihnen. Von Karl Meixner, dem unerbittlichen Freund und dunklen Rächer des Alexander Heymann. Und wenn der Mann, den Sie suchen, noch hier in der Stadt ist, dann hat er jetzt vom Gerede der Leute sicherlich die Hosen so gestrichen voll, dass er sich nichts sehnlicher wünscht, als schleunigst zu verschwinden."
Wieder lachte sie auf und ließ diesmal ihre langen, blonden Locken um ihre Schultern spielen wie Sonnenstrahlen im Nebel.
"Genau genommen wäre das wirklich das Vernünftigste, dass er jetzt machen könnte. Für sich und für mich."
Damit schnitt er ihr Lachen ab und erntete einen erstaunten Blick aus ihren meerblauen Augen.
"Das Beste für Sie? Ja, wollen sie ihn denn gar nicht fangen?"
Sie war so ehrlich überrascht, dass es Meixner zu einem kurzen, humorlosen Lachen reizte.
"Oh", meinte er, "mit Wenigem könnte er mir mehr helfen, als dass er jetzt die Nerven verliert und davon läuft. Denn jeder, der für diese Tat in Frage kommt und jetzt die Stadt ohne einen wirklichen Grund verlässt, überführt sich eigentlich selbst. Es käme fast schon einem Geständnis gleich. Aber ich nehme an, dessen ist sich der Mörder ebenso bewusst wie ich."
Der Wind zerrte an seiner Jacke und er fragte sich allmählich, ob ihr nicht kalt war. Waren ihre Ärmel doch kurz und der Ausschnitt des kurzen Kleides schon sehr freizügig.
"Verstehen Sie", setzte er dann fort, "der Mörder würde mir in der Tat eine ganze Menge Arbeit, Fragereien und Ärger ersparen. So aber ist er mir gegenüber im Vorteil. Ungefähr so, wie Sie mir gegenüber im Vorteil sind."
Sie schaffte es tatsächlich ihre blanke Stirn zu runzeln.
"Ich bin Ihnen gegenüber im Vorteil? In welcher Beziehung?"
"Sie wissen wer ich bin. Von Ihnen weiß ich im Gegenzug nur, dass Sie als Columbine atemberaubend aussehen und betörend gut riechen."
Sie sah ihn betreten an und konnte doch gleichzeitig Stolz und kokette Freude nicht ganz unterdrücken.
"Oh, entschuldigen Sie vielmals. Ich habe ja ganz vergessen mich vorzustellen. Mein Name ist Goldenberg. Susanne Goldenberg."
Meixner versuchte sein freundlichstes Lächeln aufzusetzen, aber es wurde ein fragendes. Denn nur all zu offensichtlich erwartete sie bei der Nennung ihres Namens eine Reaktion.
"Könnte es sein, dass ich Ihren Namen schon einmal gehört habe?" hackte er vorsichtig und mit einem verschwörerischen Lächeln nach und ihr erleichtertes Aufatmen bestätigte seine Vermutung.
"Ich war mir nicht ganz sicher, ob Sie wussten, dass und warum ich hier bin. Es wäre gut möglich, dass er Ihnen nichts davon gesagt hat."
"Unter welchem Namen kennen Sie ihn denn?" wollte Meixner dann noch wissen um seine aufkeimende Vermutung zu bestätigen.
"Namen?" kam sofort die überraschte Antwort. "Ich muss ehrlich gestehen, ich glaube seinen Namen vergessen zu haben. Alle nennen ihn nur den Oberst. Und es scheint zu genügen."
"Ja, das genügt", murmelte er bei sich, während er sie eingehender betrachtete. Selbst wenn er eben erst eine wilde Nacht hinter sich gebracht hätte, das Bild dieses wohlgeformten Mädchens in dem kurzen Rock und den bloßen Ärmchen, mit dem unschuldig einladenden Lächeln auf den vollen Lippen hätte wohl jeden Mannes Blut wieder in Wallung gebracht.
"Ich wusste nur nicht, dass der Oberst auch etwas so Unverdorbenes kennt", meinte er scherzhaft und sie lachte mit ihm. Doch Meixner war jetzt aufmerksam genug um für den Bruchteil eines Augenblickes das harte, kalte Glitzern im Hintergrund ihrer Augen zu erkennen, das er provoziert hatte. Er erkannte, was jedem anderen Mann angesichts soviel Liebreizes entgehen musste - dass sich hinter dieser reinen, engelsgleichen Aura des Mädchens etwas Kaltes, etwas berechnend Zielstrebiges verbarg. Natürlich hatte Oberst Hofer ihm eine Kontaktperson vor Ort angekündigt. Er hatte ihm aber verschwiegen, wie sie heiß und, dessen wurde sich Meixner nur ganz allmählich klar, welche Rolle diese Kontaktperson spielte.
"Es ist noch etwas kühl um diese Tageszeit", untertrieb sie ohne es sich bewusst zu werden und wies in die Gasse auf ein Haus. "Kommen Sie doch mit hinein. Sie werden ja auch mit Josef sprechen wollen. Ich wollte ihn eben abholen - Josef Stanghuber!"
Auch ohne den eigenartigen Tonfall, in dem sie den Namen des Mannes wiederholte, wäre es Meixner bewusst gewesen, dass es sich hier um den einen wirklich Tatverdächtigen handelte. Und die Dringlichkeit in ihrer Stimme ließ ihm sowieso keine andere Wahl, als zu sagen, er würde doch gerne mit ihr kommen.

Die beiden Gestalten auf der Straße standen geduckt in dem kalten Wind. Und sie standen eng beieinander. Als sie ihren Kopf leicht zurückwarf und lachte, flatterten ihre langen, blonden Haare lebhaft und herausfordernd.
Die Hand konnte kräftig zupacken, das sah man aus der Art wie sie sich nun in den Vorhang verkrampfte. Und, obwohl sie sauber und gepflegt war, sprachen doch die vielen kleinen Narben von Arbeit, die nicht leicht war.
Die große, schwere Gestalt hinter dem Vorhang straffte ihre breiten Schultern und sein Gesicht verzog sich verächtlich, als er den Mann auf der Straße einschätzte. Da war er schon mit ganz anderen fertig geworden. Und außerdem, seit diese Susanne vor ein paar Wochen in sein Leben gestolpert war und sich vom ersten Tag an in ihn verliebt hatte, da wusste er, dass nichts ihn aufhalten konnte und dass er ihr alle ihre Wünsche erfüllen würde.
Nein, von diesem wahrhaft dunklen Typen hatte er nichts zu befürchten.
Trotz dieser Erkenntnis saugten sich seine leuchtenden, graublauen Augen an dem Mann auf der Straße fest. Und es war das Brennen der Eifersucht, dass in den leicht auseinander stehenden Augen leuchtete. Mit einer wütenden Bewegung wandte er sich von dem Fenster ab und starrte in den düsteren Raum. Seine mächtige Gestalt stand breitbeinig vor dem Fenster und verdunkelte den Raum so noch mehr. Sofort war der Wunsch wieder da, sich umzudrehen und zu nachzusehen, was da draußen vor sich ging. Was der Typ tat. Was Susanne tat. Seine Susanne! Die großen Fäuste hingen geballt zu Boden, während er mühsam versuchte diesen Wunsch zu unterdrücken und das Gesicht unter den rötlichen Haaren wütenden Trotz ausdrückte. Mehr glich er einem schnaubenden Stier in einer sonnendurchfluteten Arena als einem quirligen Harlekin im dunklen Kämmerchen, doch so war er gekleidet. Die großen, bunten Karos milderten nur wenig den brutalen Eindruck, den er machte, aber er beruhigte sich so schnell wieder wie die Erregung gekommen war. Beruhigte sich selbst mit dem Gedanken, dass der Mann auf der Straße wohl nur irgend ein flüchtiger Bekannter, ein Vertreter oder ähnliches war. Sie kannte so viele Leute, und jeder wollte mit ihr reden. Natürlich, sie war ein Engel. Sein Engel, das war er sich ganz sicher. Zumindest sagte er es sich ganz fest. Also verfluchte er seine grundlose Angst, holte tief Luft und redete sich gut zu. Und er betrachtete nachdenklich die Gegenstände auf seinem Bett. Die große bunt karierte Schellenmütze bereitete ihm noch die geringsten Sorgen. Aber wenn er die Schuhe ansah, dann lief es ihm kalt über den Rücken. Riesig groß und mit hoch aufgebogenen Spitzen standen sie da, schienen sich über ihn lustig zu machen und zwangen demjenigen, der sie tragen sollte, gehörigen Respekt ab.
Der wuchtige Harlekin konnte sich unmöglich vorstellen, wie jemand es schaffen konnte, mit diesen merkwürdigen Gebilden an den Füßen zu gehen. Und doch hatte er es ihr versprochen. Hatte ihr versprochen, das gesamte Kostüm anzuziehen. Und nun stand er da und hasste diese Schuhe bereits, bevor er sie noch angefasst hatte. Aber nein, er tat alles für dieses Mädchen, denn er hing an ihr mehr als an seinem Leben. Also würde er auch das auf sich nehmen, um nicht ihr Missfallen zu erregen.
So setzte er sich auf das Bett, das wie immer unter seinem Gewicht bedenklich knarrte und fuhr vorsichtig mit dem Handrücken über die Schuhe. Dann packte er sie mit einem energischen Griff, stellte sie mit einer entschlossenen Geste zu Boden und fuhr hinein. Erstaunt stellte er fest, dass sie keineswegs so unbequem waren, wie er gedacht hatte. Sie fühlten sich an wie ganz normale Schuhe. Diese Meinung änderte er aber schleunigst wieder, als er versuchte einige Schritte mit ihnen zu gehen. Immer kamen ihm die Spitzen in den Weg und irritierte ihn das Bimmeln der Schellen. Wütend war er drauf und dran die Schuhe in eine Ecke zu schleudern, als er plötzlich wieder an den Mann draußen auf der Straße denken musste. An den, im wahrsten Sinne des Wortes, dunklen Typen, der da unten sein Mädchen angesprochen hatte. Nein, wenn es ihr Wille war, dann würde er diese Marterwerkzeuge anbehalten, möge da kommen was da wolle!
Bei der Schellenmütze war es im Gegenteil recht einfach. Sie passte wie angegossen und das Gummiband unter dem Kinn verhinderte, dass sie verrutschte. Noch einmal überprüfte er vor dem großen Spiegel den tadellosen Sitz seines Kostüms, was bei seinem kräftigen Körperbau nicht selbstverständlich war, und begann sich in seiner Narrenidentität bereits ein wenig wohler zu fühlen. Dann wollte er das Zimmer verlassen und ihr entgegen gehen.
Als ginge er auf rohen Eiern, so schlich er in den ungewohnten Schuhen zur Tür. Er hatte die Klinke schon halb gedrückt, als sein Blick wie zufällig zurück und auf die Kommode fiel. Er war der festen Überzeugung gewesen, die oberste Lade abgeschlossen zu haben. Ja, er hatte sie ganz sicher versperrt als Susanne gestern gekommen war. Trotzdem stand sie nun einen Spalt offen. Da erinnerte er sich an das, was er noch mitnehmen wollte.
Die Klinke schnellte wieder hoch als er sie losließ, doch die Tür ging einen Spalt auf.
Sein leicht nach vorne gebeugter Körper machte einen lauernden Eindruck, als er auf die Kommode zu schlich. Kurz davor blieb er stehen und richtete sich auf. Den Blick noch immer fest auf den kleinen Spalt geheftet.
Er wollte es mitnehmen und hatte doch Angst davor. Er hatte Angst davor und wollte es doch unbedingt mitnehmen. Und es war mit Abstand das Dümmste, was er machen konnte. Während sein Gehirn noch um eine Entschuldigung rang, hatte sein Körper die Entscheidung längst getroffen.
Die Finger seiner Hand öffneten sich, als er sie nach vorne streckte, sein rechter Mundwinkel zuckte, ohne dass er es bemerkte. Wie in Großaufnahme und Zeitlupe sah er seine Hand sich Millimeter um Millimeter auf die Lade zuschieben. Und plötzlich war ihm so, als wäre diese Hand gar nicht mehr seine Hand. Ihm war, als beobachtete er eine wildfremde Hand die im Begriff war, eine wildfremde Lade zu öffnen.
Und dann hatte sie den schier endlosen Weg doch zurückgelegt. Für eine kleine Weile blieb sie ruhig auf dem runden Knopf liegen. Dann spannten sich Sehnen und Muskeln wieder und mit leichtem Kraftaufwand zog sie die Lade auf.
Schlagartig wurde er ruhiger. Sorgfältig griff er unter die Hemden und fühlte schon das kühle Metall unter seinen Fingern, als er das Geräusch unten an der Haustüre hörte. Hastig und unaufmerksam ließ er die Hemden wieder zurück fallen, denn etwas anderes fesselte nun seine Aufmerksamkeit. Er erkannte die glockenklare Stimme seiner Susanne Goldenberg, aber er hörte auch eine andere, eine männliche Stimme, die ihr antwortete. Er konnte kein Wort verstehen, dazu war er zu erregt. Aber der Tonfall, in dem die Worte gewechselt wurden, entspannte ihn wieder. Unschlüssig blieb er vor der Lade stehen, entschied sich aber dann, sein Vorhaben auf später zu verschieben.

Karl Meixner betrachtete die stattliche Anzahl der Geweihe mit denen Flur und Treppenaufgang reichlich geschmückt waren und empfand ein leises Schaudern. Für ihn war das primitivstes Imponiergehabe, wenn man die Schädel der getöteten Feinde bei sich zuhause ausstellte. Von jedem Urwaldstamm, der so etwas tat, würde man sich mit Grauen abwenden und die Primitiven auf schnellstem Weg zu zivilisieren suchen. Dem engelhaften Wesen neben ihm schienen solche Gedanken völlig fremd zu sein. Verzückt stand sie da und betrachtete die kahlen Schädeldecken voller Stolz. 
Er hatte wie die Meisten das Gefühl, zufällig einem Engel begegnet zu sein, wenn er sie so ansah. Aber welche Engel traf man schon auf der Erde. Doch nur die Gefallenen. 
"All diese prachtvollen Exemplare hat Josefs Vater geschossen", erklärte sie ihm und in ihrer Stimme schwang neben Stolz auch jene leichte Erregung mit, für die einfache Gemüter in Gegenwart der Macht über Leben und Tod so anfällig sind.
"Ich kann wenig Imponierendes an Menschen finden, die Spaß daran haben, wehrlose Geschöpfe abzuknallen. Ich bin dann immer versucht herauszufinden, ob sie auch dann noch so mutig wären, wenn sie sich einem Rehbock mit gleichen Waffen stellen müssten."
"Ich finde das keineswegs sehr witzig!"
Ihre Stimme wäre mit einem Mal geeignet leichten Schüttelfrost zu verursachen.
”An der Jagd ist auch nichts Witziges”, entgegnete er ernst. ”Schon gar nicht, wenn man sich zuvor nur auf reine Abschusszahlen reduziert hat und dann nur mit einem Messer bewaffnet einem Bock gegenüber steht. Witzig sind oft nur die Figuren, die sich selbst Jäger nennen", fügte er noch hinzu und war wütend auf sich selbst, als ihm klar wurde, dass er es nur gesagt hatte, um dem Glanz ihrer glatten, polierten Selbstsicherheit einen Kratzer zuzufügen.
"Entschuldigen Sie", versuchte er. "Ich ..."
"Gut", unterbrach sie ihn. Doch ihre Stimme sprach vom Gegenteil. "Sprechen wir nicht mehr darüber."
Aber sie blieb von ihm abgerückt. Er wollte eben einen Versuch machen, dem Gespräch wieder eine andere Richtung zu geben, um mehr über diesen Verdächtigen zu erfahren der ihm da auf dem Silbertablett präsentiert wurde, als die Treppe knarrte und sie beide sich herum drehten.
Der Mann, der gebückt oben an der Treppe stand um sich nicht den Kopf zu stoßen, sah verwundert zu Meixner, dann zu dem Mädchen und wieder zu Meixner. Dort blieb sein überraschter Blick hängen. Er hatte ihn sofort als den Mann von der Straße wieder erkannt.
Nach einer Weile setzte er sich endlich in Bewegung und kam vorsichtig die Stufen herunter. Seine großen Schuhe behinderten ihn dabei beträchtlich. Die Schellen an seiner Mütze wippten rhythmisch und ließen leise ihr fröhliches Läuten ertönen, auf das keiner der drei achtete.
Die beiden Männer sahen einander wortlos an.
Der Harlekin auf der Treppe meinte beinahe körperlich die Bedrohung zu fühlen, die von dem dunklen Mann dort unten wie heißer Atem ausging. Und das lähmte sein Gehirn, seine Gedanken, seinen Willen. Sein Körper bewegte sich weiter auf den Mann zu, weil er keinen gegenteiligen Befehl erhielt. Seine Selbstkontrolle war wie weggeblasen unter dem Blick des Mannes unten an der Treppe. Zwar erkannte er, dass es nicht Hass war, was ihm da entgegen schlug. Aber es war Gleichgültigkeit und, was um vieles schlimmer war, die gefährliche Ahnung einer Erkenntnis.
Meixner sah den Harlekin, der auf der untersten Treppenstufe zum stehen gekommen war, lange an. Es war nicht Verlegenheit, was ihn davon abhielt zu sprechen. Er wollte sich zuerst über seine Gefühle im klaren sein. Und dann versuchte er den Gedanken festzuhalten, der sich fast unbemerkt in seinen Kopf geschlichen hatte. Auf den ersten Blick schien ihm dieser Gedanke neu und ungewöhnlich, aber je öfter er ihn wälzte um so offensichtlicher wurde, dass dieser Gedanke schon die ganze Zeit über da gewesen war. Und ganz allmählich begann Meixner ein paar der Zusammenhänge besser zu verstehen und ebenso langsam reifte in ihm dieses Gefühl, das ihm schon oft bei schwierigen Fällen geholfen hatte.
Die Sekunden zogen dahin, als hätte sich die Zeit in schimmerndes Quecksilber verwandelt. Das asthmatische Ticken der alten Standuhr in den Tiefen des düsteren Ganges hallte durch das Haus. Es dröhnte in ihren Ohren und jedes Tick, jedes Tack riss an den Nerven. 
Dann waren die Worte da. Meixner hatte eigentlich nicht sprechen wollen. Noch nicht. Doch die Worte drückten genau das aus, was er in diesem Augenblick dachte.
"Warum haben Sie Alexander Heymann ermordet?"
Nun schien die Zeit vollkommen zu erstarren. Und keiner der drei hätte sagen können, ob sie jetzt drei Sekunden da gestanden waren oder drei Tage. Ja, es mussten drei Stunden vergangen sein, bis die Standuhr wieder sagte: "Tick."
Mit diesem Ton kam Leben in die drei Menschen. Das Mädchen ließ sich auf einen der herumstehenden Stühle fallen. Meixner fühlte sich plötzlich erleichtert wie schon lange nicht mehr. Und Josef Stanghubers Augen weiteten sich, während sich seine Hand in das dunkle Holz des Treppengeländers verkrallte. Tief holte er Atem um dem Feind eine ordentliche Antwort entgegen zu schleudern, aber er war verwirrt, irrten seine Gedanken doch eigentlich einen Stock höher, zu der nun unversperrten Lade.
Als die dumpfen, tiefen, dröhnenden Schläge der Standuhr erklangen, ließen sie das alte Haus bis in seine Grundfesten erzittern. Achtmal rollte es in der Uhr, als würde ein schweres Kettenfahrzeug auf Pflastersteinen wenden. Achtmal steigerte sich dieses Rollen zu einem grellen Gewitterinferno und achtmal zu einer gewaltigen Explosion. Und achtmal zuckte der gewaltige Harlekin unter diesem Donnerschlag zusammen.
Als das Haus nach dem letzten Schlag allmählich verstummte, hatte Josef Stanghubers Gesicht jede Farbe verloren und bildete einen erschreckend bleichen Kontrast zu den schreienden Farben seines Kostüms.
Wie konnten auch Meixner und das Mädchen wissen, dass sich ein kleiner Junge vor vielen Jahren jedes Mal ängstlich versteckt hatte, wenn das alte Schlagwerk zu dröhnen begann. Wenn die alten Schicksalsgeister erwachten und sich geifernd aus ihrem Gefängnis zu befreien suchten, um die Lebenden für ihre bösen Taten zu bestrafen - wie der Großvater nicht müde wurde, dem Jungen immer und immer wieder zu erschrecken. Wie konnten die Beiden wissen, dass jahrelang das Schlagwerk nicht mehr aufgezogen worden war und sie dieses Inferno nur einer neuen und besonders eifrigen Putzfrau heute morgen verdankten.
Verwundert über die so unerwartete Reaktion des Mannes fühlte sich Meixner ein wenig aus der Bahn geworfen. War er seinem Ziel vielleicht schon näher, als er ahnte?
Urinstinkte wurden wach und bekamen unbewusst die Oberhand. Unmerklich veränderte sich seine Körperhaltung und mit einem Mal glich er verblüffend einen jagenden Raubtier. Angespannt waren alle Muskeln, nicht aber verkrampft. Die Schultern waren leicht nach vorne gezogen, die Augenbrauen in dem dunklen Gesicht glichen einer zusammengeballten Gewitterwolke. Und darunter leuchteten Augen, zu schmalen Schlitzen verengt, in denen ein ruhiges und doch tödliches Feuer loderte. Wie die Lichter eines Panthers waren sie. Kurz bevor er seinem Opfer das Genick bricht, wenn es eine einzige falsche Bewegung macht. Der aber tat das, was Meixner nicht erwartet hatte.
Er tat nichts. Gar nichts.
Er stand einfach nur da. Er starrte nicht einmal mehr feindselig, er sah ihn nicht mitleidig an.
Er tat einfach nichts!
Vergeblich suchte Meixner in den Augen des erstarrten Harlekins nach einem Gefühl. So tief er nur konnte drang er ein in diesen starren, graublauen Augen. Doch er entdeckte nichts. So tief war der Mann in seinen Gedanken versunken, dass Meixner ebenso gut in die Augen einer Leiche hätte blicken können. Sie wären nicht leerer gewesen. Nur ein Mal, ein einziges Mal, da glaubte er für einen kurzen Augenblick so etwas wie Resignation zu erkennen.
Sein Verstand verdrängte die unterbewussten Urinstinkte schnell und Meixner erkannte nun vollends, dass dieser Mann nichts weiter als ein Bauernopfer war.
Neben ihm erhob sich das Mädchen wieder von ihrem Sessel und stellte ihre Frage mit einer Gleichgültigkeit, die Stanghuber zu denken hätte geben müssen.
"Wer, um alles in der Welt, sind Sie eigentlich?!" fuhr sie Meixner an.
"Ich bin Karl Meixner", erklärte er ihr so langsam, dass der festgenagelte Harlekin es verstehen musste. "Ich bin der Freund des ermordeten Alexander Heymann. Ich bin der Mann, der seinen Mörder zur Rechenschaft ziehen wird."
Am Ende des Monologes schüttelte Stanghuber mit leisem Geklingel den Kopf, trat ganz von der Treppe herunter und verschwand durch die nächste Tür, ohne von den beiden, deren verwunderte Blicke ihm folgten, weiter Notiz zu nehmen. Er musste jetzt etwas zu trinken haben, das scharf genug war, um seinen Lebensgeistern nachdrücklich in den Hintern zu treten.
Susanne Goldenberg sah ihm verwundert nach und spielte dabei nachdenklich mit dem großen goldenen Clip und ihrem kleinen rosa Ohr.
"Gehen Sie", meinte sie dann leise. "Ich halte sie auf dem Laufenden."
Und, als Meixner sich umwandte, brüllte sie: "Machen Sie, dass sie 'rauskommen! Los! Verschwinden Sie! Auf der Stelle!"

Josef Stanghuber stand an dem Barwagen in dem düsteren Arbeitszimmer seines Vaters, weil er nicht daran gedacht hatte, Licht an zu machen. In der einen Hand eine Flasche in der anderen ein Glas und starrte vor sich auf den Boden. Leise raschelte sie durch den Raum und blieb neben dem gut bestückten Wagen und dem versunkenen Harlekin stehen. Eine ganze Weile hörte man nur das Ticken der Standuhr aus dem Gang bis sie endlich die zähe Stille mit einer leise Frage zerriss.
"Hat er recht?"
Er zuckte vor dieser Frage zurück.
"Natürlich habe ich Heymann nicht umgebracht! Wie hätte ich das auch machen sollen, bei dem Zustand, in dem ich war?!"
Ihr Gesicht verhärtete sich, als sie einwarf: "Das besagt leider nur sehr wenig."
"Was soll das jetzt heißen?" brauste er auf, sah sie aber nicht an.
"Man hat dich schon früher für stockbesoffen gehalten und doch hattest du keinen Tropfen angerührt. Du hast dich einfach verstellt. Und das kannst du sehr gut, das hast du mir schon einige Male bewiesen. Warum solltest du es also diesmal nicht genauso gemacht haben? Während alle dachten, du wärest am WC und reierst um dein Leben, hättest du ohne weiteres Heymann überholen, ihm auflauern und ihn erschießen können."
Er verließ seinen bisher standhaft gehaltenen Posten an dem Barwagen und fiel auf einen der Sessel um den Tisch. Verzweifelt sah er zu Boden.
"Also glaubst nicht einmal du mehr, was ich sage", murmelte er verloren.
Mit zwei schnellen Schritten war sie bei ihm, kniete vor ihn hin und nahm seine Hände. Ihre zarten Finger verschwanden fast in diesen riesigen Pranken.
"Du weißt, dass ich dich liebe!" sagte sie eindringlich. "Und solange mir niemand das Gegenteil beweist, werde ich glauben, was du mir sagst. Aber du solltest wissen, dass es mir auch nichts ausmacht, wenn es anders ist. Es ist mir egal ob dieser Heymann tot ist oder lebt. Für mich war er ein Schmarotzer, ein aufgeblasenes, egoistisches Schwein. Und, wenn du mich fragst, dann sollte man dem Mann, der die Gesellschaft von dieser Krankheit befreit hat, eigentlich dankbar sein. Er hat nur getan was längst nötig war. Endlich hat sich unter all den geschorenen Schafen einer als Mann erwiesen. Ich werde dir diese dämliche Frage nie mehr stellen, denn es bedeutet mir nichts. Denn -  auch wenn du es wirklich getan hast, musst du wissen, dass es meine Gefühle für dich nicht ändert – ganz im Gegenteil! Ich liebe dich. Ich werde darauf warten, dass du mich holst. Und es ist mir egal, ob du heute kommst, nächste Woche oder in ein paar Jahren. Ich werde auf dich warten!"
Sie wollte aufspringen und zur Tür hinaus, doch er hielt sie zurück.
"Es könnte wirklich sein, dass wir uns einige Zeit nicht sehen, aber du brauchst auch nicht ein paar Jahre auf mich zu warten. Zwei oder drei Wochen sind lang genug. Ich habe noch mehr als genug Urlaub zu bekommen. Den nehme ich mir und verschwinde für einige Zeit. Etwas Luftveränderung wird mir gut tun und dieser durchgedrehte Hilfssheriff hat Zeit sich wieder zu beruhigen. Warum kommst du nicht einfach mit."
Sie kuschelte sich fest an ihn, dass ihn selbst alle Meixners dieser Welt nicht hätten ablenken können. Dann hob sie das zierliche Köpfchen, so dass ihr seidig duftendes Haar seine Wange kitzelte, und sah ihn aus ihren blanken, großen Augen beschwörend an.
"Genau das darfst du unter keinen Umständen machen! Wenn du jetzt so sang- und klanglos verschwindest, dann ist das für ihn doch so gut wie ein Geständnis. Du darfst ihm nicht zeigen, dass du Angst hast. Er kann dir nicht gefährlich werden. Er ist kein Hilfssheriff, er ist nichts weiter, als ein aufgeblasener Niemand!"
Und als sich seine Schultern daraufhin strafften setzte sie nach: "Aber versprich mir, dass du ihm aus dem Weg gehst. Wer immer er auch ist, mir macht er Angst. Es würde mich nicht wundern, wenn er einer von den Verrückten ist, die meinen, das Gesetz selbst in die Hand nehmen zu können. Versprich mir, dass du ihm keine Gelegenheit gibst irgendwelche Dummheiten zu machen!"
So langsam wie ein müder Stier in der Arena, nachdem er von den Pikadores bis aufs Blut gequält und geschwächt wurde, und der nun den Kopf hebt um durch blutig roten Schleier hindurch seinem Tod in Gestalt eines schmalhüftigen Toreros zu erblicken, so hob auch Stanghuber den Kopf und sah sie an. Aber plötzlich lachte er laut und schloss sie fest in seine Arme.
"Ja", sagte er mit Bestimmtheit. "Ich verspreche dir, dass ich vorsichtig sein werde und das ich mir keine Angst einjagen lasse. Ein Josef Stanghuber fürchtet sich nämlich vor nichts und niemandem!"
Er hob ihren Kopf zu sich auf und küsste sie mit der Sicherheit eines Mannes, der weiß, dass er geliebt wird und dass diese Liebe alle Hindernisse überwinden wird. Es schien, als wollte er gar nicht mehr aufhören. Doch sie drückte ihn sanft von sich weg.
"Eigentlich bin ich gekommen um dich abzuholen. Und die im Geschäft werden schon warten, ich bin sowieso schon viel zu spät dran!"
"Geh' schon vor", meinte er leichthin, während er die fischgrüne Flasche wieder in der Bar verstaute. "Ich möchte noch etwas erledigen. Wir treffen uns dann heute Nachmittag zum Umzug?"
"Wie ich meinen Chef kenne, wird er meinen, dass gerade heute ein vortrefflicher Tag sei um wieder mal ein paar Stunden länger offen zu halten. Aber irgendwie werde ich mich schon drücken."
Er umarmte sie noch einmal und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Sie aber sah ihn fragend an, unterdrückte dann doch, was ihr auf der Zunge lag und sagte stattdessen mit angestrengter Heiterkeit: "Sehen wir uns schon zum Mittagessen?"
Er nickte und sie machte sich widerwillig auf den Weg. Unter der Tür blieb sie noch einmal stehen und während von draußen die alltäglichen Geräusche der blechernen Schlange des Morgens in das dämmrige Zimmer brachen sah sie ihn sorgenvoll an.
"Bitte sei vorsichtig!" beschwor sie ihn. "Ich kann dir nicht sagen weshalb, aber ich habe Angst, dass dieser Mann etwas Verrücktes machen könnte."
Hätte er in diesem Augenblick weniger auf seine sprudelnden Hormone und mehr auf den metallenen Ausdruck in ihrer gleichgültigen Stimme geachtet, dann wäre ihm vielleicht auffallen, wie kalt und einstudiert dieser Satz klang. Statt dessen aber brach er wieder in lautes Lachen aus. In ein Lachen, dass die Frau in Sicherheit wiegen sollte, von der er so sicher annahm, sie liebe ihn. 
Wie hätte er auch ahnen können, dass sie bereits begann, ihn zu vergessen.
Doch kaum hatte sie das Haus verlassen, da wurde sein Lachen merklich schriller. Das kleine Samenkorn an Angst, das sie so sorgsam gepflanzt hatte, wurde schnell größer und schlug Wurzeln. Mit einem Mal brach er ab und stierte vor sich auf den Boden. Natürlich hatte sie recht! Er hatte Angst, wenn er es sich auch nicht so recht eingestehen wollte. Er hatte Angst vor der Geschichte, in die er sich da gebracht hatte. Und er hatte Angst vor dem, was ihm noch bevor stand, bis alles geregelt war. Die größte Angst aber, die bereitete ihm diesem Mann. Er musste sehr vorsichtig sein, denn, und da war er sich ganz sicher, dieser Mann würde ihn ohne mit der Wimper zu zuckten töten, wenn er zu der Erkenntnis gelangen sollte, den Schuldigen gefunden zu haben. Die wage Ahnung seiner Geliebten war ihm dafür schon Bestätigung genug. Und auch auf ihn wirkte dieser Mann wie einer, der kaum Beweise benötigte um sein Urteil zu fällen. Zumal es da tatsächlich ein paar Dinge gab, die ihn ziemlich dumm aussehen lassen würden, wenn sie sich herum sprachen. Also musste er dafür sorgen, dass diese belastenden Beweise verschwanden. Und zwar schnell. Am besten auf der Stelle.
Die Gedanken jagten fiebrig durch seinen Kopf, aber er stand wie fest verwurzelt im dämmrig grauen Licht, das durch die morgendlichen Fenster sickerte. Flammende Röte schoss in seine Wangen, denn es war wie ein Schlag ins Gesicht, als er sich mit einem Mal klar darüber wurde, dass er vor nichts und niemandem auf dieser Welt eine solch panische Angst empfand, wie vor dem dunklen Mann, dessen Namen er noch nicht einmal kannte. Oder hatte er sich vorgestellt? Oder hatte ihn Susanne vorgestellt? Er war sich nicht sicher. Seine Gedanken stapften durch kniehohen, zähen Morast oder schwirrten blitzartig vorbei und es fiel ihm mit einem Mal schwer sich zu erinnern, war doch alles verschüttet unter den dröhnenden Schlägen der Standuhr. Die Bilder, die um ihn schwirrten wie lästige Fliegen, waren so unwirklich und verschwommen, als kämen sie geradewegs aus einem düsteren Alptraum und für einen kurzen Augenblick war er sich nicht sicher, ob er das alles nicht doch nur geträumt hatte. 
Da machte er endlich einen Schritt und stolperte beinahe über die langen Schnabelschuhe.
Und alles war wieder klar. Gefährlich klar!
Auf jeden Fall würde er seine Susanne nach dem Namen des Mannes fragen. Denn auch wenn es vollkommen unwichtig war, plötzlich regte sich in ihm so etwas wie Neugierde.
Falls er dem Mann nicht zuvor noch begegnete! Doch das wollte er tunlichst vermeiden. Er hatte mit einem Mal eine sagenhafte Angst davor, diesem Mann noch einmal unter die Augen zu treten. Allein die Tatsache, dass er es sich eingestand, war Zeichen genug!
Herrgott! Diese verdammten, schwarzen Augen hatten sich in seinem Gehirn fest gebrannt. Nicht seine Haltung, seine Stimme, sein Gesicht, nein, nur seine Augen, die sofort wieder auftauchten, wenn er die seinen schloss.
Je länger er dastand und grübelte umso größer wurde dieses Gefühl der Ohnmacht in seinen brennenden Gedärmen. Wie ein hilfloser Vogel, der nicht begreifen kann, dass er gefangen ist, so flatterte sie herum. Und sie wurde allmählich zu einer körperlichen Angst, die an ihm hoch kroch und ihm die Kehle zudrückte.
Er meinte sie hinter sich stehen zu fühlen. Ihr kalter Atem strich über seinen Nacken, dass Gänsehaut knisterte und er unwillkürlich den Kopf zwischen die Schultern zog. Der unsichtbare Schatten aus blauer, kalter Angst fiel über ihn und hüllte ihn ein. Und es war schaurig kalt im Schatten der Angst. Seine Hände zitterten schon länger, aber nun frösteln er am ganzen Körper, wo er doch gleichzeitig den Schweiß auf seiner Haut fühlte.
Furchtsam sah er sich um. Entgegen besseren Wissens. Holte sich die Bestätigung, für den Augenblick in Sicherheit zu sein.
Aber es half ihm nichts.
Er fühlte sie hinter sich. Denn die Angst hatte sich in seinem Nacken verbissen, und so sehr er sich auch wendete, windete und drehte - sie blieb eine unerreichbare Gegnerin. So fühlte er, wie sich die Haare in seinem Nacken sträubten. Fühlte ihre eisenkalte Faust in seinem Magen. Die hochschnellte und ihm den Atem abdrückte. Er fühlte, wie der kalte Schweiß auf seiner Haut brannte.
Nein! 
Er wollte sich nicht abschlachten lassen. 
Wie ein Stück Vieh!
Er wollte weg. Einfach nur weg von hier. Ganz weit weg!
Und dabei hatte Pensant doch schulterzuckend gemeint, dass alles schon wieder in geordnete Bahnen kommen würde. Der hatte leicht reden, sein Leben war ja nicht in Gefahr. Und wenn, dann würde er sicher einen Ausweg finden. Pensant fand immer einen Ausweg!
Christoff Pensant! - Natürlich!!
Warum war ihm diese Idee nicht schon früher gekommen. Pensant wusste immer eine Lösung, und Pensant war es auch gewesen, der ihm geraten hatte, sich nicht zu stellen - also musste er ihm jetzt helfen. Er musste!
Umständlich und ständig in Gefahr zu stürzen, taumelte er aus dem Zimmer und die Treppe hinauf. Schnell hatte er die Lade in seinem Zimmer aufgerissen und tauchte beide Hände in die Tiefen der nach Sommerwiesen duftenden Wäsche.
So einfach war das alles. Er würde die Gegenstände einfach Pensant übergeben, und der sollte die ganze Geschichte für ihn aus der Welt schaffen.
Mit geweiteten Augen starrte er den kleinen, stumpfnasigen Revolver an. Dann wanderten seine Augen zu dem dumpf glühenden, goldenen Kreuz. Lange starrte er es an, wie schon so oft in den letzten Tagen. Und wie schon so oft hätte er alles dafür gegeben, sich erinnern zu können. Sich nur ein wenig daran erinnern zu können, was in dieser verfluchten Nacht tatsächlich geschehen war. 
Aber da war nur ein Loch voll klebriger Schwärze.

Karl Meixner ließ sich auf das unberührte Bett in seinem Zimmer fallen und starrte an die Decke.
Oh, verdammt! dachte er. Und er wiederholte diesen Gedanken oft und inbrünstig.
Irgendwann stand er auf, zog sich aus, duschte und rasierte. Gerade als er damit fertig war, läutete das Telefon. Er warf das Hemd wieder auf das Bett zurück und setzte sich auf den harten Stuhl neben den großen, in altertümlichem schwarz gehaltenen Apparat. Nackt wie er war.
Wieder klingelte es. Aufdringlich durchschnitt dieses Geräusch die wohltuende Ruhe des Raumes. Aber Meixner zögerte. Er erwartete keinen Anruf und niemand wusste, dass er sich hier aufhielt. Außerdem konnte, wer immer ihn jetzt und hier auch anrief, keinen guten Nachrichten zu übermitteln haben. Dabei dachte er an einen ganz bestimmten Mann. An einen unerbittlichen Mann. Ebenso unerbittlich wie das Läuten des Telefons.
Endlich nahm er den Hörer ab und meldete sich mit einem unverfänglichen "Hallo?".
"Hallo Meixner", dröhnte der Mann auf seiner Seite und es klang, als säße er im Nebenzimmer. "Nur weil Sie offiziell auf Urlaub sind, müssen Sie ihr Mobiltelefon doch nicht abschalten. Wie soll Sie denn Ihr Chef da erreichen?"
"Danke, es geht mir gut, Oberst", brummte Meixner wenig erfreut. "Zumindest den Umständen entsprechend gut. Und was das Mobiltelefon angeht, das schaltet man genau aus diesem Grund im Urlaub nicht ein, damit einem der Chef eben nicht erreichen kann!"
Und die Verwunderung, mit der er seine Stimme garnierte, war mindestens ebenso unecht, wie das glucksende Lachen des Obersts.
"Sie enttäuschen mich Meixner. In dem finsteren Winkel, da, wo andere Leute ihr Gehirn haben, ist wohl noch nichts davon durch gedrungen, dass Sie in einem kleinen Land für eine gute Dienststelle arbeiten."
Dieser zur Schau gestellte joviale Überschwang fiel aber rasch wieder von ihm ab, als er noch hinzufügte, dass es schließlich unumgänglich für ihn war zu wissen, wo sich seine Leute herumtrieben. Sonst kämen sie sich noch gegenseitig ins Gehege.
Sein Lachen klang nun wirklich beinahe erheitert, doch Meixner meinte seinen Ohren nicht zu trauen.
"Aber Oberst ..." entgegnete er verwundert, doch weiter kam er diesmal nicht.
"Was denn, was denn - Aber Oberst?! Dieses Telefon wird sicherlich nicht abgehört. Und ich weiß durchaus, was ich sagen darf. ICH bin ja schließlich nicht der Anfänger."
"Ich glaube behaupten zu können, das keiner von uns beiden ein Anfänger ist", unterbrach Meixner unterkühlt.
Obwohl es einiges gab, das sie verband, so gab es auch eine Seite an diesem riesigen, derben Mann, der mit seiner grauen Igelfrisur und seinen Manieren besser in ein amerikanisches Arbeitslager gepasst hätte, die Meixner wirklich nicht ausstehen konnte. Etwa dann, wenn er wie eine Katze um den heißen Brei herum schlich und jeder nur mehr entnervt darauf wartete, dass er endlich zu Sache kam. 
"Sie könnten einiges an ihren Spesen und an meinen Nerven sparen", knurrte Meixner, "wenn Sie mir endlich sagen würden, was Sie von mir wollen. Oder macht Ihnen dieses Vorspiel wirklich soviel Spaß?"
Für einen Augenblick war es still in der Leitung und Meixner wusste, dass der Mann am anderen Ende jetzt grinste. Ein zufriedenes Grinsen. Und tatsächlich klang seine Stimme mit einem Mal viel vertraulicher und klarer.
"Ich hoffe doch, dass Ihre Nerven stabiler sind als mein Spesenkonto! Sie haben nämlich die seltene Eigenschaft selbst zu denken, Meixner. Das macht Sie zu einem durchaus schwierigen, aber äußerst wertvollen Mitarbeiter. Ich wollte Sie eigentlich nur davon in Kenntnis setzen, dass mein kleiner Rauschgoldengel nichts Eiligeres zu tun hatte, als mir von ihrem Zusammentreffen mit Stanghuber zu berichten. Sie scheinen ja mächtig Eindruck auf das Mädel gemacht zu haben. Aber ich weiß, Sie sind in der Lage, die verborgenen Seiten der Menschen ans Licht zu holen. Die Kleine wollte doch wirklich Stanghuber überreden mit ihr zu flüchten. Und sie versprach sich einiges davon, dabei sein zu dürfen, wenn Sie ihn schnappen. Ich wusste immer schon, dass die Kleine ein tödliches Biest ist, aber das sie so sadistisch veranlagt ist ..."
Er ließ den Rest des Satzes in der Luft hängen und wartete auf eine Äußerung Meixners, aber da kam vorerst nichts. Eine ganze Weile dauerte dieses Schweigen bis Meixner sicher war, dass der Oberst nicht daran dachte, den Satz zu vollenden. Gepresst meinte er: "Ich habe nicht vor ihn zu töten. Das ist nicht geplant und es wäre niemandem damit geholfen. Aber es sieht so aus, als gäbe es da eine ganze Menge Dinge von denen Sie mehr wissen, als ich."
Diesmal hätte Meixner seine rechte Hand ins Feuer gelegt um zu beschwören, dass das glucksende Gekicher am anderen Ende der Leitung echt war.
"Natürlich will niemand, dass Sie ihn töten. Aber sollte doch jemand die Entscheidung treffen, dass es notwendig ist, dann wird es niemand für nötig halten, Sie zu fragen, ob Sie Lust dazu haben. Jeder Auftrag wird erledigt. Wenngleich nicht von jedem Mitarbeiter", räumte er ein.
"Das kommt mir irgendwie bekannt vor", knurrte Meixner.
"Es sollte Ihnen auch bekannt vorkommen! Denn es sollte Sie an Ihre eigene Situation erinnern! Es ist nämlich zufällig mein Job eine Menge mehr zu wissen als alle anderen Leute. Und, mein lieber Meixner, es ist auch mein Job, Sie nur das wissen zu lassen, was Sie gerade mal wissen müssen, um Ihren Job so zu machen, wie ich mir das vorstelle. Und - vergessen Sie das niemals - es ist ebenfalls mein Job, immer Recht zu behalten!"
Meixner beendete das Gespräch indem er den Hörer so voller Wut auf das Gerät knallte, dass er meinte, es müsse zersplittern. Er sprang auf, lief auf den kleinen Balkon hinaus und ließ die winterlich kalte Morgenluft über seinen nackten Körper streichen während er sich bemühte ruhig und tief durchzuatmen ohne die wild durcheinander schwirrenden Gedanken aufkommen zu lassen. Irgendwann tat es ihm dann leid, dass er dieses Gespräch so ruppig beendet hatte. Auf der einen Seite, weil er sehr wohl wusste, dass der Oberst nur die Wahrheit gesagt hatte. Auf der anderen Seite kam es doch äußerst selten vor, dass der Oberst sich zu solch offenen Aussagen hinreißen ließ.
Aber die Wahrheit schmerzt nun mal keinen mehr, als den, den sie betrifft.
Die Nebel über der Stadt begann sich nun allmählich doch zu lichten und ließen eine geschlossene Wolkendecke dahinter ahnen. Meixner kehrte in sein Zimmer zurück. Streift Unterwäsche, Seidenhemd und Lederhose über. Stieg in die hochhackigen Stiefel. Nur das Halstuch band er sich noch um und ließ die restlichen Teile seines Kostüms einstweilen liegen. Er hatte ja nur vor zu frühstücken - einstweilen.

Es war ziemlich genau neun Uhr, als Meixner das Gastzimmer betrat. Und obwohl das Lokal sehr gut besucht war, sah er seinen Kollegen sofort. Nur ein Mann wie Joschi konnte auf die Idee verfallen, seinen hellbeigen Sombrero auch wirklich zu tragen und der ragte nun einen guten halben Meter über die Köpfe der übrigen Gäste hinweg. In einem günstigen Augenblick griff Meixner zu und nahm ihm die riesige Kopfbedeckung ab. Also wortlose Begrüßung, sozusagen.
Eine der Kellnerinnen fragte nach Meixners Wünschen und vollbepackt mit genauen Anweisungen über die Zubereitung von Kaffee, Toast, Eiern, Speck und Orangensaft strebte sie wieder der Küche zu.
Wie jeden Morgen, seit sie sich kannten, jammerte Iwan, dass er schlecht geschlafen hatte, wo er doch sonst immer schlafe wie ein Lämmchen und erging sich in detaillierten Analysen über Matratzen und Raumtemperaturen. Meixner kannte diese Geschichte schon zu lange, um noch hin zu hören und studierte wesentlich aufmerksamer die anderen Gäste. Es waren gerade mal so viele, dass das Lokal einen einigermaßen lebhaften Eindruck machte und überrascht stellte er fest, dass sie die Letzten waren, die noch beim Frühstück saßen. Anscheinend war er hier unter ein Volk von Frühaufstehern gefallen und das gefiel ihm ganz und gar nicht. Menschen, die am Morgen frisch und fröhlich aus ihren Betten sprangen waren ihm aus tiefstem Herzen unheimlich und er begegnete ihnen mit wachem Misstrauen. Und Alexander Heymann hätte in dieser Beziehung hier wohl völlig fehl am Platz gewirkt.
Iwan war sich der mangelnden Aufmerksamkeit seines Gegenübers bewusst geworden und begann nun mit Messer und Gabel in der Gegend herum zu wedeln, wobei er versuchte drei unvereinbare Dinge gleichzeitig zu tun – zu denken, zu essen und zu sprechen. Aber Meixner war viel zu eingesponnen in seine eigenen Gedanken, um ihm zu beachten. Was in der Stille seines Zimmers unmöglich war, das gelang ihm hier. In der murmelnden Geräuschkulisse des Speisesaales schaffte er es endlich seine Gedanken zu ordnen und zu analysieren. Ebenso widerwillig und zäh wie sich der Nebel über der Stadt lichtete, so widerwillig und zäh passten sich die Puzzlestücke dieses Falles zueinander. Es formte sich da allmählich ein Bild vor seinem geistigen Auge, dass ihm nicht sonderlich gefiel, aber es war so vernünftig und schlüssig, dass er es akzeptieren musste. Und doch wurde er das Gefühl nicht los, dass ihm bei dieser ganzen Geschichte ein Stück noch fehlte. Ein großes, ein bedeutendes Stück. Natürlich gab es so gut wie keinen Anhaltspunkt dafür, es war weder schlüssig noch war es vernünftig, nicht einmal notwendig, es war mehr Instinkt. Höchst wahrscheinlich gab es dieses verborgene Stück Wahrheit tatsächlich, und wenn, dann kannte es vielleicht nicht einmal der Oberst. Und wahrscheinlich würde Meixner auch niemals hinter die ganze Wahrheit kommen. Aber wer kannte schon die ganze Wahrheit. Ein kaum merkliches Lächeln flog über sein Gesicht, als er sich daran erinnerte, dass Heymann die Wahrheit stets als eine 'subjektive und flüchtige Ansicht einer möglicherweise gar nicht existenten Realität‘ bezeichnet hatte. Wie dem auch immer war, jemand hatte die Rollen verteilt, alle Mitwirkenden warteten - in ihren subjektiven Wirklichkeiten - auf ihren Positionen und der Vorhang zum letzten Akt konnte sich heben. Der Oberst hatte recht, es war wesentlich weniger schwierig einen Auftrag zu erledigen, wenn man nicht so viel über dessen Hintergründe nachdachte.
Dass der dritte seiner Männer noch immer nicht erschienen war verwundete ihn nicht wirklich, wusste er doch, dass alle drei meist noch schwerer aus dem Bett kamen als er selbst. Und mit ziemlicher Sicherheit würde niemand bemerken, dass er nicht in seinem Zimmer geschlafen hatte.
Aus den Augenwinkeln sah er, wie die kleine dunkelhaarige Küchenhilfe, die ihm schon sein Zimmer gezeigt hatte, ein Tablett auf die Anrichte stellte. Wie die Kellnerin ein paar gehetzte Worte an sie richtete und das Mädchen das Tablett wieder auf nahm und zum Tisch trug. Erst jetzt erkannte Meixner die Übereinstimmungen in ihrer Kleidung und schloss daraus, dass auch diese Mädchen kostümiert waren, so wie die Mehrzahl ihrer Gäste. In dieser Kleidung hätte man sie leicht mit einem Wiener Wäschermädel verwechseln können.
Vorsichtig stellte sie das Tablett auf den Tisch und baute umständlich alles vor ihrem Gast auf. Er kostete sich durch und meinte: "Ich hätte nichts gesagt, wenn nur die Hälfte meiner Wünsche in Erfüllung gegangen wäre, aber das ..."
Er machte eine kleine Pause und beobachtete, wie ihr Gesicht länger wurde.
"... das ist großartig. Ich muss Ihnen gratulieren."
Für einen Augenblick sah sie ihn verständnislos an. Dann dämmerte ihr langsam, dass er sie auf den Arm genommen hatte, erstmalig lächelte sie und machte etwas, das schon sehr nach einem Knicks aussah.
Lächelnd sah Meixner ihr nach, bis sie wieder in der Küche verschwunden war.
"Was Weiber angeht, wart ihr beide euch immer schon sehr ähnlich. Du und Alexander." brummte Iwan und biss so herzhaft in seine Semmel, dass die Marmelade über seine Finger lief. Und weil er seine Finger ableckte, verstand man den Rest nur mehr mit Mühe.
"Kaum fiehft du igendfo eine einiermafen hübfchen ock, schon läufst du hinterher. Und du würdest dich auch nicht ändern, wenn um dich herum alles im Chaos versinken würde. Das kann ich einfach nicht verstehen."
Mit einem Lachen, dass eigentlich scherzhaft klingen sollte, fragte Meixner: "Also stimmte das Gerücht doch, dass du männliche Wesen vorziehst."
Iwans einzige Reaktion darauf bestand in einem zerkauten: "Idiot!"
Meixner ließ sich dadurch nicht beirren.
"Ich habe dir das doch schon erklärt. Der liebe Gott hat so viele hübsche Mädchen wachsen lassen, dass ich glaube, es wäre eine Sünde, sein Werk nicht zu würdigen."
Der kleine Mann mit den langen, samtigen Haaren würdigte ihn keiner Antwort und ließ ihn so mit seiner schlagartig aufkommender Überraschung allein. Es war nur ihr Standardgeplänkel und er hatte wieder davon angefangen, ohne wirklich darüber nachzudenken, was er denn da von sich gab. Aber die Wahrheit, die Wahrheit sah wahrhaftig ganz anders aus. Tatsächlich war es schon eine geraume Weile her, dass er zuletzt mit einen Frau geschlafen hatte. Und diese Nacht hatte er mit einer äußerst begehrenswerten Frau verbracht ohne wirkliche Lust auf eine körperliche Vereinigung zu verspüren. Die Wahrheit war, dass er zwar noch immer seinen Spaß daran hatte, aber der Drang danach und die Lust dazu waren irgendwo in den letzten Jahren unbemerkt auf der Strecke geblieben.
Durch seine Überlegungen hindurch fiel ihm auf, dass sein Kollege wieder mit ihm sprach, und diesmal lag es nicht nur an der Marmeladensemmel, dass er ihn nicht verstand. Aber, dem Blick Iwans folgend, sah er ebenfalls zur Tür hin und so ihrem dritten Mann entgegen.
Vorsichtig schlängelten sich Joe durch die Tische und mussten dabei immer auf der Hut sein, um mit seinem weiten Poncho nichts von den Tischen zu streifen. Oder mit dem wagenradgroßen Hut, den er in Händen hielt.
Erschöpft ließ er sich endlich auf den noch freien Sessel fallen, Joschi regte sich zum ersten Mal, gähnte ungeniert und lange und streckte seine Beine über den Gang zwischen den Tischen.
"Irgend wann muss mir mal jemand erklären, warum man vom Schlafen immer so müde wird", brummte er dabei und schüttelte den Kopf. Aber weniger um seiner Verwunderung Ausdruck zu verleihen, sondern um endlich seine Augen auf zu bekommen.
Die dunklen Augen Joes lachten noch über diese Bemerkung als er sich zu Meixner wandte.
"Wie sieht‘s aus? Alles klar?"
Meixner nickte und meinte, dass alles in Ordnung gehen würde.
Wie immer angelte Joe mit einer Hand nach seinen Zigaretten, was ihm aber diesmal durch den Umhang etwas erschwert wurde.
"Und dein Besuch gestern Abend, hat der irgend was Neues gebracht? Etwas, das uns weiter helfen könnte?"
Die Frage klang beiläufig und wie eigentlich nicht erwähnenswert, aber Meixner kannte diese Männer lange genug um zu wissen, dass es so gut wie nichts gab, dass Joes Neugierde nicht anstachelte. Beständig witterte er irgendwo Fallstricke. Meinte, hintergangen zu werden.
"Nichts", antwortete ihm Meixner, und er wusste, dass er log, obwohl er die Wahrheit sagte. 
"Nichts was für uns hilfreich sein könnte."
Joes subjektive Wahrheit in diesem Fall.
Kaum hatte er ausgesprochen, als ein durchdringendes Geräusch den Raum erfüllte. Es erinnerte entfernt an eine jener antiquierten Sirenen, die im Krieg vor Luftangriffen warnten. Fast automatisch sahen sie nach oben, ob vielleicht die Decke Sprünge bekommen hatte. Alle, nur Joschi nicht. Entweder war er quer über den Gang gestreckt wieder eingeschlafen, oder aber er lauschte diesem Missklang mit geschlossenen Augen. So bemerkte er auch nicht, dass eine der Kellnerinnen in den Winkel mit der Rezeption eilte, einen Hörer abhob und einen Knopf drückte. Schlagartig verstummte das Geräusch.
Während sich die Männer noch verdutzt ansahen kam die Kellnerin an ihren Tisch und brachte Meixner das Funktelefon.
"Hallo?"
In der Leitung knackte es einmal, dann meldete sich eine ruhige, sanfte und doch äußerst männliche Stimme.
"Guten Morgen Herr Meixner. Ich habe Ihnen doch versprochen, dass ich Sie anrufe."
"Ich habe nicht daran gezweifelt, dass Sie Ihr Versprechen auch halten werden, Herr Pensant. Aber erzählen Sie mir doch ein wenig von unserem Freund. Wie geht es ihm denn?"
Bei seinen eigenen Worten musste er unwillkürlich an den Oberst denken und er konnte nicht vermeiden, dass es ihm kalt über den Rücken lief. Beinahe die selben Worte hatte er gebraucht.
Der Mann am anderen Ende der Leitung lachte in seiner eigenen, stillen Art.
"Ich würde behaupten unserem Freund geht es ganz gut. Er ist eben an mir vorüber in Richtung Innenstadt gegangen. Verkleidet als Clown. Oder besser gesagt als Harlekin. Ich glaube, diese Bezeichnung trifft sein Kostüm eher. Große, bunte Karos, viele Glöckchen, Schellenkappe und lange aufgebogene Schnabelschuhe. Ein Narr, wie er im Märchenbuche steht. Sieht so aus, als würde er sich trotz aller Widrigkeiten das rosenmontägliche Narrentreiben nicht entgehen lassen wollen."
Meixner nickte gedankenverloren. Dieses Kostüm hatte er heute schon einmal gesehen. Aber eine Kleinigkeit machte ihn doch stutzig und so raffte er sich nach einer kleinen, fast peinlichen Pause zu einer weiteren Frage auf.
"War er alleine?" wollte er verwundert wissen.
"Ja", bestätigte der Anrufer. Und nach einer Weile noch einmal: "Ja, er war alleine. Es hat da heute morgen offensichtlich einen kleinen, allem Anschein nach ein wenig peinlichen Auftritt gegeben. Man könnte auch davon sprechen, dass in seiner Beziehung so etwas wie eine Krise ausgebrochen ist. Wohl auch ein Grund mehr, dass er sich dem Ganzen stellt. Man kann sich ja, wenn man als richtiger Mann gelten will, nicht wie ein Feigling benehmen."
Seit Meixner den Telefonhörer in der Hand hielt und diese Stimme hörte war da wieder dieses unerklärliche Gefühl, als beginne der Boden unter seinen Füßen genüsslich zu atmen. Als stünde er auf einem lebendigen Wesen, ja als wäre er Teil dieses lebendigen Wesens, so wie der Tropfen Teil des Flusses ist und von diesem getragen und geleitet wird. Als könnte er empfinden, was der Mann am anderen Ende der Leitung dachte, was er fühlte, denn er war ihm verbunden. Fester, umfassender und völlig anders als nur durch einen dünnen, kupfernen Draht. Unerträglicher.
"Ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet, Herr Pensant! Kann ich vielleicht auch etwas für Sie tun?"
"Sie könnte mir verraten, was sie mit jenem Objekt zu tun gedenken, dass sie heute morgen mit in Ihr Hotel gebracht haben."
Eigenartigerweise war Meixner keineswegs überrascht. Irgendwie hatte er gar nicht damit gerechnet, dass er unbemerkt bleiben würde. Irgendwie war es seine Aufgabe, dass er von den Menschen hier bemerkt wurde. Und mit einem Mal begriff etwas in ihm, ohne es wirklich zu verstehen, dass dieser Mann mehr war als ein Freund. Sein Bewusstsein wand sich hilflos und fand keine Erklärung dafür, aber sein Unterbewusstsein hatte verstanden, dass da ein Mensch war, auf den es sich verlassen konnte. Wie auf sich selbst. Obwohl dieses Sebst sich nur mehr sehr dunkel daran erinnern konnte, dass er Heymanns Aktenkoffer mitgenommen hatte.
"Ich denke, diese Unterlagen sind am Besten bei Ihnen aufgehoben. So wie alles andere auch. Zumal ich glaube, dass Sie von uns allen noch am meisten damit anfangen können."
Für einen Augenblick blieb es still in der Leitung, dann antwortete Meixner auf die unausgesprochene Frage: "Nein, das war es nicht wert."
Als er die Verbindung beendete und das Telefon auf den Tisch gelegte hatte wurde ihm schlagartig bewusst, dass sich keiner von ihnen beiden verabschiedet hatte. Irgendwie, er verstand nicht warum, war es nicht notwendig gewesen und er fand auch nichts dabei. Zwar war das Gespräch beendet, aber Pensant war noch immer präsent. 
Ganz allmählich kam ihm in den Sinn, dass ihn zwei Augenpaare erwartungsvoll ansahen. Also gab er Joschi einen Stoß, damit auch der die Augen wieder aufmachte.
"Unser Mann ist als Harlekin verkleidet", begann er und es sah so aus, als spräche er mit seiner Kaffeetasse. Aber die drei anderen zeigten deutliche Spuren von Aufmerksamkeit.
"Wir machen alles so, wie wir es gestern besprochen haben. Ich werde jetzt zur Polizei gehen und ihr werdet auf unseren Freund aufpassen, damit ihm nur ja nichts geschieht. Denkt immer daran, dass er euch sehen soll. Überall wo er hingeht muss schon einer von euch sein oder er muss hinter ihm kommen. Er soll spüren, dass ihr da seit. Warum ihr da seit, dass kann er sich denken, falls es ihm noch niemand gesagt hat. Aber, und das ist wirklich wichtig - er ist für euch Luft! Nein, er muss für euch weniger als Luft sein! ER muss die Aktionen setzten, wir dürfen ihn nur verunsichern, ihn vielleicht einschüchtern, aber unter keinen Umständen, unter absolut gar keinen Umständen dürfen wir auch für einen Außenstehenden tatsächlich bedrohlich wirken."
Ohne eine Antwort abzuwarten stand er auf, nickte ihnen zu und ging hinaus. Die Besprechungen waren ausführlich und die Einweisung am Vorabend präzise gewesen. Nicht umsonst war jeder der Männer ein Profi.

Joe ließ noch einige Minuten verstreichen, dann ging er ebenfalls während die beiden anderen später nachkommen würden. Mit raschen Schritten durchquerte er den Saal und das Stiegenhaus. Als er zur Tür hinaus wollte, stockte er allerdings mit einem Mal.
Meixner und eine der Kellnerin standen unter dem Tor und unterhielten sich.
Nur für den Bruchteil einer Sekunde war Joe unter der halb geöffneten Tür gestanden. Jetzt war er schon wieder verschwunden und hoffte, dass keiner der beiden sein Auftauchen bemerkt hatte.
Gemächlich stieg er einen Stock tiefer. Dort, am WC, machte er sich langsam frisch.
Und als er wieder nach oben kam waren beide verschwunden.
Schnell durchquerte er die Einfahrt und sah sich auf der Straße um. Erstaunt und mit gewisser Erleichterung stellte er fest, dass ihn trotz seiner auffallenden mexikanischen Tracht niemand beachtete. Die Blicke der Menschen streiften ihn zwar, aber niemand schien sich groß über seine Aufmachung zu verwundern.
Aus dem Versicherungsbüro unterhalb des Gasthauses kamen ein dunkelhaariger spanischer Grande und eine blonde Gärtnerin. Sie gingen an ihm vorbei in das Gasthaus.
"Buenos d‘as", brummte Joe und tippte mit zwei Finger an den Rand seines Sombreros. 
Der spanische Grande sah ihn verdutzt an und beeilte sich, weiter zu kommen.
Joe lächelte zufrieden.
Er liebte es, Menschen in Verlegenheit zu bringen. Und dieser Tag fing gut für ihn an. Er würde heute sicherlich jemanden ganz ordentlich in Verlegenheit bringen, allerdings war er sich noch nicht so ganz sicher darüber, welchen Mann er in Verlegenheit bringen würde. Zuerst musste er sich über ein paar Dinge Klarheit verschaffen.
Die ganze Entwicklungsgeschichte der Menschheit schien sich auf dieser Straße vor ihm auszubreiten. Vom Höhlenbewohner über den französischen Musketier bis hin zum silbrig glänzenden Astronauten zog sich die Palette. Besonders den stolzen Musketier konnte er eine Weile nicht genügend bewundern. Denn trotz seines weiten, rüschenbedeckten Hemdes konnte der unmöglich verbergen, dass er kein Angehöriger des männlichen Geschlechtes war.
Es hatte den Anschein, als ließe der Mann das Bild des närrischen Treibens ohne Ungeduld und Eile auf sich wirken. War er gestern noch froh gewesen, wenn ihm in dieser Straße zwei Menschen begegneten, so war er jetzt schon zufrieden, wenn er nicht mit zweien zusammen stieß, bei dem Versuch einem dritten auszuweichen.
Immer wieder wanderten seine Augen die Straße hinauf und wieder hinunter. Scheinbar unbeteiligt und nur mäßig interessiert.
Ein Spatz hüpfte auf einem kahlen Baum herum und beäugte neugierig den Mann unter sich, der auf nichts zu warten schien. Da ihn der Mann aber weder beachtete noch Anstalten traf, essbare Dinge zu verstreuen, zog der Spatz es vor Desinteresse zu heucheln und sich in aller Ruhe die Flügel zu putzen.
Irgendwann stieß sich der Mann von der Mauer ab, an der er gelehnt hatte, und selbst der aufmerksamste Beobachter hätte keinen Zusammenhang zwischen dieser Bewegung und jenem alten, blauen Lieferwagen herstellen können, der eben um eine Ecke weiter unten gebogen war.
Gemächlich ging der dunkle Mexikaner die Straße hinunter, bog wie zufällig um eben diese Ecke und verschwand ungesehen im Inneren des Lieferwagens.
Hinter einem Pult voll Elektronik, eingezwängt vor einem Bildschirm hockte ein Mann, der mit verschwollenen Augen den Ankömmling kurz musterte und sich dann wieder seinen Anzeigen und den Geräuschen in seinen Kopfhörern widmete. Joe zwängte sich an dem Mann vorbei zu einem Sitzplatz. 
"Ich war für diese Art von Begegnungen schon immer zu groß, aber jetzt bin ich dafür auch einfach zu alt", feixte der Oberst von der Rückwand.
Joes Miene konnte man nicht entnehmen, dass er ein 'zu fett' in der Aufzählung seines Vorgesetzten vermisste. Stattdessen fragte er: "Warum sind wir hier?"
"Das wissen Sie doch", brummte der Oberst leicht ungehalten, "Um den Mörder Alexander Heymanns zu überführen!"
Vorsichtig bettete Joe seinen Sombrero auf die Knie.
"Warum treffen wir uns hier in diesem Wagen?" wiederholte er seine Frage noch einmal präziser, obwohl er sich ziemlich sicher war, dass der Oberst ihn sehr wohl verstanden hatte.
Der versuchte zuerst sich zu strecken. Ein Versuch, der kläglich misslang. Was seine Laune keineswegs verbesserte. Aber es brachte den Wagen ins Schwanken, was ihnen einen bösen Blick des Mannes vorne an den Pulten einbrachte.
"Ich will wissen, was Meixner vor hat."
Für einen Augenblick konnte der schlanke, junge Mann nicht verbergen, dass er überrascht war. Für andere war es nur ein beinahe unsichtbares Zucken um die Augen, aber der Oberst kannte seine Leute. Darum versuchte er es mit einem breiten Grinsen und einer gebrummten, weit hergeholten Erklärung. 
Beide Versuche gelangen ihm aber nicht sonderlich glaubwürdig.
"Soweit ich Einblick in das Unternehmen habe", beharrte Joe, "hält Meixner sich an Ihre Vorgaben. Er hat uns auf diesen Josef Stanghuber angesetzt, den sie für uns schon vorbereitet haben. Und wir haben strikte Order uns auf keinerlei Tätlichkeiten einzulassen. Das entspricht doch Ihren Vorgaben, oder irre ich mich?"
"Ja, ja, das stimmt alles schon, aber wird Meixner sich auch daran halten?"
"Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht folgen", versuchte Joe abzukürzen um dem unbequemen Gespräch und dem engen, stickigen Wagen zu entgehen. "Sie werden mir schon sagen müssen, was Sie von mir hören wollen."
Der Oberst atmete tief durch und brachte den Lieferwagen dadurch wiederum ins Schwanken. Was ihm einen weiteren bösen Blick von dem Mann an dem Pult eintrug, aber er ersparte es sich seine Meinung auch auszusprechen.
"Meixner ist viel zu sehr in den Fall involviert. Wäre da nicht der Kommissar gewesen, hätte ich ihn niemals mit hineingezogen. Ich will vermeiden, dass er unbedacht einen Ausrutscher begeht, der die ganze Aktion gefährdet. Was Sie mir gesagt haben entspricht voll und ganz den Vorgaben. Bisher! Aber haben Sie ein Auge auf Meixner. Wir müssen verhindern, dass er auch nur einen Millimeter vom Plan abweicht. Die Konsequenzen wären - unvorstellbar!"

Joe Daboli blieb auf der belebten Straße stehen und zündete sich gemächlich eine Zigarette an. Als er endlich aufsah und den ersten blauen Rauch genüsslich gegen den bleigrauen Himmel blies, sah er im Augenwinkel den alten, blauen Lieferwagen sich ohne Hast entfernen. In Gedanken sah er dem schwankenden Vehikel nach und niemand hätte seinem gelangweilten Gesichtsausdruck entnehmen können, dass er zutiefst verunsichert war. 
Der Oberst hatte gelogen. Soviel stand fest. Denn er selbst hatte doch den Kommissar auf Meixner aufmerksam gemacht. 
Und mit einem Mal war er sich gar nicht mehr so sicher, ob dieser Tag wirklich gut begonnen hatte. Viel zu verworren war das Ganze für ihn. Er liebte solche Sachen ganz und gar nicht. Heymann hätte es geliebt, ganz sicher. Der verdammte Bastard wäre wie eine Spinne im Netz gesessen und hätte sie alle wie verrückt herum tanzen lassen und hätte sich ins Fäustchen gelacht, wenn sie mit jedem Versuchen, die Sache zu retten, sich noch tiefer in den Morast gewühlt hätten. Heymann war tot, und Joe Daboli war so gar nicht traurig darüber.

Das Polizeigebäude wirkte so verlassen und trist wie an dem Tag, an dem er es zum ersten Mal betreten hatte. Die harten Absätze seiner Stiefel schlugen einen Takt auf dem kalten Steinboden, dem man anhörte, dass der Mann, der in diesen Stiefeln steckte, sehr viel Zeit hatte. Es war der Takt der Einsamkeit. Und der Takt der Herausforderung. Meixner musste ein wenig grinsen, als er daran dachte, dass es gerade dieses Tempo war, dass einem Verfolgten mächtig an den Nerven zerren konnte.
Ohne sich anzumelden ging er gleich in den obersten Stock, zu dem kleinen Zimmer, in das man den Kommissar gepfercht hatte. Aber er war mit seinen Gedanken nicht so ganz bei der Sache. Die schwirrten in seinem Kopf wie ein wütender Bienenschwarm. Ohne, dass es ihm gelang einen von ihnen zu fangen und einer näheren Betrachtung zuzuführen.
Allmählich kam er nicht darüber hinweg sich eingestehen zu müssen, dass er nervös war. Und zwar nicht zu knapp. Er verfluchte sich in Gedanken, denn er war in den letzten Stunden zur Überzeugung gelangt, dass er schon viele Fehler begangen hatte. Zu viele Fehler um am Ende, wenn die Karten aufgedeckt wurden, das Spiel bestehen zu können. Und er hätte viel darum gegeben zu wissen, ob der dicke Mann in seinem kleinen Kämmerchen noch ein As im Ärmel hatte. Und das war nur eine der vielen Fragen, die ihn nervös machten. Warum musste der Mann, der diesen Fall zu bearbeiten hatte, ausgerechnet ein bewährter, altgedienter Kommissar sein? Aber vielleicht war es auch besser so. Ein junger Springer würde kopfüber bohren und bohren und vielleicht dabei auf etwas stoßen, dass niemandem angenehm war. Der alte Fuchs bohrte nicht. Er stocherte nicht einmal herum. Es sah so aus, als verhielte er sich ruhig. Als ließe er Meixner völlig freie Hand. Vielleicht war er wirklich so sicher, dass in diesem Fall der Mörder sich selbst überführen würde. Vielleicht dachte er an das alte Sprichwort, dass ein Mörder immer zum Tatort zurück kehrt.
Meixner verzog bei dem letzten Gedanken das Gesicht wie bei einem bitteren Geschmack und stieß hörbar die Luft aus.
Die Tür zu dem Zimmer 321 stand einen Spalt offen. Kein Geräusch war zu hören. Mit der Schuhspitze drückte er die Tür auf und sah in den Raum. Der schien leer zu sein. Zumindest, soweit er sehen konnte. Aber die Tür schwang nicht ganz auf. War da ein Bremsstoppel im Boden oder stand jemand dahinter?
Er schalt sich einen Narren. Einen zweifachen Narren und einen Esel obendrein, wenn er jetzt auch noch begann sich verfolgt zu fühlen.
Nur einen Schritt machte er in den Raum hinein um plötzlich von zwei riesigen, haarigen Armen von hinten gepackt und zur Seite gestoßen zu werden.
Geschickt nützte er den Schwung, rollte unter dem Schreibtisch durch, warf dabei den Sessel um und kam blitzschnell auf der anderen Seite wieder hoch. Doch der Anblick, der sich ihm bot, ließ ihm den Atem stocken.
Ein gedrungener, mächtiger Orang-Utan stand schnaubend und zähnefletschend zwischen ihm und der Tür und schüttelte seine langen Arme wütend zu ihm hin. Ohne dass es ihm ganz bewusst wurde huschten seine Blicke durch den Raum und taxierten die einzelnen Gegenstände auf ihren Wert als Waffen. Da bemerkte er, dass das Tier zwar auf seinen Pfoten hin und her schwankte, aber es bewegte sich nicht vom Fleck. Und dieses Prusten und Rumoren kam ihm mit einem Mal auch sehr bekannt vor. Denn der Menschenaffe schüttelte sich nicht vor Zorn sondern vor Lachen und ließ dabei die Fensterscheiben klirren.
"Ihre Späße mögen Ihnen ja vielleicht sehr komisch erscheinen Kommissar. Aber leider bin ich kein Anhänger dieser Art von Humor", würgte Meixner hervor.
Das dröhnende Lachen verstummte schlagartig und der Menschenaffe riss sich mit seinen ungeschickten Pranken den Kopf ab. Darunter kam tatsächlich ein zwar etwas erstaunter, aber ungebrochen fröhlicher Moritz Seitenstetter zum Vorschein. Wie zum Kontrast glänzte die Glatze in dem zottigen Fell.
"Ich hoffe, Sie entschuldigen, wenn ich Sie erschreckt haben sollte", bat er mit einem schelmischen Lächeln auf den Lippen. "Aber ich konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen. Wie finden Sie mein Kostüm?"
Als pummelige Primaballerina streckte er die Arme zur Seite und drehte sich im Kreis.
"Wären Sie sehr beleidigt, wenn ich Ihnen sage, dass Sie sich ein passendes Kostüm ausgesucht haben?" brummte Meixner humorlos und stellte den umgeworfenen Stuhl wieder hin. Die überraschende Kraft, vor allem aber die unerwartete Aktivität lagen Meixner umso schwerer im Magen, als sie auch ein untrügliches Zeichen dafür waren, dass dieser Mann niemals Untersuchungen schleifen lassen würde.
Seitenstetter sah ein, dass er so nicht weiter kam. Er legte den furchterregenden Maskenkopf auf den leeren Schreibtisch, öffnete den Reißverschluss auf der Brust ein Stück und griff sich eine Zigarette aus der emaillierten Tischdose. Sie war neu in diesem Zimmer. Ebenso neu, wie der übervolle Aschenbecher, der Meixner ebenfalls jetzt erst auffiel. Irgendwie kam ihm diese prachtvolle Zigarettendose merkwürdig bekannt vor, auch wenn er sie im Augenblick nicht einordnen konnte. Trotzdem war er sich sicher, sie schon einmal gesehen zu haben. Irgendwo in dieser Stadt.
"Welche Laus ist Ihnen denn heute schon so früh über die Leber gelaufen?" erkundigte sich der rundliche Gorilla-Polizist und zündete sich umständlich die Zigarette an.
"Keine. - Glaube ich."
"Und wenn, dann war es ganz sicher eine sehr Hübsche", grinste der Kommissar, blies den Rauch aus und setzte trocken noch hinzu: "Und welche wäre wohl hübscher, als unser Fräulein Susanne Goldenberg."
"Woher wissen Sie das nun schon wieder?" fragte Meixner der Form halber. Es verwunderte ihn insgeheim nur, dass er so gar nicht erstaunt darüber war, dass er beobachtet wurde.
Und nichts davon bemerkt hatte!
Der Gorilla lachte laut auf und beeilte sich die heiße Asche aus seinem Pelz zu putzen.
"Glauben Sie etwa, ich sitze hier wie ein Mönch in meiner Klause und drehe Däumchen? Oder Gebetsmühlen? Dann muss ich Sie leider enttäuschen. Meixner, Sie sind hier um Aufmerksamkeit zu erregen! Und ich bin hier um zu beobachten, wen Sie so aus der Deckung scheuchen. Natürlich habe ich mich für jeden Ihrer Schritte hier interessiert und ich muss sagen - beachtenswert! Ja, wirklich beachtenswert. Wobei ich mir zu bemerken erlaube, dass die Leute Sie nicht so ohne weiteres akzeptiert hätten, wenn es Ihnen nicht gelungen wäre diesen Pensant auf Ihre Seite zu ziehen. Ein äußerst undurchsichtiger Mensch."
Er machte eine kleine Pause wobei er an seiner Zigarette sog, als fülle er seine Lungen nicht mit Rauch sondern mit neuen Ideen.
"Sind Sie davon überzeugt, dass Stanghuber der Mörder ist?"
Die unerwartet harte Frage traf Meixner mit voller Wucht und gänzlich unvorbereitet. Er stemmte sich auf das Fensterbrett und sah hinaus. Zumindest sollte es so aussehen. Doch die Wahrheit war, dass er sich unbewusst vor einer Frage abwandte, die er sich selbst schon zu oft gestellt hatte, ohne sie beantworten zu wollte.
"Ich habe es ihm ins Gesicht gesagt. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn für den Mörder von Alexander Heymann halte. Beweisen muss ich das erst."
"Und, könne Sie es beweisen?" lauerte der Kommissar.
"Ich werde ihn überführen."
Meixner verspürte mit einem Mal den Wunsch so schnell wie möglich an die frische Luft zu kommen. Raus hier, egal wohin. Er hatte mit einem Schlag das Gefühl ersticken zu müssen, denn er wusste ganz genau, wie die Antwort des Kommissars aussehen würde.
"Ja", brummte der nachdenklich. "Sie werden ihn überführen. Sicher. Daran gibt es für mich keinen Zweifel."
Die Zigarette schien mit einem Mal ihren Geschmack verloren zu haben, denn er dämpfte sie nach wenigen Zügen aus.
"Aber - war er auch der Mörder? Oder machen Sie ihn vielleicht nur dazu, weil es Ihnen gelegen kommt?" brummte er dann.
"Wenn Sie daran zweifeln, dass meine Tätigkeit eine Hilfe für Sie ist, warum haben Sie mich dann überhaupt geholt? Oder haben Sie vielleicht mit einem Mal  Angst, ich wäre in diesen Fall zu sehr involviert? Ließe mich zu sehr von meinen Gefühlen leiten? Seien Sie sich sicher Kommissar, wenn ich auf meine Gefühle hören würde, dann wäre ich längst nicht mehr in dieser Stadt. Das können Sie mir glauben! Also, sollte sich mein Privatleben mit den Interessen meines Berufes verbinden, so werde ich sicher nichts dagegen tun. Andererseits werde ich aber auch nichts dafür tun!" entgegnete Meixner gefährlich ruhig. "Alles, was ich tue, ist nur meine Pflicht."
"Ja, Sie tun immer nur Ihre Pflicht", bestätigte ihm der Kommissar viel zu ruhig. Aber er sprach mehr zu sich selbst. Und er schien keineswegs besonders glücklich über das zu sein, was er sich selbst da sagten musste.
Meixner ruckte herum und wollte dem rundlichen Polizisten eine harsche Antwort entgegnen schleudern, aber er schluckte sie dann doch hinunter und marschierte stattdessen aus dem Zimmer, wobei er die Tür krachend ins Schloss fallen ließ. Für einen Augenblick atmete der Kommissar schwer aus und ließ seine Hand auf die kunstvolle Zigarettendose sinken. Gedankenverloren entnahm er ihr eine Zigarette, steckte sie dann aber wieder zurück. Statt dessen ging er um den Schreibtisch herum, öffnete eine Lade und schaltete das nutzlos laufende Aufnahmegerät ab. Meixner zu provozieren war keine gute Idee gewesen. Und er war sich auch nicht einmal sicher, was er damit bezwecken wollte. Diese Sache stinkte zum Himmel, und, sie ging ihm ordentlich gegen den Strich. Niemals hätte er sich darauf einlassen dürfen. Allmählich begann er seine Rolle in diesem Spiel genauso zu hassen, wie er diese ganze Angelegenheit von Anfang an verabscheut hatte. Aber die Sache war noch nicht ausgestanden.  Jetzt musste er da durch – und es war noch nicht zu Ende.

Die Tür zur Amtsstube 321 wurde aufgerissen und ein Gorilla, der seinen zerzausten Kopf unter dem Arm trug, sah sich mit einem vor Schweiß glänzenden Menschenkopf um und atmete sichtbar auf, als er Meixner an der Treppe entdeckte.
"Gott sei Dank, Sie sind noch da!" schnaubte er erleichtert.
"Könnte mich eigentlich nicht erinnern, dass der mich aufgehalten hätte", entgegnete Meixner sarkastisch und ließ dabei im Unklaren, wen er genau meinte.
Ohne weiter auf Meixners Bemerkung einzugehen, begann der Kommissar sich wortreich zu entschuldigen und schob den großen, dunklen Mann vor sich her in das Büro zurück. Als er endlich die Tür hinter sich geschlossen hatte, ließ er sich mit einem Seufzer der Erleichterung auf seinen Stuhl fallen und meinte noch, sozusagen als krönenden Abschluss seiner Entschuldigung: "Ich habe mich von meinen Gefühlen hinreißen lassen. Das tut mir leid, wirklich. So etwas dürfte nicht vorkommen. Aber nach Ihrem Telefongespräch von heute morgen ..."
Bedeutungsvoll hob er die Hände und ließ den Satz unvollendet. Aber auch so verfehlte er seine Wirkung nicht.
Nur äußerlich völlig ruhig meinte Meixner: "Sie hören mein Telefon ab?"
Bedauernd zog der Kommissar seinen bleichen Kugelkopf zwischen die pelzigbraunen Schultern.
"Ich kann Ihnen versichern, dass hat nichts mit Ihnen zu tun. Aber ich sagte doch, dass ich wissen muss, was Sie aufscheuchen. Und als wir nicht mehr weiter kamen, da dachten wir, es könnte ganz hilfreich sein, ein wenig die Gespräche der Beteiligten zu durchleuchten. Und viele davon verkehren in genau dem Gasthof in dem auch Sie wohnen. Leider war Ihr Gespräch das erste und bisher einzige, dass sich auf Heymann oder den Mord bezog."
"Alexander Heymann ist gerade mal ein paar Tage tot", stellte Meixner trocken fest. "Es würde mich doch sehr interessieren, wie Sie in dieser Zeit, und mit dieser Begründung, einen Richter dazu gebracht haben, das Abhören eines ganzen Hotels zu genehmigen."
Anstatt eine Antwort zu geben zündete sich der Gorilla-Polizist wieder eine Zigarette an und blies genüsslich den blauen Rauch gegen die Decke. Während er rauchte, und keinerlei Anstalten traf die letzte Frage zu beantworten, spielten seinen Finger auf der giftgrünen und leeren Schreibunterlage. 
Und mit einem Mal war sich Meixner vollkommen sicher, dass der gesamte Schreibtisch ebenso leer war, wie seine Platte. Leer, wie eine Attrappe.
Weil er nur eine Attrappe war!
Wieder glitten ein paar der Bruchstücke auf ihre Plätze und vervollständigten das Bild. Aber das war nicht sein gewohntes Puzzlespiel. Denn dahinter war mit einem Mal wieder dieses Gefühl da, in einem gewaltigen Strom zu treiben, Teil zu sein von etwas Größerem, Mächtigerem, das ihn lenkte, ihn führte und unerklärlich wissen ließ, dass dieser Kommissar niemals von sich aus zu ihm gekommen wäre, dass der Oberst weit mehr wusste, als er jemals eingestehen würde. Und dass es etwas gab, da draußen und in ihm, das all die Antworten auf all die Fragen die er jemals stellen würde bereits kannte. Und, dass Pensant ein Teil dieser Antwort war.
"Ich habe Sie zurück geholt um mit Ihnen meine neuen Informationen zu teilen. Sie betreffen diesen Christoff Pensant."
"Neuen Informationen?"
Der kleine Kommissar kratzte sich genüsslich unter der linken Achsel und sog an seiner Zigarette, während er Meixner nachdenklich betrachtete und dabei überlegte, wie er seine Geschichte wohl am besten verkaufen könnte.
"Erzählen Sie mir erst mal, was Sie über Pensant schon herausgefunden haben, dann kann ich Ihnen sagen, was für Sie jetzt noch neu hinzugekommen ist."
Karl Meixner, der sich ein klein wenig übervorteilt vorkam, grinste leicht schief und dachte dann schnell nach, was er über dieser eigenartigen Mann wusste. Und ebenso schnell wurde ihm bewusst, dass die Fakten äußerst dürftig waren.
"Christoff Pensant." begann er laut zu überlegen. "Schreibt sein Christoff mit Doppel-F, warum auch immer. Geschlecht männlich, vom Aussehen her im Alter irgendwo zwischen fünfundzwanzig und fünfundvierzig. Schwer zu schätzen, wirkt eher älter als er sein dürfte, denn er ist gerade mal zwei oder drei Jahre älter als ich. Anscheinend ist er nicht besonders kräftig, obwohl ich mich darauf nicht verlassen möchte. Sicher ist er zäh. Leichte, spielerische Bewegungen, äußerst reserviert und zurückhaltend, selbstbewusst, stolz, mächtig - ich möchte sogar sagen, er ist mächtig stolz, auch wenn er sich Mühe gibt, nach Außen hin bescheiden und zurückhaltend zu wirken. Zumindest verbreitet er eine Aura der Selbstsicherheit, die auf viele Menschen geradezu erschreckend wirkt. Auf eine eigenartige Weise scheint er klug zu sein, wobei ich versucht wäre, ohne es erklären zu können, ihn weise zu nennen. Wenn Sie mir das Wortspiel noch einmal gestatten, dann ist er unverschämt und klug und manchmal geradezu unverschämt klug!"
"Ich bin Pensant schon einmal begegnet", meinte Seitenstetter ungeduldig, doch der große Mann, der da vor dem Fenster auf und ab ging, hatte seine Bedächtigkeit wieder gefunden.
"Alles in allem ist Pensant zwar sicher kein durchschnittlicher Mensch, aber er bietet ein in sich einheitliches Bild. Wenn da nicht Heymann wäre."
Der kleine Kommissar sah interessiert auf und den Mann, der vor dem Fenster den Raum verdunkelte, verständnislos an.
"Sie meinen, die Freundschaft zwischen ihm und Heymann wäre eigenartig?"
"Nicht die Freundschaft an sich", schüttelte Meixner den Kopf. "Menschen wie Pensant oder Heymann sind so außergewöhnlich, dass es nur verständlich ist, wenn sie ihresgleichen suchen. Eine Freundschaft, eventuell auch ein gegenseitig befruchtender Gedankenaustausch ist da völlig normal. Aber diese Menschen sind, wenn Sie mir den mehr als humpelnden Vergleich gestatten, mit Tigern zu vergleichen. Sie sind wunderschön zu beobachten, tödlich gefährlich wenn sie durchdrehen und – nicht sonderlich verträglich bis absolute Einzelgänger. Wenn sie jagen, dann jagen sie alleine. Diese Rauschgiftsache passt überhaupt nicht in das Bild der Beiden. Es gefiel mir von Anfang an nicht, dass Heymann sich auf etwas eingelassen haben soll, das so offensichtlich und grenzenlos naiv ist. Und zu Pensant passt das ebenso wenig. Dass sie es aber miteinander gemacht haben sollen, also, da setzt es bei mir aus!"
Der kleine rundliche Mann hatte Meixners Ausführungen angehört, wobei er beinahe bewegungslos in seiner Rauchwolke verharrt war. Endlich kam wieder Leben in ihn. Er öffnete wieder einmal die Zigarettendose und hielt, durch sein Kostüm behindert, umständlich das Feuerzeug an sein nächstes Lungenbrötchen. Zwischen den Rauchstößen meinte er: "Sie können Sich ruhig bedienen, wenn Sie eine möchten."
"Danke, ich rauche nicht. Wie Sie wissen!"
"Angst um Ihre Gesundheit?" grinste der Kommissar schief.
"Rauchen ist nicht schädlicher als bei Niederdruckwetter zu atmen. Es schmeckt mir nicht."
Der Kommissar betrachtete das orange glühende Ende seiner Zigarette einen Gedanken lang und gestand: "Mir schmeckt das auch nicht."
"Was schmeckt Ihnen nicht?"
Ein breites, kameradschaftliches Grinsen legte sich auf das Gesicht des Gorilla-Kommissars als er begriff, dass er durchaus verstanden wurde.
"Pensant!" stieß er hervor. "Pensant schmeckt mir nicht! Heymann schmeckt mir nicht! Diese ganze Geschichte schmeckt mir nicht!"
"Und ich schmecke Ihnen auch nicht", stellte Meixner fest.
Der Kommissar atmete tief durch und zerdrückte dann die halb gerauchte Zigarette, die ihm ebenfalls nicht mehr schmecken wollte, im übervollen Aschenbecher.
"Ja", gestand er erleichtert. "Seien wir ehrlich, schon Ihre bloße Existenz in einem Rechtsstaat ist eine Beleidigung für jeden Polizisten. Und es war eine vollendet verrückte Idee zu Ihnen zu kommen. Ich bin mir noch immer nicht sicher, wie ich Sie einordnen soll, aber ich bin mir jedenfalls darüber klar geworden, dass Sie besser zu Heymann und Pensant passen, als irgend jemand anders."
"Apropos Pensant", umschifft Meixner das gefährlich werdende Fahrwasser.
"Apropos Pensant", stieg der Kommissar darauf ein. "Wir haben in Erfahrung gebracht, dass unser lieber Pensant einen ganzen Haufen Schulden hatte. Genau gesagt gab es da einen Wechsel über runde 500.000, ausgestellt von Pensant an - Sie werden‘s nicht glauben - Alexander Heymann! Angeblich für Spielschulden."
"Fünfhunderttausend?"
"Fünfhunderttausend in guten, harten Schilling", bestätigte der Kommissar.
"Das ist für manche Menschen nicht besonders viel."
"Aber für andere ist das ein ganz schöner Haufen Geld."
"Und für den Großteil der Menschen völlig unerschwinglich!"
Während er begann hektisch an der nächsten Zigarette zu saugen, erklärte der Kommissar in kurzen Sätzen, dass Pensant eher in der letzten Gruppe einzureihen war. Zwar, gestand er ein, war es unter gewissen Bedingungen durchaus möglich, das Geld aufzutreiben, allerdings standen gerade für Pensant die Bedingungen eher schlecht. Keine Bank gab Kredite in dieser Höhe bei seiner finanziellen Lage und bei seinen Sicherheiten. Pensant zählte für ihn offensichtlich zu jener Gruppe von Menschen, von denen er nicht wusste, ob er sie bedauern oder bewundern sollte. Jene Menschen, die sich aus Geld nicht all zu viel machten und die auch mit wenigem völlig ihr Auskommen fanden.
"Mit wenig Geld auskommen müssen immer mehr Menschen", warf Meixner dazwischen ein, worauf sie ein Wenig darüber diskutierten, dass, obwohl einerseits die öffentlichen Ausgaben für die allgemeine Sicherheit immer weiter zurück geschraubt wurden doch andererseits die weitgehende Verarmung der einst wohlhabenden Mittelschicht der Industrienationen noch zu keiner, in gleichem Maße ansteigender Kriminalität geführt hatten. Auch wenn der Kommissar diesbezüglich eher pessimistisch in die Zukunft blickte.
"Noch geht es den Leutchen bei uns gut genug, aber wenn in ein paar Jahren immer mehr Menschen anfangen müssen Fasttage einzulegen, weil das Geld dann auch für Nahrungsmittel nicht mehr reichen wird, dann gehen wir lustigen Zeiten entgegen." 
"Um auf Pensant zurückzukommen", schwenkte Meixner wieder um, "stehe ich jetzt also vor der Tatsache, dass er einen Haufen Schulden bei Heymann hatte und keine Möglichkeit diese zu bezahlen. Also, dass es noch einen Verdächtigen mit noch einem Motiv gibt. Genau das, was uns noch gefehlt hat."
"Bis hierher wäre es auch ein ganz normaler Fall", brummte der Gorilla-Kommissar, griff nach der Zigarettendose, zog diesmal seine Hand nach einer kurzen Überlegung aber leer wieder zurück.
"So wäre es in einem normalen Fall. Aber sehen Sie Meixner, jetzt geschieht etwas, was für diesen Fall so typisch ist. Und warum ich allmählich anfange diesen Fall zu hassen!"
"Nämlich?"
"Alexander Heymann wurde in der Nacht von Montag auf Dienstag ermordet. Auf Pensants Konto wurde an eben diesem Montag der Betrag gut gebucht mit dem er seine Schulden hätte zahlen können."
"Von wem kam das Geld?" wollte Meixner wissen, aber der Kommissar zuckte nur mit seinen haarigen Schultern.
"Die Überweisung kam von einer Alpha Bank Ltd. auf Grand Cayman. Kontoinhaber Mister Nummer sowieso."
"Besteht eine Möglichkeit, dass das Konto Pensant selbst gehört?"
Dem Kommissar wurde allmählich heiß in seinem Kostüm und so begann er immer öfter sich ausführlich zu kratzen. Was die Wirkung seines Affenkostüms durchaus verstärkte.
Während er sich wieder einmal so hingebungsvoll kratzte, meinte er nachdenklich: "Auf diese Idee bin ich auch schon gekommen, aber es ist nicht so einfach etwas über die Identität eines Kontoinhaber herauszufinden, der sich auf den Cayman Islands ein Nummernkonto leistet. Ich kann mir aber nicht wirklich vorstellen, dass Pensant das Geld selbst gehört. Er ist nicht der Typ dafür. Und andererseits wäre es völlig unsinnig einen Wechsel zu unterschreiben, wenn ich das Geld sowieso auf einem Konto liegen habe. Viel stutziger macht mich da, dass das Geld noch immer auf seinem Konto liegt, er es aber weder angreift noch weiter leitet oder zurück überweist."
"Er hat das Geld einmal von Heymann bekommen und den Schuldschein unterschrieben. Hat er es jetzt bekommen um seine Schuld bei Heymann zu tilgen, so und behält es, so hat er es doppelt und das würde der Person, die ihm jetzt das Geld gegeben hat, nicht gefallen. Außer - Sie meinen, die Gutschrift soll nur als Alibi dienen?"
Ein Alibi für den Mann, der gemeint hatte, er benötige kein Alibi? So wie sich die Sache zu entwickeln begann, benötigte Pensant sehr wohl ein Alibi, und siehe da, er hatte eines. Aber hätte er es dann notwendig gehabt, Heymann zu töten? Und hätte Pensant es selbst getan? Und wenn nicht, wie hätte er wohl jemand anders dazu gebracht, Heymann zu töten?
Karl Meixner schloss die Augen und atmete tief durch. All diese Fragen, die da plötzlich auf ihn einschossen, verbannte er mit einem tiefen Atemzug aus seinem Gehirn. Sie waren nur hinderlich und verwirrend. Und sie waren unnötig. Denn er kannte den Täter. Er kannte ihn nur zu gut!

Bei einer kleinen Brücke über einen noch kleineren Bach saß Joe Daboli auf einer einigermaßen geschützten Bank zwischen zwei Kastanienbäumen. Hoch ragten die alten, kahlen Bäume in den eisengrauen Himmel während sie sich streckten und ihre alten Wurzeln bereits den Asphalt des Weges sprengten.
Majestätisch und alt standen sie da und Joe saß zwischen ihnen wie in andächtige, tiefe Gedanken versunken. Durch die nackten Äste sah er auf den entmutigenden Himmel mit seinen dahin ziehenden Nebelfetzen. Tief in sich gekehrt wirkte er, losgelöst von den alltäglich Dingen seiner Umwelt.
Der Mann, der sich wenige Meter weiter in eine Telefonzelle gezwängt hatte und Joe starr von dort beobachtete, wäre nur zu gerne versucht gewesen diesem Bild zu trauen. Wenn ihm diese sogenannten Freunde von Heymann nicht auf Schritt und Tritt gefolgt wären! Niemand konnte ihm sagen, woher sie mit einem Mal gekommen waren. Und was sie wollten, das ahnte er dunkel. Anfangs dachte er noch, er hätte es allein mit diesem Meixner zu tun. Dann dachte er, sie wollten ihm drohen, ihn zur Rede stellen, ihn anklagen. Allmählich wurde ihm klar, dass sie nur auf eine Gelegenheit warteten, wo es keine Zeugen mehr gab. Diese Männer drohten ihm nicht, sie hatten ihn bereits verurteilt. Und sie waren ganz sicher kalt entschlossen das Urteil zu vollstrecken. Wenn er ihnen eine Möglichkeit dazu bot! Aber Stanghuber war sich klar darüber geworden, dass es für ihn ein Kinderspiel war, sie zu durchschauen. Immer wieder war es ihm gelungen seine Verfolger zu entdecken. Fast so, als legten sie nicht all zu viel Wert darauf, unentdeckt zu bleiben. Jedenfalls waren sie nachlässig. Zwar war es ihm bisher noch nicht gelungen sie abzuschütteln, aber das führte er nur auf seine mangelnde Übung in diesen Dingen zurück. Wenn er ehrlich war, dann hatte das in seinen geliebten Kriminalfilmen auch immer etwas zu einfach ausgesehen, als es anscheinend in Wirklichkeit war. Aber vielleicht war es ihm auch nur deshalb bisher nicht geglückt, weil er einfach nicht wusste, was er Entscheidendes tun sollte, nachdem er sie abgeschüttelt hatte.
Einer plötzlichen Eingebung folgend wandte er sich rasch um und griff nach dem Telefonhörer. Aber anstatt nach Kleingeld zu suchen kramte er umständlich sein Mobiltelefon aus dem Kostüm und verfluchte es dabei zum wiederholten Male. Auch ein Grund, weswegen er seinen Verfolgern nicht entkam waren diese vermaledeiten Schnabelschuhe! Gute Lust hätte er gehabt sie schnell gegen andere umzutauschen. Aber das hätte bedeutet nach Hause zu gehen - und dort war er genau da, wo sie ihn haben wollten. Seiner Meinung nach.
Obwohl der Mann auf der Bank es nicht sehen konnte, verbarg er sein Mobiltelefon unter dem wuchtigen Hörer des Gerätes der Telefonzelle nur um zu erfahren, dass Christoff Pensant zur Zeit nicht zu sprechen war. Dass er nicht im Haus war und dass niemand sagen konnte, wo er sich aufhielt und wann er zurück kommen würde. Ein wenig entmutigt ließ er den Hörer sinken und starrte nachdenklich in die graue Landschaft. Dann kam ihm eine neue Idee und er wählte nochmals eine der gespeicherten Nummern. Diesmal hatte er mehr Glück. Es dauerte zwar eine ganze Weile, aber irgendwie schaffte er es Susanne Goldenberg, seine Susanne, ans Telefon zu bekommen. Eigenartiger weise klang sie aber nicht wirklich erfreut von ihm zu hören. Eher klang das gleichgültig und ein wenig genervt. Aber Stanghuber war nicht in der Verfassung das zu bemerken. Er erzählte ihr von den Männern und wie er ihnen immer wieder entkam, freilich ohne darauf hinzuweisen, dass dieses Entkommen inzwischen eher einer Treibjagd ähnelte. Er erzählte ihr von seinem Kostüm, das sie ihm aufgeschwatzt hatte, aber ohne ehrlich zu erwähnen, wie oft er es bereits verflucht hatte. Er redete und redete und brachte sich selbst auf diese Weise in eine fröhliche, ausgelassene, ja überdrehte Stimmung, doch irgendwann fiel ihm dann auf, dass sie merkwürdig still blieb. Also wollte er den Grund dafür wissen, denn es ging doch nicht, dass sie sich von Kleinigkeiten ins Bockshorn jagen ließ.
"Seit ich heute morgen von dir weg gegangen bin", begann sie langsam und bedächtig zu erzählen, "geht es mir irgendwie nicht mehr aus dem Kopf, wie oft du gesagt hast, dass du Heymann nicht mehr aushältst. Dass dich seine zynische Art, wie du es genannt hast, zur Weißglut treibt und dass du ihn irgend wann dafür umbringen wirst. Und du hast oft gesagt, du findest es nur schade, dass er dich wahrscheinlich so wütend machen wird, dass du es nicht einmal genießen kannst, wenn du ihn umbringst. Aber diese zynische Art, die er dir gegenüber an den Tag legt, die hältst du nicht aus. Genau das waren deine eigenen Worte! Natürlich hat Heymann verdient, was er bekommen hat, aber ein Mörder bleibt ein Mörder."
Als Stanghuber aus der Telefonzelle taumelte, war alles anders geworden. Blind stapfte er mit gesenktem Kopf auf die Stadtmitte zu, den Mexikaner auf der Bank ein paar Meter weiter hatte er vollkommen vergessen. Ebenso wie das Mobiltelefon, das unbeachtet in der Telefonzelle lag, wo es aus seiner Hand geglitten war. Er schien nicht mehr zu wissen, dass es kalt war. Er schien nicht mehr zu wissen, dass ihn sein Kostüm behinderte. Ja, er war sich selbst nicht einmal mehr sicher, ob er wirklich unschuldig am Tode Alexander Heymanns war.

Trotzdem das Lokal beinahe voll war, bereitete es Meixner keine Schwierigkeiten seine beiden Männer zu finden. Wie gewöhnlich hatte Joschi ignoriert, dass er eine Kopfbedeckung trug. Was zugegeben auch selten genug vorkam.
Während Meixner sich durch die Menschen drängte, entdeckte er auch seinen dritten Mann, der eben Platz nahm. Als auch er am Tisch ankam, nahm er erst einmal dem hageren Riesen den riesigen Sombrero ab und hängte ihn mit seinem an den Kleiderständer zu den anderen.
Die drei Männer sahen ihn erwartungsvoll an, sagten aber nichts während er die Kellnerin aufhielt und etwas zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen bestellte. Gerade als er endlich zu sprechen anfangen wollte, stürmte eine größere Gruppe den Saal und zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Die blonde Gärtnerin erkannte Joe unter einer ganzen Gruppe Gärtnerinnen und das als Musketier verkleidete Mädchen. Und auch noch ein paar andere, die den beiden nicht nachstanden und nicht nun die Aufmerksamkeit der anwesenden Männer erregten. Auch Christoff Pensant befand sich in der Gruppe. Zwar trug er keine erkennbare Verkleidung und stach auch sonst durch seine überdurchschnittliche Nüchternheit und Ruhe heraus. Meixner entging nicht, dass Pensant mit einem raschen Blick das Lokal durchstreifte und, als sich ihre Augen trafen, vermeinte er ein leichtes Lächeln, ja ein Nicken des hageren Mannes zu fühlen. Obwohl er sich sicher war, dass dieser keinen Muskel bewegt hatte.
"Seht ihr den Mann ohne Kostüm, dort, zwischen den beiden Gärtnerinnen?"
Als sie bejahten fuhr Meixner fort: "Von dem Mann habe ich euch gestern erzählt. Das ist Christoff Pensant. Seinen Vornamen schreibt er übrigens mit zwei F statt mit einem PH. Er ..."
"Wieso?" unterbrach ihn Iwan, aber fast gleichzeitig wischte Joe diesen Einwand mit einer Handbewegung und der Bemerkung weg: "Wahrscheinlich war der Standesbeamte besoffen."
Meixner ging nicht darauf ein. Auch, weil er diese Erklärung gar nicht so schlecht fand.
"Pensant hat mir die Stelle gezeigt, an der Heymann ermordet wurde", fuhr er in seinem Bericht fort und wurde wiederum unterbrochen als ihr Essen kam. Schweigend stocherten sie ein paar Augenblicke darin herum bis der Riese, den sie Joschi nannten, seine Ungeduld nicht mehr länger zügeln konnte. Meixners Gedanken waren in diesen wenigen Augenblicken aber weit abgeschweift. Noch immer irritierte ihn dieses eigenartige Gefühl der Vertrautheit mit Pensant. Irritierte ihn maßlos. Und nach der Geschichte des Kommissars hätte sein Misstrauen diesem Mann gegenüber noch um vieles wachsen müssen. Aber das war nicht der Fall. Da war etwas, dass er logisch weder einordnen noch analysieren konnte. Und es beruhigte ihn auch nicht, dass sein Gefühl ihn aufforderte Pensant den Aktenkoffer mit Heymanns Unterlagen zu übergeben während sein Gehirn nach wie vor einen Grund dafür suchte ohne einen zu finden!
Ungeduldig stieß ihn Joschi an und fragte mit vollem Mund: "Na, was ist jetzt mit ihm?"
Auch wenn es den anderen verborgen blieb, so benötigte Meixner doch einen Augenblick, bis er wieder auf den Boden der logischen Tatsachen zurück fand.
"Er hat so einiges mit Heymann gemeinsam. Einerseits haben die beiden, zusammen mit einem dritten, ein Projekt aufgezogen um dem Drogenhandel in ihrem Bereich ein wenig auf die Zehen zu steigen. Andererseits ist er angeblich, so wie Heymann, ein leidenschaftlicher Spieler."
Noch während er es aussprach wurde ihm klar, dass diese Annahme nur eine Lüge sein konnte. Ein Mann wie Pensant spielte nicht! Ein Mann wie Pensant ergriff nur tausendprozentige Chancen. Und wenn diese nicht vorhanden waren, dann schuf er sie sich. Glücksspiel war diesem Mann absolut fremd, da war sich Meixner ausnahmsweise völlig sicher. Es musste ihm zuwider sein, so wie es auch Meixner zuwider und unverständlich geworden war. Und eigentlich hatte der Kommissar ja auch nichts davon gesagt. Es war für ihn selbstverständlich und die erste Idee gewesen. Wofür hatte Pensant dann aber das Geld sonst verwendet? Wenn er, wie der Kommissar meinte, ein Mensch war, der nur wenig zum Leben brauchte? 
Aber Meixner war es gewohnt zu lügen und so bemerkten die drei Männer nicht, dass ihm bewusst wurde, dass er sie belog und dass er, während er sie belog, entschied, dass er sie auch weiter belügen würde.
"In der letzten Zeit hatte er anscheinend eine kleine Pechsträhne. Mit anderen Worten, er steckte tief in den Schulden - in den Spielschulden an Alexander. Das allein wäre noch nicht so interessant, denn da gibt es mit Sicherheit mehr Leute, denen es da ähnlich ging. Allerdings hätte dieser Pensant seine Schulden bis Anfang letzter Woche begleichen müssen. Und irgendwie ist ihm das Unglaubliche gelungen und das Geld liegt auf der Bank. Aber nach wie vor auf seinem Konto!"
Joe Daboli reinigte mit der Serviette ungerührt seine Lippen und meinte wie nebenbei: "Also genau genommen ein ausgezeichnetes Alibi."
Meixner warf ein Stück der alten Semmel in sein Gulasch und nickte.
"Das sehe ich genauso. Zwar war er sicher nicht der einzige, der Schulden hatte und diesen Termin bekommen hat, aber offensichtlich niemand sonst hatte eine so große Summe beizubringen. Zumindest wissen wir von keinem. Abgesehen davon werde ich auch sonst nicht ganz schlau aus ihm."
"Wieso das?" wollte Joschi wissen, spießte nach längerer Verfolgung ein Stück Erdäpfel auf, dass ihm vom Teller gefallen war und steckte es in den Mund.
"Er sagt nicht alles, was er weiß", begann Meixner zwischen zwei Bissen nachdenklich. "Und er macht auch kein Geheimnis daraus, dass er über gewisse Dinge nicht spricht"
Alle drei sahen zu dem anderen Tisch hinüber und Pensant zu, wie er dem Musketier-Mädchen Feuer gab.
"Kann man das Problem Pensant in zwei Fragen fassen?" hackte Joe nach.
Das Gulasch war gut und so versuchte Meixner zu essen, so lange es noch warm war.
"Das kommt wie immer auf die Fragen an."
Bei dem Wortwechsel erreichte Joschis voll beladene Gabel die Position vor seinem Mund, doch er vergaß den Mund auch zu öffnen.
"Welche Fragen?" murmelte er und betrachtete die Gabel vor seinem Mund überrascht.
“Ist es für uns von Belang, was er verschweigt?”
“Nein.”
“Freund oder Feind?
“Einstweilen – Freund.”
Joschi stopfte endlich die volle Gabel in den Mund und mampfte: "Also ein ganz Selbstsicherer."
"Oder er kennt den Mörder."
Meixner hob den Kopf und sah Joe an, der in Gedanken versunken schien.
"Kannst du etwas näher erklären, wie du das gemeint hast?" meldete sich jetzt der eher Schweigsame zu Wort, den sie Iwan nannten und der das ganze Gespräch bisher nur interessiert verfolgt hatte.
"Es kann für sein Verhalten eigentlich nur zwei Erklärungen geben. Er weiß, oder er ahnt zumindest, wer der wirkliche Mörder ist und ist sich deshalb so sicher, dass ihm nichts geschehen kann."
"Und die zweite Möglichkeit?" ließ Iwan nicht locker, was ihm zwar einen strafenden Blick von Daboli aber keine Antwort einbrachte. Also wandte er sich an Meixner und zuckte hilfesuchend mit den Schultern.
"Die zweite Möglichkeit", führte der dann widerwillig aus, "bestünde darin, dass er es selbst getan hat und nun auf sein Alibi mit dem Geld vertraut. Oder so ähnlich."
Josef Joschgele, von seinen Freunden Joschi genannt, war ein Mann von erstaunlicher Verlässlichkeit und Geradlinigkeit, wenn man davon absah, dass er manchmal äußerst skurrile Ideen nicht nur entwickelte sondern auch gleich in die Tat umsetzte. Diese seine Eigenschaften beruhten wohl auf dem, von J.M. Simmel formulierten Grundsatz, dass Mut meist nur ein Mangel an Phantasie ist. So konnte er auch jetzt nicht glauben, was er hörte ohne es zu sehen, sah auf und Pensant direkt in die Augen. Der saß still in dem Tumult am anderen Tisch, sah ihn an und als sich ihre Blicke begegneten, nickte er freundlich, höflich aber reserviert.
Schnell senkte Joschi seine Augen wieder und stammelte verwirrt: "Also, wenn der es getan hat, dann hat er wesentlich bessere Nerven als unser Freund, dieser - dieser - na!?"
Hilfesuchend wandte er sich an Meixner und der sagte zum wiederholten Male: "Stanghuber. Josef Stanghuber."
Dann schob er den leeren Teller von sich, fuhr sich mit der Serviette über den Mund und fragte nach.
"Wie meinst du das?"
Diesmal lachte Joschi laut auf, so dass mancher im Lokal den Kopf wendete und begann zu berichten.
"Wir sind ihm ein wenig auf die Zehen getreten. Natürlich nur bildlich gesprochen", beeilte er sich hinzuzufügen. "Wir waren immer ‚einfach nur da‘. Er hat einige Zeit benötigt, bis er endlich verstanden hat, wer wir sind, aber dafür hat er es jetzt ganz sicher verstanden. Jedenfalls wurde es ihm nach einer Weile zu bunt, also ließ er den unerschrockenen Helden raus hängen, kam zu uns und quatschte uns dämlich von der Seite an."
Der Gedanke daran ließ ihn breit grinsen.
"Er kam nur leider von unserer tauben Seite”, fuhr Iwan fort. “Wir haben ihn, wie man so schön sagt, nicht einmal ignoriert. So, als wäre da überhaupt niemand, der reden würde. Hab' ich mir aber ehrlich gesagt leichter vorgestellt. Denn mit der Zeit is' er immer wilder geworden und fing an zu schreien, wir sollen ihn, zum Teufel und was weiß ich, doch in Ruhe lassen. Da hat unser Joschi, ganz in Gedanken, seinen Revolver gezogen und sorgfältig überprüft, ob er auch gut geladen ist. Keine Sorge," warf er sofort ein, als er Meixners misstrauischen Blick bemerkte, "er ist dabei natürlich so gestanden, dass die Waffe unmöglich auf Stanghuber zielen oder er ihn sonst irgendwie bedrohen konnte. Trotzdem, ich sage dir, der Junge sah aus, als hätte ihm jemand einen Kübel mit weißer Farbe über den Kopf gekippt. Es war einfach himmlisch! Ich habe noch niemals in meinem Leben jemand so schnell die Farbe wechseln sehen."
Bevor er sich aber noch weiter in seiner Verzückung steigen konnte, riss Joschi die Erzählung wieder an sich.
"Ja. Und dann zog er ab. Wir natürlich, wie gewohnt, dackeln hinterher. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, wir sind so ziemlich die ganze Stadt abgekommen. So eine Treibjagd ist ja ganz nett, aber allmählich wird das ewige Herumlaufen anstrengend. Er sitzt jetzt jedenfalls in einem Café weiter unten an der Straße und wagt sich nicht vor die Tür. Offensichtlich tut er alles, damit wir ihn nicht irgendwo allein erwischen."
"Und wenn er doch verschwindet, während ihr hier gemütlich sitzt?" wollte Meixner wissen. Die ganze Zeit über hatte es ihn schon etwas beunruhigt, dass sie so gelassen da saßen und plauderten, aber er war sich im Klaren, dass diese drei Männer ihren Job verstanden und seine Befehle eindeutig waren.
"Die kleine Kellnerin dort unten, übrigens ein sehr hübsches Mädel, hat mir versprochen mich sofort anzurufen, wenn er zahlen will. Oder auch nur mit den Ohren wackelt", warf Joe herablassend ein und legte demonstrativ sein Mobiltelefon vor sich auf den Tisch.
"Ach ja, da war doch noch etwas", nahm Iwan seinen Bericht wieder auf. "Während er so auf uns einredete und gleichzeitig versuchte uns dazu zu bringen, mit ihm zu sprechen, da sagte er ein paar Mal: Ich hab's nicht getan! Ich hab's wirklich nicht getan!"
Die Kellnerin kam, um den Tisch abzuräumen und blieb, weil die Männer bezahlen wollten. Meixner verharrte stumm, von den knappen Worten abgesehen, die er mit der Kellnerin wechselte. Die meiste Zeit saß er nur da und sah zum Fenster hinaus, als wäre er völlig allein in dem großen Saal. Auch nachdem sie gegangen war, änderte sich fürs Erste nichts an seiner Haltung. Joe beobachtete ihn möglichst unauffällig und musste, wie schon so oft an diesem eigenartig trüben Tag, wieder an den Oberst denken. Der Entscheidung war getroffen worden, warum und wie und wann auch immer. Und wenn sie Joe Daboli auch noch so unverständlich war, es würde einen logischen Grund dafür geben. Wie krumm diese Logik auch immer sein mochte. Und es war ihm von Herzen egal, ob Heymanns Tod ein Alibi für Stanghubers Verschwinden oder Stanghubers Verschwinden ein Alibi für Heymanns Tod war. Die Frage, die als einzige offen blieb war nur, ob Meixner seinem Befehl folgen würde. Denn wenn das nicht der Fall sein sollte, hatte Joe eindeutige Anweisung erhalten.
Wie krumm die dahinter steckende Logik auch immer sein mochte.
"Wir machen genau so weiter, wie wir es besprochen haben. Joschi, Iwan, ihr Beide hängt euch wieder an Stanghuber. Treibt ihn aus dem Lokal. Er bekommt jetzt keine Atempause mehr. Bis heute Abend muss er mürbe sein, mehr Zeit haben wir nicht. Joe?"
Joe sog an seiner Zigarette und öffnete die Augen. Jedem anderen wäre entgangen, dass er mit einem Mal wirkte, als wäre eine unerträglich Spannung von ihm abgefallen, doch Meixner kannte ihn gut genug, um selbst seine fein verborgenen Nuancen zu bemerken. Auch wenn er sie nicht verstand.
"Die Sprechfunkgeräte sind oben", brummte Joe statt die unausgesprochene Frage zu beantworten zwischen zwei Zügen. "Die Akkus sind voll und ich habe die Frequenzen so eingestellt, dass es schon ein absolut dummer Zufall sein müsste, wenn jemand mithört. Trotzdem, passt auf, was ihr sagt."
Mit diesen Worten stand er auf und die beiden anderen Männer folgten seinem Beispiel.
"Gehen wir", meinte noch Joschi grinsend, "und dann machen wir unserem Freund das Leben ein bisschen weniger einsam."
"Gut", nickte Meixner noch einmal und vergaß die drei Männer noch bevor sie das Lokal verlassen hatten.
Er atmete kräftig durch, lehnte sich zurück und sah zu den großen Fenstern hinaus in eine trübselige Welt. Nichts hatte sich geändert, seit er diese Stadt wiedergesehen hatte. Es blieb trübe, bewölkt und unfreundlich. Ein eisiger Wind blies durch die Stadt im Versuch die Straßen leer zu fegen. Solange Meixner diese Stadt nun kannte, wenn er in seinen verschwommenen Erinnerungen kramte, der Wind war immer da gewesen. Einmal wohltuend erregend, wie das Streicheln einer zärtlichen Hand. Einmal schrecklich, wie eine wütende Bestie, die den Menschen die Gedanken aus den Köpfen riss, ihr Denken zermalmte, sie in den Wahnsinn trieb.
Meixner vergrub sein Gesicht in den Händen um diesen Wind nicht mehr sehen zu müssen.
Denn der Wind war da.
Alles um ihn war Lüge, nur der Wind, der Wind war echt.
Alexander Heymann war tot!
Und ausgerechnet er, Karl Meixner, war beauftragt worden den Mörder zu finden.
Dabei war es unmöglich.
Heute oder morgen würde er ihn zur Polizei schleifen.
Und durfte die Wahrheit nicht Preis geben.
Er würde ihn zwingen seine Tat zu gestehen.
Doch die Identität des Täters durfte unter keinen Umständen ans Licht gelangen.
Der Täter musste öffentlich bloß gestellt werden.
Die Gerechtigkeit würde ihren Lauf nehmen.
Er durfte nicht! Er durfte es nicht! Er musste!
Als das Telefon in seiner Jackentasche klingelte benötigte er einen Atemzug lang um in die Realität zurück zu finden. Und als er endlich, missmutig über die unerwartete Störung, nach dem Telefon fingerte, wurde ihm schlagartig klar, dass seine Nerven auch nicht mehr in allerbestem Zustand waren.
Und die Tatsache, dass Joe Dabolis Lebensgefährtin bei ihm anrief um ihrer Wut Luft zu machen, verbesserte seine Laune nicht wirklich.
"Allmählich habe ich ihn wirklich satt!" beschwerte sie sich. "Bestellt er sich doch großspurig für Samstag Abend ein tolles Essen, ich laufe mit die Füße wund, arbeite wie eine Besessene und dann lässt sich dieser Bandit nicht einmal blicken. Sein Uralt-Mobiltelefon ist wieder mal bei der Reparatur oder sonst wo und wo immer er ist, findet er offensichtlich auch kein anderes Telefon. Nur durch Zufall habe ich erfahren, dass er mit dir zusammen arbeitet."
Allmählich begann sie sich immer weiter in ihre Wut hinein zu steigern und das wollte Meixner dann doch nicht ausbaden, also versuchte er sich elegant aus der Schusslinie zu bringen: "Ich werde ihm ausrichten, dass er dich zurückrufen soll. Ich bin sicher, er ist ganz zerknirscht. Immerhin ist heute ja schon Montag, da hat er sicherlich bereits Sehnsucht nach dir."
"Sehnsucht? Zerknirscht? Der denkt doch gar nicht daran!" fauchte sie. "Seit über einer Woche ist er jetzt schon dienstlich unterwegs und findet es die ganze Zeit über nicht ein einziges Mal der Mühe wert zuhause anzurufen!"
Meixner hatte ihren Worten nur halbherzig gelauscht, doch da war jetzt etwas gewesen, das seine gesamte Aufmerksamkeit aktivierte. Dienstlich unterwegs, das konnte bei Joe Daboli viel heißen. In diesem Fall zu viel.
"Willst Du sagen, Joe war auch vorletzten Montag nicht zuhause?"
"Er ist seit über zwei Wochen nicht mehr nach Hause gekommen. Deshalb bin ich ja so stinksauer!"
Allmählich schimmerten Tränen durch ihre wutverrauchte Stimme.
"Dann werde ich ihm sagen, er soll schnellstens zurückrufen", stammelte Meixner mehr in seinen Gedanken verstrickt als beruhigend, verabschiedete sich zerstreut und trennte ziemlich unvermittelt die Verbindung.
Vorsichtig platzierte er das Telefon vor sich auf dem Tisch und betrachtete es.
Keiner der Männer konnten ein Alibi für die Mordnacht vorweisen, behauptete der Oberst. Joe Daboli war also laut seiner Freundin in der Nacht als Alexander Heymann ermordet wurde 'dienstlich unterwegs' gewesen, jetzt war es offiziell. 
'Dienstlich unterwegs' war eine der Formulierungen, die Joe sehr gerne gebrauchte. Heißen konnte das alles. Er konnte ein neues Abenteuer gefunden haben von dem seine Lebensgefährtin nicht zu wissen brauchte. Er konnte irgendeines seiner nicht ganz lupenreinen Geschäft über die Bühne gebracht haben. Er konnte sich einfach eine Auszeit zur Entspannung genommen haben. Und er konnte auch etwas für den Oberst erledigt haben. Alles konnte er getan haben.
Alles. Vielleicht nichts. Oder zu viel.
Kannte Joe einen Teil der Wahrheit? Kannte er vielleicht die ganze Wahrheit? Nein, unterbrach er sich, das war unwahrscheinlich, niemand kannte die ganze Wahrheit. Auch nicht der Oberst, der davon so felsenfest überzeugt war. Karl Meixner war sich sicher, dass es niemandem gab, der die volle Wahrheit kennen konnte. 
Doch dann war da mit einem Mal wieder dieses Gefühl der Geborgenheit das ihn einfüllte, und dieses Gefühl widersprach. Es widersprach nur zu deutlich seinen Gedanken und es veranlasste ihn, sich umzuwenden.
Aber Christoff Pensant war nicht mehr da.

Niemand schien davon Notiz zu nehmen, dass endlich auch Karl Meixner das Lokal verlassen hatte. Die Menschen gingen ihren eigenen Beschäftigungen nach und kümmerten sich nicht um andere. Das Personal räumte den leer gewordenen Tisch ab und säuberte ihn und auch sie beachteten den hageren Mann an dem kleinen Tisch etwas abseits nicht. Auch er schien niemand zu beachten. Ein wenig zerlumpt mit wirrem, grau gefärbten Haar stellte er wohl einen Landstreicher oder eine Vogelscheuche dar. Nachdenklich drehte er seine Pfeife in der Hand und betrachtete sie dabei angelegentlich. Als gäbe es nichts Wichtigeres. Er hatte kurz aufgesehen, als Meixner gegangen war. Und es war ein etwas überraschter, ja verwirrter Blick gewesen, mit dem er ihm nachgesehen hatte. Wie man etwas ansieht, von dem man weiß, dass es da ist und dann doch überrascht, es tatsächlich zu finden.

Der Wind kam aus Nordosten ungehindert über das Hochplateau gestrichen und ließ mit seinem eisigblauen Atem Mensch und Tier erzittern, blies Staub auf und umbrauste Bäume und Sträucher. Die, die sich ihm in den Weg stellen wollten, die brachte er zu Fall, knickte sie ab, entwurzelte sie. Die vor ihm zurück wichen und ihn seiner Wege gehen ließen, die waren mächtiger als er, denn sie lebten noch lange, nachdem er sich bereits ausgetobt hatte und vergangen war. Jetzt aber war er da, kühn und ungestüm riss er an den Häusern, rüttelte an den Bäumen, raschelte mit alten Zeitungen und Einkaufstaschen, schob er den bunt gemusterten Umhang eines Mexikaners zur Seite. Für einen kurzen Augenblick konnte man das Eisen eines Colts im fahlen Licht der verhangenen Nachmittagssonne schimmern sehen.
Der Besitzer dieses Colts stand mitten auf dem Platz einer kleinen Stadt, am Fuße einer steinernen Säule und lehnte sich an die Balustrade, die diese Säule umgab. Eng hatte er den Umhang um die Arme geschlungen und der tief ins Gesicht gezogene Sombrero ließ es zu zwei Dritteln unkenntlich im Schatten. Nur ab und zu hob sich die Kante dieses riesigen Hutes ein wenig und es wirkte unbeabsichtigt, wie das Spiel des Windes, wenn der Mann etwas sehen wollte, das außerhalb seines Gesichtskreises vor sich ging.
Völlig unbeweglich und von allen Seiten gut sichtbar stand er zwei Stufen über dem Platz. Nur der Umhang flatterte wild um seinen Körper, doch er hätte eben so gut um einen der grauen Steindämonen hinter ihm flattern können.
Karl Meixner beobachtete die kleine Konditorei ihm gegenüber, auf der anderen Seite des Platzes. Denn dort saß seit wenigen Minuten Josef Stanghuber - der Mann, den sie seit nunmehr zwei Stunden ruhelos durch die Stadt trieben. Dort saß er nun und Meixner konnte fühlen, wie er mit zitternden Fingern den Vorhang behutsam und möglichst unauffällig zur Seite schob, um zu sehen, ob sie noch da waren und auf ihn warteten.
Und sie waren da. Unübersehbar!
Meixner war sich noch nicht klar darüber geworden, ob Stanghuber jemanden suchte oder ob er nur einfach Angst hatte, nach Hause zu gehen und ihnen dort wehrlos ausgeliefert zu sein. Leute schien er genug zu kennen, aber es waren keine Freunde darunter, die daran dachten, ihm beizustehen. Es war anzunehmen, dass er nun Pensant suchte, aber der blieb vom Erdboden verschwunden. Jedenfalls verhielt sich Stanghuber genau so ungläubig, unlogisch und kopflos, wie es zu erwarten gewesen war.
Aus den Augenwinkeln beobachtete Meixner seine drei Männer, die sich etwas weiter links bei einem Modegeschäft aufgebaut hatten und sich dort schon bald mit den als Musketieren verkleideten Verkäuferinnen unterhielten. Besonders Joe Daboli schien ein Auge auf die eine geworfen zu haben.
Während Meixner so reglos stand, ein Auge auf dem Lokal, das zweite auf seinen Männern, ließ er die Ereignisse der vergangenen Stunden und Tage noch einmal an seinem geistigen Auge vorüber ziehen. Allmählich begann das verschwommene Bild klarer zu werden und langsam fügten sich die Steine dieses riesigen Puzzles ineinander. Man musste sie nur oft genug drehen und wenden. Doch so sehr er auch drehte und wendete, es blieben immer noch Lücken. Da war diese gewaltige Lücke ganz in der Mitte des Bildes - Alexander Heymann selbst. Nicht nur das Ende dieses Mannes konnte Meixner nur schwer begreifen. War der Mann, der sonst die leisesten Regungen im Unterbewusstsein seiner Mitmenschen zu fühlen schien, im Augenblick seines Todes wirklich so stumpf oder uninteressiert gewesen? Und dann das Fransenwerk rundherum, das Beiwerk, das wollte auch nicht und nicht passen. Wie konnte ein erfahrener Polizist wie Seitenstetter bereits nach ein paar Tagen das Handtuch werfen und seinen Fall scheinbar willkürlich irgendwelchen Zivilisten anvertrauen. Oder, was vielleicht schlimmer war, einer anderen Dienststelle überlassen? Wo waren seine Kollegen, seine Mitarbeiter? Was dachten sich seine Vorgesetzten? Und, vor allem, was hatte Seitenstetter selbst im Sinn? Was hatte den Oberst bewogen, seine Einwilligung zu diesem fast schon perversen Spiel zu geben? Welche Rolle spielte Pensant darin? Ja, was war mit Pensant?
Wäre die Kälte nicht allzu real gewesen, Meixner wäre für einen kurzen Augenblick versucht gewesen, sich in einem schlechten Traum zu meinen. Zu vieles an diesem Fall war offenkundig unlogisch, unglaubwürdig und die meisten Erklärungsversuche wirkten so sichtlich an den Haaren herbeigezogen.
Das konnte auch allen anderen Beteiligten nicht verborgen bleiben!
Doch Meixner verstand auch die Wahrheit, die sich dahinter verbarg. Zumindest einen Teil. Er kannte den Mörder nur zu gut, er kannte das Motiv und er wusste, was er zu tun war.
Endlich kam Bewegung in die dunkle Gestalt über dem Platz. Sie straffte ihre gegen den Wind gebeugten Schultern und schob den Sombrero etwas höher. Eines der Mädchen hatte es bemerkt und machte die Männer darauf aufmerksam. Also gab er Joe Daboli mit einer stummen Handbewegung zu verstehen, dass er zu ihm kommen sollte. Widerwillig setzte der sich in Trab und kam über den Platz. Seinen Sombrero musste er dabei gut festhalten, damit er nicht voraus flog. Schnell stand er neben Meixner und sah suchend zu dem Café hinüber.
"Hat er sich gerührt?"
Meixner schüttelte den Kopf.
"Nein, aber ich muss mit dir reden. Was hältst du davon, wenn wir einfach hinein gehen, uns an seinen Tisch setzen und ihm ein wenig mehr zusetzen, als wir es bisher getan haben?"
Joe überlegte einen kurzen Augenblick bevor er sein Gesicht verzog.
"Ist nicht die allerbeste Idee", meinte er. "Dann könnte er endlich behaupten, wir hätten ihm bedroht."
"Dann sind wir der gleichen Meinung. Ich hoffe, die anderen sehen das genauso."
Meixner wusste genau, dass es sinnlos und unnötig war, aber er konnte sich nicht verkneifen, diese Frage doch zu stellen. Also atmete er tief durch.
"Es hat außerdem wenig Sinn dem selben Mann die selbe Frage immer und immer wieder zu stellen. Aber da wir gerade davon sprechen, wo warst du eigentlich in der Nacht, als Heymann erschossen wurde?"
Joe lachte und meinte leichthin: "In meiner Wohnung bei meiner Frau natürlich, wo sonst?"
Eine Bö riss Iwan den Sombrero vom Kopf und blies ihn über den Platz. Er rannte hinterher und bekam ihn schon nach ein paar Schritten zu fassen. Als er sich aufrichtete sah er zufällig zu der Säule mitten auf dem Platz hin. Er sah, wie Daboli Meixner lachend eine Antwort gab. Er konnte nichts hören, dazu war er zu weit von ihnen entfernt, aber er sah, wie sich Meixners Gesicht bei der Antwort verfinsterte. Wie versteinert standen sie für einen Atemzug lang, er und Meixner. Selbst sein Umhang flatterte nicht mehr im Wind. Und dann drehte sich Meixner ganz langsam herum bis er frontal zu Joe Daboli stand. Wieder konnte Iwan nicht verstehen, was gesprochen wurde, aber er sah, dass Joe erschrocken einen Schritt zurück machte, sich aber sofort wieder in der Hand hatte.
Dabei hatte Meixner nicht viel mehr gesagt, als dass er seine Lebensgefährtin anrufen sollte. Die warte nämlich schon wieder mal seit über einer Woche darauf, dass er sich endlich bei ihr meldete. Und dass er, Meixner, es nicht wirklich toll fand, wenn sie bei ihm anrief, wenn sie Joe suchte.
Joe Daboli musste seine ganze Selbstbeherrschung aufbringen, damit ihm seine Nerven keinen Streich spielten. Dazu war es immer gut, das Thema zu vertiefen.
"Du glaubst also, ich hätte Heymann umgebracht?" fragte er so ruhig er nur konnte.
"Ich habe nur festgestellt, dass du kein Alibi, dafür aber ein Motiv hast."
Nun wurde Joe Daboli aber neugierig.
"Ich habe ein Motiv?" erstaunte er sich. "Das würde mich jetzt aber interessieren. Aus welchem Grund glaubst du, könnte ich Heymann erschossen haben?"
Meixner wandte sich wieder der Konditorei zu.
"Angela", sagte er nur.
Und als Joe nichts darauf erwiderte, meinte er noch: "Ich habe sie kaum kennen gelernt, vielleicht ein oder zwei mal gesehen, aber du nanntest sie immer die einzige Liebe deines Lebens, auch noch nachdem sie dich für Heymann verlassen hatte. Bei dem sie auch nicht lange blieb, sie ging ins Ausland studieren, soviel ich weiß. Möglicherweise bist du sogar einer der wenigen Menschen die wussten, dass sie sich Monate später in den Vereinigten Staaten wieder getroffen haben. Dass die beiden geheiratet haben."
Eigentlich hatte er dazu eine Äußerung seines Kollegen erwartet, der aber blieb stumm und senkte nur den Kopf. Eine ganze Weile verbrachte er damit, die Steinstufen vor seinen Stiefelspitzen eingehend zu betrachten. Und als er endlich wieder den Kopf hob und Meixner ansah, da sagte er: "Ich war hier, in dieser Nacht. Für den Oberst hab‘ ich was erledigt und es hatte mit Heymann zu tun. Ja. Aber ich habe ihn nicht getötet! Und ich weiß auch nicht wer es getan hat. Dazu hat es der Oberst zu geschickt eingefädelt. Wirst du diesen neuen Umstand in deine Überlegungen einbeziehen?"
"Natürlich", meinte Meixner ruhig. "Aber die Polizei hat schon viel zu viele Tatverdächtige um sich entscheiden zu können. Pensant mit seinen Schulden, Pollmann mit seinem Drogenhandel und noch ein paar andere mit, na nennen wir es mal, geringeren Motiven wie Eifersucht, Rache, Neid und was sonst noch so zusammenkommt in einem zwar nicht besonders langen, aber erfüllten Leben. Nur bei Stanghuber finde ich kein eigentliches, aktuelles Motiv. Wenn man mal davon absieht, dass Heymann seiner Freundin schöne Augen gemacht hat und dass sie nie gut aufeinander zu sprechen waren. Aber das war's dann auch schon. Es erklärt mir aber schon einiges, wenn ich weiß, dass du da warst um für den Oberst was zu erledigen. Und ich glaube dir, dass du ihn nicht getötet hast!"
"Was hat die Polizei, dieser Kommissar jetzt wirklich vor?"
"Ich wollte, ich wüsste es. Genau genommen gäbe es noch viele, die für diesen Mord in Frage kommen würden und von denen die Polizei aber keine Ahnung hat und nie etwas erfahren wird. Oder was meinst du so im Besonderen?"
Ruhig begann Joe aufzuzählen: "Nun, da haben wir einmal Stanghuber, dann haben wir Pensant, Pollmann, mich und noch einen Mann. Einen Mann, von dem man mal behauptet hat, er sei Frauen ebenso zugetan wie Männern. Wohl weil er Heymann einigen ausgesprochen tollen Frauen den Vorzug gegeben hat. Ein Mann, den Heymann oft genug gedemütigt und verspottet hat für seine Loyalität. Den viele hinter vorgehaltener Hand, denn vor ihm hätten sie es niemals gewagt, den Diener seiner Majestät nannten. Den Mann, der nicht nur einmal über Heymann sagte 'Ich hasse ihn, und ich wünschte, er wäre tot!' Ich glaube, du kennst diesen Mann ganz gut."
Meixner nickte nachdenklich.
"Wäre schon schlimm, wenn ich mich nicht selbst erkennen würde. So lange ist das auch noch nicht her. Aber es ist lange genug her, dass es keinen Bezug mehr zur Gegenwart hat. Und somit ist es kein Motiv."
"Auch Stanghuber hat keines, wie du selbst sagst."
Aber Meixner ging erst mal nicht weiter darauf ein. Er zog nur den Sombrero tiefer in die Stirn und betrachtete schweigend den Platz.
"Dafür hat er etwas anders", sagte er dann. "Ich habe dir doch erzählt, dass die Polizei vor dem Problem mit den vielen Verdächtigen steht. Für mich gibt es nur einen Täter, und der sitzt in der Konditorei auf der anderen Seite des Platzes."
Joe war mit der Wendung, die dieses Gespräch nahm, keineswegs unzufrieden. Wenngleich er sich nicht wirklich eingestehen wollte, warum dem so war. Und eigentlich wäre es für alle Beteiligten wohl das Beste, er würde es akzeptieren und diese Geschichte auf sich beruhen lassen. Aber seine ihm angeborene Neugierde ließ ihm dann doch keine Ruhe.
"Weshalb bist du dir eigentlich so sicher, wo alle anderen Zweifel haben?" wollte er wissen und es war keineswegs so hinterhältig gemeint, wie es in seinen eigenen Ohren klang.
Meixner hatte manchmal eine ganz eigene Art zu lachen. Er konnte es tun, ohne einen Ton von sich zu geben und ohne einen Funken Heiterkeit zu versprühen. Er konnte natürlich auch lachen wie jeder andere, jeder normale Mensch auch. Jetzt aber benutzte er sein anderes Lachen. Das Lachen, das aus Genugtuung, aus Schadenfreude entsprang, dass aber keine Spur von Humor in sich trug.
"Wenn man so betrachtet, dann muss man gestehen, dass ich diese Sicherheit wahrscheinlich dir verdanke.”
Wieder dieses tonlose Lachen.
“Ich glaube, dass du die ganze Zeit in dieser Stadt warst, Du hast den Mord vielleicht nicht beobachtet, aber du hast das Kreuz und die Tatwaffe geholt und jemandem übergeben, der - oder die - dir genannt worden ist. Hast du dir Stanghubers Kostüm genauer angesehen?"
"Ja, ist aber nichts Besonderes, oder?"
Wieder lachte Meixner und sah Joe kurz an und wartete.
“Ja, ich war hier, aber ich bin zu spät gekommen. Weder konnte ich sehen, wer geschossen hat, noch konnte ich es verhindern. Und über die beiden Sachen bin ich beinahe gestolpert. Es war meine Aufgabe sie einzusammeln und in einem geparkten Wagen zu verstauen.”
"Auf seiner Brust, in der Höhe des Brustbeines zeichnet sich etwas unter dem Kostüm ab. Aber ich sage dir nicht, was es ist. Darauf musst du selbst kommen."
Joe Daboli begriff unschwer, dass Meixner nichts anderes meinen konnte, als das große goldene Kreuz Heymanns.
"Du meinst, er ist so verrückt und trägt das einzige Beweisstück mit sich herum?" fragte er erstaunt. "Dann hat er wahrscheinlich auch die Tatwaffe einstecken. Aber warum? Jeder vernünftige Mensch hätte beides längst verschwinden lassen!"
Dabei hielt er es trotz seiner Verwunderung für besser nicht zu erwähnen, dass der Oberst von dem Mord wissen musste, wie sonst hätte er ihn schicken können. Und auch Meixner schien dies zu übersehen.
"Das hatte Stanghuber wahrscheinlich auch vor. Ich schätze nur, wir sind ihm da ein bisschen zuvor gekommen! Die Waffe könnte er einfach weg werfen, aber das Kreuz? Jedenfalls erleichtert es unsere Arbeit. Andererseits bedenke bitte, dass Stanghuber offensichtlich der Täter, aber kein Mörder ist. Und schon gar kein Profi. Er hat keine rationalen Gründe für diese Tat. Also kannst du auch nicht erwarten, dass er sich wie ein rationaler Täter verhält."
Joe fühlte mit einem Mal das scheinbar unwiderstehliche Bedürfnis Meixner anzuvertrauen, wie viel er von der ganzen Sache wusste. Oder besser, wie viele Fragen ihm aus den wenigen Fakten erwuchsen. Aber noch bevor er dazu ansetzen konnte, ging die Tür auf der anderen Straßenseite auf und ein großer Mann huschte auf die Straße. Er trug das schreiende Kostüm eines Harlekins, schien aber nicht wirklich auffallen zu wollen. Sofort setzten sich die beiden Männer in Bewegung und folgten ihm bedächtig quer über den fast menschenleeren Platz. Dabei wechselten sie kein Wort. Und waren darüber beide nicht traurig.

Nur wenige Stunden später hatte der Platz sich völlig verändert. Unterhalb der Säule stand nun ein Lastwagen, auf dessen überdachter Ladefläche ein Alleinunterhalter sein Unwesen trieb. Freibier wurde ausgeschenkt und an seinem anderen Ende spielte eine Blaskapelle auf. Dazwischen drängten sich Masken und schaulustige Zivilisten. Wegen dem Freibier, und, weil es im Gedränge windgeschützt und etwas wärmer war. Dazwischen ein paar Buden, die weitere Getränke und ein paar Speisen an den Mann und die Frau brachten. Einige, denen es trotzdem zu kalt schien, hatten angefangen zu tanzen. So erhellte dieses bunte Gewimmel der Masken den Platz in einem seltsam warmen Licht unter einem grauen und fast bösartig wirkenden Himmel. Die schmissigen Märsche und Polkas der Kapelle übertönten zumeist das Lachen und Johlen der Menge und manchmal auch die Lautsprecher des Showmasters. Dem Freibier wurde eifrigst zugesprochen und erhitzte nicht nur Gesichter sondern auch manche Gemüter. Ganz Kluge hatten sich ihre eigene Wärmflasche mitgebracht um sich in regelmäßigen Abständen die Magenwände aufzutauen. Und auch dieses Hochprozentige machte die Runde unter Freunden. Der Verkehr erstarb, als sich die Menschenmenge auf die Straßen rund um den Platz ausdehnte. Aber den Autofahrern schien das eben so wenig auszumachen wie den Polizisten, die eigentlich den Verkehr flüssig halten sollten. Die Autofahrer stellten ihre Fahrzeuge ab, die Polizisten gesellten sich dazu und alle waren froh, wenn auch meist hinter vorgehaltener Hand, Teil des ausgelassenen Treibens werden zu können. Die Narren und so die Weisheit der Lebenslust, der Freude und der Menschlichkeit hatte für einen kurzen Augenblick die hastige Weltgeschichte angehalten und über die Klugheit des Erwerbs, der Hektik und der Ellenbogen triumphiert. Und sie triumphierten in diesem Augenblick so lautstark, so voller Inbrunst, als würden sie ahnen, dass ihr Triumph nur von kurzer Dauer war.
Als das Gejohle und die Ausgelassenheit wieder einmal einem vorläufigen Höhepunkt zustrebte, da bog ein Mann aus einer Seitengasse und mischte sich, so schnell es ihm möglich war, unter die Menschen. Auch er trug ein Kostüm, das eines Harlekins, aber anders als die anwesenden Masken wirkte er keineswegs fröhlich sondern gehetzt und verkniffen. Eine Tatsache die aber niemand zu bemerken schien. Mit Ausnahme der beiden Mexikaner die ihm bedächtig aber unbeirrt folgten. 
Hätte Stanghuber nicht einen ganz bestimmten Mann gesucht, dann hätte er sich schon längst zuhause verkrochen und verbarrikadiert. Aber seit Stunden drehten sich seine Gedanken nur mehr um diesen einen Mann, ließen keinen Raum mehr für andere Überlegungen oder Auswege. Wie gebannt konzentrierte er sich nur noch darauf diesen Mann zu finden. Die Lösung aller Probleme. Die einzige Lösung! Er konnte alles aufklären, er musste alles aufklären können. Wenn er ihn nur finden würde! Alles, alles würde sich aufklären!
"Wenn man ihn mal nicht sehen will, dann steht er mit Sicherheit hinter der nächsten Ecke", fluchte er leise vor sich hin. "Aber wenn man ihn einmal wirklich braucht, dann scheint ihn der Erdboden verschluckt zu haben. Oh verdammt! Verdammt! Verdammt!! Ich muss ihn finden!"
Die Illusion es den Helden seiner Filme gleich zu tun und seine Verfolger lässig abzuschütteln hatte er längst aufgegeben. Wie so manche der Illusionen über seine vermeintlichen Möglichkeiten in den letzten Stunden lautlos verschwunden waren. Also klammerte er sich an das, was ihm noch blieb. Und suchte weiter.
Als Meixner und Daboli auf den Platz kamen, bemühte sich der berufliche Spaßvogel eben, drei der Musketier-Mädchen auf seine Bühne zu bekommen. Gerade als er sie endlich überredet hatte und sie unter dem Gejohle der Menge die provisorische Bühne erklommen, trennten sich die beiden Mexikaner. Joe blieb hinter Stanghuber während Meixner auf die Bühne zuging um ihm den Weg abzuschneiden.
Der Mann auf dem Wagen fragte die Mädchen eben danach, ob ihre 'Degen' denn echt wären, ob sie damit einen Mann verletzen könnten und ob sie ihre 'Degen' denn nicht zeigen wollten. Während jemand Meixner einen Pappbecher mit Bier in die Hand drückte verstand jeder auf dem Platz dank seiner Hinweise und Handbewegungen, dass er nicht tatsächlich von ihren Degen sprach. Denn dass seine begehrlichen Blicke in ihren bauschigen Blusen wühlten war nur zu offensichtlich. Aber da man sich, auch wenn das Narrentum regierte, in einem gesitteten Land befand, in dem sich die Menschen mit Andeutungen vollends zufrieden gaben, verblieb er bei den 'Degen' und bezweifelte nur weiterhin wortreich ihre Echtheit. Und er meinte, er halte jede Wette, dass es sich bei all diesen 'weiblichen Waffen' nur um harmlose Nachbildungen aus Plastik handle. Das war der Augenblick, in dem Meixner seinen Becher auf der Ecke der Plattform abstellte.
"Die Wette halte ich!" rief er laut genug, damit man ihn im Umkreis und auf der Plattform hören konnte. Dann lehnte er sich gegen den Wagen und sah hinauf.
Für einen kurzen Augenblick war der Mann dort oben überrascht, dass tatsächlich jemand auf seine Späße einging. Doch er fasste sich schnell. Zu Wort kam er trotzdem nicht. Denn im gleichen Augenblick trat eines der Mädchen nach vorne an die Rampe. Es war jenes Musketier-Mädchen mit dem dunklen Pagenkopf, dass Meixner bereits in Pensants Begleitung gesehen hatte und das ihm nicht nur aus diesem Grund aufgefallen war. Er hatte auch die lebendigen, schwarzen Augen bemerkt, das leicht spöttische Lächeln, das beständig auf den vollen, glänzenden Lippen lag. Und er hatte den Knauf ihres Degens bemerkt.
Jetzt zog sie, ohne ein Wort zu verlieren, den Degen aus der Scheide und ließ die Klinge einige Male aus dem Handgelenk in der Luft sirren. Mit einer eleganten Handbewegung setzte sie dem verblüfften Showman die stählerne Degenspitze an die Brust - und köpfte mit einer ebenso leichten Bewegung aus dem Handgelenk die Blume in seinem Knopfloch. Das Gejohle der Menschen war verstummt und überraschtem Staunen gewichen. Fast genau einen Augenblick lang hielt dieses Staunen, dann fasste sich der Mann auf der Bühne und schnappte nach Luft. Jetzt aber stieß sich Meixner von dem Wagen ab und lenkte so alle Aufmerksamkeit auf sich. Er ging weg und nun öffneten sie ihm bereitwillig eine Gasse.
"He! Sie! Warten Sie!" rief ihm der Mann nach. "Sie haben gewonnen! Und Ihr Bier! Wer sind Sie eigentlich?"
Bei den letzten Worten war Meixner stehen geblieben. Wie zufällig verdeckte der Sombrero fast vollkommen sein Gesicht, als er sich umwandte. Die Menschen waren rechts und links von ihm zurück getreten, und hatten so eine Gasse bis zur Plattform hin gebildet. Jetzt stand er fast zehn Schritte von seinem Becher entfernt, als er einer inneren Eingebung folgte.
Was dann geschah hatte niemand so genau gesehen. Ein ohrenbetäubender Knall erschütterte den Platz und der Pappbecher zerplatzte in tausend Fetzen. Bier regnete auf die Umstehenden, was keinem bewusst war.
Wie der Donner einer Urgewalt rollte das Echo an den Häusern vorbei, die Straße hinauf und wieder herunter.
Meixner steckt den Colt langsam und scheinbar ungerührt wieder in den Halfter.
Mit einem Schlag war es totenstill auf dem Platz. Entgeisterte Gesichtern starrten ihn an. Einer der Polizisten erholte sich schneller als alle anderen aus seinem Schock und begann sich durch die erstarrte Menge zu drängen. Meixner sah ihn aus dem Augenwinkel, doch bevor auch er seine Überraschung vollends abgeschüttelt hatte, begann der dunkle Mann, der die restliche Menge nicht nur wegen seinen Sombreros überragte, zu sprechen. Er sprach mit ruhiger, gleichmäßiger Stimme und er sprach nicht laut. Doch diese Stimme war eindringlich genug, damit jeder auf dem Platz seine Worte verstehen konnte. Es schien, als würde der Boden und die Luft seine Stimme tragen. Als würden die steinernen Figuren mit ihm sprechen und all die Dinge würden lebendig in einer einzigen Woge über den Platz hereinbrechen an deren Kamm sich machtvoll der große, dunkle Mann erhob.
"Wer ich bin ist nicht wichtig. Aber ihr sollt wissen, dass ich ein Freund Alexander Heymanns war - bis er ermordet wurde!"
Der Polizist blinzelte, als er sich an die Einsatzbesprechung für diesen Tag erinnerte. Dinge, die er damals nicht verstanden hatte und immer weniger begreifen konnte. Aber die Energie, mit der er sich durch die Menschen drängte, schien ihn plötzlich verlassen zu haben.
Im gleich Augenblick sah Meixner, wie sich ein Harlekin aus der erstarrten Menge drängte und so schnell und so unauffällig wie möglich versuchte in einer Zufahrtsstraße zu verschwinden. Nur wenige Augenblicke später bog ein schlanker Mexikaner ebenfalls in diese Straße während er in ein kleines Funkgerät sprach.
Karl Meixner wandte sich ab und folgte den Beiden gemächlich. Die Menschen wichen jetzt noch bereitwilliger vor ihm zurück, aber er beachtete sie nicht mehr. Seine Gedanken waren bei den drei Männern, die für ihn arbeiteten. Auch wenn jeder von ihnen durchaus einen Grund gehabt hätte um Heymann selbst zu töten, so waren sie doch die Besten, die er für diesen Job bekommen konnte.
Einer der Ersten, die in der Menschenmenge auf dem Platz wieder aus ihrer Erstarrung erwachten, war ebenfalls ein großer Mexikaner, aber er war kein stolzer Pistolero sondern ein einfach, zerlumpter Bauer, der im Zwielicht zwischen zwei Buden herumlungerte. Während die überraschte Menge begannen immer erregter die Ereignisse zu diskutieren und noch immer nicht wirklich verstanden, was sie gesehen hatte, stieg er zur Säule hinauf und betrachtete nachdenklich das plattgedrückte Projektil an der Steinstufe. Er löste es schnell und unbemerkt von dem Stein, wandte sich um und sah eben noch Karl Meixner um die Ecke verschwinden. In diesem Augenblick wusste nicht nur Christoff Pensant, dass dies alles schon lange kein närrisches Spiel mehr war.

Es war schon den ganzen Tag über nicht besonders hell geworden und die Nacht brach schnell herein. Unter der eifrigen Mithilfe des eisigen Windes vertrieb sie die Menschen von den Straßen. Die flüchteten in den Lokalen um sich für den Heimweg aufzuwärmen. Oder sie gingen nach Hause, um sich für eine nächtliche Runde durch die Lokale frisch zu machen.
Kurz vor zweiundzwanzig Uhr war wirklich so gut wie niemand mehr auf den Straßen zu sehen. Und wenn man durch Zufall doch noch jemandem begegnete, so waren diese Menschen vom Alkohol meist ganz besonders gezeichnet. Oder sie hatten besondere Gründe.
Offensichtlich gehörten die drei Männer in den Kostümen mexikanischer Pistoleros zur letzten Sorte, denn sie gingen langsam, als schienen sie es nicht besonders eilig zu haben. Nichts desto trotz wirkten sie zielstrebig, als sie schweigend einen kleinen Platz erreichten und ihn überquerten. Ihr vierter Mann trat aus dem Schatten einer Passage und kam ihnen entgegen. Sie alle wirkten ernst, waren sie doch konzentriert auf das, was sie in den nächsten Minuten beginnen wollten. 
"Ist er noch drinnen?" fragte Meixner.
"Würde ich sonst noch hier in der Kälte stehen?" brummte Iwan als Antwort und verzog sein Gesicht zu einer Grimasse. "Außerdem hätte ich euch längst benachrichtigt, wenn er aufgetaucht wäre. Wozu schleppe ich denn dieses Ding mit mir herum."
Er schob den Umhang etwas zur Seite und ließ das am Gürtel befestigte Funkgerät sehen.
"Gut", murmelte Meixner. "Dann bringen wir es zu Ende."
Er fasste seinen Umhang enger und wandte sich um.
"Joschi?"
Der angesprochene nickte nur und ging schnell die Straße zurück, die sie eben gekommen waren.
"Iwan?"
Auch er nickte nur. Er kannte seine Position und beeilte sich den Platz hinauf zu laufen.
Karl Meixner streckte sich durch, als er zusah, wie die beiden Männer von der Dunkelheit der Straßenecken verschlungen wurden und atmete langsam und bedächtig tief durch. Dann rückte er wieder einmal seinen Colt zurecht und sah noch einmal nach, ob die Bullpeitsche auch ordentlich befestigt war.
Sein Gesicht war um noch eine Spur gleichgültiger geworden, als er sich dem dritten seiner Männer zuwandte. Joe nickte zur Bestätigung des lautlosen Befehls und sie setzten sich ohne Eile in Bewegung. Den nächtlichen, menschenleeren Platz überquerten sie und gingen durch den hell erleuchteten Eingang in die Kellerbar.

Josef Stanghuber saß an der Theke, quetschte sie mit seinen großen Händen und kochte innerlich vor Wut. Obwohl er schon seit einiger Zeit nichts anderes mehr tat als herum zu laufen und zu trinken, wollte er jetzt, auf der Stelle, noch etwas haben, mit dem er seinen Ärger hinunter spülen konnte.
Alles lief schief. Ach was, noch schiefer konnte es gar nicht mehr laufen. Pensant war wie spurlos vom Erdboden verschwunden. Susanne Goldenberg hatte wegen irgend einem familiären Streit die Stadt verlassen müssen und würde erst in ein paar Tagen von ihrer Familie zurück kommen. Und dann hatte er zu allem Überfluss noch ein paar seiner sogenannten Freunde getroffen, die nicht im Traum daran dachten, ihm gegen diese Fremden ein wenig zur Seite zu stehen. Nun, zumindest hatten sie ihm nicht offen ins Gesicht gelacht, aber sie hatten ihm zu verstehen gegeben, dass in ihren Augen alles halb so schlimm war und sich schon irgendwie einrenken würde. Jedenfalls war sie alle das kein Grund um sich beim Saufen stören zu lassen. Was er vorbringen konnte. Aber er konnte auch niemandem davon erzählen, was er da mit sich herum schleppte.
Er wollte jetzt, auf der Stelle, etwas zu trinken! 
Irgendwo musste doch dieser verdammte Trampel von Kellnerin sein!
Unruhig wippte er mit dem Hocker hin und her. Beugte sich über die Theke und hielt Ausschau nach der Bardame. Die Metalleinfassung der Theke stöhnte, so bearbeiteten seine Hände sie jetzt. Und wenn sie nicht bald auftauchte, dann würde er seiner Wut freien Lauf lassen. Das war ihm insgeheim nur recht. Mit einem Mal fühlte er in sich ein brennendes Verlangen, das ihn beinahe dazu zwang etwas zu zerquetschen, zu zerstören, zu zerschlagen. Eine Hitze, angefeuert durch den schon konsumierten Alkohol, eine Kraft, die seinen Körper durchrieselte, ihn wachsen lies und seine Augen für einen Augenblick strahlen. Nur für einen Augenblick. Denn im nächsten Augenblick sackte das flackernde Feuer zusammen zu einen Häufchen Asche und begrub ihn unter sich. Selbst die Worte blieben ihm im Hals stecken, als die Bardame endlich kam. Instinktiv machte er sich klein und versuchte sich hinter dem Rücken des Nachbarn zu verstecken so gut es ging.
Langsam und bedächtig sahen sich die beiden Männer unter der Tür um. Es wirkte aber nicht einmal so, als würde sie jemanden suchen. Und als sie durch das Stimmengewirr an der alten Musikbox vorbei kamen wirkte das auf niemanden außergewöhnlich oder gar bedrohlich.
Aber Josef Stanghuber wusste es besser. Auf ihn wirkten die beiden Männer betäubend wie ein Schlag auf den Kopf. Immer wieder hatte er sich eingeredet, sie würden beim Verlassen des Lokales verschwunden sein. Er musste sie nur lange genug warten lassen.
Jetzt traten sie einfach durch die Tür. Stellten sich neben ihn. Einer auf jeder Seite. Nahmen ihn für alle sichtbar in die Mitte und schienen ihn doch nicht zu bemerken.
Es wurde nicht wirklich still in dem Lokal. Schon weil die antike Musikbox weiter dröhnte. Aber die anderen Gäste ließen doch ihre Gespräche verebben. Wenngleich sie sich auch alle Mühe gaben, nicht zu den Dreien hinzusehen. Die Besucher des Lokales waren wie die Menschen den ganzen Tag über. Sie gaben nur zu deutlich zu verstehen, dass sie nichts sehen würden, dass sie nichts sehen wollten und das sie nicht in diese Sache verwickelt werden wollten. Auch wenn sie nicht wirklich weg sehen konnten. Denn dazu war das Geschehen zu ungewöhnlich und ihre Neugierde zu groß.
Die Menschen waren es gewohnt, zuzusehen ohne eingreifen zu können oder zu müssen. Zwar kam die Spannung diesmal nicht aus der Flimmerkiste, was für viele die Sache nur noch aufregender machte, aber sie waren so erzogen. Sie hatten zu konsumieren und nicht zu agieren. Und dass sie erst nach dem Ende, wenn überhaupt, darüber nachzudenken brauchten, wenn sie es überhaupt wollten, warum und wieso und weswegen und weshalb. Denn der Täter wurde vom Polizisten sowieso immer gefasst und der Fall aufgeklärt. 
Kontemplation war schon lange als konsumfeindliches Verhalten entlarvt worden, zumal Konsumation zum höchsten Gut erhoben wurde.
Was von Stanghubers Vernunft zu diesem Zeitpunkt noch nicht durch Alkohol gelähmt war wurde nun durch seine Panik ausgeschaltet. Er fühlte, wie plötzlich eine Übelkeit in ihm aufstieg, die ihm die Kehle zuschnürte. Im nächsten Augenblick verwandelte sich diese Übelkeit in Energie und er stieß die beiden Männer zur Seite, warf sich herum und rannte zur Tür hinaus. Die Stufen nahm er so schnell er konnte, und stolperte. Schlug sich Knie und Ellenbogen auf. Zerrte sich am Handlauf wieder hoch und taumelte mehr aus dem Haus als er lief. Ohne sich umzusehen, stürmte er über die Straße und lief den kleinen Platz hinauf. So schnell er konnte. Denn dank der langen Schuhe war er mehr um sein Gleichgewicht bemüht als um seine Schnelligkeit. Diese Schuhe, die ihm Susanne Goldenberg eingeredet hatte. Seine Susanne! Und er dankte es ihr mit einem Schwall von halblaut gekeuchten Flüchen, die er gleichmäßig auf die Schuhe und seine innige Geliebte verteilte.
Am Ende des Platzes schwenkte er in eine kleine Seitengasse, die links abging. Ein paar Meter weiter in dieser Gasse kreuzte sie sich wieder und er bog schnaubend rechts ab in eine noch engere Gasse. Nach wenigen Metern wurden seine Schritte langsamer, bis er nur noch ging. Erleichterung durchflutete ihn, als er einige Male rasselnd durchatmete. Endlich, endlich hatte er sie abgeschüttelt!
In eine kleine Zufahrtsgasse warf er nur einen kurzen Blick, und blieb wie angewurzelt stehen.
Er blinzelte.
Ein Mexikaner lehnte nur wenige Schritte entfernt im Schatten an einem Bretterzaun. Für einen kurzen Augenblick konnte Stanghuber sein Gesicht sehen, als das Licht eines Feuerzeuges aufflammte.
Er sah nach vorne. Jetzt, wo er wusste, wonach er suchte, fand er den Mann schnell, der im Schatten einer Steinmauer langsam auf ihn zu kam. Stanghuber fuhr herum und prallte zurück vor dem riesigen Mexikaner, der nur wenige Schritte hinter ihm aufdringlich mitten auf der kleinen Gasse stand. Die Arme des klar umrissenen Schattens waren nur von den Ellenbogen an zu sehen. Die Unterarme steckten unter dem Umhang. Vielleicht hatte er nur die Daumen in der Gürtelschnalle eingehakt, aber Stanghuber meinte unter dem Umhang das Metall einer Waffe erkennen zu können. Mit einem schnellen Blick überzeugte er sich, dass er in der Falle saß. Langsam, beinahe andächtig, näherten sie sich ihm jetzt. Alle drei hatte die Hände nun leicht auf den Griffen ihrer Waffen liegen, wie er das aus den klassischen Western kannte, und er sah noch immer keinen Ausweg. Dass er eigentlich hätte um Hilfe rufen, schreien können, das fiel ihm gar nicht ein. Dafür prallten zwei andere Gedanken in seinem gehetzten Gehirn zusammen.
Auch er trug eine Waffe bei sich. Er konnte sich verteidigen!
Und ihm fiel auf, dass der schmächtige Mann vor ihm in einer langgestreckten Linkskurve ganz an der rechten Seite, auf dem Gehweg ging, damit er im Schatten blieb. Das hatte in der kleinen Straße zwar wenig zu bedeuten, aber es ergab zumindest eine Möglichkeit.
So schnell wie nur ein gejagter und verschüchterter Mensch es kann, ergriff er diese Chance. Er warf sich nach vorne und rannte los.
Und wieder war da dieses wunderbare Gefühl, dass er sie durch seine Schnelligkeit völlig überrascht hatte. Auf jeden Fall reagierten sie fahrlässig, ja geradezu idiotisch langsam. Er aber rannte um sein Leben, schon war er an dem Mann vor sich vorbei und entkam so ihrer Falle. Die Kurve innen entlang und hinaus in die große Hauptstraße. Dort hielt er einen Augenblick an und sah sich verzweifelt um.
Die mäßig schnellen Schritte seiner Verfolger kamen näher. Und mit einem betäubenden Schlag erkannte er, was sie schon längst wussten: Er konnte ihnen nicht entkommen. Nicht mit diesen Schuhen!
Doch blind vor Panik versuchte er es noch einmal indem er seine letzten Kräfte aufbot.
Sein Magen schmerzte. Er legte keuchend die Hand darauf und was er dabei fühlte, brachte ihn auf eine Idee. Er war sich sicher, dass dies die erste wirklich gute Idee an diesem Tag war, denn was schon einmal funktioniert hatte, dass musste auch ein zweites Mal klappen. 
Es musste klappen!
Instinktiv hatte er bereits die richtige Straßenseite gewählt, also rannte er weiter, die Straße hinauf, bis er zu einer kleinen Treppe kam, die von der Straße links ab, den Berg hinunter führte. Er taumelte die ausgetretenen Stufen hinunter, rutsche über den Riesel, unter einer Laterne durch, um eine Kurve und verschwand im undurchdringlichen Dunkel des Waldweges.
Im Schatten unter den Bäumen blieb er stehen und atmete einige Male tief in seine stechenden Lungen um seine Übelkeit und seine Nerven wieder in den Griff zu bekommen. Mit zitternden Händen wühlte er in seinem Kostüm und brachte endlich den .38 Colt aus dem Hosenbund.
Dass nur noch fünf todbringende Geschosse in der Trommel glänzten sah er nicht. Er interessierte sich auch nicht für die sechste, ausgebrannte Hülse, die in einer Kammer steckte.
Noch einmal atmete er tief durch und versuchte sich an seine Militärzeit zu erinnern. 
Die Beine spreizen und etwas in die Knie gehen, den Oberkörper nach vorne lehnen und mit beiden Händen die Waffe ins Ziel halten.
Ganz deutlich konnte er jetzt die schnellen Schritte seiner Verfolger hören. Nur noch wenige Stufen konnten sie von der Kurve, von der Lampe trennen. Er hielt den Atem an.
Hahn spannen. Kopf zurück. Kimme und Korn. Atmen!
Jetzt mussten sie kommen.
Jetzt!
Mit einem scharfen Knall wickelte sich das Peitschenende um den Colt und er wurde mit unwiderstehlicher Wucht aus Stanghubers verkrampften Händen gerissen.
Der war so überrascht, dass er der Länge nach hinfiel. Auf dem Bauch liegend sah er auf zu dem riesigen, dunklen Schatten zwischen den Bäumen, zu dessen Füßen matt schimmernd seine Waffe lag, seine letzte Rettung.
Da waren auch schon zwei der anderen da. Der große Schatten machte einen Schritt nach vorne und hob noch einmal die Peitsche. Klatschend zog sie sich über die Brust des verdreckten Harlekins. Zerriss das Kostüm und zog eine blutige Schramme, die der wimmernde Mann mit vor Schrecken geweiteten Augen nicht einmal bemerkte.
Selbst im Zwielicht des Schattens war es unmöglich zu übersehen. Das blanke Gold des Amulettes glitzerte nicht nur im fahlen Licht, es schien in einer Explosion auf Glanz und Funken auf sich aufmerksam machen zu wollen.
Der Schatten nahm die Peitsche in die andere Hand und trat einen weiteren Schritt auf ihn zu. Mit der nun freien Rechten fasste er unter seinen Umhang. Stanghuber hatte so seine Ahnung und seinen Schrecken. Aber er verstand nicht, was er da sah. Die Hand kam mit einem Tuch wieder hervor. Stattdessen bückte sich der Schatten jetzt und nahm den kleinen Colt mit dem Tuch auf. 
Langsam hob er den Lauf. Eben hatte er noch auf den Boden gezeigt. Aber jetzt bereits auf seine Beine, auf seinen Bauch. Immer höher wanderte die Mündung. Langsam. Dabei war es unwirklich still. Sie sprachen kein Wort. In tödlicher Stille vollbrachten sie ihre Aufgabe.
Die Rache für Alexander Heymann.
Als die Mündung seiner rechten Schläfe bedenklich nahe kam verstand er mit einem Mal ihren Plan. Doch dieser Gedanke brachte ihn wieder ins Leben zurück. Im Aufspringen schlug er die Waffe zur Seite und rempelte durch die Männer hindurch zur Treppe. Sie schienen so überrascht von seinem Versuch des Widerstands, dass keiner von ihnen reagierte. Oben an der Treppe stand zwar der vierte der Männer, aber auch er wurde ohne nennenswerte Gegenwehr zur Seite gestoßen.
Josef Stanghuber lief.
Er stolperte, fiel hin, rollte gegen eine Gartenmauer und schlug sich blutig. Irgendwie schaffte er es sich wieder auf die Beine zu ziehen und rannte weiter. Seine Brust brannte, als würde bereits heißes Blei ihn durchbohren. Er schmeckte das Blei in seinen trockenen Mund. Seine Beine wurden schwer. Immer schwerer. Schwer wie Blei.
Wieder fiel er hin.
Wieder stand er auf.
In seinen Ohren, in seinem Kopf dröhnte das gleichmäßige Geklapper der Stiefel seiner Feinde. Hämmerte jeden Gedanken zu Brei.
'Oh Gott', flehte er stumm, 'lass es um Himmels Willen nur einen Traum sein. Das kann doch nicht wirklich sein! Das kann nicht wahr sein! Nein! Bitte! Bitte!!'
Er fiel wieder hin, schlug auf und wurde sich schmerzhaft bewusst, dass es kein Traum war. Aber er nahm den Schmerz nur mehr verschwommen war. So wie die Bilder nur mehr verschwommen in sein Gehirn drangen. Teils aus Angst, teils weil er fühlte, wie ihm die Tränen aus den Augen rannen. Er fühlte diese unendliche Hoffnungslosigkeit, diese überwältigende Müdigkeit und wünschte sich nichts sehnlicher, als einfach stehen zu bleiben. Sollten sie es doch zu Ende bringen. Nichts wünschte er sich inniger. Doch das gleichmäßige Geklapper der Stiefel drang klar und mit der Wucht von Hammerschlägen in seine Gedanken. Tödlich dumpf zermalmte es seine Gedanken, übertönte sie und trieb ihn vorwärts. Hielt ihn auf seinen taumelnden, brennenden Beiden von einem der riesigen, schlanken Bäume, die wie düster drohende Wächter seinen Weg vorzeichneten, zum nächsten.
Eben noch drohende Gestalten in der Nacht, blieben die Bäume plötzlich im Schwarz der Nacht zurück und er stolperte wieder. Diesmal fiel er gegen einen großen, glatten Gegenstand. Mühsam riss er seine verschwollenen Augen so weit auf, bis er sah, woran er sich klammerte.
Er erkannte das Fahrzeug und prallte zurück.
Nur mehr wenige Meter konnten sie hinter ihm sein. Aber trotz seiner grenzenlosen Verwirrung erkannte er seine letzte Chance.
Er taumelte die Treppe hinauf und stürzte in das Gebäude, dass die Türen gegen die Wände knallten. Der Polizist am Pult sah ihn verschlafen und höchst verwundert an. Ihn, diesen verheulten und dreckigen, diesen zerrissenen Harlekin, der ihm gegenüber an der Wand lehnte und nach Luft japste. Und er glaubte noch immer zu träumen, als er hörte, was dieser Mann mit dem kostbaren Kreuz unter der zerfetzten Jacke von ihm wollte.
"Helfen Sie mir!"
"Ja, aber ..."
"Sie wollen mich umbringen!"
"Und sonst haben Sie uns nichts zu sagen?"
Neben der Portier hatte sich eine Tür geöffnet. In dem Raum dahinter brannte Licht, es war angenehm warm und man roch den Duft von frischem Kaffee.
"Sie müssen mir helfen!" stammelte Stanghuber überrascht.
Aber der Mann in dem Türrahmen rührte sich nicht. Blockierte schweigend die Tür. Gegen den goldhellen Raum zeichnete sich nur seine Silhouette ab. Die Silhouette eines Fasses auf dem jemand eine Bowlingkugel platziert hatte. Er war um mehr als einen Kopf kleiner als der zerrissene Harlekin, aber er versperrte ihm den Weg in die Sicherheit.
"Sie werden uns schon ein wenig mehr erzählen müssen, wenn Sie erwarten, dass wir Ihnen helfen." 
Es war Josef Stanghuber inzwischen völlig egal, was weiter geschehen würde. Er hatte auch keine Ahnung mehr, wie es weiter gehen sollte. Und von dem, was geschehen war, hatte er nur eine wage Vorstellung. 
Was hätte er dafür gegeben, sich erinnern zu können. Wenngleich, allmählich meinte er doch zu wissen, was geschehen war. Er begann sich zu erinnern, er wollte sich erinnern.
"Ich - ich habe Alexander Heymann ermordet. Ich glaube es zumindest. Sie müssen mich verhaften. Sie müssen!" stammelte er, während er mit letzter Kraft auf den runden Kommissar zu stolperte. Nun machte der ihm Platz und führte ihn in die hell erleuchtete Wachstube.

Der Aschermittwoch zeigte sich von seiner besten Trauerseite. Wie eigens zu diesem Ereignis schien der Wind gedreht zu haben und blies nun von Norden. Noch eisiger als sonst jagte er die düsteren Wolken in scharfem Galopp über die Stadt.
Der einsame Mann hatte seinen dunkelgrauen Wollmantel zugeknöpft bis oben hin und den Gürtel fest gezogen. Aber sonst schien er den eisigen Wind nicht zu fühlen.
Mit hängenden Schultern, in seinem Haar die verspielten Finger des Windes, sah Karl Meixner nachdenklich in die kleine Stadt hinunter.
Er erkannte die Stadt wieder, in der er aufgewachsen war. Wenngleich sich auch in den Jahren viel verändert hatte. Und er verstand diese stille, raue Schönheit, von der er als Kind nichts bemerkt hatte.
Man hatte den Eindruck, als könnte man von diesem Platz, am oberen Ende des Friedhofes, die ganze Stadt überblicken. Doch Meixner wusste, dass die kleine Stadt längst ihre gesichtslos modernen Vorortsiedlungen über den Rand des Talkessels hinaus gestreckt hatte. Doch hier vor ihm lag der Kern mit seinen alten Gebäuden, seinen Plätzen und Gassen, wie abgeschirmt von der großen Welt, wie eine eigene, geheime kleine Welt inmitten eines mystischen Landes, das selbst ein einziges Geheimnis war.
Der große, einsame Mann oben auf dem Hügel sah vorbei an den alten und neuen Grabsteinen. Vorbei an den protzigen und schlichten, an den steinernen und an den schmiedeeisernen Denkmälern. Vorbei an den hohen Linden, die eine Hälfte des Gottesackers von der anderen Hälfte trennten.
Ob es wohl einen Grund für die Trennung von oben und unten gab? Lagen die im oberen Teil, die im Leben schon besser gestellt gewesen waren? Kamen die, die oben langen vielleicht auch schneller in den Himmel? Wenn dem so war, dann kam Alexander Heymann geradewegs dorthin. Nur Karl Meixner glaubte weder an die Existenz des einen oder dessen Gegenteil. Doch wenn es sie wirklich gab, dann hatte Heymann seiner Meinung nach den Himmel verdient. Zwar hatte er die Gesetze der Menschen gebrochen - oft genug. Doch wenn er es getan hatte, dann meist nur, um anderen zu helfen. Wenngleich auch niemand sagen konnte, er hätte dabei auf sich selbst vergessen. Getötet hatte er, soweit Meixner wusste, niemals. Vielleicht, wenn sein eigenes Leben oder das anderer in Gefahr gewesen wäre. Aber selbst dann hätte Heymann in seiner unerschöpflichen Trickkiste einen anderen Ausweg gefunden. Seine Unentschlossenheit bei Frauen und sein beharrlicher Drang nach Freiheit konnten ihm ein Stein auf dem Weg sein. Aber Meixner sagte sich, dass es, wenn es wirklich einen Himmel gab, auch eine höhere Instanz geben musste, die seine tieferen Beweggründe kannte.
Schon vor langer Zeit hatte ihm Heymann erklärt, dass es nicht internationaler Friede und Abrüstung war, was den Menschen fehlte. Das würde letztendlich ganz von selbst kommen. Nicht immergrüne Wälder, warme Sommer und schneereiche Winter. Nicht ein voller Bauch und ein Eigenheim mit Garten und Pool. Den Menschen fehlte eine warme Hand, wenn sie froren. Ein Mund, der ihnen Mut zusprach, wenn sie am Verzweifeln waren. Ein warmer Körper, an dem sie sich verkriechen konnten, wenn sie Angst hatten. Und Angst hatten die Menschen nur all zu oft, auch wenn sie es sich nicht einzugestehen wagten. Angst vor Verlust und vor Veränderung, Angst vor Krankheit, Alter und Tod. Angst vor der Angst. Das wusste Alexander Heymann und er versuchte ihnen diese Angst zu nehmen. Indem er sie den Menschen bewusst machte oder ihnen einfach nur das gab, wonach sie seiner Meinung  verlangten.
Wie dem auch immer war, gab es einen Himmel, dann hatte ihn sich Alexander Heymann verdient. Aber Karl Meixner hielt es für besser nicht daran zu glauben. Denn sollte es ihn tatsächlich geben, so würde bei ihm selbst die Bewilligung zur Einreise höchst wahrscheinlich nicht so ohne weiteres ausgestellt werden. Obgleich auch er meinte, für alles, was er getan hatte, eine gute Rechtfertigung zu besitzen. Oder waren es bei ihm - anders als bei Heymann - vielleicht nur Vorwände? Schlicht Gedankenlosigkeit und Hochmut?
Meixner verscheuchte die trüben Gedanken, zog frierend die Schultern hoch und wandte sich wieder dem Begräbnis zu.
Nur sechs Menschen standen um das offene Grab. Der Priester und sein Ministrant, zwei Totengräber, Angela Heymann und ein Mann, den Karl Meixner noch nie zuvor gesehen hatte. Aber selbst auf diese Entfernung sah er aus wie ein Sachverständiger, ein Notar oder sonst eine hinterlistige Amtsperson. Jemand, dessen Beruf es war, auch ganz sicher zu bezeugen, dass Heymann wirklich tot war.
Meixner selbst hielt sich abseits. Über ihm wölbte sich eine riesige, alte Linde, die jetzt, im trüben Februar, wohl eher den Tod symbolisierte als das Leben. In ihr turnte unbemerkt der rötliche Schatten eines Eichkätzchens. Neugierig blieb es immer wieder sitzen um den großen Mann unter sich zu beäugen und um festzustellen, ob er eine Gefahr darstellte oder ob es lohnte, zu betteln. 
Auf dem Weg außerhalb der Friedhofsmauer hielt ein Wagen. Allein dem Klang nach schloss Meixner, dass er sehr alt, verbeult und verrostet war.
Der Wind schickte einen heftigen Abschiedsgruß zu dem Sarg hin. Ob er damit wohl dem Toten eine Freude machen wollte, der manchmal mit dem Wind gesprochen hatte, wie mit einem Bruder? Den Lebenden sicherlich nicht. Eng rückte die Gruppe um das offene Grab zusammen. Beinahe sah es so aus, als machten sie sich bereit, selbst in diese Grube hinab zu steigen.
In eine Welt, die wir sonst nur im Traum zu sehen bekommen. So hatte sie Heymann einmal genannt. Aber er hatte nie ausgeführt, ob er damit die süßen Träume in den Armen einer glücklichen Frau meinte oder seine Alpträume, die häufig auftraten und von denen er niemals zu erzählen pflegte.
Meixner meinte sogar zu hören, wie sich das Tor in die andere Welt knarrend öffnete. Und er hatte sich nicht getäuscht. In seinen rostigen Angeln rumorend öffnete sich das schmiedeeiserne Tor am Eingang. Wie meist verfing sich der Wind und krachend schlug es gegen die bereits abgeschundene Wand in der die nackten Ziegel schon bloß lagen. Der Mann bekam das Tor wieder zu fassen und drückte es ins Schloss. Die Frau sah dem Mann zu und versuchte die lockige Fülle ihrer goldenen Haare unter einem Kopftuch zu verbergen. Eine Bemühung, die angesichts des Windes vergeblich, wenn nicht lächerlich war.
Als die Beiden auf ihn zukamen, erkannte er neben Susanne Goldenberg auch den Mann. Christoff Pensant trug keine Kopfbedeckung und er schien die Witterung bewusst zu ignorieren. Aber er trug einen weiten, dunklen Umhang ohne Ärmel.
"Schönen guten Morgen Herr Meixner", sagte Susanne Goldenberg und es klang nicht nur für diesen Ort zu künstlich, zu fröhlich.
Meixner nickte ihr zu und bemerkte, dass sie um vieles munterer und ausgeschlafener wirkte als Pensant. Nichts von der Kraft, die von ihm ausging, und seiner offensichtlichen Präsenz hatte er verloren, aber auf Meixner wirkte er übermüdet und ein wenig verwundert.
"Ich habe nicht angenommen, dass du so lange bleiben würdest", kam dann auch zur Begrüßung von ihm.
"Ich kenne Alexanders Anordnungen."
Es tat gut zu sprechen. Aufzutauchen aus den unergründlichen Tiefen der Gedanken, die sich ja doch immer wieder nur im Kreise drehten wie ein Strudel und ihn nur nach unten zogen. Vor allem aber tat es gut mit Pensant zu sprechen. Obwohl er noch immer nicht begriff, was ihn mit diesem Menschen verband, so schien der andere doch genau so zu fühlen. Auch wenn er in diesem Augenblick noch ein wenig überraschter wirkte als zuvor.
"Du kennst Alexanders Anordnungen?"
"Er wollte immer schon bei Sonnenaufgang begraben werden. Damit nur die Menschen dabei sind, die es wirklich betrifft und nicht diejenigen, die nur gehen, weil sie glauben, dass man von ihnen erwartet, dass sie gehen sollten. Und seinem Wunsch, dass am Vorabend seiner Beerdigung keiner seiner Freunde nüchtern bleiben sollte bin ich ebenfalls nachgekommen."
Pensant sah ihn für einen Moment nachdenklich an, als würde er auf etwas warten. Aber nur der Priester klappte sein Gebetbuch zu, aus dem er die ganze Zeit über heruntergeleiert hatte. Dafür setzte er an und sprach noch ein paar letzte Worte. Keiner hatte ihn darum gebeten, aber da sonst niemand da war, fühlte er sich dazu berufen. Der Wind riss ihm diese letzten Worte von den Lippen und ein paar der Bruchstücke trieb er zu den beiden Männern und der Frau unter dem Baum.
"... verdientes Mitglied unserer Gesellschaft, der ..."
Beide Männer konnten sich ein schiefes Grinsen nicht verkneifen. Gerade dagegen hatte er sich sein ganzes, kurzes Leben lang gewehrt. Ein Mitglied dieser Gesellschaft zu sein. Ein verdientes noch dazu.
Heymann würde sich wohl im Grabe umgedreht haben, wenn er schon darin gelegen hätte.
"Ich glauben, du solltest uns jetzt allein lassen", meinte Pensant über die Schulter zu der jungen Frau neben ihm. Doch die war viel zu aufgekratzt um daran auch nur zu denken. Kokett widersprach sie: "Jetzt hab' ich endlich einmal gleich zwei so tolle Männer so dicht bei mir, da wäre ich doch schön dumm, wenn ich das nicht auskosten würde."
Die beiden tollen Männer wandten den Kopf und sahen sie an. Und was ihr da entgegen schlug hatte sie noch niemals empfunden. Und niemals mit solcher Intensität. Es war nicht Ablehnung, was ihr da entgegen schlug, es war Mitleid und ein wenig Abscheu und dieses Gefühl war intensiver als alles, was ihr jemals begegnet war. Das war nicht die Übereinstimmung zweier Männer, es war das Gefühl eines einzigen, machtvollen Wesens. Es schlug geradewegs über ihr zusammen und fegte sie wie eine Woge hinweg. Brach jeden Widerstand und ließ sie unwillkürlich zwei Schritte zurück machen. Brummelnd wandte sie sich ab und ging missmutig auf die Gruppe der Trauergäste zu. Die beiden Männer aber sahen sich an und in ihren Gesichtern lag blanke Verwunderung. Dieses Gefühl der Verbundenheit, eins zu sein in einer Gemeinschaft, die nur eins war, weil sie jede Individualität aufhob, das sie durchflutet hatte, war atemberaubend gewesen. Anscheinend nicht nur für Meixner, denn auch Pensant stand wie vom Donner gerührt.
"Wir müssen reden!" presste Meixner heiser hervor. "Irgend etwas geht hier vor, dass - dass ich absolut nicht begreife."
Unmerklich zauberten seine Worte ein leises Lächeln auf Pensants Gesicht.
"Ich begreife auch nichts", antwortete der ihm leise. "Aber ich glaube ich beginne zu verstehen."
Meixners dunkle Augenbrauen wanderten fragend nach oben, aber Pensant winkte stumm ab und wandte sich der Gruppe um das Grab zu.
"Bevor wir versuchen uns über etwas klar zu werden wofür wir beide keine Worte finden, solltest du ein wenig mehr über Alexander und sein Begräbnis erfahren."
"Zum Beispiel, warum in seinem Fall zwei Totengräber reichen um den Sarg eines ausgewachsenen Mannes zu tragen und hinunter zu lassen?"
Mit einem Mal sah Meixner vieles klarer.
"Vielleicht sind unsere Totengräber hier kräftiger gewachsen?" schlug Pensant als Lösung vor und unterstrich dies mit einer wagen Handbewegung hin zu den beiden dürren, schwarzen Gestalten, die unter dem Ansturm des Windes schwankten. Aber Meixner hatte einen anderen Vorschlag und er war selbst verwundert darüber, dass er erst jetzt verstand, was doch so offensichtlich schien.
"Oder der Sarg ist leer."
"Der Sarg ist nicht leer", antwortete Pensant schnell und bestimmt.
"Möglicherweise ist der Sarg nicht leer. Aber es ist zumindest kein Mensch da drinnen."
"So würde ich das auch nicht bezeichnen."
Karl Meixner stellte seine Spekulationen ein und wartete. Er war sich sicher, dass Pensant ihm mitteilen würde, was er wissen wollte. Wenn er die Zeit für gekommen hielt.
"Es gibt in diesem Land ziemlich strenge Umweltgesetze", begann der schlanke Mann nach einer langen Pause. "Und das ist auch gut so", fuhr er nachdenklich fort, "denn die Menschen haben jedes Gefühl für ihre Wurzeln verloren. Nur manchmal, da muss man etwas tun, was der Reinhaltung der Luft eigentlich widerspricht. Nun, Alexander war der Ansicht, dass ein Körper, der aussieht wie ein Stück Holz und der sich anfühlt wie ein Stück Holz ..."
"... auch verbrannt werden sollte, wie ein Stück Holz."
Pensant nickte und schwieg wieder während sie beobachteten, wie der Sarg in die feucht schimmernde Erde gelassen wurde.
"Das Feuer hat sich seinen Teil heute Nacht geholt", erzählte Pensant dann ruhig weiter. "Mit ihm der Wind. Das Wasser hat seinen Teil heute morgen bekommen."
"Und nun, zuletzt, die Erde", nickte Meixner und erinnerte sich. "Alexander war immer überzeugt davon, dass nichts verloren geht, das nichts zerstört werden kann. Wenn eine Form zerbrochen ist, dann geht sie zurück in den Kreislauf der Natur, wird aufgelöst und geht neue Verbindungen ein. Energie kann sich wandeln, aber sich nicht aufbrauchen. Kein Alexander. Es gab niemals vorher einen wie ihn und es wird ihn niemals wieder geben. Es wird vielleicht einen geben, der ihm ähnlich ist, in Gedanken und Worten. Vielleicht wird es viele geben, die ihm ähnlich sind. Den Menschen wäre es zu wünschen. Er ist gegangen und trotzdem ist er da. Kein Abschied. Keine Trennung. Kein Tod. Keine Angst vor dem Tod. Keine Einsamkeit. Keine Furcht. Keine Gemeinschaft und doch keine Trennung."
Die Menschen hatten den Friedhof verlassen ohne die beiden Schatten unter dem großen Baum zu bemerken. Der Wind zerrte an ihrer Kleidung und das kleine, pelzige Tierchen über ihnen drückte sich bequem in eine Astgabel.
Pensants Hand schob sich unter dem Umhang hervor und hielt dem großen, dunklen Mann ein sorgsam verschnürtes Paket entgegen. Meixner nahm es entgegen und sah sein Gegenüber überrascht an.
"Alexander hat ein Duplikat anfertigen lassen. Das Original hat er niemals getragen, es schien mir fast so, als hätte er Angst davor. Aber ich dachte mir, wenn es jemandem gehört, dann dir."
"Du dachtest doch, ich wäre schon weg."
"Wir werden uns schon noch über den Weg laufen, Karl Meixner. Ich bin überzeugt, wir werden uns noch oft über den Weg laufen."
Mit diesen Worten wandte er sich ab und verließ den Acker, in den die Menschen sich selbst säten. Er ging wie ein Mann, der genau wusste, wohin er zu gehen hatte, der es aber nicht eilig hat dorthin zu kommen. Wie ein Mann, der es niemals wieder eilig haben würde. Und er ging ohne sich umzusehen.
Als er das Tor hinter sich schloss begann es zu schneien. Immer mehr Flocken trieb der Wind vor sich her. Beinahe waagerecht ließ er sie vor sich tanzen, bis die ganze Welt von einem leichten, weißen Schleier bedeckt war.
Ungeachtet des Schnees, des eisigen Windes und der feierlichen Umgebung turnte das pelzige Tierchen wieder durch den Baum. Man hätte meinen können, es wäre das einzige und letzte lebende Wesen an diesem stillen, von Menschen gemiedenen Ort. Aber da hätte man sich getäuscht.
Die Hände hatte er tief in den Taschen vergraben und starrte bewegungslos zu dem Grab hin. Der Sarg war verschwunden. Ebenso wie die Menschen. Nur die frische, braune Erde leuchtete feucht zu beiden Seiten. Doch auch auf ihr blieben bereits Flocken liegen, ohne zu schmelzen.
Die Trauergäste und allen voran der Priester hatten auf den Schwingen dieses eisigen Windes den Friedhof schnell und schweigend verlassen. 
Irgendwann setzte sich der Mann in Bewegung. Doch steifbeinig wie er ging ähnelte er mehr einer Maschine, denn einem lebendigen Wesen. Er ging langsam und er ging schwerfällig, so, als wäre er müde. So wie ein Mann müde ist nach einem langen, anstrengenden Marsch. Wenn das Ziel zum greifen nah vor ihm liegt und sich herausstellt, dass dieses Ziel, wieder einmal, all die Mühe nicht wert war.
Es war nicht weit bis hin an das Grab. Trotzdem benötigte er einige Zeit für diesen Weg. Und einige Überwindung.
Unter ihm leuchtete das feuchte Holz und die glänzenden Messingbeschläge. Lange betrachtete er versonnen den einfachen Sarg. Er nahm die Hände aus den Taschen und wischte sich die feuchten Handflächen an seinem Mantel ab. Dann bückte er sich um neben der Schaufel in die Erde zu greifen. Steif erhob er sich wieder und warf die Handvoll Erde in die Grube. Aber diese Handlung erfolgte automatisch, jedenfalls brachte sie ihm nicht die gewünschte Erleichterung. 
So machte er einen Schritt zurück um sich mit gesenktem Kopf zu entfernen. Dabei reinigte er seine Hände aneinander, steckte sie in die Taschen und erstarrte.
Unendlich langsam zog er die Hand wieder aus dem Mantel und sah das kleine Paket, das Pensant ihm gegeben hatte. Vorsichtig entfaltete er das dicke Papier und rollte den Gegenstand aus.
Die Schneeflocke war schon eine ganze Weile über der kleinen Stadt geschwebt, als der Wind sie packte und auf den Hügel zutrug. Niemals wird man erfahren, ob sich eine Schneeflocke gegen den Wind zur Wehr setzt, der sie ihrer Bestimmung entgegen trägt, aber was könnte eine kleine Schneeflocke auch schon gegen den mächtigen Wind ausrichten. Vielleicht surfte sie auch jauchzend auf diesen unsichtbaren Wogen. Der ewige Begleiter fegte mit ihr knapp über die Bäume, an den trübseligen Grabdenkmälern vorbei. Und er setzte sie genau in die Mitte des Gegenstandes, den der große Mann in der Hand hielt. Und Karl Meixner starrte nun auch sie an.
Langsam, wie die verrosteten Räder einen uralten Uhrwerkes, kamen seine Gedanken in knirschende Bewegung.
Pensant hatte ihm Heymanns Amulett gegeben. Das, was aussah, wie ein christliches Kreuz und doch von den Christen nur übernommen worden war von einer um vieles älteren Gottheit. Der Stern des Lugh, des keltischen Gottes des Lichtes und der Liebe. Der Stern der Erleuchtung. Das Original, das Heymann niemals getragen hatte. Es hatte sich nicht in Heymanns Koffer befunden, da war sich Meixner sicher. Und es hatte sich nicht in Heymanns Wohnung befunden, dort hätte es die Polizei oder seine Frau gefunden. Pensant musste es die ganze Zeit über besessen haben. Aber er hatte Heymann nicht ermordet, also musste ihm Heymann das Amulett freiwillig gegeben haben. Vorher.
Wenn er es ihm gegeben hatte, dann hatte er etwas geplant. Vorher!
Und mit einem Mal verstand Karl Meixner. Es war kein Gedanke, der sich in ihm formte, keine Erkenntnis die sich bildete, es war ein Gefühl, das über ihn hereinbrach und er hätte nicht sagen können, woher es kam. Aber er verstand.
"Du bist ein - ein bemerkenswerter Mensch", sagte er laut zu dem Sarg hin. Lächelte und schüttelte den Kopf. Den goldenen Gegenstand wickelte er sorgfältig wieder ein und wandte sich schon zum Gehen, aber etwas hielt ihn noch zurück. Wieder war es mehr ein Gefühl, eine Intuition, als ein Gedanken. Es war das Gefühl, als wäre da etwas um ihn, das auf ihn eindrang. Ein Zustand der Ruhe und der Geborgenheit. Das Gefühl des Friedens, das er meinte vor langer Zeit verloren zu haben, kam zu ihm zurück.
Er wollte sich noch einmal dem Grab zuwenden, doch dann drehte er sich ganz herum, stellte sich in den Wind und hob den Kopf.
"Danke Alexander."

III
Auf den saftig grünen Wiesen hüpften den Amseln herum, meist paarweise, und stocherten mit ihren spitzen gelben Schnäbeln zwischen den Gräsern. Im dichten Laub der Bäume und Buschgruppen tummelte sich allerlei Getier auf der Suche nach Nahrung und auf der Suche nach Partnerschaft. Und beides fand sich im Überfluss, wenn man eifrig genug suchte. Auf den Wegen des Parks, die sich den sanften Hügel hinauf schlängelten, ging es da ein wenig gesitteter zu. Die Menschen bewegten sich gemächlich und träge. Blinzelten wohlig in die wärmende Frühlingssonne, schwelgten in den Energien des erwachenden Lebens  und ließen sich zerren von den aufgeregten Kleinen an ihren Leinen, aber nicht mehr aus der Ruhe bringen. Manchmal, wenn das Zerren all zu arg wurde, dann entschied man sich, etwas dagegen zu tun. Die Hunde ließ man frei herum tollen, die Kinder schloss man am Spielplatz ein. Doch so gemächlich die Menschen auch durch den frischen Frühling wanderten, eine gewisse Unruhe war auch bei ihnen bemerkbar. Wenngleich es nicht Nahrung war, was sie suchten.
Einer war dabei, der schlenderte den selben Weg bereits zum vierten Mal hinauf und wieder hinunter. Er ging in der Sonne und ihm schien auch aus diesem Grund sehr warm zu sein. Auf seiner bemerkenswert hohen Stirn hatten sich zwischen den vereinzelten Haaren kleine Schweißtröpfchen gebildet und die Jacke hatte er geöffnet, so dass die Sonne den ansehnlicher Bauch bescheinen konnte, der sich über den Gürtel wölbte. Und jedes Mal, so etwa in der Mitte seines Weges, wurde er langsamer, blieb er fast stehen. Ungefähr dort, wo die Parkbank neben dem Weg stand und die junge Frau saß. 
Sie trug ein dunkelrotes Wollkostüm dessen Rock kurz über dem Knie endete und Beine erkennen ließ, die kein unwesentlicher Grund für seine Hitze waren. Den Kopf mit den kurzen, flammenden roten Haaren hatte sie auf die Hand gelegt, deren Ellenbogen auf der Rückenlehne der Bank abgestützt war. Die Jacke war geöffnet und darunter bauschte sich eine weiße Bluse. Wenn sie den Kopf ein wenig hob, vielleicht um einem der Vögel nachzusehen, dann meinte der Mann zu erahnen, dass sich unter dieser weiten Bluse, unter dem schweren Wollkostüm Kurven verbargen, die jegliche männliche Erhitzung durchaus rechtfertigten konnten. Nur ihre Augen, ihre Augen sah er nicht. Sein ganzes Denken drehte sich nur noch um ihre Augen. Er musste wissen, ob dieses leuchtende, kräftige Rot der Haare echt war. Dann musste sie grüne Augen haben. Sie musste. Denn dann war sie der Fleisch gewordene Frühlingstagtraum eines Mann. Eine Frau ohne Makel, begehrenswert jedes Haar, jedes Fleckchen Haut. Ihn erregend jeder Blick, jeder Atemzug.
Er schluckte unbewusst und raffte all sein nicht geringes Selbstbewusstsein zusammen. Er musste es wissen. Und er hatte keine Zweifel, dass das die Frau war, die ihm diesen Frühling und vielleicht auch den Sommer über folgen würde. 
Wenn sie seinen Wünschen entsprach.
Als er mit sicherem, lockerem Schritt endlich auf sie zu kam, da löste sich ihr Kopf aus der schlanken Hand und ein Finger zog die große italienische Sonnenbrille nach unten. Über den Rand hinweg sah sie ihn an.
Und sie hatte grüne Augen!
Wie das Rot der Haare, so war auch das Grün der Augen kräftig und leuchtend. Leuchtend kühl. Aber nicht die erfrischende Kühle irischer Seen, die eisige Kälte zweier Gletscher hatten ihre Augen. Es war eine frostige, eine geradezu tödliche Kälte, die ihm entgegen schlug und seine Hitze schlagartig in ein Frösteln verwandelte. Unwillkürlich blieb er stehen und duckte sich wie unter einem kräftigen Windstoß. Einen Atemzug lang starrte er in diese Kälte, die sein Selbstbewusstsein schlagartig gefrieren ließ und in einen Klumpen verwandelte, der in seinem Magen lag.
Einen Atemzug lang. Dann wandte er sich ohne ein Wort um und machte, dass er weiter kam.
Gemächlich schob sie die Brille wieder nach oben, legte den Kopf in die Hand und wandte ihr Gesicht der Sonne zu. Aber nur für einen kurzen Moment. Ihre glatte Stirn zog einen Falte, als sie zu ergründen versuchte, was sie störte. Dann wandte sie sich um.
Ein anderer Mann etwas abseits von ihr lehnte mit dem Rücken gegen einen Baum und beobachtete sie. Auf dem Arm lag eine große vielfarbige Katze und empfing sein Kraulen mit vor Wonne geschlossenen Augen und einem wohligen Grinsen unter den Schnurrhaaren. Der Mann kraulte gemächlich, lächelte die Frau an und Mann und Katze erschienen auf eine eigenartige Art und Weise inmitten der Bäume und Sträucher nicht als Fremdkörper. Endlich löste er sich von dem Baum, ließ die Katze zu Boden gleiten und kam mit gemächlichen Schritten auf sie zu. So wie ein Mann der es nicht eilig hat, und er setzte sich einfach zu ihr auf die Bank.
"Ich dachte immer, dir laufen die Männer nach. Dass sie auch vor dir davon laufen habe ich nicht gewusst", grinste er und griff nach dem Buch, das neben ihr auf der Bank lag.
"Ich hasse es, wenn solche Typen mich anmachen", erklärte sie kurz angebunden. Und im nächsten Augenblick umspielte ein verführerisches Lächeln ihre vollen Lippen, als sie meinte: "Bei dir ist das natürlich etwas ganz anderes."
So ziemlich jeder Mann wäre ob dieser Beteuerung und dieses Blickes zumindest kurzzeitig mit Unzurechnungsfähigkeit geschlagen gewesen. Der schlanke Mann neben ihr ignorierte es und las aus dem aufgeschlagenen Buch: "'Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. - Es genügt nicht die Welt zu verändern. Das tut sie ohnehin.' - Ein nicht uninteressantes Buch."
Sie nahm die Sonnenbrille ab und spielte sich nachdenklich damit.
"Willst du auf die Stelle mit dem Hiroschima-Piloten anspielen, der nicht für den Tod der Tausende verantwortlich gemacht werden kann, weil er um das Wissen um das Endprodukt seiner Tätigkeit betrogen wurde? Dann bin ich gespannt darauf, wie du mir erklären willst, das er nicht wusste, dass es Alexander war, sein eigener Freund, den er zu töten hatte."
Der unscheinbar wirkende Mann blätterte immer noch gemächlich durch das Buch und ließ sich mit seiner Antwort Zeit.
"Das Buch ist eine interessante Arbeit, weil es die theoretischen Grundlagen und das System für die Selbstzerstörung der menschlichen Gemeinschaft durch die Bildung der menschlich-technischen Gesellschaft enthält", antwortete er dann, klappte das Buch zu und sah sie an. "Mit Heymann und Meixner hat das natürlich auch zu tun – wie mit allem."
Sie lehnte sich zurück und ließ ihren Blick über die strotzend grüne Parkanlage schweifen. Völlig ruhig und gelöst schien sie zu sein, hätten nicht ihre Hände die Brille beständig auf und zu geklappt. Während sie den Park eingehend zu betrachten schien widmete er sich ihrer Betrachtung. Der Körper war groß und schlank, die Rundungen waren perfekt, das Gesicht oval, zierlich und so fein und scheinbar zerbrechlich wir ihre Hände. Die Haut makellos und die Lippen voll und von kräftiger Farbe auch wenn sie, wie meist, kaum Make-up benützte. Ihr Haar war ungefärbt und von vitalem Glanz. Ihre Haltung die einer von Michelangelo gemeißelten Göttin. Diese Frau konnte unmöglich echt sein und doch war sie. Auch wenn ein Geheimnis sie umgab. Denn so wie sie mit Männern umging gab es scheinbar nichts mehr für sie, das ihr neu gewesen wäre, das sie nicht schon kannte. Und trotzdem wusste niemand mit Sicherheit zu sagen, ob sie sich jemals einem Mann hingegeben hatte. Zwar gab es die wildesten Gerüchte über sie, die sich von absoluter Jungfräulichkeit bis zum pervers-exzessiven Doppelleben rankten. Aber es blieben immer nur Gerüchte. Er wusste mit Sicherheit nur, dass es einen Mann gegeben hatte, dem sie alles gegeben hätte. Aber Heymann hatte es, entgegen seiner sonstigen Natur, vorgezogen von dieser Frucht nicht zu naschen. Zumindest hatte er das behauptet. Nur zu gerne hätte Pensant gewusst, ob in den Jahren jemand seinen Platz eingenommen hatte.
"Deine Neugierde wird dich eines Tages noch umbringen", meinte sie und stand auf. Er grinste und war sich wieder einmal sicher, dass kein Mann seine Gedanken vor ihr verbergen konnte. Aber er war sich auch bewusst, dass etwas in ihnen war, das sie tiefer und fester verband als reine Intuition. Auch er stand auf und sie schlenderten gemächlich ein Stück des Weges und schwiegen.
Wieder war sie es, die das Schweigen brach.
"Ich kann einfach nicht verstehen, dass du ihm verzeihen kannst!"
Verwundert sah er sie an. Nachdenklich und lange. Und allmählich verwandelte sich diese Verwunderung in Staunen.
"Eigentlich hatte ich angenommen, du wärest klug genug, um selbst dahinter zu kommen."
"Ich weiß wer Alexander getötet hat und ich weiß, dass er einfach so davon kommen wird. Beschützt vom Oberst. Und von dir. Mir reicht das, danke!"
Es war kalte Wut, die aus ihr klang. Ihn schreckte das nicht. Stattdessen lächelte er.
"Das kling, als würdest du nicht mehr wissen, wer Alexander war."
"Natürlich weiß ich, wer Alexander war!" fauchte sie.
"Meinen wir den selben Alexander?"
Er wandte sich wieder von ihr ab, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und ging langsam und mit gesenktem Kopf weiter. Dabei sprach er vor sich hin wie ein Lehrer eine logische Formel für die etwas langsameren Schüler deklamiert.
"Sprechen wir von dem selben Alexander Heymann? Dem Alexander Heymann, der in der Planung seiner Unternehmungen stets auch die kleinsten und unscheinbarsten Nebeneffekte und die unmöglichsten Entwicklungen bedacht hat? Sprechen wir von dem Alexander Heymann, der manchmal mit fast prophetischer Gabe in der Lage war, die Reaktionen von Menschen vorher zu bestimmen? Ist dein Alexander Heymann auch jener, der es liebte die Menschen wie Schachfiguren herum zu schieben? Wenn dem so ist, dann würde ich gerne wissen, warum deiner Meinung nach gerade dieser Alexander Heymann sich so offensichtlich für die Waffenlieferungen der Hardliner in den EU-Staaten und insbesondere in Österreich an die kroatischen und albanischen Rebellen im jugoslawischen Bürgerkrieg interessieren musste. Speziell denke ich da an eine Geschichte, die dir nicht unbekannt ist und in der auch US-Marines, und damit die Ehre und Integrität der USA, eine nicht unwesentliche Rolle spielten. Abgesehen davon, dass sie sich an Orten befanden, an denen sie nie hätten sein dürfen. Meinst du wirklich, er war sich nicht im Klaren darüber, welchen Leuten er damit auf die Zehen trat?"
Er machte eine Pause und sah sie an. Die Überraschung war ihr deutlich ins Gesicht geschrieben und sie konnte nichts anderes antworten, als: "Er muss es gewusst haben."
Gemeinsam betrachteten sie einen Moment schweigend das Paar, das eng umschlungen an ihnen vorbei ging und scheinbar nur Augen für sich hatte. Trotzdem warteten sie, bis die beiden außer Hörweite waren.
"Als Alexander begann mit den Medien über diese Lieferungen zu reden beziehungsweise Andeutungen machte, er wolle das an die große Glocke hängen, meinst du, er hätte nicht gewusst, dass er damit den Handlungsspielraum jener Leute, die alles zu verlieren hatten, stark beschränkte und ihnen eigentlich keine andere Möglichkeit ließ, als ihn zum Schweigen zu bringen - zumal er das Angebot einer finanziellen 'Klärung' ja ablehnte."
Allmählich meinte sie zu verstehen, worauf er hinaus wollte. Sie meinte es zu verstehen, aber sie konnte es nicht glauben.
"Es würde tatsächlich zu Alexander passen", setzte sie seine Überlegungen fort, "dass er alles inszeniert hatte und ganz genau wusste, welchen Mann sie auf ihn ansetzen würden. Und hätte dieser Mann sich letztendlich geweigert ihn zu töten, dann hätte er damit bewiesen, dass er mächtiger ist als alle anderen zusammen."
"Und was hätte ihm das gebracht?"
Sie zuckte mit den Schultern.
"Was weiß ich, vielleicht noch mehr Macht?"
"Nein", lachte er trocken auf. "Es hätte nur dazu geführt, dass sie ihre Anstrengungen vervielfacht hätten um ihn zu beseitigen. Wenn dich der Erste nicht tötet, dann der Zweite vielleicht aber ganz sicher der Dritte. Was hätte Alexander also dann von der ganzen Geschichte gehabt?"
Sie starrte ihn an und ihre eisgrünen Augen suchten in seinem Gesicht nach einer Antwort. Vieles entdeckte sie in diesem Gesicht. Manches, dass ihr Vertrauen, dass ihr Sicherheit gab. Manches, dass sie erschreckte. Aber keine Antworten.
Eine Frau mit Kinderwagen, verhärmtem Gesicht und Hund näherte sich ihnen schwerfällig und er fasste die junge Frau neben sich am Arm und zog sie in einen Seitenweg. Sie benötigte ein wenig um wieder in Bewegung zu kommen aber schnell schlenderten sie wieder durch den Park, wie alle anderen Besucher auch und schwiegen. Auf einer kleinen Lichtung blieb er unerwartet stehen und sah sich um. Aber niemand war zu sehen. Nur ein großer, grauer Stein in der Mitte des Rasens und rings herum in lockeren, durchsichtigen Gruppen junge Bäumchen im ersten Grün.
Aus den Tiefen seines Mantels angelte er einen Umschlag heraus, der die Größe eines halben Blattes hatte und hielt ihn ihr hin. Zögernd nahm sie ihn entgegen und drehte ihn zwischen den Fingern. Es war ein oranger, einfacher Umschlag. Auf der Rückseite war er mit einem großen Batzen Siegelwachs verschlossen und vorne prangte groß und rot der Buchstabe P.
"Alexander hat vier Umschläge hinterlegt", begann er leise. "Ich gehe davon aus, dass dieser hier dir gehört."
"Und darin steht warum?"
Noch immer drehte sie den Umschlag zwischen den Fingern und konnte sich nicht entscheiden, ob sie ihn öffnen sollte oder nicht. Er schüttelte den Kopf und sah sich wieder um.
"In meinem Umschlag fand ich außer ein paar Anweisungen nur einen Berg von Fragen und ein erschreckend geringes Maß an Hinweisen. Was sich in den Anderen befindet geht mich nichts an. Ich habe nur dafür zu sorgen, dass sie ankommen."
Mit einer entschlossenen Handbewegung verstaute sie den Umschlag in ihrer Handtasche und wandte sich wieder zu ihm.
"Aber WARUM!?"
Wieder wich er ihr aus, ging über den Rasen auf den großen Stein zu und untersuchte die raue, glitzernde Oberfläche mit seinen Fingerspitzen.
"Wäre Alexander Heymann nicht getötet worden", begann er um wieder zu verstummen.
"Was wäre dann?" bohrte sie nach. Doch bei weitem nicht so nachdrücklich und scharf wie man es sonst von ihr gewohnt war. Mit einem Mal umgab sie das Gefühl der Verbundenheit zu diesem Mann, wie sie es in dieser Intensität noch niemals erlebt hatte. So, als wäre sie Geschwister, nein, viel stärker. So, als wären sie nur ein Lebewesen, nur unbedeutende Teile eines einzigen, machtvollen Wesens. Und mit jedem Ding, dem Stein, den Bäumen, ja mit jedem einzelnen Grashalm fühlte sie sich verbunden, einen Atemzug lang fühlte sie ihr aller Leben und ihre Bewegungen. Irgendwann wurde ihr bewusst, dass der schlanke Mann sie prüfend ansah. Allmählich legte sich ein zufriedenes Lächeln auf sein Gesicht und er wandte seinen Blick wieder dem Stein zu.
"Wenn Alexander nicht jetzt gestorben wäre, dann hätte er vielleicht noch ein oder zwei Jahre gelebt. Sofern man den beständigen Aufenthalt in Operationssälen oder Krankenbetten als leben bezeichnen kann. Vor einiger Zeit hatte er entdeckt, dass er Krebs hatte. Damals erklärte er mir, es wäre an der Zeit, dass er seinen großen Plan in die Wege leitet."
"Und sein großer Plan bestand darin, sich umbringen zu lassen?"
Sie wusste nicht, ob sie überrascht oder ärgerlich sein sollte.
"Und außerdem kann man Krebs heute heilen, oder zumindest behandeln und damit leben. Lange leben!"
"Hoden, Darm, Magen, Speiseröhre, Lunge, Knochenmark, Gehirn", zählte er mit resignierender Stimme auf. "Alexander hat nichts ausgelassen. Überall hatten sich bereits Metastasen gebildet und angeblich gaben ihm die Ärzte nicht einmal mehr ein Jahr. Was natürlich nichts heißen muss. Glaube mir, ich habe es versucht. Ich habe das lange und oft genug mit ihm durchgekaut, aber ihn von etwas abzubringen, das er sich einmal ausgedacht hatte, das war ein Ding der Unmöglichkeit."
Nachdenklich und wie betäubt nickte sie.
"Und sein Plan, dieser 'große Plan', was hat es damit auf sich?"
Er zuckte mit den Schultern.
"Ich habe nicht die leiseste Ahnung", gestand er resigniert. "Es besteht natürlich auch die Möglichkeit, dass ihm diesmal etwas schief gelaufen ist. Aber irgendwie kann ich das nicht glauben."
"Die Umschläge!" unterbrach sie ihn. "Es muss etwas mit diesen Umschlägen zu tun haben!"
"Natürlich hat es etwas mit den Umschlägen zu tun. Vier orange, versiegelte Umschläge. Jeder mit einem Buchstaben gekennzeichnet. Ein rotes P, ein weißes C, ein hellbraunes K und ein schwarzes N."
"Wenn Alexander sich die Mühe gemacht hat verschiedene Farben zu benutzen, dann hat das was zu bedeuten! Aber was?"
Er betrachtete den Stein mit versunkenem Lächeln und nickte leicht.
"Es hat sicherlich etwas zu bedeuten, aber ich habe nicht die leiseste Ahnung", gestand er. "Das heißt, ein paar der Hinweise in meinem Umschlag, und wahrscheinlich auch in deinem, geben darauf so etwas wie eine Antwort, einen Fingerzeig. Also sollte ich besser sagen, ich weiß nicht, was ich mit dieser Antwort machen soll! Sie ist erschreckend, irgendwie verrückt, völlig unklar und lässt alles offen."
Die Sonne war näher zum Horizont gerückt, die Schatten waren länger geworden und allmählich verflüchtigte sich die erste Wärme ebenso schnell, wie sie gekommen war. Auf den beiden Menschen neben dem Stein lag nun Schatten und auch aus diesem Grund stieg ihnen ein leichtes Frösteln auf.
"Und was wird jetzt?" frage sie leise und wieder zuckte er mit den Schultern.
"Wir werden unsere Briefe lesen", sagte er dann langsam. "Wir werden uns überlegen, was das für uns zu bedeuten hat und wir werden davon beeinflusst werden. Unweigerlich. Wie wir von allem beeinflusst werden, was wir lesen. Ob wir es verstehen tut nichts daran. Ob wir bemerken, dass es uns beeinflusst? Ich weiß nicht, aber vielleicht ist das auch gar nicht notwendig."
Für einen kurzen Augenblick nahm er sie in die Arme und hielt sie fest. Danach verstand sie eben so wenig wie vorher, aber sie fühlte das alles sehr viel besser war, als sie ahnte, dass in ihr, in ihnen, eine unendlich, unbezwingbare Kraft war, die sie führte und leitete.
"Du hast mich gefragt, ob sich etwas ändert. Es wird sich etwas ändern, glaube mir, auch wenn die Menschen vergessen werden, was die Änderung verursachte. Es ist nicht wichtig, ob die Menschen sich erinnern, warum es zu Veränderungen gekommen ist."
"Also werde ich wieder in mein Büro gehen."
"Wie geht es Gangwal?"
Sie sah ihn für einen Moment an und antwortete dann, von ihrer Ehrlichkeit selbst überrascht: "Er lässt sich leichter führen, als ich angenommen habe. Aber auf die Dauer ist es mühsam ihn vorzuschieben."
Sie fasste die Kostümjacke enger und wandte sich zum Gehen während er sich neben dem Stein niederließ. Neben der vielfarbigen Katze, die aus dem Nichts aufgetaucht zu sein schien und jetzt mit geschlossenen Augen und gesträubten Schnurrhaaren aufmerksam im Gras lag.
"Was wirst du tun?" frage sie schon abgewandt.
"Ich werde versuchen Alexanders Fragen zu beantworten - und ich werde versuchen herauszufinden wer 'N' ist."
"Ich meine, was wirst du TUN?"
Er lachte ein leises Lachen, tief in sich und sah sie für einen Augenblick an.
"Zuerst einmal, werde ich von ihr hier lernen, wie man einem Stein beim Wachsen zusieht."